Aus dem dritten württemb. Reichstags-Wahlkreis

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Zum Geleite.




Ein alter Veteran der Sozialdemokratie hat aus den eigenen Niederschriften und persönlichen Erinnerungen die nachstehenden Schilderungen ausgegraben. Nicht um ein in systematische Formen gepreßtes Geschichtswerk war es ihm zu tun, sondern er wollte uns Jüngeren und den späteren Geschlechtern, nicht zuletzt aber auch den wenigen Zeitgenossen von damals in einer anschaulichen Schilderung die mit dem Werden und Wachsen unserer Bewegung in der Stadt Heilbronn und ihrer Umgebung verbundenen Ereignisse und Kämpfe geistig wieder auferstehen lassen.

Gerade die schlichte Einfachheit, mit der hier über fast ein Menschenalter berichtet wird, läßt dem unbefangenen Leser das Büchlein zur wertvollen Lektüre werden, die niemand ohne Bereicherung in der Erkenntnis des Bestehenden, höherer Wertschätzung des Vergangenen und mannigfachen anderen Gewinn aus der Hand legen wird.

Den Mitgliedern und Freunden unserer Sache wird hier ein tiefer Blick in die früheren Zeiten mit all? ihren Mühen und Sorgen, ihren Siegen und Enttäuschungen, ihrem Hoffen und Streben möglich gemacht, wie nur der ergraute Verfasser ihn gewähren konnte. Möge darum dem Büchlein eine freundliche Aufnahme und recht starke Verbreitung beschieden sein auch über die Grenzen unseres Wahlkreises hinaus und möge es dazu beitragen, das Schaffen der Gegenwart mit den Erfahrungen der Vergangenheit nutzbringend zu durchdringen. Dadurch erfährt der Verfasser die beste Anerkennung und den wohltuendsten Dank für seine Arbeit.


G. Hitzler.[ws 1] 

Die Gründung und Entwicklung der Partei bis zu dem Attentatsjahr.

Im September 1874 erfaßte das damalige Gründungsfieber auch fünf Proletarier, je einen Schuhmacher, Schneider, Schreiner, Silberschmied und einen Schlosser in der ersten württembergischen Industrie- und Handelsstadt, sie gründeten eine Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Partei Eisenacher Richtung. Mit Jugendbegeisterung und ohne Geld ging es nun an die Arbeit, wöchentliche Parteiversammlungen wurden abgehalten, in denen neben der Erläuterung des Programms in Form eines Wochenberichts die neuesten Vorkommnisse besprochen und lebhaft diskutiert wurden.

Oeffentliche Volksversammlungen schlossen sich an, daneben wurde die Gründung von Mitgliedschaften der verschiedenen Gewerkschaften, der Holzarbeiter, der Schuhmacher, der Schneider betrieben und bald pulsierte ein reges politisches Leben. Aufklärungsarbeit gab es in Hülle und Fülle und wenn auch langsam, so schritt doch die Bewegung stetig fort, aus den 5 wurden 15 und 20, jeder einzelne Agitator und Werber für unsere große Sache. Die Gewerkschaften machten gleichfalls Fortschritte, weitere Mitgliedschaften der einzelnen Berufe wurden gegründet und auch auf diesem Gebiet ging es rüstig vorwärts. Sehr zu statten kam uns eine Agitationstour, die der damalige Präsident des allgemeinen deutschen Arbeitervereins, Genosse Hasenklever,[ws 2] in Begleitung des Genossen Dreesbach[ws 3] nach Süddeutschland unternahm, kurz vor dem Vereinigungskongreß in Gotha. Wir hatten eine sehr stark, auch von Gegnern besuchte Versammlung, in der Hasenklever in glänzender Rede die damalige politische Lage besprach, besonders auch die Kulturkampfgesetze und die Gewaltpolitik Bismarcks scharf kritisierend. Unvergeßlich bleiben mir die Worte, die unser verstorbener Kämpfer dem Führer der Nationalliberalen, der die Maigesetzgebung verteidigte, als einziges Mittel gegen die Macht des Zentrums in der Diskussion zurief: ?bilden Sie das Volk, dann werden jene schwarzen Vögel von selbst fortfliegen.?

Wie recht Hasenklever hatte, sehen wir heute, nach 35 Jahren, die Gewaltpolitik Bismarcks hat dem Zentrum nur genützt, ja, es zur stärksten politischen Partei gemacht, wohl auch deshalb, weil die übrigen bürgerlichen Parteien es bisher an der nötigen Volksbildung fehlen ließen. Genosse Dreesbach referierte über das Programm und erntete für seine trefflichen Ausführungen stürmischen Beifall. Die Gewinnung einer Anzahl weiterer Parteigenossen, sowie weiterer Abonnenten auf unser damaliges Parteiblatt ?Süddeutsche Volkszeitung?, war der Erfolg der glänzend verlaufenen Versammlung.

Unter den Diskussionsrednern der Versammlung befand sich auch ein junger Mann aus dem Stamme Israel, nennen wir ihn Isak,[ws 4] der auch Hasenklever entgegentrat, von demselben jedoch den wohlgemeinten Rat erhielt, erst die sozialdemokratischen Forderungen, den Sozialismus kennen zu lernen, bevor er über diese wichtigen Gegenwartsfragen in öffentlicher Versammlung sprechen wolle. Und merkwürdig, während leider gewöhnlich junge und ältere Leute in Anmaßung und Arroganz, über einen solchen Rat lachen und spotten, befolgte ihn Isak, trat unserer Partei bei und wurde auf eine Reihe von Jahren die eigentliche Seele der Bewegung am Platze.

In Folge seiner besseren Schulbildung, er hatte höhere Schulen mit Erfolg besucht, während wir übrigen mit der miserablen Volksschulbildung vorlieb nehmen mußten, wurde er zu unserem geistigen Führer. Seine Finanzlage ermöglichte ihm die Anschaffung aller wichtigen Bücher und Zeitschriften, was uns, da wir mit kargem Lohn für Weib und Kind zu sorgen hatten, nicht möglich war. Nur eines war ihm versagt, das öffentliche Reden, es lag ihm nicht, auch konnte er, verhindert durch seine gesellschaftliche Stellung nicht leicht davon Gebrauch machen. Desto besser war er in der Feder und manch gepfefferten Artikel bekamen unsere Gegner von ihm vorgesetzt. Uns machte er mit Goethe, Schiller und Heine bekannt, beschaffte die Werke von Marx und Lassalle, die in Parteiversammlungen und privatim von ihm erläutert wurden. Viel verdanken wir Alten und die Bewegung hier ihm.

Eine kleine Probe zur Kennzeichnung seines Feuereifers mag hier am Platze sein. Ein damals viel genannter Pfarrer Novak, ein christlich-sozialer Wanderredner, hatte die Abhaltung eines Vortrags im Betsaal des evangelischen Vereinshauses ausgeschrieben und nun verlangte unser Isak nicht mehr und nicht weniger, als daß wir in dieser gemischten Gesellschaft, an diesem geheiligten Ort, die Fahne des Sozialismus aufpflanzen. Nach lebhafter Debatte wurde der Vorschlag auch angenommen und wir Sozialdemokraten zogen an dem betreffenden Abend zum ersten und wohl auch letzten mal ins evangelische Vereinshaus mit scharf geschliffenen Waffen, um Novak zu bekämpfen. Angesichts der wenigen alten Weiber in Männerkleidung und der vielen alten und jungen Betschwestern unterblieb aber der Kampf und auch Isak war zufrieden. Daß wir die Wahlzeiten zur Ausbreitung unserer Ideen als besonders geeignet betrachteten, ist selbstverständlich.

Die nächste Reichstagswahl 1877 fand uns auf dem Plan, als Zählkandidat wurde Genosse Bebel[ws 5] aufgestellt, der es denn auch auf sage und schreibe 183 Stimmen brachte, notabene im ganzen Wahlkreis, was allerdings herzlich wenig, angesichts der Konstellation des Kreises, in dem Deutsche Partei und Volkspartei um das Mandat rangen, ein Erfolg war, mit dem wir zufrieden sein konnten und waren. Die Volkspartei kämpfte mit einem auch in Arbeiterkreisen sehr beliebten und geachteten Kandidaten, der zudem das Landtagsmandat des Oberamts besaß,[ws 6] zum ersten mal ernstlich um das Reichstagsmandat des Kreises. Die Arbeiter, soweit sie sich politisch betätigten, lagen bisher im Schlepptau der Volkspartei, die politische Schulung war noch nicht soweit fortgeschritten, daß sie sich sagten, in der ersten Wahl unter allen Umständen den sozialdemokratischen Kandidaten und es wurde uns auf unsere diesbezüglichen Bemerkungen im Allgemeinen geantwortet: ?Bebel wird ja doch nicht gewählt, wir müssen gleich den Volksparteiler wählen, damit er in der ersten Wahl schon durchkommt.

Vergeblich war aller Hinweis unsererseits, daß dies vollständig ausgeschlossen sei. Das Resultat des ersten Wahlgangs war denn auch Stichwahl zwischen Volkspartei und deutscher Partei, aus der dann mit unserer Hilfe der Volksparteiler als Sieger hervorging. Manch heißen Kampf hatten wir in der Folge noch mit der Volkspartei zu führen, bis es uns gelang, den größten Teil der Arbeiter auf unsere Seite, auf den Platz zu bringen, wohin sie naturgemäß gehören.

Hiezu benützten wir fast ausschließlich die volksparteilichen Versammlungen, einmal, weil das billiger für uns war, dann aber auch deshalb, weil uns die in Betracht kommenden Säle systematisch verweigert wurden. Nebenbei pflegten wir auch das gesellschaftliche Gebiet, ein Männergesangverein wurde gegründet, der sich zur Aufgabe machte, nur Lieder der neuen Zeit, Tendenzlieder einzuüben und zum Vortrag zu bringen.

Bald erschollen denn auch in von uns arrangierten Sonntagsunterhaltungen unsere alten vierstimmigen Chöre ?Wer schafft das Gold zu Tage?, ?Ein Sohn des Volkes will ich sein?, ?Wer müht sich um geringen Sold?, ?Die rote Fahne pflanzt nun auf? und andere mehr. Unsere Frauen und Kinder, sowie eingeführte Bekannte wurden auch im Lied auf unseren Klassenkampf hingewiesen, die Genossen selbst zu neuem Kampf begeistert. Gute politische Deklamationen und Rezitationen kamen zum Vortrag von Heine, Uhland, Freiligrath und anderen. Den Schluß bildete gewöhnlich das gemeinsame Absingen unseres Schlachtrufes: der Marseillaise.

Manches neue Mitglied wurde auch hier gewonnen, wie überhaupt diese Veranstaltungen dem dreifachen Zweck dienten: 1. das Unterhaltungsbedürfnis zu befriedigen, 2. neue Anhänger zu gewinnen, und 3. Munition, Geld für unseren Kampf zu schaffen. 1877 wurde die erste große Festlichkeit, ein Arbeiterherbstfest, abgehalten. Die Festrede hielt Dr. Rieth, der in der Hauptsache Freidenker und nebenbei etwas Sozialdemokrat war. Als besondere Sehenswürdigkeit wurde in einer Extrabude gegen kleines Eintrittsgeld das ?rote Gespenst? gezeigt, das ein ehrsamer Schuster ausgezeichnet mimte und viel Heiterkeit erregte, sowie einen netten Batzen in unsere Kasse brachte. Das Fest verlief in allen Teilen, besonders auch in finanzieller Beziehung, zur vollsten Zufriedenheit und wir schwuren uns, die Sache im nächsten Jahre wieder in noch größerem Maßstab zu machen. Aber der Mensch denkt und der Kutscher lenkt. In diesem Fall waren es sogar zwei Kutscher, Hödel[ws 7] und Nobiling,[ws 8] und das nächste Jahr war das berüchtigte Jahr 1878.


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