Lola Montez

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I.

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Wer hätte es auch ahnen können, daß die schöne Tänzerin Maria Dolores von Porris y Montez aus Andalusien, die am 14. Oktober 1846 im Hoftheater zum erstenmal vor dem Münchener Publikum auftrat, vom Schicksal als Werkzeug ausersehen war, dem bayerischen Volk die Freiheit zu geben, von der es nur zu träumen wagte!

Wer hätte geahnt, daß Mädchenfüße mit schönen Knöcheln eine weltgeschichtliche Mission haben könnten, und daß die göttlichen Tanzbeine über den Geist der Schwere siegen würden, der der allmächtige Herr der Welt ist und es im ganz besonders verschärften Maße im Vormärz war!

Der Intendant des Hoftheaters ahnte es nicht, der wenige Tage vorher das Auftreten der Tänzerin abgelehnt hatte. Vielleicht aber kannte er seinen königlichen Herrn und dachte: ein tanzendes Weib ist eine zu gefährliche Versuchung, gegen die sich nicht einmal der heilige Augustin stark genug fühlte. Tänzerinnen haben meistens mehr Glück als Sängerinnen. Was würden also die Lizius, die Späth, die Dahn, die Vespermann dazu sagen? Sind das nicht Favoritinnen genug? Die kämen ja als Furien über mich, wenn ich ihnen diese Konkurrenz vorsetzte, und gar eine Person mit dieser Vergangenheit! Mit dieser Vergangenheit! Das riskier ich nicht! Der König, unser gnädigster Herr, begnüge sich mit den Sängerinnen! Kosten ohnehin Geld genug! Überhaupt, was brauchen wir bei uns in Bayern eine spanische Tänzerin? Was brauchen wir bei uns in Bayern diese Ausländerei? Was brauchen wir bei uns in Bayern ...

Wahrscheinlich aber dachte er gar nichts und funktionierte automatisch im Geiste der Staatsmaschine, die jede Neuheit mit einem kategorischen Nein! abwehrt.

»... ich bedauere also, Sennora; Sie müssen bedenken, daß wir eine Hofbühne haben, daß wir es dem Ansehen des Staatsinstitutes schuldig sind ...«

»Und Sie müssen bedenken, mein Herr, daß ich Künstlerin bin,« versetzte gereizt die Spanierin und nestelte mit nervöser Hand an dem Gürtel ihres Reitkleides, als suche sie die Gerte, diesem Idioten eins übers Gesicht zu ziehen. »Künstlerin von Weltruf ? wie wäre es möglich, daß eine Kunststadt und ein kunstliebender König ...«

Eine Meldung unterbrach den Redeschwall.

»Es tut mir aufrichtig leid, kann es aber nicht ändern ...« Achselzucken, steif höfliche Verbeugung, die Tänzerin war verabschiedet.

»Imbécile ? ? ? ? ? ? ? ?!«

Auch der Adjutant Ludwig I. war ahnungslos, der das Audienzgesuch der Sennora Lola Montez seinem Herrn überreichte.

Aber der König war ärgerlich: »Ich kann mich doch nicht um jede hergelaufene Tänzerin kümmern!«

»Wär aber schon der Mühe wert, Majestät,« erwiderte treuherzig der Adjutant, »sie ist nämlich ein sehr sauberes Weibsbild.«

»So? Sauber ist sie? Nun dann in Gottes Namen!«

Der alternde König, der sich als Beschützer der Musen fühlt, hat ein für weibliche Reize sehr empfängliches Gemüt. Sie nimmt ihn sofort gefangen, diese mit Sinnlichkeit gesättigte Schönheit, die mit dem Kinderblick der verfolgten Unschuld um Hilfe fleht. Sie hat Tränen in der Stimme, wenn sie will, und kann sich mit holderrötender Scham so gut kleiden, wie eine junge Nonne mit dem Schleier. Eine Züchtigkeit, die den Zyniker fromm und den Tugendhaften begehrlich macht. Eine heilig-schöne Sündhaftigkeit, eine verruchte Heilige, eine Mischung von Weib und Kind, von Hetäre und Jungfrau, liederlich und madonnenhaft sittsam, verwegen und furchtsam, raffiniert, ausbeuterisch und uneigennützig, gefühllos und roh und voll zarter edler Regungen, gemein wie ein Fischweib und Dame vom höchsten adeligen Anstand, lasterhaft und ehrbar, egoistisch, selbstlos und hingebungsvoll, in jeder Hinsicht menschlich und allzu menschlich, kurz, ein Ausbund bizarrer Launen ? kein Wunder also, daß ihretwegen die Männer einander mordeten, und daß der Triumphzug ihrer siegreichen Schönheit durch Spanien, Indien, Rußland, England, Italien, Frankreich eine blutige Opferstraße hinter sich zurückließ.

Wahrhaftig ein Kind! denkt gerührt der König; eine vollendete Jungfrau! Und ein Eroberergelüst wird rege, während sie in der Audienz ebenso leidenschaftlich als anscheinend verzagt dem huldreich gestimmten König erklärt:

»Sire, ich bin Spanierin und von adeliger Abkunft ? es war mir an meiner Wiege nicht gesungen, daß ich als Ballettänzerin Europa durchirren soll. Meine Jugend ? wie Sie sehen ? erlaubt mir nicht, von Vergangenheit zu reden, trotzdem weiß ich von Ungemach viel zu erzählen ? ah; als Tänzerin bin ich auf Dornen gegangen, nicht auf Rosen. Die Götter lieben mich wahrscheinlich und haben Großes mit mir vor, sonst würden sie mich nicht so unaufhörlich quälen und verfolgen. Ich habe auf diese Weise schon ein großes Guthaben im Schicksalsbuch und hoffe mich dereinst für meine Duldungen reichlich belohnt zu sehen. Was mich in dem Ungemach standhaft macht, ist das Vertrauen auf Gott und auf die Güte jener Höchsten unter den Menschen, die der Allmächtige als die Glücklichen auserwählt hat, damit sie Gnade an den Unglücklichen üben.«

Gut gespielte Sentimentalität! Ludwig fühlt eine verwandte Saite schwingen; er ist Romantiker und schwelgt in Sentiments.

»Na, na«, gibt sich der geschmeichelte König leutselig, »was das Glück betrifft, so wollen wir lieber nicht davon reden. Aber so glücklich bin ich doch, Ihnen, liebe Donna, Ihren Wunsch gewähren zu können.«

Der König beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der spanischen Sprache ? es ist eine Fügung, einer der unmerklichen Schachzüge des Schicksals, die zum Matt führen. Er nimmt also ein weiteres Interesse an der Tänzerin, läßt sich von ihr korrigieren, unterhält sich über spanische Sprache und Literatur und schließlich über spanische Politik, über Frommheit und Bigotterie und findet, daß sie ein sehr, sehr gescheites Frauenzimmer ist.

Endlich wagt der lüstern gewordene Schönheitssinn einen Vorstoß.

»Erlauben Sie, Sennora,« dabei deutet eine malende Handbewegung des Königs auf Lolas Büste, »kann so viel Schönheit Natur sein?«

»Sire ?!«

Ein Wetterleuchten in der blauen Nacht ihrer Augen. Lolas Hand zückt einen Dolch; der König prallt zurück, erschreckt, daß er etwa ihrer jungfräulichen Ehre zu nahe getreten sei ...

Ritsch! hat Lola ihr Samtkleid vom Hals bis zum Gürtel mit der scharfen Klinge geschlitzt, und verblüfft starrt der zweifelsüchtige König auf die schwellenden Brüste, die hurtig aus der Kleiderhülle springen

»Äh ? ? ? äh ? ? ?!«

Vor seinem Hirn steht jetzt ein Bild, leibhaft geworden, dessen er sich dunkel aus einem italienischen Vers entsinnt, den er auch schon vergessen hatte, aber von Italien her ? er war in der Jugend viel in Italien ? kannte und oft rezitierte ? ? Von wem ist doch der Vers? ? Ja richtig, von Marino achter Gesang des Adone, 78. Stanze, wo es von der Liebesgöttin heißt:

»Vedeansi accese entro le gianci belle
Dolci flamme di rose e di rubini,
E nel ben sen per entro un mar di latte
Tremolando nutar due poma intatte.«

oder:

»Man sah auf den schönen Wangen
süße Flammen von Rosen und Rubinen
glühen und im Busen in einem Milchmeere
zwei unberührte Äpfel zitternd schwimmen.«

Dieses Bild behielt Ludwig in seiner Erinnerung an die Audienz und sah nichts, als »in einem Milchmeere zwei unberührte Äpfel zitternd schwimmen.«

*

Gastspiel auf der Hofbühne; das Haus zum Erdrücken voll. In der vordersten Reihe Lady Jane Ellenborough mit nackten Schultern, die Vielbeneidete, die der König für seine Schönheitsgalerie malen ließ. Sie selbst zum Porträt erstarrt, ihr Antlitz findet sich nicht mehr zurück; so stellt sie sich im Parkett zur Bewunderung aus. Bierderbe Biersiedersgattinnen, handfeste Charcutiersfrauen, züchtige Haustöchter, die auf die Lady schielen, wie futterneidische Hühner; eine scharfe Konkurrenz von entblößten Schultern und Busen, ein Andrängen gegen die Loge des Königs, ein stummes Werben und Betteln um einen königlichen Gnadenblick, und in allem brünstigen Gebaren die ewige stumme Frage »Bin ich nicht schön genug für die Schönheitsgalerie? Bin ich nicht schöner als die Lady Ellenborough, oder die Lady Spence, oder die Sedlmayer, oder die Schindling, oder die Hillmayer oder sonst eine von den vielen, die der König für sich malen ließ?

Die Schönheitsgalerie, dieser siebente Himmel weiblicher Eitelkeit, von dem die Gehirne träumten! Sie entfesselte den Blößenwahnsinn dieser Ehrbarlichen, die mit spießbürgerlich geziertem Anstand ihre Reize ausstellen und ihre Freigebigkeit in süße Pose kleiden.

Der König kümmert sich wenig darum; kaum ein Blick geht ins Publikum ? was sind diese Liebesmühen doch für hausbackene Philisterwitzchen gegen die geistsprühende und temperamentvolle Grazie einer Lola Montez!

Die kam jetzt, nachdem der erste Akt des sentimental langweiligen Schwankes »Der verwunschene Prinz« vorüber war, und tanzte in den Zwischenakten; bald gab es mehr als einen verwunschenen Prinzen im Hause!

Der Raum war schier geladen mit elektrischer Spannung, die Männer von der verderblichen Schönheit des fremden Weibes bezaubert und liebestoll; die Frauen instinktiv von Haß ergriffen und unversöhnlich. Die Komödie begann, doch wurde sie vom Publikum gespielt. ? ? ? ? ?

Das Auftreten Lolas war schon gegen jedes Herkommen. Aufreizend. Nicht etwa in Trikots und Ballettröckchen, wie mans gewöhnt war; nein, in spanischer Tracht, in Seide und Spitzen, schier ehrbar. Welche Anmaßung! Die großen schwermütigen Augen breiteten einen blauen Glanz aus; es schien, als hätte niemand Augen außer ihr: solche blaublickende Augen, die behexen konnten.

»Spanische Nationaltänze,« stand auf dem Theaterzettel.

Es war dies und zugleich etwas anderes, Neues, nie Gesehenes. Keine bestimmten Tänze von feststehender schematischer Form, sondern der vollkommene rhythmische Ausdruck allgemein menschlicher Empfindungen von der Schalkhaftigkeit bis zur fiebernden Leidenschaft, jede Bewegung war Ausdruck beseelten Lebens, Leben im höchsten Sinne, gesteigerte Natürlichkeit, gesteigert bis zur Kunst, Selbstdarstellung. Sie tanzte sich selbst, und so erhob sich der Tanz von der Figurine zum Drama ...

Die Leute saßen andächtig wie in der Kirche und starrten atemlos auf dieses Wunder. Es war schier unfaßlich und schien ein verzückter Traum unter dem blaugeöffneten Nachthimmel dieser Augen. Aus der Königsloge waren ein paar Operngläser unverwandt auf die Bühne gerichtet, kein Blick ging ins Parkett ...

Ah, da saß der Stachel ...!

Sonst war es üblich, daß der König dem Publikum zugewendet saß. Vergebens schielten die schmucken Töchter nach dem großen Wappen und den Operngläsern empor, die in ihrer erregten Phantasie größer und größer wurden, sich zu mächtigen Fernrohren auswuchsen, zu Fernrohren unter diesem blaugeöffneten Himmel ... Ein Unbehagen entsteht, eine Hysterie, die epidemisch wird.

Man denkt an den Splitter im Auge des Königs.

Das Volk sieht den Splitter, weil es den Balken im eigenen Auge trägt.

Der Vorhang fällt, und der Spektakel geht los. Trotz allem kein unbestrittener Erfolg. Das Publikum ist mit inneren Widerständen gewappnet, besonders die Frauen.

Das Parkett klatscht und zischt.

»Der verschiedenen Gerüchte wegen,« flüstert eine Nachbarin der anderen ins Ohr, das Zischen zu erklären. Man hat nichts in den Zeitungen gelesen, die unter strengster Zensur des Absolutismus und der Jesuitenherrschaft stehen, aber man ist »unterrichtet«. Klatsch, Skandalsucht, Spitzelwesen blühen in dieser Stickluft. Es wird gezischelt und getuschelt, man spitzt die Ohren, nickt verständnisinnig, reißt erstaunt die Augen auf, ist sittlich entrüstet und flüstert das Gehörte wieder dem Nachbar zu, der wieder Augen und Maul aufreißt.

»Aus sicherer Quelle!«

»Hm! Ah! So? Aus sicherer Quelle? Hm, hm! ? Also eine Missionärin der englischen Freimaurer, eine Feindin der Jesuiten, schlimm, schlimm! ? Wie? In ausländischen Blättern? Wie? Liebesabenteuer in allen Weltteilen?! Unerhört! ? Skandal! Kokette? Wohl, wohl! Hi, hi!«

Der König will noch immer nichts sehen! Muß also die Schönheit einsam darben, weil das Auge des Bewunderers fehlt oder nichts sehen will! Diese nackten Schultern, diese entblößten Busen ? diese saftigen Schinken für die Schönheitsgalerie!

Daran ist der Splitter schuld!

Die sittliche Empörung gewinnt Oberhand. Die Eifersucht, die gekränkte Eitelkeit, die enttäuschte Gefallsucht, Rivalinnengefühle dieser frauenzimmerlichen Seelen verdichten sich zur Massenhysterie. Jetzt handelt, denkt und fühlt nicht mehr eine einzelne Frau oder ein einzelnes Mädchen, sondern an ihrer Stelle erhebt sich ein Kollektivwesen, das diese schier unbewußten Regungen des Hasses sammelt, steigert und zum herrschenden Instinkt aller macht. Die Tänzerin hat einen König zum Freund gewonnen ? zugleich ist ihr in diesem Kollektivwesen, in dieser Masse, diesem Volk ein Hasser entstanden. Zunächst sinds nur die Frauen. Aber das ist das Gefährliche. Sie sind es aus Gründen, die unnennbar sind, aus hysterischen Ursachen, und das ist noch gefährlicher. Nicht die einzelne Frau, sondern dieses Kollektivwesen von Frauen schließt ein unausgesprochenes stillschweigendes Bündnis mit dem umschleichenden Jesuitismus, und das ist das Gefährlichste. Indessen träumen die Männer von Befreiung aus geistigem Druck und träumen wohl auch von den göttlichen Tanzbeinen der Lola ? diese Racker!

Sie sind der Sünde gar nicht abhold, doch bleiben sie klug verschanzt hinter der Prüderie ? diese Tugendheuchler! Sie gestikulieren eifrig und ritterlich mit den entrüsteten Frauen und verfallen ihrer Hypnose, Massenhypnose. ?

»Saltatio est diaboli circumferentia« zitiert einer von den Herren, die eine Gruppe bilden und ihre Eindrücke flüsternd austauschen; ein gelehrt tuender Herr Jakob, der sich moralisch entrüstet, unter der lebhaften Zustimmung seines Freundes, des Kaufmanns Nußbaum und einiger Gleichgesinnter: »Die Sittlichkeit ist in Gefahr! Gehören diese Schamlosigkeiten auf die Hofbühne? Gatten und Väter! Denkt an eure Frauen, eure Töchter, eure Söhne!«

»Aber sie hat eine Intelligenz der Bewegung!« warf ein Schwarzbärtiger ein, halb Don Juan, halb Marquis Posa, der Kunsthändler Boligiano.

»Intelligenz der Bewegung!« das gefiel wieder den anderen Herren, vor allem dem feisten Schokoladefabrikanten Meyerhofer und dem grauköpfigen Cafétier Tamboli, die es mit dem Freisinn hielten und unter dem Widerspruch des übrigen Publikums wütend applaudierten.

Die Rollen sind verteilt ? die Geschichte hat ihr Satyrspiel klug eingefädelt. Sie ist ein trefflicher Regisseur.

An dem zweiten und dritten Abend, da Lola Montez wieder tanzt, herrscht bedenkliche Unruhe. Ein offener Theaterskandal will sich vorbereiten. Nur die Anwesenheit des Herrschers beugt dem Ausbruch vor.

Doch der König merkt es kaum. Wie an den vorhergehenden Abenden starrt er unverwandt durch die Gläser. Es scheint, als tanze die Montez nur für ihn. Er hat vergessen, daß er im Theater sitzt. In seiner Loge ist er ganz nahe unter den weitfliegenden Röcken der Tänzerin, ist ganz zärtlich hingesunken in diesem Windhauch des Tanzes, der ihn umarmt, liebkost und mit Traumseligkeiten erfüllt, wie der Tropenwind, der aus exotischen Gärten weht.

Den Hunderten aus dem Parkett heraufschielender und scheel blickender Augen wills wieder erscheinen, als ob das Wappen sich zur Riesenwand gegen sie dehnte und die schwarzen Gläser zu ungeheueren Fernrohren wüchsen, die die Blicke des Königs weit wegführten, weit, weit in diese veilchenblaue Nacht dort oben, zu den Ekstasen einer Tänzerin ...

Aber der König sieht noch mehr durch sein Glas, als die braven Untertanen ahnen: unter diesem blaugeöffneten Nachthimmel sieht er als Vision »in einem Milchmeere zwei unberührte Äpfel zitternd schwimmen«, und automatisch murmeln seine Lippen:

»E nel ben sen per entro un mar di latte
Tremolando nutar due poma intatte.«

II.

Die Walhalla unterhalb Regensburg an der Donau. Eine weiße Marmorhand der Kunst, Gruß und Wink: »Tretet ein, auch hier sind Götter!« Ein Tempel des Zeus pangermanikos. Ein nationales Heiligtum mit fünfzig Büsten der größten deutschen Männer. Eine Ruhmeshalle Deutschlands im griechischen Tempelstil! Was konnte deutscher sein? Unter dem grauen nordischen Himmel klassische Marmortempel, die sich nach der schreckhaft tiefen Bläue des Südens sehnen, nach der kristallhaften Klarheit der Luft; sehnen, wie es die deutschen Philhellenen taten, die das Land der Griechen mit der Seele suchten ... Darum dieser pathetische, heroenhafte Zug über der deutschen Landschaft, über Hopfenfeldern und starrem Forst, über der graugrünen Flut des Nibelungenstromes und über nebelfeuchten Niederungen! Faust, der um Helena wirbt ...

Da geht unter den Leuten ein unauffälliger Mensch, einfach angezogen, einen alten Hut auf dem Kopf, in kurzem Röcklein, nicht vom neuesten Schnitt, das Stöcklein in der Hand, bleibt hin und wieder stehen, redet den und den an, ein Bürger unter Bürgern. Die Leute kennen ihn. Es ist derselbe, der die Walhalla baute, München neu schuf, die Residenz mit neuem Prunk bereicherte.

Eben ging er aus der Residenz heraus, ein Regen droht; der neue Schirm in der Hand des Königs ? aber nein! Ein Kammerdiener eilt auf seinen Wink herbei:

»Da nimm den Schirm, hol mir den alten!«

Ludwig der Teutsche, der das Land der Griechen mit der Seele suchte!

Ludwig I., der dieses Denkmal seiner Sehnsucht schuf, die Walhalla. Der Deutschlands Größe träumte und den Plan entwarf, schon 1807 ? in Deutschlands tiefster Schmach. Die Patrioten ahnten in dem jungen Bayernfürsten den kommenden Helden, der das alte heilige Reich zu neuem Glanz aufrichten werde ... Einstweilen gab er ihnen die Ruhmeshalle. Schon anno 1830.

Der Kammerdiener bringt den alten Schirm, der König lächelt:

»Es ist schade um den neuen, er hat sieben Gulden gekostet!«

Er hat sieben Gulden gekostet!

Die Vorstadt Au mit den halb in die Knie gesunkenen Häuschen, wie sie schier nur in den Märchen wachsen. Aber der König kanns wagen, seinen Spaziergang allein in diese Gegend der Verwahrlosung auszudehnen und sich wie ein Patriarch seinem treuen Volk zu zeigen. Kein Zeremoniell, kein Auflauf, wenn er erscheint. Man ist gewöhnt, ihn als einfachen Bürger zu sehen.

Da geschieht das Unvorhergesehene. Drüben geht einer, der sich als Demokrat fühlt und der Freiheit eine Gasse brechen will. Er grüßt also nicht, das ist sein Heldenstück. Es spukte zuweilen ganz merkwürdig in den unklaren Köpfen.

Mit zwei Sätzen ist Ludwig über der Straße, reißt ihm den Hut vom Kopf und schreit ihn an: »Der König, der König!«

Jetzt waren beide quitt. Der Demokrat, der den König verleugnet, und Ludwig, der den Bürger verleugnet, obzwar er gerade als solcher erscheinen wollte.

Der heftige Platzregen zwingt ihn eine der Hütten zu betreten. Mutter Sorge haust darin; das verhärmte Weib kennt den Herrscher nicht.

»Warum wendet Ihr Euch nicht an den König, wenn es Euch schlecht geht?«

»Was,« ruft die Alte, »den König? Von dem Knicker wär was zu holen!«

Knicker! Da hatte ers. Auf der einen Seite murrt das Volk über den Verschwender, auf der anderen über den Knicker. Dem Volk es in allen Stücken recht zu machen, eine schwere Sache! Es liebt aber erst, wenn es räsonnieren kann. Doch vielleicht waren beide Züge in ihm: Verschwender und Knicker. Selbst in seinem Gesicht war keine rechte Harmonie, es verriet eine Mischung widersprechender Elemente. Das Feuer seiner Augen ließ das freilich vergessen, jenes edle Feuer der Seele, das die Schlacken einschmilzt zu einem neuen goldhaltigen Metall, hinreichend für ein erzenes Standbild, oder besser noch für ein Standbild im Herzen des Volkes, das auch die Schwächen liebt, weil sie im Gedächtnis besser haften, und weil man daran erst das Menschliche erkennt.

Der Knicker, der den neuen Schirm schonte und dasselbe dünne Überröcklein Jahre hindurch trug, auch bei großer Kälte, aus Sparsamkeit und Schlichtheit, vielleicht aus Knickerei, vielleicht auch weil es ihm als Größe schien, schuf als Verschwender noch mehr als die Walhalla. Er gab auch die kunstreiche Stadt zu dem noch fehlenden großen Reiche. Am Nordende der Alpen auf rauhem Gletschergrund in öder Moorlandschaft diesen südlichen Traum von offenen Hallen, Triumphpforten, saalartigen Plätzen, Tempelbauten, ein steinernes Gedicht. München.

Die Bürger schütteln freilich die Köpfe. Sie begreifen den König nicht.

»Was will er denn? Was brauchen wir in Bayern ...«

In allen Tonarten raunt es: »Diese Unsummen! Welche Verschwendung!«

Er spart an Kleidern, schont den neuen Schirm, der sieben Gulden gekostet hat: darf er sichs nicht erlauben? Er läßt sich nicht irre machen.

Alle Staatserübrigungen werden der Kunst zugewendet. Seine Minister schaffens schon, zuerst der Wallerstein, dann der Abel. Und wenn die Staatsgelder nicht reichen, muß die Privatkasse dran.

Nun will er auch den Bierkreuzer erhöhen, der Kunst zuliebe, aber da gibts Aufruhr, Revolution, Bierkrawalle.

Peinliche Erinnerung! Zuweilen fährts ihm durch den Kopf,

Ach! Ja damals!

In der Residenz ist hohe Gesellschaft: die Hochzeit des österreichischen Erzherzogs Albrecht mit Prinzessin Hildegard wird gefeiert; der Vetter des Bräutigams ist anwesend, Erzherzog Karl, der Sieger von Aspern. Am Morgen hat ihn Ludwig in den Räumen herumgeführt und auf die Bronzelöwen am Eingangsportal hinweisend gesagt:

»Das Symbol der bayrischen Treue!«

Abends beim Bankett wird von der Straße her ein eigentümliches unbekanntes Trommeln hörbar.

Niemand weiß, was es bedeutet, auch die Offiziere haben keine Ahnung. Nur Erzherzog Karl bemerkt trocken:

»Ich kenne dieses Trommeln von anno dazumal: das ist der bayerische Generalmarsch!«

Man eilt an die Fenster, das Volk unten johlt und schreit.

Ludwig ist bestürzt.

»Was ist das?«

Erzherzog Karl lächelt und klopft dem König auf die Schulter:

»Nun, nun, die bayrische Treue brüllt eben!«

Es wird erst Ruhe, als die Bierkreuzer herabgesetzt sind. Wenn er nur sein Bier hat, das andere ist dem Spießer wurscht. Wenn nur nicht an dieses heilige Volksgut gerührt wird, dann meinetwegen soll halt der König auch seine Narretei haben. Schließlich wird mans gewöhnt, obwohl man den Sinn noch lange nicht erkannt hat. Freilich siehts noch wüst aus, ohne Zusammenhang und Ordnung, durch Jahrzehnte. Auf wüstem Feld erheben sich da und dort Kunsttempel, den Abglanz fremder Schönheit auf der Stirne. Die Ludwigstraße ist noch nicht ausgebaut, räumlich die heiterste und schönste Straße der Welt ? eine Via triumphalis von der Feldherrnhalle bis zum Siegestor.

Einstweilen ist dieser Traum von der Kunststadt freilich noch nicht zu Ende gedichtet.

»Mein lieber Klenze!« Mit dem Spaziergang verbunden noch ein Besuch auf den Bauten und in den Ateliers. Seine liebsten Regierungsgeschäfte.

»Mein lieber Klenze!« Der königliche Baumeister kommt ihm wie gewünscht in den Wurf.

Arm in Arm mit dem Baukünstler gehts hinaus, wo die Gebäudegerüste stehen.

»Was war denn München früher?« ruft der König entzückt über sein und seiner Künstler Werk. Er sieht die geistige Form, die sich erst verwirklichen soll.

»Ein armseliges Nest! Berlin konnte nicht schlechter sein, bevor es seinen Schinkel hatte ...«

Das durfte Klenze sagen, der für München dasselbe war, wie Schinkel für Berlin.

»Man wird einmal sagen müssen, daß keiner Deutschland gesehen hat, der nicht in München war.« So wollte es Ludwig.

Und der königliche Baumeister darauf:

»München muß so schön werden wie Athen!«

Punktum!

Aber soviel war schon zu sehen, daß die Stadt Ludwigs Gesicht bekam, deutsches Gemüt, romantisch, aber den Blick auf Rom und Hellas gewandt.

Unterwegs noch einen Blick ins Atelier des Malers Catel.

Dort steht ein Bild auf der Staffelei, »Ludwig I., Kronprinz von Bayern im Künstlerkreise zu Rom«.

Rom! War das eine herrliche Zeit bei Don Raffaelle dAnglada auf Ripa grande! Nun werden im Anblick des Gemäldes Erinnerungen ausgetauscht, Erinnerungen an die sorglosen Tage auf der Künstlerkneipe, da man angesichts der ewigen Stadt im Februar im Freien saß ? der Flieder duftete, die Rosen blühten und die Amseln schmetterten; man hatte die schönsten Rosinen im Kopfe, den Mund voller Ideale, ein Glas Römerwein in der Hand, feurige Reden um die Ohren und das Auge trunken von der Schönheit unsterblicher Werke.

Wie auf dem Bild, so sitzt der König jetzt mehr als zwanzig Jahre später wieder unter den Freunden, der Fürst unter den Künstlern, auf gleich und gleich.

Eifrig werden die Figuren des Gemäldes diskutiert. Da ist Klenze, der Griechengeist unter den Architekten zur Linken, Thorwaldsen, der deutsche Phidias zur Rechten, weiter oben am rohen Tisch Gumppenberg, der nachmalige Kriegsminister, eine Menge Maler, Cornelius, in dem Deutschland einen neuen Dürer sehen wollte, Schnorr von Karolsfeld, Ringseis, der sein Glas erhebt und eine Rede hält auf die Einheit Deutschlands und auf den scheidenden Kronprinzen, den Künstlerfürsten, der schon ein Jahr darauf den bayerischen Thron bestieg. Auf dem Boden der Osteria liegt Ludwigs Zylinder neben den Weingebinden, er winkt dem Don Raffaelle dAnglada, mehr Flaschen herzuschleppen, alles ist in ungebundener, gehobener, schwärmerisch bewegter Stimmung. Und dann im Café Greco, dem Sammelpunkt der Deutschen, wo er den anderen genialen Vollender seiner Baupläne findet, den Architekten Friedrich Gärtner, und sich zu dem Distichon versteigt:

»Café Tedesco solltest du heißen, du Stätte der Teutschen, Kunstverwandtschaft vereint Griechen und Teutsche jedoch!«

Damals war man freilich ein Beträchtliches jünger.

Ach ja!

Dafür aber hat man erreicht, was man damals nur träumen durfte.

Deutscher Fürst und Bayernkönig, vor allem aber König der Künstler! Er hat sein Wort gehalten, als er damals bei seinem Scheiden von Rom den Künstlern zurief: »Auf Wiedersehen in München!«

»München, die einzige deutsche Kunststadt von da ab, wird Künstlerstadt. Er hat alle geholt. Was wäre ohne ihn aus der deutschen Malerei geworden? Er hat ihr ein Obdach gegeben, vor allem aber Aufträge. Der Herr Kunstmaler ist eine Standesperson geworden. Er ist jetzt wer.

Kaulbach, der eben bei Catel ist, erzählt, wie alle Maler nach München drängen und der Zuzug von außen immer größer werde; der König freut sich kindlich darüber:

»Schön, daß sie alle zu mir kommen, wir wollen ein rechtes Kunstleben führen!«

Der König springt auf und langt nach seinem Hut. Man hat genug in Vergangenheit geschwelgt, die Zukunft lockt verheißend als holde Fee.

Sonst verbringt er die Abende in den Zirkeln der Künstler und in Gesellschaft schöner Frauen, diesmal winkt er ab. Hat was Wichtigeres zu tun und ist gar sehr in Eile.

Regierungsgeschäfte?

Freilich; Besuch bei Lola am Tage nach ihrem dritten Auftreten.

Unterwegs fällt ihm ein, daß er Blumen bringen müsse; das ist eine neue Verlegenheit für ihn. Zum Glück kommt ihm Hans Rothärmel entgegen, der Farbenreiber des Malers Rottmann, desselben Künstlers, durch den der König die Hofarkaden mit italienischen Landschaften schmücken ließ, um etwas südlichen Himmel und blaue Luft in das Nebelgrau des Nordens zu bringen. Ach, dieses blauflatternde Band der Sehnsucht! Der König selbst ist der Bandträger, und so sind es seine Künstler. Sie alle kennen Mignons Heimweh nach dem Lande, wo »die Myrte still und hoch der Lorbeer steht«.

Und nun der Farbenreiber Rothärmel.

»Ah, Johann, es ist gut, daß ich dich sehe,« rief der König schon von weitem, »du mußt mir drüben im Laden ein Blumenbukett kaufen; mir verlangt man zuviel ab.«

Der Blumenladen macht glänzende Geschäfte seit dem Auftreten Lolas. Täglich gingen Blumenlasten in das Hotel der Tänzerin. Eben erst hatte ein Herr Lorbeerbäume und kostbare Sträuße an die Künstlerin schicken lassen. Der Schokoladefabrikant Meyerhofer. Er tats fürs Herz und für die Reklame. Industrieller.

Der Farbenreiber brachte die Blumen. Sie haben vierundzwanzig Kreuzer gekostet.

»Holst dirs morgen in der Kabinettskanzlei, gel?«

»Knicker!« »Verschwender!«

Es war Volkesstimme.

*

Ein Tuch von schwerer Seide, kostbar bestickt, lange geknüpfte Fransen; Wundergebilde von Spitzen, zarter als die erlesenste Goldschmiedearbeit, luftiger als die filigranartig durchbrochene Silhouette gotischer Türme in der Abenddämmerung, kunstvoller als die mysteriöse Kunst der Kreuzspinne, gebrechlich und schwach wie das verlöschende Augenlicht und die blutleeren geisterhaften Finger armer Spitzenmacherinnen in der Winternacht einsamer Hochländer, und über diese Spitzen in verschwenderischer Fülle wieder Stoffe von schwerem seidenen Fall und reichem Wurf, alte, gebrochene Farben von tiefer Kraft, übersät mit feurigen Blumen, blühend wie ein Gartenbild von Feuerlilien oder schweratmenden Rosen in einer Vollmondnacht, dazu ein katzenartig geschmeidiges Schreiten, Wandeln und Schleichen, eine Wollust der Bewegung, samtweich, sprungsicher, muskelhaft ? spanische Tracht.

So empfing die Sennora den König.

Das Kostüm war schon einer näheren Prüfung wert; es geschah nicht schüchtern.

»So tragen sich die Leute in Andalusien,« erklärte sie auf die Frage des Königs, »im Lande der Serenaden und der Balkons, der Troubadours und der Romanzen; im Vaterlande des Michaele Cervantes und des Lascases, der römischen Kaiser Trajan und Theodosius ? und der Tänzerin Lola Montez!«

»Ich beklage Ihre Landsleute,« erwiderte der König, »sie können aus der Revolution gar nicht herauskommen. Was soll bei diesen Zuständen aus dem armen Lande werden?«

Seit der Julirevolution von 1830 ging der Geisterspuk des Umsturzes in Europa umher und verursachte auch den deutschen Fürsten Angstzustände und böse Träume. Anscheinend wollte sich die Welt verjüngen, aber das ging nicht ohne schwere Wehen vor sich. Wo waren die Menschheitsideen aus der Zeit der großen französischen Revolutionen geblieben? Wofür hatte man in dem Befreiungskampf von 1813 geblutet? Was war aus den großen Versprechungen und schönen Hoffnungen geworden? Die Bürger wurden unmutig, als sich nachher die Welt wieder in ein Polizeihaus und in ein Bethaus verwandelte.

Ludwig war nicht frei von Gespensterfurcht. Dieser Kammerlärm der süddeutschen Volksvertretungen, mit denen er im ewigen Streit lebte, dazu die Aufstände in Portugal, Spanien und Neapel, und als deutsche Nachwirkung der französischen Julirevolution das Hambacher Fest 1830, wo auf den Ruinen des Hambacher Schlosses vom Völkerfrühling und deutschen Mai vor 30 000 Menschen geredet und der Würzburger Bürgermeister Dr. Behr, des Königs persönlicher Freund, zum Frankenkönig ausgerufen ward, freilich halb im scherzhaften Überschwang ... Bedenklicher stimmten Behrs und des anderen Demokratenführers Dr. Eisenmann heftiges Begehren nach Revision der Verfassung, Einsetzung von Geschworenengerichten und anderen Reformen ? nun haben beide in nahezu schon dreizehnjähriger Kerkerhaft auf der Festung Passau Zeit über die verlangten Reformen nachzudenken, nachdem Behr obendrein vor seines Freundes und Königs Bild hatte schimpfliche Abbitte leisten müssen, vor Ludwigs Bild, der den Beinamen der Gerechte, der Gütige, der Beharrliche liebt.

Darauf die Wiedererweckung des katholischen Bewußtseins im deutschen Süden, von den Jesuiten betrieben, im Norden der unerträgliche protestantische Pietismus mit seiner schwunglosen und kahlen Predigerlogik, im Verein damit Polizeiknüttel und ähnliche Narkosen ? ? ?

So ward Bayern seit den dreißiger Jahren leidlich »beruhigt«, und doch immer dieses leise Beben ...

Aber die schöne Spanierin warf sich sofort zur Verteidigung ihrer Heimat auf.

»Sire,« versetzte sie, »meine Landsleute sind brav und loyal, und mein Vaterland würde glücklicher sein, wenn es Kraft und Energie besäße, sich von zwei Übeln zu befreien.«

»Und die wären?«

»Nach meiner Ansicht, Sire, müßte Spanien weniger bigott und mehr wahrhaftig, weniger phantastisch und mehr verständig sein.«

Der König horchte auf. Ja, ja, Bigotterie, man brauchte sie nicht erst in Spanien zu suchen. Man brauchte gar nicht so weit zu gehen. Aber deshalb hatte man ja die Jesuiten gerufen, damit sie das Heilmittel gegen die weltlichen Gefahren brächten. Doch das war auch nicht das rechte. Eigentlich mochte sie der König selbst nicht, diese Jünger Jesu. Sie waren ihm zu fanatisch und hatten es obendrein mit ihm verscherzt, damals in Rom, da er noch Kronprinz war und sich selbst mit revolutionären Freiheitsideen trug. Da hatten sie ihm einmal im Beichtstuhl die Absolution verweigert. Das hat er ihnen nicht vergessen, und er grollte, daß sie sich nun auch in Bayern eingenistet hatten. Lag es nicht mehr ganz in seiner Macht, es zu verhindern?

»Die möchten ja ganz Bayern in ein Kloster verwandeln,« eiferte er jetzt. »Neulich haben sie sogar das Tanzen verbieten wollen. Was sagen Sie jetzt dazu, liebe Donna: das Tanzen! Können wir uns das gefallen lassen?«

Darüber gerieten beide in die unbändigste Heiterkeit. Das politische Gebiet ward nur leicht gestreift, aber das war schier unvermeidlich in einer Zeit innerer Gärung. War es nicht wirklich eine Torheit, das Tanzen verbieten zu wollen? Es war genau so töricht, als wollte man den Mädchen verbieten, schöne Knöchel zu haben, leichtbeschwingte Füße und holde Gebärden. Aber der König fühlte, daß er kein Mädchenfeind war, kein Spielverderber, so wenig wie es der schützende Wald ist mit seiner verschwiegenen Lust und seinen Blumenhängen um die verborgene Quelle.

Und er selbst war königlich wie ein solcher Wald im grünen Mantel der Bäume und dem purpurnen Saum des Abends und wußte wie jener um die Schönheit dieses Leibes, die der alte, knorrige, wetterharte Wald mit tausend Augen befühlt und sein liebstes Geheimnis nennt. Sie aber stand da mitten in feurigen Blumen wie eine Statue, schöner als die Venus von Knidos und war nicht Stein, sondern atmendes, sinnliches, glühendes Leben. Feine Spitzen hingen wie Spinnweben, die feurigen Blumen glichen einem Beet in Vollmondnacht, einem Beet mit der lebendigen Statue inmitten dieser feurigen Blumen, und es war Tanz, war katzenhafte Geschmeidigkeit, war die Wollust der Bewegung und ein heißes Flüstern:

»Vor allem bin ich ein Weib und bin wild und begehrlich ? ? ?«

*

» Mein der König, mein

Die Stunden waren dahin. Sie glichen einem üppigen Traum in einer italienischen Nacht mit farbigen Lampions, geschlechtlicher Musik von kichernden Geigen, erregendem Tanz, schwellenden Gliedern, blühendem Fleisch, leuchtenden Tropfen von Edelsteinen, seidenen Schillerfarben ? verflogen und vorbei, leider allzu kurz und schön wie der phantastische Rausch eines Poeten.

»Bin ich es, oder bin ich es nicht?« es war dem König, als lebte er plötzlich im Märchen, und er konnte dabei nicht an der Wirklichkeit zweifeln. Auch nicht an der märchenhaften Großmut, die rege wurde, um die Geliebte mit einem Goldregen zu belohnen.

Der Knicker! Der Verschwender! So sagten die einen und so die anderen, obgleich sie ihn auf ihre scheltende Weise liebten. Aber für die Huldin war er weder ein Knicker noch ein Verschwender, sondern, was sie listig schmeichelnd und aufrichtig dankbar, ebenso heuchlerisch als ehrlich bewunderte:

»Ein ganzer König!«

Die vielen zudringlichen, neugierigen, spöttischen, gehässigen Blicke, die auf sie einhackten wie stumme, böse Vögel ? Respekt! ? jetzt war sie unverwundbar.

»Respekt ihr Neugierigen, ihr Zudringlichen, ihr Gehässigen! ? was wollt ihr noch? Euer König ist mein! Mein, mein, mein!«

*

Noch zur späten Nacht war Licht in des Königs Privatzimmern. Alles was der Künstlertraum seiner Tage faßte, das schöne Sagen von Rittern, Helden, Königen und schönen Frauen, von kühnen Taten und großen Siegen, aber auch von den Dämonen, die zuweilen Herr über das Menschenherz werden ? diese romantische Welt von überlieferten Vorstellungen und Empfindungen ward verwirklicht in seiner Residenz, die er zu einem wahren Königsbau umschuf, jeder Saal über ein Märchen oder über den Ruhm der Vergangenheit sinnend. Aber in diesem Märchenschloß wohnte der König in einfachen Zimmern; das war die bürgerliche Note neben dem großen Pathos, das Biedermeiertum neben dem historischen Faschingszug des freskengeschmückten Baues. »Bürgerlich und romantisch«, das war die Zeit.

Der Hatschier konnte das Licht in den Zimmern und den wandelnden Schatten beobachten. Ließen die Regierungssorgen den König nicht schlafen, das Dröhnen fremder Revolutionen? Wacht sein Auge so treu über die schlummernden Untertanen? Dieses Auge blitzt, die Lippe bebt ? aber es ist nicht gerade das, wovon eben die Rede war. ? Der König ? dichtet. Warum auch nicht? Die Muse zwar führt sich auf wie eine widerspenstige Magd ? aber es geht auch ohne Muse. Ein Wunder ist doch geschehen! Der Teutsche mit der Griechenseele ? seine Pygmalionsehnsucht nach dem Süden hat Erhörung gefunden! Der Süden ist in menschlicher Gestalt zu ihm gekommen. Das Meisterwerk des Praxiteles, die Venus von Knidos, an deren Schönheit sich in der 104. Olympiade ganz Griechenland berauschte, schien Fleisch und Blut geworden, um den nordischen Pygmalion zu beglücken. »Kunstverwandtschaft vereint Griechen und Teutsche jedoch!« Wie einst als Jüngling in Venedig, da er fassungslos vor Bewunderung war angesichts der Statue der Hebe von Canova, so war er es jetzt vor dem berückenden Gebein der Lola. Die Jugend kehrte wieder, neue Spannkräfte regten sich, die Last der Alltäglichkeit fiel ab, die Einbildungskraft, flügellahm zwar, hob die Schwingen, neu begrünt war das Herz ? grün über grün von Johannistrieben.

»Leuchtend himmlischblaue Augen,
Gleich des Südens Äther klar,
Die in Seligkeiten tauchen,
Weiches, glänzendschwarzes Haar.

Heitern Sinnes, froh und helle,
Lebend in der Anmut hin,
Schlank und zart, wie die Gazelle,
Bist du, Andalusierin!

Edelstolz, doch treu hingebend
Ohne Falsch das Herz dem Herzen,
Gibst du in der Liebe Gluten
Höchste Wonne sonder Schmerzen.

Voll von Feuer, voll von Leben,
Fremd der Leidenschaftlichkeit
Ist dein Wesen, ist dein Streben
Vom Alltäglichen befreit.

In dem Süden ist die Liebe,
Da ist Licht und da ist Glut,
Da im stürmischen Getriebe
Strömet der Gefühle Flut.«

So der König und Sänger.

III.

Glocken über der Stadt. Sie nisten in den hohen Türmen wie lärmende Vögel in den Bäumen und erheben nun ihre schwingenden Stimmen. Die Steine singen, die Luft singt und die Menschenherzen singen, von zitternden Wellenkreisen umringt, als schlügen die Glocken jedem in der eigenen Brust. Sie hatten Macht über die Seele. Bald dröhnten sie dumpf und schwerflüssig wie die Stimme des Herrn, die im Wogenrauschen und Gewittersturm spricht, bald erhoben sie sich hell und scharf wie Litaneigesang von Nonnen in schwärzlichen, bronzenen Gewändern hoch im Gewahrsam der Türme, die nun plötzlich eine Stimme hatten und redeten, riefen, drohten, befahlen. Wen riefen sie? Sie riefen den König, seine Würdenträger, die Stände, Gläubige und Ungläubige, Konservative und Liberale, Fürsten und Demokraten, kurz alle, die zum Landtag gehörten. Durch des Königs Gnade wieder einberufen, wurde die Ständeversammlung durch ein Hochamt eingeleitet und durch Gottes Wort gespeist, damit es bei der schweren Regierungsarbeit nicht an Erleuchtung fehle. Man war ja im Vormärz. Was die Glocken auf den kupfergrünen Türmen so machtvoll begonnen hatten, setzte die Orgel im Innern der Theatinerkirche mit noch größerer Seelengewalt fort. Kerzen brannten an allen Altären und badeten ihr Licht in Behältern von Gold und Silber und in dem tiefen warmen Glanz der Gemälde; Weihrauch stieg in blauen Wölkchen empor zu den Decken und Wölbungen, die ihr Reliefgespinst als ungeheueren, bestickten Baldachin über den Raum spannten und die Blicke aufwärts leiteten zu dem Himmelstraum der großen Kuppel, die mit ihren Engeln und Seligen auf blauem Grund die ganze Unendlichkeit ahnen ließ. Ein Gleichnis der überirdischen Herrlichkeit war das Gotteshaus, und was etwa noch an weltlicher Begehrlichkeit bei den frommen Landtagsmitgliedern vor dieser überwältigenden Größe der Erbauung standhielt, schwemmte der hochgelinde Strom von Orgelton und Chorgesang sanft hinweg.

Draußen an den weitgeöffneten Toren staute sich das Volk, von den Wachen zurückgedrängt, den Aufzug zu begaffen.

Diese lebendig gewordene Maskenanstalt, den Mummenschanz der vierziger Jahre: Goldbestickte Fräcke mit Staatsdegen und Dreimastern, ein maulwurfschwarzes Gewimmel von Jesuitenhüten und -Kutten, die pedantische Feierlichkeit von Professorenröcken mit sonntäglich weißen Halsbinden und Handschuhen und glatt gestrichenen Zylindern, die farbigen Burschenschaftermützen als lustige Klexe über Kanonenstiefeln, Samtjacketts und gestickten Tabaksbeuteln, ein bunter Wald von Fahnen und Standarten aller Kongregationen und Zünfte, die Innungszeichen der in Gott ruhenden, ehrsamen Handwerksverbände, Landestrachten der Leute aus Schwaben, Franken, der Pfalz, Nieder- und Oberbayern: kurz, die Stände. Unter den Neugierigen vor den Kirchentüren ein Stoßen und Drängen, ein Schimpfen und Wehklagen hinter den zurückdrängenden Wachen.

»Hier kannst du besser sehen, Vetter,« sagte der Kaufmann Weinschöppel zu seinem Besuch aus der Pfalz, dem Hofbesitzer Stindt, der einen abgerissenen bleichen Menschen mit verwildertem Haar und Bart am Ärmel nach sich zog; »hier kannst du bis in das Herz der Kirche sehen, wo gleich die große Faust des Diepenbrock mit dem Weihrauchfaß auffahren wird, der zum letztenmal hier zelebriert; Freund der königlichen Familie, seit einigen Tagen Erzbischof von Breslau, gewaltig mit dem Maul, aber ehrliche Haut!«

Der Vetter aus der Pfalz hatte nicht genug Augen und Ohren, um alles zu sehen und zu hören in diesen wenigen Tagen, da ihn sein Münchener Verwandter, der Kaufmann Weinschöppel, als freiwilliger Fremdenführer am Nasenring herumzog.

»Hast du den gesehen,« stieß er den Hofbesitzer wieder an, »den mit den vielen Orden und mit dem goldgestickten Frack?«

»Der Kleine, Schmächtige da mit dem großen Löschhut auf dem Kopfe?« fragte der naive Landbürger.

»Pst, pst!« gab ihm Weinschöppel listig zu verstehen; »der allmächtige Minister von Abel, der größte Pfaffenknecht des Jahrhunderts! Und der andere dort, der Große, das ist der frühere liberale Minister Fürst Wallerstein, der geflogen ist wegen dieses Kleinen. Seither ziehen die Rosenkranzverkäuferinnen als Aposteldamen herum, man rennt den Bettelmönchen nach, um ihre Säcke und Wägen mit Kälbern, Geflügel und Schmalz zu füllen, viele Klosterbrüder sieht man mit Testamenten in ihren Krallen, und die Schar Loyolas treibt eifrig die Knaben ins Kollegium, große schwarze Hirten hinter der Lämmerherde. Aber der König hats so gewollt.«

»Warum? Habs nie begriffen,« versicherte der Hofbesitzer.

» Aus Furcht!« flüsterte der Kaufmann, doch laut genug für die Umstehenden, die beifällig grinsten; »aus Furcht ist der König von ultraliberalen zu ultramontanen Grundsätzen übergegangen. Das hat die Julirevolution von 1830 in Paris verursacht. Da war es aus mit der Menschheitsbeglückung, aus mit Preßfreiheit, Denkfreiheit, Redefreiheit, Gewerbefreiheit. Dafür regieren die Verordnungen und die Zensur, die fürsorglich darauf sieht, daß der geistige Magen des Volkes beileibe nicht überladen wird!«

»Aus Furcht? Er geht unter den Leuten wie unsereiner und weiß: man liebt ihn. Heißt das fürchten?«

»Nun, was glaubt Ihr, warum er seinen Freund, den Bürgermeister Behr, in die Festung geschickt hat?«

Der Bauer machte ein erwartungsvolles Gesicht.

»Aus demselben Grund: aus Furcht!«

»Furcht sagt Ihr? Ich kanns nicht einsehen. Dagegen würde der ultramontane Minister auch nicht helfen können,« meinte der Pfälzer.

Der Zerlumpte hatte schweigend zugehört, gelegentlich lebhaft Beifall genickt und jetzt mit einem bedauernden Achselzucken sein Mißfallen ausgedrückt.

»Oh, Einfalt vom Lande!« begann wieder Weinschöppel, »seht Ihr denn nicht, was sonnenklar ist? ?Dem Volke muß die Religion erhalten werden!? Ein gläubiges Volk ist eben leichter zu regieren, ein Volk, das in die Kirchen rennt und dem Herrgott die Zehen abbeißt, gelt Schulmeister?« Dabei gab er dem Zerlumpten, der mit erregter Miene zustimmte, einen Klaps auf die Schulter und fuhr dann fort: »Ein Volk, das stumm gehorcht und sich mit Wechseln bezahlen läßt, deren Einlösung erst im Jenseits erfolgen soll, von wo aber bekanntlich noch keiner zurückgekehrt ist!«

Der Sprecher wurde durch Lärm und Unruhe unterbrochen. Die Augen aller wandten sich von dem Schauspiel, das die offene Kirche und die Aufzüge boten, ab, und die Finger zeigten aufgeregt nach der Straße hin:

»Da, da, da!«

»Ihr habt Glück, mein Herr Vetter aus der Pfalz,« fing Weinschöppel wieder an. »Da seht links rum die interessanteste Person im ganzen Königreich Bayern,« und nun senkte er die Stimme zu einem lauten Flüstern: »? die Geliebte unseres allergnädigsten Herrn und Königs ...«

»Wo, wo, wo?«

»Mensch, wozu habt Ihr Euere Augen! Seht Ihr denn nicht, die schöne spanische Fliege dort? Nun, muß sagen, kein übler Geschmack ? verdammt schönes Weib! Ist doch vollständig angezogen? Sieht aber aus, als ob sie splitternackt wäre. Das Frauenzimmer verstehts! Immer als Amazone, immer im Reitkleid, immer in Samt gehüllt, der sich anschmiegt, daß man die Form besser sehen kann. Herrgott, s Maul wässert einem ? dieser Busen, diese Lenden, diese Beine! Gott sei Dank, daß man seine Grundsätze hat, gelt, alter Kerl?« und dabei stießen sich die Männer mit zynischem Gelächter an.

Wie die Göttin der Wollust schritt Lola Montez, das geraffte Reitkleid ein wenig hochgezogen, über die Straße, den Pfützen ausweichend, geradeswegs zum Kirchenportal. Die Menge war erstarrt im Anblick dieser fremdartigen Schönheit. Augen und Mund aufgerissen ? im Halbkreis um die Kirche ein einziges, ungeheueres, glotzendes Kollektivauge und ein einziger, in die ganze Breite gezogener, vor Staunen aufgerissener Kollektivmund.

Zwei Studentlein standen am Weg, Elias Peißner, der Türmerssohn aus Vilseck in der Pfalz und Wolfram Horner, ein Küsterssohn aus Dinkelsbühl, zwei Schüler mit hellen, verzückten Augen und keusch zurückgestrichenem Blondhaar. Jedem hatte die Mutter einen Beutel Geld gegeben, die Ersparnisse langer, entbehrungsreicher Jahre, und dazu den Segen mit den Worten: »Werde was Rechtes!« Mit guten Vorsätzen war jeder von den Jünglingen nach der unbekannten Stadt München gezogen, um dort an der Hohen Schule die großen Wissenschaften und das große Leben zu erlernen.

Die standen nun da und waren verdonnert. Das Leben trat ihnen plötzlich in der gefährlichsten und verführerischesten Verkörperung entgegen, wie sie es nie in der Hohen Schule durch die Kraft der heiligen Wissenschaft erträumen konnten.

Was wußten die Bürschlein von dem Leben, was wußten sie von der Liebe?

Jetzt durchzuckte sie eine Ahnung, ein plötzliches Erwachen, ein jäher Erkenntnisblitz, der ein Geheimnis auf einen Augenblick erhellt ? aber schon ist es vorüber. Haß und Empörung gegen das Weib, das zum erstenmal seine Sinne reizt, ist das vorherrschende Gefühl des keuschen Jünglings; Haß und Empörung und eine unbestimmte Bangigkeit, die ihn in die Flucht peitscht, zugleich aber auch eine süße Erstarrung, die ihn willenlos macht.

Wolfram von Dinkelsbühl zog den Elias von Vilseck schon am Ärmel und rief angstvoll:

»Fort, komm fort!«

War es die Furcht um sich selbst oder um den anderen? Trotzdem standen sie wie angewurzelt.

»Was gibts?« fragte Lola verwundert über die beiden Studenten, die ihr den Weg verstellt hatten. Ihre blauen Augen hoben die leuchtenden Schwingen, sie sah die hübschen, schön gewachsenen Jünglinge, sie sah die Bestürzung, den Schrecken und zugleich die Schamröte in ihren Gesichtern und lächelte, als ob ihr der erfahrene Instinkt ihrer Natur den Zusammenhang eröffnet hätte.

»Ihr scheint Angst zu haben?« fragte die Raffinierte, die von der Blödigkeit der Jungen belustigt schien.

»Ja!« stieß Wolfram hervor und riß sich los, als wäre er einem Dämon entsprungen. Riß sich los aus den Schlingen und Fallen dieser Augen und dieses Lächelns und ließ den Freund allein zurück ? das Bündnis der Jünglinge hatte von dieser Stunde an einen Bruch. Elias, der Türmerssohn aus Vilseck, blieb mit hellen, verzückten Augen stehen, obschon auch in ihm Haß, Empörung und Furcht gegen erwachende, dunklere Leidenschaften kämpften.

Hämische Worte wurden in dem Haufen laut, der sich von seinem Staunen und Gaffen erholt hatte. Ehe Montez den Fuß über die Kirchenschwelle setzen konnte, hatten die Leute die Kette der Wache durchbrochen und drängten hinter den letzten Festgästen in die Kirche nach, so daß ihr der Eintritt in das Gotteshaus, wo sich der König mit seinen Staatsmächten befand, durch dieses Volk, das sich dazwischen warf, verwehrt war.

»Der Lehrer Thom soll da unter dem Pfeiler stehen bleiben,« drängte Weinschöppel den armseligen Begleiter des Hofbesitzers in die Pforte hinein; »hier bleibe er stehen und halte sein Gesuch dem König entgegen, der hier herauskommt!«

Aber die Wache stieß die Leute wieder zurück.

»Halt da! Zurück!« Der kommandierende Leutnant packte den Zerlumpten, riß ihn zurück: »Was will der Kerl von Seiner Majestät? Wache!«

Der Kaufmann und der Hofbesitzer mengten sich ein.

»Tut nicht so, als ob Ihr mich nicht kennet, Herr Leutnant Nußbaum!« begann Weinschöppel in seiner scharfen, hämischen Art. »Sollten Sie etwa nicht wissen, Herr Leutnant, daß Ihr Herr Vater und ich alte Freunde sind, und daß mein Weib die Patin Ihrer hübschen Jungfer Braut Marianne ist? Wir sind anständige Leute hier: das hier ist der Hofbesitzer Stindl aus der Pfalz, und dieser Mann da ist der Schulmeister Thomas Dieter, genannt der Lehrer Thom, den die Bauern, diese filzigen Dummköpfe, verhungern lassen wollten mit Weib und Kind, um den lumpigen Schulkreuzer zu sparen. Das haben die Pfaffen getan ? er war ihnen zu ?aufgeklärt?. Seht einmal diesen Jammerkerl, den sie um den Balg geschunden! Da spürt man, daß man noch ein Herz im Leib hat. Zu Fuß ist er nach München gewandert und will hier dem König sein Gnadengesuch überreichen ...«

»Tut mir leid, hier ist nicht der Ort dafür; er soll sich ausweisen, also vorwärts auf die Wache!«

Es erhob sich ein Geschrei, das Volk begann sich aufzulehnen und für den Unglücklichen Partei zu ergreifen gegen den Offizier und die Wachsoldaten.

Eine helle, wohlklingende Stimme, die plötzlich wie Gesang über dem Lärm schwebte, rief:

»Herr Leutnant!« Es war die Montez. »Überlassen Sie mir diesen Menschen, ich bitte Sie!«

Es erging dem jungen Krieger nicht anders, wie es den anderen Betörten erging: er war augenblicklich verwandelt. Zwar die Pflicht und Autoritätsgefühl, soldatisches Wesen nötigten ihm einige Haltung auf, doch ehe sich der Verdutzte erholen konnte, hatte sich Lola schon an Thomas Dieter gewendet und ihn ausgefragt.

»Ich hab doch gearbeitet, was und wo ich konnte,« stammelte der vertriebene Schullehrer seine Unglücksgeschichte und hob bebend vor Erregung zwei zerschundene Fäuste empor: »Da! Am Donau-Main-Kanal habe ich gearbeitet als Taglöhner für ein paar Kreuzer täglich, und auch das ist zu Ende. Es wird nicht mehr weitergebaut ... Mein armes Weib, meine Kinder ...«

Er konnte nicht weiter, Tränen liefen aus den aufgerissenen Augen über das Hungergesicht; doch der Mann schien es gar nicht zu wissen, daß er weinte, weinte über Weib und Kind und über sich.

Das Herz der Mondaine war leicht gerührt und neigte zum Wohltun. Rasch gab sie dem hilflos verlegenen Studenten Elias von Vilseck ihre Reitgerte und sonstige Dinge, die sie trug, zum halten, der nun über und über rot wie ein linkischer Diener dastand, und schüttete den ganzen Inhalt ihrer Börse mit Gold- und Silberstücken in die Hand des erbarmungswürdigen Thom.

»Da, für Ihr Weib und Ihre Kinder!«

Der Volkshaufen, anfänglich zu gaffender Bewunderung, dann zur Schmähsucht und Frechheit gegen die Kurtisane gestimmt, war jetzt begeistert.

»Hoch Lola Montez, Vivat!« riefen einige Stimmen.

»Ruhe!« befahlen andere.

»Gib doch der Sennora das Gesuch!« raunte Weinschöppel dem Lehrer Thom zu, der nicht wußte, wie ihm geschah. »Es ist am besten Weg!«

»Das Gesuch an den König,« sagte Thom mechanisch.

»Lassen Sie mich, was soll ich damit?«

Ein Nachzügler der Staatswürdenträger hatte den Vorgang mit angesehen, machte eine tiefe Verbeugung und sagte:

»Nehmen Sie es, Sennora, Sie tun ein gutes Werk damit!«

Rasch nahm Lola Montez das zerknitterte Papier an sich und steckte es in den Busen.

»Staatsrat von Berks« ? stellte sich der Unbekannte vor.

Ein Moment der Spannung, während alle auf die Schöne blickten wie auf einen Genius: die Leute mit stieren Glotzaugen, der hellblickende verzückte Jüngling, der Leutnant als Paris mit Raupenhelm und prallen weißen Lederhosen, der faunsgesichtige alte Staatsrat, der rüpelhafte Weinschöppel als genius loci ? sie alle waren ohne Unterschied des Standes oder des Alters trotz mannigfacher innerer Widerstände augenblicklich bereit, die Schleppträger der gelästerten Hetäre zu sein.

»Patrona Bavariae!« rief begeistert der Staatsrat mit einer tiefen Verneigung.

»Die Vorsehung im Unterrock!« spottete Weinschöppels Frechmaul.

IV.

Bildnisse deutscher Dichter an den Wänden der Privatgemächer der Königin. Griechische Dichter in den Zimmern des Königs. »Und Marmorbilder stehn und sehn dich an ...« Königin Therese, jeder Zoll eine Hausmutter, brav und begrenzt, in eifriger Unterredung mit ihrem Beichtvater P. Hilarius.

Sie ist dem Weinen nahe, zerrt das Taschentuch erregt zwischen den Händen, die sie wiederholt vor die Augen preßt:

»Nein, Pater, das werden sich die Damen nicht gefallen lassen, daß sie in der Hofgesellschaft erscheint. Sie sagen, daß er die Freimaurer-Agentin fast täglich in Privataudienz empfängt, stundenlang. Ist es wahr? Alle Welt weiß, daß der König gut und edel ist. Aber seine Güte wird so leicht mißbraucht. Sie soll sehr schön sein, diese Tänzerin, nicht?«

Der Jesuitenpater stand mit über der Brust verschränkten Händen, die in den beiden Rockärmeln verschwanden, und erwiderte salbungsvoll:

»Das Böse bedient sich gern des Schönen als Maske; die Sünde erscheint in lockender Gestalt. Unseren allergnädigsten Herrn und König hat es befallen wie eine Krankheit, von der wir ihn mit Gottes Hilfe zu befreien hoffen. Der vom heiligen Geist geleitete hochwürdige Herr Professor Görres, der Begründer der modernen katholischen Wissenschaft, hat die Natur dieser Krankheit in seinem Werk über die katholische Mystik beschrieben und erklärt als einen Zustand von dämoniakaler Besessenheit oder Vampyrismus, der in früheren Jahrhunderten unter anderen Namen vorgekommen ist und geheilt wurde durch die in der heiligen Geschichte beglaubigten und bekannten Wunder des Teufelaustreibens. Zu den wichtigsten Mitteln gehört der Glaube, das unerschütterliche Vertrauen zu Gott und seiner Kirche und das häufige Gebet, damit die bedrängte Seele die Kraft finde, dem Bösen zu widerstehen.«

»Beten, beten!« rief die Königin Therese etwas ungeduldig, »ich bete Tag und Nacht, und es hat nichts genützt. Gibt es kein wirksameres Mittel, den Teufel auszutreiben? Wäre es nicht einfacher, die gottlose Abenteuerin über die Grenze zu schieben?«

Der Pater, der in untertäniger Haltung verharrte, erwiderte mit einigem Nachdruck:

»Die Kirche hat ein Interesse daran, alles zu entfernen, was dem katholischen Gewissen feindselig oder schädlich ist und den Staatspflichten widerstreitet, die nach göttlichen Gesetzen und kanonischen Satzungen geregelt sind. Aber die Kirche bedarf der Hilfe des Thrones, wie der Thron der Kirche bedarf, die seine wichtigste Stütze ist. Die mit der Erneuerung des katholischen Bewußtseins in der Weltlage verknüpfte Ordnung ist durch die Umtriebe von Schwarmgeistern, Freimaurern und liberalen Ketzern bedroht; sie haben sogar den Weg zu dem Herzen des Königs gefunden und dessen Sinn verwandelt, wie sich in der Frage nach der Notwendigkeit neuer Klöster gezeigt hat.«

»Werden keine Klöster mehr gebaut?« fragte die Königin ganz verwundert.

»Nicht genug. Es werden mehr gebraucht.« Mit steigender Eindringlichkeit fuhr der Pater fort: »Nur ein gottesfürchtiges Volk ist lenksam! Und das Wichtigste ist dieses: Rette deine Seele! Zur Rettung bedarf es mehr Kirchen und mehr Klöster. Majestät erinnern Sich der sogenannten Bierkrawalle vor nicht langer Zeit, die einen harmlosen Anstrich hatten, während in Wahrheit eine weitverzweigte Verschwörung dahintersteckt. Eine Verschwörung! Damals ist die Gefahr durch die Wachsamkeit der Kirche und den Glaubenseifer unseres allergnädigsten Herrn glücklich überwunden worden: er hatte sich der Erleuchtung noch nicht verschlossen; aber nun ?«

»Um Gottes willen!« rief entsetzt die Königin und packte den Pater am Arm, als suchte sie Schutz bei ihm, »gibts wieder Revolution? Ist denn gar keine Ruh? Ich arme Frau!«

»Nein, daran ist vorläufig nicht zu denken,« beruhigte der Jesuit; »um jedoch den Frieden und die Ordnung im Lande ganz sicher zu stellen, bedarf es der mehreren Klöster, der Ausstrahlung des Lichtes der Wahrheit, der Ausbreitung des Gebets als der sichersten Kraft gegen die Anwandlung des Bösen, der Stärkung des Volkes im rechten Glauben, damit es bereit und willig sei, gegen den Teufel zu streiten, auch wenn er in so holder Gestalt erscheint wie jenes verruchte Weib.«

Die Königin Therese begriff nun endlich, was der Beichtvater wollte, und sagte mit einem Seufzer der Erleichterung:

»Haben Sie tausend Dank, Pater, für den Trost und die Hilfe! Aber der König? Ist er nicht begeistert für die neuen Klöster?«

Der Mann Gottes faltete die Hände und sagte mit einem Augenaufschlag:

»Gott gebe ihm die Erleuchtung! Wir tragen einen ähnlichen Kummer wie Ihre Majestät. Unsere Wünsche liegen in derselben Richtung. Das Böse auszutreiben durch die Kraft des Glaubens und durch die gehobene sittliche Kraft des Volkes, dazu bedarf es der Mittel, die wir fordern. Das Staatsinteresse! Das Glaubensinteresse! Nicht eines ohne das andere zu denken! Die Kirche rechnet auf Ihre Hilfe, Majestät. Wir wollen dann gern helfen!«

Die Königin Therese bedeckte mit beiden Händen das Gesicht. »Was kann ich tun, eine schwache Frau wie ich!« Und dann mit einem neuen Entschluß: »Aber was in meiner Macht steht, wird geschehen. Verlassen Sie sich darauf!«

Der Pakt war geschlossen.

*

Fast unhörbar ging der Pater den Korridor entlang, vorbei an den schwärzlichen Ahnenbildern der alten Gänge, an finsteren steifen Gestalten in spanischer Tracht mit weißen Krausen, vorbei an der schwarzen Frau, der Herzogin Anna, die aus dem Rahmen tritt und im Schlosse ruhelos umgeht, wenn schweres Geschick dem Hause droht. In der Nähe der Audienzsäle rauschte es über den Gang in Seide und wallenden Federn, leichtfüßig wie ein großer, schwarzer, glänzender Vogel, an den salutierenden Wachen vorbei. Verschwunden war es. Ein Phantom? Nur im Aufblicken hatte es der Pater erhascht, nicht mehr als einen fliehenden Schatten.

Diese Judith! blitzte es ihm durchs Hirn.

Er verfolgte die Spur bis in die Gemächer.

»Verzeihung, Pater, Privataudienz!« trat ihm der Adjutant entgegen.

»Was gibts?« forschte leise der Kuttenmann.

Mit gespreizten Beinen den Weg versperrend, rief der Adjutant so laut, als es anging:

» Staatsgeschäfte

*

Staatsgeschäfte!

Was alles zu den Staatsgeschäften gehörte! Die Pflege des Schönen nicht zuletzt. Kunst und schöne Frauen. Glückliche Regentschaft! Der König opfert den Musen, und Aphrodite lächelt. Sie lächelt, als der König sie in das Heiligtum führt, wo die schönsten Frauen der Welt versammelt sind und einen Minnehof um den schöngeistigen König bilden. Die schönsten Frauen, die der König gekannt hat und von seinem Hofmaler Stieler malen ließ, um die blumenhafte Vergänglichkeit dieser Frauenreize dauernd zu genießen. Nun mag der König als Hüter dieses Liebesgärtleins Auge und Herz täglich erlaben. In jedem Bild dieses Minnehofes oder dieser Schönheitsgalerie ist eine geheimnisvolle Kraft aufgespeichert, wie an allen Orten oder Gegenständen des Kults und der innigen Verehrung, die Seelenkräfte akkumulieren und Schicksale zeitigen. Das Volk sagt: »Man soll den Teufel nicht an die Wand malen«; es ist ein hartes Wort, hat aber einen tiefen Grund. Der König hatte sein Schicksal an die Wand gemalt, zwar nicht als Teufel, jedoch als holde Verführung. Diese sechsunddreißig schönen Frauen der Bildnisse hatten sich verdichtet und wiederverkörpert in jener Einen, die der Schaumgeborenen glich und das Schicksal erfüllen sollte. Die Eine war in allen sechsunddreißig und alle sechsunddreißig waren in der Einen.

Und immer dieses Lächeln Aphroditens, als der König sagte:

»Hier, meine liebe Donna, finden Sie den höchsten Adel beisammen, den kein König geben kann, sondern den Gott allein gibt, den Adel der Schönheit! Hier werden Sie thronen, Lola. Stieler wird Ihr Porträt machen, das schönste und größte unter allen für diesen leeren Platz, den die Vorsehung bestimmt hat. Die anderen hier sind nur Ihre Vasallinnen und müssen sich verneigen; sie müssen zurückstehen, wie jene Himmlischen zurückstehen mußten vor jener, die den Apfel des Paris erhielt.«

Sie lächelte immer seltsamer, schier mit einem doppelten Gesicht, was wohl wegen des Paris gemeint war. Aber er zählte sie schon auf, der Bilderreihe nach, wie sie da prangten, die frommblickende, gretchenhafte Sedlmayer, die schwanenhalsige Lady Spence mit der Lyra, die Amalie von Schindling mit dem Boticelli-Gesicht, die liebfrauenhafte Anna Hillmayer, die dämonische Lady Jane Ellenborough, und all die Anbetungswürdigen mit der Engelhaftigkeit im Porzellangesichtchen und der noch berückenderen Teufelei im Herzen oder im Unschuldsblick, oder im Lächeln, oder in den Grübchen der Wangen. Jede hatte ihre eigene Suggestion, ihre besondere Art der Bezauberung ? »aber alle zusammengenommen geben erst eine Lola,« schloß der König. »Ist das nicht die höchste sichtbare Gnade?«

Die Donna wurde plötzlich ernsthaft: »Nein, mein König,« versicherte sie, »Schönheit ist nicht immer Gnade, ist nicht Segen, sondern ist zuweilen ein Fluch und zieht nur zu oft Haß und Verfolgung nach sich. Oh, ich kenne das ? aber ich spotte des Hasses, ich verlache ihn; denn er ist reichlich aufgewogen ? durch die Gnade meines Königs.«

So disputierten sie über die Schönheit.

Sie lächelte wieder, die verkörperte irdische Liebe, als sie beim Verlassen der Residenz zu der Marienstatue emporblickte, die oberhalb des Tores über dem roten Schein einer ewigen Lampe thronte als die Verkörperung der himmlischen Liebe und die Aufschrift trug: Patrona Bavariae ? Bayerns Schutzpatronin.

»Nein, nein,« lächelte die irdische Liebe hinauf zur himmlischen, »nicht du ? ich bin die Schutzpatronin Bayerns!«

V.

Eine erträumte Existenz von Glanz und Macht wollte sich verwirklichen; Lola Montez war Freundin des Königs und hatte alsbald einen eigenen Hofkreis um sich. Menschen, die sie umschwärmten wie Hornissen den Honig; Glücksjäger, Karrieremacher, Politiker, Diplomaten, Künstler, Musiker, Dichter, Offiziere, Studenten. Sie alle kamen zum Handkuß oder Fußfall, Schmeichler und Egoisten, die vorwärts wollten und Frauengunst suchten. Sie verachtete die Streber wie eine lästige Verwandtschaft und verlachte sie; aber sie ließ sie hoffen aus Gefallsucht und weil sie ihrer bedurfte als Schutzwall gegen den offenen und geheimen Haß, der von außen anflutete. Waren sie Betörer oder Betörte oder beides? Wenige waren so knabenhaft wie das Studentlein Elias von Vilseck, der in scheuer Liebe befangen und beflissen war im freiwilligen Pagendienst; wenige so kopfverloren wie die gespornte Männlichkeit des Leutnants Nußbaumer, der mit dem Kopf das Herz hingab und das Bräutlein dazu, ein moderner Lanzelot zwischen zwei Frauen, der reinen und der sündigen Minne, und nun besagter Lanzelot als Leibgardist Lolas; keiner aber so fuchsschlau und hundsergeben wie der bockähnliche Staatsrat von Berks, der sich schier am meisten die Gunst der Nymphe erlistet hatte, Ratgeber ward und heimlicher Hausminister an Lolas Hofe.

Immer neue Menschen drängen sich an, mit allerhand Begehr, Bitten und Forderungen, Versprechen und Drohungen, und alle tragen bei, ohne es zu wollen, die Macht und den Triumph der Kurtisane zu vermehren.

Eines Tages meldet sich ein Fremder, der seinen Namen nicht nennen will. Sein Auftreten ist so ungezwungen, so vertraulich und doch so fein und höflich, daß die Tänzerin nicht widerstehen kann. Augenscheinlich ist er ein Mann von hohem Rang. Ein kluges, forschendes Denkergesicht ist mit einem freundlichen Lächeln maskiert, das nie ganz weicht; sein Wesen ist in Demut gehüllt, obgleich ein herrischer Stolz durchblickt.

Sie durchschaut den geheimnisvollen Fremdling; welterfahren wie sie ist, verfügt sie über ungewöhnliche Menschenkenntnis und über eine scharfe Witterung für jene unauffälligen Merkmale, die das Wesentliche sind, wodurch Vornehme sich von den Geringen unterscheiden. Zweifellos gehört er dem geistlichen Stande an ... Aber was will er? Es wird ihr nicht ganz klar. Ehe sie sich dessen versehen, hat sie der Fremde in ein tiefes Gespräch verstrickt.

Er spricht teilnehmend, mit gedämpfter Stimme, die sich selten erhebt, fast nie erregt, immer leidenschaftslos wohlwollend bleibt. Was er sagt, ist anziehend, schier unabsichtlich hingeworfene Ratschläge, Winke, Andeutungen über die Stadt, das Volk, die Kunst, den König. Sehr geschickt und wieder ganz von ungefähr lenkt er das Gespräch auf die Kirche und auf die Jesuiten und hält das Thema fest.

Sie läßt sich verleiten, ihre Meinung auszusprechen, obzwar er sie gar nicht darum zu fragen schien.

Sie huldigt einer geistigen Mode der Kosmopoliten jener Tage, die ihre religiöse Gleichgültigkeit für Duldsamkeit ausgeben. Es ist die Freigeisterei der schönen Seelen, die es gern mit dem josephinischen Liberalismus halten und glauben, daß der dunkle Freiheitsdrang der Zeit mit seinen Flammenzeichen nicht eine Sache der Not sondern eine Bildungsangelegenheit sei.

»Ich bin,« erklärte sie, »was man eine protestantische Katholikin nennen könnte. Ich bin religiös, aber nicht bigott; ich bin fromm, aber nicht abergläubisch; ich verabscheue die Macht, die Rosenkränze als Fesseln benützt, den Glauben an Gott in einen Glauben an die Dummheit verwandelt und den blinden Gehorsam zur Aufgabe der Menschenseele macht. Darum liebe ich den starren Ultramontanismus nicht und liebe am allerwenigsten die Jesuiten ...«

Der Fremde blieb sanft und lächelte. Er redete freundlich mit seinem eigensinnigen Kinde.

»Wenn Sie, Donna, die Jesuiten nicht lieben, obzwar Sie eine gute Katholikin sind, so ist bei Ihrer hohen Intelligenz anzunehmen, daß Sie die Jesuiten nicht kennen oder ? Sie erlauben mir diesen Ausdruck ? nur aus dem Geschwätz jener Feinde kennen, die nicht das historische Auge für die große Mission der Jesuiten haben.«

Da wurde die Tänzerin plötzlich frech wie eine Landstreicherin:

»Wenn dieses historische Auge nur nicht die Brille eines blöden Alten ist!« Sie freute sich dirnenhaft über diesen Schimpf.

Aber der Gegner blieb anscheinend unempfindlich gegen diesen Streich und bat sie sanft, das Böse aufzuzählen, das sie von den Jesuiten wüßte.

»Oh, ich weiß sehr viel!« versetzte sie großsprecherisch.

»Nun?«

Jetzt fühlte sie sich wieder in der unbehaglichen Rolle eines Schulmädchens, das die Prüfung schlecht bestehen wird, und das war ihrer Eitelkeit zuwider. Er sollte wissen, daß er nicht eine dumme unwissende Tänzerin vor sich hatte, sondern eine geistreiche und gebildete Dame, die in allen Geheimnissen des Lebens und der großen Historie bewandert war. Was wäre die Politik ohne die Frauen? Man frage doch eine Dubarry und eine Maintenon! Warum nicht auch eine Montez? Wer sollte nicht wissen, daß die geheimen Fäden der Geschichte in Boudoirs zusammenlaufen, und daß Frauen oder Favoritinnen es sind, die den Helden der Geschichte zu dem machen, was er scheint? Und nun dastehen wie eine dumme Trine, die ihr Sprüchlein nicht weiter kann ? nein!

»Warten Sie!« Und sie sann ein wenig nach.

»Aber Sie müssen auch beweisen können,« fügte die leise und seltsam eindringende Stimme hinzu.

»Wie soll ich Ihnen beweisen,« brach sie leidenschaftlich los, »daß mein armes Vaterland, einst das mächtigste Land der Erde, durch sie in den tiefsten Verfall geraten ist?!«

»Ihr Vaterland?«

Sie überhörte den ironischen Ton dieser Frage. Sie wollte jetzt mit historischer Gelehrsamkeit prunken und packte allzu eifrig den längst vergessenen Schulsack aus.

»Wie soll ich Ihnen beweisen, daß sie die entsetzliche Bartholomäusnacht veranlaßt haben? Wie soll ich Ihnen beweisen, daß die Welt ihnen das fürchterliche Geschenk der Inquisition zu verdanken hat? Die Inquisition, mein Herr, mit der sich der Jesuitismus für alle Zeiten den Fluch der Menschheit und das Verdammungsurteil der Geschichte aufgebürdet hat!«

»Sie irren, meine Schöne,« gab der Fremde ruhig zurück, »der Jesuitismus und überhaupt die Religion sind so unschuldig an der Bartholomäusnacht, als die Freiheit an den Morden zur Zeit der großen Revolution. Weder die Freiheit noch der Glaube will sich einen Thron auf Leichen errichten. Der Hof von Frankreich hatte nur seinen Feind schlagen wollen; der große Haufe benutzte die Gelegenheit und machte es wie der Hof. Dagegen aber haben die Jesuiten in der Geschichte den unvergänglichen Ruhm erworben, die Religion und die menschliche Gesellschaft, den Thron und den Glauben in schlimmer Zeit, wo alles wankte, aus der Gefahr glücklich errettet und die gestörte Ordnung wieder befestigt zu haben. Sie vergessen, Donna, daß die Inquisition ebenso wie die Bartholomäusnacht politische Maßregeln waren, keine religiösen, und daß die Jesuiten damit nichts zu schaffen hatten. Sie vergessen, daß der Jesuit Don Valdez, den einst der Großinquisitor und Erzbischof von Sevilla in sein Tribunal berief, die Übernahme dieses furchtbaren Amtes ausschlug, obzwar die Jesuiten, damals noch im Anfang ihres Werkes, mit Hilfe der Inquisition schnell zur Herrschaft hätten gelangen können. Als die verderbliche Irrlehre von England, Deutschland und Frankreich aus sich auch über Spanien verbreitete und in Sevilla und Valladolid Boden gewann, traten ihr allerdings als die ersten und ernstesten Gegner die Söhne Loyolas entgegen. Mit aller Macht der Beredsamkeit bekämpfte und entlarvte dieser Orden die Ketzer, die das Gerücht aussprengten, die Jesuiten seien Diener der Inquisition. Alle Beschuldigungen, die man gegen diesen unvergleichlichen Orden geschleudert hat, sind aus der Luft gegriffen. Die Lüge und Verleumdung hat deshalb allgemein Glauben gefunden, weil es der Orden für unnötig hielt, sich dagegen zu verwahren, was gewiß unrecht war. Darum aber teilt er heute das Schicksal aller derjenigen, die in aufgeregten und gesetzlosen Zeiten den Zerstörern der Ordnung entgegentreten und sich ihnen feindselig oder furchtbar zeigen ? er wird gehaßt.«

Der Fremde machte eine kleine Pause und fuhr dann fort:

»Sehen Sie nicht, daß eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den Epochen der Reformationskriege und der Gegenwart herrscht? Erkennen Sie nicht, daß diejenigen, die heute den Geist des Aufruhrs niederzuhalten versuchen, sich um die Ordnung und um die menschliche Gesellschaft ebenso verdient machen, als die Jesuiten es damals getan haben? Und wenn Sie das erkannt haben und wirklich eine gute Katholikin sind, dann dürfen Sie nicht mehr eine schlechte Jesuitin sein. Und wenn Sie es dennoch zu sein glauben, weil Sie in einem Irrwahn befangen sind, dann müssen Sie versuchen, sich zu bessern, d. h. sich aus den Schlingen des Unglaubens zu befreien. Ich biete Ihnen die Hand dazu.«

Die Dialektik des Fremden hatte sie ein wenig verwirrt; sie wußte nichts Besseres zu entgegnen, als zu fragen:

»Wie glauben Sie, daß ich besser werden könnte?«

»Sie müssen in unsere Lehre gehen!«

»In Ihre Lehre, mein Herr? Es könnte mich reizen, den Versuch zu machen. Doch sagen Sie zuvor, wohin wird mich der Weg führen?«

»Ich habe Ihnen bewiesen, daß die Jesuiten gute Menschen sind und unzählige Märtyrer für die Sache der Religion, die eine Sache der Könige ist, wie für die Sache der gesetzlichen Ordnung, die doch ebenfalls eine Sache der Könige ist, gehabt haben; zahllos sind die Beispiele, die die Geschichte kennt. Ich begnüge mich, Sie an die Revolution von 1830 zu erinnern, die Sie selbst miterlebt haben, obzwar Sie damals kaum mehr als ein Kind waren. Waren es damals nicht auch die Jesuiten, welche die wankenden Throne gestützt und wieder aufgerichtet haben und seither auch in diesem Lande bemüht sind, das katholische Bewußtsein wieder herzustellen, den Glauben, der das sicherste Fundament der überlieferten und von Gott eingesetzten Ordnung ist?«

»Nun ja,« erwiderte sie, »das will ich Ihnen ja alles gern glauben, besonders da Sie es schwarz auf weiß haben, woran ich nicht zweifle. ? Genügt Ihnen das nicht? Gibt es etwas über den Glauben?«

Der Seelenfänger zog sachte die geschickt gelegten Netze zu.

»Es genügt nicht,« warf er leicht hin; »Sie müssen es andere ebenfalls glauben machen!«

Da lachte sie belustigt auf: »Andere? Was geht mich der Glaube anderer an? Es ist lächerlich, sich darum zu quälen!«

Und mit einer schalkhaften Pose fügte sie hinzu: »Ich tauge wenig dafür; glauben Sie, mein Herr ? ich habe in meinem Leben mehr Heiden als Gläubige gemacht!«

Jetzt war es Zeit, das Netz zuzuschlagen.

»Spotten Sie nicht, meine Liebe! Es handelt sich hier um nichts Geringes, bedenken Sie Ihre Stellung ?«

»Meine Stellung?«

»Sie sind die Geliebte des Königs und haben Einfluß auf ihn ? ?«

Die Donna erhob sich, wie um die Unterredung abzubrechen, und sagte mit erkünstelter Kälte, indem sie dem lauernden Kundschafter den Rücken zuwendete:

»Was hat das mit der Sache zu tun?«

»Miß Gilbert!«

Wie festgewurzelt stand sie plötzlich, drehte sich dann langsam nach dem seltsamen Mann um, mehr erstaunt als erschreckt, und sah ihm voll in das plötzlich veränderte, hart und gnadenlos gewordene Knochengesicht.

»Wa ? as?«

»Miß Gilbert,« wiederholte er scharf und streng, »Sie sind nicht die, die Sie scheinen wollen! Ich kenne Sie! Sie spielen eine falsche und schlechte Rolle in der Welt ? die Toten stehen auf wider Sie! Kapitän James, Ihr erster Gatte; Graf Poincaré, den Sie in den Tod trieben; Graf Alexander Porwanski, den Sie in Rußland unmöglich gemacht haben, und der mit seiner Familie entzweit und verschollen ist; Marquis von Villiers, mit dem Sie geflohen sind, nachdem er Ihren Geliebten, seinen Nebenbuhler getötet; Madras, der Karlist, der auf dem Schafott endete; Dujarez, Ihr späterer Gatte, der Ihretwegen im Zweikampfe fiel; die Hunderte von anderen Opfern, die ein ganzes Buch fassen ...«

»Halt!« schrie das Weib bleich und entsetzt. »Was wollen Sie, fürchterlicher Mensch?«

»Nur noch dieses: Sie sind ein Ärgernis in den Augen der Königin, in den Augen des Volkes, der öffentlichen Sittlichkeit und ?«

»Was wollen Sie?« murmelte geistesabwesend das Weib, noch ganz schreckensstarr, »aber was wollen Sie?!«

Nun konnte die Wildtaube nicht mehr entwischen, sie war reif für den Fang: das Netz mußte zufallen, jetzt oder nie. Und mit der gleichen unerschütterlichen Ruhe und Sanftmut, mit der er die fürchterlichen Anklagen erhoben hatte, und mit derselben Bestimmtheit, die jeden Widerspruch ausschloß, sagte er nun:

»Sie gehen mit uns für das Volk ? oder Sie gehen ...«

Wie Loths Weib, das Sodom und Gomorrha gesehen, so stand noch immer die Tänzerin, zu Salz erstarrt. Nun aber kam Fluß in die versteinerte Gestalt, sie schleuderte sich förmlich aus ihrer Unbewegtheit heraus, wie sie es auf der Bühne tat, mit jener wunderbaren Wucht der Überraschung, die schönen Plastiken ebensogut angehört wie schönen Landschaften, indem sie den Fels in eine Woge verwandelt. Ungestüm brach sie hervor:

»Ich gehe nicht mit Ihnen ? und Sie gehen ...«

Dann fing sie zu lachen an, ein krampfhaftes, hysterisches, gellendes Lachen, daß es sie schüttelte und die Locken flogen.

Der Fremde lächelte wie früher und neigte sein Antlitz, so daß der Verdruß nicht zu sehen war, der hinter diesem Lächeln stand. Das Netz war zu, aber leer. Er hörte noch immer das girrende, schluchzende Lachen, diesen ungeheueren Spott, obzwar er schon gegangen war, auf neue Jägerlisten, Fallstricke und Fangnetze sinnend, die unüberwindliche Herrschsucht in den Mantel der Demut gehüllt, der Jünger Jesu ...

*

»Geht Eueren Weg ? ich werde den meinigen gehen!«

Der Seelenfänger stand nicht mehr vor ihr; es war sein Schatten, sein Phantom, seine Worte, gegen die sie stritt. Unsichtbar war er noch anwesend. Sie mußte die Fenster aufreißen, um Luft und Lärm von der Straße hereinzulassen und Menschen zu sehen, fremde, gleichgültige Gesichter, die sie dreist oder unfreundlich anstarrten, und die eine Zuflucht waren vor diesem drohenden Gespenst. Eine namenlose Angst kam über sie, Angst vor dem unsichtbaren Feinde, dessen Listen und Machtgrenzen sie nicht kannte, und von dem sie nur wußte, daß er sie mit Fallen und Schlingen umstellte und zu verderben suchte. Es schnürte ihre Kehle zu, als wollte es sie ersticken, dieses unheimliche Etwas, das sie fürchten machte.

»Nein, nein!« schrie sie wie im Traum auf, der sie mit schreckhaften Bildern umgaukelte, »nicht fort müssen, nicht fort, nicht da hinaus ins Uferlose, nicht mehr zurück ...«

Und sie streckte die Hände von sich, entsetzt, als sehe sie das Trostlose. »Ach, ich bin ja nicht klug ? ? es kann ja nicht sein ? es darf nicht ? ? nein, nein, nein! Aber ? was hab ich nur?« Sie fing zu trällern an.

Es war die Angst, zu verlieren, was sie erreicht hatte, wieder herabzusinken von der Höhe des Ruhms, die das stärkste ihrer unersättlichen Gelüste befriedigte, ihren Ehrgeiz. Auf allen Irrfahrten hatte sie von diesem Ziel geträumt, hatte die Liebe verleugnet, den Niedrigen verstoßen, wenn der Höhere kam, und war fortgegangen, fort bis an dieses Ziel. »Ein König, ein König hat mich erwählt!« Sie, die Priesterin der Liebe, die unerschütterlich an ihre Bestimmung glaubte, die in Indien ein Brahmane ihr anbetend kundgetan: daß Könige sie ehren werden, und daß sie angesehen im Kreise der Menschen sitzen werde! Und nun sollte sie weichen, sollte zurück in die Dunkelheit einer abenteuernden Existenz, sollte den Platz an der Sonne verlassen, dahin sie Schönheit, Raffinement und Schicksal berufen, sollte ihrem Glück und ihrem Ehrgeiz entsagen, weil sie dem Egoismus der anderen im Wege stand? Oder sollte als Werkzeug dienen, sie, die triumphieren wollte! Mit aller Kraft ihres ungebändigten Naturells stemmte sie sich dagegen. Mit der Angst erwachte zugleich die angeborene trotzige Wildheit, die sich nicht unterjochen ließ, jeder Art von Gefangenschaft spottete, niemandem gehorchte als sich selbst und unzähmbar war wie ein schönes Raubtier. »Geht Eueren Weg ? ich will den meinen gehen!«

Der Geheimnisvolle hatte indes ein Beschwörungswort gebraucht, das nicht verstummen wollte und als zweiter Schatten dastand, nicht drohend zwar, doch anklagend: die Königin ?! Aber gegen die Majestät der Frau hatte die Geliebte einen schweren Stand. Ihre Knie zitterten, als ob dieses Hirngespinst von einem Schatten Fleisch und Bein geworden wäre. Da wurde sie plötzlich schamlos wie immer Weiber, die in Eifersucht gegeneinanderfahren:

»Was kümmerte ich mich um Sie, als mir der König erklärte, daß er mich lieb gewonnen? Was brauchte ich anderes zu denken als dieses eine: es ist der König, der mir sein Herz schenkt; es ist der König, der in Liebe zu mir spricht?! Was kümmert mich alles, was außerhalb dieses wohltuenden Gedanken liegt? Ich habe ihn nicht gefragt: Haben Euere Majestät nicht schon eine Gemahlin, und soll ich etwa die Ehre haben, Ihre Maitresse zu sein? Sind Sie nicht vielleicht zu alt für mich? Erlaubt es auch Ihre Familie? Ihr Volk? Ihre Ratgeber? Die Jesuiten? Ich habe nicht gefragt und frage um nichts, sondern wiederhole, daß ich den schönsten Augenblick meines Lebens erreicht hatte, als ich die beglückenden Worte des Königs hörte, und wiederhole, daß mein Leben, meine Gedanken, mein Herz, mit einem Wort, die Lola Montez dem Könige angehört, solange sie unter den Lebenden sein wird!«

So kämpfte sie gegen das Unsichtbare und fand die Ruhe erst gegen Abend wieder, als Ludwig sie besuchte.

Ein Blick in den Spiegel gab ihr wieder die volle Sicherheit. Der Spiegel log nicht, wenn er ihr bewies, wie weit die Machtgrenzen ihrer Gegner reichen. Sie reichen nicht bis an ihre Schönheit, die über alle Listen triumphiert. Und ebensowenig konnte das Auge des Königs lügen: sie reichen nicht bis an sein Herz, über das ihre Schönheit herrschte!

Die anderen mochten ihren Weg gehen ? sie ging den Weg des Herzens, der war der ihrige.

Aber die Unruhe hatte Spuren hinterlassen; der König bemerkte es und wollte das Vorgefallene genau wissen.

»Der Versucher, er hat mich auf einen hohen Berg geführt, ganz nahe an einen Abgrund. Die Welt sollte mein sein, wenn ich meinen König verrate. Aber der sonst so schlau und vorsichtig seine Opfer umgarnt, so hinterlistig und leise, hat sich allzu ungestüm gebärdet, zu plump und ungeduldig ? und ist selbst in den Schlund gefallen, der sich mir auftun sollte ? ?« So kleidete sie lachend ihr Erlebnis in dieses biblische Gleichnis ein.

Und nachdem sie umständlich alles dargetan, schloß sie: »Ich habe nur zu sehr erkannt, von welchen Egoisten mein königlicher Freund umlagert ist, die im Namen des Volkes ihre selbstsüchtigen Zwecke verfolgen ? für das Volk sollte ich mit ihnen gehen, für das Volk wollen sie gegen mich sein ? weil ihr Eigennutz es nicht ertragen kann, daß der König liebt, und noch weniger, daß der König geliebt wird!«

»Was dann? Was war weiter? Was wollte er noch? Und was sagtest du? Was waren deine Worte?« drängte der König mit Fragen.

Indem sie sich mit halbgeschlossenen Augen wollüstig zurücklehnte:

»Ich habe aus meinen Empfindungen heraus gesprochen, und diese Empfindungen haben nicht gelogen, wenn ich gestand, daß ich Sie liebe, liebe mit der ganzen Seele, liebe, wie nur ein König geliebt wird. Und weiter: daß jene gemeinen Naturen sich selbst brandmarken, die meine Liebe mißbrauchen und zu einem Werkzeug ihrer Pläne herabwürdigen möchten. Oder mich mit Haß und Verfolgung bedrohen, weil ihnen die Absicht mißglückt. Gemeine Naturen, die nie daran gedacht, welchen unbeschreiblichen heiligen Zauber das Wort König auf ein weibliches Herz ausüben kann ?«

Ah, Kurtisane!

Berauscht von den zärtlichen Worten der Tänzerin und außer sich im Anblick ihrer Schönheit, wollte der König sie umarmen und das Herzblatt ihres Mundes mit Küssen bedecken.

Blitzschnell war sie ihm entglitten, pantherartig, und schon lag sie zu seinen Füßen, leidenschaftlich schluchzend:

»? und dennoch werden Sie mich preisgeben, werden mich verstoßen, und alles Lebensglück wird zerronnen sein wie ein kurzer, allzu kurzer, schöner Traum ? ? ?«

Überwältigt von diesem jähen Umschwung der Gefühle, diesem unvermittelten Übergang aus dem Lächeln des Glücks in die Tränen der Verzweiflung, beschwor sie der König aufzustehen und leistete auf den Knien den Eid seiner unverlöschlichen Liebe und Treue: »Ohne Lola kein Ludwig!«

Nun hatte sie ein königliches Wort und besiegelte Gewißheit darüber, daß sie ihre Gegner nicht zu fürchten habe.

Mochten die ihren Weg gehen ? ? ?!

Vollendete Künstlerin der Liebe, sie ging den Rosenweg; er war der geradeste und nächste, sie ging ihn allein. Und jedes Wort schmiedete einen neuen und festeren Ring, diese Herzen zusammenzuhalten, untrennbar. Glühende Worte, Küsse, Ekstasen ...

VI.

Die versteckten Drohungen des geheimnisvollen Fremden sollten sich bald erfüllen. Die Hölle wurde heiß gemacht für die schöne Sünderin. Ihr Ehrgeiz fand sein Himmelreich; wer aber den Himmel hat, der hat auch die Hölle, so will es die göttliche Komödie dieses Lebens. Die Eifersucht, die bei den Frauen entbrannte und alsbald auf die Männer übergriff, war eine politische Angelegenheit geworden. Denn auch die Kirche ist ein Weib, und die Priester tragen Frauenkleider; sie hatte in den damaligen Zeiten eine Ehe mit dem Königtum geschlossen: der Ehevertrag hieß das Konkordat. Sie ist erbittert über die gottlose Kebsin, die ihre Pläne kreuzt, und entfesselt eine Legion Teufel, die bereits den Spieß glühen ... Die Zeitungen beginnen zu schüren; von versteckten Angriffen gehen sie zu offenen über trotz der strengen Zensurverbote und ungeachtet des ausdrücklichen Befehls des Königs, daß sich die Zeitungen jeder Äußerung über die Person der Tänzerin Lola Montez zu enthalten haben. Nun entbrennt der Kampf auf allen Linien. Man hat freilich vergessen, daß die Tänzerin Lola Montez vor allem auch ein Weib ist, wild und fanatisch und ohne Scheu vor der Öffentlichkeit. Von der Ballettänzerin zur Heroine ? sie verdankt diesen Aufstieg ihren Gegnern. Man spricht bald von nichts anderem als von der Lola; die Atmosphäre ist mit Zündstoff geladen, jeden Augenblick kann das Ungewöhnliche eintreten. Schon zieht am politischen Horizont ein Gewitter herauf; die Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten.

*

Die Klosterfrage, die die Ausbreitung und Befestigung der Jesuitenherrschaft in Bayern bezweckte, wurde im Landtag abgelehnt, obzwar der ultramontane Minister von Abel mit verzweifelter Hartnäckigkeit für die Vorlage seiner Partei arbeitete. Die Vertreter der Landstände erhoben laute Klage, daß die wirtschaftlichen Interessen des Volkes in den Landtagen ganz in den Hintergrund geschoben und die kirchlichen fast allein an der Tagesordnung obenan wären. Die Landwirtschaft liege darnieder, der Bauer verzehre das Getreide, solange es noch Gras ist; die Not treibe ihm ein Stück Vieh nach dem anderen aus dem Stall: was nicht der Metzger hole, nehme sich der Steuerbote. Die Auswanderung nach Amerika nehme in erschreckendem Maße zu, nur die Güter der toten Hand seien immerfort im Wachsen. Die Regierung sei dem Elend gegenüber allzu gleichgültig, taub gegen alle Vorstellungen und dringenden Petitionen, die wirtschaftliche Verbesserungen, Steuerentlastungen, Schulreform und Volksaufklärung verlangen. Was not täte, wären nicht Klöster, sondern Hebung des Handels und Verkehrs durch Verbesserung der Straßen, die in einem trostlosen Zustande wären, durch Schaffung von Eisenbahnlinien mit Anschluß an die großen bestehenden Strecken im mittleren und nördlichen Deutschland, die Erschließung von neuen Absatzgebieten, Beseitigung der Zollschranken, Ausbau des Donau-Main-Kanals, der ins Stocken gekommen war, kurzum Wirtschaftspolitik statt Klosterpolitik. Man wies auf das Treiben der Redemptoristen, einer Jesuitenkongregation, die ganz Bayern in ein Kloster verwandeln wollte. Man erinnerte an ein Wort des Königs, der den Kanzeleiferern Mäßigung gebot. Das sei ein deutlicher Wink der Krone. Mit Beten und Beichten sei es nicht getan, der Volksverdummung müsse endlich Einhalt geboten werden.

Selbst die hochkonservativen Landstände wie Fürst Wrede und Fürst Wallerstein erhoben sich gegen den ultramontanen Minister, indem sie ihn anschuldigten, das Land in eine schlimme Lage gebracht zu haben und den König um die Liebe eines großen Teils der Bevölkerung bringen zu wollen. Gleichzeitig wurde ein Antrag für ein zeitgemäßes Gesetz über Ministerverantwortlichkeit eingebracht, »weil es durchscheine, daß Staatsminister von Abel die Interessen der Krone und des Landes dem hierarchischen Prinzip des Ultramontanismus opfere usw. usw.«

Mit äußerlicher Beherrschung und anscheinender Sachlichkeit verteidigte der angefeindete Minister Abel sich und sein System. Der Mißstand sei durch die schlechten Ernten und Hungersnöte der vorhergehenden Jahre verursacht, sei aber in Bayern immerhin weniger fühlbar gewesen als im übrigen Deutschland, zumal durch seine eigene und seines Königs Initiative, dessen getreuer Diener er sei, die reichen ärarialischen Speicher herangezogen werden konnten und obendrein der Spekulation unzugänglich gemacht wurden; ferner haben gerade die Ausfuhrverbote, insbesondere auch auf Getreide, das Schlimmste abgewendet. Was die Tätigkeit der Redemptoristen betreffe, so sei er diesem Orden zu größtem Dank verpflichtet, weil er die Religion und Sitte im Lande befestigt habe; dem zersetzenden Einfluß gewisser Strömungen der Zeit entgegenzuwirken, seien geistliche Genossenschaften wie diese vor allem berufen. Jesuitische Orden ins Land zu ziehen und anzusiedeln, sei nicht nur sein, sondern seines Königs ausdrücklicher Wunsch. Überdies sei der Landtag als bloß beratende oder vorschlagende Institution nicht berufen, staatliche Notwendigkeiten dieser Art zu entscheiden oder zu verweigern; das ständische Recht als Ausfluß der königlichen Gnade könne von dem Souverän widerrufen werden, wenn verfassungswidrige Übergriffe geschehen sollten.

Darüber fürchterlicher Lärm, der Kirchenstreit stand wieder im Vordergrund, und es endete damit, daß der Landtag unverrichteter Dinge wieder heimgeschickt wurde.

Nun erhob sich ein Adressensturm für und wider die Klöster im ganzen Lande. Kein Dichter hätte in diesen Tagen das Volk so mit sich fortreißen können, wie die aufreizenden Flugschriften jener Tage es taten, die nichts anderes bezweckten, als die Gemüter gegenseitig zu erbittern. Man lebte schon in einer stillen Revolution und fühlte ein leises Erdbeben unter sich. Es war trotz des äußeren breiten Behagens der unheimliche Zustand von Unzufriedenheit und Aufruhr der unteren Schichten gegen die oberen, ein heimlicher Kampf in der Tiefe des öffentlichen Lebens, der in Bayern freilich noch ins Kirchliche gewendet war.

In diesen Wirrnissen bewahrte der König jedoch den richtigen Takt:

»Ich habe es schon in meinen Regierungsgrundsätzen ausgesprochen,« erklärte er seinem vortragenden Minister, »daß ich Übergriffe der geistlichen Gewalt in die weltliche ebensowenig geduldet wissen will wie alle Übertreibung in kirchlichen Dingen. Sagen Sie das den Bischöfen, wenn sie es vergessen haben! Sorgen Sie dafür, daß den Worten Ihres Königs entsprochen wird und nicht etwa eine entgegengesetzte Handlungsweise der Dank für alles wird, was ich für die Kirche getan habe. Vor allem wünsche ich, daß im Sinne der Verfassung alle meine Untertanen, wes Glaubens oder welcher Denkrichtung immer, gleich behandelt werden. Lesen Sie dieses Bittgesuch des Lehrers Thomas Dieter; veranlassen Sie eine strenge Untersuchung: Verweis und Strafe für die Schuldigen, Entschädigung für diesen Mann!«

Der Minister überflog das Schriftstück und nahm sich die Frage heraus:

»Wer wagt es, Eure Majestät mit solchen Anliegen, die dienstlich behandelt werden sollen, zu beschweren?«

»Wer?!« betonte der König scharf, »ein guter Geist, der auf Wahrheit hält und des Glaubens ist, daß zwischen König und Volk kein Aktenpapier, kein Amt und auch nicht immer die Person des Ministers zu stehen braucht. Da gibt es ein gutes Wort. Fénelon schreibt es an Ludwig XIV: Dem König die Wahrheit nicht in ihrem ganzen Umfang zu enthüllen, dies heißt Hochverrat an ihm begehen! Jener gute Geist hat es mir neulich vorgelesen, eine reine, schöne Seele ...«

Der König vergaß sich und lächelte im Ansehen eines sehr holden Bildes, das vor seinem inneren Auge stand.

Der Minister war betreten, er stammelte einige Worte, sie blieben ungehört. Nach einer Weile erwachend, schlug sich der König mit der flachen Hand an die Stirn:

»Bin ich verhext? Haben Sie etwas gesagt? Schon gut. Tun Sie, wie ich verlangt habe!«

Des Königs Meinung war nicht mißzuverstehen. Minister von Abel ging mit dem vorgefaßten Entschluß im Herzen, die Klosterfrage um jeden Preis durchzusetzen. In der Gewissensfrage, ob König, ob Kirche, gab es ein Drittes: Volk! Es war der Rösselsprung um die Ecke, um den König: fürs Volk, als die Formel, die auf alles paßte, wobei jeder an sich denken konnte.

Fürs Volk!

VII.

Der geistige Drahtzieher der ultramontanen Politik war Professor Josef von Görres, die fünfte Großmacht, wie ihn Napoleon einst genannt hatte. Er hatte sich auf allen Tummelplätzen des politischen und geistigen Lebens herumgetrieben, immer in führender Rolle: zuerst als begeisterter Anhänger der französischen Revolution mit dem Plan, die Rheinlande an Frankreich zu bringen, dann als Erwecker des deutschen Sinnes in Preußen, wegen liberaler Ideen von der Regierung verfolgt, und schließlich mit dem Aufblühen der Romantik als fanatischer Anhänger des Papsttums und Verfechter religiöser Ideen. Der Saulus ward zum Paulus, er pflückte die blaue Blume als Dichter und Sagenerzähler, als Mystiker und Philosoph. Er war das Hirn der ultramontanen Partei, eine magnetische Kraftstation, die einen belebenden Strom von Gedanken und Ideen den Politikern und Ministern zuführte, damit diese ihr Licht leuchten lassen konnten. Sein Wort glich der Ausgießung des heiligen Geistes: die Apostel konnten nicht gläubiger beisammensitzen mit feurigen Zungen, die sich über sie herabsenkten, als die Freunde und Machthaber um ihn, die politischen Heilkünstler, Emigranten und Sendlinge aller Länder. Sie vereinigten sich in dem bescheidenen einstöckigen Häuschen des einfachen Gelehrten am englischen Garten zu anscheinend zwanglosen Abendgesprächen, als Generalstab des kirchlich-politischen Kampfes. Generalstabschef war der von göttlichen Instinkten geleitete alte Görres, das ungekrönte Haupt, vielleicht sogar heimlicher deutscher Papst, auch ohne Heiligsprechung in den Augen seiner Jünger mit einem ewigen Glorienschein umleuchtet.

Scharf geschnittene, intelligente Theologen- und Diplomatengesichter den großen grünen Tisch entlang, in der ungewissen Atmosphäre des schlecht erleuchteten Studierraums, nebelhaft verschleiert von bläulichen Rauchringen, leicht hingetuscht, mystisch entrückt und mit zunehmender impressionistischer Unbestimmtheit, Kopf an Kopf bis in die dunklen Schatten des Zimmers.

Es ging wider die neuen Kirchenfeinde und Klosterstürmer in Bayern her.

Ein schmächtiger Mann mit eingekniffenen Lippen setzte den Aufhorchenden auseinander:

»Ich bin verhext, sagte er und schlug sich an die Stirn. Verhext, ja, das ist das richtige Wort. Verhext und von Mißtrauen erfüllt gegen uns, gegen die Klosterfrage. Ein böser Geist hat es ihm angetan ...«

»Wissen wir längst,« fuhr der immer leidenschaftliche Görres dem Minister von Abel ins Wort, »und wissen Sie wer?«

Die dünne Stimme ließ sich wieder vernehmen: »Seine Majestät sagte es mir selbst: eine reine, edle Seele, ein Engel in Menschengestalt, ein Schutzgeist ...«

Gelächter und Ausrufe der Entrüstung, ein aufgeregtes schwärzliches Wogen mit Wellenkämmen von weißen Gesichtern um die grüne Insel des Tisches.

»Diese Tochter Babels, die Bayern den Becher der Wollust kredenzt!« donnerte Görres in den Aufruhr.

Mit einer Stimme wie Öl, die Wogen zu glätten, erhob sich jetzt der Bischof Diepenbrock, der Vertraute der Königin Therese und langjähriger Freund der königlichen Familie:

»Unser König ist der katholischen Kirche innig ergeben, er wird sich mit Gottes Beistand aus der Umschlingung des Bösen befreien, so gewiß er ein guter Christ ist. Ich kenne sein Herz, das rein ist von dem Wurmfraß, ich bürge euch dafür!«

Aber Görres als Vater Boreas gab keine Ruhe und schnaubte kalt und rauh:

»Er will uns abschütteln, seine Freunde, einer Buhlerin zuliebe. Man befreie den König aus den Banden des Weibes und eröffne den Kreuzzug gegen die Götzendiener der gottleugnenden Vernunft, gegen die Sendboten der Fleischbefreiung und ihres orgastischen Kultus! Man predige in unseren Blättern den Kreuzzug wider diese babylonische Hure!«

»Könnte sie nicht im Dienste der Kirche Gutes wirken, wie sie jetzt Böses anstiftet? Es wäre zu versuchen, ein Weib ist leicht zu bekehren,« wagte sich ein sehr kluges Maulwurfsgesicht hervor.

»Ist bereits versucht worden,« wandte sich ein fremd aussehender Mann in halb geistlicher Tracht gegen ihn. »Nützte aber nichts. Sie ist des Teufels ...«

»Ich bin durchaus ein Gegner solcher schmutzigen Werkzeuge,« begann wieder Görres, der neben dem Fremden saß, »sie bringen nie Glück. Ich bin jedenfalls der Ansicht, daß man ganz entschieden und unverhüllt gegen dieses Schandweib auftreten soll.«

»Wie gedenkt nun der Herr Minister von Abel den Klosterantrag durchzubringen?« kam eine Frage vom anderen Ende des Tisches.

Der Minister zuckte die Achsel.

»Der Herr Professor Döllinger frägt mich zu viel. Es hängt davon ab, inwieweit ich die Zustimmung der Krone erlange ? oder bedarf.«

»Keinesfalls kann auf den Antrag verzichtet werden,« griff Görres ein; »ebensogut könnte die Kirche auf ihr Erstgeburtsrecht verzichten. Die Kirche hat ein Recht, das um ein halbes Jahrtausend weiter zurückreicht als die älteste Dynastie.«

Die Kirchengelehrten mit den unsichtbaren Bäffchen am unteren Ende des Tisches, wo außer Lassaulx, dem Germanisten, Höfler, Phillips, von Moy de Sons, Döllinger, Deutinger, Sepp, Meyer, Merz saßen, begannen der Reihe nach Steine zu schleppen.

»Das Konkordat,« hieß es von unten, »spricht klar genug. Sind nicht Prärogative darin gewährleistet? Rechte, welche die Kirche nach göttlicher Anordnung zu genießen hat? Man berufe sich auf die kanonischen Satzungen!«

Görres faßte alle Zurufe zusammen und prägte sie auf die Formel:

»In strittigen Fragen ist zu untersuchen, ob die heiligen Rechte der Kirche höher stehen als die Wünsche der Krone. In der Reichsratskammer hat der Herr Minister von Abel die Majorität. Es ist Ihnen ganz leicht, sich über diese Rechtsfrage zu vergewissern und für Ihre Verantwortlichkeit eine Deckung zu erlangen, indem Sie einfach abstimmen lassen ? abstimmen über die Frage, ob das Konkordat oder die Verfassung den Vorzug verdient. In dieser Form retten Sie die Klostersache und bringen den Antrag glücklich durch.«

»Und der König?« Der Bischof Diepenbrock hatte sich wieder erhoben. Die pergamentenen Gesichter rückten zusammen wie eine Reihe Folianten und hielten dem Minister die stumme Frage entgegen:

»Und der König?«

Görres löste die Spannung wieder auf, indem er zuvorkam: »Der König wird nicht anders können ...«

Hätte dem Minister in diesem Augenblick nicht die biblische Erleuchtung gefehlt, so hätte er auf die Frage der Schriftgelehrten geantwortet: dem König was des Königs ist und Gott was Gottes ist. Statt dessen aber entschied er: »Gott was Gottes ist und dem Volk was des Volkes ist ? im Notfall gegen den König.«

Aber da fuhr schon wie ein Bauernknüttel die grobe Stimme des Bischofs Diepenbrock dazwischen: »So gehts nicht! Der Handel gefällt mir nicht. Gegen den König! Revolten, meine Lieben in Gott, bedenkt, Revolten! Das kann zu Revolten führen!«

»Mags immerhin führen,« piepste das Maulwurfsgesicht.

Jetzt schwang der graue Görres, in dem der Jüngling nicht zur Ruhe kommen konnte, die Sturmfahne:

»Wenn der Geruch der Verwesung durch die Gesellschaft geht und der Übermut keine Grenzen mehr kennt, dann tun sich die Brunnen des Abgrunds auf und Fluten brechen über sie herein. Das nennen die Menschenkinder eine Revolution; in der Sprache der Überirdischen aber heißt es ein Umschwung, der nach Richtmaß der ewigen Ordnung von der Vorsehung zugelassen ist!«

Der vom heiligen Geist geleitete göttliche Instinkt des Görres hatte gesprochen!

Das grüne Eiland des Tisches war wieder von Aufruhr umwogt, einem schwärzlichen Meer mit weißem Gischt.

Das Männlein mit den zusammengekniffenen Lippen suchte dem unwilligen Bischof klar zu machen:

»Fürs Volk und selbstverständlich auch für den König, was dasselbe ist. Auch wenn ers nicht gleich einsieht, doch dankt ers nachher, wie so oft.«

»Die Abstimmung in der Kammer!« mahnte Görres mit erhobenem Finger, »die Abstimmung vergessen Sie nicht!«

*

Gesagt, getan.

Mitten in der Debatte über die Klosterfrage in der Reichsratskammer wurde der Antrag gestellt, ob in Streitfragen die Verfassung entscheide oder das Konkordat. Die Majorität der kirchlichen Partei schien gesichert. Damit war der Wille der ultramontanen Partei über den Willen des Königs und über die Verfassung gestellt. Pathetisch erklärte der Minister:

»In dem Konflikt der Staatspflichten gilt der Appell an das Gewissen als der höchsten menschlichen Instanz, die zugleich ein Göttliches ist und in sichtbarer Form durch die Kirche dargestellt wird.«

Wie ein Mann sprangen der protestantische Staatsrat von Maurer, der liberale Staatsrat von Berks und die anderen freisinnigen Mitglieder der Kammer auf.

»Was ist das für ein Schwindel mit dem Gewissen?« rief Maurer. »Es gibt ein gutes, ein böses, ein enges, ein weites, ein strenges, ein zartes, ein leichtsinniges, ein schlafendes, ein wachendes und auferwecktes, ein protestantisches und katholisches, ein freisinniges und konservatives, ein liberales und demokratisches Gewissen! Was entscheidet also? Im Staatsleben gibt es nur ein Gewissen, das wir anzurufen haben, und das ist die Verfassung! Wenn die Abstimmung vorgenommen wird, verlassen wir den Saal!«

Der Rumpf blieb zurück.

*

Spornstreichs lief Staatsrat von Berks zu Lola Montez.

»Was will mein dummer deutscher Bär? Tanzen lernen? Ach, schon wieder eure langweilige Politik?«

»Allerschönste Donna, freuen Sie sich! Ihre Freunde, die Jesuiten, werden siegen. Der kirchliche Absolutismus steht vor der Tür. Dann bleibt Ihnen nichts übrig, als in ein Kloster zu gehen, Lola Ophelia. Geh in ein Kloster ...«

»Mein lieber Berks, Sie halten sich wohl für geistreich, indem Sie sich schlechte Scherze erlauben?«

»Sche?erze? Sche?erze? Nun, Sie werden ja bald sehen, was es für Scherze sind!«

»Der König wird niemals zugeben, daß ...«

Berks lachte. »Wenns dann noch darauf ankäme! Unser gnädiger Herr hat keine Ahnung von diesem jesuitischen Komplott. Die Gefahr ist vorderhand abgewendet ? auf wie lange? Die Kammer gesprengt und der Schachzug gegen den König vereitelt. Sitzen Sie fünf Minuten lang ruhig, wenn Sie können, spitzen Sie Ihr allerliebstes Ohr und lassen Sie sich den Hergang kleinweis erzählen.«

Mit einer jener prachtvollen Bewegungen schöner wilder Katzen oder Schlangen, die plötzlich aus der schläfrigen Ruhe hervorschießen, schnellte Lola von der Causeuse auf, noch ehe der Staatsrat zu Ende war. Es war das viel bewunderte Ungestüm, mit dem sie ein verblüffendes Wort in die Unterhaltung warf.

»Das ist ja Verrat,« rief sie, »Verrat an dem König!«

Der Staatsrat wiegte bedächtig den Kopf hin und her und meinte nach einiger Überlegung:

»Ja, wenn mans so ansieht, ist es Verrat.«

»Und da sitzt ihr dabei und seht alles ruhig kommen, und keiner von euch hat das Herz, dem König reinen Wein einzuschenken. Was seid ihr für Männer! Schämt euch!«

»So einfach geht das nicht, wie ein gewisses eigensinniges kleines Frauengehirn sich die Sache vorstellt. Alles hat seinen Weg. Man wird sich doch nicht um Kopf und Kragen reden wollen!«

»Es wär auch wirklich schade um diesen Kopf,« spottete Lola, indem sie seine Glatze zu tätscheln anfing, eine Liebkosung, die alsbald in ziemlich unsanfte klatschende Streiche überging.

Er suchte sich der etwas schmerzhaften Berührung dadurch zu entziehen, daß er ihre Hände zu erfassen und zu küssen versuchte. Mit plumper Zärtlichkeit wollte er auf sie eindringen.

Sie stieß ihn zurück und zog augenblicklich die Klingel, das Kammermädchen erschien.

»Die Reitpeitsche!« befahl Lola.

»Was?« Der Staatsrat war verdutzt.

»Ah, dieser Mannesmut, der nur hinter Weiberröcken entflammt!« Verächtlich warf sie die Peitsche hin.

Berks tat kläglich, nicht ohne Perfidie:

»Ich bin nicht schön, bin nicht jung und kann nicht in Gedichten säuseln. Aber ich liebe Sie!«

Lola bereitete sich zum Ausgehen vor und ließ sich von dem Mädchen helfen. Sie tat sich dabei gar keinen Zwang an und ließ bei dieser Aus- und Ankleideszene den Hausfreund ruhig zusehen wie einen Sklaven oder wie einen Hund, den die Peitsche im Zaume hält. Er stöhnte wie ein Tier beim Anblick der halb entblößten Reize und wagte doch nicht zu mucksen. Wenn er zu laut oder unverschämt wurde, befahl sie mit der Stimme einer Bändigerin:

»Ruhe!« funkelte ihn mit zornigen und harten Blicken an, mit Blicken hart und blau wie eine angelaufene Stahlklinge in einem Griffe von weißen Opalen und machte eine geschmeidige pantherartige Bewegung nach der Peitsche hin. Da duckte er schon wieder nieder.

»Über eine Lola Montez haben mehr als einer den Kopf verloren ...« und wie um die freche Anspielung zu verstecken, ergänzte er schnell, anscheinend harmlos: »? auch ich. Mehr als einen Kopf hat der Mensch nicht zu riskieren. Darum bleibt halt so wenig für die Politik übrig.«

Sie achtete gar nicht auf sein Geschwätz und zog die Handschuhe an.

»Aber wohin, Allerschönste?«

»Zum König!«

»Um Gottes willen, Vorsicht ...«

»Ach, was! Ein gewisses, eigensinniges, kleines Frauengehirn ist entschlossen zu tun, was euer Staatsmännergehirn nicht fassen kann.«

Der Staatsrat erschrak. »Übereilen Sie nichts, Lola, für alles kommt seine Zeit. Bedenken Sie: Staatsgeheimnis! Wenns schief geht, kommts auf mich. Bin Familienvater und habe Kinder. Kann weder Kopf noch Kragen riskieren, den Kopf, den ich übrigens an die schönste Frau verloren habe ... Judith!«

Sie überhörte gänzlich, was er sagte, nahm die Peitsche und warf die Frage leicht hin:

»Sie stehen also gut für das, was Sie mir erzählt haben?«

»Ja, ja, aber ... übrigens ist es besser, Sie berufen sich auf Staatsrat von Maurer ...«

»So, nun an die Luft!«

Indem sie ihm bedeutete, daß er gehen könne, hielt sie ihm die Peitsche vor, um ihn darüberspringen zu lassen, und rief:

»Also hoppla!«

Sein Mannesstolz wollte sich regen:

»Ich bin kein Pferd, kein Hund, kein Clown, kein Zirkusaffe ...«

»Na, wirds?« wurde sie ungeduldig. Und als er sich immer noch widersetzte, flötete sie süß, indem sie ihn mit einem zärtlichen Blick blau umleuchtete:

»Aber wenn ich beim König Ihre Verdienste ins hellste Licht setze?«

»Um diesen Preis, ja!« schrie er außer sich, »mit Gott für König und Vaterland!« und faßte die Schöße seines Staatsrockes zusammen, nahm einen Anlauf und ? hoppla! war der massige Körper drüber.

Über die Peitsche gesprungen.

»Ach, wie possierlich!« Sie lachte wie besessen und klatschte übermütig in die Hände. »Ich bin kein Pferd, kein Hund, kein Clown, kein Zirkusaffe ... Geben Sie acht, Herr Staatsrat, daß Sie den Zopf nicht verlieren!«

Ärgerlich wandte er sich um:

»Der Zopf? Was für ein Zopf?«

»Der Zopf, der hinten hängt!«

Wütend schoß er davon, verfolgt von ihrem Spott, der um seine Ohren gellte: »Ich bin kein Pferd, kein Hund, kein Clown, kein Zirkusaffe ...«

VIII.

Saal des Verrats in der Residenz.

Farbengewitter an den Wänden. Wild bewegte Leiber, Helden, Frauen, Volk in Schnorr von Karolsfelds romantischen Fresken, theatralische Pose, große Oper. Hagen erschlägt Siegfried. Kriemhilde am Frühgang zur Messe erblickt den toten Körper, den Hagen gebracht und vor die Kemenate geworfen hat. Herbeistürzende Fackelträger, Aufruhr; im Hintergrund der Dom. Kriemhildens Schmerz; sie gelobt Rache. Der Streit der Königinnen: »Es soll vor Königs Weibe die Eigen-Holdin nimmer gehen!«

In der Mitte des Saales ein Tisch mit einem Stoß Zeitungen darauf, prächtige Stühle herum, reich geschnitzt, viel Weiß und Gold, kardinalroter Damast. Ein Konzilium fand statt. In einem breiten Armsessel die stattliche Königin Therese, erregt, mit roten Flecken im Gesicht; ihr gegenüber der neuernannte Erzbischof von Breslau, Diepenbrock; hinter ihr stehend ein hagerer Schatten, der Beichtvater Hilarius mit brennenden Augen in dem süßlich lächelnden aschfarbigen Gesicht; an der Breitseite des Tisches des Königs Schwester Erzherzogin Sophie, die aus den Zeitungen vorliest:

»Sammelt euch zum Kreuzzug gegen die Götzendiener der gottleugnenden Vernunft und Sendboten der Fleischbefreiung und ihres orgiastischen Kultus ...«

Sie las immer nur einen Satz oder eine Zeile und nahm dann ein anderes Blatt.

»Die Pompadour, die den königlichen Freund am Gängelband führt ...«

»... Als Herostrat, der die Brandfackel in das Staatsgebäude schleudert ...«

»Die Tochter Babels, die Bayern den Becher der Wollust kredenzt ...«

»Lola, die in Feigenblätter eingehüllt, von dem Wirt ?Zum heiligen Ludwig? in Sevilla vor seiner Posada gefunden wird ...«

»Genug, genug!« winkte die Königin ab und hielt die Hände an die Ohren. »Ich will gar nicht wissen, was in den Zeitungen steht. Ist das nicht schon Revolution, wenn das Königshaus ungestraft geschmäht werden darf?«

Sophie hatte die Zeitungen hingeworfen.

»Nein, nicht Revolution, da sei der liebe Himmel davor!« beruhigte der Bischof, indem er die Arme erhob, als sollte er eine Volksmenge segnen. »Nicht Revolution, nur die gekränkte Liebe der Untertanen, das beleidigte Gewissen, die empörte Sittlichkeit!«

»Der Skandal ist schon in allen Gassen laut,« setzte Sophie resolut ein; »die Person muß expediert werden, damit Ruhe im Haus wird. Bei solchen Kreaturen helfen nur zwei Mittel: Geld und Gewalt! In der einen Hand den Zucker, in der anderen die Peitsche. Zwanzigtausend Pfund ist eine schöne Summe; um den Preis haben wir sie los. Ich bringe das Opfer für meinen Bruder, fürs Land, nun ja, für euch alle ...«

»Du warst ja immer eine gute Seele, Sophie,« tat die Königin gerührt, »aber glaubst du denn, daß das hilft?«

Auch der Bischof tat ungläubig.

»Der Polizeipräsident, dem ich die Sache übertragen werde, wird für den gehörigen Nachdruck schon sorgen. Zucker und Peitsche ? ah, da ist er ja, mein lieber Herr von Pechmann ? ich habe den Polizeipräsidenten herbestellt ? ? nehmen Sie doch Platz! Was bringen Sie also Neues in der Sache? Die Nachforschungen haben doch viel interessantes Material ergeben?!«

Umständliche tiefe Verbeugungen, etwas linkisch provinzial, dann nahm der Polizeichef Platz. Sein breites Gesicht war fast ins Quadrat gezogen. Die angespannten Muskeln verrieten viel Energie; ein braves Sergeantengesicht konnte nicht weniger Ehrlichkeit und bärbeißige Beschränktheit ausdrücken. Er zog ein Aktenbündel hervor und begann den Polizeirapport mit etwas eintönig schnarrender Stimme vorzulesen:

»Es ist festgestellt, daß die Sennora Lola Montez, Künstlerin aus Paris, Verbindungen unterhält mit den revolutionären und republikanischen Führern, die von London aus ihre europäische Propaganda betreiben. So soll sie vor allem mit Mazzini eine Korrespondenz geführt haben. Ihre früheren Beziehungen zu Lord Palmerston sind aus gleichen Gründen verdächtig. In Petersburg ließ sie der Polizeiminister Graf Benkendorff ausweisen und verhütete damit, daß sie sich weder dem Kaiser noch dem Großfürsten näherte. Eine charakteristische Äußerung des englischen Gesandten in München wurde kürzlich aufgefangen, der sagte: In zwei Jahren sitzt kein deutscher Fürst mehr auf dem Thron. Das ist eine Anspielung und ein Hinweis auf die Werkzeuge des Umsturzes, zu denen Buhlerinnen gehören, die den Taumelkelch dem Fürsten von Gottes Gnaden reichen sollen. Wenn auch das Beweismaterial keineswegs lückenlos ist, so enthalten die umlaufenden Gerüchte und die sonstigen Anhaltspunkte Fingerzeige genug usw., usw.«

»Ach, das ist ja fürchterlich, das ist ja fürchterlich!« entsetzte sich die Königin.

»Ja, da wäre es doch am einfachsten und am sichersten, Sie schaffen die Frauensperson ohne viel Federlesens über die Grenze,« entschied die tatkräftige Sophie.

»Verzeihung, Hoheit,« erlaubte sich der Polizeichef, »Seine Majestät ... es fehlen die wichtigsten Beweisstücke, die ich dann zur Rechenschaft brauchte, zur Deckung meiner Verantwortlichkeit ...«

Er fürchtete die Ungnade, das Risiko war zu groß, und gegen den König etwas zu unternehmen, widersprach seiner Geradheit.

Sophie setzte zu: zuerst das Geld, und wenn ihr Appetit gereizt, dann solle er zupacken, das übrige würde schon der Hof besorgen, und die Anerkennung für die patriotische Tat würde nicht ausbleiben.

Alles schmeichelhafte Zureden half indessen nicht viel, außer daß er doppelte Wachsamkeit und Strenge gegen die übermütige Ausländerin versprach, was ihm ja selbst am Herzen lag; denn der Tratsch schoß immer üppiger ins Kraut und erzeugte ebenso fanatische Bewunderung, als er fanatischen Haß erweckte. So erwuchsen der Geschmähten auch Verteidiger, und bald gabs in allen Familien Streit und Spaltung.

»Wenns so weiter geht, kommts noch zu einer Weiberrevolte,« meinte schließlich der Polizeichef, »und schon deswegen muß das Unkraut ausgejätet werden.«

»Na, es ist doch am besten, ich rede dem König selber ins Gewissen,« meinte der Bauernbischof und reckte sich auf. »Das mahnende Wort der Kirche ist bei unserem Landesherrn immer noch auf einen fruchtbaren Boden gefallen. Die Prüfung wird vorübergehen, und eine neue Zeit des religiösen Lebens wird anbrechen. Es ist zu viel Kampf, zu viel äußere Geschäftigkeit, zu viel Kriegslage; jeder ficht für den heiligen Opferherd, aber das Feuer auf ihm brennt düster und qualmig ...«

Der Friedensapostel wurde plötzlich selbst ganz kriegerisch und kampflustig. Wild fuhr es aus ihm heraus:

»Aber hab ich erst einmal den König so weit, dann, lieber von Pechmann, raus mit dem Mensch!«

*

Hatschiere in weißen Röcken, schwarz lackierten Kanonenstiefeln, silbernen Helmen mit weißen nickenden Roßschweifen. Grenadiermaß. Blitzende Hellebarden. Ein Nicken, Strammstehen, Salutieren. Seine Eminenz der hochwürdigste Herr Bischof kommt, wandelt durch die marmorne Pracht des Festsaalbaues. Will geradeswegs zum König. Hier lebt klassischer Geist, Ludwigs Geist, seine Griechenideale in Stein gemeißelt. Säulen und Kuppeln. Warm getönter farbiger Marmor, und wo die schmucksteinhafte Fläche aufhört, dort setzt die Malerei ein und gibt den Gewölben und Zirkeln künstlerisches Leben. Die Leibgardisten, obzwar statuenhaft unbeweglich, gleichen jetzt ein wenig den Maskenstöcken eines historischen Museums. Dann aber zwei griechische Idealfiguren aus Bronze, Girandolenträgerinnen links und rechts einer gemeißelten Pforte gegenüber der spiegelnden Marmortreppe. Hier biegt der würdige Bischof ein. Erster Empfangssaal weiß in weiß mit Reliefschmuck wie Biskuit, vornehm, ein wenig frostig, Klassizismus, strenger Stil. Zweiter Empfangssaal pompejanisch mit der Auffassung des Jahrhundertanfangs. Viel Ziererei in dem schönen Ebenmaß des Raums. Der Mann Gottes hält sich immer geradeaus.

Aber halt!

»Bedauere, Eminenz, kann Sie nicht vorlassen. Jemand geht bevor.«

Der Offizier vertritt ihm den Weg.

»Was? Wer könnte bevorgehen, wenn der Bischof kommt?«

Der Offizier zuckt die Achseln: »Privataudienz!«

Ärgerlich: »Wer denn eigentlich?«

Der Offizier neigt sich zu ihm und flüstert ihm etwas ins Ohr.

»Pfui Teufel!« spuckt der heilige Mann aus und bekreuzt sich sofort, indem er wie zur Beschwörung den Allmächtigen anruft.

»Melden Sie mich sofort!«

»Geht nicht, strenger Befehl!«

»Verflucht!« und klopft sich schon aufs Maul, »wollte sagen, Gott verzeih mir diese Sünd ...«

*

Privataudienz. Begonnen im Staatsratzimmer und beendet im sogenannten Herzkabinett, das zu den Gemächern des alten Baues gehörte.

»Wie schön!« sagte Lola kindlich fromm zu ihrem königlichen Begleiter auf dieser Wanderung durch eine Reihe von Sälen und Zimmern und blieb verwundert stehen, sich alles genau zu betrachten.

»Dieses Spiel mit Herzen!«

So bunt und lustig wie auf einem Spiel Karten, wo es die Herzen nur so herumwirbelt. So hatte »die weiland durchlauchtigste Adelheid von Savoyen mit verschiedenen Zeichen der hertzlichen Liebs-Regungen das Gemach erleuchtet und dadurch auch ihrem durchlauchtigsten Gemahl Kurfürsten Ferdinand Maria dero haiß angeflammte Affektion bezeugt«. Zwischen goldenen Barockschnörkeln trieben mutwillige Amorln allerlei Schabernack mit roten Herzen, entflammten, gefesselten, pfeildurchbohrten, einsam schwirrenden Herzen, überflüssigerweise zu zeigen, daß nichts auf der Welt so leicht Unfällen und Attacken ausgesetzt ist als eben das Herz. Da wirft einer dieser Knaben sein Herz einem Löwen zum Fraß hin, ein anderer zieht das seine aus einem Brunnen heraus; auf dem Fries stickt die schöne Kurfürstin Adelheid einen ?Herzteppich?, während ihre Töchter es ebenfalls sehr heftig mit Herzangelegenheiten zu tun haben. Sie baden ein Herz in Tränen, krönen es mit Dornen, spießen und zerhämmern es. Städtebilder mit Liebesszenen an allen Wänden. Es war danach angetan, Lola zu entzücken, die sich in diesem Gemach wie in einem Spiegel sah. Sie hatte mit Herzen gespielt wie mit Karten; aber den Herzkönig behielt sie als Trumpf.

Nachdem sie alles sattsam betrachtet, führte sie das unterbrochene Gespräch weiter.

»Es ist Heuchelei!« rief sie entrüstet, indem die Augen wie große blaue Falter um sich schlugen, »wenn sie vorgeben, der Kunst zu dienen. Nie hat die Kirche das Göttliche in der Kunst anerkannt, es sei denn, daß dieses Göttliche zugleich auch das Kirchliche war. Nie hat sie die Kunst gefördert, außer wenn sie sich ihrer als eines prunkenden Gewandes bedienen durfte, sondern sich selbst hat sie gefördert, und eine Kunst galt nicht in ihren Augen, wenn sie einen eigenen Sinn besaß. Es ist eigentlich ein Widerspruch, in Wahrheit der Kirche und zugleich der Kunst angehören zu wollen. Haben die Ultramontanen nicht bereits einen Sturm erregt gegen die Kunstbauten Euerer Majestät, weil angeblich noch immer zu wenig Kirchen und Klöster im Lande seien? Und ist das Verhältnis der Kirche zum Königtum nicht ganz ähnlich wie zur Kunst? Sie behauptet zwar, die stärkste und verläßlichste Stütze des Throns zu sein, aber sie ist es nur solange, als ihre eigene Macht dadurch gefördert wird. Nur scheinbar befestigt sie, zugleich aber ist sie destruktiv, antinational und antipatriotisch, indem sie sich zwischen Volk und König als Keil eindrängt, um von Rom aus die Geschicke der Staaten und Völker zu leiten. Und wenn nun nicht alles nach Wunsch geht, ist sie unbedenklich genug, das Volk gegen die Majestät des Königs aufzuwiegeln, wie sie es jetzt in versteckten, gehässigen und boshaften Angriffen durch die Blätter tut. Das ist die wahre Gesinnung dieser Stütze der Throne! Wie die Schlingpflanze den Stamm erdrückt, an dem sie emporklettert, so will sie den Thron, den sie zu stützen vorgibt, umklammern und überwuchern. Es gibt noch stärkere Beweise dieser Gesinnung! Der Wille der Kirche soll über dem Willen des Königs stehen, das Konkordat über der Verfassung.« Und sie erzählte, was sie von Berks wußte. »Liebe und Dankbarkeit bestimmen mich, meinem König dieses zu sagen.«

Der König war erstaunt, erschreckt, gerührt und aufgebracht zugleich. »Ja, aber woher wissen Sie das alles, Sie seltsames Wesen?«

»Als ich hierher kam, und als Sire der Verfolgten und Weltflüchtigen eine Zuflucht boten, wußte ich nichts von Politik,« tat sie wieder unschuldig wie eine Schäferin. »Ich hörte nur Worte wie Konkordat, Ultramontanismus usw., aber ich begriff ihren Sinn nicht und fand sie nur häßlich und langweilig. Aber allmählich drängte sich die Bedeutung dieser Worte auf, man konnte ihnen gar nicht entgehen; sie waren immer da und brachten andere Worte mit sich, eine streitsüchtige Bande, einen ganzen Rattenkönig, der auseinander und gegeneinander will und unlösbar verwirrt und verknotet ist. So habe ichs gelernt, besonders aber, nachdem ich einen Blick in die Laboratorien der Politik werfen durfte, wo das Tränklein gegen die Übel der Zeit gebraut werden soll. Aber fragen Sie nicht mich, Sire, die mit ihrem Sprüchlein zu Ende ist; fragen Sie jene, die den Hexenkessel rühren, fragen Sie die Staatsräte von Maurer, Berks, Männer von treuer unparteiischer Gesinnung, doch fragen Sie nicht Ihre Minister ? diese Minister sind falsch! Diese Minister ? ? ? ?«

»Ich weiß es wohl,« sagte der König bekümmert und in tiefem Nachdenken, »mit dem Abel gehts halt nicht mehr!«

*

Am nächsten Tag hatte der König den Schachzug des Ministers durch einen unerwarteten Gegenzug erwidert, der die Position der Gegenspieler erschütterte. Der Staatsanzeiger brachte die königliche Order vom 15. Dezember 1846, wonach dem Minister des Innern von Abel die Angelegenheiten für Kultus und Unterricht entzogen und der ministeriellen Leitung des freier denkenden Freiherrn von Schrenk unterstellt wurden.

Somit war die Klosterfrage gefallen. Der König hatte mit unerwarteter Entschlossenheit und Selbstständigkeit gegen seinen allmächtigen Minister gehandelt und einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Der Liberalismus jener Tage konnte einen Sieg verzeichnen, um den er nicht gekämpft hatte. Mühelos eingeheimst wie ein Geschenk, das vom Himmel gefallen war. Die Verblüffung darüber war bei den Freunden fast noch größer als bei den Feinden. Verständnislos sah man sich an, Haß auf der einen Seite, Mißtrauen auf der anderen vereinigten sich gegen die mutmaßliche Urheberin dieser Neuerung:

»Wem verdanken wir dieses Medeengeschenk?«

*

Der zähe Diepenbrock wollte das gottgefällige Friedenswerk vollenden, ehe er seine Münchner Diözese für immer mit dem Breslauer Bistum vertauschte. Große politische Interessen hingen von dem Erfolg seiner Unterredung mit dem König ab.

Es war in einem der großen Säle des Festsaalflügels, den Ludwig erbauen und mit riesigen Geschichtsillustrationen schmücken ließ. Die bedeutenden historischen Momente aus dem Leben deutscher Herrscher wie Karl des Großen, Friedrichs Barbarossa und Rudolfs von Habsburg waren in Freskengemälden festgehalten, die kolorierten Bilderbogen glichen. Brav in der Zeichnung, aber ohne Kraft und Wärme, ein hohles Pathos, eine große tönende Phrase, erinnern sie nur von ferne an die lebendige sprühende Kunst eines Pinturicchio und anderer großer Italiener der Renaissance; doch waren sie nachsichtig anzusehen als Werke der Sehnsucht, Künstlersehnsucht, die es immer nach Italien zog gleich jenen Kaisern, von denen diese Wände erzählen, und gleich Ludwig, der sie schaffen ließ. Epigonenkunst, blutarm, kraftlos, bläßlich wie der nordisches Himmel im Vergleich zu dem leuchtenden Blau des Südens. Rhetorik, die bloß das Hirn beschäftigt, aber nicht imstande ist, das Gefühl emporzureißen. Allerdings jene, die solches schufen, der König und seine Künstler, waren mit dem Herzen dabei und sahen mit den Augen der Liebe darauf, sie sahen sich selbst in der Größenhaftigkeit dieser Bilder. Das Pathos war das ihrige.

Karl wird zum Frankenkönig durch den Papst gesalbt. Durch ein Siegestor zieht der Frankenkönig in Pavia ein, ein Siegestor, wie es Ludwig in München errichten ließ. Auf dem Konzil zu Frankfurt sind die Kirchenfürsten Karls Ratgeber. Endlich krönt ihn der Papst zum Deutschen Kaiser. Das wirkt ungeheuer erhebend auf Ludwigs Gemüt, der sich diesen großen Augenblicken innerlich so verwandt fühlt. War er nicht selbst in Deutschland als der Schirmherr der Kirche angesehen wie einst der große Karl? Ruhten nicht die größten Hoffnungen auf ihm, der Deutschlands Zukunft zu verkörpern schien? Und gingen nicht schon die Gerüchte um, daß der Papst ihm eine stolzere Krone aufs Haupt setzen werde, eine solche wie sie einst Karolus Magnus empfangen hatte? Oder wie sie Friedrich empfing, der in Frankfurt zum Deutschen Kaiser ausgerufen wird, in demselben Frankfurt, wo abermals die deutsche Kaiserkrone zu vergeben war, am Ausgang des Vormärzen, als die Bundesversammlung dort tagte? War in diesen Wandbildern nicht die Kraft eines Gleichnisses, das die Zukunft im Spiegel der Vergangenheit zeigte? Bis vor kurzer Zeit noch schien die allgemeine Stimmung Ludwig das Recht zu geben, in der Darstellung Karl des Großen sich selbst zu sehen, kniend vor dem Papst, wie es bisher Könige und Kaiser tun mußten als Symbol, daß ihr Weltregiment von Gottes Gnaden sei. Schon lange besaß nicht mehr Österreich, sondern Bayern die Hegemonie in Deutschland, und die Deutschen blickten auf Ludwig I.

Aber das Leben machte ein Farce aus der Haupt- und Staatsaktion. Ein Teufelsweib hat den Plan der Geschichte gekreuzt und des Königs Sinn gewendet. Jetzt heißts zu retten, was zu retten ist, und den Teufel auszutreiben, wenn jene stolzere Krone, annoch unsichtbar, sich wirklich auf dieses königliche Haupt herabsenken soll. Eben ist ein heiliger Bischofsmann im Begriff, den König tüchtig abzukanzeln. Dies ist das wirkliche Leben, das andere einstweilen noch Hirngespinst, Künstlerphantasie, geschichtliche Reproduktion, bloßer Traum.

»Es betrübt mich, Majestät auf einem Weg zu sehen, auf dem nach den Worten Salomonis XXX/3 Könige sich verderben,« begann der heilige Mann seine Strafpredigt und ließ wie ein polternder Dorfpfarrer eine heftige Kapuzinade gegen die Unzucht und Wollust los. Sein Bannstrahl war gegen die schöne Buhlerin gerichtet, dabei bekam der König auch hin und wieder eins ab. Könige müssen auf sich achten, weil sie den Blicken des Volkes ausgesetzt seien, dem sie ein gutes Beispiel geben sollen. Die Sittenlosigkeit nehme ohnehin erschreckend überhand. Mit Kreuz- und Querfragen, einem richtigen Beichtstuhlverhör, gedachte er das Sündenkind zur strengen Gewissenserforschung und Buße hinzuführen.

Aber der König schnitt alle Fragen kurz mit einer Gegenfrage ab:

»Sagen Sie mir zuerst, wie es kommt, daß die Blätter kirchlicher Observanz sich einen erstaunlich ungeziemenden Ton gegen den König und gegen die Personen, die er mit seiner Freundschaft auszeichnet, herausnehmen? Wie rechtfertigen Sie es, daß diese verletzenden Ausfälle gegen die geheiligte Person der Majestät in Ihren Parteiorganen geduldet werden, obgleich strenge Zensurvorschriften bestehen, die zu meinem Befremden gerade von der ultramontanen Presse mißachtet werden ? von jener Seite, Eminenz, die sich auf ihre unwandelbare Untertanentreue beruft?«

»Die allgemeine Aufregung, die erschreckenden Zustände im Lande ...« Der Bischof schnappte nach Worten. Was eigentlich nur Tratsch war, erschien nun aufgebauscht als tiefgehende Gärung, als drohende Unruhe, die kaum mehr im Zaum zu halten sei.

So sorgte der blinde Eifer jener, die es mit ihrem Fürsten immerhin gut meinten, dafür, daß des Königs Mißtrauen neue Nahrung bekam.

»Haben Sie es alle nicht selbst vor kurzem anerkannt und laut gepriesen, daß Bayern ein Eldorado des Glücks und der Zufriedenheit ist? Überlassen Sie mir die Sorge und seien Sie getrost: solange Ludwig lebt, wird Bayern dieses Eldorado bleiben.«

So stritten sie mit manchem harten Wort.

Seine Beziehungen zu Lola berührend, betonte der König, daß er weder einer Ermahnung noch einer Zurechtweisung bedürfe. Als König habe er übrigens das Recht, wie jeder Privatmann seine Unterhaltung dort zu suchen, wo es ihm gefiele; in der Aufwallung setzte er hinzu: »Und überdies, wir lieben uns schuldlos, und das ist genug!«

Damit aber war der Bischof nicht abzuschütteln. Der hatte sich in seine Mission verbohrt, ließ den Erlaß und politische Dinge ziemlich unberührt und stürmte mit der ganzen Wucht seines heiligen Eifers gegen den Erbfeind, der schon vom Paradiese her die Wurzel alles Bösen war.

Das war freilich ein verfehltes Beginnen. Es stärkte nur den Widerstand des Königs.

»Vergönnt mir doch, wieder ein Mensch zu sein!«

Ludwig, der jeden Widersacher seines Lieblings als persönlichen Feind betrachtete, fand für seinen ehemaligen Vertrauten ziemlich harte, abweisende Worte. Der Abschied war nicht so, wie der Bischof es gehofft hatte. Ludwig tat es wieder leid, er glaubte den Gottesmann zu beruhigen, indem er sich auf Heinrich IV. berief, der, wegen seines Verhältnisses zur Gabriele dEstrée getadelt, gesagt haben soll:

»Nie hat das Vergnügen eine solche Gewalt über mich ausgeübt, daß ich die rechte Zeit zu nötigen Dingen darüber versäumt hätte. Heute im Krieg, morgen auf der Jagd ? und habe ich die Nacht in den Armen der Liebe verloren, so findet mich der Morgen doch an der Spitze meines Heeres, bei den Geschäften, oft in Gefahr. Wenn der Bogen auch in Ruhe ist, verliert er doch darum seine Stärke nicht.«

Graf Reisach, der Oberhirt von München und Nachfolger Diepenbrocks, wollte seinem Amtsbruder zu Hilfe kommen, um das schier mißlungene Werk der Seelenrettung aus eigenem zu vollbringen. Aber damit kam er beim König gar schlecht weg.

»Bleiben Sie bei Ihrer Stola und ich bei meiner Lola!«

Gelinder wogten Unwillen und Schmerz des Königs, um in poetischer Klage auszuströmen:

»Gestattet, daß ich von dem Lebensbaume
Zuweilen doch ein einzges Blättchen pflücke,
Mich wieder wende zu dem frühren Glücke,
Oh! wecket mich nicht aus dem flüchtgen Traume,
Mißgönnt mir nicht die kurze freie Stunde,
... etc.«

*

Es konnte also nicht ausbleiben, daß der König wegen dieser Frau sich von den Männern abwendete, die früher sein Vertrauen hatten.

Diese Zeit am Ausgang des Jahres 1846 und die weitere Entwicklung der Dinge lieferten den Beweis, daß über die Lola wirklich mehr als einer den Kopf verloren hatten. Sie stritten gegen das Schicksal, das sich dennoch erfüllen mußte, indem sie gegen dieses Weib kämpften, das anscheinend bestimmt war, die Weltuhr zu regulieren. Denn ohne sie hätte das Antlitz der deutschen Erde ein anderes Gesicht. Zu deutlich sah der Augurenblick schon die deutsche Kaiserkrone über dem Hause Wittelsbach schweben, nie wäre sie den Hohenzollern zugefallen. Ludwig, der kommende Reichsverweser, von da nur noch ein kleiner Schritt ? er hätte ihn getan, es schien ihm bestimmt. Aber da kam das Unvorhergesehene: Ludwig hatte sich mit der Kirche überworfen, das Weib wirkte als blinder Hebel des Schicksals ? und an dem Tag dieser Unterredung hatte sich das Blatt schon gewendet.

IX.

Alle Häuser haben ein menschliches Gesicht, sogar das Polizeihaus. Das Lächeln der Grazien ruht nicht auf seiner Stirn. Es hat ein verkniffenes, drohendes Antlitz, finster und verschlossen wie eine Gefängnistür. Es hat auch eine Stimme, wie alle Häuser ihre eigene Stimme haben, die den Ton angibt, leise oder laut, fröhlich oder feierlich, den man dann unwillkürlich nachahmt. Doch die Stimme dieses Hauses tönt nicht, sondern rasselt; sie spricht nicht, sondern schreit. Auch einen Atem hat dieses Haus wie alle Häuser, einen Hauch, der beklommen macht und übel riecht nach dumpfen Räumen, menschlichem Elend, Schmutz und Verwahrlosung, Kloaken, schlechten Lampen, ungelüfteten, halbdunklen Korridoren, staubigen Amtszimmern.

Obschon von aller Schönheit und Lebensfreude verlassen, hat sich eine der Grazien hierher verirrt. Im Torgang die Wache, den Pallasch in der Hand, Ingrimm im Gesicht, Rasseln in der Stimme, als ob ein phantastisch großer Schlüsselbund in dem rostigsten Gefängnisschloß herumgedreht würde:

»Halt da! Was wollen Sie? Wer sind Sie?«

Der Hausgeist schreit bereits. Das ist nicht höflich, ist aber Dienstbrauch. Wozu braucht Diensteifer und Amtstreue den Zuckerüberguß von Höflichkeit, besonders die Polizei?

Die Grazie ist erstaunt, sie will zum Polizeipräsidenten.

Nun steht sie im Zimmer des gewaltigen Polizeichefs von Pechmann. Er ist Richter gewesen und versteht sich auf Menschenkenntnis und Psychologie. Durch die Brille des Paragraphen hat er sofort den Verbrecher im Menschen heraus; das ist seine Menschenkenntnis. Als Erzieher zur Ordnung und Sitte will auch er läuternd auf die Seele wirken. Dabei fruchtet nichts so sehr gegen die Verstocktheit des Übeltäters als Einschüchterung. Das ist seine Psychologie. Es war die gute alte Schule. Darum schreit er schon mit derselben Stimme wie der Büttel unter dem Tor, denn es ist ja die Hausstimme:

»Ah, da sind Sie ja, da sind Sie ja!« Ein unverständlicher Zorn lodert in den Augen, in den Gesichtsmuskeln, in den Worten.

»Lola Montez, Sie sind ...«

»Sennora Lola Montez,« verbesserte ihn die Grazie.

Da brüllt er bereits: »Lola Montez, Sie sind vorgeladen ...«

» Eingeladen ...«

Die Faust fährt dröhnend auf den Tisch. »Angeklagte, Sie haben sich anständig zu benehmen! Die Polizei ladet nicht ein, sondern sie ladet vor, sie ersucht nicht, sondern fordert auf, sie fragt nicht, sondern sie verhaftet, verstanden? Aktuarius Thürriegel! Die Akten der Lola Montez!« Der Gerufene schleppte ein hochgeschwollenes Bündel herbei. Der Präsident blättert darin und beginnt halb lesend ein Verhör.

»Die polizeilichen Ermittelungen haben ergeben: Lola Montez durch den russischen Polizeiminister Grafen Benkendorff landesverwiesen wegen gefährlicher Umtriebe um die Person des Großfürsten und des Kaisers; landesverwiesen aus Baden-Baden durch eigenes Handschreiben des regierenden Fürsten Heinrich von Reuß-Lobenstein-Ebersdorf; kurz vordem von Berlin ausgewiesen über Befehl König Wilhelms IV., der sich ebenfalls nicht berufen fühlte, die schlechten Sitten einer schlechten Tänzerin zu verbessern.«

»Herr Präsident jedoch fühlen sich berufen ...« Sie setzte ihre gelassene Ironie gegen seine sinnlose Heftigkeit. »Wenn Sie wüßten, Herr Präsident, wie liebreich diese Könige und Fürsten waren gegen die ? ach, wie geschmacklos! ? schlechte Tänzerin ... Sie ahnen es nicht, und ich muß schweigen. Diskretion ist Ehrensache für meine schlechten Sitten im Gegensatz zu Ihren guten Manieren.«

Die geschliffenen Worte aus der Feinzeugschmiede verwirren den Polizeigewaltigen und machen ihn noch mehr erbost. Er versteht sich besser auf das grobe Geschütz, läßt alle Minen springen, droht mit der Ausweisung, rückt schließlich mit der Abfindungssumme von zwanzigtausend Pfund hervor, die von hoher Seite bereit gestellt wären unter der Bedingung, daß sie freiwillig das Feld räume, ? und war nicht wenig verblüfft, als weder die Einschüchterung noch Gold als Zaubermittel wirkten.

»Ihre guten Manieren haben sich offenbar in den schlechten Sitten der Tänzerin getäuscht, die weder käuflich noch bestechlich ist.«

Sie konnte jetzt großartig tun; es war wieder einer der seltsamen Augenblicke, wo ihr das ungeschickte Spiel der Gegner einen Trumpf in die Hand gab. Das Geheimnis des Aufstieges zur Macht: sie verstand die verborgenen Glücksmomente, die immer da sind, und an denen andere blind vorübergehen, zu nützen. Zwanzigtausend Pfund waren eine gewaltige Summe; aber hellseherisch wie ein Sonntagskind wußte sie, daß der Einsatz sich verzehnfachen würde, nicht nur in Geld, sondern auch in Ruhm und Ehre, und daß die Gegner in dieselbe Grube fahren würden, die ihr von ihnen gegraben ward.

»Sie schätzen mich zu niedrig ein, mein Herr,« spottete sie, »nennen Sie das Zehnfache, der König wird Sie überbieten! Nennen Sie das Hundertfache, die Freundschaft des Souverän wird mir lieber sein!«

»Verflucht!« Vorbeigelungen! Er knirscht. Zwanzig Männer machen nicht so viel zu schaffen als ein solches Weib! Aber man wird sie klein kriegen. Wäre ja schade um das Sündengeld! Es muß auch ohne gehen. Sobald nur das Beweisnetz geschlossen ist: Hochverrat! Einstweilen kann man sie in Haft behalten. Als zureichenden Grund hat man ? eine ganz artige Ohrfeigengeschichte. Einige Leute können von einer weichen kleinen Hand erzählen, die mit elektrisierender Schnellkraft ihre Wange liebkost hatte, so zärtlich und warm, daß ein rotes Brandmal von allerliebsten fünf Fingern auf der geistreichen Backe verblieb ... Ein Veterinär, der Lolas schöne schwarze Dogge schlecht behandelt hatte, ein Packknecht des Ingolstädter Boten, der eigene Hauswirt und Hotelier Havard zum braunen Hirschen, schließlich ein Postbote waren die Betroffenen. Sie hatten es an schuldigem Respekt fehlen lassen, und das südliche Blut war rasch ... Der Postbote war Amtsperson: also lag ein Delikt gegen die Amtsehre vor! Sie zerriß die Vorladung im Zorn: das war Herabwürdigung einer staatlichen Einrichtung ... Der Fallstrick war gedreht.

Die orthodoxen Blätter predigten im Geist ihres Ideennapoleon, des von Heinrich Heine schmeichelhaft ?die tonsurierte Hyäne? getauften Joseph von Görres, den Kreuzzug gegen die Tochter Babels, die Demokraten haßten und fürchteten sie als Verkörperung der drohenden Willkürherrschaft im alten Stile der Pompadour, und die freundliche Stimmung, die seit der königlichen Order in der Klosterfrage für sie als die Urheberin der verheißungsvollen Neuerung einsetzte, wich wieder vor der umgreifenden Hysterie des Volkes, die in krankhaft gesteigerte Eifersucht und Wehleidigkeit ausartete.

»So weit ist es schon gekommen, daß eine Fremde ungestraft bayrische Bürger schlagen darf!«

Sie war für alle Parteien ein Stein des Anstoßes. In der einen Hand die Wage, in der anderen das Schwert, zugleich aber eine Binde um die Augen, waltete der Polizeichef seines Amtes als Rächerarm des beleidigten öffentlichen Gewissens. Der aufgespeicherte Unwillen fand in Pechmann eine behördliche Spitze, aus der der schlagende Funke springen mußte.

Aber das Weib war stärker in dem ungleichen Kampf.

»Ohrfeigen?«

Die Grazie war belustigt und dachte an die Heiterkeit des Königs, der jedesmal bis zu Tränen lachte, als sie ihm das eine oder andere derartige Geschichtchen erzählte. Er hatte ihren Mut belobt, und dieser humorlose Patron hier nahm es tragisch! Oh, Geist der Schwere!

Ihr Spott ist unverwüstlich: »Ich habe allerdings so manche Ohrfeige ausgeteilt, aber ich habe kein Tagebuch darüber geführt und habe es auch versäumt, mir eine Quittung über den Empfang geben zu lassen.«

Aber die gestrenge Polizei macht mit Musen und Grazien, als welche sehr liederliche Frauenzimmer sind, kein Federlesen, besonders wenn sie so gassenbübisch frech werden wie diese da:

»Herr Präsident,« höhnte sie, »die Lola Montez hat einen starken Bayer geohrfeigt, sie hat einen starken Bayer geprügelt; die Lola Montez hat einen starken Bayer ? gefressen! Was habe ich an Buße zu bezahlen?«

»Geldbuße? Mit nichten!« Der Polizeichef tobte. Riß einen schweren Folianten vom Regal, die Polizeigerichtsordnung vom Jahre 1675, die in Kraft ist und die Weisheit der Vorväter überliefert, schlug eine Stelle auf, die unzweideutig urteilte: »Über die Verbrechen der öffentlichen Gewalttat, Verhöhnung der Staatsgewalt, indirekte hochverräterische Anstiftung zum Aufruhr unter Anwendung mildernder Umstände:

Gefängnis oder Zuchthaus und Landesverweisung! Punktum!«

*

Die heimliche Stimme: niemand wird in der Kirche lärmen wollen oder im Palast gemütlich werden oder schreien; der Plauderton schwingt am besten in der Traulichkeit der vier Wände aus, das überlaute Betragen mahnt an die Schenke, an den Stall, an die Wachtstube und wirkt roh außerhalb solcher Orte.

Der brüske Polizeimensch von Pechmann empfand es mit Unbehagen, aber er konnte den Ton nicht recht finden, den der Genius loci anderswo verlangt; hatte die Vorahnung, es gibt ein Unglück, als er aus seinem Polizeipalast, der doch nur ein finsterer Stall war, in die heiter festlichen Räume der Residenz kam.

Der Monarch ließ ihn zu sich bescheiden, um den Gestrengen über seine Freundin Lola Montez eines Besseren zu belehren. Eine freundliche Nase dem Übereifrigen, das konnte nicht schaden.

»Nun, mein lieber von Pechmann,« begann die huldvolle Ansprache des Königs. Der Polizeidirektor war unruhig, diese Frauenzimmergeschichte ging ihm sehr gegen den Strich, aber das Bewußtsein der erfüllten Amtstreue gab ihm den nötigen Halt. Er blieb frostig, steif, ganz Amtsmensch und taute nicht um einen Grad auf, trotz der Wärme, mit der ihn sein Monarch behandelte.

»Die dumme Geschichte, mein lieber von Pechmann, arge Übereilung, wie! Dame fordert Genugtuung, mit Recht, lieber von Pechmann, mit Recht ...« Bevor er aber noch das Referat Pechmanns anhörte, um es günstiger zu gestalten und die Überweisung an das Stadtgericht zu verhindern, warf er die Frage hin: »Was spricht man denn im Volk, wie?«

Es lag ihm daran, über die öffentliche Stimmung, die seit den letzten Ereignissen starken Schwankungen unterlag, Näheres auch von seinem Beamten zu erfahren. Es ging bunt genug zu: Abel hatte dem ungnädigen Monarchen gekränkten Tones einen Brief geschrieben mit dem Vorhalt, wie oft er sich für seinen König geopfert, nicht am geringsten, um die Erübrigungen für die kostspieligen Kunstbauten zu erwirken; die Gegner Abels hinwiederum in der Abendgesellschaft Lolas bewiesen, wie oft dieser Minister, um sich und seine Freunde zu halten, Gesetz und Recht gebrochen, wie häufig er zum Vorteil einer Partei das Volk verdummt und geknechtet und den Verräter an Deutschland und Bayern gespielt. Das war auch die Meinung in der Öffentlichkeit. Dagegen waren wieder die Orthodoxen auch nicht faul und nützten die Lage auf ihre Art aus. Ein Gezeter erhob sich im Land: der König will sich emanzipieren! In den Beichtstühlen wurde zur Absolution das Gebet auferlegt, Gott möge den König und das Land bald von der Unholdin Lola befreien, die für alles Unglück verantwortlich schien.

Der König wußte um diese Dinge. Und nun auch diese arge Verlegenheit, die dieser hitzige Polizeimensch mit seinem Scheuklappenverstand angerichtet hatte!

Der wollte nun gar nicht recht heraus mit der Sprache, aber Ludwig setzte ihm zu:

»Dem König muß man die Wahrheit sagen; wer ihm nicht die ganze Wahrheit sagt, vergeht sich gegen die Staatsordnung!«

Da gab sich Pechmann einen Ruck, seine innere Erregung löste den Amtszimmerton aus, den er unaufhaltsam abschnarren ließ:

» Majestät! Sie haben die schönste Perle aus Ihrer Krone verloren, die Liebe Ihres Volkes

Der König zuckte unmerklich, lächelte und sprach von scheinbar gleichgültigen Dingen.

»Sie waren in Landshut, ehe ich Sie hierher berief? Ist eine gute Luft in Landshut?«

»O ja, o ja!« Pechmann war ganz perplex. Er hatte es in seiner Treue gut gemeint, aber für den Mann von hartem Schlag hatte Grobheit und Aufrichtigkeit denselben Sinn. Die Sache jedoch war heikel und persönlich und wollte mit feinen, behutsamen Händen angefaßt sein. Und das war just nicht Pechmanns Art.

»So, so,« gab der König trocken zurück, »gehen Sie wieder nach Landshut, wo ja auch gute Luft ist. Also fort, fort!«

*

»Dem König muß man die Wahrheit sagen ?«

Daß er nun gehen mußte, das hatte Pechmann davon! Der Sinn in der Geschichte? Er konnte es nicht ergrübeln. Was ist Wahrheit? Jeder sieht sie anders. Für Pechmann war sie eindeutig. Aber alle Eindeutigkeit ist unzulänglich, ist wertlos, ist nicht mehr Wahrheit. Vielleicht war seine Äußerung, die einen persönlichen Tadel gegen den König enthielt, nur eine Dummheit. Aber Amtstreue ist auch auf die Dummheit stolz.

Amtstreue! Damit konnte sich der starrsinnige Pechmann in der guten Luft von Landshut trösten.

Freiherr von Mack, sein Nachfolger in München, nahm noch am selben Tag das Polizeiregiment in die Hand. Das war ein geschmeidiger Mann, der hatte Unterscheidungsvermögen und verstand sich auf den höfischen Ton, ganz anders als der grobkörnige Vorgänger, der mit einem bedauernden Achselzucken abgetan ward: »Guter Kerl, aber schlechter Musikant!«

Das ließ sich nun von Mack nicht sagen, wenn er es auch auf der Amtsstube nicht sparte:

»Thürriegel!«

Der Aktuarius fuhr in die Höhe.

Der neue Herr Präsident wünschte einen Bericht über die Akten der Lola Montez, die inzwischen wieder dicker geworden waren wie ein Schneeball, der bei jeder Umdrehung schwillt.

»Lassen Sie los!«

Der Aktuarius, die Nase auf dem Papier, begann zu leiern: »Verbindung mit Revolutionären, Korrespondenz mit Mazzini, Beziehungen zu Palmerston ... Landesverwiesen ... russischer Polizeiminister ? ?«

»Mensch!« schnauzte Mack, »was lesen Sie da für einen Quatsch! Sie dichten ja! Werden Sie Possenschreiber, etablieren Sie sich als Genie, wenn Sie nichts Besseres fertig bringen als solchen Unsinn!«

»Polizeiliche Informationen, Herr Präsident!« wagte Thürriegel einzuwenden.

»Spitzelweisheit, unsaubere Angeberei, Zeitungsgewäsch! Das nennen Sie Information! Wir schreiben hier keine Hintertreppenromane! Seien Sie vorsichtig mit dem, was man Information nennt, mein Lieber, Sie tragen die Verantwortung ...«

Der Aktuarius erschrak, daß ihm der Gänsekiel vom Ohr fiel.

»Sie tragen die Verantwortung für jeden Fehlgriff, also sehen Sie sich vor!« sagte nochmals der schneidige Mack mit scharfer Betonung. »Beweisbare Tatsachen, mein Bester; keine Phantasien! Wenn Sie durchaus den Pegasus reiten wollen, dann gehen Sie unter die Dachstubendichter und Hungerleider, Sie ? ? Sie Poet!«

Das Schriftenbündel verschwand auf Nimmerwiedersehen in dem Aktenverließ des grauen Hauses.

Der Zwischenfall Montez war glatt erledigt.

*

Zwanzigtausend Pfund, eine fürstliche Summe!

Der König aber überbot sie um das Vielfache, der Knicker!

Zunächst eine kleine Gabe auf den Opfertisch der Liebe: ein silbernes Tafelservice, durch den Finanzminister Grafen von Seinsheim zu überreichen. Das war ein Kumpan aus der fröhlichen Tafelrunde bei Don Raffaele Anglada an der Ripa grande zu Rom, ein Freund aus der kronprinzlichen Zeit, der ebenfalls revolutionäre Rosinen im Kopf trug, ganz wie sein erlauchter Herr. Aber die Zeiten hatten sich geändert, die Revolutionäre von damals waren die starren Orthodoxen von heute, Konservative und Ultramontane, wobei ja der König seinen Jugendfreunden, die durch ihn groß und einflußreich wurden, mit dem Beispiel voranging.

Aber die neue Schwenkung Ludwigs machten sie nicht mehr mit. Keiner der alten Freunde folgte ihm auf den Weg, den der König jetzt allein ging.

Zur Lola Montez? Dieser verworfenen Person, die das Herz des Königs verdarb, die Freunde verlästerte, die Politik verwirrte, das Volk beunruhigte? Dieser blutsaugende Vampir, der das Land bedrückte? Er, der Finanzminister des Landes, sollte ? ? ?? Es war der fürchterlichste Hohn, ihn und seine Partei zu dieser Huldigung zwingen zu wollen.

»Niemals!« Er bat den König, diese Mission ablehnen zu dürfen. Es gäbe Berufenere für diesen Zweck.

Was zur Folge hatte, daß der König nun erst recht auf seinem Willen bestand; wie immer, wenn ihn ein Widerspruch mißtrauisch machte oder seinen Eigensinn stärkte.

»Ich begreife, Graf Seinsheim, daß es für einen Finanzminister beschämend ist, ein so geringfügiges Geschenk zu überbringen,« sagte der König sarkastisch; »ich will Ihnen die Aufgabe erleichtern und füge ein zweites Geschenk bei, eine Equipage mit zwei Rappen, die ich für die Sennora bereits bestimmt hatte. Sie können beides in meinem Namen überreichen.«

Neue milde Gabe auf dem Opfertisch der Liebe.

Der Finanzminister wurde ängstlich, daß bei längerer Weigerung die Verschwendungssucht und Schenkwut des Königs sich ins Unmeßbare steigern könne. Das Gespenst eines Staatsbankrotts tauchte drohend am Ende dieser Wirtschaft auf.

Er ließ durchblicken, daß das Geld, wenn es schon hinausgeworfen werden sollte, besser den Armen zustatten käme in diesen schweren Zeiten.

Der König parierte gar fein, indem er seine Antwort in eine Legende kleidete:

»Ein Weib wollte Jesus mit kostbarem Nardenwasser salben. Die Juden, die es sahen, wurden unwillig und meinten, es sei Verschwendung und besser, man würde das Nardenwasser verkaufen und den Erlös den Armen geben. Darauf Jesus erwiderte: ?Arme habt ihr allezeit, mich aber habt ihr nicht allezeit.? Seid Ihrs zufrieden, Graf Seinsheim?«

Der einstige Jugendfreund wehrte sich mit schwächerem Widerstand.

»Der König befiehlt es!« Das war jetzt der absolute Souverän.

Seinsheim verbeugte sich und gehorchte.

*

Ein drittes Scherflein auf den Opfertisch der Liebe. Nicht mehr und nicht weniger als ein kleines Palais in der Barerstraße. Eduard Metzger, als Nachfolger Gärtners der Vollender des Siegestores, sollte es bauen.

Sahen die Feinde Lolas noch immer nicht, daß sie um so höher stieg, je tiefer der Sturz sein sollte, den sie ihr bereiten wollten? Sie halfen an ihrer Erhöhung, indem sie an ihrer Erniedrigung arbeiteten. Die Liebe des Königs verwandelte jeden Schimpf und jede Schmach in einen neuen Triumph. Ein Ringen hatte begonnen, ein heißer Wettstreit zwischen dem Haß und der Huld, aber die Huld war die Größere. Sie siegte ? indes gab jeder Sieg dem Haß neue Nahrung und neue Kraft. Einstweilen aber hatte er das Nachsehen.

Lola Montez hatte nach dem Streitfall mit Havard, der offenbar dem Einfluß der feindseligen Stimmung gehorcht hatte und dadurch wider Willen als Hebel an Lolas Erhöhung mitwirkte, ihre Hotelwohnung aufgegeben und ein Privathaus in der Theresienstraße bis zu dem nahen Zeitpunkt gemietet, da sie ihr eigenes Palais beziehen konnte, das in der damals halbländlichen Barerstraße und in dem Weihebezirk der Pinakotheken rasch emporschoß: ein Tempel der Liebe auf attischem Felde.

Ein neues, fröhliches Treiben, bei dem Kunst nicht fehlen durfte. Metzger baute, Stieler malte, der König schlug die Leyer. Was der König sang, hatte Stieler in dem Bildnis Lolas, das die Schönheitsgalerie krönen sollte, verwirklicht. Da war die »feuchte Glut im Gazellenauge«, »die süßen Flammen von Rosen und Rubinen, die auf den Wangen glühten«, man sah in schwarzen Wogen »das seidenweiche Haar mit dem Glanzgefieder des Raben wetteifern«, auf einem schlanken Hals »weiß wie Schwanenflaum« das blumenhaft schöne Antlitz, bei dessen Anblick es Ludwig »zaubrisch in sich tagen fühlte«.

Doch ? war es die Schwäche des Pinsels? ? der König fand, daß das Bild weit hinter der Wahrheit zurückblieb.

Schon am anderen Tage rief der König dem Künstler über die Straße zu:

»Stieler, Euer Pinsel wird alt!«

Eine königliche Kritik! Die samtene Amazonentracht war ja ganz schön; aber warum ging der Künstler dem Nackten aus dem Wege? Der Griechensinn des Teutschen erhob diesen Tadel.

Ein junger Bildhauer verstand es besser, indem er Lolas Fuß, der das ganze Wundergebäude ihres Leibes, diese Meisterschöpfung der Natur trug, bis zum Ansatz der zierlichen in sphärischer Kurve ausschwingenden Wade modellierte. Voll Andacht stand der König vor dem Werk, einem Fragment, das gleichwohl schon die platonische Idee des vollendeten Körpers enthielt oder seine Suggestion gab, und immer wiederholte er:

»Ja, ja, die besten Künstler leben im Verborgenen!«

Seine Betrachtung wurde abgelenkt; die Türen eines Schrankes standen offen, zwei Dolche lagen in dem Fach.

»Was soll das?« Sein fragender Blick ging auf Lola.

Sie verstand es, den Zufall so zu wenden, daß er einer Bestimmung glich und einen geheimen Sinn zu enthüllen schien.

»Der eine für mich und der andere für dich, Ludwig,« folgte sie entschlossen ihrer Eingebung, »wenn du mich verläßt!«

»Lukrezia!« rief der König und war entzückt über seinen Einfall, »so hätte dich der Stieler malen sollen: als Lukrezia, den Dolch gegen die offene Brust gezückt ? ? ? e nel ben sen per entro un mar di latte tremolando nutar due pome intatte ? ?«

Der König liebte die Kunst, die mit überlieferten Vorstellungen arbeitete.

Eine neue Lukrezia ? mit Dolch ? den Busen enthüllt ? ein Milchmeer, darin zitternd schwimmen ? ? ? welch eine Aufgabe für einen Künstler! Dachte es und bedauerte:

»Schade, sein Pinsel war leider zu alt dazu ?«

Was Stielers ohnmächtiger Pinsel nicht vermochte, versuchte als Dichter des Königs Baumeister Eduard Metzger, der es seinem Herrn gleichtat und in Liebesnöten die Leser rührte, Lolitas Busen zu besingen. So groß war die Macht der Circe, daß alle ihrem Zauber erlagen, die nicht mit Haß gewappnet waren und ihre Nähe mieden. Er teilte das Schicksal der Gefährten des Odysseus und pries sein jämmerliches Glück in jämmerlichen Versen:

»Lolita sing ich jetzt, dank dies dem Sterne,
Der mich berief, zu bauen ihr ein Haus ...«

X.

Konzert im Odeon.

Der warme Glanz des gelblichen Stucco-Marmors, die feierliche Wucht der Säulen, die eine zweite, leichtere Ordnung tragen; antike Tempelweihe. So wollte es Klenze und sein königlicher Bauherr als Förderer der Musik. Ludwig, der alle Herrschertugenden von Karl dem Großen bis Napoleon studiert hatte, um sie in sich zu vereinigen, hatte auch diesen Lorbeer in seinen Kranz geflochten und der Tonkunst eine klassische Stätte geschaffen.

Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Vorn, ganz nahe beim Podium, wo der sinnige, heiter-ernste Franz Lachner den Zauberstab schwang, saß im Halbkreis die Hofgesellschaft. Der König immer mobil vor und nach der ersten Symphonie, steuerte auf diese und jene Gruppe zu, begrüßte mit einem klassischen Spruch seinen Leibarzt und Begleiter auf italienischen Reisen, Ringseis, nebst einer Schar von anderen Gelehrten, erzählte da und dort einige seiner Anekdoten, musterte die Reihen, wo die festlich gekleideten Schönen saßen und bei seinem Nahen siegahnend erröteten, in der Hoffnung, »das Taschentuch zugeworfen zu bekommen«. In den vergangenen Blütezeiten des Absolutismus war es ebenso ein Symbol wie der Apfel, den Paris der Schönsten reichte. Was setzten die Töchter des Bürgertums nicht alles dran, hier nicht minder als im Theater dem König aufzufallen und in seinen Augen als die Schönste zu gelten?! War doch damit die sichere Anwartschaft verbunden, durch Stielers Pinsel in unverwelkbarer Maienblüte für die Schönheitsgalerie verewigt zu werden und herrlich vor allen Genossinnen dazustehen. Wer wollte nicht die Schönste sein? Aber o weh! Der König hatte auf seiner Runde durch den Saal schon eine Anzahl von Künstlern erspäht, darunter den scharf geschnittenen Kopf Kaulbachs, Fausten gleich ins Romantische übersetzt, und den rotbackigen, gedrungenen Moritz von Schwind, diesen Naturburschen mit dem deutschesten, innerlichsten, poesievollsten Malergemüt, der immer seinen Mund voll Musik haben mußte und Lachners liebster Freund war, schon von der liederseligen Wienerzeit her.

»Muß hören, was meine Künstler machen!« Mit einigen Sätzen war der König drüben und alsbald in eine Kunstdebatte mit dem ebenso idealen als liebenswürdigen launischen Schwind verwickelt. Warum der Künstler in seinem Gemälde, dessen Karton der König kürzlich gesehen hatte, dem Vater Rhein nicht eine Lyra in die Hand gegeben habe anstatt der Fiedel? »Rhein« stamme doch aus dem Griechischen, also sei er ein Grieche.

»Dann bin ich auch ein Grieche,« entgegnete der Dichtermaler etwas unwirsch über die Kunstkritik des Königs. »Vielleicht wenn dort am Podium statt des Klaviers eine Lyra wäre! Alles Lyra. Bratsche Lyra! Bassettel Lyra! Waldhorn Lyra! Der Postillon mit der Lyra! Das tät ganz erhaben ausschauen. Der Vater Rhein soll nur die Fiedel spielen, Volkers Fiedel!«

Plötzliche Unruhe, ein Magnet ging durch den Saal und zog alle Blicke an. Alle sahen nach vorn. Es war nicht der Hofkreis, der dieses Interesse erweckte; es war die Lola. Die Damen hatten es besonders scharf auf sie ? obschon den Wurm im Herzen, mußten sie gestehen, daß sie sehr schön sei. Dagegen konnten alle Diamanten der Herzogin von Leuchtenberg nicht aufkommen, die neben ihr saß.

Eine Aufregung entstand, und dann folgte ein Augenblick atemloser Stille. Die Herzogin war brüsk aufgestanden und hatte ihren Platz verlassen, gefolgt von einer ganzen Schar Damen des Hofes. Dort standen sie zitternd vor Empörung unter der mächtigen Kolonnade und blieben während des ganzen Konzertes dort stehen, wo Studenten, Musik-Eleven und -Elevinnen und anderes Publikum ein billiges Entree hatten. Ein Glück, daß im kritischen Moment die Musik einsetzte ...

Lola Montez blieb ruhig sitzen, als ginge sie die Sache gar nichts an. Die Stühle um sie herum waren leer geblieben. Dort saßen später mit Zustimmung des Königs ihre Ehrenkavaliere: Staatsrat von Berks, Architekt Metzger, Elias von Vilseck und der ganze Stab von Anbetern und Bewunderern.

Alle Bemühungen des Königs, die Hofgesellschaft mit Lola anzufreunden, waren vergeblich. Nicht einmal im Konzertsaal wurde sie als Sitznachbarin geduldet. Eine Schranke war gezogen, unsichtbar und unüberwindlich: der Hof auf der einen Seite, Lola und ihre Freunde auf der anderen. Bis in das Volk herunter durch alle Stände ging die Klüftung. Der Kunstverein schloß sie mit Stimmeneinheit von der Mitgliedschaft aus, sonst hätte er die Hofkreise verloren; der Hoflieferant wagte ihr aus ähnlicher Befürchtung nichts zu verkaufen. Sie hatte in Schulzes Modehandlung Stoffe gewählt, doch der Händler verweigerte ihr den Verkauf mit den Worten: »Der Artikel gehört für eine hohe Person.« Und sie darauf: »Dann muß ich etwas noch Schöneres haben!« Worauf sie der Ladenbesitzer hinauswies.

Was nützte es, daß sich der König einmengte, die Handlung aufsuchte und den Mann einen Flegel nannte? Was nützte sein Zorn und seine Ungnade der Hof-Kamarilla gegenüber? Überall derselbe stumme und zähe Widerstand.

*

Waren es der sichtbaren Gnadenzeichen noch nicht genug, um dem Liebling des Königs die allgemeine Achtung zu verschaffen? Das Opfer hat eine heiligende Kraft, es schafft die Atmosphäre des Wunders und erhebt Menschen zum Range der Götter.

Was mußte noch geschehen, um die stolzen Nacken der hohen und liebenswürdigen Damen und Herren des Hofes vor seiner Göttin zu beugen?

Eine ungewöhnliche Genugtuung ward auf den Schimpf gesetzt, den Lola im Odeon erfahren hatte: die Erhebung in den Adelstand.

So bestrafte der König die Hochmütigen und rächte seinen Liebling, indem er ihn den adelsstolzen Damen ebenbürtig machen wollte.

Der Zutritt in die vornehmen Kreise war einer Lola Montez verschlossen; einer Gräfin von Landsfeld jedoch mußten sich die Türen öffnen!

Schier unfaßbares Glück! Binnen wenigen Monaten von der abenteuernden Tänzerin zur bayerischen Gräfin! Eine Landstreicherin, viel geschmäht und verachtet und zugleich auf den Gipfel der Ehre gestellt! Ein seltsames Geschick, doch wußte sie es mit Würde zu tragen. Es war ein Äußerstes an Selbstbeherrschung bei einem zügellosen Temperament, daß sie, obschon funkelnd vor Freude und Ruhmgier, Bescheidenheit heuchelte und sich, wenngleich nicht ohne Überhebung, für unwürdig erklärte:

»Mein König, welches sind die Verdienste, um derentwillen die Tänzerin Lola Montez eine Krone des Landes tragen sollte? Sie hat sich ja weder im Krieg beim Totschlagen noch im Frieden beim Münzenschlagen ausgezeichnet, sie hat weder neue Theorien des Staatsrechtes aufgestellt noch neue Systeme für den Untertanengehorsam erfunden. Womit also hat die Tänzerin eine gräfliche Krone verdient?«

Ihre Berechnungskunst war gut. Nichts konnte den König mehr anspornen als Abmahnung und Zweifel. Er wollte ja den Beinamen »der Beharrliche« verdienen.

»Allerdings,« versetzte der König galant, »die Natur, die Sie zur Königin der Frauen bestimmte, hat Ihnen den größeren Adel verliehen; in dieser Hinsicht bedürfen Sie meiner Krone nicht ? ?«

Wie meinte er das? Sie veränderte die Taktik und lenkte vorsichtig ein: »Doch weiß ich, mein König, daß mit der äußeren Macht und dem Ansehen auch die Würde, der Mut und die Zuversicht wachsen, die man in diesem Leben so nötig hat. Vor allem aber bewegt mich ? außer der tiefen Dankbarkeit gegen die königliche Majestät ? das Gefühl der Pietät gegen meine Familie, deren alter, in Vergessenheit geratener Adel durch meine Standeserhöhung zu neuem Glanz käme. Ich aber möchte nach den Ahnen vieler dieser vornehmen Damen und Herren fragen, die mich aus ihrem Kreise bannen: ob ihr Stammbaum so weit hinaufreicht wie der meinige; wer weiß, ob ich nicht oft genug Gelegenheit hätte, in der Butike eines Krämers einzutreten als dem Stammhaus derer, die da wähnen, daß in ihren Adern edleres Blut rolle als in den meinigen ...«

Pietät gegen die Familie, deren gesunkener Glanz aufgerichtet werden sollte! Das war der moralische Stützpunkt, der Ludwig standfest machte als Schutzherr einer unglücklichen und unschuldig verfolgten Edlen. Gerecht! Das war ja sein anderer Beiname.

»Nun, Sie werden schon nicht die schlechteste Gräfin sein,« lautete die tröstliche Versicherung.

*

Zur Adelsverleihung war das bayerische Staatsbürgertum, das sogenannte Indigenat erforderlich. Der Verfassung gemäß mußte das königliche Dekret über die Naturalisation durch die Hände des Staatsrats gehen, der zwar keine entscheidende Stimme hatte, jedoch sein Gutachten über Würdigkeit des Indigenatsbewerbers abzugeben hatte.

Der König berief den Staatsminister v. Abel zu sich, um ihn mit seiner Absicht vertraut zu machen.

»Ich wünsche der Sennora Lola Montez das Indigenat und damit verbunden jenen Rang zu geben, der als Grundlage für ihre Hoffähigkeit erforderlich scheint. Ich denke dabei, ihr die Stellung in der Gesellschaft anzuweisen, die ihr meines Erachtens zukommt; ich zweifle nicht, daß die Kreise, die sich einer Lola Montez verschließen, mit gebührender Ehrerbietung einer Gräfin von Landsfeld eröffnet werden.«

Der Minister, der sich nach seinen eigenen Worten so häufig für Seine Majestät geopfert hatte, verleugnete seinen Opfermut. Er hatte den Schlag nicht verwunden. Jetzt war der Tag der Vergeltung.

»Das ist unmöglich, Majestät!«

»Unmöglich? Warum?« Der König war erstaunt.

»Majestät, ich bitte den üblen Leumund der Dame zu bedenken, ihre dunkle Vergangenheit, den zweifelhaften Ruf.«

»Sie sprechen von einer Schutzbefohlenen, die der König mit seiner Freundschaft auszeichnet,« betonte der König scharf und sarkastisch; »sie hat nur diesen Leumund, keinen besseren!«

Der Minister mit einer Verneigung: »Sie ist gedeckt durch die Gnade des Königs. Allein die exklusive Gesellschaft ...«

»Die Gesellschaft!« fiel ihm der König rasch ins Wort. »Welcher stolzen Frau aus dieser sogenannten besseren Gesellschaft wäre es wohl anders ergangen, wenn sie jung, schön und hilflos in die Welt geschleudert worden wäre? Und ist etwa die und die wirklich besser, die sich erkühnten, in einem öffentlichen Saal den Platz neben ihr zu verlassen? Ich kenne sie alle, und auch den Unversuchten halte ich ihre gepriesenen Tugenden nicht allzu hoch!«

Der Minister blieb ruhig und förmlich, obschon er eine lose und stechende Zunge hatte.

»Wage nicht zu widersprechen, wenn Majestät es so befunden haben; doch sei mir erlaubt, an die Unüberwindlichkeit jenes inneren Widerstandes zu erinnern, die in einem historischen Beispiel ersichtlich ist. Majestät wissen, daß selbst Friedrich der Große vergebens dagegen ankämpfte, und daß es einen wahren Aufruhr unter seinen Generalen hervorrief, als er ihnen die Gesellschaft seiner Freundin, der Tänzerin Campani, aufzwingen wollte. Die bedenkliche Stimmung in der Öffentlichkeit, im Innern der Familie, ja im ganzen Lande läßt es gefahrvoll erscheinen, einen Schritt zu wagen, der zu einer ähnlichen ? sagen wir: Palastrevolution führen und das Ansehen des Thrones erschüttern könnte.«

Eisen wird um so härter, je mehr darauf gehämmert wird. Der trotzige und demütigende Ton, den sich der ehemals so unterwürfige Minister herausnahm, war kaum das rechte Mittel, den König von seinem Vorhaben abzubringen. Und nun gar der Hinweis auf Friedrich den Großen! Was Friedrich II. nicht vermochte ? Ludwig I. mußte es können. Eine Machtprobe! Das war der zweite moralische Grund. Und was die bedenkliche Stimmung im Lande betrifft ? alles Tratsch, Neid, Eifersucht! Das Volk beugt sich vor der Gräfin, nicht vor der Tänzerin. Es muß erst die nötige Distanz geschaffen werden, dann ändert sich die Stimmung mit einem Schlag. Also Distanz durch Rangerhöhung! Das war der dritte moralische Stützpunkt.

*

Staatsratssitzung vom 8. Februar 1847.

Gegenstand der Beratung: das königliche Dekret über das Indigenat der Sennora Lola Montez.

Der protestantische Staatsrat Georg von Maurer kann schon bei Beginn der Sitzung seinen Unmut nicht mehr meistern:

»Diese Indigenatsverleihung ist wohl die größte Kalamität, die über Bayern kommen konnte!«

Staatsminister von Abel bezeichnet im Verlauf der Beratung den Gnadenakt als eine gefährliche Konzession und legt ihn als eine Willkür aus, die Gesetz, Recht und Ordnung zertrete. Es bedarf keiner großen Überredung, den versammelten Rat, der eine ultramontane Mehrheit hat, von der Gefährlichkeit einer solchen Konzession zu überzeugen, die die Ruhe des Reiches gefährde und alle konstitutionellen Bande löse. Der Staatsrat sei sich seiner Verantwortlichkeit nicht nur dem König, sondern vor allem auch dem Volk gegenüber bewußt und müsse eine Regierungshandlung ablehnen, die im Widerspruch mit der Verfassung stehe, weshalb er die Indigenatsverleihung an Lola verneinen und um einstimmige Annahme dieses Gutachtens bitten müsse.

Dagegen erhob sich jetzt der Staatsrat von Maurer, weil er nicht an einem Strang ziehen wollte mit dem Vorkämpfer der Orthodoxie, der jetzt zum Schein die Verfassung verteidigte.

Wenn er auch anfänglich auf das Indigenat der Lola Montez nicht gut zu sprechen gewesen sei, erklärte er, so könne er unmöglich in dem Gnadenakt eine Verletzung der Verfassung oder der Staatsgesetze erblicken. Die Räte würden ihrer Verantwortlichkeit nichts vergeben, wenn sie einen Herzenswunsch des Königs erfüllten; viel eher würde in ihrer Verweigerung ein Akt der Willkür zu erblicken sein. Überdies stehe dem König das Recht zu, auch gegen die Majorität, ja selbst gegen die Einstimmigkeit des Staatsrates das Heimatsrecht zu erteilen; er für seine Person sehe keinen Grund zur Weigerung, die nicht nur demütigend für die königliche Würde sei, sondern als Auflehnung gegen den Willen der Krone einer üblen Spekulation auf die Pöbelinstinkte gleichkäme ...

*

Nun glich die Geschichte wieder einem Schachbrett, wo Schlag auf Schlag erfolgte und der König, um seine Dame zu schützen, alle unnützen Figuren preisgab.

Verneinendes Gutachten der Indigenatssitzung vom 8. Februar; fast einhellige Ablehnung mit Ausnahme der Stimme Maurers, der sich für Lola Montez aussprach.

Indigenatsverleihung an Lola Montez seitens des Königs durch eigene Machtvollkommenheit gegen die erdrückende Majorität seiner Räte.

Königliches Dekret über die Ernennung der Sennora Lola Montez zur Gräfin von Landsfeld auf Grund des ihr durch die Gnade des Souveräns erteilten Indigenats mit der gleichzeitigen Weisung an den Staatsminister, die Adelsernennung zu kontrasignieren, wie es die Verfassung vorschrieb, wenn der Gnadenakt Rechtskraft erlangen soll.

Aber das war die Klippe, an der die Macht der Willkür zerschellen mußte. Zur Adelserhebung bedurfte das königliche Dekret der Gegenzeichnung eines der Minister. Wie aber vermochten die Minister zu signieren, nachdem der Staatsrat ein verneinendes Gutachten ausgefertigt hatte?! Der schlaue Abel! Er hatte es fein eingefädelt. Das ablehnende Gutachten war der Riegel, den er beizeiten vorgeschoben hatte. Also? ? Natürlich Weigerung der Minister, den Gnadenakt zu zeichnen, der ohne die Kontrasignatur ungültig ist. Sie überreichen ein Memorandum, darin sie ihre Weigerung begründen und den König warnen. Ein feines Spiel mit Finten!

Gegenzug des Königs: Beratung mit Staatsminister v. Maurer, der empfiehlt, den Ministern einen Tag Bedenkzeit zu geben. Persönliches Handschreiben an jeden einzelnen Minister, an v. Abel, v. Schrenk und an die Freunde seiner Römerzeit, den Kriegsminister v. Gumppenberg und den Grafen Seinsheim. Der Appell versagt. Die Freunde stehen im Gegenlager.

Entscheidungszug des Königs ...

*

Das Memorandum, hinter dem sich die gegnerischen Minister verschanzen, gibt dem »allerdurchlauchtigsten großmächtigsten König! dem allergnädigsten König und Herrn« folgendes zu bedenken:

Das Nationalgefühl sei auf das tiefste verletzt, weil Bayern sich von einer Fremden regiert glaube, deren Ruf in der Öffentlichkeit gebrandmarkt sei. Männer wie der Bischof von Augsburg und der Erzbischof von Breslau vergössen blutige Tränen über das, was vorgehe.

? blutige Tränen!

Die ausländischen Blätter brächten täglich schmerzliche Anekdoten und herabwürdigende Angriffe gegen die königliche Majestät. ? Die gleiche Stimmung herrsche von Berchtesgaden und Passau bis Aschaffenburg und Zweibrücken, ja, sie sei über ganz Europa verbreitet! ? Die Sache des Königtums stehe auf dem Spiel! ? Daher das Frohlocken derer, die auf den Umsturz der Throne hinarbeiten und das Königtum in der öffentlichen Meinung verderben wollen.

? die Sache des Königtums!

Gebrochenen Herzens bäten die Unterzeichneten den König, von seinem Vorhaben abzustehen ?

? gebrochenen Herzens!

Gut und Blut täten sie für ihren allergnädigsten Herrn freudig opfern ? aber deshalb sei es ihre doppelte heilige Pflicht, dem König die Gefahren offen darzulegen, die mit jedem Tage wüchsen. Es ließe sich auf die Länge nicht verhüten, daß auch die bewaffnete Macht den schlimmen Einflüssen von außen unterliegen würde ? und was dann, wenn auch dieses Bollwerk schwanke?

? die bewaffnete Macht!

Es wäre Verrat an ihren Pflichten, wenn sie, die Minister, ihre Zustimmung zur Adelserhebung der Fremden geben würden. Lieber, wollten sie ihr Amt niederlegen.

? Verrat an den Pflichten!

So in allertiefster Ehrfurcht und mit unverbrüchlicher Treue und Anhänglichkeit

v. Abel, v. Gumppenberg,
Graf Seinsheim, v. Schrenk.

*

»Ist dies das einzige Exemplar?« fragte der König die Überbringer des Memorandums.

Es wurde bejaht.

Dann erfolgte das erwähnte Handschreiben und die Gewährung der eintägigen Bedenkfrist.

Die Antwort darauf war ? die Veröffentlichung des Memorandums in den Blättern. Das angeblich einzige Exemplar des Schriftstückes besaß der König, wie kam es in die Zeitungen? Das hatte der ultramontane Minister und seine Partei getan. Der Widerstand des Königs mußte gebrochen werden; darum taten sie wie jene, von denen es hieß, »daß sie das Königtum in der öffentlichen Meinung verderben«.

Nun konnte die Entscheidung nicht ausbleiben.

*

In seiner Bedrängnis und Gewissensnot schließt sich der König ein; niemand hat Zutritt, einsam reifen die großen Entschlüsse. Einsam ist der König, aber nicht allein ? die Muse ist bei ihm. Sie vernimmt seinen Zorn und Schmerz: das Prachtgefäß des Sonetts dient seiner Entladung.

»Ihr habt mich aus dem Paradies getrieben,
Für immer habet ihr es mir umgittert,
Die ihr des Lebens Tage mir verbittert;
Doch macht ihr mich nicht hassen, statt zu lieben.

Die Festigkeit, sie ist noch nicht zersplittert.
Ob mir der Jugend Jahre gleich zerstieben,
Ist ungeschwächt der Jugend Kraft geblieben.
Ihr, die ihr knechten mich gewollt, erzittert!

Mit dem, wie ihr gen mich seid, gibts kein Gleichnis,
Die eignen Taten haben euch gerichtet
Des Undanks, der Verleumdungen Verzeichnis.

Die Wolken fliehn, der Himmel ist gelichtet,
Ich preis es, das entscheidende Ereignis,
Das eure Macht auf ewig hat zernichtet!«

XI.

» Alle meine Minister habe ich entlassen! Das Jesuitenregiment hat aufgehört in Bayern

Mit diesen Worten kam der König in die Abendgesellschaft seiner Freundin.

Außer dem unvermeidlichen Berks, dem Architekten Metzger, dem Stabsarzt Curtius waren einige Fremde zugegen, ein holländischer Bankier, Herr v. Stoma, und ein Attaché der französischen Gesandtschaft. Die Unterhaltung hatte sich, ehe der König eintrat, fast ausschließlich um die Demonstration der Minister gedreht, und Berks war der Wortführer.

»Selbst wenn man eine gute Absicht annimmt,« schaltete der Bankier im weiteren Verlauf der Debatte ein, »erscheint die Veröffentlichung des Memorandums und dessen Inhalts ebenso ungeschickt und roh als unzweckmäßig.«

»Unzweckmäßig?« fuhr der Staatsrat lebhaft fort, »gerade das war es nicht. Der Plan ist verteufelt zweckmäßig angelegt. Man muß nur zu lesen verstehen. Worauf kam es denn diesen Herren an? Bloßstellung des Königs vor aller Öffentlichkeit ? Aufwiegelung revolutionärer Elemente im Volk ? Politik der Straße. Jeder Satz dieser ? Denunziation, man kann das Memorandum nicht anders nennen, enthält Sprengstoff. Es ist wohlüberlegt und berechnet, welche Wirkung es haben muß, wenn die ersten Diener des Staates dem König mit dem Abfall des Volkes und mit dem Abfall des Heeres drohen und das Indigenat als einen Verrat bezeichnen. Das Indigenat ein Verrat! Ich bitte Sie! Nun weiß doch jeder der Herren, daß die Verfügung des Königs weder gegen die Verfassung noch gegen ein Staatsgesetz verstößt ? es war einfach auf die persönliche Beleidigung des Königs abgesehen, weil er damals in der Klosterfrage und im Schulwesen gegen das Vordrängen des Jesuitismus war. ? Mit gutem Vorbedacht wird die bedenkliche Stimmung im Volke betont ? ?«

»Gespensterseherei!« warf der Baukünstler hin.

»Freilich Gespensterseherei, aber man wiederholt diese Dinge mit Absicht solange, bis jedermann daran glaubt, obgleich alle wissen, daß kein Wort daran wahr ist.«

»Ich habe über das Memorandum, als ich es gelesen hatte, hellauf lachen müssen,« rief nun die Montez; »aber was soll man dazu sagen, wenn, wie allgemein bekannt ist, die Geistlichen am Schluß der sakramentalen Handlung den Beichtkindern ans Herz legen, für den König zu beten, daß die heilige Jungfrau seinen Sinn abkehren möge von der ungläubigen Lola?«

»Es ist derselbe teuflische Jesuitismus, der aus dem Memorandum spricht,« erklärte Berks. »Bosheit und Ingrimm, in die Form der Religiosität gehüllt.«

»Der Mißbrauch ist nur zu bekannt,« ließ sich der französische Attaché vernehmen, »er ist eine wahre Waffenschmiede und von furchtbarer Gefährlichkeit, wenn Kirche und Staat feindlich einander gegenüberstehen. Bei der Pariser Bluthochzeit haben ebenfalls Wochen vorher die Priester im Beichtstuhl den Beichtenden Bittgebete als Genugtuung auferlegt, daß Gott doch alle Ketzer vertilgen möge.«

Und nun Berks:

»Immer dieselbe Geschichte: die Religion als Deckmantel für destruktiv politische Tendenzen mißbraucht!«

»Aber nun hier? Es handelt sich doch um nichts ? verzeihen Sie, es handelt sich um eine schöne Frau, eine reine Privatsache,« fing der Holländer wieder an. »Ich begreife nicht, was deshalb hierzulande für ein Geschrei gemacht wird; es hat ja doch keinen Sinn.«

»Es hat den Sinn,« verdeutschte Berks, »durch eine künstlich ins Volk getragene Erregung den König in Schrecken zu versetzen und ihm den Willen der Partei aufzuzwingen. Und wenn es geschehen ist, den harmlosen Brand zu löschen und in der Pose der Königsretter dazustehen, der von altersher verläßlichsten und nie versagenden Stützen des Throns!«

»Nu,« fragte belustigt der jüdische Bankier, »brennts schon? Wo brennts denn?«

»Herr v. Stoma hat ganz richtig gefragt, welchen Sinn diese unbegreifliche Demonstration habe,« begann Lola; »sie hat diesen erhabenen Sinn und keinen anderen als ? eine schwache Frau wie eine feindliche Invasionsarmee aus dem Lande zu treiben! Wir Frauen sind nun einmal das unterdrückte Geschlecht.«

Sie fand bereitwillige Lacher, und die ernste Stimmung schlug um.

»Drum hab ich beschlossen,« rief sie übermütig, »den Herren der Schöpfung den Krieg zu erklären und die Frauen zu rächen an euch, an dem ganzen Geschlecht, an den Ministern und allen Männern! Verderben euch allen!«

»Das wollen wir uns alle gern gefallen lassen,« meinte Stabsarzt Curtius und Lolas Leibarzt, »wenn Sie, schönste Dame, nur die eine Art von Rache, die gefürchtetste und grausamste, an uns nicht üben, die uns allerdings in die Flucht schlagen könnte, nämlich, daß Sie alt und häßlich würden ? aber das werden Sie uns gnädigst doch nicht antun.«

Grenzenlos war der Jubel, als der König erschien und die Nachricht vom Ministersturz zum besten gab. In der magnetischen Atmosphäre seiner Freundin und in der Ungezwungenheit ihres Kreises fand er seine Zuversicht und jugendliche Frische wieder zurück, die in diesen Tagen schon ziemlich gelitten hatte.

»Die Morgenröte bricht an,« rief begeistert der Staatsrat v. Berks und schickte sich an, eine feierliche Rede auf den König zu halten. Aber Lola schob ihn beiseite, und in aufwallender Gefühlsregung, der sie unbedenklich gehorchte, umarmte sie den König und küßte ihn, ohne die geringste Rücksicht auf die Anwesenden zu nehmen.

»Nie habe ich an meine Minister ein Begehren gestellt, das sie in Konflikt mit ihren Pflichten bringen könnte,« erklärte der König an diesem Abend, »und trotzdem klagen sie mich vor meinem Volke an.« Und indem er die nachzitternde Erregung niederkämpfte: »Ich kümmere mich nicht um das Memorandum, es ist schon mehr über mich ergangen und das wird auch an mir vorübergehen.«

Berks tat wichtig. »Bedarf wohl keiner Versicherung, Majestät, daß der vergiftete Pfeil auf die Absender zurückgeflogen; das ganze Land ist eine Stimme und verurteilt das Memorandum als ?ein Gemisch härtester Schmähung und weinerlichster Rührung, als Frechheit und Unverschämtheit unter der Maske der Ehrfucht!?«

»Nu also,« sagte der Bankier, »es brennt ja doch nicht, ich habs gleich gesagt!«

»Nein, Gott sei Dank!« erhob Berks die Stimme, »dürfen nicht vergessen: Bayern ? loyales Volk! Treu und wachsam! Zündung versagt! Konnten Minen nicht auffliegen! Hält Pulver trocken für Majestät, nicht gegen

»Wahrhaftig, ich muß die Mäßigung meines tiefgekränkten Königs bewundern!« schmeichelte Lola; »ah, die Minister ?! Der Fall ist unerhört in der Geschichte. Hatte man gewagt, so mit einem Heinrich VIII. zu reden? Oder mit einem Heinrich IV., als er seine geliebte Gabriele besuchte? Oder mit einem Ludwig XIV.? Oder mit einem Friedrich II.?«

»Nein,« gab der König launig zurück; »hieße es aber nicht Lola Montez, sondern Loyola Montez, dann wäre alles in Ordnung gewesen!«

»Die Partei hat sich wieder einmal gezeigt, wie sie stets war!« Berks gab den gestürzten Ministern auch noch diesen Eselstritt.

»Sie büßten es, denn nun sind sie fort.«

Beglückt neigte sich Lola zu dem König; ihr heißer Atem berührte sein Gesicht, als sie flüsterte: »Nun sind sie fort, alle ? und ich? Ich bekomme meine Krone ??«

»Ich hoffe,« lächelte der König, »daß ich in meinem Reich so viel König bin, um es durchsetzen zu können ...«

*

Seiner Zustimmung zum Indigenat hatte es Georg v. Maurer zu danken, daß er vom König mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut wurde. Am 13. Februar 1847 erfolgte die Amtsniederlegung des Ministers v. Abel. Am 24. Februar zeichnete der König die Schreiben zur Ernennung der neuen Minister, die mit dem folgenden ersten März die Führung der Staatsgeschäfte zu übernehmen hatten. G. v. Maurer wird Justizminister, J. B. v. Zenetti Minister des Innern, Freiherr v. zu Rhein Finanzminister, Freiherr v. Hohenhausen Kriegsminister. Das Kabinett sollte vorerst provisorischen Charakter haben. Es war ja auch nur die Brücke, auf der Lola Montez zur Gräfin hinübertanzte. Ministerium der Morgenröte wird es genannt; es ist, als ob der Freiheitsgedanke jener Zeit sich einen neuen schönen Tag erwartete.

Der König wünscht, daß der neue Mann seines Vertrauens bei Lola Montez erscheine; Maurer lehnt es ab. Er erweist dem König zwar den verlangten Dienst, indem er das Indigenatsdekret und Adelspatent mit seiner erforderlichen Gegenzeichnung versieht, aber er bittet zugleich auch, der Dame fremd bleiben zu dürfen. Es wird ihm zwar übel vermerkt, besonders der weibliche Stolz ist verletzt, aber die Empfindlichkeit hat im ersten Rausch der Freude keine Macht.

Lola Montez sah sich trotz aller Stürme, die einst die unstete Tänzerin zu zerschellen drohten, am Ziel.

Sie war nicht mehr Tänzerin, sondern Gräfin.

Anläßlich der Indigenatsablehnung durch das verabschiedete Ministerium ließ ihr der König zum Trost eine Kassette überreichen, darin sich sein Miniaturbild und ein Viertelpfund bayrische Banknoten befanden.

Damals glaubte auch der Intendant der königlichen Privatkasse an den unvermeidlichen Sturz der Verhaßten und weigerte sich, die monatliche Rente auszubezahlen, die ihr der König angewiesen hatte. Auch als Hofballettänzerin empfing sie einen Ruhegehalt aus der Theaterkasse. Der Intendant gebrauchte die Ausrede, daß ohne die Unterschrift des Königs keine Rechnung honoriert werden könne. Arm in Arm mit ihr verfügte sich hierauf der König zum Intendanten und bedeutete ihm, daß Lola Montez ihre Rente auch ohne seine Unterschrift bekommen müsse, worauf sich die Favoritin halb im Scherz, halb im Ernst vor dem Beamten vergewisserte:

»Nicht wahr, Majestät, ich kann also befehlen?«

Der erwartete Sturz hatte indessen wenige Tage später nicht sie, sondern ihre Widersacher begraben, und sie stand hoch oben, höher als je ? und trug als Preis ihres Sieges Krone und Wappen.

Der König selbst hatte das Wappen entworfen, das aus einem gevierteilten Schild bestand: auf rotem Feld ein aufrechtstehendes blankes Schwert mit goldenem Griff, auf blauem Feld ein streitbarer, gekrönter Löwe, auf dem dritten, ebenfalls blauen Feld ein silberner, links gewendeter Delphin, auf weißem Feld eine blaßrote Rose. Das Schwert sollte sie schützen, der gekrönte Löwe bewachen, der Delphin, der den orphischen Sänger trug, war den Musen heilig und trug die Sehnsucht des königlichen Dichters, und die blaßrote Rose auf weißem Feld ?? Sie war das Ziel aller Huldigungen. Auf dem Schild ruhte mit rechts von Blau und Gold, links von Rot und Silber abhangendem Helm eine gräfliche, mit neun Perlen geschmückte Krone.

Wer bis jetzt noch zweifelte, mußte nun daran glauben, daß der König seinen Liebling vor aller Welt auszeichnen und ihm die Ehrerbietung aller Mitmenschen zuwenden wollte. Bürger und Volk sperrten Mund und Augen auf: klingt das alles nicht außerordentlich?

Die neue Gräfin aber jubelte in Übermut, herausfordernder Laune, freudiger Genugtuung:

»Ihr hohen Damen und Herrn, biedere Bayern, deutsches Volk und verehrtes Münchener Publikum, die ihr mein Debüt als Tänzerin nicht gutheißen wolltet ? sollte euch mein Debüt als Gräfin nicht mehr zusagen?«

*

Diesen Ausgang der Ereignisse, die zu ihrer eigenen Niederlage führten, hatte die bisher führende ultramontane Partei nicht erwartet. Die Sprengkraft des Memorandums hatte versagt, sie hatte vielmehr nur zum eigenen Unheil gewirkt: der König hatte sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, das Volk war ruhig geblieben, und was Lola betrifft, so blieb es beim alten, ja, das Verhältnis wurde noch fester und enger, je größer die Anstrengungen waren, daran zu zerren und es zu zerreißen. Trotzdem ruhten die Gegner nicht und schürten im geheimen. Die Standeserhöhung der Tänzerin gab dem glimmenden Brand neue Nahrung. Die Blätter ihrer Richtung fielen mit zynischer Wut über die Sache her, es fand sogar eine Annäherung der Ultramontanen an die radikal-demokratischen Gruppen jener Tage statt, denen damals ja die Schwächung des monarchischen Prinzips besonders erwünscht kam.

Die Fäden hinter der Bühne vereinigte der alte Görres in seiner Hand, dieser Herkules am Spinnrocken der Kirche, der den sanften Tritt des Maultieres dem raschen Schritt des Götterrosses vorzog und mit dem Rosenkranz die Sünden des Radikalismus seiner Jugend abbüßte. Er dirigierte das politische Theater, obzwar er äußerlich ruhig und unbeteiligt schien.

»Die Veröffentlichung des Memorandums können wir nur als Glück ansehen,« erklärte er in dem Kreis, der um ihn versammelt war, »trotzdem man diesen Akt als einen unkonstitutionellen verdammt hat ? allein, was uns wichtiger war: es vertrat Sittlichkeit und Recht, die Wurzel alles sozialen Gebens der Völker, und es wollte diese Sittlichkeit und dieses Recht nicht der Willkür eines sittenlosen Weibes opfern, das die Krone und das Land befleckt.«

Einer der anwesenden gefallenen Minister tat die Äußerung: »Man wird schon sehen, welches Geschmeiß hinter uns noch drein kommt.«

Der Bischof von München-Freising erzählte: »Ein Mann wegen Konkubinat angeklagt, beruft sich zu seiner Rechtfertigung auf das Beispiel des Königs. Habe es an Majestät geschrieben. Man sieht in dem Fall klar, wohin wir treiben.«

Und ein anderer fügte hinzu: »Ja, ja, es regnet Dreck!«

Da nahm wieder Görres das Wort zu einem neuen kriegerischen Vorstoß.

»Der ethische Unwille des Volkes über die Frechheit eines öffentlichen Weibes,« legte er dar, »ist lebendig wie der glimmende Funke unter der Asche; es bedarf nur eines kräftigen Windstoßes, um ihn zur Flamme zu entfachen. Die Hochschule als erste sittliche Korporation hätte die Aufgabe, diesen Unwillen im Volk wach zu erhalten und anzufeuern. Es bedarf einer symbolischen Handlung wie etwa einer Dankadresse an den gestürzten Minister Abel; das Beispiel der Universität müsse die reinigende Wirkung einer Opferflamme haben. Auf also, lasset uns das tiefgebeugte Haupt des edlen Märtyrers mit Lorbeern und unverwelklichen Immortellen umschlingen! Ist er auch gesunken in der Gunst des irdischen Königs, nicht gesunken ist er in der unsrigen, dieweil wir einem Herrn dienen, der über alle Herr ist, treffe uns auch gleich jenem die Ungnade um jenes Götzenweibes willen! Eine solche oder ähnliche öffentliche Erklärung ist, glaube ich, die oberste sittliche Behörde im Staate dem früheren Premierminister schuldig.«

Der Vorschlag fand allseitige Billigung, und Görres Neffe, der Philologie-Professor Lassaulx, betrieb als eifriger Agitator der Adreßangelegenheit die Sache im akademischen Senat. Er stellte dem Professorenkollegium den Antrag:

»Die Hochschule möchte als erste sittliche Korporation im Staat dem früheren Minister, der für die Sittlichkeit eingetreten, ihre Anerkennung zollen.«

Der Theologe Döllinger warnte davor, die Sache auf die Spitze zu treiben; man möge Herrn v. Abel doch für seine Verdienste um die Hochschule den Dank aussprechen.

Professor v. Phillips, der Prinzenerzieher im königlichen Hause, der Jurist, Professor Dr. v. Moy und der Historiker, Professor Dr. Höfler standen zwar, um den Schein zu wahren, auf der Seite Döllingers, ließen aber nicht verkennen, daß ihre größeren Sympathien bei dem Antrag des Lassaulx wären. Nur Professor Zuccarini warf ein, daß Minister v. Abel für die Pflege der Wissenschaften so viel wie gar nichts getan habe. Nun war der Zwiespalt erregt, und die Professoren fuhren aufeinander los. Durch den Rektor Weißbrot kam die Sache dem König zu Ohren.

»Es heißt mit anderen Worten, daß die Professoren eine Rebellion machen und die Studenten gegen mich hetzen wollen,« äußerte der König und verfügte sofort eine Gegenmaßregel.

Am 28. Februar wurden die Vorlesungen des Professor Lassaulx untersagt, und dasselbe Verbot hatten auch die anderen Professoren zu gewärtigen, die Ludwig einst als Stützen des Glaubens nach München gezogen hatte: Moy, Döllinger, Sepp, Phillips usw., im ganzen neun Professoren von streng ultramontaner Gesinnung, die zu ihrer Partei gehalten hatten. Die Absetzungsorder stützte sich auf den § 19 Abs. 2 der Beil. IX zur Verfassungsurkunde. »Man hält es für verderblich, wenn öffentliche Vorlesungen von Professoren gehalten werden, die einem entgegengesetzten System huldigen.« Nur vor Joseph v. Görres, der sechsten Großmacht, der Napoleon bereits seine Verneigung gemacht hatte, hielt der königliche Zorn merkwürdigerweise inne:

»Ach, diesem alten Mann will ich das Leid nicht antun!«

So groß war der Nimbus des alten Löwen, daß der erzürnte König sich scheute, ihn, dessen Seele Purpur zu tragen schien, zu treffen.


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