Amtmanns Magd

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1.

Die alte Frau Oberforstmeisterin war schon seit länger als einem Jahr verstorben. Ein Jahr ist für die Todten, die bekanntlich schnell vergessen werden, eine lange Zeit, und die alte Dame im Hirschwinkel hatte nach landesläufigem Ausdruck keinerlei ?Freundschaft?[1] hinterlassen - es war um ihretwillen weit und breit auch nicht das kleinste Stückchen Trauerband gekauft und angelegt worden. Somit wäre ihr einsames Dasein wohl ohne Weiteres spurlos verlöscht, wie ein ausgeblasenes Licht, wenn sie nicht zeitlebens den starkmarkirenden Stempel einer Sonderlingsnatur getragen hätte - solche Signatur aber verflüchtigt sich nicht so bald für die Ueberlebenden.

Die wenigen Dorfleute, die ihr Weg dann und wann am Gutshause im Hirschwinkel vorüberführte, guckten deshalb auch beharrlich nach dem Erkerfenster im oberen Stock und erwarteten steif und fest, daß der kleine Frauenkopf mit den weißen Ringellöckchen an Stirn und Schläfen und der Stahlbrille auf dem Nasenrücken beim Geräusch ihrer Schritte lebhaft herumfahre und durch die Scheiben sehe. Da hatte ja immer der scharfmusternde Blick, über die Brillengläser hinweg, jedes noch so ängstlich verheimlichte Loch im Aermel, jeden Schmutzflecken an den Schürzen und Weiberröcken, aber auch die stillste Leidensmiene sofort bemerkt, und je nachdem war ihnen ein Wort strengen Tadels, oder die Aufforderung, doch schnell einmal mit dem Armsündergesicht heraufzukommen, zugerufen worden.

Den Arbeitern im Walde aber, den Holzknechten, den Pechsiedern und Kienrußbrennern fehlte sie erst recht. Das ?Waldweiblein? war immer so pünktlich und rüstigen Schrittes dahergekommen. Die schwarze Krepphaube, das um die Schultern geschlagene große Kantentuch war ihnen so bekannt gewesen, wie die behenden Frauenfüße in weißen Strümpfen, über denen sich nach alter Mode die schwarzen Schuhbänder kreuzten, wie der grünatlassene Strickbeutel, der ihr am Arme baumelte, und der kluge, neben der greisen Herrin hertrabende weiße Pudel.

Aus dem grünen Arbeitsbeutel war immer frischgepflücktes Kräuterwerk, nach welchem sich der alte Rücken unermüdlich bückte, in dicken Büscheln gequollen, und dabei hatte dieser vorweltliche, weite Seidensack ein ganzes Arsenal von chirurgischen Instrumenten, Pflasterschachteln und Medicinfläschchen beherbergt, woneben einige grobe Seifenstücken nie fehlten; denn wie andere mildthätige Seelen warme Suppe, so hatte die Frau Oberforstmeisterin eifrig Seife im großen Waschkessel für die Armen gekocht. Der Schrecken der Schmutzigen, ein unerschrockener Arzt und Bader für die Kranken und Verunglückten, war sie aber auch ein wahrer Zank- und Sprühteufel gegenüber dem blühenden thüringer Aberglauben gewesen, und bei dem leisesten Verdacht, daß man zum ?Verbüßen und Besprechen? von Wunden und Gebrechen greife, hatte sie den Leuten den Kopf gewaschen und ihnen den Text gelesen, ?nach Noten?, wie sie sagten.

Sie war eines natürlichen Todes gestorben, an einem Erkältungsfieber, das sie sich beim Kräutersuchen auf zugigem Berggipfel geholt. Weil sie jedoch von der ersten Stunde ihres Erkrankens an bis zum letzten Athemzuge stark phantasirt und die Besinnung nicht wieder erlangt hatte, so unterlag es keinem Zweifel, daß ihr die bösen Mächte, die sie zeitlebens bekämpft, schließlich selbst ?an den Kragen? gegangen waren - sie mußte durchaus ?Etwas? im Walde gesehen haben; es war ihr ?angethan? worden.

Letztwillige Verfügungen fanden sich nicht vor, und so fiel ihr vortrefflich bewirthschaftetes, im sogenannten Hirschwinkel gelegenes Gut einem Verwandten in der Mark zu, von welchem keine Menschenseele je etwas gehört hatte, kaum, daß man erfuhr, er heiße Markus und sei Besitzer einer bedeutenden Maschinenfabrik in der Nähe von Berlin.

Er schien kein Gewicht auf den neuen Besitz zu legen; die Verwaltung desselben mochte ihm nicht passen; deshalb war Alles in Bausch und Bogen verpachtet. Der Pächter wohnte im unteren Geschoß, und im oberen Stock des verwaisten Gutshauses erlustirte sich das Mäusevolk, ?und die Spinnen würden ja wohl noch die Schlüssellöcher mit ihren scheußlichen, grauen Webelappen verstopfen?, pflegte die schönere Hälfte des Pächters, Frau Griebel, mit verächtlichem Achselzucken zu sagen; denn weder ihr selbst, noch dem heiligen Kehrbesen und Scheuerwisch war der Eintritt gestattet.

Auf den höhergelegenen Partien des Thüringerwaldes gediehen die Halmfrüchte nicht sonderlich; Wiesenwachs und Kartoffelbau herrschen vor. Die schmalen Thalgründe liegen oft in stundenlanger grüner Linie wie ein schimmerndes Sammetpolster zwischen den waldbewachsenen Bergen; Gras, glitzerndes Wassergerinnsel, auch wohl ein kühler Forellenbach, oder der weiße, glatte Chausseeweg wechseln mit einander ab. Der Hirschwinkel dagegen war eine selten sonnige, geschützte Waldecke, eine Art Eiland, aus welchem der Sommerwind nach Herzenslust manneshohes Halmengewoge der Kornfelder vor sich herjagen und sogar in den tiefgelben Breiten des edlen Weizens wühlen konnte.

Das hübsche Gut lag ziemlich abseits von den belebtesten Verkehrswegen, gleichsam hinter den Waldcoulissen; deshalb konnte es recht wohl geschehen, daß der Fremde, der bereits seit einer vollen Stunde den Waldfahrweg beschritt, plötzlich Halt machte, um sich an frischem Quellwasser für einen vermeintlich noch längeren Marsch zu erquicken.

Der dünne Wasserstrahl, der am Abhang zwischen dem entblößten Wurzelgeflecht einer schief überhängenden Fichte hervorquoll, war kalt wie Eis und von köstlichem Wohlgeschmack; der kleine silberne Reisebecher wurde wiederholt gefüllt und geleert; dann schritt der Herr fürbaß. Ueber der linken Schulter hing ihm der Plaid und an der Seite eine Ledertasche; eine leichte Reise-Ausrüstung; sonst hätte man den schlanken Mann in der hellgrauen Joppe für einen Spaziergänger halten können, so behaglich schlendernd, ganz dem Genuß der Waldschönheit hingegeben, verfolgte er die Weglinie, die, wie gewaltsam in das Buchendüster hineingeschnitten, sich durch die Stämme drängte.

Er war bisher ein einsamer Wanderer gewesen; keine Menschenseele war ihm begegnet. Er sah die Eichhörnchen von Ast zu Ast schlüpfen und die grünen Fahnen der Farren am Wege zittern, wenn sich kleines Gethier unter dem Pflanzengeschlinge tummelte, das die schaffende Kraft des Waldhumus immer wieder bis in die Fahrgeleise herübertrieb. Die leichtbewegte Luft hauchte ihm Erdbeerdüfte und für Momente auch den appetitlichen Geruch von Bratkartoffeln zu; sie trug auch das schwache Geräusch ferner Axtschläge herüber, und seit einer Viertelstunde begleitete den Gehenden zur Rechten das Murmeln fließender Gewässer, die er nicht sah. Nun aber lichtete sich das Dunkel allmählich nach dieser Seite hin, und sonnige Wiesenflächen leuchteten herein; ein rascher Bach schoß mitten durch das rasige Gelände und trieb weiter unten die Räder einer Schneidemühle. Da war im engen Rahmen dunkelnden Gehölzes der ganze Zauber einer Waldidylle eingefangen. Ein schmaler Steg führte über das Wasser, ein primitives Gefüge, durch dessen aus einander klaffende Bretter das drunten rauschende Gewässer heraufblinkte.

Der Fremde beschleunigte seine Schritte. Er betrat den Steg, jedenfalls um den vollen Anblick des hübschen Landschaftsbildes zu gewinnen, aber er kannte wohl die Heimtücke solcher sorglos über die Bäche geschlagener Holzbrückchen nicht; denn während er die Augen gefesselt auf die Mühle richtete, versank sein Fuß plötzlich und saß wie eingekeilt zwischen dem den äußersten Rand bildenden Fichtenstamm und dem nächsten Brett.

Eine Verwünschung auf den Lippen, mühte er sich unter allen Zeichen zorniger Ungeduld, den Fuß aus der Klemme zu ziehen, aber der Steg hatte kein Geländer, und dem Gefangenen stand nicht einmal ein Gehstock zur Verfügung, auf den er zu nachdrücklicher Kraftaufwendung den Oberkörper hätte stützen können. Bebend vor Aerger und Erregung hielt er inne und schaute nach irgend einem Beistande aus, der in dem einsamen Thale sehr fraglich schien.

Just in dem Moment kam eine weibliche Gestalt um die Ecke der Schneidemühle und schritt geradewegs auf den Steg zu. Sie trug ein Grasbündel auf dem Kopfe, das sie mit dem gehobenen Arm stützte. Allem Anschein nach war es eine Dienstmagd, ein junges blödes Bauernmädchen, das sich vor dem Fremden auf der Brücke fürchtete; denn ihr anfänglich sehr rascher Gang verlangsamte sich augenscheinlich bei seinem Erblicken.

?Heda, spute Dich ein wenig, mein Kind!? rief er ihr ungeduldig zu. Nun blieb sie gar wie festgemauert stehen.

Er murmelte etwas von bodenloser Bauerndummheit zwischen den Zähnen und machte abermals einen verzweifelten Versuch, sich zu befreien. Angesichts dieser Anstrengungen mochte es dem Mädchen doch wohl klar werden, daß er kein zu Fürchtender, vielmehr ein Hülfloser sei. Sie besann sich nicht länger und kam herbei.

?So, weißt Du nun, daß ich kein Menschenfresser bin?? sagte er, ohne sie weiter anzusehen. ?Sieh her, Du mußt mir aus dem Schraubstock helfen. Stelle Dich hierher, dicht neben mich, aber fest, damit ich meinen Arm auf Deine Schultern legen kann!?

Sie trat zu ihm, ohne ein Wort zu sagen, aber in dem Moment, wo er Miene machte, sich auf sie zu stützen, sah er, wie sie verstohlen in das Grasbündel hinaufgriff und einen dicken Halmbüschel zwischen ihre Schulter und seinen Arm niederzog ? lächerlich! ? das Bauernmädchen da war eine Prüde.

Er hielt inne und zog den Arm zurück. ?Möchtest Du nicht?? fragte er belustigt.

?Nein ? eigentlich nicht! Aber der Sägemüller und sein Knecht kommen vor Abends nicht heim, und die Müllerin ist schwach und krank.?

?Ach so, da müßte ich ja wohl wie der Fuchs im Tellereisen hier verkommen, wenn Du Dich nicht erbarmtest??

Er bog sich vor, um unter das große weiße Tuch zu blicken, das sie gegen den Sonnenbrand über den Kopf gezogen und unter dem Kinn geknüpft hatte; es ragte weit vor, wie ein umfangreicher Hutschirm, und beschattete Stirn und Nase bis zur Unkenntlichkeit; die untere Gesichtspartie verschwand noch mehr in den dicken Falten der verschlungenen Leinenzipfel ? hübsch oder häßlich, das blieb unentschieden.

?Ja, meine kleine Prüde, da kann ich Dir freilich nicht helfen. Du wirst Dich herablassen müssen,? setzte er endlich mit verhaltenem Lachen hinzu. ?Denke, Du seiest eine barmherzige Schwester, und thue es um der christlichen Liebe willen!?

Sie schwieg und stemmte die Linke auf die Hüfte, um ihrer Haltung mehr Festigkeit zu geben. Sie war ein großes, schlank- und schöngebautes Mädchen und stand wie eine Mauer, als er, den Arm auf ihre Schulter pressend, mit einigen heftigen Rucken den Fuß aus der Klemme zu ziehen sich abmühte. Ein leises Aechzen, eine halbverbissene Verwünschung klangen an ihrem Ohr hin; dann sprang er plötzlich befreit mitten auf die Brücke und stampfte wiederholt auf, um sich zu vergewissern, daß das mißhandelte Glied unverletzt geblieben sei.

Das Mädchen schritt unterdessen weiter.

?Halt auf ein Wort!? rief er ihr nach.

?Hab? keine Zeit. Der Fisch verdirbt,? antwortete sie, unbeirrt weitergehend. Sie zeigte ihm halb zurückgewendet, daß ihr ein Netz mit einer Forelle am rechten Arm hing.

?Ließe sich in dem Falle das Fischchen nicht ersetzen, wie??

?Nein.?

?Nein? Also nicht ? Aber mein Dank??

?Behalten Sie ihn!?

?Oho ? Du bist kurz angebunden, mein Kind,? lachte er und steckte das seidene Taschentuch, mit welchem er die Reste der Fichtenrinde von seinem attakirten Fuße weggestäubt hatte, wieder zu sich. Gleich darauf schritt er an ihrer Seite.

?Mir scheint, unter dem häßlichen Tuche da steckt ein ganz verteufelt trotziger Kopf,? sagte er. ?Wie aber, wenn ich nun ebenso trotzig bin, wie Du, und Deine Hülfe absolut nicht geschenkt haben will??

?Dann thun Sie wohl, an Ihren Platze auf der Brücke zurückzukehren.?

Er lachte laut auf und suchte gespannt abermals einen Blick unter das verhüllende Tuch zu werfen. Das Mädchen hatte Mutterwitz; die ?Bauerndummheit? hatte sie sicher so wenig im Gesicht, wie auf den Lippen. Sie wandte flink den Kopf nach der anderen Seite, und ihm blieb nur die Musterung ihrer Gestalt. Sie war ärmlich gekleidet. Aus dem verschossenen Kleide waren die Aermel getrennt und hatten den Hemdärmeln Platz machen müssen; sie fielen lang und schön weiß bis über die Ellenbogen herab. Busen und Rücken umhüllte plump ein zerwaschenes hinten geknüpftes Baumwollentuch, und die starren Falten der steifgestärkten blauen Schürze verhäßlichten Taille und Hüften. Sie war ohne Zweifel eine Dienende. Das Kleid, wenn auch entstellt und zum Arbeitskittel degradirt, war von städtischem Schnitt und stammte sicher aus der Garderobe der Dienstherrin.

?Nun, dann will ich Dir für Deinem Samariterdienst wenigstens die Hand drücken.?

Er streifte rasch den Handschuh von der Rechten, einer weißen, kräftigen Hand mit einem schönen Siegelring am Finger, und hielt sie ihr hin.

?Meine Hand ist hart,? versetzte sie zurückweichend; der Arm, an welchem ihr das Netz hing, vergrub sich förmlich in den Schürzenfalten.

?Na ja, ich hätte das wissen können,? sagte er mit Humor. ?Die Thüringer Disteln stechen, wo man sie anrührt; das merkte ich schon vorhin auf der Brücke. Dienst Du in der Mühle drüben??

Sie schwieg einen Augenblick; dann sagte sie: ?Der Sägemüller kann keine Magd halten. Er hat die Mühle nur in Pacht; sie gehört zum Gute im Hirschwinkel.? ? Dabei schritt sie in tannengerader Haltung, das Grasbündel auf dem Kopfe stützend und weder rechts noch links blickend, beschleunigten Schrittes den Fahrweg entlang. Sie zeigte unverhohlen, daß sie keine Lust habe, sich weiter examiniren zu lassen.

Diese bäuerische Unnahbarkeit schien ihn höchlich zu amüsiren. Er war ein noch junger Mann, der mit seinem elastischen Gange nicht um eine Linie hinter ihr zurückblieb.

?Also die Mühle gehört zum Gut?? wiederholte er fragend. ?Sieh, sieh ? nun weiß ich doch auch, wo Du zu Hause bist. Der Weg da führt doch wohl direct nach dem Gutshause im Hirschwinkel??

?Auch nach dem Vorwerk.?

Er blieb stehen. ?Aha, das ist die kleine zum Gute gehörige Pachtung, die der verkommene Amtmann widerrechtlich besetzt hält.?

Jetzt wandte sich der Kopf unter dem Grasbündel mit einer jähen Wendung nach ihm hin. Die untere Gesichtspartie hob sich dabei aus den Tuchfalten, und der Fremde sah für einen Moment einen kleinen, schönen Mund mit blaßrothen Lippen, um den der Zorn seine Linien zog.

?Ich bin beim Amtmann,? schnitt sie ihm kurz die Rede ab. Diese arme Creatur im Joche der Dienstbarkeit drohte förmlich.

?Was der Tausend ? da habe ich Dich ja wohl gar beleidigt. Hältst wohl große Stücke auf Deinen Herrn??

Sie schwieg scheinbar trotzig.

Er lächelte verstohlen. ?Du scheinst mir eine Aparte zu sein. Aber auch im Dienst beim Amtmann! Das will ?was heißen! Weißt Du aber auch, daß ich gerade deshalb Gewalt über Dich habe??

Das Mädchen wich unwillkürlich zurück.

?Ja, ja ? ernstlich! Ich kann Dir das Grasbündel da ohne Weiteres wegnehmen und Dir Dein Tuch abpfänden, wenn Du mir nicht das volle Besitzrecht Deines Herrn an der Wiese nachweisest, auf der Du gemäht hast. Er zahlt seinen Pacht nicht und zieht fortgesetzt den Nutzen aus Grundstücken, die ihm vor länger als Jahresfrist gekündigt worden sind. Was hast Du darauf zu erwidern, wie??

Sie schien anfänglich kein Wort über die Lippen bringen zu können, dann aber sagte sie mit leiser Stimme: ?Daß Sie der neue Herr im Hirschwinkel sein müssen.?

?Der bin ich. Siehst Du nun ein, daß Du alle Ursache hast, mir schön zu thun??

?Ich ? Ihnen?? Eine grenzenlose Empörung schien ihr ganzes Wesen zu durchschüttern.

?Alterire Dich nicht!? lachte er. ?Ich bin kein Schlimmer; im Gegentheil ? ich nehme nun die harte Hand gar nicht, die mir ,das Kräutlein rühr? mich nicht an? vorhin so schnöde verweigert hat, und wenn sie mir noch freundlich geboten würde. ? Aber ein wenig höflicher möchte ich Dich sehen ??

?Gegen den Feind der Menschen, die ich lieb habe??

?Feind? ? Hm ja, Du hast ganz recht, insofern ich ein geschworener Feind der notorischen Spieler und Schlemmer bin, und Dein Amtmann ist einer, der seines Gleichen suchen soll.?

Ein Seufzer hob den Busen des Mädchens, und gepreßt stammelte sie: ?Da werden Sie wohl mit meinem ??

?Mit Deinem lieben Herrn kurzen Proceß machen, willst Du sagen?? fiel er ihr mit sehr strengem Ton und ohne eine Miene zu verziehen in?s Wort. ?Versteht sich! Ich werde ihn an die Luft setzen, und zwar sofort, ohne Gnade, den Verschwender, den Prahlhans ? darauf verlasse Dich! In Geschäftsangelegenheiten verstehe ich durchaus keinen Spaß. ? Weißt Du nun, wen Du vor Dir hast??

?Ach ja, einen reichen Mann, wie er schon in der Bibel steht.?

?Richtig! Einen Mann, der absolut nicht in?s Himmelreich kömmt, eben weil er ein reicher, ist ? der Arme! Ja, ja, hast Recht ? einen Tyrannen, einen Blutsauger, einen Menschen, der Geldfragen gegenüber ein steinhartes, oder vielmehr gar kein Herz hat, wie es einem praktischen Geschäftsmann ziemt. ? Aber laufe doch nicht so, Mädchen!?

Sie war in der That in förmlichen Sturmschritt verfallen, und diesmal blieb Herr Markus zurück. Er sah ihr mit gespannter Aufmerksamkeit nach. Und wenn auch der häßliche plumpe Anzug das Mädchen entstellte, eine thüringer Edeltanne war sie doch, eine Erscheinung voll Leben und unbewußter Grazie in dem Spiel der schlanken, jugendkräftigen Glieder. ? Schade um diese Gestalt, an der Sonnenbrand, Arbeit und Armuth rieben und zehrten, um sie in kurzer Zeit hart und eckig, zum frühgealterten Weibe zu machen! ? Es blieb allerdings fraglich, ob nicht der Kopf den Adel, die Anmuth des schönen Leibes sofort verwischte, wenn das verhüllende Tuch fiel. Der lieblich geschwungene Mund verbürgte noch lange nicht, daß das Mädchen nicht schielte, keine gemeinen Züge hatte, und nicht sommersprossig und rothhaarig war ? doch nein, unter dem weißen Tuchzipfel stahl sich ein gelöstes, glänzend dunkles Zopfende hervor ? rothhaarig war sie nicht.


2.

Das Mädchen hatte sich kaum um zwanzig Schritte entfernt, als eine kleine, dicke Frau in braunem, rundem Strohhut und weiter Jacke aus einem schräg nach dem Fahrweg mündenden Waldpfad trat. Sie schritt direct auf die Eilige zu und hielt sie an der Schürze fest.

?Hör? mal, Mädel, habt ihr denn wirklich die theuern Speisekartoffeln so in Hülle und Fülle, daß Du Ende Juni, sage Ende Juni, den Betteljungen die ungewaschenen Mäuler damit stopfst?? fragte sie. Das klang nicht etwa wie Schelten; die Frau sprach sehr langsam und bedächtig, aber nachdrücklich. Man hörte, daß sie gewohnt sei, in aller Gemüthlichkeit den Leuten die Köpfe zurecht zu setzen. ?Ich krieche tagtäglich auf allen Vieren durch die Kellerecken, um noch ein paar feine Salatkartoffeln für unseren Tisch zu erwischen, und dort? ? sie zeigte nach der Richtung zurück, in der sie gekommen ? ?dort braten sie haufenweise in der Asche. Das soll Einen nicht ärgern. Wir bezahlen auf die Minute pünktlich den theuren Pacht für schlechten Boden, und Deine Amtmanns ernten die besten Aecker ab; sie leben in?s Tageslicht hinein und fragen den Kukuk danach, daß auch einmal bezahlt sein muß ??

?Lassen Sie mich gehen, Frau!? rief das Mädchen halb gebieterisch, halb ängstlich und strebte weiterzukommem.

?Frau! Frau!? wiederholte die kleine Dicke geärgert und ohne den Schürzenzipfel loszulassen. ?Bin ich denn ein Taglöhnerweib? Und hast Du denn gar keine Lebensart, Mädchen? Wenn Du noch gesagt hättest ,Frau Verwalterin?, oder meinetwegen auch nur ,Frau Griebel?, aber schlechtweg ,Frau?! Du bist ja nicht um ein Haar besser als Deine Herrschaft. Verschenkst mir nichts dir nichts gute Sachen, die nicht bezahlt sind, und hast den Hochmuthsteufel und eitle Dinge im Kopfe. Sieht man Dich denn je ohne das Scheuleder da auf dem Acker oder beim Grafen?? ? Sie zeigte nach dem weißen Kopftuch. ?Hör ?mal, wenn man dienen muß, da darf man nicht darnach fragen, ob Einem die Sonne ein Paar Sommerfleckchen mehr auf die Haut brennt oder nicht, das paßt nicht, da lachen Dich die Leute nur aus, wie sie sich auch lustig darüber machen, daß Dir der Graskorb nicht nobel genug ist. Hier zu Lande trägt man das Futter nicht auf dem Kopfe heim ? das ist nicht Mode bei uns. Und laß doch mal sehen? ? sie bog sich vor ? ?ach herrje, Forellchen hast Du da im Netz? Guck? Einer an, Forellchen! Ja, ja, auf dem Vorwerk wissen sie, was gut schmeckt!?

?Der Fisch ist für die Kranke.?

?Ach ja, für die Kranke wird er geholt, und der Herr Amtmann ißt ihn, die alte Naschkatze, die! Gucke, Mädchen, wüßte ich das nicht, ich schickte manchmal ein Rebhuhn, oder sonst was Gutes ?nüber, ich bin ja doch kein Unmensch und hab? Mitleid ??

?Wir danken!? kam es kurz und herb unter dem weißen Tuch hervor.

?,Wir danken!? spottete die kleine Behäbige nach. ?Großplatziges Ding Du! Wer ist denn ,wir?? ? ?s ist ja wahr, Amtmanns haben schlimm gehaust mit ihrem großen Vermögen; das Hemd auf dem Leibe gehört ihnen kaum noch, aber deswegen sind?s doch immer vornehme Leute und noch lange nicht Deines Gleichen.?

Inzwischen war Herr Markus längst näher gekommen und stand neben der Sprechenden, ohne daß sie es bemerkte. Er verbiß mit Mühe das Lachen. Die drollige Frau hatte sich bei dem nachäffenden ?Wir danken!? ironisch knixend, tief und gravitätisch zu Boden gestaucht, und das war urkomisch gewesen. Sie hielt das Mädchen noch fest; dem Beobachtenden war es, als müsse er einen gefangenen Vogel befreien.

?Wer wird sich denn so ereifern, meine kleine Dame!? unterbrach er die Standrede.

Die Frau fuhr wohl bei der unvermuteten Einmischung ein wenig zusammen, aber außer Fassung gerieth sie nicht. Sie wandte schwerfällig den Kopf auf dem fleischigen Halse und sah den Fremden aus schmalgeschlitzten, blauen Aeuglein von oben bis unten groß an.

?Wie kommen Sie mir denn vor?? sagte sie trocken. ?Ich bin eine ehrbare Frau, und noch lange nicht ,meine kleine Dame? für einen Jeden, der dahergeschlichen kommt wie der Ratz vom Taubenhaus.?

Er unterdrückte ein Lächeln und sagte mit empörendem Gleichmuth: ?Protestiren Sie, so viel Sie wollen ? es hilft Ihnen doch nichts. ,Meine kleine Dame? wird mir in dieser Stunde noch eine Tasse Kaffee serviren und heute Abend eine gute Omelette backen; ,meine kleine Dame? wird mir für ein anständiges Nachtquartier sorgen und mäuschenstill sein, wenn ich im Hirschwinkel thue, als sei ich zu Hause ??

?Ach herrje ? der Spaß! Sie sind Herr Markus!? lachte sie überrascht auf, aus ihrer Ruhe aber brachte sie die unerwartete Ankunft des ?neuen Herrn? trotzdem nicht. ?Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? ? Kommen Sie denn endlich aus Ihrer alten, märkischen Sandbüchse und sehen sich das gottgesegnete Fleckchen Erdboden an, das Ihnen der liebe Herrgott nur so in den Schooß geworfen hat? Na, und was sagen Sie denn dazu? Haben Sie solchen Wald, solche Wiesen, solche Berge schon einmal in Ihrem Leben gesehen? ? ?s ist hohe Zeit, daß Sie kommen, Herr Markus, hohe Zeit! Ueber unseren Köpfen pfeifen die Mäuse in Heerschaaren und die Mottenwolken will ich sehen, die aus den Wollstrümpfen und Unterjacken der sel?gen Frau Oberforstmeisterin auffliegen, wenn das Nest endlich aufgemacht wird.?

Währenddem entfernte sich das freigelassene Mädchen in stürmischer Eile. Herr Markus sah ihr über Frau Griebel?s Kopf hinweg nach. Dort, wo sie ging, lag der Fahrweg bereits im hellen Sonnenschein. Rechts säumte ihn das Wiesengrün, und auf der entgegengesetzten Seite trat das Walddickicht weit auseinander; wie Alleebäume reihten sich die Buchen hin und warfen da und dort Schlagschatten über den Weg, der in scharfer Krümmung nach links einbog.

?Liegt in der Richtung dort der Hirschwinkel?? fragte Herr Markus und zeigte nach einer vereinzelten Baumgruppe, hinter welcher das Mädchen eben verschwand. Noch einmal bei der Wegbiegung hatte sich ihre Gestalt in scharfer Profilstellung vom Hintergrunde abgehoben, seltsam fremdartig, weit mehr die Erscheinung einer schlanken, braunen Fellahtochter vom Nilufer, als die eines stämmigen Thüringer Waldkindes.

?O herrje, wie närrisch Sie fragen!? lachte Frau Griebel. ?Sie stehen ja mitten drin im Hirschwinkel und gehen schon seit einer reichlichen halben Stunde auf Ihrem eigenen Grunde und Boden. Und dort zwischen den Bäumen können Sie auch schon die Hintergebäude vom Gute sehen. ? Von Kaffee sprachen Sie vorhin, Herr Markus? Na, Sie sollen einen Kaffee bei der Griebel trinken, der seines Gleichen sucht. Gehen Sie nur einstweilen weiter auf dem schön trockenen Wege da ? immer der Nase nach! Sie können gar nicht fehl gehen. Ich schlüpfe unterdessen hinten ?rum, durch den Hof in die Küche ? muß doch sehen, ob die Magd kochendes Wasser hat.?

Es war nun zwar kein ?Schlüpfen?, mit welchem sich die kleine Dicke seitwärts durch die knackenden Büsche schlug, aber sie kam doch flink vorwärts und war sehr schnell den Blicken des Weiterschreitenden entschwunden.

Das Gutshaus war ein völlig schmuckloser Bau, ein altes Haus, mit hochragendem Dache, und an der Giebelwand, nach der Wetterseite hin, mit Schiefer wohlverwahrt und beschlagen. Sonst einförmig weiß angestrichen, hatte es als einzige Unterbrechung inmitten seiner casernenartigen Façade nur einen Erker, der vom Fundamente bis unter das Dach so voll und dicht mit Waldepheu bewachsen war, daß die Fenster ist seinen drei Wänden vertieft wie Schießscharten erschienen. Drunten hatte das einsam gelegene Haus grüne Sicherheitsläden, im oberen Stocke aber hingen nur gleichmäßig weiße, mit groben, gehäkelten Kanten besetzte Shirtingrouleaux hinter den sichtlich verstaubten Scheiben.

In der weiten, das ganze Gehöft abschließenden Umfassungsmauer, die das Haus zu beiden Seiten flankirte, befand sich rechts der Eingang, eine schöne, massive Doppelthür mit glänzend polirtem Messinggriffe; zur Linken dagegen lief sie ohne Unterbrechung in die Ecke aus, auf welcher ein hölzerner, grünumrankter Gartenpavillon wie ein kleines, rundes Nest saß. Kirsch- und Aepfelbäume reckten dort ihre Zweige über die Mauer, und dahinter hoben sich auch Linden- und Kastanienwipfel.

Das ehemalige Heim der Frau Oberforstmeisterin machte einen überraschend freundlichen, behäbigen Eindruck. Vor den Fenstern lag grüner Rasen, so üppig und gleichmäßig, als werde er unter der Scheere gehalten, und weiter hin, in die mäßige Thalsenkung hinab, lief das Ackergelände mit seinem wogenden Halmenmeer, seinen Raps- und Runkelfeldern und den üppigen Flachsbreiten mit wehendem blauem Schleier.

Herr Markus war nach Frau Griebel?s Verschwinden langsam weiter geschlendert und stand nun angesichts ?des Fleckchen Erdbodens, das ihm der liebe Herrgott in den Schooß geworfen?. ? Himmlischer Waldfrieden wehte ihn an. Das betäubende Hämmern und Pochen in seiner Fabrik, das rastlose Lärmen und Hasten der Berliner Straßen, in denen er auch heimisch war, wie weit, wie weltenweit lag das Alles in diesem Augenblicke hinter ihm!

Ein paar Truthühner spazierten geräuschlos aus der Thür, die man wahrscheinlich zu seinem Empfang eiligst geöffnet hatte, und droben aus dem einen Schornstein fuhr plötzlich eine gewaltige Rauchwolke in den glänzend blauen Himmel hinein ? Frau Griebel schürte jedenfalls unter dem Kaffeetopfe und heizte die Back- und Bratmaschine zu Ehren und zum Labsale des neuen Hausherrn, ?Holder Friede, süße Eintracht!? summte Herr Markus vor sich hin. ?Einlullendes Stillleben!? ? Himmel! Er fuhr herum und sah nach dem offenen Fenster im Erdgeschosse, aus welchem Clavieraccorde herüberbrausten; dann schüttelte er sich lachend. ?Tyrann, entsetzlicher Klimperkasten! Selbst bis hierher verfolgt er den Musikmüden mit seinen tönenden Hämmern!? rief er mit komischem Pathos und trat schleunigst durch die Mauerthür in den Hof. Ein wüthendes Hundegebell empfing ihn.

?Sultan, Schlingel, willst Du gleich still sein! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!? schrie Frau Griebel von den Thürstufen des Hauses herab. ?Kusch! Oder ich komme mit dem Stocke.?

Sultan kroch in die Hundehütte, und ?Ihren Eingang segne Gott!? sagte Frau Griebel in umgewandeltem Tone und streckte herabkommend dem ?neuen Herrn? beide Hände entgegen.

?Das ist Herr Peter Griebel, mein guter Mann? ? damit schob sie ihren Arm in den des Mannes, der mit ihr gekommen war. ?Und hören Sie?s, Herr Markus? ? das ist meine Luise, die so schön spielt. Sie spielt den Marsch aus dem ,Propheten?, Ihnen zu Ehren. Sie ist die beste Schülerin in der Pension und will Gouvernante werden. So ? nun kennen Sie alle meine Hühner und Gänse.?

3.

?Der neue Herr? lehnte es ab, sich drunten in der ?guten Stube?, wo ?meine Luise? immer noch wacker in den ?tönenden Hämmern? wühlte, den Kaffee serviren zu lassen. Er bestand darauf, so sehr auch Frau Griebel im Hinblick auf Staub, Mäuse und Spinnweben protestirte, sich sofort in seinen eigenen vier Pfählen einzuquartieren, und stieg die Treppe hinauf.

Er hatte bestimmt, daß die Siegel an der Wohnung der Verstorbenen nicht gelöst werden sollten, bis er selbst einmal komme; nun riß er die Papierstreifen an der Hauptthür ab, und Herr Peter Griebel schloß auf. Genau so traut und anheimelnd wie die äußere Physiognomie des Gutshauses war auch die innere Einrichtung der Zimmerreihe im oberen Stock.

Frau Griebel zog behutsam die Rouleaux in die Höhe. Sie triumphirte; die Scheiben waren weißbestäubt, und auf der nächsten Tischplatte schrieb sie mit sardonischem Lächeln und ungeschicktem Finger ein paar groteske Buchstaben in die Staublage. Aber die Dielen waren schneeweiß und steckenlos, und ein starker Duft von Steinklee und anderem Kräuterwerk füllte die Räume, in welche auch ein Hauch frischer Luft durch Zuglöcher an der Decke fortgesetzt Zutritt hatte.

?Offene Fenster und ein wenig Fegen machen allen Schaden gut,? sagte der ?neue Herr? heiter und entriegelte einen Flügel des mittleren Erkerfensters.

?Und mit den verstopften Schlüssellöchern war?s nichts, Jettchen!? schmunzelte Herr Peter Griebel. ?Wo sitzen denn nun die Spinnen, über die Du den ganzen Winter gebrummt hast? Unsere alte Dame war gar ein propres Weibchen ? sie litt solches Geziefer nicht ? wo sollte denn da die Brut herkommen, Jettchen??

?Guck nur erst in die Bücherstube, Peter, eh? Du so dick thust mit Deiner Weisheit! An den himmelhohen Regalen und hinter dem Bücherwerk wirst Du schon Dein blaues Wunder sehen. ? Da drüben giebt?s was zu lesen, Herr Markus ? Bücher ohne Ende! Und alles, was drin steht, das hatte die alte Frau in ihrem Kopfe. Sie war Doctor und Apotheker in einer Person und tausendmal gescheidter, als der elende Bartkratzer drüben in Tillroda, der sich von den Leuten Doctor schimpfen läßt. Der hatte deswegen aber auch eine ganz gehörige Pike auf die resolute Frau, gerade wie der Pfarrer, der an ihrem Grabe gepredigt hat, sie sei zeitlebens eine Gottlose gewesen, weil sie nichts vom Teufel und dergleichen wissen wollte und den Augenverdrehern spinnefeind war. Na, im Himmel ist sie doch ? der in Tillroda wird?s doch dem lieben Gott nicht vorschreiben dürfen, wer hinaufkommen soll und wer nicht.?

?Ja, eine tüchtige Frau ist sie gewesen, die Frau Oberforstmeisterin,? sagte Peter Griebel. ?In der Oekonomie war sie zu Hause wie ein Mann. Ich war nur die letzten zwei Jahre Gutsverwalter bei ihr, aber da hab? ich alter Kerl mehr gelernt, als in zehn bei meinem vorigen Herrn. Sehen Sie doch hin!? ? er streckte den Arm nach dem üppigen Gelände aus, das sich draußen hinbreitete ? ?das Alles ist hauptsächlich ihr Werk; denn der Herr Oberforstmeister soll so gut wie gar nichts davon verstanden haben. Freilich, die paar Acker dort hinter dem Fichtenhölzchen, die sind ziemlich ?runtergewirthschaftet; sie gehören zum Vorwerk, und da wird nicht gut gehaust ? der Herr Rechtsanwalt wird Ihnen ja wohl davon geschrieben haben.?

?Ja wohl. Seit vier Jahren hat der Amtmann Franz das Vorwerk in Pacht, und in den musterhaft geführten Büchern der Verstorbenen ist nicht ein einziges Mal die ausbedungene Pachtsumme als eingegangen notirt zu finden ??

?Unsere alte Dame hat eben immer ein Auge zugedrückt, weil die Frau Amtmann von der Jugendzeit her ihre gute Freundin gewesen ist,? fiel die Leine Frau erklärend ein. ?Amtmanns haben Schulden gehabt wie Sand am Meere, und ist ihnen von den Gläubigern Alles, Schiff und Geschirr, weggenommen worden. Da hat sich die Frau Oberforstmeisterin erbarmt und hat ihnen das Vorwerk gegeben, freilich nicht umsonst ? dazu war sie viel zu streng und ordentlich in Geldsachen aber doch für einen wahren Pappenstiel, und auch den hat der alte Schwindler nicht einmal bezahlt.?

Sie unterbrach sich und fuhr mit der Hand in die Tasche. ?Da guck her, Peter. ? was ich Dir immer sage!? wandte sie sich an ihren Mann und zerdrückte vor seinen Augen eine kleine gebratene Kartoffel, sodaß das köstliche Eidottergelb des Inneren appetitlich duftend hervorquoll. ?Drüben im Grafenholz sammeln die Tillröder Jungen Erdbeeren, und da liegt diese Gottesgabe halbmetzenweise in der heißen Asche ??

?Na und, Jettchen??

?Na und, Mann?? ahmte sie ihm ärgerlich nach. ?Wie kömmst Du mir denn vor? Mußten denn die Bengels gerade vom Allerbesten haben? ? Und wie ich frage: ,woher?? da sagt die Rotte ganz frech: ,Nicht von der Frau Griebel, aber von Amtmanns Magd,? ? Herr Markus, ich will ja den Leuten drüben nicht in?s Gehege kommen ? meinetwegen mögen sie bis in alle Ewigkeit auf dem Vorwerk sitzen und keinen Pacht zahlen, aber sie haben den allerbesten Kartoffelboden vom ganzen Gute ??

?Jettchen, denk? an Dein Gewissen!? fiel ihr Mann warnend ein. ?Wir haben keine Ursache zu klagen; es geht uns gut ? und von meiner Familie soll mir ja Keines mitschieben und drängen, daß Herr Markus kurzen Proceß macht mit den Leuten. Der Amtmann ist alt, und seine Frau liegt seit einem Jahre krank im Bette, und wenn die Magd nicht hauszuhalten versteht ??

?Ja, die Magd ? das ist mir die Allerschönste,? sagte Frau Griebel mit verächtlichem Achselzucken. ?Na, Sie haben sie ja gesehen, Herr Markus, das Mädchen in dem verhunzten Stadtkleide. Jetzt trägt sie freilich ihr Grasbündel auf dem Kopfe, als wenn sie damit auf die Welt gekommen wäre, aber im Anfang ? daß sich Gott erbarm?!?

?Ist sie nicht aus der Umgegend?? fragte Herr Markus mit Interesse.

?Bewahre! Der Sprache nach muß sie weit her sein. ? Sehen Sie, das war so. Gleich nachdem unsere alte Dame gestorben war, da legte sich auch die Frau Amtmann, und die Magd lief davon, weil sie nie einen Heller Lohn zu sehen gekriegt hatte ? das war schlimm; denn eine andere fand sich partout nicht. Ich sprach schon davon, daß ich ?nübergehen und nach der Ordnung sehen wollte ? wenn auch die Leute sich niemals um Unsereinen gekümmert hatten ? aber da kam auf einmal eine Nichte vom Amtmann; sie war Gouvernante in einer großen Stadt, wie mir die Frau Oberforstmeisterin einmal gesagt hat, und die hat das Mädchen zur Hülfe mitgebracht. ? Auf der Magd liegt nun freilich die ganze Wirthschaft; denn das Gouvernantenfräulein wird wohl weder Kochtopf noch Kehrbesen anrühren ??

?Brr!? machte Herr Markus und schüttelte sich.

?Na, was denn?? fuhr Frau Griebel zurück und riß ihre kleinen Augen unter den verwundert emporgezogenen blonden Brauen weit auf.

?Ja, sehen Sie, meine liebe Frau Griebel, ich bin ein nervenschwacher Mensch; ich leide an einer unbesieglichen Gouvernanten-Antipathie? ? durch seine interessanten Züge ging ein humoristisches Zucken wie Wetterleuchten.

?Das soll heißen, Sie können die Gouvernanten nicht leiden? ? Da kommen Sie mir aber schön an, Herr Markus. Meine Luise will ja auch eine werden ? freilich nicht so wie die auf dem Vorwerk. Das leide ich schon nicht. In den Ferien muß sie mir tüchtig mit an die Arbeit ? da wird nicht gefackelt. Sie kann perfect backen, einmachen und Geflügel stopfen, und in der Milchwirthschaft ist sie zu Hause wie ich selber, und dabei hat sie rothe Backen wie ein Stettiner Apfel und ist frisch und gesund ? Gott behüt?s ? wie eine Ecker. ? Sie soll mir auch nie in eine große Stadt; denn da bringen sie immer blasse Farbe und abgeschmackte Manieren mit, wie eben Fräulein Franz auf dem Vorwerk. Ich hab? sie nur ein einziges Mal in der Kirche in Tillroda gesehen, und da hatte ich schon genug. Sie ist eine ebenso lange Hopfenstange wie ihre Magd, thut schrecklich apart und ist blaß und schmal im Gesicht, so weit ich?s von meinem Kirchenstuhl aus erkennen konnte ??

Sie machte, sich selbst unterbrechend, eine plötzliche Schwenkung nach der Thür. ?Ja, da stehe ich nun, ich alte Plappertasche, und verthue die Zeit und weiß doch kaum, wo nur der Kopf steht vor Arbeit! ? Peterchen, Du mußt mir gleich junge Tauben vom Schlag holen und nach frischen Eiern suchen, und ich gieße derweil den Kaffee aus. Nachher wird hier oben gefegt. ? Bis dahin vertreiben Sie sich ja wohl die Zeit, Herr Markus, und gucken sich ein Bischen um in den Raritäten hier oben??

Damit ging sie hinaus; ihr ?Peterchen? folgte ihr auf dem Fuße und ?der neue Herr? trat vom Fenster weg, während seine Augen musternd durch das Zimmer glitten.

Der Erker durchschnitt die Vorderwand dieses großen Raumes genau in der Mitte, sodaß seine Glasthür von je einem Stubenfenster flankirt wurde. Auf diese Weise strömte viel Licht herein, leicht gefärbt durch grünblumige Kattunvorhänge, und beleuchtete voll zwei Gestalten, die von der tiefen Wand herabsahen.

In die Wangen des jungen Mannes stieg die Röthe innerer Erregung, und seine Stirn furchte sich im Unwillen angesichts der schönen, männlichen Erscheinung im grünen Jägerrock, die eine dürre, zerstäubende Eichenlaubguirlande umschloß. ? Ja, so mußte er ausgesehen haben, der stolze Herr Oberforstmeister, der Mann, der sich von seiner einzigen Schwester losgesagt hatte, weil sie Einem aus dem Handwerkerstande ihr Herz geschenkt und ihn auch, trotz Zorn und Widerspruch ihres Bruders, geheirathet hatte. Diese Schwester aber war die Mutter des jungen Markus gewesen. ? Ja, das war der personificirte Beamtenhochmuth, der zeitlebens die Verwandtschaft mit ?dem Schlosser, dem Rußbengel? von sich gewiesen, ob auch die Schlosserwerkstätte des jungen Arbeiters sich im Lauf der Zeit zu dem Riesenetablissement einer großartigen Fabrik umgewandelt hatte und einen hochgeachteten Namen an der Stirn trug. ? Der Herr Oberforstmeister hatte von jeher hoch hinaus gewollt; es hatte auch Eine von altem Adel sein müssen, die er als Frau in sein Haus geführt; arm war sie gewesen und die Letzte ihres alten Namens; daß aber die vornehme Herkunft allein maßgebend gewesen, daran glaubte der junge Mann, den beiden Bildern gegenüber, von nun an nicht mehr. Durch das Gesicht des stolzen Jägers ging ein Zug tiefer Leidenschaft; er hatte einen dunkelglühenden Blick, und die junge Braut an seiner Seite, mit dem Myrthensträußchen am Busen, war engelschön gewesen, von so unbeschreiblichem Liebreiz im Ausdruck, daß man unmöglich denken konnte, auch diese Seelenmacht der Züge sei vergänglich gewesen und modere nun in der Erde.

Im Elternhause des Herrn Markus waren diese zwei Menschen fast nie genannt worden. Als Knabe hatte er nicht gewußt, daß ihm in Thüringen Onkel und Tante lebten; er war sehr erstaunt gewesen, als eines Tages ein Brief der Frau Oberforstmeisterin an seine Mutter den jähen Tod des Bruders ? er war bei einem Jagdschmause seines Fürsten vom Schlage getroffen worden ? gemeldet hatte. Diese Todesanzeige war der Gegenstand einer mehrstündigen Berathung seiner Eltern gewesen; dann war ein sehr förmliches, kurzes Condolenzschreiben von der Hand des Vaters an ?die Dame?, und später ein Verzicht der Mutter auf jeden Anspruch an den Nachlaß des kinderlos verstorbenen Bruders an dessen Sachwalter abgegangen. ? Darnach war es gewesen, als sei ein Vorhang über dem Ereigniß zugefallen ? es war nie mehr davon gesprochen worden. Hatte der hochmüthige Beamte einst Schwester und Schwager verleugnet, so war auch der Arbeiter stolz genug gewesen, den Verwandten bis in den Tod hinein zu ignoriren.

Wie wohl die schöne Frau über dieses unnatürliche Verhältniß gedacht hatte? ? Hochmuth lag nicht in dem Gesicht, wohl aber etwas Zärtliches, Glückseliges. Sie mochte wohl den Mann ihres Herzens über Alles geliebt haben und blindlings mit ihm gegangen sein. Vielleicht hatte sie nach seinem Tode der verstoßenen Schwester versöhnend die Hand bieten wollen, indem sie eine schriftliche Beziehung anzubahnen gesucht ? sie war streng zurückgewiesen worden. ? Und nun war der einzige Sohn dieser Schwester doch noch der Erbe im Hirschwinkel geworden. Ob die Verstorbene wohl deshalb nie ein Testament gemacht hatte, um stillschweigend die Hinterlassenschaft ihres Mannes, doch noch in die Hand kommen zu lassen, der das einzige Recht darauf zustand? ?

Er vermochte kaum den Blick wegzuwenden von dem jugendschönen Gesicht, das aus einer fast märchenhaften Fülle blonder seidener Locken hervorlächelte, aber es lockte ihn auch, die Räume zu durchwandern, in denen diese Vereinsamte viele Jahre der Abgeschiedenheit durchlebt hatte. ? Die Thüren der in einander führenden Zimmer standen weit offen; er konnte die ganze Wohnung so ziemlich mit einem Blick übersehen. Welch ein Unterschied zwischen dieser altväterischen verbrauchten Einrichtung und dem modernen Luxus in der prächtigen Villa, die sein verstorbener Vater unweit der Fabrik erbaut hatte!

Das Erkerzimmer war das stolzeste mit seiner Glasthür und den Polstermöbeln in grünblumigen Kattunbezügen, die mit den Gardinen harmonirten. Es stand schönes Meißner Porcellan auf den Kommoden, und neben guten Oelbildern schmückte ein großer Spiegel die Wand. Das mochte wohl immer das Zimmer der Frau gewesen sein, und nebenan hatte der Gemahl residirt. Seine Wittwe hatte ihn fast um zwanzig Jahre überlebt, aber noch hing der Schlafrock am Nagel, als habe ihn der Hausherr eben ausgezogen, um in die Uniform zu schlüpfen. Die Tabakspfeifen standen wohlgeordnet auf dem Brett, und der Schreibtisch war sichtlich mit peinlicher Genauigkeit in dem ungeordneten Zustand erhalten worden, in welchem ihn der Oberforstmeister hinterlassen, als er zur Hofjagd gegangen war, von der er nicht zurückkehren sollte.

Ein seltsames Gefühl beschlich den jungen Mann ? war es doch, als müsse er noch andere Tritte, als die seinen, in diesen wohnlichen Räumen hören. Die Verwaiste hatte es verstanden, eine Art von Lebensodem verstorbener Lieben um sich festzuhalten. Da nebenan war das Schlafzimmer. Dicht an dem einen Bette stand ein Kinderbettchen, mit bunter Decke belegt, als sei es eben, nachdem ihm der süße Schläfer entnommen, frisch aufgebettet worden. Aus dem Berichte des Sachwalters wußte Herr Markus, daß ein Erbe im Hirschwinkel geboren worden sei, ein Knabe, der aber in zartem Alter gestorben war. Eine Fülle von Zärtlichkeit und tiefer Sehnsucht mußte das Herz der Einsamen bis zum letzten Schlag bewegt haben, aber sie war auch ein starker, gesunder Geist gewesen, der den Lebensrest nicht in der Hingabe an den Schmerz verträumt hatte. Das bewies die ?Bücherstube?, deren ganzen geistigen Inhalt die alte Frau in ihrem Kopfe gehabt haben sollte; davon zeugte die anstoßende Kräuterkammer, an deren Wänden sich große Bündel heilbringender Pflanzen hinreihten, welche die Verstorbene unermüdlich im Walde zusammengesucht hatte, um sie in dem kleinen Laboratorium nebenan in Arzneien und Specereien umzuwandeln.

Nach dem Erkerzimmer zurückkehrend, zog Herr Markus im Vorübergehen einen oberen unverschlossenen Kommodenkasten auf. Ein sauber zusammengefaltetes Kantentuch lag darin, und daneben ein großer, grünatlassener Strickbeutel, aus dessen halbzugezogener Oeffnung dürre Pflanzenstengel hervorstärrten. Das waren wohl die letzten Kräuter gewesen, welche die Heimgegangene im todbringenden Zugwinde auf dem Berggipfel gepflückt hatte. Die zusammengerollten Blätter stoben knisternd zu Boden, als der junge Mann den Beutel ergriff und den Bandverschluß aufzog. Dicht neben dem Kräuterwerke machten ein chirurgisches Besteck, ein Essenzfläschchen und ein vielbenutztes Notizbuch den gesammten Inhalt aus.

Mit etwas zaghaftem Finger öffnete Herr Markus die Schließen des kleinen Buches. Hin und wieder lagen getrocknete Pflanzen zwischen den Blättern, und Notizen in vollkommen correctem Latein waren dahinter geschrieben Recepte, Anmerkungen bezüglich der Oekonomie und des Hauswesens, Reflexionen, auch verschiedene Briefanfänge wechselten auf den Blattseiten mit einander ab. Das Buch war offenbar der stete Begleiter der Frau Oberforstmeisterin auf einsamen Wegen gewesen, in welchen sie Alles niedergelegt hatte, was ihr augenblicklich durch den Kopf gegangen war ? ein seltsames Merkbüchlein, aus welchem der abgeschiedene Geist in all seinen Spiegelungen, ungeschminkt und unverfälscht sprach, wie es vielleicht kaum Blick und Stimme im Leben gethan.

Der Strickbeutel wurde pietätvoll an seinen Platz zurückgelegt; mit dem Büchlein aber setzte sich Herr Markus in den Erker hinter das Arbeitstischchen der Verstorbenen, um gespannt weiter zu blättern. Was mochten wohl die letzten Gedanken der seltenen Frau gewesen sein, ehe sie sich auf das Sterbebett gelegt hatte? ? Eine mit zierlich winzigen Buchstaben bedeckte Seite ? und nach ihr kamen die letzten weißen, unberührten Blätter ? Es stand da:

?Nach gewissenhaftem Erwägen habe ich mich doch noch entschlossen, zu testiren; nicht bezüglich der gesammten Hinterlassenschaft meines verstorbenen Mannes ? Sie wissen ja, daß ich mir darüber das Recht der freien Verfügung nie selbst zugestanden habe, im Gegentheil mich nur als Verwalterin derselben bis zu meinem Tode ansehe. Anders verhält es sich mit dem Vorwerke. Es war das erste Geburtstagsgeschenk meines Verlobten für mich; ich bezog während meines Ehelebens aus dem Ertrage mein Nadelgeld und die Armenunterstützungen, die ich mir gestatten durfte, und habe auch eine kleine Sparsumme, eine Hypothek auf dem Tillröder Gasthofe erübrigt. Darüber kann und will ich mit gutem Gewissen verfügen. Möglich, daß ich früher sterbe, als meine unglückliche Freundin auf dem Vorwerke ? in dem Falle würde sie, ohne eine letztwillige Verfügung meinerseits, der schrecklichsten Noth preisgegeben sein. Freilich mit dem Prasser, dem Amtmann, und seiner unbezwinglichen Neigung zum Vergeuden, will ich nichts zu schaffen haben, aber auch der Frau darf ich das Vorwerk nicht zuschreiben lassen, wenn ich nicht will, daß dieser letzte Nothanker sofort in unnütze Dinge und Schlemmereien umgesetzt werde; sie ist zu schwach ihrem Manne gegenüber ? ein Blatt im Winde! ? Was meinen Sie dazu, wenn ich Agnes Franz, die Nichte, als Erbin einsetze? ? Kommen Sie doch in den nächsten Tagen in den Hirschwinkel, Notabene, nicht ohne die gesetzlichen zwei Zeugen!?

Dieser Briefentwurf war jedenfalls an den Rechtsbeistand der Verstorbenen gerichtet. Vielleicht war sie auf ihrem letzten botanischen Streifzug zuerst auf dem Vorwerk eingekehrt, und irgend ein Vorkommniß dort hatte sie veranlaßt, noch unterwegs die Zuschrift an den Advocaten zu entwerfen ? die Abschrift hatte der Tod verhindert.

Herr Markus klappte das Buch zu und steckte es sorglich in die Brusttasche. ? Das war ja eine merkwürdige Entdeckung, eine ungeahnte Wandlung, die ihm eine Mission aufdrang. ?.Sein Gesicht verfinsterte sich in ausgesprochenem Widerwillen. Die selige Frau Oberforßmeisterin hatte nichts mit ?dem Prasser, dem Amtmann?, zu schaffen haben wolle ? nun denn, ihr Erbe fühlte ebensowenig der Trieb, in irgend eine Beziehung zu der Amtmannsnichte, ?dem Gouvernantenfräulein?, zu treten.

Er sah sie schon im Geiste, die wohlgepflegten weißen Hände, die so anmuthig vor Männeraugen zu spielen verstanden; er summirte das Bischen Französisch, einige gewagte Bleistiftcontouren, die Mondscheinsonate und ein Duldergesicht mit kokett niedergeschlagenen Augen ? lauter Requisiten, aus welchen sich ein solch oberflächliches Gouvernantenpersönchen in seinen Augen zusammenzusetzen pflegte! ? Lange nach dem Tode seiner Mutter hatte sich der Vater noch einmal verheirathet. Aus dieser Ehe war ein Töchterchen da, ein reizendes kleines Mädchen, das der ?große? Bruder vergötterte. Seine Stiefmutter, die seinem Hauswesen vorstand, glaubte ohne eine Stütze in der Erziehung des Wildfanges nicht auskommen zu können, und so war der enge Familienkreis seit vier Jahren durch eine Erzieherin erweitert. Aber schon dreimal in dieser Zeit war man gezwungen gewesen, mit den jungen Damen zu wechseln, weil schließlich stets das Bestreben, selbst Herrin in der Markus?schen Villa zu werden, alle anderen Leistungen weit überflügelt hatte.

Ein grimmer Spott zuckte um seine Lippen. Ei ja ? das hätte ihm gefehlt, sich um seiner schönen Häuslichkeit willen heirathen zu lassen! ? Unwillkürlich suchte sein Blick das Frauenbild an der Wand ? das anziehende Wesen dort hatte mit jener Species nichts gemein. Also nur als die Verwalterin im Hirschwinkel hatte sie sich während ihrer Wittwenzeit angesehen? ? Sie hatte das Erbe für den Sohn des mißachteten ?Schlossers? in unentwegtem Rechtsgefühl behütet und gemehrt, ob man auch ihre Hand tiefverletzten Stolzes zurückgestoßen? Ein charaktervolles Weib, eine starke Seele war die zarte, schlanke Lilie gewesen, die aus dem Goldrahmen der blonden Locken in bräutlicher Liebesdemuth zu ihm herübersah ? das Herz schwoll ihm in einem wunderlichen Sehnsuchtsgefühl. ? ?Was ? sentimental?? ? Er schüttelte die ?närrische? Anwandlung sofort wie einen Krankheitsstoff von sich.

?Sie haben mich wohl gar nicht gehört, Herr Markus?? ? fragte Frau Griebel, die eben eingetreten war und das Kaffeebret auf dem Sophatisch niedergesetzt hatte. ?Und mein Porcellan hat doch mehr, als sich gehört, geklirrt und geklappert. ? Sie guckten ja aber auch so verbissen da ?nüber an die Wand, als hätten De sich, meiner Treu, in die Selige verliebt.?

Er lachte und stand auf.?Bis über beide Ohren, Frau Griebel! Die wär?s gewesen, gleichviel, ob alt oder jung.?

?I machen Sie doch keine Streiche, Herr Markus!? ? Sie hielt im Abwischen der Tischplatte inne, wandte schwerfällig den Kopf nach ihm zurück und sah fast böse aus. ? ?Solch ein Spittelweibchen! Von der Ferne sah sie wohl manchmal noch roth und weiß aus wie eine Apfelblüthe, aber runzelig war sie doch wie Backobst ? der Krauskopf da war schlohweiß geworden, und commandiren that das schmächtige Frauenzimmerchen zuletzt wie ein General.?


4.

Herr Markus hatte seinen Aufenthalt im Hirschwinkel ursprünglich auf höchstens drei Tage festgesetzt. Er wollte nach der unerläßlich gewordenen Inspicirung des neuen Besitzes eine Tour durch den Thüringer Wald bis nach Franken hinein machen. ? Nun waren aber drei Tage nach seiner Ankunft verstrichen, und es fiel ihm nicht ein, seine beabsichtigte Reise anzutreten, so wenig wie er jetzt noch daran dachte, das ferngelegene, ihm unbequeme Gut zu verkaufen, wozu er daheim fest entschlossen gewesen war. Um keinen Preis wäre ihm jetzt der reizende Erdenwinkel feil gewesen der ihn so heimisch umfing, als sei er in dem alten, trauten Gutshause geboren.

Er bewohnte das Erkerzimmer und ein rechts daranstoßendes Schlafcabinet. Die Zimmerflucht linker Hand dagegen, die mit dem Arbeitszimmer des verstorbener Oberforstmeisters begann und in das Laboratorinm auslief, wurde nach sorgfältiger Lüftung wie ein Reliquienschrein wieder unter Verschluß gelegt, und sollte nie benutzt werden, wie der Gutsherr zu Frau Griebel?s großem Aerger anordnete.

Er kam sich vor wie ein Einsiedler, der sich auf einsamen Berggipfel zurückgezogen hat, und kaum noch weiß, daß zu seinen Füßen die Brandung des Menschenverkehrs weiter tost, weil er sie nicht mehr hört. So still war es auch im Gutshause. Alles, was zur Oekonomie gehörte, concentrirte sich in dem zweiten großen Hof, hinter dem saubergehaltenen, kiesbestreuten Platz, aus welchen die Stufen der Hausthür führten. Da vorn durften nur die verwöhnten Truthühner umherstolziren; das buntgemalte Taubenhaus und ein vollästiger Birnbaumwipfel stiegen in die Lüfte, und Sultan?s Hundehütte stand an dem Thorweg wie ein Schilderhäuschen. ? so rührig auch Frau Griebel auf ihrem Wirthschaftsposten war, im Vorderhause duldete sie kein geräuschvolles Hantiren, kein Thürenschlagen von seiten der Leute, und draußen vor den Fenstern war es noch stiller. Wunderselten einmal geschah es, daß Weiber mit einem Reisigbündel auf dem Rücken, oder ein Trupp beerensuchender Kinder aus dem Wege dahinschritten, der den Rasenfleck vor dem Gutshause durchschnitt.

Allerdings war es nicht das Wohlbehagen ausschließlich, was Herrn Markus auf dem Gute festhielt ? es traten auch zu erledigende Geschäftsfragen an ihn heran. Eine längst projectirte Eisenbahnlinie, die auch den Hirschwinkel berührte, sollte nunmehr in Angriff genommen und abgesteckt werden. Diese Angelegenheit machte verschiedene Schreibereien nöthig. Der Schienenweg bedrohte das beste Stück Ackerland, während er doch nach Pachter Griebel?s Ansicht ebenso gut durch den minder werthvollen Wiesengrund laufen konnte.

Herr Markus hatte sein neues Gebiet bereits nach allen Seiten hin beschritten. Wohin er auch kam, überall fand er die musterhafteste Bewirtschaftung und das sichtliche Bemühen, die Güte des Bodens wie ein Kleinod zu behüten. Als Ausläufer dieses fruchtbaren Geländes lag freilich das Vorwerk da, wie ein angesetzter ärmlicher Flicken.

?So lange die Frau Oberforstmeisterin noch lebte, sahen die Grundstücke immer ganz passabel aus, sagte Peter Griebel ?der Amtmann hatte einen heillosen Respect vor unserer alten Dame und ging deswegen gar oft selbst hinter dem Pfluge her. Dazumal hatte er noch einen Knecht, der ist nun aber auch gleich nach der Magd fortgelaufen, und beim Amtmann hat sich das Alter eingestellt ? er geht am Stocke. Von Feldarbeit wäre keine Rede mehr, wenn sich nicht der Forstwart drüben im Grafenholz erbarmte. Der stammt aus dem Orte, wo der Amtmann früher die fürstliche Domäne in Pacht gehabt hat da ist er Tagelöhnerjunge gewesen und scheint an seiner alten Herrschaft zu hängen; denn das Bischen freie Zeit, das ihm sein schwerer Dienst übrig läßt, bringt er auf den Vorwerksäckern zu, und ? da mag nun meine Frau sagen was sie will ? die fremde Magd hilft tüchtig mit.

Bis in die Nähe der Vorwerksgebäude war Herr Markus noch nicht gekommen. Es war seine Absicht, den letzten Willensausdruck der verstorbenen Gutsherrin zur Geltung zu bringen, wenn das Schriftstück auch im Strickbeutel statt bei der gesetzlichen Behörde gelegen hatte und durch keinerlei Zeugenschaft beglaubigt war. Aber er wollte das erst nach seiner Rückkehr in die Heimath schriftlich abmachen ? es widerstrebte ihm absolut, mit dem Amtmann und ?dem Gouvernautenfräulein? in persönlichen Verkehr zu treten.

Er sehnte sich überhaupt nach keinem Umgang in der Einsamkeit, die er zum ersten Mal kennen lernte und auszukosten wünschte. Er war durchaus kein Blasirter ? das rauschende Leben der Großstadt hatte tausendfachen Reiz für ihn; er gab sich ihren schönen Genüssen mit voller Seele hin; denn er war ja ein noch junger Mann, dem die Lebenslust mit dem gesunden Blute durch die Adern strömte, aber nach all dem aufregenden Treiben der verflossenen Saison und dem geräuschvollen Arbeitsgetöse in seiner Fabrik fand er es köstlich, in der einlullenden Waldstille gleichsam zu versinken.

Er hatte einen ganz besonderen Lieblingsaufenthalt im Hirschwinkel für sich entdeckt; das war der kleine Pavillon, der sich auf der nordwestlichen Ecke der Gartenmauer erhob. Von achteckiger Form, gestattete er durch zwei Fenster und ebenso viel Glasthüren einen Ausblick nach allen Himmelsrichtungen. Die Innenwände waren mit verblichenen Frucht- und Blumenstücken auf grauem Grunde bemalt; ein kleiner weicher Eckdivan hinter einem runden Tischchen, einige Rohrstühle und ein Bücherbret über dem Divan bildeten das Meublement, und hinter den oberen Scheiben der Fenster und Glasthüren hingen Bogengardinen von Purpurkattun, welche das Stübchen mit einem magischen Schein füllten. Vor der einen Glasthür, nach der Westseite zu, zog sich ein schmaler Balcon mit hölzernem Geländer hin und ? das war es hauptsächlich, was dem neuen Besitzer diesen Aufenthalt so reizvoll machte ? von da führte eine kleine Treppe direct in das freie Feld, außerhalb des Gartens hinab. Nur ein schmaler Rasenstreifen lief hier draußen die Mauer entlang; darüber her wehten schon die nickenden Halme des nächsten Kornfeldes.

Herr Markus saß am Morgen des vierten Tages nach seiner Ankunft in dem Gartenhäuschen auf der Mauer und schrieb. Er hatte mit einer Anzahl auserlesener Werke aus der ?Bücherstube?, allerhand Schreibgeräth und einigen Regaliakistchen die kleine Stube noch behaglicher aussstaffirt. ? Nun hatte er sich eine Cigarre angebrannt, und die blauen Wölkchen vertrieben die Camillen- und Lavendeldüfte, welche die Morgenluft aus dem Kräutergarten der Frau Oberforstmeisterin hereinwehte. ? Er saß im Eckdivan, der Balconthür gegenüber. Sobald er aufblickte, übersah er durch die Glasscheiben den Weg, der, vor dem Gutshause hinlaufend, in fast schnurgerader Linie die Felder durchschnitt und erst weit drüben von dem beginnenden Waldschatten aufgenommen wurde. Nur einmal zweigte sich eine schmale Pfadlinie rechts ab, um hinter einem kleinen Fichtengehölz weg nach dem Vorwerk zu laufen.

Auf diesem Fußweg daherkommend, trat plötzlich ein weibliches Wesen in seinen Gesichtskreis ? es war die Magd vom Vorwerk. Sofort erkannte er sie an Gang und Haltung, wenn auch heute, außer dem ominösen Weißen Tuch ? von Frau Griebel zornmüthig ?Scheuleder? genannt ? noch ein breitrandiger Strohhut ihr Gesicht beschattete.

Sie ging langsam mit gesenktem Kopfe; in der Linken trug sie einen Rechen und ließ im Vorüberwandeln die grünen Kornähren durch die Finger der rechten Hand laufen. Wie auf Goldgrund hob sich das Mädchen aus der sonnenhellen, einsamen Landschaft. Sie war offenbar im Begriff, auf der entferntgelegenen Wiese, wo sie vor einigen Tagen gemäht hatte, das Heu zu wenden.

Er sah sie näher und näher kommen; sie hatte sichtlich keine Ahnung, daß in dem Gartenhäuschen ein Beobachter jeder ihrer Bewegungen unverwandten Blickes folgte. Herr Markus hatte nicht mehr an das Mädchen gedacht, das ihm die verlangte Hülfe auf der Brücke nur mit Widerwillen geleistet, jetzt aber fiel ihm die knappe und schroffe Art und Weise, mit welcher sie ihn abgefertigt hatte, wieder ein; er mußte lachen, und es reizte ihn, mit der Spröden noch einmal anzubinden.

Er erhob sich und trat an die Thür, während sie, der Mauerecke nahe, plötzlich Halt machte und einen Brief aus der Tasche zog. Es schien, als spähe sie nach irgend einem dienstbaren Geist des Gutes aus, aber vor dem Hause und an den Fenstern desselben rührte und regte sich nichts. Sie betrat deshalb, kurz entschlossen, den Rasenstreifen an der westlichen Gartenmauer, jedenfalls um zu den Hintergebäuden zu gelangen, wo die Mägde in den Ställen zu finden waren.

In diesem Augenblick kam Herr Markus auf den Balcon heraus; er stieg rasch das Treppchen hinab und vertrat ihr so den Weg. Sie schrak zusammen, als habe sich die Erde vor ihr aufgethan, und ließ vor Bestürzung den Rechen fallen.

?Der Brief ist doch wohl für Jemand auf dem Gute bestimmt ? gieb ihn mir! Ich will ihn bestellen,? sagte er lächelnd, indem er die Hand nach dem schmalen Couvert ausstreckte.

Stumm reichte sie ihm den Brief hin.

?Was der Tausend ? er ist ja für mich,? rief er mit einem Blick auf die Adresse. ?Von wem??

Sie bückte sich und nahm den Rechen auf.

?Von Deinem Herrn doch nicht?? inquirirte er weiter, da die Antwort nicht sofort erfolgte.

?Ja, vom Amtmann,? bestätigte sie jetzt in der fast ängstlich knappen Redeweise, die er bereits an ihr kannte.

Er wiegte lächelnd den Kopf.

?Sieh, sieh, was der alte Herr für eine, zierliche Damenhand schreibt!?

?Das ist nicht seine Schrift ? er leidet an Augenschwäche ??

?Ach so, da hat er dictirt, und eine seiner Damen, wie ich vermuthe, das Fräulein Gouvernante, hat nachgeschrieben.? Er hielt die Adresse prüfend von sich ab. ?Schöne, schlanke Züge, auf schneeweißem Papier, wie es sich für eine Dame gehört, die mit Küchengeräth und Staubtuch absolut nichts zu schaffen hat.?

Sie warf den Kopf auf, und er hoffte schon auf eine schneidige Replik, aber umsonst; sie senkte das Kinn wieder auf die Brust und schwieg.

?Du bist wohl für Deine junge Dame sehr eingenommen?? fragte er; seine brennende Cigarre wieder zum Munde führend.

?Ich glaube nicht,? versetzte sie und trat ein wenig zurück, als wolle sie den blauen Duftringeln ausweichen, die ihren Kopf plötzlich umschleierten. Lächerlich! Das Mädchen da, das in öffentlichen Vergnügungslocalen unter ihresgleichen den dicken Dampf unfeinen Canasters athmen mußte, that verwöhnt und belästigt, als habe sie die feinsten Damennerven ? sie copirte höchstwahrscheinlich das Fräulein Gouvernante. Das ärgerte und reizte ihn ? er that nun erst recht ein paar kräftige Züge.

?Du glaubst es nicht?? wiederholte er darauf. ?Aber ihr vornehmes Wesen gefällt Dir trotz alledem, wie ich vermuthe ? Du möchtest wohl gar zu gern sein wie sie, nicht??

?Das wäre ein sonderbarer Wunsch ??

?Ei warum denn? Die schönen Hände pflegen und sich im kühlen Zimmer bedienen lassen ist doch tausendmal wünschenswerther, als in?s Heu zu gehen und bei harter Arbeit von der Sonnenhitze ausgedörrt zu werden??

?Meinen Sie, das ? das Fräulein arbeite nicht??

?Mein Gott, ja!? versetzte er in persiflirendem Tone. ?Ich bin sogar überzeugt, daß sie mit behandschuhten Händen sehr fleißig Feldblumen pflückt und sie als geschmackvolle Sträußchen für Albumblätter trocknet oder in Wasserfarben malt; sie wird Kanten sticken, schreiben und lesen und ihre Fingerübungen auf dem Clavier mit grausamer Pünktlichkeit zum Genuß aller nervengereizten Menschen herunterspielen. Nun, stimmt es??

?Zum Theil, ja!? bestätigte sie, wobei sie den Strohhut noch tiefer in die Stirn zog. Es waren hübsche, schlanke, aber tiefgebräunte Finger, die nach dem Hutrand griffen.

?Siehst Du?? sagte er mit muthwilligem Lächeln. ?Ich glaube auch, daß sie sehr gut zu beurtheilen versteht, ob Du in ihrem Zimmer gründlich abgestäubt und die Ordnung wieder hergestellt hast; sie wird es ebenso wohl zu würdigen wissen, wenn Dir die süße Mehlspeise gerathen und der Braten nicht angebrannt ist.?

Ein leises Auflachen kam unter dem weißen Tuch hervor. ?Ich weiß nur, daß sie sehr selten zufrieden mit mir ist,? sagte das Mädchen gleich darauf mit Bestimmtheit.

?Du wirst es an der gebührenden Unterwürfigkeit fehlen lassen, meine Kleine. Quält Dich das Fräulein Blaustrumpf dafür??

?Dafür nicht, aber sie macht mir oft die bittersten Vorwürfe, wenn meine Kraft mit dem Willen durchaus nicht Schritt halten will.?

Er ließ die Hand mit der Cigarre sinken, und seine Augen suchten mit dem Ausdruck von Befremdung unter Tuch und Hutschirm zu dringen. ?Du sprichst ja merkwürdig gewählt für ein Mädchen Deines Standes,? sagte er aufhorchend.

Sie fuhr erschreckt zusammen und streckte ihm die Hand wie zur Abwehr entgegen.

?Ach ja, ich vergaß ? Du bist ja kein Dorfkind,? setzte er hinzu und strich sich über die Stirn und sein reiches Haar. ?Hast in der Stadt, in gutem Haus gedient, und da ist etwas von den herrschaftlichen Manieren hängen gebliehen. Deine junge Dame hat Dich ja mitgebracht, wie ich höre ? warst wohl in einem Hause mit ihr??

Das Mädchen zögerte einen Augenblick mit der Antwort. ?Nun ja, wir waren in einem Hause ? im Hause des Generals von Guseck in Frankfurt,? sagte sie und griff mit weggewandtem Gesicht mechanisch in das Halmengewoge des Kornfeldes, neben welchem sie stand. ?Ich war stets mit ihr zusammen; ich leiste ihr alle Kammerjungferdienste, wie sie solch ein verwöhntes ,Fräulein Gouvernante? braucht, und weil ich unzertrennlich von ihr bin ??

?So bist Du auch mit hierher gegangen, direct in die Armseligkeit hinein,? fiel er vervollständigend ein. ?Du bist ein wunderliches Mädchen, behauptest, Du seiest nicht für Deine junge Dame eingenommen, und gehst doch mit ihr, auf gut Deutsch gesagt, durch ,Dick und Dünn?. Es muß ein Zauber, so etwas von der dämonischen Macht des Rattenfängers von Hameln, in ihr stecken. Ist sie hübsch??

Sie bückte sich über einen Aehrenbüschel, den sie in der Hand zusammensaßte, und zuckte die Achseln. ?Was Einem zu nahe steht, beurtheilt man selten richtig ??

?Sphinx!? rief er, indem er ihr näher trat. ?Du möchtest sie mir interessant machen mit Deinen sibyllenhaften Antworten.? Er lachte frisch, aber sehr spöttisch auf. ?Verlorene Liebesmühe, meine Kleine! Ihr Gouvernanten-Nimbus reizt mich nicht; ich werde ihr aus dem Wege gehen, wo ich kann. Aber ich habe ein anderes Verlangen ? ihrem ,unzertrennlichen? Schatten möchte ich in die Augen sehen.?

Ehe sie sich dessen versah, hatte er mit kühner Hand Hutschirm und Tuch erfaßt und bog ihr beides aus dem Gesicht, aber in demselben Moment auch trat er in einer Art verlegenen Erschreckens von ihr weg ? er hatte in ein Antlitz von überraschender Schönheit gesehen.

Sie zog mit einem Laut der Entrüstung die Verhüllung wieder über die Stirn und floh an ihm vorüber. In einiger Entfernung blieb sie indessen noch einmal stehen und sagte mit bebender Stimme über die Schulter nach ihm zurück: ?Sie verspotten die Dame auf dem Vorwerk um ihrer geistigen Beschäftigung willen, und mir haben Sie eben durch Ihr Benehmen gezeigt, wie tief die Frau in Ihren Augen erniedrigt wird durch die Arbeit, der ich mich unterziehe ? ist das Männerurtheil??

Damit wandte sie ihm wieder den Rücken und eilte so rasch weiter, daß sie binnen wenigen Augenblicken seinen Augen entschwunden war.

Er biß sich zornig auf die Unterlippe und schleuderte die Cigarre weithin auf den Wiesenrasen. Er begriff jetzt sich und sein Thun selbst nicht mehr, und seine Stiefmutter, die so oft schalt und böse wurde, wenn er sich über alle jungen Damen ihrer Kreise lustig machte und es mit boshaftem Spotte betonte, daß es ihm stets Ueberwindung koste, die ?geschnürten Mamsellchen? auch nur beim Tanzen zu berühren, sie würde wohl große Augen gemacht haben angesichts der beschämenden Situation, in die er sich selbst gebracht hatte. Aber es war vorhin wie ein Rausch über ihn gekommen, und das Berückende hatte in der Stimme gelegen, die aus dem mystischen Dunkel der Umhüllung heraus geklungen hatte, wie ein interessantes Räthsel.

Ebenso rasch wie er herunter gekommen war, sprang er das Balcontreppchen wieder hinauf, warf die Glasthür heftig hinter sich zu und trat grollend an eines der Fenster. Ach was, weshalb alterirte er sich denn eigentlich so in tiefster Seele? Von all seinen Freunden verschmähte es Keiner, ein hübsches Stubenmädchen oder Kammerkätzchen unter das Kinn zu fassen, gelegentlich auch einen Kuß auf eine runde, rosige Wange zu drücken, und wem wäre es je eingefallen, darin etwas Deprimirendes für den Attentäter zu finden, selbst wenn die Betroffenen protestirten und sich sträubten? War es ein Verbrechen, daß er den scheußlichen groben Strohhut und das ?Scheuleder? berührt hatte? ? Einzig und allein sein Blick war es gewesen, um deswillen er zurechtgewiesen worden war, wie ein Profaner, der unerlaubter Weise in das Allerheiligste dringt. Das Mädchen arbeitete auf dem Felde ? mußte sie sich nicht auch dreiste Blicke gefallen lassen von jedem Handwerksburschen, der zu ihr trat, um nach dem rechten Weg zu fragen? ? Aber freilich, sie war ja auch ?Kammerjungfer? auf dem Vorwerke; ?die Cultur hatte sie beleckt?; sie besaß unleugbar scharfen Verstand und von Natur aus Schlagfertigkeit des Geistes; sie gerirte sich deshalb nahezu als Familienangehörige des Amtmanns, obgleich sie das Grünfutter auf dem Kopfe heimschleppen und mit Hacke und Rechen auf den Aeckern und Wiesen hantiren mußte.

So sehr er sich auch bemühte, die Sache von der humoristischen Seite zu nehmen und schließlich darüber zu lachen, er wurde doch nicht Herr über das widerwärtige Gefühl, eine Lection erhalten zu haben, die ihn zeitlebens ärgern mußte. Für heute wenigstens war ihm die Laune total verdorben.


5.

Herr Peter Griebel unterbrach dieses unerquickliche Nachsinnen. Er kam vom Felde heim und erzählte dem Gutsherrn unter vergnüglichem Händereiben, daß die Absteckpfähle der Eisenbahn-Ingenieure drüben im Wiesengrunde eingerammt würden ? der Ackerboden bleibe unberührt seitwärts liegen. Dagegen habe der Amtmann Franz einen ?Mordspectakel? erhoben ? Peter Griebel hatte in ziemlicher Entfernung seinen Protest voll Gift und Galle, sein Poltern und Raisonniren mit angehört. Der Schienenweg sollte aber auch direct durch den Vorwerkshof und so nahe an der südlichen Ecke des Wohnhauses hinlaufen, daß der alte, morsche Bau in wenigen Jahren nothwendig als Schutthaufen in sich zusammenstürzen mußte.

Bei dieser Meldung erinnerte sich Herr Markus des Briefes, den er in die Tasche gesteckt und über dem Recontre dem Mädchen vergessen hatte. Er erbrach ihn und überflog halb belustigt, halb geärgert den Inhalt ? die Leute auf dem Vorwerke waren doch sammt und sonders, vom Herrn an bis auf die Magd herab, unverbesserlich vom Hochmuthsteufel besessen, eine merkwürdige Gesellschaft, ein lächerliches Gemisch von Schwindelei, Anmaßung und Prüderie! ?

Der Amtmann ignorirte vollständig die Thatsache, daß ihm durch den Rechtsanwalt des Erben der Pachthof seit Jahresfrist gekündigt worden war. Er protestirte in kategorischer Weise gegen das laxe Verhalten des Gutsherrn, der Eisenbahnfrage gegenüber, durch welches er, sein Pächter, in seiner Existenz geschädigt würde. Nie und nimmer würde er darauf eingehen, den Oekonomiehof hinter das Haus zu verlegen, so wenig wie er sich gefallen lasse, daß ihm seine Wohnung eines schönen Tages über dem Kopfe zusammengerumpelt werde. ? Schließlich berührte er sehr von oben herab mit wenigen flüchtigen Worten den Umstand, daß er mit dem ?Bischen Pachtgeld? allerdings noch restire, aber er erwarte täglich eine bedeutende Geldsendung, die sein Sohn, ein grundreicher Mann in Californien, unbegreiflicher Weise verzögere ? sofort nach Eintreffen des Geldes werde ?die Bagatelle? berichtigt werden.

?Ja, ja, so macht?s der Amtmann!? lachte Peter Griebel gutmüthig, nachdem ihm Herr Markus den Briefinhalt mitgetheilt hätte. Er ist eben ein närrischer Kauz ??

?Ein närrischer Kauz? ? was Du doch immer für gemüthliche Ausdrücke hast, Peter ? ein Erz-Aufschneider ist er,? unterbrach ihn seine Frau. Sie hatte Petersilie vom Beet geschnitten, war auf die oberste Stufe des Pavillontreppchens von der Gartenseite her gestiegen und streckte die Faust mit dem dicken Petersilienbündel warnend durch die offene Thür. ?Lassen Sie sich um Gotteswillen mit dem nicht ein, Herr Markus! Sie werden über?s Ohr gehauen, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht. Der denkt auch, wie der Vogel Strauß, wenn er die Augen zumacht, da sieht?s kein Mensch, in was für ein Hungerloch er sich durch seine eigene Schuld gesetzt hat. ? Mit dem Sohne in Californien will er Ihnen auch nur Sand in die Augen streuen, wie allen den dummen Leuten, die ihm geborgt haben. ? Mag schon ein schönes Früchtchen sein, der Herr Sohn von so ?nem alten Schwindler!?

?Mach?s doch nicht gar zu schlimm, Jettchen! Bist doch sonst nicht so!? sagte ihr Mann. ?Von der Frau Oberforstmeisterin weiß ich, daß der junge Franz ein guter Mensch gewesen ist ? nur der Zorn und Jammer über die miserable Wirtschaft auf der Domäne hat ihn in die weite Welt getrieben. Er soll auch einmal ein großes Stück Geld heimgeschickt haben. Freilich, nachher ist er verschollen, und seine alte Mutter soll sich deshalb fast zu Tode grämen.?

?Na, da hören Sie?s ja, Herr Markus!? bemerkte Frau Griebel anzüglich, mit dem Daumen nach dem Sprechenden zurückweisend. ? ?Und da verlangt der Mann auch noch, man soll solch einen unnützen Burschen, der nicht einmal Papier und Tinte für seine Mutter hat, womöglich für eine Respektsperson ansehen. ? Da kannst Du warten, Peter.? ? Damit kletterte sie brummend und schwerfällig die Treppe hinab, um ihre Petersilie in die Küche zu tragen.

Herr Markus durchmaß unausgesetzt das Pavillonstübchen, nachdem auch Peter Griebel in die nahe Laube gegangen war, wo ihm sein Töchterchen Butterbrot und Servelatwurst und ein Gläschen goldhellen Nordhäuser zum Frühstück auf den Steintisch gestellt hatte.

Mit dem Briefe des Amtmanns war die Erbschaftsangelegenheil, die der Zufall in die Hand des neuen Gutsherrn gespielt hatte, in eine neue Phase getreten. Heute Morgen noch hatte er gemeint, durch eine Besprechung mit seinem Rechtsanwalt, kurz vor seiner Abreise, und ein paar Briefe von Berlin aus werde sich der letzte Wünsch seiner Tante leicht in Ausführung bringen lassen, ohne daß der ihm so antipathische persönliche Verkehr mit den Betheiligten nothwendig geworden wäre. Nun erschien aber eine ganz neue Person auf der Bildfläche ? es war ja auch noch ein Sohn da, von welchem die Verstorbene eine sehr gute Meinung gehabt haben sollte, wie Peter Griebel wiederholt versicherte, und dennoch erwähnte ihn die letzte Verfügung mit keiner Silbe. War er vielleicht auch so nachgiebig und weichherzig wie seine Mutter und der gewaltthätigen, rücksichtslosen Art und Weise des Amtmanns ebenso wenig gewachsen, so daß die Testatorin gefürchtet, auch in seiner Hand sei der letzte Nothanker nicht gesichert? ?

Demnach mußte die alte Dame eine große Achtung vor der Charakterstärke des Mädchens gehabt haben, unter dessen Hut sie die Zukunft der unglücklichen Jugendfreundin zu stellen gewünscht hatte. Herr Markus begriff diese Verblendung nicht. ? Die Verstorbene war der unermüdliche Fleiß, die Thatkraft selbst gewesen; auf dem Felde und im Milchkeller, in der Küche und im Laboratorium, am Krankenbette der Armen, wie am Schreib- und Arbeitstische hatte sie sich stets zur rechten Zeit finden lassen, und nie war es ihr in den Sinn gekommen, sich auch nur ein Band ihres Anzugs oder das Haar von fremder Hand ordnen zu lassen. ? Wie in aller Welt nun kam diese praktische, thätige Frau dazu, ein Mädchen mit einer solchen Aufgabe zu betrauen, von welchem er eben noch gehört hatte, daß es sich selbst in seiner jetzigen derangirten Umgebung fortgesetzt auf die verwöhnte Weltdame spiele, nicht Hand und Fuß rege, um der verkommenen Wirthschaft aufzuhelfen, und auch noch Kammerjungferdienste von der Dienerin beanspruche, die sich von früh bis spät im Hauswesen, wie auf dem Felde plagen mußte?

Er verwünschte den ?dummen Einfall?, in Folge dessen er den alten Strickbeutel durchstöbert hatte ? wäre er doch so weise gewesen, das urvorweltliche Möbel mit seinem Inhalte unbesehen in der Kommodenecke vermodern zu lassen. Nun war er auch noch so bodenlos albern, sich das Geschick der alten Frau aus dem Vorwerk zu Herzen zu nehmen und die gewissenhafteste Erwägung für seine Pflicht zu halten. ? So viel stand fest: die Frau Oberforstmeisterin hatte sich bei aller geistigen Klarheit und Schärfe in Charakter und Wesen ihrer erwählten Erbin gründlich getäuscht ? möglicher Weise war ihr eine Komödie vorgespielt worden. War es nicht geboten, ihren Mißgriff zu corrigiren und doch lieber dem jungen Franz das kleine Erbe in die Hand zu geben? Wer bürgte denn dafür, daß sich für die ?Weltdame? nicht sofort ein Freier fand, wenn die Erbschaft ruchbar wurde? Dann zögerte Fräulein Gouvernante sicher keinen Augenblick mitzugehen; Fremde säckelten den Nachlaß ein und die arme Kranke auf dem Vorwerk hatte das Nachsehen.

Voll Aerger fuhr er sich mit beiden Händen durch das Haar; nun blieb ihm doch nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und die Verhältnisse bei ?Amtmanns? sammt dem ?Gouvernanten-Fräulein? mit eigenen Augen zu prüfen.

Er blieb tagsüber verstimmt und griff gegen Abend nach seinem Hut, um den Wald zu durchstreifen. Das dunkle Laubdach über dem Kopf und verworrenes Rankengestrüpp zu Füßen, arbeitete er sich am liebsten durch das wilde Dickicht, und wenn der schwach modrige, aber kräftige Walderdengeruch aus den frischen Fußstapfen zu ihm emporhauchte und das aufgestörte, unabsehbare Blättergewoge unter seinen pfadbahnenden Armen wie empört aufrauschte, da mußte er ironisch lächelnd der Anlagen gedenken, die sein Vater dem kümmerlichsten Fleckchen der märkischen Sandbüchse abgerungen. Wie erlogen breitete sich dort das Rasengrün mit seinen Teppichbeeten vor der Villa hin, und die glatten Wege der wie heuchlerische Coulissen aufgestellten Bosquets endeten mit all ihren künstlerischen Windungen schließlich doch zur schreckenhaften Enttäuschung in der Sandöde.

Ein nur von den Forstleuten und dem Holztransport frequentirter Fahrweg trennte das Gebiet des Hirschwinkels von dem sogenannten Grafenholz, dem fürstlichen Waldrevier, und nahezu mit dieser Verkehrslinie schloß die Thalsohle ab; der herrliche Buchenbestand fing an, steil bergauf zu klettern; nur noch ein kleines Stück Wiesengrund schmiegte sich zwischen ihn und den Weg, und auf diesem Rasenfleck stand das Haus des fürstlichen Forstwärters. Es war ein hübscher neuer Ziegelbau mit großen, blanken Fenstern und einem weißen Holzstaket zur Seite, das ein kaum zwei Beete breites Stückchen Gartenland umschloß.

Schon zweimal hatte Herr Markus auf seinen Streifereien hier Halt gemacht, und auch heute blieb er stehen, als die rothen Wände plötzlich aus dem Busch hervortraten. Der Waldhüter, der das Haus bewohnte, mußte ein wahres Klausnerleben führen; er war jedenfalls ein unverheiratheter Mann, der mit dem Hausschlüssel in der Tasche seinem Berufe nachging. Nie stand die Thür gastlich offen; nicht die Spur eines Rauchwölkchens kräuselte über dem Schornstein; an den Fenstern, die wohl ein paar Blumentöpfe auf den inneren Simsen, aber nirgends den Schmuck hübsch gefalteter Gardinen aufwiesen, zeigte sich kein Menschengesicht, so wenig wie man irgend ein Hantiren innerhalb der vier Wände hörte; nur droben am Giebelfenster hingen drei, vier hölzerne Vogelbauer, in denen Finken und Kreuzschnäbel lärmten, und an dem steilen Abhange hinter dem Hause kletterten zwei naschende Ziegen herum, die wohl in den Stall des Forstwärters gehörten.

Der neue Gutsherr im Hirschwinkel hatte oft genug die Lust verspürt, dem nachbarlichen Waldhüterhaus näher in die Fenster zu gucken, lediglich. um zu erfahren, an welcher Art Lectüre sich der ehemalige Taglöhnerjunge erquicke in seiner kärglichen Mußezeit, die ihm der strenge Dienst und seine Aushülfe auf dem Vorwerk übrig ließen. Wenn es Ritter- und Räubergeschichten waren, die dort zwischen den Blumentöpfen auf der niederen Brüstung über einander lagen, so steckten sie wenigstens nicht in der Livrée der Leihbibliotheken ? er sah das über die Fahrstraße hinweg, die ihn um mindestens zehn Schritte von dem Hause trennte. ? Vielleicht war er ein Mann von Intelligenz und Weltgewandtheit, dieser Waldhüter; er verkehrte ja viel auf dem Vorwerk, wo sich selbst die Magd, die mit Milcheimer und Heurechen hantirte, einer salonmäßigen Ausdrucksweise befleißigte.

Mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen bog er das letzte Gestrüpp aus einander, um auf den Fahrweg heraus zu treten, als ihn das Gebühren der einen Ziege stutzig machte. Es war ein junges schmächtiges Thier, das wie toll den Abhang herunter und über das schmale Wiesenland hin rannte; ihre Gefährtin trabte gemächlich hinterdrein, aber auch direct nach der Richtung, in welcher jetzt leichte Menschentritte hörbar wurden. ? Herr Markus stampfte den Boden ? immer wieder dieses Mädchen, das bereits anfing, ihm den Waldaufenthalt gründlich zu vergällen. War denn Amtmanns Magd das einzige weibliche Wesen, das in Wald und Feld lebte und athmete?

Da kam sie richtig wieder daher, das ?Scheuleder? auf dem Kopfe und einen großen Marktkorb am Arm. Die Ziegen liefen neben ihr und fraßen von dem Stück Brod in ihrer Hand, das sie für die Naschmäuler aus der Tasche gezogen hatte.

Herr Markus trat tiefer in das Gebüsch zurück, hinter die nächste dicke Buche ? er wollte sich nicht noch einmal ärgern, wie heute in der Frühe. Das Mädchen war ihm förmlich verhaßt, und ebenso beflissen, wie er heute Morgen den Tabaksrauch unter das weiße Tuch geblasen, warf er jetzt die glimmende Cigarre auf den Boden und zertrat sie, auf daß ja nicht das leichteste hinüberziehende Duftwölkchen seine Anwesenheit verrathe.

Das Mädchen warf den Ziegen die Brodreste hin und trat auf die Thürstufen, um einen Einblick in das nächste Fenster zu gewinnen. Das Zimmer mußte leer sein; auch auf wiederholtest Klopfen gegen die Scheiben rührte sich nichts im Hause; die Thür blieb verschlossen. Da hieß es, sich in Geduld fassen.

Den Handkorb neben sich stellend, setzte sich die Angekommene auf die grüngestrichene Bank zu Seiten der Hausthür, jedenfalls um die Heimkehr des Hausbewohners zu erwarten. Sie löste die Tuchzipfel unter dem Kinn und ließ die weiße Umhüllung über den Nacken hinabfallen. So ? das war sie ja nun, vom Scheitel bis zur Fußspitze, Amtmanns eitle Magd, die auf ihre Haut nicht das kleinste Sonnenfleckchen brennen lassen wollte, wie Frau Griebel erbittert behauptete, und so zornig Herr Markus war, er mußte zugeben, daß es auch schade um diesen etwas blassen. zartleuchtenden Teint gewesen wäre; er mußte bekennen, wie schon heute Morgen bei seinem flüchtigen Einblick, daß der Kopf dort den Adel und die Anmuth der Gestalt nicht im Entferntesten verwische; sondern mit voller Harmonie ergänze. Das verdroß ihn erst recht. Es wäre ihm tausendmal lieber gewesen, sie hätte geschielt, wäre sommersprossig und plump von Zügen gewesen ? ?die Aparte?.

Sie strich sich das lose Haar aus der Stirn nach dem Hinterkopf, wo es, ungeflochten und zu einem dicken Knoten aufgewunden, von einem Kamm gehalten wurde; dann legte sie tiefaufathmend die gefalteten Hände in den Schoos und lehnte, augenscheinlich erquickt durch die Waldruhe ringsum, den Kopf an die Hauswand. Sie sah sorgenvoll, wenn auch nicht eigentlich gedrückt aus und war wohl auch zu lebhaft und energisch, um sich länger als für ein paar Augenblicke der absoluten Unbeweglichkeit hinzugeben.

Aus dem Korb wurde ein Päckchen genommen, aus einander gerollt, und mit prüfendem Blick über die Kniee hingebreitet ? Herr Markus sah, daß es eine weiße Spitzenkante war, wahrscheinlich alter ausgedienter Putzkram vom ?Gouvernantenfräulein?, der nun noch an dem weißen Halse paradiren sollte. ? Die flinken Finger wendeten das mißfarbene Gewebe nach allen Richtungen, und es sah fast aus, als streifte die Rechte liebkosend d?rüber hin ? dann wandte das Mädchen plötzlich den Kopf zur Seite, wickelte die Kante eiligst zusammen und erhob sich.

Ein stattlicher Mann in grünem Rock kam den Fahrweg entlang. Als er der Wartenden ansichtig wurde, beschleunigte er seine Schritte; auch sein Hund, der müde vor ihm hergetrottet war, schoß vorwärts und sprang freudebellend an dem Mädchen empor.

?Es ruht sich köstlich vor Ihrer Klause, Fritz ? aber ich bin doch froh, daß Sie kommen; ich habe Eile,? sagte sie und copirte ihre junge Dame jedenfalls bis auf die kleinste Nüance; denn in der Art und Weise, mit welcher sie den höflichen Gruß des Herankommenden erwiderte, lag so viel freundliche Würde, wie sie höchstwahrscheinlich die blaustrümpfige Amtmannsnichte dem ehemaligen Tagelöhnerjungen gegenüber herauszukehren pflegte.

?Ich habe einen dringenden Auftrag für Sie,? fuhr sie fort. ?Aber erst sollen Sie etwas Gutes bekommen,? unterbrach sie sich und reichte ihm aus dem Korb einen kleinen Brodlaib. ?Ich habe heute Brod gebacken, und es ist so herrlich ausgefallen, daß Sie auch davon essen müssen. ? Das ist nun auch überwunden, Fritz, und jetzt lache ich über den angstvollen Moment, wo ich zum ersten Mal mit grenzenlos ungeschickten Fingern den Teig knetete und schließlich ein paar steinharte, schwarze Klumpen aus dem Ofen brachte.?

?Ja, damals gab?s Thränen; bei aller Standhaftigkeit,? sagte der junge Mann mit einem gutmüthigen Lächeln. Er legte das Brod auf den äußeren Fenstersims, sah dabei aber gespannt nach dem Mädchen zurück. ?Muß es wieder einmal sein? Zum Juden oder zum Goldschmied in L.?? fragte er ohne Umschweife, jedenfalls im Hinblick auf den verheißenen Auftrag.

?Ach, Sie wissen ja am besten, daß wir beim Goldschmied längst nicht mehr anklopfen können ? zum Juden müssen Sie. Bis übermorgen müssen acht Thaler geschafft werden.?

Der Mann fuhr sich wie in heller Verzweiflung mit der Hand durch das krause Haar hinter dem Ohr.

?Ja, da sehen Sie nun, Fritz! Wir haben doch gewiß aufgepaßt, nahezu wie Gensd?armen, und dabei hat es doch so, ein commis voyageur möglich gemacht, ungesehen einzudringen und ein paar Kistchen feiner Cigarren in das Haus zu schwindeln. Sie sind bis zu einem kleinen Rest aufgeraucht, und nun kommen die Rechnungen und Mahnbriefe, und heute wurde die sofortige Klage bei Gericht in Aussicht gestellt.?

?Herr Gott im Himmel, ich hab gewiß Geduld, aber mit der Zeit wurmt und ergrimmt es Einen doch, und der Aerger würgt an der Kehle, wenn man sieht, daß es so gar kein Einsehen giebt, daß fortgewirthschaftet wird, als wär? der Geldsack noch voll, wie in guten Zeiten.?

Ein trüber Ausdruck schlich um den Mund des Mädchens. ?Können wir?s ändern, Fritz?? Sie lächelte schwach. ?Da stecken Sie in jeder freien Minute die Nase in Ihre naturwissenschaftlichen Bücher und wissen nicht einmal, daß das Wasser vom Uranfang an absolut nicht zum Berg hinauf will ? alte Gewohnheiten und Neigungen lassen auch nicht vom Alter ??

?Aber so ein gottsträflicher Leichtsinn bei solch einem alten Herrn ??

?Still!? unterbrach sie ihn heftig, mit einer herrischen Geberde. ?Uns Beiden kommt es nicht zu, ihn zu richten; wir haben nur seiner Güte und Fürsorge zu gedenken. Hier? ? sie rollte die Spitzenkante aus einander ? ?ist noch ein Werthstück, kostbare alte Spitzen! Es ist mir versichert worden, daß sie unter Brüdern mindestens zwanzig Thaler werth seien ? von Baruch Mendel dürfen wir freilich nicht mehr als die Hälfte des Preises erwarten.?

?Ob er sich überhaupt damit befaßt?? meinte der Mann achselzuckend, mit einem ungläubigen Blick nach dem unscheinbaren Gewebe. ?Die zwei seidenen Kleider und den Shawl hat er wohl gekauft, aber solch windiges Zeug? Ich glaube, er lacht mich nur aus. Lieber noch ein paar silberne Löffel, mein? ich.?

?Die letzten?? rief das Mädchen ganz empört. ?Wo denken Sie hin? Soll ich ihr einen Blechlöffel neben den Teller legen? Das geschieht nicht, so lange ich Hand und Fuß rühren kann! Sie verstehen davon nichts, Fritz,? setzte sie ruhiger hinzu, indem sie die Kante zusammenfaltete und ihm hinreichte. ?Gehen Sie nur getrost zum Juden, der versteht sich auf Spitzen wie auf Goldsachen. ? Haben Sie morgen Zeit und vielleicht selbst Besorgungen in der Stadt??

?Wenn auch nicht ? den Weg mache ich trotzdem möglich; Sie wissen?s ja ??

?Ja, ich weiß es, Sie sind ein guter, kreuzbraver Mensch.?

Dieses einfache, aber in innigem Tone gesprochene Lob schien ihn verlegen zu machen. Er griff linkisch nach seiner Mütze und zog und rückte an dem Schild. ?Heute sind sie ja auch dabei, die Bahnlinie abzustecken,? sagte er ablenkend.

?Ja ? und es gab deshalb viel Sturm und Unheil bei uns, wie Sie sich denken können. Es war überhaupt ein abscheulicher Tag heute? ? sie verstummte und klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne.

?Ich glaub?s. Aber die reine Lächerlichkeit ist?s doch, daß sich der alte Herr über die Geschichten immer so ereifert. Ihm kann?s doch ganz egal sein ? er erlebt?s ja doch nicht auf dem Vorwerke, daß die Schienen über den Hof laufen oder gar die Locomotive an der Hausecke vorbeisaust. Der Neue auf dem Gute wird bald genug Kehraus machen und ? na, er ist in seinem Rechte.?

?Ja wohl ? in seinem guten Rechte!? bestätigte, sie hart, mit Achselzucken. ?Was gehen ihn die alten Beziehungen an??

?Du lieber Gott, ja! Was fragt so ein junger herrischer Sausewind nach einer alten Freundschaft, die er in seinem ganzen Leben nicht mitangesehen hat? Man kann?s ihm nicht einmal verdenken! Ich hab? ihn gestern im Vorbeigehen gesehen ? ein hübscher Mann, stattlich und frisch! Er hat freilich ?was Brüskes, wie es ja die Herren vom Geldsacke fast noch mehr im Wesen haben, als die von Adel ? den Ton kenn? ich als alter Officiersbursche gut genug. Er stand mit dem Pachter Griebel an der Schneidemühle, die er umbauen lassen will ? na, wackelig genug ist sie!?

Das Mädchen wandte sich ab, als hörte sie kaum auf das, was Fritz sagte, und nahm das weiße Tuch von der Bank, um es wieder, über den Kopf zu werfen.

?Aber mir geht das Rebelliren im alten Hirschwinkel doch an?s Herz,? setzte er hinzu. ?Das Vorwerkshaus steht auch nicht fester als die Schneidemühle ? der beste Vorwand, kurzen Proceß zu machen.?

?Mag er!? sagte das Mädchen rauh, während sie die Tuchzipfel mit hastigen Händen unter dem Kinn zusammenknüpfte.

?Mag er uns auf den Bettel schicken! Mag?s sein ? immer hin! Ich zermartere mir Nachts nur immer den Kopf, wie wir die Kranke fortbringen wollen ?? die Stimme versagte ihr.

?Aber das ist doch das Wenigste,? meinte er mit seinem treuherzigen Lächeln in dem bärtigen Gesicht. ?Halten Sie mich denn für so ?nen Schneider, daß ich nicht einmal das abgezehrte, schwache Weibchen auf dem Arme forttragen könnte? Stundenweit will ich sie tragen, die gute, alte Dame, und sie soll weder Ruck noch Zuck verspüren in ihren schmerzhaften Gliedern. Und so weit ist?s ja auch noch lange nicht bis zu dem Hause da. Die schöne Eckstube auf der Südseite ist groß und hell ? da kann ihr Bett stehen, und sie sieht von zwei Seiten in?s Grüne; das wird ihr gut thun. Und der alte Herr hat?s hier am Fenster auch viel hübscher als auf dem Vorwerk; es fährt und geht ja doch dann und wann ein Bischen Menschentreiben vorbei ? auf dem Vorwerk sieht er nur den öden Hof, wo die paar übriggebliebenen Hühner krakeln und scharren.?

?Sie sind treu wie Gold, Fritz, aber ??

?Und das Giebelstübchen da oben,? fuhr er fort, ohne ihren Einwurf zu beachten, und zeigte mit dem Daumen nach dem Fenster, vor welchem die Vogelbauer hingen ? ?das ist das schönste im ganzen Hause; ich lasse einen kleinen Ofen hineinsetzen, und da kann eine junge Dame im Sommer und im Winter malen und in ihrer freien Zeit hübsches Geld verdienen. Also mit dem Bettel ist?s noch nichts, noch lange nicht. ? Nur immer den Kopf oben behalten ? das ist die Hauptsache.?

?Ja, das werde ich,? sagte sie fest und nicht ohne einen gewissen Trotz. ?Es soll dem tückischen Schicksal schwer werden, mich niederzuwerfen. Noch weiß ich nicht, was Seelenmüdigkeit ist, und dazu fühle ich die Kraft der Jugend in meinen Händen. ? Und ansehen soll mir?s gewiß Keiner, wenn das Bischen Selbstgefühl einmal nicht so pariren will, wie es soll und muß. ? Im Uebrigen sind Sie ja da, Fritz, meine treue Stütze.?

Sie griff nach dem Handkorbe. ?Nun muß ich heim ? da wartet noch ein tüchtiges Stück Arbeit auf mich. Und nebenbei muß ich noch plätten ? die arme Kranke soll und muß morgen frischgewaschene Bettgardinen haben, aber ich bin mit meinem Tannenzapfen-Vorrath zu Ende? ? ein Lächeln huschte wie Sonnenlicht über ihr Gesicht ? ?und da habe ich den unverschämt großen Korb da mitgebracht.?

Er lachte, nahm den Korb und zugleich das Brod vom Sims und beeilte sich, das Haus aufzuschließen. Gleich darauf kam er beladen zurück. Durch den Wald wenigstens werde er ihr die Last tragen, sagte er abwehrend, als sie darnach griff, und nun schritten sie einträchtig neben einander, zwei prächtige Gestalten, die zusammenpaßten. Und der Hund trabte auf der andern Seite neben dem Mädchen, als sei sie das Eigenthum seines Herrn, das sie Beide eifersüchtig und schützend in ihre Mitte nehmen müßten.

Herr Markus sprang aus dem Gebüsch und sah ihnen nach, starr und unverwandt, bis sie auf der Biegung des Weges verschwanden. Dann fuhr sein Blick verdüstert über das Haus. ? Wie lange dauerte es noch, da hingen hübsche Gardinen an den kahlen Fenstern, und ein schönes junges Weib sah heraus ? eine lächerliche Zusammenstellung, die der feinen Welt abgelauschten Manieren und das Teigkneten, das Waschen und Scheuern der zukünftigen Frau Forstwärterin!

Aber es war trotz alledem so. Diese beiden Menschen arbeiteten und sorgten mit vereinten Kräften für ihre verarmte Herrschaft, und aus der treuen Cameradschaft wurde schließlich der Ehebund ? selbstverständlich! ? Was wollte auch die Dienende, von weither Gewanderte im ärmlichen Arbeitskittel mehr? Sie trat in die gesicherte Stellung der Frau, bekam ein schönes Heim im Walde und einen stattlichen Mann, der noch dazu nach Bildung und Belehrung strebte und ?die Nase in naturwissenschaftliche Bücher steckte?.

Dieses unbegreifliche Mädchen mit seiner beispiellosen Hingebung hatte dann die geliebten Hülflosen im eigenen Hause. Sie bediente nach wie vor Fräulein Gouvernante und behütete ihr die letzten silbernen Löffel, auf daß kein gemeiner Blechlöffel ihre verwöhnten Lippen berühre. Und droben im schönen Giebelstübchen sollten die schönen Feldblumensträuße gemalt werden, hatte der Forstwärter gesagt. ? Zum Teufel, nein, Herr Grünrock, so weit war es noch lange nicht. ?Der Herr vom Geldsack mit seinem brüsken Officierston? ließ sich nicht beschämen, auch nicht vom wohlbestallten Forstwärter Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht, und machte ihm noch viel weniger die Freude, den zahlungsunfähigen Pachter schleunigst aus dem Hause zu werfen, auf daß die Hochzeit mit Amtmanns Magd ? mit diesem merkwürdigen Mädchen, bei welchem man oft plötzlich denken mußte, nicht die Manieren seien geborgt, sondern der Arbeitskittel ? um so rascher in Scene gesetzt werden konnte. Darin irrte sich der Herr Forstwärter denn doch gewaltig! ?

Mit einem elastischen Sprung in das Dickicht kehrte Herr Markus dem stillen Hause den Rücken und ging den Weg zurück, den er gekommen.

Inzwischen war das goldgrüne Wald-Abendlicht nahezu erloschen und mit ihm der sänftigende Zauber der durchleuchteten Einsamkeit. Der unter dem Gebüsch hinkriechende tiefe Schatten verdunkelte auch die Menschenseele ? Herr Markus konnte seiner heutigen tiefen Verstimmung noch weit weniger Herr werden, als vorher, und wehe der naseweisen Haselgerte, oder den herabhängenden Baumzweigen, die es wagten, sein finsteres Gesicht zu streifen ? sie wurden zornig abgeknickt und weithin geschleudert.


6.

Da machte er es nun wie tausend andere Egoisten auch. Nach den Anforderungen der Religion und vielleicht auch einer Art von allgemeiner schläfriger Menschenliebe sind sie geneigt, Almosen von dem Ihren zu geben ? aber nur ja keine Berührung mit den Leuten selbst, denen geholfen werden soll! Sie machen einen weiten Bogen um die unangenehmen Verhältnisse, auf daß keiner der fremden Schicksalsfäden an ihren Kleidern hängen bleibe, und schieben die unbequeme Aufgabe sacht und beharrlich aus dem Wege, um ? plötzlich mitten in die Situation hineinzuspringen, wenn ihre Eigenliebe in?s Spiel gezogen wird. Oder war es nicht die aufgestachelte Eigenliebe, die ihn trieb, dem widerwärtigen Forstmann mit seinen humanen Absichten um jeden Preis zuvorzukommen? Wäre er nicht am liebsten jetzt gleich, stehenden Fußes, nach dem bisher gemiedenen Vorwerk gegangen, um sich ?dem alten Verschwender, dem Prahlhans, dem notorischen Spieler und Schlemmer? und den Seinen vorzustellen, und sie Alle zu bitten, doch ja um Gotteswillen nichts Schlimmes von ihm zu denken? Nichts, als die liebe Eitelkeit und das Zorngefühl gegen den Grünrock, der so treu wie Gold sein sollte ? hatte das Mädchen nicht so gesagt? ? und sich doch nur auf den Opferungsvollen spielte, um dabei zu fischen, was er sich wünschte. ?

In ärgerlicher Hast bahnte er sich weit rascher als vorher einen Weg durch das Unterholz und schritt bald auf einem der gebahnten, schmalen Stege, welche auf die nach dem Gute laufende Fahrstraße mündeten, und als er heraustrat, da sah er Frau Griebel von der Schneidemühle herkommen.

Sie trug auch ein Fischnetz am Arm. An dieser Stelle sah es nun freilich nicht so poetisch aus, wie es neulich der schlanken Prüden angestanden; auch zerrte sichtlich eine weit größere Last an den Maschen, als das schmale, für die Kranke bestimmte Fischlein gethan.

?Ja, da kommen Sie mir nun ein wenig in die Quere, Herr Markus!? rief sie ihm in unverhehltem Verdruß entgegen. ?Konnten Sie sich denn nicht noch ein Bischen im Walde aufhalten, bis ich glücklich zu Hause war und meine Forellen ausgeweidet hatte? ? Nun müssen Sie warten und sich am gedeckten Tisch langweilen; ich kann Ihnen nicht helfen. ? Na ja, gucken Sie nur her! Gesehen haben Sie?s ja doch nun einmal ? es giebt richtig Forellchen heute Abend, die schönsten, die der Sägemüller in seinem Fischkasten hatte. Luischen hatte frische Butter geschlagen, und vor einer halben Stunde kamen sie an ? neue Kartoffeln nämlich. Ein guter Freund von uns, der Schloßgärtner, wo mein Mann bis vor drei Jahren Verwalter war, hat mir aus alter Liebe und Freundschaft ein Gerichtchen für Sie abgelassen. ? Herr Markus, neue Kartöffelchen um die Zeit!? ? Sie unterbrach sich plötzlich und blieb stehen.

?I was ? da haben wir ja wieder einmal noblen Besuch an der Landstraße!? sagte sie grimmig und zeigte mit dem ausgestreckten Arm nach einer Gestalt, die, mit dem Rücken an den Stamm einer Buche gelehnt, quer über die Fahrgeleise hingestreckt lag. ??S ist doch eine gräuliche Zeit jetzt! Die betrunkenen Handwerksburschen liegen wie die Fliegen am Wege, und man muß sich nur immer in Acht nehmen, daß man keinen todt tritt. Das war früher nicht so! Und wenn Sie zehnmal selber ein Fabrikant sind, Herr Markus, ich sag?s doch ? das Fabrikgetreibe macht?s und das ewige Kriegsgetute in die Welt ?nein. Es müssen deshalb zu Viele spazieren gehen, wenn sie auch nicht wollen, und da haben sie die scheußliche Lasterhaftigkeit an sich, sie wissen nicht wie. Und da wird nachher gegen die Verderbtheit gedonnert und zur Umkehr commandirt ? ach ja, mit sattem Magen spricht sich das gar leicht.?

Sie waren inzwischen dem am Boden Liegenden näher gekommen, und Herr Markus bog sich nieder und sah in das blasse Gesicht des Menschen, der mühsam die Lider von den erloschenen Augen hob, um einen scheuen, verstörten Blick auf die Sprechenden zu werfen.

?Aber der Mann ist ja gar nicht betrunken,? sagte Herr Markus und fühlte rasch an den Puls der schlaff hingesunkenen Hand.

?Meiner Treu, das seh? ich jetzt auch! ? Du lieber Gott, ich spreche von neuen Kartoffeln, und da verhungert Einer! Ja, ja, wie ich immer sage, die Gottesgaben sind wunderlich vertheilt in der Welt.?

Sie fuhr mit der Hand in die Tasche, brachte eine Semmel zum Vorschein und hielt sie dem Mann an den Mund. ?Heda, guter Freund, beißen Sie einmal herzhaft da hinein ? das wird Ihnen so gut thun, wie wenn man frisches Oel auf eine Lampe schüttet.?

Eine schwache Röthe schoß in die Wangen des Erschöpften, wie schon vorhin bei dem Wort ?verhungert?, und seine Hand hob sich matt abwehrend.

?I sperren Sie sich doch nicht wie eine Jungfer!? schalt Frau Griebel ärgerlich. ?Ihnen sieht man den Hunger auf tausend Schritt an, und da wollen Sie Einem wohl auch noch weiß machen, Sie hätten womöglich Lampreten zu Mittag gespeist! ? Essen Sie nur von der Semmel da! Das hilft Ihnen einstweilen so weit auf die Beine, daß wir Sie nach Hause bringen können; und da hab? ich noch vom Mittag eine schöne, kräftige Fleischsuppe stehen, und ein gutes Bett sollen Sie auch haben.?

?Versuchen Sie zu essen!? sagte Herr Markus mit freundlicher Bitte; darauf hin nahm der Mann das Gebäck, und nun, mit dem ersten Bissen, war er nicht mehr Herr seiner selbst; er aß mit unbeschreiblicher Gier und schien Alles um sich her zu vergessen.

Er war ein hübscher, junger Mann mit einem voll und lang auf die Brust herabfallenden, röthlich blonden Bart. Seine Kleidung war abgetragen, aber man sah, daß er auf Sauberkeit hielt ? für den neuen, schneeweißen Papierkragen am Halse hatte er vielleicht seine letzten Pfennige hingegeben.

?Ja ja, wenn das manchmal so eine arme Frau zu Hause wüßte!? sagte Frau Griebel mit einem bezeichnenden Kopfneigen nach dem Essenden. ?So einer Mutter ist manchmal kein Bett weich genug und kein Essen zu kräftig für ihren Jungen, und nachher ??

Sie verstummte unwillkürlich; denn so hastig, wie seine Schwäche es zuließ, griff der junge Mann nach seinem Hute, der ihm beim Niedersinken entfallen sein mußte, und drückte die breite Krempe tief in die Stirn, als wolle er sein Gesicht den Dastehenden entziehen.

?Na, junger Mann, das brauchen Sie nicht gleich krumm zu nehmen,? meinte Frau Griebel in ihrer unzerstörbar gleichmüthigen Sprechweise. ?Es hat schon Mancher draußen bei anderen Leuten gefochten oder mit hungrigem Magen im Chausseegraben campirt und ist nachher doch zu Hause ein gemachter Mann geworden. Das bleibt nicht an Ihnen kleben, wenn Sie sonst ein ordentlicher Mensch sind. ? So, nun wollen wir einmal sehen, ob wir Sie auf die Beine bringen können.?

?Ich habe sechs Wochen lang im Spital krank gelegen,? murmelte er fast unverständlich, ?und komme ??

?Ja, das sieht man Ihnen an, daß Sie krank gewesen sind,? unterbrach ihn die Frau, ?und woher Sie kommen, und was Sie weiter vorhaben, das brauchen wir gar nicht zu wissen. Sie bleiben die Nacht auf dem Gute ? ein Bischen Schlaf ist Ihnen so nöthig, wie das liebe Brod, und morgen wollen wir weiter sehen. ? Also, Courage! Probiren wir?s einmal!?

Sie faßte ihn kräftig unter den Arm, und auf der anderen Seite half Herr Markus; es gelang ? der junge Mann kam auf die Füße, aber er war doch noch zu schwach, um ohne Stütze gehen zu können. Völlig willenlos ließ er sich fortbringen, daß er sich aber seines erbarmungswürdigen Zustandes vollkommen bewußt war, das sah man an der stillen Verzweiflung, die sich in seinen Zügen malte.

Auf dem weiten Wiesenplan vor dem Gutshause war das Gras gemäht worden. Ganze Wolken süßen Heuduftes wirbelten in den Lüften, während zwei Mägde vom Gute die dörrenden Halmlasten mit dem Rechen auf kleine Haufen zusammenschoben.

Die Mädchen hielten mit offenem Munde inne, als die seltsame Gruppe langsam daherkam, und Luise, die im Rosakleide und weißen Latzschürzchen unter der Hofthür stand und nach Mama und den Forellen ausschaute, flog erschrocken und so behende den Kommenden entgegen, daß die langherabhängenden, flachsblonden Zöpfe auf ihrem Rücken tanzten.

?Mama, ist er verunglückt?? fragte sie mit stockendem Athem, und ihre hübschen, blauen Augen blickten in entsetzensvollem Mitleiden unter die breite Hutkrempe.

Das bärtige Gesicht des jungen Mannes erröthete in Scham unter diesem Blicke, und mit übermenschlicher Anstrengung versuchte er, sich strammer aufzurichten und allein weiterzugehen ? ein vergebliches Bemühen!

Frau Griebel rief einer der gaffenden Mägde zu, ihren Platz an der Seite des hülflosen Fremden einzunehmen, damit sie selbst das Nöthige im Hause zu seiner Aufnahme vorbereiten könne. Das Mädchen kam wohl auf einige Schritte herbei, aber sie murrte und entgegnete tückisch, es sei ihr noch von keiner Herrschaft zugemuthet worden, die Bettelleute von der Straße aufzulesen, und einen betrunkenen Handwerksburschen wie einen Prinzen nach Hause zu führen ? sie habe frischgewaschene Kleider an und wolle sie nicht beschmutzen.

Ein Stöhnen rang sich aus der Brust des Fremden.

Auf diese Laute hin streckte Luise sofort ihre runden, weißen Arme aus, um den Samariterdienst zu übernehmen.

?Geh nur weg, Du Flederwisch!? wehrte Frau Griebel, halb lachend und doch mit einem zärtlich entzückten Blicke auf die leichte, zierliche Gestalt ihrer Einzigen, die Hülfe ab. ?Du wärst mir auch die Rechte mit Deinen Puppenärmchen ? ?s ist gerade, wie wenn ein Rothschwänzchen daher gehüpft käme. ? Flink, lauf? in?s Haus, rücke schnell den Suppentopf von heute Mittag auf?s Feuer und stecke das große Bett in der Soldatenkammer in frische Ueberzüge! Und mit Dir werde ich heute noch ein Wörtchen reden!? rief sie der störrischen Magd zu, die schon wieder nach ihrem Rechen griff. ?Heute über vier Wochen hast Du im Hirschwinkel nichts mehr zu suchen ? daß Du?s weißt!?

Nach einer halben Stunde lag der Erschöpfte in einem guten Bett. Durch das große, helle Fenster der sogenannten Soldaten-Logirkammer im Erdgeschoß guckte der grüne Birnbaum im Hofe herein; der Abendwind kam durch die Waldwipfel mit leisem Fächeln daher und hauchte das saubere Stübchen voll Kühle und Laubduft; die kollernden Truthühner waren zur Ruhe gebracht, und nur auf der Mauer, welche die beiden Höfe trennte, saß ein weißes Kätzchen und putzte sich.

Zum ersten Mal hatte Herr Markus selbst die Schlüssel aus dem Wandschränkchen im Erkerzimmer genommen und war in den Weinkeller der seligen Frau Oberforstmeisterin hinabgestiegen, um eine Flasche von dem köstlichen alten, nur für die Armen und Bedürftigen angeschafften Krankenwein aus ihrer dunklen Ecke zu holen. Der Kranke hatte gegessen und auch von dem Madeira getrunken, aber über seine Lippen war kein Wort gekommen, und je mehr ihm Nahrung und Stärkung die schon halb entflohenen Lebensgeister in das frischer kreisende Blut zurückriefen, desto verzweiflungsvoller sah er aus. Sein Blick hing sehnsüchtig am offenen Fenster, und der Gutsherr dachte im Stillen, die erste selbstständige Kraftäußerung dieses armen Menschen werde ein Sprung aus dem niedrigen Fenster sein; er werde auf Niewiedersehen verschwinden, um die Erinnerung an ihn und sein Elend in den barmherzigen Seelen so schnell wie möglich zu verwischen.

Aber ein wenig später machte die erschöpfte Natur ihr Recht gebieterisch geltend ? er fiel in einen tiefen Schlaf, und Herr Markus verließ das Stübchen, um den Gartenpavillon aufzusuchen, in welchem Frau Griebel das Abendbrod für ihn servirt hatte. Er aß wenig und dachte grollend an das frischgebackene Schwarzbrod, das der Forstwärter heute auf seinem Tische hatte?. Wie diese Leute doch treu und zärtlich für einander sorgten, bei aller Armuth! ? Frau Griebel war eine brave Frau, eine wackere Seele, und sie hatte das Herz auf dem rechten Flecke, aber die ?Forellchen? und die ?Kartöffelchen? kosteten ihm doch sein gutes Geld; der alte Sägemüller hatte die Fische ganz gewiß nicht aus purer Liebe für ihn gegeben, und der Herr Schloßgärtner ebenso wenig seine Frühkartoffeln. Und um das Maß des Verdrusses voll zu machen, hantirten die zwei Mägde mit ihren Heurechen gerade jetzt draußen an der Gartenecke, nahezu unter dem Häuschen auf der Mauer, und schnatterten unaufhörlich.

?Was Du nur willst ? ich scheere mich viel drum, ob mir die Alte gekündigt hat, oder nicht!? sagte die grobe Magd, welcher vorhin der Dienst aufgekündigt worden war. ?Wer seine Arbeit so kann, wie ich, der kriegt alle Tage eine andere Herrschaft ??

?Aber um die Zeit nicht!? fiel die Andere ein. ?In ganz Tillroda ist jetzt keine Stelle offen. Nachher kann Dir?s auch passiren, daß Du bei Leuten unterkriechen mußt, wie die auf dem Vorwerke ? keinen Heller Lohn und die wahre Knechtsarbeit auf dem Felde!?

?Ach was ? die Jetzige hat?s doch so schlimm nicht. Der hilft der Forstwärter, wo er kann ? die kann lachen. Und mit dem Lohn mag?s auch nicht so windig aussehen, wie die Leute sagen. Sie hat doch immer hübsche, knappe Lederstiefelchen an ? so viel habe ich gesehen, wenn sie auch den Menschen immer auf zehn Schritt aus dem Wege geht und thut, als hätte Unsereins Gift an sich.?

?Ja, eine Eingebildete ist sie,? bestätigte die Andere. ?Ich will nur sehen, wie die?s treibt, wenn sie erst einmal drüben im Grafenholz zu Hause ist ? Die hat Glück. So eine Hergelaufene setzt sich in das schöne, warme Nest.?

?Na, meinetwegen! Was geht denn mich die ganze Sippschaft an, wenn ich aus dem Hirschwinkel fort bin?? murrte die Gestrafte ergrimmt und schleuderte einen Rechen voll Halme auf den nächsten Heuhaufen. ?Mich ärgert nur das dumme Gethue von der Alten. Bringt da den ersten, besten Strolch, der am Wege liegt, angeschleppt, legt ihn wie ein Wickelkind in?s Bett, und den besten Wein, der im Keller aufzutreiben ist, gießen sie ihm in die Biergurgel ? das läßt sich der freilich gefallen. ? Eine verrückte Gesellschaft auf dem Gute da! Unsereins wird angeschnurrt wie ein Hund, wenn einmal eine Thür offen bleibt ? von wegen der Stehlerei ? und da holen sie sich die Spitzbuben selber in?s Haus. Ich lachte mich todt, wenn der morgen in seiner Tasche irgend ?was mitgehen hieße ? das gönnte ich der Alten. Nicht zehn Thaler nähm? ich für den Spaß.?

Der Gutsherr schlug klirrend das Pavillonfenster zu, und die zwei Lästermäuler duckten sich wie erschreckte Wachteln hinter die nächsten Heuhaufen und scharrten da so emsig die letzten Halme zusammen, als könnten sie vor lauter Arbeit kein Wort über die Lippen bringen.

Es war ein stiller, engumgrenzter Waldwinkel, der kleine Erdenfleck da, und auch da litten sie nicht, daß der süße Friede einmal ausruhend seine Flügel zusammenschlage ? Neid und Bosheit nämlich, und so ziemlich alle dämonischen Regungen der Menschenseele, welche auf dem großen Welttheater agiren.


7.

Am andern Morgen wurde es sehr früh laut vor dem Gutshause. Herr Markus sah durch?s Fenster die kleine hübsche Luise über die gemähte Wiese hinirren. Sie war im hellen Morgenröckchen, und ihr dickes, blondes Haar steckte in einem weißen Netz mit blauen Bandschleifen.

Das junge Mädchen suchte offenbar nach einem verlorenen Gegenstand; sie schob die dünne Halmlage aus einander, die der Nachtwind wieder auf den Grasstoppeln zusammengeblasen hatte, und schüttelte selbst die zunächstliegenden Heuhaufen aus einander. Und die beiden Mägde, die jedenfalls im Begriff waren, auf den Acker zu gehen ? denn sie hatten die Kartoffelhacke in den Händen ? standen dabei und lachten.

?Nicht mit einem Schritt sind Sie gestern Abend auf die Wiese gekommen, Fräulein Luise ? ich werd?s doch wissen,? sagte die entlassene Magd. ?Sie brauchen gar nicht weiter zu suchen ? schade um die Zeit! So blind ist keine von uns, Ihren Henkelducaten nur so mit dem Rechen wegzuraffen ? solch ein goldenes Ding blinkt doch, und ein ellenlanges schwarzes Sammetband wird auch Einer sein Lebtag nicht für einen dürren Heuhalm ansehen. ? Und ich hab? doch auch mit meinen eigenen Ohren gehört, wie Sie zu Ihrer Mama sagten, Sie hätten gestern Abend, wie immer, den Henkelducaten in die Glasschale auf der Kommode gelegt. Nun soll?s auf einmal nicht wahr sein, weil Alle auf dem Gute sagen, kein Anderer könnte den Ducaten gemaust haben, als der ? na, ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen.?

?Das ist ganz schlecht von Dir, Röse,? rief das junge Mädchen fast heftig ? die kindliche Stimme rang hörbar mit aufsteigenden Thränen. ?Ein Mensch mit solch einem guten Gesicht stiehlt nicht ? so etwas Schlimmes denke ich überhaupt von Niemand.?

?So? Warum hat er sich denn nachher auf französisch aus dem Staube gemacht? So in aller Frühe, ohne ,Hab? Dank!? zu sagen? Na, meinetwegen auch! Was geht?s denn mich an? Es kann mir egal sein, wo der Henkelducaten logirt ? ich hab? ihn nicht.?

Damit legte sie die Hacke über die Schulter und marschirte mit ihrer Gefährtin den Weg am Kornfeld entlang, während Luise sichtlich niedergeschlagen in das Haus zurückkehrte.

?Ja, sehen Sie, Herr Markus, das hat man nun von seinem Gutsein,? sagte Frau Griebel, als der Gutsherr herunter kam und sie in der Küche aufsuchte. Sie steckte mit beiden Händen in einer Mulde voll Kuchenteig und war durchaus nicht rosiger Laune. ?Mein Mann lacht mich aus, weil ich mich ärgere, und fragt auch noch ? Sie wissen ja, was er immer für dumme Späßchen macht ? ob ich auf einen Handkuß für das Logement in der Soldatenkammer gerechnet hätte? Na, ja, fort ist er, der dumme Mensch. Er muß mit dem ersten Hahnenschrei zum Fenster hinaus sein und hat durch den Hinterhof das Weite gesucht. Hübsch ist das nicht von so ?nem jungen Burschen, den seine eigene Mutter nicht besser hätte abwarten können, als er?s bei uns gehabt hat ? solch ein Blödsinn ärgert Einen. Und nun macht mir meine Luise auch noch den Streich und verliert ihren schönen Henkelducaten, den ihr die selige Frau Oberforstmeisterin geschenkt hat. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Unser Gesinde munkelt, wir hätten uns den Spitzbuben selbst in?s Haus geholt ? die grobe Gesellschaft lacht uns aus, und das schadet dem Ansehen.?

?Hätten wir doch den Zankapfel am Wege liegen lassen!? meinte Herr Markus mit dem Lächeln des Schalkes.

?I Gott bewahre!? fuhr sie böse herum. ?Da kennen Sie die Griebel aber schlecht! Ein ander Mal wird?s wieder gerade so gemacht. Ich ärgere mich nur, daß sich der Mensch selbst in das Renommée gebracht hat; denn er war guter Leute Kind ? das sah ein Blinder ? und hat mir?s ordentlich angethan mit seinem traurigen Wesen. Da sehen Sie sich einmal meine Kleine an!? ? sie nickte über die Schulter nach Luise hin, die mit gesenktem Kopf am Küchentisch stand und Mandeln schnitt ? ?der wird heute der frische Kuchen auch nicht schmecken. Die rothen Augen gelten nicht allein dem Henkelducaten ? ?s ist ein kleines, dummes Ding mit einem butterweichen Herzchen. Das Mitleid mit dem armen, verhungerten Kerl, der nun auch noch gemaust haben soll, treibt ihr immer wieder das Wasser in die Augen.?

Der Gutsherr lachte verstohlen auf ? das blonde Köpfchen dort duckte sich noch tiefer über das klappernde Messer.

Er verließ die Küche, um nach dem Vorwerk zu gehen ? und er ging in recht beschleunigtem Tempo. Wer ihm am Abend seiner Ankunft gesagt hätte, daß er es eines Tages so eilig haben würde mit diesem ?Pflichtgang?, ja, daß es ihm sogar unerläßlich scheine, die schönsten Wildlederhandschuhe, die er für den Besuch der Sehenswürdigkeiten Nürnbergs bestimmt, eigens zu diesem Zweck hervorzusuchen! Er schritt das Fichtengehölz entlang, hinter welchem das Vorwerk lag. Zu seiner Linken wogten die Kornbreiten in dichter Ueppigkeit ? die Halmhöhe reichte ihm schon nahezu an die Schulter. Das Kartoffelkraut stand wie ein Wald und war dem Blühen nahe, und auf dem goldprangenden Rübsenfeld schwebte ein traumhaftes Summen, und schwerbeladene Bienen surrten vorüber nach den heimischen Stöcken auf dem Gute. Der Hirschwinkel hatte wirklich etwas von dem gottgesegneten biblischen Lande, in welchem einst Milch und Honig geflossen, und doch war es dem Mangel gelungen, auf dem Gelände Fuß zu fassen.

Dort, jenseits des Gehölzes, begann seine Herrschaft. Das Getreide stand kläglich dünn ? die Quecken krochen in die Breschen und breiteten ihre tauben Aehren aus. Der Viehstand auf dem Vorwerk mußte auf das Minimum reducirt sein; bei dem ausgesogenen Boden ringsum half kein Fleiß, auch wenn die Zeit des Forstwärters und die Kraft der helfenden Magd zur pünktlichen Bewirthschaftung der Felder ausgereicht hätten. Sollte das Vermächtniß der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin seinen Zweck erfüllen, dann mußte vor Allem die auf dem Tillröder Gasthof stehende Sparsumme flüssig gemacht und in den verwahrlosten Grundbesitz gesteckt werden. Ob wohl das Fräulein Gouvernante dafür Verständniß haben würde, oder ob sie nicht vielmehr geneigt war, mit dem Geld sofort die an den Juden verkauften seidenen Kleider zu ersetzen und überhaupt den Luxus wieder um sich zu verbreiten, an den sie sich in dem Frankfurter Generalshause gewöhnt zu haben schien? Den Aeußerungen der Dienerin nach mochte sie in dem Punkte bedenklich mit ihrem Herrn Onkel, dem Amtmann, harmoniren.

Nun, er sollte sie ja in den nächsten Augenblicken von Angesicht zu Angesicht sehen. Und er wollte die Augen offen halten; die Dame sollte ihm nicht einen Pfennig für ihre aristokratischen Gewohnheiten ablocken, und wenn sie noch so weltgewandt und hübsch bezaubernden Wesens war. Er war gefeit gegen diese Gouvernanten-Demuth, hinter der ja, wie er zur Genüge wußte, stets die Begehrlichkeit lauerte.

?Nicht? ? Das wissen Sie also ganz genau, so genau, als seien Sie ein Herz und eine Seele mit Ihrer Dame??

?Genau so.?

Er lächelte in verletzendem Spott.

?Nun, es mag schon so sein ? man weiß ja, daß die Zofe sehr oft die Vertraute ist, warum nicht auch für Gouvernanten-Bekenntnisse? ? Ob die Damen es aber lieben, wenn mit dieser Intimität renommirt wird?!?

Sie bückte sich, um einige Dillstengel aufzulesen, die dem Kräuterbündel in ihrer Hand entfallen waren, dann aber richtete sie sich rasch und kerzengerade wieder auf, und ihr schönes Auge funkelte ihn feindselig an.

?Ist es nicht immer und überall die selbstverständliche Aufgabe der Zofe, zu wissen, für wen man nicht zu Hause sein will? Und sie ??

Sie stockte plötzlich unter einem glühenden Erröthen und biß sich wie verwirrt auf die Lippen, als könne und wolle sie damit jetzt noch die entschlüpfte scharfe Antwort ungesprochen machen. ? Ach ja, sie besann sich wohl in diesem Augenblick mit Schrecken, daß derjenige, für den man nicht zu Hause sein wollte, der Besitzer eben dieses Hauses war und nach Belieben ihrer bettelstolzen Dame das Dach über dem Haupte wegnehmen konnte.

Er weidete sich an ihrer Bestürzung und half ihr nicht mit einem Wort über das Angstgefühl hinweg, das sie sichtlich beklemmte, obwohl dieses schlanke, plötzlich ganz demüthig in sich zusammengeschmiegte Mädchen in diesem peinvollen Moment nichts weniger als die ?Aparte? war, sondern weit eher an ein erschrecktes Reh erinnerte, aber ? Strafe mußte sein.

?Sie möchte die Verborgenheit, in der sie lebt, durch keine fremde Erscheinung unterbrochen sehen,? ergänzte sie nach einem beklommenen Athemholen mit fast bittender Stimme.

?Das glaube ich Ihnen nicht,? entgegnete er ungerührt. ?Das Gouvernantenthum, das um Alles gern in vornehmen Häusern auf dem Strom der Geselligkeit mitschwimmt, qualificirt sich am allerletzten zum menschenscheuen Klosterleben.?

Wieder richtete sie sich empor, und ein bitteres Lächeln flog um ihren Mund.

?Vielleicht ist sie doch nicht so schlimm, wie die Anderen, die Blaustrümpfe, die Genußsüchtigen, denen Sie Ihre genaue Kenntniß des ,Gouvernantenthums? verdanken. ? Uebrigens erinnere ich Sie daran, daß Sie gestern selbst gesagt haben, Sie würden ihr aus dem Wege gehen, wo Sie könnten.?

?Sie weiß das??

?Wort für Wort!?

?Durch Sie ? selbstverständlich! Die Zuträgerei ist ja das Element der Kammerjungfer. Ich habe das allerdings wörtlich gesagt und wiederhole ausdrücklich, daß ich mich durchaus nicht darnach sehne, mit einer Dame jenes Standes, der mir nun einmal den entschiedensten Widerwillen einflößt, in irgend eine Beziehung zu treten ? ich bestätige Ihnen das ganz gern noch einmal. ? Nun zwingen mich aber seltsame Verhältnisse, Fräulein Agnes Franz trotz alledem um eine halbstündige Besprechung zu ersuchen ? indeß, das läßt sich wohl schließlich auch mit der Feder abmachen ? ich werde ihr schreiben.?

?Sie glauben wirklich, daß nach Allem, was Sie sagten, eine Zuschrift von Ihrer Hand angenommen und gelesen würde?? fragte sie mit verächtlich zuckenden Lippen.

?Ei freilich ? die Dame wird müssen. Sie wird müssen um ihrer eigenen Existenz willen,? versetzte er, und seine Augen begannen zu funkeln.

Sie fiel abermals aus ihrer Demuthsrolle und lachte hart auf. ?Müssen?? wiederholte sie. ?Wohl, um nicht von dieser armseligen Scholle verjagt zu werden? Sie könnten sich doch irren. Ich glaube, eher wandert sie barfuß in Nacht und Nebel in die Wildniß hinein ??

?Es wird ihr dann auch nichts anderes übrig bleiben.? Er hielt mühsam an sich.

?Nun ja, das ließ sich von dem neuen Herrn des Hirschwinkels nicht besser erwarten,? rief sie mit fliegendem Athem. ?Wir wußten, daß der Mann, ,der kein Herz hat, wie es einem praktischen Geschäftsmann ziemt?, eines Tages kommen und die schlechten Zahler austreiben würde ? wir wußten, daß Sie wirklich und wahrhaftig der mitleidslose Reiche sind, wie er in der Bibel steht

?Und Sie, die Dienende, das Mädchen aus dem Volke, Sie wagen es, diesen ,Reichen? herauszufordern?? unterbrach er sie, plötzlich ganz ruhig, fast heiter. ? ?Besinnen Sie sich! Der Amtmann wird es seiner Magd schwerlich Dank wissen, wenn sie durch aufreizende Reden seine schwierige Lage noch verschlimmert. Zu alledem steht Ihnen der Zorn nicht, schöne Aparte.?

Bei diesen Worten trat er um einen Schritt vor, und sie wandte sich darauf zur Flucht.

?Noch weniger aber paßt diese übertriebene Zimperlichkeit zu Ihrer Stellung,? setzte er stirnrunzelnd, mit zornigen Augen hinzu. ?Thun Sie doch nicht, als sei ich ein Mädchenjäger, weil ich mir einmal erlaubt habe, einen Blick unter Ihren Hutschirm zu werfen! Das hing mit dem seltsamen Zug in der Menschennatur zusammen, nach welchem das Verborgene reizt. Vielleicht hätte mich auch schon das eine oder andere weibliche Wesen meiner Bekanntenkreise lebhafter interessirt, wenn es verstanden, durch Maskirung des Gesichts meine Wißbegierde rege zu machen. ? Heute lassen Sie die Sonne ungehindert Ihre Stirn bescheinen und haben somit keine Ursache, mir aus dem Wege zu gehen, wie einem Bilderstürmer oder Gott weiß was für einem Missethäter. ? Uebrigens möchte ich wohl wissen, was Sie in Ihrer späteren Stellung mit Ihren angeflogenen Salon-Manieren anfangen wollen.?

Sie war stehen geblieben, und so gereizt sie auch sein mochte, jetzt unterdrückte sie ein Lächeln.

?Lassen Sie das meine Sorge sein ? gute Manieren schaden auch einer Dienenden nicht. ? Meine spätere Stellung?? Sie zuckte die Achseln und sah mit einem ruhigen Blicke zu ihm auf. ? ?Ich meine, seinen Lebensgang macht doch wohl ein Jedes auch ein wenig von innen heraus, nicht allein, wie es vom Schicksal geschoben und gestoßen wird; das wird mir den Muth nicht so leicht sinken lassen ? dazu bin ich jung und gesund und für mich selbst innerlich völlig gefaßt auf den Moment, wo wir da hinaus ?? sie zeigte über den Zaun hinweg nach dem Thore in der Hofmauer ? ?mit dem Stabe in der Hand ziehen müssen ??

?Um in?s Forstwärterhaus überzusiedeln, wo die Stellung der Hausfrau winkt,? setzte er im Stillen tiefergrimmt hinzu und ballte in der Erinnerung an den unausstehlichen Grünrock die Rechte. Vielleicht wäre er auch so boshaft gewesen, diese Bemerkung auszusprechen, wenn nicht ein plötzlicher Lärm im Hofe das Gespräch unterbrochen hätte. Der Hund bellte wie toll; Tauben flogen erschrocken und geräuschvoll auf die Dächer und eine tiefe, starke Männerstimme rief wiederholt: ?Holla, Kind!? und schalt dann ärgerlich: ?Wo sie nur stecken mag!?

Das Mädchen war bereits nach der Gitterthür geflogen und stieß sie auf.

?Ach so ? hast Etwas für Deine Küche geholt!? beruhigte sich die Stimme drüben. ?Hör? ?mal, Kind ? da draußen vor dem Thore treibt sich seit mindestens fünf Minuten ein fremder Strolch herum ? der Kerl mit seinem polizeiwidrigen Bart irritirt mich. Schneide ihm doch ein Stück Brod ab und gieb ihm diese zwei Pfennige da ? mehr wird auf dem Vorwerk in der jetzigen miserablen Zeit nicht verabreicht; das sage ihm, damit er sich endlich trollt!?

Der Gutsherr hatte sich inzwischen auch der Thür im Zaun genähert, war aber doch zögernd für einen Moment in dem dunkelnden Himbeergebüsch stehen geblieben. Er konnte seitwärts die schiefeingesunkene Front des Wohnhauses mit ihren blinden, glanzlosen Fensterscheiben übersehen. Wie entsetzlich und hoffnungslos mußte der Zusammensturz der Franz?schen Vermögensverhältnisse gewesen sein, daß diese klägliche Behausung als rettender Hafen hatte gelten können, und heute erst recht mit einem wahren Verzweiflungstrotze, als letztes Asyl, berechtigten Ansprüchen gegenüber behauptet wurde!

Auf der Schwelle der Hausthür stand ein hochgewachsener, hagerer, alter Herr. In der Rechten hielt er eine lange Pfeife und mit der linken Hand stützte er sich auf einen Gehstock. Er hatte ein kräftig gezeichnetes, edles Profil und mußte als jüngerer Mann auffallend schön gewesen sein. Jetzt freilich legte sich eine faltige, gelbe Haut über das Knochengerüst des Gesichts, und die dunklen Augen lagen wie ausgeglühte Kohlen in den weiten Höhlen. Das mußte er sein, der notorische Spieler und Schlemmer; die verwüstende innere Arbeit der Leidenschaften trat in diesen Zügen klar zu Tage.

Er blieb unter der Thür stehen, während das Mädchen an ihm vorüber in das Haus huschte, um Brod für den Bettler abzuschneiden. Dann und wann that er einen Zug aus seiner Pfeife und blies dicke Dampfwolken in die würzige Morgenluft, während er nach dem Verbleib des ?Strolches? forschte, der sich einstweilen einem Examen des polternden alten Herrn entzogen zu haben schien.

Unter einer aufdämmernden Vermuthung suchte auch Herr Markus nach dem Verdächtigen. Das der Hausthür gegenüberliegende Hofthor stand nur zur Hälfte offen; der Gutsherr konnte von seinem Platze aus ganz gut sehen, wie sich hinter dem einen geschlossenen Thorflügel draußen ein Mensch niederduckte und, das Gesicht an die Bretter gedrückt, unverwandt durch eine der breitklaffenden Spalten des wackeligen Gefüges in den Hof lugte. ? Diesen verschabten, ärmlichen Rock, den zerknitterten Hut und die carrirten hellen Beinkleider hatte Herr Markus gestern schon gesehen, und als eben das Mädchen mit einem Stück Brod in der Hand wieder aus dem Hause trat, da fuhr auch der Kopf hinter dem Thorflügel empor, der junge Männerkopf mit dem mächtigen, röthlich blonden Vollbart und der kranken Gesichtsfarbe, den er gestern selbst mit auf das weiche Kopfkissen in der gastlichen Soldatenkammer des Gutshauses gebettet hatte.

Der unglückliche Mensch sah heute noch erbarmungswürdiger aus ? er schien sich kaum auf den Füßen halten zu können. Sein Entkommen durch das Fenster mußte eine Riesenanstrengung für ihn gewesen sein, und angesichts dieser augenscheinlichen Schwäche und Hülflosigkeit war es geradezu lächerlich, anzunehmen, der Flüchtende habe erst noch als Dieb die Wohnräume durchstöbert und den Henkelducaten aus der weitabliegenden Stube geholt.

Es war seltsam, daß dieser Verkommene auf Alle, die ihm Näher in das Gesicht sahen, denselben erschütternden Eindruck machte. Das Mädchen hatte rasch den Hof durchschritten und war mit suchendem Blick aus dem Thor getreten ? in demselben Moment aber fuhr sie auch zurück; das Brodstück in ihrer Hand flog weit über den draußen vorbeilaufenden Weg hin, und es war ersichtlich, die ?Prüde? streckte ebenfalls unbedenklich, wie Luise, die hübsche, kleine barmherzige Schwester von gestern, die schönen, jungfräulichen Arme aus, um den Schwankenden zu schützen.

Jetzt ärgerte sich Herr Markus ebenso über diesen ?fremden Burschen?, der sich so interessant in Mädchenaugen zu machen wußte, wie über den Grünrock mit seiner aufdringlichen Humanität. ? Er sah plötzlich die Beiden außerhalb des Thores nicht mehr; sie waren hinter der Mauer verschwunden, wohl aber hörte er, wie der Amtmann seinen Stock hart auf den Steinboden der Hausflur stieß und sich hörbar mühsam nach der Stube zurückzuhelfen suchte.

Drinnen schien ihm Niemand zu Hülfe zu kommen; seine arme Frau konnte nicht ? die lag ja krank, und Fräulein Gouvernante, nun, die componirte und malte wahrscheinlich an ihren Blumenstücken, oder war in irgend eine interessante Lectüre vertieft.

Herr Markus verließ schleunigst sein grünes Versteck und eilte über den Hof in das Haus.


8.

Der Amtmann war eben im Begriff, die Hand auf das Thürschloß der Stube zu legen, als er die Schritte hinter sich hören mochte. Er richtete sich schwerfällig aus seiner vorgebeugten Stellung auf und bemühte sich, den Kopf auf dem steifgewordenen Nacken zurückzuwenden. ?Holla, was wär? mir denn das? Kömmt mir der Kerl wohl gar bis in meine vier Pfähle nach?? brummte er erbost und nicht ohne Schrecken.

In demselben Augenblick stand der Gutsherr mit einem halbunterdrückten Lachen an seiner Seite und nannte, sich vorstellend, seinen Namen.

Der alte Herr reckte und streckte sich sofort in seiner ganzen Gestalt, als sei ihm ein belebender, galvanischer Strom durch die gebrechlichen Glieder gezuckt ? und so erschien er wirklich imponirend, und das Cavaliermäßige in der Art seiner Begrüßung wurde kaum beeinträchtigt durch den vielfach geflickten Schlafrock, der seinen hageren Körper umschlotterte.

Die Tabakspfeife polterte in die nächste Ecke, und während er mit der Rechten hastig durch die Luft fuhr, um die nichts weniger als aristokratisch duftenden Rauchwolken vor dem Gesicht des Besuchers zu zerstreuen, sagte er mit vornehmer Lässigkeit: ?Muß die leichteste Sorte rauchen, die zu haben ist ? die Herren Aerzte sind Tyrannen und fragen viel danach, ob man sich an solch ordinäres Kraut gewöhnen kann, oder nicht.?

Darauf schlug er so feierlich einladend die Stubenthür zurück, als gelte es, ein Prunkgemach oder einen geweihten Raum zu betreten. Das Letztere war die mäßig große Stube auch insofern, als an ihrer tiefen Wand das Lager stand, auf welchem eine unglückliche Frau seit länger als Jahresfrist dulden und leiden mußte. Da waren ja die Gardinen, welche die Magd mit Hülfe der Tannenzapfen aus dem Forstwärterhaus gestern Abend noch geplättet hatte. Sie hingen blüthenweiß und schön gefaltet um das Bett, das mit seinen glänzend frischen Leinbezügen über den schwellenden Kissen und Polstern ganz gut im Schlafzimmer der verwöhntesten vornehmen Dame hätte stehen können.

Es stand auch ein rundes Tischchen neben dem Bett; hübschgebundene Bücher mit Goldschnitt lagen auf der Mahagoniplatte, und ein großer, malerisch geordneter Wald- und Wiesenblumenstrauß hob sich aus einem Krystallkelch. ? Nun, so ganz in Elend und Mangel versunken, wie Herr Markus gemeint, war diese Kranke doch nicht. Die biblischen Schwestern walteten an ihrem Lager. Die Starke, Willenskräftige, die er mit dem Fischnetz am Arme zuerst gesehen, sorgte für Speise und Trank und körperliches Behagen, und die andere umgab sie mit den hübschen Tändeleien ihrer feinen, gepflegten Hände; sie ließ sich vermuthlich auch herab, schön frisirt, parfümirt und in guter Toilette am Bett zu sitzen und ihr aus den Miniaturbändchen ausgewählte Dichtungen vorzulesen und so einen schwachen Nachglanz des ehemaligen vornehmen Lebens in die niedrige Stube zu hauchen.

?Herr Markus, unser neuer Nachbar, liebes Herz!? sagte der Amtmann vorstellend, wobei er seine starke Baßstimme zu einem zärtlich weichen Klange moderirte Mann ignorirte lächerlicher Weise absichtlich die Bezeichnung ?Gutsherr?.

Es war ein kleiner Frauenkopf mit einem durchsichtig abgezehrten, alten Gesichtchen und schneeweißen Scheitel unter dem Nachthäubchen, der bei diesen Worten wie entsetzt aus den Kissen auffuhr. ?Ach, mein Herr!? hauchte die alte Dame in schwachem, klagendem Tone und streckte ihm ihre schmale Hand hin, die, wie es schien, von einem nervösen Schauder geschüttelt wurde. Auch in dieser Frauenseele stürmte bei seinem Erscheinen sichtlich das Angstgefühl auf, daß nunmehr die längst gefürchtete Entscheidung gekommen sei.

Der Gutsherr trat an das Bett und zog die gebotene Hand ehrerbietig an seine Lippen. ?Nehmen Sie den neuen Nachbar gütig auf, gnädige Frau!? sagte er, ?er wird Ihnen ein treuer Nachbar sein.?

Die Kranke schlug die großen, immer noch schönen Augen so tief erstaunt zu ihm auf, als meine sie, nicht recht gehört zu haben. Aber, das hübsche, ehrliche Männergesicht, um dessen frischen Mund ein gütevolles Lächeln flog, sah nicht nach Heuchelei oder banalen Redensarten aus, die man gedankenlos hinwirft, um sie im nächsten Augenblick zu vergessen. In dieser beglückenden Ueberzeugung umfaßte sie tief aufathmend auch mit der andern Hand die Rechte des jungen Mannes und drückte sie. ?Wie lieb von Ihnen, daß Sie die armen Leute? ? sie stockte und sah scheu und hastig nach ihrem Manne, der sich stark räusperte und in ein Hüsteln verfiel ? ?daß Sie Amtmanns auf dem Vorwerk mit Ihrem Besuch erfreuen!? setzte sie rasch verbessernd hinzu.

?Ja, und denke Dir nur, Sannchen, was mir dabei passirt ist!? lachte der Amtmann. ?In der Meinung, der Landstreicher draußen vor?m Thor komme mir frecher Weise bis in?s Haus nach, habe ich per Kerl und dergleichen raisonnirt, und derweil steht Herr Markus hinter mir!?

Er ließ sich in einen alten, aufächzenden Lehnstuhl nieder und saß so dem Besuch gegenüber, der auf eine einladende Handbewegung der Kranken hin neben dem Bette Platz genommen hatte. ?Auf Gelsungen, der fürstlichen Domäne, die ich viele Jahre hindurch in Pacht gehabt habe, ist mir die Furcht, durch fremdes Gesindel bestohlen zu werden, nie in den Sinn gekommen,? fuhr er fort und rieb sich unter einer schmerzhaften Grimasse das eine Knie. ?Dort hatten wir unsere Appartements in der Beletage und das Herrenhaus wimmelte von unserer zahlreichen Dienerschaft. Hier in der Einsamkeit ist das freilich anders; man hat wenig Menschen um sich, und mit den niedrig gelegenen Fenstern ist nicht zu spaßen. Drüben im Eßzimmer könnten uns die Silberlöffel dutzendweise gestohlen werden, ohne daß man es ahnt ? so etwas merkt man oft erst beim späteren Nachzählen oder einer gelegentlichen Inventur.?

Herr Markus biß sich fast verlegen auf die Lippen, indem er an den letzten Silberlöffel dachte, den die Magd gestern so energisch gegen die Verkaufsgelüste ihres ?goldtreuen? Cameraden vertheidigt hatte, und die Frau im Bette sah still auf ihre Hände nieder, die gefaltet auf der Decke lagen, während es fein roth in das blasse Gesicht aufstieg.

?Ich glaube, von dem jungen Mann, der sich draußen am Hofthor aufhielt, haben Sie Derartiges nicht zu befürchten,? sagtet der Gutsherr. Er erzählte darauf seine Begegnung mit dem Fremden auf der Fahrstraße, und wie derselbe für die Nacht auf dem Gute untergebracht worden sei ? dabei verschwieg er nicht die Flucht des Unglücklichen, die Stolz und Ehrgefühl veranlaßt haben mochten. ?Er schien mir heute noch hinfälliger als gestern;? fügte er hinzu; ?ich sah, wie Ihre Magd, die ihm ein Strick Brod bringen wollte, dem Taumelnden zu Hülfe kam ??

?Unsere Magd?? fragte die alte Dame und hob den Kopf aus den Kissen.

?Ja, die Magd ist?s gewesen, Sännchen!? bestätigte der Amtmann in[WS 1] fast überlautem Ton, der ihr jedes fernere Wort abschnitt. ?Ich gab ihr auch ein paar Geldstücke für den Menschen. I nu, das thut mir aber leid,? sagte er mit wirklichem Bedauern und fuhr sich in das dünne, graue Haar unter dem Sammetkäppchen. ?Ich möchte dem armem Kerl auch unter die Arme greifen, und vom Vorwerk soll er ganz gewiß nicht weggejagt werden, wenn er Nahrung und Ruhe für ein paar Tage braucht ? das Fortjagen Hilfsbedürftiger ist beim Amtmann Franz nie Mode gewesen ? ich werde den armen Teufel hereinholen.?

Er wollte sich erheben, aber Herr Markus kam ihm zuvor. ?Lassen Sie mich hinausgehen, Herr Amtmann!?. sagte er.

?Aber, Liebster; ich weiß nicht, was wir heute zu Mittag haben,? rief die weiche, bebende Frauenstimme ängstlich vom Bette her. ?Und denke doch, bester Mann, wir müßten ihm ja ein Bett geben, ein gutes, bequemes Bett ??

?Nun ja doch ? ich weiß nicht, was Du willst, Sannchen!? fiel er ihr unmuthig in?s Wort. ?Haben wir das etwa nicht? ? Kein gutes Bett bei Amtmanns, wo alle Welt immer entzückt war, in unseren schönen Daunen zu schlafen! Kümmere Dich doch nicht um die Wirtschaft, Herzchen! Du machst Dir immer falsche Vorstellungen von unserem Haushalte, seit Du selbst nicht mehr Nachsehen kannst, mein emsiges, braves Hausmütterchen! Aber es geht Alles seinen guten Weg; Du kannst ganz ruhig sein. Und wenn wir auch an äußerem Glanze einbüßen mußten, die innere Gediegenheit eines guten Hauses ist uns doch geblieben. Freilich? ? er kraute sich auf?s Neue hinter dem Ohre und schob die Hausmütze nach der andern Seite ?mit dem Weine wird?s hapern. Da kann ich im Augenblick mit den barmherzigen Leuten auf dem Gute nicht concurriren. Das verflixte Zipperlein hat mich wieder einmal grimmig gepackt, und mit den lahmen Beinen ist es eine absolute Unmöglichkeit für mich, in den Keller hinabzusteigen ? eine andere Hand aber lasse ich principiell nicht über meine Weine.?.

So erlauben Sie mir, Ihnen einstweilen aus dem Keller Ihrer heimgegangenen alten Freundin einen Korb Wein zur Verfügung zu stellen!? sagte Herr Markus, mit dem Thürschloß in der Hand, an der Schwelle stehen bleibend. ?Die gnädige Frau ist ja auch in Folge dieser Gründe, für längere Zeit der nöthigen Stärkung beraubt und wird gewiß die kleine Erquickung als Gabe letzter Hand von ihrer Jugendgefährtin nicht zurückweisen.?

Er ging hinaus und durchmaß eiligen Schrittes den Hof. So lange er am Bette gesessen, war er zu seinem Verdrusse eine ?dumme? Vorstellung nicht los geworden. Die Prüde hatte vorhin im Garten ihre langen Leinenärmel über die entblößten Arme herabgerissen, als sei der darauffallende Männerblick eine Befleckung, und gleich darauf war sie ohne Zögern bereit gewesen, diese Arme um die Gestalt eines jungen Bettlers zu legen ? dieses Aergerniß stand ihm fortgesetzt vor den Augen und verdroß ihn dermaßen, daß er mit beiden Händen die Gelegenheit ergriff, hinauszugehen und die Hülfeleistung eigenhändig und allein zu übernehmen.

Aber draußen vor dem Thore war weit und breit kein lebendes Wesen zu entdecken. Der Fremde mußte mit seinen zwei Pfennigen Zehrgeld in der Hand schließlich doch weiter gewankt sein, und das Mädchen war jedenfalls ihren häuslichen Geschäften wieder nachgegangen; bei dieser Wahrnehmung athmete er unwillkürlich und tief erleichtert auf ? lächerlich! Was ging es denn ihn an, und was hatte er d?rein zu reden, wenn junges Blut, ein Bursch und ein Mädchen aus dem Volke, in der Fremde in Hülfsbereitschaft zu einander traten?

Bei seiner Rückkehr in das Haus überflog sein Blick scharfmusternd die Façade des Wohngebäudes. Fräulein Gouvernante hatte sich jedenfalls vor ihm zurückgezogen, was er ihr keineswegs verdachte, da sie ja erfahren hatte, er beabsichtigte, ihr aus dem Wege zu gehen, wo er könne. Er fühlte auch durchaus kein Verlangen nach ihrem Anblicke, aber eigentlich hatte er ja doch die Verpflichtung, auf jeden Fall sich zu überwinden, um im persönlichen Verkehre zu erfahren, weß Geistes Kind sie sei. Die Idee, ihr zu schreiben, hatte er vorhin nur in Zorn und Widerspruch an den Tag gelegt; ernstlich durfte er das nicht wollen.

Vielleicht entdecke er vorläufig an einem der Fenster ihr Profil, oder die Umrisse ihrer Gestalt ? er mußte lächeln angesichts dieser Fenster. Nur drei derselben waren einigermaßen würdig, ein hochmüthiges Damengesicht zu umrahmen; das waren die Fenster der Wohnstube mit ihren hübschen weißen Gardinen, die zur Linken der Hausthür lagen; zur rechten Hand wurde das eine von einem schief in den Angeln hängenden Laden verdeckt, und durch die beiden anderen sah man in einen fast leeren Raum, der nur einen großen Ofen, einen Tisch und einige Stühle von Tannenholz enthielt. Das mochte die Gesindestube sein ? das Asyl der Magd, wenn sie einmal Zeit fand, von ihrer Arbeit auszuruhen ? oder doch nicht etwa das berühmte Eßzimmer mit seiner ungezählten Schaar silberner Löffel?! ?

Ein weißer, bewegter Gegenstand lenkte plötzlich seinen Blick auf das niedrige Dach. Aus dem Mansardenfenster über der Hausthür wehte ein loser Mullvorhang und blähte sich in der Luft; auf dem Simse blühten schöne Rosen, und an der sichtbaren helltapezirten Innenwand der tiefen Fensternische hingen Bilder. Also da residirte Fräulein Gouvernante. ? Nun, für heute mochte sie in ihrer Klause bleiben ? er war augenblicklich ganz und gar nicht in der Stimmung, Phrasen zu drechseln, wie sie der Umgangston jener Kreise verlangte, in denen Dame Blaustrumpf gelebt und gewirkt hatte.

Herr Markus trat wieder in die Hausflur, auf den knirschenden weißen Sand, der feingesiebt den Estrichboden bestäubte. Die Thür der Küche stand offen; man konnte den backsteingepflasterten Raum übersehen, dessen Fenster nach dem Fichtengehölz hinausgingen.

Frau Griebel?s blitzblanke Küche konnte sich kaum mit dieser messen, in welcher die letzten aus der großen Gelsunger Kücheneinrichtung herübergeretteten Reste von Zinn- und Kupfergeschirr tadellos funkelten und alles Holzgeräth schneeweiß an den Wänden stand. Die Frau Amtmann mochte wohl Recht gehabt haben von wegen des unzulänglichen Mittagsessens; ein homöopathisch kleiner Suppentopf dampfte auf dem Herde, und zwei hergerichtete schmächtige Tauben warteten auf den Moment, wo sie eine Hand in die Pfanne legen sollte, aber diese Hand war nicht da ? es war so still in der Küche, daß man das Summen einer versprengten Hummel, ihre schwachen Stöße gegen die Fensterscheiben hören konnte. Nun ja, es war selbstverständlich, daß die vielgetreue Zofe, die ja ?ein Herz und eine Seele? mit ihrer Dame war, dem mißliebigen Besuch ebenso aus dem Wege ging, wie die gereizte Bewohnerin der Mansarde. ? ?

Als er in die Wohnstube zurückkehrte, bemerkte er Thränenspuren auf dem sanften Frauengesicht hinter den Bettvorhängen, der Amtmann aber war bemüht, drei bis vier Stück Havanas ? jedenfalls der Rest der Cigarren, um deren willen der Forstwärter heute mit den Spitzen in der Tasche zum Juden wandern mußte ? auf einem Cigarrenständer zu ordnen.

?Nun, wo steckt denn der Mosje Langbart?? rief er Herrn Markus entgegen.

Der Eingetretene berichtete, daß der junge Mann seinen Weg fortgesetzt haben müsse, und nahm seinen Sitz am Bett der Kranken wieder ein.

?Wußte sie denn nicht zu sagen, wohin er gegangen sei?? fragte der Amtmann, ganz hingenommen von seiner Beschäftigung, die Cigarren zu placiren; denn er sah nicht auf.

?Ach, Sie meinen die Magd? Ich sah sie nicht.?

?So, so ? wird mit dem Mittagessen zu thun haben.? ? Er bot dem Gutsherrn die Cigarren hin, die jedoch dankend abgelehnt wurden.

Herr Markus sah, wie die alte Dame sich verstohlen abermals eine Thräne von den Wimpern wischte. Vielleicht wußte sie um den Spitzenhandel. Die Kante war möglicher Weise das letzte Familien-Erbstück, dessen Ertrag der lüsterne Herr Ehegemahl im vorhinein in die Luft verpafft hatte ? ein Zorngefühl gegen den unverbesserlichen alten Mann stieg in ihm auf; er hätte um keinen Preis eine der Cigarren angerührt.

?Ein malerischer Waldblumenstrauß!? bemerkte er, mitleidig die Gedanken der Kranken von dem unerquicklichen Thema ablenkend, indem er auf das Bouquet im Krystallkelch zeigte.

?Das will ich meinen,? sagte der Amtmann. ?Es sind aber auch Künstlerhände gewesen, die den Strauß gebunden haben. Meine Nichte, die gegenwärtig bei mir lebt, ist eine Blumenmalerin, die ihres Gleichen sucht. Wir erleben viel Freude an ihr, und das Capital, das ich an ihre Ausbildung gewandt habe, ist kein verlorenes, wie so mancher schöne Thaler Geld, den ich für vermeintliche Talente zum Fenster hinausgeworfen habe ??

?Ach ja ? mein guter Mann hat immer geglaubt, er müsse Jedem forthelfen, der von der Kunst sein Heil erwartete, und diese Großmuth ist allzu sehr ausgebeutet worden,? warf die Kranke mit einem schwachen Lächeln ein, und ein Blick voll unvergänglicher Liebe streifte den alten Herrn.

?Jugendeseleien sind?s gewesen, Sannchen, dumme Streiche, die ich aber, weiß Gott, heute noch gerade so machen würde, wenn ich ? na, wenn ich noch mitten im Welttreiben draußen mitschwämme. Der Tausend ja, schön wär?s, das Mitschwimmen ? schön, trotz der steifen Beine, die mir das infame Zugloch, der Hirschwinkel, angeblasen hat. Na, ?s ist noch nicht aller Tage Abend, und wenn erst mein californischer Goldjunge wiederkömmt ??

Er unterbrach sich bei der hastigen Bewegung, mit welcher die alte Frau ihr weggewendetes Gesicht tief in die Kissen drückte. ?Aber was ich vorhin sagen wollte? ? hob er, das Kinn verlegen reibend, rasch wieder an ? ?I nun ja, da starb eines Tages mein guter Bruder; er war schon mit dreißig Jahren Wittwer geworden und hinterließ mir das arme kleine Ding, die Agnes. Ein Glückspilz war er nie gewesen, und als Vormund seiner kleinen Waise brauchte ich der Hinterlassenschaft wegen keinen Finger zu rühren ? es blieb nichts übrig. Da haben wir das herzige Mädel an unser Herz genommen, mein Sannchen und ich, wie wenn?s uns der Storch eben frisch aus dem Teich gebracht hätte ? und nicht zu unserem Schaden. In dem verhängnißvollen Moment, wo mein armes Frauchen unter ihrem bösen Nervenleiden buchstäblich zusammenbrach, da zeigte es sich, was wir an unserer Agnes hatten: sie ließ ihre prächtige Stellung in Frankfurt im Stich und kam hierher in die Einsamkeit, um die kranke Tante zu pflegen.?

?Agnes ist ein Engel ? sie opfert sich für uns auf,? sagte die alte Dame erregt und so hastig, als gelte es, den Augenblick zu benutzen, nur die Verdienste des Mädchens in das rechte Licht zu ziehen. ?Sie hat ein Joch auf sich genommen, das ??

?Nun, nun, Herzchen, so gar haarsträubend ist?s denn doch nicht,? unterbrach sie der Amtmann mit einem unruhigen Blick. Er bog sich weg und sah nach dem Nähtisch, welcher in einem der Fenster stand. ?Hm ? Hut und Handschuhe sind fort. Sie wird wohl wieder einmal im Walde auf der Blumensuche sein. Ich hätte mir gern die Freude gemacht, sie Ihnen vorzustellen. ? So in Saus und Braus wie beim General Guseck lebt sie in unserem Hause allerdings nicht, indeß ??

?Die junge Dame mag in ihrer Stellung wohl recht verwöhnt worden sein,? warf Herr Markus mit einem leisen, malitiösen Lächeln ein.

?Verwöhnt, wie die Dame des Hauses selbst,? bestätigte der Amtmann. ?Denken Sie doch: Brillantes Theater, Diners, Soiréen, eigene Kammerjungfer, Ausfahrten in eleganter Equipage? ? er zählte Alles an den Fingern her ? ?sie ist sehr hübsch, eine Dame comme il faut, spielt wundervoll Clavier ? Herr Gott, wie mich das immer wieder wurmt!? unterbrach er sich selbst. ?Ich hatte in Gelsungen einen Flügel, ein Instrument, das mich seine runden tausend Thaler gekostet hat; mancher berühmte Virtuose hat in meinen Soiréen darauf gespielt ? jetzt steht?s bei einem reichgewordenen Leimfabrikanten, und ein halbes Dutzend junger Leimsiedersprossen klimpert drauf herum. Ja, was half?s denn aber? Ich mußte es hingeben. Sagen Sie doch selbst, wo hätte ich denn hier das Prachtinstrument aufstellen sollen? ? Ich wünschte nur, Sie hätten einmal diese Tonfülle gehört! Unter den Händen meiner Nichte klang der Flügel geradezu erschütternd; selbst ihren Fingerübungen konnte ich mit Genuß zuhören ? ah, Sie sind kein Freund davon?? fragte er ? der spöttische Ausdruck im Gesicht des Gutsherrn war drastisch lesbar geworden.

?Nein,? versicherte dieser unumwunden. ?Die Zahl der clavierspielenden Damen ist Legion. Nach jedem Diner, in jeder Abendgesellschaft ist der unglückliche Marterkasten die schließliche Zugabe. Ich bin gewohnt, nach meinem Hut zu greifen, sobald sich eine Dame an das Clavier setzt.?

Der Amtmann lachte gezwungen auf, während seine Frau sehr ernst sagte: ?Glauben Sie mir, auch wenn man uns das Instrument gelassen hätte, Sie würden bei uns nie gezwungen worden sein, einer aufdringlichen Production auszuweichen. Unser liebes Kind sucht auch nicht im einseitigen Virtuosenthum seinen eigentlichen Beruf, seine Lebensaufgabe ??

?Aber, liebes Herz, ich sagte es ja schon, daß Agnes auch eine Malerin par excellence ist,? fiel der Amtmann hastig, in sichtlicher Ungeduld ein.

?Sie weiß auch Bescheid in Küche und Keller,? fuhr sie fort ? man sah, es kostete sie einen inneren Kampf, noch etwas zu sagen, nachdem ihr Mann ihr so apodiktisch das Wort abgeschnitten, aber sie that es, und zwar mit etwas erhobener Stimme und hörbarem Nachdruck.

?Ich begreife Dich nicht, Sannchen,? unterbrach er sie abermals. Eine starke Röthe stieg in sein Gesicht, während er sich geärgert unter einer Grimasse die Kniee rieb. ?Liegt Dir denn gar so viel daran, die Agnes, die Tochter eines höheren Officiers, eine Franz, mit aller Gewalt als Aschenputtel, respective Küchendragoner, hinzustellen? ? Sollte mir leid thun um mein Geld, wenn sie es nicht weiter gebracht hätte. ? Apropos, Herr Markus,? brach er das Thema gewaltsam ab ? ?wie lange gedenken Sie noch im Hirschwinkel zu bleiben??

?Nur wenige Tage.?

Es schien, als athme der alte Herr erleichtert auf; gleichwohl wiederholte er stirnrunzelnd, in mißvergnügtem Ton: ?Wenige Tage? ? Hm, da werden wir wohl die Freude nicht noch einmal haben, Sie bei uns zu sehen, und ich bin gezwungen, da mir mein unglückliches Piedestal keinen Gegenbesuch auf dem Gute gestattet, den günstigen Moment beim Zipfel zu nehmen und Sie um einen mündlichen Bescheid auf mein Schreiben zu bitten. Kurz heraus: Wie steht?s mit der Eisenbahnfrage? ? Sie werden sich nun selbst überzeugt haben, in welch desolaten Zustand die Vorwerksbaulichkeiten sind ? da hilft schon längst kein Flicken mehr. Und vollends die alte Bude, in der wir hausen ? die reißt und kracht bei jedem Windstoß in allen Fugen ? sie prasselt beim ersten Vorbeipassiren der Locomotive zusammen, so gewiß, wie zweimal zwei vier ist.?

?Dann thut man am besten, sie vorher niederzureißen ??

?Herr!? fuhr der Amtmann empor ? es sah fast aus, als wolle er dem gleichmüthigen Redner an die Kehle fahren, während die Kranke mit einem Schreckenslaute flehend die Arme hob ? ?Herr, das heißt mit anderen Worten, Sie wollen mich an die Luft setzen.?

Herr Markus ergriff beschwichtigend die Linke der alten Dame.

?Wie mögen Sie darüber so sehr erschrecken, gnädige Frau!? sagte er. ?Ist Ihnen dieses Haus, das unleugbar dem Einsturz nahe ist, so lieb, daß Sie kein anderes an seiner Stelle sehen möchten? Ich baue auch die Schneidemühle von Grund aus neu auf; es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn ich nicht will, daß sie eines Tages meinen Pächter unter sich begräbt. Und hier läßt sich ein Neubau viel leichter und rascher bewerkstelligen, als dort am Wasser. Ich verspreche Ihnen, es soll ein hübsches, bequemes Hans mit gesunden, luftigen Räumen, Veranda und Sicherheitsläden werden. Wir rücken es um mindestens dreißig Schritte weit aus der lästigen Nähe der Schienen, verlegen die Stallungen an seine Nordseite und den Hof hinter die Gebäude, zu welchem Zweck selbstverständlich ein beträchtliches Stück Fichtengehölz wegrasirt werden muß. ? Es ist nicht mehr als billig, daß ich Ihnen für die Dauer des Umbaues ein anständiges Logement verschaffe, und deshalb bitte ich Sie, Ihr Zelt im Gutshause aufzuschlagen. Die Hälfte der oberen Etage stelle ich Ihnen zur unumschränkten Verfügung ? ich glaube, die Wohnräume Ihrer lieben verstorbenen Freundin werden Sie anheimeln und Ihnen genügen, bis Sie ? ich hoffe ganz gewiß mit Anfang Mai nächsten Jahres ? auf das Vorwerk zurückkehren können. Sind Sie damit einverstanden??

Sie versuchte, bitterlich weinend und vollkommen sprachlos, seine Hand, die ihre Linke noch umschlossen hielt, an die Lippen zu ziehen, was der junge Mann erschrocken abwehrte.

?Nein, nein,? sagte er verlegen erröthend, ?danken Sie mir nicht! Nehmen Sie das, was ich thue, als einen letzten Gruß der edlen Heimgegangenen von jenseits herüber!?

Auch der Amtmann schien bis zur Wortlosigkeit überrascht zu sein; auch ihn mochte es drängen, dankend nach der Hand des jungen Mannes zu fassen, aber bei den letzten Worten desselben stutzte er und horchte auf. Er zog die Hand zurück, und in seiner schlauen Miene konnte auch ein nicht sehr Kundiger lesen, daß ihm plötzlich ein Licht aufgehe, daß ihm der Gedanke komme, hinter dieser unglaublichen Großmuth ?müsse Etwas stecken?. ? Er war eine jener brüsken, unzerstörbar selbstbewußten Naturen, die es nie zugeben, daß sie Macht und Ansehen selbst verspielt haben; sie suchen sich jeder Situation sofort herrisch zu bemächtigen, wenn ihnen auch nur zollbreit Luft und Raum gelassen wird.

?Ach ja, unsere theure Freundin,? sprach er mit kühler Ruhe und vornehm reservirter Haltung, ?sie hat recht wohl zu schätzen gewußt, was wir ihr zu allen Zeiten gewesen sind. Wir haben von der Ferne aus Freud und Leid redlich mit ihr getragen und schließlich die traurige Einsamkeit des Hirschwinkels gern mit ihr getheilt. ? Ich bin so manches Mal durch Wind und Wetter gelaufen, um ihr mit einer Partie Schach die langweiligen Winterabende zu verkürzen ? und Schach ist durchaus nicht meine Passion, müssen Sie wissen, Herr ? im Gegentheil! Aber solch ein Opfer bringt man ja herzlich gern, zumal einer Frau, die hingebende Freundschaft so zu würdigen wußte, wie unsere gute selige Oberforstmeisterin.?

?Sie hat mehr für uns gethan, als das ganze Heer von Freunden zusammengenommen, das sich einst um unsere Speise- und Spieltische zu schaaren pflegte,? schaltete die Frau im Bette schüchtern, mit bebender Stimme ein.

?Nicht bitter werden, liebes Herz! Auf alle diese Braven lasse ich nun einmal nichts kommen. Aber Du hast Recht ? Clotilde war von Herzen dankbar und wäre unbestritten noch viel weiter gegangen, wenn wir in leichtbegreiflichem Zartgefühl nicht immer abgewehrt hätten.?

Er zuckte die Achseln.

?Je nun, es hat so sein sollen ? der Tod ist ihr über den Hals gekommen, sie wußte nicht wie ? sonst wäre wohl Manches ganz, ganz anders.?

Herr Markus wandte sich unwillig weg von dem anmaßenden Schwätzer, der ihm, nur wenig verblümt, in das Gesicht hinein sagte, daß eigentlich er von Rechtswegen jetzt der Gutsherr im Hirschwinkel sei, wäre er nicht ein Pechvogel gewesen, dem das jähe Ende der früheren Besitzerin seine auf gebrachte Opfer wohlbegründeten Ansprüche vernichtet habe. Eine scharfe Antwort drängte sich auf die Lippen des jungen Mannes, allein im Hinblick auf die sichtlich alterirte Kranke, die beweglich, mit angstvoll flehendem Blick seine Augen suchte, bezwang er sich und entgegnete gelassen: ?So viel ich durch ihren langjährigen Rechtsbeistand weiß, hat sich meine Tante zeitlebens nur als die Verwalterin dessen angesehen, was ihr Mann hinterlassen. Einzig aus dem Grunde hat sie auch durchaus nicht testamentarisch über das Gut verfügt.?

?Ja, ja ? Sie mögen Recht haben ? ja, ja!? stotterte der Amtmann. Er duckte sich plötzlich ganz kleinlaut in seinem Lehnstuhl zusammen. ?Ich erinnere mich auch, dergleichen Aussprüche aus ihrem Munde gehört zu haben. Es ist deshalb nur anzuerkennen, daß Sie die vieljährige innige Beziehung zwischen ihr und uns nicht ganz ignoriren. Nun denn, ich nehme Ihr freundliches Anerbieten, einstweilen in das Gutshaus überzusiedeln, mit bestem Dank an, aber ? ich bitte Sie ? was soll inzwischen aus meinem Viehstand werden??

Es war schwer, dieser lächerlichen Aufgeblasenheit gegenüber ernst zu bleiben.

?Nun,? sagte Herr Markus, indem er sich an seinem aufgesprungenen Handschuhknopfe zu schaffen machte, ?ich meine, vorhin im Vorübergehen eine Kuh im Stalle gesehen zu haben ??

?Ja, ja ? ganz recht, augenblicklich, Herr Markus. ? Ich war vor Kurzem gezwungen, dem Fleischer zwei prächtige Schweizerkühe an?s Messer zu liefern ? eine schwere Heimsuchung für einen Oekonomen! Ich bin überhaupt schlimm dran, bester Herr. Es steht draußen nicht Alles so, wie es sein sollte ? das weiß Niemand besser als ich, aber mir fehlt ein Knecht. Ich habe nach allen Himmelsgegenden geschrieben ? einen hiesigen will ich um keinen Preis; das Volk taugt den Teufel nichts ? habe Lohn über Lohn geboten, aber den Lumpen ist?s zu einsam hier; es will absolut Keiner in den Hirschwinkel.?

?Lassen Sie mich einmal den Versuch machen! Vielleicht habe ich mehr Glück,? versetzte der Gutsherr. ?Die Kuh stellen wir auf dem Gute ein, und das Geflügel kann auch drüben auf dem Hofe mit durchgefüttert werden. Mit Vollendung des Neubaues aber muß Alles wieder im alten Geleise sein ? das heißt: das nöthige Vieh in den Stallen und die erforderliche Menschenkraft und -Hülfe zur sorgfältigen Bewirthschaftung des Pachthofes ? wenn er nicht total zu Grunde gehen soll. Ich werde für Alles Sorge tragen, auch dafür, daß der Knecht möglichst bald eintritt, der Ernte wegen. Selbstverständlich? ? der Knopf am Handschuh schien sich absolut nicht fügen zu wollen; der Sprechende wandte ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu ? ?selbstverständlich brauchen wir auch noch eine Magd, ein echtes, rechtes Bauernmädchen, das tüchtig mit eingreift. ? Das Mädchen, das jetzt auf den Vorwerkswiesen hantirt, ist doch wohl ursprünglich nicht zu diesem Zwecke engagirt worden??

Die Kranke legte die abgezehrte, blasse Hand über die Augen, als überkomme sie eine momentane Schwäche, und der Amtmann hatte in diesem Augenblicke einen so krampfhaften Hustenanfall, daß er ganz blutroth im Gesicht wurde.

Der Gutsherr aber brannte förmlich darauf, etwas Näheres über das Mädchen zu hören; er hielt den günstigen Moment unerbittlich fest, trotz Schwäche und Stickanfall des alten Ehepaares.

?Wie man mir sagte, ist sie ein Stadtkind oder hat zuletzt in einer größeren Stadt gedient ??? forschte er hartnäckig weiter.

?Ja, sie war in Frankfurt am Main,? antwortete die alte Dame. Ihre Rechte war von den Augen auf die Bettdecke gesunken und pflückte an dem Ueberzug. ?Sie ist allerdings nicht für eine solche Thätigkeit erzogen, ach, nichts weniger als das. Lieber Herr ??

?Und deshalb sind wir Ihnen sehr zu Danke verpflichtet, wenn Sie uns eine richtige tüchtige Bauernmagd verschaffen wollten,? fiel der Amtmann mit erhöhter Stimme ein. ?Also, bis wann denken Sie mit dem Neubau zu beginnen, Herr Markus??

?Ich will mich sofort mit einem Baumeister der nächsten Stadt in?s Einvernehmen setzen,? entgegnete der Angeredete, sich erhebend ? es lag eine tiefe Falte des Mißmuthes, ja, eines gründlichen Aergers, zwischen seinen Brauen ? ?und werde später nicht verfehlen, Ihnen den Bauriß vorzulegen.?

?Gottes Segen über Sie! Sie sind ein edler Mann,? rief ihm die Kranke in tiefster Bewegung zu, während er sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung von ihr verabschiedete, um das Zimmer zu verlassen.

Der Amtmann bestand darauf, ihn hinaus zu begleiten. Draußen, in der Hausflur, hielt er ihn mit geheimnißvoller Miene fest.

?Es ist Alles sehr schön und liebenswürdig, was Sie da für uns thun wollen,? raunte er ihm mit gedämpfter Stimme zu.

?Und ich bin Ihnen auch sehr dankbar dafür, aber denken Sie ja nicht, daß Sie dabei irgend Etwas riskiren ? es wird Alles bei Heller und Pfennig ausgeglichen werden. Sie kommen nicht um Ihr Geld ? dafür stehe ich. ? Sehen Sie, drinn durfte ich nichts sagen; meine Frau weint sich noch die Augen aus vor Sehnsucht nach ihrem Jungen ? das ist ein gar heikles Thema bei uns. Solch ein närrisches Weibchen! Und wenn er zerlumpt und zerrissen heimkäme, sie wäre doch selig, ihn wieder zu haben ? so sind die Frauen, und in solchen Dingen muß der Vater den Kopf oben behalten. Ich werde doch wahrhaftig meinen Sohn nicht vorzeitig und um dieser Grillen wegen aus seiner Carrière reißen! Er hat großes Glück gehabt, der Thunichtgut, dem?s zu Hause, in der schönen thüringer Heimath zu enge war; der junge Bengel ist schon jetzt so eine Art Nabob; noch ein, zwei Jährchen, da frage ich Serenissimus schlankweg, was seine Gelsunger Domäne kostet ??

?Ei, du Sackermenter, willst du gleich ?runter gehen!? unterbrach er sich, riß sein Käppchen von dem kahlen Schädel und warf es in die offenstehende Küche nach einer Katze, die eben aus den Tisch gesprungen war, um eine der Tauben zu annectiren.

Er humpelte hinein und jagte das Thier mit dem Stocke in den Hof, worauf er die Küche verschloß. Sie war noch leer. Ueber dem Suppentopf kräuselte kein Dampfwölkchen ? das Herdfeuer war offenbar längst ausgegangen.

?Was das nun wieder für Dummheiten sind!? brummte der Amtmann, roth vor Aerger und Alteration. ?Und wenn man zehn Dienstboten hält und bezahlt, sie lassen, Eine wie die Andere, Thür und Angel offen und sieden und braten für die Katze, was man für sein theures Geld anschafft. ? Um ein Haar wären wir um unser Diner gekommen. ? Dummes Zeug! ? Wo sie nur wieder einmal steckt!?

?Ja ? wo mag sie sich wohl versteckt halten?? dachte auch Herr Markus ergrimmt, der, nachdem er sich vom Amtmann verabschiedet hatte, nun über den Hof nach dem Garten schritt, um aus dem Wege, den er gekommen, nach dem Gute zurückzukehren. Er warf einen bösen Blick hinauf nach dem Mansardenfenster, wo sich eben wieder der Mullvorhang wie ein Sommerwölkchen in den blauen Lüften wiegte. ? Höchstwahrscheinlich hatte sie sich zu Fräulein Gouvernante geflüchtet, und zwei Mädchenköpfe sahen ihm nun verstohlen und hohnlächelnd nach. ? Es war doch stark, daß sie die kärgliche Mahlzeit ihrer Herrschaft achtlos preisgab und sich die schärfsten Verweise derselben zuzog, nur, um ihm nicht wieder in den Weg zu kommen.

Im Garten war es auch still und einsam. Die Grasmücken zwitscherten leise in dem Gebüsch, durch welches vor einer halben Stunde die vermeintliche weiße Dame gekommen war, um eiligst die nöthigen. Küchenkräuter abzuschneiden. Noch lagen die ihr im raschen Laufe entfallenen grünen Stengel über den Weg verstreut; es war offenbar kein Fuß wieder darüber hingeschritten. Und in der Lindenlaube konnte Herr Markus das Schreibeheft dreist in die Hand nehmen; es war weit und breit kein Menschenauge, um zu sehen, wie er ironisch lächelte.

Die ersten Seiten des kleinen Buches waren richtig bedeckt mit dem zierlichen Geschreibsel derselben Feder, in welche der Amtmann seinen herausfordernden Brief dictirt hatte. Es waren aber keine Verse, nur abgerissene Gedanken, wie sie der Augenblick eingegeben haben mochte, Ansichten und Aussprüche eines klaren, wohlgeordneten Mädchenkopfes. ? Diese Blattseiten waren eigentlich ein günstiges Charakterzeugniß für die Schreiberin. Wie sie plötzlich ihre angenehme Stellung aufgegeben, um Krankenpflegerin zu werden, so hatte sie auch diese nicht absolut nothwendigen, poetischen Seelenergüsse mit dem pünktlich geführten, kärglichen Einnahmeregister des verarmten Onkels ohne Zaudern vertauscht. ? Wie aber reimte sich diese resolute Handlungsweise mit dem Gebühren der jungen Dame zusammen, die sich nach wie vor von der Kammerjungfer wie eine Prinzessin bedienen ließ? ?

Er zerknitterte im Unwillen das unschuldige Schreibeheft in seiner Hand, aber er hatte auch alle Ursache, erregt zu sein. In welches Dilemma war sein so ruhiger Kopf gerathen! Er, dem sonst der heitere Lebensgenuß das Dasein ausfüllte, der daheim pünktlich und voll frischen Eifers seinen Obliegenheiten am Comptoirschreibtisch nachkam, um sich dann in den Erholungsstunden voll Lust in den Strom schöner Seelengenüsse zu werfen, dem bis dahin nichts die Wohlthat des süßen Schlafes, den Vorzug eines gesunden Appetites zu rauben vermocht hatte, ihm war jetzt der ursprünglich so anziehende Landaufenthalt verdorben worden durch aufdringliche Grübeleien, die sich absolut nicht abweisen ließen; er schob Frau Griebel?s Delikatessen widerwillig bei Seite und hatte heute Morgen schon schlaflos den Kopf in den heißen Kissen hin- und hergeworfen, noch bevor die Haushähne auf dem Hinterhofe ihre grellen Morgenfanfaren in das dunkelverhangene Schlafzimmer geschickt hatten.

Dieses Vorwerk, dieses alte Wrack mit der mystischen Dame Gouvernante und dem halbtollen Aufschneider, dem Amtmann, das Mädchen mit dem Sphinxgesicht und der edelschönen Gestalt im armseligen Arbeitskittel, das ihn reizte und ärgerte, wie es noch Niemand vermocht, und den ?humanen, wißbegierigen? Forstwärter, den unausstehlichen Menschen, der seine Fangarme begehrlich nach ihr ausstreckte ? er wünschte sie sammt und sonders in das Mohrenland, um der Unruhe willen, die ihn peinigte und welche er doch mit aller Zorngewalt nicht abzuschütteln vermochte.

Heute wollte er in die Stadt fahren und mit dem Baumeister, der auch den Neubau der Schneidemühle übernehmen sollte, eingehend berathen. Der Riß des neuen Vorwerkshauses konnte schon in den nächsten Tagen in seinen Händen sein; ebenso der Baucontract, behufs der Abschließung. Alles Andere durfte er getrost in Pachter Griebel?s Hände und die der wackeren Frau Pachter legen ? das Engagement des neuen Gesindes, die einstweilige Uebersiedelung der Amtmannsfamilie in das Gutshaus, den späteren Ankauf des Viehstandes. ? Zu diesen Anordnungen bedurfte es nur weniger Tage; dann wollte er den Staub von den Füßen schütteln und in Jahr und Tag den Hirschwinkel nicht wiedersehen. ? Einstweilen blieb die letztwillige Verfügung im Notizbuche der seligen Frau Oberforstmeisterin sein Geheimniß, bis er wieder ruhig geworden war und es sich im Laufe der Zeit herausgestellt hatte, wessen Obhut die sorgenfreie Existenz der kranken Frau auf dem Vorwerke anvertraut werden durfte. ?

Er warf das Schreibeheft auf den Steintisch und verließ den Garten, dessen altes, ausgedientes Gitterthürchen mit schwachem Geseufze hinter ihm zufiel. Mit diesem leisen, lebensmüden Geräusch wähnte er die directe Beziehung zu den Menschen, die er da zurückließ, nunmehr abgeschlossen. Er war weit entfernt davon, sich einzugestehen, daß er sich ja selbst kopfüber in die fremden Verhältnisse gestürzt habe und allein schuld sei, wenn die Webefäden fremden Geschickes sich an ihm festklammerten, wie in diesem Augenblicke die zähen, kriechenden Queckenranken, die ihn auf dem wenig beschrittenen, grasigen Wege als lebendige .Fußangeln umstrickten, und deren er sich nur erwehren konnte, indem er sie zertrat. ?


9.

Zwei Tage waren seitdem verstrichen. Gestern war der Baumeister im Hirschwinkel gewesen; er hatte sich mit den Intentionen des Gutsherrn vollkommen einverstanden erklärt und ein möglichst rasches Vorgehen in Aussicht gestellt. Herr Markus hatte ihn bei Besichtigung der Vorwerksgebäude begleitet ? selbstverständlich hatte er die Schwelle der Hausthür nicht überschritten, dazu war er ja viel zu standhaft in seinen Beschlüssen, aber er konnte es doch nicht hindern, daß der Amtmann an das Fenster kam, um ihm für den Korb feinen Weines, den er sofort nach seiner Heimkehr auf das Vorwerk geschickt, in feuriger Lobpreisung der edlen Gabe zu danken. Er hatte es auch dankend acceptiren müssen, daß ihm ein Gegenbesuch in Aussicht gestellt wurde ? und er war auch gekommen, der alte Herr, einige Stunden darauf, so zwischen ?Hell und Dunkel?.

Herr Markus hatte in dem Pavillon auf der Mauer gesessen, und da waren zwei Gestalten am Rande des Gehölzes erschienen ? eine männliche, die, den Gehstock schwerfällig aufstapfend, mühselig daher gehumpelt war, und ein weibliches Wesen, auf dessen Arm sich der alte Mann gestützt hatte. ? Hatte Frau Griebel nicht gesagt, daß das Fräulein Gouvernante genau eine solche Hopfenstange sei, wie die fremde Magd? ? Nun ja, das war sie gewesen, eine große, schlanke Dame in elegant sitzender, weichfallender, dunkler Robe ? ein grauer Schleier hatte vom kleinen, weißen Strohhut geweht und auch wie ein grauverstaubtes Spinnengewebe über dem Gesichte gelegen.

Geradezu lächerlich aber war es gewesen, zu sehen, wie die erbitterte schöne Dame bei Herrn Markus? Heraustreten auf das Freitreppchen dem Onkel eilig etwas zugeflüstert hatte, um gleich darauf mit wenigen Schritten in das Gehölz zu fliehen und spurlos zu verschwinden. ? Und der alte Herr hatte seinen Stock mitten auf den Weg gestemmt, hatte mit steifgewendetem Nacken der Entflohenen verblüfft nachgestarrt und ein heiliges Donnerwetter hinterdrein geschickt, bis ihm die Erleichterung geworden war, sich auf den Arm des herbeigeeilten Gutsherrn stützen und über die alberne Prüderie der jetzigen jungen Frauenzimmer erbost schimpfen zu können.

Es war ein schweres Stück Arbeit gewesen, ihn das Freitreppchen hinauf zu bringen, droben aber hatte er sich behaglich in den weichen Eckdivan gedrückt und vergnüglich das ?allerliebste Junggesellennestchen? auf der Mauer gemustert. Gleich darauf hatten Cigarren und zwei grünfunkelnde Römer auf dem Tische gestanden, und der köstliche Duft des edlen Rheinweines war der langhalsigen Flasche entquollen. Herr Markus hatte die neue Hängelampe des Pavillonstübchens angezündet, und mit dem Aufflammen des weißen Lichtes war auch die zwischen ?Hell und Dunkel? verlegte Besuchsstunde motivirt worden ? es war ein gar zu fadenscheiniger, sorgsam geflickter Rock gewesen, der über den hageren Schultern des alten Herrn wie über einem Kleiderstock gehangen hatte. Aber die Wäsche war bezüglich der Weiße und Sauberkeit tadellos gewesen, und auf dem Oberhemd hatte ein imitirter Stein in altmodischer Fassung als Busennadel geglänzt.

Und das konnte sich Herr Markus nicht verhehlen ? es war eine sehr angenehme Stunde gewesen, die er da verlebt. Der alte Mann hatte höchst interessant über Welt und Leben gesprochen und sich als wissenschaftlich gebildet entpuppt, und der seltsame Zug in der Natur dieses leichtlebigen Verschwenders, nach welchem er allezeit und in allen Dingen den besten und wohlbegründetsten Rath für Andere, nie aber für sich selber gehabt haben sollte, war dadurch als vollkommen bewahrheitet hervorgetreten.

Später hatte der Gutsherr seinen Besuch selbst nach Hause geführt ? das war nun wieder nicht zu vermeiden gewesen; denn allein konnte der Halbgelähmte nicht so weit gehen, und es war Niemand gekommen, ihn abzuholen. Zwar hatte Herrn Markus? scharfes Ohr ein verdächtiges Schlüpfen durch die Stämme an der Wegseite hin aufgefangen, aber diejenige, die es so verletzend vermieden, mit ihm in Berührung zu kommen ? mochte es nun Fräulein Gouvernante oder die verhaßte Prüde sein ? die ignorirte er auch, und so hatte er im Weiterschreiten laut zu dem etwas schwerhörigen Amtmann gesagt, es müsse sich Wild in das kleine Gehölz verirrt haben, er höre es vorbeischlüpfen, und mit einem leisen spöttischen Auflachen war er weiter gegangen, auf dem rechten Arm die ganze Last des weinseligen alten Herrn und im linken ein Paket Bücher, welche sich der Amtmann vom Eckbrett herabgeholt mit dem Bemerken, daß er nach guter Lectüre förmlich lechze; er habe ja aus Mangel an Raum seine ganze kostbare Bibliothek, in die er Tausende gesteckt, verkaufen, respective zu Schandpreisen verschleudern müssen. ?

Mit Pachter Griebel hatte sich Herr Markus rasch verständigt. Der Wackere hatte sich sofort bereit erklärt, den Gutsherrn bei seinem Samariterwerk zu unterstützen, und seine brave Ehehälfte hatte mit dem Bemerken acceptirt, was ihr Peter einmal wolle, das geschehe ja doch, und wenn er zehnmal seine duckmäuserische stille Miene aufstecke ? er habe es eben faustdick hinter den Ohren, und da sage sie denn in Gottes Namen: Ja und Amen. Aber verwehren könne es ihr doch Niemand, wenn sie den Kopf schüttele und die Hände zusammenschlage über den jungen Herrn, dem es jedenfalls zu wohl sei, denn sonst ginge er doch wohl nicht so tanzlustig auf?s Eis. Mit der Frau Amtmann und allenfalls auch mit Fräulein Gouvernante würde sich?s ja vielleicht leben lassen; es käme ihr nicht darauf an, die alte Frau zu heben und zu tragen und des Nachts bei ihr zu wachen, das thäte sie recht gerne, und die stolzen Mucken der Gouvernante, na, die brauche man ja nicht zu sehen. Aber mit dem Amtmann, dem Faulpelz, dem Schlecker und Besserwisser, da gäb?s Krieg, das wolle sie nur gleich von vornherein sagen ? und wenn sie seine Kuh mit Butterbrod und die paar abgelebten Hühner mit Eierkuchen füttere, er habe doch zu nörgeln, das wisse sie. Und die Magd in ihrem abgetakelten Stadtfähnchen und mit dem städtischen Gethue passe auch nicht auf?s Gut, wo im groben Bauernrock und ohne Scheuleder gearbeitet würde, das aparte Ding mache nur das Gesinde rebellisch, und ihr sei sie geradezu unleidlich. Wie der Zufall diese Abneigung auch noch motiviren half, das sollte der Gutsherr heute bis zur Evidenz erfahren.

Er hatte einen umfangreichen Bericht seines Buchhalters erhalten und war genöthigt, verschiedene dringliche Punkte sofort zu erledigen. Deshalb saß er schon seit Stunden am Schreibtisch im Erker, so angestrengt arbeitend, daß er der Außenwelt vollkommen entrückt war. Von der Pächterfamilie war heute noch Niemand heraufgekommen. Er hatte das durch eine Magd servierte Mittagessen allein eingenommen, und nach ihrem Weggang war das Kritzeln seiner Feder das einzige Geräusch gewesen, das die tiefe Stille des Erkerzimmers unterbrochen. Nun aber wurde die Thür resolut geöffnet und Frau Griebel?s Lederschuhe knarrten ? sie brachte wie immer den Nachmittagskaffee eigenhändig.

??s ist wahr, ein hübsch kühles Eckchen ist unser Gutshaus doch!? sagte sie, nachdem ihr Herr Markus von seinem Platze aus begrüßend die Hand gereicht hatte. ?Draußen ist?s schwül, Herr Markus, kochheiß wie in einem Backofen.? Sie fuhr sich mit dem kühlen Schürzenzipfel über Gesicht und Hals. ?Ich war heute schon mit meiner Luise in den Morcheln, und einen Korb voll Erdbeeren haben wir auch zusammengelesen. Um vier Uhr in der Frühe sind wir schon aus den Federn und haben uns auf den Weg gemacht; wir müssen gar weit laufen ? bei uns giebt?s keine Morcheln. Aber drüben im Grafenholz, da schießen sie massenhaft ? ich sage Ihnen, Kerle, halb so groß wie meine Faust ? aus der Erde; da wachsen sie auf den alten Meilerstätten. Ja, wär? das nicht, da brächten mich nicht zehn Pferde in das Grafenholz. Ich kann den Forstwärter dort nicht leiden; der thut gerade so dick und protzig, wie die auf dem Vorwerk. Und dabei muß ich Ihnen nur gleich sagen, daß ich für künftig mit der fremden Magd bei Amtmanns nicht unter einem Dache Hause ? das geht ein für allemal nicht, schon meiner Luise wegen, wenn die in die Ferien kommt. Ich habe heute mein blaues Wunder gesehen. Ja, was meinen Sie denn ? kommt uns doch das Mädchen in aller Frühe, sage halb fünf, aus dem Forstwärterhaus entgegen ? hui, was Ihnen für ?ne Feuerfahne über?s Gesicht fährt! Ja, nicht wahr, in?s Herz hinein muß man sich schämen, wie es die Frauenzimmer heutzutage treiben!??

Sie stellte ihm die gefüllte Tasse neben seine Schreibereien auf den Tisch. ?So, nun wissen Sie den Skandal und dürfen sich nicht wundern, wenn die Griebel auch ?mal ihren Kopf aufsetzt. Müssen Amtmanns durchaus noch ein Dienstmädchen haben, dann will ich schon für ein braves sorgen, die Jetzige aber kömmt mir nicht herein. Sie werden gewiß ein Einsehen haben und das nicht verlangen, Herr Markus. Bei Griebel?s stehen Zucht und Ehrbarkeit allezeit obenan? . Und nun lassen Sie Ihren Kaffee nicht kalt werden, und schreiben Sie sich nicht krank! Ihr Kopf glüht ja wie eine Feueresse.?

Kaum war die Thür hinter ihr zugefallen, als Herr Markus aufsprang, wie wenn er gewaltsam Fesseln zerrisse, die ihn auf seinem Platz im Erker festgehalten. Die gute Frau Griebel war ein Klatschmaul, wie andere alte Weiber auch; er hatte Mühe gehabt, sie nicht bei den Schultern zu nehmen und empört zu schütteln. Es ließ sich ja nicht leugnen, die Verlästerte that apart und strebte in Sein und Wesen weit über ihren Stand hinaus, und das machte es nur zu begreiflich, daß sie angefeindet wurde, aber ihr Wandel war rein, und mochte sie zu allen Stunden aus dem Waldhüterhaus kommen. Ihm verursachte es nur stets eine Art von schmerzhaftem Schrecken, wenn vor seinen Ohren das Mädchen in Verbindung mit dem Grünrock genannt wurde. Und jetzt ging ihm ein grelles Licht auf ? sein Samariterwerk, wie Pachter Griebel sein Vorhaben nannte, nahm einen ganz anderen Verlauf, als er gemeint hatte. Wohl konnte er sich mit gutem Gewissen sagen, daß er vom Anfang an beabsichtigt hatte, das Vermächtniß seiner Tante möglichst günstig für die Betreffenden in Kraft treten zu lassen, aber sein schleuniges, fast überstürztes Handeln war nicht dem edelsten Motiv entsprungen ? er hatte dem Grünrock den Humanitäts-Nimbus nicht gegönnt; er hatte ihm zuvorkommen wollen und damit das Gegentheil von dem erreicht, was er im glühenden Eifer angestrebt. Die aufopferungsvolle Fürsorge des Mädchens wurde durch seine Anordnungen der Herrschaft nunmehr entbehrlich, und da konnte ja schleunigst Hochzeit gemacht werden. ?

Frau Griebel hatte Recht, sein Kopf glühte, und das Blut hämmerte ihm fieberhaft in den Schläfen. Er durch maß unausgesetzt das Zimmer, und da wurde er sich plötzlich vollkommen klar über das, was in ihm vorging.

Wie, war es nicht, als sähe der Herr Oberforstmeister mit höhnischem Lächeln auf den ?Schlosserssohn? nieder, in welchem das Arbeiterblut mit richtigem Instinct ?Gleich und Gleich? erstrebte? Es wallte auf für Eine, die das Brod der Dienstbarkeit aß, für ein Mädchen im Arbeitskittel mit hartgearbeiteten Händen. Aber stand es der, welche da neben dem Hochmüthigen im bräutlichen Liebreize lächelte, auf der weißen Stirn geschrieben, daß sie adeligen Blutes gewesen war? ? Durfte sich das Mädchen mit dem dunklen Haargewoge nicht kühnlich an die Seite dieser Blonden stellen? War sie nicht ebenso schön, und hatte sie nicht auch diesen seelenvollen, bezwingenden Blick, der hier im Bilde und dort unter dem verhüllenden Tuch hervor, das er mit kecker Hand zurückgestreift, so sonderbar an sein Herz gerührt? ?

Mochte es draußen noch so schwül sein, es breiteten sich doch weite Wiesenflächen hin, über denen der hohe, blaue Himmel stand, und lange Weglinien schafften den wandernden Füßen Raum im Walde ? hier erdrückte ihn der niedere Plafond auf den engen vier Wänden.

Er griff nach seinem Hute. Die hingeschleuderte Feder lag in einer Tintenlache auf einem halbbeschriebenen, sauberen Briefbogen, und verschiedene leichte Zettel waren bei seinem hastigen Aufspringen von der Tischplatte herab auf den Boden geflogen. Er hatte keinen Blick für diese Unordnung. Mochte der Buchhalter daheim noch so dringend der erbetenen Weisungen bedürfen, der Chef der großen Firma Markus, sonst der strengste und gewissenhafteste Arbeiter seines Comptoirs, stürmte hinaus, achtlos die geschäftlichen Interessen hinter sich lassend.



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