Das adlige Nest

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Erstes Kapitel.

Zwei Tage später kam Maria Dmitriewna, wie sie es versprochen hatte, mit den übrigen Eingeladenen nach Wassiliewskoie. Die kleinen Mädchen liefen sogleich in den Garten, Maria Dmitriewna aber ging mit schmachtender Miene durch alle Zimmer, lobte mit schmachtender Stimme Alles. Ihren Besuch bei Lawretzky hielt sie für ein Zeichen großer Herablassung, fast für eine Wohlthat. Sie lächelte freundlich, als Anton und Apraxea nach alter Dienstbotengewohnheit ihr die Hand küßten, ? und mit schwacher Stimme und näselnd bat sie, man solle ihr Thee bringen. Zum großen Aerger Antons, der gestreifte weiße Handschuhe angezogen hatte, brachte Madame Kalitin den Thee nicht er, sondern ein gemietheter Kammerdiener Lawretzky?s, der, wie der Alte sich ausdrückte, gar nicht an Ordnung gewöhnt sei. Bei Mittag aber behauptete Anton seine Rechte, festen Schrittes stellte er sich hinter den Sessel Marie Dmitriewna?s und trat seine Stelle Niemandem ab. Die lange nicht dagewesene Gegenwart von Gästen in Wassiliewskoie ? regte den Alten auf und freute ihn: es war ihm angenehm zu sehen, daß sein Herr mit guten Leuten Bekanntschaft habe.

Uebrigens war nicht er allein diesen Tag in großer Aufregung; auch Lemm war sehr aufgeregt. Er hatte einen kurzen, tabaksfarbenen Frack mit spitzen Schößen angezogen, hatte sein Halstuch fest zugebunden ? hustete fortwährend; angenehm und freundlich lächelnd, machte er Jedermann Platz.

Lawretzky bemerkte mit Vergnügen, daß die Annäherung zwischen ihm und Liese fortdauerte; sie war kaum eingetreten, als sie ihm von selbst mit einem freundlichen Blicke die Hand reichte. Nach Mittag zog Lemm aus seiner Tasche, in welche er jeden Augenblick seine Hand steckte, eine Rolle Notenpapier hervor und legte dieselbe, seine Lippen auf eine sonderbar angenehme Weise spitzend, schweigend auf das Clavier.

Es war eine von ihm den Tag vorher auf einen altmodischen deutschen Text componirte Romanze, in der von Sternen die Rede war, Liese setzte sich sofort an das Piano und sang die Romanze . . . Ach! die Musik erwies sich als sehr verwirrt und sehr gesucht; sichtbar wollte der Componist etwas Leidenschaftliches, Tiefgefühltes ausdrücken, aber es war nichts herausgekommen; sein Streben war ein Streben geblieben. Lawretzky und Liese fühlten dies ? auch Lemm begriff es; ohne ein Wort zu sprechen, steckte er seine Romanze wieder in die Tasche und als Liese sich erbot, dieselbe noch einmal zu singen, ? schüttelte er nur mit dem Kopfe und sagte: »Jetzt ? basta!« bückte sich noch tiefer und ging fort.

Gegen Abend ging die ganze Gesellschaft Fische angeln; in dem, den Garten schließenden Teiche gab es viele Karauschen und Sälblinge. Für Maria Dmitriewna wurde ein Sessel an?s Ufer, in den Schatten gebracht, ihr wurde unter die Füße ein Teppich gebreitet, man gab ihr die beste Angelruthe; Anton bot ihr, als alter erfahrener Fischer, seine Dienste an, fleißig hakte er Würmer an, schlug dieselben mit der Hand platt, spuckte auf die Würmer, und warf selbst den Angelhaken aus, sich graziös mit dem ganzen Körper vorwärts beugend. Denselben Tag äußerte sich Maria Dmitriewna gegen Lawretzky in folgender schülerhaft-französischer Redensart: »Il n?y plus maintenant de ces gens comme ca comme autrefois

Mit den beiden kleinen Mädchen ging Lemm weiter, bis an den Damm; Lawretzky setzte sich neben Liese. Die Fische bissen fortwährend an, ununterbrochen glitzerten in der Luft die aus dem Wasser gezogenen Karauschen mit ihren, bald goldigen, bald silberfarbenen Schuppen. Das Wonnerufen der kleinen Mädchen hörte nicht auf; Maria Dmitriewna selbst kreischte ein paarmal sehr zärtlich auf.

Seltener als bei den Andern bissen bei Lawretzky und Liese die Fische an; wahrscheinlich kam das davon, daß sie weniger als die Andern dem Fischfang Aufmerksamkeit zuwandten und den Schwimmpfropfen zu oft ans Ufer schwimmen ließen. Leise rauschte das hohe und röthliche Schilfrohr rings umher; sanft schillerte vor ihnen das regungslose Wasser und auch ihre Unterhaltung klang sanft und leise. Liese stand auf dem kleinen Damme; Lawretzky saß auf einem zum Wasser sich neigenden Stamme einer Cytise, Liese hatte ein weißes Kleid an, und ihre Taille war von einem breiten, ebenfalls weißen Gürtel umschlungen; an einem Arme hing ihr Strohhut, ? mit dem andern hielt sie, sich etwas anstrengend, die zum Wasser gebeugte Angelruthe. Lawretzky blickte auf ihr reines, etwas strenges Profit, auf ihre, hinter die Ohren geworfenen Haare, auf die zarten Wangen, die bei ihr, wie bei einem Kinde, glühten, und dachte: »o, wie reizend stehst Du da vor meinem Teich!« Liese blickte ihn nicht an, sah aber fest ins Wasser, und, ? wie soll ich es eigentlich ausdrücken? ? auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der zwischen Stirnrunzeln und Lächeln war. Einer nahen Birke Schatten fiel aus Beide.

»Wissen Sie aber was?« begann Lawretzky: ? »ich habe viel über unsere letzte Unterhaltung nachgedacht und ich bin zu dem Schlusse gekommen, daß Sie ein vortreffliches Herz haben.«

»Ich habe es ganz und gar nicht in der Absicht gesagt, fing Liese an und schwieg erröthend.

»Sie haben ein gutes Herz,« wiederholte Lawretzky. »Ich bin ein einfacher Mann, fühle aber, daß Alle Sie lieben müssen. Sehen Sie, zum Beispiel, Lemm an; er ist, mit einem Worte gesagt, in Sie verliebt.«

Liese?s Augenbrauen ? nein, sie runzelten sich nicht, ? sie fuhren aber krampfhaft zusammen; das geschah ihr immer, wenn sie etwas ihr Unangenehmes hörte.

»Er that mir heute sehr leid,« fuhr Lawretzky fort, »mir seiner mißlungenen Romanze. Jung zu sein und Nichts zu wissen, ? ist noch erträglich; aber alt zu werden und keine Kraft mehr zu haben ? oh! das ist schlimm. Und was noch das Unerträglichste ist, daß man nicht fühlt, wenn man die Kraft verliert. Solche Schläge knicken einen alten Mann zusammen! . . . Sehen Sie sich vor, -- ein Fisch beißt bei Ihnen an! . . . Man hat mir gesagt,« fügte Lawretzky hinzu, nachdem er einige Augenblicke geschwiegen hatte, ? »Wladimir Nikolaitsch hätte eine sehr hübsche Romanze geschrieben?«

»Ja, eine Kleinigkeit,« erwiderte Liese, »aber sie ist nicht übel. Mir scheint es, er hat großes Talent für Musik; aber er hat sich bis jetzt nicht mit ihr, wie es eigentlich sein sollte, beschäftigt.«

»Mag sein. Aber ist er ein guter Mann?«

Liese lachte auf und warf einen flüchtigen Blick auf Lawretzky.

»Eine sonderbare Frage!« rief sie aus, zog die Angel aus dem Wasser und warf sie wieder weit von sich.

»Warum denn sonderbar? Ich frage Sie nach ihm, als ein vor Kurzem Angekommener, als Verwandter.«

»Als Verwandter?«

»Ja, denn ich bin, wenn ich mich nicht irre, Ihr Onkel in irgend einem Grade.«

»Wladimir Nikolaitsch hat ein gutes Herz,« sagte Liese; »er ist klug, maman liebt ihn sehr.«

»Und auch Sie, Sie lieben ihn?«

»Er scheint ein guter Mann zu sein, warum soll ich ihn nicht lieben?«

»So! . . . sagte Lawretzky und schwieg; ein halb trauriger, halb spöttischer Ausdruck eilte über sein Gesicht. Sein fester Blick verwirrte Liese, -? doch ihr Lächeln verlor sich nicht.

»Nun so gebe Ihnen Gott Glück,« ? sprach er endlich leise vor sich hin, als spräche er nur mit sich selbst, und wandte den Kopf ab.

Liese erröthete.

»Sie irren sich, Feodor Iwanitsch! sagte sie, ?- »wie können Sie so etwas denken? . . . Gefällt Ihnen aber Wladimir Nikolaitsch nicht?« fragte sie mit einem Male.

»Er gefällt mir nicht!«

»Und warum denn das?«

»Mir scheint es, ihm fehlt ein Herz.«

Von Liese?s Lippen schwand das Lächeln.

»Sie sind gewohnt, streng über die Menschen zu richten, sagte sie nach einem langen Schweigen.

»Ich glaube es nicht. Welches Recht hätte ich aber auch, streng zu richten? ? Ich, der selbst so viel der Nachsicht der Menschen bedarf? Oder haben Sie vergessen, daß nur der Faulenzer allein über mich nicht spottet? ? Aber« ? fügte er hinzu ? »haben Sie auch Ihr Versprechen gehalten?«

»Welches?«

»Haben Sie für mich gebetet?«

»Ich habe für Sie gebetet und bete jeden Tag. Aber ich bitte, sprechen wir doch von solchen Dingen nicht so leichtsinnig.«

Lawretzky suchte Liese zu versichern, daß ihm dergleichen nicht in den Kopf gekommen sei, daß er jede Ueberzeugung hoch achte. Dann begann er von Religion zu sprechen, von ihrer Bedeutung in der Geschichte der Menschheit, von der Bedeutung des Christenthums.

»Ein Christ muß man sein,« sagte nicht ohne Anstrengung Liese. »Nicht um das Himmlische zu begreifen . . . ja, auch nicht das Irdische, aber deswegen, weil jedermann sterben muß.«

Mit unwillkürlichem Erstaunen blickte Lawretzky auf Liese und seine Augen begegneten den Ihrigen.

»Was haben Sie da für ein Wort ausgesprochen!« sagte er.

»Das sind nicht meine Worte,« antwortete sie.

»Nicht die Ihrigen? Warum sprechen Sie aber vom Tode?«

»Ich weiß es nicht. Oft denk ich aber an ihn.«

»Oft?«

»Das könnte man nicht behaupten, wenn man jetzt auf sie blickt, Sie haben ein so fröhliches, lichtes Gesicht, Sie lächeln.«

»Ja, ich fühle mich jetzt fröhlich gestimmt,« erwiderte Liese ganz naiv.

Lawretzky hätte gern ihre beiden Hände erfaßt und sie kräftig zusammengedrückt.

»Liese, Liese! komm doch her zu mir und sieh was ich für eine Karausche gefangen habe.«

»Gleich, gleich, maman,« erwiderte Liese und ging zu ihr und Lawretzky blieb allein auf seiner Cytise. »Ich spreche mit ihr, als ob ich nicht mein Leben beschlossen hätte,« dachte er.

Beim Weggehen hatte Liese ihren Hut auf einen Zweig gehängt. Mit einem sonderbaren« fast zärtlichen Gefühle blickte Lawretzky auf diesen Hut, auf dessen lange, etwas zerknitterte Bänder. Bald kehrte Liese zu ihm zurück.

»Warum scheint es Ihnen aber, daß Wladimir Nikolaitsch kein Herz habe?« fragte sie ihn nach einigen Augenblicken.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich mich irren kann; übrigens wird es die Zeit beweisen.«

Liese versank in Gedanken. Lawretzky begann von seinem Leben in Wassiliewskoie, von Michalewitsch, von Anton zu reden. Er fühlte den Drang, mit Liese zu sprechen, ihr Alles mitzutheilen, was in seinem Herzen geschah, so reizend, so aufmerksam hörte sie ihn an, ihre seltenen Bemerkungen und Entgegnungen schienen ihm so einfach, so klug zu sein. Er sagte es ihr sogar.

Liese schien ganz verwundert.

»Wirklich?« sagte sie: »Ich dachte bis jetzt, daß ich ebenso wenig eigene Worte habe, wie mein Kammermädchen Nastia; sie sagte einmal ihrem Bräutigame Du mußt Dich doch bei mir sehr langweilen; Du erzählst mir immer so schöne Sachen und ich ? habe keine Worte.«

»Und Gott sei Dank!« dachte Lawretzky.



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