Auf der Spur des Goldes

----------




Erstes Kapitel

Das tiefe Dunkel auf der Veranda, die sich an der Rückseite des Saloons hinzog, wurde nur durch die roten Lichtpunkte unterbrochen, die von glimmenden Pfeifen oder brennenden Zigaretten herrührten.

Walt Devon, der diesen reizvollen Wechsel von Aufflammen und Verlöschen aufmerksam beobachtete, wußte sofort, mit wem er es hier zu tun hatte, denn nur Leute, die in der freien Wildnis zu Hause sind, finden Vergnügen daran, im Dunkeln zu rauchen ? Jäger und Fallensteller, die sich erst spät abends ausruhen können, oder Cowboys, die sich in langen Winternächten an einem Pfeifchen die Nase wärmen.

Nun gab es in West-London allerdings nichts zu erjagen als Gold, und Fallen wurden nur für Greenhorns und andere Narren aufgestellt, denen man das Fell mühelos über die Ohren ziehen konnte ? aber seine Annahme stimmte: alle diese Männer hier waren in der Wüste oder im Gebirge zu Hause.

Selbstverständlich gab es auch noch andere, aber die blieben nur einen kurzen Augenblick und gingen dann schnell wieder zu den Spiel- oder Schanktischen zurück. Dann zitterten die Dielenbretter unter ihren Füßen, und ihr lautes Sprechen unterbrach die wohltuende Ruhe, denn die eigentlichen Stammgäste der Veranda unterhielten sich immer nur leise und gedämpft, als ob sie sich wichtige Geheimnisse mitzuteilen hätten.

Wenn die Tür geöffnet wurde, drangen summendes Stimmengewirr und die scharfen, einförmigen Rufe der Croupiers heraus. Walt Devon horchte dann jedesmal auf und sog mit doppeltem Genuß die reine, nach Föhrennadeln duftende Luft ein. Er hatte keine Eile, es zog ihn nicht an die grüne Schlachtbank da drinnen, ja, er hatte heute überhaupt sein Glück am Spieltisch noch nicht erprobt.

Belustigt betrachtete er die Schnurrbärte, die geraden und krummen Nasen, die ein kurzes Aufleuchten ihm für wenige Sekunden sichtbar machte.

Es war ulkig, wie diese spärlichen Lichtquellen sich bewegten ? die Pfeifen meist langsam und bedächtig, die Zigaretten hastig und nervös, da sie jede Handbewegung der sich angeregt unterhaltenden Raucher mitmachten. Plötzlich sah er ? oder er glaubte zu sehen, daß sich eine Zigarette am äußersten Ende der Veranda in regelmäßigen Punkten und Strichen hin und her bewegte: kurz, lang ? lang, lang, kurz ? wie Morsetelegraphenzeichen sah es aus.

Walt Devon lächelte ? das konnte natürlich nur ein Zufall sein. Doch während er halb unbewußt dem hin und her fahrenden Lichtschein folgte, zuckte er zusammen: er hatte deutlich aus den langen und kurzen Bewegungen das Wort »Achtung!« herausbuchstabiert.

Es war also kein Zufall, der die Hand mit der Zigarette da führte, der Raucher dahinten wechselte mit irgend jemandem hier auf der Veranda Lichtsignale, so unwahrscheinlich das auch war, da die beiden ja höchstens zehn Schritte voneinander entfernt waren, sich also auf andere Weise unmittelbar und bequemer hätten verständigen können.

Devon erhob sich, trat an die Brüstung und blickte in die steile, mit Föhren bestandene Schlucht hinab, die sich hier öffnete. Tief unten auf ihrem Grunde spiegelten sich die Sterne in einem trübe schimmernden Gewässer wider, und jenseits von ihr ragte der Timbal-Berg majestätisch zum Himmel empor.

»Als ob man auf einem Aussichtswagen der Eisenbahn stände ? nicht wahr?« sagte da neben ihm jemand, der wie er an der Brüstung lehnte.

»Stimmt«, meinte Devon und wandte sich dabei dem Sprecher zu, wodurch sein Blick die andere Hälfte der Veranda traf, auf der er jetzt eine glimmende Pfeife sich in der gleichen, morsezeichenartigen Weise bewegen sah, die er vorher auf der entgegengesetzten Seite bei einer Zigarette beobachtet hatte. Er fühlte, daß sein Herz lebhafter zu schlagen begann.

Walt Devon hatte die Welt durchstreift, um das Glück zu suchen; im Krieg hatte er gehofft, es zu finden, beim Kartenspiel, auf der Jagd nach einer reichen Heirat ? doch bald war er dahintergekommen, daß bei allem nicht der etwaige Erfolg ihn lockte, sondern die Lust am Abenteuer. In den dreißig Jahren seines Lebens hatte er manches durchgemacht und oft auch hart gearbeitet, aber goldene Berge hatte er nicht erworben ? auch im Spiel nicht, denn beim Poker war er tollkühn und verwegen, weil es ihm nicht auf den Gewinn ankam, sondern auf die Erregung und Spannung.

Etwas Ähnliches empfand er jetzt, als er das kleine Geheimnis auf der Veranda hier beobachtete. Gefahrlos war es wahrscheinlich nicht; denn die beiden, die sich da auf so seltsame Art miteinander verständigten, wagten offenbar nicht, ihre Stühle zu verlassen und miteinander zu sprechen. Offenbar wußten sie sich von einem Dritten beobachtet, den sie durch diese ungewöhnliche Art der Telegraphie hinters Licht zu führen suchten.

Wer waren sie, was teilten sie sich da mit, und wer war der, dessen Aufmerksamkeit sie fürchteten?

Das waren vielleicht unwichtige Fragen, die ihn außerdem eigentlich nicht das geringste angingen, aber er versprach sich von ihrer Beantwortung, die in dieser Umgebung bestimmt mit einer gewissen Gefahr verbunden war, eine angenehme Erregung.

Inzwischen hatte er bereits ein Mittel gefunden, die beiden Teilnehmer an dem stummen Gespräch gleichzeitig im Auge zu behalten. Er nahm seinen kleinen Taschenspiegel in die Hand, in dem er die Signale von Nummer Eins aufflammen sah ? die von Nummer Zwei hatte er gerade vor sich, während er mit dem Mann an der Brüstung sprach.

»Stimmt«, erwiderte er, »nur, daß die Berge nicht zurückweichen, wie es einem vom Zug aus erscheint.«

»Das werden sie eines schönen Tages auch noch tun«, meinte der Fremde. »Wenn es mit dieser Graberei und Bohrerei hier noch lange so weitergeht, wird sogar der alte Timbal da drüben verschwinden.«

Im Spiegel erschien jetzt ein ganz neuer Satz. »Es ist die einzige Möglichkeit«, entzifferte Devon und wartete auf die Antwort von Nummer Zwei, doch da keine erfolgte, setzte er das Gespräch mit seinem Nachbar an der Brüstung fort.

»Das war übrigens noch nicht, als ich das letztemal hiergewesen bin«, sagte er.

»Ach, Sie kennen die Gegend schon von früher?«

»Ja, gewiß.«

»Ich auch ? zwanzig Jahre mögen es her sein, als ich auf einem Maultier den Timbal da zum ersten Male runtergeklettert kam. Übrigens hatte der Berg damals überhaupt noch keinen Namen, ebensowenig wie der Fluß.«

»Wie ist die Stadt eigentlich zu dem hochtrabenden Namen gekommen?«

»Das ist eine ganz drollige Geschichte«, erwiderte der andere, seine weiche, tiefe Stimme so dämpfend, daß Devon Mühe hatte, die Worte zu verstehen. »Der alte Les Burchard kam hier durch, vor zehn Jahren war das ?«

»Ich bin vor fünfzehn hiergewesen«, unterbrach ihn Devon.

»Also Burchard war mit einem Wagen, den acht Maultiere zogen, nach Farralone unterwegs und wollte den Weg dorthin durch dieses Tal hier abschneiden. Er hatte eine Riesentonne voll Alkohol geladen, den er in Farralone mit Gerberlohe und Pflaumensaft mischen wollte, um ihn als echten Whisky zu verkaufen. Unvorsichtigerweise hatte er von dem gefährlichen Zeug selbst reichlich viel gekostet, so daß er nicht mehr ganz sicher im Abschätzen von Entfernungen war und mit dem rechten Vorderrad gerade hier so heftig gegen den Felsen fuhr, daß es in tausend Splitter ging. Da saß er nun und sah sich, plötzlich ernüchtert, die Bescherung an. Er hätte ja den kostbaren Stoff auf kleine Fässer ziehen und auf den Maultieren weiterbefördern können, doch da er weder Fässer noch Packsättel besaß, sagte er sich, wenn er nicht zur Stadt kommen könne, müsse die Stadt zu ihm kommen.«

Der Erzähler machte, leise in sich hineinkichernd, eine Pause, was Devon um so lieber war, als Nummer Zwei gerade ein Streichholz anzündete, um seine Pfeife von neuem in Brand zu setzen. Beim Schein des Hölzchens sah Devon ein junges, hübsches Gesicht mit einem energischen Kinn, das auf eine Kämpfernatur schließen ließ. Es gefiel ihm recht gut, und er prägte jeden Zug genau seinem Gedächtnis ein.

Es gibt sehr verschiedene Arten, ein Menschenantlitz zu betrachten. Die armseligste hinterläßt nur einen unbestimmten Gesamteindruck, die beste dagegen achtet auf solche Einzelheiten, die nicht verändert werden können, weder durch künstliche Narben noch durch einen echten oder falschen Bart: zum Beispiel die Nase, der Winkel, den Nase und Stirn bilden, die Höhe und Breite der Backenknochen, besonders auch die Stellung und Form des Ohres.

Auf diese Weise also gewann Devon ein Bild von Nummer Zwei, so daß er ihn sicher stets und jederzeit wiederzukennen vermochte.

Sein Nachbar an der Brüstung fuhr leise in seiner Erzählung fort:

»Hier an der Stelle, wo wir jetzt sind, baute sich Les Burchard also eine Blockhütte und wartete auf die Stadt, die da kommen sollte.

Jenseits des Timbal wohnte ein Mann, der hieß Devon, und er besaß da eine kleine Ranch mit einigen Kühen. Den suchte Burchard auf und verkaufte ihm ein paar von seinen Maultieren. Er hatte ein Gewehr und Munition, Wild genug gab es in dem Tal hier, so lebte er vorläufig einmal eine Reihe von Monaten von Wildbret und seinem Alkoholvorrat.

Zweites Kapitel

Eines Morgens nun erwachte Les mit ziemlich schwerem Kopf und fand das ganze Tal angefüllt mit einem dichten Nebel, der ihn an London erinnerte, in dessen Hafen er einmal als ehemaliger Seemann gewesen war. Deshalb errichtete er dort eine Tafel mit der Inschrift ?London?. Damit hatte er zwar keine Stadt, aber bereits einen Namen für eine solche.

Bald jedoch fiel es Burchard ein, daß London allein nicht genüge, denn das hätte doch zu Verwechslungen führen können, zumal von dem Original-London wohl die meisten Menschen in Amerika schon einmal gehört haben mochten. Er nagelte also noch ein Brett an seine Tafel und schrieb darauf ?West?, und darum befinden wir uns heute in West-London, im Gegensatz zu dem an der Themse.«

Nummer Zwei bewegte plötzlich seine hellbrennende Pfeife hin und her.

»Wie weit soll ich gehen?« entzifferte Devon.

Die Antwort im Spiegel, die die Zigarette von Nummer Eins gab, lautete:

»Bring ihn um!«

Der Erzähler fuhr fort:

»Les Burchard hauste noch nicht lange hier in dem Tal, da fand der besagte Devon eines Tages einen Goldklumpen, mit dem er sich schleunigst auf den Weg zur nächsten Stadt machte. Eines Morgens weckten Les die Schläge einer Hacke, die den Felsen abklopfte, und eine Woche später arbeiteten bereits fünftausend Mann da in der Schlucht. Burchard verkaufte seinen Alkohol, den Fingerhut voll für einen Dollar, das Holz seines Wagens für zweitausend Dollar in Gold. Die Maultiere brachten ihm mehrere hundert je Stück ein, und das Leder der Geschirre wurde ihm mit Gold aufgewogen ? kurz, Les verdiente so viel Geld, daß er sich hätte zur Ruhe setzen können. Das tat er jedoch nicht, sondern trank, als das scheußliche Zeug in seinem Faß auf die Neige ging, den Rest selber aus und torkelte dann in die Schlucht, um selbst sein Glück als Goldgräber zu versuchen.«

Nummer Zwei, den wohl der letzte Befehl etwas aus dem Gleichgewicht gebracht haben mochte, wie Walt Devon aus der langen Pause, die folgte, schloß, telegraphierte jetzt:

»Wann?«

»Heute abend um elf«, antwortete der Zigarettenraucher.

»Wo?«

»Bei Purley.«

»Der wackere Les Burchard«, erzählte der Fremde an der Brüstung weiter, »hatte sich so vollgetrunken, daß er kaum noch wußte, wo er war, aber er besaß eine Hacke und eine Schaufel, die allerdings augenblicklich sein ganzes Hab und Gut ausmachten. Als er nun so durch das Tal schwankte, suchte er sich eine Stelle aus, an der andere schon versucht hatten, einen Gang in den Felsen zu treiben, die Sache aber als aussichtslos aufgegeben hatten. ?Hier ist so schön vorgearbeitet?, sagte er sich, ?da brauch ich mich nicht so mächtig anzustrengen.?

Die anderen lachten ihn aus, doch da er sich nicht belehren lassen wollte, dachten sie, er würde den Blödsinn schon selbst einsehen, wenn er erst nüchtern geworden wäre. Er klopfte und kratzte also nach seiner eigenen Manier ? ohne den geringsten Erfolg natürlich! Kurz vor Feierabend aber schlug er voll enttäuschter Wut mit aller Wucht seine Hacke in den Felsen, und dabei legte er eine Goldader frei, die so reich war, daß er nicht mehr wußte, was er mit all dem vielen Gold anfangen sollte. Da er nun für Geschäftemachen immer schon eine gewisse Schwäche besaß, hat er hier, an der gleichen Stelle, wo damals sein Wagen zusammengebrochen war, diesen Spielpalast erbaut, der ihm Jahr für Jahr recht anständige Summen einbringt. Den größten Luxus, den er sich leistet, ist übrigens ein Koch, ein Chinese, der einfach ein Genie in seinem Fach ist.«

So sehr ihn diese Erzählung auch interessierte, Walt Devon hatte ihrem letzten Teil nur mit halbem Ohre zugehört, denn das Wort »Purley«, das Nummer Eins vorhin telegraphierte, hatte eine besondere Bedeutung für ihn. So hieß nämlich das Kosthaus, in dem er wohnte.

Drittes Kapitel

Da keine weiteren Lichtsignale gewechselt wurden, schloß Devon sich einer Anzahl von Gästen an, die in den Spielsaal drängten, wobei er Nummer Eins aus dem Auge verlor. Während er dann, um nicht aufzufallen, am nächsten Roulette ein paar Geldstücke setzte, entdeckte er an einem Pharo-Tisch Nummer Zwei, der einen recht beträchtlichen Haufen von Münzen vor sich liegen hatte.

Zweifellos war der Mann ein Halbblut, das bewiesen die hohen Backenknochen und der eigentümlich verschleierte Ausdruck seiner Augen. Überdies spielte er wie ein Indianer, das heißt: der größte Gewinn ließ ihn genau so gleichgültig wie der schwerste Verlust.

Nachdem er ihn genügend beobachtet hatte, brach Devon auf, denn Roulette verachtete er ebenso wie das Pharo-Spiel, an denen, seiner Meinung nach, nur Betrunkene oder vollendete Idioten Vergnügen finden konnten, da es bei beiden ausschließlich auf Glück ankam.

Es war kurz nach zehn Uhr, als er Mrs. Purleys Haus erreichte, das größte Kosthaus von West-London. Herr Purley hatte es ursprünglich als Kneipe und Spielhölle gegründet, doch da ihm das Roulette nicht rasch genug so viel einbrachte, wie er gehofft, hatte er an der Drehvorrichtung eine kleine Änderung vorgenommen, durch die er das Glück auf seine Seite zwingen konnte. Leider hatte sich ein allzu neugieriger Cowboy die Sache einmal näher angesehen und dann Mr. Purley zwei Kugeln ins Gehirn gejagt.

So stand das große Haus verwaist, und da Mr. Purleys Schulden erheblich waren, sollte es versteigert werden. Doch Mrs. Purley kam gerade noch rechtzeitig aus dem Osten an, um den Auktionator mitsamt den Bietern zum Tempel hinauszuwerfen.

Zunächst reinigte sie einmal das ganze Haus sehr gründlich, dann teilte sie die großen Räume durch dünne Zwischenwände in viele kleine, hing in ihnen Hängematten als Betten auf und machte ? ein riesiges Geschäft. Sie war eine sehr energische Dame, stand oft höchstpersönlich hinter dem Schanktisch und hatte bereits mehrmals lärmende Störenfriede mit Bierflaschen niedergeschlagen und sie dann eigenhändig auf die Straße hinausgeschleift.

Als Walt Devon heimkam, fand er die wackere Mrs. Purley im ?Lesezimmer? ? dreimal am Tag diente dieser nämliche Raum zwar als Speisezimmer, in der übrigen Zeit aber stand er den Gästen als Lesezimmer zur Verfügung.

Im Augenblick war außer der Wirtin niemand darin.

»Sie haben wirklich ein ruhiges Haus, Mrs. Purley«, sagte Devon in ehrlicher Anerkennung.

»Jawohl, ruhig ists«, erwiderte sie bitter, »keine Musik, kein Laut, nicht einmal die Pfropfen der Bierflaschen knallen! All diese Dickschädel kommen zu mir nur, um von Mitternacht bis zum Morgen zu schnarchen ? tatsächlich, ich möchte lieber Drehorgelspieler in Neuyork als Maienkönigin in einem so gottvergessenen, toten Nest wie hier sein!«

»Das ist, weil die Leute einen so großen Respekt vor Ihnen haben, Verehrteste«, entgegnete Devon.

»Ach, Sie meinen, weil ich ab und zu mal ein paar mit blutigen Köpfen nach Hause geschickt habe? Nein, nein, das ist es nicht, die Leute hier haben keinen Sinn für richtige Geselligkeit!«

Dabei schlug sie mit ihrer furchtbaren Rechten so entschieden auf den Tisch, daß dieser bedenklich ächzte.

»Wollen wir zusammen noch was trinken?« fragte Devon höflich.

»Vielleicht«, antwortete sie schmelzend, »wenn es mir gelingt, den Faulpelz von Zapfer wach zu bekommen.«

»Wahrscheinlich arbeitet der Mann zu lange.«

»Der? Lächerlich! Ein Leben führt er wie Gott in Frankreich! Es gibt doch nichts Schöneres, als den ganzen Tag im Kühlen zu stehen und die Leute zu bedienen. Ich würde das am liebsten selbst tun, aber leider fühlen sich die meisten Gäste beengt und unfrei in Gegenwart einer Dame, denn nicht alle meine Gäste sind wirkliche Gentlemen wie Sie, Mr. Devon.«

Sie gingen in den angrenzenden Schankraum, wo Mrs. Purley mit einem energischen Klaps den friedlich schlafenden Kellner weckte, der ihnen dann das schäumende Bier brachte.

»Beteiligen Sie sich auch an dieser schrecklichen Jagd nach dem Gold?« erkundigte sich die trinkfeste Wirtin, die ihr Glas auf einen Zug geleert hatte.

»Gewiß, aber nur auf dem Umweg über die Karten«, erwiderte Devon.

»Das ist auch das einzige Vernünftige«, stimmte Mrs. Purley ihm bei, seufzte tief und fuhr dann fort: »Wie gut könnte ich es jetzt haben, wenn mein seeliger Jim es nicht so grenzenlos ungeschickt angefangen hätte, der dumme Esel!«

In dem ?Lesezimmer? nebenan wurde ein Stuhl gerückt; Devon spähte vorsichtig durch die nur angelegte Tür und erkannte das hübsche Gesicht von Nummer Zwei, der sich gerade am Tisch niederließ und eine Zeitung vor sich ausbreitete.

»Wer ist denn das?« fragte er leise die Wirtin.

»Ein gewisser Grierson«, erwiderte diese.

»Er sieht recht gut aus«, meinte Devon weiter.

»Das ist aber nur äußerlich ? im Verbrecherviertel von Neuyork sieht man diese Sorte zu Hunderten. Wie heißen doch gleich die weißen Blumen, die gelb werden und verwelken, wenn man sie anfaßt? Ja, richtig: weiße Kamelien! So eine ist der, und unter der Achselhöhle trägt er sicher einen sechsfach geladenen Colt. Sehen Sie sich diese langen, geschmeidigen Finger an ? noch nie haben die eine ehrliche Arbeit geleistet. Solche hübschen Jungens, wie der, drücken in Manhattan die Preise, so daß die Ermordung eines Bankpräsidenten kaum noch fünfzig Dollar einbringt. Auf Wiedersehen, mein lieber Mr. Devon, es war mir ein wirkliches Vergnügen, mich mit Ihnen einmal aussprechen zu dürfen. Wenn irgend jemand in meinem Haus Sie stören sollte, lassen Sie es mich nur wissen, ich werde Ihnen schon Ruhe schaffen. Recht gute Nacht denn!«

Damit rauschte sie weitausschreitend hinaus, Devon aber ging ins Lesezimmer, suchte sich gleichfalls eine Zeitung, die nicht viel mehr als einen Monat alt war, und vertiefte sich scheinbar in deren ?Neuigkeiten?.

Nach einer Weile zog er verstohlen die Uhr: es war ein Viertel vor elf. Wenn die Sache also klappte, wie sie vereinbart war, sollte der Herr Mörder da drüben in fünfzehn Minuten hier in diesem Hause in Tätigkeit treten. Devon nahm sich vor, gleichfalls zur Stelle zu sein, wenn es soweit wäre.

»Haben Sie vielleicht ein Streichholz?« fragte da Grierson.

Devon reichte ihm seine Schachtel über den Tisch hinüber, Grierson zündete sich eine Zigarette an und gab die Schachtel mit lebhaften Dankesworten zurück. Man merkte ihm an, daß er gern eine Unterhaltung geführt hätte.

»Geht es eigentlich in Burchards Spielsaloon beim Pharo ehrlich zu?« fragte er schließlich, um ein Gespräch einzuleiten.

»Keine Ahnung, ich habe nie mitgespielt«, erwiderte Devon.

»Dann lassen Sie auch lieber die Hände davon«, entgegnete Grierson eifrig. »Ich glaube, man wird maßlos betrogen.«

»So?«

»Ja, sicher ? neulich war ich mal drauf und dran, den Leuten das Handwerk zu legen, aber dann habe ich mir gesagt, daß es ja doch keinen Sinn hat.«

»Na, erlauben Sie mal ? Falschspieler zu entlarven, ist doch ein verdienstliches Werk und eigentlich Pflicht jedes Gentleman.«

»Wieso?« gähnte Grierson. »In so einem Spielsaloon verlieren die Leute ja doch; ob sie ihr Geld ein wenig schneller oder langsamer loswerden, ist im Grunde höchst gleichgültig ? meinen Sie nicht auch?«

Devon zuckte die Achseln, der andere schwatzte weiter.

Als es nur noch fünf Minuten vor der angesetzten Zeit war, warf Devon ab und zu eine Frage ein, um das Gespräch nicht abreißen zu lassen ? vielleicht gelang es ihm, den Mörder hier festzuhalten, so daß er seinen Auftrag versäumte.

Irgendwo fing eine Uhr zu schlagen an. Grierson brach mitten im Worte ab und lauschte, machte jedoch keinerlei Anstalten, aufzustehen und den Raum zu verlassen, sondern sah mit einer gespannten Neugier Devon ins Gesicht. Diesem wurde mit einemmal klar: er hatte die Lichtzeichen richtig gedeutet, auf Punkt elf Uhr war ein Mord tatsächlich angesetzt, und ? aus einem geheimnisvollen und ihm unerklärlichen Grunde war er selbst das Opfer des geplanten Verbrechens!

Viertes Kapitel

Die Uhr hatte zum neuntenmal geschlagen, da wagte Devon ? die Hand in seiner Rocktasche ? hastig über die Schulter nach der Tür in seinem Rücken zu blicken. Er glaubte, wenn auch undeutlich, zu sehen, daß sich etwas hinter ihm bewegte.

Er wandte den Kopf wieder zurück auf Grierson zu ? dessen Arm war gekrümmt und seine rechte Hand im Begriff, den Revolver zu ziehen; da schoß Devon.

Er hatte nicht nötig, eine Waffe zu ziehen, denn für Fälle, wie den vorliegenden, trug er in seiner Rocktasche eine einläufige Pistole bei sich, die ziemlich flach gearbeitet war, so daß man sie von außen nicht bemerkte, aber starkkalibrig genug, um auf kurze Entfernungen einen Gegner zu erledigen. Mehr konnte ein richtiger Colt schließlich auch nicht leisten.

So hatte er nur abgedrückt und trat nun ein wenig zurück, um abzuwarten, bis Grierson, der schon vorher aufgesprungen war, getroffen zusammenbrechen würde.

Doch Grierson brach nicht zusammen!

Die Tasche von Walt Devon füllte sich mit Rauch, der keinen Abzug fand, da kein Kugelloch vorhanden war! Entsetzt erkannte er, daß seine Pistole blind geladen sein mußte.

Grierson hatte inzwischen seine Waffe gezogen. Für Devon gab es jetzt drei Möglichkeiten: entweder konnte er versuchen, die Tür zu erreichen, sich unter den Tisch zu ducken oder geradewegs dem Mörder entgegenzutreten. Er wählte die dritte, denn bei den beiden anderen bestand die Gefahr, ein Stück Blei in den Rücken zu bekommen. So landete er einen kräftigen Linkshaken von der Sorte, die ihm schon während seiner Schülertage gute Dienste geleistet hatten, seitlich auf Griersons Kinn.

Die Wirkung gab einer großkalibrigen Revolverkugel kaum etwas nach; die Knie des Getroffenen knickten ein und sein Blick wurde leer. Mit einer Hand nahm Devon ihm den Colt aus den steifen Fingern, mit der anderen drückte er ihn auf den Stuhl nieder.

Über den Kopf von Grierson blickte er forschend nach der Tür hinüber, doch da bewegte sich nichts. Er untersuchte das Magazin der erbeuteten Waffe ? sie war scharf geladen, also bestand kein Zweifel mehr daran, daß tatsächlich ihm der auf der Veranda verabredete Mordanschlag galt. Dafür sprach außerdem die Tatsache, daß die Patrone in seiner Pistole ohne Kugel gewesen war. Zweifellos hatte sie einer der schlauen Banditen entfernt, und er hatte nichts davon gemerkt.

Jetzt wurde draußen Mrs. Purleys Stimme vernehmbar, dann erschien sie selbst, zwei verschlafene Mannsleute vor sich hertreibend.

»Männer wollt ihr sein?« schrie sie. »Feige Schafsköpfe seid ihr! Vorwärts, sucht ? hier ist ein Mord geschehen, ich hörte einen Schuß fallen. Was, sehe ich recht? Mr. Devon, Sie haben etwas damit zu tun gehabt?«

Devon, der hinter Griersons Stuhl stand, steckte nämlich gerade dessen Colt in die Tasche, eine ziemlich schwere Waffe, die aber sehr gut in der Hand lag, und deren Mündung er nun Grierson in den Rücken bohrte.

»Ich habe Mr. Grierson die Konstruktion meiner Pistole erklärt«, sagte er, »und dabei ist sie leider losgegangen ? entschuldigen Sie vielmals, wenn ich Sie erschreckt habe.«

»War wirklich weiter nichts los?« forschte die Witwe. »Dabei sieht der junge Mann aus, als hätte er mindestens einen Bauchschuß bekommen! Fehlt Ihnen was?«

»Was soll mir fehlen?« fragte Grierson, dessen Stimme allerdings ein wenig matt klang. »Ich fühle mich ausgezeichnet.«

»Schert euch in eure Betten zurück!« befahl Mrs. Purley ihren Begleitern und wandte sich, nachdem diese verschwunden waren, an Devon, den sie dabei, die massigen Arme in die Seiten gestemmt, durchdringend musterte.

»Sie sind mir ein sehr lieber Gast«, sagte sie, »aber ein für allemal: geschossen wird bei mir nicht, denn nichts bringt ein Haus schneller in Verruf als ein paar Morde!«

Mit einem energischen Ruck machte sie kehrt und ging hinaus.

Grierson stand langsam auf, doch seine eigene Waffe, deren Lauf er jetzt in der Magengrube spürte, zwang ihn, die Hände, wenn auch widerwillig, hochzuheben.

»Wozu das?« fragte er mißmutig. »Ich habe weiter nichts bei mir. Aber interessieren würde es mich, wo Sie diese wirksame Art von Linksschwingern gelernt haben ? waren Sie mal im Ring tätig?«

Devon antwortete nicht, sondern untersuchte den jungen Mann sehr sorgfältig, fand aber nur noch einen Schlagring, den er an sich nahm, obwohl Grierson mürrisch meinte:

»Was kann ich mit dem lächerlichen Ding schon gegen Sie anfangen?«

»Auf alle Fälle ist es im Augenblick besser bei mir aufgehoben«, erwiderte Devon. »Und nun kommen Sie mal mit, mein Freund!«

Damit führte er ihn in die äußerste Ecke des Zimmers, wo weder ein Fenster noch eine Tür waren, stellte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, setzte sich vor ihn hin und begann:

»Da ich Sie heute zum erstenmal sehe, hat natürlich jemand Sie zu dieser Tat angestiftet ? wer war das?«

Grierson schlug die Augen nieder, antwortete aber nicht.

»Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Angelegenheit zu erledigen«, fuhr Devon fort. »Ich könnte Sie dem Sheriff überantworten, und der würde Sie ins Gefängnis stecken, das aber, wie die meisten hierzulande, wahrscheinlich keine allzu starken Mauern haben wird. Der zweite Weg wäre, daß ich Sie in irgendeine Kneipe brächte und den dort versammelten Gästen erzählte, was sich soeben hier zugetragen hat.«

»Versuchen Sies doch«, erwiderte Grierson patzig, »Sie können mir gar nichts beweisen!«

»Die Innenseite meiner Tasche ist von Pulver verbrannt, ohne daß eine Kugel den Stoff durchbohrt hat ? das beweist eindeutig, daß meiner Waffe die Kugel ausgebrochen war, bevor Sie Ihren Mordanschlag gegen mich wagten. Die Leute hier haben durchaus nichts gegen eine Schießerei, solange es dabei ehrlich und anständig zugeht, aber gemeinen Mord hassen sie um so abgründiger ? das weiß ich, weil ich selbst aus dem Westen stamme. Man wird mir unbedingt glauben, verlassen Sie sich darauf, junger Freund, und Sie an dem nächsten Baum aufknüpfen!«

Während dieser ruhig, aber eindringlich gesprochenen Worte war Grierson blaß und blässer geworden, nervös fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und die schmerzende Stelle am Kinn, sein Blick wurde leer und verzweifelt.

»Mein Gott, hätt ich mich bloß nicht auf so etwas eingelassen«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber.

»Das wäre allerdings besser gewesen«, meinte Devon, »aber es läßt sich nun leider nicht ungeschehen machen ? es müßte denn sein, daß Sie Reue empfänden und mir den Name Ihres Auftraggebers nennen.«

»Ich habe in niemandes Auftrag gehandelt«, antwortete Grierson rasch.

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Jawohl!«

»Schön, dann kommen Sie«, erwiderte Devon, »dann werden wir zusammen in die Stadt gehen, und ich werde den Leuten erzählen, was Sie getan haben.«

»Ich denke nicht daran. Nicht von der Stelle rühre ich mich!« erklärte Grierson in kindischem Trotz.

Devon lächelte nur.

»Sie wollen mich also tatsächlich kalten Blutes ermorden?« fragte der junge Mann, plötzlich sehr kleinlaut geworden.

»Menschen Ihrer Art unschädlich zu machen, ist kein Mord«, entgegnete Devon ruhig, »das ist einfach Bürgerpflicht. Genau wie jeder dafür sorgen muß, daß die Straße vor seinem Haus sauber gefegt ist. Trotzdem gebe ich Ihnen mein Wort: wenn Sie mir die Wahrheit sagen, sind Sie frei.«

Grierson hob die Hand ? ganz langsam, damit die Bewegung ja nicht mißdeutet werden könne ? und fuhr sich mit dem Finger in den Kragen, der ihm zu eng geworden schien. Wieder schlug er den Blick nieder und starrte auf den Boden ? das beste Zeichen, daß er begann, die Nerven zu verlieren.

»Also gut ? was wollen Sie wissen?« fragte er schließlich heiser.

»Zunächst einmal den Namen des Mannes, der sich meiner Pistole so vorsorglich angenommen hat.«

»Den weiß ich nicht«, erwiderte Grierson. »Er hat mehr als zwanzig Leute, die für ihn arbeiten und das so geschickt machen, daß selbst ein so gewitzter Mensch, wie Sie, nichts davon merkt.«

»Also schön ? lassen wir das auf sich beruhen«, sagte Devon lächelnd, »aber den Namen Ihres Auftraggebers muß ich unbedingt wissen.«

»Aber er wird dahinterkommen, daß ich geschwatzt habe, und mich fassen, wenn ich noch so weit fliehe«, stöhnte Grierson.

»Sie haben ja immer noch die Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen ? wenn Sie aber erst den Strick um den Hals haben, ist alles vorbei«, entgegnete Devon unerbittlich.

Grierson zuckte zusammen, seine Schultern bebten.

»Erlassen Sie mir die Antwort«, flehte er, »Sie werden es selbst bereuen, wenn Sie darauf dringen.«

»Das müssen Sie schon mir überlassen«, erwiderte Devon. »Also zum letztenmal: wollen Sie mir den Namen nennen oder nicht?«

Grierson schloß die Augen und biß die Zähne fest aufeinander; schließlich sprudelte er heraus:

»Gut, wenn Sies durchaus wissen wollen ? die dicke Vogelscheuche selbst steckt dahinter!«

»Wen nennen Sie so?«

»Tun Sie doch nicht so ? jedes Kind hier weiß, wen ich meine!«

»Ich habe keine Ahnung davon«, versicherte Devon.

Grierson sah sich scheu um, beugte sich dann zu ihm nieder und flüsterte ihm hastig ins Ohr:

»Burchard!«

»Was ? der Besitzer des Spielpalastes?« fragte Devon ungläubig.

»Schreien Sie doch nicht so ? Sie wollen wohl durchaus heute noch erschossen werden?«

»Burchard?« wiederholte Devon ungläubig. »Das ist doch vollkommen ausgeschlossen ? ich habe den Mann in meinem Leben noch nicht gesehen.«

»Das dürfte kaum stimmen«, entgegnete Grierson, »denn Sie haben doch mit ihm über den Verkauf Ihres Landes verhandelt und haben sein Angebot abgelehnt.«

»Ist mir ja nicht im Traum eingefallen ? nicht ein Wort habe ich je mit Burchard gewechselt! Er ist auch niemals deswegen an mich herangetreten; nur ein gewisser Williams hat einmal ?«

»Natürlich, aber Clancy Williams ist doch Burchards Mittelsmann gewesen«, unterbrach ihn Grierson.

»Wissen Sie das genau?«

»Ich habe schon mehr gesagt, als ich verantworten kann; mehr werden Sie von mir nicht erfahren ? hoffentlich halten Sie trotzdem Wort.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Devon. »Gute Nacht denn, Mr. Grierson! Das Ding hier werde ich allerdings in Verwahrung nehmen ? sagen wir mal, bis morgen.«

Er wies dabei lächelnd auf den Revolver, den er in der Hand behielt, bis Grierson den Raum verlassen hatte. Dann suchte er sein Schlafzimmer auf, verschloß sorgfältig die Tür, verstreute eine Schachtel Reißnägel ? mit der Spitze nach oben ? auf dem Fensterbrett, legte sich nieder und schlief wie ein Seemann ? traumlos und tief.

Fünftes Kapitel

Für den nächsten Vormittag um zehn Uhr hatte Walt Devon eine Verabredung mit Clancy Williams in den »Zwei Engeln«. Nach dem Frühstück blieb ihm also noch genügend Zeit, eine andere, nicht minder wichtige Angelegenheit zu erledigen. Er verfertigte sich nämlich einen Sprungfederhalfter, in welchem er einen soliden, starkkalibrigen Colt unter der linken Achselhöhle befestigte, und ging dann in den Wald, um sich ein bißchen einzuschießen und seine Hand wieder an das schnelle Ziehen der Waffe zu gewöhnen.

Sehr zufrieden mit dem Ergebnis seiner Übungen war er gerade nicht ? im Gegenteil, wiederholt knurrte er ärgerlich vor sich hin:

»Langsam wie ein lendenlahmer Hund bin ich geworden, und mit meinen Augen scheint auch etwas nicht in Ordnung zu sein.«

Bevor er dann zur Stadt zurückging, blieb er am Waldesrand eine Weile versonnen stehen.

Selbst um diese Stunde wogten noch bläuliche Dunststreifen um den Gipfel des Timbal-Berges, während die niedrigen Höhen zu beiden Seiten des Tales bereits in voller Klarheit dalagen. Dieses West-London, das sich da zu seinen Füßen dehnte, kam ihm vor wie ein Trugbild, das zusammen mit den wallenden Morgennebeln verschwinden würde ? zumal er sich noch genau entsann, wie herrlich es hier gewesen war, ehe diese Straßen und Häuser, diese tief in den Felsen getriebenen Gänge und Stollen die Landschaft verunstalteten.

Er atmete tief und fragte sich ? wohl zum tausendsten Mal, seit er erwacht war ?, was diesen Herrn Burchard so versessen auf sein Land machen könne, daß schon eine kurze Verzögerung in den Verkaufsverhandlungen ihn zu einem Mordversuch bestimmte. Da er jedoch auch diesmal keine Erklärung für diese unwahrscheinliche Tatsache fand, schlug er sich die Angelegenheit vorläufig aus dem Kopf und machte sich auf den Weg zu den »Zwei Engeln«.

In dieser Kneipe war Clancy Williams, ein langer, hagerer und verschlagen dreinblickender Mensch, bereits eingetroffen. Devon ging auf ihn zu und sagte ohne jede Einleitung:

»Ich vermute, daß Sie für Burchard kaufen wollen ? stimmt das?«

Williams öffnete die Lippen, als ob er antworten wolle, schien sich dann aber die Sache anders zu überlegen, starrte Devon eine Weile sprachlos mit offenem Munde an und erwiderte schließlich:

»Für wen ich kaufe, ist ja ganz gleichgültig, die Hauptsache ist, daß ich Ihnen einen anständigen Preis geboten und das Geld in bar hier bei mir habe.«

»Ich habe mir auch alle nötigen Papiere beschafft und den Kaufvertrag aufsetzen lassen ? er braucht nur noch unterschrieben zu werden.«

»Na, um so besser«, sagte Williams sichtlich beruhigt. »Ich dachte schon, Sie wollten im letzten Augenblick noch Schwierigkeiten machen. Ich bin recht froh, daß Sies nicht tun ? besonders Ihretwegen froh, junger Mann, denn so bald wird Ihnen kein Mensch fünfzehntausend Dollar für Ihr lächerliches Stück Land bieten.«

»Es ist schon ein recht schönes Stück«, wandte Devon ein, »nahezu tausend Morgen bester Wiesen.«

»Beste Wiesen nennen Sie das? Im Sommer verrecken die Kühe vor Hitze drauf und im Winter erfrieren sie!«

»Das mag schon sein«, entgegnete Devon, »wenn aber West-London nach der Richtung hin wächst, kann man es in kleinen Stücken sehr vorteilhaft als Baustellen verkaufen.«

»Wollen Sie mich vielleicht uzen, Mr. Devon?« fragte Williams mit Würde. »Glauben Sie, Sie können ein zweites Chicago aus Ihrem Grund und Boden stampfen?«

»Auf alle Fälle sind fünfzehntausend Dollar ein recht bescheidener Preis dafür.«

»Ich bin anderer Ansicht«, erwiderte Williams trocken, »und zahle unter keinen Umständen mehr ? machen Sie, was Sie wollen, junger Mann ? ich könnte Sie nur beglückwünschen, wenn Sie annehmen.«

»Aber ich habe ihnen doch schon gesagt, daß ich alles zum Abschluß vorbereitet habe«, entgegnete Devon, zog eine Anzahl Papiere aus der inneren Rocktasche und breitete sie vor sich auf dem Tisch aus. »Die Sache ist in bester Ordnung, es braucht nur noch unterzeichnet zu werden.«

»Na, dann geben Sie her«, sagte Williams ungeduldig, »ich habe heute ja schließlich auch noch mehr zu tun.«

»Ich werde Ihre Zeit nicht mehr lange in Anspruch nehmen«, erwiderte Devon in liebenswürdigstem Tone, nahm die Papiere, zerriß sie in kleine Fetzen und zog sich dann rasch in eine Ecke des Saloons zurück.

»Was soll das heißen?« brauste Williams auf. »Glauben Sie durch solche albernen Mätzchen einen höheren Preis von mir zu erpressen? Nicht einen roten Heller mehr zahle ich ? verlassen Sie sich darauf, junger Mann!«

»Zunächst wird es sich empfehlen, daß Sie sich zu Ihrem Auftraggeber verfügen und ihm erzählen, was ich getan habe«, rief Devon gleichfalls mit erhobener Stimme.

Die Köpfe aller Anwesenden wandten sich ihm zu, erstaunt sah man ihn an ? diese allgemeine Aufmerksamkeit aber war es gerade, die Devon hatte erreichen wollen.

»Ich werde ihm sagen, daß er mir zugemutet hat, mit einem vollendeten Idioten geschäftlich zu verhandeln!« schrie Clancy Williams, der aufgesprungen war und drohend seine mächtige Faust ballte.

Devon lächelte nur zu ihm hinüber, und dies Lächeln hatte eine äußerst merkwürdige Wirkung auf Williams: er blinzelte plötzlich mit den Augen und wich langsam zurück, als ob er eine Schlange auf seinem Weg gesehen hätte.

»Sagen Sie Mr. Burchard, daß ich ihn im Laufe des Tages noch selber aufsuchen werde«, rief Devon, »und machen Sie ihn auch darauf aufmerksam, daß man in West-London sich bei ihm erkundigen wird, wenn ich zufällig plötzlich verschwinden sollte ? Sie verstehen doch, was ich damit meine?«

Clancy Williams warf ihm noch einen letzten, vernichtenden Blick zu, dann schlüpfte er schnell durch den rückwärtigen Ausgang und blieb verschwunden.

Der Sieg, wenn man von einem solchen reden konnte, war augenscheinlich auf Seiten Walt Devons, aber er selbst war dessen nicht ganz sicher. Jedenfalls handelte es sich nur erst um einen Teilerfolg. Die endgültige Entscheidung lag gewiß noch in weiter Ferne, und niemand konnte wissen, wann sie fallen würde.

Sechstes Kapitel

Etwas sollte Devon noch schwer bereuen, daß er nämlich die Öffentlichkeit mit seiner Angelegenheit beschäftigt hatte! Es wäre für ihn bedeutend besser gewesen, hätte er sie nicht in das Scheinwerferlicht der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt ? aber das war nun nicht mehr zu ändern, und er hatte zwei sehr gute, gewichtige Gründe gehabt, es zu tun: erstens hatte er sich dadurch gewissermaßen eine Rückendeckung geschaffen und zweitens glaubte er, selbst ein so mächtiger Mann wie Burchard würde auf weitere Anschläge gegen ihn verzichten, wenn er gleich von vornherein den Verdacht gegen sich gerichtet wußte.

Nachdem Clancy Williams so unrühmlich das Schlachtfeld geräumt hatte, erwarteten die Anwesenden offenbar von Devon eine nähere Erklärung, aber er hütete sich wohlweislich, eine zu geben, da er annahm, die Leute würden um so mehr vom Rechte seiner Sache überzeugt sein, je weniger er darüber sprach. Er lud darum alle ein, ein Glas mit ihm zu trinken, nippte aber nur an dem seinen und zog sich dann sofort zurück.

Sein nächster Besuch galt dem Sheriff.

Das Amtslokal des Sheriffs Naxon befand sich in dessen kleinem Hause, das ein wenig von der Straße zurück lag, und das er mit seiner Frau und seinen, beiden halbwüchsigen Söhnen bewohnte, die schlank und dürr waren wie ihr Vater, und ebenso traurige Gesichter mit fahlen, nichtssagenden Augen hatten wie er.

Naxon, der auf dem Gatter seiner kleinen Koppel saß und das darin weidende Pferd beobachtete, nickte Devon, der neben ihm stehenblieb, mit der im Westen üblichen, verbindlichen Höflichkeit zu.

»Sehen Sie sich doch mal das Pferd da an, Fremder«, sagte er.

Devon stemmte die Ellbogen auf das Koppelgatter und kam dieser Aufforderung nach: es war eine dickbäuchige, armselige Mähre mit plumpem Kopf und dünnem Hals, über die er da ein Urteil abgeben sollte.

»Da ist schwer etwas zu sagen«, meinte er ausweichend, »das Tier hat zu dichtes Haar, als daß man seinen Knochenbau richtig sehen könnte.«

»Halten Sie es denn überhaupt für ein Pferd?« erkundigte sich Naxon gespannt.

»Was sollte es denn sonst sein? Ein Maultier hat doch ganz andere Ohren«, erwiderte Devon lächelnd.

»Aber die mausgraue Schnauze spricht für ein Maultier ? es gibt ja auch welche mit kurzen Ohren ? und wenn Sie Monty ? es heißt nämlich Monty, müssen Sie wissen ? im Gebirge sehen würden, dann würden Sie es für eine Ziege halten, so sicher klettert es. Ich kann und kann nicht klug werden aus dem Tier!«

»Sie haben es wohl noch nicht lange?«

»Nein ? erst im zwölften Jahr.«

Devon mußte lächeln.

»Und trotzdem sind Sie sich noch nicht über seine Wesensart klar geworden?« fragte er.

Der Sheriff schüttelte den Kopf.

»Graue Haare hab ich bekommen seit ich das Vieh besitze«, sagte er seufzend.

»Wieso ? taugt es denn nichts?«

»Ganz im Gegenteil, kein Verbrecher kann mir entgehen, sobald Monty hinter ihm her ist, und wenn er ein englisches Vollblut ritte ? aber daß ich nicht dahinterkomme, ob es überhaupt ein Pferd ist, das macht mich noch ganz verrückt, so daß ichs am liebsten verkaufen möchte. Wollen Sie es haben?«

»Nein, danke, im Augenblick habe ich gar keinen Bedarf«, entgegnete Devon, »und mich hat auch eine ganz andere Angelegenheit zu Ihnen geführt. Ich heiße Walt Devon und wollte Ihnen in Ihrer Eigenschaft als Sheriff mitteilen, daß Mr. Burchard hinter meinem Skalp her ist.«

Er hatte geglaubt, seine Worte würden wie eine Bombe einschlagen, aber Naxon nickte nur und lächelte, als ob er von dem Gründer der Stadt West-London nichts anderes erwartet habe.

»Die Sache ist nämlich die, daß mir sehr leicht etwas zustoßen kann«, fuhr Devon einigermaßen enttäuscht fort, »und ich lege Wert darauf, daß Sie dann im Bilde sind und wissen, daß Burchard für meinen Tod verantwortlich gemacht werden muß.«

»Schön, schön ? ich kenne Burchard sehr gut«, erwiderte der Sheriff.

»Ich nicht, ich habe ihn sogar noch niemals gesehen ? glauben Sie denn, daß ihm ein Mord zuzutrauen ist?«

»Das ist schwer zu sagen«, entgegnete Naxon bedächtig, »denn sehen Sie, einen Falschspieler, einen Taschendieb, einen Hehler, ja selbst einen Pferdedieb erkennt man bei einiger Übung schon an gewissen Äußerlichkeiten; bei den Mördern aber ists wie bei den Baseballspielern, da gibts dicke und dünne, große und kleine, junge und alte darunter.«

»Kennen Sie Burchard denn genauer?«

»Das will ich meinen ? er ist ja einer meiner besten Freunde.«

»Allmächtiger!« stöhnte Devon unwillkürlich entsetzt auf.

»Das macht aber gar nichts«, beruhigte ihn der Sheriff, »meine persönlichen Empfindungen und Beziehungen spielen amtlich keinerlei Rolle. Ich bin ein Diener der Bürgerschaft, die mich bezahlt, und als solcher handele ich gewissenhaft ? verlassen Sie sich darauf.«

»Schön, dann werde ich also Burchard zunächst einmal aufsuchen.«

»Haben Sie denn eine oder mehrere Waffen bei sich?«

»Gewiß.«

»Dann ist die Sache in Ordnung«, nickte der Sheriff, »Sie werden sie nämlich voraussichtlich nötig haben, denn selbst, wenn Sie Burchard abknallen sollten, werden Sie noch allerlei schießen müssen ? er hat eine recht stattliche Anzahl äußerst geschickter Leute um sich.«

Siebentes Kapitel

Die Unterredung mit Naxon hatte bei Devon den Eindruck hinterlassen, daß der Sheriff zum mindesten ein Sonderling, aber wahrscheinlich auch ein anständiger Kerl sei ? nach seiner Erfahrung waren Sonderlinge niemals schlechte Menschen.

Dadurch hatte nun sein Glaube an die Wahrheit dessen, was er gestern durch Grierson über Burchard erfahren hatte, einen sehr empfindlichen Stoß erhalten. Der Sheriff hatte diesen seinen besten Freund genannt. War aber der Sheriff ein Ehrenmann, so warf dies entschieden ein günstiges Licht auf den Inhaber des Spielpalastes.

Devon machte sich also auf den Weg, um sich ein eigenes Urteil über den Mann zu bilden.

Obwohl es bereits elf Uhr vormittags war, traf er Burchard noch beim Frühstück an, dem dieser sich mit großer Andacht widmete, angetan mit einem riesigen Sabberlätzchen, wie es die kleinen Kinder haben, das jedoch nicht nur unter das Kinn gebunden, sondern auch in den Armlöchern seiner Weste befestigt war.

Übrigens war dieses Lätzchen nicht das einzig Kindhafte an ihm, obwohl er ein Mann von sechzig Jahren war. Sein Haar glänzte durch Abwesenheit, dafür aber zeigte seine rosige Kopfhaut einen leichten, hellen Flaum, wie ihn Säuglinge häufig haben. Sein Körper war rund wie der eines Wickelkindes, seine Beine erschienen ebenso kurz, ebenso gebogen und ebenso unbenutzt wie die eines solchen, seine Handgelenke waren nur Grübchen zwischen den Fettmassen der Hand und denen des Unterarms.

Die Hauptähnlichkeit mit einem Kind aber lag in seinem Gesicht, das, von keinem Fältchen durchfurcht, rosigrot, glatt und zart war. Bei jeder Erregung, mochte er lachen oder nachdenken, verschwanden seine Augen im Fett der Wangen, und dann wußte man nie, ob er weinte oder lächelte ? genau, wie das bei einem Baby der Fall ist.

Burchard hatte gerade eine Platte mit Koteletts bewältigt und wandte sich nun einer riesigen Hirschkeule zu, die ein chinesischer Aufwärter hereinbrachte, der dann auch gleich den Nachtisch auftrug ? einen mächtigen Berg dünnen Buttergebäcks, leicht wie Schaum und angenehm gebräunt und knusprig.

Der Gründer von West-London eröffnete den Angriff auf seinen Teller, ohne sich im mindesten dabei durch Devons Besuch stören zu lassen, den er jedoch höflich bat, Platz zu nehmen.

»Es ist zwar vielleicht noch ein wenig früh fürs Mittagessen ? aber wenn Sie mir bei der Vertilgung dieser Hirschkeule behilflich sein wollen, wird es mir eine große Freude sein.«

Devon dankte ? er hätte bereits gefrühstückt und könne beim besten Willen nichts außer der Zeit essen.

»Das ist eben der Fehler«, erklärte Burchard, »den die meisten Menschen machen ? sie leben zu regelmäßig! Alles tun sie zu festgesetzten Stunden, zu Bett gehen und aufstehen, arbeiten und essen ? aber das ist natürlich grundverkehrt.«

Er schnitt sich eine Scheibe Hirschfleisch ab, von der eine Familie mit vier Kindern bequem satt geworden wäre. Während er aß, verschwanden seine Augen, sein strahlendes Gesicht wirkte wie das Urbild fröhlichen Lebensgenusses.

»Ihre Theorie ist mir neu ? wie halten Sie es denn?« fragte Devon neugierig und belustigt.

»Schlafen soll man, wenn man müde ist, sich zerstreuen, wenn man abgespannt ist, arbeiten, wenn man etwas zu tun hat, und essen, wenn man hungrig ist. Manchmal esse ich sechs volle Mahlzeiten am Tag, und manchmal an zwei Tagen nur eine, manchen Tag rauche ich zwanzig Zigarren, eine nach der anderen, und dann wieder vergeht eine ganze Woche, ohne daß ich überhaupt rauche. Sehen Sie, und das hat mich jung erhalten, Kamerad, jung und frisch!«

Dabei lachte er, aber merkwürdig sachte und verhalten, als ob er seinen Riesenkörper nicht gar zu heftig erschüttern wolle. Dann spülte er sein Essen mit einem Liter dampfenden, schwarzen Kaffees hinunter.

»Ich möchte Sie nicht lange stören«, sagte Devon, »wenn Sie aber Ihr Frühstück für fünf Minuten unterbrechen könnten ?«

»Das ist leider unmöglich ? doch sprechen Sie ruhig, erzählen Sie mir, was Sie auf dem Herzen haben, Kamerad ? ich kann nie besser zuhören und denken, als wenn ich esse.«

»Zunächst ? arbeitet Clancy Williams für Sie?« begann Devon.

»Zuzeiten ja ? zuzeiten nein«, erwiderte der Dicke, behaglich kauend, »um welche Sache handelt es sich denn?«

»Er wollte meine Ranch für Sie kaufen ? mein Name ist nämlich Devon.«

»Sie sind also der Sohn vom alten Jack Devon? Merkwürdig, als Sie vorhin reinkamen, da hab ich mir gesagt: den Mann mußt du doch schon irgendwo mal gesehen haben! Es war also nur die Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Jack Devon, die mir aufgefallen ist. Ja, ja, die Zeit vergeht! Die Sache mit Williams stimmt ? er sollte in meinem Auftrag bei Ihnen anfragen, ob Sie verkaufen wollen. Ich hab ja hier in West-London auch schon einigen Grund und Boden erworben, aber, wissen Sie, in der Stadt wirds mir allmählich zu eng, ein Mann von meinem Umfang kann ja kaum noch die Ellbogen bewegen, soviel wird hier gebaut! Na, und da hab ich natürlich Verlangen nach einem Stück Land, das etwas weiter draußen liegt ? ich kenne nämlich Ihre Ranch, denn der alte Jack Devon und ich haben häufig genug über demselben Feuer unsere Forellen gebraten.«

Devon nickte.

»Die Sache ist nur, wenn ich recht unterrichtet bin, daß Sie in Ihrem Wunsch, mein Land zu besitzen, ein bißchen weit gegangen sind. Eine kleine Verzögerung nämlich, die durch die Beschaffung der notwendigen Papiere bedingt war, hat Sie so ungeduldig gemacht, daß Sie mich aus dem Weg räumen lassen wollten.«

»Sie meinen, mit Blei vollpumpen?« fragte Burchard, seelenruhig weiter futternd.

»Jawohl, das meine ich.«

Der Dicke schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Wer hat Sie denn auf diese wahnwitzige Idee gebracht?« fragte er.

»Ein ausgewachsener Colt«, entgegnete Devon, »der auf mich gerichtet war und eine recht überzeugende Sprache redete.«

»Ja, ja, so gehts«, meinte Burchard lächelnd. »Ich habe mal in einer Kneipe sechzehn Mann mit hochgehobenen Händen gesehen, von denen jeder einzelne einen Eid darauf abgelegt hätte, daß der Kerl mit dem Revolver gerade auf ihn gezielt hat.«

»Und was hat das mit meiner Angelegenheit zu tun?«

»Sehr viel! Warum, um Gottes willen, soll ich Sie wegen Ihres Grundstücks umbringen lassen? Das ist doch Irrsinn ? ganz abgesehen davon, daß ich mit Schießereien nie gern zu tun habe, schon weil ich bei meinem Körperumfang ein viel zu gutes Ziel biete.«

»Schön, damit wäre also die Sache erledigt«, entgegnete Devon. »Hoffentlich haben Sie mir meine Offenheit nicht übelgenommen. Mir lag daran, keine falsche Meinung von Ihnen zu behalten.«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte der Dicke lebhaft, »mir ist ein Pferd am liebsten, das morgens bockt und dann den Rest des Tages über ordentlich läuft. Es war sehr richtig, daß Sie gleich zu mir gekommen sind und aus Ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht haben ? so hätte Ihr Vater auch gehandelt. Übrigens würde der sich nicht schlecht wundern, daß Sie seinem Freund Les Burchard solche Dinge zugetraut haben! Wollen Sie mir denn nicht sagen, wer Ihnen diese Raupen in den Kopf gesetzt hat?«

»Das kann ich leider nicht.«

»Und warum nicht?«

»Wenn der Betreffende, wie ich hoffe, gelogen hat«, antwortete Devon, »werde ich in kurzer Zeit dahinterkommen. Hat er aber nicht gelogen, möchte ich ihn nicht in die Gefahr bringen, dafür, daß er gesprochen hat, ermordet zu werden.«

»Stimmt, dagegen läßt sich nichts sagen«, murmelte Burchard, »das ist durchaus logisch gedacht, erstaunlich logisch sogar. Haben Sie sich vielleicht mal mit Rechtswissenschaft befaßt?«

Devon erhob sich und schüttelte den Kopf.

»Nein, aber mit Medizin.«

»Auch kein schlechter Beruf«, meinte der Dicke. »Ich allerdings habe bisher nur ein einziges Mal einen Doktor in Nahrung gesetzt ? mein Magen war damals ein bißchen in Unordnung. Was, meinen Sie, hat der Mann mir verordnet? Fünf Tage lang sollt ich nicht das geringste essen! Ich hab also gefastet, und die Wirkung war großartig ? selten hat mirs so gut geschmeckt wie nach dieser fünftägigen Hungerkur. Aber wollen Sie denn schon gehen? Trinken Sie doch wenigstens eine Tasse Kaffee mit mir!«

»Ich muß leider gehen«, entgegnete Devon. »Also, ich nehme an, daß wir Freunde sind?«

»Gewiß ? genau so gute, wie Ihr Vater und ich waren«, erwiderte Burchard und reichte ihm die fette Hand, in der die Devons sich spurlos verlor. »Auf Wiedersehen, Doktor!«

»Auf Wiedersehen ? aber zum Arzt habe ich es leider nicht gebracht, ich bin vorher abgesprungen und schreibe keine Rezepte, sondern teile Karten aus.«

Burchard lachte so herzlich, daß die wabbelnden Fettmassen in eine beängstigende Bewegung gerieten.

»Na, dann wünsch ich Ihnen recht viel Glück, aber machen Sie, bitte, davon in meinem Spielsalon nicht zu ausgiebigen Gebrauch«, sagte er, als er wieder zu Atem kam.

»Besten Dank! Ich werde also der Sache nachgehen und, wenn ich irgend etwas höre, was Sie betrifft, wiederkommen, um Ihnen das Nötige darüber zu berichten ? ist Ihnen das recht?«

»Aber natürlich ? ich werde Ihnen sogar äußerst dankbar dafür sein.«

Damit winkte er ihm noch einmal mit seiner rosa Riesenpatsche nach, und Devon ging hinaus.

In der Vorhalle sah er zwei finster dreinblickende Mexikaner sitzen ? das Gesicht des einen war mit Narben übersät. Sie kümmerten sich weder umeinander noch um ihn ? Devon hatte aber das bestimmte Gefühl, daß sie seinetwegen hier lauerten und sich auf einen Wink Burchards auf ihn gestürzt haben würden. Das warf allerdings wieder ein recht seltsames Licht auf den Fettkloß, dessen biedermännische Art ihn beinahe überzeugt hatte.

Als Devon in den blendenden Sonnenschein hinaustrat, war er sehr nachdenklich geworden. Bei ruhiger Überlegung aber sagte er sich, daß Grierson ihn aller Wahrscheinlichkeit nach doch belogen haben müsse. Das einzige, was dagegen sprach, war, daß nach seiner Erfahrung die meisten Menschen Fragen, denen ein geladener Revolver Nachdruck verleiht, wahrheitsgemäß beantworten. Ganz außer acht durfte er diese Spur also nicht lassen, wenn er sich auch nicht allzuviel Erfolg von ihr versprach.

Zunächst einmal begab er sich jedoch zu einem Pferdeverleiher und mietete sich für den Rest des Tages einen kräftigen Rotschimmel-Wallach.

Achtes Kapitel

Devon verließ die Stadt auf einem Pfad, der in scharfen Kehren und Kurven talabwärts bis auf den Boden der Schlucht führte, in der eine geradezu höllische Hitze herrschte. Die Sonne stand jetzt fast senkrecht über dem Gipfel des Timbal-Berges, und die glatten Felswände der Schlucht warfen die sengenden Lichtfluten, gegen die nicht ein einziger Baum Schutz bot, unbarmherzig zurück.

Das Klopfen und Hämmern der arbeitenden Menschen ringsum, ihre Rufe und Flüche, die die dünne Gebirgsluft ihm zutrug, klangen anfangs gedämpft, wurden lauter, je tiefer er kam, erstarben aber fast vollständig, als er im Zickzack die gegenüberliegende Anhöhe erklettert hatte, wobei sich übrigens der Rotschimmel recht wacker hielt.

Oben angekommen, machte Devon halt und sah auf das geschäftige Treiben da drüben in der Stadt West-London zurück. Ihm war, als wäre er nie von hier fort gewesen, als wäre er noch der Knabe, der einst hier gelebt, damals, als diese Gegend noch unberührt war von all der Unruhe und menschlichen Betriebsamkeit, deren ferne Geräusche an sein Ohr drangen wie das Summen honigschwerer Bienen.

Kopfschüttelnd wandte er sich um und ritt weiter. Der Weg, der zu seiner Ranch führte, war ein ausgetrocknetes, von Weiden umsäumtes Flußbett, das nur Waser führte bei sehr starken Regengüssen im Sommer oder wenn im Frühjahr oben im Hochgebirge der Schnee schmolz.

Da man für das Vieh während der heißen Jahreszeit auf dieses Wasser angewiesen war, hatte man es abgedämmt und in mehreren Staubecken gesammelt, in denen es monatelang stand.

Noch heute empfand Devon ein leichtes Ekelgefühl, als er die mit grünlichem, angetrocknetem Schlamm bedeckten Ränder dieser Becken sah, die recht eigentlich der Grund gewesen waren, weshalb er damals von hier gegen den Willen seines Vaters fortgegangen war. In den Bergen hatte er sich sehr wohl gefühlt, ihre Einsamkeit hatte er gern ertragen, aber der dauernde Anblick dieser stehenden, brackig gewordenen, übelriechenden Gewässer hatte ihn von hier vertrieben.

Bald lag sein Ranchhaus vor ihm, eine kahle, kleine Blockhütte, mit einem niedrigen Stall und einigen Koppeln dahinter, eingebettet in ein Tal. Die Bäume, die ihm Schutz und Schatten hätten bieten können, waren gefällt, nur noch klägliche Stummel waren von ihnen übriggeblieben. Vor der Hütte war die Erde im Laufe der Jahre festgestampft von unzähligen Pferdehufen, gegen die Vorderwand lehnten Bretter, auf denen die Felle von Wildkatzen und Coyoten trockneten.

Jetzt hörte er dumpfe Knalle, die wie ferner Kanonendonner klangen ? Sprengschüsse drüben in den Goldbergwerken, deren Echo noch lange nachzitterte.

Vor der Hütte stieg er ab, band sein Pferd fest und trat ein, um Harry und Jim zu begrüßen, zwei Männer, die im Umkreis von fünfzigtausend Geviertmeilen jeder Mensch nur unter ihren Vornamen kannte.

In den schönen, längst vergangenen Tagen, da es hier noch Büffel und Indianer gegeben hatte, waren Jim und Harry die Gefährten seines Vaters Jack Devon gewesen. In treuer Kameradschaft hatten die drei einträchtig zusammen gejagt, Fallen gestellt und ihre Beute verkauft. Gemeinsam hatten sie gegen die Indianer gekämpft, gemeinsam manche Gefahren bestanden, die ihnen von Menschen oder vom Alkohol gedroht, gemeinsam nach Gold gesucht und gegraben. Als Jack Devon dann seßhaft geworden war und seine Ranch gegründet hatte, betrachteten alle drei es als selbstverständlich, daß Harry und Jim zu ihm kamen, wann sie wollten, und bei ihm blieben, solange es ihnen beliebte.

Wenn die beiden von den Bergen zu ihm herabstiegen, pflegten sie zumeist Gastgeschenke mitzubringen, wertvolle Felle, Munition oder ein neues Gewehr ? kamen sie aber einmal mit leeren Händen, so waren sie darum nicht minder willkommen.

Bei ihrer Ankunft brachten sie erst ihre Pferde im Winter in den Stall, in der milden Jahreszeit auf die Weide, und hängten Sättel und Zaumzeug in der Waschküche auf ? dann betraten sie das Haus, begrüßten die Familie mit einem kurzen »Guten Tag!« ? auch wenn man sich seit einem halben Jahr nicht gesehen hatte ? setzten sich hin und steckten ihre Pfeife in Brand.

Devons Mutter war immer ein bißchen brummig, wenn das Paar auf der Bildfläche erschien, denn ob sie nun einen Tag blieben oder den ganzen Winter über, im Haushalt rührten sie keine Hand, ja sie spalteten ihr nicht einmal ein bißchen Holz ? dagegen halfen sie ihrem Freund Jack im Kuhstall; aber das war auch alles.

»Für sie bin ich die ?Squaw? Das indianische Wort für »Frau«. ? ein Haustier, das zu arbeiten hat«, pflegte Mrs. Devon zu ihrem Sohn zu sagen, als dieser älter geworden war.

Aber sie hatte ihm auch andere Züge von den beiden erzählt. Einmal zum Beispiel, als ein Verbrecher sie mit angeschlagenem Gewehr in ihrer Küche überfiel, war Harry gekommen, hatte den Kerl am Kragen gepackt und sehr unsanft an die frische Luft befördert, das Gewehr aber über dem Knie zerbrochen und die Trümmer dem Strolch nachgeworfen.

Nach Mrs. Devons Tod waren die Besuche der beiden alten Knaben noch häufiger geworden, denn ihre Glieder wurden immer steifer und der Ertrag ihrer Fallen immer geringer. Seit Jack Devon aber seiner Frau in die Ewigkeit gefolgt war, blieben sie dauernd hier und kümmerten sich um die langsam dahinschwindende Herde, die in der Hauptsache in die Fleischerläden von West-London gewandert war.

Jim war noch genau wie früher: groß, schlank, aufrecht und würdevoll mit seinen langen, weißen Haaren und seinem eisgrauen Knebelbart ? nur seine Bewegungen, die sonst katzenartig geschmeidig gewesen, waren gemessener geworden. Harry dagegen war gut einen halben Fuß kleiner, als er in den Tagen seiner Jugendblüte gewesen war, denn er hielt sich etwas gebückt; seine Schultern ließ er hängen, aber seinen alten, mächtigen Händen sah man es an, daß sie auch heute noch die Kräfte von zwei Männern besaßen.

Als Devon eintrat, wirtschaftete Harry gerade an dem Herd herum, wobei er die Asche hochauf stäuben ließ, während Jim den Tisch deckte ? mit einer gewissen würdigen Feierlichkeit breitete er ein ziemlich zerrissenes rotes Tuch auf ihm aus. Offenbar hatten sie die Gestalt, die da in der Tür stand, nicht bemerkt ? das Alter mochte ihren Blick getrübt haben, denn beide arbeiteten ruhig weiter, ohne sich im mindesten um Devon zu kümmern.

Die fliegende Asche stieg Jim in die Nase, er mußte niesen ? die Zinnbecher, die er in der Hand hielt, klapperten bedenklich..

»Wenn du das anderswo machtest, würdest du kopfüber rausfliegen«, sagte Jim.

»Ach, sei nicht so empfindlich«, erwiderte Harry, »sorg lieber, daß wir endlich frisches Maisbrot bekommen, und halt den Mund.«

»Es ist ja noch massenhaft da«, entgegnete Jim und holte ein Brot aus dem Schrank, das Hitze und Alter versteint zu haben schienen.

»Das ist doch kein Maisbrot mehr«, erklärte Harry empört, »aus solchem Zeug baut man Häuser, aber das ißt man nicht.«

»Ein bißchen hart ist es ja«, gab Jim zu, »aber um so besser bekommt es, und wenn du ordentlich mit deinen paar Zähnen darauf herumkauen mußt, kannst du wenigstens nicht soviel reden.«

»Hallo!« rief da Devon laut.

Mit einem Ruck fuhren beide herum. Ganz unwillkürlich hatte Harry den schweren Feuerhaken ergriffen, während Jims Hand nach dem Revolver fuhr. Doch dann erkannten sie den Besucher, und sofort erschien ein breites, freundliches Lächeln auf ihren Gesichtern.

Wenn sie Walt Devon auch nicht häufiger gesehen hatten und ein ganzes Menschenalter sie von ihm und seinen Anschauungen trennte ? er war der Sohn ihres Kameraden Jack Devon und als solcher ihnen hochwillkommen.

Auf dem besten Stuhl mußte er Platz nehmen, Kau- und Rauchtabak brachten sie herbei, doch als er beides dankend ablehnte, legten sie noch ein drittes Gedeck auf und gingen mit Feuereifer daran, die Mahlzeit etwas festlicher zu gestalten.

Bald bog sich der Tisch unter der Fülle der Genüsse: auf dem Rost gebratene Kaninchen gab es, so zart, daß das Fleisch sich selbst von den Knochen löste, Senfgemüse, das nur auf einer einzigen Wiese im Hochgebirge wuchs, frisches Roggenbrot und köstlich duftenden wilden Honig, besonders starken Kaffee und als Nachtisch süße Melonen, die an einem der Staubecken gezogen wurden und die ein Drahtzaun vor etwaigem Annagen durch das Vieh schützte.

Die beiden Alten sorgten mit rührender Gastlichkeit für Devon. Als nach dem Essen die Pfeifen angezündet wurden, da lebten für sie die guten, alten Zeiten wieder auf, verklärt durch die stille Wehmut der scheidenden Sonne.

Schließlich ging Jim neues Holz holen ? das Wasser zum Abwaschen des Geschirrs mußte warm gemacht werden.

»Er hält sich doch noch immer so aufrecht und gerade wie früher«, sagte Devon, ihm nachsehend.

»Das tut ein Schilfrohr auch«, entgegnete Harry kopfschüttelnd, »selbst wenn es im Herbst sein Mark verloren hat und welk und braun geworden ist.«

»Wieso ? was willst du damit sagen?«

»Ich sorge mich um Jim«, antwortete der Alte, »jetzt, da er nicht mehr den ganzen Tag draußen rumstrolchen kann, wie ers noch vor einiger Zeit getan hat, ist er ein anderer geworden. Mir will es scheinen, als ob er die Last seiner Jahre mehr spürt, als es nötig wäre ? und soll ich dir sagen, woher das kommt?«

»Da wäre ich allerdings neugierig.«

»Der Mangel an Bildung ist dran schuld, Walt ? du darfst mich einen toten Hund nennen, wenns nicht stimmt! Bücher braucht man natürlich nicht, wenn man von früh bis spät draußen ist, aber wenn man ein Dach über dem Kopf hat, besonders im Winter, da kommt es einem zustatten, wenn man eine gute Schule durchgemacht hat. Sieh mich an, mich bedrückt der Winter nicht ? wenn die Tage kürzer werden, dann les ich einfach und hab meine Freude daran.«

»Das ist ja schön ? und was liest du denn?«

»Ich heb mir jede Zeitung auf, die ich erwischen kann ? eine ganze, große Kiste voll hab ich schon. An den Winterabenden nun, wenn ich mit meinen Fellen, oder was sonst gerade zu tun ist, fertig bin, dann lese ich ein paar Stunden und werde schön schläfrig dabei. Dem armen Jim aber fehlt so ein Hilfsmittel, die Zeit zu vertreiben. Er kann nur Zügel aus Pferdehaaren flechten und solche Sachen, und wenn er davon genug hat, dann ödet er mich mit seinen Erzählungen an, die ich schon tausendmal habe anhören müssen.«

Jim kam zurück und setzte das Wasser aufs Feuer, plötzlich hörte man draußen lautes Gebell.

»Das ist wieder der Köter, der über das Koppelgatter will«, rief Harry, »dem Hund werd ich Beine machen!«

Damit stürzte er so schnell ihn seine alten Füße tragen wollten, hinaus.

Jim sah ihm kopfschüttelnd nach.

»Hast du gemerkt, was mit dem armen Harry los ist?« fragte er.

»Nein ? was denn?«

»Er ist ein vollkommen anderer Mensch geworden.«

»Davon hab ich nichts gemerkt ? im Gegenteil, ich finde, er hat sich nicht im geringsten verändert.«

»Aber ich, der ich ihn täglich beobachte, seh es«, entgegnete Jim düster. »Da rennt er wie ein Wahnsinniger davon, weil ein Hund kläfft, und vor gar nicht langer Zeit hätte eine ganze Indianerbande es nicht fertiggebracht, ihn so weit zu bringen, daß er sein Nachtischpfeifchen im Stich läßt ? ist das vielleicht keine Veränderung? Er hat eben allen moralischen Halt verloren.«

»Und worauf führst du diese bedauerliche Tatsache zurück?« fragte Devon belustigt.

Jim trat dicht an ihn heran.

»Weil seine Zähne ausgefallen sind«, flüsterte er geheimnisvoll. »Er hat nur noch zwei und von denen wackelt der eine auch schon bedenklich. Ich muß auf ihn aufpassen wie auf ein kleines Kind und ihm sein Essen zerkleinern ? wie das einmal werden soll, wenn ich selbst auch alt werde, mag der Himmel wissen!«

Irgend etwas, das draußen vorging, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen, er sprang auf, eilte zur Hintertür und schrie hinaus:

»Harry, du krummbeiniger Schafskopf, willst du wohl das Tier in Ruhe lassen!«

»Ich will ihm nur Manieren beibringen«, rief Harry zurück.

»Laß das sein!« schrie Jim und humpelte gleichfalls hinaus.

Als sie nach einer Weile einträchtig wieder zurückkamen, fanden sie Devon dabei, das Geschirr abzuwaschen ? sprachlos starrten sie ihn an.

»Das ist deine Schuld!« schrie schließlich Jim.

»Nein, die deine«, brüllte Harry außer sich, »wenn du dich nicht mit deinem albernen Köter so angestellt hättest, brauchte der Sohn von Jack Devon hier nicht Abwaschmädchen zu spielen!«

Darauf wußte Jim nichts zu erwidern, aber er holte sich rasch das nicht mehr ganz saubere Handtuch und ging daran, die Teller abzutrocknen.

Neuntes Kapitel

Harry, der seine erloschene Pfeife wieder in Brand gesetzt hatte, stand behaglich schmauchend an der Tür. Plötzlich beschattete er die Augen mit der Hand und spähte hinaus.

»Ist das nicht Steve Maloney, der da ankommt?« murmelte er halblaut vor sich hin.

Sofort trat Jim neben ihn.

»Armer, alter Kerl«, sagte er, nachdem er flüchtig hinausgeblickt hatte, »deine Augen scheinen ebenso gelitten zu haben wie dein Gehirn. Kannst du wahrhaftig nicht sehen, daß das Vinzent Tuckers Vorarbeiter Way ist? Auf fünf Meilen erkenn ich den schon an der Art, wie er auf seinem Gaul hängt!«

Der Reiter kam heran und sprang aus dem silberverzierten mexikanischen Sattel. Er war ein typischer Cowboy mit hagerem Gesicht, aber prunkvoll gekleidet wie ein mexikanischer Kavalier am Sonntag, von der bunten, kurzen Jacke angefangen bis herab zu den hellen Fransen längs der Nähte seiner Hosen. Mit klirrenden Sporen trat er ein, schob den hohen Sombrero ins Genick und rief:

»Tag, Harry und Jim!«

Dann wandte er sich Devon zu und fragte:

»Sie sind offenbar Walt Devon?«

»Ja.«

»Mein Name ist Way. Ich komme im Auftrag von Vinzent Tucker zu Ihnen.«

»Bedaure ? den Herrn kenne ich nicht.«

Way riß Mund und Nase auf.

»Was ? Sie kennen Vinzent Tucker nicht?« fragte er völlig fassungslos.

Jetzt mischte sich Harry ein.

»Mr. Devon ist erst seit knapp einer Woche wieder daheim«, sagte er, »da kann er natürlich die Leute hier noch nicht kennen.«

Erklärend fuhr er dann fort:

»Du mußt nämlich wissen, Walt, Vinzent Tucker zieht jeden Tag eine Wagenladung Gold aus den Felsen und ist so reich, daß er nicht weiß, was er mit seinem Gold anfangen soll. Way ist so eine Art Vorarbeiter bei ihm.«

»Jawohl, ich arbeite für ihn im Stinson-Tal ? fünfzig Meilen von hier entfernt.«

»Das Stinson-Tal kenne ich.«

»Die Sonne ist im Untergehen, jetzt wirds schön kühl; wollen wir nicht lieber draußen Platz nehmen?« schlug Jim vor, der ein Pferdeliebhaber war und sich Ways Tier näher ansehen wollte.

Sein Vorschlag fand Beifall ? man ging hinaus. Mit mißbilligendem Kopfschütteln betrachtete der Alte die von den Sporen blutig gerissenen Flanken der prachtvollen Stute.

»Ja, mein verehrter Mr. Way«, sagte Devon, »was nützt mir Vinzent Tuckers riesiger Reichtum, wenn ich dem Mann nicht am Pokertisch gegenübersitze?«

Way grinste verständnisinnig ? der Ausdruck seines Gesichts gewann nicht gerade dabei.

»Es kommt darauf an«, erwiderte er. »Eine ganz nette Summe könnte ich für Sie schon aus ihm herauskitzeln.«

»Wieso das?«

»Als Kaufpreis für Ihr Land hier.«

»Du, Jim ? Way will unsere Ranch kaufen!« rief Harry.

»Nicht zu machen«, entgegnete Jim. »Wir verkaufen nicht.«

»Das will ich meinen«, nickte Harry. »Wir werden uns doch nicht das Dach überm Kopf wegnehmen lassen.«

»Eure Ranch?« fragte Way schneidend. »Nicht ein Grashalm, der auf den Hügeln hier wächst, gehört euch! Habt ihr vielleicht hier gerodet, habt ihr das Land durch eure Arbeit oder durch Geld bezahlt? Zeigt doch den Kaufvertrag vor; beweist doch euer Eigentumsrecht!«

Harry, der diese heftige Rede mehrmals hatte unterbrechen wollen, wandte sich jetzt kleinlaut an seinen Kameraden:

»Jim, was meinst du? Eigentlich hat er recht.«

Jim kratzte sich verlegen hinterm Ohr.

»Natürlich gehört die Ranch Walt«, sagte er schließlich, »aber ein gewisses Anrecht haben wir, denk ich, doch auch daran, weil wir hier wohnen.«

»Moralisch vielleicht«, meinte Harry bedenklich, »aber ob dieser Anspruch auch vor dem Gesetz Gültigkeit hat?«

»Ganz und gar nicht«, versicherte Way. »Ihr macht euch nur lächerlich, wenn ihr irgendwelche Ansprüche vor den Gerichten erheben wolltet.«

»So weit wird es nie kommen«, entgegnete Devon, »denn selbstverständlich haben sie ein Anrecht auf die Ranch hier!«

Die beiden Alten sahen ihn an; zu sprechen vermochten sie nicht, aber das war auch nicht nötig.

»Verstehe ich recht?« fragte Way betroffen. »Sie billigen den beiden Herrschaften hier einen Anteil an Ihrem Besitztum zu?«

»Gewiß tue ich das«, entgegnete Devon.

»Und wieviel soll dieser Anteil betragen?«

»Genau soviel wie der meine.«

»Na, erlaube mal«, sagte Harry, nach Atem ringend.

»Wissen Sie auch, was Sie damit tun?« fragte Way.

»Ich denke, ja«, antwortete Devon.

»Und ich erlaube mir, das zu bezweifeln!«

Jetzt fand auch Jim die Sprache wieder.

»Das ist ja alles sehr lieb und nett von dir, Walter«, sagte er in ziemlich unsicher klingendem Ton, »aber dadurch, daß du uns großmütig in deinem Hause duldest, haben wir doch noch kein Anrecht an deinem Grundstück erworben.«

Devon legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Wie würde mein Vater in diesem Falle handeln, wenn er noch am Leben wäre?« fragte er. »Sein Blut ist mein Blut ? also reden wir von etwas anderem!«

»Ja, tun wir das«, sagte Way lebhaft. »Ich habe nämlich von Vinzent Tucker den festen Auftrag erhalten, Ihnen Ihre Ranch abzukaufen.«

»Hört, hört!« rief Harry, wohl in Erinnerung an sein winterliches Zeitungsstudium.

»Jawohl, Alter«, erwiderte Way lachend, »und da ihr beiden ja Teilhaber seid ? welchen Preis verlangt ihr?«

»Es sind immerhin fast tausend Morgen«, meinte Harry, »wie wars denn mit zehn Dollar für den Morgen?«

»Bist du einverstanden, Jim?« fragte Devon.

»Ich verkaufe nicht«, entgegnete Jim barsch, »und ernstlich denkt ihr beide ja auch nicht daran.«

Way wollte ihm darauf antworten, dann aber wandte er sich an Devon.

»Es ist ja außerordentlich edelmütig, wie Sie sich gegen die beiden alten Knaben benehmen«, sagte er, »das wird man überall anerkennen ? aber geschäftlich kann ich natürlich nicht mit drei Menschen verhandeln, sondern nur mit Ihnen als dem gesetzlichen Eigentümer. Das werden Sie doch begreifen, nicht wahr?«

»Also schön ? was haben Sie mir zu bieten?«

»Zehntausend Dollar.«

»Bedaure ? ich habe bereits ein besseres Angebot«, entgegnete Devon kurz.

»Wieviel hat Burchard Ihnen denn geboten?«

»Woher wissen Sie, daß es sich dabei um Les Burchard handelt?«

»Es ist uns bekannt, daß Burchard Wert darauf legt, Ihr Land in die Hand zu bekommen.«

»Seine Gründe dazu werden Ihnen dann voraussichtlich auch bekannt sein. Wollen Sie mir die nennen?« fragte Devon.

»Gewiß, warum denn nicht? Zumal es die gleichen sind, die Vinzent Tucker hat.«

»Und welche sind das?«

»Beide rechnen damit, daß, wenn West-London so weiter wächst wie bisher, es bald an frischem Gemüse und Fleisch auf dem dortigen Markt fehlen wird. Sie wollen hier einen landwirtschaftlichen Betrieb eröffnen. Darf ich wissen, wieviel Burchard Ihnen geboten hat?«

»Fünfzehntausend.«

Way überlegte einen Augenblick.

»Ich könnte Ihnen sechzehntausend bieten«, sagte er dann, »aber das hat ja keinen Zweck, denn dann würde Burchard wieder tausend Dollar draufschlagen, und wir kämen nie zu Rande. Ich will darum offen zu Ihnen sein: Tucker hat mich ermächtigt, bis zu fünfundzwanzigtausend Dollar zu gehen, soviel ist ihm der Spaß wert, Burchard ein bißchen zu ärgern. Ich biete also rund und bar fünfundzwanzigtausend Dollar ? einverstanden?«

»Donnerwetter, das ist ja allerhand Geld«, murmelte Harry vor sich hin.

»Jawohl, das bedeutet ein monatliches Einkommen von hundert Dollar für alle Ewigkeit, ohne daß man dafür einen Finger krumm zu machen braucht!« rief Way.

Ein minutenlanges Schweigen folgte.

»Nun, Mr. Devon«, fragte Way schließlich, »wollen Sie sich nicht entscheiden? Glauben Sie, von irgend jemandem ein besseres Angebot zu erhalten?«

»Das nicht ? aber ich könnte ja den Plan der beiden Herrschaften auch selber ausführen und hier Gemüse und Schlachtvieh ziehen.«

»Dazu würde ihnen nur eine Kleinigkeit fehlen«, erwiderte Way mit liebenswürdigem Lächeln, »das nötige Kapital nämlich. Tucker rechnet mit vierzig- bis fünfzigtausend Dollar, die er außer dem Kaufpreis in Ihr Land stecken muß, um die Sache gewinnbringend betreiben zu können.«

Devon schloß die Augen und überlegte.

Er war kein Geschäftsmann ? was ihn reizte, war das Abenteuer, die Aufregung, die der Spieltisch ihm bot, oder der Kampf, dessen Wechselfälle er in den sogenannten Kriegen der südamerikanischen Republiken durchlebt hatte ? aber trotzdem leuchtete ihm ein, daß man auch aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, wenn man ihn richtig aufzog, Reichtümer ziehen konnte ? zumal seine Farm den besten Grund und Boden in der ganzen Umgebung von West-London hatte. Es war also immerhin möglich, daß die Absicht, eine derartige Spekulation durchzuführen, Burchard veranlaßt haben konnte, ihn aus dem Weg zu räumen, da er es dann nur mit den beiden Alten zu tun gehabt hätte, die nicht einmal einen vor dem Gesetz stichhaltigen Anspruch auf das Land hätten erheben können. Fünfundzwanzigtausend Dollar aber waren gut dreimal soviel, wie er im günstigsten Fall für den Besitz zu erzielen gehofft hatte, und der Teil, den er sich davon behalten wollte, würde ein willkommenes Betriebskapital für ihn bedeuten.

»Es ist schon ein recht anständiger Preis«, sagte er halblaut.

»Das will ich meinen«, rief Way ungeduldig, »Tucker muß einfach verrückt sein, daß er so mit dem Geld herumschmeißt.«

»Ja, ja ? es ist ein mächtiger Haufen ? fünfundzwanzigtausend Dollar«, nickte auch Harry.

Jim aber richtete sich auf, nahm die Pfeife aus dem Mund und erklärte:

»Trotzdem verkaufen wir nicht!«

Way zuckte die Achseln.

»Der alte Herr scheint schon etwas stark verkalkt zu sein«, sagte er, »aber wie steht es mit Ihnen, Devon?«

»Ich müßte allerdings ?«, begann dieser.

»Wir brauchen gar keine Papiere«, unterbrach ihn Way, »schlagen Sie ein, dann ist die Sache abgemacht!«

Da erhob sich Jim, trat vor Way und sagte energisch:

»Machen Sie, daß Sie fortkommen; wir wünschen nicht weiter mit Ihnen zu verhandeln.«

Da Jim sonst ? allerdings außer im Verkehr mit Harry ? sich von einer bewunderungswürdigen, abgeklärten Sanftmut zeigte, war Devon über diese beleidigende Sprache wie vom Donner gerührt und wollte seinen Ohren nicht trauen, als Jim jetzt Way, der gleichfalls Mund und Nase aufriß, noch lauter anschrie:

»Haben Sie mich nicht verstanden? Sie sollen sich augenblicklich fortscheren und uns von Ihrem Anblick befreien!«

Die Zornader auf Ways Stirn schwoll an.

»Du verdammtes Knochengerüst«, schrie er, »was fällt dir denn ein?«

»Jetzt aber schleunigst fort«, rief Jim und faßte nach dem Colt, »sonst werd ich sehr ungemütlich.«

»Der alte Hanswurst verdirbt Ihnen ein Geschäft, wie Sies niemals im Leben wieder machen werden, Mister Devon«, rief Way außer sich. »Verbieten Sie ihm doch den Mund!«

Obwohl Devon Jims plötzliche Grobheit durchaus nicht verstand, trat er neben ihn und erwiderte:

»Tut mir leid ? wenn Jim gegen Sie ist, kann ich nichts machen; dafür sind wir Kameraden.«

Ways Gesicht wurde dunkelrot.

»Wegen solcher Narrheiten wollen Sie sich tatsächlich einen anständigen, ehrlichen Verdienst entgehen lassen?« fragte er.

»Geld, das von Vinzent Tucker kommt, ist weder anständig noch ehrlich erworben«, entgegnete Jim scharf.

Way machte auf dem Absatz kehrt, ging zu seinem Pferd hinüber und schwang sich in den Sattel. Devon, der ihn begleitet hatte, suchte ihn zu beruhigen.

»Es tut mir aufrichtig leid, daß der alte Mann Sie so unfreundlich behandelt hat«, sagte er, »aber Sie werden begreifen, daß mir die beiden Leutchen mehr wert sind als ein guter Verkaufspreis für meine Ranch.«

Way biß sich ärgerlich auf die Lippen.

»Jedenfalls haben Sie sich ein glänzendes Geschäft entgehen lassen«, sagte er achselzuckend, »aber wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen.«

Damit warf er sein Tier herum und galoppierte davon.

Zehntes Kapitel

Harry war offenbar mit der Wendung, die die Dinge genommen hatten, durchaus nicht einverstanden.

»Auf die Gefahr hin, mir gleichfalls deinen allerhöchsten Zorn zuzuziehen, lieber Jim«, sagte er, »was hast du dir eigentlich bei der Geschichte gedacht? Du redest daher, als ob du tatsächlich Mitbesitzer dieser Ranch hier wärst. Willst du Walt etwa beim Wort nehmen und wirklich Ansprüche an sein Eigentum stellen?«

»Gar nichts will ich«, erwiderte Jim, puterrot im Gesicht und empört über eine derartige Unterstellung. »Selbstverständlich habe ich nur in Walts Interesse so gesprochen, wie du gleich sehen wirst. Vielleicht kommt ihr beide mal mit.«

Er ging voraus und machte vor dem Pfahl halt, an dem Ways Pferd angebunden gewesen war.

»So, nun schau dir das einmal an, Harry«, sagte er, »vorausgesetzt, daß du überhaupt mit deinen blöden Augen noch etwas anderes als Gedrucktes lesen kannst.«

»Na, erlaube mal, ich bin doch noch nicht stockblind wie du, und selbst, wenn ich halb blind wäre, würde ich doch sofort an der Art des einen Hufeisens sehen, daß Ways Gaul, der zuletzt hier gestanden hat, am rechten Vorderfuß Strahlfäule hat.«

»Stimmt! Walter, kannst du auch erkennen, daß die Spur des einen Hufeisens ganz anders aussieht als die der übrigen?«

»Allerdings sehe ich das ? aber was willst du damit beweisen?«

»Warte nur ab und komm mit.«

Damit ging er weiter und blieb dann an einer Stelle stehen, die Ways Pferd heute nicht betreten hatte.

»Bitte schön«, sagte er.

Devons Auge war durchaus nicht auf das Verfolgen von Spuren geeicht, aber der Hufeisenabdruck, auf den Jim zeigte, war so klar und deutlich, daß er auf den ersten Blick verblüfft sagte:

»Der muß von dem selben Tier herrühren.«

»Du hasts erfaßt, mein Sohn«, erwiderte Jim, »so ist es!«

»Es könnte ja aber auch ein anderes Pferd Schwamm am Huf haben«, wandte Devon, bedenklich geworden, ein.

»Das ist mehr als unwahrscheinlich, denn Strahlfäule kommt bei uns sehr selten vor, nämlich nur bei Tieren, die viel im Stall stehen und schlecht gehalten werden. Daß Way aber seine Pferde schlecht behandelt, habe ich an den Flanken des armen Viehs gesehen, das er heute geritten hat.«

»Nun schön, nehmen wir an, daß das alles stimmt ? was wäre damit bewiesen? Hier kann doch schließlich jeder, der will, vorüberreiten.«

Jim nahm eine sehr überlegene Miene an.

»Gewiß kann das jeder ? aber, was hat ein Kerl hier nachts zu suchen?«

Devon sah ihn verständnislos an.

»Woher weißt du, daß diese Spur in der Nacht entstanden ist?«

»Nur, wenn der Boden feucht gewesen ist, kann das Hufeisen so tief eingedrungen sein und einen so klaren Abdruck hinterlassen haben«, erklärte Jim, »geregnet aber hat es in diesem Monat nur einmal, und zwar vor fünf Tagen gegen zehn Uhr abends.«

»Stimmt«, bestätigte Harry, »ich kann mich noch genau entsinnen, ich war gerade zu Bett gegangen ? eine halbe Stunde hat der Regenguß aufs Dach getrommelt und dann plötzlich wieder aufgehört.«

»Ja, aber was soll der gute Mann hier in der Dunkelheit gesucht haben?« fragte Devon lächelnd. »Außer dem Schlamm in dem Staubecken da ist doch hier wahrhaftig nichts zu holen.«

»Vielleicht handelt es sich wirklich um den Schlamm«, erwiderte Jim mit todernster Miene. »Es gibt ja auch im Schlamm Unterschiede, und manche Sorten sollen sehr gut für die Gesundheit sein.«

Harry lachte laut auf.

»Na, weißt du«, sagte er glucksend, »so ein Schwein ist doch wohl kein Mensch, daß er das Zeug da ißt!«

Jim maß ihn voll grenzenloser Verachtung.

»Das ist nun ein Kerl, der den ganzen Winter über nichts macht als Zeitungen lesen«, sagte er zu Devon, »aber von Moorbädern hat er natürlich noch nie was gehört!«

»Selbstverständlich hab ich das«, erwiderte Harry gekränkt, »aber wer soll denn in dem grünlichen Dreck da baden, der obendrein noch von Blutegeln wimmelt?«

»Wenns ihm Spaß macht, kann Way meinetwegen Tag und Nacht drin sitzen«, meinte Devon.

»Du lachst darüber«, entgegnete Jim, »aber nimm einmal an, daß es sich wirklich um heilkräftiges Moor handelt; dann kann die Sache mehr einbringen als eine Goldader.«

»Wieso? Das möcht ich wissen!« wandte Harry ein.

»In Massen würden die Leute dann herkommen, Vinzent Tucker oder Les Burchard würde ein großes Hotel oder ein Sanatorium bauen, wo jeder Gast zehn Dollar täglich zahlen müßte und für jedes Moorbad fünf bis sechs Dollar extra; was meinst du, was da für ein Haufen Geld einkommen würde?«

Devon lächelte ? die Sache kam ihm doch ein bißchen zu phantastisch vor! Entschieden, da war das, was Way über die Absichten des Herrn Tucker und Burchard gesagt hatte, ein gut Teil wahrscheinlicher. Allerdings erklärte das nicht Ways nächtlichen Besuch.

Kurz darauf verabschiedete sich Devon von den beiden Kameraden, ohne ihnen von dem gestrigen Mordanschlag erzählt zu haben. Wozu sollte er auch die guten Alten unnütz beunruhigen?

Er war noch keine zehn Minuten unterwegs, da hörte er hinter sich Hufschlag, und als er sich umwandte, sah er, daß Harry ihm gefolgt war.

»Nanu, Harry«, fragte er, »hab ich was vergessen?«

»Allerdings«, erwiderte der Alte, »du hast nämlich vergessen, daß du jetzt Les Burchard und Vinzent Tucker zu Feinden hast.«

»Ach, und da willst du ein bißchen auf mich aufpassen?«

»Und du meinst, ich sei zu alt dazu ? was?«

»Das nicht, aber Jim halte ich für zu alt, als daß man ihn hier allein lassen könnte«, antwortete Devon diplomatisch.

»Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, der schläft mit der geladenen Schrotflinte im Arm, und bei Tag wird sich noch weniger einer an ihn heranwagen. Jedenfalls komme ich mit dir, du wirst mich vielleicht nötiger brauchen, als du ahnst.«

Dabei sah er ihn so treuherzig und entschlossen an, daß Devon jeden weiteren Versuch, ihn umzustimmen, als von vornherein aussichtslos aufgab, und so zockelten sie denn in gemächlichem Trabe West-London zu.

Als sie die ersten Ausläufer der Stadt erreichten, erhob sich hinter ihnen in der Timbal-Schlucht ein merkwürdiges Geräusch. Ähnlich dem Brausen des Sturmes, der durch dichten Föhrenwald fegt, klang es, und bald darauf sahen sie, daß die Zickzackpfade, die zur Stadt heraufführten, von Menschen wimmelten.

»Da hat einer einen großen Goldfund gemacht«, erklärte Harry; »heute nacht wird sich allerlei tun in West-London.«

Sie hatten kaum ihre Pferde in dem Mietstall untergebracht, als auch schon die Menge den Stadteingang erreichte, von wo aus sie sich die Hauptstraße hinunterwälzte wie ein Strom, der alles mit sich fortreißt, die Tagediebe aus ihrer trägen Ruhe aufscheuchte, die Verkäufer aus den Geschäften, die Bürger aus ihren Häusern herausholte, als ob er sie an sich saugte.

Die einzigen Dämme gegen diese reißende Flut bildeten die Saloons, vor denen sie sich staute und schäumend brandete, und deren Pendeltüren in dauernder, schwingender Bewegung waren wie die Flügel eines flatternden Vogels. Das Gerücht wollte wissen, daß ein gewisser Tom Fagan eine geradezu unwahrscheinlich reiche Goldader freigelegt hatte, die ihm unerhörten Reichtum versprach ? wenn sie sich nicht, wie es leider so häufig der Fall war, sehr schnell erschöpfte.

Im Saloon »Zum Glück im Winkel« lud dieser Tom Fagan jedenfalls vorerst einmal die ganze Stadt zum Trinken ein. Er hatte zwei große Fässer Whisky gekauft und auf jeder Straßenseite eins aufstellen lassen, aus denen je zwei Kellner ununterbrochen jeden Vorübergehenden bedienten ? auch in der Kneipe selbst hielt Tom Fagan jeden frei, der eintrat.

Kein Mensch konnte sich der allgemeinen Aufregung entziehen: die Goldgräber freuten sich, weil wieder einmal bewiesen war, daß die Timbal-Schlucht noch immer ungeahnte Möglichkeiten bot, so daß auch der, der bisher Pech gehabt hatte, hoffen konnte, daß das Glück bald einmal auch zu ihm kommen werde ? die Spieler, Geldverleiher, Taschendiebe, Bauernfänger und das sonstige Gesindel aber sahen gleichfalls ihren Weizen blühen.

Der einzige, der völlig unberührt von dem tollen Treiben blieb, war der alte Harry. Er bestand darauf, daß sich auch Devon schleunigst aus dem lärmenden Gewühl entferne, denn, so behauptete er, dieser Tumult reize nur dazu, einen mißliebigen Menschen durch einen unauffälligen Schuß in den Rücken zu beseitigen.

Elftes Kapitel

Auf dem Weg zu seinem Kosthaus erzählte Devon dem Alten von dem Mordanschlag, der gestern auf ihn versucht worden war. Harry hörte, seinen dünnen Schnurrbart streichend, aufmerksam zu; dann sagte er:

»An deiner Stelle würd ich mich solchen Dingen nicht mehr aussetzen. Jim und ich sind ja hier, um zu sehen, wie der Hase läuft; also pack auf und empfiehl dich!«

Devon schüttelte den Kopf.

»Du weißt doch, daß ich nie des Gewinnes wegen spiele, sondern weil das Spiel selbst mir Spaß macht«, sagte er. »Gerade das Abenteuerliche an der Geschichte reizt mich.«

»Das ist ja ganz schön und gut«, meinte Harry bedenklich, »man muß aber auch die Karten kennen, mit denen gespielt wird.«

»Die hoffe ich bald kennenzulernen«, erwiderte Devon. »Zeit dazu werde ich bestimmt haben, denn meine Gegner werden nichts überstürzen, wenn sie merken, daß ich einen Mann wie dich bei mir habe.«

Diese Schmeichelei tat ihre beabsichtigte Wirkung. Harry kam auf seinen Vorschlag nicht wieder zurück.

Der Schankraum in Mrs. Purleys Haus war, wie alle übrigen Lokale von West-London, heute überfüllt. Im Vorübergehen sahen die beiden einen Augenblick hinein ? es ging hoch her, die Goldgräber sangen, schrien und lachten wie Matrosen, die nach langer Fahrt endlich wieder in einem Hafen gelandet sind.

Als Mrs. Purley Devon erblickte, verließ sie sofort ihren Platz hinter dem Schanktisch. Mit schweißüberströmtem Gesicht arbeitete sie sich durch die lärmende Menge auf ihn zu.

»Der Himmel schickt Sie mir«, sagte sie atemlos. »Ich muß Ihnen eine Geschichte erzählen, bei der Sie das Fluchen lernen können. Ach, da ist ja auch der Opapa! Guten Tag, Harry ? kommen Sie mit, ich brauche dringend einen guten Rat.«

Damit nötigte sie die beiden in ihr Privatkontor, wo sie sich wie erschöpft in einen Stuhl fallen ließ, ein riesiges Taschentuch aus der Schürzentasche zog und sich gründlich Stirn und Wangen abwischte. Schließlich schlug sie mit ihrer gewaltigen Hand auf die Schreibtischplatte und erklärte, vollkommen fertig zu sein.

»Der Trubel da draußen hat Sie wohl müde gemacht?« erkundigte sich Devon höflich.

»Mich? Lächerlich ? den Trubel möcht ich sehen, der mich müde machen könnte! Nein, nein ? nicht die Arbeit ist daran schuld.«

»Sondern?« fragte Devon.

Die Witwe antwortete mit der Gegenfrage:

»Wer, meinen Sie, ist heute nachmittag hier bei mir eingetrudelt?«

»Keine Ahnung! Vielleicht irgend ein Raufbold, der Lärm gemacht hat?«

»Nein, mein Herz, die Sorte macht mir nichts ? die verdaue ich ohne Salz! Raten Sie weiter.«

»Haben Sie vielleicht irgendwoher eine schlechte Nachricht bekommen?«

Mrs. Purley schüttelte den Kopf und fuhr sich von neuem mit dem Taschentuch über die Stirn. Devon zuckte die Achseln.

»Sie erraten es natürlich nicht«, sagte die mannhafte Wirtin. »Also geben Sie acht! Die Türklingel geht, ich rufe: ?Welcher Hanswurst erlaubt sich da einen schlechten Witz??, denn geklingelt wird doch bei mir sonst nicht, da die Tür, wie Sie wissen, den ganzen Tag für jeden, der rein oder raus will, offensteht. Niemand antwortet ? aber die Glocke läutet wieder! Da wurde ich natürlich wild ? ich war nämlich gerade dabei, meine Bücher in Ordnung zu bringen, und Rechnen macht mir sowieso leicht Kopfweh. Ich stehe also auf, nehme meinen Gummiknüppel, der, wie Sie sehen, hier immer zur Hand liegt, verstecke ihn unter der Schürze, um dem Schafskopf, der mich da zum besten haben will, eins über den Schädel zu ziehen, daß er drei Monate dran genug hat ? aber als ich an die Tür komme, was sehe ich da? Ein weibliches Etwas mit blonden Haaren und großen Kinderaugen! ?Sind Sie Mrs. Purley?? fragte das Wesen. ?Jawohl?, sag ich, nehm die Kleine an der Hand, führ sie ins Haus und frag sie, ob sie ein Glas Bier und ein Wurstbrot haben wolle. Sie sieht mich verständnislos an, als ob ich chinesisch spreche, und dann sagt sie, sie hätte noch nie Alkohol getrunken. ?Bier ist kein Alkohol?, erklär ich ihr, ?sondern nur gefärbtes Wasser.? ?Dann möchte sie lieber um ein Glas ungefärbtes Wasser bitten?, sagt sie. Na, um die Sache kurz zu machen ? schließlich holt sie ein Lichtbild aus ihrem Täschchen ? sie ist nämlich auf der Suche nach einem Mann ? ob ich den kenne? Ich werfe einen Blick auf das Bild ? natürlich kenne ich den. ?Oh, das ist ja herrlich?, flötet die Kleine, ?nein, was für ein Glück, daß ich Sie gefunden habe!? So, und nun kommt mal beide her und seht euch das Bild an, das sie mir gezeigt hat! Kennen Sie den Menschen, Mr. Devon?«

Dabei hielt sie ihm das Lichtbild eines gutaussehenden, hübschen, jungen Mannes hin ? doch Devon schüttelte verneinend den Kopf.

»Na, dann sieh du mal zu, Opapa!« sagte sie.

Harry warf nur einen Blick auf das Bild und sagte dann sofort:

»Das ist ?Hans im Glück?, oder ich laß mich fressen.«

»Wer ist denn das und wie kommt er zu diesem Namen?« fragte Devon erstaunt.

»Er hat immer ein Schweineglück gehabt«, erwiderte Harry, »unter anderem auch darin, daß er mir nicht vor meinen Colt gekommen ist. Im übrigen fragst du besser Leute, die gewandter als ich erzählen können, nach dieser ? Klapperschlange.«

Zwölftes Kapitel

Mrs. Purley kam dieser Andeutung sofort ungebeten nach.

»?Hans im Glück?«, begann sie, »ist hierhergekommen, um sich zu amüsieren, und hat das denn auch reichlich getan. Zehn Mann und zehn Gäule waren schließlich Tag und Nacht unterwegs, um Hänschen zu suchen; aber als sie ihn dann getroffen hatten, schickten sie schleunigst nach Verstärkung. Er ist ein riesig gewandter Junge und hat eine fabelhafte Technik ? wie ein gelernter Rausschmeißer arbeitet er! Ich habe es selbst einmal mit angesehen, wie er sich in Charlies Saloon durch eine Menge durchgeboxt hat, die mit Revolvern, Messern und Schlagringen auf ihn losging. Mit der bloßen Faust hat er das gemacht, einfach vorbildlich. Ich habe damals wirklich bedauert, kein Mann zu sein. Ein wundervoller Anblick war es, wie er Kinnhaken und Schwinger austeilte, und wie jedesmal, wenn er zugeschlagen hatte, einer mit dem Gesicht voran zu Boden ging!

Als er dann durch war, schwang er sich auf sein Pferd und rief den anderen zu, er käme morgen wieder. Er ritt ein Stück die Straße entlang, sprang ab, trat in einen anderen Saloon, stopfte sich den Inhalt der Kasse in die Tasche, ging wieder hinaus, schoß erst noch das Firmenschild, das an zwei Seilen hing, herunter und verduftete dann.

Damals hat man ganz West-London auf den Kopf gestellt, um ihn zu finden, und in alle vier Himmelsrichtungen wurden bewaffnete Mannen nach ihm ausgeschickt ? er aber kam am nächsten Abend seelenruhig in die Stadt zurück, ging in Burchards Saloon und spielte den Gästen zum Tanz auf. An ihn rangetraut hat sich nämlich niemand, denn er hatte seine Revolver vor sich auf die Tasten des Klaviers gelegt. Als er dann genug hatte, holte er sich das beste Pferd aus dem Mietstall und ritt davon. Aus diesen kurzen Zügen werden Sie ungefähr ersehen, was ?Hans im Glück? für eine Nummer ist.«

»Jawohl, ich verstehe«, erwiderte Devon, der die ganze Zeit über das Lichtbild aufmerksam betrachtet hatte.

»Ich kann mich natürlich nicht auf Einzelheiten einlassen«, fuhr Mrs. Purley fort, »ich kann Ihnen gewissermaßen nur die fetten Überschriftzeilen geben. Aber nun muß ich noch ein paar Worte über das junge Mädchen sagen ?«

»Das arme Ding ist voraussichtlich seine Geliebte?« unterbrach sie Harry.

»Da könnte sie einem natürlich leid tun«, erwiderte die Witwe, »aber die Sache ist viel schlimmer; sie ist nämlich nicht seine Geliebte ? sondern seine Schwester!«

»Was ? seine Schwester?« fragte Harry überrascht.

»Jawohl, und sie kommt geradeswegs aus dem Osten, um nach ihrem Brüderchen zu sehen, weil er doch so selten und immer nur sehr flüchtig nach Hause geschrieben hat! Sie ist in grenzenloser Angst um die Gesundheit des armen, lieben Willi ? er ist ja immer so nervös gewesen, der gute Junge. Ganz krank hat mich ihr Gerede gemacht, denn nervös ist an dem Bengel doch höchstens der Finger, mit dem er den Colt abgedrückt! Wie ein Affe hab ich gegrinst, während sie so geschwätzt hat. Na, und das Ende vom Lied? Nun wäre aber alles gut, erzählte sie, nun könne er auch etwas für seine Gesundheit tun, denn ein lieber, alter Großpapa sei gestorben und habe gegen eine Million Dollar hinterlassen, in die sie und Willi sich teilen sollten.«

»Ich denke, das Früchtchen heißt Hans?« fragte Devon.

»Ach, keine Spur, ?Hans im Glück? ist nur sein Spitzname«, entgegnete Mrs. Purley. »Sein wirklicher Name ist William Maynard, und seine Schwester, das süße Dummchen, heißt Mabel. Ganz entsetzt war sie, als ich ihr erklärte, ich hätte keine Ahnung, wo sich ihr Brüderchen im Augenblick aufhalte; aber ich tröstete sie damit, daß wir ihn auf alle Fälle schon finden würden. Ich war natürlich in der scheußlichsten Verlegenheit, denn wem sollte ich in dieser verkommenen Stadt ein derartiges Geheimnis anvertrauen? Als ich Sie dann vorhin drüben im Schankraum sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen ? Sie, mein werter Mr. Devon, sind natürlich der gegebene Mann dafür! Sie werden diesen ?Hans im Glück? holen und ihn in Freiheit dressiert seiner Schwester vorführen, damit sie ihn nach Hause schaffen kann und ich diese gräßliche Verantwortung loswerde.«

»Aber erlauben Sie mal, Verehrteste«, wandte Devon ärgerlich ein, »wie komme ich denn dazu? Und vor allem, wie kann ich einen Menschen finden, den ich überhaupt nicht kenne?«

»Ja, soll ich vielleicht meinen Laden zumachen und selbst auf die Suche gehen?« fragte Mrs. Purley empört. »Es gibt doch außer Ihnen keinen Mann in ganz West-London, den man mit einer derartig heiklen Sache betrauen könnte! Aber warten Sie, ich werde mal die Kleine herholen, und dann wollen wir doch sehen, ob Sie es fertigbringen, nein zu sagen!«

»Einen Augenblick!« Devon hielt sie zurück. »Damit, daß ich die junge Lady kennenlerne, ist gar nichts geändert, liebe Mrs. Purley, und außerdem muß ich jetzt unbedingt fort.«

»Sie bleiben hier!« befahl sie in einem Ton, der keinen Widerspruch aufkommen ließ, ging zu einer Tür, öffnete sie und rief in den Nebenraum hinein:

»Hallo, Miss Maynard!«

»Ja, Mrs. Purley?«

»Haben Sie sich genügend ausgeruht, um einmal herzukommen und eine Neuigkeit zu hören?«

»Aber gewiß!«

Mabel Maynard kam herein mit halbgeöffneten Lippen und vor Erregung strahlenden Augen, doch ihr Gesicht verfinsterte sich, als sie nur Devon und den alten Harry erblickte.

»Nein, Herzchen, Ihr Bruder ist allerdings noch nicht da«, tröstete Mrs. Purley die Enttäuschte, »aber wir sind auf dem besten Weg zu ihm ? das ist nämlich Mr. Devon, der Teilhaber Ihres Bruders.«

Devon fuhr betroffen zusammen, doch ehe er diese Behauptung zurückweisen konnte, sagte Mabel:

»Ach, ich wußte gar nicht, daß Willi hier auch geschäftlich tätig ist, ich dachte, er lebe ganz seiner Gesundheit. Welche Art von Geschäft betreiben Sie denn, Mr. Devon?«

»In der Hauptsache ist er Goldgräber«, erwiderte statt des Gefragten Mrs. Purley, »aber die beiden haben auch noch andere Dinge vor, die sich recht gut anlassen ? nicht wahr, Mr. Devon?«

»Ja«, erwiderte Devon matt.

»Kann denn Willi solche schwere Arbeit leisten?« fragte das junge Mädchen erstaunt.

»Das ist gar keine schwere Arbeit«, versicherte Mrs. Purley schlagfertig, »wie denn überhaupt die Männer stark übertreiben mit dem, was sie angeblich zu leisten haben. Was ist das schon, wenn die Mannsleute acht Stunden Steine klopfen? Gar nichts gegen das, was wir armen Weiber bei achtzehnstündiger Arbeitszeit täglich im Haushalt zu schaffen haben!«

Mabel sah sie einigermaßen fassungslos an, dann lächelte sie und fragte Devon:

»Geht es meinem Bruder gut?«

»Gewiß«, entgegnete Devon, »wenigstens habe ich nichts Gegenteiliges gehört.«

»Haben Sie ihn denn schon lange nicht mehr gesehen?« erkundigte sich das junge Mädchen sichtlich besorgt.

Mrs. Purley rettete wieder geistesgegenwärtig die bedrohliche Lage.

»Er hat seit einiger Zeit außerhalb der Stadt zu tun«, sagte sie, »aber es ist gar nicht weit. Devon wird ihn gleich holen.«

»Da geh ich natürlich mit«, erklärte Mabel.

»Sie bleiben ganz friedlich hier sitzen und ruhen sich schön aus«, wandte Mrs. Purley ein, »dabei kann Sie Mr. Devon nämlich nicht gebrauchen.«

Devon stand ratlos und unschlüssig da, doch die energische Witwe drängte ihn einfach zur Tür.

»Seien Sie lieb, alter Kerl, und machen Sie sich auf die Strümpfe«, flüsterte sie ihm dabei zu, »drüben im Schankraum ist Lewis, genannt der ?Schläger?, der über ?Hans im Glück? sehr genau Bescheid wissen soll ? fragen Sie den nach ihm, dann werden Sie den Bengel schon finden.«

»Glauben Sie denn, daß Lewis mir Auskunft geben wird?«

»Ich weiß nicht, aber ich hoffe es ? wenn Sie irgendeine geschickte Lüge erfinden. Jedenfalls hat der ?Schläger? schon eine ganze Menge getrunken, ich nehme also an, daß das seine Zunge ein bißchen gelöst hat.«

Dreizehntes Kapitel

Als Devon zusammen mit dem alten Harry den Schankraum betrat, schmetterten rauhe Kehlen gerade den Kehrreim eines Liedes, in dem die Sänger behaupteten, die ganzen Rocky Mountains seien nur ein Kuchen, von dem sie sich demnächst ein Stück, und zwar eins mit recht vielen Rosinen darin, abbrechen würden.

Nach zwei vergeblichen Anfragen wies ihn schließlich jemand an den »Schläger«, einen großen Menschen, der die Ärmel seines Flanellhemdes über den starkbehaarten Unterarmen bis zu den Ellbogen aufgerollt hatte und die Welt gewöhnlich unter finster gerunzelten Augenbrauen hervor zu betrachten pflegte.

»Sie heißen Lewis, nicht wahr?« fragte Devon ihn.

»Zu dienen, ich bin Lewis, genannt der ?Schläger?, wenn Sie nichts dagegen haben. Was wünschen Sie?«

»Ich suche ?Hans im Glück? ? würden Sie mir sagen, wo ich den finden kann?«

Lewis musterte ihn mit abgründiger Geringschätzung.

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich weiß, wo er ist?« fragte er schließlich.

Devon zögerte einen Augenblick, beantwortete dann aber diese mißtrauische Frage lieber gar nicht, sondern versicherte, daß er dem ?Hans im Glück? durchaus wohlgesinnt sei und ihm nur eine für ihn wichtige Mitteilung zu machen habe.

»Anderthalb Gramm Blei, an die richtige Stelle befördert, ist auch eine wichtige Mitteilung«, meinte Lewis spöttisch.

»Sie können ja mitkommen«, schlug Devon vor, »wenn wir, mein alter Freund hier und ich, vorausreiten, haben Sie uns dauernd unter dem Daumen, und Sie können sich dann selbst davon überzeugen, daß wir keine feindlichen Absichten hegen.«

Lewis blickte noch finsterer als sonst drein.

»Heute ist Feiertag«, erklärte er schließlich.

»Würden Ihnen zehn Dollar als Entschädigung für Ihre Mühe genügen?« fragte Devon.

Der Blick des »Schlägers« hellte sich merklich auf.

»Das ist das erste vernünftige Wort, das Sie sprechen«, sagte er. »Warum nicht gleich so? Ich habe meinen Gaul draußen; wenn Sie bereit sind, können wir aufbrechen.«

Devon und Harry holten also ihre Pferde aus dem Mietstall, und dann ritten sie los ? gefolgt von Lewis, genannt der ?Schläger?, der ihnen die Richtung angegeben hatte.

Nachdem die Stadt hinter ihnen lag, führte der Weg, der nun etwas schmäler wurde, durch einen dichten Wald. Hatten die beiden bisher geschwiegen, so gestattete jetzt die größere Entfernung zwischen ihnen und dem hinterher reitenden Lewis eine halblaut geführte Unterhaltung.

»Na, Walt, fühlst du dich wohl bei der Geschichte?« fragte der alte Harry.

»Nein«, war die trockene Antwort.

»Eigentlich komisch ? erst läßt du dich zum Teilhaber eines Gauners und üblen Schießers machen, weil ein hübsches Mädel dich mit seinen Kulleraugen ansieht, und dann hast du nicht einmal Spaß an der Sache.«

»Hättest du dich an meiner Stelle nicht vielleicht auch in dieses Abenteuer verwickeln lassen?«

»Ganz bestimmt nicht«, erwiderte Harry überzeugt, »selbst wenn ich noch fünf Jahre jünger wäre als du.«

»Und warum nicht?«

»Der Lady wegen.«

»Lady? Aber das arme Geschöpf ist doch noch beinah ein Kind.«

»Na ja, für vierzehn, fünfzehn hab ich sie auch höchstens gehalten«, erwiderte Harry, »um so sonderbarer aber kommt es mir vor, daß sie so ganz allein in die Welt gondelt und ?«

»Erlaube mal, wieso denn?« unterbrach ihn Devon, »zwanzig Jahre ist sie doch immerhin mindestens.«

»Merkwürdig rasch altert das ?arme Geschöpf?«, meinte Harry spöttisch, »aber deine jetzige Anschauung kommt der Wahrheit entschieden näher, und mit zwanzig Jahren ist ein Mädchen kein Kind mehr, besonders nicht, wenn es solche Augen hat.«

»Was hast du gegen sie? Hältst du sie für gefährlich oder was?«

»Jawohl, für gefährlich halt ich sie, Walt«, erwiderte der Alte, »gefährlich für dich und für mich, denn wenn du hinfällst, stolpere ich über dich.«

Harry hatte so überzeugt gesprochen, daß Devon ihn ganz erstaunt ansah.

»Ach, geh«, sagte er schließlich. »Es ist sicher keine Falschheit in ihr.«

»Das wird die Zukunft lehren«, entgegnete Harry. »Im übrigen muß ich die ganze Zeit über an ein Erlebnis denken, das ich mal in San Antone gehabt habe. Ich hatte da mit einem Rechtsanwalt zu tun, und der saß, während er mit mir sprach, in einem Schaukelstuhl und schaukelte hin und her, so daß ich mir dauernd den Kopf verrenken mußte, wenn ich sein Gesicht sehen wollte.«

»Und was hat das mit unserer heutigen Sache zu tun?« fragte Devon verständnislos.

»Genau so wie damals muß ich mir, seit wir die Stadt verlassen haben, den Kopf verrenken, um den Mann, der da hinter uns reitet, im Auge zu behalten.«

»Allmächtiger ? traust du dem auch nicht?«

»Wenn du an einem dicken Baum die Spuren von Klauen siehst, die die Rinde mit einem Griff zerrissen haben, so daß das weiße Holz bloßliegt ? glaubst du dann, daß diese Spuren von einem harmlosen Tier herrühren?«

»Und wo hast du bei Lewis etwas entdeckt, was auf derartige scharfe Klauen schließen läßt?«

»In seinen Augen, mein Sohn«, erwiderte der alte Trapper. »Verlaß dich darauf, ich irre mich nicht.«

»Du meinst also, daß wir in eine Falle reiten?« fragte Devon erstaunt.

»Nein, das meine ich nicht.«

»Sondern?«

»Daß wir in der Falle schon mitten drin sind«, antwortete Harry gelassen.

»Wieso?« fuhr Devon erschrocken auf.

»Hör nur!«

Walter Devon lauschte ? hinter ihnen hörte er Lewis pfeifen.

»Nun ja, der Mann pfeift vor sich hin«, sagte er. »Was ist schon dabei?«

Ehe Harry antworten konnte, endete das bisher gleichförmige Gepfeife in zwei kurz aufeinanderfolgenden schrillen Pfiffen.

»Rasch in Deckung hinter die Bäume!« rief der Alte Devon zu und war gleich darauf im Unterholz, das den Weg einsäumte, verschwunden.

Vierzehntes Kapitel

Devon riß sein Pferd nach der anderen Seite hinüber, eine Kugel pfiff haarscharf an seinem Ohr vorbei. Er fuhr im Sattel herum und sah, daß Lewis, den rauchenden Colt noch in der Hand, sein Pferd seitlich ins Unterholz drängte. Ohne lange Überlegung griff Devon zum Revolver und schoß hinter dem Fliehenden her. Ein langgezogener Wut- und Schmerzensschrei bewies ihm, daß er getroffen hatte.

Doch jetzt empfing ihn von vorn ein wahrer Kugelregen; sein Wallach sprang hoch, brach dann zusammen, fiel auf die Seite und blieb regungslos liegen. Er war tot.

Devon selbst wurde bei dem Sturz aus dem Sattel und gegen die aus dem Boden hervorstehenden, knorrigen Wurzeln eines Baumes geschleudert, hatte aber im Fallen den Revolver fest in der Hand behalten. Als er sich, stark von dem Aufschlagen benommen, erheben wollte, sah er drei Männer zwischen den Bäumen auf sich zueilen. Im selben Augenblick fiel ein Schuß ? einer von den dreien sprang wie eine verwundete Katze hoch in die Luft, faßte sich nach der Brust, warf dann die Arme empor und stürzte aufs Gesicht.

Devon richtete sich auf den Knien hoch und feuerte blindlings auf den zweiten. Der Mann bog fluchend ab und suchte hinter einem Strauch Deckung, von wo aus er rasch hintereinander seinen Revolver auf Devon leer schoß, jedoch keiner der sechs Schüsse traf.

Die angeborene Kampfesfreude ließ Devon jetzt etwas sehr Unüberlegtes tun. Er sprang auf und ging, den Colt schußfertig in der Hand, zum Angriff über. Hatte er nicht noch vier Kugeln? Und selbst, wenn alle vier das Ziel verfehlten, blieben ihm ja immer noch seine Fäuste!

Geradenwegs stürzte er auf den Strauch zu; eine Gestalt wurde undeutlich sichtbar. Devon schoß ? einmal und dann noch einmal. Ein geller Aufschrei erfolgte, dann hörte er nur das Brechen von Zweigen und eilig sich entfernende Schritte. Das gleiche Geräusch vernahm er dann auch zu seiner Linken und jetzt sogar hinter sich.

Als er herumfuhr, sah er Harry keuchend auf sich zueilen.

»Willst du wohl in Deckung gehen!« schrie der Alte ihn an, sobald er wieder zu Atem gekommen war. »Es gibt doch wahrhaftig keinen größeren Dummkopf als dich, du unvorsichtiger Hansnarr!«

»Aber sie sind ja schon fort«, erwiderte Devon.

Statt jeder Antwort packte Harry ihn an der Schulter und riß ihn mit sich nieder, so daß die beiden auf die weichen Föhrennadeln fielen.

»So, und nun rühr dich nicht!« flüsterte der Alte ihm zu.

Lange lauschten sie, doch rings war nichts mehr zu hören. Dann aber gellten in ziemlich weiter Entfernung wieder zwei scharfe Pfiffe.

»Du scheinst ausnahmsweise mal recht zu haben«, sagte Harry.

»Natürlich sind sie fort ? schnell, wir wollen sie verfolgen.«

»Laß sie laufen«, entgegnete der Alte. »In dem dichten Wald finden wir sie doch nicht. Einer muß übrigens geblieben sein, denn ich glaube nicht, daß er mit meiner Kugel zwischen den Augen weit gekommen sein kann.«

Sie erhoben sich und fanden dann auch bald einen Mann auf dem Gesicht liegend, die Hände tief in das welke Laub verkrallt, sein Gewehr neben sich. Als sie ihn auf den Rücken drehten, zeigte es sich, daß der tödliche Schuß tatsächlich genau zwischen den Augen saß.

»Er ist tot«, sagte Devon leise, »der arme Teufel.«

»Wieso arm?« erwiderte Harry. »Vielleicht ist er sehr reich im Vergleich zu uns ? vielleicht sitzt sein Geist da droben auf dem Ast und lacht uns aus, froh darüber, eine Last loszusein, an der er seit seiner Geburt schwer genug geschleppt haben mag! Jedenfalls müssen wir ihn uns einmal genauer ansehen. Kennst du ihn, Walt?«

Devon betrachtete das lächelnde Gesicht des Toten, eines jungen Mannes mit einem kurzgehaltenen Schnurrbart auf der Oberlippe. Nichts an ihm war besonders oder auffällig; er war von mittlerer Größe, mittlerem Gewicht und höchstens fünfundzwanzig Jahre alt.

»So kommen wir nicht weiter«, meinte Harry. »Wenn wir wissen wollen, mit wem wir es zu tun haben, müssen wir seine Taschen untersuchen.«

Bald lag deren Inhalt sorgfältig auf dem Waldboden ausgebreitet. Da war zunächst ein sehr großes Klappmesser mit einer starken, feststellbaren Klinge, mit der man einen Hirsch hätte ausweiden können. Ferner eine Brieftasche mit einem einzigen Dollarschein darin und einem stark zerknitterten Brief, der von irgendeinem ziemlich ungebildeten Mädchen stammen mußte, denn die rührenden Worte, die er enthielt, waren häufig nicht nach den Regeln der Rechtschreibung geschrieben. Nicht einmal den Vornamen des Toten verriet er, denn die Anrede lautete nur: ?Mein innig Geliebter!?

Außerdem enthielten die Taschen ein großes Knäuel Bindfaden sowie ein Büchschen mit Nadeln, Zwirn und Knöpfen, wie sie Männer gebrauchen, die im Wald oder auf der Weide draußen auf sich selbst angewiesen sind, Zündhölzer und Kautabak, der in ein Stück Wildleder eingewickelt war.

Von diesem brach sich der alte Trapper ein Eckchen ab und kostete.

»Die Sorte kenn ich«, sagte er, »sie ist ausgezeichnet ? aber das hilft uns auch nicht weiter. Was hältst du von dem Mann?«

»Das ist schwer zu sagen«, meinte Devon achselzuckend, »jedenfalls sieht er eigentlich nicht wie ein Mörder aus.«

»Er war auch noch nicht lange dabei, denn er hat sein Geschäft als Bandenmörder noch nicht richtig gelernt.«

»Wieso weißt du das?« fragte Devon erstaunt.

»Ich schließe es daraus, daß er wie wild auf dich losgerannt ist, statt sich, wie seine ?Kollegen?, von Baum zu Baum springend an uns heranzupirschen, und außerdem sieh dir mal die Schwielen da auf dem rechten Handteller an ? die können nur von dem Stiel einer Heugabel herrühren. Also war der Mann noch bis vor kurzem ein anständiger Mensch, der brav auf einer Farm gearbeitet hat, und darum tut mirs eigentlich leid, daß ich so gut getroffen habe.«

»Wahrscheinlich aber hat deine Kugel ihn vor dem Strick bewahrt. Was fangen wir nun mit ihm an?«

»Wir schaffen ihn natürlich, zum Sheriff.«

»Um Gottes willen ? damit bringen wir uns womöglich selbst ins Gefängnis!« rief Devon ganz entsetzt.

»Ach, keine Spur«, entgegnete Harry. »Wenn auch sonst manches hier in unserer Gegend nicht viel taugt, unser Sheriff ist große Klasse. Also sieh mal zu, daß du meinen Gaul einfängst, denn meinen alten Beinen kann ich das nicht mehr gut zumuten.«

Devon tat, wie ihm geheißen. Dann luden sie den Toten auf den Sattel und banden ihn mit seinem eigenen Bindfaden darauf fest.

Als sie endlich aufbrachen, war die Sonne bereits untergegangen; tiefer Friede legte sich über den dunklen Wald. Nur aus weiter, weiter Ferne drang ab und zu ein seltsames, gedämpftes Geräusch an ihr Ohr. Das war die Stadt West-London, die lachte und sang.

Fünfzehntes Kapitel

Die Tür von Sheriff Naxons Haus stand noch offen, als sie ankamen. Ein breiter Lichtschein fiel aus ihr auf den kiesbestreuten Pfad, der zu dem Haus hinaufführte. Der alte Harry, das Pferd mit seiner traurigen Last am Zügel haltend, wartete draußen, während Devon eintrat.

Er hatte geglaubt, das Innere ebenso verwahrlost zu finden, wie das Haus von außen, der Garten und ? es läßt sich leider nicht leugnen ? die Person des Sheriffs, so daß er sehr erstaunt war, als er von einer würdig und freundlich dreinschauenden Dame in ein äußerst sauberes, nett eingerichtetes Wohnzimmer gebeten wurde, um sich einen Augenblick zu gedulden.

Devon musterte den runden Teppich, auf dem er stand ? einen sogenannten Flickenteppich in den fröhlichsten Farben, unter denen das Rot und Blau unbrauchbar gewordener Flanellhemden vorherrschte. Dann besah er sich das Klavier in der einen Ecke, den kleinen Tisch in der anderen, auf dem sich, zwischen zwei Stützen aufgereiht, eine Anzahl Bücher befand: eine Bibel, eine Märchensammlung in großblumigem Stoffeinband, ein Werk über amerikanische Geschichte und eine mehrbändige Shakespeare-Ausgabe ? seltene Schätze in dieser Gegend, die offenbar den hohen Kulturstand des Hauses beweisen sollten. Neben den Büchern lag ein großes Lichtbildalbum, dessen hölzerner Deckel kunstvolle Brandmalerei trug, zwischen zwei kleinen Schalen, in denen Blumen welkten.

Im angrenzenden Eßzimmer, aus dem übrigens würziger Speisengeruch drang und das ganze Haus angenehm durchzog, hörte Devon jetzt den Sheriff sagen:

»Aber warum läßt du ihn denn nicht einfach herein? Alf ? geh doch mal rüber und hol ihn.«

Die Dame des Hauses versuchte gegen diesen Vorschlag zu sprechen, doch offenbar vergeblich, denn das Geräusch von bloßen Füßen wurde draußen in dem Vorraum hörbar, und in der Tür erschien ein sommersprossiges Bubengesicht, das sich zu einem breiten Grinsen verzog.

»Vater läßt sagen, Sie möchten ins Eßzimmer kommen.«

»Ich möchte aber lieber hier auf den Sheriff warten.«

»Das läßt sich nicht machen; wenn Vater was sagt, ists besser, Sie tuns.«

So folgte Devon dem Jungen in das Eßzimmer, das gleichfalls sehr sauber, aber so klein wie eine Schiffskabine war. Die Hausfrau erhob sich errötend, sichtlich ein wenig befangen, der Sheriff aber zeigte auf einen Stuhl und sagte freundlich:

»Setzen Sie sich, Kamerad, und erzählen Sie mir, was ich für Sie tun kann ? aber zunächst nehmen Sie mal eine Kleinigkeit.«

»Vielen Dank ? ich habe keinen Hunger.«

»Ach was ? für ein Stück Apfelkuchen hat man immer Platz.«

»Nein, auch dafür muß ich danken.«

»Wie kann man nur so schüchtern sein? Verlaß dich drauf, Mary, es ist nur Schüchternheit; gib ihm mal ein ordentliches Stück von dem Zeug und eine Tasse Kaffee mit recht viel Sahne.«

»Sheriff, was ich Ihnen zu sagen habe ?«

»Das können Sie mir ebensogut erzählen, wenn Sie gegessen haben. Nun setzen Sie sich mal endlich, Devon! Wie gehts denn Ihrem Vater?«

Frau Naxon räusperte sich.

»Was ist denn los?« fragte der Sheriff.

»Erinnerst du dich denn nicht? Der arme Mr. Devon ?«

»Na, erlaube mal, ein Mann der tausend Morgen besitzt, ist doch nicht arm«, unterbrach er sie.

»Das meine ich ja nicht.«

»Warum sagst du dann nicht, was du meinst? Es ist schon ein Elend mit den Frauen, daß sie immer in Andeutungen um die Dinge herumreden müssen!«

»Ihre Frau wollte Sie daran erinnern, daß mein Vater tot ist.«

»Tot? Jack Devon tot? Ja, richtig, natürlich ? jetzt fällt mirs ein! Selbstverständlich ist Jack Devon gestorben ? sein Tod war sogar ein höllisch schwerer Verlust für die verdammte Gegend hier.«

»Fluch doch nicht so schrecklich«, bat die Frau bescheiden.

»Verdammt und höllisch ist doch kein Fluchen«, erwiderte der Sheriff. »Das sagt man doch nur, um Worte gewissermaßen zu unterstreichen. Aber Sie haben ja noch immer nicht Platz genommen, junger Mann. Lockt Sie der Kuchen wirklich nicht?«

»Ich bin zusammen mit dem alten Harry gekommen, er ist draußen, und da kann ich doch nicht ?«

»Meinen Sie Jack Devons Harry?«

»Jawohl.«

»Ja, zum Teufel, warum kommt denn der nicht rein? Braucht der vielleicht eine Extraeinladung? Ein verdammter Blödsinn! Vorwärts, Alf, scher dich raus und hol ihn sofort rein!«

Der Knabe sprang auf, doch Devon hielt ihn zurück.

»Es befindet sich noch ein Dritter draußen«, sagte er, dem Sheriff zublinzelnd.

»Ein ganzes Regiment können wir allerdings nicht hereinbitten«, erwiderte dieser, augenscheinlich allmählich verstehend, »dazu ist der Raum leider zu beschränkt. Na, dann kommen Sie mal, Devon. Und du, Alf, bleibst gefälligst hier, wo du hingehörst. Wenn ich dich wieder dabei erwische, daß du dich abends aus dem Haus schleichen willst, sollst du mich mal kennenlernen!«

Frau Naxon sah ihren Mann angstvoll an, sagte aber nichts, sondern legte nur dem Knaben den Arm um die Schultern und zog ihn dicht an sich heran. Da verstand Devon, daß der abgeklärte, ergebene Ausdruck ihres Gesichtes und das Würdige ihrer Haltung ihren Grund darin hatten, daß sie jedesmal um das Leben ihres Gatten zitterte, wenn dieser in Erfüllung seiner Amtspflicht das Haus verließ.

Die beiden traten aus der Tür, stiegen die Stufen hinunter ? Devon führte Naxon dorthin, wo Harry im Dunkeln wartete. Der Sheriff zog eine kleine elektrische Lampe aus der Tasche und ließ deren Schein auf das Gesicht des Toten fallen, das er aufmerksam betrachtete.

»Wer hat das getan?« fragte er dann.

»Ich«, erwiderte Harry.

»Das heißt, wir haben es zusammen getan«, wandte Devon ein.

»Unsinn ? den Schuß hab ich abgegeben«, erklärte Harry.

Der Sheriff nickte.

»Saubere Arbeit, das!« meinte er. »Und warum haben Sie den Jungen erschossen?«

»Weil er uns mit noch drei anderen im Wald überfallen hat.«

»Und wo sind die anderen drei? Haben Sie mir den da nur als Muster mitgebracht?«

»Die anderen drei sind entkommen ? mehr oder weniger verwundet durch Walt Devon. Einer von ihnen heißt Lewis, genannt ?der Schläger?.«

»Den kenn ich.«

»So? Für wen arbeitet denn der?«

»Für den Teufel ? würde ein Geistlicher sagen.«

»Und für wen sonst noch?«

»Gelegentlich für Les Burchard.«

»Kennen Sie auch den Toten da?«

»Jack Watts heißt er.«

»Was war er?«

»Nichts Besonderes ? eine Zeitlang hat er mal für Les Burchard die Bücher geführt.«

»Damit wäre die Sache geklärt«, meinte Devon. »Ich hatte schon vorher Grund genug, Les Burchard im Verdacht zu haben, aber jetzt ist es ja vollkommen sicher, daß er mich ermorden lassen will.«

»Sie glauben wirklich, daß Burchard hinter dem heutigen Überfall steckt?« fragte der Sheriff leise.

»Ich bin felsenfest davon überzeugt.«

»Seltsam ? Burchard? Das würde mich denn doch wundern.«

Man hörte es der Stimme des Sheriffs an, daß er tatsächlich überrascht war.

»Aber es sieht ganz so aus, als ob er Walt und uns aus dem Weg räumen wollte«, bestätigte Harry, »Walt allerdings noch mehr als Jim und mich.«

»Was sollte er für einen Zweck dabei verfolgen?«

»Er will Walts Land haben, das der nicht verkaufen will.«

»Aber um Gottes willen, wozu?«

»Das weiß ich nicht, aber er wirds schon wissen«, erwiderte Harry. »Wie stehts denn nun, werden wir dafür eingesperrt?«

»Daß Sie den jungen Jack Watts erschossen haben?«

»Ja.«

»Nein, deswegen sperr ich Sie nicht ein. Sie müssen sich nur zur Verfügung halten, wenn ich Sie vorlade.«

»Selbstverständlich«, entgegnete Harry.

»Dann wäre die Angelegenheit also in Ordnung«, erklärte der Sheriff. »Laden Sie den Toten ab, und ich werde nach dem Leichenbeschauer schicken.«

Während Harry die Umschnürung löste, erzählte Devon in kurzen Worten, was sich zugetragen hatte.

»Da werde ich zunächst einmal mit Ihnen in Mrs. Purleys Kosthaus gehen und mir das junge Mädchen ansehen«, sagte Naxon, als Walter geendet hatte.

»Das ist ganz überflüssig«, erwiderte Devon lebhaft. »Sie ist an dem Überfall so schuldlos wie ein neugeborenes Kind.«

»Da mögen Sie vielleicht recht haben, aber trotzdem möchte ich ein paar Worte mit ihr sprechen.«

Sie ließen also Jack Watts auf dem Rasen liegen ? weglaufen werde er ja kaum, meinte der Sheriff ? und begaben sich zu dem Kosthaus, wo sie zu ihrer größten Überraschung erfuhren, daß die schöne Miss Maynard spurlos verschwunden war ? keiner der Angestellten wußte, wohin.

Sechzehntes Kapitel

Nach einer kurzen Überlegung entschloß sich der Sheriff, Mrs. Purley selbst rufen zu lassen. Mit finsterer Miene trat die wackere Dame ein und begrüßte den Mann des Gesetzes ziemlich unliebenswürdig mit der Frage:

»Na, was führt Sie denn zu mir, Naxon ? wollen Sie mir was am Zeug flicken?«

»Durchaus nicht«, entgegnete der Sheriff höflich.

»Na, Gott sei Dank! Wissen Sie, sobald ich Sie sehe, fallen mir nämlich alle meine Sünden ein. Es ist ja wahr, es geht manchmal ein bißchen geräuschvoll bei mir zu, aber im Grunde nicht lauter als in anderen Lokalen, wenn ich auch als Frau hier und da mal ein Auge zudrücken muß, um mich gegen die männliche Konkurrenz zu behaupten.«

Der Sheriff lächelte.

»Gewiß, ich kann mir denken, daß es eine Frau in ihrem Beruf gerade in unserer Stadt nicht leicht hat«, sagte er. »Ich hoffe, daß ich es Ihnen nicht unnötig schwer gemacht habe. Heute wollte ich Sie übrigens nur fragen, wo Miss Maynard ist.«

»Sie ist ein Stück spazierengegangen«, antwortete Mrs. Purley, »wird aber, denke ich, bald zurück sein, denn es ist ja längst Abendbrotzeit.«

»Haben Sie irgend etwas Näheres über sie erfahren?« fragte Naxon weiter.

»Wieso Näheres? Was wollen Sie damit sagen?«

»Nun, zum Beispiel, daß sie versucht hat, den jungen Mr. Devon hier unter eine Dampfwalze zu bringen?«

»Sie ? ihn?« fragte Mrs. Purley verblüfft. »Nein, das glaub ich nun und nimmer! Wenn das Mädel nicht ehrlich ist, gibts überhaupt keine Ehrlichkeit mehr auf der Welt! Gott soll mich bewahren ? mit dem unschuldvollen Gesichtchen einen Mordversuch planen? Denn das meinen Sie doch mit dem Ausdruck ?unter eine Dampfwalze zu bringen??«

Lange zeterte sie noch über die Verderbtheit der Welt. Da aber mit der baldigen Rückkehr des Mädchens, für dessen Unschuld sie sich hoch und heilig verbürgte, kaum zu rechnen war, überließen die drei Männer sie ihrem Gejammer, um ihrerseits noch ein Stückchen spazierenzugehen.

»Im Dunkeln kann man nämlich besonders gut nachdenken«, erklärte der Sheriff. »In einem erleuchteten Raum wird man immer zu sehr abgelenkt. Also, dann wollen wir die ganze Sache noch mal genau durchsprechen.«

Sie bogen von der Hauptstraße ab und schlenderten, sich leise unterhaltend, durch allerlei Gassen und Gäßchen. Ab und zu blieben sie stehen, um, jeder für sich, nachzudenken. Das Geräusch der nächtlichen Stadt drang aus der Ferne dumpf an ihr Ohr.

»Hören Sie das Stierkalb brüllen?« fragte bei einer solchen Pause der Sheriff.

»Was für ein Stierkalb?«

»West-London natürlich.«

»Eine eigenartige Bezeichnung für eine Stadt«, meinte Devon lachend.

»Aber eine sehr treffende! Zerstampft nicht ein Stierkalb immer kampflustig den Boden? Brüllt sich ein Stierkalb nicht immer heiser und wirbelt Staub auf? Freundlich sein und gut zureden hat keinen Zweck bei einem Stierkalb; wer auf so ein Vieh Eindruck machen will, muß ihm schon eins mit einer Zaunlatte übern Schädel geben. Verlassen Sie sich darauf, diese Stadt ist ein Stierkalb und hat einen Ring durch die Nase nötig! Aber ich werde sie schon noch zahm und manierlich machen, wenns auch noch eine Weile dauern sollte.«

Da sie trotz allen Bemühungen nicht herausbekommen konnten, worauf das seltsame Interesse, das sowohl Les Burchard wie Vinzent Tucker an Devons Farm nahmen, beruhen könne, beschlossen sie, die Erörterungen vorläufig zu vertagen und die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten.

Als sie das Haus des Sheriffs erreichten, zeigte es sich, daß der Tote verschwunden war. Merkwürdigerweise schien Naxon darüber gar nicht erstaunt zu sein, denn er sagte im ruhigen Tone einer sachlichen Feststellung:

»Jack Watts hat sich empfohlen!«

»Aber das ist doch gänzlich ausgeschlossen«, entgegnete der alte Harry, »mit einer Kugel durchs Gehirn kann er doch nicht plötzlich wieder aufstehen und wandeln.«

»Wieso nicht?« fragte der Sheriff. »Wissen Sie, ob Ihre Kugel den Kopf nicht nur gestreift hat?«

»Das weiß ich allerdings, denn sie hat den Schädel glatt durchschlagen ? er hatte hinten und vorne ein Loch.«

»Wie dem auch sei ? es ist keine Leiche mehr vorhanden und damit auch kein Beweisstück für die Anklage auf Mordversuch, die Sie erheben wollen.«

»Ist schon eine komische Einrichtung, Ihr Gesetz«, meinte Harry kopfschüttelnd. »Wie ein durchgehendes Maultiergespann kommt es mir vor ? bei dem ists auch reine Glückssache, ob man heil ankommt oder sich das Genick bricht. Wer, in drei Teufels Namen, kann denn Jack Watts weggeholt haben?«

»Natürlich die, für die er gearbeitet hat«, erwiderte der Sheriff trocken. Und dann trennte man sich. ?

Als Devon und Harry sich ihrem Kosthaus näherten, kam ihnen Mrs. Purley, die offenbar auf sie gewartet hatte, schon von weitem entgegen. Sie war völlig verstört und packte Devon gleich am Arm.

»Nun, sagen Sie mal«, fragte sie ganz außer sich, »was soll dieses Engelsgeschöpf von einem Mädchen für einen Grund haben, Ihnen etwas Böses zuzufügen?«

»Vielleicht ist sie dafür bezahlt worden, Mrs. Purley.«

»Sie ? mit den Augen? Ausgeschlossen, vollkommen ausgeschlossen! Wissen Sie, wie ich diese Augen sah, da ist mir mit einemmal klar geworden, was ich entbehren muß, daß ich keine Kinder besitze. Ich habe nämlich nie welche gehabt, weil ich immer auf meinen Mann aufpassen mußte und auf seine blödsinnigen Geschäfte. Ach, solche Kinderaugen ? was man in denen lesen kann! Und dies Geschöpf soll falsch sein, eine Genossin von feilen Mordbuben? Nie, hören Sie, nie glaube ich das! Eher würde ich es für möglich halten ? Guten Abend, Jerry!« unterbrach sie plötzlich ihren überschwenglichen Redeschwall.

Ihr Gruß galt einem Vorübergehenden, den die bis zu den Ellenbogen aufgerollten Ärmel seines blauen Flanellhemdes als Goldgräber erkennen ließen.

»Guten Abend, Mrs. Purley«, erwiderte er. »Trinken wir ein Glas zusammen?«

»Trinken Sie man allein, Mr. Noonan«, antwortete sie und fügte, zu Devon und Harry gewandt, hinzu: »Was der sich herausnimmt! Er will mich nämlich heiraten, müssen Sie wissen; in erster Linie natürlich mein gutgehendes Geschäft ? aber ich bin selbstverständlich nicht so dumm, auf ihn reinzufallen, obwohl er eigentlich gar nicht einmal so übel ist.«

»Der Revolver soll allerdings ziemlich locker bei ihm sitzen«, sagte Harry.

»Ach, das würde ich ihm schon abgewöhnen«, entgegnete die Witwe selbstbewußt. »Aber jetzt muß ich gehen ? Gute Nacht! Und nicht wahr, Mr. Devon, wenn Sie irgend etwas Näheres in der bewußten Angelegenheit hören, sind Sie so nett, es mich wissen zu lassen.«

Devon versprach es ihr, worauf sie rasch im Hause verschwand.

»In spätestens sechs Monaten ist sie wieder verheiratet«, sagte der alte Harry, ihr nachsehend.

»Wie kommst du darauf?« fragte Devon erstaunt.

»Na, höre mal, dazu braucht man doch kein Prophet zu sein, das merkt man doch an ihrer ganzen Art. An diesem Jerry Noonan wird sie sich übrigens die Zähne ausbeißen ? er hat das Zeug dazu, sogar sie unterzukriegen.«

»Ich glaube nicht, daß das überhaupt ein Mann fertig bekommt.«

»Er schaffts, verlaß dich darauf.«

»Ist er so ein berühmter Kämpfer?«

»Nein, berühmt ist er ganz und gar nicht«, erwiderte der Alte, »und das ist gerade das Besondere an ihm ? er macht nicht viel Worte von dem, was er leistet. Aber jetzt will ich schlafen gehen; ein bißchen müde bin ich doch, und morgen wird ja auch allerlei für uns zu tun sein.«

Damit schüttelten sie sich die Hände, Harry ging in sein Zimmer, Devon aber in den Schankraum, denn sein Bedarf an Aufregung war noch lange nicht gedeckt.

Siebzehntes Kapitel

Wenn er auch von dem, was er mit den Karten gewann, lebte, so spielte Walter Devon doch in erster Linie zu seinem Vergnügen ? ihn reizte es, Gauner und Betrüger mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Lange brauchte man in einer Stadt wie West-London nicht zu suchen, um eine Pokerpartie zusammenzubekommen, denn nicht nur in Burchards Spielpalast, sondern in jedem Saloon fanden sich genügend Teilnehmer.

Devon sah sich also um und entdeckte gleich, was er brauchte: einen sehr reichen Viehzüchter, den er einmal beim Spielen beobachtet hatte. Der dritte Mann war ein ziemlich beschränkt aussehender Bergwerksbesitzer, der vierte ein gerissener, gewerbsmäßiger Spieler aus Kanada. Auf einen fünften Mitkämpfer konnte man ja verzichten, wenn ihm nicht noch etwas Passendes begegnete.

Er machte sich einzeln an die drei Leute heran, und seine Einladung wurde jedesmal mit größter Freude angenommen. Als er dann seine Truppe durch die hin und her wogende Menge der übrigen Saloon-Besucher nach dem stillen Hafen des Spielzimmers geleitete, sah er plötzlich ein wutverzerrtes Gesicht und das Aufblitzen eines Revolverlaufs vor sich.

Für gewöhnlich mischte er sich nicht in derartige Angelegenheiten, denn solche Wirtshauskrakeele berührten ihn ganz und gar nicht ? aber er stand so nahe bei dem Colt, und die Züge des Menschen, der damit herumfuchtelte, verrieten so deutlich brutale Mordabsicht, daß Devon fast ohne zu wollen auf ihn zutrat, seinen Arm packte und die Waffe niederdrückte.

Der Mann gebärdete sich wie ein Rasender, um doch noch sein Ziel zu erreichen; er versuchte, sich loszureißen und richtete, da ihm dies nicht gelang, die Mündung des Revolvers auf Devon. Die Menge rings wich entsetzt zurück, nur der, dem der heimtückische Überfall gegolten hatte, drehte sich um und sagte seelenruhig:

»Ach, hast dus wieder mal auf mich abgesehen?«

Im gleichen Augenblick stieß seine Faust über Devons Schulter weg vor und landete wie eine Keule im Gesicht des Angreifers, der zusammensackte und, da Devon ihn losließ, zu Boden fiel. Die Eisenfaust, die ihn gefällt hatte, ergriff jetzt Devons Hand und schüttelte sie ungemein energisch.

»Besten Dank, Kamerad«, sagte der Gerettete, der ein massiges Kinn und merkwürdig kleine, eingekniffene Augen hatte. »Das haben Sie sehr fein gemacht! Ich heiße Jerry Noonan und hoffe, Ihnen eines Tages gleiches mit gleichem vergelten zu können. Die Giftkröte da können Sie mir nun allein überlassen.«

Devon nickte, suchte seine Getreuen wieder auf und saß zwei Minuten später mit ihnen am Spieltisch.

Die Partie war sehr nach seinem Geschmack, obwohl er in der ersten Stunde reichlich verlor ? dann aber kannte er seine Leute: der Viehzüchter verstand es ausgezeichnet, Karten in der hohlen Hand zu verbergen, der Berufsspieler hatte die Karten auf der Rückseite mit dem Fingernagel gezeichnet, und der Bergwerksbesitzer arbeitete mit einem kleinen Stückchen roter Farbe, das er unter dem Nagel des rechten Zeigefingers versteckt hielt.

Nachdem Devon so hinter ihre Kniffe gekommen war, machte es ihm eine diebische Freude, sie trotz ihrer Betrügereien hereinzulegen. Greenhorns und unschuldige Lämmer zu scheren, überließ er gern anderen.

Es dauerte noch keine halbe Stunde, da hatte er nicht nur seinen Verlust aufgeholt, sondern war bereits stark im Gewinn. Nachdem der Kanadier hintereinander zwei »Töpfe« von je fünfzehntausend Dollar verloren hatte, stand er auf, schob seinen Stuhl zurück und erklärte:

»Mein Bedarf ist gedeckt ? ausnehmen lasse ich mich nicht. Übrigens zwei von Ihnen, meine Herren, sind Säuglinge. Welche beiden das sind, werden Sie ja bald selbst merken.«

Es dauerte aber noch fast eine Stunde, ehe diese Feststellung einwandfrei gemacht wurde. Der Bergwerksbesitzer war der erste, der mißtrauisch wurde und bescheidenere Einsätze machte, der Viehzüchter aber war so von seinem Trick überzeugt, daß er tapfer bei der Stange blieb. Devon hatte den beiden bereits sechstausend Dollar abgenommen, als sie sich plötzlich erstaunt ansahen, und der Bergwerksbesitzer sagte:

»Mir scheint, wir beide sind die Säuglinge.«

»Gewiß sind wir das«, bestätigte der Viehzüchter. »Ich habe mehr verloren, als ich verantworten kann; aber trotzdem soll es mir auf ein-, zweitausend Dollar nicht ankommen, wenn Sie mir verraten, wie Sie das gemacht haben, Kamerad!«

»Wer kann die Launen des Glücks erklären?« erwiderte Devon lachend und erhob sich.

Man trank noch am Schanktisch ein Glas zusammen, dann trat Devon hinaus in die kühle Nacht.

Er war außerordentlich zufrieden. Die Stadt gefiel ihm. Die Ungewißheit der Zukunft, die vor ihm lag, die Gefahr, von der er sich umgeben fühlte, belebten ihn. Er lauschte dem Brüllen des ?Stierkalbes?, mit dem Sheriff Naxon den nächtlichen Lärm von West-London so treffend verglichen hatte.

Plötzlich bewegte sich etwas neben ihm ? unwillkürlich wich er zurück und stellte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Eine gedrungene, muskulöse Gestalt löste sich aus dem Dunkel und trat auf ihn zu. Er sah nur den weichen Rand eines schmutzigen Filzhutes, der tief in ein Gesicht gedrückt war.

»Hallo, Devon ? erkennen Sie mich?«

»Sind Sie nicht Noonan?«

»Ja, der bin ich. Ich möchte mit Ihnen sprechen.«

»Bitte, sprechen Sie!«

»Aber nicht hier.«

»Gut, dann kommen Sie mit in mein Zimmer.«

Noonan nahm den Vorschlag an, weigerte sich aber, zusammen mit Devon hinaufzugehen ? er solle nur vorausgehen, er werde nachkommen.

Devon war auch damit einverstanden. Kaum eine Minute, nachdem er das Zimmer betreten hatte, wurde an die Tür geklopft, und Noonans breites, finsteres Gesicht sah herein. Er warf einen Blick über die Schulter zurück, trat dann ein und schloß die Tür behutsam und sorgfältig.

Devons Aufforderung, Platz zu nehmen, lehnte er mit einer entschuldigenden Handbewegung ab.

»Ich muß mir erst ein bißchen Lokalkenntnis erwerben«, sagte er und schritt so vorsichtig das Zimmer ab, als ob er fürchte, jeden Augenblick könne der Boden unter seinen Füßen schwinden.

Das Zimmer hatte nur eine Tür, die auf einen engen Vorraum ging, aber zwei Fenster, weil es an einer Hausecke lag. Die Wände mußten sehr dünn sein, denn hinter der einen konnte man deutlich die Atemzüge eines schnarchenden Mannes hören.

Nachdem Noonan sich alles genau betrachtet hatte, setzte er sich neben Walter, rückte seinen Stuhl möglichst dicht heran, beugte sich überdies noch zu ihm hinüber und fragte:

»Sie sind also Devon?«

»Ja.«

»Und Ihnen gehört die Devon-Farm da drüben jenseits der Schlucht?«

»Jawohl.«

»Sie werden ja wohl schon gemerkt haben, daß man Ihnen den Besitz nicht gönnt, und da Sie mir heute einen großen Dienst erwiesen haben, will ich Ihnen einen guten Rat geben ? unentgeltlich sogar.«

»Sehr liebenswürdig«, entgegnete Devon lächelnd.

»Lachen Sie nicht ? mein Rat kann sehr wertvoll für Sie werden.«

»Daran zweifle ich nicht.«

»Also hören Sie zu: Hätten Sie, wenn man Ihnen am ersten Tag, als Sie hier ankamen, fünfzehntausend Dollar für Ihre Farm geboten hätte, sie dafür verkauft?«

»Ja, das hätte ich.«

»Also war das ein durchaus angemessener Preis; und doch haben Sie später fünfundzwanzigtausend zurückgewiesen oder durch die alten Knaben zurückweisen lassen. Sie glauben demnach offenbar, die Kaufsumme in die Höhe treiben zu können?«

Devon, der sehr aufmerksam zugehört hatte, zuckte die Achseln.

»Man muß eben sein Heil versuchen und sehen, was man herausschlagen kann«, sagte er.

»Versuchen Sie Ihr Heil bei den Karten, aber lassen Sie die Finger von der Geschichte, der sind Sie nicht gewachsen.«

Noonan hatte sehr leise gesprochen, jetzt beugte er sich näher zu Devon hinüber und fügte noch leiser hinzu:

»Lassen Sie sich raten: nehmen Sie das Geld, das man Ihnen angeboten hat, und machen Sie, daß Sie von hier fort kommen! Hören Sie auf mich, ich mein es gut mit Ihnen!«

Devon sah ihn lächelnd an.

»Obwohl ich an Ihrer guten Absicht durchaus nicht zweifle, lieber Noonan«, sagte er, »kann ich Ihrem Rat leider nicht folgen. Ich weiß natürlich nicht, warum mein Land für Burchard, Tucker oder wer sonst dahinterstecken mag, soviel Wert hat, aber da sie mich zu ermorden versucht haben, um in seinen Besitz zu gelangen ?«

»Zu ermorden?« fragte Noonan erstaunt.

»Jawohl, zu ermorden.«

»Wann denn, um Gottes willen?«

»Erst heute, kurz vor Sonnenuntergang.«

Noonan zuckte zusammen.

»Solche gemeinen Hunde«, sagte er empört. »Ich glaube, für tausend Dollar schneiden die jedem die Kehle durch! Was gilt den Schuften schon ein Menschenleben?«

Devon hütete sich, ein Wort zu sagen; er fühlte, daß er dicht vor der Lösung seines Geheimnisses stand.

Plötzlich sprang Noonan auf.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich Ihnen jetzt nicht das ganze hundsföttische Spiel verrate!« rief er erregt. »Wo wäre ich jetzt ohne Sie? In der Hölle wär ich! Was hatten Sie für einen Grund, mich zu retten? Nicht den geringsten ? nicht einmal gekannt haben Sie mich!«

Er machte eine Pause und holte tief Atem. Auch Devon erhob sich unwillkürlich.

»Die Sache ist also die ?« begann Noonan, doch mitten im Wort brach er ab.

Verwundert sah Devon ihn an ? Noonan hielt den Kopf geneigt und lauschte nach dem offenstehenden Fenster hin. Jetzt vernahm auch Walt einen langgezogenen Pfiff, wie er ihn heute schon einmal gehört hatte. Es klang wie der Schrei eines aufgeschreckten Nachtvogels.

Jerry Noonan lauschte noch immer ? einem Hunde ähnlich, den sein Herr zurückpfeift. Sein Gesicht war finster und verstört, man sah ihm an, daß Angst und der Wunsch, sich aufzulehnen, in ihm kämpften. Schließlich zuckte er die Achseln und stammelte verwirrt:

»Ich glaube, das hat ? mir gegolten ? entschuldigen Sie mich einen Augenblick ? ich bin ? gleich wieder zurück.«

Damit stürzte er zur Tür hinaus.

Achtzehntes Kapitel

War dieser Pfiff, der Jerry Noonan so sonderbar erschreckt hatte, ein Befehl oder eine Warnung gewesen?

Devon, der dem Davoneilenden sprachlos nachstarrte, überlegte einen Augenblick, dann trat er rasch an den Tisch, blies die Lampe, die er kurz zuvor erst angezündet hatte, aus und lehnte sich zu dem Fenster hinaus, das auf Mrs. Purleys sogenannten Garten ging, in dem nichts blühte als ein paar halbverdorrte Buschrosen.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß niemand ihn beobachtete, schwang er sich aufs Fensterbrett und ließ sich vorsichtig hinabgleiten. Als er um die Hausecke bog, sah er Noonan mit gesenktem Kopf in ziemlich raschem Tempo die Straße hinunterlaufen.

Devon machte sich sofort daran, ihm zu folgen.

Es war nicht leicht, ihn im Auge zu behalten, da Noonan plötzlich die Hauptstraße verließ und in ein sehr unübersichtliches Viertel einbog, dessen Gassen und Gäßchen sich zwischen niedrigen Häusern und verfallenen Hütten hinzogen. In dem ungewissen Licht des Mondes hatten sie etwas Unwirkliches und wirkten wie schlecht gemalte Kulissen.

Nachdem Noonan und sein Verfolger diesen Stadtteil hinter sich hatten, ging es an Viehkoppeln vorbei, und bald lag der dichte Föhrenwald vor ihnen ? hier fing Noonan an, zu rennen.

Devon zögerte eine Sekunde, denn er wußte nur zu gut, daß ein weiteres Verfolgen fast unüberwindliche Schwierigkeiten für ihn haben mußte, doch dann trieb ihn die Neugier weiter. Es war ja für ihn von größter Wichtigkeit, zu erfahren, welche geheimnisvolle Macht Jerry Noonan gerade im entscheidenden Augenblick den Mund geschlossen hatte.

Er lief ihm also nach, obwohl er sich fast ausschließlich auf das Gehör verlassen mußte, das die Tritte des vor ihm Laufenden auf dem weichen Waldboden kaum wahrnehmen konnte. Zu Gesicht bekam er ihn nur, wenn die Bäume einmal weniger dicht standen oder wenn er eine mondbeglänzte Lichtung überquerte.

Auf einer solchen sah er Noonan plötzlich in Schritt fallen. Da verlangsamte auch er sein Tempo, in der Erwartung, daß Noonan in der Nähe seines Bestimmungsortes angelangt sei. Nach Devons Schätzung hatten sie bis jetzt ungefähr eine halbe Meile im Walde zurückgelegt.

Er konnte sich jetzt nur noch mit äußerster Vorsicht vorwärts bewegen ? kein Tritt, kein Laut war rings zu vernehmen. Er hatte sich bereits bis dicht an den Rand der Lichtung herangearbeitet und fürchtete schon, die Spur Noonans endgültig verloren zu haben, als er auf der gegenüberliegenden Seite zwei Männer erblickte, die unbeweglich im tiefen Schatten standen. Vor ihnen tauchte Noonan plötzlich auf und sagte atemlos:

»Abend, Jungens.«

Devon preßte sich gegen einen Baumstamm und rührte sich nicht.

Die beiden Angesprochenen lachten höhnisch auf.

»Na, wie gehts, Jerry?« fragte einer von ihnen.

»Wie solls mir gehen? Gut.«

Die anderen lachten wieder.

»Bist du auch sicher, daß dirs gut geht?« fragte einer spöttisch.

»Was soll das?« fuhr Noonan auf.

Devon sah, daß er sich mit dem Rücken gegen einen breiten Stamm stellte und die Hände in die Taschen schob. Offenbar hatte er Angst vor den beiden, war aber entschlossen, sich gegen sie zu verteidigen.

Den beiden schien daran zu liegen, ihn hinzuhalten, denn sie lachten wiederum nur, statt zu antworten.

»Zum Donnerwetter, was wollt ihr eigentlich von mir?« brauste Noonan auf.

»Er fragt auch noch!« entgegnete der eine. »Sag dus ihm, Sammy ? ich bin zu müde dazu.«

»Ich auch«, erwiderte der andere. »Er wirds außerdem noch früh genug erfahren.«

Noonan holte tief Atem.

»Ich verlange jetzt, daß ihr mit der Sprache rausrückt«, schrie er. »Was habt ihr gegen mich?«

Devon sah, wie eine dritte Gestalt hinter dem Baum hervortrat, den Noonan sich als Rückendeckung gewählt hatte, und ihm die Mündung eines Revolvers gerade auf die Herzgrube setzte.

»Du armseliger Wicht«, sagte der zuletzt Gekommene, »bildest du dir wirklich ein, daß du gegen uns etwas ausrichten kannst?«

Devon erkannte die Stimme Griersons, den er gestern abend auf so angenehme Weise kennengelernt hatte.

»Laß ihm eine Minute Zeit, Peter«, rief einer der beiden anderen Grierson zu. »Ich glaube, er hat uns eine sehr komische Geschichte zu erzählen.«

»Wollt ihr mich etwa umbringen?« fragte Noonan mit verzweifelter Stimme.

»Aber wie kannst du nur so was von uns denken, mein guter Jerry?« entgegnete der andere mit eisigem Hohn.

»Doch, doch ? weil ihr denkt, daß ich euch hintergangen habe!«

»Aber wie kommst du nur auf so einen närrischen Einfall? Jerry Noonan, der alte, biedere Ehrenmann, sollte jemanden hintergehen? Das ist doch vollkommen ausgeschlossen; so etwas gibt es doch gar nicht!«

Dabei lachten alle drei in so grimmigem Spott, daß es Devon ganz kalt über den Rücken lief. Er überlegte hin und her, wie er es anfangen könne, den Gefangenen aus der Hand dieser Schurken zu befreien, da der Ärmste einen so brutalen Schlachthaustod, wie die Kerle ihm offenbar zugedacht hatten, bestimmt nicht verdiente.

»Schön, ich bin in eurer Gewalt, und ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt«, sagte Noonan. »Aber ich schwöre bei Gott, daß ich ihm kein Wort verraten habe!«

»Wem denn?« fragte einer, erstaunt tuend.

»Zum Teufel noch mal, laßt doch dies alberne, hinterhältige Getue«, schrie Noonan gequält auf. »Ihr wißt doch ganz genau, daß ich von Devon spreche!«

»Na also, da wären wir ja endlich soweit«, meinte Grierson. »Ich denke, nun kann er abfahren ? zur Hölle nämlich, wo die gemeinen Hunde hingehören, die ihre Kameraden verraten.«

»Ich habe nichts verraten, kein Wort ? ich hatte keine Zeit dazu.«

»Keine Zeit dazu?«

»Ich war drauf und dran, ihm die ganze Sache zu verraten, aber ich kam nicht dazu, weil gepfiffen wurde. Nicht eine Silbe hab ich gesagt!«

»Aber die Absicht, es zu tun, gibst du also zu?«

»Der Mann hat mir das Leben gerettet ? obwohl er mich nicht einmal kannte ?«, erwiderte Noonan.

»So ? und da willst du deine neuen Freunde aus der Tasche deiner alten bezahlen, du Idiot?«

Noonan ließ den Kopf sinken.

»Stimmt ? ich war ein Idiot«, gab er kleinlaut zu.

Der andere, der das Verhör geleitet hatte und der Anführer der drei zu sein schien, trat jetzt dicht an Noonan heran, schlug ihm derb auf die Schulter und sagte:

»Du kannst dich wieder ehrlich machen, wenn du uns den Beweis lieferst, daß du zu uns hältst ? willst du das tun?«

»Selbstverständlich will ich das!«

»Gut ? dann geh zurück und jag Devon dein Messer in den Leib.«

Eine lange Pause folgte ? Devon fühlte das Blut in seinen Schläfen hämmern.

»Das kann ich nicht; der Mann ist zu anständig gewesen«, entgegnete Noonan schließlich fest. »Ich will verflucht sein, wenn ich die Hand gegen ihn erhebe ? macht also Schluß mit mir.«

Devon zog den Revolver und legte auf Grierson an ? vielleicht gelang es Noonan, in der Verwirrung, die seinem Schuß folgen würde, zu entkommen. Er wollte gerade abdrücken, da sagte der Anführer der drei sehr ruhig:

»Ist schon verdammt wacker von dir, Jerry ? nur ein Schweinehund würde einen Menschen umbringen, der ihm eben erst das Leben gerettet hat. Ich nehme an, daß du trotz deiner Weigerung, Devon anzugreifen, zu uns halten willst?«

»Ganz gewiß will ich das«, antwortete Noonan mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung, »und ihr könnt mir glauben, daß ich mir die Sache zur Warnung dienen lasse.«

»Schön ? dann können wir also zur Stadt zurückgehen.«

»Wo ist denn der Chef?« fragte Noonan.

»Wahrscheinlich da, wo er gebraucht wird«, erwiderte der andere. »Also, dann komm!«

Neunzehntes Kapitel

Keine drei Schritte entfernt gingen sie an Devon vorüber, aber er wußte sich sicher in dem tiefen Schatten, in dem er stand. Es war so dunkel, daß er kaum die vorbeigehenden Gestalten sich abheben sah, geschweige, daß er ihre Gesichter erkannt hätte. Da er jedoch fühlte, daß es für ihn eine Lebensfrage bedeutete, diese Banditen wiederzuerkennen ? um sich gegen sie zu schützen oder sie dem Sheriff Naxon überantworten zu können ? ging er ihnen vorsichtig nach.

Sie schlugen eine andere Richtung ein, als Devon erwartet hatte ? nicht die, in der er hierhergekommen war ? aber er brauchte sich nur nach dem Geräusch ihrer Schritte und ihrer gedämpft geführten Unterhaltung zu richten, um die Spur nicht zu verlieren. Allerdings mußte er sich hüten, ihnen zu dicht auf den Fersen zu folgen; wenn sie ihn bemerkten, würden sie ihn unweigerlich umbringen.

Seine Übervorsicht war wohl daran schuld, daß er nach einer Weile weder Tritte noch Stimmen mehr vor sich hörte. Er blieb stehen und lauschte ? nichts.

Langsam und behutsam schlich er weiter, doch auch als er an eine breite Lichtung kam, auf der nur vereinzelte Bäume standen, konnte er nichts von den vier Männern entdecken.

Verwirrt blieb er abermals stehen und lauschte nach rechts und links ? eine unheimliche Stille herrschte. Selbst der Bach, der mitten durch die Lichtung floß, schien nicht das geringste Geräusch zu machen.

Welche Richtung sollte er nun einschlagen?

Nachdem seine Nerven ein wenig zur Ruhe gekommen waren und das Sausen des Blutes in seinen Ohren nachließ, konnte er das leise Murmeln des Wassers unterscheiden, das geschäftig über die glatten Kiesel strömte und sich plätschernd an einzelnen, größeren Steinen brach. In dem Teich, in den der Bach ? ganz in seiner Nähe ? mündete, spiegelte sich der Mond, über den fliegende, kleine Wölkchen dahinzogen.

Devon ärgerte sich ? er hatte die Spur der vier verloren; daran war nicht zu zweifeln!

Als er sich aufs Geratewohl nach rechts wenden wollte, sah er plötzlich eine schlanke, weibliche Gestalt aus dem gegenüberliegenden Wald heraustreten und rasch auf den Bach zugehen. Sie raffte mit einer Hand ihre Röcke zusammen und überquerte, den anderen Arm ausstreckend, um das Gleichgewicht zu halten, von Stein zu Stein springend, das Wasser.

Am anderen Ufer blieb sie einen Augenblick stehen und sah zurück. Dann lief sie weiter ? gerade auf Devon zu. Ein leichter Windstoß bog den breiten Rand ihres Hutes zurück, und er erkannte das liebliche Gesicht Mabel Maynards!

Sie hier in dem feierlichen Schweigen des nächtlichen Waldes zu sehen, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf ihn ? als ob ein harmloses Kind fröhlich singend über ein leichenbesätes Schlachtfeld schreitet, kam es ihm vor.

Jetzt fing sie tatsächlich an, leise zu singen!

Sie blieb stehen, um ihr Haar, das der Wind ein wenig zerzaust hatte, in Ordnung zu bringen; dann ging sie weiter.

Was mochte ihr Ziel sein? Wie kam sie hierher, wo sie so gar nicht hingehörte?

Devon nahm sich vor, ihr zu folgen ? und zwar diesmal mit mehr Erfolg.

Nachdem sie an dem Baum vorüber war, hinter dem er stand, schlich er ihr nach ? zu hastig offenbar. Oder besaß dieses seltsame Geschöpf einen besonderen Sinn, der sie vor drohenden Gefahren warnte? Jedenfalls blieb sie plötzlich stehen und sprang hinter den nächsten Baum.

Devon folgte ihr und rannte um ein Haar blindlings in den Tod, denn sie floh nicht, wenn sie auch leise aufschrie, sondern hielt ihm eine altmodische, doppelläufige Pistole entgegen. Er hörte ein bedenkliches Knacken, und hätte nicht das Zündhütchen versagt, wäre sicher die Kugel in seine Brust gedrungen.

Rasch packte er ihr Handgelenk, so daß sie die Waffe fallen ließ.

Er wollte zu ihr sprechen, fand jedoch keine Worte. Während sein Atem rasch und stoßweise ging, atmete sie ruhig und regelmäßig ? augenscheinlich empfand sie nicht die geringste Furcht. Ihre Nähe, ein seltsamer, an Hyazinthen erinnernder Duft, der von ihr ausging, verwirrte ihn, er riß sie hinter dem Baum hervor ins volle Mondenlicht ? dasselbe kindhafte Lächeln strahlte ihn an, das er schon einmal in Mrs. Purleys Kosthaus gesehen hatte.

»Nein, wie Sie mich erschreckt haben«, sagte sie mit süßer Stimme. »Ich dachte, ein wildes Tier wäre hinter mir her.«

Er ließ ihren Arm los. Sie trat dichter an ihn heran, er aber wich unwillkürlich einen Schritt zurück ? wie vor einer unbestimmten Gefahr.

»Suchen Sie hier Ihren Bruder, Miss Maynard?« fragte er schließlich.

»Wollen Sie sich über mich lustig machen?« gab sie zurück.

»Nein, schöne Mabel, ganz gewiß nicht, im Gegenteil, ich nehme Sie sehr ernst ? und nicht nur, weil Sie Waffen bei sich führen.«

Sie machte eine plötzliche Bewegung, der Mondschein fiel auf ihre Hand, die zart und feingliedrig wie die eines Kindes war.

»Ich bin froh, daß das Zündhütchen versagt hat«, meinte sie lächelnd.

»Das glaube ich Ihnen sogar«, erwiderte Devon, »denn sicher schätzen Sie es nicht, mit eigener Hand zu morden. Sie überlassen das lieber guten Freunden, denen Sie ihr Opfer ins Netz treiben, wie Sie es heute nachmittag mit mir getan haben.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Das wissen Sie doch genau so gut wie ich.«

»Keine Ahnung hab ich davon«, versicherte sie lebhaft.

»Sie wissen also nicht, daß ich jetzt tot wäre, wenn der alte Mann, den Sie bei Mrs. Purley gesehen haben, nicht bei mir gewesen wäre?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Was, glauben Sie denn, ist mir zugestoßen, als ich mich auf die Suche nach dem armen Will Maynard machte?« fragte er spöttisch.

»Ein Lasso hat Sie aus dem Sattel gerissen«, erwiderte sie ruhig.

»Nein ? die Herrschaften hielten Gewehrkugeln für wirksamer als ein Lasso.«

»Demnach hätte man mich belogen?« fragte sie, gähnte leicht hinter der vorgehaltenen Hand und fuhr dann fort: »Wie müssen Sie sich erschrocken haben, armer Kerl.«

»Ich denke, wir gehen jetzt«, entgegnete Devon.

»Wo wollen Sie hin?«

»Nach der Stadt zurück, denn ich nehme an, daß Sheriff Naxon Wert darauf legt, Sie in seinem Gefängnis zu wissen.«

»Das mag vielleicht sein«, erwiderte sie, »aber ich gehe nicht mit.«

»So?«

»Nein, ich bleibe hier und rühre mich nicht vom Fleck!«

Dabei warf sie trotzig den Kopf in den Nacken ? silbern floß das Mondlicht über ihr schönes Gesicht. Ihre Lippen kräuselten sich spöttisch und stießen einen langgezogenen Pfiff aus, der klang, als ob er aus weiter Ferne käme.

Devon glaubte, Augen und Ohren nicht trauen zu dürfen ? eine maßlose Wut packte ihn. Drohend trat er auf sie zu, doch sie lächelte ihn nur an.

»Es ist wohl besser, Sie gehen schleunigst fort«, sagte sie, »man kann jeden Augenblick hier sein.«

»Gewiß gehe ich«, entgegnete er entschlossen, »aber Sie kommen mit!«

Sie lachte.

»Leider kann ich Ihrer freundlichen Aufforderung nicht Folge leisten, verehrter Mr. Devon«, erwiderte sie, »und weit forttragen werden Sie mich auch nicht können, denn ich bin nicht so leicht, wie ich aussehe, müssen Sie wissen.«

Irgendwo in der Nähe knackte ein Zweig ? ihr Pfiff hatte offenbar die gewünschte Wirkung gehabt, und es wäre Wahnsinn gewesen, hier länger zu bleiben.

»Wir werden uns schon noch einmal wieder treffen!« sagte er.

»Gehen Sie, bitte, gehen Sie!« bat sie.

Als er zwischen den Bäumen verschwand, klatschte sie in die Hände, wie Kinder es vor Freude tun, und lachte hinter ihm her.

Obwohl Devon langsam ging, stolperte er über eine Baumwurzel und schlug hin. Mit einem halbunterdrückten Fluch erhob er sich. Als er nach der Lichtung zurückblickte, sah er, daß Mabel Maynard verschwunden war. Kurz darauf erklang der langgezogene Pfiff noch einmal.

Einen Augenblick überlegte er, ob er ihm nachgehen solle, doch dann sagte er sich, daß es sinnlos sein würde. Hier in dem dunklen Wald war er ja vollkommen hilflos, und selbst wenn er die Leute fand, die ihm nach dem Leben trachteten, hätte er allein gegen eine Übermacht doch nichts ausrichten können ? er konnte schon von Glück sagen, wenn er heil in die Stadt zurückkam.

Mit zusammengebissenen Zähnen ging er langsam weiter ? wütend über sich und wütend über das Weibsbild, das sich so fest auf seine Ritterlichkeit verlassen hatte. Nun, wenn er ihr wieder einmal begegnete, wußte er ja, wie er sie zu behandeln hatte ? nicht als Frau, sondern wie einen Mann, nötigenfalls sogar mit dem Revolver in der Hand.

Zwanzigstes Kapitel

Es war schon spät in der Nacht, als Devon die Stadt erreichte. Häuser und Straßen lagen in tiefem Dunkel, nur am oberen Ende, wo sich Burchards Spielpalast und die meisten Saloons befanden, durchschnitten breite, gelbliche Lichtbalken die Finsternis.

In Mrs. Purleys Kosthaus angekommen, durchschritt Devon rasch den fast leeren Schankraum, doch eine Stimme, die seinen Namen rief, hielt ihn zurück. Er wandte sich um: in einer Ecke saß, behaglich eine langstielige Pfeife rauchend, der alte Jim.

»Nanu ? was ist los?« fragte Devon, auf ihn zueilend.

»Ich wollte auch mal in die Stadt kommen«, erwiderte Jim.

»Ach, du hast dich wohl gelangweilt ohne Harry?«

»Mag sein«, gab der Alte zu, »die Ruhe war zwar wundervoll, seit er weg ist, aber ich hab mich an sein Geschwätz so gewöhnt, daß mir etwas fehlt, wenn ichs nicht höre.«

»Also irgend etwas Schlimmes hat sich nicht ereignet?«

Jim schüttelte den Kopf.

»Der einzige Grund, warum ich in die Stadt gekommen bin, ist, daß mein Maultier neu beschlagen werden muß ? auf dem steinigen Boden nutzen sich die Eisen schrecklich schnell ab, mußt du wissen.«

»Das glaub ich gern. Na, da will ich mal sehen, ob ich ein Zimmer für dich bekommen kann.«

»Es ist alles besetzt, Walt.«

»Dann wirst du in meinem Zimmer schlafen.«

»Ich hab keinen Schlaf nötig.«

»Warum nicht?«

»Ich hab heut nachmittag ein Nickerchen gemacht, das genügt mir.«

»Hast du denn einen Stall für dein Maultier gefunden?« erkundigte sich Walter.

»Das braucht keinen Stall.«

»Aber du kannst es doch nicht die ganze Nacht auf der Straße stehenlassen.«

»Das will ich auch nicht.«

»Na, also.«

»Es ist nämlich unterwegs gestorben.«

»Das ist allerdings Pech ? na, laß gut sein, Jim, ich kaufe dir ein neues Maultier, ein viel besseres noch!«

»Ein besseres gibts gar nicht, als mein alter Barney gewesen ist«, erwiderte Jim traurig.

»Wie alt war er denn?« fragte Devon.

»Gegen siebzehn Jahre ? er hätte noch viele Jahre leben können, aber da er nun einmal sterben mußte, bin ich froh, daß er einen so schönen, schnellen Tod gehabt hat.«

»Wohl Herzschlag?«

»So kann mans vielleicht nennen.«

»Kommt das bei Maultieren öfters vor?«

»In unserer Gegend hier ja ? die eigentliche Todesursache war nämlich eine Gewehrkugel.«

Devon sah ihn sprachlos an.

»Ein gutgezielter, sauberer Schuß wars, der meinen alten Barney umgelegt hat«, erklärte Jim weiter. »Er keuchte noch einmal, und da wußte ich Bescheid. Ich sprang aus dem Sattel, um nicht mit ihm zusammen den Abhang hinunter zu stürzen.«

»Mein Gott, wer hat denn das getan?«

»Die, die hinter dir her sind ? das ist doch klar, wenn ich sie auch nicht erkannt habe.«

»Solche gemeinen Schurken!« rief Devon empört. »Aber warum haben die Kerle dann dir aufgelauert?«

»Das hab ich nicht anders erwartet ? die beste Art, eine Kette zu sprengen, ist doch bekanntlich, bei dem schwächsten Glied anzufangen.«

»Dann ists ja ein Glück, daß die Hunde dich unterwegs überfallen haben, wo du die Möglichkeit hattest, die Felsen als Deckung zu benutzen, und nicht auf der Ranch, denn die Wände der alten Bude sind sicher nicht mehr kugeldicht«, sagte Devon eifrig. »Ich werde sie übrigens schleunigst ausbessern lassen.«

»Das wird sich wohl kaum lohnen«, meinte Jim.

»Doch, doch!«

»Nein, mein lieber Walt, es ist nichts mehr da, was man ausbessern könnte.«

»Ja, aber wieso denn?«

»Die Hütte ist abgebrannt.«

»Mein Gott ? wie ist denn das geschehen?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Jim, »ich kam gerade von der Weide zurück und dachte noch darüber nach, wo unsere Rinder alle geblieben sein könnten ?«

»Was ? auch das Vieh ist weg?« unterbrach ihn Devon.

»Jawohl ? restlos, das heißt, bis auf eine alte, rotbraune Kuh, die lahmt und darum wahrscheinlich den Abtrieb aufgehalten hätte.«

»Demnach ist also von unserer Ranch überhaupt nichts mehr da?«

»Das ist zuviel gesagt ? Grund und Boden sind schon noch da. Aber ich glaube, du tätest besser, dich jetzt ins Bett zu legen. So junge Menschen wie du brauchen viel Schlaf.«

»Daß du nicht einen von den Schurken erkennen konntest!« rief Devon außer sich.

»Sie trugen Masken vor den Gesichtern«, erwiderte Jim, »aber ihre Pferde hätten sie natürlich nicht maskiert, und die werd ich schon wiedererkennen, wenn ich sie irgendwo sehe.«

»Na, Gott sei Dank, dann besteht doch wenigstens die Hoffnung, daß wir die Kerle zur Rechenschaft ziehen können.«

»Mindestens aufgeknüpft müssen sie dafür werden, denn was sie an meinem armen Barney verbrochen haben, ist ein glatter Mord.«

Auf Devons Vorschlag begaben sie sich zusammen zu Harry, um ihm das Geschehene mitzuteilen und seine Ansicht darüber einzuholen.

Wie alle alten Leute, hatte auch Harry einen sehr leichten Schlaf und war sofort munter, als die beiden eintraten. Er richtete sich blinzelnd in den Kissen auf und hörte aufmerksam den Bericht seines alten Waffengefährten an, den dieser sehr ausführlich gestaltete, so daß auch Devon sich jetzt in allen Einzelheiten ein klares Bild von dem, was sich auf der Ranch zugetragen hatte, machen konnte.

»Ganz famos sieht die Sache aus«, sagte Harry begeistert, als Jim geendet.

»Na, erlaube mal, das kann ich gerade nicht finden«, entgegnete Jim einigermaßen erstaunt. »Was ist denn Famoses daran, daß man dem armen Walt das Haus niederbrennt und sein Vieh gestohlen hat?«

»Sieh mal, wenn du es nach deinem Belieben regnen lassen könntest ? könntest du es dann auch so einrichten, daß ein heftiger Guß nur nach einer Seite abfließt?«

»Allmächtiger Gott, jetzt ist er vollkommen übergeschnappt!« rief Jim. »Mensch, Harry ? was willst du damit sagen?«

»Das wirst du schon noch sehen«, erwiderte Harry mit überlegener Miene. »Tatsache ist jedoch, daß der, der hinter uns her ist, bisher in keiner Weise in seinem Vorhaben vorwärtsgekommen ist: er hat Walt nicht auskaufen können, sein kleiner Mordanschlag ist nicht geglückt, und es ist ihm auch nicht gelungen, ihn mit Hilfe eines verdammt hübschen Mädchens in die Hölle zu befördern. Es ist doch ganz klar, daß diese Fehlschläge den Mann nervös gemacht haben, und darum hat er, um unbedingt zum Ziel zu gelangen, eine Bande von Verbrechern gedungen, die zunächst einmal die Ranch von der Bildfläche verschwinden ließen. Dabei hat er aber zwei erhebliche Fehler gemacht: erstens, daß er die Kühe hat wegtreiben lassen, die er natürlich, nachdem er die Brandzeichen geändert oder unkenntlich gemacht hat, hier in West-London verkaufen wird ? schon weil Rindfleisch hier so hoch im Preis steht, wird er sich das Geld dafür nicht entgehen lassen. Ihr begreift, worin der Fehler liegt?«

»Allerdings«, erwiderte Devon, »aber wir können doch nicht die Fleischerläden nach den Fellen durchsuchen, ganz abgesehen davon, daß man sie nicht erkennen wird.«

»Wieso denn nicht?« fragte Harry höchst erstaunt. »Selbstverständlich erkennen wir sie, denn Jim und ich kennen die Muster dieser Felle so genau wie die Züge unserer eigenen Gesichter ? und wenn wir erst die Kühe wiedergefunden haben, ists eine Kleinigkeit, die Krankheit festzustellen, an der sie sterben mußten.«

Er lachte dabei in sich hinein und fragte dann plötzlich:

»Haben sie denn auch den mostrichfarbenen Ochsen mitgenommen, Jim?«

»Gewiß haben sie das.«

»Dann müssen es Mexikaner gewesen sein«, erwiderte Harry überzeugt, »den ein Amerikaner hätte es nicht fertiggebracht, den alten Knaben zum Laufen zu bewegen. Aber daß sie die Kühe gestohlen haben, ist nicht der einzige Fehler, den die Burschen gemacht haben. Der Kerl, der hinter Walts Ranch her ist, hat schon soviel Unruhe und Unheil geschaffen, das kann sich, wie ich vorhin vom Regen sagte, der nicht nach einer Seite abfließt, nicht nur nach der einen Richtung hin auswirken ? gebt mal acht, wie bald hier in West-London und Umgegend der Teufel los sein wird. Ihr könnt euch darauf verlassen, daß alle Spuren in einem Punkt zusammenlaufen! So, und nun macht, daß ihr ins Bett kommt, denn wir haben morgen sicher einen schweren Tag vor uns.«


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren