Ausplaudereien aus der Apotheke

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1. Schweineschmalz.

In jeder Apotheke finden wir eine Büchse, meistens Porzellankruke, mit Adeps suillus oder Axungia porci, welche gar mannigfach in den Gebrauch gezogen wird, und deren daher auch gewöhnlich zwei, oft noch mehrere vorhanden sind. Sie enthalten, wie die lateinischen Namen besagen, Schweinefett oder Schmalz, von welchem die preußische gesetzliche Arzneimittellehre vorschreibt, daß ?nur gewaschenes? angewandt und in den Apotheken vorräthig gehalten werden soll. Sehen wir nun einstweilen von seinem Gebrauch als wirkliches Arzneimittel noch ab und wenden uns zuerst zu dem als Volksheilmittel.

Ein junger Mensch mit tiefliegenden Augen, auffallend gerötheten Backen und abgezehrten Gliedern tritt in die Apotheke und kauft Hundefett, um es als Linderungs- und hoffnungsreiches Heilmittel gegen seine Lungenkrankheit zu gebrauchen; er bekommt das Gewünschte aus der Büchse mit Adeps ? und verschlingt es voll Zuversicht und Vertrauen. Neben ihm fordert ein Dienstmädchen Hasenfett, welches ihren zusammengetragenen (geschwürigen) Finger aufziehen soll; sie erhält aus der Kruke mit Axungia ? und giebt gläubig ihre kärglichen Sparpfennige für Das hin, was sie in der Küche täglich vor sich hat und was sie dort selbst in Wirklichkeit sich sammeln könnte, wenn sie nicht das ?präparirte? Hasenfett der Apotheke für viel wirksamer hielte. Jenes alte Mütterchen wünscht Bärenfett zum Einreiben und Bärinnenfett zum Einnehmen; ihr muß Adeps und Axungia dienen ? und mit welcher ängstlichen Sorgfalt ist sie bemüht, die beiden wichtigen Stoffe um Gottes willen nicht zu verwechseln! Selbst eine Fleischersfrau nimmt die Büchse mit Adeps in Anspruch; sie läßt Dachsfett holen ? und nimmt es, mit Walrath in Bier gekocht, zum Schwitzen ein. Ein ländlicher Wunderdoctor (deren es im Geheimen noch fast allenthalben giebt und die, aus gewissen Gründen, von vielen Apothekern keineswegs ungünstig betrachtet oder gar verfolgt werden) fordert Adebar-, Hamotter-, Boar-, Katzen-, Mücken-, Murmelthier-, Tap-, Winzer-, Vipern-, Ottern- und Storchfett, um seine Tränklein, Salben etc. daraus zu bereiten. Adebar- und Storchfett, welche meistens keineswegs als ein und dasselbe gelten, muß fast regelmäßig die ländliche Wöchnerin sich einquälen, Hamotter-, Boar- und Murmelthierfett dienen als Einreibungen, bei Ausschlägen, Geschwülsten und dergleichen; Vipern- und Otternfett wird bei den heftigsten und hartnäckigsten Fiebern eingenommen, denn ?Schlimm muß Schlimm vertreiben? ? freilich schlimm, bei schon furchtbar geschwächtem und angegriffenem Magen noch das widerliche, rohe Fett! Dem Manne wird dies Alles nun, je für einen Groschen sorgfältig in ein besonderes Papier geschlagen ? aus dem großen Axungia-Topfe des Kellers heraufgeholt. Für alle übrigen Fälle, in denen mehrere verschiedene Fettarten verlangt werden, hilft man sich mit den beiden Schmalzbüchsen und zugleich dadurch, daß man abwechselnd bald die eine, bald die andere immer wieder in ihre Reihe setzt. Hier sehen die Büchsen ja sämmtlich ganz gleich aus und die lateinischen Namen schützen ja gar trefflich gegen jede profane, zudringliche Neugierde. Wer besäße da wohl Scharfsinn genug, um eine der Büchsen, mit der unverständlichen Bezeichnung, fest im Auge behalten und dann bestimmt behaupten zu können, daß der Apotheker aus derselben mehrere Heilmittel verabreicht habe? Wahrlich, dazu ist von Hunderten der die Apotheke besuchenden Menschen kaum einer fähig. Außerdem erinnern wir die Leser an jene hübsche ? so bezeichnend lebenswahre ? Anekdote: ?Ein pfiffiges Bäuerlein hatte es sich doch gemerkt, daß man ihm Fuchs-, Dachs-, Katzen- und Gräfingsfett aus ein und derselben Büchse verabreicht, und machte nun entrüstetes Halloh. Allein der Apotheker wußte sich gar wohl zu helfen; in der Geschwindigkeit hatte er einen tiefen Kreuzstich mit dem Spatel in das Schmalz gemacht, und zeigte jetzt ganz gelassen dem leicht verblüfften Bauern die vier Abtheilungen ? als sorgfältig gesondertes Dachs-, Fuchs-, Katzen- und Gräfingsfett.?

So finden wir das Schmalz unter mindestens zwanzig verschiedenen Namen, oder vielmehr als zwanzig durchaus verschiedenartig geglaubte Arzneimittel in den Apotheken, so wird es all- und tagtäglich, ohne Bedenken, für zwanzigfaches Geld dort verkauft. In der That, es müßte fast zu lächerlich erscheinen, wenn es nicht so entsetzlich traurig wäre, daß unsere Zeit noch solchen ? gesetzlich privilegirten ? Unfug dulden muß.

Dazu dienen auch noch einige ganz besondere Kunstgriffe, die wir keineswegs unbeachtet lassen dürfen. Als Krebsblut wird das Schweineschmalz mit Alcannawurzel roth gefärbt verabreicht, als Hasenfett mit Curcumäpulver gelb gefärbt, oder mit ein wenig Burgunderharz versetzt; zum Unterschiede des Gräfings- von dem Dachsfette (abgesehen von dem Schmalze auch sonst thatsächlich beides dasselbe, dem Volksglauben gegenüber aber zwei verschiedene wichtige Arzneimittel) wird das erstere mit ein wenig Oel verdünnt und dann in einem Glase verabreicht; auch giebt man, zur Abwechselung, als das eine oder andere dieser Fette zuweilen Baumöl, Leberthran und dergleichen; und endlich wird das Schweineschmalz, einfach mit wohlriechenden Oelen vermischt, als die feinste Haarpomade, je nach Belieben roth gefärbt (als ?Rosenpomade?) oder weiß, verkauft.

Recht bezeichnend für allen diesen Schwindel sind einige Worte des Medicinalassessors, Sanitätsraths und Apothekers Dr. Mohr[1] in Coblenz: ?Das Schweinefett macht jedes andere weiche Fett (für den Arzneigebrauch) ganz entbehrlich, und nur um dem Aberglauben des Volkes nachzugeben (ihm zu huldigen und ihn auszubeuten nämlich!), bereitet man noch hier und da Fett von Gänsen, Hasen, Pferden, Bären etc., denen lächerlicher Weise besondere Heilkräfte zugeschrieben werden (das Buch ist natürlich nur für Apotheker, Aerzte und Medicinalbeamte geschrieben). Freilich erhalten an den meisten Orten (jetzt bereits überall, ohne Ausnahme) auch jetzt schon die Landleute für diese Dinge Schweinefett aus verschiedenen Töpfen (wie offenherzig!); insbesondere dienen die ranzigen und gelblichen Fettsorten zu diesen Zwecken,? - - - dem Brustkranken zur Heilung seiner Lunge, zur Linderung auf eine brennende Wunde, zum Schweißhervorbringen, zur Stillung der Nachwehen einer Wöchnerin etc. Probatum est!

Dieser schweren Selbstanklage des Äpothekerthums haben wir eigentlich nichts weiter hinzuzufügen; indessen müssen wir denn doch darauf ganz besonderen Nachdruck legen, daß dieser offenbare Betrug ein ganz allgemeiner und alltäglicher ist, daß er nicht etwa blos an diesem einen Gegenstande in der Apotheke, sondern an wahrhaft unzähligen verübt wird, und daß er nicht etwa allein die Gesundheit und den Geldbeutel der armen, unwissenden und unaufgeklärten, sondern auch die der sich gebildet nennenden Leute in wahrhaft erschreckender Weise gefährdet. Bemerkt sei nebenbei noch, daß man von allen diesen Fetten höchstens ein Loth für einen Silbergroschen erhält ? nach welchem Verhältniß der Preis derselben, bezüglich der Gewinn dieses Schmalzverkaufs leicht zu berechnen ist. ?

Ja, ja, so steht sie da, fest und unerschütterlich, die edle, uralte Kunst der Pillendrechslerei. Alle Versuche, an ihrem lang baumelnden Zopfe auch nur zu zerren, geschweige denn ihn zu stutzen, sind erfolglos, alle Angriffe prallen wirkungs- und machtlos ab an ihrem stählernen Panzer Privilegium. Was sind Zeitbestrebungen, was ist Aufklärung ihr gegenüber? Auch wir beabsichtigen hiermit keineswegs an ihre ?geheiligten Rechte? uns zu wagen ? denn wo es um des deutschen Michels Zipfelmütze sich handelt, da ist ja meistens jeder reformirende Versuch von vornherein ein verfehlter ? allein im Interesse der großen unabsehbaren Menge leidender und von Krankheiten aller Art geplagter Menschen wollen wir es doch unternehmen, den Schleier einmal vollständig zu heben, der auf ihren unheimlichsten Mysterien ruht. Wie Herr Dr. Bock dem weiten Leserkreise der Gartenlaube gegenüber mit tapferem Arm auf dein Felde der populären Medicin Bahn gebrochen und den wahren Augiasstall von Vorurtheilen und Mißständen mit derben Strafpredigten, frei von der Leber weg, gereinigt und durch beherzigenswerthe Anordnungen beseitigt hat ? so wollen auch wir es wagen, mit diesen Darlegungen die argen Finsternisse der Arzneikunde für Jedermann aufzuhellen. Wir glauben dies ohne Scheu ausführen zu dürfen, selbst auf die Gefahr hin, daß wir damit der alt-ehrwürdigen Apothekerei einen sehr empfindlichen, ja tödtlich verwundenden Stoß versetzen - - denn wenn wir den Einzelnen allerdings auch schaden, so müssen wir doch hoffen, dadurch der Allgemeinheit in einer wahrlich nicht geringen Weise zu nützen.

Zunächst müssen wir jetzt den Apothekern einige Gerechtigkeit widerfahren lassen. Selbst wenn hier und da einer von ihnen es gern versuchen wollte, den guten Bauer- und Bürgersleuten zu erklären, daß es in keiner Apotheke der Welt wirkliches Storchfett, Krebsblut etc. mehr giebt, sondern daß sie für dies Alles immer nur Schweineschmalz bekommen und theuer bezahlen müssen ? so würde er hierfür vielfach gar nicht einmal Glauben bei den meisten Menschen finden. Wäre es in einer großen Stadt, so würden sie, ohne ein Wort zu verlieren, in die nächste Apotheke laufen, während sie in der kleinen bei einem solchen Versuch achselzuckend und entrüstet den erbärmlichen Apotheker verlassen würden, ?der so Etwas nicht einmal hat?. Ja, derselbe wäre für seine Wahrheitsliebe und Rechtlichkeit, nächst den materiellen Verlusten, oft noch wohl obendrein groben Beleidigungen ausgesetzt, denn nach der Meinung vieler leider nur noch zu sehr beschränkter Menschen muß er eben Alles haben, was sie sich nur wünschen und sich von alten Weibern und den ärgsten, oft selbst entsetzlich dummen Betrügern einreden lassen. Auch dem wohlwollendsten und menschenfreundlichsten Apotheker dürfen wir eine solche Selbstverleugnung nimmer zutrauen ? unter den jetzigen Verhältnissen bleibt ihm wirklich nichts Anderes übrig, schon ?um das Vertrauen der Leute nicht zu verlieren?, als dem Geschäft mit den widerlichsten, unnatürlichen und vielfach gar nicht existirenden Dingen ruhig seinen Gang zu lassen. Und, zur Ehre des Standes, wollen wir es auch nicht verschweigen, daß in vielen Apotheken jetzt bereits das Schweineschmalz auf die unappetitlichsten und ungeheuerlichsten Benennungen, als: Hunde-, Katzen-, Mücken-, Kamm(Pferde-) Fett etc. nicht mehr verabfolgt, also diese gleichsam unanständigen Fette als nicht mehr vorhanden betrachtet werden ? ?s bleiben ja doch noch immerhin fünfzehn bis sechszehn zurück, also fort mit Schaden!

An allen Gebildeten ist es nun aber, auch in den untersten Schichten der Gesellschaft mindestens so viel Licht und Aufklärung zu verbreiten, daß fernerhin Niemand mehr sein sauer erworbenes Geld fortwerfe, indem er für einen zehnfachen Betrag zehnerlei Arzneimittel einzukaufen wähnt und doch nur ein und denselben Gegenstand erhält. Aber auch alle Aufgeklärteren mögen sich hüten, daß ihnen von Hebammen, Kinderfrauen etc. nicht mancherlei derartiger, noch wahrhaft mittelalterlicher Mummenschanz in?s Haus gebracht werde, oder daß sie am Ende noch hier und da selbst Etwas kaufen, was sie in Küche und Keller ungleich wohlfeiler haben können.

Wenden wir uns jetzt dein Schweineschmalz in seiner Eigenschaft als wirkliches Arzneimittel zu. Seine hauptsächlichste Verwendung findet es zur Bereitung mannigfacher Salben. Unter diesen eine der sonderbarsten ist die Jodkaliumsalbe; sie muß nämlich mit durchaus säurefreiem (nicht ranzigem) Fette bereitet werden, sonst wird sie sogleich gelb. Und trotz vielfacher Vorbeugungsmittel, Magnesia, Natron etc., ist sie doch nur höchst schwierig rein weiß zu erhalten. Daraus erhellt aber, wie schwierig reines Schmalz vor dem Sauer- oder Ranzigwerden zu bewahren ist. Die Jodkaliumsalbe wird häufig von den Aerzten bei scrophulösen Anschwellungen und dergleichen verordnet; man muß sie dann vor Nässe, Wärme und Licht bewahren, da sie durch dies Alles leicht zersetzt wird.

Nächstdem wird das beste Schmalz zu der Darstellung der medicinischen Seife gebraucht. Diese wird aus einem Gemisch von frischem Schweineschmalz, Provencer Olivenöl mit Aetznatronlauge gekocht und dient zur Bereitung von innerlichen Arzneien, Pillen etc. Ebenfalls sehr gutes frisches Schmalz muß zu den übrigen weißen Salben genommen werden, zu Zink-, Bleiweiß-, Brechweinstein- (der sogenannten Pockensalbe), weißer Quecksilber- oder Präcipitat- und Rosensalbe, deren letztere dann wieder zur Herstellung anderer Salben dient. Schlechteres, dunkel gewordenes Schmalz wird für farbige Salbe verwandt; hierher gehören die Elemi-, rothe und graue Quecksilbersalbe, ferner das Meliloten- und einige andere Pflaster, vor allen aber die ordinäre graue Quecksilber- oder Läusesalbe, zu welcher letzteren besonders das allerschlechteste, sonst unbrauchbare, oft sogar von crepirten Thieren und dergleichen herstammende Fett verbraucht wird. Des höheren Preises wegen wird zu Salben und Pflaster auch vielfach statt des Schmalzes ein zusammengeschmolzenes Gemisch aus Oel und Talg angewandt.

Das Schmalz der im Winter oder Sommer geschlachteten Thiere ist bekanntlich von verschiedenartiger Consistenz. ?Für den Gebrauch hat dieser Unterschied die Folge, daß das Sommerfett zu flüssig ist, daß die daraus bereiteten Salben in heißer Witterung fast schmelzen, daß man zur Bereitung von Pomade weißes Wachs, was ungefähr 3 bis 3½fachen Preis hat, oder Stearinsäure (gewöhnliches Stearin), die ungefähr den doppelten Werth hat, einschmelzen muß. Es ist deshalb von großem Interesse, das ganze Jahr hindurch ein gleiches festes Fett zu haben und also auch zur rechten Zeit seine Einkäufe zu machen. Das Schweinefett selbst ist nun wieder verschiedener Art, je nach dem Theile des Körpers, von dem es abstammt. Die äußere Fetthülle des Schweins, welche den ganzen Körper, besonders aber Rücken und Seiten umgiebt, ist viel leichter schmelzbar, als das im Innern des Körpers, längs den Rippen abgesetzte Fett. Letzteres oder das Lendensett ist vorzugsweise zum pharmaceutischen Gebrauche geeignet, und man verschaffe sich deshalb vom Metzger diese langen zusammenhängenden Stücke Fett, um sie selbst auszuschmelzen. Man trennt zunächst mit einem Messer alle noch darauf haftenden rothen und fleischigen Theile, so wie auch Häute, die es bedecken, schneidet es in kleine würfelförmige Stücke, wäscht diese mit Wasser, bis es farb- und geruchlos abläuft, und setzt sie in einem verzinnten kupfernen Gefäße auf ein gelindes und etwas entferntes Kohlenfeuer. Man rührt nun das Fett um, bis es aus dem weißen und milchartigen Zustande vollkommen klar und durchsichtig geworden ist, was die Entfernung des zwischengelagerten Wassers anzeigt. Nun lasse man es durch ausgespannte dichte Leinewand laufen, und rühre es so lange um, bis es weiß und undurchsichtig geworden ist. Dies kann entweder in den steinernen Töpfen selbst geschehen, in denen es aufbewahrt werden soll, oder in einer großen Schüssel, aus der man es, noch eben flüssig genug, in die steinernen Gefäße eingießt und hierin ganz erstarren läßt. Ohne dies entstehen durch die Zusaminenziehung des Fettes beim Erstarren (Dickwerben) Spalten, welche der Luft reichlichen Zutritt in?s Innere gestatten, und dadurch das Rauzigwerden begünstigen. Wollte man bis zum völligen Erstarren rühren, so würde man eine noch größere Menge Luft einrühren, die nun nicht mehr entweichen könnte, und das Uebel dadurch noch vergrößern. Man muß deshalb zur rechten Zeit mit dem Rühren aufhören, damit das Fett noch Beweglichkeit der Theile genug besitze, um sich dicht, ohne Zwischenlagerung von Luft, ausgießen zu lassen. Ohne diese Vorsicht scheidet sich auf der Oberfläche eine Menge ölartiges Fett aus, welches dem Ranzigwerden sehr unterworfen ist, und durch dessen Ausscheidung die Consistenz deö Fettes ungleich wird.?

Diese vortreffliche Zubereitungs- und Conservirungsmethode des Schweineschmalzes, aus dem Commentar zur preußischen Pharmakopoe von Dr. Friedrich Mohr, glaubten wir den Lesern nicht vorenthalten zu dürfen; einmal für Diejenigen, welche etwa in der Lage sind, große Schmalzvorräthe an Apotheker und Droguisten verwerthen zu können, dann für alle Die, welche diese oder jene Salben der Apotheke sich selbst herzustellen vermögen, und schließlich für die Hausfrauen, denen vielleicht daran gelegen ist, eine Menge reinen Schmalzes, ohne Salz, Zwiebeln etc. aufzubewahren. Für den Handel wird das Schmalz meistens in sorgfältig gereinigte und vorher völlig ausgetrocknete große Blasen gefüllt, in denen es sich festgebunden vortrefflich hält und weithin verschickt werden kann.

Schließlich sei noch daran erinnert, daß jegliche Salbe, besonders bei längerem Gebrauch, durch sorgsames Aufbewahren vor dem Ranzigwerden zu behüten ist, wenn sie nicht ihre Wirksamkeit verlieren oder gar schädlich werden soll. Auch in Betreff der Haarpomade ist dies wohl zu beachten; ihr gegenüber ist Reinlichkeit und Sauberkeit, stets sorgfältiges Verschließen und gegen Nässe und Hitze Bewahren um so mehr zu empfehlen, da in ihrer Verderbniß das sonst unerklärliche Haarausgehen ganz gesunder und kräftiger Frauen wohl nur zu oft begründet sein mag.

Karl Ruß.

2. Des deutschen Volkes Wunder- und Zaubermittel.

Wie, wird man kopfschüttelnd fragen, in unserer aufgeklärten und so hochstrebenden Zeit, sollte da wirklich solche Finsterniß noch herrschen, sollte man da wirklich noch den Glauben an Zaubereien und dergleichen im Volke finden? Es sei von vorn herein daran erinnert, daß wir nur Thatsächliches schildern ? und nun führen wir, als Antwort auf diese Frage, die Leser hinaus in die Wirklichkeit des täglichen Lebens.

Dort, am Ende eines Dorfes, steht eine einsame kleine Hütte. Dorthin wallen Jahr aus, Jahr ein Leidende und Hülfesuchende aller Art in ganzen Schaaren. Treten auch wir mit jener krankhaft aussehenden, matt daherschleichenden Frau zugleich hinein. Man ladet uns zum Sitzen ein. Der Mann ist noch nicht anwesend, er ist nach dem Walde gegangen, um Kräutlein zu sammeln, oder nach der Apotheke, um Arzeneien zu holen, wird uns gesagt. Inzwischen setzt sich seine Frau zu der Patientin und fragt, wie unwillkürlich in herzlichster Theilnahme, ihr die ganze Krankheitsgeschichte ab. Dann endlich kommt auch der Mann, mit Mütze und Stock, anscheinend von einer weiten Wanderung, und nachdem er die Leidende scharf angesehen und ihren mitgebrachten Urin prüfend gegen das Licht gehalten, erzählt er der staunenden und mit jedem seiner Worte natürlich immer gläubiger werdenden Frau den ganzen Verlauf und alle möglichen Erscheinungen ihrer Krankheit haarklein. Er hat nämlich hinter einer dünnen Breterwand im andern Zimmer gesessen und das ganze Examen mit angehört. Eine solche ?Allwissenheit? aber giebt natürlich von vorn herein Ruf und unbegrenztes Vertrauen, und die glänzendsten Erfolge seiner Curen bleiben nimmer aus.

Dies wiederholt sich, natürlich in zahllosen Variationen, fast in jeder Gegend; je ärmer eine solche, desto allgemeiner ist erklärlicher Weise der Glaube an den ländlichen Wunderdoctor und desto ärger werden die einfältigen armen Leute von demselben ausgebeutelt. Ohne allen Zweifel dürfen wir mit vollster Gewißheit annehmen, daß mindestens einen solchen Wunderthäter in einem Dorfe oder einer kleinen Stadt (ja in den großen Städten meistens erst recht) jeder Landstrich unseres großen deutschen Vaterlandes ohne Ausnahme noch jetzt in unserer gepriesenen Gegenwart aufzuweisen hat.

Greifen wir nur einige dieser thatsächlichsten Beispiele heraus. In meiner Heimath, einem freundlichen, aber armen Theile Westpreußens, trieb ein Mann, Namens Voß, viele, viele Jahre lang ganz unangefochten sein Unwesen, bis ihn endlich der Tod vor Kurzem zur Rechenschaft zog. ?Er hatte einst einen jungen Teufel eingefangen, denselben mit der Zunge an die Krippe seines Pferdestalles genagelt und ihn vermittelst seiner Zaubermittel so gebannt, daß er ihm völlig zu Gebote stehen mußte.? Das war es, was man, halb Scherz, halb Ernst, von ihm munkelte. Seine Verordnungen, die er stets doctormäßig auf Zettel schrieb, rechtfertigten übrigens eine solche Annahme in der That. Die Leute erhielten ein Gemisch aus Asa foetida (Teufelsdreck), Kreuzkümmel, Schackerell (Cascarillenrinde), Weihrauch, Myrrhen, Lorbeeren etc. zum Räuchern, welches einen wahrhaft pestilenzialischen Duft aushauchte; dem entsprechend waren auch seine übrigen innerlichen und äußerlichen Mittel nach dem goldenen Wahlspruche aller derartigen Heilkünstler: ?Schlimm muß Schlimm vertreiben.? Die Gegend von Schlochau in Preußen machte eine Frau unsicher (und wenn wir nicht irren, prakticirt sie noch jetzt in vollster Glorie), die vermittelst eines uralten Doctorbuches sich einen solchen Ruf erworben, daß sie viele Meilen weit sogar zu den ?gebildeten? Gutsbesitzern geholt wurde. Der biederbe, reiche Oderbruch hat ein Schneiderlein aufzuweisen, dessen zahllose Sympathie- und Wundercuren sich nur auf eine Substanz basiren ? freilich aber auch auf eine gar gewichtige: auf den schon unseren Altvorderen geheiligten Mistelzweig. In Posen, namentlich um Bromberg, erntete ein hochbetagter katholischer Pfarrer bis an sein unlängst erfolgtes seliges Ende wahrhaft staunenswerthe Erfolge in Heilung von Weichselzopf- und zahlreichen anderen dort leider nur noch zu allgemein einheimischen Schmutzkrankheiten. Ob er, wie sein ersterwähnter Genosse, ebenfalls durch Beelzebubs Hülfe die Teufel austrieb oder vielmehr den Engel der Reinigung walten ließ, das vermögen wir nicht näher anzugeben. Seine Verordnungen bestanden gleichfalls meist in sehr mystischen Heilmitteln. Solcher Fälle könnten wir ? und mit uns ganz gewiß zahlreiche Leser ? noch gar mannigfache aufzählen, und bei ihnen allen, ohne Ausnahme, steht das fest, daß die betreffenden Wunderdoctoren stets erkleckliche Geldsummen zusammenraffen ? während ihre ausposaunten Heilerfolge, am Lichte der Wahrheit besehen, regelmäßig in das kläglichste Nichts zerfallen.

Was aber in aller Welt hat dies Alles mit der Apotheke zu thun? Verzeihen Sie, meine freundlichen Leser, wir gelangen jetzt eben zu einem inhaltschweren Vorwurf, den wir den Apothekern auch hier wieder machen müssen. Ein wahrhaft ungeheurer Sturm hat sich gegen uns erhoben, ein Sturm von Einwänden gegen das ?Unrecht, das wir den Apothekern angethan?. Unter allen diesen der am häufigsten wiederholte und allenfalls berechtigt erscheinende ist folgender: ?Da das deutsche Apothekerthum, im schroffen Gegensatz zu jedem (?) ausländischen, an Sicherheit und Billigkeit (?) seinen Patienten unendliche Vortheile bietet, so ist ein gesetzmäßiger Schutz (Privilegium?) für dasselbe nicht blos durchaus billig und nothwendig, sondern es muß dem Apotheker auch freigestellt sein, zum Heil des Publicums (oder doch wohl mehr zum Nutzen des Apothekers!) alle diejenigen Forderungen und Wünsche nach seinem Ermessen zu befriedigen, welche in alt- und tiefwurzelndem Glauben ihren ?wohlberechtigten? Grund haben.? Ja, man geht soweit, diese alt-ehrwürdigen Volksheilmittel im Heiligenschein der Pietät zu betrachten und es also gleichsam für einen Frevel zu halten, falls der Apotheker es wagen wollte, sie nicht zu verabreichen, selbst wenn er sie gar nicht besitzt! Betrachten wir dieß Verhältnis; indessen einmal aus anderen Gesichtspunkten ? denen des Rechts, der Billigkeit und Humanität.

Dem Volke zum Heil und Segen ? allein auch den Apothekern zum nicht geringen Vortheil ? hat die Sanitätspolizei allenthalben den alten Olitätenkrämern, Balsamträgern etc. längst schon das Handwerk gelegt. Und hoffentlich haben wir in nicht gar ferner Zeit auch ernstlichen Schutz gegen den unheilvollen Geheimmittelkram zu erwarten. Bis dieser letztere eintritt, müssen wir an die Aufklärung uns halten, welche von verschiedenen Seiten geboten wird.

Während so nach allen Seiten hin in freudigster Regsamkeit für Licht und Wahrheit redlich gekämpft wird ? wie verhalten sich da die Apotheker? Sie genießen behaglich den Schutz des Gesetzes, doch statt jetzt auch ihrerseits wacker mitzuwirken für das wirkliche Heil und Wohl der Menschheit, glauben sie vielmehr ohne die Begünstigung des Aberglaubens und der Finsternis nicht bestehen zu können, fürchten sie das Vertrauen der Leute zu verlieren, wenn sie Wahrheit sprechen und sich schnöder Unredlichkeit enthalten wollten! ?

Wie wir bereits selbst zugestanden, liegt allerdings ein harter Kampf in der Aufgabe, die einfältigen Leute von ihrem Wahn und ?guten Glauben?, selbst zu ihrem augenscheinlichen Vortheile, zurückbringen zu wollen; allein sollte ein solches Streben des schönen Berufs eines ehrenhaften Apothekers nicht ungleich würdiger sein, als die ?Pietät?, mit welcher man derartigem Aberglauben huldigt?! Unser so schnell und hitzig von den Apothekern aufgenommener Streit ist daher von vornherein vollständig erledigt. Alle diejenigen braven und ehrenwerthen Apotheker nämlich, denen die von uns aufgedeckten Düsterkeiten der Apotheke selbst ein Gräuel sind, die froh und erleichtert aufathmen würden, wenn sie von derlei unredlichem Geschäft befreit wären, sie sämmtlich werden uns freudig zustimmen und froh darüber sein, daß endlich einmal diese Mißstände vor der Allgemeinheit aufgedeckt und dadurch ihre Abhülfe doch mindestens vielleicht ermöglicht worden. Alle übrigen aber mögen uns erst beweisen, daß wir auch nur im Geringsten den Boden der Thatsachen verlassen haben. Ja, sie mögen uns auch nur nachweisen, daß wir durch das Aufdecken dieses Apothekenzopfthums ihr pecuniäres Interesse in bedeutendem Grade gefährden ? während wir doch dem armen leidenden gar manchen sauer erworbenen Pfennig dadurch zu ersparen hoffen dürfen!

Nehmen wir jetzt noch die Reihe der eigentlichen Wunder- und Zaubermittel unseres Volkes kurz durch. Wohlgemerkt verstehen wir darunter nur solche, welche ausschließlich zu mystischen Zwecken gebraucht werden und sich sonst als Heilmittel oder dergleichen keinerlei Anwendung erfreuen. Unter ihnen obenan steht der Teufelsdreck oder Asa foetida. Daß derselbe als ein sehr heilkräftiges Arzneimittel von den Aerzten gebraucht wird, ist wohl allgemein bekannt. Als Volksheilmittel dagegen findet er im rohen Zustande keine andere Verwendung, als zum Räuchern bei Zauber- und Wundercuren. Er wird dann unter den Bezeichnungen Stinkasand, ?Wat vom Schwarten? oder Teufelsdreck gefordert. Hier und da gegen krampfige Leiden einzunehmen, meistens aber auch zum düsteren Gebrauch, wird die Tinctur unter dem Namen Teufelsdrecks-, Stiefelknechts- oder Knoblauchstropfen gekauft. Der menschenfreundliche Apotheker sollte also stets die Leute nach dem Wozu fragen, ihnen den Aberglauben auszureden suchen oder beim Gebrauch als Hausmittel für Menschen oder in der Viehheilkunde nur die Tropfen oder den gereinigten Stinkasand verabreichen. Dieser letztere, der in den beiden genannten Fällen oft zu Klystieren etc. verwandt wird, muß möglichst in der Kälte und in einem Metallmörser sehr fein gepulvert, mit Eigelb angerührt und dann mit der wässerigen Flüssigkeit, Thee oder dergleichen abgequirlt werden. Anders läßt er sich nicht damit vermischen. Um daher nicht den Verlust der sehr heilkräftigen Wirkung zu erleiden, sollte man ihn stets nur von Sachverständigen, am besten in der Apotheke, zubereiten lassen.

Ihm schließen sich der schwarze oder Kreuzkümmel und Schackerell als die gebräuchlichsten Räucherzusätze an. Der erstere, außerdem unter den Namen Kreuzkörner, Teufelskörner und Satanssaat gekauft, ist längst aus den Verzeichnissen sämmtlicher Heilmittellehren gestrichen und dient nur noch dem Moloch des Aberglaubens, um dem Einfältigen sein Geld ans der Tasche zu locken. Die Casearillenrinde wird von den Aerzten in verschiedenartigen Arzneimitteln bei Durchfällen und Magenschwäche verordnet. Als Volksheilmittel findet sie nur selten noch als Fiebermittel Gebrauch, sonst nur zu jenen Teufelsräuchereien. Man fordert sie noch unter den Namen Chakrill, Schakerill, Schikrill, Schabrell und Schakerillenbork.

Ein außerordentlich geschätztes Wunderheilmittel ist der Allermannsharnisch, welcher noch unter den Bezeichnungen ?Adam und Eva?, Erunsih, ?Allermenschenärgerniß?, ?Er und Sie?, ?Kurz und Lang?, Siegmars-, Siegwars-, Sieg- und gemeine Schwertelwurzel sehr häufig gekauft und bei Menschen und Vieh gebraucht wird. Der Apotheker hält dem Volke zuliebe zweierlei: Radices victoriales longae et rotundae, also eine lange und eine runde Wurzel des lilienartigen Gewächses, welche aber aus dem Arzneimittelschatz längst verbannt sind und auch als Haus- oder Volksheilmittel fast keinerlei Gebrauch finden, sondern eben nur zu mystischen Räuchereien, Bähungen etc. dienen. Um des lieben Aberglaubens willen werden sie indeß auch den Menschen und Thieren eingegeben. Außerdem wird ein geheimnißvolles Gemisch von ihnen, nebst mehreren der vorerwähnten, in einem Säckchen im Stall vergraben oder an die Krippe genagelt ? gut gegen Zaubereien allerlei Art.

In außerordentlichem Ansehen steht auch, namentlich bei den unwissenderen Juden, das Dürrwurzkraut. Wie bei dem vorigen Wundermittel ist auch bei ihm von keiner besonderen arzneilichen Wirkung die Rede, und der Apotheker muß es ebenso nur des leidigen Aberglaubens wegen halten und verkaufen. Seine Volksthümlichkeit und seine Anwendung gehen ebenfalls aus seinen zahlreichen Namen hervor; es wird gekauft als Berufungs-, Beschrei-, Glied-, Grind-, Scheer-, Verwasch-, Zielken-, Ziesken-, Zeisig-, Zeischen- und Wergenkraut, Neunkraft, Scharfkräutig und Ziest. Möchte doch endlich, namentlich in Bezng auf diese beiden letzteren durchaus werth- und zwecklosen Stoffe, einmal Aufklärung und Licht in die Massen dringen, damit sie nicht noch immerzu ihr Geld dafür hinauswerfen. Allen Lehrern auf dem Lande sei die Belehrung hierüber vorzugsweise warm und dringend an?s Herz gelegt.

Sehr wichtig, als Mittel des Aberglaubens, ist ferner die Zaunrübenwurzel, auch als Alraun und Alrunke, uralten, mystischen Andenkens gefordert. Sie hat für deu Kaufenden durchaus keinerlei Werth. Die bei Wechselfiebern etc. in Arzneimischungen nur noch selten gebrauchte Nelkenwurzel dient ebenfalls zu argem Mißbrauch, indem sie als Teufelsabbiß- und Benedicterwurzel zu mystischen Zwecken verabreicht wird. Hier und da, aber wohl selten, hält man in den Apotheken auch noch die eigentliche Succisa oder Teufelsabbißwurzel, Morsus diaboli. Daß die jetzt endlich aus dem Arzneimittelschatz gemerzte, weil völlig werthlose Mistel gleichfalls zu Wundercuren dient, ist ziemlich bekannt, weniger aber wohl, daß auch mit dem in der That heilkräftigen Cardobenedictenkraut, unter all den Namen: Gesegnete Distel, Tutzthee, Trutzthee, Bitterdistel, Cardictenkraut, ?Ochs wie Du?, und Cactus pinnititus, viel Unsinn getrieben wird. Wir führen dies nur beiläufig auf, während wir hier fast alle wirklichen Haus- und Arzneimittel sorgfältig fern lassen, um zu zeigen, wie man auch gute Stoffe in Mißbrauch gezogen hat.

Ein höchst gefährliches Wundermittel ist der als Dolldill, Dollsamen, toller Dill und Dulldill geforderte Bilsenkrautsamen. Glücklicher Weise darf er aber nicht verkauft werden; die Liebbaber empfangen daher unschuldigen Dill-, Petersilien- oder anderen Samen. Zur Abwechselung giebt sich der Apotheker auch wohl einmal die Mühe, dem Volksglauben durch ein expreß bereitetes Präparat zu huldigen. Es ist dies ein ekelhaftes Gemisch aus stinkendem Thieröl (Oleum animale foetidum) und Leinöl, das unter den Namen Schwalben-, Schwülken-, Ziegel-, Ziegelstein-, Sehnenzieh-, Brand- und Dichterstein-Oel und sogar unter dem stolzen Namen Oleum Philosophorum verkauft wird. Wenn seine Wirkung auch für die meisten Fälle gleich Null anzuschlagen ist, so wollen wir es doch allenfalls als Volksheilmittel, namentlich in der Thierheilkunde, gelten lassen. Ihm schließt sich das ähnliche Regenwurmöl an, welches unter den Namen Merken-, Melken-, Pirats- und Sproßöl ebenfalls viel geholt wird ? und, früher gewissenhaft aus Regenwürmern dargestellt, jetzt als Gemisch auch weiter keinen Zweck hat. Beide könnten füglich aus den Apotheken endlich fortbleiben.

Das unschuldige Wolverleikraut, dessen Blumen (Arnica) von so unschätzbarer Wirkung in vielen Krankheiten sind, muß leider dem Schwindel und Aberglauben als Brenn-, Fall-, Fruen-, Gemsen-, Melk-, Stich-, Scharbocks-, Fahlenpfots- und Wulverlingskraut und Fohlenfüße ebenfalls dienen. Auf die größtentheils unheimlichen, sämmtlich fast nur für Wundercuren dienenden Namen Knoblauchskraut, Lachenkraut, Peters-, Läuse-, Bathenzel- Kraut, Marienblätter und dergleichen ? verabreicht der gute Apotheker häufig genug erklärlicher Weise was ihm gerade zur Hand ist. Viel geheimer, oft recht schauerlicher Unsinn wird dann noch mit der auch als Arzneimittel geschätzten Johanniswurzel (Wurmfarrnwurzel) getrieben, sowie auch mit der nicht mehr im gesetzlichen Arzneimittelschatz befindlichen, dagegen zu Pferdepulvern etc. vielfach gebrauchten Meisterwurzel. Beide werden abwechselnd auch als Teufelsklau, Pestilenzwurzel und Türkenblut gefordert. Den Beschluß in dieser würdigen Reihe macht das Sepienbein, welches als Walfischschuppen, Tintenfischbein, Seeschaum und Blackfischbein gekauft und zu allerhand schwer zu ergründenden Heilzwecken (außerdem aber auch zu industriellem Gebrauch) verwendet wird. Daß die Apotheker nun außerdem noch ?Elephantenläuse? - (Anacardiae ? ?Drachenzähne? ? Päonienkörner ?, Krebssteine ? Lapides Cancrorum ? und den berüchtigten Stinktmarin ? Stincus marinus, eine in Lavendelblüthen aufbewahrte Eidechse, ? gleichsam aus Gutmüthigkeit vorräthig halten und ihren curiosen Liebhabern verkaufen, das müssen wir ihnen jedenfalls noch hoch aufnehmen.

Diejenigen von ihnen aber, die sich durch diese Darlegungen wiederum gekränkt fühlen sollten, fragen wir: Hand auf?s Herz! Ihr Herren, ist in allediesem die geringste Unwahrheit? Und noch mehr: wie lange ist?s denn her, daß Ihr noch Mumie ? Mumia vera ? verkauftet als Armsünderfleisch, Armsünderpulver, ?Mummi und Puppi?, ?Schwarte Ehr? und ?Galgentheil?, ? ferner Kälberlunge und Kälberblut - Pulmonium und Sanguis hirci, als Wolfs-, Bären-, Fuchs- etc. Lungen, respective Blut ? und vielerlei dergleichen ekelhaftes und unsinniges Zeug sehr bereitwillig verkauftet? Oder habt Ihr am Ende (natürlich nur um das Vertrauen der Leute nicht zu verlieren) das Alles nicht noch in den Apotheken?!

Carl Ruß.



  1. ? Siehe dessen Commentar zur preußischen Pharmakopoe.

3. Was gar nicht existirt ? und doch verkauft wird.

Niemand kann es bestreiten, daß eine Apotheke die Heimstätte manigfachen Schwindels ist. Wenn ein anderer Kaufmann ? und als solchen müssen wir den Apotheker doch immerhin betrachten ? uns etwas Falsches oder Gefälschtes verabreicht, wie z.B. statt Rindsmarkpomade nur gefärbtes und parfümirtes Schweineschmalz, statt Klauenfett nur Baumöl giebt etc., so können wir dann ohne Zweifel gegen ihn klagbar werden, ihn wohl gar wegen Betrugs zur Rechenschaft ziehen lassen. Dies ist aber keineswegs mit dem Apotheker der Fall; er verkauft tagtäglich eine große Menge von Stoffen ? die er gar nicht mehr in der Apotheke fuhrt, bei ihm ist der Schwindel also gleichsam ein gesetzlich privilegirter. Dies geschieht ganz einfach in der Weise, daß er die Käufer ausfragt: wozu, gegen welche Uebel sie dies oder jenes Mittel, das sie fordern, gebrauchen wollen, und ihnen dann nach eigenem Gutdünken oder meinetwegen nach seinen etwaigen medicinischen Kenntnissen etwas beliebiges Aehnliches, dahin Wirkendes, nicht etwa als Ersatz dafür, sondern als das Erlangte selbst verabreicht.

Treten wir in eine Apotheke, um dies Geschäft einmal in seiner Wirklichkeit zu betrachten. Es versteht sich von selbst, daß wir hier nicht von jeder Apotheke ohne Ausnahme sprechen können ? allein in wie vielen Apotheken diese Art von Geschäft alltäglich vor sich geht, davon können sich die Leser leicht selbst überzeugen.

Ein altes Mütterchen wünscht Aalbeeren oder Aalbesinge; sie braut daraus ein Wunderträutlein gegen Gicht, Gliederreißen und dergleichen. Man hielt früher die sogenannten schwarzen Johannisbeeren (Ribes nigrum Lin.) in den Apotheken, welche außer mit den beiden obigen Namen auch noch als Ahl- oder Gichtbeeren vielfach gekauft wurden. Jetzt ist man aufgeklärter geworden; man weiß, daß die (übrigens ekelhaft nach Wanzen riechenden) schwarzen Johannisbeeren ein unwirksames, mindestens überflüssiges Arzneimittel sind, und hat sie daher längst aus den Apotheken verbannt. Allein verabreichen, verkaufen muß man die Aalbesinge doch, wie würde es sonst um das Vertrauen des Publicums aussehen?! ? Man giebt daher getrocknete Blau- oder Fliederbeeren. Die alte Frau kennt und schätzt ihre geliebten, ?wunderwirkenden? Aalbeeren viel zu sehr, um den ihr gespielten Betrug nicht zu merken, allein was soll sie machen? Sie schleicht seufzend davon, seufzend und murrend darüber, daß man jetzt auch beinahe nichts mehr ?echt? in den Apotheken bekommen kann.

In dieser Weise wollen wir jetzt das Verzeichnis vieler Volksheilmittel einmal durchnehmen, um die Leser vor den Selbst- und fremden Täuschungen in Betreff einer großen Menge von sogenannten Arzneien warnen zu können. Alle die sogenannten ?obsoleten?, d.h. veralteten und in den gesetzlichen Arzneimittellehren bereits gestrichenen, aber doch noch zum Verkauf in den Apotheken vorräthig gehaltenen Gegenstände, lassen wir vorläufig bei Seite; wir gehen nur auf die näher ein, welche in Wirklichkeit nicht mehr existiren, also von vornherein fälschlich verkauft werden. Uebrigens ist die Uebervortheilung armer und unwissender Leute hierin viel bedeutender, als man für gewöhnlich annehmen mag. Eine Tabelle alles Dessen, was gar nicht vorhanden ist und doch alltäglich und allstündlich, und nicht blos von den dümmsten und unwissendsten, sondern leider auch noch oft genug von den sogenannten gebildeten Leuten für schweres Geld eingekauft wird, sollte daher eigentlich in jeder Dorfschuule, in jedem Gasthofe, ja in jeder Schul- und Familienstube zur Warnung ausgehängt werden.[1]

Jener curiose Liebhaber wünscht Apfelblüthen (zum blutreinigenden Thee); er erhält dafür weiße Akazien-, oder rothe Granatblüthen. Man muß zugestehen, daß der Apotheker hiermit in der That ein Opfer bringt, indem er diese beiden, ebenfalls längst obsoleten Blüthen noch vorräthig hält ? wenn er nämlich statt dieser Ersatzmittel nicht etwa noch andere, billigere Ersatzmittelchen anzuwenden weiß. Als Alfrankenschalen giebt?s zerkleinerte Pomeranzenschalen, als ?Allerlei Gewürz? meistens blos gröblich zerstoßene Englischgewürzkörner. Dann verlangt Jemand Anisschwamm, als welcher ihm Lärchenschwamm oder wohl gar ein etwas angedufteter Feuerschwamm verabreicht wird. Er braucht ihn gegen Brustbeschwerden ? nun, wohl bekomm?s! Apfelsalbe hält man jedenfalls für eine recht milde, aus Apfelsaft oder Apfelmus bereitete Einreibung; jawohl, man empfängt gewöhnliche Wachs- oder sogenannte Rosensalbe, unter Umständen auch wohl bloßes, gelblichgefärbtes Schweineschmalz.

Attichwurzel wird auch unter dem Namen Cermelwurzel gefordert und gegen Harn- und andere Beschwerden gebraucht; früher hielt man für die zahlreichen Liebhaber wirklich die Wurzel dieses Flieders vorräthig, jetzt giebt man statt dessen die Eberwurz ? Carlina ? oder auch wohl beliebiges anderes Wurzelwerk. Es wird Augenthee gefordert und Huflattichblätter ? Farfara ? werden verabfolgt; inwiefern die Wirkung dieses sehr dienlichen Husten- und Brustbeschwerden-Heilmittels sich auch auf die Leiden des Auges erstrecken kann, darüber wagen wir kein Urtheil abzugeben. Als Bachbungen verabreichte man früher in Wirklichkeit jenen bekannten Ehrenpreis ? Veronica Beccabunga ?; jetzt werden sie noch wohl verkauft, doch niemals mehr eingesammelt. Auch Bärenklau und Bärenkraut hatte man früher als ein wirkliches Etwas in den Apotheken; jetzt giebt man statt ihrer, sowie auf die Namen Buchsbaum-, Buxbaum-, Sandbeer-, Preißel- auch Breißelbeerblätter und -Kraut ganz einfach Bärentraubenblätter ? Uva ursi ? oder auch beliebiges anderes Kraut- und Blätterwerk. Baummoos könnten sich die Leute wohl selbst einsammeln, wenn sie?s durchaus als Arznei gebrauchen wollen; allein sie müssen es ja aus der Apotheke holen und erhalten dort irgend ein handliches Ersatzmittel. Berbeeren, Beritzen, Rhabarberbeeren nennt man die zum Abführen gebrauchten Berberitzen, statt deren die Käufer jetzt meistens Heidel- oder Fliederbeeren erhalten, welche bekanntlich jener Wirkung keineswegs entsprechen. Als Bergkümmel muß der Dillsamenvorrath der Hausfrau herhalten ? zwei Quentchen für einen Sechser, wovon das ganze Pfund nur wenige Groschen kostet! Statt Bettramblumen ? Pyrethrum, die Matterpflanze des Insectenpulvers ? giebt?s in den meisten Apotheken römische Camillen. Für Bisamkörner ? früher Semen Abelmoschi ? erhält man jetzt grobgestoßene Gewürzkörner oder dergleichen. Als Bisamstorchschnabel ? ein Geranium ? wird irgend ein beliebiges, mit einem Gedanken von Moschus angeduftetes Kraut gegeben.

Wir müssen hier die Leser auf einen Umstand aufmerksam machen, der leicht die Ursache zu einem Mißverständniß werden könnte. Wenn wir nämlich bei zahlreichen Beispielen immer auf den Gegensatz des Früher zum Jetzt hingewiesen, so wolle man daraus keineswegs den Schluß ziehen, daß wir etwa die ganze Fülle der alten ausrangirten Arznei- und Volksheilmittel früherer Zeiten wieder in die Apotheken zurückwünschen. Nein, im Gegentheil, auch wir erachten es als ein wahres Glück für das Wohl der Menschheit, daß dieser Wust und dies Zopfthum mindestens zum größten Theile bereits hinabgeschwunden und verbannt sind. Allein wenn in Wirklichkeit das Licht der Aufklärung und Wahrheit hier, wie auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, immer höhere Erfolge erringt, immer größere Siege feiert ? ist es dann nicht ein Frevel, diese Wohlthaten andern Menschen absichtlich vorenthalten, sie im Irrthum erhalten zu wollen, um sie ausdeuten zu können? Das ist, ohne Uebertreibung, in diesem Falle das Verhältniß des Apothekers dem Publicum gegenüber. Oder sollte man wirklich glauben wollen, daß der Apotheker in der Achtung der Menschen sinken oder ihr Zutrauen einbüßen würde, wenn er ihnen offen und ehrlich die Wahrheit sagte? Doch weiter.

Statt Bruchkraut, welchen noch oft genug gefordert wird, giebt man feingeschnittenes Bärlappkraut. Mindestens ist das erstere ? Herniaria ? in keinem Preisverzeichniß der Droguisten, also auch wohl in keiner Apotheke so leicht mehr zu finden. Das Ersatzmittel aber, von dem Dr. Mohr sagt: ?Ich habe noch von Niemandem erfahren können, wozu dieser Körper in der Heilkunst nutzbar wäre; Oekonomen versicherten, man könne ihn als Pferdestreu gebrauchen,? wird auch noch als Harnkraut, Schlangenmoos, Sautanne und Teufelsklau vielfach gekauft und in mystischer Weise gegen allerhand Krankheiten gebraucht. Das Kraut der Brunnenkresse wird als Volksheilmittel, mit Milch abgekocht, gegen Brustwassersucht, gegen Scorbut und zur Salbe gegen den Milchschorf der Kinder angewandt. Dennoch hat es jetzt wohl kein einziger Apotheker mehr vorräthig, weil es längst ausgemerzt ist. Aber in jeder Apotheke wird es wohl zu erhalten sein ? man versuche es nur!

Ihnen schließen sich eine Anzahl von Volksheilmitteln an, welche nur noch eine sprachliche Bedeutung haben: ?Fette Henne?, Fiebermoos, Finger- und Fünffingerkraut, Fünfblatt, Gänsefuß, Gänserich, Glaskraut, Hasenklee, Hühnernessel, Kälberkropf, Kachinkawurzel, Canarienholz, Körbelkraut, Kratzel- und Rahmbeeren, Lab-, Läuse-, Lebens- und Peterskraut, Mauseöhrchen, Meer- und Seebohnen, Meerhirse, Nesselblüthe, Ohnblatt, Osterblumen, Parakresse und deren Tinctur, Stechlaub, Stechpalmenblätter, Steinsamen, Stempelienöl, Theriakwurzel, Todtenbein, Wassericht, Wasserkresse, Wegetritt und Wegwart. Sie werden sämmtlich noch, wenn auch seltener, gekauft und gegen diese oder jene Uebel gläubig gebraucht; da sich aber an sie gar keine bestimmten Begriffe mehr knüpfen, so ist die Wahl passender Ersatzmittel völlig dem Ermessen und Belieben des Apothekers überlassen. Daß sie in alter Zeit dennoch sämmtlich thatsächlich vorhanden waren, braucht kaum hinzugefügt werden.

Etwas Anderes ist?s mit den folgenden; für sie stehen die Ersatzmittel mindestens so ziemlich allgemein fest. Als Grasspiritus durch Theriakgeist erhält man zusammengesetzten Angelicaspiritus, als Hasensprung präparirte Austerschalen; Hauswurzelsaft ? Rosenhonig; Hederichsaft ? Altheesyrup; Hypocistensaft ? Vogelbeermus; Johannisblumen ? Frühlingsprimelchen; Canarienholz ? weißes Sandel- oder Wachholderholz; Karmelitergeist und -Wasser ? Kölnisch Wasser oder Melissenspiritus; Kornblumenwasser ? gemischtes Rosenwasser; Kropfschwamm ? kleine Schwammfetzen; Lilien- und Lilen-, auch Lindenbaum- und Mai-Oel ? weißes Baum- oder Provenceröl; Lindenkohle ? Kohlenpulver, ob von Buchen, Eichen, Fichten etc. ist thatsächlich sehr gleichgültig; Nachtschattenöl, auch Ritterspornöl ? gekochtes Bilsenkrautöl; Nachtschattenwasser, auch Roggenblüthenwasser ? Fliederwasser; Nußöl ? Mohnöl; rothe Ochsenzunge ? Alcannawurzel; Osterluzeiwasser ? aromatisches Wasser; Ostritz- und Ostritschenwurzel ? Meisterwurzel; Pfaffenröhrlein und Pfefferröslein ? Löwenzahnkraut, das sich Jeder leicht selbst sammeln könnte; Polnischer Hafer, Polsken Hafer und Rautensamenpulver ? Mutterkümmelsamen, im letztern Falle gepulvert; Rettigtropfen ? Löfselkrautspiritus; Rußnußöl ? Petroleum; Scharbockskraut ? Wolverleikraut; Scharpion- und Scorpionöl ? Lein- oder Provenceröl, in dem ein Stückchen von einem Ohrwurm (früher Scorpion) liegen muß, Storchenfalbe ? unser liebes bekanntes Schmalz; Schwalbenwasser ? Fenchelwasser.

Dies Alles ? noch einmal sei ganz besonders Gewicht auf diese Wahrheit gelegt ? existirt also sammt und sonders in Wirklichkeit gar nicht mehr in den Apotheken, das Geld dafür ist daher weggeworfen. Außerdem giebt es noch eine außerordentlich bedeutende Anzahl von Arzneimitteln der mannigfachsten Art, welche, nach gewissenhafter Prüfung der betreffenden Behörden, als wirkungslos oder doch überflüssig aus dem gesetzlichen Arzneimittelschatz ausgemerzt worden sind, die sich aber als Haus- und Volksheilmittel noch allenthalben erhalten haben. Auf dieselben, welche der Apotheker nur noch gleichsam dem Volke zu Gefallen führt, kommen wir ebenfalls zu sprechen.

In Betreff der Ersatzmittel für die oben angeführten Stoffe sei noch Einiges bemerkt. Es steht fest, daß der Apotheker unter allen jenen Namen den unwissenden Leuten gerade das in die Hand drücken kann, was er will. Mit den Kräutern, welche sein zerschnitten oder gar gestoßen werden, sowie mit vielerlei anderen Gegenständen, welche die Zubereitung unkenntlich macht, ist dies ja auch so leicht. Als Beispiel hierfür wollen wir nur noch einige Thatsachen hervorheben. Der gemeine Hederich, dessen unschuldiges Kräutlein früher unter dem Namen Herba Herderae als Arzneimittel gebraucht wurde, jetzt aber bereits längst als durchaus wirkungslos aus den Pharmakopöen gestrichen ist, wird dennoch alljährlich von den Apothekern in großen Massen aufgekauft. Getrocknet, feingeschnitten und gesiebt geht das gute Kraut wohlgemuth unter folgenden Namen in die Welt: Bingelkraut, Braunelle, Brennnessel, Edel-, Eisen-, Finger-, Fünffinger-, Gänsekraut, Gänsefuß, Gänserich, Gottesheil, Gundermann, Gundelrebe, Fünfblatt, Nessel-, Sannickel-, Saunickel-, Taschen- und Todtenkraut, Osterblume, Udram und Utram, und wenn ein guter Kunde zufällig alle diese zweiundzwanzig und noch verschiedene ähnliche Namen dazu fordert, so erhält er zweiundzwanzig, resp. noch mehr saubere, niedliche Tütchen mit ebensovielmal einem Pröbchen von demselben Kraut gefüllt. Für diese Bemühung muß er freilich eine verhältnißmäßig recht erkleckliche Summe bezahlen; dafür trinkt er aber auch seinen zweiundzwanzigfach heilsamen Thee ? und der Himmel wird schon helfen!

Aehnlicher Weise werden eine ganze Reihe der gewöhnlichsten und möglichst billigen ? Kräuter mit großem Erfolge (für den Apotheker nämlich) benützt. Das allerwärts aus dem Sande wuchernde liebliche Feldthymiankraut wird als: Feldpolei, Lab-, Feldkümmel-Kraut, Marienbcttstroh, ?Unserer lieben Frauen Bettstroh? und Quendel verabreicht. Auch das Stiefmütterchenkraut muß als Dreifaltigkeits- und Freisamkraut, Tausendschön u. s. w. herhalten. In dieser Weise könnten wir noch eine große Anzahl von unseren einheimischen Kräutern herzählen, für welche die Armuth in blindein Wahn ihr sauer erworbenes Geld fortwirkt, während sie mit geringer Mühe sie sich selbst einsammeln könnte.

Wenn nun aber bereits nach diesen Darlegungen jeder denkende Mann und Menschenfreund mit Entrüstung und Abscheu diesem Treiben gegenüber erfüllt werden muß, um wie viel mehr wird dies noch der Fall sein, wenn er hört, daß in den Apotheken noch alltäglich als Graswasser, Tremfeeblumenwasser u. s. w. gewöhnliches destillirtes Wasser, als Canarien-, Vermächtniß- etc. Zucker gewöhnliches Zuckerpulver verabfolgt wird, daß man, um nur für die imaginären Namen: flüssiges Altelor-, Cager-, Durchwachs-, Glieder-, Litt-, Nerven-, Schwülken-, Recksehnen-, Riew-, Schwalben-, Upstochs- Upstocks-, Verlheilungs- etc. Oel einen Gegenstand zu haben, expreß bloßes, gewöhnliches Brenn- oder Rüböl gnün färbt ? und daß man dies Alles thut, ?natürlich nur um das Vertrauen des Publicums sich zu erhalten?, nebenbei freilich wohl auch, um ein wenig reich zu werden.

Wenn man dabei aber bedenkt, daß dies entsetzliche Unrecht fast ausschließlich nur den ärmsten und leidenden, also bedauernswerthesten Theil der Menschheit trifft, dann wird man hoffentlich unser Beginnen, dem mittelalterlichen Zopfthum der privilegirten Apothekerei einen Fetzen nach dem andern kaltblütig herabzureißen, nicht mit ungünstigen Augen ansehen. Möchten wir auch nur entfernt ähnliche Erfolge erreichen, wie Dr. Bock auf dem verwandten Gebiete sie so reich gewonnen hat, welche unermeßliche Fülle des Segens könnte ihnen dann folgen!

Carl Ruß.

  1. ? Möge vorläufig die ?Gartenlaube? diesen Zweck erfüllen!

4. Das Quecksilber und seine Salben als Volksheilmittel.

Mit achtundsechszig Briefen bin ich von den Herren Apothekern in Folge der ersten drei ?Ausplaudereien? beehrt, erfreut und zum Theil insultirt worden. Sonderbarer Weise hat aber die große Mehrzahl aller dieser Herren meine Ausführungen als persönliche, gegen sie und ?ihren Stand? gerichtete, natürlich höchst ungerechte Angriffe aufgefaßt. Ja, man ist soweit gegangen, mich zu beschuldigen, daß ich im Solde eines Geheimmittelkrämers stehe, ohne zu bedenken, daß ich doch seit einer Reihe von Jahren bereits unermüdlich und in zahlreichen Schriften gegen den Geheimmittelschwindel angekämpft und namentlich in meinem Buche ?Naturwissenschaftliche Blicke in?s tägliche Leben? Aufklärungen über die Geheimmittel in die Familien zu bringen gesucht, also mindestens indirect für den Vortheil der Apotheker gewirkt habe. Fast ohne Ausnahme legen die Apotheker darauf Gewicht, daß sie bei der immer mehr zunehmenden Bedrängniß und Misere ihres Gewerbes gar nicht anders können, als den Verkauf jener Gegenstände auszuüben oder ihm doch den Willen zu lassen; damit sehen sie meine Darlegungen natürlich als Schädigung ihrer Interessen an. Hiergegen protestire ich ganz entschieden: denn, sobald die Leute nicht mehr Werthloses und Ueberflüssiges kaufen, holen sie dafür wirksame Heilmittel und in jedem Falle müssen sie dennoch zu dem Apotheker ihre Zuflucht nehmen. Verluste entstehen den Apothekern also nimmermehr ? wohl aber den Armen wesentliche Ersparungen bei wirklicher Abhülfe ihrer Leiden.

Ferner klammern sich fast sämmtliche Erwiderungen der Apotheker mit wahrhaft krampfhaftem Triumph und Ingrimm an die ?Unrichtigkeiten? in meinen Artikeln; mindestens, so behaupten sie jederzeit den eclatantesten Angaben gegenüber, sei in ihren Apotheken dergleichen unerhört. Auch hat man mich kategorisch ?zum Beweisen? meiner Aufstellungen aufgefordert. Ich muß hiermit gern zugeben, daß theils in Provinzialismen, theils in einseitiger Auffassung einiges Unrichtige und nicht allgemein Gültige sich darin befindet; allein Niemand wird die Behauptung wagen wollen, daß diese Aufklärungen im Ganzen nicht durchaus richtig seien. Im Uebrigen habe ich in ihnen ja mehrfach an das Publicum appellirt: man möge sich von den Thatsachen, ob dieser oder jener alte Unrath in den Apotheken noch verkauft werde oder nicht, durch Versuche doch selbst überzeugen! Freilich erwidert man, daß jeder dieser Stoffe doch ?noch irgend eine Wirkung? habe, doch noch für irgend einen Zweck zu brauchen sei, und ein Apotheker hatte eine bogenlange Erörterung eingeschickt, in der er die heilkräftigen Wirkungen von Schachtelhalm, Bärlappkraut, Wolfslunge, Mumie etc. auf das Gewissenhafteste erläuterte. Selbstverständlich liegt ja aber einer der Hauptzwecke der ?Ausplaudereien? gerade darin, das Publicum von den Ausgaben für solche werthlose oder mindestens überflüssige Stoffe zurückzuhalten.

Auch alle übrigen ?Erwiderungen? und ?Erklärungen? der Apotheker haben ohne Ausnahme am Ziele vorbeigeschossen. Entweder ergehen sie sich in Lamentationen über die derzeitige Misere des Geschäfts und das Unrecht, welches ihnen angethan wird, oder sie geben theils recht wissenschaftliche Ehrenrettungen der von mir geschmähten und gebrandmarkten, ihnen allerdings theuren alten Arzneistoffe, oder schließlich sie ergießen sich in bitterbösen Aergerausbrüchen über den ?Literaten, der nichts davon versteht?, ohne zu bedenken, daß es doch wohl ein Fachmann geschrieben haben müsse. Wenn unter den zahlreichen ?Erwiderungen? eine einzige Abhandlung gewesen wäre, welche die in den drei ersten ?Ausplaudereien? aufgestellten Thatsachen Punkt für Punkt wirklich thatsächlich hätte widerlegen oder auch nur commentiren können, so würde dieselbe wahrlich sofort in der Gartenlaube abgedruckt sein.

Wenn aber andere, jedenfalls recht tüchtige und menschenfreundliche Apotheker einwenden, daß meine Ausführungen doch nichts nützen könnten, mindestens also überflüssig seien, so muß ich allerdings zugeben, daß ?mit der Dummheit, die sich nicht belehren lassen will, selbst die Götter vergebens kämpfen?, und daß ebenso derartige Aufklärungen und Wahrheiten in die ihrer vorzugsweise bedürftige große Menge freilich kaum oder doch nur sehr spärlich dringen. Doch Niemand wird es bestreiten können, daß auch in den Kreisen der ?Gebildeten? nur zu viele und beklagenswerthe derartige Düsterkeiten noch herrschen. Und wenn nun von den Hunderttausenden der Gartenlaubenleser nur der hundertste Theil meine Aufklärungen gelesen, von ihnen aber wiederum nur ein Zehntel sie beherzigt und in die große Masse zu tragen gesucht, dann dürften meine Artikel völlig ihren Zweck erreicht haben und ihre Resultate wahrlich als befriedigende erachtet werden.

Gern erkläre ich noch, daß ich den Stand der Apotheker hoch achte und für einen viel zu wichtigen halte, als daß ich zu seinen leider hier und da ohnehin schon sehr großen Bedrängnissen irgendwie beitragen möchte. Man wolle es doch ja nicht außer Augen setzen, sondern stets von vornherein beachten: daß ich nur für das Publicum und nicht etwa gegen die Apotheker zu schreiben beabsichtige. In den obigen Auseinandersetzungen glaubte ich meinen Standpunkt und meine Absichten darlegen zu müssen, damit über dieselben sowohl das Publicum, als die Apotheker völlig im Klaren seien, bevor ich in meinen ?Ausplaudereien? fortfahren kann. ?

Es giebt einige menschliche Leiden, bei denen der davon Heimgesuchte noch obendrein der Schande und Verachtung seiner Mitmenschen anheimfällt. Dies sind namentlich die sogenannten Schmutzkrankheiten. In ihrer Heilung, oder richtiger den gegen sie angewandten Mitteln, liegt aber zugleich eine außerordentlich große Gefahr für die Gesundheit und wohl gar für das Leben dieser Patienten. Dies bezieht sich auf die Quecksilber-Salben und sonstigen Präparate, welche gegen die den Menschenkörper äußerlich heimsuchenden Parasiten gebraucht werden.

Das gefährlichste von diesen Mitteln ist eine Salbe, welche aus salpetersaurem Quecksilberoxyd und Fett besteht und die gegen jene scheußlichen, winzigen Milben gebraucht wird, die in die menschliche Haut sich einnisten und den verächtlichen Ausschlag Krätze hervorbringen. Leider nur zu populär ist dies Mittel, das bezeugen seine zahlreichen Namen: Citronen-, Glogauer-, harte Krätz-, Lauk?sche, Niteröl- und Scheidewasser-Salbe, Jungfernfett etc., während es bekanntlich auch noch andere Krätzsalben unter fast unzähligen weiteren Namen giebt.

Diese gelbe Quecksilbersalbe, wie sie am richtigsten genannt wird, bereitet die Pharmacie, indem sie einen Theil Quecksilber in zwei Theilen reiner Salpetersäure durch Erhitzen auflöst, mit zwölf Theilen geschmolzenem Schweinefett vermischt und in Papierkapseln ausgießt. Die Salbe bildet gelbe Tafeln. Nur zu oft bereiten sich die Landleute dies Mittel selbst, entweder aber gelingt die Zubereitung nicht, oder sie machen die Salbe zu stark und in beiden Fällen kann eine große Gefahr entstehen. Unseres Erachtens sollte selbst in den Apotheken der Verkauf dieser Quecksilbersalbe nur unter den für sehr heftig wirkende Stoffe eingeführten gesetzlichen Beschränkungen gestattet sein. Vor der Selbstbereitung der Salbe aber sollte allenthalben recht ernstlich gewarnt werden. Wohl jedem Apotheker und Arzte sind bereits hier und da durch diese Salbe vorgekommene Unglücksfälle bekannt geworden. Namentlich bei Kindern, Frauen und andern Personen mit zarter Haut können durch ihre Einwirkungen Entzündungen, große, entsetzliche Wunden, wohl gar mit brandigem, tödtlichem Ausgang, hervorgebracht werden. Die Salpetersäure, ?Scheidewasser? und auch das metallische Quecksilber sind ja bekanntlich fast überall in den Apotheken zu haben; wenn wir nun hiermit ein gesetzliches Verbot Beider auch wohl schwerlich zu provociren vermögen, so sei es doch allen Apothekern an das Herz gelegt: um der Menschlichkeit willen die Landleute, welche die gelbe Quecksilbersalbe sich selbst bereiten wollen, dringend zu warnen oder ihnen die Ingredienzien lieber gar nicht zu verkaufen! Namentlich aber seien die Gutsbesitzer und Lehrer auf dem Lande auf diesen übeln Gast in armer Hütte aufmerksam gemacht, um ihm durch Belehrung und Aufklärung möglichst entgegenzutreten und so alljährlich sich wiederholende zahlreiche Unglücksfälle abzuwenden.

Auch die graue Quecksilbersalbe, welche aus nur mechanisch mit Fett zerriebenem, metallischem Quecksilber besteht, ist als Volksheilmittel gefährlich. In ihrer kräftigsten Zusammensetzung ist sie für die ärztliche Praxis sehr heilkräftig. Sie ist dann aber, als Unguetum Hydrargyri cinereum, bestehend aus sechs Theilen gereinigtem Quecksilber, vier Theilen Talg und acht Theilen Schweinefett, von so energischer Wirkung, daß sie ohne ärztliche Verordnung nicht verabreicht werden darf. Bedeutend verdünnt, d. h. mit alten und schlechten Fetten vermischt, ist sie die Läusesalbe des Handverkaufs in den Apotheken. Ihre Popularität als solche ist eine ungeheuere, wofür uns wieder ihre Namen zeugen: graue, Grind-, Kuckuks-, Material-, Mercurial-, Papageien-, zugerichtete Quecksilber-, Räuber-, Reiter- und Soldatensalbe, Annepotanne, blauer Umwand, Klokkenkling etc. In manchen Apotheken werden zu ihrer Bereitung noch verschiedene andere Stoffe, grüne Seife, mancherlei vegetabilische Pulver etc. gebraucht; auch wird sie ganz ohne Quecksilber (als Unguentium Pediculorum), blos aus Fett mit scharfen, den Parasiten schädlichen Pflanzenstoffen hergestellt. Wenn aber in einigen Apotheken, seiner Gefährlichkeit und des etwaigen Mißbrauchs wegen, das Quecksilber ganz fortgelassen, das bloße Fett mit Graphit graugefärbt und dann als Quecksilber- oder Läusesalbe verkauft wird, so ist die menschenfreundliche Absicht wohl anzuerkennen, allein dies ?Geschäft? doch keineswegs zu billigen, denn die armen, unwissenden Landleute erhalten wiederum für ihr sauer erworbenes Geld etwas durchaus Werthloses. Als vorzüglichstes Mittel gegen alle Parasiten, zu deren Bekriegung, respective Heilung der durch sie verursachten Hautausschläge man die vorstehenden beiden Quecksilbersalben gebraucht, hat sich, nebenbei bemerkt, neuerdings das Petroleum, als Einreibung an und für sich oder mit Fett zur Salbe bereitet, gezeigt, und dabei ist die Verwendung desselben zugleich durchaus gefahrlos.

Ebenfalls gegen die Krätze, doch auch zu anderen Zwecken wird auch die weiße Quecksilbersalbe häufig gebraucht und unter den Namen: Gliedergrind-, Handteller-, weiße Krätz-, weiße Nies-, Officier-, weiße Präcipitat-, weiße Principal- und weiße Schebsalbe, Champon, zugerichtetes Kupfer und weißer Scholajak gekauft. Da das in ihr enthaltene Quecksilberchloramid ein äußerst gefährlicher Stoff ist, so sollte sie im Handverkauf eigentlich ebenfalls gar nicht verabreicht werden.

Ungleich weniger bedenklich ist die rothe Quecksilbersalbe, welche bei vielen Wunden, sowie als Augensalbe für ein treffliches Haus- und Volksheilmittel gehalten werden kann. Auch gegen jene Parasiten wird sie hin und wieder gebraucht. Ihr gegenüber ist zu bemerken, daß man sie nur unter einem Namen kaufen wolle und nicht unter den folgenden, etwa mehrmals als verschiedene Mittel: rother Augenbalsam, St. Yve?s Augenbalsam, rothe Augensalbe, rothe Kopf-, rothe Präcipitat-, Principal-, Potes-Salbe und ?Frevelthat?.

Andere Quecksilbersalben kommen als Volksheilmittel nicht in Betracht. Dagegen sei es uns vergönnt, jetzt das metallische Quecksilber selbst als solches zu beleuchten. Mit wahrhaft unbegreiflichem Leichtsinn gestattet die polizeiliche Gesetzgebung, die sonst doch so gern bevormundet, allenthalben den Verkauf von metallischem Quecksilber und die Landleute kaufen dasselbe, wie man sich leicht überzeugen kann, überall sehr fleißig aus den Apotheken, wo es in Federposen, mit Baumwachs verschlossen, verabfolgt wird. Außer den in der gelben Quecksilbersalbe, sowie in der Läusesalbe, sofern die Leute auch die letztere sich selbst zu bereiten verstehen, verborgenen, wahrlich nicht zu übersehenden Gefahren, liegt auch eine solche bereits von vornherein in der Handhabung des metallischen Quecksilbers. Wir führen das Folgende aus Dr. Hager?s Commentar zur preußischen Pharmacopöe hier an: ?Das Quecksilber bildet einen farblosen Dampf und verdunstet schon bei gewöhnlicher Temperatur, wovon man sich überzeugen kann, wenn man eine Goldmünze über Quecksilber, welches sich in einer Flasche befindet, aufhängt. Das Gold überzieht sich nach einiger Zeit mit einer weißen Quecksilberhaut. Es erfordert beim Abwägen alle Vorsicht, weil es eine leichtbewegliche und zugleich schwere Flüssigkeit ist. Ueberhaupt sollte man mit Quecksilber nicht im Dispensirlocal oder gar in einem Wohnzimmer arbeiten. Das Metall, welches auf die Erde verschüttet wird, ist verloren und läßt sich nicht wieder aufsammeln, kann aber durch seine Verdunstung sehr nachtheilig auf die Gesundheit einwirken. Fühl- und sichtbare Zeichen dieser Einwirkung sind bleiches, kachektisches Aussehen, Schwindel, Eingenommenheit des Kopfes, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, Entzündung und Anschwellung der Drüsen, Speichelfluß, Zittern der Glieder, Engbrüstigkeit, Lähmung, Schlagfluß. Die Einwirkung ist langsam schleichend. Beim unvorsichtigen innerlichen und selbst äußerlichen Gebrauch des Quecksilbers und seiner Präparate (selbstverständlich auch der Salben) tritt später oder früher Mercurialvergiftung ein, von welcher der Speichelfluß nur ein Theilsymptom ist.? Bedenken wir nun aber, daß beim Zubereiten der Quecksilbersalben, für die Menschen oder das Vieh, in großen Massen, so manche Federpose voll zur Erde fällt und daß die kleinsten Kinder der Landleute dann die ganzen Tage auf dem Boden umherkriechen und den unheilvollen Dunst einathmen, wie wünschenswerth muß uns dann eine entschiedene Verbannung desselben aus dem Hausgebrauchs erscheinen! Ja, eine einzige Federpose voll, die durch Ungeschicklichkeit vergossen wird und in die Ritzen sich verläuft, kann auf die Jüngsten des Bauernhauses schon sehr schädlich einwirken. Darum wolle man also die derartigen Salben jederzeit, für Menschen aus Fett und für die Hausthiere aus grüner Seife, nur mit Petroleum sich herstellen. Noch wirksamer gegen die Parasiten ist bekanntlich die Insectenpulvertinctur, ein Auszug jenes Pulvers mit drei Theilen Spiritus und einem Theil Wasser, den man sich leicht und billig selbst bereiten kann.

Wie alle Uebertreibungen beim Gebrauch von Arzneimitteln, so kann namentlich die bei der Anwendung von grauer Quecksilbersalbe sehr leicht traurige Folgen haben. Es ist ein bedauernswerthes, leider nur zu allgemeines Vorurtheil ungebildeter Leute, daß man durch recht große Portionen einer vom Arzte verordneten Arznei die Heilung beschleunigen, gleichsam erzwingen könne, während doch jeder Verständige einsehen muß, daß eben nur ganz genaue und pünktliche Befolgung der ärztlichen Vorschrift allein eine Wirkung des Heilmittels ermöglichen und herbeiführen kann! Fast bei keinem ähnlichen Mittel kann aber die übermäßige Anwendung so üble und nachhaltige Folgen bringen, wie bei der grauen Quecksilbersalbe, die, vom Arzte vielleicht zur Entfernung einer unbedeutenden Geschwulst verordnet, Quecksilbervergiftung, Speichelfluß und jahrelanges Elend hervorzurufen vermag. In ähnlicher, wenn auch nicht völlig so bedrohlicher Weise kann auch das Quecksilberpflaster gefährlich werden. Alle übrigen Präparate und Zubereitungen des Quecksilbers sind von vornherein so drastisch und furchtbar bedrohend, obwohl oft zugleich unersetzbar heilkräftig in ihren Wirkungen auf den menschlichen Körper, daß sie niemals ohne ärztliche Verordnung verabreicht werden dürfen und daher als Volksheilmittel gar nicht in Betracht kommen können.


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