Aus jungen Tagen

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Kapitel 1 des Buches: Aus jungen Tagen

Stengaarden, 23. Juli 18..

Liebe Binse!

Da ich keinen so flotten Zungenschlag habe wie Du, so muß ich schreiben. –

»Warum kannst Du nicht immer so gut sein wie jetzt?« – – – Diese zehn Worte sind die Quelle aller unserer Leiden. Denn wie bin ich, wenn ich in Deinen Augen »gut« bin? Ein Kind, das, körperlich und geistig müde, seinen Kopf an Deine Brust lehnt und sich willenlos Deinen Liebkosungen überläßt.

Und wenn die Müdigkeit vorbei ist und ich wieder zum Bewußtsein erwache – dann bin ich nicht mehr »gut«.

Du wirfst mir vor, daß ich so große Ansprüche mache, so ungeheure Wechsel auf Deine Liebe ziehe. Aber das ist wenig gegen das, was Du von mir verlangst; denn Du willst weiter nichts, als daß ich meine Persönlichkeit aufgeben soll. Ich soll Dein »Kind« sein, weiter wünschest Du nichts. Du willst mich zum »Ehemann« machen, aber ich will etwas mehr sein, etwas Größeres.

Miete Dir einen Dienstmann, wenn Du durchaus heiraten mußt. Mag sein, daß Deine Liebe für Dich das höchste ist; das ist meine Liebe für mich nicht. Für Dich ist die Liebe vielleicht das Ziel des Lebens. Für mich ist sie eines seiner Mittel.

Du hast keinen Ernst.

Ja, selbst in diesem Augenblick, während Du liest, was ich hier schreibe, lächelst Du über das »Kind«. Und weil Du das Leben für einen Scherz hältst, – einen etwas verletzenden vielleicht, aber immerhin einen Scherz, über den man für gewöhnlich mit ein wenig »Esprit« hinwegkommt – bist Du geneigt, alles mit leichtfertigen Blicken anzusehen.

Nun frage ich Dich: was glaubst Du, würde aus mir werden, wenn ich beständig »gut« wäre?

Und ist es Dir niemals eingefallen, daß ich denken könnte, auch wenn ich nicht sprach?

Du, die Du Dich Deiner Intelligenz rühmst, besitzest in der Beziehung nicht mehr Intelligenz als meine alte Tante.

– Die Intelligenz und der »Freisinn« der Frauen wohnt auf ihrer Zunge – beides ist ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen, sie glauben die Menschen zu kennen, und sie kennen nicht einmal sich selbst.

Denn darin scheint mir die »Intelligenz« zu bestehen, daß sie uns unsere starken und schwachen Seiten wie in einem Spiegel zeigt. Besonders die schwachen – da die starken sich schon von selbst offenbaren werden – wenn sie vorhanden sind.

Das machen wir ja gerade den Alten und Dummen zum Vorwurf, daß sie für ihre eigenen Schwächen blind sind.

Denn es ist eine Weiber- und Priesterlüge, daß ein kluger Mann nicht »sich selbst kennen« solle.

Mit offenen Augen geziemt es uns, das Leben zu leben! Du wirfst es mir so oft ins Gesicht, daß ich mich von anderen beeinflussen lasse. – Und Du selbst?!

Und ich halte es übrigens nicht für die schlechteste Eigenschaft eines Menschen, daß er imstande ist, sich von anderen klarer Sehenden belehren zu lassen. Im Gegenteil! Denn das Entgegengesetzte ist fast immer das Zeichen eines gewissen geistigen Aufkeimens. Und Dir und mir tut Belehrung not. Denn – seien wir ehrlich – wir gehören doch sicherlich nicht zu den größten Geistern unserer Zeit.

Seltsam, daß Du so blind sein kannst. – Seltsam, daß Du nicht sehen kannst, wie der größte Teil des Weihrauches, den man Dir vor der Nase brennt, von den Männern gespendet wird, weil Du schön und Weib bist. – Und von den Weibern, weil Du eine scharfe Zunge hast.

Du verhöhnst freilich scheinbar das Urteil der Menge; aber im tiefsten Innern bebt Deine Seele in banger Erwartung.

Ich kann es nicht ertragen, Dich fröhlich zu sehen – nein. Denn jedes Wort aus Deinem Munde, jede Bewegung Deiner Hände und Deiner Augen scheint mir zu fragen: habe ich das nicht gut gemacht?

Du hast eine Art, Beifall zu fordern, die mich erröten macht!

Du kannst zuweilen – ich sage zuweilen – eine gute Antwort geben. Aber die Art, wie Du sie aussprichst, treibt mir für Dich das Blut ins Gesicht. Denn Deine naive Selbstgefälligkeit grenzt an – Dummheit.

Deshalb gehe ich ungern mit Dir zusammen aus. Denn es ist mir nicht lieb, wenn man Dich zum besten hat. Und ich habe Menschen hinter Deinem Rücken lächeln sehen.

Und wenn Dich auch kein anderer in solchen Augenblicken verspottet – so tue ich es! Ich sitze stumm und still, und während die Lippen von der Verachtung abwärts gezogen werden, schreit und weint es in meinem Herzen; und ich möchte Dich in meine Arme nehmen und forttragen, weit fort an einen einsamen Ort, wo ich Dich auf meine Knie setzen und Deinen Kopf an meine Brust legen und in milden, liebevollen Worten Dir erzählen würde, was uns beiden all diese aufreibende Qual und Sorge verursacht. – Und Du würdest die Arme um meinen Hals schlingen, mich küssen und liebkosen und – – und mir vorspielen. Und ich würde wieder »gut« werden und sagen, daß es mir mit keinem einzigen dieser garstigen Worte Ernst gewesen sei.

Und dann würden wir das alte Lied von vorn anfangen! Nein, Du, wenn dieser Brief Dir auch Schmerz verursacht, so mußte es doch gesagt werden, was darin gesagt ist. Du mußtest wissen, warum ich so oft »seltsam« bin. Du hattest ein Recht darauf, es zu hören, wie ich ein Recht darauf hatte, es zu sagen.

Glaube nun nicht, ich hätte all dies hier geschrieben, um Dich zu verletzen oder zu betrüben.

Es ist im tiefsten Ernst geschrieben und verlangt, ebenso aufgenommen zu werden.

Sollten wir nicht das vor den »anderen« voraus haben, daß wir die Fragen aufnehmen können, – auch wenn sie unser eigenes liebes Ich betreffen?

Du glaubst vielleicht jetzt aus meinem Briefe schließen zu können, daß meine Liebe zu Dir tot sei?

Darauf will ich erwidern: Nie habe ich an jemand geschrieben, wie ich hier an Dich geschrieben habe. Und das heißt von meinem Gesichtspunkt aus: Nie habe ich jemand geliebt, wie ich Dich geliebt habe.

Und ich meine, Du wirst mir glauben.
Dein Gunnar Warberg.


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