Berliner Skizzen

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1. Auf dem Neuen Canale.

Von Rudolph Löwenstein.[1]

Wären die Gebrüder Grimm mit ihrem Wörterbuche bis zum Buchstaben U gediehen, so hätten sie sicherlich bei dem Worte ?Unverfroren? bemerkt: ?mit diesem beiworte bezeichnet der Berliner einen menschen, der auch in dunkler zeit heitren Herzens und hellen geistes bleibt.? ? In den politischen Stürmen unverschnupft, unter dem Trucke staatsbürgerlicher Lasten nicht verknubbert, bei zwanzig Grad Pannaché nicht verkältet und bei dreißig Grad Hitze unverfroren ? so muß ein richtiges Berliner Kind nicht blos sein, sondern auch sind.

Der unverfrorene Berliner harrt sehnsüchtig des Tages, da sich die erste feste Kruste auf die trägen, durch und um die Residenz schleichenden Gewässer legt. Die Spree trotzt innerhalb der Stadt mit fast impertinenter Ruhe der Gewalt des Winters und läßt sich nur in besonders tyrannischen Jahren in eisige Fesseln schlagen; die Panke, ein kleines Bächlein, dessen Dasein sich weniger durch Wasser als durch böse Dünste verräth und das sich aus Melancholie ? in die Spree stürzt, ist ein zu schmales Podium für den Eiskothurn; der Grüne, der Zwirn- und der Kupfergraben ? und wie die Verzweigungen der Cloaca maxima von Berlin heißen ? sind gar zu trübe Rinnsale und dem Berliner verhaßt wegen der himmelschreienden Sünden, durch die sie ihn während des Sommers corrumpiren und in schlechten Geruch bringen. ? Draußen aber vor den Thoren bereitet der Winter die krystallenen Tanzplätze. Die kleinen Seen und Tümpel des Thiergartens laden zuerst mit schimmerndem Parquetboden die Tanzlustigen ein, während die Spree noch mit ?offenen Armen? Berlin umfängt. Die Rousseauinsel, im Sommer das heimlichste, lauschigste Plätzchen des Parks, wo der Mond sich spiegelt in wellenlosem Weiher und neugierig guckt in die dichten Ufergebüsche, wo der Philosoph einsam wandelt und sentimentale Liebespärchen durch die Laubgänge huschen ? wie

Die

Auf dem Neuen Canale bei Berlin.
Nach der Natur aufgenommen von Th. Hofemann.

ist sie jetzt umschwirrt von muntrem Leben, fröhlichem Geschrei und Gelächter!

Die eigentliche Saison des unverfrorenen Berliners beginnt aber erst, wenn der Neue Canal, auch Landwehrgraben und von unsren Altvordern Schafgraben genannt, der in weitem Bogen Berlin von Ost nach West umzieht, sich geschlossen und seinen Tanzboden geöffnet hat.

Sobald die ersten dünnen Eisladungen vor den Thüren der vorsorglichen Conditoren halten, eilt die liebe schulschwänzende Jugend hinaus, um die Tragkraft des Canaleises zu proben. Welche Freude, wenn es den scharfgeschleuderten Handgranaten widersteht, wenn die Krähe sicher auf der Eisdecke schreitet und ein kühner Pudel die Mütze eines Knaben ungefährdet apportirt! Noch eine Nacht ?juten jediegenen Frost?, und die rothen Zettel mit der Inschrift ?Größte Eisbahn? prangen an allen Anschlagesäulen der Stadt.

Glückliche Eispächter, glückliche Schneeschipper, die ihr lange Wochen hindurch trübselig zum trüben Himmel geblickt und den hundertjährigen Kalender verwünscht habt, der schon für den November scharfe Kälte geweissagt! ? ?Was nutzt mich das Eis, wenn es nicht gefroren ist?? ? Wie oft habt ihr Armen mit diesem Wehruf über die Regenwolken droben geseufzt, die schon seit Jahren euer Geschäft zu Wasser gemacht haben! Wie bebte eure Seele vor dem Gedanken, daß der große Gelehrte Recht habe, der da gesagt, die Erde bewege sich in einer Spirallinie zur Sonne, und in kurzer Zeit werde es daher weder Winter, noch Eisbahn, weder Gletscher, noch Schlittschuhe, weder Pickschlitten, noch ? Gefrorenes geben! ? die Angst ist von euch genommen: das Eis hält! Jetzt ist es Zeit, das Breterhaus zu zimmern und die Vorratskammer zu füllen mit den Delicatessen des Berliners, der kühlen Blonden, der Flasche Gilka?s und der Wurst des Knoblauch. Schon harrt Schneewittchen, das holde Kind, das sich während des Sommers als aufbrausende Jungfrau und Odaliske des Dönhofsplatzes ernährt, um ihr Mundschenk-Amt am Büffet anzutreten.

In wenigen Stunden ist das Werk vollbracht, die Restauration aufgeschlagen, der Vorrath an Schlittschuhen und Pickschlitten ausgekramt und die Fahne aufgehißt zum Zeichen, daß der Tanz beginnen kann. Und noch einige Stunden ? und das Parquet füllt sich mit lustigen Tänzern. Bruder Studio und Mosjö Pennal sind die Ersten, ihnen folgen die Fräuleins Backfisch und Tantchen Unverzagt. Die ganze Schaar der Junggesellen, welche in der Residenz nisten, der schmeidige Commis, der sanfte Registrator, der civilisirte Fähndrich, der unentgeltliche Referendarius, sie Alle finden sich ein, um ihre Künste vor dem schönen Geschlecht zu entfalten und ihre Dienste als Schlittenschieber anzubieten. Auch der ehrsame Bürger und Ehekrüppel schnallt sich die Flügel Mercur?s an die Füße, um ?Muttern? einen galanten Liebesdienst zu erweisen. ? Welch buntes Bild, welch übermüthige Scherze! ? ?Sehen Sie nur, Piefke, dort den Baron und dicht hinter ihm die beiden Halsabschneider! Bardauz ? da liegen sie Beide!? ? ?Der Baron hat sich mit seinen Gläubigern gesetzt!? ? ?So ist es!? ? ?Was sagen Sie zu den kleinen Rangen, die sich um die Ehre streiten, das Balg von Geheimeraths zu stoßen?? ? ?Zukünftige Assessoren ? angeborener Respect!? ? ?Brennecke auch hier? Ich denke, der reitet blos Wechsel?? ? ?Er übt sich bei Zeiten im Laufen.? ? ?Aha!? ? ?Potztausend, welch schmucke Polka-Prinzessin!? ? ?Still, still! der Lieutenant hinter ihr könnte uns hören! ?s ist ja eine Banquierstochter aus dem orientalischen Viertel!? ? ?Schwemmler, sehen Sie mal, wie propper der Rath aus dem Cultusmysterium rückwärts läuft!? ? ?Janz jenau nach die Rejulative!? ? ?Famöses Schneewittchen da in Bude, lieber Strudelwitz!? ? ?Auf Jletscher, Kamrad, wollen Budenpacade machen!? ? ?Aber mein Herr!? ? ruft eine über die Schlittschuhe des Paradirenden stürzende Schöne. ? ?Pardon, meine Jnädige, weiß jetzt, wie jefallener Engel aussieht, auf Jletscher!?

Vor etwa fünfzehn Jahren noch wagte kein Jungfräulein Berlins den schlüpfrigen Boden zu betreten; heut gehört die holländische Sitte zum guten Ton, und selbst manch stolze Frau der Wilhelmsstraße läßt ihre Töchterchen zum Eisballe ziehn, nachdem sie ihren Jean instruirt hat, den Gnädigen nicht von den Fersen zu weichen.

Wie manche heiße Liebe ist schon auf der eisigen Bahn entflammt worden! Wie mancher Jüngling hat mit kühnen Bogen Augen und Herz einer Schönen erschwungen! ? Kein Jahr, in dem nicht der Stadtklatsch neue Beiträge zur Literatur der Eisnovellen liefert, deren Inhalt stets der nämliche ist: ?Arthur hatte sie noch nie gesehen. Louise ihn auch nicht. Louise war auf eine warme Stelle gekommen. Arthur zitterte, Louise brach ein. Er rettete sie ? sie sahen sich in die Augen ? sie liebten sich, und schon nach drei Tagen hielten sie sich fest umfaßt, liefen selbander anmuthig dahin, und Arthur recitirtc seiner Louise die Verse Herder?s:

?Wir tanzen, wir schweben auf tönendem Meer,
Auf Silberkrystallen dahin und daher;
Dcr Stahl ist uns Fittig, der Himmel das Dach,
Die Lüfte sind eilig und schweben uns nach.
So gleiten wir Beide mit fröhlichem Sinn
Auf eherner Tiefe des Lebens dahin.?



  1. ? Mitredacteur des Kladderadatsch.

2. Der Omnibus

Von Rudolph Löwenstein

Vom Fischerdorfe zur Weltstadt, vom Bauernkarren zur Droschke und von der Droschke zum Omnibus ? welch riesiger Fortschritt weltgeschichtlicher Cultur! Fünfhundert Jahre bedurfte Berlin, bis die Umwandlung aus dem Anglernest in den Angelpunkt deutscher Intelligenz als vollzogen betrachtet werden konnte, und fast ein halb Jahrhundert verstrich, ehe sich der kosmopolitische Omnibus der heimischen, particularistischen Droschke zugesellte. Wie lange es dauern wird, bis die Berliner Droschke sich zu einem der Residenz würdigen Fiacre veredelt, bleibt der Erkenntniß unserer Enkel vorbehalten. Die Droschke hat sich trotz der Omnibus-Concurrenz in ihrer urzuständlichen Form (von Reinheit ist leider keine Rede) erhalten, nur dann und wann begegnet man einem von der Cultur der Gegenwart mit frischem Firniß beleckten und mit fleckenlosen Polstern verkleideten Eingespann; die Mehrzahl aber der für fünf Groschen feilen Miethlinge ist nicht geeignet, den traurigen Satz zu widerlegen, daß es in ganz Europa von Petersburg bis Madrid und von Rom bis Stockholm kein schlechteres öffentliches Fuhrwesen als das Berliner gebe.

Wer, der jemals die Straßen von Spree-Athen betreten, wer kennt sie nicht, diese klapprigen, baufälligen Gestelle mit ihren abgelebten, ?abgetriebenen? und schwermüthigen Pferden und den rothnasigen Rosselenkern? Wen erfaßt nicht ein menschliches Rühren, wenn er die fahrenden Eckensteher auf dem Bocke des ?Folterkastens? und die Mähren mit dem über die Ohren gebundenen Hafersäcke betrachtet? Wer hätte nicht gehört von dem untilgbaren Hasse, welcher zwischen den Lenkern der Droschken und den Züglern der Omnibusgäule besteht? Mit demselben Grolle, mit dem einst der arme Weber den ?eisernen Arbeiter?, die Dampfmaschine, und der letzte Posthalter die erste Locomotive erblickt, sahen vor einundzwanzig Jahren die Berliner Droschkenkutscher auf das erste sechsrädrige Ungethüm, das, von einem Speculanten gebaut, unter dem Namen Omnibus durch die Straßen rollte. Und der Groll ist von Jahr zu Jahr mit der Zahl der neu-concessionirten Allerweltswagen gewachsen. Mehr als dreihundert Omnibus durchkreuzen die Residenz nach allen Richtungen, und während der auf seinen Halteplatz oft Stunden lang gebannte Droschkenführer nach einer ?lumpigen Person? vergeblich späht, sausen Hunderte von Groschen-Passagieren an seiner Nase vorüber.

Die

Im Omnibus.
Originalzeichnung von Th. Hosemann.

Was der Dampfwagen für die Nationen, das ist der Omnibus für die Residenzler: er verknüpft die früher Getrennten, fördert Austausch und Verkehr und trägt neues Leben in die entlegensten, ehedem fast unzugänglichen Gegenden. So lange die Omnibusunternehmer nur auf die sehr belebten Straßen speculirten und jede Tour in mehrere Stationen theilten, für deren jegliche ein Reisegeld von einem Neugroschen zu erlegen war, wollte das Geschäft nicht recht vorwärts kommen; seitdem sie aber vom Ende der einen Vorstadt bis zum letzten Hause der entgegengesetzten fahren und für den Weg von fast einer deutschen Meile nur einmal den Zinsgroschen erheben, blüht das Geschäft, und in den Vorstädten steigen neue Häuser und neue Straßen empor. Die Sandscholle der ehemaligen ?Hundetürkei?, in deren trügerischem Boden Roß und Reiter elendiglich versanken und Hungerblume und Distel sich vergeblich quälten, Wurzel zu fassen, sie ward zur Baustelle, zum lachenden, ?goldtragenden? Morgen, sobald sie von der Wünschelruthe des Omnibuskutschers berührt wurde. Das ?Köpenicker Feld?, noch vor zehn Jahren eine menschenleere Wüste, ist zu einer Stadt von 25.000 Einwohnern erwachsen, der Bodenwerth hat sich verzehnfacht, der Steppensand ist auch hier zum Goldsande geworden. Der National-Oekonom wird dereinst mit Zahlen beweisen können, welchen Antheil das Institut der Omnibus an dem wahrhaft wunderbaren Wachsthum gerade des Köpenicker Feldes gehabt hat. Von hier aus gehen die meisten Wagen in das Innere der Stadt; der Oranien- und der Moritzplatz entsenden von fünf zu fünf Minuten einen zweispännigen Zug, der sich, ehe er sein Ziel erreicht, zwei, auch drei Mal seiner lebendigen Last entledigt und dafür neue Ladung nimmt.

Die Berliner Omnibus unterscheiden sich wesentlich von ihren Londoner und Pariser Vorbildern: sie sind weder so elegant bespannt, noch so pünktlich bedient, noch endlich so zweckmäßig organisirt, als jene. Der Einführung einer geregelten Correspondenz, eines Bündnisses aller Unternehmer stemmen sich ? ein Zeichen echt deutschen Wesens ? Sonderinteressen und Sondergelüste entgegen: Keiner will sich entschließen, dem allgemeinen Besten auch nur ein Titelchen seiner fuhrherrlichen Souverainetät zum Opfer zu bringen, und so kreuzen sich denn Wagen, Linien und Interessen in wirrer Unordnung. Daß bei uns Wagen, Kutscher und Conducteure unter strengster polizeilicher Aufsicht stehen, die jedes Vergehen gegen das ?Reglement? und die Fahrordnung unnachsichtlich straft, versteht sich ebenso von selbst, wie daß Alles, was zum Dienstpersonal der Wagen gehört, dem straffen, soldatisch-knappen Uniform-Zuschnitt unterworfen ist. Wie die strengen Religionsgesetze der Juden großentheils von sanitäts-polizeilicher Weisheit dictirt sind, so ist auch Vieles in dem Reglement nur durch die zarte Besorgniß der Polizei für Leben und Gesundheit der nomadisirenden armen Kutscher zu erklären. Das scharfe Gebot: ?Du sollst auf dem Bock nicht rauchen? und das gleichscharfe: ?Du sollst den Rockkragen stets bis an?s Kinn zugeknöpft halten?, was sind sie anders, als Zeugnisse jenes schönen patriarchalischen Regiments, das Alle vom Junker bis zum Roßknecht umfaßt?

Den schlimmsten Stand hat bei den Wagen ? in jeder Beziehung des Wortes ? der Conducteur: den Behörden für jeden Fehltritt, seinem Principal für jeden Schwänzelgroschen mit seiner Caution verantwortlich, ist er durch das ?Reglement? gezwungen, auf dem Trittbret zu stehen oder, falls es besetzt ist, zu schweben. Die Wagen sind nämlich so ökonomisch eingerichtet, daß jeder Zoll zum Transport von Menschenfleisch verwendet ist. Oben und unten, vorn und hinten ? Plätze, aber destoweniger Platz. Schaudernd blickt der weichherzige Thierfreund auf die an die Last von 25 Personen gefesselten, mühselig keuchenden Rosse, und eine Thräne des Mitgefühls rollt über seine Wangen. Wehe den Insassen des Wagens, wenn sie plötzlich von einem Zweihundertpfünder bedrängt werden! Angstvoll gepreßt in schauderhafte Enge, blicken sie den Dicken an, der sich mit seiner Breitseite Platz zu machen sucht. ?O Jott, mein bestes Hühnerauge!? seufzt ein Lackstiefler. ?Himmel, mein Kleid!? zürnt eine Köchin. ?Conducteur, lassen Sie mir raus, mir wird ohnmächtig!? ächzt ein Dämchen. Dreimal Wehe der seidenen Robe, die sich in den Morgenstunden der Markttage zwischen den Kattun der Omnibus-Besatzung verirrt! Körbe, Kiepen, Fischnetze, Gänseleichen, frisch gemordete Hühner und enthäutete Hasen rechts und links! Pöklings-, Härings- und Käsedüfte, Orange und Knoblauch, Zwiebel und schwarze Seife zusammenfließend in einen einzigen unaussprechlichen Duft! Fleuch, Wanderer, fleuch in solchen Morgenstunden den Wagen mit seinen bausbäckigen Casserolburschen und Küchendragonern, fleuch, und wärest Du so müde, daß Du Deine Gebeine nicht allein mehr fortschleppen könntest. Fleuch, wenn Dir Dein Leben lieb ist und Du darauf hältst, in gutem Geruch bei den Leuten zu stehen, denn es ist schon oft vorgekommen, daß ein Hecht in seiner Todesangst nach dem Nachbar seiner Mörderin geschnappt hat, daß beutegierige Krebse dem Netze entschlüpft sind und die Beine eines Passagiers angeknabbert haben, daß eine heimtückische Köchin den Marktkorb mit durchsickerndem Eigelb auf die weißen Pantalons eines Stutzers gestellt und eine Andere dem duftenden Jockey-Clubbisten heimlich einen Häring in die Rocktasche prakticirt hat.

Willst Du aber die Annehmlichkeiten des Omnibus genießen und Studien über Berlin und Berliner machen, dann wähle einen Tag, da kein Markt ist, und durchstreife die Stadt vom Zigeuner-Viertel bis zum Pantinen-Viertel, d. h. vom Moritzplatze bis in das sogenannte ?Voigtland?. (Es wohnt nämlich in der Gegend des Moritzplatzes, in den von Bauspeculanten zum großen Theil auf Schwindel erbauten Häusern ein gar seltsames, in ewigem Umzüge begriffenes Volk, das von den Wirthen zum Austrocknen der Wohnungen gratis aufgenommen wird, und an dieses Proletariat haben sich die aus dem Innern der Stadt mehr und mehr verdrängten sittlich Verwahrlosten angeschlossen. Im Voigtlande dagegen, ehemals der Brutstätte des Elends, klirren jetzt lustig Räder, Hämmer und die Holzpantinen der Arbeiter.) Hast Du den Weg mehrere Male wahrend einer Woche gemacht, so wirst Du auch manche feste Kunden des Omnibus kennen gelernt haben ? den Wechsel-Kommissionär und den Gerichtsrath, die schon früh auf Arbeit fahren, die Musiklehrerin und die Choristin, die um 10 Uhr ihr Werk beginnen, den Geh-Doctor und die Wickelfrau, die um 11 Uhr ihre Visiten machen, die Schulmeister, die Mittags zur Krippe eilen, und so fort bis zur Abendstunde, wo sich der Wagen mit Theaterlustigen jedes Standes und Geschlechtes füllt. Vielleicht hast Du gar schon eine interessante Bekanntschaft gemacht, denn die Berliner sind gesprächig und ihre Frauen und Töchterlein oft nicht blos gesprächig, sondern geschwätzig, und es findet sich ja so leicht Gelegenheit zur Anknüpfung einer Unterhaltung, zumal wenn der Sitz so eng ist, daß man der Nachbarin beschwerlich fallen muß. Man bittet um Entschuldigung, klagt über die jammervolle Einrichtung des Wagens, über das fortwährende Anhalten und Einsteigen, verläßt den Omnibus nicht eher, bis die nette Nachbarin aussteigt, freut sich über den glücklichen ?Zufall?, daß man denselben Weg gehen müsse ? und die Bekanntschaft ist fertig! ? Ja, es giebt Leute, die sich des Omnibus nur in der Hoffnung auf ein kleines Abenteuer bedienen, und manch alter Don Juan, mancher Leporello, der ?nicht länger Diener sein? will, schleicht sich abendlich in das Innere der rothbelaternten Wagen. ? Der Lord vom Mühlendamm mit dem rothen Bart der Backen, der Nase des Adlers und dem Kneifer des Auges wandelt Lust durch die Straßen der Stadt. Von fern sieht er eine stattliche, seidenumwallte Gestalt, gefolgt von einem King-Charles. Kein Zweifel ? sie ist?s, die Holde, nach deren Herzen und Ducaten er schon so lange seufzt! Es ist ihr King-Charles, ihr Mylord! ? Ihr nach! Sie steigt in den Omnibus, Mylord mit ihr. Der Lord aber des Mühlendamms fliegt ihr auf Sehnsuchtsfittigen nach ? er erreicht den Wagen ? kein Platz mehr inwendig ? die Holde ist im Fond verschwunden ? er postirt sich als Schildwacht auf dem Außensitz. Vergebens versucht er, in den Wagen hineinzublicken: der Conducteur und Trittbret-Genossen sperren ihm die Aussicht. So oft der Wogen geöffnet und geschlossen wird, stößt er einen Schmerzensschrei aus, denn die Wagenthür hat sich darauf capricirt, seine Kniescheiben zu schleifen; so oft der Wagen hält, harrt er gespannten Auges, ob sie nicht aussteigen werde. Eine halbe Stunde hat er diese Qualen erduldet, da öffnet der Conducleur ? ein Damenfuß wird sichtbar ? sie muß es sein ? noch kann er ihr Antlitz nicht erkennen ? noch hängt sie mit drei Viertheilen ihrer crinolinbehafteten Existenz innerhalb des Wagens ? der Conducteur reicht ihr die Hand und hilft sie herausbugsiren jetzt wendet sie sich um ? die Passagiere des Omnibus athmen frohlockend auf ? der Lord aber ruft erschrocken aus: ?Meun Gott, wölch optücalüsche Täuschung! zweu Cöntner Fleusch, dreußüg Oellen Seudenzeug, zöhn Pfund Crünolüne ? sie ist es nicht! ? Für meinen Haß zu schwer, zu stark für meine Liebe! Fare well!?


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