Auf der Spur des Goldes

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Einundzwanzigstes Kapitel

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Devon aus einem wirren Traum erwachte. Es war Jim, der ihn durch energisches Klopfen an die Tür weckte und ihm zurief:

»Vorwärts, steh auf, Walt! Harry ist schon nach dem Gefängnis vorangegangen, um Näheres zu erfahren ? er hat nämlich verdammt recht gehabt mit seiner Prophezeiung. Die Postkutsche nach Auburn ist heute früh überfallen worden; die ganze Stadt ist in heller Aufregung ? es wird sich empfehlen, daß wir auch hingehen.«

Devon zog sich in aller Eile an und machte sich dann sofort mit Jim auf den Weg zum Gefängnis. Unterwegs konnte sich der Alte nicht genugtun an Bewunderung über Harrys Klugheit.

»Donnerwetter ja, der alte Knabe hat ein Köpfchen!« sagte er ein über das andere Mal. »Genau, wie ers vorausgesagt hat, ists gekommen: der Kerl, ders auf dich abgesehen hat, hat zu viele Gauner gegen dich mobil gemacht ? nun ist der Topf übergekocht, und auf die Weise können wir sie vielleicht fassen.«

Vor dem Gefängnis schien bereits die halbe Stadt versammelt zu sein; überall standen lebhaft, aber gedämpft sprechende Gruppen zusammen. Es hieß, daß mehr als hundert Berittene in verschiedenen Abteilungen die ganze Umgegend nach den Tätern durchstreiften, deren Verbrechen außergewöhnlich brutal ausgeführt worden war.

Die Postkutsche, die West-London beim ersten Morgengrauen mit sieben Reisenden und zweihundert Pfund ungemünzten Goldes verlassen hatte, war keine zwei Meilen von der Stadt entfernt überfallen worden, wobei die Räuber mit unnötiger Roheit vorgegangen waren. Nicht nur alle sechs Pferde hatten sie erschossen, sondern auch den bewaffneten Begleiter buchstäblich mit Kugeln zerfetzt, so daß er tot vom Bock stürzte, während der Kutscher schwerverletzt im Staub liegenblieb.

Die erschreckten Reisenden waren abgesprungen und hatten, ihr Hab und Gut im Stich lassend, im nahen Unterholz Schutz gesucht. Die maskierten Räuber aber hatten die Postkutsche, nachdem sie sie ausgeplündert, auch noch angezündet, so daß nur Asche und verbogene Eisenteile übriggeblieben waren.

Besonders erbittert hatte es die Einwohner von West-London, daß die Banditen den Kutscher auf den Rücken gedreht und sein Gesicht mit Fußtritten bearbeitet hatten, um zu sehen, ob er noch ein Lebenszeichen von sich gäbe. Obwohl der Mann bereits wieder zur Besinnung gekommen war, hatte er es fertiggebracht, sich nicht zu rühren, so daß sie schließlich von ihm abließen und verschwanden.

Einige der Reisenden waren quer durch den Wald zur Stadt zurückgelaufen und hatten dort den Überfall gemeldet, worauf der Sheriff sich sofort an die Verfolgung der Verbrecher gemacht hatte. Den übel zugerichteten Kutscher hatte man im Gefängnis untergebracht, weil dort ein gesonderter Raum vorhanden war, der in Notfällen als Krankenzimmer diente. Außer dem Arzt befanden sich hier noch mehrere Männer bei ihm, die jedes Wort, das der Ärmste, der mit dem Tode rang, sprach, gewissenhaft der draußen wartenden Menge mitteilten.

Die Einwohner von West-London waren im allgemeinen alles andere als zart besaitet, aber das war denn doch selbst für ihre widerstandsfähigen Nerven zuviel. Alle schrien nach Rache, die ganze Stadt fieberte, kein Mensch arbeitete heute in der Timbal-Schlucht. Alles stand herum und lauerte auf die Rückkehr des Sheriffs und der ausgesandten Aufgebote, obwohl diese in Stunden noch nicht zurück sein konnten.

Schließlich trat Harry aus dem Gefängnisgebäude, arbeitete sich mühsam durch die erregte Menschenmenge bis zu seinen beiden Freunden durch und erzählte ihnen ausführlich, was er drinnen vernommen hatte.

Den wichtigsten Punkt seines langen Berichts sah Devon in einer Nebensächlichkeit: vor dem Überfall hatten nämlich die Reisenden einen langgezogenen Pfiff gehört, der an den Schrei irgendeines Vogels erinnerte.

Er führte also die beiden Alten zunächst einmal in ein Restaurant; das ein paar Chinesen bewirtschafteten, und während sie dort frühstückten, teilte er ihnen sein gestriges Erlebnis mit Jerry Noonan mit und sein unvermutetes Zusammentreffen mit der schönen Mabel Maynard. Harrys Annahme sei also richtig. Der merkwürdige Pfiff beweise, daß die Leute, die gegen ihn angesetzt seien, auch den Überfall auf die Postkutsche ausgeführt hätten.

Harry und Jim waren aufmerksam seinen Ausführungen gefolgt und fragten, als er geendet, wie aus einem Mund, ob er glaube, die Stelle im Walde, wo er das junge Mädchen getroffen habe, wiederzufinden. Er bejahte das, wenn auch zögernd, und da erklärten sie, er müsse sie unbedingt dorthin führen, denn es sei sonnenklar, daß die schöne Fremde in irgendeiner Weise mit der Bande zusammenhinge und zweifellos im Begriff gewesen sei, sie aufzusuchen, als Devon sie aufgehalten habe.

Gegen diesen Vorschlag, so vernünftig und naheliegend er ihn fand, sträubte sich Devon innerlich ? ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß es besser für ihn sei, der Spur dieses gefährlichen Mädchens nicht nachzugehen. Doch da es ihm kaum möglich gewesen wäre, diese unklaren Empfindungen in Worte zu fassen, willigte er darein, und bereits zehn Minuten später verließen die drei die Stadt, die beiden Alten mit ihren Gewehren, Devon nur mit einem Revolver bewaffnet.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Ohne jede Schwierigkeiten fand der alte Jim die Fußspuren von Mabel Maynard auf dem diesseitigen Ufer des Baches, der durch die Lichtung floß, und verfolgte sie bis an die erhöhte Stelle, an der Devon mit ihr zusammengetroffen war.

»Hier hat er sie gepackt und sie in den Mondschein gezerrt«, erklärte er, »hier haben sie gestanden und miteinander gesprochen; hier hat er sich anders besonnen und ist zurückgegangen ?«

»In dem Augenblick hat er also den Pfiff gehört«, nickte Harry.

»Jawohl«, fuhr Jim fort, »und hier ist sie davongelaufen, sehr schnell sogar, wie die Zwischenräume zwischen den einzelnen Abdrücken ihrer Füße beweisen, die auffallend weit voneinander entfernt sind, besonders, wenn man bedenkt, daß sie lange Kleider trug. Sieh nur, Harry, die Absätze sind ganz wenig in den Boden eingedrungen. Sie hat also, wie mans beim Laufen ja macht, das ganze Gewicht auf die Zehenspitzen gelegt. Na, dann komm mal weiter, Harry ? vier Augen sehen mehr als zwei, und in diesen Föhrennadeln ists überhaupt schwer, etwas zu erkennen.«

Sorgfältig, oft auf Händen und Knien kriechend, forschten sie weiter. Manchmal mußten sie auch die Nadeln vorsichtig beiseite schieben und den darunter befindlichen feuchten Waldboden untersuchen; aber sie kamen doch vorwärts.

»Donnerwetter, mir tut der Rücken schon weh«, klagte Harry nach einer Weile, »ich muß unbedingt eine Pause machen. Das Mädel ist ja weniger als ein Federgewicht, so undeutlich sind ihre Spuren.«

Wiederholt verloren sie diese überhaupt, und dann bewegten sich die beiden Alten im Kreise wie schnüffelnde Hunde, die Augen so tief auf dem Boden, daß es aussah als ob sie sich tatsächlich wie Hunde durch den Geruch leiten ließen. Jedesmal jedoch, manchmal allerdings nach fast halbstündigem Bemühen, fanden sie, was sie suchten, und dann kamen sie wieder ein Stück in rascherem Tempo weiter.

Trotzdem staunte Devon, der ihnen müßig folgen mußte, darüber, wie entsetzlich langsam man vorwärtskam. Es war dies jedoch kein Wunder, denn Mabel Maynard war keineswegs immer geradeaus gegangen, sondern zweimal war sie scharf nach rechts abgebogen, um dann wieder zurückzukommen und nach links weiterzugehen.

Einmal schien die Spur völlig verloren, doch nachdem sie einen ziemlich breiten Bach auf einem umgestürzten Baumstamm überquert hatten, entdeckten die beiden Trapper endlich in dem weichen Schlamm des jenseitigen Ufers deutliche Abdrücke ihrer kleinen Schuhe.

Dann aber erreichten sie eine Gegend, wo Feuer den ursprünglichen Wald vernichtet hatte. Nur einige verkohlte Baumstümpfe waren übriggeblieben, und zwischen diesen war das Unterholz zu einem undurchdringlichen Dickicht herangewachsen.

Hier hielten Jim und Harry eine kurze Beratung ab und kamen zu dem Ergebnis, daß ein Irrtum ausgeschlossen sei: da die Spur einwandfrei hierhergeführt hatte, eine zurücklaufende aber nicht vorhanden war, mußte das junge Mädchen durch dieses Dickicht weitergegangen sein.

Die Stelle jedoch, an der sie eingedrungen war, konnten sie trotz aller Mühe nicht entdecken, und da es in dem Dickicht so dunkel war, daß sie auf dem Boden überhaupt nichts sahen, blieb ihnen nichts übrig, als aufs Geratewohl sich vorwärtszutasten. Oft mußten, sie zurückgehen, denn das Gestrüpp war so dicht, daß sie einfach nicht durchkamen. Schließlich aber fand Jim einen schmalen Pfad, der sie in vielen Krümmungen und Windungen in eine Lichtung führte, auf der sie eine kleine, fensterlose Blockhütte fanden. Ihre Tür stand weit offen. Es war ein merkwürdig roh gezimmerter Bau, mit ungleich langen Wänden, die Tür hing lose in Lederangeln, die untersten Balken waren mit Moos überzogen. Das Ganze machte einen trostlosen, verwahrlosten Eindruck.

Die Lichtung selbst war so schmal, daß auf ihr nur ein unbestimmtes Zwielicht herrschte, da die Sonne durch das Dickicht nicht einfallen konnte.

Neben der Blockhütte befand sich eine lächerlich kleine Koppel, in der ein räudig aussehendes Pferd und ein anderes Tier grasten, das man bei einigem guten Willen für eine Kuh halten konnte. Vor der Hütte saß deren Eigentümer, eifrig damit beschäftigt, neue Spannbretter für Häute anzufertigen, von denen bereits eine Anzahl an der Wand neben ihm lehnten.

Der Mann sah gerade so verkommen aus wie seine Hütte. Er war ziemlich dick, seine niedrige Stirn war von Querfalten durchfurcht, was seinem Gesicht einen weinerlichen Ausdruck gab. Die Hängebacken zeigten rote Flecken unter dem acht Tage alten Stoppelbart, seine Augen waren wässerig und trübe, wahrscheinlich durch häufigen Alkoholmißbrauch.

Als die drei herankamen, blickte er von seiner Arbeit auf und winkte ihnen mit der dicken Hand zu. Dann begann er, offenbar um sie besser beobachten zu können, sich umständlich eine Pfeife zu stopfen, ohne jedoch aufzustehen.

»Seid Ihr zwei nicht Harry und Jim?« fragte er nach einer Weile.

»Allerdings, so heißen wir«, erwiderte Jim. »Woher kennen Sie uns denn?«

»Wer kennt euch beide nicht hier in der Umgegend von West-London? Wolltet ihr mich besuchen?«

»Nein, uns hat nur der Zufall hergeführt«, nahm Harry das Wort. »Was treiben Sie denn hier in dieser Wildnis?«

»Hauptsächlich Schweinezucht.«

»Auch kein schlechtes Geschäft«, meinte Harry.

»Na, es geht«, entgegnete der andere. »Vorige Woche hab ich allerdings ganz gut verkauft. Die Schlächter in West-London haben jetzt einen riesigen Bedarf.«

Während Harry sich mit dem Mann noch weiter unterhielt, sah Jim sich genauer um. Jetzt tat er, als ob ihm die Bauart der Hütte besonders gefiele, doch als er sich anschickte, deren Inneres zu besichtigen, suchte ihm der Besitzer, der sich inzwischen schwerfällig erhoben hatte, den Weg zu vertreten. Jim gab sieht den Anschein, diese Absicht nicht zu verstehen, sagte etwas über die ungemein gefällige Art, in der die Tür gearbeitet sei, und drückte sich an dem anderen vorbei in die Hütte hinein, so daß dem Hausherrn nichts übrigblieb, als dem ungebetenen Gast nachzugehen.

Harry gab Devon ein Zeichen, ihm zu folgen, worauf beide gleichfalls in die Hütte traten, in der es feucht und so dunkel war, daß Devon fast nichts erkennen konnte, bis Harry die Hintertür aufstieß und neugierig hinausblickte. Hier befand sich ein auffallend großer Heuschober, an dem vorbei ein festgestampfter Weg führte, der sich im Dickicht verlor.

»Da haben Sie ja Heu für den ganzen Winter«, meinte Harry, sich umdrehend. »Nanu, wo ist der Mann denn geblieben?«

»Er hat einen Eimer genommen und wollte Wasser holen.«

»Du, das gefällt mir nicht«, entgegnete Harry und eilte nach der vorderen Tür, um nach dem Hüttenbesitzer Ausschau zu halten, ohne ihn jedoch entdecken zu können.

»Daß der Kerl verschwinden würde, wenn sich ihm eine Gelegenheit dazu böte, hab ich erwartet«, sagte Harry schließlich nachdenklich, »aber daß ers so eilig hat, hab ich denn doch nicht geglaubt.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Während sie noch einen Augenblick unschlüssig dastanden, drang ein langgezogener Pfiff an ihr Ohr, dem Ruf eines Vogels ähnlich. Devon, der diesen Pfiff nur zu gut kannte, fuhr zusammen und sagte:

»Hörst du, Jim? Das ist ihr Signal!«

»Dann werden sie wohl gleich angeschwirrt kommen«, erwiderte der Alte. »Ich glaube, wir ziehen uns lieber zurück.«

»Schön«, stimmte ihm Harry bei, »vorher aber will ich doch noch schnell mal zusehen, wohin der Weg dahinten führt. Komm mit, Walt!«

Während Jim die nähere Umgebung der Hütte in Augenschein nahm, eilten die beiden anderen den Pfad an dem Häuschen vorbei, der nach zwei Biegungen plötzlich aufhörte. An seinem Ende stand ein, wenn auch roh zusammengeschlagener, so doch ziemlich großer Stall, in dem sie zwölf Pferde vorfanden, deren Äußeres schon verriet, daß sie nicht aus harmlosen Gründen hier untergebracht waren.

»Sieh dir nur diese hohen Beine an«, sagte Harry. »Jeder einzelne Gaul ist ein Renner, der ein unglaubliches Tempo entwickeln kann. Der Rotfuchs da mit dem bösen Blick ist ein Tierchen für mich. Vorwärts, Walt, such dir eins aus, das dir gefällt, und für Jim müssen wir natürlich auch eins wählen.«

»Das ist doch wohl nicht dein Ernst?« entgegnete Devon. »Wir können doch unmöglich Pferde stehlen?«

Harry, der inzwischen hinter Wachsleinwand verborgen, ein ganzes Waffenarsenal in einem Winkel des Stalles entdeckt hatte, lachte.

»Ach, meinst du?« sagte er. »Na, dann will ich dir was sagen ? wir leihen uns die Pferde, bis uns einer darüber aufklärt, wie die Tiere hierhergekommen sind.«

Er hatte währenddessen aus dem Waffenvorrat ein Winchestergewehr ergriffen, dessen Schaft er sich genauer betrachtete.

»Das Zeichen da hab ich eingeschnitten« schrie er, »ich erkenn es wieder, wenns auch schon zwanzig Jahre her sein mag. Verlaß dich darauf, das haben die Kerle mitgenommen, die dein Haus niedergebrannt haben. Ruf Jim her, wir müssen jetzt eilen, wenn wir den Banditen die Pferde wegnehmen wollen.«

Sie banden die Tiere in Gruppen von vieren an den Halftern zusammen, sattelten aber nur je eines, obwohl Sättel und Zaumzeug für alle zwölf rings an den Stallwänden hingen. Während sie noch dabei waren, die Gurte bei den Pferden, die sie sich ausgewählt hatten, anzuziehen, hörten sie von weitem wieder den langgezogenen Signalpfiff.

Der alte Jim kam angelaufen. Er verstand und billigte sofort ihr Vorhaben und half ihnen, die Tiere ins Freie zu schaffen. Rasch saßen sie auf und fanden hinter dem Pferdestall einen Weg, der bald aus dem Dickicht heraus in den offenen Wald zurückführte.

Bisher hatte Harry die Spitze gehabt, jetzt aber drängte sich Jim nach vorne und rief den anderen zu:

»Wir müssen unbedingt schneller reiten!«

»Schneller, als eine Gewehrkugel fliegt, kannst du doch nicht reiten«, gab Harry zurück, ließ aber auch seine vier Gäule in Galopp fallen. Den Beschluß machte Devon.

So jagten sie dahin und bogen dann in eine Art natürliche Allee ein, eine lange, gerade Waldstrecke, die zu beiden Seiten von dicken Bäumen eingefaßt war. Obwohl der Boden durch die herabgefallenen Nadeln sehr glatt war, legte Jim ein wahrhaft höllisches Tempo vor.

Devons Pferd, eine starke, braune Stute, schien die Sache für ein Wettrennen zu halten, denn sie folgte so dicht auf, daß er Mühe hatte, ein Unheil zu verhüten. Der Weg war viel zu eng, als daß er die anderen hätte überholen können. Der Wind pfiff ihm um die Ohren, und es verging ihm fast Hören und Sehen, aber lange konnte es ja nun nicht mehr dauern, bis sie den Wald hinter sich hatten!

Jetzt machte der Weg eine Biegung, und kaum war Jim um diese verschwunden, da tönten Gewehrschüsse an Devons Ohr. Als er dann um die Ecke bog, sah er ein unentwirrbares Durcheinander von ausschlagenden Pferdebeinen vor sich. Der alte Jim lag auf dem Boden, Harry hatte das Seil, an dem er die anderen Pferde hielt, losgelassen und eilte seinem Kameraden zu Hilfe, der sich gerade selbst wieder zu erheben vermochte. Dabei knallten ununterbrochen Schüsse, die zwischen den Bäumen aus so naher Entfernung abgeschossen wurden, daß die Mündungsfeuer fast die Flanken der Pferde versengten.

Devon ließ gleichfalls das Halteseil los, so daß die drei Tiere, die er geführt hatte, kehrt machen und zurückjagen konnten. Das seine drängte er vorwärts auf Jim zu. Glücklicherweise hatten sich die Gegner alle auf dieselbe Seite gestellt, so daß die gestürzten Tiere im Augenblick eine gewisse Deckung gegen ihre Schüsse bildeten.

Obwohl das Gesicht des Alten mit Blut beschmiert war, schien er ohne Verletzung davongekommen zu sein. Er stellte einen Fuß auf den von Devon und schwang sich hinter ihm auf die braune Stute, die stark genug war, die doppelte Last zu tragen. Harry, grimmig vor sich hin fluchend, folgte ihnen dichtauf, und trotz dem mörderischen Feuer erreichten sie glücklich die nächste Wegbiegung. Kaum eine Minute später waren sie aus dem Walde heraus und eilten der vor ihnen liegenden Stadt zu.

Harry, das Gesicht blaß vor Angst und Besorgnis, ritt an die beiden anderen heran und fragte:

»Jim, alter Schafskopf, hast du was abbekommen?«

»Nicht die kleinste Schramme«, erwiderte Jim seelenruhig. »Gesund wie ein Fisch im Wasser bin ich und werde den Schweinen ihre Gemeinheit schon gelegentlich heimzahlen. Aber jetzt reite zu, Harry, sonst kriegen wir die Kerle womöglich noch einmal auf den Hals.«

Sie erreichten jedoch unbehelligt die Stadt. Harry war dafür, der Menge sofort ihr Erlebnis zu erzählen und an der Spitze des erregten Volkes in den Wald zurückzureiten, um den Banditen den Garaus zu machen. Jim aber widersprach diesem Vorschlag und erklärte, es sei viel klüger, die Angelegenheit in die Hände des tüchtigen Sheriffs zu legen. Eine führerlose Masse würde wahrscheinlich blindlings den Gaunern vor die Gewehre laufen und sei überhaupt nicht imstande, einer so gut organisierten Bande das Handwerk zu legen.

Als sie in die Hauptstraße eingebogen waren, trat ihnen ein großer, schlanker Mann mit kurzgehaltenem Schnurr- und Backenbart entgegen, der höflich den Hut zog und sagte:

»Darf ich mir die Frage erlauben, meine Herren, wie Sie zu diesen Pferden kommen ? besonders zu dem Wallach da?«

Dabei zeigte er auf das Tier, das Harry ritt.

»Machen Sie Platz«, erwiderte dieser, »darüber können Sie sich nachher mit dem Sheriff unterhalten.«

»Bedaure sehr«, verharrte der andere, »es ist an Ihnen, darüber Auskunft zu geben, wieso Sie auf einem Gaul sitzen, der mein Eigentum ist ? oder soll ich Sie einen Pferdedieb nennen?«

Da gerade ein hochbeladener, von mehreren Maultiergespannen gezogener Heuwagen vorüberfuhr, war an ein Vorwärtskommen nicht zu denken. Von allen Seiten traten Leute heran, die das im Westen so viel bedeutende Wort ?Pferdedieb? aufmerksam gemacht hatte.

»Wenn das Tier wirklich Ihr Eigentum ist, dürften Sie sich wohl noch wegen etwas Schlimmerem als nur wegen Pferdediebstahl zu verantworten haben«, erwiderte Harry, »aber vorläufig machen Sie mal Platz, wir habens eilig.«

Jetzt trat ein Cowboy an den Fremden heran und sagte:

»Das ist doch der alte Harry ? den werden Sie doch wohl nicht einen Pferdedieb nennen wollen?«

Der andere trat sofort zur Seite.

»Wenn der Mann hier in West-London bekannt ist, will ich ihm natürlich keine Unannehmlichkeiten machen«, sagte er, »aber Tatsache bleibt, daß der Wallach mein Eigentum ist ? das kann ich beweisen. Ist denn nicht irgendein Beamter in der Nähe?«

»Da kommt ja der Sheriff selbst«, rief jemand.

Naxon drängte sich durch die aufgeregte Menge und ließ sich von dem Fremden den Fall erklären. Die Sache stimmte: eine Rechnung, die er bei sich hatte und vorzeigte, bewies, daß er den Wallach rechtmäßig gekauft hatte.

»Dann erhebe ich die Anklage gegen ihn, daß er Mitglied einer organisierten Räuber- und Mörderbande ist, die ihr Hauptquartier da drüben im Walde hat!« rief Harry.

Der Fremde schüttelte den Kopf.

»Das Pferd ist mir vor fünf Tagen aus dem Stall gestohlen worden«, entgegnete er, »auch das kann ich einwandfrei durch Zeugen beweisen.«

»Hier, dann nehmen Sie Ihren Gaul«, erwiderte Harry, »Sie aber, Naxon, müssen sofort ein Dutzend tüchtiger Männer aufbieten. Wir haben nämlich die Leute entdeckt, die Devons Haus niedergebrannt und seine Rinder gestohlen haben.«

Vierundzwanzigstes Kapitel

Nicht zwölf, sondern vierzig Männer verließen kurz darauf unter Sheriff Naxons Führung West-London. Harry und Jim zeigten ihnen den Weg, den sie aber auch allein gefunden haben würden, wenn sie sich einfach nach dem aufsteigenden Rauch gerichtet hätten. An der Stelle nämlich, wo der Überfall geschehen war, lagen die Kadaver von vier Pferden, die mit Holz und Reisig bedeckt und angezündet worden waren.

Das Feuer hatte die toten Tiere bereits so weit ergriffen, daß ein Wiedererkennen unmöglich war. Die wenigen Fellfetzen, die man fand, genügten nur gerade, die Farbe der verbrannten Tiere festzustellen, mehr aber auch nicht. Da Harrys Wallach erst kürzlich von der Bande gestohlen war, blieb nur noch die braune Stute, die Devon auf der Flucht geritten hatte, übrig, um vielleicht auf die Spur der Verbrecher zu führen.

Man zog also weiter und sah sich bald einem anderen, noch gewaltigeren Feuer gegenüber: die Blockhütte, der Heuschober und der Pferdestall in der Lichtung brannten lichterloh. Gerade als das Aufgebot ankam, brach die Hütte zusammen, die brennenden Balken rollten davon und drohten das umliegende Dickicht in Brand zu stecken, so daß mehrere Männer absaßen, um ein größeres Unheil zu verhüten.

Währenddessen gingen die anderen, besonders der Sheriff, Jim und Harry, daran, die Umgegend nach Spuren abzusuchen, fanden aber nichts, was sie irgendwie weitergebracht hätte. So beschloß Naxon, mit seinen Leuten nach West-London zurückzukehren, von wo aus er dann auch noch nach Devons Ranch ritt, um zu sehen, ob er hier irgendeinen Anhaltspunkt fände.

Die ganze Stadt war natürlich über all diese Ereignisse in heller Aufregung, überall wurden sie lebhaft erörtert und eingehend besprochen, und da Devon offenbar das Opfer einer weitverzweigten Verschwörung war, wurde er im Handumdrehen zu einer lokalen Berühmtheit.

Was dies in einer Stadt wie West-London bedeutete, sollte er bald erfahren. Ein Barbier zum Beispiel bemühte sich um seine Kundschaft und bot ihm an, ihn täglich umsonst zu bedienen. Das Levingston-Kosthaus stellte ihm sein bestes Zimmer ohne Bezahlung zur Verfügung. Der Besitzer war davon überzeugt, dann die übrigen Räume an Neugierige zu hohen Preisen vermieten zu können. Aus derselben Spekulation auf die Neugierde der Menschen bewilligte ihm ein Saloon kostenlos Getränke, soviel er wünsche, wenn er sich verpflichten wolle, einen Teil seines Tages in ihrem Spielzimmer zu verbringen.

Einen Todeskandidaten sich genauer anzusehen, übte einen seltsamen Reiz auf die Leute aus. Alle waren nämlich davon überzeugt, daß nur sofortige Flucht Devons Leben retten könne. Als es sich aber dann zeigte, daß er nicht davonlief, betrachteten sie ihn mit geheimer Scheu und angenehmem Gruseln. Dabei war West-London durchaus nicht etwa blutdürstiger als irgendeine andere Stadt im Westen, aber sie liebte nun einmal die Aufregung, besonders, wenn andere die Kosten dafür trugen.

Devon nahm die Dinge hin, wie sie lagen, und nutzte sie nach Kräften aus. Seine Taschen füllten sich mit Geld. Die Menschen drängten sich dazu, mit ihm am gleichen Pokertisch zu sitzen. Hatte er es mit ehrlichen Leuten zu tun, spielte er gleichfalls anständig, so daß er sogar an einem Abend viertausend Dollar verlor, was man ihm hoch anrechnete. Denn man hatte gesehen, wie unerbittlich und geschickt er Falschspieler hochzunehmen pflegte.

Wenn ihn einer fragte, ob er denn gar nichts gegen seine geheimnisvollen Feinde zu unternehmen gedenke ? den meisten tat es nämlich leid, einen so netten, liebenswürdigen, jungen Mann in dauernder Lebensgefahr zu wissen ? dann lächelte Devon nur und erklärte, sein Fall läge ja in den bewährten Händen des Sheriffs. In Wahrheit jedoch verließ er sich mehr auf die Wachsamkeit der beiden Alten. Harry und Jim waren eifrig am Werk, den Schleier des Geheimnisses zu lüften.

Eines Tages nun trat eine neue Verwicklung ein.

Am Postgebäude befand sich ein Brett, an dem Steckbriefe und andere amtliche Bekanntmachungen angeschlagen wurden, aber da West-London noch keine Zeitung besaß, benutzten die Bewohner es auch für ihre eigenen Zwecke. Wenn jemand etwas verloren oder zu verkaufen hatte oder sonst seinen Mitbürgern etwas mitzuteilen wünschte, befestigte er einen entsprechenden Zettel daran und war nun sicher, daß jeder Vorübergehende ihn lesen würde.

An diesem Brett war eines Morgens ein breites, weißes Papier zu sehen, auf dem in großen Buchstaben geschrieben stand:

»Lieber Devon!

Was verlangen Sie für die braune Stute? Ich könnte sie nämlich gebrauchen. Ganz ergebenst

Hans im Glück.«

Ganz West-London lachte darüber, denn »Hans im Glück« war durch seine tollen Streiche eine stadtbekannte und beliebte Persönlichkeit geworden. Devon, der natürlich von der Sache hörte, schrieb auf denselben Zettel:

»Einen Preis kann ich erst nennen, wenn ich herausbekommen habe, wem das Tier gehört.

Mit bestem Gruß
Walt Devon.«

In der folgenden Nacht wurde der Zettel durch einen anderen ersetzt, der folgende Mitteilung enthielt:

»Lieber Devon!

Ich halte fünfhundert Dollar für einen sehr anständigen Preis, bin aber bereit, eine Kleinigkeit draufzulegen. Um Ihr zartes Gewissen zu beruhigen: der Vorbesitzer hat das Tier nicht mehr nötig ? Tote reiten bekanntlich nicht.

Ihr sehr ergebener
Hans im Glück.«

Darauf antwortete Devon einfach:

»Die Stute ist nicht verkäuflich.«

?Hans im Glück? aber erwiderte:

»Dann nehme ich mir, was ich brauche ? im Augenblick aber brauche ich das beste Reitpferd von West-London.«

Die Stadt, die diesen eigenartigen Briefwechsel mit größtem Interesse verfolgt hatte, hielt den Atem an. Wie würde der Kampf um die braune Stute ausgehen, den das Schicksal dem armen Devon zu all seinen sonstigen Sorgen auch noch aufgebürdet hatte? Welche Vorsichtsmaßregeln würde er treffen, um das Tier zu behalten, das in dem kleinen Stall von Mrs. Purley neben deren Kosthaus untergebracht war?

Die Maßregel, die Devon traf, war sehr einfach. In dem Laden, der den Goldgräbern alles Nötige für Sprengungen verkaufte, besorgte er sich einige Trockenbatterien, eine Spule mit isoliertem Kupferdraht und eine kleine elektrische Glühbirne, die er vor seinem Bett anbrachte und die hell aufflammte, sobald die Klinke der Stalltür niedergedrückt wurde. Da er einen sehr leichten Schlaf hatte, durfte er hoffen, damit auszukommen.

Zwei Tage vergingen, ohne daß etwas geschah, aber da bekannt geworden war, daß Devon weder einen Wächter vor den Stall stellte, noch ihn selbst bewachte, war West-London davon überzeugt, daß er die Stute unbedingt verlieren würde.

»Nun, und wenn schon«, erklärte Mrs. Purley, die über alle Dinge ihre eigene Meinung hatte. »Soll sich vielleicht ein so netter, feiner Mann wie Mr. Devon auf eine Schießerei mit diesem ?Hans im Glück? einlassen?«

In der dritten Nacht dann geschah es.

Devon erwachte, weil ein Lichtstrahl seine Lider getroffen hatte, und als er sich erhob, sah er den Draht in der Birne noch glühen. Er fuhr also in seine Kleider, nahm seinen Colt, schwang sich aus dem Fenster und war zehn Sekunden nach dem ersten Aufflammen der Glühbirne bereits auf dem Weg zu dem Stall.

Ehe er um die Hausecke bog, blieb er stehen und spähte vorsichtig herum: er sah gerade einen Reiter aus dem Stall herausreiten. Ein andres Pferd stand neben der Tür.

»Guten Abend, Hans!« rief er, trat vor, zielte nach dem Reiter und schoß, wußte aber sofort, daß er gefehlt hatte, denn die Stute hatte gerade, als er abdrückte, einen Sprung auf ihn zu gemacht.

Tief auf ihren Hals niedergebeugt, schoß jetzt der andere, Devon aber, halb blind von dem Pulverdampf und halb taub von dem Knall des dicht an seinen Ohren abgefeuerten Colts, holte aus und schlug dem Reiter mit seiner Waffe auf den Kopf.

Einen Augenblick stand er wie benommen da, dann sah er verdutzt dem Mann, der aus dem Sattel geglitten war, ins Gesicht: es war tatsächlich der berühmte »Hans im Glück«, der da vor seinen Füßen lag!

Fünfundzwanzigstes Kapitel

In West-London herrschte allgemein ein sehr vernünftiger Brauch: wenn auf der Straße geschossen wurde, blieben die Einwohner in ihren Häusern. Diese stets befolgte Regel spricht sehr für den gesunden Menschenverstand der Bürgerschaft, denn ein paar Colts können selbst in den Händen von verhältnismäßig geübten Schützen ein erstaunlich großes Stück Erdboden abseits vom Ziel bestreichen, und Kugeln machen bekanntlich keinen Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen.

So lockten denn auch die Schüsse, die auf Mrs. Purleys Hof gefallen waren, keinen Mann herbei, wohl aber die wehrhafte Witwe selbst. Mit offenen Haaren, die umfangreichen Formen schamhaft verhüllt in ein wallendes Gewand, wie es auf den Provinzbühnen die Lady Macbeth zu tragen pflegt, kam sie aus der Hintertür herausgestürzt und eilte auf Devon zu, der neben seinem ohnmächtigen Gegner niedergekniet war.

»Verruchter Mordbube, hast du mir meinen Mieter umgebracht?« schrie sie, den Gummiknüppel schwingend. »Dir schlag ich den Schädel ein!«

Devon sah zu ihr auf ? sie ließ die erhobene Hand sinken und starrte entgeistert ihn und sein Opfer an.

»Allmächtiger, das ist ja ?Hans im Glück?, sagte sie. »Haben Sie ihn erschossen, Menschenskind?«

»Ich weiß nicht ? er hat sich noch nicht wieder gerührt«, antwortete Devon. »Ich glaube, wir bringen ihn besser ins Haus hinein.«

»Jawohl, denn womöglich sind noch ein paar von seinen Freunden in der Nähe«, erwiderte die Witwe. »Los, nehmen Sie den Kopf, ich werd an den Füßen anfassen. Mein Gott, was der Junge für große Sporen hat!«

Sie hoben den Verwundeten auf und trugen ihn in die Küche, wo sie ihn vorerst einmal auf den Fußboden legten.

»Schlimm ists nicht, was er abbekommen hat, auf keinen Fall genügend, um ihn zur Vernunft zu bringen«, stellte Mrs. Purley fest, nachdem sie ihn flüchtig gemustert hatte. »Er wird gleich wieder zu sich kommen. Ein verdammt hübscher Bengel ist er schon. Sieht man ihm nicht an, daß er der Bruder von Mabel Maynard ist? Na, dann passen Sie gut auf ihn auf, ich werde rasch den Sheriff holen.«

»Warten Sie doch lieber noch damit, das hat ja noch Zeit.«

?Hans im Glück? stöhnte jetzt und bewegte sich. Devon beeilte sich, ihm schleunigst seine Waffen fortzunehmen ? zwei weitere Colts und ein sehr brauchbares Messer. Der Verletzte richtete sich mit einem Ruck auf, so daß Mrs. Purley drohend den Gummiknüppel hob und ihm befahl:

»Bleiben Sie sitzen, sonst schlag ich zu! Geben Sie ja auf ihn acht, Devon, der Bursche kann sicher auf die Hände springen, wie andere Leute auf die Füße.«

In der Tat hatte Devon noch nie einen Menschen gesehen, der eine so vollendete Verkörperung von Beweglichkeit und Behendigkeit gewesen wäre wie dieser junge Mann, der etwa zwei-, dreiundzwanzig Jahre alt sein mochte. Sein blondes Haar, das er nach der Sitte der alten Westleute bis auf die Schulter fallend trug, umrahmte ein Gesicht, das auch nicht einen Zug hatte, der auf einen verkommenen oder gar gewerbsmäßigen Verbrecher schließen ließ. In dem Blick, mit dem er Devon und den auf sich gerichteten Revolver musterte, lag allerdings etwas Herausforderndes, aber er hatte trotzdem etwas Offenes, Ehrliches und verriet, wie seine ganze übrige Erscheinung, eine nicht gewöhnliche Klugheit.

Obwohl er sich nicht rührte, sah man an der Art, wie seine Augen hin und her gingen, daß er die Möglichkeit, durch ein plötzliches Aufspringen zu entkommen, erwog. Devon, der ihn genau betrachtete, hatte den Eindruck, daß der Tod für »Hans im Glück« keinerlei Schrecken habe ? offenbar war er ihm schon oft genug bis auf Tuchfühlung nahe gekommen.

»Ich glaube, Sie setzen sich besser auf den Stuhl da am Fenster«, sagte Devon zu ihm.

»Aber binden Sie ihn erst, bevor Sie ihm erlauben, sich zu rühren«, warnte Mrs. Purley.

»Er darf sich so auf den Stuhl setzen«, entgegnete Devon, und darauf erhob sich »Hans im Glück« und nahm auf dem angegebenen Stuhl neben dem Fenster Platz.

Von seiner Stirn tröpfelte das Blut herab, doch er beachtete die leichte Wunde gar nicht, sondern nickte Devon lächelnd zu und sagte:

»Ich wollte ihnen nichts Böses tun; mich hat nur der hohe Einsatz gereizt, um den das Spiel ging.«

»Das verstehe ich vollkommen«, entgegnete Devon, »und Sie haben ja auch um ein Haar gewonnen.«

»Ich? Nein, diesmal hat der bessere Mann gewonnen, und ich gebe mich vollkommen geschlagen. Mrs. Purley, Sie sind Zeugin, daß ich das ohne weiteres eingestanden habe.«

Die Witwe sah ihn erstaunt an.

»Wieso kennen Sie mich?« fragte sie.

»Sie sind doch stadtbekannt«, erwiderte er lachend, »und die Art, wie Sie mit mißliebigen Gästen abfahren, ist es nicht minder.«

»Ach, darum haben Sie sich wohl auch in meinem Lokal nie sehen lassen?«

»Es ist ein reiner Zufall, daß ich bisher Ihre Gastlichkeit noch nicht in Anspruch genommen habe, verehrte Mrs. Purley, aber ich will das Versäumte gleich nachholen. Würden Sie mir freundlichst eine Tasse Kaffee geben ? denn, wenn ich nicht irre, ist es doch Kaffee, was in dem Topf auf dem Herde da dampft?«

Die liebenswürdige Verbindlichkeit, die er in seine Worte gelegt hatte, verfehlte ihre Wirkung nicht. Sichtlich geschmeichelt füllte Mrs. Purley einen großen Zinnbecher mit Kaffee und reichte ihn ihm.

»Sollten Sie diese heiße Flüssigkeit zu irgendeinem anderen Zweck gebrauchen wollen, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß mein Revolver hier geladen ist«, warnte ihn Devon.

»Donnerwetter ? sind Sie Gedankenleser?« fragte der Gefangene verblüfft. »Na ? schließlich kann ich das Zeug ja auch trinken.«

Damit führte er den Becher zum Mund und leerte ihn schlürfend in kleinen Schlucken, gab ihn Mrs. Purley zurück und bat um die Erlaubnis, sich eine Zigarette drehen zu dürfen, was Devon, ihn scharf im Auge behaltend, gestattete.

»Wollen Sie mir verraten, wer Sie veranlaßt hat, mir die Stute zu stehlen?« fragte Devon, als die Zigarette brannte.

»Nehmen Sie etwa an, daß ich in irgend jemandes Diensten stehe?« erwiderte ?Hans im Glück? sichtlich empört.

»Jedenfalls wäre es doch mehr als merkwürdig, wenn Sie rein zufällig die Bestrebungen meiner Feinde unterstützen.«

»Aber es ist Zufall! Ich wollte das Tier haben, weiter nichts. Vielleicht hat auch ein bißchen Ärger darüber mitgesprochen, daß Sie plötzlich den Platz eingenommen haben, den ich bisher in West-London innehatte.«

»Na, darüber können Sie sich ja mit dem Sheriff unterhalten«, mischte sich Mrs. Purley ein, »denn ich denke, es wird nun Zeit, daß ich ihn hole.«

Ohne Devons Zustimmung abzuwarten, eilte sie hinaus ? offenbar lag ihr daran, möglichst bald wieder in ihr Bett zu kommen.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sieger und Besiegter maßen sich, als sie allein waren, eine Weile stumm mit den Blicken.

»Den heutigen Tag können Sie sich in Ihrem Kalender rot anstreichen«, sagte schließlich ?Hans im Glück?.

»Für manchen wird es ein Trauertag sein«, entgegnete Devon.

»Ach wo ? mal mußte es ja so kommen; damit hab ich immer gerechnet«, erwiderte Hans kaltblütig.

»Ich dachte bei meiner Bemerkung auch an jemand anders ? an ein junges Mädchen.«

?Hans im Glück? lachte laut auf.

»Keinem Mädel wird es das Herz brechen, wenn ich baumeln muß«, sagte er. »Ich hab immer viel zuviel zu tun gehabt ? mit Weibern hab ich meine Zeit nie vergeudet.«

»Ich dachte nicht an eine Liebste«, entgegnete Devon ernst, »an Ihre Schwester hab ich dabei gedacht.«

Die Wirkung dieser Worte auf ?Hans im Glück? war erstaunlich: er fuhr zusammen, auch die freche Sorglosigkeit, mit der er bisher seine Lage betrachtete, schien ausgelöscht. Entgeistert starrte er Devon an.

»Meine Schwester?« fragte er schließlich tonlos.

»Jawohl ? Ihre Schwester Mabel«, nickte Devon.

»Allmächtiger ? kennen Sie die wirklich?«

»Gewiß, halb West-London kennt ja Mabel Maynard, die nach ihrem Bruder sucht.«

Das Gesicht des Gefangenen wurde weiß.

»Das kann nicht stimmen«, sagte er, »den Namen würde sie nie genannt haben.«

»Weil es ihr richtiger ist?« fragte Devon.

»Ihr richtiger? Nein, das ist er natürlich nicht«, antwortete Hans leise.

Hilflos sah er sich um. Devon hatte das Gefühl, der Wahrheit nahe zu sein, denn es war doch beinahe undenkbar, daß ?Hans im Glück? von dem Hiersein des jungen Mädchens nichts wissen sollte.

»Sie kennt wohl Ihre ? gegenwärtige Beschäftigung nicht?« fragte er.

»Um Gottes willen, wie sollte sie die kennen?«

»Demnach ist sie tatsächlich hergekommen, um Sie zu suchen?« forschte Devon weiter.

»Der Himmel mag wissen, warum sie gekommen ist ? wahrscheinlich, um Unfug anzurichten, denn das hat sie immer verstanden ? allerdings nicht, wenn es sich um mich handelte.«

Er ließ den Kopf sinken und schlug die Hände vors Gesicht, dann starrte er wieder fassungslos Devon an, der ihn kaum wiedererkannte, so völlig verschieden wirkte er in seiner gegenwärtigen Verzweiflung.

»Wie hat sie mich genannt?« fragte Hans nach einer Weile.

»William Maynard.«

»Dann kann es Mabel nicht gewesen sein!«

»Aber sie hatte doch ein Lichtbild von Ihnen bei sich.«

»Dann ist sie vollkommen von Gott verlassen«, stöhnte Hans. »Wahrhaftig, ich wollte, Sie hätten vorhin ein bißchen kräftiger zugeschlagen.«

»Sie glaubten sich also gewissermaßen sicher vor ihr, nahmen an, daß sie Sie nicht finden könne?«

»Fest überzeugt war ich davon, da zweitausend Meilen in der Luftlinie zwischen ihr und mir lagen ? aber für sie war das offenbar noch nicht genug.«

Wieder starrte er verzweifelt zu Boden.

»Hören Sie mal, Maynard«, begann Devon.

Der andere zuckte zusammen.

»Soll ich diesen Namen nicht gebrauchen?«

»Nein ? bitte nicht.«

»Schön, es liegt mir fern, Sie zu verletzen. Aber wollen Sie mir einmal erklären, wie es möglich ist, daß Sie von dem Hiersein Ihrer Schwester noch nichts gehört haben? Beinah die ganze Stadt weiß doch, daß sie hier ist und mich in eine böse Falle gelockt hat.«

» Sie in eine Falle gelockt?«

»Ja, freilich ? ich sollte ihren Bruder suchen, dessen Bild sie mir gezeigt, und Lewis, der ?Schläger?, wollte mich zu Ihnen führen. Der ist doch ein Freund von Ihnen, nehme ich an?«

»Lewis kenne ich ? er ist zwar ein Hund, aber ganz brauchbar.«

»Na, dann wird Ihnen ja auch das Weitere nicht unbekannt sein, denn dann haben Sie selbst doch die Falle aufgestellt, in der Harry und ich beinah umgekommen wären.«

»Ich soll Ihnen eine Falle gestellt haben? Davon höre ich zum erstenmal, das ist mir völlig neu.«

»Ich möchte Ihnen ja gerne glauben ?«

»Sie müssen mir glauben«, unterbrach ihn Hans heftig. »Ich lüge niemals, und eine Falle hab ich in meinem Leben noch keinem Menschen gestellt. Wenn ich mit jemandem was abzumachen habe, dann tu ichs Auge in Auge, aber nicht hinterrücks!«

Das klang so ehrlich und aufrichtig, daß Devon stutzig wurde. Außerdem erzählte man sich zwar allerlei von diesem ?Hans im Glück?, hinterhältig und verlogen aber hatte ihn noch keiner genannt.

»Schön«, sagte er nach kurzer Überlegung, »dann arbeitet Ihre Schwester also allein für die Bande, die hinter meinem Skalp her ist.«

»Das würde sie niemals tun«, erklärte Hans mit der gleichen Bestimmtheit, mit der er vorher gesprochen hatte.

»Dann hätt ich also geträumt, daß sie mich in den Wald gelockt hat, wo mich die Kugeln empfingen?«

»Das ist sie nicht gewesen, es war eine andere, die ihren Namen angenommen hat.«

»Und wie käme die Betreffende zu der gewissen Ähnlichkeit mit Ihnen?« fragte Devon spöttisch.

Hans knirschte mit den Zähnen.

»Wenn sie etwas Derartiges getan hat, muß Mabel wahnsinnig geworden sein«, sagte er, »denn sie ist ein durch und durch anständiger Mensch.«

»Ich möchte Ihnen auch das gerne glauben«, entgegnete Devon.

»Das können Sie getrost, ich kenne sie besser, als ich mich kenne, und rede völlig offen zu Ihnen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ihr Kommen für einen Zweck haben sollte ?«

»Aber der liegt doch sehr nahe«, unterbrach ihn Devon, »sie wollte Sie mit Gewalt zu Ihrer Familie zurückführen.«

»So ein Einfall wäre ihr allerdings zuzutrauen.«

»Nun, und könnte ihr das gelingen?« fragte Devon neugierig.

»Ihr? Sie bringt alles fertig. Sie kann einen Knaben zum Mann und einen Mann zum Knaben machen.«

»Das glaube ich schon«, erwiderte Devon ernst.

»Sie scheinen ihre Macht auch bereits verspürt zu haben«, sagte Hans lächelnd. »Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht krank werden. Sieben Jahre hält so ein Fieber mindestens vor.

»Die Kugeln, die sie auf mich hat abschießen lassen, werden mich schneller davon heilen«, entgegnete Devon.

Darauf erwiderte ?Hans im Glück? nichts, doch er neigte, während er Devon anblickte, plötzlich den Kopf seitlich und kniff seine Augen ein wenig zusammen, unmerklich fast, aber doch so, daß dieser es merkte und rasch herumfuhr: im Rahmen der Tür, die von der Küche in den Vorraum führte, sah er unbestimmt eine dunkle Gestalt stehen, in deren Hand etwas Metallisches glänzte.

Devon sprang zur Seite und hob den Colt, der andere feuerte, ohne zu treffen. Im gleichen Augenblick flog die Küchentür zu ? ?Hans im Glück? hatte wieder einmal Glück gehabt und war entkommen.

Devon eilte zur Tür; als er sie aufriß, wurde draußen Hufschlag laut, er sah gerade noch den Fliehenden um die Ecke verschwinden. Merkwürdigerweise hatte Hans aber nicht die braune Stute, deretwegen er sich in Lebensgefahr begeben, zur Flucht benutzt, sondern sein eigenes Pferd.

Ohne lange zu überlegen, lief Devon um das Haus herum, um dem anderen, der auf ihn geschossen hatte, den Rückweg abzuschneiden, doch als er um die Ecke bog, sah er, daß er zu spät kam. Der Mann kreuzte bereits rennend die Straße und verschwand in dem nächsten Quergäßchen. Sein Vorsprung war zu groß, als daß Devon hätte daran denken können, ihn zu verfolgen ? was außerdem in dem Gassengewirr von West-London beinahe Selbstmord gewesen wäre.

Mißmutig machte er kehrt, brachte die braune Stute wieder in den Stall und ging dann ins Haus zurück, wo Mrs. Purley gerade mit dem Sheriff ankam.

»Natürlich ist er fort«, empfing ihn die Witwe vorwurfsvoll. »Ich habs mir doch gleich gedacht, als ich die Schüsse hörte!«

Devon gab kurz Auskunft, wie die Flucht des verwegenen Burschen vor sich gegangen war, und schloß ärgerlich:

»Die zerschossenen Fensterscheiben da können Sie mir auf meine Rechnung setzen, Mrs. Purley.«

»Das werde ich sogar wirklich«, entgegnete die Witwe gereizt, »und den Kaffee, den er getrunken hat, dazu. Ihnen aber, verehrter Mr. Devon, würde ich einen Luftwechsel empfehlen ? West-London scheint doch ein bißchen zu westlich für Sie zu liegen.«

Damit verschwand sie in ihre Gemächer.

Am anderen Morgen aber las die Stadt an dem Anschlagebrett vor dem Postbüro:

Werte Freunde!

Ich habe Devon herausgefordert und bin beinah eklig dabei reingefallen. Er hat seine braune Stute behalten, und ich hab arge Kopfschmerzen bekommen. Aber noch ist nicht aller Tage Abend ? vielleicht hab ich ein andermal mehr Glück. Ich benutze die Gelegenheit, der reizenden und liebenswürdigen Mrs. Purley herzlichsten Dank für ihren ausgezeichneten Kaffee zu sagen. Mit den besten Grüßen

Euer ergebener
Hans im Glück.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Der alte Jim trat in den Fleischerladen und ließ seinen Blick über die an den Wänden hängenden geschlachteten Tiere schweifen, während der Schlächter, einen Bleistift hinter dem Ohr und ein großes Hackmesser in der Hand, erwartungsvoll dastand.

Es war um die stillste Zeit des Tages; ein träger, schläfriger Nachmittag brütete draußen, nur ab und zu drang aus weiter Ferne ein Hammerschlag herüber, im übrigen aber schien die Stadt wie ausgestorben. West-London war um drei Uhr nachmittags so menschenleer wie die meisten anderen Städte um drei Uhr morgens, und so hatte der Schlächter Muße genug, sich seinem Kunden eingehend zu widmen.

»Nun, was solls denn sein, Nachbar?« fragte er nach einer Weile. »Ein schönes Bruststück? Auch Keule kann ich Ihnen heute sehr empfehlen.«

»Nein, danke, ich möchte nichts kaufen«, erwiderte Jim, »ich seh mir das Fleisch nur an ? es kommt mir so bekannt vor.«

Der Schlächter, ein junger, rothaariger Mann, dessen Augenbrauen nur einen blassen Strich in seinem dicken, aufgeschwemmten Gesicht bildeten, war, wie fast alle Menschen seines Aussehens und seines Umfanges, äußerst selbstbewußt. Er schlug mit der rotgesprenkelten Linken auf den Hackblock und lachte.

»Das kann ich mir denken«, sagte er, »der Anblick von frischem Fleisch muß für Leute wie Sie, die ihr ganzes Leben auf der Weide draußen zugebracht und nur von eingemachten Tomaten und Büchsenfleisch gelebt haben, erfreulicher sein, als für andere ein Strauß blühender Rosen.«

»Das auch«, erwiderte Jim. »Aber vor allem macht es mir Spaß, sechs Kühe, die keinem Cowboy mehr Mühe und Arbeit machen können, so friedlich in einer Reihe hängen zu sehen.«

»Sind Sie immer in dem Beruf gewesen, oder haben Sie auch manchmal in Städten gearbeitet?«

»Nein ? Städte kann ich nicht leiden, ich war immer Cowboy, schon als die Prärien noch von Büffeln und Indianern wimmelten.«

Der Schlächter fuhr mit der Zungenspitze über die Lippen, seine Augen funkelten.

»Donnerwetter«, sagte er, »damals muß die Sache Spaß gemacht haben. Zu Hunderten wurden doch immer die Büffel niedergemacht, nicht?«

»Wie die Fliegen konnte man sie fallen sehen.«

Der Schlächter stützte das Kinn nachdenklich in die Hand, Jim aber prüfte die hängenden halben und Viertelkühe weiter und schüttelte dabei wiederholt den Kopf.

»Gefällt Ihnen meine Ware nicht?« fragte schließlich der Fleischer.

»Ich weiß nicht recht«, erwiderte Jim, »eigentlich sehen die Tiere alle aus, als ob sie in einem Armenhaus groß geworden wären.«

Der Schlächter lachte wieder.

»Da haben Sie gar nicht mal so unrecht«, sagte er. »Viel überflüssiges Fett ist nicht vorhanden, und Mark in den Knochen kaum so viel, daß ein Hund, der etwas auf sich hält, danach schnappen würde.«

»Wahrscheinlich haben die Tiere auf dem Transport so gelitten«, meinte Jim, diplomatisch auf sein Ziel lossteuernd. »Ein langer Aufenthalt in den geschlossenen Viehwagen nimmt namentlich ältere Rinder ja immer stark mit.«

Der Schlächter schüttelte sich vor Lachen.

»Nein, nein«, sagte er glucksend, »eine lange Eisenbahnfahrt ist wohl das einzige, was den armen Viechern erspart worden ist.«

Jim setzte eine fachmännische Miene auf.

»Kann ich mir nicht denken«, erwiderte er, »sogar dem Fleisch sieht man doch noch an, daß die Tiere aus Iowa stammen.«

Jetzt kannte die überlegene Heiterkeit des guten Mannes keine Grenzen mehr.

»Lieber Freund«, sagt er, als seine auf und ab tanzenden Fettmassen einigermaßen wieder in ihre natürliche Lage zurückgefunden hatten, »von Büffeln mögen Sie vielleicht etwas verstehen, von Kühen aber haben Sie keine Ahnung.«

»Wieso?« entgegnete Jim scheinbar tief gekränkt. »Wollen Sie etwa behaupten ??«

»Allerdings will ich behaupten, daß Sie sich gründlich irren«, unterbrach ihn der Schlächter. »Die Tierchen haben Iowa nie gesehen, sondern stammen aus allernächster Nähe ? ich hab sie nämlich erst vor einigen Tagen von Sam Green gekauft.«

Jim schüttelte den Kopf.

»Glauben Sie mir vielleicht nicht?« brauste der Fleischer auf.

»Doch, doch«, versicherte Jim bereitwilligst, »aber ich hätte nie gedacht ?«

»Ja, ja, man wird alt, lieber Freund«, entgegnete der Schlächter gönnerhaft. »Übrigens hab ich noch allerlei zu tun.

Jim entschuldigte sich, daß er seine kostbare Zeit so ungebührlich lange in Anspruch genommen habe, und empfahl sich. Vergnügt vor sich hin pfeifend eilte er zum Sheriff, den er in seinem kleinen Gärtchen schweißüberströmt ein Gemüsebeet umgrabend fand.

»Kennen Sie einen Mann namens Sam Green?« fragte er ihn.

»Freilich ? vor kaum einer Stunde bin ich ihm sogar auf der Straße begegnet. Warum denn?«

»Dann möcht ich Sie ersuchen, ihn festzunehmen ? er ist nämlich ein Viehdieb und Brandstifter!«

Achtundzwanzigstes Kapitel

Im Westen liebt man es, wichtige Angelegenheiten in aller Gemütsruhe und Gründlichkeit durchzusprechen und vorzubereiten. Man genießt dabei die glückliche Erledigung gewissermaßen bereits im voraus. So steckten denn auch der Sheriff, Jim, Harry und Devon die Köpfe zusammen, und nachdem sie einen aussichtsvollen Plan durchgezimmert hatten, putzte sich Walt Devon seine Stiefel schön blank, bürstete sorgfältig Rock und Hut und machte dann einen Spaziergang, ein leichtes Spazierstöckchen dabei schwingend ? jedoch in der linken Hand.

Es war dies durchaus keine Ziererei von ihm, denn jeder in West-London wußte, daß es für ihn lebenswichtig war, die Rechte frei zu haben ? um jederzeit ein Instrument fassen zu können, das etwas schwerer ist als ein Spazierstock.

Da er gehört hatte, daß sich Sam Green in einer Kneipe ganz draußen vor der Stadt befand, die gute Geschäfte machte, weil sie die erste war, die die halbverdurstet aus der Wüste zur Stadt Kommenden am Wege fanden, so begab Devon sich dorthin.

Er stieß die Pendeltür auf und stellte mit einer Sicherheit und Schnelligkeit, die das Auge nur am Spieltisch erwirbt, fest, daß er keinen von den sechs Männern, die vor dem Schanktisch standen, persönlich kannte. Der jedoch, der sich da am äußersten Ende bequem gegen die Wand lehnte, mußte nach der Beschreibung, die man ihm gegeben hatte, Sammy Green sein. Er war ein junger Mensch anfangs der zwanziger Jahre mit ungewöhnlich breiten Schultern, die wieder gutmachten, was ihm an Körpergröße fehlte, und einem jungenhaft wirkenden, sommersprossenübersäten Gesicht.

Devon trat ein, nickte den Anwesenden zu und blieb möglichst in der Nähe der Tür. Mit einem gewissen Vergnügen konnte er feststellen, daß alle ihn von Ansehen kannten. Wenn er dieses Berühmtsein auch mit wiederholter Lebensgefahr hatte erkaufen müssen, so war es doch auch wieder ganz gut, denn es bestand immerhin die Möglichkeit, daß beim nächsten heimtückischen Überfall die Menge für ihn Partei ergreifen würde ? zumal seit seinem Abenteuer mit ?Hans im Glück?, das den guten Bürgern von West-London gewaltig imponiert hatte.

»Habe ich Sie nicht schon einmal bei mir begrüßen dürfen, Mr. Devon?« fragte der Wirt.

»Nein ? ich bin leider noch nie in dieser Gegend gewesen.«

»Und dabei ists doch so schön hier ? allein die gute Waldluft ist schon so bekömmlich«, versicherte der Wirt. »Darf ich Ihnen die Gentlemen vorstellen? Lefty Jack Marvin, Bud Lampson, Chuck Parry, Hal Murphy, Christ Long und ?«

Devon, der jedem einzelnen die Hand geschüttelt, nickte Green zu.

»Sie sind Sammy Green ? nicht wahr?«

»Jawohl, der bin ich«, erwiderte Sam, entzückt darüber, daß ein so berühmter Mann ihn mit seinem Namen ansprach. »Ich wußte gar nicht, daß Sie mich kennen, Mr. Devon.«

»Ich habe von Ihnen gehört«, entgegnete Devon, den der Sheriff auf diese Unterhaltung vorbereitet hatte, lächelnd, »besonders von Ihrem Aufenthalt in Tombstone.«

»Das ist leider schon eine ganze Weile her ? waren aber schöne Zeiten«, sagte Green, das Gesicht verklärt in seliger Erinnerung. »Wer hat Ihnen denn von mir erzählt?«

»Ach, verschiedene Leute«, antwortete Devon obenhin. »Man erinnert sich Ihrer gern in Tombstone.«

»Ja, ja ? es ist schon etwas dran, wenn man überall, wo man gewesen ist, gute Freunde und einen geachteten Namen hinterläßt«, meinte Sammy selbstbewußt. »Wollen wir zusammen was trinken, Mr. Devon?«

»Ich möchte mir erst noch ein bißchen die Beine vertreten«, erwiderte Devon. »Kommen Sie ein Stück mit.«

Geschmeichelt nahm Green die Einladung an.

»Nun entführen Sie mir noch meine Gäste«, rief der Wirt, sichtlich enttäuscht.

»Ich komme nächstens wieder«, sagte Devon im Herausgehen, »dann müssen Sie aber auch für eine anständige Pokerpartie sorgen!«

Zusammen mit dem strahlenden Green wandte er sich zur Stadt zurück, über die sich der Abend niedersenkte.

In der Timbal-Schlucht herrschte jetzt Ruhe, eine einzige Hacke klopfte noch eilig, als ob sie verlorene Zeit einholen müsse ? in der Stadt aber erwachte das Leben von neuem. Die Menschen kamen aus ihren Häusern heraus, in die sie sich vor der Nachmittagshitze geflüchtet; vor den Türen der Saloons schwärmte und summte es wie vor einem Bienenkorb.

»Graben Sie hier auch nach Gold?« fragte Devon seinen Begleiter.

»Augenblicklich nicht«, antwortete Sammy, »es hat keinen großen Zweck mehr. Hier ist ja schon jeder Felsbrocken angebohrt wie ein schlechtes Gebiß.«

»Na, es gibt ja auch noch andere Verdienstmöglichkeiten in einer Stadt wie West-London.«

»Freilich man findet immer ein paar Dollar. Da oben zum Beispiel hab ich eine Zeitlang als Rausschmeißer gearbeitet.«

Green wies dabei auf Les Burchards Spielpalast, an dem sie gerade vorübergingen.

»Burchard muß doch ein Mordsgeschäft machen mit dem Lokal«, sagte Devon.

»Gewiß ? wo unsereins mühsam angelt, fischt der mit dem Zugnetz.«

»Aber es geht doch ehrlich bei ihm zu?«

Green zuckte die Achseln.

»Es wird allgemein behauptet ? warum, weiß ich allerdings nicht. Aber jetzt könnten wir eigentlich was trinken ? meinen Sie nicht?«

»Ich möchte lieber noch ein Stück gehen«, erwiderte Devon. »Was ist denn das für ein Gebäude da?«

»Was, kennen Sie das nicht?«

»Nein.«

»Das ist doch das Gefängnis«, sagte Green lachend.

»Ach, das neue, das Sheriff Naxon kürzlich hat bauen lassen?«

»Freilich, dafür hat er ja überall gesammelt. Kennen Sie übrigens die nette Geschichte von ihm und ?Hans im Glück??«

»Nein.«

»Der Bengel hat in irgendeinem Saloon fünfhundert Dollar geklaut und sie dem Sheriff für seinen Neubau gestiftet. ?Wer weiß?, hat er dabei gesagt, ?vielleicht muß ich selbst mal drin übernachten, und da will man doch anständig untergebracht sein!?«

»Na, und hat der Sheriff das Geld angenommen?«

»Selbstverständlich ? dem wars doch gleichgültig, wo das Geld herkam, wenn er nur sein Gefängnis gut und sicher aufbauen konnte. Es soll ja dann auch fabelhaft geworden sein.«

»Wollen wirs uns mal ansehen?« schlug Devon vor.

»Nein, danke«, erwiderte Sammy Green, »ich bin schon zweimal in einem Gefängnis gewesen, mein Bedarf ist vorläufig gedeckt.«

»Ich seh mirs jedenfalls mal an ? es ist immer gut, wenn man Lokalkenntnisse hat«, sagte Devon, »und Ihnen kann das sicher auch nichts schaden.«

Sie waren vor dem Eingang angelangt, Green zögerte.

»Also bitte, kommen Sie mit.«

Devons Worte klangen bei aller Freundlichkeit merkwürdig bestimmt.

»Wieso ? was wollen Sie von mir?« fragte Green plötzlich ängstlich.

»Ja, denken Sie denn, ich bin zum Spaß durch die ganze Stadt mit Ihnen gelaufen?« fragte Devon. »Vorwärts ? die Treppe hinauf und eingetreten!«

Sammys Rechte machte eine rasche Bewegung nach dem Colt, doch da er sah, daß Devon die seine in die Rocktasche vergraben hatte, wußte er Bescheid.

»Also eine Falle war das?« ächzte er tonlos.

»Sie haben zu viel Freunde hier in der Stadt, als daß man Sie in aller Öffentlichkeit hätte festnehmen können«, entgegnete Devon. »Darf ich jetzt bitten, voranzugehen?«

Da Sammy Green einsehen mochte, daß jeder Widerstand aussichtslos war, stieg er langsam die Treppe hinauf, doch ehe er die Tür erreichte, bog er den Kopf zurück und stieß einen langgezogenen Pfiff aus, der allerdings von Devons Hand jäh unterbrochen wurde. Mit einem kräftigen Stoß schleuderte Devon seinen Gefangenen in die ausgebreiteten Arme des bereits ungeduldig wartenden Sheriffs.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Das Innere des Gefängnisgebäudes bildete einen einzigen großen Raum ? bis auf ein Bürozimmer in der einen und die Küche in der anderen Ecke ? und war durch dicke Stahlgitter in einzelne Zellen geteilt, zwischen denen sich zwei enge Gänge, der eine der Breite, der andere der Länge nach, befanden. Wo diese Gänge sich schnitten, war ein viereckiger Platz, auf dem mehrere Stühle für die Wächter standen.

Auf diesen nahmen jetzt Devon, der Sheriff und Sammy Green Platz, während Harry und Jim, die natürlich auch anwesend waren, es vorzogen, sich mit ihren Flinten an der Vorder- und Hintertür aufzustellen. »Denn«, sagte Harry, »man kann nie wissen, ob sich nicht plötzlich ein Wind erhebt, der die schönsten Pläne zerweht.«

Der Sheriff war mit dieser Maßnahme durchaus einverstanden und sandte den Wächter in das Bürozimmer, um dessen Fenster im Auge zu behalten, denn es war zu erwarten, daß der Pfiff des Gefangenen, wenn Devon ihn auch unterbrochen hatte, doch die Ohren der Leute erreicht hatte, für die er bestimmt war, und die dann wahrscheinlich alles daransetzen würden, Green zu befreien.

»Wie wäre es denn, wenn wir die beiden Seitentüren da ein bißchen verrammelten?« fragte Jim, ehe er seinen Posten bezog.

»Das ist nicht nötig, die sind solid genug«, erwiderte der Sheriff. »Außerdem sind sie fest verschlossen, denn sie werden nie benutzt, und die Schlüssel dazu befinden sich in meiner Wohnung.«

Da sich im Augenblick kein anderer Gefangener in Haft befand ? die Zellen bevölkerten sich meist erst im Laufe der Nacht ? konnte das Verhör Sammy Greens gleich an Ort und Stelle vor sich gehen.

Der gute Mann war selbstverständlich empört darüber, daß man ihn festgenommen hatte.

»Das ist ja glatte Freiheitsberaubung«, keifte er. »Ich finde es einfach unerhört, daß Sie, Sheriff, sich zu so etwas hergeben! Wie können Sie mich von einem Menschen verhaften lassen, der weder Ihr Stellvertreter noch überhaupt ein vereidigter Beamter ist?«

Er hatte sich so in Hitze geredet, daß er sich den Kragen lockern mußte.

»Ich gebe ohne weiteres zu, daß ich vielleicht nicht ganz gesetzmäßig vorgegangen bin, aber ungewöhnliche Verhältnisse, wie sie jetzt in West-London herrschen, erfordern eben auch ungewöhnliche Maßnahmen.«

»Ja, zum Donnerwetter noch einmal, Sie können doch als Sheriff nicht x-beliebige Leute auf die Bürger loslassen! Glauben Sie denn, daß wir uns das gefallen lassen werden?«

»Nun beruhigen Sie sich nur und erzählen Sie mir lieber, was geschehen wäre, wenn ich in den Saloon da draußen gegangen wäre und Sie ersucht hätte, mit mir zu kommen.«

»Wieso? Selbstredend wär ich ruhig mitgekommen«, erwiderte Sammy Green. »Ich habe von dem Gesetz nichts zu befürchten.«

»Wenn ich gewußt hätte, daß Sie sich so schuldlos fühlen, hätte ich den Weg vielleicht selber gemacht ? aber, sehen Sie, ich habe an eine Familie zu denken und begebe mich in Gefahr nur, wenn es unbedingt nötig ist. Sie haben nämlich so verdammt gute Freunde in der Stadt, und die sind nicht alle solche Unschuldslämmer wie Sie.«

Es war inzwischen dunkel geworden, der Wärter brachte eine Lampe, doch der Sheriff schickte ihn damit zurück.

»Wenn hier Licht ist«, sagte er, »bieten wir zu gute Ziele. Man soll die Menschen nicht unnütz in Versuchung führen.«

Als der Wärter gegangen war, wurde Green energisch.

»Ich verlange jetzt, zu wissen, wessen man mich beschuldigt«, sagte er herausfordernd.

»Das werde ich Ihnen gleich sagen, mein Sohn«, entgegnete der Sheriff. »Vorher aber wollen wir uns noch ein bißchen unterhalten, denn Sie wollen doch sicher dem Gesetz helfen, nehm ich an?«

»Ach, Sie denken, Sie können mich dumm machen?« erwiderte Green. »Erst will ich wissen, was man mir vorwirft!«

»Nur ein paar Kleinigkeiten: Mordversuch, Viehdiebstahl und Brandstiftung.«

Green richtete sich in dem Stuhl auf ? Devon bedauerte, daß er sein Gesicht nicht mehr sehen konnte, denn er war überzeugt, daß man von ihm ein unfreiwilliges Schuldbekenntnis hätte ablesen können.

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen, dann klirrten die Handfesseln, die man dem Gefangenen angelegt hatte, und Sammy sagte:

»Das ist natürlich alles erlogen und erstunken.«

»Hoffentlich«, meinte der Sheriff.

»Gegen wen soll ich denn einen Mordversuch gemacht haben?«

»Gegen Mr. Devon hier, auf den Sie bei einem Überfall im Wald geschossen haben.«

»Ich?« fragte Green in einem merkwürdig weinerlichen Ton. »Aber das ist doch eine glatte Lüge.«

»Hoffentlich«, wiederholte Sheriff Naxon milde, »mir machts auch keinen Spaß, einen Menschen henken zu lassen.«

»Wieso?« fuhr Sammy auf. »Selbst wenn ich schuldig wäre ? was ich aber nicht bin ?, für einen versuchten Mord wird man doch nicht gehenkt!«

»Nicht immer. Zwanzig, dreißig Jahre Zuchthaus genügen dafür meistens auch, wenn die Bürger die Sache nicht selbst in die Hand nehmen.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Haben Sie noch nie etwas von Lynchen gehört?«

»Um Gottes willen, wollen Sie mich dem aussetzen?«

»Ich?« verwahrte sich der Sheriff entrüstet. »Freiwillig gewiß nicht ? aber es könnte doch sein, daß das Gefängnis gestürmt wird, und gegen die ganze Stadt bin ich natürlich machtlos.«

»Aber es liegt doch keinerlei Beweis gegen mich vor«, ächzte Sammy Green.

»Also, dann lassen wir mal vorläufig den Mordversuch beiseite. Wie stehts denn mit dem Viehstehlen und Brandstiften? In beiden Fällen ist übrigens auch Mr. Devon der Leidtragende.«

»Damit hab ich ebensowenig zu schaffen«, antwortete Green verbissen.

»Das wäre ja äußerst erfreulich, aber Sie müßten es auch beweisen können.«

»Im Gegenteil ? Sie müssen mir meine Schuld nachweisen«, rief Green, wieder Mut fassend, »und Sie haben auch nicht die Spur von einem Beweis dafür.«

»Du verdammter Schurke«, schrie da der Sheriff so laut, daß sogar Devon erschrocken zusammenfuhr, »du hast Devons Kühe an einen Schlächter verkauft und dabei übersehen, daß einige an den Hörnern gezeichnet waren ? ist das vielleicht kein Beweis? Jedenfalls genügt er, dich baumeln zu lassen, du verlogener Hund! Aber ich will dir Gelegenheit geben, deinen Hals zu retten, wenn du als Kronzeuge gegen die übrige Bande auftreten willst, denn uns liegt hauptsächlich daran, die leitenden Köpfe zu fassen.«

Green war so weiß geworden, daß man es sogar bei der herrschenden Dunkelheit sehen konnte; durch das nach Westen gehende Fenster fiel noch ein Schimmer des verdämmernden Abends.

»Wenn ich selbst reden wollte«, stöhnte jetzt der Gefangene, »ich werde ja in Stücke gerissen ?«

»Dagegen werden wir Sie schon schützen«, sagte der Sheriff wieder in seinem vorigen Ton. »Wenn Sie auf die Seite des Rechts treten, brauchen Sie vor Ihren ehemaligen Freunden keine Angst zu haben. Also wie stehts: wollen Sie Ihren Kopf aus der Schlinge retten, in der er steckt?«

»Großer Gott«, ächzte Sammy, »ich will doch noch nicht sterben, ich kann noch nicht sterben mit so vielen Sünden auf dem Gewissen ?«

»Dann zeigen Sie Reue, erleichtern Sie Ihr Herz, nennen Sie mir den Anführer der Mörderbande.«

»Ja, ja ? ich will reden. Haben Sie jemanden in Verdacht?«

»Wir wollen hier keine Fragen beantworten, sondern Sie haben unsere Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.«

»Gut«, sagte Sammy Green, tief Atem holend, »der Anführer ist ?«

Er sprang plötzlich auf die Füße.

»Da sind sie schon!« schrie er.

Devon drehte sich um: durch die südliche Seitentür fiel ein Lichtstrahl, ein Schuß krachte ? und Sammy Green stürzte zu Tode getroffen zusammen.

Dreißigstes Kapitel

Der Sheriff und Devon eilten zur Tür, aber sie fanden nur eine neugierige Menge, die auf dem Wege zu den nahen Saloons gewesen war. Einige glaubten, zwei Männer an der Gefängnistür gesehen zu haben, behaupteten aber, nicht zu wissen, in welche Richtung sie sich gewandt hätten, auch erkannt wollte niemand sie haben. Offenbar traute sich keiner, eine bestimme Aussage zu machen.

Jetzt traten Vinzent Tucker und sein Vorarbeiter Charlie Way aus der Menge und boten dem Sheriff ihre Dienste an. Tucker, ein kleiner, dunkler, ausgetrockneter Mensch, trug stets Handschuhe mit großen Stulpen aus steifem Kalbleder, deren Finger aber aus unwahrscheinlich dünnem Ziegenleder waren, so daß er, wie man sich erzählte, jede Woche ein neues Paar brauchte; aber der teure Spaß lohnte sich, denn das geschmeidige Leder gestattete ihm, den Colt schnell zu ziehen und sicher zu schießen.

»Leider ist im Augenblick nichts zu tun«, entgegnete ihnen Naxon. »Wie so oft, muß die menschliche Gerechtigkeit abwarten. Das Schlimme ist nur, daß hier in West-London kein Mensch was gesehen haben will.«

Trotz dieser Absage begleiteten Tucker und Way ihn ins Gefängnis, um sich den Toten einmal näher anzuschauen.

»Der Mann, der den Schuß abgegeben hat, ist ein erfahrener Fachmann«, meinte Tucker. »Er hat genau gewußt, wohin er treffen mußte, um diesen Mund sofort zum Verstummen zu bringen ? mitten zwischen die Augen! Und das beim Schein einer Laterne ? wahrhaftig eine Kunstschützenleistung.«

Sammy Green wurde dann dem Gefängniswärter übergeben, der das Nötige für seine Beerdigung veranlassen sollte, natürlich erst, nachdem man seine Taschen genau untersucht hatte. Sie enthielten jedoch nichts Wesentliches. Das einzig Merkwürdige war ein Stück Papier, in das eine größere Menge irgendeines glitzernden Stoffes eingewickelt war.

»Das sind wohl Messingfeilspäne?« fragte der alte Harry.

»Nein, aber Goldstaub«, erwiderte der Sheriff und schloß das Papier in den Schreibtisch des Dienstraumes ein.

»Dies lächerliche Zeug ist nun das, wofür die Leute hier leben«, sagte Jim nachdenklich. »Ob Green das wohl selber gefunden hat?«

»Er hat hier nicht nach Gold gegraben«, antwortete der Sheriff, »also hat ers wahrscheinlich einem anderen geklaut. Na, Friede seiner Asche ? aber da er selbst nichts mehr sagen kann, müssen wir mal zusehen, ob uns Sammy Greens gestohlene Kühe nicht Näheres verraten.«

»Ja, wenn Kühe reden könnten!« meinte Harry.

»Ich werde sie zum Reden bringen«, versicherte Naxon, »verlassen Sie sich darauf. Es gibt keinen kanadischen oder texanischen Stier, der mir nicht alles erzählt, was ich wissen will ? durch die Spuren nämlich, die er auf dem Boden hinterläßt. Sofort geh ich an die Arbeit, denn unter allen Umständen will ich die Bande unschädlich machen. Schon dafür, daß die Kerle mir zum erstenmal, seit ich Diener des Gesetzes bin, einen Gefangenen aus den Händen gerissen haben, sollen sie büßen!«

»Regen Sie sich doch nicht auf«, suchte Jim den Sheriff zu beruhigen, der die letzten Worte, im Gegensatz zu seiner sonstigen Gelassenheit, mit zornbebender Stimme gesprochen hatte, »und vor allen Dingen: morgen ist ja auch noch ein Tag.«

Da der Sheriff jedoch darauf bestand, noch heute abend seine Nachforschungen zu beginnen, holten die anderen ihre Pferde und schlossen sich ihm an. Zunächst ritten sie zu dem Saloon, aus dem Devon Sammy Green abgeholt hatte, da Naxon annahm, daß deren Wirt etwas Näheres über den Toten wisse, der sein Stammgast gewesen war.

Als sie, einer hinter dem anderen, den Schankraum betraten, empfing sie der Wirt mit einer bestürzten Frage:

»Ist es denn wahr, daß Sammy Green erschossen worden ist?«

Der Sheriff nickte.

»Das versteh ich nicht,« entgegnete der Wirt. »So ein guter, harmloser Junge, der keinem Menschen etwas zuleide getan hat!«

»Man hat ihm wohl die Rinder nicht gegönnt, die er irgendwo im Gebirge besitzt«, sagte Naxon. »Wenn ich wüßte, wo sie sich befinden, würde ich sie holen und sie für Sammys Mutter sicherstellen, denn der armen Frau solls ja nicht zum besten gehen.«

Der Wirt machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Ich weiß nicht, wars Sammy selbst, der es mir gesagt hat, oder jemand anders, aber mir ists, als hätt ich gehört, daß er oben beim ?Toten See? eine Herde auf der Weide hat.«

»Vielen Dank«, erwiderte der Sheriff, »dann werd ich dort mal gelegentlich nachsehen.«

Kurz darauf verließen sie den Saloon.

»Nun, meine Herren«, fragte Naxon, als sie im Sattel saßen, »was hat dieser Wirt für einen Eindruck auf sie gemacht? Kann man ihm trauen?«

»Ich halt ihn für den verlogensten Hund, dem ich je begegnet bin«, sagte Jim.

»Ich würde ihm auch nicht über den Weg trauen«, meinte Devon.

»Das freut mich«, erwiderte Naxon, »denn mein Urteil über ihn stimmt mit den Ihren vollkommen überein. Da der ?Tote See?, von dem er gesprochen hat, nach Süden liegt, denk ich, wir wählen die entgegengesetzte Richtung.«

»Das wäre also der Chimmey Canyon auf der anderen Seite der Timbal-Schlucht?« fragte Jim.

»Aber da kann doch kein Mensch Rinder versteckt halten, da wächst doch überhaupt kein Gras«, wandte der alte Harry ein.

»So, was du nicht alles weißt. Bist du denn überhaupt schon mal dort gewesen?«

»Gewiß.«

»Wann?«

»Vor längerer Zeit mal ? im Winter.«

»Lag da Schnee?«

»Freilich ? hoher sogar.«

»Da ists natürlich kein Wunder, daß du kein Gras gesehen hast! Sie haben ganz recht, Naxon, wir müssen nach Norden. Außerdem gibts da massenhaft Schluchten, in denen man Kühe verstecken kann. Lassen Sie sich bloß mit Harry in keine Erörterung ein, sonst stehen wir übermorgen mittag auch noch hier.«

Der Sheriff lachte und ritt dann in nördlicher Richtung davon.

Der Chimmey Canyon, den sie nach einem scharfen Ritt erreichten, lag wie ein schwarzer, enger Riß in dem Felsen vor ihnen, der weiß im Mondlicht schimmerte. Der Eingang dazu war so schmal, daß kaum zwei Reiter nebeneinander Platz hatten.

»Ein oder höchstens zwei Kerle könnten hier allerdings Mus aus uns machen«, meinte der Sheriff bedenklich, »und wenn es Tag wäre, würde ich einen von euch da hinaufschicken, damit er sich die Geschichte erst einmal von oben genauer anschaut.«

»Ach was«, entgegnete Jim lachend, »bei Nacht stirbt sichs viel besser, da sieht man nichts, wenn das Auge bricht, und hat darum auch kein Heimweh nach der Welt, wenn man erst drüben ist. Kommen Sie nur, Sheriff, ich höre die Kühe beinah schon brüllen ? da rechts vorne.«

Jetzt lachten alle und ritten in die tiefe Schlucht ein, in der es so dunkel war, daß sie nicht die Hand vor den Augen sehen konnten, obwohl hoch über ihren Köpfen mondbeglänzte Wolken segelten.

Als sie um eine fast rechtwinklige Biegung kamen, hörten sie in der Ferne Hufgetrappel und dann tatsächlich ein Geräusch, das nur das Brüllen eines Rindes sein konnte, wenn auch verstärkt durch das Echo, das von den Felsen widerhallte.

»Vorwärts marsch-marsch!« rief der Sheriff. »Wir müssen sie einholen!«

Sie galoppierten so rasch, wie es bei der undurchdringlichen Finsternis möglich war. Plötzlich hörten sie ein merkwürdiges, dumpfes Rollen, und kurz vor ihnen sauste ein riesiger Felsblock die steile Wand herab, Sand und Geröll mit sich reißend und eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd, die sich bis hoch hinauf in den Mondschein erhob. Als sie sich verzogen hatte, mußten sie feststellen, daß der Weg völlig verschüttet war.

Die Wut des Sheriffs kannte keine Grenzen, vergebens versuchte er, sein Pferd über das Hindernis hinwegzubringen, doch es fand in den abrutschenden Massen keinen Halt. Schließlich sprang er ab und kletterte zu Fuß hinauf; in der Ferne vernahm er deutlich das Stampfen und Brüllen einer Herde ? das Geräusch wurde schwächer und erstarb schließlich ganz.

»Da ist ja nun nichts mehr zu machen«, meinte Jim schicksalergeben. »Unsere Gäule kriegen wir nicht darüber weg, und zu Fuß den Kerlen nachlaufen, wäre sinnlos. Also wollen wir ruhig nach Hause reiten ? guter Rat kommt über Nacht.«

Damit war jedoch der Sheriff durchaus nicht einverstanden, verbissen suchte er nach irgendeinem Ausweg. Sie durften diese Möglichkeit, den Dingen auf die Spur zu kommen, nicht aus der Hand lassen. Er schlug darum vor, zurückzureiten und zu versuchen, die andere Seite der Schlucht oben auf der Höhe zu erreichen. Jim wies ihm jedoch nach, daß dies keinen Zweck habe, denn ihr Weg würde so häufig durch tiefe Quertäler unterbrochen, daß die Diebe mit der gestohlenen Herde einen viel zu großen Vorsprung gewännen. Außerdem würden sie sicher die Tiere in kleine Gruppen teilen und diese irgendwo in dem Schluchtengewirr verstecken.

Naxon sah das schließlich ein, und so machten sie sich niedergeschlagen auf den Rückweg. Da sie jetzt einem anderen Ende der Stadt zustrebten, kamen sie nach einer Weile an Devons Ranch vorbei. Im Schein des Mondes sahen sie den schwarzen Fleck, wo einst die Blockhütte gestanden hatte, in der die beiden Alten gehofft hatten, ihre Tage zu beschließen.

»Wie wärs denn, wenn wir uns den Schutt da mal genauer ansähen?« schlug Harry vor. »Vielleicht findet man irgendeinen Anhaltspunkt, der einen Rückschluß auf die Täter ermöglicht.«

»Red doch nicht so entsetzlich geschwollen ? wir glauben auch so, daß du ein belesener Mann bist«, erwiderte Jim. »Außerdem ists natürlich Blödsinn, was du sagst, denn wo ich am Tag nichts gefunden habe, wirst du bei Nacht erst recht nichts entdecken.«

»Das kann man gar nicht wissen«, behauptete Harry hartnäckig. »Du warst damals erregt. Der Mond scheint so hell ?«

»Schrecklich, wenn so ein Dickkopf alt wird!« unterbrach ihn Jim. »Es wurmt dich natürlich bloß, daß wir so ohne jeden Erfolg nach Hause zotteln müssen.«

Der Sheriff, der diesen Familienzwist vergnügt lächelnd mit angehört hatte, hob plötzlich den Arm, um die anderen zurückzuhalten.

»Diesmal scheint Harry recht gehabt zu haben«, sagte er leise. »Da am Rande des Staubeckens kniet ein Mann. Es sieht aus, als ob er betet.«

Einunddreißigstes Kapitel

Nach kurzer Überlegung beschlossen sie, sich auf alle Fälle den merkwürdigen Nachtwandler einmal näher anzusehen. Sie schwärmten also aus, der Sheriff nach links, Devon nach rechts, während die beiden Alten geradeaus ritten.

Leider gelang es ihnen nicht, den Mann zu stellen. Als Devon, dem ein Hügel die freie Aussicht genommen hatte, an dem Staubecken ankam, sah er einen Reiter galoppieren, dem Walde zu, der den westlichen Horizont abschloß.

Da Devon wußte, daß der Reiter in Sicherheit sein würde, wenn es ihm gelang, den Wald zu erreichen, gab er seiner braunen Stute die Sporen und jagte dem Flüchtling nach. Auch die drei Alten nahmen die Verfolgung auf, doch sie lagen bald hoffnungslos zurück.

Devons Tier, das zweifellos einen Schuß Vollblut in sich hatte, hielt sich großartig ? stetig holte es auf. Walt duckte sich tief auf den gestreckten Hals des Pferdes nieder, um den Luftwiderstand zu vermindern, und gab jede nur erdenkliche Hilfe, so daß der Zwischenraum zwischen ihm und dem Verfolgten immer kleiner wurde. Dieser schien die drohende Gefahr zu spüren, denn plötzlich fuhr er im Sattel herum und schoß ? die Kugel flog jedoch hoch über Devons Kopf vorüber.

Jeder Schuß kostete dem Fliehenden zwei ganze Längen. Als die ersten Bäume vor ihnen auftauchten, lag die Stute fast nur noch einen Meter zurück. Jetzt wäre für den anderen der richtige Augenblick gewesen, auf den Verfolger zu schießen, und Devon wartete mit dem Colt in der Hand, daß der Reiter sich umdrehen würde; doch der hatte offenbar genug damit zu tun, sein flinkes Pferd ungefährdet zwischen den Stämmen hindurchzubringen.

Devon überholte ihn, und als der Verfolgte jetzt einem dicken Baum auswich, lief er ihm direkt in die Arme. Devon hätte ihn glatt niederschießen können, als das Pferd zurückprallte, aber das wäre fast ein Mord gewesen, und darum ließ er den Revolver fallen und packte den Verfolgten um den Leib.

Der Ruck, den sein Schultergelenk aushalten mußte, war reichlich schmerzhaft, aber der Körper, den er im Arm hielt, war merkwürdig leicht, und mit einer Hand konnte er beide Handgelenke seines Gefangenen umspannen. Als der Wind jetzt den breiten Rand des Hutes hob, sah er in ? Mabel Maynards erhitztes Gesicht.

Er war so verblüfft, daß er sie beinah hätte fallen lassen.

»Ich muß fort, ehe die anderen kommen«, keuchte sie atemlos. »Halten Sie mich nicht ? Sie ahnen ja nicht ?«

Betroffen ließ er sie los, es war, als ob seine Hände plötzlich alle Kraft verloren hätten. Sie glitt herab und eilte zu ihrem Pferd ? aber es war bereits zu spät, denn Devons Freunde hatten den Wald schon erreicht. Harry setzte Mabel die Mündung seines Gewehres auf die Brust, und nur ein erschreckter Zuruf Devons konnte das Schlimmste verhüten.

»Nanu, was ist denn das für ein merkwürdiger Fisch, den wir da gefangen haben?« fragte der Alte erstaunt.

Jim und der Sheriff kamen heran, das junge Mädchen stand gegen ihr Pferd gelehnt und schien sich kaum aufrechthalten zu können. Ihr Blick war zu Boden geschlagen, dicke Tränen liefen ihr über das Gesicht.

»Na, na, nun weinen Sie man nicht«, redete Jim ihr zu, »Sie sollen ja noch nicht gehenkt werden. Umbringen wollen wir Sie nicht. Haben wir Sie so erschreckt, kleine Miss? Ja, dann hätten Sie sich nicht als Junge verkleiden sollen und vor allem nicht auf einen Menschen schießen dürfen. He, Walt, komm du doch mal her und sprich mit ihr, vor mir hat sie offenbar zu große Angst.«

Devon stieg ab und trat näher. Er war vollkommen aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Wie war es möglich, daß ein so liebliches, unschuldig dreinblickendes Geschöpf so verworfen sein konnte? Obwohl er ihre Falschheit kannte, hätte er sie am liebsten laufen lassen, doch er durfte nicht vergessen, daß durch ihre Schuld Harry und er beinah getötet worden waren.

»Ich kann Sie mit der Lady bekannt machen, Sheriff«, sagte er bitter.

»Was, Sie kennen sie?« fragte Naxon überrascht.

Jetzt erwachte die Gefangene plötzlich aus ihrem Traumzustand, in den Sorge und Angst sie versetzt zu haben schienen. Sie hob wie flehend die Hände zu Devon und bat schluchzend:

»Lassen Sie mich frei ? wenn er mich ins Gefängnis sperrt, bring ich mich um, wahr und wahrhaftig!«

»Großer Gott, so beruhigte sie doch!« sagte Jim. »Du siehst doch, daß sie Todesangst aussteht.«

»Dazu hat sie auch alle Ursache«, entgegnete Devon. »Aber sie wird sich bestimmt nicht umbringen, sondern warten, bis man sie henkt. Sie heißt nämlich Mabel Maynard und ist die junge Lady, die Harry und mich in den Tod geschickt hat, als wir ?Hans im Glück? suchen wollten.«

Devon, der lange Zeit im Osten gewesen war, wo weibliche Verbrecher selbstverständlich mit der gleichen Unerbittlichkeit bestraft werden wie deren männliche Kollegen, hatte ganz vergessen, daß im frauenarmen Westen das weibliche Geschlecht eine Sonderstellung einnahm. Hier betrachtete man die Frau in stillschweigendem Übereinkommen als ein Wesen höherer Art und sah in ihr die Verkörperung aller menschlichen Tugenden. Dies alles fiel ihm erst wieder ein, als seine Begleiter ihn mit Entsetzen anstarrten.

Der alte Jim war es schließlich, der das lange Schweigen zuerst brach.

»Du wirst doch hoffentlich nicht etwas behaupten, was du nicht ganz sicher weißt?« fragte er vorsichtig.

»Sie ist bestimmt die Frau, die ?Hans im Glück? als ihren Bruder bezeichnet hat«, erwiderte Devon, »und außerdem hat auch er zugegeben, daß sie seine Schwester ist.«

»Es gibt schlechtere Leute als ?Hans im Glück?«, knurrte der Sheriff.

»Gewiß«, sagte Devon, »ich mag ihn auch recht gern, und schon seinetwegen möchte ich mit Mabel möglichst glimpflich umgehen ? aber wir können sie doch wohl nicht gut laufen lassen?«

»Eine einzelne Jungkuh kann doch schließlich nicht viel Unheil in der Herde anrichten«, meinte Harry, »wenn Sie den unpassenden Vergleich verzeihen wollen, Miss.«

Sie nickte mit liebenswürdigem Lächeln dem Alten zu.

»Nicht wahr, Sie wissen, daß ich nichts Unrechtes getan habe?« sagte sie schmelzend und fuhr, zu Devon gewandt, fort: »Sehen Sie, alle die drei Gentlemen glauben mir, und die sind doch viel älter als Sie.«

»Allerdings sind sie das und tausendmal erfahrener als ich ? bloß nicht im Umgang mit Weibern Ihrer Art«, entgegnete Devon.

»Reden Sie nicht in dem Ton mit ihr«, flüsterte der Sheriff ihm zu, »das hat außerdem gar keinen Zweck.«

Devon zuckte die Achseln, dann sagte er zu dem jungen Mädchen:

»Sie haben gehört, was für eine Anschuldigung ich gegen Sie erhoben habe. Wenn Sie irgendeine Aufklärung geben können, bin ich der letzte, der Sie eingesperrt wissen will.«

»Es ist alles nicht wahr, was Sie behauptet haben ? Sie hassen mich einfach, wenngleich ich mir nicht denken kann, warum.«

»Wir wollen mal die Tatsachen festlegen«, mischte sich jetzt der Sheriff ein. »Es scheint doch, als ob Sie irgendwie an dem Überfall gegen Mr. Devon beteiligt gewesen sind, wie er behauptet.«

»Aber wieso denn nur?« entgegnete das junge Mädchen lebhaft. »Ich habe doch Mr. Devon nicht gebeten, meinen Bruder zu suchen, ich habe nur Mrs. Purley erzählt, was mich hergeführt hat, und die hat ihn dann dazu veranlaßt.«

»Das ändert aber nichts daran, daß wir direkt in die Gewehre hineingeritten sind«, wandte Devon ein.

»Ja«, rief sie erregt, »denn leider erst, nachdem Sie aufgebrochen waren, hörte ich in dem Kosthaus, daß der Mann, der Sie führen sollte ? Lewis heißt er ja wohl? ? sehr unzuverlässig und gefährlich sei. Da bin ich Ihnen nachgelaufen, um Sie zu warnen, aber Sie hatten schon einen zu großen Vorsprung, und am Rande des Waldes bin ich dann umgekehrt, weil ich mich nicht hinein getraut habe.«

Die drei alten Herren schienen, wie ihr Nicken bewies, jetzt völlig überzeugt zu sein, Devon aber sagte spöttisch:

»Später aber haben Sie dann offenbar Ihre Scheu überwunden, denn sonst hätte ich Sie doch kaum allein in dem gleichen Wald und noch dazu in tiefer Nacht treffen können.«

»Was haben Sie darauf zu erwidern, Verehrteste?« fragte der Sheriff, da Mabel Maynard schwieg.

»Als ich von dem schändlichen Verdacht erfuhr, in dem man mich in West-London hatte, bekam ich eine Todesangst und bin einfach davongelaufen«, erzählte sie sehr geläufig, »und mitten im Wald bin ich dann Mr. Devon begegnet ?«

»Da hatte sich Ihre Todesangst aber schon gründlich gelegt«, unterbrach Walter sie mit bitterem Hohn.

»Da hatte ich ja auch keine Ursache mehr, Angst zu haben«, erwiderte sie schlagfertig, »denn ich wußte bereits, daß Sie ein Gentleman sind, Mr. Devon!«

»Und wieso haben Sie in der Zwischenzeit das bewußte Signal pfeifen gelernt?«

»Was für ein Signal?«

»Ach, haben Sie das inzwischen wieder vergessen?«

Leise pfiff er die Tonfolge, die er so oft schon gehört.

»Richtig, jetzt entsinn ich mich«, sagte sie nachdenklich.

»Das freut mich«, erwiderte Devon, »dann können Sie ja auch wohl meine Frage beantworten?«

»Als ich an jenem Abend durch den Wald ging«, erzählte sie, »traf ich plötzlich einen Mann ?«

»Wie sah denn der aus?« unterbrach sie Devon.

»Sehr dick war er, und statt der Hosenträger hatte er nur einen Strick um den Leib, und ? er war sehr groß.«

»Das ist ja eine erschöpfende Personalbeschreibung«, meinte Devon lächelnd. »Na, und wie geht die Sache weiter?«

»Ich war natürlich sehr erschrocken und blieb stehen, und da fragte er mich, wohin ich wolle, und ich erwiderte, ich ginge nur spazieren.«

»Das klingt doch aber sehr unwahrscheinlich.«

Sie bezog Devons Einwand offenbar in absichtlichem Mißverstehen auf ihre damalige Antwort, denn sie fuhr fort:

»Ich wußte nicht, was ich sonst sagen sollte, ich konnte vor Angst kaum atmen. Aber er war ganz liebenswürdig und meinte nur, es sei sehr unvorsichtig von mir, da ich mich leicht verlaufen könne. Schließlich erzählte er mir noch, daß in dem Wald Leute lebten, und wenn ich mich wirklich mal verirren sollte, brauche ich nur so, wie er es mir vormachte, zu pfeifen, dann würde sicher jemand kommen und mich auf den richtigen Weg zurückbringen.«

»Und warum haben Sie denn gepfiffen, als Sie mich trafen?« fragte Devon weiter.

»Weil Sie mir Angst eingejagt haben. Da fiel mir der Pfiff wieder ein. Warum Sie dann aber so plötzlich davongestürzt sind, weiß ich heutigentags noch nicht.«

»Na ja«, meinte Jim, das klingt doch alles recht einleuchtend.

»Was ? glaubst du etwa diesen Unsinn?« fragte Devon ärgerlich. »Hältst du es für möglich, daß der dicke Mann, den sie da erfunden hat, so gottvergessen dämlich gewesen wäre, einem unbekannten Mädel, dem er zufällig im Walde begegnet, das geheime Signal einer Verbrecherbande zu verraten, und daß sie bei dem Zusammentreffen mit mir absichtslos dies Signal gegeben hat?«

»Ich kann mir nicht helfen ? mir leuchtet das ein«, murmelte Jim.

»Würden Sie mir freundlichst sagen, wo Sie die ganze Zeit über gewohnt haben?« fragte der Sheriff jetzt das junge Mädchen.

»Gewiß ? bei Mr. und Mrs. Gregory Wilson«, erwiderte sie rasch.

»Gregory kenn ich als einwandfreien Ehrenmann«, nickte Naxon, »und seine Frau ist gleichfalls über jeden Verdacht erhaben. Sie hätten als alleinstehende junge Lady gar kein geeigneteres Haus finden können. Was sagen Sie dazu, Devon?«

Walter zuckte die Achseln.

»Wahrscheinlich hat sie Mr. Wilson auch im Walde kennengelernt«, sagte er höhnisch.

»Das stimmt sogar«, erwiderte sie lebhaft, »aber Mr. Wilson hat mich nicht erschreckt ?«

»Sondern Ihnen sein Haus als Wohnung zur Verfügung gestellt?«

»Gewiß.«

»Und warum?«

»Weil ich müde und hungrig war ? und wahrscheinlich, weil ich ein bißchen geweint habe.«

»Schön ? dann bitte ich nur noch um Auskunft, was Sie mitten in der Nacht und noch dazu in Männerkleidung auf meinem Grundstück hier zu suchen hatten.«

»Mein Kleid war sehr abgetragen, und da mir der Anzug von Mr. Wilsons Sohn gerade paßte ? das Pferd ist auch Mr. Wilsons Eigentum ?«

»Das erklärt, wie Sie zu Anzug und Pferd gekommen sind, aber noch immer nicht, wieso wir Sie hier getroffen haben.«

»Ich konnte nicht schlafen«, erwiderte sie, »die Sorge um meinen Bruder hielt mich wach, und da bin ich aufgestanden, um mich müde zu machen ? es ist ja eine so prachtvolle Mondnacht. Ich bin immer der Nase nach geritten; daß ich gerade hierhergekommen bin, ist reiner Zufall. Ich war durstig geworden, und da ich das Wasser sah, bin ich abgestiegen, doch dann hab ich gemerkt, daß es schmutzig war, und da ?«

»Kamen wir über die Hügel«, unterbrach sie der Sheriff, »und haben Ihnen einen Todesschrecken eingejagt.«

»Ja, aber der ist ja nun, Gott sei Dank, überstanden«, sagte sie aufatmend »und die schreckliche Hetzjagd auch ?«

»Bei der Sie mir den Schädel mit Ihren Schüssen zerschmettern wollten«, ergänzte Devon trocken.

»Bitte sehr ? ich habe nur in die Luft gefeuert, um Sie von der Verfolgung abzuhalten«, entgegnete sie, Devon anlächelnd. »Allerdings hätte ich mir ja sagen müssen, daß ein Mann wie Sie durch nichts von einem Vorhaben abgebracht werden kann.«

Devon antwortete nicht auf diese ? wie es ihm vorkam ? recht plumpe Schmeichelei; auch die anderen drei schwiegen.

»Was werden Sie nun mit mir tun, Sheriff?« fragte das junge Mädchen schließlich. »Ich hoffe doch, Sie haben sich davon überzeugt, daß ich nichts Unrechtes getan habe?«

»Aber selbstverständlich, meine Verehrteste«, erwiderte Naxon, »Sie sind frei und können hingehen, wohin es Ihnen beliebt.«

»Vielen herzlichen Dank!«

Zweiunddreißigstes Kapitel

»Einen Augenblick, Sheriff«, sagte da Devon. »Ich verlange, daß Sie die Lady festnehmen und ins Gefängnis bringen ? wenn wir nach West-London kommen, werde ich eine schriftliche, eidesstattliche Erklärung abgeben, die Sie zwingt, diese Verhaftung vorzunehmen. Ich klage diese junge Lady wegen versuchten Mordes an.«

Er wußte genau, daß er durch diese Worte sehr in der Achtung seiner Gefährten sank, aber er sah keine andere Möglichkeit, um hinter das Geheimnis, das diese Frau umgab, zu kommen.

»Mord?« flüsterte sie entsetzt, während die drei Alten, sich verdutzt ansehend, schwiegen.

»Jawohl«, erwiderte Devon schroff, »ich bin nämlich nicht sentimental und verliere den Kopf nicht so leicht, wenn es sich um eine schöne Frau handelt, wie Sie wohl angenommen haben. Darf ich Ihnen jetzt auf Ihr Pferd helfen?«

Sie wagte nicht, zu widersprechen, sondern ließ sich von ihm in den Sattel heben, dessen Knauf sie mit beiden Händen umklammerte, als ob sie fürchtete, herabzufallen.

»Aber das geht doch nicht«, brummte der Sheriff ärgerlich.

»Wenn Sie sie laufen lassen, binde ich sie auf dem Gaul fest und bringe sie so in die Stadt«, entgegnete Devon. »Wahr und wahrhaftig, das tu ich!«

Vor seiner entschlossenen Rede gab der Sheriff, wenn auch sichtlich schweren Herzens, nach.

»Es wird aber verdammt viel Staub aufwirbeln«, warnte er, »denn man kann doch schließlich ein unschuldiges Mädel ? ich meine eine junge Lady wie die da ? nicht für alle Schandtaten, die kürzlich in West-London verbrochen worden sind, verantwortlich machen. Vor allem, fürchte ich, wird man Sie mächtig auslachen, mein Lieber.«

»Auf die Gefahr hin, verlacht zu werden, wage ichs«, erwiderte Devon. »Außerdem werden Sie selbst bald genug dahinterkommen, daß mein Verdacht begründet ist. Dies Mädchen ist viel zu schön, als daß es auch noch gut sein könnte.«

»Na also, junger Mann, machen Sie, was Sie für richtig halten«, brummte der Sheriff.

Schweigend stiegen alle auf, nachdem Devon die Gefangene kurz, aber eindringlich davor gewarnt hatte, ja kein Signal zu pfeifen, wenn man sich der Stadt nähere.

Langsam, alle mit ihren Gedanken beschäftigt, ritten sie aus dem Wald heraus auf die mondbeschienene Ebene. An einem kleinen Weidengestrüpp hielt Jim plötzlich an und schwang sich aus dem Sattel.

»Was gibts?« fragte Devon.

»Die kleine Miss hat hier ihr Taschentuch verloren, als sie vorhin vorbeigaloppierte«, erwiderte Jim.

»Das kann nicht gut sein«, sagte Mabel Maynard rasch, »denn das hab ich in der Hand, wie Sie sehen.«

»Dann war es etwas anderes«, behauptete Jim. »Ich habe deutlich gesehen, daß etwas Weißes ins Gebüsch fiel ? du nicht auch, Harry?«

»Nein, ich habe nichts bemerkt.«

»Na, da ich schon mal abgestiegen bin, kann ich ja auch nachschauen.«

»Ach bitte, bemühen Sie sich doch nicht, es kann bestimmt nichts Wichtiges gewesen sein«, rief die Gefangene, doch Jim war bereits suchend in das Gestrüpp getreten und hob jetzt tatsächlich ein weißes Tuch auf.

»Zu liebenswürdig«, sagte das junge Mädchen, »der alte Lappen ist wirklich nicht wert, daß Sie sich danach gebückt haben.«

»Alt scheint er nun gerade nicht zu sein«, meinte Jim, das Tuch betrachtend.

Mabel streckte ungeduldig die Hand nach ihm aus, doch plötzlich kam Devon, der die ganze Szene schweigend beobachtet hatte, ihr zuvor.

Das Taschentuch war feucht und völlig zerknittert, offenbar war irgend etwas darin eingewickelt gewesen. Als er es auseinanderbreitete, sah er etwas Glitzerndes daran haften. Kopfschüttelnd zündete er ein Streichholz an. Kein Zweifel, in dem Schlamm, der an der Innenseite des Tuches klebte, befanden sich kleine, gelbe Teilchen, die seltsam schimmerten!

Das Tuch in die Tasche steckend, sagte er zu den anderen, die ihm erstaunt zugesehen hatten:

»Nun wollen wir mal an die Stelle zurückgehen, an der wir die junge Dame vorhin überrascht haben ? wir werden dort etwas sehr Merkwürdiges finden.«

»So ? was denn?« fragte der Sheriff.

»Den Grund, warum so viele Leute durchaus mein Land in ihren Besitz bringen wollen.«

»Und der wäre?«

»Das Gold, das man aus dem Schlamm herauswaschen kann«, erwiderte Devon.

Dreiunddreißigstes Kapitel

Bei dem Wort ?Gold? horcht man überall in der Welt auf ? wieviel mehr im Westen Amerikas, wo die Menschen es so häufig mit angesehen haben, daß irgendein Glückspilz unwahrscheinliche Reichtümer dem Boden abgewonnen hat. Selbst die beiden philosophischen Alten schienen völlig den Kopf verloren zu haben, und die schöne Mabel Maynard hätte ungehindert entfliehen können, wenn Sheriff Naxon es nicht als gewissenhafter Beamter für seine Pflicht gehalten hätte, sich ihrer jetzt doch zu versichern.

In gestrecktem Galopp ritten alle zu dem Staubecken zurück, in dessen Oberfläche sich der bereits tief stehende Mond spiegelte und in dessen schlammigen Rändern man schon von weitem die Löcher sah, die Rinder und Pferde hinterlassen hatten, wenn sie hierher zur Tränke kamen.

»Ist es vielleicht glaubwürdig, daß die junge Lady hier abgestiegen ist, um zu trinken?« fragte Devon. »Selbst ein Blinder hätte gemerkt, daß das Wasser faulig ist ? am Geruch nämlich ? und muß man niederknien, um festzustellen, daß es schmutzig und für Menschen ungenießbar ist?«

Harry und Jim hielten eine Antwort für überflüssig ? ohne ein Wort zu sagen, wateten sie in das brackige Wasser. Devon zog sein Hemd aus, breitete es auf dem trockenen Boden aus, mit den Händen schaufelten sie den Schlamm hinein, um ihn dann auszuwaschen.

Bis an die Schultern beschmutzten sie sich dabei, sie sahen mehr wühlenden Schweinen als Menschen ähnlich ? aber das machte sie weder in ihren eigenen Augen, noch in denen der Zuschauer lächerlich.

Während die beiden Alten das Hemd hin und her bewegten wie eine Kinderwiege, goß Devon ununterbrochen Wasser darüber, so daß schließlich, nur noch ein paar Hände voll einer schwarzen Masse übrigblieben.

»Das ist kein gewöhnlicher Dreck«, erklärte Harry, »dazu ist er viel zu schwer. Vorwärts, Walt, weiter, wir müssen noch mehr Wasser haben.«

Devon schüttete immer mehr, seine Hände zitterten schon, das Wasser wurde klarer und klarer, dann nahm Harry das Hemd allein, wrang es gründlich aus, und nun begaben sie sich an eine trockene Stelle, um die Leinwand sorgfältig auszubreiten. Wo der Schlamm seine Spuren hinterlassen hatte, schimmerte es metallisch, in der Mitte aber lag ein kleines Häufchen glitzernder Körnchen!

»Wahrhaftig, Sie haben recht gehabt, Devon!« sagte der Sheriff erstaunt.

Mabel Maynard, die neben ihm stand, starrte gleichfalls mit halb offenem Mund auf den Fund nieder.

Der alte Jim kratzte sorgfältig den Goldstaub zusammen, hielt die flache Hand, auf der er lag, in den Schatten, dann zündeten Devon und Harry Streichhölzer an, und bei deren Schein betrachteten sie das gleißende Gold genau. Plötzlich schloß Jim die Hand und sagte:

»Wir haben noch keine zwanzig Pfund von dem Schlamm ausgewaschen und doch auch nur sehr oberflächlich ? was ich hier aber habe, ist für mindestens fünfzig Dollar Gold ? versteht ihr, was das bedeutet?«

Er warf den Kopf zurück und lachte, der Wind spielte in seinen langen, bis auf die Schultern herabfallenden, weißen Haaren ? wie ein zweiter König Lear sah er aus.

Devon stand wie benommen. Vor seinem geistigen Auge sah er aus dem unermeßlichen Reichtum, den dieser Schlamm da barg, Städte erstehen, mit hellerleuchteten Straßen, stolze Pferde sah er die edlen Köpfe schütteln, er hörte das Klappern von Hufen, das Rollen von Rädern, herrliche Musik, lockendes Frauenlachen ? den Duft von tausend Blumengärten glaubte er einzuatmen ? aber plötzlich war er wieder in der Gegenwart, neben der übelriechenden Wasserstelle, seine Knie schmerzten, ihn fröstelte, und neben ihm standen zwei zerlumpte, verbrauchte Greise.

Rasch sprang er auf.

»Ich denke, nun sind Sie überzeugt, Sheriff?« fragte er.

Der Sheriff sah ihn verträumt an.

»Wovon überzeugt ? daß hier Gold ist, daß der ganze Boden und nicht nur der Schlamm in den Wasserlöchern von Gold strotzt? Ja, davon bin ich allerdings überzeugt.«

Devon schüttelte den Kopf.

»Das meine ich nicht«, sagte er barsch. »Ob Sie davon überzeugt sind, daß die Lady da uns belogen hat?«

Der Sheriff schob den Hut ins Genick und drehte sich nach dem jungen Mädchen um ? man sah ihm an, daß seine Gedanken ganz woanders waren als bei ihr.

»Vielleicht haben Sie recht«, murmelte er, »ich weiß es nicht.«

»Aber ich bitte Sie«, entgegnete Devon ungeduldig, »die Geschichte mit ihrem Taschentuch ist doch wohl Beweis genug.«

Naxon schien erst jetzt aus einem Traum zu erwachen.

»Ja gewiß, natürlich«, sagte er, »auch nicht die Spur eines Zweifels ist mehr möglich, und sie wird selbstverständlich heute nacht im Gefängnis schlafen müssen. Wissen Sie übrigens, daß sie damit die erste Frau ist, die jemals in meinem Gefängnis gesessen hat?«

»Haben Sie das gehört?« fragte Devon das junge Mädchen.

Sie sah ihn groß an, antwortete aber nicht.

»Sie wissen also, was Ihnen blüht«, fuhr Devon fort, »aber Sie können sich das ersparen, wenn Sie uns die Männer nennen, die hinter dieser Sache stecken, ich meine die Schurken, die nicht vor einem Mord zurückschreckten, weil es ihnen nicht gelungen ist, das Gold hier gegen eine lächerliche Kleinigkeit zu kaufen. Wenn Sie uns diese Namen nennen, verbürge ich mich dafür, daß der Sheriff Sie mit keinen weiteren Fragen belästigen wird.«

Mabel Maynard schwieg noch immer, wie hilfesuchend sah sie die drei Alten an, dann aber kehrte ihr Blick zu Devon zurück.

»Sie scheinen sich noch nicht ganz klar darüber zu sein«, sagte dieser eindringlich, »was es für eine Frau bedeutet, im Gefängnis gewesen zu sein, denn sonst würden Sie nicht zögern, die Gelegenheit zu ergreifen, die wir Ihnen bieten. Nicht wahr, Sheriff, auch für Sie ist die Angelegenheit erledigt, wenn die junge Dame uns die gewünschten Namen nennt?«

»Ganz gewiß«, bestätigte Naxon eifrig, »diese Zusicherung gebe ich Ihnen in aller Form! Sprechen Sie, erleichtern Sie Ihr Herz, dann lasse ich Sie sofort frei.«

Mabel Maynard spielte mit der Mähne ihres Pferdes, sah Devon fest ins Gesicht, sagte aber immer noch nichts.

»Aus der kriegen Sie nichts raus, Sheriff«, meinte Jim, »die ist nicht wie der selige Sammy Green, die verrät ihre Spießgesellen nun und nimmer.«

Das junge Mädchen hatte, solange er sprach, den Alten angeschaut, doch dann kehrten ihre Augen wieder zu Devon zurück. Ihn ihrem Blick lagen weder Zorn noch Herausforderung ? es war, als ob sie ihn aus irgendeinem Grund nicht von ihm abwenden könne.

Devon drehte sich plötzlich um und ging sinnend auf und ab.

»Ich glaube, es wird Zeit, daß wir zurückreiten«, sagte er schließlich.

»Gewiß, an der Zeit wärs schon«, nickte Naxon.

Devon trat an Mabel Maynard heran, die, an das Pferd gelehnt, zu ihm aufsah.

»Steigen Sie auf und reiten Sie, wohin Sie wollen«, sagte er. »Wenn ich auch weiß, wer Sie sind, und überzeugt bin, daß eine Frau wie Sie mehr Unheil anrichten kann als zehn Männer, will ich Ihnen nichts Böses zufügen. Sagen Sie Ihren Freunden, daß sie ihr Spiel verloren haben, wenn es ihnen nicht noch rasch gelingt, ein paar nette, kleine Morde zu begehen. Aber sagen Sie ihnen auch, daß wir mächtig auf der Hut sein werden.«

Damit hob er sie auf ihr Pferd und schwang sich selbst in den Sattel, die anderen folgten seinem Beispiel. Der Sheriff, Harry und Jim ritten voraus, Devon und das junge Mädchen schweigend hinterdrein.

Als die Lichter von West-London jenseits der Timbal-Schlucht vor ihnen auftauchten, gab Devon seinem Pferd die Sporen, so daß er bald mit den drei alten Männern in einer Reihe ritt. Jim legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Das hab ich von Anfang an gewußt, Walt ? du bist viel zuviel Mann, um anders gegen ein Weib zu handeln.«

Vierunddreißigstes Kapitel

Während die vier Reiter im Zickzack in die tiefe Schlucht hinabritten, erörterten sie, welche Schritte nun zunächst ergriffen werden müßten.

Der Sheriff riet Devon, von Sachverständigen den Boden seiner Farm genau untersuchen und durch Stichproben die Tiefe und Dichte des Goldvorkommens feststellen zu lassen, um möglichst bald mit dem Abbau beginnen zu können, der seiner Meinung nach keinerlei technische Schwierigkeiten bieten würde. Je rascher er damit anfange, um so sicherer sei er vor Anschlägen durch seine unbekannten Gegner, die die Sinnlosigkeit ihres Versuches, sich durch Mord in den Besitz seines Landes zu setzen, dann ja einsehen würden. Ihm zwei vertrauenswürdige Sachverständige zu besorgen, sei er gern bereit.

Devon nahm dieses Anerbieten mit Dank an.

Sie hatten inzwischen den jenseitigen Rand der Schlucht erreicht, und hier wandte Devon zufällig den Blick zurück. Fern im Tal sah er einen Lichtschimmer, kaum viel heller als einer der Sterne am nächtlichen Himmel, der sich hin und her bewegte. Er riß sein Pferd herum, denn er hatte das Regelmäßige in dieser Bewegung bemerkt, und buchstabierte aus den Morsezeichen dieses Lichttelegrammes den folgenden Satz heraus:

»Gold gefunden ? alles hängt vom nächsten Schlag ab. Wollen uns morgen abend um zehn treffen.«

Da das Licht erlosch, wandte sich Devon rasch der Stadt zu, um festzustellen, ob von dort irgendeine Antwort erfolge, doch er konnte nichts entdecken. War das Ganze vielleicht nur ein Spiel seiner überhitzten Phantasie gewesen?

Er hatte die Worte, die er aus den Lichtzeichen entzifferte, laut vor sich hin gesprochen, so daß seine drei Begleiter sofort im Bilde waren.

»Das war wohl so eine Art optische Telegraphie?« fragte der Sheriff.

»Ja ? haben Sie das auch gesehen?«

»Gewiß, aber klug wäre ich aus dem Geblinkere nicht geworden.«

»Kannst du den Platz feststellen, wo das Licht aufflammte?« fragte Jim besorgt. »Das wäre doch verdammt wichtig für uns.«

»Leider nicht«, erwiderte Devon, »als ich mich umdrehte, um zu sehen, ob eine Antwort erfolge, hab ich den Punkt verloren ? und zu beurteilen, ob er nah oder sehr weit war, hängt von der Größe der benutzten Lichtquelle ab.«

»Wir wollen einfach eine Weile warten«, schlug Harry vor, »vielleicht telegraphieren sie noch einmal.«

»Bestimmt nicht«, entgegnete Jim überzeugt. »Solch glückliche Zufälle ereignen sich nicht mehrmals hintereinander.«

»Unwahrscheinlich ists ja, aber wissen kann mans nie«, meinte der Sheriff. »Jedenfalls würde ich raten, daß Sie, Devon, das Tal im Auge behalten. Sie können das ja bequem, da das eine Fenster von Ihrem Zimmer nach dieser Seite geht. Bis Sie dort sind, werde ich hierbleiben und zusehen, ob sich etwas ereignet. Jim und Harry aber täten gut, zu Bett zu gehen.«

Sein Vorschlag fand allgemeinen Beifall, und so begab sich Devon rasch nach Mrs. Purleys Kosthaus und bezog seinen Posten an dem offenen Fenster.

Eine halbe Stunde saß er bereits und starrte so angestrengt hinaus, daß es ihm fast vor den Augen flimmerte, ohne das geringste entdeckt zu haben. Da hörte er plötzlich hinter sich in dem dunklen Zimmer eine Stimme sagen:

»Bleiben Sie ruhig sitzen, Devon, drehen Sie sich nicht um, sondern blicken Sie weiter zum Fenster hinaus ? dann geschieht Ihnen nichts!«

Devon biß die Zähne aufeinander, sein Herz schlug ihm bis in den Hals. Er wollte herumfahren und sich dabei gleichzeitig auf den Boden werfen, doch dann fiel ihm ein, daß er, da draußen der Mond schien, gegen das Fenster ein Ziel abgab, wie man es sich nicht besser wünschen konnte. Er rührte sich also nicht ? sein Atem ging schwer, auf seine Stirne trat der Schweiß.

»Haben Sie mich erkannt?« fragte da die Stimme.

»Nein.«

»In West-London nennt man mich ?Hans im Glück?.«

Devons Herz schlug sofort ruhiger.

»Sie haben mich in der Hand«, sagte er. »Was wünschen Sie von mir?«

»Wenn Sie vernünftig sind, nichts Schlimmes ? nur eine Aufklärung.«

Devon nickte.

»Schön, sagen Sie, was Sie von mir wissen wollen.«

»Eigentlich könnten Sie sich das ja denken ? es handelt sich um Mabel. Ich habe versucht, sie zu finden, aber vergeblich. Wissen Sie, wo sie ist?«

Devon überlegte.

»Ich hege wirklich keinen Groll gegen Sie, Hans«, sagte er schließlich, »und darum geb ich Ihnen nur den einen Rat: vergessen Sie, daß Sie je eine Schwester gehabt haben.«

»Ich zweifle nicht daran, daß Ihre Worte gut gemeint sind, aber offenbar gehen Sie von einer falschen Voraussetzung aus, weil Sie eine Frau, wie meine Schwester, nicht verstehen können.«

»Nein, das kann ich allerdings nicht«, erwiderte Devon bitter. »Daß sie mir mit Hilfe anderer nach dem Leben trachtet, hätt ich zur Not noch begriffen, aber, daß sie es mit eigener Hand tun würde ?«

»Wieso ? was wollen Sie damit sagen?« unterbrach ?Hans im Glück? ihn hastig.

»Heute nacht erst sind Kugeln, die sie abgeschossen hat, dicht an meinem Kopf vorübergeflogen.«

»Allmächtiger!« rief Hans. »Sie haben sie also heute nacht noch gesehen?«

»Jawohl ? bei dem Versuch, mich und zwei alte Trapper zu berauben.«

»Das ist einfach vollkommen ausgeschlossen«, erklärte ?Hans im Glück? mit größter Bestimmtheit, »es gibt kein anständigeres und ehrlicheres Geschöpf als meine Schwester. Da ich fühle, daß Sie mich nicht belügen, muß hier irgendein Mißverständnis vorliegen, denn so völlig kann ein Mensch sich nicht ändern ? zum mindesten nicht in so kurzer Zeit.«

»Vielleicht ist sie erblich belastet«, meinte Devon.

»Aber wieso denn? Sie stammt aus einer angesehenen Bürgerfamilie, in der niemals ?«

»Sie stammen aus dem gleichen Blut, lieber Hans, und stehen doch hier in West-London nicht gerade im Ruf, besonders friedfertig zu sein.«

»Nein, gewiß nicht«, entgegnete ?Hans im Glück? erregt, »aber gibt es auch nur einen einzigen Menschen, der mir nachsagen kann, daß ich jemals etwas Hinterhältiges getan hätte?«

»Ich habe derartiges jedenfalls nicht von Ihnen gehört«, gab Devon zu.

»Oder daß ich jemanden auf heimtückisch-verlogene Weise um sein Hab und Gut hätte bringen wollen?«

»Nein, auch das nicht ? aber Sie haben durch Ihre tollen Streiche so häufig dem Empfinden braver Bürger ins Gesicht geschlagen, daß ich mich gar nicht wundere, wenn Ihre Schwester das gleiche tut ? wenn auch auf andere Weise.«

»Es ist doch wohl noch ein Unterschied zwischen einem ehrlichen Kampf und einem Mord!« erwiderte Hans. »Wenn das alles stimmt, was Sie behaupten ? wahrhaftig, dann wollt ich, ich wäre nie geboren worden. Mabel war immer ein wildes Mädel, aber gerade und ehrlich ? und jetzt sollte sie ?? Können Sie mir nicht eine Andeutung machen, wo ich sie finde?«

Devon zuckte die Achseln.

»Wo haben Sie sie denn gesehen?« forschte ?Hans im Glück? weiter.

»Auf meiner Ranch.«

»Ja, ums Himmels willen, wie kommt sie denn dahin? Was hat sie denn nachts dort zu suchen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Haben Sie denn nicht wenigstens gesehen, in welcher Richtung sie sich entfernt hat?«

»Nein, ich habe mich absichtlich nicht darum gekümmert, weil meine Begleiter und ich sie sonst hätten ins Gefängnis bringen müssen.«

Der andere unterdrückte einen Aufschrei. Devon überlegte einen Augenblick, schließlich fragte er:

»Können Sie sich am Tag in West-London sehen lassen?«

»Kann sich eine Wespe in einem Bienenkorb sehen lassen?« gab Hans zurück.

»Schön, dann wollen wir uns morgen nach Einbruch der Dunkelheit treffen ? vielleicht da unten in der Schlucht.«

»Nun, und dann?«

»Dann wollen wir zusammen nach dem Hause reiten, in dem Ihre Schwester zu wohnen behauptet.«

»Ist das abgemacht?«

»Gewiß.«

»Dann drehen Sie sich um, Devon, und geben Sie mir Ihre Hand darauf!«

Fünfunddreißigstes Kapitel

Beim ersten Aufdämmern des neuen Tages machten sich Jim und Harry mit den beiden Sachverständigen, die der Sheriff besorgt hatte, auf den Weg. Naxon selbst begleitete sie, weil es ihn interessierte, festzustellen, was auf so einer alten Ranch außer Gras noch wachse, wie er sagte.

Devon blieb den ganzen Vormittag zu Hause, um das Ergebnis der Untersuchung abzuwarten, aber es wurde Nachmittag, ehe er den Sheriff auf schweißbedecktem Pferd ankommen sah. Er eilte hinunter und traf mit ihm vor der Tür des Kosthauses zusammen.

Naxon war blaß und so aufgeregt, daß seine Finger zitterten, als er sich eine Pfeife stopfte.

Die Sache hatte ihre Richtigkeit, ja übertraf die kühnsten Träume. Wenn auch nicht der ganze Boden Gold barg, so waren die Stellen, an denen es sich befand, um so ergiebiger. Nach Ansicht der Sachverständigen handelte es sich dabei um das ehemalige Bett eines reißenden Flusses, der in unvordenklichen Zeiten die goldhaltigen Quarzbrocken aus dem Hochgebirge herabgespült hatte. Wie groß die Ausbeute sein würde, war natürlich noch nicht genau abzusehen, beide Sachverständigen aber schätzten sie so hoch, daß Devon ein ganz ungeheuerliches Vermögen sicher war, zumal der Abbau keine großen Kosten beanspruchen würde.

Vorläufig wußte West-London noch nichts von dem glücklichen Fund, aber lange konnte diese Neuigkeit natürlich nicht geheimgehalten werden, und dann würde die ganze Stadt, so versicherte der Sheriff, voraussichtlich wahnsinnig werden. Jeder einzige West-Londoner würde sich natürlich sofort aufmachen, um den Lauf des ehemaligen Flußbettes ober- und unterhalb der Devon-Ranch einer eingehenden Prüfung zu unterziehen ? und das mußte, seiner Meinung nach, verhütet werden.

Aus seinem Rockschoß holte Naxon dann sein Halstuch hervor und zeigte Devon verstohlen eine Anzahl glitzernder Goldkörner.

»Das ist das Ergebnis eines kleinen Versuches«, sagte er ganz außer sich. »Was meinen Sie, was wir da rausholen, wenn die Geschichte erst richtig und mit den nötigen Werkzeugen betrieben wird!«

Devon ließ der begeisterte Bericht des Sheriffs merkwürdig kühl. Er war auch nur auf dessen ausdrückliche Bitte hier in dem Kosthaus geblieben, denn Naxon hatte erklärt, daß, wenn ihn jetzt noch eine zufällige Kugel treffe, die Besitzrechte an der Farm sehr zweifelhaft sein würden, und um nicht die beiden alten Freunde seines Vaters um den erwarteten Reichtum zu bringen, hatte er dem Drängen des Sheriffs nachgegeben.

Naxon bestand darauf, daß er auch weiter auf seinem Zimmer bleibe. Gar zu lange würde diese freiwillige Haft ja nicht mehr dauern, denn er, der Sheriff, werde zuverlässige Männer anwerben, die unter der Leitung der Sachverständigen und unter Aufsicht der beiden Alten die Arbeiten auf der Ranch nach Möglichkeit beschleunigen würden.

Nachdem Naxon davongeritten war, stieg Devon wieder in sein Zimmer hinauf. Seine Gedanken beschäftigten sich mehr mit seinen unbekannten Feinden als mit dem, was der reiche Goldfund für ihn und seine Zukunft bedeutete.

Wenn er jetzt auch die Beweggründe jener Leute kannte, die nach seinem Lande trachteten, sie selber waren noch immer im Dunkeln, denn der Verdacht, der auf Vinzent Tucker und Les Burchard gefallen, genügte natürlich nicht, mit Hilfe des Gesetzes gegen sie vorzugehen ? daß sie aber ihre Angriffe auf ihn noch lange nicht aufgeben würden, ging ja schon aus der Besorgnis des Sheriffs um ihn hervor.

Als die Sonne sich zum Horizont neigte, fiel Devon seine Verabredung mit ?Hans im Glück? wieder ein.

So weit konnte seine Rücksicht auf Harry und Jim natürlich nicht gehen, daß er darüber ein gegebenes Wort nicht hielte! Überdies würde er ja im Schutze der Dunkelheit sicher genug sein.

Da er den jungen Mann, dessen frisches, reckenhaftes Wesen ihm ungemein gefiel, nicht enttäuschen wollte, ging er zunächst einmal in den Schankraum hinunter, um von dem Zapfer zu erfahren, wo sich das Haus befand, in das er jenen führen wollte.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr er auch, daß Gregory Wilson ein sehr angesehener Mann war, dessen Ruf nichts zu wünschen übrig ließ. Er lebte nicht in allzu glänzenden Verhältnissen und ernährte sich als Jäger und Fallensteller, besaß aber auch einige wenige Kühe und verdiente sich gelegentlich etwas Geld, indem er Fische in die Stadt zum Verkauf brachte.

Devon sattelte also die braune Stute, deren Besitz ihm noch immer niemand streitig gemacht hatte, und ritt nach der Schlucht.

Für alle Fälle hatte er sich stark bewaffnet: in dem langen Futteral neben seinem rechten Knie stak ein Winchester-Repetiergewehr, in den Sattelhalftern ein Paar schwere Colts, außerdem aber trug er seine Lieblingswaffe in einem Sprungfederhalfter in der linken Achselhöhle. Es war zwar kaum anzunehmen, daß er angegriffen werden würde, denn in der Zwischenzeit hatten seine Feinde sicher erfahren, was sich draußen auf der Devon Ranch ereignet hatte, und ihre Aufmerksamkeit würde also voraussichtlich in der Hauptsache seinem Besitz und weniger seiner Person gelten.

In der Schlucht war es still, nur ab und zu vernahm man die Stimmen einiger Arbeiter, die sich verspätet hatten und jetzt die Zickzackpfade hinaufhasteten. Doch die klangen so fern und gedämpft, daß sie den Abendfrieden rings nur noch fühlbarer machten.

Es war hier unten schon vollkommen Nacht. Wiederholt sah Devon hinter sich, aber nichts rührte sich.

Plötzlich hörte er hinter einem Felsblock hervor einen leisen Pfiff ? im gleichen Augenblick lagen beide Colts schußfertig in seinen Händen, doch da rief jemand seinen Namen, und er erkannte die Stimme von ?Hans im Glück?.

»Ich fürchtete schon, ich hätte Sie verpaßt«, sagte er, auf Devon zureitend. »Wo entlang geht es denn?«

»Geradeaus.«

»Und wohin?«

»Nach dem Haus eines gewissen Gregory Wilson.«

»Ach, den kenn ich.«

»Gut?«

»Einigermaßen gut«, erwiderte ?Hans im Glück? lachend. »Ich bin ihm mal begegnet, als ich mich mit den Fahrgästen einer Postkutsche zu beschäftigen hatte, und bei der Gelegenheit hab ich ihn auch um ein paar hundert Dollar geschwächt. Da er nicht allzu wohlhabend aussah, fragte ich ihn, ob er den Verlust auch verschmerzen könne ? was, meinen Sie, hat er mir darauf geantwortet?«

»Wahrscheinlich doch, daß der Verlust ihn zugrunde richten würde?«

»Ach, keine Ahnung ? er sagte nur, er hätte schon mehr Geld eingebüßt! Dann erfuhr ich aber, daß er in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt, und da habe ich ihn in seinem Haus besucht und ihm das Geld zurückgegeben.«

»Das war jedenfalls verdammt anständig gehandelt«, sagte Devon herzlich, »Sie führen hier zwar ein recht absonderliches Leben, aber ich verstehe, daß nicht der Gewinn, sondern das tollkühne Spiel sie reizt.«

»Na, und Sie? Ists bei Ihnen vielleicht anders?«

»Im Grunde wohl nicht ?«

»Sie nehmen den Menschen das Geld mit Ihrem Verstand ab, ich mit dem vorgehaltenen Revolver ? ist der Unterschied wirklich so wesentlich?«

»Nein ? Sie haben recht«, erwiderte Devon. »Außerdem lag es nicht in meiner Absicht, Ihnen Moral zu predigen.«

»Das weiß ich. Was wollen wir denn bei diesem Wilson?«

»Ihre Schwester behauptet, daß sie in seinem Hause lebt.«

»Zum Teufel noch mal«, rief ?Hans im Glück?, »und ich hab sie in West-London selbst gesucht!«

»Es ist auch noch nicht erwiesen, daß Sie damit nicht das Richtige getan haben.«

»Wieso? Zweifeln Sie ?«

»An allem!«

»Aber an Mabel brauchen Sie nicht zu zweifeln; das werden Sie sehen, wenn Sie sie erst näher kennen.«

Devon zuckte die Achseln.

»Glauben Sie denn, daß dieser Wilson uns wahrheitsgemäße Auskunft geben wird?« fragte er.

»Aber sicher ? nachdem ich so rücksichtsvoll gegen ihn gewesen bin, kann er doch kaum anders handeln.«

»Das nehme ich auch an«, erwiderte Devon, »und so wäre wohl die ganze Angelegenheit mit einer Frage, die Sie an den Mann stellen, erledigt ? nicht?«

»Gewiß, ich brauche nur zu fragen, ob meine Schwester bei ihm wohnt. Übrigens das Haus da oben ist Wilsons ? das mit dem erleuchteten Fenster im Obergeschoß. In fünf Minuten werde ich Mabel wiederhaben ? ich kann Ihnen ja gar nicht sagen, wie von Herzen dankbar ich Ihnen dafür bin!«

Devon schwieg ? er war verbittert und überzeugt, daß er niemandem mehr trauen dürfe, am allerwenigsten dem gefährlichen, jungen Menschen da an seiner Seite.

Sechsunddreißigstes Kapitel

Als sie an die Haustür geklopft hatten, öffnete ihnen ein großer, breitschultriger Mann in mittleren Jahren, der, um die Besucher besser sehen zu können, eine Laterne hochhielt, die sein freundliches Gesicht voll beleuchtete. Einer so unbekümmerten Sorglosigkeit war Devon in dieser gefährlichen Gegend noch nicht begegnet, denn auf diese Weise bot der Mann natürlich ein glänzendes Ziel.

War das nun das Bewußtsein eines guten Gewissens oder Tollkühnheit? Daß es hier von halbwilden Mexikanern wimmelte, die einen Menschen mit der gleichen Selbstverständlichkeit abknallten wie ein Waldhuhn, mußte er doch wohl wissen.

»Ach, Sie sinds?« sagte der Mann, ?Hans im Glück? erkennend. »Na, dann steigen Sie mal ab. Und das ist wohl ein guter Freund von Ihnen?«

Damit reichte er Devon die Hand und schüttelte sie herzlich ? selbst ihr leichter Druck verriet eine ungeheure Kraft.

Dann wurden die beiden in ein ziemlich großes Wohnzimmer genötigt, das mit seinen Fellen, die den Boden bedeckten, den Geweihen und anderen Jagdtrophäen, die an den Wänden hingen, und dem Bücherbrett neben dem Kamin einen recht gemütlichen Eindruck machte.

Der Hausherr wies auf ein paar Stühle, die, wie alle anderen Möbel, selbstgezimmert waren, aber sehr bequem zu sein schienen, und bat seine Gäste, Platz zu nehmen.

»Ich denke, wir werden bald zu Abend essen«, sagte er, »sobald nämlich meine Frau zurück ist. Sie hat einen Fieberkranken in der Nähe besucht, der ganz allein in seiner Hütte liegt ? um den kümmert sie sich immer ein bißchen und bringt ihm Essen und Erfrischungen. Da drüben steht der Tabakkasten ? bedienen Sie sich, Hans! Wir haben uns übrigens lange nicht mehr gesehen.«

»Ich bin viel unterwegs«, erwiderte ?Hans im Glück? lächelnd, »Sie wissen ja, wie das ist ? die Leute sind so schrecklich neugierig, und da muß man vorsichtig sein.«

»Aber doch nicht in meinem Hause«, sagte Wilson.

»Nein, und das ist ja das Schöne, daß man sich bei Ihnen mal ein bißchen entspannen kann.«

»Das können Sie. Haben Sie mir übrigens Ihren Freund schon vorgestellt, oder ist das nicht angebracht?«

»Ach, Sie kennen ihn nicht?« entgegnete Hans erstaunt. »Aber gehört haben Sie sicher von ihm ? es ist nämlich Mr. Devon, dem ich seine braune Stute ausspannen wollte.«

»So, so?« sagte Wilson und lächelte Devon zu. »Demnach haben Sie ihm den kleinen Scherz nicht übelgenommen, sondern sich mit ihm ausgesöhnt?«

»Selbstverständlich hat er das«, antwortete statt des Gefragten Hans. »Er ist nämlich gerade so ein anständiger Kerl wie Sie, drum hab ich ihn auch mitgebracht, denn der Zweck meines Besuches ist etwas heikler Natur. Da Sie lange Einleitungen sicher ebensowenig lieben wie ich: hat hier in Ihrem Haus in letzter Zeit ein junges Mädchen gewohnt?«

Gregory Wilson sah ihn fest an ? weder überrascht noch ärgerlich, sondern nur nachdenklich.

»Um Gottes willen, glauben Sie nicht, daß ich irgendwie Skandal machen will«, fuhr ?Hans im Glück? fort, »es handelt sich um meine Schwester, und da ist es für mich natürlich wichtig ?«

»Aber, Menschenskind«, unterbrach ihn Wilson, »Sie wissen doch, wie ich lebe.«

»Also ist sie nicht hier?«

Der andere schüttelte langsam den Kopf, ?Hans im Glück? stöhnte auf, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloß die Augen. Er tat Devon von Herzen leid, aber er hatte keine andere Auskunft erwartet.

Plötzlich setzte Hans sich wieder auf.

»Wenn sie auch nicht hier gewesen ist«, sagte er hastig, »vielleicht haben Sie ein junges Mädchen, wie ich es Ihnen beschrieben habe, irgendwo mal gesehen?«

»Sie haben es mir noch nicht beschrieben, Hans«, entgegnete der Hausherr ruhig.

»Blaue Augen, goldenes Haar ? überhaupt das lieblichste, unschuldigste Geschöpf, das Sie sich denken können.«

Wieder schüttelte Wilson den Kopf.

»Nein ? solchem Mädchen bin ich nicht begegnet«, sagte er. »Die paar Mädels, die ich in West-London gesehen habe, sind wesentlich anderer Art.«

»Also haben Sie doch recht gehabt, Devon!« rief ?Hans im Glück? in schmerzlicher Enttäuschung und sprang plötzlich auf. »Ich muß nun gehen, ich weiß, was ich wissen wollte.«

Damit eilte er zur Tür. Devon erhob sich gleichfalls, Wilson aber vertrat ihnen den Weg.

»In dieser Erregung laß ich Sie nicht fort, Hans«, sagte er freundlich, »erst müssen Sie sich mal ein bißchen beruhigen, sonst machen Sie womöglich Dummheiten. Wenn Sie was Ordentliches gegessen und ein Pfeifchen drauf geraucht haben, sehen Sie die Welt und Ihren Kummer ganz anders an, verlassen Sie sich darauf.«

Damit führte er Hans zu seinem Stuhl zurück, auf den dieser sich fallen ließ und die Hände vors Gesicht schlug. Der Hausherr zündete eine Lampe an, die nur ein gedämpftes Licht verbreitete, und setzte sich dann neben dem Kamin nieder, auf dem ein kleines Feuer brannte.

Jetzt wieherte irgendwo ein Pferd, zwei andere antworteten.

?Hans im Glück? fuhr auf.

»Was war das?« fragte er unsicher.

»Reiter sind draußen vorübergekommen«, erwiderte Wilson.

»Ach, richtig ? ich hatte im Augenblick vergessen, daß ich in Ihrem Haus unbesorgt sein kann«, sagte Hans, »und doch ? gerade bei Ihnen ist mir der schlimmste Schmerz meines Lebens widerfahren.«

»Ja, ja«, nickte Wilson, »ich verstehe Sie sehr gut ? wenn ein Bruder oder eine Schwester etwas Unrechtes tun, dann fühlen wir uns für sie mit verantwortlich. Aber, lassen Sies gut sein, die Zeit heilt auch solche Wunden.«

?Hans im Glück? seufzte, eine Weile herrschte tiefes Schweigen. Schließlich sagte Wilson:

»Meine Frau bleibt mächtig lange, eigentlich müßte sie längst zurück sein, aber von einem Krankenbett kommen die guten Weiber nicht so leicht fort, denn Zeit spielt keine Rolle bei ihnen, wenn jemand ihre Hilfe nötig hat.«

Er lachte dabei ? wie fernes Donnergrollen klang sein tiefes Lachen. Seine Rechte, die die qualmende Pfeife hielt, bewegte sich hin und her, und Devon blickte geistesabwesend den dicken Rauchschwaden nach, die aus dem Pfeifenkopf aufstiegen. Plötzlich zuckte er zusammen ? die hellbrennende Pfeife bewegte sich in regelmäßigen Zwischenräumen hin und her: lang, kurz, kurz, lang!

Devon glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen ? auch hier wurde nach dem Morsealphabet telegraphiert!

»Durch ? die Hintertür«, buchstabierte er deutlich aus den Bewegungen der Pfeife heraus.

Er warf einen Blick über die Schulter zurück: hinter ihm befand sich ein kleines, viereckiges Fenster, vor dem wahrscheinlich der stand, dem die stumme Mitteilung gegolten hatte.

Gregory Wilson war offenbar seinen Kopfbewegungen gefolgt, denn als sich Devon jetzt ihm wieder zuwandte, war alles Freundliche und Liebenswürdige aus dem Gesicht des Hausherrn verschwunden.

»Sie sind schon ein verdammt kluger Kerl, Devon«, sagte er, »aber Ihre Beobachtungsgabe und schnelle Auffassung nützen Ihnen diesmal doch nichts. Kommt herein, Jungens!«

Siebenunddreißigstes Kapitel

Als Devon aufsprang, wurde die Tür im Hintergrund des Zimmers geöffnet, und er starrte in die Mündungen von zwei doppelläufigen Schrotflinten ? bekanntlich auf kurze Entfernung die gefährlichsten Waffen, die es gibt. Die eine war auf ihn, die andere auf ?Hans im Glück? gerichtet, und hinter den unangenehmen Stahlrohren sah er zwei ebenso unangenehme, ihm wohlbekannte Gesichter ? die von Lewis, genannt der ?Schläger?, und von Peter Grierson. Zwischen diesen tauchten jetzt Jerry Noonan und Charlie Way auf, doch das waren noch nicht alle, wie weitere Gewehrmündungen bewiesen.

Da Devon seinen Colt längst in der Hand hielt, rief Wilson:

»Daß ihr mir Devon nicht erschießt, Herrschaften ? wir brauchen ihn noch sehr nötig! Meine lieben Gäste, es tut mir furchtbar leid, aber ich muß Sie bitten, sich nach der Wand umzudrehen und die Hände recht hoch zu heben.«

?Hans im Glück? schien wie vor den Kopf geschlagen ? fassungslos starrte er auf die Gewehre in der Tür und dann auf Gregory Wilson, den ehrlichen Biedermann.

»Nun, wirds bald?« schrie dieser. »Wollt ihr euch umdrehen, oder muß ich deutlicher werden?«

Die Gewehrmündungen redeten eine so überzeugende Sprache, daß sogar dümmere Menschen, als die beiden Gefangenen es waren, sie verstanden hätten ? gehorsam drehten sie sich zur Wand um und hoben die Hände hoch. Jetzt traten Grierson und Lewis ein, ihnen folgten Noonan und Charlie Way.

»So, mehr brauchen wir nicht«, sagte Gregory Wilson. »Macht die Türen zu und fesselt meine beiden jungen Freunde da. Du, Noonan, gehst hinaus und stellst nach beiden Seiten Posten aus, denn es ist anzunehmen, daß der Sheriff und die alten Böcke Jim und Harry sich nach Devon umsehen, wenn sie ihn nicht bei Mrs. Purley vorfinden. Womöglich kommt die wackre Lady gar noch selbst, denn Devon scheint es ihr, wie so vielen West-Londonern, angetan zu haben.«

Inzwischen waren ?Hans im Glück? und Devon sorgfältig an Händen und Füßen gefesselt worden, und zwar mit dünnen Streifen von ungegerbtem Leder ? einen Strick kann man nämlich durchscheuern, aus Ketten kann man die Gelenke herauszerren, diese Art Lederstreifen aber schneiden bei heftigen Bewegungen das Fleisch bis auf die Knochen durch.

Gregory Wilson überzeugte sich selbst, ob die Fesselung richtig und sachgemäß durchgeführt sei, dann wurden die beiden Gefangenen auf Stühle gesetzt.

?Hans im Glück? starrte Wilson noch immer ganz fassungslos und ungläubig an.

»Wahrhaftig«, sagte er schließlich, »ich versuche immer, die Sache zu begreifen, aber es gelingt mir nicht! Wilson, ich hab Sie für einen Ehrenmann gehalten ?«

»Gewiß bin ich ein Ehrenmann«, unterbrach ihn der Hausherr barsch, »aber Sie sind ein Schafskopf, wenn Sie glauben, daß Sie mich durch die paar hundert Dollar, die Sie mir mal zurückgegeben haben, nun für Zeit und Ewigkeit zur Dankbarkeit verpflichtet hätten.«

»Herrgott noch mal«, schrie Hans außer sich, »doch nicht wegen des lumpigen Geldes hab ich mich in Ihrem Hause sicher gefühlt, sondern weil Sie mich Ihren Freund genannt haben!«

»Das waren Sie auch«, entgegnete Wilson, »denn Ihre ganze Art hat mir sehr gefallen ? aber konnte ich denn ahnen, daß Sie so töricht sein würden, sich mit diesem Herrn Devon zu verbünden, und das gerade zu einer Zeit, da uns alles daran liegt, ihm das Genick zu brechen? Es ist ganz allein Ihre Schuld, wenn Sie jetzt in der Tinte sitzen ? mitgegangen, mitgefangen!«

»Mich wundert bloß, daß Sie diesmal aus Ihrer Zurückhaltung herausgetreten sind«, rief Devon spöttisch.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Wilson verdutzt.

»Nun, für gewöhnlich scheinen Sie doch so ein bißchen Napoleon zu spielen, der im Hintergrund bleibt und die schmutzigen Geschäfte von anderen besorgen läßt. Und wenn die armen Kerle, die gegen geringen Lohn für Sie arbeiten, erwischt werden, dann lassen Sie sie doch im Gefängnis verfaulen oder ermorden sie, wenn sie sich selbst helfen wollen ? wie Sies mit Sammy Green getan haben.«

Wilson wurde dunkelrot, entgegnete aber nichts, sondern schielte nach seinen Leuten hinüber, um festzustellen, wie Devons Worte auf sie gewirkt hatten. Da er in den Blicken, mit denen sie ihn musterten, etwas wie Auflehnung zu sehen glaubte, verlor er die Selbstbeherrschung, trat auf Devon zu und schlug ihm ins Gesicht.

»Etwas anderes als brutale Roheit hab ich von einem ehrlosen Hund wie Sie nicht erwartet«, sagte Devon ruhig.

»Vorwärts, bringt die beiden Kerle fort«, schrie Wilson außer sich.

Er ging selbst voraus, die anderen packten schweigend die wehrlosen Gefangenen und schleppten sie hinaus, eine steile Treppe hinauf in ein Zimmer des Obergeschosses.

»So, Lewis und Grierson, paßt gut auf sie auf«, sagte Wilson, »und vergeßt nicht, daß ich auf euch aufpasse!«

Wütend warf er die Tür hinter sich zu und stampfte die Stiege hinunter.

»So ein verdammtes Schwein«, knurrte Lewis, als die Schritte verhallt waren.

»Devon hat schon ganz recht gehabt« sagte Grierson, »nur an sich selbst denkt der Hund.«

»Natürlich ? wir haben die Arbeit und die Gefahr, den Gewinn steckt er ein«, bestätigte Lewis. »Was hat er mir denn schon groß gegeben? Einen Gaul und ein paar alte Kleider, ab und zu mal ein bißchen Geld ? im übrigen aber hält er uns mit Versprechungen hin ?«

»Von denen man nicht fett wird«, ergänzte Grierson, »wir sind schon rechte Esel, daß wir uns das so lange gefallen lassen.«

»Ja, aber was soll man machen?« schloß Lewis mit einem tiefen Seufzer ihre halblaut geführte Unterhaltung.

Achtunddreißigstes Kapitel

Eine Weile herrschte tiefe Stille in dem von einer Laterne nur schlecht erleuchteten Raum.

»Devon«, flüsterte Grierson, dicht an den Gefangenen heranrückend, »was können Sie uns bieten, wenn wir mit Ihnen gemeinsame Sache gegen Wilson machen?«

Ein Hoffnungsschimmer glomm in Devon, der bereits alles aufgegeben hatte, auf.

»Wissen Sie, was auf meiner Ranch los ist?« fragte er.

»Meinen Sie, daß man Gold dort gefunden hat?«

»Ja, das meine ich.«

»Das ist ja ganz schön ? aber wie wollen Sie diese Schätze heben?«

»Unter dem Schutz Bewaffneter, zu denen Sie beide gehören werden«, erwiderte Devon. »Mit dem Sheriff, der auf meiner Seite steht, söhne ich Sie schon aus.«

»Ach, Naxon ist ein alter Schafskopf, vor dem haben wir keine Angst, der fängt doch nichts, als höchstens mal eine Mücke«, meinte Lewis lachend.

»Nicht so laut«, mahnte Grierson. »Hören wir lieber weiter, was Mr. Devon zu sagen hat.«

»Wenn Sie uns aus dem Haus hier heil herausbringen, sichere ich Ihnen beiden zwanzig Prozent von dem Goldertrag meiner Ranch zu.«

»Wieso ?uns? ? verhandeln Sie etwa auch für ?Hans im Glück??«

»Selbstverständlich.«

»Aber, zum Teufel, was hat der damit zu tun? Es wird schon schwer genug sein, einen Menschen aus dem Loch hier zu retten.«

»Kümmern Sie sich nicht um mich«, mischte sich jetzt ?Hans im Glück? ein, »ich will froh sein, wenn Sie allein lebend davonkommen, zumal es ja meine Schuld ist, daß Sie in der Patsche sitzen.«

Devon schüttelte den Kopf.

»Entweder werden wir beide gerettet oder keiner«, erklärte er bestimmt.

»Aber das ist doch Unsinn«, sagte Grierson.

»Sehr fein ists von Devon«, entgegnete Lewis, »ich wollte, der Hund Wilson könnte das mit anhören.«

»Das mag ja sein«, verharrte Grierson, »aber wir können doch unmöglich beide aus dem Haus schmuggeln!«

»Warum denn nicht? Durch das Fenster zum Beispiel ? Seile sind ja genug vorhanden.«

»Das Haus wird doch auch von außen bewacht.«

»Herrgott, wir sind doch dann unserer vier ? und die beiden Herrschaften schießen nicht schlecht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.«

»Ach, du meinst, wir sollen versuchen, uns bis zu den Pferden durchzuschlagen? Das ist doch verdammt riskant«, meinte Grierson bedenklich.

»Ja, mein Lieber, für nichts ist nichts!«

Grierson zögerte noch einen Augenblick.

»Also schön, in Gottes Namen«, sagte er schließlich, »dann schau mal nach, wies draußen aussieht.«

Lewis erhob sich und ging zum Fenster.

»Es stehen gerade Wolken vor dem Mond ? ich kann nichts erkennen«, berichtete er.

»Gut, dann warten wir noch eine Weile«, erwiderte Grierson. »Übrigens ? welche Sicherheit können Sie uns geben, daß Sie nachher auch wirklich bezahlen, Devon?«

»Nur mein Ehrenwort.«

Die beiden Wächter verhandelten gedämpft miteinander, schließlich sagte Lewis lauter:

»Wir wollens daraufhin also wagen ? da Sie gegen ?Hans im Glück? so anständig handeln, nehmen wir an, daß Sie auch uns nicht betrügen werden.«

Ein Mondstrahl fiel jetzt durch das kleine Fenster herein, Grierson ging in eine Ecke des Zimmers, in der ein Haufen von Stricken lag, um Stücke von der nötigen Stärke und Länge herauszusuchen ? da wurde plötzlich die Tür geöffnet.

»So, hier wären wir an Ort und Stelle«, sagte Charlie Way. »Treten Sie nur näher, Sie werden Freunde finden.«

Damit kam er herein, gefolgt von einem anderen Bewaffneten, der einen Dritten, offenbar einen Knaben, vor sich her stieß.

»Ihr zwei sollt herunterkommen«, fuhr Way, zu Grierson und Lewis gewandt, fort, »Wilson hat etwas anderes für euch zu tun.«

Es blieb den beiden nichts übrig, als dem Befehl zu gehorchen. Grierson war schon froh, daß Way sein verdächtiges Suchen zwischen dem Seilhaufen nicht bemerkt hatte, obgleich dieser eine helle Laterne bei sich trug.

Deren Schein fiel jetzt auf das Gesicht des vermeintlichen Knaben ? die beiden Gefangenen erkannten Mabel Maynard, deren Hände gleichfalls auf den Rücken gefesselt waren.

»Es ist tatsächlich meine Schwester«, flüsterte ?Hans im Glück? Devon zu.

»Na, dann setzen Sie sich, meine Schöne«, sagte Charlie Way. »Leider kann ich Ihre Fesseln nicht lösen, selbst nicht für eine rührende Familienszene! Ben, hast du deine Schrotflinte bei dir?«

Ben, in dem Devon den dicken Hüttenbesitzer aus der Waldlichtung wiedererkannte, nickte.

»Na. dann gib gut auf das Pärchen acht«, befahl ihm Charlie Way, »denn wenn etwas passiert, kriegst dus mit Onkel Gregory zu tun! Sie, Devon, kommen mit mir, aber ich rate Ihnen, machen Sie ja keine Bewegung, die ich mißverstehen könnte, denn es wäre mir ein ganz besonderes Vergnügen, Ihnen das Lebenslicht persönlich auszublasen.«

Neununddreißigstes Kapitel

Schwerfällig, beinahe taumelnd stieg Devon die Treppe hinab. Way hatte ihm zwar die Fußfesseln gelöst, doch diese waren so fest angezogen gewesen, daß das Blut gestockt hatte und er erst allmählich den freien Gebrauch seiner Beine wiederfand.

Unten angelangt, blieb Charlie Way, der die Mündung seines Colts dem Gefangenen in den Rücken gebohrt hielt, vor einer Tür stehen und klopfte; eine Stimme rief: »Herein!«, und Devon wurde in das gleiche Wohnzimmer geführt, in dem er vorhin gewesen war. Hier erwarteten ihn Gregory Wilson, Vinzent Tucker und der dicke Les Burchard, der ihm freundlich zunickte und dann Way anschrie:

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst ihm die Fesseln abnehmen.«

»Die Füße hab ich ihm ja freigemacht, aber ihn mit ungefesselten Händen die dunkle Treppe herunterzuführen ? nein, dafür danke ich ergebenst.«

»Du hast zu tun, was man dir befiehlt«, entgegnete Burchard barsch, »vorwärts ? mach ihm sofort die Hände frei!«

Way gehorchte widerwillig, etwas von »unverantwortlichem Blödsinn« vor sich hinmurmelnd, dann machte Burchard, der offenbar von den dreien hier am meisten zu sagen hatte, eine stumme Handbewegung nach der Tür, worauf Way abtrat.

»Stell zwei Wachen aus«, rief Burchard ihm nach und forderte Devon dann liebenswürdig auf, Platz zu nehmen.

Devon nickte, zog es aber vor, stehenzubleiben, hauptsächlich, weil er mit dem tollkühnen Plan spielte, einem der drei eine Waffe zu entreißen, die Lampe durch einen Schuß auszulöschen, um dann in der Dunkelheit zu entkommen. Die Möglichkeit, dies Wagnis glücklich durchführen zu können, war ja verschwindend gering, besonders weil in dem Kamin ein kleines Feuer brannte und Wilson eine Schrotflinte quer über den Knien liegen hatte, aber Devon wollte nichts unversucht lassen, sein Leben zu retten, das einen ganz neuen Reiz für ihn gewonnen hatte, seit er wußte, daß sein Verdacht gegen die schöne Mabel Maynard unbegründet war. Da sie oben als gefesselte Gefangene saß, war ja erwiesen, daß sie nicht zu der Mörderbande gehörte, und das genügte ihm ? alles andere würde sich dann später schon von selber klären.

Aus seinen Gedanken riß ihn Burchards Frage:

»Na, wie fühlen Sie sich denn nun, junger Mann?«

Devon sah ihn erstaunt an.

»Danke, ganz leidlich«, erwiderte er.

»So? Das freut mich! Wollen Sie eine Pflaume haben?«

Dabei hielt er ihm eine Tüte mit goldgelben, saftigen Früchten hin.

Devon schüttelte ablehnend den Kopf.

»Das ist sehr unrecht von Ihnen«, sage Burchard. »Man kann noch einmal so gut denken, wenn der Magen etwas zu tun hat. Wie stehts denn mit euch beiden ? wollt ihr eine?«

Wilson wehrte stumm ab, Tucker aber rief ungeduldig:

»Vielleicht läßt du jetzt deinen Unfug und kommst endlich zur Sache.«

»Wieso denn Unfug?«

»Herrgott noch mal, du weißt doch, daß die beiden Trapper Nasen wie Bluthunde haben ? und außerdem wird sich Sheriff Naxon, der alte Schafskopf, auch sicher dafür interessieren, wo Devon geblieben ist, wenn er ihn bei Mrs. Purley nicht mehr vorfindet.«

»Wie kannst du Naxon einen Schafskopf nennen?« erwiderte Burchard entrüstet. »Erstens mal ist er ein sehr kluger und gewissenhafter Beamter und zweitens ein guter Freund von mir.«

Tucker hatte Mühe, sich soweit zu beherrschen, daß er nur wütend die Achseln zuckte und sich abwandte. Burchard aber stopfte sich in aller Gemütsruhe ein paar von den köstlichen, gelben Pflaumen in den Mund, verzehrte sie mit sichtlichem Wohlbehagen und spuckte die Kerne mit großer Zielsicherheit in den Kamin.

Gerade als sein Mund wieder leer war und er etwas sagen wollte, wurde mit aller Macht an der Haustür gerüttelt, ein Fensterladen schlug ? Wilson glitt von seinem Stuhl herab und brachte kniend das Gewehr in Anschlag, Tucker machte einen Luftsprung wie ein Kampfhahn und riß seine beiden Colts aus den Halftern ? nur Burchard war ganz ruhig geblieben und fragte lächelnd:

»Was habt ihr denn? Das war doch nur der Sturm ? außerdem scheint es zu regnen.«

Alle lauschten ? tatsächlich trommelte ein wolkenbruchartiger Guß auf das Dach und gegen die Scheiben.

»Den Regen schickt uns der Himmel«, sagte Burchard zufrieden, »bei so einem Wetter wird es selbst Harry und Jim nicht leicht werden, eine Spur zu verfolgen.«

Vinzent Tucker war jetzt am Ende seiner Selbstbeherrschung.

»Himmelkreuzmillionendonnerwetter«, schrie er, »willst du die ganze Nacht hier Blödsinn schwätzen oder endlich zur Sache kommen?«

»Nur ruhig Blut, mein Lieber«, erwiderte Burchard gelassen, »wir haben gar nicht nötig, irgend etwas zu übereilen. Wenn ich mich damals übereilt hätte, als mein Wagen zusammenbrach, gäbs heute kein West-London und keine Goldbergwerke in der Timbal-Schlucht.«

Tucker machte eine verzweifelte Bewegung und wandte sich angewidert ab.

»Schön, mein Sohn«, sagte Burchard, nachdem er zwei weitere Pflaumen verzehrt und die Steine kunstgerecht in den Kamin befördert hatte, »fangen wir an. Die Frage ist doch die, meine Herren: kaufen wir Devon sein Land ab und gehen dann, mit seiner Unterschrift unter dem Kaufvertrag, in aller Gemütlichkeit an die Ausbeutung des Goldvorkommens ? oder beseitigen wir ihn, um dann bei der Arbeit durch den Sheriff gestört zu werden? Hierüber möchte ich eure Ansichten hören.«

Devon glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen ? verblüfft starrte er Burchard an, der sich jetzt an Wilson, offenbar das am wenigsten einflußreiche Mitglied dieses seltsamen Dreimännerausschusses, wandte und ihn aufforderte, seine Meinung zu äußern.

»Ich halte es für Wahnsinn, einen bissigen Hund, den man glücklich gefangen hat, wieder laufen zu lassen«, sagte dieser.

»Das ist das erste vernünftige Wort, das heute abend gesprochen worden ist«, knurrte Vinzent Tucker.

»In jüngeren Jahren hätte ich wahrscheinlich ebenso gedacht«, entgegnete Burchard, »nachgerade aber wird mir die Verantwortung zuviel, die ihr natürlich großmütig mir überlassen werdet. Wie stehts, Devon, wollen Sie Ihren Frieden mit mir machen?«

»Ihnen meine Ranch verkaufen, heißt das?« fragte Devon.

»Das nicht allein, Sie müßten sich auch in aller Form verpflichten, zusammen mit Harry und Jim die Gegend hier zu verlassen und nie wieder zurückzukommen.«

»Aber Burchard«, mischte Wilson sich ein, »glaubst du denn, daß er so dumm sein wird, ein derartiges Versprechen zu halten?«

»Allerdings glaube ich das«, entgegnete der Dicke überzeugt, »vergiß nicht, daß wir es mit einem Gentleman zu tun haben!«

»Mit einem Spieler«, wandte Wilson wütend ein.

»Der ein vollendeter Gentleman ist!« wiederholte Burchard. »Also, wie denken Sie, Devon ? ist leben besser als sterben?«

Devon nickte.

»Schön! Ich habe Ihnen seinerzeit fünfundzwanzigtausend Dollar für Ihre Ranch anbieten lassen ? wollen Sie die jetzt annehmen?«

»Um Gottes willen, Burchard, bist du denn wahnsinnig geworden, eine solche Summe zum Fenster hinauszuwerfen?« rief Tucker ganz entrüstet.

»Ich werde sie aus meiner eigenen Tasche bezahlen«, erwiderte Les Burchard, »ihr braucht euch nicht daran zu beteiligen! Mir ist die Sache so viel wert ? ich schlafe nachher besser.«

»Ich will darauf eingehen«, sagte Devon nach kurzer Überlegung, »stelle aber meinerseits die Bedingung, daß ?Hans im Glück? und seine Schwester gleichfalls frei sind, sobald ich den Vertrag unterschrieben habe.«

»Das ist natürlich vollkommen ausgeschlossen«, riefen Wilson und Tucker wie aus einem Munde.

»Ich bin mit Hans zusammen hierhergekommen und kann nur mit ihm zusammen wieder fortgehen«, erklärte Devon bestimmt, »mit ihm und seiner Schwester.«

»Der gute ?Hans im Glück? hat mit solchen Zufälligkeiten rechnen müssen, das weiß er«, sagte Burchard, »und mit dem Mädel hab ich mir redliche Mühe gegeben, sie von der ganzen Angelegenheit fernzuhalten ? zuletzt hab ich sie sogar hier bei Wilson festgesetzt, aber das liebe Kind war zu schlau und ist immer wieder auf eigene Faust losgegangen, bis sie denn auch glücklich hinter das Geheimnis gekommen ist.«

»Sie hat also nicht in Ihren Diensten gestanden?« fragte Devon erregt.

Burchard warf ihm einen verachtungsvollen Blick zu.

»Halten Sie uns für so blödsinnig, daß wir uns einem Frauenzimmer in die Hand geben?«

Plötzlich zuckte er zusammen.

»Was war denn das?« fragte er.

Vierzigstes Kapitel

Wieder hatte es laut an der Haustür gerüttelt, aber wieder war es nur der Sturm gewesen, der stöhnend um das Haus heulte.

»Nein, mein Sohn«, fuhr Burchard beruhigt fort, »nicht für uns, sondern für Sie hat der kleine Satan gearbeitet! Ihr lag daran, zu verhindern, daß Sie von dem Goldvorkommen auf Ihrem Land erführen, da sie sehr richtig annahm, daß Sie jung sterben würden, wenn Sie dahinterkämen, was Ihre Ranch für uns so wertvoll macht. Wenn sie nämlich auch ursprünglich nur die Absicht hergeführt hat, ihren Bruder zurückzuholen, so hat sie inzwischen doch an einem gewissen Walt Devon ein tiefergehendes Interesse genommen, und ihr persönliches Pech ist es, daß sie darum heute noch sterben muß.«

»Sie können sich doch denken, daß ich unter diesen Umständen erst recht alles daransetzen werde, sie zu retten«, sagte Devon bestimmt.

Jetzt wurde Burchard ernstlich böse.

»Seien Sie kein Narr«, schrie er, »ich wollte Ihnen das Leben schenken, weil Sie mir gefallen haben, aber drei Menschen können wir natürlich nicht laufen lassen, da ein paar Worte von ihnen genügen, uns alle an den Galgen zu liefern ? bedenken Sie das gefälligst!«

Devon schloß die Augen.

Er wußte, daß Burchard seine Zusage halten und ihn freigeben würde, wenn er seinen Vorschlag annahm. Sollte er sich opfern für eine Frau, die er nur zweimal gesehen, und einen Menschen, der rücksichtslos auf ihn geschossen hatte? Eine wilde Lebensgier stieg in ihm auf, aber dann sprach das edle Blut seiner nordischen Ahnen vernehmlich in ihm ? männlich und entschlossen erklärte er:

»Wenn Sie auf meine Bedingungen nicht eingehen wollen, ist jedes weitere Wort überflüssig.«

»Dann sind Sie ein toter Mann und, was schlimmer ist, ein Idiot dazu!« schrie Burchard wütend. »Vorwärts, Gregory, mach ein Ende mit ihm und so schnell wie möglich, das ist das beste ? auch für ihn.«

»Das mein ich auch«, erwiderte Wilson, »aber den Fußboden in meinem besten Zimmer will ich mir darum doch nicht verderben.«

Er nahm die Schrotflinte lachend unter den rechten Arm und trat einen Schritt auf Devon zu.

»Dabei hab ich den dummen Jungen wirklich gern gehabt«, sagte Burchard weinerlich. »Die ganze Art, wie er allein gegen uns alle vorgegangen ist ? die beiden Tapergreise zählen ja nicht mit ? hat etwas so Frisches, Ritterliches ?«

Ein tiefer Seufzer endete seine Worte, doch dieser kam nicht von Burchards dicken Lippen ? die Flammen im Kamin flackerten, die Lampe wäre beinahe verlöscht, denn die Tür war aufgestoßen worden, finster entschlossene Gesichter starrten herein und die Läufe von Gewehren.

Devon erkannte, noch ehe er sich flach zu Boden warf, den Sheriff, Harry und Jim. Die Schrotladungen, die Wilson auf ihn abschoß, schlugen krachend in die Wand, Wilson selbst taumelte von dem Rückschlag der schweren Flinte und hatte noch nicht wieder festen Fuß gefaßt, da sprang Devon schon auf und saß ihm an der Kehle. Sie stürzten beide eng umschlungen zu Boden, doch Wilson fiel so hart auf den Hinterkopf, daß er die Besinnung verlor.

Devon riß einen Revolver aus dem Gürtel des Ohnmächtigen, um in den Kampf einzugreifen, doch der war inzwischen schon zu Ende. Vinzent Tucker lag erschossen da, Les Burchard aber stand mit dem Gesicht gegen die Wand und hocherhobenen Händen. Er schwitzte und keuchte entsetzlich, obwohl er nicht einmal den Versuch eines Widerstandes gemacht hatte.

»Walt ist gerettet«, rief der alte Harry jubelnd, »Herrgott, Kinder, was ist das Leben doch schön!«

»Gebt auf die beiden da acht, Harry und Jim«, rief Devon ihnen zu, »und Sie, Sheriff, kommen Sie mit, wir haben im Obergeschoß noch etwas anderes zu erledigen.«

Damit rannte er hinaus, Naxon folgte ihm eilig.

Oben an der Treppe stand der dicke Ben ? ganz verwirrt fragte er:

»Mein Gott, was ist denn los ? ist das Haus eingestürzt?«

»Nimm die Hände hoch!« schrie Devon ihn an.

Da der Dicke jetzt den Sheriff erkannte, gehorchte er sofort. Naxon nahm sich seiner liebevoll an, während Devon allein in das Zimmer eilte, in dem ?Hans im Glück? gefangen saß und seine schöne Schwester, die Devon kaum anzusehen wagte.

Draußen, auf dem Weg vor dem Hause, lag Noonan mit zerschmettertem Schädel.

Jim, Harry und der Sheriff waren, als sie in dem strömenden Regen vorüberkamen, ihm begegnet und hatten ihn niedergeschlagen, ehe er das Gewehr, das er ihnen vorhielt, abfeuern konnte. Dieses Gewehr aber war es gewesen, das den dreien angezeigt hatte, daß sie den richtigen Platz gefunden, denn sie waren nur aufs Geratewohl das Tal hinabgeritten, als sie Devons Verschwinden erfahren hatten, weil sie sich sagten, daß sie ihn in der Richtung suchen müßten, aus der gestern die einladenden Lichtsignale gekommen waren. Wäre das Haus unbewacht gewesen, wären sie sicher achtlos an ihm vorübergeritten.

Während ?Hans im Glück? sich den beiden alten Trappern und dem Sheriff anschloß, um die entflohenen Mitglieder der Bande zu verfolgen, wurde Devon als Wache bei den Gefangenen zurückgelassen, die man, an Händen und Füßen gefesselt, im Wohnzimmer untergebracht hatte.

Gregory Wilson und der dicke Ben sprachen kein Wort. Burchard aber schien durch das Mißgeschick seine gute Laune nicht eingebüßt zu haben.

»Siehst du, Gregory«, sagte er, »das habt ihr ? du und Tucker ? nun davon, daß ihr durchaus Blut sehen wolltet; hättet ihr auf mich gehört, stände es jetzt besser um uns! Übrigens, Devon, einen Gefallen könnten Sie mir tun: in meiner Tasche sind noch ein paar Pflaumen, seien Sie nett und geben Sie mir die ? morgen sind sie doch ungenießbar.«

Devon sah ihn sprachlos an, dann beugte er sich zu ihm und sagte:

»Sie waren anständig zu mir, ich will Ihnen etwas Besseres geben als ein paar Pflaumen. Sehen Sie zu, daß Sie ein Pferd erwischen, reiten Sie wie der Teufel nach Hause, stopfen Sie sich die Taschen mit Geld voll und machen Sie, daß Sie schleunigst aus der Gegend hier verschwinden!«

Damit schnitt er ihm rasch die Fesseln durch.

»Das ist ja beinah wie in einer Schulbuchgeschichte: Wohltun trägt Zinsen!« meinte Burchard, seine fetten Glieder reckend. »Na, dann besten Dank, mein lieber Devon, leben Sie wohl. Sollte es Ihnen aber mal schlecht gehen, dann kommen Sie nur zu mir, einen gedeckten Tisch und ein warmes Bett werden Sie immer bei Les Burchard finden.«

Und rasch eilte er hinaus.

Einundvierzigstes Kapitel

Daß Devon den Gründer von West-London hatte entkommen lassen, war eigentlich nicht nach Sheriff Naxons Geschmack, aber schließlich fand er sich damit ab, zumal dessen Anwesenheit nicht unbedingt erforderlich war. In seiner Wut hatte nämlich Gregory Wilson ein so umfassendes Geständnis abgelegt, daß allen Mitgliedern der Bande, die man gefangen hatte, der Prozeß gemacht werden konnte.

Sie wurden natürlich samt und sonders zum Tod durch den Strang verurteilt und starben wie Männer ? bis auf Gregory Wilson, der noch unter dem Galgen zitternd um Gnade winselte.

Dies strenge Strafgericht reinigte die Luft von West-London, und die gute Stadt nahm seitdem einen so mächtigen Aufschwung, daß man sie kaum wiedererkennen konnte ? am meisten aber änderte sich das Aussehen der ehemaligen Devon-Ranch.

*

Fast zwei Jahre waren vergangen, als zwei alte Männer langsam aus der Timbal-Schlucht heraufgeritten kamen. Sie trauten ihren Augen nicht: wo einst die elende Hütte gestanden hatte, da dehnten sich jetzt die weißen Mauern und das rote Dach eines gewaltigem Hauses im spanischen Kolonialstil, riesige Ställe umgaben es, und die fetten Weiden rings wimmelten von wohlgenährten Rinderherden.

Die beiden, der eine gebückt von Alter, der andere trotz der Last der Jahre noch gerade und aufrecht, lächelten zufrieden beim Anblick dieser Veränderung. Sie selbst sahen eigentlich noch genau wie früher aus. Man hätte sie für arme Trapper halten können, wenn ihre Sporen nicht aus lauterem Gold, ihre Halstuchnadeln nicht mit kostbaren Brillanten, und die Kolben ihrer altmodischen Colts nicht mit leuchtenden Rubinen geschmückt gewesen wären.

Als sie in den geräumigen Innenhof einritten, eilte ihnen ein mexikanischer Diener in glänzender Livree entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Sie schüttelten nur die weißen Köpfe, der eine aber, der etwas gebückt war, legte die Hände an den Mund und rief:

»Mabel! Walt!«

Das Echo warf den gewaltigen Ruf von den Wänden zurück, die beiden Alten stiegen aus dem Sattel, dann wurden hastige Schritte laut und eine helle Stimme rief:

»Walt, komm schnell ? Onkel Harry und Onkel Jim sind endlich wieder da!«

Und ohne auf Walt zu warten, eilte Mabel Devon die Treppen hinunter und mit ausgebreiteten Armen auf die beiden glückstrahlenden Alten zu.


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