Auerswald und Lichnowsky.

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Inhalt.

Seite
Einleitung1
Die Untersuchung in Frankfurt a. M.14
Die Vorfälle des 18. Sept. 184818
Die Tödtung des Generals von Auerswald29
Die Tödtung des Fürsten Lichnowsky43
Rechtliche Würdigung. Gesammtansicht über das begangene Verbrechen59
Die einzelnen Angeklagten.
     Philipp Rückert108
     Henriette Zobel145
     Georg Andreas Nispel203
Anmerkungen (Wikisource)
  1. ? Scan der Seite 289 ist leider unbrauchbar: BSB München.

Einleitung.

Soweit in so vielen Beziehungen das Jahr 1848 hinter uns zu liegen und fast in den Nebel der Sage zu verschwimmen scheint, so sind doch gewiß die Vorfälle des 18. Sept., welche sich an die Namen Auerswald und Lichnowsky knüpfen, noch in Jedermanns lebhaftem Gedächtnisse.

Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens und tiefster sittlicher Empörung gieng damals durch alle Gauen des Vaterlandes und weit über dessen Grenzen hinaus. Ja es gab wohlgesinnte Menschen, welche die grauenhafte Thatsache gar nicht für möglich hielten. Der Verfasser dieser Schrift kam am 19. Sept. 1848 Abends in der Göthe-Schiller-Stadt an und vernahm von einem eben aus Frankfurt angelangten Postbeamten die blutige Kunde; allein er gab sie in einem auserlesenen Kreise, worin es ihm vergönnt war, den Abend zuzubringen, ohne allen Erfolg preis; man lächelte ihn ungläubig an und sprach in sorgloser Anmuth weiter über Göthische Frauenbilder, Auerbachische Dorfgeschichten und Lisztische Entwürfe.

Freilich dachte der Verfasser damals und einige Wochen später, als er sich in Frankfurt die Stätte des gräßlichen Ereignisses zeigen ließ, selbst nicht entfernt daran, daß er vier Jahre später dazu berufen werden könnte, über Theilnehmer an jenem Verbrechen seine Stimme als Rechtsgelehrter abzugeben. Es geschah dies aber, als im Sommer v. J. das Appellationsgericht der freien Stadt Frankfurt a. M. die Untersuchungsakten in dieser Sache an das Tübinger Spruchkollegium behufs der Abfassung des Urtheils übersandte und die Berichterstattung dem Verfasser übertragen wurde.

Obwohl die Arbeit bei dem großen Umfang der Akten ebenso mühselig als zeitraubend war, so unterzog er sich derselben doch mit Vergnügen, weil sie einen Fall betraf, der nicht nur die Erörterung der wichtigsten rechtlichen Fragen (besonders in Beziehung auf Urheberschaft, Theilnahme, Komplott etc. etc.) im Keime enthielt, sondern auch über den Kreis des specifisch-rechtlichen Interesses hinaus die merkwürdigsten Einblicke in eine Reihe von andern die allgemein menschliche Theilnahme in Anspruch nehmenden Verhältnissen versprach.

Die Erwartung wurde denn auch keineswegs enttäuscht, eher übertroffen. Und eben dieß wurde die Veranlassung zu dem Entschlusse, eine Bearbeitung des Falls zu versuchen, welche nicht nur dem Juristen, sondern jedem Gebildeten überhaupt von Interesse sein könnte, wozu denn auch das h. Appellationsgericht zu Frankfurt seine Genehmigung mit dankenswerthester Zuvorkommenheit ertheilt hat.

Was zuvörderst die Rechtsgelehrten (Theoretiker und Praktiker) betrifft, so braucht für sie das besondere Interesse eines so vielseitig wichtigen, die schwierigsten Probleme der Wissenschaft beleuchtenden Kriminalfalls nicht erst näher auseinander gesetzt zu werden. Dagegen scheint es am Platz, auf einen besondern Umstand aufmerksam zu machen.

Es sind bis jetzt zwei literarische Bearbeitungen des fraglichen Falls vorhanden, die jedoch die vorliegende keineswegs überflüssig, sondern eher zum dringenden Bedürfnisse zu machen geeignet sind, ? auch ganz abgesehen davon, daß sie jedenfalls von den hier auf der Angeklagtenbank vorzuführenden merkwürdigen Persönlichkeiten keine Notiz nehmen und keine Notiz nehmen konnten.

Die eine davon ist ein einfacher Abdruck des bei der Verhandlung vor dem Schwurgerichtshof in Hanau im April 1850 von dem Präsidenten Zuschlag gegebenen Resumés (Gerichtssaal, 1851, Novemb. Beil. Heft). Gewiß wird jeder, der die Untersuchungsakten durchzusehen Gelegenheit hatte, den Fleiß, die Gründlichkeit, die Umsicht und die Gewandtheit hochzuschätzen wissen, womit dieses Resumé ausgearbeitet ist. So viel aber auch der Kundige darin zwischen den Zeilen lesen kann, so wenig kann es doch seinem ganzen Zwecke nach genügen, eine vollständige Anschauung des gesammten Vorfalls zu gewähren, und aus den mitgetheilten Fragen, wie sie an die Geschworenen zu Hanau gestellt wurden, wird selbst der Jurist oft nur mit Mühe die rechtliche Ansicht des Schwurgerichtshofs selbst sich zu entziffern im Stande sein.

Die andre findet sich in den: Bemerkenswerthen Entscheidungen der Kriminalkammer des Ober-Appellationsgerichts zu Kassel, herausgegeben von Heuser, Bd. Vl. H. 1, unter dem Titel: ?Die Ermordung der Reichstagsabgeordneten General v. Auerswald und Fürsten Lichnowsky zu Frankfurt a. M., zugleich als Beitrag zu der strafrechtlichen Lehre vom Komplott, nach den Akten beider Instanzen, sowie nach andern Quellen bearbeitet.? ? Dieselbe macht dem Titel nach, wie man sieht, den Anspruch für eine erschöpfende, zum Mindesten befriedigende, faktische und rechtliche Darstellung des Falls, ja sogar noch für etwas mehr zu gelten. Es werden jedoch wohl auch mäßige Erwartungen durch das Geleistete kaum ganz befriedigt werden. Abgesehen nämlich von dem ?Beitrag zur Lehre vom Komplott,? der nur in dem Vortrage des Referenten beim Ober-Appellationsgerichte zu Kassel zu finden ist und hier ? was auch gar nicht zu fordern war ? auf keinerlei Selbständigkeit irgend einen Anspruch macht, ? ist die Darstellung des thatsächlichen Hergangs weder vollständig, noch genau, und dazu sehr ungleich, indem Nebensachen weit ausgeführt, Hauptsachen dagegen mit zwei Worten abgethan oder ganz übergangen werden. Die Darstellung folgt meist wörtlich dem Hauptberichte des peinlichen Verhöramts in Frankfurt, welcher, seinem Zwecke gemäß, schnell gefertigt wurde und keineswegs überall sein Material kritisch gesichtet hat. Namentlich ist hinsichtlich der Angeschuldigten Henriette Zobel die fragliche Darstellung nicht blos oberflächlich, sondern sogar leichtfertig und willkührlich. Den Hauptinhalt des Schriftchens bildet ein aus den Correspondenzen der Frankf. Ob.-Postamtszeitung, der deutschen und der Hanauer Zeitung zusammengesetzter Bericht über die Verhandlungen vor dem Schwurgerichte zu Hanau, welcher zwar manche interessante Einzelheiten gibt, übrigens schon der Art seiner Entstehung gemäß durchaus fragmentarisch und eben im Kern der Sache lückenhaft ist. Von wirklichem Werth ist daher im Grunde nur die Mittheilung des Verweisungserkenntnisses, der an die Geschwornen gestellten Fragen, des auf den Wahrspruch gebauten Erkenntnisses, sowie des Erkenntnisses in der Kassationsinstanz mit seinen Entscheidungsgründen.

Wäre aber auch der letztgedachten Arbeit mehr Gehalt nachzurühmen, als ihr in der That nachgerühmt werden kann, so liegt es doch in der Natur der Sache, daß beide Darstellungen als wesentlich nur auf die mündlichen Verhandlungen vor Geschwornen (beziehungsweise, wie die letztere, vornämlich auf die Reden der Partheivertreter) gebaut, nicht in der Lage waren, das faktische und noch weniger das rechtliche Material vollständig mitzutheilen. Dazu kommt noch überdieß, daß die Verhandlungen in Hanau mehrfach durch sehr beklagenswerthe unlautere Einflüsse getrübt waren, welche dem Zweck der Ermittlung der Wahrheit empfindlich hemmend in den Weg traten. Endlich zeigt ein Blick auf das zu Hanau gefällte Enderkenntniß, daß die Geschwornen über mehrere der wichtigsten, hier einschlagenden, rechtlichen Begriffe, z. B. den des Komplotts, den Unterschied von Mord und Todtschlag etc. etc., keineswegs genügend unterrichtet oder wenigstens gehörig sicher waren.

In mehr als Einer Beziehung wird daher den Rechtsgelehrten eine auf wiederholte gewissenhafte Durchforschung der Akten gegründete Darstellung des Falls willkommen erscheinen.

Es liegt jedoch, wie gesagt, hier ein Fall vor, der keineswegs blos ein juristisches Interesse darbietet, vielmehr in verschiedenen Rücksichten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vor vielen andern geeignet ist, ? ein Fall, der nach dem Ausdrucke des Präsidenten Zuschlag ?an hoher Wichtigkeit nicht leicht von einem andern wird übertroffen werden, auf dessen Ausgang die Augen der ganzen gebildeten Welt mit gespannter Aufmerksamkeit gerichtet sind, dessen Gegenstand der allgemeinen Weltgeschichte angehört.?

In der That sind es nicht blos die vielen näheren oder entfernteren Freunde der beiden hervorragenden, als Schlachtopfer blinder Wuth gefallenen Männer, welche berufen sind, einer getreuen Darstellung des vorliegenden Falls ihre Theilnahme zuzuwenden.

Die Vorfälle des 18. Sept. in ihrer Verkettung mit der Genehmigung des Waffenstillstandes von Malmö, der Volksversammlung auf der Pfingstwaide, dem Barrikadenkampf in Frankfurt etc. etc. gehören der Geschichte, insbesondere der Geschichte des deutschen Parlaments an. Sie bilden eine sehr wesentliche Parthie in dem Gesammtbilde der deutschen Erhebung im Jahr 1848. Sie sind die dunkle, die blutigschmutzige Folie der idealistischen Schwärmerei, des poetischen Rausches, der glänzenden Begeisterung, welche die edleren Gemüther ergriffen, aber freilich sich sehr unpraktisch gezeigt hatten.

Wenn damals der intelligente und gebildete Theil der Nation eine in der Geschichte beispiellose praktische Unfähigkeit an den Tag legte und damit bewies, daß der aus Westen gekommene Sturm die Besten im Volke unvorbereitet und in politischer Bildung unreif angetroffen hatte, ? war es zu verwundern, wenn die Hefe des Volks in dem Augenblicke, wo ein böser Dämon sie auf die Bühne stürmen ließ, eine fast fabelhafte Rohheit und Dummheit in dieser Beziehung zu erkennen gab? Die folgende Darstellung wird die aktenmäßigen Belege dafür liefern, bis zu welcher Höhe sich die Begriffsverwirrung in der unteren Schichte der Gesellschaft erhob, welche Gemüthsrohheit, welche Barbarei der Sitten bei so Vielen an den Tag kam, welch viehischblinder Zerstörungstrieb, zum Theil in grausenhaft possirlicher Ausdrucksweise, sich aus der aufgehetzten Masse entlud.

Dieses Nachtstück des deutschen Gesellschaftslebens ist sehr werth, von jedem angeschaut und beherzigt zu werden, dem es um die Erhaltung und Förderung der kostbarsten Güter des gemeinschaftlichen Daseins zu thun ist. Er möge sich überzeugen, daß es nichts hilft, vor gewissen furchtbaren Wahrheiten die Augen zu verschließen! Er möge einsehen, daß wir auf der Asche eines Vulkans wandeln, unter welcher die glühende Lava immer wieder hervorbrechen kann! Es sind nicht Betrachtungen und Phantasieen, die hier vorgeführt werden, sondern Thatsachen, ? nackte wirkliche Thatsachen, welche wiederkehren können und wiederkehren müssen, so lang man nicht dazu thut, ihnen durch das einzig geeignete Mittel vorzubauen, ? durch wahre (vom Aether der Humanität durchleuchtete) Volksbildung.

Vor den Gerichten, welche den vorliegenden Fall zu untersuchen hatten, sind eine Menge von gesellschaftlich niedrig gestellten Personen aufgetreten, deren Aussagen auf?s Unzweideutigste erkennen lassen, daß sie ruhige und gutmüthige Menschen waren, daß sie aber, als der Versucher an sie heran kam, der Verstandes- und Charakterbildung ermangelten, welche sie allein widerstandsfähig gemacht haben würde. Es handelt sich aber nicht blos um religiöse Bildung, vollends nicht um einseitige, auf Kosten der edelsten Fähigkeiten des Menschen einexerzirte. Es handelt sich um eine Bildung, deren Grund und Ziel die Freiheit ist. Denn nur diese vermag einen Charakter zu zeitigen und die einzig zuverläßige Beschränkung zu lehren, ? die Selbstbeschränkung.

Verweigert man den untern Klassen die Möglichkeit solcher Bildung, macht man sie mit Absicht und Plan zur Hefe der Gesellschaft, so muß man sich auch nicht wundern, wenn sie in der Stunde der Gefahr die Barbarei hervorkehren, zu welcher die Verblendung sie verdammt hat.

Die Akten im vorliegenden Fall zeigen, daß um jene Zeit in der Umgegend von Frankfurt ein System republikanischer und kommunistischer Wühlerei mit wahrer Virtuosität betrieben wurde; sie zeigen aber auch, daß eben nur die politische Stockblindheit, die gänzliche Ungeübtheit und Fremdheit in den öffentlichen Angelegenheiten, die absolute Erziehungslosigkeit in diesem Elemente der fette Boden war, worin jene Wühlerei gedeihen und üppig wuchern konnte. Man kann nun wohl einzelnen Wühlern das Handwerk legen, man kann sie rudelweise abfangen und in?s Stockhaus sperren. Aber, so lang man eben nur chirurgisch, nicht medicinisch verfährt, wird man nie verhindern, daß nicht immer neue Wühler auferstehen, und am wenigsten wird man verhindern, daß nicht jener der geschicktesten und durchtriebensten Polizei unfaßbare, unsichtbare, geheime Wühlgeist, jener hic et ubique (nach Shakespears Ausdruck) als Maulwurf unter dem Boden grabe. Hat man dann aber das Volk nicht an bessere Nahrung gewöhnt, so wird man es nicht andere als natürlich finden müssen, wenn es an den Träbern, die ihm vorgesetzt werden, Geschmack findet und in dem Branntweinrausch, der ihm angehängt wird, Thaten vollführt, von denen man nicht sagen kann, ob sie mehr Eckel oder Grausen erregen.

Daß mit diesen Bemerkungen das vorliegende Verbrechen nicht beschönigt werden soll, versteht sich so von selbst, daß kaum ein Wort darüber verloren zu werden braucht. Die nachfolgende Ausführung wird zur Genüge zeigen, wie sehr der Verfasser bemüht war, die Grenze der rechtlichen Zurechnung auf?s Gewissenhafteste einzuhalten. Allein es wird gleichwohl gestattet sein, dieselben Personen, welche man die unbestechliche Wage des Rechts in der Hand verdammen muß, menschlich zu beklagen und auf die Mittel hinzuweisen, welche dazu dienen können, die Wiederkehr ähnlicher Wuthausbrüche einer verwahrlosten Menschenklasse zu verhindern.

Uebrigens wird der Leser finden, daß der Zufall auf der hier zu beschreibenden Angeklagtenbank eine eigenthümliche Trias von Individuen zusammengewürfelt hat.

Wir sehen da einen Mann, der als wackerer Bürger, als geschickter und thätiger Arbeiter, als guter Familienvater geschildert wird. An ihm ist nichts Pöbelhaftes, nichts Bübisches, nichts Frivoles; er ist mit Burschen, wie der sog. Berliner oder gar der Schneider Ludwig u. A., die in Hanau vor Gericht standen, nicht zu vergleichen. Er ist nicht ohne eine gewisse Bildung, er hat die Welt gesehen, er hat Manieren und weiß sich auszudrücken. Sein Wesen ist verschlossen. Er fühlt sich, freilich im Uebermaß; sein Pathos streift an?s Lächerliche. Er verabscheut das Bübische und Gemeine, das Brutale und Henkermäßige, was an dieser That klebt. Ihn hat der Teufel des Hochmuths verführt; er hat eine Rolle als Volksführer spielen wollen, und eine klägliche Begriffsverwirrung, ein gänzlicher Mangel an politischer Elementarbildung hat ihn seinen Lorbeer auf dem blutgedüngten Felde des Verbrechens suchen lassen.

Neben ihm sitzt eine Frau, deren früheres Leben ohne Vorwurf ist, die sich unter ungünstigen Umständen mit ihrem Manne redlich durchgebracht hat und es sich im Schweiße ihres Angesichts hat sauer werden lassen. Sie wird als verträglich, nachgiebig, sanft, ja als besonders sanft geschildert; sie habe kein Thier leiden sehen können, hab ganz still und eingezogen gelebt, habe Abende hindurch mit ihrem Manne musizirt etc. etc. Aber jene Zeit, die so Viele aus ihrem Gleise schleuderte, hat auch diese Frau aus der dem Weibe geziemenden Bahn gerückt. Sie hat in der Paulskirche gesessen, hat auf Zitz und Genossen gehorcht, hat Politik getrieben. Die Ungunst der Zeitverhältnisse schmälerte den Erwerb ihres als Notenlithographen von der Blüthe des Kunstlebens abhängigen Mannes und bedrohte sie mit völliger Nahrungslosigkeit, während zugleich ein ungerechter Prozeß, in welchem sie sehr chikanös behandelt wurde, gerade in jenen Tagen sie in Gefahr setzte, ihr letztes sauer Erworbenes zu verlieren. Sie sog aus der Politik, wie sie ihr zugänglich wurde, das Gift des Hasses gegen die Wohlhabenden, der Wuth gegen die Vornehmen, die Besitzenden, gegen Alle, die sie im Verdachte hatte, daß die Noth und der Ruin des Volks ihnen in die Schuhe zu schieben sei. So gestimmt hätte sie wohl auch die brennende Fackel in einen Pallast geworfen. Als ihr denn aber ein Dämon jene beiden so unzeitig spazieren reitenden vornehmen Herrn vorüberführte, da quoll es glühend in ihr auf. Sie wollte das Volk rächen, als Würgengel ihm voranschreiten, und es wurde das Wort des Dichters an ihr wahr:

Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;

 

Noch zuckend mit des Panthers Zähnen
Zerreißen sie des Feindes Herz.

Sonderbar genug nimmt sich neben diesen beiden Angeklagten der dritte aus. Dieser hat nie Politik getrieben; er weiß nichts vom Parlament, bekümmert sich nicht um die Leiden und Fieberkrisen des Gesellschaftslebens. Die Schneiderboutique und das Wirthshaus sind seine Welt. Er ist auch in der weiten Welt herum gewesen, hat aber nicht viel profitirt; noch immer ist er Geselle, ein guter, ziemlich fleißiger Arbeiter, dem man nichts Unrechtes nachzusagen weiß, als etwa, daß er das Spiel liebe. Uebrigens ist er gesetzten Wesens; Niemand sucht etwas Außerordentliches hinter ihm, weder im Guten, noch im Bösen. Er erscheint als der reine normale Schneidergeselle. Für ihn war der 18. Sept. kein Tag des Volkskampfs, der Barrikaden, der großen Ereignisse. Ihm war er lediglich der blaue Montag, der süße blaue Montag, der Tag ? nicht des Waffenstillstandes von Malmö, sondern des Nadelstillstandes in der Werkstatt des Meisters Trinkmann zu Homburg v. d. Höhe, der Tag, an dem man mit guten Kameraden nach Frankfurt trollen, von Kneipe zu Kneipe ziehen, fremdes Militär sehen, harmlose Abenteuer auf den Straßen bestehen, und immer wieder zum Aeppelwein zurückkehren konnte. Aber dieser blaue Montag sollte nicht wie andere ablaufen. Man sah Barrikaden bauen, man hörte Kanonen donnern, ? es war nicht mehr geheuer in Frankfurt. Die Schneidergesellen suchten das Weite. Auf der Promenade führt ihnen der Zufall die auffallenden Reiter in den Weg, die gerade an unsern Mann die Frage richten, welche sie der Menge als Spione verdächtig macht. Nach einer Weile sprengen die Reiter wieder mit verhängten Zügeln von andrer Seite daher, und die lawinenartig anwachsende Verfolgung beginnt. Sie nimmt die Schneidergesellen mit sich. Da kommt es dem Unsrigen, daß er sich wichtig machen könne. Er borgt ein altes Gewehr ohne Hahn, mit dem er wenigstens paradiren kann; er tritt über die verhängnißvolle Gartenschwelle und mischt sich unter die Rotte, der Gedankenlose unter die Wissenden und Wollenden. Alsbald nimmt er den ihm gebührenden Rang ein: bedientenhaft ordnet er sich den Führern unter, empfängt ihre Befehle und führt sie aus. Er entdeckt den einen der Versteckten, überläßt es aber Andern, ihn zu ?arretiren.? Er geht nur eskortirend neben her und, ehe es zur Katastrophe kommt, führt er abermals eine ?Ordre? aus, die nämlich: den Paletot und Hut des arretirten Mannes herbeizuschaffen, worauf er alsbald mit dem Rock, sowie sein Kamerad mit dem Hut, in aller Stille davon geht.

Man sieht daher, daß es der folgenden Darstellung auch nicht an psychologischem Interesse fehlt, das der Kenner zu würdigen wissen wird.

In der Form der Darstellung ist die Ordnung des juristischen Vortrags beibehalten, weil diese wesentlich auf dem Gesetze beruht, die Thatsachen reden und ihre Consequenzen aus sich selbst entwickeln zu lassen. Zwar hat sich früher und neuerdings bei derlei Stoffen eine gewisse Zwitterart zwischen juristischer und novellistischer Darstellung mehrfach beliebt zu machen gewußt. Dem Verfasser ist aber diese Sorte von Mittheilung von jeher nicht viel besser oder vielmehr ? um ganz aufrichtig zu sein ? weit schlechter vorgekommen, als jene bekannte Weise, in welcher Mordthaten auf den Jahrmärkten nach der Drehorgel abgesungen zu werden pflegen.

Es handelt sich hier nicht um Futter für Boudoirs und Leihbibliotheken, sondern um eine sehr ernste Sache, die es vor andern verdient, der Oeffentlichkeit übergeben und dem deutschen Volke als einem großartigen Schwurgerichte vorgeführt zu werden.

Die Untersuchung in Frankfurt a. M.

Obwohl die Vorfälle, von denen es sich im Folgenden handelt, sich noch am hellen Tage und im Beisein einer Menge von Zuschauern ereignet hatten, so lieferte doch das Zeugenverhör vom 19. bis zum 23. Sept. kein Material, um gegen bestimmte Personen als verdächtig einschreiten zu können. Erst am 20/22. Sept. erfolgten verschiedene vertrauliche Mittheilungen, welche eine Reihe von Personen der Thäterschaft verdächtigten und gerichtliches Vorschreiten gegen dieselben veranlaßten. Allein diese Schritte blieben vorerst ohne Erfolg. Fast alle Verdächtigten waren flüchtig und die durch Vermittlung des Reichs-Justizministeriums wiederholt versuchten Bemühungen, die Auslieferung der in Frankreich Verhafteten zu erwirken, hatten die gewünschte Wirkung vorerst nicht.

Leider gelang es nicht, vom Reichs-Justizministerium die Verfügung einer Vereinigung der gesammten Untersuchung in Einem Centrum zu erwirken. Denn bereits waren neben der in Frankfurt begonnenen weitere Untersuchungen anhängig geworden: bei dem kurfürstl. hess. Justizamt Bockenheim, ? bei dem großherz. hess. Landgericht Rödelheim, bei dem großherz. hess. Landgericht Offenbach, ? und bei dem herz. nassauischen Kriminalgericht Wiesbaden. Indessen hat von allen diesen Untersuchungen nur die in Kurhessen eröffnete zu einem Resultate geführt, indem sie in einem Erkenntniß des Schwurgerichtshofs zu Hanau dd. 27. April 1850 (vgl. das Urtheil der Kriminalkammer des O. A. Ger. zu Kassel dd. 10. Aug. 1850) sich abschloß.

Die Frankfurter Untersuchung wurde im März 1849 in einem Hauptberichte abgeschlossen, dem jedoch kein Endurtheil folgte. Eben damals schien sich nämlich die Hoffnung verwirklichen zu wollen, daß die bisher vergeblich betriebene Auslieferung der flüchtigen Hauptverdächtigen seitens der französischen Regierung endlich zu Stande kommen würde. Vom Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris wurde die Auslieferung von 9 Personen unter dem 29. Juni ausdrücklich zugesagt. Allein die Sache zerschlug sich abermals; denn aus einer Mittheilung gedachten Ministeriums vom 12. Juli gieng hervor, daß vier von den genannten Personen noch gar nicht verhaftet, die fünf übrigen in Verdun verhaftet Gewesenen aber aus dem Gefängnisse entsprungen und wahrscheinlich nach Belgien entkommen seien.

Mittlerweile war das peinliche Verhöramt in Frankfurt vornämlich nur mit der Erledigung von Requisitionen in der in Kurhessen im Gang befindlichen Untersuchung beschäftigt.

Erst am 3. Juni 1850 gelang es einer Mittheilung des kurhessischen Staats-Prokurators zu Hanau, die Thätigkeit der Frankfurter Gerichte wieder anzuregen.

Es war nämlich unterdessen in Kurhessen eine neue Untersuchung wegen Theilnahme an der Ermordung von Auerswald und Lichnowsky anhängig geworden, und das hiemit beschäftigte Gericht hatte durch Vermittlung der preußischen Gesandtschaft in London ein auf die Erzählungen des flüchtigen Aug. Escherich gegründetes, interessantes Zeugniß eines in London sich aufhaltenden deutschen Sprachlehrers erhalten, welches neues Licht auf die Sache warf und über den Aufenthaltsort einiger seit 1848 steckbrieflich Verfolgten Aufschluß gab.

Auch hatte schon am 25. Nov. 1849 das peinliche Verhöramt in Erfahrung gebracht, daß ein Hauptverdächtiger, G. A. Nispel, sich in Paris aufhalte, und diplomatische Verwendung behufs der Erwirkung seiner Auslieferung nachgesucht. Zwar zeigten dießmal die französischen Behörden größere Dienstfertigkeit, als früher. Gleichwohl kam derselbe erst am 1. Aug. in Frankfurt an. Die Untersuchung gegen ihn dauerte bis zum 25. März 1851.

Von hier an bis zum September, resp. November 1851 zeigen aber die Akten abermals eine Periode von auffallender Stagnation, die sich nur durch die fortdauernde Unsicherheit über das Maß der auch in Frankfurt eingeleiteten Justizreform, namentlich über die Einführung der Schwurgerichte erklärt. Erst im Sept. 1851 scheint das Appellationsgericht auf den Gedanken gekommen zu sein, den seit 4 Jahren verhafteten Angeklagten Henr. Zobel und Ph. Rückert den Vorschlag zu machen, ob sie etwa ? mit Verzicht auf schwurgerichtliche Verhandlung ? ?die alsbaldige Fortsetzung (?) und Beendigung der gegen sie eingeleiteten strafgerichtlichen Verhandlung nach dem dermalen gesetzlich geltenden Strafverfahren für sich in Anspruch zu nehmen gemeint sein und ihren Antrag hierauf richten möchten,? welchenfalls ihnen die Zulassung formeller Defension unter Gewährung von Akteneinsicht und sofortige Entscheidung mittelst Aktenversendung in Aussicht gestellt wurde. Dem Angeklagten Nispel wurde derselbe Vorschlag erst im Nov. 1851 gemacht. Allein auch für die erstgenannten Angeklagten kam es erst am 31. Okt. und 8. Nov. zur wirklichen Vollziehung der betreffenden Anordnung, infolge deren die formelle Vertheidigung der drei Angeklagten zu den Akten gebracht und die Versendung der Akten an das Spruchkollegium in Tübingen beliebt wurde.

Die Vorfälle des 18. September 1848.

Fragt man zunächst nach den entfernteren Veranlassungen der in Rede stehenden Ereignisse, so ist sogleich als charakteristisch hervorzuheben, daß wir es hier zwar keineswegs mit einem sogenannten politischen Verbrechen im eigentlichen Sinne zu thun haben, daß aber gleichwohl die verbrecherischen Vorgänge, von denen es sich handelt, ohne Anknüpfung an die damaligen politischen Ereignisse in Deutschland und in Frankfurt insbesondere nicht erklärlich sind.

Schon am Abend des 16. Sept. 1848 hatten in Folge der Genehmigung des Waffenstillstands von Malmö durch die National-Versammlung Tumulte in Frankfurt begonnen, denen eine feindselige Tendenz gegen die rechte Seite jener Versammlung zu Grunde lag.

Die bekannte Volksversammlung auf der Pfingstwaide, welche Sonntag den 17. Sept. darauf folgte, steigerte die Erhitzung der Gemüther bei der Masse in dem Grade, daß das Reichsministerium sich veranlaßt sah, noch in der Nacht östreichische und preußische Truppen von Mainz heranzuziehen.

Auf der Pfingstwaide war beschlossen worden, daß die Majorität der National-Versammlung für Verräther des deutschen Volks, der deutschen Freiheit und Ehre erklärt werde und daß eine Deputation diesen Beschluß Montags den 18. Sept. der National-Versammlung mittheilen solle.

Von den herbeigerufenen Truppen wurde am 18. Sept. die Umgegend der Paulskirche besetzt. Gleichwohl gelang es einem Theile der Volksmenge, welche vor derselben stand, während der Sitzung der National-Versammlung in das Gebäude einzudringen. Da nun preußisches Militär mit gefälltem Bajonette gegen die nachdrängenden Massen vorrückte, so kam es infolge der Verwundung eines Manns aus dem Volke durch einen Bajonettstich zum thätlichen Ausbruch der Erbitterung gegen das Militär, namentlich das preußische. Man fing an Barrikaden zu bauen, und der Straßenkampf begann.

Am Abend vorher hatte im Gräber?schen Lokale in Frankfurt auch noch eine Versammlung von Deputirten verschiedener demokratischer und Turnvereine stattgefunden, worin (unter wüthenden Reden gegen die Rechte) beschlossen wurde, daß am 18. große bewaffnete Volksversammlung auf dem Roßmarkte sein sollte.

Hiemit in nächstem Zusammenhange stand ein unter Leitung des Schusters Daniel Georg unternommener bewaffneter Auszug aus dem benachbarten Orte Ginnheim.

Ein Zug von etwa 20 Mann, mit Piken und Schießgewehren versehen, marschirte nach Bockenheim, um vereinigt mit den dortigen Einwohnern nach Frankfurt zu ziehen. Um 1 Uhr Mittags wurde denn auch in Bockenheim Allarm geblasen, überdieß aber das Rathhaus erstürmt und der daselbst verwahrte Vorrath von Waffen geplündert.

Den Ginnheimern schloßen sich sofort Bockenheimer Einwohner, theils mit Schießgewehren, theils mit Sensen bewaffnet, an, und etwa um 2 Uhr marschirte der ganze Zug, 80?100 Mann stark, mit einer Fahne versehen, gegen Frankfurt zu. Da die zur Rekognition Vorausgeschickten die Nachricht brachten, daß es unmöglich sei in die Stadt zu kommen, so beschloß man auf die Pfingstwaide zu marschiren, wo man sich mit Zuzüglern aus Hanau zu vereinigen hoffte.

Der Zug nahm deßhalb seinen Weg durch die Gärten vor der Stadt und war eben in der sog. eisernen Hand *) gegen die Friedberger Chaussee zu vorgerückt, als sich der Ruf erhob: die Preußen kommen, worauf der Zug auseinanderstob und die Einzelnen flohen oder sich in den naheliegenden Häusern und Gärten versteckten. Jener Ruf war indessen ein blinder Lärm gewesen, daher ein Theil des Zugs sich bald wieder sammelte und an der Einmündung der eisernen Hand in die Friedberger Chaussee in verschiedenen Trupps aufstellte. Allen Anzeichen nach geschah dieß gerade in demselben Momente, als die beiden Abgeordneten, deren Verfolgung bereits begonnen hatte, von der Bornheimer Haide her gegen die Friedberger Chaussee zugesprengt kamen.

Was nun den Ausritt der beiden Abgeordneten betrifft, so hatte er nach Allem, was darüber erhoben wurde, keine politische Bedeutung, erhielt vielmehr nur den Schein einer solchen durch ein unglückliches Zusammentreffen von Verhältnissen verschiedener Art.

Der Fürst Lichnowsky hatte am Vormittag der Sitzung der National-Versammlung angewohnt und war bei seinem Heraustreten aus der Paulskirche von dem dort versammelten Volke mit Zischen empfangen und begleitet worden, so daß er (in Begleitung des Zeugen dieses Vorfalls, des Fürsten Felix v. Hohenlohe) es für gerathen fand, eine Droschke zu nehmen, um den Wirkungen der Demonstration zu entkommen.

Nach der Aussage desselben Zeugen hatte der Fürst in Erfahrung gebracht, daß gegen ihn, Gagern und Hekscher (?) ein Handstreich im Werk sei, deßhalb auch am Morgen des 18. Sept. von Frankfurt abzureisen beschlossen, diesen Beschluß jedoch aus dem Grunde wieder aufgegeben, weil es nicht ehrenhaft erscheine, im Augenblicke der Gefahr das Weite zu suchen.

Zwischen 3/4 Uhr Nachmittags begegnete der Fürst vom englischen Hofe kommend, in der Gegend der Hauptwache dem General v. Auerswald und forderte ihn auf, mit ihm einen Spazierritt zu machen, welchen Vorschlag jedoch der Letztere nicht sofort günstig aufgenommen zu haben scheint.

Wenigstens erschien um diese Zeit der Fürst allein bei dem Obersten v. Meyern auf der Hauptwache und bat ihn um ein Pferd, damit er den an der Bockenheimer Chaussee wohnenden Reichsverweser von einer durch die Linke der National-Versammlung beabsichtigten Sturmpetition benachrichtigen könne. Er erhielt auch ein Pferd und ritt darauf dem Eschenheimer Thore zu, wohin ihm gleich darauf General Auerswald, der sich schnell eines Andern besonnen zu haben scheint, nachfolgte.

Jedenfalls wurden beide bald hernach zu Pferd auf der Promenade in der Richtung vom Eschenheimer zum Friedberger Thore hin gesehen.

Am Friedberger Thore hatte sich eine ansehnliche Zahl von Menschen versammelt, worunter einige Bewaffnete waren. Der Fürst ritt nach dem Thore und erkundigte sich nach dem Wege, den eine kurz zuvor vorbeimarschirte Abtheilung preußischer Truppen eingeschlagen habe, worauf er nach dem Allerheiligenthore hin gewiesen wurde. Während er nun eben sich anschickte, mit seinem Gefährten dieser Richtung zu folgen, erschollen aus der am Thore versammelten Menge Drohungen und Schimpfreden: ?Das ist der Lichnowsky, ? die Spitzbuben ? der Lichnowsky, der Schuft! ? nieder mit ihm, ? das sind auch Preußen: auf sie! das sind Spione etc. etc.? Es wurde mit Steinen auf sie geworfen und eine Pistole nach ihnen abgeschossen. Auf dieses hin sprengten die Reiter übrigens unverfolgt, dem Allerheiligenthore zu fort, ritten, abbiegend, in raschem Trabe an dem Hermesbrünnchen vorbei nach der Bornheimer Haide zu, wandten sich an der Wohnung des Gärtners Reinstein links dem Graben entlang und lenkten, um den Schmittischen Garten wendend, auf den Bornheimer Fußpfad ein, von wo aus sie sich durch das Gäßchen III. nach der Friedberger Chaussee hinaus wandten.

Die Ursache dieser Richtung ihres Wegs ist unaufgeklärt geblieben. Daß damals schon Bewaffnete oder sonst ungewöhnliche Erscheinungen auf der Bornheimer Haide bemerkbar gewesen wären, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Eine Zeugin hörte übrigens auf diesem Wege den jüngeren Reiter zu dem älteren sagen: ?Wir sind in einer frappanten Lage,? worauf der letztere nichts erwiederte; ? beide schienen ihr sehr bestürzt zu sein. Eine andere Zeugin sah beide als Verfolgte an und, da sie den Aelteren für den Reichsverweser hielt, winkte und rief sie ihnen, in ihr Haus einzutreten, wiewohl vergebens.

Als die beiden Reiter aus dem Gäßchen III. auf die Friedberger Chaussee herauskamen, fragte Fürst Lichnowsky um den Weg nach Bockenheim, worauf sich beide Reiter dem Friedberger Thore zuwandten. Von einem an der Mündung des Gäßchens II. stehenden Trupp wurden ihnen Steine nachgeworfen, woran sie sich nicht kehrten. Sobald sie jedoch dem noch immer am Friedberger Thore stehenden Menschenhaufen sichtbar wurden, erhob sich Geschrei: ?Da sind sie wieder! Die Spione! Lichnowsky! Auf sie!? etc. etc. und die Menge strömte ihnen vom Thor her entgegen. Verfolgt von dieser, wandten die Reiter die Pferde um und ritten auf derselben Straße wieder zurück. An der Mündung des Gäßchens II. wurden abermals Steine nach ihnen geworfen. Sie kamen jedoch unaufgehalten bis zum Gäßchen III. Lichnowsky war voran und rief seinem Gefährten zu: ?Courage! Courage! Vorwärts!? Auerswald aber folgte nicht, sondern lenkte sofort wieder in das Gäßchen III. ein.

Lichnowsky sprengte nun auf der Friedberger Landstraße weiter. Schon am Finger?schen Hause wurde auf ihn, übrigens ohne Erfolg, geschossen. Der Fürst schwang seinen Stockdegen über sich, als wenn er damit pariren wolle. Als er nun dahin gelangte, wo die eiserne Hand in die Friedberger Chaussee einmündet, traf er auf verschiedene Haufen von Bewaffneten, die an beiden Seiten der Straße aufgestellt waren. Dieselben bestanden zum größten Theile aus den Mitgliedern der oben geschilderten Ginnheim-Bockenheimer Freischaar, welche kurz zuvor sich zerstreut, aber eben jetzt in der fraglichen Gegend sich nachgerade theilweise wieder gesammelt hatten. Von diesen Haufen aus fielen abermals mehrere Schüsse auf ihn, jedoch ohne ihn zu treffen. (Die Schüsse scheinen auch theilweise nicht ernstlich gemeint gewesen zu sein.) Der Reiter blieb fest im Sattel sitzen, galoppirte an den Bewaffneten vorbei noch eine Strecke weiter, wandte aber nach kürzester Zeit wieder um und lenkte in das sog. stumpfe Gäßchen, einen schmalen mit Gras bewachsenen Feldweg ein, der auf Grabland und Wiese ausmündet.

Auerswald war indessen durch das Gäßchen III. auf dem Bornheimer Fußpfad wieder bis zum Schmidt?schen Garten zurückgeritten. Obwohl nicht unmittelbar verfolgt, scheint er doch sehr außer Fassung gewesen zu sein. ?Er saß auf dem Pferd blaß wie eine Leiche,? fragte unterwegs mehrere Personen nach dem Wege nach Bockenheim, ritt aber, ohne die Antwort abzuwarten, weiter. Der Zufall führte beide Gefährten[WS 1] wieder zusammen, da Lichnowsky von der Wiese her an das (dem Schmidt?schen Garten gegenüberliegende) Dohmer?sche Besitzthum kam, durch welches hindurch ihm daselbst beschäftigte Arbeiter den Zugang zu Auerswald verschafften. Die Flüchtigen eilten dem hinteren (auf der Bornheimer Haide befindlichen) Eingang des Schmidt?schen Grundstücks zu, um daselbst ein sicheres Versteck zu suchen.

Sie riefen dem im Schmidt?schen Garten befindlichen Mitbewohner des Schmidt?schen Hauses, Lehrer Schnepf, zu, er möge sie retten. Letzterer ließ sie auch sofort durch die nach der Haide führende Hinterthüre ein, bedeutete ihnen indessen in Uebereinstimmung mit dem herbeigekommenen Hausherrn, daß das Haus zu einem Verstecke nicht geeignet sei. Sie bestanden gleichwohl auf ihrem Vorhaben, hier ein Unterkommen zu suchen, und eilten in das Haus, während der Hausherr und einer seiner Gärtnerburschen sich bemühten, das Pferd Auerwalds, sowie das aus dem Dohmer?schen Garten durch einen Maurergesellen nachgebrachte Pferd Lichnowsky?s unterzubringen (ersteres wurde in den Stall gebracht, letzteres am Treibhause angebunden).

Im Schmidt?schen Hause erschien zuerst Auerswald und bat die Frau Schmidt um ein Versteck. Dieselbe machte ihm den Vorschlag, in?s Daniel?sche Haus mit der eben anwesenden Magd desselben hinüberzugehen, weil er dort sicherer sein würde, half ihm auch, da er über Lähmung seines Arms klagte, den Rock ausziehen und bekleidete ihn mit einem Schlafrock und einer Mütze ihres Manns. Er war schon im Begriff behufs der Befolgung dieses Vorschlags sich mit einer durch die Jungfer Pfalz herbeigeholten Scheere den Bart abzuschneiden, um sich unkenntlich zu machen, als er sich doch wieder eines Andern besann. ?Es ist zu spät!? rief er, die Scheere weglegend, aus, ?ich gehe nicht mehr aus dem Hause; lassen Sie mich auf den Boden!? Seinem Wunsche wurde durch die Jungfer Pfalz willfahrt, welche ihm die Thüre zur Bodentreppe aufschloß und seinem Verlangen gemäß hinter ihm nicht nur abschloß, sondern auch den Schlüssel hinter das Sopha im Schmidt?schen Wohnzimmer warf.

Unterdessen war die Hülfe der Frau Schmidt durch den Fürsten Lichnowsky gleichfalls in Anspruch genommen worden. Er verlangte in den Keller geleitet zu werden. Vergebens schlug man ihm vor, die Kleider eines Gärtnerburschen anzuziehen und mit einer Gießkanne aus dem Garten wegzugehen. Frau Schmidt wollte ihn durch das Treibhaus in den benachbarten Wilhelm?schen Garten führen. Allein der Fürst, der vom Treibhause aus ohne Zweifel seine Verfolger bereits herannahen sah, eilte in?s Haus zurück und bestand nun mit erhöhtem Nachdrucke auf seinem Verlangen, das ihm sofort auch erfüllt wurde. Frau Schmidt geleitete ihn in den Keller, öffnete ihm ihren Lattenverschlag und schloß ihn auf sein Begehren hinter ihm wieder ab, indem sie den Schlüssel zu sich steckte.

Gewiß ist nun, daß die Verfolgten kaum das Schmidt?sche Haus betreten hatten, als bereits der Vortrab ihrer Verfolger, 15?30 Mann, theils mit Gewehren, theils mit Spießen, theils mit Säbeln bewaffnet, im Schmidt?schen Garten erschien. Dagegen finden sich sehr erklärliche Differenzen in den Akten theils in Beziehung auf die Richtungen, in denen die Verfolgung stattfand, theils in Beziehung auf die jedenfalls einander nahe liegenden Zeitmomente, in welchen einzelne Trupps ankamen. Als entschieden ist Folgendes anzunehmen:

1) Als die Reiter von der Friedberger Landstraße aus dem Friedberger Thore zusprengten, begann sofort von dem Thore aus eine Verfolgung der Friedberger Landstraße entlang, die immer lebhafter und massenhafter wurde, namentlich auch viele bloß Neugierige mit sich riß.

2) Selbst von hier aus wuchs indessen die Verfolgung nur allmählig an; ein großer Theil und ohne Zweifel die überwiegende Mehrzahl der Nachströmenden folgte erst der Anweisung eines kurz nach dem Verschwinden Lichnowsky?s der Stadt zu in einer Droschke fahrenden Fremden.

3) Daher fand das Nachströmen von der Friedberger Landstraße aus in sehr verschiedenen Richtungen statt, nämlich: durch das Gäßchen III., durch das Stumpfgäßchen gegenüber der Einmündung der eisernen Hand, endlich auf der Friedberg-Bornheimer Landstraße, wobei es in der Natur der Dinge liegt, daß die, welche den letztgenannten Weg einschlugen, im Durchschnitt später an Ort und Stelle anlangen mußten, als die übrigen.

4) Von vorzüglichem Gewicht für die Auffindung der Verfolgten war nach den Aussagen mehrerer unbetheiligten Zeugen die frische Spur von Huftritten, welche Fürst Lichnowsky?s Pferd in der Richtung nach dem Dohmer?schen Anwesen hin zurückgelassen hatte, die von Straßenjungen weiter getragenen Nachrichten und dergl.

5) Endlich schließt die erklärliche Hauptrichtung der Verfolgung von der Friedberger Chaussee nicht aus, daß nicht auch von anderen Seiten, namentlich von dem Weg am Hermesbrunnen zur Bornheimer Haide hin mindestens einzelne Verfolger an Ort und Stelle gekommen sein können.

Aus Allem erhellt, daß die Verfolgung keine planmäßig angelegte, von einem oder einigen Anstiftern geleitete war, daß sie vielmehr den epidemisch-demokratischen Haß gegen den Fürsten Lichnowsky zum Ursprung, und den ausfallenden, als Spionage erscheinenden, in Verbindung mit den so eben in der Stadt im Gang befindlichen Barrikadenkämpfen doppelt herausfordernden Ausritt der beiden Abgeordneten zur Nahrung hatte. Sie erscheint als eine erst dumpf gährende, dann durch Zufall auf Zufall steigende, einen nach dem andern fortreißende, aus sich selbst mit elementarischer Gewalt wachsende Massenbewegung, die um so fieberhafter wurde, je enger die dämonische Gewalt der Umstände die Opfer des Hasses umgarnte, bis sie zuletzt in äußerster Bestürzung sich selbst den Verfolgern fast unmittelbar als leichte Beute vor die Füße warfen.

Die Zahl der Bewaffneten um und im Schmidt?schen Garten vermehrte sich sehr schnell. Der Garten ward umstellt und innen entstand ein wildes Durcheinanderlaufen. Man suchte die Reiter, deren Pferde alsbald entdeckt worden waren.

?Wo sind die Schufte? Heraus mit den Hunden!? fuhr man den Gärtner Schmidt an, der betheuerte, daß er nichts von denen wisse, die man suche. ?Wo sind die Verräther,? wurde geschrieen, ?die Volksverräther, die Schuld sind an dem Blut, das jetzt in Frankfurt vergossen wird? Der Lichnowsky ist im Hause, der Spitzbub, der Landesverräther! Wenn wir den Hund kriegen, wird Standrecht gehalten. Rache, Rache wollen wir haben.? Der Garten, das Gesträuch, die Bohnenpflanzung, alle Räumlichkeiten des Hauses und der Nebengebäude wurden sofort auf?s Genaueste untersucht, Stall, Treibhaus, Heuboden, das Regenfaß, die Schornsteine, selbst der Heizungskanal des Treibhauses, in welchen mit Spießen und Säbeln gestochen wurde. Sowohl die Schnepfische, als die Schmidt?sche Wohnung wurde eifrigst durchmustert, und die Hausbewohner unter Drohungen Alles aufzuschließen gezwungen.

Gegen die Frauenzimmer benahmen sich einige wild und roh, während Andere sie beruhigten, und versicherten, daß ihnen nichts geschehen solle, daß man nur die Spione, die Volksverräther heraus haben wolle. Entwendet wurde nur eine dem Lehrer Schnepf gehörige Pistole, was jedoch gerade solche, die sich als Anführer benahmen, sehr in Wuth brachte.



*) S. den beigefügten Plan [WS: Der Plan ist leider unbrauchbar]

Anmerkungen (Wikisource)
  1. ? Vorlage: Gefärthen

Die Tödtung des Generals von Auerswald.

Die Durchsuchung des Schmidt?schen Wohngelasses war einige Zeit fruchtlos, bis endlich der von der Jungfer Pfalz hinter das Sopha geworfene Schlüssel aufgefunden wurde. Einige (4?5) Bewaffnete stürmten nun die enge und steile Bodentreppe hinauf, worauf alsbald oben der Ruf gehört wurde: ?herbei! wir haben Einen!? Es polterte die Treppe herab, und schon hatten sich auf den gedachten Ruf die übrigen im Hause zerstreuten Bewaffneten in dem Hausgang des Schmidt?schen Wohngelasses gesammelt, welche sofort den General Auerswald lärmend und tobend in Empfang nahmen und unter fruchtlosen Protestationen der Hausbewohner die Treppe hinab in den Garten zerrten.

Als erhoben ist anzusehen, daß er von Bewaffneten durch die hintere Hausthüre über die Terrasse hinab in den Garten gegen das auf die Haide führende Thürchen zu gestoßen und gezerrt worden und hiebei der Gegenstand roher thätlicher Mißhandlungen gewesen ist, infolge deren er bereits am Kopfe und sonst blutete, zeitweise auch die Perrücke verlor oder taumelte und dgl.

Eine Zeitlang hatte er sich noch des Schutzes eines unter dem Haufen angesehenen Mannes zu erfreuen, der mit einem Hirschfänger die Schläge und Stöße von ihm abzupariren und die Rotte zu bereden suchte, daß sie den Mißhandelten gehen lassen, mindestens warten sollten, bis er vor dem Garten draußen sei. Er wurde jedoch von diesem seinem Beschützer (Simon Rau), an den er sich festgeklammert, weggerissen und, nachdem das Gezerre etwa 10 Minuten gedauert hatte, vor das Gartenthürchen hinausgeschleppt.

Vergebens bat der Mißhandelte um Schonung, erwähnte, daß er fünf unerzogene Kinder habe, denen erst vor Kurzem die Mutter weggestorben sei, und fragte, ob denn unter seinen Peinigern kein Familienvater sei, dessen Kinder sich freuten, wenn sie den Vater wieder sähen? Ebensowenig Erfolg hatten die Fürbitten der Hausbewohner und mehrerer unbetheiligten Anwesenden, die dem Mißhandelten bezeugten, daß er nicht ?der Gesuchte? sei, oder überhaupt die Wuth zu mäßigen suchten.

Nach einer Aussage soll der General wirklich erkannt worden sein, was aber im höchsten Grade unwahrscheinlich ist, sowohl aus allgemeinen, als aus ganz concreten Gründen. Zum Theil scheint der Mißhandelte für den Fürsten Lichnowsky, zum Theil für den General Radowitz gehalten worden zu sein; die Masse bekümmerte sich übrigens schwerlich um den Namen, sondern wollte überhaupt ein Opfer haben.

Gewiß ist ferner nach allen Ermittlungen, daß weder die Vorstellungen Auerswalds selbst, noch seiner wirklichen oder vermeintlichen Beschützer das Mindeste fruchteten. Die Fürbitten verhallten unter tobendem Geschrei: ?Haben wir ihn, den Parlamentshund? Er muß sterben! Schießt ihn todt, den schlechten Kerl, den Hurenkerl! Den Parlamentskerl! Den Hallunken! Den Dieb! etc.? Es wurde ihm mit Stöcken, Schirmen, Säbeln, Sensen, Flintenkolben etc. auf Kopf, Brust und in?s Genick geschlagen und gestoßen, daß er das eine Mal taumelte, das andere Mal niederfiel.

Selbst sein (zweideutiger) Beschützer hatte ihm nur bis vor das Gartenthor hinaus Frist gegeben. Und in der That war er da kaum angelangt, als auch sofort schnell die Katastrophe eintrat.

Das sichere Ergebnis. der von hier an mannigfach abweichenden Zeugenaussagen ist: daß Auerswald, vor dem Gartenthor angekommen, einen Schlag oder Stoß oder irgend eine gewaltsame Behandlung erfuhr, die ihn stürzen machte, daß er sich aber wieder erhob, wenigstens einigermaßen, jedoch nur, um sofort die zwei Schüsse zu empfangen, die seinem Leben erweislich ein rasches Ende machten.

Wenn nun aber schon über das Zusammensinken, resp. Niederstürzen oder Niederspringen Auerswald?s in den Graben, sowie über die Ursachen dieses augenblicklichen Verschwindens, und noch mehr über die Urheber der (nach den meisten Zeugnissen) veranlassenden Stöße, Schläge etc. die Zeugenaussagen mehrfach differiren, so finden eben solche Differenzen über die Schüsse statt.

Die Legalsektion hat zwei Schußwunden ergeben; gleichwohl wollen einige Zeugen bald nur von Einem Schusse, bald von dreien wissen; die meisten dagegen erzählen allerdings von zwei Schüssen. Noch bedeutender sind die Abweichungen in Beziehung auf die Urheber und die Reihenfolge derselben. Die meisten Zeugen stimmen darin überein, daß Auerswald den ersten Schuß erhalten habe, eben wie er nach dem Sturz oder Sprung in den Graben (zwischen dem Garten und der Haide) ganz oder doch nahezu wieder aufgestanden gewesen sei, daß er infolge dieses Schusses in den Graben gesunken und liegend von dem zweiten Schuß getroffen worden sei.

Ebenso ist nach den meisten Zeugenaussagen der erste Schuß auf die Mitte des Körpers, der zweite (schon dem äußern Anschein nach unmittelbar tödtende) auf den Kopf gerichtet gewesen.

Damit stimmt auch das ärztliche Gutachten überein, welches sagt: ?von den wichtigsten Verletzungen [den Schußwunden] ist nach unserem Dafürhalten das Wahrscheinlichste, daß die Bauchwunde zuerst erfolgte, der Körper hierauf zusammenstürzte, und nun von oben nach unten in perpendikularer Richtung die Schußwunde durch den Kopf erfolgte.?

Sehr abweichend sind dagegen die Angaben über die Personen, von denen die Schüsse, resp. die Mißhandlungen mit Kolbenschlägen etc. herrühren.

Ganz isolirt stehen hier zunächst zwei Zeugenaussagen da:

Joh. Kramm, Handelsmann, 73 Jahre alt, behauptet, ? ein und dieselbe Person ? ?ein großer schlanker Mensch von bösartigem Aussehen, mit schwarzem Schnurrbart, dunkelm Tuchrock, gewöhnlichem schwarzem Hute, bewaffnet mit einer langen, mit Bajonett versehenen Flinte, habe sich schon vor der Entstehung irgend eines Tumults am Schmidt?schen Garten zum Abfeuern in Bereitschaft gesetzt, dem Zeugen erklärt, daß ?hinten schon besetzt sei?, die von der Friedberger Chaussee herbeikommende Schaar von Bewaffneten nach dem Schmidt?schen Garten hergerufen, ? sofort nach 10 Minuten bei der Herausführung des Gefangenen diesen als ?den Spitzbuben, den Volksverräther, den Auerswald? bezeichnet, dann denselben gepackt und in den Graben geworfen, auf den Liegenden (ohne das Gewehr an den Backen zu halten) geschossen, nachher ihm mit dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen und hierauf noch einen zweiten Schuß (ob mit demselben oder einem anderen, jedenfalls einläufigen Gewehr?) abgefeuert, worauf an dem Getroffenen kein Lebenszeichen mehr bemerkbar gewesen sei.?

In dem kurhessischen Prozesse hat der Zeuge als die fragliche Person den in Hanau verurtheilten Joh. Pflug erkannt.

Anna Maria Magnus, 27 Jahre alt, beschreibt sehr genau zwei Männer, die den von einem Trupp umringten Auerswald vorzugsweise aus dem Gartenthürchen herausgeschleppt hätten. ?Der eine war von untersetzter Statur und hatte einen langen rothen Kinnbart; seine Nase war stark, wenn ich nicht irre, zweimal gebogen; der Andere war etwas größer, schlank, und hatte etwas blonderes Haar. Er hatte auch einen Bart, aber nicht so lang, als der Erstere, und flachsblond. Sein Haar war hinten ganz kurz verschnitten, während der Erstgenannte längeres Haar hatte. Beide hatten helle Turnerkleider an und waren, als ich sie sah, ohne Kopfbedeckung und ohne Waffen. Der mit der gebogenen Nase hatte ein rothes Gesicht, der andere war bleich.? Von beiden soll sich nun Auerswald losgerissen und einige Schritte nach dem Graben zu gemacht haben, worauf er von einem Unbekannten in den Graben hinuntergestoßen worden sei. Nun seien die beiden Schüsse von jenen oben Beschriebenen (ohne das Gewehr an den Backen zu halten) abgefeuert worden, der erste von dem Blonden, der zweite von dem Andern; beide hätten das Gewehr dazu von Andern aus dem Trupp genommen, der Blonde insbesondere ein ?nicht langes Gewehr, woran etwas Grünes gewesen sei.?

Etwas mehr Uebereinstimmung findet sich in den übrigen Zeugenaussagen.

Joh. Heil, Taglöhner, 20 Jahre, sagt, vor dem Gartenthürchen habe Auerswald einen Kolbenstoß auf die Brust, wovon er in den Graben geworfen worden sei, von einem großen Kerl mit einem Kittel und einer Wachstuchkappe und Flinte erhalten, der eben erst vom Hause her nachgekommen sei und gerufen habe: ?Haben wir Einen? Sterben muß er, der Hund!? Ueber die Schießenden weiß er nichts zu sagen.

Maria Kiehl, Dienstmagd, 32 Jahre, erwähnt gleichermaßen einen heftigen Stoß mit dem Gewehrkolben auf die Brust, worauf Auerswald in den Graben gefallen sei. Sie beschreibt als den Beschützer Auerswald?s einen Mann in einem grünen, neben aufgestülpten Hut mit einer Feder drauf, einem Rock mit stehendem grünen Kragen und grünen Klappen und Aufschlägen, den sie für ein Mitglied der Bockenheimer Schutzwache gehalten habe, ? und fährt dann fort, den Stoß mit dem Gewehrkolben habe Auerswald von einem Manne erhalten, der, wenn sie nicht irre, ähnlich gekleidet gewesen sei, wie der zuvor beschriebene.

Reinstein, Gärtner, 46 Jahre, erwähnt keines Kolbenstoßes, sagt dagegen: als Auerswald von den ihn Festhaltenden sich losgerissen habe und über den Graben gesprungen sei, so sei ein junger Mensch in einer Turnjacke ihm nachgesprungen und habe eine kurze Schießwaffe in seine Seite abgedrückt, worauf Auerswald in den Graben gestürzt sei. Gleich darauf hätten 2 andere Menschen ihre Gewehre auf ihn abgefeuert, die dem Zeugen Ueberröcke mit Turnerhüten zu tragen schienen.

Andr. Spahn, Lohnbedienter im Landsberg, 47 Jahre, sah einen Menschen auf Auerswald zutreten und ihm mit dem Gewehr einen Schlag nach dem Kopf führen, der jedoch nur gestreift habe. Auerswald, sofort in den Graben gestürzt, habe von einem Menschen, den der Zeuge nicht näher zu beschreiben weiß, einen nach dem mittleren Körper gerichteten Schuß erhalten. Darauf habe in einer Entfernung von höchstens drei Schritten ein junger Mensch in Turnerkleidung ihm auf den Kopf geschossen. Später sagt derselbe Zeuge (der, wie der vorige, aus ziemlicher Entfernung beobachtete), der Schlag mit dem Gewehr habe Auerswald in?s Genick getroffen, und er wisse nicht, wohin der zweite Schuß gegangen sei.

Julius Birkenholz,18 Jahre, lief vom Schmidt?schen Garten weg, ehe sie den Auerswald zum Garten herausschleppten, und sah dann (etwa hundert Schritte entfernt?) hinter sich. Er weiß nicht, ob ein oder zweimal geschossen wurde? Dagegen beschreibt er zwei Personen. Einer ? wenn er nicht irre ? in einem blauen Kittel habe den Auerswald hinten im Genick gefaßt und niederzuwerfen gesucht. Nach dem (ersten) Schusse sodann habe ein Mann in grüner Schützenuniform mit seinem Gewehr in den Graben hinabgestoßen, (untersetzter Statur, trug eine neue Büchse mit braunem Lauf, einen grünen Waffenrock mit Stehkragen und blanken Knöpfen, und einen schwarzen Hut, wie die Bockenheimer Bürgergarde). Dieser Mann sei übrigens erst in den Garten gestürmt, als Auerswald auf die Terasse geführt worden sei.

Gerson Sonneberg dagegen, 27 Jahre, Israelit, hat schon ¼ Stunde vor der Auffindung Auerswald?s im Schmidt?schen Garten unter den die Auslieferung der Flüchtlinge Begehrenden besonders ?einen Bockenheimer Scharfschützen mit Büchse und Hirschfänger? bemerkt. Schon im Garten habe dieser dem Auerswald mit seinem Gewehrkolben einen Schlag auf den Kopf versetzt. Dasselbe habe er nochmals nach der Herausführung aus dem Garten auf dem Brückchen gethan, worauf Auerswald zusammengebrochen sei. ?Ehe er noch hingefallen war, fiel ein Schuß auf ihn; ich weiß aber nicht, ob der Bockenheimer Scharfschütze geschossen hat oder ein anderer in einem blauen Kittel und einer sog. östreichischen blauen Kappe mit geradestehendem Schilde. Ich sah aber diese beiden im Anschlag.? Auf diesen Schuß sei Auerswald in den Graben gestürzt, und dann noch ein Schuß gefallen. ? Später will er nur den ?Bockenheimer Schützen? im Anschlag gesehen haben.

Franz Jakoby, 17 Jahre 11 Monat alt, weiß nur von den beiden Schüssen zu berichten. Den, der zuerst schoß, kann er nicht beschreiben. Als darauf der alte Mann in den Graben gefallen war, ?trat einer an den Graben und schlug ihn mit seinem Gewehrkolben auf den Kopf, worauf er seine Büchse umdrehte, solche anschlug und den alten Mann oben auf den Kopf schoß ? Dieser Mensch kann 36?38 Jahre alt sein, hatte einen grünen Waffenrock, graue, rothpaßpoilirte Hosen und einen grünen Turnerhut auf. Sein Haar und sein starker Bart waren dunkel und sein Gesicht frech und ziemlich roth.?

Derselbe Zeuge sagte übrigens vor dem Hanauer Schwurgerichte: ? ?ein Andrer in der Bürgerwehrkleidung von Ginnheim in grünem Rock, dunklem Turnerhut und schwarzem Backenbart schoß ihn durch den Kopf.?

Eben dort nannte er ihn aber auch wieder: den Bockenheimer in grüner Schützenuniform, und sagte: derselbe habe einen Hirschfänger in schwarzem Lederzeug an der Seite gehabt.

Mich. Rettenbacher, Gärtnerbursche bei Schmidt, 20 Jahre, sagt: ?Zwei legten auf ihn an; der eine in weißen Turnerkleidern zielte ihm nach dem Kopf und schoß los (Auerswald sei damals schon im Graben gelegen, der Andere in grünem Rock mit grünem Hut und grüner Feder, mit einem Hirschfänger an der Seite, von kurzer untersetzter Statur, feuerte gleich darauf los und schoß, wie ich bemerkt zu haben glaube, dem Daliegenden in den Leib. Sein Bart war nicht schwarz, und nicht blond.?

Pius Lorey, 19 Jahre, erzählt: »Als der Mann auf dem Brückchen war, ließ ihn Simon Rau gehen. Ein andrer schlankgewachsener junger Mann in Turnerkleidung, mit blassem bartlosem Gesicht, bewaffnet mit einem kurzen Gewehr, rief: jetzt schieß ich, ?. legte an und schoß ab, worauf der alte Mann in den Graben hinunterfiel.?

Elise Diehl, Dienstmagd, 24 Jahre, giebt an, einer, den sie nicht näher beschreiben könne, habe jenseits des Brückchens Auerswald einen Stoß versetzt, daß er in den nahen Gräben gefallen sei. ?Darauf legte ein Mensch in Turnerkleidung sein Gewehr an und schoß es auf den alten Mann ab. Dieser Mensch hatte einen großen wilden dunkeln Bart, eine weiße Turnerjacke und dergl. Hosen an. Ich meine, er hätte auch einen Turnerhut aufgehabt; doch ist mir die Farbe desselben nicht mehr erinnerlich.?

Joh. Schwab, 42 Jahre, Schuhmacher, erzählt: ?Die Kerls brachten den Auerswald nun aus dem Garten heraus, führten ihn über das Brückchen, und, während zwei Kerls den Auerswald hielten, legte ein Dritter an und schoß nach dem Auerswald. Dieser sank zusammen, erhielt aber gleich darauf von einem andern Kerl noch einen zweiten Schuß, worauf er in den Graben fiel. Die Person, welche den ersten Schuß that, hatte einen dunkelblauen Oberrock an, war mittlerer, schmächtiger Statur, glatt im Gesicht, frisch von Farbe; es kann sein, daß er einen kleinen blonden Schnurrbart hatte. Er trug eine Kappe, denen der Bockenheimer Bürgergardisten gleich, und führte einen sogenannten Karabiner, wie die Kavallerie zu tragen pflegt. Er schien mir in den 30er Jahren zu stehen. Der Mann, welcher dem Auerswald den zweiten Schuß versetzte, trug einen grünen Waffenrock, wie die Bockenheimer Schutzwehr, führte eine Büchse und einen Hirschfänger; er war gesetzter von Statur, wie der Andere, und trug einen grünen Hut, wie die Bockenheimer Schutzwache. Das Gesicht war mit dem Bart ganz verwachsen; er hatte ein volles Gesicht und stand dem Ansehen nach ebenfalls in den 30er Jahren. ? Er setzt bei: als Auerswald das Bergelchen herab nach dem Gartenthörchen geführt worden sei, habe ihm unterwegs derselbe Bockenheimer Schütze, der nachher schoß, mit dem Kolben seiner Büchse einen Stoß auf die Brust gegeben, daß der Herr zurückgetaumelt sei.

Vor dem Hanauer Schwurgericht sagte der Zeuge im Wesentlichen ganz dasselbe, fügte aber noch bei, der Bart des Bockenheimer Schützen sei schwarz gewesen.

Aus dem Bisherigen ergiebt sich, daß die Angaben über die Person dessen, der zuerst auf Auerswald schoß, in weit höherem Grade übereinstimmen, als die über die Person desjenigen, welcher den zweiten, nach der Mehrzahl der Aussagen auf den Kopf gerichteten und nach dem Urtheil der Sachverständigen unmittelbar tödtenden Schuß gethan hat. Sie führen für den ersten Schuß mit einer unter den bewandten Umständen merkwürdigen Uebereinstimmung auf die Thäterschaft des in Hanau verurtheilten Schneidergesellen P. Ludwig.

Was in Hinsicht auf den Absender des zweiten Schusses die im Jahr 1850 nach der Verhaftung des Angeklagten Nispel wiederaufgenommene Untersuchung an Resultaten geliefert hat, beschränkt sich auf Folgendes.

Joh. Pflug, zu Hanau verurtheilt, Stockhausgefangener in Marburg, sagt: ein Schütze in grüner Uniform habe dem Auerswald verschiedentlich mit seiner Büchse auf den Kopf geschlagen, so daß das Blut aus den Kopfwunden geflossen sei (namentlich mit dem Hahn der Büchse). Zeuge habe sich für den um sein Leben flehenden Auerswald verwendet, darauf aber von dem Grünen zur Antwort erhalten: ?Die haben uns in Frankfurt auch nicht geschont.? Während dessen sei ein Schuß gefallen und Auerswald in den Graben niedergesunken. Darauf habe sich der Mann in der Schützenuniform nahe vor den Graben gestellt und ihm auf den Kopf geschossen. Der Mann habe gerade eine solche grüne Uniform getragen; wie Zeuge gegen Mittag an vielen Bürgergardisten in Bockenheim wahrgenommen habe. Später gab derselbe auf genaueres Befragen an, er meine eher, daß der Schütze eine Mütze, als daß er einen Hut getragen habe; auch habe er in der Nähe und bei dem eigentlichen Angriffe auf Auerswald nur Einen solchen Schützen gesehen. Soviel ihm vorstehe, habe der fragliche Schütze einen ganz schwarzen Bart getragen.

Christian Edel, Schneidergeselle, wegen Entwendung des Huts des Generals von Auerswald verurtheilt, hatte schon im Februar 1849 angegeben: bei der Leiche Auerswalds habe ein Mensch von mittlerer Größe mit einer Büchse gestanden, etwa 40 Jahr alt, mit Backenbart; er habe grüne Bürgerwehruniform mit einem grünen Hut und grüner Feder drauf getragen. Die umstehenden Leute hätten gesagt, er sei von Ginnheim, und er habe den ersten Schuß auf Auerswald gethan. Eben dieser, mit einer Büchse, Patrontasche und einem Hirschfänger versehene Mann habe den Auerswald aus dem Garten herausführen helfen; er habe einen vorn fast zusammenlaufenden Backenbart getragen. (Vor dem Hanauer Schwurgericht sagte er, auf der Haide sei erzählt worden, daß ein Bornheimer Turner und ein Bockenheimer Schütze die Schüsse auf Auerswald abgefeuert hätten.)

Besonders zu bemerken ist noch, daß nach mehreren Zeugenaussagen eine Frauensperson (die Angeklagte Zobel) auf den im Graben liegenden General Auerswald Steine geworfen hat.

Die Zeugin Anna Maria Magnus sagt: mehrere Steine, welche dieselbe von dem Haufen in der Nähe genommen habe, ? übrigens erst nach dem zweiten Schusse.

Kath. Kraus sagt: ?Nach dem ersten Schuß ergriff jenes Frauenzimmer unter dem wiederholten Ruf: schlagt ihn todt, den Hund! er muß sterben! ? einen schweren, etwa 5 Zoll im ? haltenden Stein auf den Kopf des Grafen;? ? ?schon als er zum Gartenthürchen herausgeführt wurde, warf sie mehrmals auf ihn mit kleineren Steinen, die sie von dem dort liegenden Haufen nahm.? Sie beschreibt jenen Stein, den die Zobel grade auf Auerswalds Kopf geworfen habe, noch weiterhin als einen Sandstein, ungefähr Handlang und Handbreit, von der Dicke einer starken Sandsteinplatte. Daß übrigens Auerswald auf den Wurf irgend eine Bewegung gemacht habe, ist von ihr nicht bemerkt worden.

Heinr. Heuß sagt ? nachdem Auerswald in den Graben gesprungen und auf den ersten Schuß zusammengestürzt sei, ? ?da sprang die Weibsperson nach dem dortliegenden Steinhaufen, nahm einen Stein, etwas dicker als eine Kegelkugel, und warf ihn dem Auerswald gerade auf den Hinterkopf. Der General fuhr noch mit der Hand nach der getroffenen Stelle hin. In diesem Augenblick fiel aber noch ein Schuß etc.? Auch Gerson Sonneberg giebt an: nach dem zweiten Schusse habe die ?Weibsperson? von dem dortliegenden Haufen mehrere Steine genommen und auf die Leiche geworfen, mit den Worten: ?Hund! Spitzbub! So geht es ihnen all?!?

Franz Jacoby giebt an, daß, nachdem Auerswald schon beide Schüsse (in den Leib und in den Kopf) erhalten habe, die Weibsperson herbeigekommen sei und ungefähr dreimal mit dicken Steinen auf den Kopf des alten Manns geworfen habe, an dem noch einige Lebenszeichen bemerkbar gewesen seien.

Die Leiche des Generals von Auerswald blieb ungefähr eine Stunde in dem vor dem Garten hinziehenden Graben liegen, ohne daß erweislicher Maßen etwas davon (goldene Ringe etc.) entwendet worden wäre. Nur der Paletot und der Hut, welche Auerswald bei seiner Umkleidung im Schmidt?schen Hause abgelegt hatte, kamen abhanden, und es ist Christian Etzel aus Wehrheim wegen Entwendung des Huts mit vier Wochen Gefängniß bestraft worden. Nach einer Stunde wurde die Leiche in den Schmidt?schen Garten verbracht, wo sie eine Zeitlang am Wege liegen blieb, gegen 7 oder 8 Uhr aber in einem der Gewächshäuser niedergelegt wurde. Nachts 10½ Uhr wurde sie unter militärischer Bedeckung in das Logis des Generals von Auerswald zu Frankfurt abgeführt.

Tags darauf wurde der Leichnam von zwei Reichstagsabgeordneten (deren einer der Schwager des Verlebten war) anerkannt. Die sofort ordnungsmäßig veranstaltete Sektion und Obduction ergab im Wesentlichen: außer einer Luxation des linken Schlüsselbeins, Zerbrechung des rechten, einer Hiebwunde am Kopfe und mehreren unbedeutenden Verletzungen: zwei Schußwunden, die eine in den Schädel dringend, die andre die Bauchdecken an zwei Stellen durchbohrend.

Das Gutachten sagt: ?Es zeigt sich, daß zweimal Schießwaffen, einmal eine schneidende Hiebwaffe und wiederholt stumpfe Werkzeuge angewendet wurden. Die Hiebwunde würde wahrscheinlich am schnellsten und ohne allen weiteren Nachtheil geheilt sein. Die andern Mißhandlungen durch Schlagen oder Stoßen mit stumpfen Werkzeugen würden längere Zeit erfordert haben, vorzüglich der Schlüsselbeinbruch. Anders verhielt es sich mit den Schußwunden; beide mußten nothwendig und schnell den Tod zur Folge haben.

Die Tödtung des Fürsten Lichnowsky.

Nach vollbrachter Tödtung des Generals Auerswald stürmte ein großer Theil der vor den Garten hinausgegangenen Bewaffneten wieder in den Garten zurück, der auch diese Zeit über von Bewaffneten und andern unberufenen Besuchern nicht leer geworden, auch, wie es scheint, mit Wachen umstellt geblieben war. ?Der hat seinen Lohn,? hieß es, ?nun den Andern!? ? ?Einen Spitzbub? haben wir; jetzt soll der Andre auch noch dran!?

Schon während der Hinausführung und Tödtung Auerswalds hatte die Durchsuchung des Gartens und des Hauses in allen Theilen immer fortgedauert, und wurde nunmehr mit erneuertem Eifer und doppelter Genauigkeit fortgesetzt. Es hieß, es müsse noch einer versteckt sein; denn ?das Pferd sei da.? Ein bewaffneter, schwarz, schmutzig, mit Pechhänden, dem Ansehen nach ein Schuhmacher, rief über die Gartenwand herüber: er habe Alles durchsucht, im Garten sei er nicht. Der Taglöhner Heil, von zwei Bewaffneten stets besonders bewacht, wurde unter Schlägen gezwungen, in allen Behältern suchen zu helfen, im Kuhstall, Heuboden, Treibhaus, während Andere bei Schmidt den Schornstein durchsuchten, Andere die Schnepfische Küche, wieder Andere die Betten herauswarfen, mit Säbeln in die Betten stachen etc. etc.

Eben als nun der Kaufmann Pillot in das Schmidtische Haus kam, verlangten einige Bursche mit Ungestümm die Kellerschlüssel vom Lehrer Schnepf, der denn auch nicht zauderte, ihnen seinen Keller aufzuschließen, da er wußte, daß sie dort doch nichts finden würden; Pillot stieg hinter den Burschen hinunter, deren einer (nach Allem P. Ludwig) ihm die Pistole auf die Brust setzte mit der Frage, ob er ein Freund des Lichnowsky sei, ? und, als Pillot dieß auf sein Ehrenwort vemeinte, ihm erwiederte: ?Ach was! Du Hundsfott hast gar kein Ehrenwort!?

Nachdem der Schnepfische und ein andrer Verschlag im Keller vergebens durchsucht waren, kam die Reihe an den Schmidtischen, der als stets dunkel beschrieben wird. Heil mußte unter Begleitung seiner Wache Licht herbeiholen, das er absichtlich nicht nahe an die Planken hielt. Ein Turnerbürschchen von 16 Jahren stieß ihm jedoch den Arm mit dem Licht ganz nahe hin und entdeckte im Hintergrund den Fürsten Lichnowsky. Da kein Schlüssel vorhanden war, so mußte Heil eine Axt holen. Auf den Befehl, die Thüre einzuhauen, zögerte er. Allein jener Bursche entriß ihm die Axt mit den Worten: ?Du bist aber auch ein Kerl!? ? that einen Schlag wider die Thüre, daß der Kloben herausfuhr, und drei von der Rotte drangen in den Verschlag ein.

Der Fürst wurde sofort gepackt und herausgeführt. Er bat, ihn am Leben zu lassen, da er Alles für das Wohl des Volks thun wolle. Darauf sagte ein Theil, er solle nur mitgehen, es geschehe ihm nichts; ? ein anderer Theil dagegen rief: ?Das hättest du früher thun sollen; jetzt ist es zu spät, ? du mußt sterben.? ? Der Keller füllte sich mit Bewaffneten, da alsbald das Geschrei erscholl und sich weiter verbreitete: ?Wir haben ihn.?

Unter Mißhandlungen (Hutabschlagen, Anspeien, Rockzerreißen) die jedoch einige Zeugen als geringer schildern; wurde der Fürst hierauf durch dasselbe Thürchen, wie sein Leidensgefährte, auf die Haide heraus und sofort durch die nach Bornheim führende Pappelallee geführt. Die Rotte hatte sich vergrößert (40?60 Mann), worunter jedoch (s. u.) auch Viele waren, welche den Fürsten zu retten beabsichtigten, woneben auch viele blos Neugierige sich zugesellten.

Nach Aussagen im kurhessischen Prozeß soll Lichnowsky erst zur Leiche Auerswalds geführt und dazu der Fahnenträger herbeigerufen worden sein; der Berliner (der Schuhmacher Dan. Georg) habe dem Fürsten sein Gewehr gezeigt und gesagt: ?so hat dein Kamerad ein Nachtessen gekriegt, so sollst du auch eins speisen.?

Daß übrigens trotz der vorzugsweise gegen den Fürsten gerichteten feindseligen Gesinnung die Wuth der Verfolger im Ganzen bereits etwas abgekühlt oder durch Gegenbestrebungen gefesselt war, ergibt sich schon daraus, daß man mit ihm keineswegs so summarisch verfuhr?, wie mit seinem Leidensgefährten.

In der That erhellt auch aus den Aussagen vieler glaubwürdigen Zeugen, daß schon von seiner Auffindung im Keller an zwei Partheien unter der Bande entstanden, deren eine ihn schonen, die andere ihm aber an?s Leben wollte *). Zunächst zwar noch überwog die letztere. Nach der Aussage Heils wäre Pillot, der in den Keller kam und rief: ?Sucht ihr da die Republik? Schämt euch einer solchen That!? ? von einem an der Brust gefaßt und mit Todtschießen bedroht worden, falls er nicht weggehe, worauf auch der Bedrohte sich entfernte.

Standhafter dagegen und für einige Zeit erfolgreich waren die Bemühungen eines andern Mannes um die Rettung des Fürsten, ? die des Dr. Hodes aus Fulda.

Dieser kam (nach seiner Erzählung) durch das Wegführen der ledigen Pferde über die Haide und lautes Schreien und Jubeln aufmerksam gemacht, aus seiner Wohnung in Bornheim heraus auf den Trupp Bewaffneter zu, welche die Pferde führten und die rohesten Drohungen gegen den Fürsten Lichnowsky ausstießen. Eben fielen die Schüsse auf Auerswald, den er bereits im Graben liegen fand.

Er eilte mit den Lichnowsky Suchenden in den Keller hinab und bat, nachdem Pillot entflohen war, auf?s Dringlichste, dem Mann doch nichts zu Leibe zu thun, derselbe habe ja für?s Volk gearbeitet, und werde es auch gewiß noch mehr thun. Es wurde ihm aber zugerufen: er solle weggehen, sonst bekomme er auch eine auf den Kopf.

Trotzdem setzte Hodes im Gatten und in der Pappelallee seine Bemühungen eifrig fort. Er redete der Menge trotz wörtlicher und thätlicher Bedrohungen fortwährend zu, daß er schon für die Freiheit gekämpft habe, als sie noch in den Windeln gelegen hätten, daß er für die Freiheit 6 Jahre in Gefangenschaft und 15 Jahre im Exil zugebracht habe, daß er nicht gegen sie, sondern für ihre Sache rede, daß sie abgeschnitten werden könnten etc. etc. etc. Es gelang ihm, nach und nach Mehrere auf seine Seite zu bringen. Ein Unbekannter unterstützte ihn mit der Bemerkung, er sei auch Republikaner, billige aber eine solche Schandthat nicht. Ein Andrer machte den Vorschlag, den Fürsten nach Hanau zu bringen, wogegen auch dieser nichts zu haben schien. Die Menge schien unschlüssig zu werden, und es hieß schon, Lichnowsky solle mit nach Hanau genommen werden.

Es waren jedoch nicht nur von Anfang an diese verdienstlichen Bemühungen in der Minderheit geblieben, sondern sie regten auch, je mehr sie zu gelingen schienen, eine stärkere Opposition auf, die durch immer neu herzutretende aufreizende Elemente fortwährend Nahrung erhielt. Auch diese Richtung hatte ihren charakteristischen Vertreter.

Saul Buchsweiler, vormals Judenschulmeister in Rödelheim, seit einem Jahr wegen Immoralität entlassen, in merkwürdiger Allgemeinheit als schlechtes Subjekt prädizirt, eine untersetzte Figur, einen Bart im ganzen Gesicht, anständig gekleidet, mit gelbem Krückenstock, ? ?der Doktor genannt,? ? von vielen Zeugen nur kurzweg als der ?kleine, dicke Jud? bezeichnet, hatte an dem 18. Sept. Vormittags in Frankfurt, und nachher in Bockenheim bei Organisirung des bewaffneten Auszugs als Wühler erster Sorte sein Möglichstes gethan, namentlich auch auf die flüchtigen Reiter gehetzt.

Von ihm sagen die Zeugen: ? In Frankfurt schrie er: ?Bürger heraus! Waffen heraus! Jetzt ist?s Zeit!? und hielt Reden, wobei er heftig mit den Armen hin und herfocht. In Bockenheim schrie er, daß ihm der Schaum vor dem Mund stand: ?Heute gilt?s, Brüder! Was säumt ihr? Fort! nach Frankfurt!? ? sprach vom Wohl des Vaterlands, vom Volkswohl u. dergl. Die Zeugen sagen: ?man kann sagen: er hat geflennt dabei!? ? ?Der Jud hat geschrieen und getobt, ? man konnt?s vor lauter Schreien nicht recht verstehen. Er machte uns Courage und schrie: Waffen ?raus! Waffen ?raus! Oben aus dem Fenster hielt er eine Rede: Es gilt für unser deutsches Land etc. etc. etc., das verstand ich nicht. Sie denken gar nicht, was der dicke Jud gekrischen hat, so wie ein Jud spricht: Habt ihr euren Führer? Vorwärts! Heute gilt?s. Heute wird das Parlament gestürzt. Die Kerle müssen hinausgejagt werden, die schon so lange dasitzen und das Volk schon so viel gekostet haben, ? und so in der Art viele Reden.? ? ?Der Rödelheimer Jude hat geschrieen: Die Hanauer warten mit tausend Schmerzen auf euch; während ihr zaudert, müssen so viele unsrer Brüder sterben, und ihr könnt mit euren Waffen so viel ausrichten!? ? ?Der Jud, der Buchsweiler, ist in Frankfurt in jedes Wirthshaus gekommen, der hat die Menschheit aufgeweckt, in ganz Frankfurt, sozusagen. Er stellte den Hut hin und hat gepredigt, er machte es merkwürdig.? ? ?Aus der Chaise kam ein dicker Jude zu uns hereingestürzt, wie ein brüllender Löwe, und hat geschrieen: Es ist die höchste Spitze; eilt, daß ihr in die Stadt kommt! Die Preußen machen schon in der ganzen Stadt herum. Dabei schimpfte er auf das Parlament: das wären keine Vollsvertreter, sondern Volkszertreter, und Vieles so.? ? ?Schon am Morgen kam er in eine Bockenheimer Wirthschaft und hat eine merkwürdige Predigt gethan, er klopfte auf den Tisch und hat die Leute all ganz rebellisch gemacht.? ? Abends in Bornheim: ?da hat der dicke Judenlehrer eine furchtbare Rede gehalten; der Kerl stand auf der Bank und hat mit Arm und Bein so furchtbar getobt, daß ich nicht Alles kapirte.? ? ?Der dicke Jud zog mit einer Sense mit (d. h. mit der Ginnheim-Bockenheimer Freischaar) ? Noch am Abend hat er Brüll gethan, wie am Mittag? u. s. f. ?

Besagter Buchsweiler nun, von dessen bloßer Bravour mit dem Maul die Zeugen übereinstimmend reden, scheint bei dem blinden Lärm, daß die Preußen kommen, sich aus dem Staube gemacht und die Ginnheim-Bockenheimer Freischaar im Stiche gelassen zu haben.

Nachdem nun Auerswald bereits ermordet im Graben lag, sahen Laz. Bamberger, Gerson Sonneberg und Franz Jakoby, im Begriff, sich durch das Gäßchen III. zu entfernen, den, Buchsweiler von der Friedberger Chaussee herankommen. Derselbe fragte nach der Stelle, wo Auerswalds Leiche liege, und verlangte sofort dahin geführt zu werden, wobei er ohne Weiteres seinen Arm in den des Sonneberg legte. Als sie zu der Stelle kamen, wo Auerswald lag, rief dem Judenlehrer ein Bewaffneter in der Art eines Bekannten zu: ?Dort führen sie auch den Lichnowsky.? Als Buchsweiler dieß hörte, that er wie närrisch, weinte, küßte dem Bewaffneten die mit Pech beschmierte Hand, sprang hin und her und rief: ?Gottlob, lieber Bruder! Nun ist Deutschland gerettet! Jetzt ist die Freiheit gerettet!? Nach der Angabe von Jakoby hätte er auch die Leiche Auerswalds apostrophirt: ?Du Hund! So muß Dir?s gehen! Du warst ein Feind des Landes? etc. etc. u. dergl.

Jedenfalls säumte er nicht lange, sondern lief dem Trupp, der Lichnowsky führte, spornstreichs nach, noch im Fortlaufen schreiend: ?Nieder mit dem Kerl!? Bei dem Trupp angekommen, fuchtelte er mit dem Stock hin und her und drängte sich in den Haufen hinein.

Der Zeuge Spahn sagt: in dem Trupp sei bereits Unschlüssigkeit gewesen, ob man den Fürsten nicht doch lieber nach Hanau führen solle? Da sei Buchsweiler hinzugekommen und habe gesagt, der Fürst sei nicht werth, nach Hanau geführt zu werden; man solle ihn gleich todtschießen. Jakoby hat ihn selbst sagen gehört, sie sollten den Fürsten nur ja todtschießen und das Opfer nicht aus der Hand lassen; sie sollten nur ihm eine Waffe geben, er wolle ihn erschießen. Escherich sagt: der Jude gebärdete sich wie ein Wahnsinniger, fiel auf die Kniee und schrie: ?den Volksverräther, diesen Spitzbuben wollt ihr laufen lassen?? ?

Unter fortwährendem Streiten war nun der Trupp nach und nach bis in die Mitte der Pappelallee (270 Schritte vom Schmidtischen Garten) gelangt. Durch das Ausreißen von Fetzen aus dem Rocke des Fürsten entstand ein Gebalg. Die Reden wurden wilder und blutdürstiger und die Stellung derer, die sich des Mißhandelten annahmen, immer gefährlicher. Jetzt griff der Fürst einem der Wütheriche (dem P. Ludwig) nach dem Gewehr, um es ihm zu entreißen, jedoch vergebene. Das war das Signal. Es wurde ?Platz? gerufen und auf die, welche den Fürsten noch zu decken gesucht hatten, selbst angeschlagen. Es bildete sich ein Kreis um den plötzlich vereinzelt stehenden Fürsten, auf den alsbald mehrere Schüsse fielen. Er lief noch einige Schritte auf eine Pappel zu, streckte die Hand empor und that einen Sehmerzensruf. Erst auf einen Schuß, den er in den Rücken erhielt, brach er zusammen, und es fielen nun noch mehrere Schüsse.

Ueber die näheren Umstände, die Zahl, Reihenfolge und Wirkung der Schüsse sind jedoch auch hier die Zeugenaussagen sehr abweichend. Z. B. hat Rettenbacher nur 3, Heil 4, Kramm 5 Schüsse gehört, andere Personen dagegen 6?8.

Nur darin stimmen die Zeugenaussagen fast durchaus überein, daß der Fürst in keinem Falle auf den ersten Schuß schon gestürzt sei und daß der erste Schuß ihn nicht in den Rücken getroffen habe.

H. Weber z. B. gibt an: Lichnowsky sei vielfach geschlagen worden, von Buchsweiler mit seinem eichenen Stock, von Nispel mit dem Gewehrkolben und von Andern. Nachdem Lichnowsky dem Ludwig vergebens das Gewehr zu entreißen gesucht, habe Georg (auf 12 Schritte) nach ihm geschossen, worauf der Fürst getaumelt, aufgeschrieen und eine blutige Hand in die Höhe gehalten habe. Darauf habe Ludwig ganz aus der Nähe von hinten auf den Fürsten geschossen und ihn zu Boden gestreckt; hernach seien noch zwei Schüsse gefallen.

Joh. Fleck fragte den Fürsten, ob er noch mehr Wunden habe, als die an der Stirn; darauf habe der Fürst geantwortet: fünf Kugeln.

Etzel sagt: Nachdem bereits ein Schuß auf Lichnowsky gefallen, habe ein angeblicher Bornheimer Turner, mittlerer Größe, mit einer Büchse, weißen Kappe, Turnjacke und Turnhosen, etwa 22 Jahre alt, derselbe, welcher nach Aussage der Umstehenden den zweiten (?) Schuß auf Auerswald abgefeuert haben sollte, gesagt, er wolle ihm noch eine geben, daß er genug habe. Derselbe habe sofort seine Büchse an den Kopf genommen und den Fürsten von hinten durch den Rücken geschossen, worauf der Fürst zu Boden gestürzt sei. Nachher habe derselbe noch zweimal seine Büchse geladen und noch zweimal auf den Fürsten geschossen.

Joh. Schwab sagt: die Führer des Lichnowsky führten diesen noch ein Stück in der Allee hin und ließen ihn alsdann gehen, worauf einer derselben ihn von der Seite in das Gesicht, und der andere ihn in den Rücken schoß, daß er zusammenstürzte. Der, welcher ihm den zweiten Schuß gab, ist derselbe (P. Ludwig), welcher den Auerswald zuerst geschossen hatte.

Weinmann in London gibt als ihm von Escherich gemachte Mittheilung an: während Escherich mit dem Fürsten auf die Bornheimer Haide gekommen sei, habe Nispel ihm einen Kolbenschlag an?s linke Ohr versetzt; nun habe Dan. Georg dem Escherich zugerufen, daß er sich von dem Fürsten entfernen solle, und alsbald sein Gewehr nach dem Fürsten abgefeuert, wodurch der Fürst in der Seite verwundet worden sei, die folgenden Schüsse auf den Fürsten seien von Zeh, Nispel und Knöll gefallen; von zweien derselben verwundet, sei der Fürst unter die Menge gesprungen und habe dem P. Ludwig seinen Karabiner zu entreißen gesucht; allein dieser habe auf den Fürsten angelegt und ihn in den Rücken geschossen.

Nach diesen Schüssen soll sich nun der Haufen, der die That verübt hatte, nach verschiedenen Richtungen zerstreut haben.

Allein, wenn auch nach den hierüber sehr auseinandergehenden Zeugenaussagen anzunehmen ist, daß gerade der eine oder andere der Hauptthäter sofort das Weite suchte, so ist doch ebenso gewiß, daß der tödtlich Verwundete noch einige Zeit hindurch in der Gewalt einer feindseligen Truppe blieb, welcher Bestrebungen behufs seiner Rettung, ? ja nur augenblicklichen Erleichterung auf eine barbarische Weise verhinderte.

Der Handlungsbeflissene Karl Hoch von Frankfurt erzählt, er habe dem Fürsten den Puls gefühlt und seinen Kopf in seine Hand genommen, indem er bei ihm niedergekniet sei. Auf seine angelegentliche Bitte sei dem Fürsten in seinem Hut Wasser gereicht und von ihm getrunken worden, obwohl es schon vorher geheißen habe: ?Lassen Sie?s nur! Es ist der Lichnowsky!? ? Mit Hilfe eines Turners habe er den Fürsten an eine Pappel herangetragen und seinen Kopf fortwährend in der Hand gehalten. Da hätten wieder mehrere Stimmen gerufen: ?Bleiben Sie weg! Es ist genug; er verreckt doch, ? der Volksverräther krepirt doch!? ? und auf die Bitte des Fürsten, ihn in?s Spital zu bringen und ihm einen Geistlichen zu schaffen: ? ?Sie haben gut menschlich sein! Wir wollen menschlich sein und dem Hund den Kopf abreißen; er lebt doch nicht mehr lang.? Hierauf habe ihn (Zeugen) ein stämmiger Turner beim Rockkragen gepackt und hinweggeschleudert, so daß der Kopf des Fürsten mit vernehmlichem Schlag an den Baum gefallen sei. Er habe sich wieder aufgerafft, dabei aber von einem andern Turner einen heftigen Schlag auf den Backen erhalten. Noch Andre hätten auf ihn geschlagen, auch habe er einen Flintenhahn knarren hören, worauf er Bornheim zu geflohen, aber mit Hohngelächter und neuen Drohungen von den dort am Wege Versammelten empfangen worden sei.

Es fehlt sogar nicht an dringendem Verdachte dafür, daß einige von denen, die sich nach dem Schießen entfernt hatten, wieder zurückgekommen seien, um dem Fürsten vollends den Rest zu geben.

Konr. Hofmann erzählt: während Lichnowsky tödtlich verwundet in der Allee gelegen habe, seien Escherich und Buchsweiler wieder von der Gegend der Günthersburg hergekommen und hätten gesagt, sie hätten die Ordre gekriegt, daß Lichnowsky noch lebendig sei. Beide hätten Jedermann aufgefordert, umzukehren und dem Lichnowsky vollends das Leben zu nehmen, ? Escherich, um die Qualen des Manne abzukürzen, der Jude dagegen aus anderem Grunde. ?Der verdammte Jude war wie halb wahnsinnig. Der schrie: Ihr Brüder! Drin in der Stadt, da leiden eure Brüder! Auf den Hund! ? Gebt ihm den Rest! ? und viele so Worte.? ? Die Aufforderung habe aber nicht gezogen und Escherich und der Jude den Verwundeten in der Allee nicht mehr angetroffen.

Wilh. Röder erzählt: nachdem Lichnowsky schon erschossen gewesen, sei Nispel mit ganz rothem erhitztem Gesicht die Haide herausgekommen; der Rödelheimer (Buchsweiler) habe ihm die Hand gegeben und ihn dreimal in?s Gesicht geküßt, wobei beide nach der Pappelallee hinunter geguckt hätten. Wie der Ludwig die Haide herausgekommen sei, habe er seinen Karabiner in die Höhe gehalten und ausgerufen: ?hier ist das Ding, womit man Wunder thun kann.? Buchsweiler habe dem Ludwig auf die Schulter geklopft und gesagt: Du hast aber eine gute Büchse! worauf Ludwig erwiedert habe: ?Ich thue mir eine Ehre draus machen, einen solchen Bluthund aus der Welt zu schaffen.?

Ludwig Rein gibt an: bei der Ermordung Lichnowsky?s sei der Rödelheimer Jude ganz wild in und mit dem Haufen herumgesprungen. Nachdem sich sodann der größere Theil gegen Bornheim hin zurückgezogen habe, so habe der Buchsweiler wieder gekrischen und die Umstehenden aufgefordert, umzukehren und den Lichnowsky völlig todt zu machen; ?der Nispel gehe auch mit.? Er habe darauf gesagt: ?Jud! Halt?s Maul!? und sei darüber mit ihm in Streit gerathen. Buchsweiler, Escherich und Nispel u. A. hätten sich darin wieder nach der Wiese gedrückt.

Heinr. Reuter sah, ? ?daß der Mann grausam geschossen war und sich noch bewegte.? Bei ihm stand der dicke Jude und raisonnirte: ?Das ist der Lohn für deine Thaten, die du gethan hast, daß du Spanien verrathen hast und so viel Tausende hast erschießen lassen ? Du sollst leben bleiben, daß du auch was büßen mußt.?

L. Dieterich sagt: nach den Schüssen auf Lichnowsky sei er Bornheim zugegangen; da sei der Nispel zu ihm gekommen und habe gesagt, der Mann lebe noch; er wolle wieder hin und ihn ganz todt schießen, ? sei auch mit dem Erasm. Christian und einem Dritten wieder nach dem Platze zugegangen.

Philipp Kern erzählt, nachdem ein junger Mensch von dem Verwundeten fortgejagt worden und in voller Carrière nach Bornheim gelaufen sei, habe er sich wieder nach der Günthersburg zu begeben. ?Da kam Nispel zu mir; der erzählte, der Eine wäre gleich todt gewesen, der Andere lebe noch; das wäre ein Unsinn, da der noch pappeln könnte ? und war sehr mürrisch. Er war ganz wie zerschlagen und gieng dann wieder von mir weg, indem er sagte, er wolle noch einmal hinunter und dem Ding ein Ende machen. Buchsweiler erzählte, daß er sich vor den Lichnowsky gestellt und eine Rede an ihn gehalten habe: ? Du Bluthund, ? und in dem Styl!?

Endlich gelang es aber doch den Bemühungen einiger Männer, namentlich des Gemeindemanns Löw, des Instrumentenmachers Helfferich und seines Sohns, des Dr. Hodes u. A., den tödtlich Verwundeten ohne weitere Behelligung durch Drohungen aufheben und nach dem Schmidtischen Hause hin tragen zu können.

Der Fürst sagte während des Transports zu Helfferich, den er fest an der Hand hielt; ?Tragen Sie mich, wohin Sie wollen! Nur tragen Sie mich von diesen Kannibalen weg! Sie haben mir auch meine Uhr gestohlen.?

Im Schmidtischen Hause erfuhr er durch Dr. Hodes, daß er lebensgefährlich verwundet sei, und gab auf Aufforderung Schnepfs u. A. seinen letzten [WS 1] Willen zu erkennen, wobei er noch ausdrücklich aussprach, daß er seinen Feinden verzeihe. Indessen kam der Fürst Felix v. Hohenlohe mit einer Abtheilung hessischer Chevaux legers an, unter deren Bedeckung der Verwundete nach dem v. Bethmann?schen Hause gebracht wurde.

Einer der mitleidigen Träger erzählt: sie hätten den Fürsten in die Stadt bringen wollen, da sei Herr v. Bethmann hinter ihnen hergeritten gekommen, habe dem Fürsten mit den Worten: ?O du mein lieber Fürst!? die Hand auf die Schulter gelegt und angeordnet, daß der Verwundete in das Schweizerhaus in seinem Garten gebracht werden solle. Sie hätten sich jedoch wegen Enge der Treppe widersetzt, auch habe der Fürst selbst verlangt in?s Vorderhaus gebracht zu werden. Darauf habe Herr v. Bethmann nachgegeben und den Fürsten in der Orangerie niederlegen lassen. ?Herr v. Bethmann nahm uns ein Handgelübde ab, daß wir, wenn man uns frage, sagen wollten, der Fürst sei im Spital, und nicht in seiner Wohnung ? Der Bediente des Herrn v. Bethmann gab jedem von uns 30 kr. und sagte uns, wir sollten uns wegen weiterer Belohnung morgen melden. Ich habe mich auch am andern Morgen, gemeldet, bis jezt aber nichts weiter bekommen.?

Da Herr v. Bethmann die Besorgniß äußerte, daß, wenn der Fürst in seinem Hause bliebe, die Aufständischen das Haus stürmen möchten, so wurde die Verbringung des Verwundeten in das h. Geist-Spital veranstaltet, welche unter Bedeckung einer Abtheilung Kavallerie vor sich gieng.

Schon im Bethmann?schen Hause waren dem Fürsten unter Beistand des Dr. Hodes von Dr. Wolf Verbände angelegt worden. Im h. Geist-Spital angelangt, fand er sofort reichlichen ärztlichen Beistand, verschied jedoch um 10½ Uhr.

Bei der am 20. Sept. Morgens vorgenommenen Legalinspektion und Sektion ergaben sich drei Kopfverletzungen, eine sehr große Zerstörung am rechten Vorderarm, und eine Schußwunde in der Mitte des Körpers ? neben einigen andern leichteren Verletzungen. Das gerichtsärztliche Gutachten sprach sich dahin aus: es sei keinem Zweifel unterworfen, daß durch die Schußwunde der Tod unaufhaltsam und schnell habe erfolgen müssen, ? und fügte bei: ?So groß auch die Zerstörung am Arme war, so konnte, wenn die Bauchwunde nicht stattfand, die Erhaltung des Lebens durch Amputation angestrebt und mit Wahrscheinlichkeit erzielt werden. So heftig ferner die Mißhandlung des Kopfs war, so glauben wir doch, daß in einigen Wochen diese Wunden bei einem so gesunden und kräftigen Körper ohne weiteren Nachtheil beseitigt sein würden.?

Die Kopfverletzungen sollten nach dem Gutachten mit einem sehr stumpfen Instrumente, die Wunden am Arm dagegen mit schneidenden und zerreißenden Werkzeugen (z. B. Sicheln oder Sensen) bewirkt worden sein; doch müsse, um die Zersplitterung der Ellbogenröhre hervorzubringen, noch eine außerordentliche Gewalt durch Schlag oder Hieb mit stumpfem Körper stattgefunden haben. In beiden lezteren Beziehungen ist jedoch das gerichtsärztliche Gutachten im Widerspruche sowohl mit verschiedenen Zeugenaussagen, als mit den Angaben mehrerer andern Aerzte, welche den Verwundeten noch vor seinem Tode gesehen hatten und mehrentheils die Hauptverletzung am Kopf, wie die Zerstörung am rechten Arme für Wirkungen von Schüssen erklärten.

Als unbezweifelbares Ergebniß der bisherigen Darstellung ergiebt sich zunächst ein dreifaches:

1) Daß am Nachmittage des 18. Sept 1848 eine Mehrheit von bewaffneten Personen gewaltsam in den Garten und das Haus des Kunstgärtners Schmidt eingedrungen ist;

2) daß sofort eine Mehrheit von Personen die daselbst gewaltsam aufgesuchten und hervorgeführten Abgeordneten der National-Versammlung ? General v. Auerswald und Fürst Lichnowsky ? auf verschiedene Weise und mit verschiedenen Werkzeugen körperlich mißhandelt hat;

3) daß Einzelne unter dieser Mehrheit durch Schüsse den Tod der gedachten Abgeordneten verursacht haben.



*) Der Lehrer Schnepf erzählt: ?Nachdem Auerswald schon erschossen war, kam ein Mensch in einem schäbigen schwarzen Ueberrock, einer Kappe und einer verrosteten alten Jagdflinte, worin statt des Ladstocks eine Fensterstange stak, in mein Zimmer und sagte, er habe selbst auf den Barrikaden gekämpft und einen Soldaten erschossen; der Fürst Lichnowsky daure ihn aber doch sehr; er könne ihn nicht erschießen sehen; man solle ihm erlauben, sich hinter die Thüre zu stellen, bis Lichnowsky erschossen sei. Er stellte sich denn auch wirklich hinter die Thüre, bie die Schüsse gefallen waren. Darauf entfernte er sich mit der Bemermerkung: ?jetzt muß ich wieder auf die Barrikaden.?


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