Aus meiner Vogelstube.

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1.

Sobald der Nordostwind über die Haserstoppeln saust und alles Leben in der freien Natur zum Scheiden und Ersterben sich rüstet ?, dann bereitet sich in meinem kleinen Vogelparadiese, welches Bewohner aller Zonen birgt, ein neuer Frühling vor, eine neue Zeit der Liebe und Wonne. Alle diese fremdländischen Vögel halten nämlich auch bei uns an den Jahreszeiten ihrer Heimathsländer treu fest und nisten daher nur in unserm Winter, im Allgemeinen etwa in dein Zeitraum vom September bis gegen den Mai hin.

Darum wird in der Vogelstube alljährlich im Spätsommer eine gründliche Reinigung und zugleich neue Einrichtung von Nistgelegenheiten, namentlich aber auch eine Erneuerung des frischen Grüns, das heißt ausdauernder Topfgewächse, vorgenommen. Und diese große, mehrere Tage in Anspruch nehmende Umwälzung, bei der die Vögel entweder sämmtlich eingefangen oder in ein anderes Zimmer gejagt werden, muß zugleich den vielen Wanderlustigen unter dem beweglichen Völkchen den Zug mindestens annähernd ersetzen. In jeder andern Hinsicht aber bemühe ich mich, so viel als es im beschränkten Raume nur irgend möglich ist, naturgemäße Verhältnisse herzustellen. Dieser ersten Regel danke ich auch zweifellos meine bisherigen Erfolge in der Zucht dieser Vögel.

Mit Einschluß der schon selbstgezüchteten Jungen ist meine befiederte Gesellschaft bereits bis auf einige neunzig Köpfe angewachsen. Unter ihnen sind einerseits Bewohner aller Welttheile vertreten und andererseits besitze ich mindestens je ein Paar sämmtlicher bei den Vogelhändlern von Berlin, Hamburg, Antwerpen und Paris gangbaren Finkenarten, namentlich der durchgängig allerliebsten Prachtfinken oder Amadinen, und sodann eine Anzahl der kleinsten Papageien. Von deutschen Vögeln habe ich nur zwei sehr schöne Bartmeisen.

Wenn wir Hineintreten, schwirrt alles kleine Volk scheu auseinander und flüchtet schleunigst in die Dickichte oder andere Verstecke. Denn zur durchaus naturgemäßen Behandlung gehört auch der Ausschluß jeder Zähmung, mit alleiniger Ausnahme der ganz freiwilligen Annäherung. Letztere ist denn auch bei manchen bereits in hohem Grade vorhanden, jedoch nur gegen mich selbst und meine Frau; sie zeigt sich aber niemals in Gegenwart Fremder. Dennoch, sobald wir auf dem zur Beobachtung bequem eingerichteten Sopha Platz genommen und uns durchaus regungslos verhalten (gesprochen darf werden), entfaltet sich bald ein gar buntes, lustiges Leben rings um uns her.

Die Dreistesten oder Zutraulichsten umschwirren uns in größter Nähe. Goldbrüstchen (vom Senegal), ein zierliches, goldgelbes Vögelchen, mit seitwärts reizend gebändertem Gefieder, hat eine große Feder gefunden und sucht den Schaft derselben weichzuknabbern. Das kann aber der Amaranth (wissenschaftlich Carmin-Astrild, aus Senegambien), ein ganz dunkelrother, in den Sonnenstrahlen förmlich erfunkelnder Vogel, nicht leiden, denn er braucht die Feder zum Auspolstern seines Nestes ja ebenfalls. So beginnt nun ein gar hitziger, im Grunde jedoch sehr harmloser Kampf, an dem sich auch ein wunderniedlicher, blutrother und weißgepunkteter Tigerfink (aus Ostindien), von den Händlern ?Kleiner Senegali? genannt, ferner ein zartgrauer, rosenroth überhauchter Astrild (aus Abessinien, Kordofan, Guinea etc.) und das noch viel schönere, ebenfalls graue, jedoch dunkelroth überhauchte und zierlich dunkelgewellte Fasänchen (aus Süd- und Mittelafrika) betheiligen. Nicht lange aber, denn der Streit wird schnell entschieden, indem Elsterchen (aus Westafrika) mit schwarzem, metallgrünglänzendem Kopf, reinweißer Brust und dunkelm Oberkörper, welches kaum größer, jedoch das keckste und muthigste von allen ist, herbeistürzt und mit Hülfe einiger nach allen Seiten ausgetheilten Schnabelhiebe sich des Zankapfels bemächtigt. Doch Elsterchen kann die Feder nicht brauchen; es baut nur aus Halmen und Fäden sein Nest und wirft daher die nur zum Zeitvertreib aufgegriffene bald wieder fort. Sowie sie aber kreiselnd hinabfällt, geht die Jagd der genannten kleinen Helden in eifrigster Weise wieder an und wird meistens erst dadurch entschieden, daß einer der gewandtesten, das schön hellaschgraue Orangebäckchen (vom Senegal), mit hübschen gelben Wangen, oder der graue Schönbürzel (bei den Händlern Gris-bleu, aus Westafrika), mit duftig, gleichsam bereift blaugrauem Gefieder und dnukelblutrothem Schwanze, oder der außerordentlich zarte Schmetterlingsfink (bei den Händlern Cordon-bleu oder ?Benguelift?, ebenfalls aus Westafrika), welcher an der Unterseite glänzend lichtblau, oberhalb bräunlichgrau ist und lebhaft rothe Bäckchen hat, die Feder hurtig auffängt und damit in?s Nest schlüpft.

Die bis hierher genannten Vögel, welche kaum über die Größe unseres deutschen Zaunkönigs hinausgehen, haben mit Ausnahme des Elsterchens sämmtlich schönrothe Schnäbel und der des Fasänchens ist sogar wundervoll glänzen) korallenroth. Einige von ihnen: Goldbrüstchen, Astrild und Fasänchen haben auch hübsch rothe Augenbrauen, das heißt einen rothen Strich vom Schnabel über dem Auge bis zum Ohr. Sie alle gehören zu den von Brehm so treffend benannten Prachtfinken, deren Zucht und Lebensbeobachtung ich mir vorzugsweise zur Aufgabe gemacht habe und für die ich auch die Theilnahme der Leser erwecken und möglichst in Anspruch nehmen möchte. Bevor ich jedoch in näheren Mittheilungen über sie mich ergehe, müssen wir uns noch weiter in der Vogelstube umsehen.

Auf dem Futterplatze tummelt sich eine andere Gesellschaft.

Ein Stahlfink, seines herrlich blauschwarzen Gefieders mit weißem Schnäbelchen und rosenrothen Füßen wegen, von den Händlern ?Atlasvogel? genannt (aus Abessinien, Nubien oder vom Senegal), sucht mit sonderbarem Geschrei die andern zu verscheuchen. Ihm hält jedoch ein Silberfasänchen (aus Nubien, Sennaar, Sudan oder Kordofan), mit schlicht weißlich-grauem, sein gewelltem Gefieder, tapfer Stand. Ringsherum hüpfen ziemlich friedlich untereinander die Weibchen der schon genannten, ferner ein Paar noch andere Silberfasänchen (aus Indien und Bengalen), dem vorigen sehr ähnlich, nur ein wenig dunkler; dann ein Paar Muskatvögel (aus Ostindien, besonders von Java), welche oberhalb dunkelbraun und unterhalb weiß, überall sehr hübsch braun gepunktet sind; auch bräunlich-graue Bandvögel (aus Kordofan und Dongola), von denen das Männchen einen breiten, sammetrothen Streifen um die Kehle und eine rothbraune Rebhuhnszeichnung auf der Brust trägt.

Plötzlich prallt die ganze Gesellschaft auseinander, denn ein Tropfenfink (bei den Händlern ?Diamantvogel?, aus Südaustralien), welcher größer als alle andern, mit Ausnahme des Bandvogels, ist, kommt herbei. Dieser ?Diamant? ist hinsichtlich des bunten und zugleich geschmackvollen Gefieders wirklich ein selten schöner Vogel; oberseits aschgrau, Kehle, Brust und Bauch reinweiß, an der Brust und dem Bauchrande tief sammetschwarz, mit mehreren Reihen weißer, knopfähnlicher Punkte an beiden Seiten unterhalb der Flügel, mit prachtvoll scharlachrothem Bürzel, dunkelrothem Schnabel und Rändern um die Augen. Fast noch farbenprächtiger ist sein Landsmann, der braunwandige Bänderschwanzfink (bei den Händlern ?Zebradiamant?, aus dem Innern Australiens), mit oberhalb braungrauem, unterhalb hellerem, sehr bunt und geschmackvoll gewelltem oder seingebändertem Gefieder, an dem namentlich die lebhaft kastanienbraunen Backen angenehm in?s Auge fallen.

Eine wahrhaft bewundernswerthe Erscheinung gewähren aber jene sonderbaren Vögel, etwa von der Größe des deutschen Edelfinken, deren Schweif ihre eigene Länge wohl um das Doppelte und Dreifache übertrifft und im Fluge gar malerisch durch die Luft wallt, während er beim Sitzen oder Gehen ebenfalls sehr zierlich getragen wird. Dies sind die sogenannten Wittwen, ganz besondere Mitglieder der zahlreichen Finkenfamilie. In meiner Vogelstube giebt es ihrer zwei: die Paradieswittwe (aus Angola), welche in Frankreich, ihres ansprechend rothgelben Halses und Nackens wegen, ?Wittwe mit dem goldenen Halsband? genannt wird, und die etwas kleinere, lieblich weißbunte und sehr lebhafte Dominicanerwittwe (aus Südafrika), mit hübsch rothem Schnäbelchen.

Diese Wittwen, der vorhin genannte Stahlfink, eine Anzahl sehr farbenreicher Weber und noch einige andere haben eine ganz eigenthümliche, sehr auffallende Eigenschaft. Sie erscheinen nämlich den größten Theil des Jahres hindurch, zwischen sieben bis neun Monaten, in schlichtgrauem, meistens sehr unansehnlichem Gefieder und nur zur Zeit ihrer Liebe verfärben sich die Federn, jedoch ohne auszufallen, allmählich zu glänzendster Farbenpracht. Der Stahlfink wird schwarz, die Weber werden feuerfarben und schwarz, ?Orangevögel?, richtiger Feuerfinken (aus Nubien, Abessinien und vom Senegal); oder prächtig gelb und schwarz, ?Napoleonsvögel?, richtig ebenfalls Feuerfinken (aus Südnubien), und die Wittwen erhalten, außer dem bunten Gefieder, auch jetzt erst die langen Schwänze, während diese bis daher nur denen aller übrigen Vögel gleichen.

Als die Perle meiner Vogelgesellschaft betrachte ich jedoch einen ganz einfach lichtgrauen Finken, der oberhalb dunkler, unten heller, fast weißlich ist, mit ganz weißem Bürzel, und der sich zunächst nur durch seine Haltung und sein edles Wesen kenntlich macht. Doch nicht lange, da beginnt er seinen herrlichen Gesang, der schmetternd, aber keineswegs gellend, nach Brehm?s Urtheil zwischen dem der Haidelerche und des Canarienvogels in der Mitte steht. Der Vogel, Fringilla leucopygos, aus dem Innern Afrikas, heißt in Paris, von wo ich mir das erste Pärchen mitbrachte, ?Chanteur d´Afrique? und hat bis jetzt noch keinen deutschen Namen. Daher darf ich es mir wohl herausnehmen, ihn hiermit ?grauer Edelfink? zu taufen, indem ich ihn zugleich als einen sehr liebenswürdigen und leicht zu züchtenden Vogel den Lesern angelegentlichst empfehle.

Auch ein anderer, erst seit Kurzem häufig nach Deutschland gekommener Fink, Euethia cauora aus Cuba, wird im Handel bis jetzt nur französisch ?Chanteur de Cuba? genannt. Da er ein liebliches, olivengrünes Vögelchen, mit sehr breitem, lebhaft gelbem Halsband und von sehr anmuthigem Benehmen ist, so möchte ich ihn unter dem Namen ?Shakespeare-Kragen? ebenfalls empfehlend einführen.

Eine große Anzahl noch anderer, mit denen ich im Laufe der Zeit gewechselt und zu denen wir gelegentlich noch ebenfalls gelangen, machen den Beschluß meiner finkenartigen Vögel. Der Besucher ist unterdessen aber bereits davon belehrt, daß es hier auch noch andere Bewohner giebt. Auf der Tanne vor uns wiegt sich eine ganze Familie der allerliebsten kleinen Sperlingspapageien aus Brasilien, von denen die Weibchen ganz einfach schön grün, die Männchen ebenso gefärbt sind, aber wundervoll blaue Unterflügel haben. Ich halle diese Zwergpapageien für die lieblichsten fast aller Stubenvögel. Gegen die Zärtlichkeit der Gatten untereinander oder der Eltern zu den Kindern ist die sprüchwörtliche der Turteltauben gar nichts; damit vereinigt sich ein außerordentlich intelligentes und geistig begabtes Wesen und noch viele andere ruhmenswerthe Eigenschaften. Um so mehr erfreut bin ich deshalb darüber, daß ich die Gelegenheit fand, diese lieben Vögel in ihrem Familienleben genau zu beobachten, indem sie ? zweifellos in Europa zum ersten Male ? in meiner Vogelstube bereits drei Bruten erzogen haben und die zuerst flügge gewordenen Jungen ebenfalls schon nisten.

Auch noch andere Zwergpapageien, sowie Wellensittiche, Korellas und andere sind in meiner Gesellschaft, jedoch getrennt in einzelnen Käfigen, zu finden. Da ich aber mit ihnen allen bisher noch keine Erfolge gehabt, so übergehe ich sie vorläufig.

Es ist meine Absicht, in diesen Mittheilungen aus meiner Vogelstube den Lesern zugleich thatsächlichen und möglichst reichen Nutzen zu bringen. Um das aber befriedigend zu ermöglichen, muß ich anf die Absichten und Gesichtspunkte, die bei der Einrichtung maßgebend waren, kurz eingehen.

Alle einsichtigen Natur- und Menschenfreunde stimmen darin überein, daß der Fang und bezüglich das Gefangenhalten unserer einheimischen Singvögel ein Ende nehmen müssen, wenn nicht das Aussterben der meisten Arten unvermeidlich und damit zugleich der Ertrag der Felder, Gärten und Wälder, durch immer mehr überhand nehmende Insectenplagen, auf das Ernstlichste gefährdet werden soll. Längst schon ist auf diese die Menschenwohlfahrt bedrohende Wahrheit von Männern wie Roßmäßler, beide Brehm[WS 1], Karl Vogt und Andere mit immer größeren: Nachdruck hingewiesen worden. Dies ?Schutz den Vögeln!? habe auch ich seit einer Reihe von Jahren als einen ernsten Theil meiner Lebensaufgabe erachtet, indem ich in zahlreichen Zeitschriften und in meinen Büchern unablässig nicht allein daran gemahnt, sondern die Leser auch über die Wichtigkeit und Uuentbehrlichkeit der Singvögel aufzuklären gesucht habe.

Im Gegensatz zu diesen: Streben stehen nun aber meine eigene und die Vogelliebhaberei vieler anderer Leute. Immerhin wird man zugeben müssen, daß eine Liebhaberei, die in edlen Motiven ? entweder in der Sehnsucht nach einem lebendigen Wesen in der Nähe oder in der Freude und dem Genuß, welche der Vogelfang bietet, oder auch in der Beobachtung und dem Studium des Vogellebens ? fußt, doch zweifellos billige Berücksichtigung, ja, noch viel mehr, eine volle Berechtigung beanspruchen darf. Hier würden also die Rücksichten auf das Allgemeinwohl mit denen einzelner Interessen in gar argen Widerspruch gerathen, wenn nicht zufällige Verhältnisse einen guten Ausweg bieten könnten. Und diese möglichst auszunützen, ist der erste Zweck meiner Vogelstube.

Seit vielen Jahren werden nämlich aus Ost- und Westinien, namentlich aber aus Afrika und neuerdings auch aus Australien und Nordamerika zahlreiche Schiffsladungen von allerlei Schmuck- und Ziervögeln auf die europäischen Märkte gebracht, wo sie, trotz der noch recht hohen Preise ? welche von zwei, drei, vier bis zehn, zwölf und fünfundzwanzig Thaler für das Pärchen nur der kleineren Arten wechseln ? doch stets willige Käufer finden. In diesen Vögeln vermögen wir vollen Ersatz für die einheimischen zu finden. Denn nicht allein hohe Farbenpracht und anmuthiges Benehmen, sondern auch den herrlichsten Gesang bieten sie uns. Es ist ein arges Vorurtheil, daß nur deutsche Vögel schön singen; wir werden in den weiteren Schilderungen exotischer Vögel noch manchen wundervollen Sänger kennen lernen.

Diese fremden Vögel, d. h. vorzugsweise die Prachtfinken und kleinsten Papageiarten, in jahrelang unausgesetzt fortlaufenden Versuchen zu züchten, sie als Stubenvögel in der Weise des Canarienvogels und besonders zum vollen Ersatz für die einheimischen Singvögel ? zu acclimatisiren und, wenn irgend möglich, zu verallgemeinern, das war die Veranlassung, welche mich die Vogelstube begründen ließ. Auf dem Wege, den ich, freilich mit außergewöhnlichen, trotz aller Vorsicht keineswegs erwarteten Schwierigkeiten, eingeschlagen, hoffe ich nun Folgendes zu erringen: Zunächst eine genaue Beobachtung der Lebensweise aller dieser Vögel, die zum großen Theile im Freileben bis jetzt noch wenig oder gar nicht beobachtet worden sind. Wenn auch die Gefangenschaft in dieser Hinsicht immerhin Hindernisse birgt, so ist die Freiheit in der Vogelstube doch mindestens eine annähernd entsprechende ? namentlich in Anbetracht der langen, martervollen Gefangenschaft, welche alle diese Thierchen durchmachen mußten. Ich hoffe recht beachtenswerthe Ergebnisse zu erlangen ? und habe sie bereits erlangt?, deren reinwissenschaftlichen Theil ich in Cabanis? ?Journal für Ornithologie? zu veröffentlichen gedenke. Sodann werde ich, nach eigenen und auch fremden Erfahrungen, zuverlässig ermitteln, welche dieser Vogelarten sich in der Stube ohne große Schwierigkeiten fortpflanzen und damit also immer billiger anschaffen und auch für minder wohlhabende Leute verallgemeinern lassen. Diesen werde ich schließlich meine ganze Sorgfalt zuwenden, um sie durch populäre Lebensbilder Jedermann bekannt, beliebt und geschätzt zu machen. Vielleicht ist dadurch ? selbstverständlich erst im Laufe der Zeit und auch nicht durch die Versuche des Einzelnen, sondern durch die zahlreich erweckte und recht allgemein und eifrig betriebene Zucht vieler Liebhaber ? es zu ermöglichen, daß einerseits die einheimischen Singvögel als Stubengenossen wirklich entbehrlich gemacht werden können und daß andererseits zugleich der Einfuhr der fremden, dem massenhaften Hinmorden und der damit ebenfalls drohenden Ausrottung in ihren Heimathsländern endlich ebenfalls ein Ziel gesetzt werde. Zn dem nächsten Abschnitte theile ich meine bisherigen Erfahrungen und Erfolge mit.

Anmerkungen Wikisource
  1. ? Gemeint sind Christian Ludwig Brehm und Alfred Brehm

2.

?Beobachtung bildet überall; jedoch nur Der versteht und genießt die Natur recht, der in und mit ihr lebt.? Dieser Ausspruch einer geistreichen Frau kam zur vollsten Geltung nicht allein bei der Einrichtung meiner Vogelstube, sondern auch bei der Verpflegung und ganzen Behandlung meiner Vögel. Denn wollte ich einerseits in der Zucht befriedigende Ergebnisse haben, wollte ich andererseits die Lebensweise aller dieser Vögel ersprießlich beobachten, so mußte ich, wie bereits angedeutet, die Verhältnisse, welche die Natur, wohlverstanden aber die tropische Natur ihrer Heimathsländer, ihnen bietet, möglichst treu nachzuahmen suchen.

Zugleich mußte ich, außer der erwähnten freiwilligen Zähmung, die Vögel von vornherein so gewöhnen, daß mein häufiges und anhaltendes Verweilen in ihrer Nähe sie keinenfalls störte. Nach dieser kurzen Bemerkung sehen wir uns nun weiter in der Vogelstube um.

Ein immerfort frisch sprudelndes Gewässer feuchtet die Luft und verbreitet Kühle in der tropischen Temperatur, welche durchaus regelmäßig zwischen sechszehn bis zwanzig Grad Reaumur erhalten wird. Zahlreiche, sehr häufig frisch gefüllte und stets äußerst sauber gehaltene Trinkgeschirre, sowie mehrere geräumige und flache Badenäpfe schließen die Möglichkeit aus, daß auch die kleinsten und schwächsten der Gesellschaft nicht stets vollste Befriedigung fänden.

Nicht minder reichlich ist dies sowohl in Hinsicht der Anzahl der Futtergefäße, als auch des mannigfalligen Futters der Fall. Ein Gemisch aus zwei Theilen Hirse, einem halben Theil Canariensamen und je ein sechszehntel Theil Hanf, Rübsen, Mohn, Buchweizgrütze und geriebener Semmel wird trocken gegeben und zugleich allabendlich in ausreichender Menge eingeweicht, zum Quellfutter, welches für die Aufzucht der Jungen durchaus nothwendig ist. Angequellte Ameiseneier im Winter, frische im Sommer, eingeweichte Semmel, namentlich aber zu jeder Jahreszeit frisches Grünfutter (Vogelmiere, Salat oder Grünkohl), ferner stets frischer, trockener und sehr reiner Stubensand, sodann Kalk, am besten Sepia oder frische Hühnereierschalen, auch einige Talgstücke ? das sind die Gesammtbedürfnisse, an denen es niemals fehlen darf.

In der einen Ecke des Zimmers, unweit des größten allgemeinen Futterplatzes, steht eine mächtige Tanne, von deren Zweigen dichte Epheuranken malerisch herabhängen, und das ganze, der vollen Mittagssonne ausgesetzte Fenster ist mit verschiedenen, sehr häufig erneuerten Blattgewächsen angefüllt. Denn dieser möglichst reichliche Pflanzenwuchs ist ja zur Luftverbesserung, bezüglich zur Erhaltung der Gesundheit der Vögel nothwendig. Für diesen letztern Zweck ist zugleich die regelmäßige Lüstung mit Hülfe eines Gazefensters ermöglicht, und ein ausgebuchtetes Drahtfenster dient dazu, daß die Vögel bei warmem Wetter sich beregnen lassen können.

?Nicht blos in reichlichster Anzahl, sondern auch in größter Mannigfaltigkeit sind sodann die Nistgelegenheiten vorgerichtet. Sie bestehen in dichten Gebüschen verschiedener Art, in Nesthöhlungen und Nestkästen der mannigfachsten Einrichtung und Größe, namentlich aber in vielen und vorn Fußboden bis zur Decke der recht hohen Stube hinauf in allen möglichen Variationen angebrachten und meistens mit Nestkörben versehenen Harzerbauerchen Als Nestmaterial werden alle diejenigen Stoffe ausgestreut, welche finkenartige Vögel zu lieben Pflegen; doch haben einige ganz absonderliche Neigungen, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Lange und weiche Heufäden, Pferde- und außerdem Kuhhaare, weiche Federn, zarte Würzelchen, Grasbüschel, kurz zerschnittene Baumwollenfäden, Charpie, kleine Wattenflöckchen ? das sind die passendsten Dinge zum Nestbau. Sehr beliebt und gesucht sind die dünnen Aestchen der Spargelsträucher, welche namentlich Astrilds und Fasänchen in großem Eifer selbst abpflücken, um daraus sehr niedliche Nester aufzubauen, und als ich kürzlich von Leipzig eine Kiste mit Büchern erhielt, die geleert vorläufig in die Vogelstube gestellt wurde, fiel die ganze Gesellschaft darüber her, um mit den dünnen und weichen Papierstreifen, welche zur Verpackung der Bücher gedient, ihre Nester zu überwölben oder auszupolstern.

Im Uebrigen habe ich bei der Einrichtung der Vogelstube es als die Hauptsache betrachtet, die Grundbedingungen des Wohlgedeihens aller hochorganisirten Thiere: Licht, frische, reine Luft, Wärme und Reinlichkeit, niemals außer Acht zu lassen.

Alle diese fremdländischen Vögel müssen bekanntlich eine entsetzlich trübselige, lange Seereise überstehen, auf der von Tausenden kaum ebenso viele Hunderte am Leben bleiben; Dank ihrer schmiegsamen und elastischen Natur erholen sie sich aber sehr schnell. Ich hatte mit Herrn W. Mieth, dem Besitzer der größten Vogelhandlung in Berlin, ein Abkommen getroffen, nach welchem ich zu ermäßigten Preisen stets die ?schlechtesten? der Ankömmlinge erhielt. Fast völlig federlos, über und über beschmutzt, lahm oder sonst krank, mit hängenden Flügeln, kurz und gut, größtentheils in fast hoffnungslosem Zustande gelangten sie in die Vogelstube; ohne Besinnen haben sie sich dann kopfüber in den Badenapf gestürzt, in erstaunlich kurzer Zeit haben sie sich herausgemustert, ein neues Gefieder bekommen, sich prächtig verfärbt und in wenigen Monaten, ja zuweilen in wenigen Wochen, zu nisten begonnen. Nur sehr wenige sind nachträglich den Reisebeschwerden erlegen.

Erst allmählich entwickelte und ordnete sich gleichsam aus dem Chaos der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft ein regelmäßiges und charakteristisches Leben. Die ersten Prachtfinken, welche ich erbielt, waren je ein Pärchen Goldbrüstchen, Amaranthvögel, Tigerfinken, graue Astrilds, Gelbbäckchen, Silberfasänchen und Elsterchen. Sie hatten im Käfige sich aneinander gewöhnt und lebten sehr verträglich. Doch hier war es ganz anders, hier wollte nun Jedes die günstigste Nistgelegenheit, das beste Baumaterial etc. haben, und es begannen erbitterte Kämpfe. Auch die Sperlingspapageien eröffneten eine Fehde gegen die Wellensittiche, indem sie diese hartnäckig aus allen Bruthöhlungen jagten. Am übelstem in der Gesellschaft zeigten sich aber die Bandfinken, indem sie alle anderen nicht etwa bissen und verfolgten, sondern nur immer aus ihren Nestern verdrängten. Da mußte zunächst geschlichtet werden: die Wellensittiche und Bandfinken wurden je abgesondert in passende Käfige gesetzt und für die anderen wurden noch möglichst viele neue Nistgelegenheiten angebracht oder die alten günstiger aufgehängt.

Nicht lange - bereits mit dem Beginn des September - begannen die Elsterchen, Silberfasänchen und Bandfinken zu nisten. Diese drei sind unter allen diejenigen, welche am allerleichtesten zur Brut zu bringen sind; demnächst folgen in dieser Hinsicht die Goldbrüstchen, Amaranthvögel und Tigerfinken. Alle diese Astrilden, Kappenfinken, Streifenfinken etc., welche zusammen zu der großen Gemeinschaft der Webefinken gehören, bauen ziemlich gleichgestaltete, oben überwölbte, kugelförmige Nester, mit seitlichem Flugloch. Meine Freude war sehr groß, als in den beiden ersteren Nestern je vier, im letzteren gar fünf Eier sich befanden, allein sie sollte bitter vergällt werden, denn die ersteren Eier verschwanden auf räthselhafte Weise, und als die Bandfinken wirklich Junge hatten, wurden diese lebend aus dem Nest geworfen und kamen, trotz mehrmaligen Zurückbringens, elend um.

Da hieß es nun, die Augen offen zu haben, um die Ursachen dieser Uuglücksfälle zu ergründen. Das widernatürliche Beginnen der Bandfinken wiederholte sich leider noch dreimal; ich wechselte das Weibchen, bot ihnen allerlei andere Nahrung, gehacktes Ei etc., doch Alles vergeblich, bis ich endlich das Männchen als den Thäter entdeckte und nun sofort gegen ein anderes vertauschte. Während dessen waren auch die Bruten der Goldbrüstchen und Amaranths zu Grunde gegangen. Endlich bemerkte ich, daß das Weibchen des Blutschnabelweber oder Dioch ganz heimlich und geräuschlos von Nest zu Nest schlüpfte und die Eier ausfraß. Obwohl ich, im Widerspruch mit den meisten anderen Beobachtern, selbst die Diochs durchaus friedlich in der Vogelgesellschaft gefunden hatte, so wurden jetzt doch sofort alle drei Weberfamilien, Diochs, ?Orange?- und ?Napoleonsvögel? vorläufig abgeschafft.

In aller Stille hatten inzwischen, in der Mitte des Octobers, die Sperlingspapageien zu nisten begonnen; auch die Elsterchen, Silberfasänchen, Goldbrüstchen und Amaranths brüteten wieder anf?s Neue. Anfangs November flog wirklich die erste Brut der Elsterchen von vier Jungen glücklich aus; nebenbei sei bemerkt, daß diese ungemein leicht zu züchtenden Finken von vielen Vogelfreunden bereits oft und in großer Anzahl und sogar in ziemlich kleinen Käfigen mit Glück großgezogen worden sind. Aus den beiden anderen Bruten wurde nichts; bei der Untersuchung der Nester zeigten sich verdorbene Eier oder ganz kleine todte Junge, in denen der Silberfasänchen sogar acht Eier. Noch zwei Mal wiederholte sich dies, bis anhaltende Beobachtungen mich zu Erfahrungen undendlich immermehr zum Ziele führten.

Die Silberfasänchen waren zwei Weibchen, ein Uebelstand, der um so leichter eintreten kann, da bei vielen dieser Vögel, z. B. bei den malabarischen Silberfasänchen, welche fast gar nicht singen, die Geschlechter nur schwierig von einander zu unterscheiden sind. Den Amaranthvögeln fehlte, da draußen bereits fußhoch Schnee gefallen war, das für die Jungen nothwendige Grünfutter; nachdem ich mir dennoch Vogelmiere beschafft hatte, zogen sie die erste Brüt von vier Jungen, mit der zweiten der Elsterchen zugleich, glücklich auf. Man bedenke nun aber, was dies besagen will, welche fast wunderbare Erscheinung uns darin entgegentritt - da in dieser Zeit, zu Ende des December, das Weibchen von des Abends halb fünf Uhr bis des Morgens um halb neun Uhr, also volle sechszehn Stunden, auf dem Neste sitzen und die Jungen aus dem Kropfe füttern muß, ohne Nahrung zu sich nehmen zu können!

Jetzt zeigten sich auch die ersten Jungen der Sperlingspapageien. Wer beschreibt unsern Schmerz, als das erste derselben von der Nisthöhle aus sofort mit dem Kopfe gegen das Fenster flog und sich tödtete! Es ist ausgestopft, zum Andenken an unsere erste Papageienzucht; das Fenster ist seitdem aber mit einem starken Netz überzogen. Doch wir wurden getröstet, denn noch zwei andere Junge, und glücklicher Weise ein Pärchen, kamen znm Vorschein.

Sonderbare und leider nicht erfreuliche Erfahrungen machte ich mit den Goldbrüstchen. Diese unendlich zierlichen Vögelchen nisteten fast am frühesten von allen ? ohne jedoch jemals wirklich eine Brut glücklich zu erziehen. Um ein sicheres Urtheil zu gewinnen, schaffte ich drei Paare an, und nach einigen hitzigen Kämpfen beruhigten sie sich und haben alle drei fast fünf Monate hindurch ununterbrochen genistet. Ich besitze von ihnen zahlreiche Eier und Junge, letztere in Spiritus, vom Ausschlüpfen aus dem Ei bis zur vollen Befiederung in allen Stadien. Dennoch gab ich die Versuche nicht auf; und nachdem ich ihnen alle nur möglichen Futterarten, außer feingehacktem Hühnerei noch verschiedene Gemische, geriebene Möhren, frischen Käse etc. vergeblich geboten, erhielt ich zufällig ganz kleine frische Ameiseneier - und seitdem haben meine ersten Goldbrüstchen, die sieben Mal (!) vergeblich genistet, eine Brut von fünf Jungen zu Ausfliegen gebracht.

Die erste Brut fast aller dieser Vögel geht regelmäßig zu Grunde; so auch die der Tigerfinken, Astrilds, Fasänchen etc., und ich besitze daher schon eine Sammlung von Eiern exotischer Finken, wie sie wohl kaum eine andere Privatperson aufzuweisen hat. Seitdem ich indeß mit den kleinen frischen Ameiseneiern und dabei mit stets frischer, weicher Vogelmiere füttere, haben ein Paar der so sehr zarten Schmetterlingsfinken sogar ihre ersten Jungen glücklich erzogen, ferner sind seitdem ebenfalls Bruten groß geworden von den Bandvögeln, von zwei Paar Tigerfinken und einem Paar Astrilds, und die der Helenafasänchen und der Orangebäckchen sind soeben dem Flüggewerden nahe. -

Außerordentlich interessante Beobachtungen gewähren die so sehr verschiedenen Gewohnheiten dieser lieblichen Vögel; die Neigungen und Feindschaften der einzelnen Arten gegen einander, die unendlich innige Zärtlichkeit eines Gatten gegen den andern, ihre Liebesspiele, der trotz mancher Uebereinstimmung doch sehr verschiedenartige Nestbau, wie die verschiedene, jedoch bei jeder Art stets gleiche Wahl des Nistorts und Baumaterials, ferner die hitzigen, aber stets unschädlichen Kämpfe der Männchen, das Erziehen der Jungen, die Verfärbung des Gefieders und vieles Andere. Knrz, es bietet sich hier dem Thier- und Naturfreunde eine ganz neue Welt, voller Erscheinungen, die zu den anmuthigsten und anregendsten gehören, welche uns das Thierleben gewähren kanu.

Ein Pärchen der grauen Edelfinken (der berühmte Reisende Heuglin theilt in Cabanis? ?Journal für Ornithologie? mit, daß er sie in Sennaar, namentlich um Qualabat, am Atbara und Dender und im Gebiet des Gazellenflusses heimisch gefunden hat begann ebenfalls zu nisten. Sie bauten, im Gegensatz zu allen Astrilden, ein offenes muldenförmiges Nest; und nicht allein der herrliche Gesang des Männchens während der Liebeszeit, sondern auch das gegeneinander so innig zärtliche und gegen mich so zutrauliche Benehmen dieser Vögelchen gewann ihnen mein ganzes Herz. Doch ? das Weibchen starb vor dem Beginn der Brut. Es ist, nebenbei bemerkt, überhaupt ein sehr großer Uebelstand, daß vor oder während der Brut die Weibchen aller dieser Finken so gar leicht sterben. Beim Untersuchen des Nestes fand ich ein bereits früher gelegtes Ei. Dagegen hat der zweite graue Edelfink, dessen Weibchen mir auf der Reise von Paris hierher gestorben war, mit einem Canarienweibchen genistet und zum ersten Male ein Junges glücklich großgezogen. Dieser Bastard wird gewiß das Interesse aller Vogelliebhaber in hohem Grade erregen; seine Mutter brütet soeben znm zweiten Male auf vier Eiern, und sobald diese Brut ebenfalls vollendet ist, will ich Weiteres darüber veröffentlichen.

Wenn ich meine Erfolge im Ganzen überblicke, so muß ich mir freilich sagen, daß dieselben - im Verhältniß zu Mühe und Kosten und im Verhältniß zu den Aussichten, die sich bereits gezeigt - außerordentlich gering sind. Dennoch sind sie dazu vollkommen ausreichend, daß sie mich zu bedeutend erweiterter Fortsetzung der Züchtungsversuche ermuthigen. Bis jetzt habe ich also von den Sperlingspapageien, Elsterchen, Amaranthvögeln, Tigerfinken, Goldbrüstchen, Bandfinken und Schmetterlingsfinken flügge Bruten erstehen sehen. Dies sind im engen Raume einer Stube Züchtungserfolge, wie man sie theils in Europa noch gar nicht, theils erst in Frankreich (besonders Veuillot) und in Holland in Gewächshäusern oder anderen großartigen Anstalten erzielt hat. Dazu brüten augenblicklich, obwohl bereits in der Mitte des Juni, noch je ein oder zwei Pärchen Astrilds, Schönbürzel, gewöhnliche und malabarische Silberfasänchen, und Muskatvögel; von den vorhin genannten befinden sich ebenfalls noch einige in neuen Bruten und die Sperlingspapageien rüsten sich sogar schon zum vierten Male. Allen Anzeichen nach beginnen in diesen Tagen auch die Tropfenfinken oder Diamantvögel, ein Paar Hartlaubszeisige und sogar ein Paar Inseparables zu nisten. Außer der Bastardzucht des grauen Edelfinken hoffe ich auch den sonderbaren duukelblauen Indigovogel, ebenfalls mit einem Canarienweibchen, zur Zucht zu bekommen; der gemeinsame Nestbau hat wenigstens schon begonnen. Somit sind aus der in den letzten Wochen bis viel über hundert Köpfe angewachsenen Gesellschaft nur wenige Paare, wie die Atlasvögel, beide Wittwenpärchen, die weißköpfigen Nonnen (Maja aus Ost- und Südindien), Korellas und wenige andere, ganz unthätig verblieben. Da diese jedoch theils erst seit kurzer Zeit meine Vogelstube bewohnen, theils die Nistzeit ihrer Heimathländer hier noch nicht erlebt haben, da zugleich einige von ihnen bereits anderwärts in der Gefangenschaft genistet haben, ? so darf ich bereits jetzt die feste Ueberzeugung aussprechen: daß alle die in meinem Besitz befindlichen, bis hierher genannten Finken- und Papageienearten ohne Ausnahme sich bei uns züchten lassen werden.

Mit den bisher mitgetheilten Ergebnissen war die Aufgabe meiner Vogelstube jedoch nur zum Theil gelöst; für die im ersten Artikel erörterten Ziele war damit doch noch gar wenig geschehen. Darum begann ich nun auch sofort mit der eigentlichen Zucht für die Wohnstube, das heißt mit Versuchen, durch welche ich dieselben Vögel bei gewöhnlicher Stubentemperatur, in nur mäßig großen gewöhnlichen Heckkäfigen, bei möglichst vereinfachtem Futter und in der Jahreszeit unseres Frühlings zu züchten beabsichtigte. Damit erst würden sie dem Canarienvogel als beliebte Stubengenossen gleichkommen können. Natürlich wählte ich für diese Versuche die in meiner Vogelstube erwachsenen Jungen und zwar vorläufig von den Sperlingspapageien, Amaranthvögeln und Elsterchen und werde die Tigerfinken und alle übrigen, die in der Vogelstube erwachsen, folgen lassen.

Diese Versuche sind noch viel zu jung, als daß ich schon etwas Sicheres darüber veröffentlichen könnte. Dennoch bin ich schon jetzt davon überzeugt: daß sich, in der angegebenen Weise, die Sperlingspapageien zweifellos als herzige, in jeder Hinsicht liebenswürdige Stubenvögel völlig einbürgern lassen werden. Auch von den Amaranths glaube ich dies bestimmt. Zuverlässige Mittheilungen hierüber muß ich mir jedoch für später vorbehalten.

Karl Ruß.

3.

Immer wechselvoll und anregend ist das lustige Leben hier rings um uns her. Eine allgemeine Pause, einen Stillstand, der gar nichts Neues zeigt, giebt es nicht. Selbst wenn bei den meisten Vögeln die Mauser eintritt, in der sie bekanntlich nicht allein ruppig und unschön aussehen, sondern auch ihr munteres und anmuthiges Wesen verlieren, selbst dann fesseln doch noch einige unsere Aufmerksamkeit durch neue Erscheinungen.

Das Paradieswittwen-Männchen hat sein prachtvolles Hochzeitskleid angelegt; seine glänzend schwarzen Schwanzfedern, welche die Länge des übrigen Körpers doppelt übertreffen, wehen im Fluge malerisch durch die Luft. Auch der Atlasvogel hat sein tiefschwarzes Gefieder mit blauem Seidenglanz bekommen, von dem das weiße Schnäbelchen und die rosenrothen Füße gar hübsch sich abheben. Und wenn diese beiden Vogelpaare jetzt, wie es den Anschein hat, auch zu nisten beginnen, dann giebt es eine gewiß seltene und interessante Erscheinung. Kürzlich ist eine Brut der Silberfasänchen ausgeflogen und Schönbürzel, Bandfinken, Helenafasänchen und Tigerfinken haben jetzt, bereits im Angust, noch auf?s Neue gebaut; die Inseparables, Korellas und Sperlingspapageien sind ebenfalls noch im Brüten begriffen.

Dieser fortwährende Wechsel ist einerseits darin begründet, daß die einzelnen Glieder der zahlreichen Gesellschaft mannigfaltig verschiedene Heimathen haben, so daß z. B. die vielen Afrikaner sogar unter sich zu sehr abweichenden Zeiten Frühling feiern; andererseits ist als Ursache auch der Umstand anzusehen, daß viele dieser Vögel mehrere Bruten hinter einander machen und eigentlich nur eine verhältnißmäßig sehr kurze Zeit zur Erholung und Mauser brauchen.

Zunächst habe ich die Leser noch anf einige kleine Einrichtungen aufmerksam zu machen, welche in keiner Vogelstube fehlen dürfen. Da in der beweglichen Gesellschaft die soeben ausgeflogenen Jungen zuweilen sehr geschüchtert werden, so daß sie voll Angst in die Winkel flattern, hier hinab und hart auf die Erde fallen, so ist es nothwendig, daß man in allen Ecken des Gemachs Falltücher anbringe. Dies sind lose und flach beutelförmig aufgespannte und befestigte Zeuglappen, welche den herabstürzenden Vogel auffangen, damit er sich nicht beschädigen, sondern ruhen und davon fliegen kann. Ein sehr großer Uebelstand ist es, wenn die Vogelgesellschaft, durch irgend etwas Ungewöhnliches erschreckt, in Entsetzen geräth und darauf in blinder Angst durcheinander tobt; dann können nur die Fang- oder Falltücher in den Ecken und die Netze vor den Fenstern viele Unglücksfälle verhindern. Wenn sich dieser Schrecken öfter wiederholt und durch einige dumme oder muthwillige Wichte wohl gar zur täglichen Gewohnheit wird, so ist es höchst nothwendig, daß man die Ursache ermittele und abstelle, weil sonst die ganze Gesellschaft in die Gefahr geräth, zu Grunde zu gehen, mindestens an Brüten und eine gedeihliche Entwickelung nicht mehr zu denken ist.

Zuweilen kommt es vor, daß die Vögel des Nachts aufgestört werden und bis zum Morgen hin wie unsinnig toben, ohne daß man eine Ahnung davon hat. Deshalb ist es nothwendig, daß man scharf aufpasse, entweder dicht neben oder zuweilen in der Vogelstube schlafe, um dergleichen bemerken und abwenden zu können. In meiner Vogelstube tobte es eine Zeit hindurch zu meiner großen Betrübniß in jeder Nacht. Erst nachdem ich eine geraume Frist beobachtet, fand ich, daß der Ruhestörer ein Indigovogel war, dessen Zugzeit wahrscheinlich gekommen und der durch ängstliches Umherflattern alle Uebrigen aufscheuchte. Er wurde natürlich sofort herausgefangen und in einen Käfig gesperrt. Um Unglück abzuwenden, ist es zweckmäßig, bei nächtlicher Störung sogleich eine große, recht hellbrennende Lampe in das Zimmer zu bringen und bis zur Beruhigung stehen zu lassen, dann aber nicht wieder hinaus zu tragen, sondern schnell auszulöschen und möglichst geräuschlos sich zu entfernen.

Eine weitere Vorsicht, die viel Unheil verhüten kann, ist die, daß man jedes Nistbauer, sowie auch die Käfige, welche zum Einfangen der Vögel dienen, stets mit zwei oder mehreren Eingängen versehe. Bevor ich diese Einrichtung getroffen, haben die Sperlingspapageien, welche sonst gar nicht böse sind, durch die vor ihnen flatternden jungen Vögel erzürnt, mehrere derselben arg gebissen.

Im Spätsommer und Herbst sammele man fleißig Distel- und andere Pflanzenwolle, Birken- etc. Schale, selbst reine Spinnengewebe und noch brauchbare Vogelnester aus Gärten und Hainen, bewahre alle diese Gegenstände an einem trockenen Orte auf und lege sie nach und nach zur Benutzung in die Vogelstube. Die wohl gereinigten Nester bringe man an passenden Orten zur Benutzung an. Ueberhaupt sind die mannigfaltigsten und oft sonderbarsten Dinge den Vögeln zum Nisten willkommen; man thut immer gut, wenn man von Spaziergängen etc. alles Mögliche heimbringt und ihnen bietet, denn andererseits wird manche Brut durch den Mangel an richtigem Nistmaterial vereitelt.

Für die kostbareren Weberarten: Orange-, Napoleonsvögel etc. habe ich künstliche Durrahfelder angelegt. In einem flachen, aber sehr geräumigen Kasten wurde der Boden mit einer Lage von feuchtem Lehm bedeckt und in diese wurden steife Getreidehalme, namentlich Strandhafer, den ich ans dem Seebade Kolberg mitgebracht, in naturgemäßer Entfernung gesteckt. Dann wurde, zur bessern Festigung der Halme, die Kiste bis fast zum Rande mit reinem Stubensand gefüllt und nun das Ganze an einer hellen Stelle so an der Wand befestigt, daß die Spitzen der Halme noch einige Fuß von der Decke entfernt sind. Mehrere Paare von derselben Art nisten in solchem Felde friedlich bei einander; für verschiedene Arten muß jedoch je ein anderer Kasten angebracht werden. Man sollte in der beschriebenen Weise recht viele Versuche machen, denn die schönen Vögel verdienen es und schon ihre Nester erregen volle Bewunderung. Ich kann noch nichts Näheres mittheilen, denn ich habe diese Nistgelegenheiten soeben erst eingerichtet.

Während der Mauser, die bei manchen dieser Vögel schon im Mai eintritt und im Allgemeinen bis zum August währt, ist es wohl zu beachten, daß an kalten Tagen das Zimmer erwärmt werden muß, falls von den zartesten, z. B. Schmetterlingsfinken, nicht mehrere sterben sollen. Namentlich ist es aber nothwendig, selbst in den schon warmen Monaten bei kaltem Wetter noch ein wenig zu heizen, wenn die Vögel in der Brut begriffen sind. Es ist eine schon mehrfach bestätigte Beobachtung, daß die Weibchen der meisten fremdländischen Vögel regelmäßig sterben, sobald während des Eierlegens eine kühle Temperatur eintritt. Oft erkrankt freilich, wie schon früher bemerkt, die zarte Mutter beim ersten Ei trotz aller Vorsicht und Pflege doch. Dann pflegt es von gutem Erfolge zu sein, wenn man ihr den ganzen Unterleib mehrmals mit erwärmtem Provenceröle bestreicht. Dabei unterlasse man es nicht, einen in das Oel getauchten dünnen Federkiel, am besten aus dem eigenen Flügel, natürlich mit äußerster Vorsicht, in die Legeröhre zu schieben und auch dies etwa dreistündlich zu wiederholen. Manche Vogelfreunde geben in diesem Falle auch öfter hinter einander ein Dampfbad, indem sie Kamillenblüthen in heißem Wasser aufbrühen, darüber ein leinenes Tuch decken und auf dieses den Vogel in der hohlen Hand so halten, daß der Kopf vor dem Dampfe geschützt ist.

Auf andere Heilversuche lasse man sich, gleichviel in einer Vogelstube oder in kleinen Käfigen, durchaus nicht ein. In der Vogelstube wirkt bereits die Freiheit so wohlthätig, daß alle Kranken bald genesen und neue Erkrankungen nicht leicht vorkommen; Herr Mieth sendet mir sogar oft in den Schaufenstern elend gewordene Vögel, in der Hoffnung, sie bald frisch und kräftig zurückzuerhalten ? und dies ist auch fast regelmäßig der Fall. In den Käfigen giebt es gegen die mancherlei Krankheiten, die sich allerdings zuweilen einstellen, meistens keine Hülfe; in manchen Fällen ist noch Rettung möglich, wenn man den Patienten frei im Zimmer umherfliegen lassen kann. Erkrankte kostbare Papageien beobachte man genau und wende dann, je nach den Umständen, karge Diät, blos in Wasser geweichte und ausgedrückte Semmel mit etwas Hafer, lange anhaltend an oder man setze den Vogel gelinder Wärme und milden Sonnenstrahlen aus. Gegen eine der übelsten krankhaften Erscheinungen, das Selbstausreißen der Federn, pflegt nur mageres Futter, bis zur völligen Entkräftung, wirksam zu sein. Im Uebrigen vermeide man sorgfältig die vornehmlichsten Erkrankungsursachen aller Vögel: Zugluft, Nässe, schlechte Lust, Unreinlichkeit, sauergewordenes oder sonst verdorbenes Futter und auch vielerlei Leckereien, die in den meisten Fällen schädlich sind. ?

Die beiden ersten Mittheilungen aus meiner Vogelstube (in Nr. 25 und 28 der ?Gartenlaube?) haben ungemein rege Theilnahme gefunden und mir zahlreiche Briefe eingetragen, aus allen Theilen unseres großen Vaterlandes, einschließlich Oesterreichs, ja sogar von Vogelliebhabern aus Nordamerika, Rußland, Holland, aus der Schweiz, Ungarn u. s. w. Hiernach mache ich mir eine Freude daraus, die hauptsächlichsten der ausgesprochenen Wünsche und Anfragen zu erledigen. Als das Wichtigste derselben will ich zunächst eine Anleitung zur Pflege der fremdländischen Vögel im kleinen Käfige geben.

Alle die kleinen herzigen Prachtfinken beanspruchen äußerst geringe Mühe von Seiten ihrer Besitzer und vergelten diese doch in reichem Maße. Schon ein Käfig von der geringsten Größe derer für Canarienvögel ist für ein Pärchen der Amadinen vollkommen ausreichend; nur ist zu beachten, daß der Draht viel enger, höchstens drei Achtelzoll weit geflochten sein muß. Hält man die Vögelchen ohne die Absicht, sie zum Nisten zu bringen, so brauchen sie zum Futter nur ungeschälten Hirse und recht häufig Vogelmiere oder Salat; dabei halten sie viele Jahre gut aus.

Den größeren Arten gebe man unter dem Hirse auch stets Canariensamen (Glanz oder Spitzsamen). Brehm empfiehlt auch immer das beim Aussieben des Getreides zurückbleibende Scheuerngesäme. Wärme ist allen Webefinken, Webern, Wittwen und den meisten Papageien in gleichem Maße nothwendig; directe Sonnenstrahlen sucht aber in den wärmeren Monaten des Jahres keiner von ihnen auf, nur im ersten Frühlinge, im Herbst und Winter sonnen sie sich gern. Es kann daher auch keineswegs richtig sein, diese Vögel gerade an ein von der Mittagssonne beschienenes Fenster zu stellen. Wohl aber ist ihnen, den Kindern der Tropensonne, stets Helles Licht Bedürfniß; an düsteren, schattigen Orten verkümmern sie und viele, z. B. Tigerfinken, verlieren in den dunkel stehenden Käfigen der Vogelhändler ihre Farbenpracht und bekommen ein braunschwarzes Gefieder. Sehr interessant ist mir die Erscheinung gewesen, daß einige fast völlig schwarze Tigerfinken in meiner Vogelstube sich allmählich wieder zum schönsten Hellgelb verfärbten.

Im kleinen Käfige ist jedem Vvgel frisches Wasser ein wichtiges Bedürfniß; man gebe es daher stets täglich zwei bis drei Mal. Ebenso ist möglichst oft frischer, trockener Sand, ein Talgstückchen, Sepia oder Eierschale und vornehmlich äußerste Sauberkeit noch nothwendiger, als in großen Räumen. Die Schublade des Käfigs wird mindestens wöchentlich einmal herausgenommen, nachdem sie sauber gereinigt, mit feiner, trockener Asche bestäubt und dann dünn mit Sand bestreut ist. Hat man die Schublade nicht von Holz, sondern von Zink, Eisenblech oder dergleichen, so wird das Ascheausstäuben nicht nöthig; man belegt sie alsdann stets mit einem reinen Papierblatt und streut darauf den Sand. Dieser letztere darf für die kleinen Käfige nicht in bloßem Stubensande bestehen, sondern muß etwa zum sechsten oder achten Theile mit reiner, nicht gedüngter, schwarzer Gartenerde tüchtig vermischt und dann durch einen Durchschlag gesiebt sein. Für die Vogelstube ist dies nicht nöthig, da die Vögel hier an den Blumentöpfen Ersatz finden. Man thut gut, wenn man die Reinigung des Käfigs an ganz bestimmten Tagen und eben so die Fütterung und Erneuerung des Trinkwassers zu ganz bestimmten Stunden festsetzt; dadurch wird am sichersten eine mögliche Versäumnis; vermieden. Vor der Reinigung der Schublade, jedenfalls aber bei warmem, sonnigem Wetter möglichst oft, setze man den Vögeln einen flachen Napf mit Badewasser hin, welches im Winter einige Stunden in derselben Stube gestanden haben muß, und bereite ihnen dadurch einen Genuß, der für ihr Wohlgedeihen außerordentlich fördersam ist.

Freundliche und liebevolle Behandlung, Vermeidung jedes Erschreckens und Verschüchterns ist nicht minder Erfordernis; des Wohlbefindens unserer kleinen Lieblinge. Von vornherein vermeide man es, sie mit den Händen anzufassen; beim Reinigen des Vogelbauers oder Wechseln desselben stelle man einen leeren Käfig daneben, offene beide Thüren und jage die Vögelchen ohne große Aengstigung in den letzteren und, sobald der erstere gereinigt ist, ebenso wieder zurück. Da die meisten Stubenvögel, namentlich in kleinen Käfigen, oft unnatürlich lange Nägel an den Zehen bekommen, die ihnen sehr lästig werden, so muß man dieselben, natürlich mit großer Vorsicht, etwa alljährlich einmal verschneiden. Dazu muß man den Vogel dann freilich greifen, lose und zart, doch sicher, so daß er nicht unversehens entschlüpfe, in die hohle Hand nehmen, jeden Nagel gegen das Licht halten, und soweit als thunlich mit einer scharfen Scheere abschneiden.

Will man ein Pärchen dieser Vögel, gleichviel von welcher Art, im Kleinen und in der Wohnstube zur Zucht bringen, so muß der Käfig mindestens dreifach so groß sein. Man bringt dann in der einen Ecke ein Harzerbauerchen, in welchem ein mit Leinwand ausgefüttertes Nestkörbchen befestigt ist, und in der anderen Ecke ein freihängendes Nestkörbchen an und läßt den Vögeln die Wahl. Amaranths, Goldbrüstchen, Elsterchen etc. bauen im ersteren, Astrilds, Helenafasänchen, Tigerfinken etc. überwölben sich das letztere. Ist der Käfig geräumig genug, so kann man statt des freihängenden Körbchens einen Busch aus dünnem Gesträuch anbringen, in den sie noch viel lieber bauen. Dabei versäume man aber nicht, mit den angegebenen Baustoffen sie möglichst reichlich zu versehen, denn manche, wie z. B. Astrilds und Schmetterlingsfinken, sind im Bauen unermüdlich und tragen noch immer ein, wenn sie schon Junge haben. Die Goldbrüstchen suchen jedes Mal, gerade in dsr Zeit, wenn die Jungen aus den Eiern schlüpfen, mit förmlicher Herzensangst nach weichen Federn.

Als inniger Vogelfreund hasse ich nichts so sehr, als die sogenannten Volièren, welche als bloße Luxusgegenstände ihre bedauernswerte Bewohnerschaft nur zur Spielerei enthalten. Die Vögelchen sind in ihnen, von allen Seiten unbeschützt, fortwährender Unruhe und Beängstigung ausgesetzt und zu langsamem Hinsterben verdammt. Wer einer bunten, mehr oder minder kostbaren Vogelgesellschaft als Luxusgegenstand oder zum Vergnügen sich erfreuen will, der suche den Thierchen mindestens einigermaßen naturgemäße Einrichtungen zu schaffen. Vor Allem muß der Käfig, gleichviel ob groß oder klein, von einer oder besser noch von drei Seiten geschützt sein; er mnß mindestens an einer Wand stehen, doch mit der Hauplseite dem vollen Lichte zugekehrt sein, auch die Morgen- oder Abend-, nicht aber die prallende Mittagssonne bekommen. Sodann bringe man stets in einer oder zwei Ecken dichtes Gebüsch an, in welches die Vögel bei jeder Beängstigung schlüpfen können; beim kleinen Käfig ist es ausreichend und zugleich sehr schön, wenn man einen Topf mit Epheu daneben stellt und die dem Lichte entgegengesetzte Seite damit überzieht. Jeder zum Nisten bestimmte Vögel enthaltende Käfig muß durchaus ungerückt auf einer Stelle stehen bleiben, auch eine sehr lose ausziehbare Schublade haben.

Sobald die Vögel nun wirklich bis znm Nisten gelangen, beginne man bereits während der Brutzeit, ihnen allmählich eingequellte Sämereien, je nach der Zeit, frische oder aufgeweichte Ameiseneier oder auch kleine Maden, Räupchen etc., falls man dergleichen bekommen kann, ferner frische, weiche Vogelmiere, eingequellte und ausgedrückte Semmel, auch frischen Quarkkäse, oder fein gehacktes Eigelb und abgesondertes Eiweiß zu bieten, und sobald die Jungen vorhanden sind, lasse man es an denen von diesen Nahrungsmitteln, welche sie annehmen, niemals fehlen. Im Gegentheil versuche man es immer wieder auch mit denen, die sie bisher noch nicht gefressen haben. Da liegt es manchmal an einer Kleinigkeit, die gerade mangelt und doch der Brut zum unabwendbaren Verderben gereicht. So habe ich den kleinen Astrilden versuchsweise Grassämereien, wie sie auf den Heuböden zu finden sind, und den größeren Amadinen ungeschälten und eingequellten Reis gegeben, und über Beides fielen sie eifrig her.

Sehr erfreut und zu großem Danke verpflichtet haben mich mehrere Vogelfreunde durch die Mittheilungen ihrerseits erzielter Züchtungserfolge und der dabei gemachten Beobachtungen. Namentlich interessante Züchtungen hat Herr Hermann Leuckfeld in Nordhausen erlangt, indem er von dem rothen Cardinal, der herrlichen ?virginischen Nachtigall?, ferner von den schönen australischen Graspapageien, den Corellas oder Nymphenpapageien, Wellensittichen und brasilianischen Canarienvögeln Junge glücklich erzogen. Weitere namhafte Erfolge hat ? soviel ich bis jetzt weiß ? ein Verlagsbuchhändler in Stuttgart gehabt, der sogar einer Brut des schönen grünen Cardinals sich erfreute, ferner der Director des zoologischen Gartens in Breslau, Herr Dr. Schlegel, welcher einige Webefinken, wie Elsterchen und Halsbandvögel, ebenso Wellensittiche, Corellas etc. mit Glück in großer Anzahl züchtete und dies in Dr. Noll?s ?Zoologischem Garten? veröffentlicht hat.

Somit ist es ganz zuversichtlich anzunehmen, daß alle diese schönen und lieblichen Vögel einerseits durch dankbare Züchtungserfolge ihre Pfleger immer häufiger erfreuen und andererseits sich immer mehr Freunde erwerben werden, ebenso in allen Theilen unseres großen Vaterlandes, wie in allen Bewohnerclassen desselben.

Sie verdienen Beachtung und Liebe wirklich in hohem Grade!

In kleineren Städten und auf dem Lande sind diese Vögel bis jetzt aber noch fast gar nicht zu finden; ihrer Verbreitung auch dorthin dürfte daher die Notiz wohl förderlich sein: daß sie ohne besondere Gefahr sich auf der Post in weite Entfernungen verschicken lassen. Erst kürzlich habe ich jenem Buchhändler nach Stuttgart ein Paar Sperlingspapageien gesandt, und sie sind trotz der weiten Reise (von Berlin aus) glücklich angekommen. Auf Wunsch nenne ich schließlich noch als zuverlässige und ehrenhafte Händler für den Bezug von Berlin Mieth und Donndorf, von Hamburg C. Hagenbeck.

Karl Ruß.

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