Camera Obscura

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X.

Und da geschah das Unglück, wie es Steward seit Wochen erwartet hatte.

Alle Vorbereitungen waren ungenügend gewesen. Steward durchlief die Erfahrungen seines wechselvollen Lebens, prüfte die Morphologie des Verbrechens, die er in mäßigen und gedankenreichen Stunden zusammengesetzt hatte. Er kannte alle Systeme, nach denen so oder so gearbeitet werden mußte, weil auch das Verbrechen seine Gesetze hat, gerade insofern es in einer bestimmten Beschränktheit ablaufen muß. Diesen Fall hatte man ihm nun seit Wochen vor Augen gesetzt. Er gestand zu, dieser Fall war eine Komposition; er war mit solcher Umsicht, Durchsichtung des Möglichkeiten-Materials, so nach vielen Seiten wendbar angelegt, daß er wie ein konzentriertes Modell von Kriminalität anmutete. Wenn man beobachtete, mit welchen Feinheiten der Skala sowohl nach unten als nach oben hierbei gespielt worden war, so konnte man beinahe auf die Vermutung kommen, daß es sich um eine Karikatur handle; gleichsam als wollten die Urheber die ganze Schicht des Kriminellen sowohl mit dem Verbrecher als seinem Gegenstück, dem Wächter der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, ad absurdum führen. Dem widersprach aber der Ernst der Tatsache, die da gemeldet wurde. Ein Mensch war ermordet, und das war nicht mehr witzig. Ein Exponent von gesellschaftlichem Rang war einem schlauen Hinterhalt zum Opfer gefallen. Das war nichts weniger als witzig.

Steward erfuhr die Nachricht im Café um sechs Uhr nachmittags. Seit den letzten Beobachtungen war er in stündlicher Unruhe und Erwartung. Der Fall war diesmal so kraß, weil Steward die gegen ihn selbst gerichtete Spitze spürte. Man hatte ihn aus Chicago anonym nach Oaxa berufen. Er schwankte, noch als er über den Newyorker Broadway hinab zur Battery-Bucht schritt, ob er wirklich die Fähre nach Hoboken benützen solle, um den nächsten Eildampfer nach Europa zu erklettern. Er schwankte noch, als er schon den Fuß auf den Blechplatten der Stiege und die Hand am steilen Geländer hatte. Aber dann stieß der Dampferkoloß ab und kleine naseweise Bugsierer stupften ihn wichtig wie eine Meute in die Bay hinaus, und da schwankte Steward nicht mehr.

Das erste Radiogramm, das die Antennen der »Transozeanic« aus dem Osten her auffingen, und zwar kaum daß die Bugsierer ihre Stumpfnasen in den Leib des Passagierriesen gestemmt hatten, war an James Steward gerichtet und enthielt die Worte: »nicht ausweichen stop gilt diesmal sinn ihres lebens stop stop«.

Der Absender war also in erster Linie ein guter Psychologe. Er wußte erstens, daß Steward diesmal weniger taktfest war als sonst und daß es galt, die Möglichkeit abzuschneiden, die noch immer gegeben war, wenn Steward sich im letzten Augenblick besann und mit dem letzten Bugsierer wieder nach Hoboken zurückfuhr. Außerdem aber war es auch ungewöhnlich, daß das angekündigte Verbrechen nicht im Zusammenhange mit einem materiellen Vorteil, sondern gleichsam mit einer moralischen oder weltanschaulichen Frage gebracht war.

Ein Verbrechen aus Philosophie! Natürlich war es möglich, daß diese gewollte Nuance die Finte darstellte, auf die Steward eingehen sollte; daß sie gewählt worden war in der Berechnung, sie würde gerade die unsichere Stimmung und Schwäche in Steward hervorrufen, die nun tatsächlich bei ihm eingetreten war. Andererseits mußte sich Steward sagen, daß niemand auf diese Nuance geraten konnte, der nicht in ihrer Atmosphäre lebte; und daß Geschäftsverbrecher in einer solchen lebten, konnte verneint werden; denn selbst wenn das Ziel mit materiellen Vorteilen verknüpft war, so waren doch die Methoden die der Atmosphäre; und gerade das, schlicht gesagt, beunruhigte Steward, denn in dieser Sphäre fühlte er sich fremd und seine sachliche Ruhe verlor an Präzision und Anwendbarkeit. Es war das erste Mal, daß er einem sozusagen philosophischen Verbrecher gegenüberstand.

Der Absender gebot ihm Halt. Er nannte sich stop. Am Schluß des Telegramms stand zweimal stop. Das konnte nun ein Irrtum des Telegraphenbeamten sein. Aber der Mann im Radio-Office wies nach, daß er zweimal stop aufgenommen hatte. Der Irrtum lag also entweder bei der Aufgabestation, und das war sehr umständlich festzustellen; übrigens war es überflüssig, denn man konnte, ohne abergläubisch zu sein, diese Unterschrift für einen Fingerzeig nehmen; und das war dann auch das Oder; es wurde ihm Stop geboten. Stop, worin? In seiner Mission? In seiner Methode? In seinem letzten Fall?

Der letzte Fall ? Steward saß gerade im Café City und las den »Mercury of Oaxa«. Er las sehr genau, von der Politik bis hinten zu den Anzeigen, aus denen er wertvolle Winke zu entnehmen pflegte. Über die »Geheimbau«-Affäre hielt er sich dicht. Nichts entging ihm. Rätselhaft wurde dieser einfache Schwindlerfall durch seine lokalen Zusammenhänge mit dem Geschehnis, unter dessen Vorspiegelung Steward nach Oaxa gelockt worden war. Standen die beiden Dinge miteinander in Verbindung? Wollte man ihn noch fester in den Fall Simple verstricken, oder war der Fall Simple selbst nur die erste Etappe zu dem größeren Coup, mit dem man ihn, Steward, jetzt ludern wolle? Graham Simple, Defraudant, zuständiger Nordamerikaner armenischer Abstammung, trat auch unter dem Namen Simpson auf, recte Simeonean; Spezialität waren Heiratsschwindeleien, Gründungsschwindel; Wüstling, großer Einfluß auf Frauen, Verbindungen in der besten Gesellschaft.

Es war möglich, daß dieser Simple recte Simeonean eine Konkurrenz hatte oder einen Gegner aus nicht genügend gewürdigter Mitarbeiterschaft; und dieser hatte Steward auf Simples Spur gehetzt, die über Wien nach Oaxa führte. Wenn nichts anderes dahinter keimte als diese gewöhnliche Verbrecherlaune, dann war Steward diesmal gerade durch die Einfältigkeit des Hinterhalts gründlich hineingefallen. Wegen dieses Falles, in dem es sich kaum um Menschenleben und nur um die Verschiebung von ein paar Millionen von einem Platz auf den andern handelte, hätte Steward sich nicht aus Nordamerika weggerührt.

Steward fürchtete diese Entdeckung, denn wenn er ehrlich war, so war ihm die peinliche Situation, in die ihn der philosophische Fall versetzt hätte, doch auch wieder pikant; es hätte ihn gereizt, seine gut disziplinierten Mittel mit denen eines heterogenen Geistes zu messen. Er hatte also ein schönfärberisches Interesse, die abenteuerliche Möglichkeit offen zu lassen und die Geschichte Simple nur als Filiale des Geheimnisses von Oaxa überhaupt zu betrachten.

Flüchtig notierte er den Tod des Totengräbers vom Zentralfriedhof, eines alten Matadors, lokale Berühmtheit, dem der Reporter gruselige Wortkräfte entschlachtete. Das Bildnis eines Inders fesselte ihn, der mit Turban und im Kniesitz aus runden prahlerischen Augen kalbig auf den Leser glotzend, seine Heil- und Wahrsagemethoden empfahl, Watterkant-Straße 7, dritte Etage, Atelier. Um die Geheimbau-Affäre drehten sich die Blätter herum, sie schoben Politik vor; man sagte, daß die Person des flüchtigen Direktors Simpson mit hohen halbpolitischen Funktionären in zart zu behandelnden Beziehungen gestanden habe; so strich der verantwortliche Redakteur immer wieder alle Anspielungen seiner Windhunde aus der Zeitungsform in der Setzerei heraus. Aber Steward wäre nicht Steward gewesen, wenn er davon nicht hätte Wind bekommen und nicht alle Möglichkeiten berechnet in Bereitschaft hielt, die von dem Fall Simple aus die Wahrheit des erst herannahenden Falles im voraus verunstalten konnten.

Steward gestand sich, daß er sich in einem phantastischen Aufruhr befände. Er hatte sich, zur Vorbereitung auf den telegraphisch gestoppten Fall Oaxa, durch übermäßiges Studium auf einem ihm bisher nicht geläufigen Gebiete übernommen. Ein Wust von physiologischem Wissen, geheimnisvolle Erscheinungen wie Wünschelrute, Astralleib, Telepathie und geistige Politik, eine neu aufgetauchte Disziplin, die der menschlichen Gesellschaft das endgültige Paradies durch eine Art suggestiver Gewaltsamkeit aufzwingen wollte, gingen in seinem Kopf durcheinander. Bruchstücke aus der »Soziologie der Zukunft« des Jack Slim hatte er auswendig im Kopfe. Mit peinlicher Manie verzeichnete er Stimmungsbilder aller der Personen, von denen er eine Beziehung zu dem Zukunftsverbrechen annehmen durfte. Er suchte nicht nur mehr der äußeren Daten und Indizien habhaft zu werden, sondern erstreckte seine Recherchen auf das seelische Gebiet.

Der Kampf, den man ihm angesagt hatte, war hart, und er mußte mit dem vollständigen Arsenal antreten. Er erinnerte sich genau der seelischen Konstellation vor dem Hause San Remos; überwach, überblickte er Zusammenhänge zwischen den allgemeinen Gedankengängen, wie man sie in Büchern niederlegt, und den rein physischen Ereignissen, die aus ihnen kommen mögen. Seine Unterredung mit San Remo hatte es bestätigt.

So benützte Steward die durchschnittlichen Bulletins der Zeitungen, um an dem Vorstellungswerk zu bauen, das er mit entfesselter exakter Einbildungskraft über dem Telegramm aus Wien aufrichtete.

Ei hatte den »Mercury of Oaxa« noch nicht beendet, als ein großer schmächtiger Mann, blaß, blonden Schnurrbarts, beamtenhaft und gewöhnlich, draußen vor dem Café aus einem Automobil stolperte und schnell zwischen den um diese Zeit vollbesetzten, wie mit Trauben von Menschen behangenen Tischpilzen hindurchwatete. Der Mann war der Agent Rakowitz. Er behielt den steifen Filzhut tief im Kopfe. Es war nach sechs Uhr abends.

»Kommen Sie schnell, schnell, Kovary läßt bitten,« sagte er nervös, aber voll Positur über der Aufregung, zu Steward. »Der dalmatinische Gesandte San Remo ist tot. Ermordet.«

Während der lange Benzinwagen wie ein Pfropfen sich durch die Straßenröhren pumpte, so daß man den Druck der Materie links und rechts saugen spürte, erzählte Rakowitz den Hergang.

XI.

Der Gesandte, in seinem Zimmer eingeschlossen, hatte sich den ganzen Nachmittag über nicht gerührt. Der Lakai Morel arbeitete im Garten und übergoß Beete und Rhododendron mit einem prasselnden Strahl aus der Gartenspritze. Eine halbe Stunde vorher war Madame zurückgekehrt, er sah sie durch die Gartenpforte treten, sie ging nicht mitten durch den Garten am großen Rosenhag vorüber, sondern ganz auf einem Seitenpfad, der zwischen hohen Balustraden aus kantig gestutztem Taxus hindurchschnitt.

Plötzlich hörte Morel aus dem Zimmer im ersten Stock einen durch die schlirrenden Scheiben unterdrückten und gläsern verunreinigten Schrei. Er lief hinauf. Droben stand vor der Tür, die Klinke zuziehend, Philomena Akte. Sie stand doppelt gerade, aber zuckend, mit zerwühltem Gesicht, trotzdem zynisch rauchend, obwohl ihre gelben gemeinen Finger, die Hand einer sündigen Heiligen, vor Bewegung flackerten. Morel sah und bewunderte die Stärke ihres Herrenblutes. Sie sprach nicht, sammelte ihre ganze Kraft in ein gleichmütiges befehlendes, »Polizei!« Da lief auch schon die übrige Dienerschaft zusammen. In der Aufregung vergaß man das Telephon. Man eilte in einem Klumpen, voll Grauen vom Orte fortgestoßen und zu menschlicher Gemeinschaft getrieben, auf die Straße. Zwei Schutzmänner kamen; sie standen bereit. Einer von diesen telephonierte.

Nach sechs Minuten kam wuchtig, aber wie erlöst der Chef-Kommissär Kovary angetrabt; seit Tagen stand er unter Alarm, und man wußte nicht, wo es ausbrechen würde. Endlich! Kovary war massiv, breit, mittelgroß; ein schwerer Mann, viereckig, mit kleinen guten Fäusten; der große Kopf hatte sechs gewölbte Flächen, wie ein Würfel, er war schön; das weichteigige Gesicht mit den dunklen starken Augen und gedrechselter Nase war durch einen goldbraunen Schnurrbart, der wie eine Sichelkette, wie das Gebiß einer Egge in die üppigen Lippen stach, in wilde Energie gehoben.

Als die Lady den mächtigen Mann sah, verlor sie die letzte Unsicherheit, nahm eine kleine silberne Schachtel, klappte, rollte sinnlich eine Zigarette zwischen den Fingern und ließ sich von Morel in gewohnter Weise Feuer geben. Sie spannte alle Muskeln, ihr Antlitz verlieblichte sich durch ein wissendes Lächeln um die Augenwinkel.

Kovary stand vor der Türe. Er hatte über den Begriff Dienst hinaus zum ersten Male die Sensation Abenteuer, als er in den Maschen dieses züngelnden Blickes hängen blieb; zugleich lief ihm ein Stück Aufmerksamkeit weg und versteckte sich, ohne daß er es gemerkt hätte, in der mageren Krümmung, die von den Fußgelenken dieser Frau unter drahtig federnden Röcken in ihren Schoß lief. Sie öffnete leise die Tür; Kovary, ein wenig beklommen, trat ein: da lag San Remo am Kanapee, verrenkt, dunkel am Unterleib, die linke Hand schaufelartig am Boden; in der Rechten hielt er einen Streifen schwarzer Seide mit roten Kelchen, zusammengekrallt.

Agenten, Arzt, Photograph kamen. Der Arzt konstatierte flüchtig Tod, Stich in den Unterleib, geringer, auffallend geringer, wahrscheinlich innerer Bluterguß. »Ich muß Sie bitten, Gnädige,« sagte Kovary zur Hausherrin und wies auf einen Sessel. Ein allmächtiges Gefühl belebte ihn, als er kraft offizieller Macht diese Füße und Augen zur Anwesenheit zwingen konnte. Seine äußere Funktion geriet in eine wohlige Übereinstimmung mit seinem rein triebhaften Drange.

Die Lady hatte verblüffende Nerven. Wohl traten die grünen Ringe unter ihren Augen in dem graugelben Gesicht deutlicher hervor, aber sie blickte ohne Ekel, ja oft sinnend, aufsaugend auf den dunklen Fleck am Leibe ihres Gatten. Die Dienstboten, auch Morel, sahen qualvoll daneben weg. Nur kurze Blicke wagten sich in die Ecke, prallten sofort von der verzerrten Lage des Toten zurück. Der Ausdruck in seinen offenen Augen war dunkel, eigentlich ohne Todesgrauen, mehr berückt, wie von einer letzten ergötzenden Vision benommen. Das eine Auge war gekniffen, so daß das andere zu zielen schien. In ihm flimmerte es wie von erstorbener Tendenz.

Kovary suchte aus den körperlichen Anzeichen einen Anhaltspunkt, wie er es gewohnt war, zu gewinnen; aber daß er diese forschende Tätigkeit mit der vornehmen, etwas burschikosen Dame an seiner Seite teilte, teilte auch seine Anspannung.

Neben der Leiche war ein Papierdolch gefunden worden. Er lag lange Zeit unberührt dort, bis die ganze Umgebung des Toten auf die Platte gebracht war. Dadurch entstanden Pausen; der Kommissär füllte sie aus, indem er Missis Philomena Akte San Remo mit gemischten Empfindungen, aber einer sehr eindeutigen männlichen Neugier prüfend streifte. Dann setzte er das Verhör in Ansicht der Leiche fort. Der Druck der Tatsache des Todes mußte es erleichtern. Vor den letzten Dingen stehend würden die Zeugen ihre innerste Ergriffenheit, also die größte subjektive Richtigkeit preisgeben müssen.

Dazwischen kamen Polizisten, andere Kriminalbeamte, unter ihnen Rakowitz. Fremde und Nachbarn, die aufmerksam geworden waren, mußten abgelenkt werden. Vor dem Palais wurde ein Kordon gezogen.

»Holen Sie Spa römisch einundzwanzig,« rief der Kommissär seinem Adlatus Rakowitz zu. Dieser zog aus der Brust einen schlanken Block, griff in eine Kerbe der roten Buchstaben- und Zahlenstaffel und las ab. Sp. A. XXI. war Spezialabteilung, XXI. Privatdetektiv James Steward, politische hochoffizielle Fälle, Chicago, derzeit Hotel Mansion, City-Avenue.

Kovary frug hin, frug her. Wer hatte den Mord zuerst entdeckt? Missis San Remo, mit etwas auffallendem Trotz im Klange, sprach; sie hatte kurz vor sechs geklopft. Da keine Antwort kam, öffnete sie. Da lag der Ermordete, genau so, wie er jetzt noch liegt. Einen Schritt davon der Dolch, der sich sonst bei den Papieren am Schreibtisch befindet. Sie erschrak, schrie auf, rief nach Morel. Sie ließ niemand vor, bis die öffentlichen Vertreter den ganzen Augenschein aufgenommen hätten. Sehr gut, nickte Kovary, die Zeugin belobend in beide Augen nehmend.

Morel sagte aus, die Tür sei versperrt gewesen. Wer sie geöffnet habe, wisse er nicht. Lady Akte durchdrang ihn höhnisch; Kovary fing diesen Blick auf. Auch Morel verstand ihn und wurde unsicher. Er wußte nicht, wie ihm geschah, gegenüber dieser Lage war ihm wie Einem, der die Balance verliert. Er ahnte nicht das geringste, beteuerte er. Er fand, daß Kovarys Blick, nach einem Rundgang, der auch bei der Lady verweilte, sich wie eine Anklage straffte. Er zitterte und beteuerte, er ahne absolut nichts. Er habe nicht den fernsten Gedanken, wie das geschehen sein könnte. Seine Schultern zogen sich empor, er sah herum auf die übrige Dienerschaft, die ihn angaffte.

»Nein,« sagte die Lady noch höhnischer und als wolle sie einen unausgesprochenen Gedanken widerlegen. »Es kann nur der Chinese gewesen sein.«

Morel sah verständnislos drein. »Wer ist das?« frug der Kommissär. »Ich weiß es nicht,« sagte die Lady. »Mein Mann hatte einen Chinesen engagiert, für die Tiere ?«

Der Kommissär wollte den Chinesen sehen. Niemand wußte etwas von dieser Erscheinung. Chinese? Hier hatte es keinen Chinesen gegeben, im ganzen Hause nicht. Alles starrte auf die Lady. Kovary sah einen Augenblick ganz dumm und leer, geradezu enttäuscht aus. Er schielte nach dem Arzt, der sich in Eiseskälte und automatenhafte Ruhe hüllte, aber irritiert auf die zigarettenspielenden Finger der Witwe spähte, stumme Diagnose. Über des Kommissärs Gesicht huschte es wie widerwilliger Entschluß; er zwang sich, einen unliebsamen Gedanken zu fassen. Indem er sich der Lady zuwandte, suchte er seinem wilden Gesicht einen engelhaften retterlichen Zug zu geben.

»Haben Sie den Chinesen gesehen, gnädige Frau?«

»Ja, flüchtig,« sagte sie, aus den Augenwinkeln nach dem starken Mann brünstend, den als ihren Richter und Retter zu sehen es sie verlangte. »Er muß erst kurz dagewesen sein.«

»Können Sie ihn beschreiben?« Sie beschrieb ihn, wie man irgendeinen Chinesen von einem Bilde beschreibt. Er war mager und alt ? er trug einen schwarzen Überwurf mit rotem Geblümtem. Er war unsympathisch, und er war ihr gleich aufgefallen; sie hatte Streit über ihn mit ihrem Mann ?

»Streit?« verbiß sich der Polizeiarzt, ein schwarzer Vollbart, längliche Glatze, in das Wort und damit dem Kommissär einen Wink gebend.

Der Fall war unaufgeklärt, wenn man nicht Selbstmord annahm; und dieser war in dieser Form unwahrscheinlich und außerdem erst recht unerklärlich. Die Aussagen der übrigen Hausgenossen waren belanglos. Morel wurde befragt, wer in den letzten Tagen bei dem Toten zu Besuch war. Langsam häufte der Lakai Name auf Name, bekannte Größen des öffentlichen Lebens, Journalisten, Politiker, Geschäftsleute wie Direktor Simpson ? Simpson? Ja, das war schon ein paar Wochen her ? ferner die persönlichen Bekannten der Familie, alles harmlose Leute. Auch Professor Jack Slims Name wurde genannt. Das war auch schon acht Tage her. Aber zwei Personen konnte Morel nicht genau agnoszieren. Die eine schilderte er als großen eleganten Engländer.

»Engländer, woher wissen Sie das so genau?« frug der Kommissär.

»Weil ich mich mit ihm in meiner Muttersprache unterhielt. Er schien Artist zu sein.«

»Was verstehen Sie unter Artist?«

»Nun, so eine Art Trapez- oder Velozipedkünstler.«

»Woraus schlossen Sie das?«

»Ich glaube, hm, glaube, ich habe ihn mal in einer Zeitschrift gesehen.«

»Aha. Konnte es nicht ein Filmschauspieler sein?«

»Ja, ungefähr das konnte es sein.«

Der Kommissär lächelte. Und die andere Person? Dies war eine auffallend kleine dunkle Dame. Sie war schwer zu beschreiben. Sehr schmächtig mußte sie sein. Ob sie fremdartig sprach, konnte Morel nicht unterscheiden, da er selbst nur Gehör für seine Muttersprache hatte, das Deutsche zwar sprechen konnte, aber keine Unterschiede wahrnahm. Er hielt sie für eine Ungarin oder Zigeunerin, also nichts an dieser Stelle der Erde weiter Absonderliches. Sie hatte ein Paket mit. Er glaube, sie habe dem Gesandten jenen Seidenstoff gebracht, von dem dieser ein Stück in der Hand gekrampft halte. Der Gesandte sammelte leidenschaftlich alles echte Chinesische, es war eine Manie von ihm. Es ist drei Tage her, seit sie da war. Sie blieb nur kurz.

Kovary verlor allmählich seine Ruhe, desto stärker fühlte sich Morel wieder, er erneuerte seine Behauptungen, daß es einen Chinesen nicht im Hause gebe, noch gegeben habe. Früher war ein indianischer Wärter aus Mexiko für die Tiere da; er war seit vier Wochen tot. Philomena Aktes Gesicht verzerrte sich; sie drückte plötzlich in einer Wallung ihre Zigarette an einer Kastenwand aus, starrte entrückt auf die Gestalt ihres Mannes und wiederholte trotzig und weinerlich die Behauptung, nur der Chinese könne es getan haben. Sie ging, zum Schaudern aller, aber ohne die geringste persönliche Erschütterung auf die Leiche zu und raffte, das Abwinken des Kommissärs nicht beachtend, den Dolch auf. So, von oben, stechen Europäer; von unten stechen Asiaten, Spitze nach oben schützend. Der Arzt sah ihr mit Erstaunen nach. Vom Kommissär mit einem Blick befragt, zuckte er stumm die Achseln.

Kovary erhob sich. Er hoffte wieder. Diese Frau vibrierte wie eine Bogensehne. Der an Leckerbissen unterernährte familienväterliche Überschuß macht sich auch an einem Kriminalisten bemerkbar. Die Amerikanerin war von genau demselben merkwürdigen Einfluß auf kraftvolle Männer, den diese naturgesetzlich auf sie auszuüben pflegten. Der Arzt hatte sein Urteil fertig. Kovary beugte sich über ihn, jener flüsterte ihm beinahe bis zum Stummen leise ins Ohr. Schwerster Fall von Hysterie, zu jeder Tat imstande, getrübte Zeugnisfähigkeit. Betreten richtete sich der Kommissär auf. Er mußte handeln.

XII.

Steward kam gerade dazu, als der Kommissär Kovary den Diener Morel und die Witwe des Ermordeten, Missis Philomena Akte San Remo, verhaftete. Durch das Gesicht der Lady fuhr ein Riß; ihre Augen knallten hell vor erbitterter Neugier in das feiste schöne Antlitz des mannhaften Kommissärs. Er schlug, während er die Formalität vernahm, traurig die Augendeckel nieder. Die Erwartungen, die stillen gesetzlosen Hoffnungen seines prallen und schiefen Fleisches schwollen unter der Zucht seines Beamtengehirnes so merklich zurück, daß er sich erst jetzt, wo er zu entsagen begann, ihrer bewußt ward und plötzlich in eine frohe Erlösung umschlug; er fühlte es wie Genugtuung, daß er dem fremden sinnlichen Bann des Weibes durch eine mechanische Hilfe von außen entgehen konnte. So groß sein natürliches Verlangen war, so tyrannisch stach jetzt sein Übelwollen nach ihr.

Das Erste, was Steward, auf den jetzt alle gespannt blickten, vernehmen ließ, war: Falsch! Er eilte mit großen Schritten in das Zimmer, merkwürdig flink, geradezu präpariert auf den Fall und seine Lösung. Der Kommissär erstattete ihm ein Referat. Als er von der Verhaftung berichtete, lachte Steward und legte ihm die Hand auf die Schulter; man wußte, jetzt würde er sagen, das ist ja alles Unsinn, Ihr habt die Unrechten erwischt. Statt dessen, die Brauen knitternd, sagte er: »Kommissär, Kommissär ? auf jeden Fall Schutzhaft!«

Da ist er! schrie der Diener Morel, der die eigene Verhaftung mit dem Ausdruck vollständiger Verblödung angehört hatte. Er streckte die Hand triumphierend gegen den Geheimdetektiv, als könnte ihn diese Enthüllung befreien. Der Kommissär berichtete Steward von den Angaben des Dieners. Steward hörte sie und frug nach der Lady. Die Lady war inzwischen weggebracht worden. Kovarys tyrannische Faust begann sich um sie zu schließen. Steward verschob das Verhör und saugte die Seele des Dieners Morel aus.

Bis auf Kovary mußten sich alle Anwesenden in den Türrahmen zurückziehen.

Steward pflanzte sich inmitten des Raumes auf, nahe beim Schreibtisch, den Blick an der Leiche im Kanapee einhenkend. Sie war zugedeckt; man sah nur Stirn und Augen. Steward operierte sich zuerst einmal den Sinn und die Richtung dieses Blickes zurecht. Der Blick drückte nicht Grauen aus, sondern Lust der Auflösung. Ein Auge war matt geschlossen, Versagen des Muskels, Eindruck von Ätherrausch. Die Richtung schien streifend am Leib herunter auf eine Stelle der Wand zu zielen, an die sich Steward jetzt begab. Dort war seine eiserne Kasette von ungefähr Mannesgröße in die Wand eingelassen. Steward maß sie in allen Dimensionen mit den Augen, aber er hütete sich, sie zu berühren. Im Gegenteil, er und Kovary nahmen Instrumente aus der Tasche und blickten durch die Linsen, fuhren längs bestimmter Stellen darüber hin. Ein Beamter wurde herbeigerufen, er arbeitete vorsichtig mit Säuren und empfindlichen Frottierlappen. Jetzt war die Spur an der Kasette also daktyloskopiert.

Dann lüftete Steward die Decke, mit der man die Leiche schonend verhüllt hatte. Er prüfte den Papierdolch, dem keine Handspur abzunehmen war; die Schale war zu rauh. Aber aus der Hand des Toten wand Steward einen Streifen schwarzer rotgeblümter Seide.

Was ist das? Morel, unter dem Schutz von Polizisten hinter der Diele wartend, erzählte von den Sammlergewohnheiten des Gesandten. Die Seide stammte von dem Bausch, der längs des ein wenig querab stehenden Kanapees an die Wand genagelt war. Der Sterbende hatte im Todeskampf danach gegriffen. Das war einfach erklärt, fand Kovary. Aber Steward, der die Dinge in eine Perspektive, in einen scharfsinnigen assoziativen Strom zu schalten gewohnt war, stieß sich an dieser Harmlosigkeit des immer wiederkehrenden chinesischen Motivs. Er erfuhr schließlich von dem Diener Morel, daß der Seidenbausch an der Wand der jüngste Zuwachs zur Sammlung des Gesandten gewesen war. Er stammte von dem exotischen Damenbesuch her.

»Sagen Sie, Morel ? es wird Ihnen nichts geschehen, seien Sie ganz ruhig und überlegen Sie; wir halten Sie nur in Schutzhaft; es handelt sich hier um ein Verbrechen, dessen Täter auch zu weiteren Komplikationen geneigt sein dürften, indem sie die Zeugen entführen ? bitte, Kommissär, achten Sie gut auf die Lady San Remo ? sagen Sie also, Morel, Sie haben heute um eine gewisse Zeit im Zimmer Stimmen gehört. Welcher Art waren diese Stimmen?«

»Es war nicht die Stimme des Herrn, Sir ? Entschuldigen Sie die Verkennung von vorher. Ich erinnerte mich bloß an Ihren Besuch letzthin, entschuldigen Sie die Verirrung ? die Stimme im Zimmer war hoch«

»War es seine Frauenstimme?«

«Ja, es konnte eine Frauenstimme sein.«

»War es die Stimme der Lady San Remo?«

Der Diener wurde unruhig, schaukelte mit dem Kopf. »Im eigentlich nein, ich weiß wirklich nicht, ich will damit nicht sagen ? den Vormittag über war die Tür versperrt. Ich habe sie dann, gerade weil ich sprechen hörte, nicht mehr geprüft. Aber ich kann sagen, es ist niemand aus diesem Zimmer oder dem Hause hinausgekommen. Vor sechs Uhr kam die Lady nach Hause, durch den Garten. Ich war gerade beim Gießen der Beete. Ungefähr zwanzig Minuten später hörte ich einen Schrei. Als ich zum Zimmer kam, stand die Lady davor, sie war sehr aufgeregt. Die Tür war offen.«

»Wo stak der Schlüssel?«

»Der Schlüssel stak, wo er jetzt steckt, an der Innenseite. Es ist ganz unmöglich, daß jemand hinein- oder herausgekommen ist.«

»Aber Sie hörten doch reden?«

»Ja. Aber ich will nichts behaupten. Die Stimme des Gesandten war es nicht. Ob es die der Lady war, weiß ich nicht. Ich glaube, eigentlich nicht.«

»Sie haben dem Kommissär mitgeteilt, daß um Mittag herum die Klappe am Telephonregister fiel. Was hatte das zu bedeuten?«

»Der Gesandte war mit der städtischen Telephonzentrale verbunden. Es bedeutete, daß zwischen dem Zimmer und einer fremden Stelle gesprochen wurde.«

»Wurde das Zimmer angerufen oder glauben Sie, daß man vom Zimmer aus hinausgesprochen hat?«

»Das Letzte. Denn wenn wir angerufen worden wären, hätte die Glühbirne im Dienerzimmer geleuchtet und die Glocke gerasselt.«

»Mit wem hat man im Zimmer des Gesandten zuletzt gesprochen?«

»Ich selbst habe den Doktor Brehm, unseren Hausarzt, verständigt, weil der Gesandte einen Anfall hatte. Der Doktor sagte, er würde wiederkommen. Er ist aber nicht mehr gekommen. Ich vermute, daß das Telephongespräch dazu diente, ihn abzubestellen.«

»Das werden wir gleich hören. Ich bitte, den Arzt anzufragen. Es steht also fest, daß aus dem Zimmer des Kranken gesprochen wurde. Wer sprach? Der Kranke selbst? Wissen Sie es?«

»Ich weiß es nicht. Man kann vom Dienerzimmer aus nicht horchen. Der Gesandte war öfters krank und wollte dann nie gestört sein.«

»Von einem chinesischen Diener haben Sie also nichts gemerkt?«

»Gar nichts. Er müßte direkt aus dem Boden gewachsen sein.«

»Er müßte direkt aus dem Boden gewachsen sein, hm ? gibt es hier irgendwelche anderen Zugänge, vielleicht geheime?«

»Nein. Jene Tür dort führt in ein Hinterzimmer, in dem die Tiere untergebracht sind. Die Tiere waren lange sich selbst überlassen, da sie mich als Wärter nicht annahmen. Der Gesandte mußte selbst füttern.«

»Es ist also niemand hereingekommen, außer den inkriminierten Personen. Hier hat aber ein Kampf stattgefunden, und zwar ein ziemlich lebhafter. Sie müssen doch das Knattern des Rahmens und das Bersten der Gipsfigur gehört haben.«

»Ja. Das war aber noch morgens ? ich weiß wirklich nicht, wie es zuging, ich will auch keine Anschuldigungen vorbringen ? in der Frühe war die Lady dagewesen. Als ich mit der Post hereinkam, befand sich das Zimmer bereits in solchem Zustand. Der Gesandte fühlte sich sehr unwohl, er verbot mir, aufzuräumen.«

Die Augen des Kommissärs Kovary bohrten sich tief in eine Ecke; seine Kinnladen traten ganz hart hervor, er biß darauf, malmte eine Sache zwischen ihnen. Der Tyrann Kovary erhob sich in ihm, er fühlte sich bodenlos getäuscht, Hoffnungen, die man seinem Mannestrieb gemacht hatte, wurden jetzt abgeschnitten; denn selbstverständlich hatte er gehofft, eine mit dem bürgerlichen Recht in Einklang stehende Galanterie erweisen zu können, für die sich der Lohn ihm in der dünnen Schwingung eines Paars mondäner Beine vage andeutete. Kovary bildete sich selbst eine Vorstellung von dem Verlauf der Dinge, in den er sich, ohne zu wissen, daß Empfindungen ihn in eine Gedankenklause drückten, mit steifen Kiefern verbiß.

Das bemerkte Steward, der diesen Dingen großen Wert zuzumessen gelernt hatte, seit er sich einem psychologisch geschulten Gegner gegenüber wußte. Denn jedes gefühlsmäßig getrübte Urteil würde, so kalkulierte Steward, von diesem Gegner benützt werden, um die richtige Spur zu verwischen. Man durfte durch falsche Schlüsse dem Gegner keine Anhaltspunkte bieten; denn solche würden von diesem unterstrichen werden. Sie mußten die Untersuchung fälschen und aufs Treibeis führen. Steward brachte sich also, ohne daß auch er es gemerkt hätte, in einen Gegensatz zur Auffassung des offiziellen Kommissärs und dehnte diesen Gegensatz auf die Personen aus. Es entstand, da der Kommissär ihm banal und nicht scharfsinnig genug zu schließen schien, eine kleine ärgerliche Spannung, und Steward murmelte warnend: »Psychologie des Zeugen!« Denn Steward, der eine vorgefaßte Meinung hatte, dieser Fall sei unerhört verwickelt, und der sich mit der Tiefsinnigkeit schmeichelte, mit der er sich konterminiert glaubte, wollte nun einfach nicht, daß die Aussagen des Dieners Morel als vollwertig genommen würden. Er hatte da einen Standpunkt, daß diesmal die rein mechanischen Fügungen zur Erklärung des Vorganges nicht hinreichten; dahinter steckte mehr. Die chinesischen Passionen des Gesandten zum Beispiel waren ausschlaggebender als die durch Ohren- und Augenzeugen kontrollierbare Mechanik der Ereignisse. Und dazu kamen noch die geheimen Mechanismen, von denen aus gewissen Gründen nicht gesprochen werden durfte und die selbst dem Kommissär verschwiegen bleiben mußten. Steward aber wußte davon und stellte sie in Rechnung.

Am Telephon meldete sich jetzt die Assistentin des Arztes Dr. Brehm. Der Arzt selber war nicht zu Hause. Er war auch Mittags abwesend, als vom Palais San Remo aus die Visite abbestellt worden war. Auch damals war die Assistentin am Telephon. Nein, ihr war nichts aufgefallen. An eine besondere Stimme konnte sie sich nicht erinnern. Kovary bedauerte diese unergiebige Auskunft kopfschüttelnd, Steward aber, der diesmal alles seiner Phantasie verdanken wollte, betrachtete diese Lücke als nebensächlich.

Er, Steward, würde den Fall von einer ganz anderem Seite her aufbauen. Er suchte seine Indizien diesmal außen, in der Welt abseits der Umgebung der Ereignisse, und würde auf rein gedanklichem Wege am Ziele landen.

Der Diener Morel und die Witwe des Ermordeten blieben also in Verdachtshaft, die Steward zugleich als Schutzhaft auslegte; denn es war möglich, daß man die Lady oder den Diener entführte, um erst recht den Argwohn gegen sie zu kräftigen.

XIII.

Es war Vormittag in der großen Stadt. Asphalt und Steingegitter rauchten vom Verkehr. Die Kupees der Straßenbahn schwebten wie lange Kadenzen an den Leitseilen entlang, viele stöhnende Vokale durcheinander; in Kurven brach es aus dem Trapez der Straßenquerschnitte hervor, wie Arme voll Ähren ergossen sich Gleise über Plätze, Schwaden taumelnder Luft hingen gleich großen Nestern um ballige Bauminseln, ein Gekrabbel von Fahrzeug und Fußgänger klomm an sternförmigen Kreuzungen zusammen und barst überlaufend auseinander. Der Boden, eine riesige Membrane, rieselte hohl von Milliarden kleiner Berührungen.

Steward eilte über die Große Straße, die Hauptverkehrsader der Stadt. Er ging schnell, immer schnell, aber gut auf seinen langen Beinen, ein wenig gebeugt in den Knien; turnte um Faustbreite über Wagenborde wie über senkrechte Recke, wich um Daumenlänge sicherstem Tode aus, während hinter ihm das Fahrzeug in ungemindertem Tempo vorbeirauschte. Er fühlte sich inmitten dieser Bewegung sicher. Die Gefahr war nur scheinbar. Wie bei einem Prestdigitateur genügte eine schwache unansehnliche Wendung, um einem drohenden Anprall zu entgehen; wenn er nur um einen Zoll an der eben vorbeiflirrenden Masse vorüber war, war es so gut, als stünde er eine Meile davon. Steward liebte dieses Umbrodeltsein von Bewegung Er liebte die ruhige heitere Ökonomie dieses Ausweichens, die Berechnung, die Gefahr, die tatsächlich eine Gefahr wurde, wenn man plump genug war, um einen einzigen Takt zu spät zu kommen. Diese beherrschbare, förmlich in die Körperbewegung übergeglittene Mechanik war sein eigentlichstes Lebenselement. Er fühlte sie und sich selbst schön, wenn sie aneinander abliefen wie Öl auf Wasser; eng aneinander und doch unberührt, ineinandergreifend gleich rhythmischen Gliedern, hauchweich entweichend, wie Luftwedel sich verblasend. Man tat dem Unrecht. Das alles war nicht Materie mehr, es war durch übermütige Schnelligkeit, durch geniale Bewegung, durch die üppige Möglichkeit der sparsamsten Ausrundung die letzte Potenz von Sinnlichem und in seiner Art Geist geworden.

Es ging ihm nun nur mehr darum, das zu beweisen. Nur darum nahm er diesen Fall so eifrig, in dem sein ganzes körperliches und geistiges System in Frage gestellt werden sollte.

Aber er war bereit, das Element zu tauschen und sich in jedem beliebigen zu bewähren, das man ihm zumutete.

Steward, von der Frottage dieses Verkehrs angeregt, befand sich heute gleichwohl in einer tiefen Unzufriedenheit. Erst kürzlich noch hatte er das fremde Element zu besitzen geglaubt; all die Tage her war es schwingend und figurenbildend in ihm wach gewesen. Heute, an einem sachlichen, stark stofflichen Tage, hatte es sich verloren. Er fühlte sich wieder der gelenkstarke mathematische Steward von sonstmals, der forsche Beobachter und Kalkulator, der Held so vieler dummer und wütender Dinge, die Geheimnisse geblieben waren, bis er sie durchdringend zerfetzt hatte wie ein Mechaniker. Er fühlte sich banal, klug und tüchtig; gesund, fühlte er sich, allzu gesund, und gerade das erregte seine Unzufriedenheit. Er fürchtete den Ausfall an Nervosität für das Werk, das er vorhatte; das schöpferisch Gebannte hatte ihm die Allgemeinheit undeutlich gemacht, aber in diesem Trüben und Chloroformen rottete sich die Imagination leichter zu unvorhersehbaren, um so treffsichereren Bilderketten zusammen.

Er besprang eine Tram. Fest, die große satte Hand an der Messingbarre, zog er sich an den von ihr abschleppenden Zug heran und war von ihm günstig in den Bahnraum gerissen wie ein Gestirn vom andern. Mit Vielen seinesgleichen stand er zwischen schmetternden Fensterscherben. Unter dem Fußboden sang Metall aller Art, knatterte, kochte, flötete; das scherbige Warnen des Signals harkte hinein. Die Gesichter der Menschen waren leer wie Maschinenstücke, Walzen, Spiralen, verlorene Bestandteile, Höhlen, Lager, Rammknorpel, gebrochenes Inventar von wirklichem organischem Gesicht; die ovale Schönheit von Stewards vollkommenem gutem Typ fiel hier auf, manche maßen ihn flüchtig erstaunt. Er fand plötzlich Platz und flegelte sich in ein steifes Holzrechteck, das als Sitz diente. In dieser Beziehung war man noch nicht fortgeschritten.

Ein großes Zeitungsblatt, aus der Tasche gefaltet, verbarg ihn. Er hatte keinen Anlaß, allzuoft gesehen und auf seinen Wegen verfolgt zu werden. Das nächste Mal würde er ein Mietauto nehmen. Vorläufig mußte er bescheiden und anonym bleiben. Darum war ers auch zufrieden, daß die Zeitung von ihm und seiner Hypothese nicht Notiz nahm und den Chef-Kommissär Kovary in der Entfaltung seiner bureaukratischen Tätigkeit zu vollen Ehren brachte.

Kovary, schien es, beherrschte den Fall vollkommen. Eine photographische Aufnahme zeigte ihn in mächtigem Ausrücken gegen die Hauptzeugin, die verwitwete Lady San Remo, die zuerst den Mord entdeckt haben sollte. Kovary hatte ein bekanntes dämonisches System des Verhörs, das besonders weiblichen Delinquenten gegenüber verfing. Er war bei amerikanischen Untersuchungsrichtern in die Lehre gegangen. Daß sein Opfer eine Amerikanerin war, smart, pikant, unverfroren und phantastisch, erhöhte den Reiz. In langen peinigenden Verhören stellte er Zusammenhänge auf, die um den Kopf der merkwürdigen Hauptzeugin eine Schlinge zogen. Die Zeugin leugnete höhnisch und verwies auf den legendären Chinesen als den mutmaßlichen Täter. Kovary, mit einem sadistischen und verliebten Zug in dem wie von Meisterhand schön gekniffenen Gesichte, beugte sich voll zur Zeugin vor und warf sie wie ein Brunnen, der gutes Ding schüttet, mit seiner warmen Mannhaftigkeit an. Es war sein ihm selbst unbewußter Trick. Er war dominierend. Schwächere Naturen, Frauen, brüchige Existenzen knickten unter den Kraftvorzügen, die Natur ihm dämonisch aufgeprägt hatte, zusammen. Wenn er, dies allerdings planvoll, manchmal über unzureichende oder ungemochte Angaben zu toben begann, zerplattete er mit einem Faustschlag metallene Gegenstände in seinem Bereich; es war Übung, ihm erhabene Aschenschalen einer billigen Art hinzustellen; mit einem Hieb schlug er sie eben, ohne daß ihn der Handballen zu schmerzen schien. Aber gerade dabei war er so schön, daß es Vielen eine Wollust war, sich von ihm unterkriegen zu lassen. Die menschliche Seele ist eigentümlich. Diese seine Begabung mußte von richterlichen letzten Instanzen sozusagen oft durchquert werden, denn er war in manchen Fällen geradezu der wandelnde Justizmord. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aber war er durch seinen seltsamen Einfluß auf minderwertige Gehirne unersetzlich, und so schadeten ihm auch die Angriffe nichts, die von einigen humanitären Stellen gegen ihn gerichtet zu werden pflegten. Ein Irrenarzt hatte ihn in einer Abhandlung als eine soziale Form von geschlechtlichem Monstrum analysiert. Auch diesmal wurde eine Stimme laut, die ihn einer konträren Laune beschuldigte, als seine Methode, mit Lady San Remo zu verfahren, ruchbar wurde. Steward unterstrich die Passage in der Nummer der Zeitung, die er durchlas. Er wollte sie merken, er würde hier gelegentlich einen Bundesgenossen haben. Denn Steward haßte aus Feinheit und höherartiger Menschlichkeit den dämonisch-bureaukratischen Typus des Chef-Kommissärs Kovary, den er aus Amerika genugsam kannte, den rücksichtslosen Boß, der statt ins business in die Polizei geraten ist und seine stierhafte niederreißende Energie in den Dienst der bürgerlichen Gesellschaft stellt.

Durch die hochnotpeinliche Art seines Verhörs hatte Kovary den widerhaarigsten Sündern Geständnisse erpreßt, und jedes zehnte Mal etwa mußte verhindert werden, daß es ein falsches war. Steward deuchte dies ein Fall, in dem die tierische Kraft des Kriminalisten die Angelegenheit aufs falsche Gleis zu schieben drohe. Da er aber hinter dem Vorhang des öffentlichen Mißverständnisses besser geborgen war, beschloß er, den Irrtum des Chef-Kommissärs nicht früher aufzudecken, bis er sich seiner eigenen Gedankengänge vergewissert habe. Die Lady, obwohl gegen den Schluß hin schwächer werdend, wie aus den Zeitungsberichten hervorging, war durch ihren hantigen Widerstand vorderhand außer Gefahr. Wie eine Nadel fuhr sie jedesmal in den Fleischblock, der sich vor ihr türmte, vor den wälzenden Griffen dieses massigen Gehirns verschwand sie unsichtbar in den Ritzen, die dem Koloß unzugänglich waren. Das Gespräch zwischen beiden war für den starken Mann schweißtreibend, für das Weib austrocknend bis in die Zungenspitze. Mit einem dünnen roten Pfeilschuß netzte sie sich schamlos die Lippen und Mundwinkel und stach ihrem Partner ein erschauerndes Gefühl unter die Haut, wie an Widerhaken blieb er an ihrem Munde hängen, wenn sie den Köcher der Lüste schloß, klebte minutenlang atemlos an seiner Glasur und wälzte dann neuerdings seinen runden emaillenen Blick auf ihre schlanke hohnvolle Seele. Sie fühlte ihn, geistig überlegen seiner törichten Macht, aber umklammert von den runden Schwellungen an seiner Schulter, wie das schlechthin Ungeheuerliche auf sie stürzen, er nahm sie auf wie eine Injektion; beide rangen mit diskretem Vergnügen.

Aber war es nun List oder ein weiblicher Wille zur Unterlegenheit: Missis San Remo versprudelte sich plötzlich in ihren Aussagen und ließ den Großen mit seiner Breitseite an sie heran. Sie bäumte sich ein letztes Mal auf, schickte irre Blicke wie ein Kind im fremden Raum an die Wände und über die Möbel und erklärte ebenso trotzig, wie sie stets den Chinesen vorgeschoben hatte, daß es gar keiner gewesen sei: »Aber es war ja gar kein Chinese. Es war ein Tatare. Es war unser Tatare aus Dardjilling.«

Eine Bewegung ging fühlbar durch die Öffentlichkeit, die diesen Prozeß verfolgte. Man spürte förmlich ein Aufbücken, ein Blinzeln aus einem Universalauge verfinsterte die Sonne. Diese Änderung der Tonart war Unsicherheit, war Zugeständnis. Kovary stemmte sich gegen den Spalt, der sich geöffnet hatte.

Missis Philomena Akte San Remo, geborene Blustler, aus Brooklyn-Newyork, erzählte eine seltsame und phantastische Geschichte, der man anhörte, daß sie von etwas ablenken sollte. Sie sollte davon ablenken, daß die Ergebnisse des Chef-Kommissärs Kovary den Zusammenhang zwischen dem Tode des Gesandten und dem Niedergang der Geheimbaugesellschaft klargestellt hatten. Missis Akte hatte Beziehungen zu jenem Mister Simpson, der in die Malversationen der Geheimbaugesellschaft verwickelt war. Der Gesandte hatte wegen dieses skandalösen Verhältnisses scharfe Auseinandersetzungen mit seiner Frau. Wer also ein Interesse daran gehabt hatte, diesen Gesandten verschwinden zu lassen, war klar. Es verschwand der Gesandte aus dem Leben und das Geheimbau-Dossier von seinem Schreibtisch. Nach Simpson wurde geforscht. Daß er bei San Remo eingedrungen war und ihn ermordet hatte, konnte nicht nachgewiesen werden. Der Verdacht zumindest der Mitwisserschaft blieb also an seiner Geliebten hängen.

Dieses Kovarysche Arrangement bestritt die anrüchige Witwe durch die Vorspiegelung eines Chinesen.

Drei Tage lang hielt sich Missis San Remo an den Chinesen. Dann brach ihr der Manneindruck, den sie täglich zu empfangen hatte, das Rückgrat, sie bog sich ihm; oder sie warf sich ihm vor, auf daß das pränzende Tier sie zu seiner und ihrer Lust verschlinge. So schien es wenigstens. Sie ließ den Chinesen fallen und drechselte ein kleines Abenteuer.

XIV.

Im blauen Glast einer schroffen Gebirgslandschaft des nördlichen Indien lag die britische Kolonie, ein beliebter Kurort und internationaler Sammelpunkt. Die weiße Straße vom Süden krümmt sich zwischen barem Felseinerlei an der Steigung empor. Der grüne Garten im Süden unten war weit draußen im Verlöschen. Tagelang schnörkelte der schmal geböschte Automobilweg durch karges Schroffenland. Plötzlich lachte wieder eine grüne Plombe aus der zackigen Backe, die seelenlos in den denkbar azursten Himmel blekte wie das immense Fossil eines urtoten Geschöpfes Aus einem Steinrachen quoll gleichsam ein grüner Tropfen, der beim Näherkommen über kleine Hügel überfloß. Ringsum starrte die Barte weiter. Aber von dem Grün, das sie umfraß, blendete ein türkisener Schein am Saum des Firmaments, wo rissig das hohe Gebirge in es hineinstieg. Von schrägen Flächen dieses Bergerdteils, der sich aufschüssig weit hinstreckte, schlugen die Wetter eines spiegelnden Farbensees zurück. Es waren die Gletscherhänge des Himalaya, vom Nebelring in halber Höhe durchschnitten. Von dort sprangen unsichtbare Tretwege über Geröll und Halden. Auf einem von diesen schoben sich zwei Gestalten nordher an die grünende Kolonie heran.

Sie kamen zur unrechten Zeit. Viel Bettlervolk vom Ganges und aus Tibet hatte sich in der kleinen Stadt versammelt, um den Giaurs und Sahibs zur Last zu fallen und seine dumpfe Neugierde zu stillen. Daß sie bettelten, war nicht ihr vorwiegender Trieb. Sie waren anspruchslos. Ihr Weiterkommen und ihr Verschieben in den unendlichen Räumen Hindostans geschah nicht aus Wanderlust, die in den Tropen fehlte, sondern aus Schwerfälligkeit. Sie blieben, wenn sie konnten; und sie gingen, wenn Mensch oder Umstände sie versagten.

Den beiden Wanderern vom tibetanischen Bergpfad geschah dies bald. Sie gerieten ins Villenviertel, wo die Konsulen und die großen Geschäftsleute der europäischen Staaten wohnen. Kaum standen sie mit ihren Bettelschalen unter ihresgleichen vor den Staketen der Konsulatsvilla San Remo, unter den Rädern nobler Palmen, als in einem vom Kuli gezogenen hochachsigen Rickshaw der Konsul und seine Frau durch die Straße wehten. Die amerikanische weißverflorte Dame, ein Bukett von Tüll und Rüschen, mit verwöhntem Ausdruck ins Geflecht geschmiegt und ihre Aufregung suchend, stieß dem Begleiter spitzige Worte über den farbigen Pöbel ins Ohr. Das Zusammenleben mit Schwarzen hat den Amerikaner noch unduldsamer gegen dunklere Komplexion gemacht als seinen englischen Bruder. Jung verheiratet gab der gegen Landessitten sonst tolerante Gesandte zwei turbanverschalten langen Wächtern vor seinem Tore einen Befehl. Sofort strömten ein Dutzend der Konsulatswachen mit Bambusstäben hervor. Es waren lange edle Männer mit nackten geraden Beinen, beknöpften bunten Uniformen und einem hohen, kunstvollen Turban, unter dem im braunen energischen Gesicht klare Augen hell hervorsprangen, Angehörige der Shiksstämme und mohammedanische Afghanesen, voll Würde und strenger Gefaßtheit, kriegerisch, ruhig, hart. Der Konsul ging durch den Garten schnell zur Veranda hinter den Oleanderstauden, wo seiner das Arbeitspensum harrte. Die Dame aber sah, auf dem Karriol thronend, begehrlich den ebenmäßigen Privatsoldaten zu, die ihr zu Dienst und zu Willen waren. Sie lächelte heute das erste Mal, genießend, kapriziös, von einem Strahl Leben und Freude getroffen. Die Stimmen der Shikpolizisten klangen barsch an die Lagerergruppen heran, die sich langsam in Bewegung setzten und die krachenden Bambusscheite kaum oder gar nicht abwehrten.

Unter den Fortgeprügelten befand sich auch der Joghi aus Tibet mit seiner jungen Begleiterin. Er war just die Straße heraufgepilgert und hatte sich, die Tonscherbe aufstellend, unterm Volk niedergelassen. Der Bambusstab fiel, wohl ein wenig ehrfürchtig, von dem sehnigen Afghanesen auf des Joghis Schulter. Er wehrte nicht ab und erhob sich langsam und ohne Unzufriedenheit, ein mittelgroßer unbeträchtlicher Mann mit glattrasiertem Schädel und mehr tatarischen als indischen Zügen. Aber seine Begleiterin stieß einen kleinen Schrei aus und fiel mit bittenden Händen in den Bambus. Sie war nach europäischen Begriffen noch ein Kind.

In diesem Augenblick galoppierte ein anderer Rickshaw vorbei. In ihm saß ein großer Mann mit Khakihelm und Botanisiertrommel, ein stadtbekannter amerikanischer Forscher. Er hielt bei dem Joghi und seinem Mädchen. Aus Achtung vor dem Amerikaner stoppte der Polizist sein Handeln. Die Lady des Konsuls lächelte mokant. Der Botaniker sprach gute Worte zu den beiden Tibetanern. Da erhob sich der Joghi, er schwoll förmlich über seine sonstige Größe empor, er war nun ein mächtiger muskulöser Mann, voll Adel und Herrentums. Der Lady erschien er plötzlich erschreckend groß und mächtig, wie einen Traum faßte sie den seltsamen Vorgang, der sie in eine krankhafte Stimmung stürzte. Wohl kannte sie diese Übertriebenheit, die infolge des Einflusses der enormen Hitze auf das europäische oder amerikanische Nervensystem manchen Eindrücken in den Tropen ganz unmotiviert anhaftet. Aber das wesentliche dabei ist, daß die gewohnte Kritik aussetzt. Bei der Lady blieb ein Trauma zurück. In ihren frivolen Wünschen umgangen, spitzte sie sich auf das gegen ihren Eigensinn vollzogene Ereignis zu, ihre eigene Besessenheit füllte es aus.

Steward erinnerte sich ähnlicher Dinge von Studien und Reisen, als er in der Zeitung die neueste Geschichte aus dem Prozeß las und kommentierte.

XV.

Steward faltete das Blatt zusammen und zog aus einer Spezialtasche einen Packen Papiere, zu denen er es legte. Er sprang in der Tram-Avenue aus der fahrenden Car und bog in eine Villenstraße ein. Ja, hier war es, 26. Straße im Distrikt K 14. Zum soundsovielten Male ging er den Plan durch, der auf Seite 16 unter dem Papierpacken lag. Er verglich, war unzufrieden. Er prägte sich die Aufeinanderfolge der Liniengänge ein. Als er die Papiere wieder versorgt hatte und die Straße zwischen den vornehmen Landhäusern inmitten ihrer Gärten hinauflief, von einem Polizeiposten an der Straßenecke gegrüßt, stürmte ein altes Weiblein hinter ihm her. Sie schrie die Mittagsausgabe des »Mercury of Oaxa« aus, Verständnis suchend für das Ereignis, das sie selbst belebte. Steward fing ein Blatt gegen einen Nickel. Er las es zweimal. »Die Witwe gesteht.« Die Lettern brannten rot und fingergroß.

Steward war denn doch ein wenig befremdet. Er hatte die herkömmliche bureaukratische Polizeiarbeit nie geliebt, er war immer ein freihändiger und wilder Deuter kriminaler Ereignisse gewesen und die subalterne Reptilienarbeit der öffentlichen Organe hat ihn immer gelangweilt und oft gestört. Die Ergebnisse, die durch sie herauskamen, mündeten oft nicht weit von Dummheit. Aber dieser Kovary, so prototypisch er für ein gewisses System sein mochte, war doch in seiner Art eine erstaunliche, ja gefährliche Macht. Beinahe hätte sich selbst Steward von dem Titel jener Meldung im Mittagsblatt niederlegen lassen; aber er las die näheren Einzelheiten und sagte sich, daß der Titel eine, diesmal vielleicht unbewußte journalistische Fälschung sei. Die Lady gestand ja gar nicht. Sie gab lediglich, unter dem Druck des Bohrpatentes, das Kovary zu verwenden pflegte, nach und ließ den Chinesen fallen. Kovary hatte ihr das Rückgrat um ein Stück weiter gebrochen. Jetzt stellte sich die Affäre so dar, daß die Lady zugab, sie hätte den Chinesen erfunden. Sie habe aus irgendeiner seltsamen Suggestion, die sie nicht erklären könne, gelogen. Ihr Mann sei ein Chinesenfex gewesen; und diese Manie seines Wesens habe sie schon oft auf die kuriose Idee gebracht, es stünde ihm von seiner Fixation her ein Unglück bevor. Sie habe an jenem Tage kurz vor sechs seine Leiche entdeckt. Über den Mord wisse sie so wenig wie über das Verschwinden des Dossiers.

Steward stand einen Augenblick still. War es möglich, daß der Chinese wirklich nur eine mehr oder weniger bewußte Erfindung der Lady sei? Kann man durch falsche stoffliche Anhaltspunkte von seiner eigenen Phantasie zu falschen Schlußketten verführt werden? Er empfand die Aussagen der Lady, wie schon oft während dieses Falles, als einen Akt der Ironie, der von irgendeiner ihm feindlichen Seite ausgehe. Die Aussagen der Lady verneinten nicht nur seine Auslegung des vorliegenden Falles; er hielt ja die Lady für unschuldig; sie karikierten gleichsam auch das neue »subjektive Verfahren«, wie er es nannte, das er dem bisherigen objektiven Verfahren der Leute vom Schlage Kovarys entgegensetzen wollte.

Nein, Kovary war auf falscher Fährte. Seine Brutalität und der Glaube an die Wirkung seiner Person machten ihn dumm. Steward klopfte zur Versicherung an die lange Tasche innen am Rock. Da drin stak das Dossier, das er sofort an sich genommen hatte, ohne daß es jemand wußte. So falsch wie die Vermutungen Kovarys und seiner öffentlichen Anhänger, die sich auf das Dossier bezogen, waren auch die übrigen Schlüsse der Polizei.

Steward hatte ein anderes Verfahren. Er würde, kommt Zeit, damit hervortreten. Dieser Fall war wie geschaffen, um es zu erweisen.

Ja, dies war der Ort. Steward orientierte sich, obwohl es diesmal Tag war, genau so wie damals bei Dämmerung. Sogar der Polizist, der den Rayonsposten innehatte, war gerade derselbe wie damals, Schutzmann III/127. Und Steward reproduzierte sich, was damals seiner innersten Anschauung nach vor sich gegangen war. Denn dies war sein neues, das subjektive Verfahren. Er war überzeugt, daß eine Periode der Menschheit kommen würde, wo die Verbrechen nicht aus Notdurft, sondern aus Liebhaberei, Geist, Elan und Langeweile getan werden würden. Verbrechern dieser Art war mit mechanischen Mitteln nicht beizukommen. Man mußte eine Art Dichter werden, um ihren sonst unerklärlichen Wegen zu folgen. Der Beruf des Kriminalisten, der diesen Feinden entgegentreten wollte, verlangte also etwas wie eine Athletik der Einfühlung.

Steward war damals vor das Haus San Remos gekommen. Es lag verödet, mit einem Posten davor. Der Anschlag im Gesandtschaftsviertel war ähnlich wie die Verständigung Stewards in Chicago durch anonyme Anzeigen vorbereitet worden. Steward heftete sich an die Fersen einer mit ihm zugleich ankommenden Persönlichkeit, einem ebenso berühmten als berüchtigten amerikanischen Forscher. Er kannte dessen Leben und Werke, seine Taten, seine Bücher. Er vermochte sich in ihn hineinzuversetzen. Er verfolgte ihn also nicht nur auf seinen Wegen in Oaxa, sondern auch auf seinen Gedanken, wie er annahm.

Er sah ihn herüberkommen, damals vor vierzehn Tagen, und hinter dem Gitter zu San Remos Palais verschwinden. Als er wiederkam, waren drei Stunden vergangen. Es dunkelte. Und da hatte Steward alles mögliche untersucht. Der eine Bottich funkelte, es erwies sich, daß er eine schadhafte Stelle besaß, sozusagen einen Sehschlitz. Inzwischen hatte sich in dem Stadtwäldchen gegenüber eine auffallende Figur eingefunden. Der Forscher trat vor das Schnappgitter. Was mochte er da wohl denken hinter seiner dunklen Stirn? Es konnten ja die Gedanken aus seinen Büchern in seinem Kopf sich mit aktuellen Eindrücken verquicken. Er sah sich um, Stewards Blick begegnete dem seinen. Dadurch vereitelte Steward, daß der Forscher sich geradewegs zu der anrüchigen Figur begab, die gegenüber beim Gärtchen auf dem Eisenband-Zaun lauerte. So bediente der Mann sich denn eines raffinierten Mittels, um über seine Erfahrungen eine Mitteilung zu hinterlassen. Er warf sein Diagramm auf das feuchte Beet eines der Alleebäume. Steward erinnerte sich, daß es mit dem Plan im Dossier übereingestimmt haben konnte. Es war ein wenig roh gewesen und undeutlich. Daß der Amerikaner mit der Figur beim Wäldchen sprach, konnte verhindert werden. Er wurde durch den Rayonsposten vertrieben. Bedauerlich war, daß man dem Kerl die Wünschelrute nicht hatte abnehmen können. Aber Steward würde sich schon solch ein Stück zu verschaffen wissen.

Steward sah nicht nur klar, sondern auch tief. Es gab zwei Personen, die sich mit Hilfe eines sehr raffinierten Registrierapparates und auf Grund persönlicher Augenscheinnahme in den Besitz einer Kenntnis jener unterirdischen Gänge bringen wollten, die besonders das Gesandtschaftsviertel unterminieren und in die großen künstlichen Teiche von Oaxa münden. Im Zusammenhang mit der Anwesenheit von Japanern in den mitteleuropäischen Städten und in Anbetracht des heiklen Standes der Weltpolitik, die auf einen Rassenkrieg deutete, war diese Absicht ominös. Von ihr durfte nicht gesprochen werden.

Die beiden Personen waren ein Amerikaner und, wie man deutlich erkennen konnte, ein Asiate.

Was hatte der Amerikaner mit San Remo gesprochen? Auch darüber glaubte Steward kombinieren zu können.

XVI.

Daraufhin hatte Steward einige Tage verstreichen lassen, bis er sich jetzt persönlich zu dem Gesandten San Remo begab. Es wäre doch möglich gewesen, daß der Besitzer des Gartens die Szene vor seinem Hause mit Hilfe von geheimen Vorrichtungen beobachtet hatte. Kam Steward sofort nach diesen Vorgängen ins Haus, so konnte auf Zusammenhänge geschlossen werden. Diese sollten verwischt werden.

San Remo war für den Detektiv nicht gleich zu sprechen. Er hatte gerade mit seinen Pantern zu schaffen, und dann mußte er sich auch etwas Sammlung zurechtlegen. Der Detektiv sandte ihm in einem geschlossenen Kouvert seine Karte hinein. Der Diener Morel beschnüffelte sie; obwohl er artig war, fiel es ihm doch unangenehm auf, daß man sich ihm als dem Faktotum des Hauses gegenüber so verdeckte. Steward merkte das Mißtrauen des Lakaien und sprach in burschikoser Weise zu ihm, ein volkstümliches Englisch, das den Andern sofort vertraulicher machte. Er ging dabei mit zerstreuten und freien Manieren im Raum umher, öffnete Türen, klopfte an Wände und erwies sich überhaupt sehr agil und lebhaft. Nach zehn Minuten wurde er vom Gesandten empfangen, der seine Bereitschaft durch das Schnarren des Haustelephons verkündete.

San Remo saß im strengen Stil des Amtierenden an seinem Schreibtisch und erhob sich leicht, mit kurzem Erhellen grüßend, aber gleich wieder in eine berufliche Haltung gleitend. Steward setzte sieh nach einigem Suchen auf das Sofa, das schräg aus einer Ecke hervorstand. Durch diesen Trick flankierte er den Sitzenden, der ihm entweder das Profil bieten oder sich beim Herüberdrehen stark anstrengen mußte. Steward kannte solche kleine physiologische Praktiken, die einem mühelos die Überlegenheit in einer Situation sichern können; vielleicht hatte er kein genaues Bewußtsein davon, wie sehr ihn solche Gewohnheiten noch mit seinem Berufsvetter, dem martialischen Chef-Kommissär, verbanden.

»Ich komme im Falle Simpson,« sagte er und begann genau den Inhalt des Zimmers festzustellen. Geradeaus von seiner Lage am Divan stieß der Blick an eine chinesische Mattengarnitur, auf der durch das Mosaik zartester Fasern und gepreßter Strohspäne in Farben ein Mandarin oder dergleichen komponiert war, dem von einem halbnackten muskelwülstigen, dienend gebückten Mann mit Geißbart ein kurzes Krummschwert mit einer Sichelkante am Ende und ein Bogen und Köcher mit langen Pfeilen nachgetragen wurden. Das Bild stellte wohl einen Jagdheros dar. Das Schwert trat mit blaßblauer Stahlfarbe markant aus den übrigen milden Farben hervor, die Personen verschwanden etwas in der Riffelung, die durch die Struktur der Matte gegeben war. Sonst gewahrte Steward noch große Landschaften und Porträtsphotographien an den Wänden.

Des Gesandten Züge waren karg verschlossen. Man erkannte, daß man es in der Tat mit dem mächtigen und willensstarken Manne zu tun hatte, als der er in Politik und Öffentlichkeit bekannt war. Es schien nicht, als berühre ihn die Erwähnung des von dem Besucher angeschlagenen Themas angenehm.

»Ich bin der offizielle Verwalter des Falles Simpson, ich komme in dieser Sache von Chicago herüber,« fügte Steward begütigend hinzu.

Dem Gesandten konnte nichts peinlicher sein als dieses Gespräch. Auf seinem feisten Gesichte traten Muskelkrämpfe hervor wie bei einem alten Schauspieler, er glich jetzt Napoleon dem Ersten. »Ich kenne Ihren Namen, Ihre Erfolge, Ihr Genie, Mister Steward,« sagte er mit unverhohlener Sorge; »aber Sie werden begreifen, daß ich in dieser Angelegenheit zurückhaltend bin. Der Fall Simpson ist mit diplomatischen Fußangeln bespickt. Ich bin hier in Oaxa der Vertreter der größten Seemacht des Mittelländischen Meeres. Meine Macht kontrolliert den Suezkanal, die Dardanellen und das ganze System des Grand Kanales, an dem Oaxa liegt. Als dominierende Gewalt von Suez verfolgen wir bis in die kleinsten Details die Ausbreitung der asiatischen Seemächte. Ich selbst bin in meinem Lande Spezialist für Asien, vermöge eines langjährigcn Aufenthalts und einer starken Affinität zum asiatischen Menschen. Wie Sie wissen, war die Geheimbaugesellschaft eine Spionageangelegenheit. Ein Amerikaner hatte das Geschäft in die Hand genommen. Unter dem Vorwand, Gebäude mit unterirdischen Gängen anzulegen, wie das jetzt eine aus China bezogene Mode ist, sollten die Kanalwerke bei Oaxa ausspioniert und miniert werden, um im Kriegsfall in die Luft gesprengt zu werden. Ja, Sie nicken, ich vermute, daß Sie soviel wissen,« sagte der Gesandte, graziös sein Gesicht zu einem Lächeln verfaltend; »ich hätte Ihnen auch nicht mehr darüber ausplaudern können, nein, ich kann es nicht, ich darf es nicht. Ich muß lieber auf die Verfolgung des Falles Simpson verzichten, als Einzelheiten über die politischen Zusammenhänge in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Sie verstehen, wenn die Oaxawerke im Kriegsfalle gesprengt werden, so bedeutet das nicht nur eine furchtbare Katastrophe für die ganze Umgebung; Oaxa ist der tiefste Punkt dieser europäischen Anlage und es würden hier Wassermassen von der Ausdehnung eines kleinen Meeres zusammenströmen und die Tiefebene überfluten. Es wäre aber auch das strategische Zusammenwirken zwischen unseren Flotten in den Nordmeeren und denen im Schwarzen Meere verhindert. Unverständlich bleibt nur, wie sich ein Amerikaner zu einer solchen Schurkerei hergeben kann. ? Wie gesagt, darüber dürfte nicht der geringste Wink in die Öffentlichkeit gelangen.«

»Über die Schurkenhaftigkeit des Amerikaners kann ich Sie aufklären,« sagte Steward mit einer Tüchtigkeitsmiene. »Simpson ist nur ein naturalisierter Amerikaner; er ist eigentlich Armenier und heißt Simeonean. Ich bin der offizielle Verwalter des Gesamtfalles, Sir, Sie können mir unbedingtes Vertrauen schenken.«

»Ah,« machte der Gesandte und hob die Brauen; er seufzte: »Ja, er ist ein Armenier. Ein Armenier, natürlich. Nun, das erklärt vieles. Sehen Sie, ich habe ihn immer für einen Kreolen gehalten, er sprach fremd und sein Aussehen war bizarr. Also ein Armenier, so ein gerissener Magier, na ja ?«

Der Gesandte ging mit der linken Hand am Schreibtisch spazieren, Steward merkte auf, das war das unwillkürliche Zeichen fortschreitender Gedankenklärung. Steward achtete zu diesem Zeitpunkte mehr denn je gerade auf solche Zeichen.

»Ja, ein Armenier,« bekräftigte er. »Das erklärt auch seine seltsame Wirkung auf Frauen; gerade auf amerikanische Frauen.«

Dem Gesandten fiel die Kinnlade herab; er schloß sie heftig, sah härter aus als vorhin.

»Es ist ja unglaublich,« sagte Steward harmlos, »welche Erfolge der Mensch bei den Chicagoer Damen gehabt hat. Er ist vierzehnfacher Bigamist. Es scheint, daß bei den Amerikanerinnen eine besondere Prädisposition für den exzentrischen Mannestypus besteht. Das liegt zum Teil an der sachlichen Überkultur, an der verwöhnten Erziehung und am übertriebenen Komfort; aber auch an einer unbefriedigten Sinnlichkeit. Der amerikanische Mann in seiner physiologischen Rassigkeit ist zu unproblematisch, zu human; darum treibt es die Frauen immer wieder in die Arme von animalischeren Kräften.«

Der Gesandte erhellte sich. Er nickte. Steward fuhr gleichmütig, aber ganz in die abstrakten Zusammenhänge seines komplizierten Falles vertieft, fort: »Das erotische Moment spielt eine große Rolle bei Verbrechen in der höheren menschlichen Gesellschaft. Und ich glaube, nebenbei gesagt, das ist erst der Anfang. Ohne Zweifel stehen wir erst am Beginn des Geschlechterproblems. Die Geschichte zeigt eine wachsende Verschärfung der Stellung von Mann und Frau. Die Charaktere spalten sich mit zunehmender Zivilisation, nicht umgekehrt. Eine Zeitlang schien es, als ob sie sich verwischten. Das war allein auf jene Episode der Gesellschafts-Einebnung, auf die Massen- und Proletariats-Verirrung jener berüchtigten Jahrzehnte zurückzuführen; in ihrem Gefolge wurden natürlich wie die Schichten, Kasten und Persönlichkeiten, so auch die durch die Entwicklung geschaffenen Differenzen der Geschlechter vorübergehend gelöscht. Aber so wie bei steigendem und bewußtem Geschichtstempo die ganze Frage sich auf Rassen und Persönlichkeiten zuspitzt, während die große Masse der Menschen immer mehr ins Gleichgültige sinkt, so treffen auch die Geschlechter schon rein physisch alle Anstalten, sich eigenartiger herauszumodellieren. Und damit wird in Zukunft die Liebe in allen Formen noch viel mehr im Mittelpunkt des menschlichen Lebens stehen als bisher. Schon heute gibt es Typen, bei denen sie das ganze Leben ausfüllt. Denken Sie nur an Strindberg. Die Generationen nach ihm hielten ihn zwar für einen Hysteriker und Hypochonder. Man glaubte, es besser machen zu können als er, man sanierte das Verhältnis von Mann und Weib; man schaltete es überhaupt aus und die Liebe geriet etwas außer Kurs; das heißt sie sank auf ihre gewöhnlichste physische Form zurück, auf die unproblematische Geschlechtstatsache à la Orient. Aber wieder eine Generation mehr, und wir sind heute in einem rasenden Strudel von Erotik. Mann und Weib werden heute kaum mehr miteinander fertig.«

Der Gesandte blickte starr auf den Detektiv. »Ich staune, Mister Steward. Sie haben so furchtbar Recht. Mit dem einfachen Liebesgeständnis ist nichts entschieden. Wie immer ein Paar in der höheren Gesellschaft zueinander stehen mag, die Situation ist ein Problem, je leidenschaftlicher und begabter die Individuen sind. Ihre Ansichten stimmen mit den Prognosen Jack Slims überein. Haben Sie seine Werke gelesen? Sie kennen übrigens auch Strindberg Ich staune.«

»Ja, unsereiner muß sein Handwerkszeug so genau kennen wie irgendein anderer Meister. Früher studierten wir Schlosserei; das heißt, nur Schlosserei und die praktische Chemie, Sprengstoffmittel ?« Steward streifte die Kasse, die in die Wand eingelassen war. »Aber das richtet sich nach dem Personal, das uns gegenübersteht Heute studieren wir Psychologie, Politik, Geheimlehren, auch von der Liebe müssen wir etwas wissen ?«

»Sie rechnen also mit sehr hochstehenden Verbrechern?« frug der Gesandte aufmerksam.

»Ja, ich rechne gleichsam mit Verbrechen aus Hochstehendheit. Mit einer Art abstrakter Verbrecher. Das Verbrechen stirbt mit Vervollkommnung der Gesellschaft keineswegs aus. Es hat seine eigene Biologie, seine Entwicklung. Komplizierte Gesellschaft, komplizierte Verbrechen. Das geht bis ins Okkulte.«

»Was verstehen Sie unter Geheimlehren?«

»Zweierlei. Die Geheimbaulehre, die Geheimmittel, die Wünschelrute sind zum Beispiel der materielle Teil Dann gibt es auch einen intellektuellen Teil.«

»Ich darf mich Ihnen wohl von diplomatischer Seite zeigen. Gehe ich fehl in der Annahme, daß Sie wegen der ersten Partie Ihrer Geheiminstruktion zu mir gekommen sind?«

»Es stimmt.«

»Ja ? was sollen wir denn da nun machen ? ich kann Ihnen die Akten, die darüber in meinem Besitz sind, unmöglich ausfolgen. Unmöglich. Die Interessen der Weltpolitik gehen selbstverständlich selbst vor die des bürgerlichen Rechtes. Simpson« ? den Gesandten kostete es sichtlich Unbehagen, den Namen in den Mund zu nehmen ? »kann ich Sie versichern, hat nichts weniger als meine Sympathie. Ich habe auch keinen Grund, ihn zu schonen. Alles was darüber in Umlauf ist, ist leeres Gerede. Meine Herren Kollegen von den anderen Botschaften möchten mich dadurch persönlich unmöglich machen, weil ich ihnen zu stark bin.« San Remos Augen glänzten in einem Zyklon von Energie und Selbstvertrauen, seine Schultern hoben sich. Er war wieder Napoleon. »Trotzdem verstehe ich eines nicht recht: was können Ihnen die Akten nützen? Es steht nichts von Wert für Sie darin. Mit Simpson oder Simeonean haben sie gar keine Beziehung. ?«

»Sir, Sie werden mir die Akten nicht aushändigen und ich will es gar nicht versuchen, sie zu bekommen. Mir genügt, wenn Sie mir eines sagen: halten Sie das Stück wirklich nur aus den hochpolitischen Gründen der internationalen See- und Kanalpolitik zurück, die Sie mir vorhin andeuteten; oder haben Sie auch persönliche Gründe?«

Der Gesandte erhob sich irritiert. Sein Kinn stieß vor. Er war wachsgelb. Steward lächelte höflich und erwartungsvoll, blieb aber sicher sitzen.

»Das ist Gerede. Bloßes Gerede. Ich habe es Ihnen schon gesagt,« schnob der Gesandte. Er durchquerte das Zimmer, die Arme im Rücken verschränkt. Steward wunderte sich, wie klein er war. Er hatte ganz kurze, untüchtige Waden, wie ein Knabe, anhängselartig. Der napoleonische Schädel wurde unten Lügen gestraft. Als er saß, hatte man es nicht gemerkt.

Steward war etwas bestürzt über die Heftigkeit des Gesandten. Sein langes Gesicht schloß sich noch länger auf. »Ah, pardon Sir, das ist ein Mißverständnis. Bitte, verzeihen Sie ? beruhigen Sie sich, ich kläre auf. Erlauben Sie, daß ich Fragen an Sie stelle?«

»Bitte!« stellte sich der Gesandte eilig hin.

»Ich muß Sie schon fragen, Sir, haben Sie kein unruhiges Gefühl? Nein? Fühlen Sie sich nicht beobachtet? Haben Sie nicht die Besorgnis, daß Ihnen eine ? Unannehmlichkeit drohe?«

»Wie meinen Sie?« frug der Gesandte. »Sie stellen seltsame Fragen. Ich erinnere mich da an eine Ankündigung, die man mir von Ihnen gegeben hat. Vor einigen Tagen, hm, es war in einer Gesellschaft, da war von Ihnen die Rede. Es kam zur Sprache, daß, wo Sie hinträten, die Verbrechen nur so aus dem Boden schössen. Ich gestehe, als ich heute Ihren Namen auf der Visitkarte las, wurde mir einen Augenblick lang unheimlich zumute. Vermutlich in Erinnerung an jenes Gespräch. Ich entsinne mich jetzt auch eines anderen Eindrucks. Sind Sie nicht schon öfters vor meinem Garten gestanden oder wenigstens vorübergegangen?«

»Sie glauben sich also zu erinnern, daß Sie mich sahen? Warum, bitte, beobachten Sie die Passanten so sorgfältig? Suchen Sie jemanden? Beobachten Sie vielleicht Ihrerseits einen Beobachter?«

»Nein niemals, ganz und gar nicht. Ich erwarte auch niemanden. Das heißt, ich erwarte täglich den neuen Tierwärter. Aber das ist doch nicht so wichtig. Ihrer Person glaube ich mich als eines Zufalles erinnern zu können, nur so im Vorbeigehen. Ich stand gerade bei meinen Rosen. ? Da kamen Sie vorbei.«

»So so. Also dann ist ja alles in Ordnung. Ich habe mich geirrt. Einen Tierwärter erwarten Sie. Wozu brauchen Sie den?«

»Für die Tiere. Ich habe ungezähmte Kuguare aus Indien mitgebracht. Seit vier Wochen bin ich ohne Wärter, der alte ist gestorben, es war ein alter mexikanischer Dresseur. Nun wurde mir aber ein asiatischer Diener in Aussicht gestellt, der sich gut auf Tiere versteht ? bitte, kommen Sie mal herüber!«

»Sie schwärmen für Exotisches, sehe ich,« sagte Steward, der sich erhob. »Da haben Sie ein interessantes Stück.«

»Ja, es ist wertvoll. Es ist eigentlich ein Vexierbild, ein Kryptogramm. Sehen Sie dieses blau hervorplatzende Schwert? Sein Kontur ist ein Buchstabe, eigentlich ein Ideogramm Es heißt Schwert; dann aber bedeutet es auch etwas Abstraktes, nämlich: Welt-Vollender, Lebenserhöher, Lustspender. Als solches ist es ein Sigel, ein Stichwort zu einem Spruch: kommt Schwäche, greif zu mir. Das alles liegt in den drei Kurven, aus denen es großartig besteht. Das Chinesische ist reich an solchen Begriffsgenerationen. Die höhere chinesische Kunst ist derart abstrakt durchsetzt, hinter jeder Bedeutung steht noch eine tiefere, die nur Eingeweihte wissen. Ich sammle diese aus Leidenschaft, und was Sie vor sich sehen, ist ein Prachtstück.«

Steward folgte der Einladung. Er sah sich rings im Zimmer um. An den Wänden hingen Landschaften und Photographien, und dann dieses mächtige chinesische Strohgeflecht. Steward klopfte leise an die Wand, aber dem Gesandten schien dies aufzufallen, so unterbrach er es. Vor ihm trotzte ein braunglasierter kantiger Eisenklumpen, die Kassa. Sie stand in die Wand hinein. Steward, der groß war, legte sich mit verschränkten Armen darauf und gewann so einen Stützpunkt, das vom Gesandten interpretierte chinesische Wertstück aufmerksam zu studieren.

»Ja!« sagte er, »sehr schön, wirklich sehr schön und geistreich. In diesen älteren fremden Kulturen findet sich ein eigentümliches Prinzip. Die Staffelung. Die Dinge haben einen Vordergrundsinn und einen Hintergrundsinn ?«

»? und es ist niemals ganz herauszubekommen, welchen endgültigen und letzten Sinn sie haben,« ergänzte der Gesandte eifrig. »Niemals, glauben Sie mir. Ich habe jahrelang unter diesen Menschen gelebt; und ich verstand sie zuletzt weniger als zuerst; und ob Sies glauben, gerade dadurch verstand ich sie zuletzt doch besser. Dinge, die mir anfangs sinnlos schienen, entfernten zuletzt dann dennoch die Andeutung eines Sinnes. Ich bin heute sicher, daß wir die letzten Sinne der meisten Dinge in Asien überhaupt nicht verstehen, weil wir Europäer uns nur bei den Vordergrundbedeutungen aufhalten. In die letzte Tiefe der Geheimniszwiebel dringen wir nicht vor.«

»Na,« meinte Steward, ostentativ mit Komik seufzend, da ihm diese poetische Übertreibung eines Liebhabers denn doch über die Grenze vernünftiger Toleranz ging. »Da muß es ja für einen Detektiv in China sehr unangenehm sein ? wenn jede Sache immer wieder etwas noch Tieferes bedeutet, wenn gar nichts Es selbst ist ?«

Der Gesandte lachte und sagte witzig: »Ja, oder es braucht eben einen chinesischen Detektiv,« und beide lächelten, und Steward freute sich so sehr über diesen Witz, daß er sich abschließend emporrichtete und dabei flink mit beiden Händen an den Rückenkanten der großen Kassa hinabfuhr, beinahe zärtlich bewegt über diese gesellige Freude.

Dann spaltete San Remo die zweite Tapetentüre auf, die in einen dunklen, durch ein Hoffenster belichteten Raum führte. Er war durchbeizt von einem nach Gier, Niedertracht und Trägheit riechenden lauen Dunst. Die Wände starrten von grauem Metall in Formen schriller Dissonanz, ungewohnte Kurven schwangen im Raum, die Mauer krabbelte förmlich von lebendiger Bizarrerie. Es war eine Waffensammlung aus China, Tibet, Japan und Sumatra, erzählte der Gesandte. Er drehte Licht an. Da schossen vergoldete Drachen breit aus der Decke hervor, barocke Knäuel, Papierschirme und plusternde Lampions rotierten und schwankten im Luftzug. Hinter einer Eisentür mit großem ringversehenem Riegel wurde gescharrt, als ob Sand dagegen flöge. Der Gesandte öffnete die Tür und zog zugleich ein Gitter vor. Das Licht stach hinein, es traf ein Gewühl von flaumiger schmollender Bewegung, eine dunkle Masse floß dort gurgelnd durcheinander. Plötzlich flammte ein beinsägender Laut daraus empor, der sich in einem von den Wänden zurückkollernden Brei von Geräuschen verlor.

»Bobobo, Korrô, Tempeste, Flora!« zankte der Gesandte.

Er berichtete Steward über die Kuguare und ihre Pflege. Die Tiere waren zu seinem Leidwesen matt, sie kamen nicht ins Freie. Warum nicht? Seine Frau, sagte der Gesandte, mochte sie nicht leiden. Sie vertrug den Geruch nicht. Im Garten konnte er ihnen keinen Zwinger bauen, weil sie durch ihr Lärmen in diesem Stadtviertel Aufsehen erregen würden. Das ist grausam, meinte Steward. Jaja, sagte der Gesandte betrübt; was ist zu machen. Ich muß sie verschicken, wenn der neue Wärter kommt, sollen sie fortgebracht werden. Ich füttere sie jetzt selbst. Aber die Reinigung des Stalles fällt mir schwer; ich glaube, man riecht es schon ein wenig in der Umgebung, Missis Philomena wenigstens behauptet es. Korrô, das Männchen, ist nicht leicht zu behandeln. Unlängst ging er mir durch und kam bis ins Arbeitszimmer. Was denken Sie: das Landschaftsbild mit den Kühen haben Sie wohl gesehen; ich kam gerade recht, um zu verhindern, daß sich Korrô dort ein Kalb wegholte. Seither ist er immer begierig, wieder einzubrechen.

Steward hörte an, was San Remo verliebt über die Eigenheiten und Eskapaden der Tiere zu berichten hatte. Es erschien ihm wie eine Ablenkung vom Thema, die dem Andern erwünscht wäre. Sie traten in das Herrenzimmer zurück.

»Ich begreife, daß Sie sich nicht fürchten, Sir,« sagte Steward, »wenn man solche Wächter hat ? und ich dachte, Ihnen unter die Arme greifen zu müssen. Entschuldigen Sie also. Aber, bitte, ich habe meine Dienste angeboten ? sie wurden abgelehnt ? ich lehne meinerseits jede Verantwortung ab. Das übrige ist Sache der öffentlichen Polizei.«

»Aber, bitte, bitte,« und der Gesandte streckte die Arme aus ? »wollen Sie nicht eine Kleinigkeit zu sich nehmen, unser Gespräch war so interessant, ich freue mich außerordentlich, Sie zu kennen. Bitte, nehmen Sie doch wenigstens Zigaretten.« Er sprang auf die Kassa zu, brachte einen Karton indischer Zigaretten. Steward beobachtete ihn peinlich. Es beschäftigte jenen ein Gedanke.

Steward nahm von den Zigaretten, lobte sie, lächelte, verbeugte sich, paffte sie an, sog. Der Gesandte bewegte den Mund, kaute einen Ausspruch vor. »Das also ist James Steward,« sagte er und faßte dessen Person ins Auge. »Sie beschäftigen sich mit Psychologie. Merkwürdig, wie Ihre Ansichten denen des Professor Slim ähneln. Kennen Sie Slim?«

»Sie fragen leichthin,« antwortete der Detektiv scharf. »Sie können nicht verheimlichen, daß Sie wohl einmal mit ihm konferiert haben und daß dabei mein Name gefallen ist.« Der Gesandte nickte leicht. »Nein, ich kenne Slim noch nicht ? das heißt, bloß vom Sehen. Aber ich kenne seine Ansichten und Bücher. Eines Tages kamen sie an, ein Paket, dann Nachzügler, so plötzlich wie eine Herausforderung ?«

»Und so sind Sie denn einer Meinung mit ihm.«

»Ja, ich billige seine Verbrechen der Zukunft«.

»Und erweitern ihn um einen Abschnitt ?Liebe der Zukunft?.«

»Unter anderem, ja. Aber ich bin durchaus auf der Hut, es könnten viele Erklärungen aus diesem einen Motiv falsch sein. Es gibt so viele andere, das gefährlichste ist: Geist.«

»Nun,« sagte der Gesandte ironisch, »davor sind wir heute wohl noch sicher.« Er betrachtete sein Gegenüber spöttisch.

Nach einigen Redensarten nahmen sie mit bravourösen Höflichkeiten voneinander Abschied. Der Diplomat baute seine gewölbte Brust erfolggeschwellt vor den Schreibtisch hin. Er hatte einige markante Falten in den Mundwinkeln; so saß er schon dort, als Steward noch einmal seine Verbeugung bei der Tapetentüre machte, die der Diener auf das prasselnde Signal hin aufgerissen hatte, indem er Stock und Hut vorhielt. Ja, da saß Napoleon und hatte der neugierigen Kriminalistik den Fall Simpson abgejagt.

Steward freute sich. Er erschien sich dem Unwissenden ein heimlicher und geheimnisvoller Wohltäter. Man wird es ja sehen.

XVII.

Man wird es ja sehen ? Aber Steward sah mit einemmal nichts, gar nichts. Er stand vor einer Wand, die sich in Dunst aufwickelte, Stück um Stück. Seine strenglinigen Gedankengebäude gerieten in Fluß.

Die Wand, an die er prallte, war zuerst einmal ein Doppelposten von feisten Schutzleuten, die in blauer Uniform und den doppelt abgeschirmten Korkhelm mit Lederband unters Kinn gestrafft vor dem Palais San Remo lungerten. Ihre Rockschöße waren faltig, sie hatten sich voll Langeweile an die Mauern gerekelt. Steward grüßte und versuchte harmlos zwischen ihnen durchschlüpfend, an das Gitter zu treten. Sie warfen sich, mitten aus einem feixenden Gespräch, urplötzlich in einen dramatischen Eifer geratend, davor. Steward erklärte ihnen sein Wesen, zeigte ein Abzeichen, eine Legitimation, berief sich auf den Posten unten am Eck, Corner Tram-Avenue und 26. Straße, den Schutzmann III/127. Er zeigte sich eingeweiht, betonte des öftern, daß hier der Rayon K 14 sei. Der Schutzmann kam auf ein Signal die Straße herauf. Er schielte Steward unter den Hut, sich schwerfällig sammelnd, und bejahte zögernd die Bekanntschaft. Aber die Wächter des Palais ließen nichts gelten. Es war allen Personen ohne Unterschied der Eintritt verboten. Sie bedauerten verlegen, angesichts der sonnenklaren Beweise, daß sie es mit einem Herrn der Spezial-Abteilung zu tun hatten. Sie dachten nur in ihrer Dienstgrenze, gewöhnliche Schutzleute ohne Finessen, niemals hatten sie mit Geheimen gearbeitet und wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Befehl ist Befehl. Der Chef-Kommissär hatte angeordnet, daß außer ihm niemand die Mordstätte betreten dürfe. Das war klar befohlen.

Unbehaglich sahen sie zu, wie Steward längs der Mauer hinlief. Er fraß sich heimlich in ihre Kleinigkeiten hinein, graste den Platz weidlich ab. Ehe sie sichs versahen, hatte er den Fuß in eine Scharte gedrängt und sich auf die Böschung geschwungen. Krampfhaft suchte er einen Auslug wenigstens auf die beiden Fässer, die den Pfad hinterm Torgitter flankierten. Er zog ein winziges Etui heraus, stemmte es vor die Brust, knipste und sprang zur Erleichterung der Polizisten unten wieder ab, die ein wenig grinsen mußten, weil er mit dem Hosenbein am Stacheldraht hängen geblieben war und sich einen Riß zugezogen hatte.

Dann rief er ein Auto, das vorbeischnurrte, an und fuhr davon. Im Auto lagen Flugzettel. Ein Reklameluftschiff mochte sie abgeworfen oder ein Propagandainstitut sie durch Camelots haben verteilen lassen. Die Zettel luden zu der »psychotechnischen Seance Professor Jack Slims mit dem indischen Medium Nitra« ein. Steward nickte, als er es las. Er wußte Bescheid.

Aber das Erlebnis vor der Gesandtenvilla hatte ihn desorientiert. Er griff ins Leere. Soviel galt ihm noch als gewiß, Kovary, der Chef-Kommissär, war sein Gegner ? da erinnerte er sich der Haltung San Remos bei ihrer Aussprache und an die diplomatischen Worte. Möglicherweise hatte er nicht einen Polizeichef, sondern einen ganzen Staat zum Feinde? Kovary war von der Regierung angestellt und hatte der Regierung zu gehorchen. Auf der dalmatinischen Gesandtschaft betrachtete man Leute wie Steward als unliebsamen Zuwachs zum Eingeweihtenkreis geheimer Weltpolitik.

Nach dem Abgehen San Remos hatte der Legationssekretär Calomba die vollgültige Vertretung übernommen Eine Chiffrendepesche aus Ragusa ordnete die Unterdrückung des Simpsonfalles an, mit Opferung der ohnehin kompromittierten Gesandtenwitwe. Niemand durfte Einblick haben in die Spionageanhängsel der Affäre.

Steward nickte wieder. Soweit verstand er.

Er legte sich zurecht, welcher Gegensatz zwischen ihm und seinem öffentlichen Nebenbuhler in der Affäre bestand.

Die große Öffentlichkeit, von Kovary und der Presse regaliert, bevorzugte die einfache und objektive Erklärung. Der Gesandte San Remo hatte eine weltbekannte amerikanische Lebedame zur Frau, die ihn ? zuletzt ? mit einem Landsmann betrog. Dieser, ein Mister Simpson, hochstapelte in halbpolitisch-fundierten Gründungen. Er benützte seine Beziehungen zur Lady, um für asiatische Staaten Spionage zu treiben. Als Herr von San Remo ermordet aufgefunden wurde ? wer hatte ein Interesse daran gehabt, die Person des Gesandten aus dem Wege zu schaffen? Man hatte ein genaues Verzeichnis aller der Personen, die an dem Tage aus und ein gegangen waren. Der Hauptzeuge gegen Lady San Remo wurde der Diener Morel, obzwar er sich dagegen mit Erschrecken wehrte, daß seine naiven Feststellungen gegen die Herrin ausgebeutet wurden. Gegen die Lady zeugte noch ein objektiver Tatbestand. Im Zimmer des Gesandten hatte ein Kampf stattgefunden, in den Vormittagsstunden; ein großes Rahmenbild lag zerschmettert und zerfetzt am Boden, eine Säule war umgeworfen; aber noch etwas hatte Kovarys scharfer Blick entdeckt. Am Boden fanden sich die Splitter zu dem ausgebrochenen Auge an Madames Lorgnon.

Die Beweise schlossen sich lückenlos. Zwischen dem Gesandten und seiner Gattin hatte es vormittags, vermutlich wegen des liederlichen und kompromittierenden Lebenswandels der letzten, eine gewalttätige Szene gegeben. Missis Philomenas flagellantes Wesen war bekannt und bezeugt. Der Polizeiarzt hielt sie einer exzessiven Handlung in ihrer Hysterie für fähig und schilderte während des Verhöres ihr Benehmen bei der ersten Indizienaufnahme angesichts der Leiche. Die von dem gewaltigen Seelenkundschafter und Nervenkitzler Kovary zwischen die Daumen genommene Angeklagte fingierte zuerst eine problematische Persönlichkeit, die sie den »Chinesen« nannte. Sie sprach von ihm mit großer Sicherheit und Anschaulichkeit. Aber Kovary wußte ihre elektrische Spannung abzuleiten. Man hatte das Haus durchsucht, hatte von dem Wärter des öffentlichen Zoologischen Gartens die Kuguare entfernen lassen und den Zwinger genau abgeklopft. Von dem Chinesen war keine Spur zu finden. Man hielt die Ergebnisse der Angeklagten vor Augen; Kovary drückte, bis die Wollust aus ihnen beiden spritzte. Da wurde die Lady unsicher, kam mit einer weithergeholten Geschichte aus Nordindien hervor, suchte dem erfundenen Chinesen, der zum tatarischen Bettler wurde, ein Motiv in der Form einer Rachehandlung als Sockel zu unterschieben. Kovary drückte weiter, sie blutete Seele aus, endlich brach sie zusammen; sie leugnete zwar noch immer die Mordtat selbst, aber sie gestand, halb geblendet von Tatsachen, die man ihr vorhielt, und erschüttert in ihrem Erinnerungsvermögen, die Lüge vom Chinesen ein. Solange sie so festhielt, konnte sie nach den humanen Gesetzen nicht verurteilt werden.

Auf diesen restlichen Grad von Gesundheit zählte Steward. Für ihn galt es, einen doppelten Feind zu treffen. Er hatte einen unbekannten geistreichen Gegner, der ihn durch eine unmöglich verwickelte Aufgabe blamieren wollte; und der unbewußte ? oder bewußte Helfershelfer dieses Verbrechens aus Witz war der dicke Polizeilümmel mit seiner stupiden suggestiven Gewalt über normale Menschen und seinem öden objektiven Verfahren. Der Auffassung, die dieser der öffentlichen Meinung aufdrängte, stellte Steward, der durch die Methode der Verbrecher auf das Außergewöhnlichste und Schwerste vorbereitet war, ein sublimes seelisches Gewebe, eine Theorie aus Inspiration und somnambulem Erfassen von unwägbaren Motiven gegenüber.

Um die Spuren zu verwickeln, hatten die Verbrecher eine schon bestehende Affäre, den Simpson-Fall, angezapft, sich gleichsam ins seine Leitung eingehakt. Mit dem Fall als solchem hatten sie nichts zu tun. Aber dieser Akt maskierte sie. Sie taten ein übriges, indem sie sich ankündigten; sowohl der Privatdetektiv-Meister in Chicago als auch die offiziellen Polizeistellen in Wien und Oaxa waren alarmiert. Die Verbrecher arrangierten einen Vor-Wirbel, innerhalb dessen Trübungen sie erst recht fischen konnten. Dazu mußten sie mit Zuverlässigkeit über ein Mittel verfügen, das allen anderen Stellen absolut unzugänglich war. Zweitwichtig war für sie, ob dieses Mittel etwas überhaupt Unbekanntes darstellte oder ob es bloß absolut nicht bekannt werden durfte. Das Erste war in diesen Zeiten allgemein bekannten und Wissensgierigen erreichbaren Fortschrittes unwahrscheinlich Wahrscheinlich erschien, daß auf das Mittel ein Tabu gelegt war. Die Gottes- oder Priestermacht, die solches allein vermochte, war die Politik; nur diese hatte mit ihren Veränderungen in alle administrativen Stellen, ins Privat- und Geschäftsleben gleichermaßen eine derart ausgreifende überall gültige Macht. Was sie mit Schweigegebot behaftete, gab es in der bürgerlichen Gesellschaft nicht. Es war entrückt in die Bereiche der Staatsmajestät.

San Remo hatte es ausgesprochen, worauf solches Tabu stand.

Steward kombinierte hinter diesen Prospekt, der sich vor ihn senkte, sooft er als Nicht-Diplomat an den Schlüssel zu rühren gekommen war.

Darauf gründete Steward seine Theorie des seltsamen Falles.

Ein Mensch von asiatischer Herkunft war durch die geheimen Gänge in die Villa eingedrungen, hatte sich dem Gesandten als der versprochene Wärter empfohlen und, eine Unpäßlichkeit und physische Schwäche des Gesandten, der seiner Vorliebe für asiatische Spezialitäten das gewohnte berufsmäßige Mißtrauen opferte, ausnützend, diesen mit dem nächstbesten Instrument ermordet.

So sauber sich Steward diese Zusammenhänge herauspräpariert hatte, so daß sie der handfesteren Praxis seines Konkurrenten Kovary Paroli bieten konnten, so elastisch und molluskenhaft schlingerte plötzlich diese Welt seiner Vorstellungskraft. Da das Mittel, durch zwei Polizisten behütet, für ihn unzugänglich war, war zwar nicht bewiesen, wie Kovary voraussetzte, daß es umgangen werden dürfte; es war aber auch unbeweisbar, daß es überhaupt da war.

In der Lederschlinge des vorwärtsgeworfenen Autos, jede Speiche eine athletische Kniekehle, hängend, fühlte sich Steward jetzt ermatten. Er atmete schwer unter der Tatsachenwelt, als deren Typus Kovary sich massig und exakt zugreifend auf ihn zu legen drohte; Steward war beinahe geneigt, nachzugeben, seine Phantasie in den Wind zu schlagen und die klassische Leiter der Kovaryschen Berechnungen hinunterzuklimmen. Da erinnerte er sich des »Patentes«. Auf diese Weise hatte der sachliche Tölpel zahllose Existenzen bis zu Lady Philomena gebrochen. Nein, Steward reckte sich, er würde widerstehen.

XVIII.

An der Untergrund-Zentral-Halle-Station verließ er das Automobil. Ein fischmauliger Schlitz im Bürgersteig jappte nach ihm, er sprudelte drei Treppen im Zickzack abwärts, bugsierte sich mit vielen Andern durch eine Eisenmasche am Schalter vorbei, der ihm eine Karte zuwarf, und lief einen unmäßig langen Damm entlang. Eine plattgedrückte niedrige Halle glitzerte von Glühbirnen in Radienaufmarsch gleich einem gewaltigen unterirdischen Seestern. Aus vielen Schlünden brachen Gleise, flogen in Wände. Ein Traversenhochwald, Fachwerkstruktur zerbrach die Blickflucht. Lange Wagenbüchsen fuhren vor, wagrechte funkelnde Säulen, mehrteilig durchbrochen, rutschten sie in rasendem Tempo wie Schlitten, mit versenkten Rädern, vor den Damm. Schwärme von Menschen, wie Blasen im Wasser, setzten sich an, die Kiemen der fahrenden Säule, ein Drache mit Glutaugen und stumpfem Kopf, atmete Menschen aus, atmete ein. Steward verschwand in einer mittelmäßig erhellten Zelle, die mit ihm durch eine Röhre toste. Milliarden von Schallhämmern schlugen auf ihr Glas. Hin und wieder glomm es in sanftem Aquariumlicht. Bodenwärts keuchte die Kraft von Kobolden, in Behälter gepreßt, die an den Bremsen arbeiteten. Die Untergrundbahn! Unterschwellig, entspricht sie einer intensiveren Bewußtseinsstufe. Steward dachte wie er wollte.

Im Hotel Mansion leierte Steward, am Rollteppich aufwärts gleitend, da ihm der Paternoster zu langsam betete; sich längs einer lax hängenden Samtgirlande empor, die den Klimmsteg säumte. In den Stockwerken sprang er scharf ums Eck aufs nächste. Sein Zimmer hatte die Nummer 27. Mit einem flachen kleinen Lederkoffer kam er zurück. Gerade passierte ein Glacis des Lastenaufzugs, von oben herabgesenkt, das Stockwerk. Es war mit Gepäckstücken und einigen Hausdienern besetzt. Schon trat es aus der Fläche zurück, da sprang Steward darauf und schmolz hinab in die Kellerräume Er richtete Umfragen an das Personal, schlug sich durch einen langen Gang mit den weißlackierten schmalen Türen der Badekabinen, Küchen und Nebenräume, am elektrischen Schaltbrett vorbei, und ließ endlich hinter einer von diesen Türen einen kleinen kellerigen Raum, aber von großer Sauberkeit, aufsperren.

Wie er die Tür von innen wieder verriegelte, stand er in roter pelziger Nacht, nur durch ein großes Ochsenauge an der Stirn des Raumes und durch eins kleines Guckloch in der Tür, die wie blutige Gestirne im Leerschwarzen hingen, gloste ein entkettender Ton. Denn die übrige Finsternis belastete. Steward mußte einen Augenblick warten, er konnte sich nicht gleich rühren. Als seine Augen sich an den Dämmer gewöhnt hatten, schaltete er eine Stehlampe am Hantiertisch, seinen langen roten Zylinder, an, dann begann er zu arbeiten.

Er entnahm der Lederkassette eine Reihe von Fläschchen, die er schüttelte, Pulver, Glasteller, eine Schere und Mischgriffel, und stellte sie neben die schon vorhandenen Utensilien. Dann löste er aus dem Etui den Film. Er wässerte, beschnitt und begoß ihn wieder mit dicklich fließenden Lösungen; schüttelte die Badebehälter. Von Zeit zu Zeit hielt er das Transparent vor den roten Lichtbarren, der gereckt in der Finsternis emporstieß. Ein eigentümliches Wallen brandete von diesem aus, eine dicke Schwingung, die sich Allem mitteilte und die eigenen Rhythmen der Formen zersetzte. Die dünnen Flüssigkeiten schleppten sich bei der Behandlung und schwappten melancholisch beim Schwenken der Badeschüsseln wie Syrup. Wie eine Molluske rollte der Film zwischen den Fingern Stewards hin und her, fett, von einem körperlichen Saum weich umflossen, die harten Dinge, was immer man ergriff, deformierten sich zerfließend in einen magisch schlafferen Zustand ? und Stewards Finger und Gliedmaßen selbst flossen von ihm weg, er empfand sich duftiger und aus seinem Körpergewicht in ein labileres Gefüge überführt. Der ganze Raum veränderte seine Substanz, das rote Licht durchdrang seine Geometrie und weichte sie auf. Jede Geste war schlüpfrig, erbebte von einer Energie, die in sie wirkend eintauchte, gleich einer gallertartigen Masse ?

Dunkelkammer, dachte Steward. Eine andere Beleuchtung, und die ganze Geometrie fährt zum Teufel. So ergeht es uns Menschen, so uns Detektivs und Forschern. In den abenteuerlichen Romanen steht die Zeichnung streng da, baut sich strichweise vor dem Leser auf, Alle wissen Alles und der Leser immer noch etwas mehr als der Detektiv. Aber in Aktion ist es anders. Während der Entwicklung ist der Prozeß eine gallertartige Masse. Alles ist labil. Tatsachen beruhen auf Optik und Phantasie, der roten oder weißen Scheibe, einem farbigen Ochsenauge im Raum oder einem durchlässigen und leeren. Die bildenden Essenzen wirken nur bei Abblendring. Krasses Licht verbreitert die empfindlichen Schichten. Ist das menschliche Hirn nicht eine Dunkelkammer? Vollicht erhellt einen sachlichen Ausschnitt; die produktiven Vorgänge spielen sich hinter der roten Abtönung ab.

Wie seltsam ist dieser Vorgang! Steward starrte auf den weich klebenden Film, der sich unter seinen Fingern wand. Die Zelle war wie abgetäubt, nur eine dumpfe Vibration kam vom Kopf her, wo die Decke in der Höhe an Pflaster stoßen mußte und wo die Untergrundbahn rollte. Es roch bitter nach Drogen. Die Dinge standen halb da, angefressen, gespenstisch ohne Zusammenhang in sich schwebend. Wie Falter im Raum vor Kelchen stehen. Steward starrte auf die dunkel angestochene, weißlich behauchte Filmfläche. Leise rundete es sich, es schwoll an, ein Punkt stach vor und schoß in Linie, dunkle Stellen flossen weg, Geister schlichen lautlos aus der Schale herbei, es wölbte sich, Konturen zogen auf, Form trat anspruchsvoll hervor.

Da war es gewachsen. Etwas war gewachsen. Eine Sache war geworden; aus nichts. Auf menschlich unabhängiges Geheiß, aber schlau herbeigetrogen, abgelogen dem Dämon, glühten Essenzen und Drogen ineinander, eine Freßschlacht, eine Liebesorgie, ein Raufen und Totschlagen, dessen Weg die Kadaver von Atomen bezeichneten, und dieser Todesweg gelöschter und fortgefressener, ausgebrannter, bestohlener Flüssigkeiten wurde dem Menschen Form. Eine weiße Fläche trat hervor und dicht davor ein schwarzes starkes Netz. Man erkannte das in die Palaisfassade eingelassene große Tor aus dunklem Holz. Hier war es negativ weiß; und davor hob sich das Netz des Zaunes ab. Oval aus grauem Rauch und dotterigen Ballungen brüsteten im Ruck nacheinander die beiden Bottiche hervor; Steward sah das Bild seiner Vollendung entgegengehen, hielt es vor den Barren Glut, hielt es unter eine sanfte Dusche überm Wasserbecken und senkte es ins Fixierbad, über das im Schaukeln ein goldiger Glanz huschte Kräfte liefen dem Bilde aus der Lösung zu, es bleichte, aber es gewann an Tiefe, an Abstimmung, die Schatten und Trichter gruben sich ein.

Steward war ungeduldig. Er streckte den Film mittels eines Rahmens, den er an einer großen Welle drehen könnte. Es entstand Luftzug. In ein paar Minuten war der Film trocken.

Steward seufzte, vor Spannung. Die Zelle war stickig Steward schwindelte von weichem dunkelrotem Wesen, das ihn umflutete. In der ungewohnt empfindlicheren unfesten Geometrie büßte er an Gewicht und Balance ein. Seine Energie war auf Fernes gerichtet.

Was wußte man, wer wußte etwas von den wirklichen Ereignissen? War sein Gehirn nicht gleich dieser Dunkelkammer, in der die Dinge sich eigentümlich reimten und durch Essenzen aus nichts Etwas entsproß? War es aber nicht richtig, anzunehmen, daß alle Seele ist wie diese Dunkelkammer, wo aus nichts eine Form wird? Das Wichtigste ist, die Essenzen zu kennen, sie dem Dämon abzulauschen. Die mechanischen Zusammenhänge sind plump. Man muß die Welt entwickeln wie eine Photographie, ganz hinter der roten Scheibe, mit Zuhilfenahme der Essenzen. Dann tritt aus der Fläche der Geist der Dinge und gebiert ihre starre Geometrie, auf die man volles Licht lassen kann.

Noch konnte er es nicht. Noch mußten die Dinge durchgebadet werden, dann durfte man sie fixieren, dann konnte man Licht zulassen. Bis jetzt ist nichts geschehen, das feststünde.Niemand weiß etwas. Was sie zu wissen glauben, wissen sie entweder durch Kovary oder durch mich. Es handelt sich nicht um Tatsachen oder Lügen, hier, dieses Mal. Es handelt sich um den Kampf von Hirnen. Ist Kovary, bin ich oder ist der Geheimnisvolle der Stärkere, also im Recht? Wir werden sehen. Bisher schwimmt alles in dubiosem Rot. Bisher ist alles fruchtbar und nichts ergiebig.

Jetzt rückte Steward den großen Schirm heran. Er klemmte den Rahmen mit dem Film in ein Gestell und stellte den Zylinder in eine bestimmte Entfernung dahinter. Beinahe lebensgroß erschienen Teile des Films auf dem Schirm. Steward verschob, bis die beiden Fässer in den Schirm traten. Aber er war enttäuscht. Die Aufnahme von oben her hatte die Hohlräume nur flächig diagonal gestreift. Man sah nicht in die Tiefe. Sie lag im Schatten. Steward holte ein sehr kräftiges Mikroskop aus den Taschen mit mehreren Linsen. Es reichte für naturwissenschaftliche Zwecke. Aber als er die Front abzusuchen begann, zerfiel das Bild nur in die Struktur der Schirmunterlage Das eine der Fässer war löcherig, baufällig. Daraus war nichts beweisbar.

Da schaltete Steward unzufrieden den Lichtkörper aus. Die beiden Bullaugen glotzten rot. Er ließ die rote Glasklappe vom kleinen Guckloch in der Tür fallen. Ein weißer Lichtbolzen von breiter Kegelbasis stieg herein und spielte mit wässerigen Ringen über den Schirm und die Wände. An den Ringen liefen regenbogige Wellen fort. In der nächsten Sekunde gewann das Spiel Hintergrund. Teile von Menschenkörpern schwebten vorüber, Gesichter, Beine. Plötzlich erschrak Steward. Ein Gesicht stand verkehrt auf dem Schirm und sah ihn an. Es war undeutlich, weil immer wieder perlmutterne Wellen darüber schwitzten. Aber er erkannte es. Es war das Jack Slims. Das Gesicht trat in die Ecke, brach halb ab, entschwand ganz. Gleich darauf trat ein Haupt hervor, tanzte, von der Stirn her nach unten abgeschnitten. Es war nichts als ein Turban. Die Figur mußte klein sein, war in Slims Begleitung und reichte dem nur bis zu den Schultern.

Camera obscura!

Steward entriegelte. Schales Licht füllte den Souterraingang mit den weißlackierten Türen. Die Beleuchtung kam von den Oberlichtfenstern aus dickem, grünlich gespaltenem Glas, die matt von unten her auf den Bürgersteig der Hauptstraße blinzelten.

Steward rollte in seiner Hast, wie von einem stampfenden Schiff um die Ecken geworfen, längs der Gänge hin, die Luken aufwärts, durch den Hotelparlor auf die Esplanade. Grüne Vierecke schwammen auf dem Bürgersteig längs der Hotelfront. Der Korso schwärmte über den Boulevard. Der hatte die Urheber von Stewards Vision aufgesogen. Steward entdeckte sie nicht mehr.

Während Steward oben die Front des Hotels ablief, stand drunten im Korridor ein großer hagerer Mann mit klerischen Zügen und sah schmunzelnd, gerade nur aus den Augen schmunzelnd, zur Decke hinauf, aufmerksam, die drei Oberlichtvierecke fortwährend im Auge haltend. Er war aus einer Tür neben der Dunkelkammer getreten. Auf den grünen wässerigen Glasinseln erschienen verlassene Figuren, Hüften, Röcke, Schuhe ? jetzt ging flüchtig ein aufgeschwemmtes doppeltes Etwas darüber, schwammhaft verquellend; sobald es in die gewisse Perspektive geriet, wurde es scharf wie unter einer Riesenlupe. Es waren ein Paar hoher Beine, eigentümlich prall unter den Hosen, schmal im Gelenk. Sie erschienen nacheinander an allen drei Stellen. Der Mann unten nickte. An diesen Beinen allein erkannte er seine Person. Da kamen die Beine zurück. Der Mann unten verlor sich im Korridor.

XIX.

Mit einem Male nahm die Entwicklung der Dinge eine sensationelle Wendung.

James Steward, Privatdetektiv aus Chicago, wohnhaft im Hotel Mansion, Zimmer 27, wurde verhaftet.

In einer Nebengasse wartete ein streng geschlossenes Automobil. An der Tür des Zimmers 27 klopfte es. Steward öffnete. Er war beim Umkleiden. Es war sechs Uhr abends.

Ins Zimmer trat der Polizeichef Kovary. An der Tür standen zwei große hochelegante Gentlemen von scheinbar höchster Rassigkeit, die zum Soupieren ins Hotel gekommen waren. Auffallend waren sie nur dadurch, daß sie beide die Leiber von Ringkämpfern hatten. Der eine nahm den Raum zwischen den Türpfosten ein; der andere verstellte das Fenster. Kovary hatte einen schmerzlichen Ton in der Stimme und einen nie gesehenen Schmelz in den Augen, als er den Herrn Kollegen aus Chicago um Verzeihung bat und in den Überrock griff, der am Haken neben der Tür hing. Er zog, selbstbeherrscht, das Dossier aus einer langen speziell eingenähten Tasche.

Er erklärte Steward, daß er ihn in Schutzhaft nehmen müsse. Steward verstand sofort. Die hohe Politik forderte ihn als Opfer. Seine Bestürzung war in der Tat so groß, daß er mühevoll seine berühmte Kaltblütigkeit bewahren und dem Rivalen mit der größten Höflichkeit alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumen konnte. Steward reiste in Gesellschaft des Chef-Kommissärs ab, fertig. Der Oberkellner nahm das Meldungsformular in Empfang und beugte sich ehrerbietig über das Trinkgeld.

Kovary und Steward gingen voran. In einiger Entfernung folgten die Begleiter. Als Steward in den Hauptflur einbiegen wollte, zupfte ihn Kovary leicht am Arm. Sie bogen weg, schwangen sich in einem Aufzug talab und liefen durch lange Korridore. Ah, sagte Steward, der das elektrische Schaltbrett wieder erkannte. Weiße Türen standen in Reih und Glied. Es gab mehrere Windungen zu umsegeln. Kovary zog einen Schlüssel. Eine der weißlackierten Türen führte in einen Hof, von da durch eine Toreinfahrt, an der Hotelgarage vorüber, in eine Nebengasse. Man kroch ins Auto, die kleine Schar großer oder starker Männer, das Chassis schaukelte.

Steward klemmte die Zähne. Er rührte sich nicht, sprach leichthin, aber er war um einige Schatten magerer im Gesicht.

Er erhielt Aufenthalt in einem Landhaus mit vollendetem Komfort, das leicht zu bewachen war. Täglich kam der Justizminister Herr von Leiman ihn besuchen. Er war ein alter feiner Herr mit Brille und weißem Bart, der am Kinn rasiert und an den Wangen und Kiefern rund geschoren war. Dadurch sah er gepflegt aus. Dies war auch seine Redeweise, obgleich er den ortsüblichen Dialekt sprach Er war jovial. Er betrachtete Steward immer neugierig und behandelte ihn mehr als eine Art Patient denn als Verbrecher. Die Vorspiegelung, daß Steward in Schutzhaft war, mußte aber fallengelassen werden. Steward war geschickt und nach allen Regeln der Kunst verhaftet worden. Er hatte das Dossier entwendet. Es bestand der Verdacht, daß er mit dem Morde in Zusammenhang stünde. Dem Meister-Detektiv konnte es nicht schwergefallen sein, einmal den genialen Verbrecher zu spielen.

Von dem Minister erfuhr Steward aus liebenswürdigen, beinahe leichtsinnigen Äußerungen, in denen auch ein Stück persönlichen Widerwillens zum Ausdruck kam, daß man Kovary versetzt hatte. Steward atmete auf. Ein Justizmord war verhindert worden. Zugleich schmeichelte er sich, daß damit auch das objektive Verfahren Kovarys gefallen sei, und sah schnellen Blicks sowohl die innere Wahrheit und Überzeugungskraft, als auch die Perspektiven seiner eigenen subjektiven Theorien vor sich. Aber der Zynismus des weltmännischen Besuches auf seiner Veranda, wo sie täglich Schach spielten, dämpfte ihn schnell. Kovary war nicht durch die Anhängerschaft Stewards entsattelt worden, sondern auf Veranlassung der dalmatinischen Regierung. Um den Gesandten-Skandal niederzuschlagen, hatte man die Enthaftung der Lady-Witwe verfügt. Sie war nicht mehr Angeklagte, sie war Zeugin. Gegenwärtig befand sie sich in Behandlung des aus Wien berufenen berühmten Nervenarztes und Psychoanalytikers Professor Schmerz. Ihre Aktien waren außerdem im selben Augenblicke gestiegen, da gegen Steward ein Verdacht aufzukeimen begann. Die Untersuchung der daktyloskopischen Abdrücke ergab Spuren von der Hand Stewards. Tableau.

Der ewig lächelnde Justizgreis sah Steward unverwandt in die Augen und erzählte beim Schachspiel, wie Kovary gleich anfangs darauf gedrungen habe, gegen Steward das »Patent« in Verwendung zu bringen. Und gab zu, daß dieser Eifer den höheren Gerichtsbehörden, die von der Regierung den strikten Auftrag auf möglichst geräuschlosen Abbau des Simpson-San-Remo-Falles erhalten hatten, schwül gemacht hatte, was mit ein Grund für Kovarys wohlverdiente Beförderung in einen höheren Rang und auf einen bureaukratischen, weniger exekutiven Posten gewesen war. Da senkte Steward die Lider; es war seine Art der Genugtuung, des gepflegtesten Detektiv-Lächelns aus Eitelkeit.

Der Minister behandelte also Steward wie einen Kurbedürftigen und kleidete seine Verhöre in die denkbar lustigste Konversation. Als er ein Bild zu haben glaubte, blieb er von Stund an aus. Jetzt erst erkannte Steward, daß er in der Tat verhört worden war. Der Minister war zwar technisch ein Widersacher des Polizeichefs, aber er war von derselben Initiative erfüllt wie dieser, auf seine Art. Er hatte einfach das Gegenstück zum »Patent« in Anwendung gebracht. Kovary drückte; der Minister saugte.

Steward, der inmitten einer ländlichen Umgebung Zeit hatte, vergaß sich in theoretische Grübeleien. Er maß die Systeme aneinander, das objektive und das subjektive. Es wollte ihm scheinen, als habe er in seiner Subjektivität auf verschiedene Objektwerte nicht genügend geachtet. Da stand er also in der Dunkelkammer und klappte sie zur Camera obscura um, indem er die rote Scheibe am Guckloch der Tür ins Scharnier fallen ließ. Ein schlohweißer Lichtkegel schäumte über die Ränder und brach auf die Flächen nieder. Der Kopf Slims, unter anderen, erschien und der Turban, der ihn begleitete. Unter den Turban ergänzte sich Steward die Gestalt eines kurzgestutzten exotischen Kerls, der in seinen Falten eine wissenschaftlich konstruierte Wünschelrute verbarg. Ach, diese beiden, erkannte Steward zu spät, waren nicht oben am Trottoir, sie waren damals unten an seiner Tür vorbeigegangen, gerade als er die Klappe fallen ließ. Und Steward ging dann als Verhafteter den Weg abwärts mit Kovary und seinen Ringkämpfern in Abenddreß und Zylinderhut. Neben der Tür zur Dunkelkammer holte Kovary einen Schlüssel aus der Tasche und sperrte auf, jenseits der Garage tauchten sie in das Kupee ? Aber Steward war zäh, die Ideen saßen fix. Er zog die Nutzanwendung dieser Erfahrung, verspielt war verspielt. Eine Befürchtung betäubte seine Einfallsfreudigkeit doch: Periskop! dachte er blitzschnell. Er sah ein Faß. Es war schadhaft. Unwahrscheinlich, daß jemand darin stand. Einbildung. Aber ein Periskop? Wäre aus dem Film und der vergrößernden Projektion auch nicht der Haarstrich eines Periskops zu entnehmen gewesen? ? Etwas spät. Die Filmaufnahme war mit dem Dossier in die Hände der Justiz geraten und vermutlich an die zuständige Regierung ausgefolgt worden.

Das Periskop, das Steward visionär vor sich sah, entsprang dem Prinzip der Camera obscura. Die Camera obscura war Stewards großes Erlebnis, eine konzentrierte böse erlösende aufklärende Erfahrung, das Symbol eines von ihm erkannten geistigen und hirnlichen Prinzips. Die Camera obscura! Die vagen Schatten einer auffällig schillernden molluskenhaften Umwelt mit allzuviel Bewegung und Beziehung sprangen isoliert logisch, scharf, vielsagend, perspektivenreich auf den subjektiven Schirm, der sie band. Das schöpferische Fabriksgeheimnis, das Arkanum war, die Dinge nicht hintereinander, sondern gleichzeitig, ahndevoll zu sehen, wie im Traum placiert, ineinander, auseinanderfaltbar wie ein Fächer, simultan. Wenn Steward schaute, vermochte er Sicherheit zu empfinden, am rechten Weg zu sein; zäh hielt er an seinen ersten Theorien trotz des Fehlschlages fest. Wenn er das Nacheinander des Tatsächlichen zerlegte, unterliefen Irrtümer, Fälle des Übersehens.

Steward fühlte in seiner Lage augenblicklich weder Unbehagen noch Besorgnis. Allzuoft hatte bureaukratischer Polizeiverstand ihn auf seinem Wege behindert. Er war, statt gesuchter Verbrecher, dutzendmal wegen vorwitziger Tricks, die ihn mit dem betreffenden Verbrechertyp oder einem Moment aus dessen Handlungen identifizieren mußten, verhaftet gewesen; ganze Sammlungen von Anekdoten der Unterhaltungs-, der schöngeistigen und Film-Literatur erzählten davon.

So suchte er in seiner Einsamkeit, die durch fern auftauchende Gestalten von Arbeitern auf Feldern, von Gärtnern, Kutschern und Mägden, verkleideten Vertretern seines eigenen Berufes aber in öffentlichem Dienste, begrenzt war, durch Selbstversenken in purpurne Schatten die Zusammenhänge der letzten Ereignisse in einen Blick zu pressen.

XX.

Der Blick gelang. Steward sah wie durch den dünnen Visierhals einer Camera obscura im Bündel sich die Gestalten drängen und in Beziehungen zu einem Vorgang zerfallen. Er fädelte seine Erinnerungen auf.

Der Saal, in dem Professor Jack Slim seinen Vortrag gehalten hatte, war eine der Souterrain-Lokalitäten des Hotel Mansion. Steward promenierte soeben suchend und den Anschlägen und Fingerzeigen folgend durch den Korridor. Da sprang eine weiße Tür auf. In den Gang trat Jack Slim. Er zog den Schlüssel ab und nahm ihn an sich, Steward blieb, wo er stand, angewurzelt stehen. Ein rotes Loch von der Tür daneben bohrte sich in ihn. Darüber stand: Dunkelkammer. Durch die nächste Tür war Slim eingetreten. Er bewegte sich sicher durch die Gänge. Steward begriff, er hatte hier schon seit Tagen zu tun gehabt, mit der Ausstaffierung des Saales, Vorbereitungen zum Abend. Er mochte diesen Gang mit den klatschweißen Türen öfters passiert haben. Als Steward ihm folgte und in den Saal tauchte, berechnete er, daß Arbeit geleistet worden war. Der Saal lag in rotem Lichte. Die Beleuchtungskörper waren mit Gaze und Seide umflort. Die zwei grünen Birnen über den Notausgängen brannten beinahe schwarz in diese abgeschiedene Kirchenstimmung. Die starke Farbenkonzentration übte sofort ihre Wirkung auf die Gäste. Das fashionable Publikum der oberirdischen Räume füllte die Intervalle der Sitzreihen halb voll, wie mit Noten auf einem Notenblatte. Der Raum war wohl absichtlich zu diesem Effekte gewählt worden. Slim war ein guter Manager und Regisseur; er verstand sich darauf, anzulocken. Binnen zehn Minuten kamen die eleganten Damen und Herren in Soiréetoilette mit dem Lift talab geschleust, in Klumpen, bei den Garderoben laut konversierend, verstopften sie die Tür, staken dort überraschte Augenblicke lang und fielen sofort in ein gedämpftes und getragenes Gehaben. Die Ausrufe, die sie in ihren Briefboxen, auf den Sitzen ihrer Automobile, auf ihrem gleißend gedeckten Tisch oben im Restaurant gefunden hatten, zupften sie an den Schößen, gedankenlos wurden sie von den gedruckten Papieren an der Hand genommen und, als ob es nicht anders möglich wäre, auf die Treppen, die Galerien, in die Liftschächte des Hotel Mansion gezogen. Hier begann ja schon das Suggestions-Experiment. Ein Mann erscheint in einer Stadt und magnetisiert die gute Gesellschaft, sie stellt sich ihm. Es war eine jener Verabredungen, deren Entstehen niemand kennt, die einen Mann über Nacht berühmt machen, ganz unabhängig von dem wirklichen Wert seiner Tat oder Leistung, aufbrechend aus einem Gesetz, das Politiker, Verleger und Journalisten zu fassen bemüht sind. Der Saal also rauschte in der kürzesten Zeit von allen Seiten her zusammen, und obwohl er keine sonderlichen Veränderungen zu seiner kahlen Vierlokal-Natur aufwies, genügte der Einfall mit dem roten Licht, um ihm eine stramme innere Achse zu geben, an der sich Jeder willig aufreihte.

Als das Gong ertönte, ebbte das Brodeln aus der roten Materie ab. Da durchzog plötzlich eine Welle den Raum. Die Menschen spürten sie in der Höhe der Lenden. Ein kleiner Regen von lieblichen elektrischen Schlägen; sie brachen an einem Punkt in die Nerven ein, spinterten wie Sankt Elmsfeuer um die Zeichnung des einzelnen Körpers, griffen wie eine kleine süße Tatze bohrend in das Zwerchfell, in die Brust, in das Gehirn und streckten sich im Ohr als eine Tonfülle aus. Alles war hypnotisiert. Was war das? Solch üppiger Schmelz war unerhört, eine versenkende Sensation. Langsam kamen die Schnellen und Schlauen darauf, daß es drei in Akkord gebrachte Harfen waren, deren Klänge aus der durch den roten Vorhang abgesägten Saalecke hervorgondelten. Die Erkenntnis dieses Reizes war befriedigend. Eine kleine Bewegung: die Körper sanken von Haltung in Hingabe hinüber. Slim hatte sein Spiel begonnen und schon halb gewonnen.

Steward lag seitwärts an der Wand in einem Fauteuil. Die Harfen spielten einen Choral. Von der Bewegung der hingerissenen Menschen stieg ein Dunst empor aus Hautgeruch und Parfüm. Einen anstößigen Quertrieb, ungeistig, materiell, erhielt er durch den faden Geschmack, der ihn von durchnäßtem Tuch durchschoß. Die Harfen erklangen tröpfelnd. Steward fühlte sich der Farbe unterliegen. Scharf erinnerte er sich an den purpurnen Schattendruck der Dunkelkammer. Abgetäubt lag auch dieser Saal.

Hinter einem Pult im Halboval eines Hintergrundes aus gefaltetem weißen Schleier, den das Licht rot durchbrämte, entstand Jack Slim. Er entstand. Er löste sich aus einer Falte in Materie los. Der Vortrag begann. Slims Stimme hielt die Note und Klangfarbe des letzten Harfentons, mit dessen Schwinden er erschienen war. Manchmal klang in seine sonore Sprache ein saitenes Schwingen, von dem man nicht wissen konnte, ob es zur Regie gehörte oder von einer zufälligen Bewegung des Harfenspielers herrührte. Es klang rapsodisch begleitend.

Zur Poesie des Mittels im Gegensatz stand der Inhalt dessen, was Slim sagte. Er führte das Geheimnis auf die rationalsten Erklärungen zurück. In seiner Ableitung war nur ein mystischer Punkt; wenn er auf die Selbstversenkung zu sprechen kam. Er sprach englisch, für die große Gesellschaft.

XXI.

Ladies und Gentlemen!

Suggestion ist kein Ausnahmefall, sondern das Gesetz menschlichen Allverkehres. Wenn eine Versammlung zusammenströmt, so kristallisiert sie sich um ein Interesse. Das Interesse ist vital. Wer das Vitale erfaßt, verfügt über suggestive Kräfte. Das Vitale ist bei den biologischen Typen verschieden. Es ist bei Geistigen anders als bei Leiblichen. Das Geheimnis der Suggestion ist Konzentration. Es gibt keine gewaltsame mechanische Übertragung von Wille oder Gedanke. Voraussetzung jeder Suggestion ist die Willfährigkeit des Objektes. Suggestion ist immer Autosuggestion des ? scheinbar ? passiven Teiles. Die Spitze des Vorganges liegt in diesem passiven Partner, nur die breite allgemeine Basis im aktiven, der seelischer Kenner sein muß. Er kann durch äußere Umstände die Konzentration des passiven Partners herbeiführen, durch Farbe, Rhythmus, Ton, Raumverteilung. Alle Kunst und ordinärere Sensation bedient sich dieser Tatsachen. Besonders schwierige Experimente lassen sich nur mit einem in der Konzentration vorgeschrittenen Publikum lösen. Nitra wird Ihnen die bemerkenswertesten Phänomene der indischen Verführungskunst vorführen. Es ist keine Gewähr für Wirkung vorhanden, so wenig wie eine bestimmte Kunstgattung oder ein Stil auf jeden Menschen wirken muß.

Die Aufgabe bleibt, den Anschluß übersphärischer Tatsachen an unsere rationale Sphäre, die ein Phantoplasma für sich ist, zu finden. Die mechanische Erklärung ist falsch, die da voraussetzt, Gehirn oder Seele wirke antennenhaft auf Hirn und Seele. Diese Wirkungen bleiben rein im Bereich der uns mitgegebenen Sinnesorgane. Aber ein auf diese Weise vermittelter Inhalt, Bild, Wort oder Geschmack, wirkt im Partner bei entsprechender Konzentration rekonstruktiv. Jede personale Existenz ist der Ausläufer des entfächerten, lamellenartig sprießendem identischen Weltzentrums. Geologen, Propheten, Dichter verinnigen sich auf die letzte Gemeinsamkeit des Bewußtseins. Die Menschen sind sozusagen Zweige eines Stammbaumes. Im tiefsten Bewußtsein kehren sie auf den Urzustand zurück. Der Urzustand ist nicht eine historische Stufe, sondern eine konkave Gipfelform des täglichen Bewußtseins. Die auseinanderprojizierte Welt liegt für das normale Tagesbewußtsein auf den Schirmen von Zeit und Raum. Bei Verengerung des Bewußtseins durch Selbstversenken ist jener Schnittpunkt erreichbar, wo räumlich und zeitlich die Einzelheiten in einem immateriellen Punkt Summe sind, die einheitlich ungemessen zu Bewußtsein genommen werden kann. Darauf beruhen die berühmten Auskünfte der jetzt modern gewordenen Graphologie. Die allen Motiven zugrunde liegende Kraft, die Gehirnwulst, Körperkontur und Schriftzeichen bildet, ist sinnfällig, einmalig-symbolisch ergreifbar. Die prophetische Begabung ebenso wie die dichterische und die eines besonderen erkennenden Scharfsinnes sind also introspektive beziehungsweise retrospektive Anlagen in einem nicht historischen Sinn. Alles ist zugleich da, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und zwar nicht fatal, als Präformation, sondern als Identität des Vitalen, des Urphänomens, nicht im Duell mit einem Erkennungsfaktor: vielmehr ist der Erkennungsfaktor selbst vital. Das zuständliche Diesseits aller Projektion, also virtuell versammelt im Punkte, ist der aktive Schöpfungswille selbst. Der Fatalismus des Orients allein ist eine falsche Folgerung. Die Philosophie der Zukunft und der verhältnismäßigen Vollendung wird gebildet sein aus der Vereinigung von deutscher und indischer Philosophie, aus Energismus und Fatalismus.

Der Punkt, den ich zur plastischen Schilderung zu Hilfe nehme, ist kein geometrischer Punkt, ? er ist nur ein Anhaltspunkt für den Verstand. Wir sind noch schwerfällig. Leichter fassen wir durch Bilder und Symbole. Auch das Rationale ist nur Bild. Die Welt ist eine Verwicklung vom Figürlichen ins Figürlichere wie die chinesische Sprache und Mentalität. Alles Abstrakte ist blasseres Bild, Graphik, Buntheit liegt in der Relation

Lassen Sie mich im Symbol sprechen. Wollen Sie tief steigen, so verlieren Sie sich hinab zur Bewußtseinsöse. Steigen Sie in die Camera obscura. Was Sie leben, ist Projektion. Zwischen den beiden Bildern des Vorgangs und der Bemerkung fließt das Leben dünn, unstofflich dünn, zum zeit- und raumlosen Nichts verdünnt durch den Lichthals der camera obscura. Wollen Sie Weisheit auch des Praktischen, so suchen Sie den absoluten Zustand der indischen Seele auf, jene Bewußtseinsöse zwischen den beiden Weltlichtkegeln des Geschehens und der Reflexion.

Die Zukunft liegt, biologisch gesprochen, in einer derartigen Ausgestaltung und Verfeinerung des Stoffes, daß Denken auch Geschehen sein wird und nichts geschieht, das nicht gedacht wird.

Die Vorahnung dieser hohen biologischen Stufe bilden alle Phänomene der Suggestion, Telepathie, Prophezeiung, des Mesmerismus, siderischen Pendels, der Graphologie, des Spiritismus.

Adepten der aktiven Suggestion müssen von der Betörnis persönlicher Erlesenheit, auf der Variétéakrobaten der Seele bestehen, Abstand nehmen. Suggestion ohne die Kraft des passiven Partners ist unmöglich. In der Liebe ist der Kräftige der Liebende, nicht der Geliebte.

Das tägliche Leben besteht aus allen Graden solcher Wirkung. Die Kriminalistik hat sich mit der Frage beschäftigt, ob die Übertragung einer Absicht auf Medien zu Verbrechen führen kann. Oberflächlich gesehen, kann Alles Alles beeinflussen. Lektüre, Beispiele, Bildeindrücke können ebenso zum Mord wie zum Selbstmord führen. Zur Prophylaxe des organisierten Friedens, der Europa seit drei Jahrzehnten beherrscht, aber heute leider bedroht ist, gehört das Maskieren der Waffe. Nirgendmehr in unserer Zivilisation begegnen Sie offen einer scharfen Waffe. Die Waffe ist unanständig geworden. Die Polizei trägt Knüttel, nicht Säbel. Das kriegerische Äußere ist auf ein Mindestmaß beschränkt, denn die Waffe verführt. Daß Kriege trotzdem möglich sind, beweist nichts gegen die Tüchtigkeit dieser Maßregel. Der Krieg droht erst wieder, seit in einem neuen Kampfmittel, der planmäßigen Unterminierung des zivilisierten Kontinents, eine die Phantasie verlockende Waffe erfunden worden ist. Die Diplomatie tut recht daran, das Mittel, wo es aus Sicherheitsgründen unerläßlich ist, vor der Öffentlichkeit zu kaschieren. Versuche aus irgendwelchem Grunde, es weiteren Kreisen bewußt werden zu lassen, sind unheilvoll und müssen verhindert werden. Der Guerilla der Zukunft, den Jack Slim selbst vorhergesagt hat, wird nicht zwischen Staaten, die bis dahin befriedet sind, sondern zwischen Staaten und Geheimbünden geführt werden. Dumm werdend an der Genialität dieser Verbrecher, mag der Staat zu gewalttätigen anachronistischen Mitteln greifen. Nur durch einen Höchstaufwand an Logik aber wird die menschliche Gesellschaft diesen Destruktoren widerstehen, die mit einer Leidenschaft sondergleichen arbeiten werden. Die modernen Anarchisten sind pflanzenfressende Nazarener, an den Dämonen dieser Leidenschaftlichkeit gemessen. Die erste mechanische Waffe, die gegen sie angewendet wird, muß technische Katastrophen an Erfindergeist hervorrufen. Kriminalisten, die für die Erhaltung der Ordnung vorzusorgen haben, werden mit der seelischen Entwicklung ihres Wildes gleichen Schritt halten und sie immer um einen Grad übertreffen müssen.

Zur Höherbildung der Gesellschaft ist eine Desuggestion von der Waffe notwendig.

Die Kriminalistik muß auf die höchste Stufe gebracht, zur akademischen Fakultät erhoben und mit den geistig und körperlich begabtesten Individuen bestückt werden. Ich verlange eine vorgreifende Aufzucht des kriminalistischen Typus.

Zur Disziplin des idealen Kriminalisten gehört die genaue Kenntnis aller denkbaren menschlichen Gedanken. In Dostojewkys Raskolnikow haben wir den Urvater der philosophischen Verbrecher zu sehen, von dem jene geheime Rasse von eigentlichen, sozial bisher undefinierbaren Menschen stammt, die seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa und Amerika auftritt und mit einer plumpen historischen Etikette Bolschewiken genannt wird. Sie sind das Vorgeschlecht einer geistigen Verbrecherrasse.

Die Mittel zur Bekämpfung dieses Schreckens sind in den psychotechnischen Erscheinungen und Lehren gegeben.

XXII.

Der politisch optimistische Schluß des Vortrags befriedigte die hochbürgerliche Versammlung, die wie in dumpfen Ketten lag, von dem starren Gestühl und der Last des Tuches und Leinens entkräftet. Sie schwitzte in dicken Wolken. Als Slim endete, rasselte Bewegung. Dann folgte ein dünnes teilnahmloses Klatschen. Man rückte zurecht. Der zweite und sensationellere Teil des Abends begann. Die Harfen wehten Stimmung. Propeller in den Winkeln der Decke schaufelten kellerige Luft, die wie ein Kissen zu Boden fiel, den menschlichen Dunstgeruch aufwühlend.

Steward saß schräg vom Podium. Wie ein Rechen lag die Lyra der Sitzreihen vor ihm. Er übersah die Versammlung. Er selbst erweckte unter diesen gutgekleideten Leuten kein Aufsehen. In der ersten Reihe fixierte ihn ein Kopf. Er hatte schiefe fremde Augen, einen aschweißen dürftigen Zipfbart, einen Striemen wie von einem schweren Hut um die Stirn. Steward kam der Gedanke, daß ein Turban darauf gehöre. Neben dem würdevollen orientalischen Gaste ? ja, es war Missis Philomena Akte San Remo, die dort saß. Sie war blaß und bernsteingelb, die Haare flimmerten. Jetzt hörte Steward zum ersten Male, daß ihr Begleiter Professor Schmerz aus Wien war. Missis Philomena Akte schauerte. Ihr Rücken spielte unter der Robe und dem beflitterten Kreppschal, den sie vom Kopfe genommen und über die Schultern drapiert hatte.

Sie erschauerte, wie alle Damen im Saal, als Jack Slim den Namen »Nitra« hervorstieß, mit einem fragenden, warnenden, klagenden Unterton, so wie man ein Kind anruft, das daran ist, einen Fehler zu begehen.

Nitra war aus dem Mousselin hervorgetreten. Sie war ein kleines Fräulein in gestreiftem Waschkleid, unscheinbar, hübsch, mit öligen Zügen und exotisch nur durch ein besonders dunkles Aussehen an den Augen und Brauen. Daran war eine fremde Rasse kennbar, auch an den verwischten Stellen am Nasenknorpel und Munde. Das Gesicht war um eine Idee unfertiger als europäische Gesichter. Der vielleicht dunklere Teint kam in der rosaüberzuckernden Beleuchtung nicht zur Geltung.

Zu dem knielangen harmlosen Waschkleid von gutem europäischem Schnitt, auffallend dünne Bajaderenbeine, trug sie einen bunten Turban mit Agraffe und einem Edelstein. Sie reichte Slim bis zu den Achseln.

Die Damen im Saal flüsterten. Nitra hielt sich edel. Sie war anmutig wie eine Gazelle. Der Verzicht auf exotische Aufmachung wirkte sensationell, geradezu aufregend. Slim war ein guter Regisseur.

Er stellte ihr einen Stuhl zurecht, mit dem Rücken gegen den Vorhang, der sich um sie krümmte, sie in eine Hohlschale fassend. Slim nahm seitlich Positur. Sie saß scharf abgehoben ins Publikum hinaus, dennoch über dem atemlosen Saale. Großartig. Sie saß locker und sachlich da, wendete den Kopf, stellte die Beine gerade und so ohne europäische Frauenhaftigkeit auf, daß die Damen sie jetzt plump fanden. Einige Gesichter verzogen sich. Aber die Herren fanden diese Naivität tierisch-rührend. Der Saal war unruhig.

Da schnitt Slim, der den Eindruck abgewartet hatte, durch seinen Ruf in die Unruhe. Nitra! Der Saal fröstelte. Mit Nitra ging keine besondere Veränderung vor. Sie stellte den Kopf gerade, als ob sie eine Konversation beginnen wolle, mehr nicht, und hing sich an Slims Stirne. Slim stand nicht ganz senkrecht vor ihr, sondern daneben wie etwa ein teilnehmender Arzt; teils um sie nicht zu verdecken, teils um augenfällig zu machen, daß es sich niemals um ein Schema handle; irgendeine Zeremonie, um die Aufmerksamkeit zu begünstigen, genügt, zum Beispiel der Tonfall.

Er zeigte, daß Nitra jetzt in Trance erblühe, aber ohne Gewalt, ohne die anrüchige Effekthascherei der kataleptischen Starre. Er nahm ihre Hand, die im Schoße lag. Sie war leicht zur Faust gekrümmt. Er glättete die Finger, alles mit einer begütigenden sanften Festigkeit. Dann streckte er ihre Hand in den Saal aus, wagrecht; die Hand schwamm jetzt über den Köpfen. Es war peinigend still. Der ganze Saal war hypnotisiert. Die Hand stand gespenstisch in der Luft, forellenhaft, so ruhig, daß es um sie her zu strömen schien. Trotzdem war sie nicht tot. Fünf Minuten, während Slim erklärte, schwamm die Hand so über den Köpfen, ohne Schwanken oder Zeichen der Muskelermüdung, aber sie lebte, sie vibrierte leicht, es brauste Blut hindurch.

Slim brachte die zweite Hand in dieselbe Haltung. Unter normalen Umständen war diese Haltung für den Ungeübten oder Ungeschläferten schon schwierig und aufreibend. Nitra zeigte keine Spur von Unbehagen. Slim steigerte das Experiment. Ein Diener schleppte aus der Hotelwerkstätte für den Liftbetrieb einen Eisenbolzen herbei, eine armlange Stange, die mit Blei gefüllt war und zu irgendeinem Gleichgewichtszweck diente. Während der Handlange-Verrichtung erklärte Slim seine Praktiken. Slim zeigt keineswegs eine Variéténummer, er trifft keine Vorbereitungen, er führt einfach und natürlich Experimente durch, anschauliche Erläuterungen zu einem seriösen Vortrag.

Der Saal rauschte auf, als Slim den Eisenprügel in die Hände nahm, er mochte ungefähr sechzig Pfund wiegen. Der Diener trug ihn weit zurückgebeugt und legte ihn gerne hin, auf einen Tisch. Slim hob ihn zwar elastisch auf, mit großer Härte in den Oberarmen und Gelenken; aber jedermann sah, daß der Klotz im Verhältnis zu der zarten Gestalt des Mediums teuflisch war. Der Saal plätscherte, wie wenn Steine in stehendes Wasser fallen. Slim hob den Barren empor und legte ihn quer über die Handknöchel Nitras.

Nitra schien diese Erschwerung kaum zu merken. Ihren Kräften angemessen war die Übung athletisch. Trotzdem war sie ohne jeden Muskelaufwand geleistet. Die Hände tanzten nicht, sie schwammen mit dem Ballast weiter. Aber das Gesicht verriet eine starke geistige Anstrengung. Die Augen glänzten, der Teint bedeckte sich feucht, die Züge waren verkniffen wie von einem sehr schwierigen Gedanken: die Last wurde hier nicht durch Muskelwiderstand bewältigt, sie wurde hinweggedacht. Die Anstrengung war eine gedankliche.

Die Schwerkraft war eine Übereinkunft. Ein Aktivum, Erhabenes, Relief, das durch neuerliche aktive Schöpfung abgebaut wurde. Der Mensch radiert sich selbst als Werk aus. Es ist so einfach. Die Schwerkraft ist nicht da ? man spürt sie nicht. Das Leben ist nicht da. Man denkt das Denken weg, und dieses Wegdenken, und den letzten Rest. Das Nirwana ist möglich. Das Leben ist nicht da, denn es war da.

Aber es wird Einem nicht leicht gemacht. Um das Nirwana zu finden, muß man Charakter haben und eine furchtbare innere Gewalt. Es ist einfach, die Schwierigkeit besteht jedoch darin, zwei Aktivitäten mit vollem Inhalt zugleich zu entfalten. Die sechzig Pfund des Eisenbarrens kommen zwar nicht vom Eisen und Blei, sondern aus dem Kopfe Nitras oder jenes Irgendher, das auch Nitra hinzudenkt und sie auch wegdenkt; die einmal erdachte Welt bleibt aber aufrecht. Nitra muß selbst die eigene Übereinkunft der Schwerkraft, die sie mit der Materie verbindet, löschen. Schweißperlen schmelzen aus ihrer Haut. Die gedankliche Anstrengung ist furchtbar.

Nitra denkt nicht nur die Schwerkraft weg, ohne die übrige Welt dieser Kraft zu leugnen, wie es logisch wäre; sie denkt auch sich selbst weg. So ist sie durch Willenskraft in der Hand eines fremden Willens.

Slim streicht mit beiden Händen an den Flanken einer imaginären Säule in der Luft hoch. Da bäumt sich Nitra vom Sessel auf zusamt ihrer Last. Ihr Mund zittert. Beileibe, es ist nicht fysische Gewalt. Slim streift den Ärmel ihres Waschkleides empor bis zu dem schlanken Mädchenbizeps. Man weiß jetzt, warum sie ein Waschkleid trägt. Den Turban trägt sie ? Slim steckt den Finger darunter ? als eine stramme Binde gegen die geistige Überanstrengung Es ist nichts Mache, alles ist Natur. Slim drückt auf den Oberarm. Er ist weich, nicht sehnig. Sie sehen, keine Muskelanwendung.

Die Schwerkraft ist ein konventioneller Gedanke. Nitra denkt alles, die ganze Welt, noch einmal komplett: bis auf die Schwerkraft.

Sie, meine Herrschaften, stehen unter der gleichen Autosuggestion; Sie sehen, gegen alle Erfahrungen, einen Eisenprügel in der Luft schwimmen. Nitra legt nur ihre Hände darunter.

Nitra steht mit gerunzelten Brauen und verkrampftem Munde. »Nitra!« lockt Slim leise, als riefe er einem Kinde: Kuckuck.

Nitra beginnt zu zittern. Jetzt schwanken die Hände. Sie ringt. Die Welt kehrt zurück. Das Eisen ist jetzt zu schwer, mit einem Schnitt in ihren Zustand schlägt es die Hände herunter und trommelt schotternd auf die Bretter des Podiums.

Die Schwerkraft ist wieder da. Alle sehen sie.

Nitra steht entzaubert. Diese Pointe also konnte sich Slim nicht versagen. Der Saal taumelte empor und fiel zurück. Nitra ging brechend zum Stuhl zurück. Slim beugte sich über sie. Er klatschte ihre Unterarme ab, gab ihr Wasser aus einem Glase. Ihr Gesicht war jetzt altklug und groß, beinahe wie das eines jungen Mannes. Sie hatte in den letzten Minuten viel durchgemacht. Slim sprach zu ihr und sie lächelte dankbar. Er hatte den Entbannungsausruf so eigentümlich gefärbt, daß seine galante Festigkeit für die anwesenden Damen einen verführerischen Glanz zurückließ.

Während Nitra wieder unscheinbar im Stuhl saß, gab Slim Auskünfte über die Mechanik dieser Art Zustände Versteht sich, es hatten die Leistungen ihre natürliche Grenze. Es wurde nicht die Schwerkraft als allgemeine Kategorie ausgeschaltet, sondern eine bestimmte individuelle Schwerkraft. Selbstverständlich konnte man dem Medium nicht ein Haus auf die Hände legen. Der Gedanke Haus, nicht das Haus war schwerer, als der Entschwerungswille es leisten konnte. »Wie Sie sich überzeugt haben, war die Aufgabe in Anbetracht des zarten Körpers des Mediums hoch genug. Es möge sich einer der Herren überzeugen, daß das Gewicht keine falsche Kleinigkeit war.«

Ein Kavalier an der Ecke kam ans Podium und hob der Freundlichkeit halber flüchtig das Gewicht, nur flüchtig, Slim genoß Kredit; er bestätigte sechzig ganze Pfund, vielleicht darüber.

»Und dennoch«, fuhr Slim fort, »ist dieses Wunder ein alltägliches. Ist es nicht schon ein Wunder, daß das Zellengewebe des Muskels überhaupt den Händen auch nur ein Buch zumutet ? alles entsteht frank und frei aus der aktiven Vorstellung von sich selbst.

Unterscheiden Sie zwischen dem europäischen Training, das die Körperkraft, den Muskel, stählt, und der indischen Methode, die den Geist steigert.

Die natürlichen Grenzen auch der geistigen Kraft liegen immer noch über den körperlichen Grenzen.«

Slim machte sich daran, Nitra, die sich erholt hatte, wieder aufzurufen und zu gebrauchen. Er ließ eine Kerze bringen und zündete sie an. Nun würde er »Nitra!« rufen, mit jener hohlen fragenden Stimme. Des Parketts bemächtigte sich Aufregung.

Die Kerze flammte. Slim rief: »Nitra!«, wehevoll, aus Sphären herschallend. Eine Dame fiel mit einem Schrei in Ohnmacht. Es entstand eine Unterbrechung, ein Herr und die Saaldiener führten die Dame hinaus. Slim wartete mit dem Leuchter in der Faust. Nitra saß schläfrig. Aus ihren verwischten Zügen wurde jetzt kennbar, daß sie dazu bestimmt waren, von einer enormen geistigen Arbeit Mitteilung zu geben, das Ziffernblatt eines Voltameters ? bis zu einem gewissen Teilstrich dürfte der Zeiger ohne Gefährdung springen. Darüber hinaus lauerte die Katastrophe.

Slim brachte abermals Nitras Arm in die Horizontale. Er hielt die Kerze darunter. Es prasselte erst leise, im Saal verbreitete sich ein brenzlicher Geruch von hornigem Verbranntem. Der kleine Härchenflaum am Arm Nitras war dünn rauchende Asche. Morgen wird er wieder gewachsen sein. Das ist der Wille des Organismus. Er ist ohne Verlegenheit. Amphibien ergänzen in Kürze den Verlust ganzer Gliedmaßen. Vielleicht ersetzt der Organismus, der sich, wie Sie sehen, bis auf den Haarflaum von der Flamme nicht erschüttern läßt, die verbrannten Bestandteile in einer solchen Zeit, in nahezu gar keiner, in überhaupt keiner Zeit, daß sie für uns nicht merkbar wird.

Es läßt sich natürlich nicht leugnen, daß es nicht nur nach verbranntem Haar, sondern auch nach verkohltem Fleisch im Saale riecht. Ein paar Damen verlassen schnell ihre Plätze, die Kavaliere ziehen ihnen, neugierig zurückgereckt, widerwillig nach. Es entsteht ein leises Murmeln im Saale.

Aber die Flamme brennt ruhig. Es sieht nicht danach aus, als würde sie von anderem Brennbarem als ihrem Docht und dem Wachse gespeist. Nun ja, es ist doch immerhin möglich, daß ein Verbrennungsvorgang im Bewußtsein des hypnotisierten Saales unterdrückt wird. Der Saal sieht so wenig, als das Medium brennt und fühlt; also ist nichts zu sehen und zu fühlen und es brennt auch nichts. Ohne unser Testament, daß es brenne, brennt nämlich nichts.

Ich kann Nitra freilich nicht in einen Schmelzofen werfen. Auch das hat seine Grenzen. Die individuelle Anstrengung richtet sich nach dem stofflichen Grad; nach kopernikanisch und richtiger ausgedrückt, jeder von uns feststellbare Grad richtet sich, nach seiner individuellen und fallweisen geistigen Anstrengung.

Slim weckt Nitra auf und hebt ihren Arm vorzeigend empor. Sie ist müde, ihre Augen glänzen, sind es Tränen? Die Übereinkunft des Schmerzausdruckes ist vergessen worden? Man könnte auch sie auslöschen, meint Slim, aber das ist natürlich eine neue Strapaz.

Diesmal klatscht das Publikum teilnehmenden ernsten Beifall. Einige Paare, die den Saal verlassen haben, treten an ihre Plätze zurück, die Damen das Sacktuch pressend oder die Hand an die Brust haltend. Sie lassen sich von Bekannten und Nachbarn das Ergebnis berichten. Eine kurze Pause tritt ein.

Slim fährt in seinen Ausführungen fort. »Was beweisen diese Experimente? Sie beweisen, daß der Stoff von einem Geiste abhängt; sie beweisen die Möglichkeit einer Steigerung körperlicher Eigenschaften über jedes körperliche Maß hinaus Die indischen Methoden des geistigen Trainings sind der Praxis des westländischen Sportes unbedingt vorzuziehen.

Im Falle des ersten Experimentes wurde eine strenuose eliminierende Arbeit geleistet, das Weltbild-Relief, der Alltag mit seiner Konvention der Schwerkraft wurde abgebaut.

Im zweiten Falle hat der Organismus eine rasende aufbauende und heilende Arbeit geleistet. Brandwunden heilen bekanntlich sehr langwierig. Hier wurde infolge spontanen Ersatzes für die Verheerung der Ausfall- und Heilprozeß überhaupt nicht bemerkbar.

Die Grenzen liegen in der spezifisch geistigen Schwere jeder Aufgabe, wohlgemerkt, nicht in ihrer physischen Unmöglichkeit. Das physische Halt ist immer erst die Folge eines geistigen Kurzschlusses. Slim legte Wert auf die Feststellung dieser Relation. Der Akzent der Verhältnisse liegt nach den neuesten Forschungen nicht, wie man mit Darwin dachte, im Physischen, sondern im Geistigen.

Dieses Geistige aber hat man nicht wie bisher in seinem Gegensatz zum Körper von der theologischen, poetischen, dämonischen oder magischen Seite her zu verstehen. Es ist als Vernünftig-Dynamisches, als Aktivistisches, als selbstständiges ästhetisch-ethisches Resultat genau so Objekt einer neuen, höheren Stufe der Naturwissenschaften wie ehemals der Stoff, der als sekundäre Abfolge und Erscheinung zu gelten hat.«

Der dritte Versuch zeigt die Fähigkeit des menschlichen Mediums von einer ausgesprochenen produktiven Seite. Slim versetzt Nitra in Trance. Darauf zeigt er eine Falte des Halbrunds und meldet ihr: »Nitra, dort kauert ein Kuguar.« Nitra wird wie ein Kindermädchen. Der Saal rührt sich nicht. Aus den Falten strebt langsam Zoll für Zoll, so daß allen im Saale das Grinsen auf den Lippen erstirbt, ein großer gefleckter Katzenkopf. Er schiebt sich vor bis zu der breiten kurzen Büste, auf der die Zotten in Wirbeln stehen. Nitra bewegt sich simpel vor ihm herum, sie kauert, stößt Vokale aus, schneddert mit den Zähnen, hat förmlich selbst Haare in dem verzogenen Gesichte. »Bobobo, Korrô, Rrrrr, hoho, he, Korrô he, boobobo, bo ?«

Nitra benimmt sich mit höchster Wahrheit, sie besitzt die Kunst der Tänzerin ins der Pantomime. Nitra gibt das Negativ eines Kuguars, und alle sehen ihn, er taucht aus einer bestimmten Falte des Vorhangs hervor. Die Vision dauert nicht lange, bloß einige Sekunden, dann sehen alle wieder die Falte und den Vorhang ? aber die Spanne Zeit hat genügt, es ist nicht zu leugnen, sie haben den Kuguar mit eigenen Augen gesehen. Alle sind verblüfft, die Skeptischsten schütteln zu sich selbst den Kopf. Unzweifelhaft, sie haben einen Augenblick lang gesehen, was Nitra von ihnen verlangt hat. Slim tritt an den Vorhang hin und hebt eigens die Falte auf ? er weiß ganz genau, welche Falte es ist, die sie alle ansahen. Nein, es ist nichts daraufgezeichnet, die Falte ist harmlos. Auch dahinter ist nichts. Er rafft den Vorhang: Wand und eine Tür. Wenn es einige nicht glauben, nun, man kann ja den Versuch mit einer Variation wiederholen.

»Nitra, hole schnell den Tierwärter!« ruft Slim, und zwar so, als ob sie weit von ihm stünde, indem sie den Auftrag empfängt. Nitra hebt überrascht den Kopf, die Agraffe funkelt. Ihr Blick ist oben am Vorhang entlanggegangen. Plötzlich wendet sie sich um. Das Publikum fährt zurück. Man hört atmen. Nitras Blick senkt sich vorwärts in die erste Reihe. Da schwebt aus dem Parkett, löst sich von der ersten Reihe eine Gestalt los. Sie ist undefinierbar, mit in dieser Stadt nie gesehenen Kleidern behangen. Nitra verkreuzt die Arme, setzt sich kippend in den Stuhl. Die Gestalt hat weiße Haare, ein alter freundlicher Herr, merkwürdig mager und durchsichtig, ganz von blassen Farben. Nur ein strahlendes blaues Messer blinkt. Nitra dienert, der alte Chinese dienert. Der Alte hat ja einen Turban, wenn er sich neigt, funkelt es, es ist der Stein der Agraffe, der die Blicke anzieht und fasziniert. Eine Dame erhebt sich in der ersten Reihe, genau dort, wo die Erscheinung herstammt, sie steht starr, hebt leicht die Hand und zeigt nach vorwärts. Der Eindruck ist gewaltig. Slim tritt schnell dazwischen, um den Augenblick der Wirkung nicht zu versäumen. Die Illusion dauert bei Europäern nur kurz, es fehlt die Kraft. Das Publikum lacht und klatscht. Alle sind entzückt, dankbar für den Scherz. Der Beifall wiederholt sich, einmütig, es ist kein Zweifler darunter. Sogar Professor Schmerz klatscht. Steward versichert sich, daß er wieder dort sitzt, es ist kein Irrtum, er sitzt wieder dort, alt und weiß, durchsichtig, in fremdartigen Wasserfarben, aber er ist gut europäisch gekleidet wie vorher und klatscht teilnehmend.

Nitra erzielt diese fulminante Wirkung, indem sie das bloße Negativ spielt. Eine Sache ist auch durch ihr Negativ gegeben. Darauf beruht das Begriffliche, die Abstraktion, die Graphik. Erinnern wir uns an das Aufsparen von Flächen beim Zeichnen. Durch das Negativ der Photographie entsteht ein Bild. Die Dunkelkammer der Seele entwickelt scharfe Positiva aus Begriffen. Goethe war im Irrtum. Wo das Wort sich einstellt, fehlt der Begriff, die sinnliche Blöße nie ganz. Übrigens beruht die ganze tiefere Ethik auf dem Prinzip der sinnlichen Blöße. Die Achillesverse ist lebendiger als Achilles. Am fühlbarsten wird Siegfried, wo das Eichenblatt in seiner hürnenen Haut fehlt.

»Im dritten Versuch Nitras bewundern wir also die produktive Begabung, das Talent der Darstellung durch Gestaltung des Minus, recht eigentlich das künstlerische Problem. Es ist möglich, unsere artistischen Fähigkeiten, also die geistigen Verkehrsmittel und die Darstellungskraft auf eine nur heute abend erwähnte Höhe zu heben. Haben Sie den Augenblick, den Vorgang und die Aufgabe der Epoche verstanden? Die größten darstellenden Leistungen werden durch einen Styl des Abstrakten entstehen, durch eine Negativ-Sinnlichkeit, durch eine nicht demonstrierende, sondern anregende hervorholende Kunst. Der Romancier und der Maler etwa werden den Leser oder Beschauer aktivisieren ? ein Publikum ohne jene Willenskraft des passiv angefeuerten, aber aktiv sich konzentrierenden Mediums ist künftig trivial. Der Partner des schöpferischen Autors muß die von diesem angedeuteten Kunstprozesse selbst ausführen. Wenn der Autor tüchtig ist, muß wenigstens unter Erlesenen der Genuß aller beispiellos sein. Im übrigen wird er fördernd sein.

Sie, Ladies und Gentlemen, Gebildete, wünschen Handlungen, Ereignisse, Informationen ? man wird Ihnen das Negativ geben, das seelische Hohlbild. Zum Schlusse ist die Welt Gedanke. Aus Gedanken wachsen Wurzeln ins Sinnliche. Diese Erkenntnis kommt aus einem Lande und Klima, wo das Wuchern des Lebens Luftwurzeln hervorbringt, wo Spätes Anfang wird, die Entwicklung paradox scheint, wo erst die Folge das Primäre schafft. Niemals kommt ein Motiv in der Natur nur einmal vor, sieh schärfer zu, du begegnest ihm insgeheim und unerwartet. Die Welt wird Gedanke sein, der seine Wurzeln herabsenkt, die Welt wächst verkehrt.

Und Sie, Ladies und Gentlemen, Bürger, Gebildete, wünschen eine Religion, einen persönlichen Gott, weil es jetzt guter Ton ist ? man gibt Ihnen einen Zustand, vertiefen Sie ihn, senken Sie Ihre Wurzeln aus, Gott wurzelt aus Ihnen.

Es gibt einen Punkt, wo Deutlichkeit irreal wird. Er ist erreicht. Merken Sie die Lehre vom Negativ.

Muß man noch den dialektischen Mißgriff fürchten und betonen, daß das Negativ nicht gleich ist dem Negativen?«

Inzwischen war die erschöpfte Nitra seitwärts zu einem gepolsterten Streckstuhl geführt worden. Sie lag blaß und verfallen, schwach wie eine Wöchnerin. Professor Schmerz in der ersten Reihe, zu dem Slim sich herunterbeugte, verließ seinen Platz und begab sich zur Patientin. Er wand ihr den Turban vom Kopfe. Er mußte fest gesessen haben, ein Damm gegen die Anstrengung; Nitras rabenschwarze Haare klebten am Schädel. Sie trug sie kurz gestutzt, wie man sehen konnte und wie es zu dieser Zeit alle Frauen mit einigermaßen geistigen Berufen zu tun pflegten. Jetzt kam auch ihre fremde Rasse zur Geltung. Die Wenigen waren etwas glatt aufgeblasen, hingen matt, eine fade Wölbung, die niemals bei West- und Nordländern auftritt. Professor Schmerz frottierte ihr die Schläfen.

»Die Versuche, die Sie mit angesehen haben,« fuhr Slim fort, »sind die Grundlagen einer neuen Welt, der Welt von morgen. Ist der Abend für Sie befriedigend? Es sind alle Möglichkeiten einer zerebralen Entwicklung ? angedeutet worden ?«

Es taute Friede, Liebesblicke, Blumenherzen; ein lieblicher Atem, duftige Harfenakkorde schwamm daher.

XXIII.

Der Abend war gelungen. Die Gesellschaft im Parkett fächelte sich Zufriedenheit, delikates Bewußtsein, Katharsis zu. Da unterbrach ihn eine echt bourgeoise, nobelspießerige Geschmacklosigkeit. Aus dem Publikum winkte ein Arm. Der Justizminister Leimann in einer der vorderen Reihen erhob sich. Er glaubte der Versammlung aus dem Herzen zu sprechen, wenn er den Vortragenden für seine außerordentlich interessanten Ausführungen beglückwünschte. Eine Diskussion an diesem Orte zu eröffnen, wäre wohl abseitig. Aber er möchte von den Zukunftshoffnungen zurückleiten auf die praktische Gegenwart Das Thema des kriminellen Einflusses und seiner Bekämpfung sei zu kurz gekommen. Steward betrachtete den Minister, den er noch nicht kannte, mit Spannung.

Slim schien unschlüssig. »Wie meinen Sie?«

»Können Sie«, rief der Minister, »ein Beispiel von Verführung zum Verbrechen geben?«

Der Ton des Abends wurde durch diesen Zwischenfall gestört. Das Publikum erwachte aus der abhängigen Stimmung und rückte umständlich und mit Scharren in eine skandalösere Anmaßung hinüber. Slim merkte es und wurde kühler.

»Sie sehen, Nitra ist erschöpft. Es wäre fehlerhaft, ihre Kraft zu mißbrauchen. Überdies hängt alle Einflußnahme von der Gutwilligkeit des Mediums und seiner inneren Überzeugung ab. Sie können Nitra kein Verbrechen diktieren. Menschen, die Verbrechen begehen, auch unterm Einfluß Anderer, sind Verbrecher. Menschen, die sich auf Befehl entleiben, neigen von selbst dazu. Die beste Bekämpfung, der beste Gegeneinfluß ist Ausbildung der Logik. Bilden Sie das höchste geistige System aus, und Sie haben eine glatte Waffe gegen die geistigen Verbrecher der Zukunft. Nitra ist eine Buddhistin, es ist nutzlos, ihr eine böse Handlung zu suggerieren.«

Das Publikum wurde unruhig. Es besann sich auf sein Recht. Slim dachte nach. Dann machte er sich zu einem Versuch mit einem Medium aus dem Publikum erbötig.

Das Parkett schäumte auf und fiel dann gelähmt in sich zurück. Sie hatten Angst. Einige Leiber erhoben sich und sanken wieder zögernd zusammen.

Da schnellte in der ersten Reihe die Dame empor, die kurz vorher durch das Zeugnis starker Suggestibilität Aufsehen erregt hatte. Sie stieg flüssig zum Podium empor, gewohnt und offenbar gerne bereit, sich auszustellen Außerordentlich elegant, schmal, beweglich, machte sie dort oben Sensation. Ihr Haar schmetterte. Es war von einem Metallband mit Altsilberauflage um den Kopf gehelmt. Auffallend waren ihre harten und schmalen, aber sinnlichen Beine, die unter der hochrockigen schwarzen Abendrobe, die wühlend aus dem Schoß flackerte, aufbrachen wie die Stempel aus einem schwellenden Kelche. Es war Lady San Remo. Sie war blaß und ihre Übertriebenheit verriet Abenteuerlichkeit, Hysterie und Bangigkeit. Das Abbild westlicher Geübtheit in körperlicher Haltung und forschem abgehacktem Benehmen, bildete sie einen deutlichen Gegensatz zu der weichen Magerkeit der Inderin. Beide waren Vollblut durch und durch. Die Amerikanerin war größer. Sie hatte, wenn auch feine, Muskeln. Sport hatte ihr Knochengerüst wie bei einem jungen Manne herausgearbeitet, sie war heftig, ihre Bewegung abschüssig. Die Rocksäume spielten, geschickt balanciert und geschickter ausgenützt, ununterbrochen und kitzelnd an ihren Waden. Es ging ein Eindruck von unermüdlicher Selbstreizung, Verlangen, Erwartung, Übersteigerung von ihrer Erscheinung aus.

Sofort erkannte Slim ihre Brauchbarkeit. »Setzen Sie sich,« sagte er; sie schwang sich an den Stuhl heran wie in eine Umarmung und schon schlief sie. Die Füße waren niedlich über den Rist gekreuzt, die leise Kurve unter den Knien war ganz vom Rock freigegeben. Der Oberkörper war gestreckt, beinahe steif. Das Auge blickte starr, aber erregt. In ihrem Gesichte war ein unauslöschlicher Zug von Begier und intellektueller Wachsamkeit zurückgeblieben. Slim prüfte sie mißtrauisch. Das Lorgnon, an einer Kette um den Hals und am Gürtel eingeklemmt, legte er so auf ihre Knie, daß es bei der geringsten Störung fallen mußte. Da sie diese Versuchung nicht beunruhigte und er ihr so weitgehende Beherrschung keineswegs zutraute, konnte er annehmen, daß sie tatsächlich schlief. Sie war ja auch ein brillantes Medium.

»Carmen, auf deinen Knien liegt der Dolch,« rief er. »Steck ihn in den Gürtel, achte wohl, er ist scharf.«

Sie tastete zum Knie. Das Lorgnon rutschte ab. Sie schlief also wirklich. Sie fingerte dem Lorgnon nach, lachte ha! prüfte mit den Ballen der Finger die Schneide, die sie außerordentlich befriedigte. Mit robustem Schwung heftete sie den Dolch in den Gürtel, genau an die Stelle, wo sie das Lorgnon hinzustecken pflegte. Sie warf den Kopf, daß die Ohrgehänge blitzten, blickte stolz wie die Spanierin.

»Komm her,« rief Slim, »du bist die Geliebte des Räuberhauptmannes.«

Sie sprang schwungvoll auf. Ihre Gesten trugen die Reminiszenz der Oper. Der Rocksaum schwebte wie ein Reifen um sie. Sie hatte die Rechte am Dolche, die Linke in die Hüften gestemmt, das Knie herausfordernd gehoben. Ein Lächeln, wie unter einer Binde, voll Wollust über ein Versteckspiel, trennte ihre Lippen. Der eine Fuß war vorgestemmt.

»Siehst du den Räuber?« fragte Slim und zeigte auf die Musselinportiere.

Sie schwang herum, den Nacken vorgebeugt, gespannt.

»Der Tatare« ? schrie sie und folgte mit den Blicken und dem ausgestreckten Finger der Gestalt des Professors Schmerz, der sich von Nitra lösend längs des Podiumrandes zu seinem Sitze begeben wollte.

Sie stieß plötzlich ein langes Geheul hervor. Aus dem Publikum kam Knurren und Zischen. Frauen machten ts, ts durch die Zähne.

»Was will er?« sagte Slim. Da schüttelte sie sich, barst in ein Schreien aus. Sie riß den Dolch aus dem Gürtel und hieb ihn mit einer unangenehmen abstoßenden Gebärde, die erotisch sein konnte, in das Gewühl der Stoffe im Schoße, hieb mehrmals zu, plump in den Unterleib, öffnete den Mund ganz und zeigte die Zunge.

»Skandal!« sagte eine Stimme laut. Zuschauer liefen angeekelt hinaus, unter ihnen Steward.

Slim stieß vor. » Halloh, halloh, how do you do, Missis San Remo?« rief er stark und schüttelte ihr wie bei einer Begegnung auf der Straße die Hand.

Sie erwachte, warf das Lorgnon weg, daß es riß und zu Boden klirrte. Ein Weinkrampf schüttelte sie. Es wurde ihr ein Sessel hingeschoben. Sie entzog sich, zerrte den Konzertschal herunter, knetete ihn, steckte ihn wütend in den Mund und zerriß ihn mit den Zähnen und Händen in lange Streifen. Es blieben ihr Metallschuppen im Speichel; sie spuckte sie aus. Im Saal entstand Tumult. Das Publikum, erregt, lachend, schimpfend, strömte weg. Professor Schmerz bemühte sich. Der Minister, der das Unheil angestiftet hatte, kam herbei und entschuldigte sich gedrückt. Wer hatte denken können, daß ausgerechnet diese Dame sich anbieten würde. »Man spielt nicht so mit solchen Dingen,« sagte Slim. Das Harfenorchester zerbrach klimpernd verlorene Anschläge. Drei Männer in Hemdärmeln schälten sich schwitzend aus dem Vorhang vor ihrer Badestube.

XXIV.

So viel nahm Steward noch von den Vorgängen wahr. Er flog an allen Aufschriften in den Gängen vorbei und enterte die Telephonzelle. Es rasselte, er sprach. Die Lederpolster erstickten seinen fordernden Ton. Als er heraustrat, war er gebrochen. Die Polizei verweigerte Hilfe. Klar, er war verraten. Diesmal konnte er seine Verzweiflung kaum verbergen. Er zündete sich eine Zigarette an, mit der berühmten langen Bewegung des zum Löschen geschwenkten Streichholzes und dem gierigen beschaulichen ersten Zuge. So lebte er auf den Films. Teufel, seine Laufbahn war verdorben, oder in Frage gestellt, die erste große Blamage. Was tun? Er ließ sein Repertoire spielen. Nun gings um die Wurst. Einmal nicht geistreich, sondern gewöhnlicher Detektiv sein.

Er wußte, wie er zu handeln hatte.

Die Jagd nach den Aufschriften hatte ihn irregeführt. Er ging das Spalier der weißen Türen ab, schließlich orientierte er sich nach dem elektrischen Schaltbrett. Der Hausmeister, den er rief, sperrte ihm gegen eine verpflichtende Handbewegung ans kleine Portefeuille die Tür zur Dunkelkammer auf.

Die Gäste flossen durch die Hauptstiege ab, die Lifts pumpten sie hinauf in den großen Flur und die Speisesäle. Steward wartete. Seine Detektivrechnung mußte stimmen.

Sie stimmte. Als Slim gefolgt von Nitra um die Gangecke bog und diebisch kurz durch den Nebenausgang in den Garagehof entgleiten wollte, tauchte Steward gelassen zwei Schritte vor ihm aus der Fläche hervor, rechtlich und öde wie eine Mode ans ihrem Kanal.

Slim stand. Man hörte Schritte und Stimmen. Steward streckte die Hand, erfaßte eine Falte seines Rockärmels.

»Jack Slim, im Namen des Gesetzes, des Staates, der menschlichen Gesellschaft ? ich verhafte Sie!«

Jack Slim drehte das Gesicht von der Türfläche zu Steward herüber. In seinen Augen, die grün schimmerten, kreisten stählerne Ringe, ein ungewöhnlicher harter Glanz, unmenschlich; Steward hatte derlei nur bei großem Entsetzen beobachtet. Er hielt den Coup für gemacht, kniff fest in den Stoff, aber höflich, nicht allzusehr belästigend, die Geste ist es, die Kraft ausstrahlt und siegt.

Slim sagte halblaut und fragend: »James Steward?«

In diesem Augenblicke verlosch das Licht. Dieser Zufall überraschte und blendete die Augen. Steward wagte nicht, den Anstoß zu einer Gewalttat zu geben, er kannte Slims Fähigkeiten. Ihn festhalten, zum Reden zwingen um jeden Preis. Er mußte ihn ködern.

»Ich verhafte Sie, Jack Slim, als Urheber des Mordes im Gesandtenpalais. Sie spielen mit der menschlichen Ordnung. Den heutigen Abend haben Sie veranstaltet, wie alles bisher, um die Spuren zu verwischen ? Sie möchten Selbstmord glaubhaft machen. Sie lassen Ihre eigene Suggestionskraft einfältig und harmlos erscheinen. Aber dieser Abend hat Sie gerichtet. Sie allein sind einer solchen geistigen Organisation fähig und einer solchen Ranküne an einer von Ihnen verachteten bürgerlichen Gesellschaft ?«

Steward spürte eine Bewegung des Rockes. Er zog den Zipfel an sich; Slim folgte ohne Widerstand, Steward zog vorsichtig weiter, der Rock gehorchte. Da fuhr Steward ein kalter Stab in den Arm, er ließ voll Grausens los: griff mit beiden Händen nach, der Rock war leer, er schlotterte in der Luft.

Nun gewahrte Steward in dem deutlicher werdenden Gang ein Funkeln wie von einem kleinen schwachen Docht und Umrisse einer Gestalt. Der Turban!

Er fiel mit beiden Händen um eine Schulter.

»Nitra, im Namen des Gesetzes ?«

»Ah, Pardon,« sagte eine Mannesstimme an Stewards Brust. Das Licht zuckte an, trillerte, und stand steif zwischen den weißen Gangwänden mit ihren zwei Rotten von Türen, die wie Männer dalehnten. An der Türangel hing Slims Rock. Vor Steward fügte ein kleiner Herr, der den Turban trug, irritiert hinzu, während er auf die Dame wies, die eine schwere Lederkappe, braun und viel zu groß, über die Augen kippen hatte:

Excusez. Je nai pas volé le tourban, que voulez vous msieur. Cest ça, jai donné ma cappe à madame Philomène qui na plus son shawl. En outre le pierre ne vaudrait pas une fortune, Mademoiselle Nitra nest pas si riche, fait à fout pas, elle est la fille dun mendiant Tibetien, çela ?

Es war Professor Schmerz, den Steward geschüttelt hatte. Dieser hielt die hochmütig blasse Lady San Remo unter die Achsel gefaßt und drängte sie durch die Tür in den Hof. Steward ließ sie gaffend passieren. Er weinte beinahe vor Scham.

Professor Schmerz, wußte er, stammte aus dem Osten, er war seiner der vielen Levantinier, die jetzt Europa überfluteten. Er mochte schon öfter Fez und Turban getragen haben. ?

Diese gewalttätige und schlecht vorbereitete Attacke auf Jack Slim mußte bestraft werden. Steward zog sich gebrochen und grübelnd vierundzwanzig Stunden lang auf sein Zimmer zurück.

Am nächsten Tage um sechs Uhr erschien Kovary, raubte ihm dass Dossier und führte ihn mit einem Automobil auf das Landhaus weg.

Da saß nun Steward und sah die Bilder, durchsichtig wie für einen geheimen Sinn, real und doch unkörperlich über den Schirm seiner Vorstellungskraft wandern.

Acht Tage lang hatte sich der Minister nicht blicken lassen.

In der darauffolgenden Woche fuhr er an. Er öffnete die Tür, ließ den Flügel weit offen.

»Mister Steward, verehrter Herr Kollege, es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen. Ihr Alibi ist erwiesen. Wir wissen jetzt genau, wo Sie sich zur Zeit, als an San Remo Gewalt verübt wurde, aufgehalten haben. Es war zwischen zwei und sechs nachmittags. Bis genau fünf Uhr standen Sie in dem Pärkchen gegenüber der Gesandtenvilla, hinter einem Haselbusch, an der künstlichen Kaskade ? Wir wissen genau, wo es war. Professor Schmerz und Jack Slim, die dort promenierten, haben Sie beobachtet und setzen sich für Sie ein. Sie meinen, ah, Schmerz ? in der Tat, Schmerz war damals schon in Oaxa, inkognito. Ihr Mißgeschick ist bedauerlich. Um fünf Uhr verließen Sie ihren Posten und fuhren mit der Untergrundbahn in das Café Mansion. Um ein Viertel Sieben wurden Sie geholt. In der Tat, der Diener Morel hat Argwohn gegen Sie geäußert. Sie schienen ihm gleich verdächtig. Außerdem sprachen die Abdrücke gegen Sie. Und nun denken Sie: in der Zwischenzeit, als Sie Ihren Beobachtungsposten verließen und durch Kovary bestellt wurden, geschah das Unglück ?

Lassen wir den Fall. Ich bin Slims Meinung, daß Selbstmord vorliegt. Der Gesandte hatte einen Streit mit seiner ? na, Sie wissen ja, der Skandal mit diesem Simpson. Ihr Anteil an dem Fall ist ganz inoffiziell, Mister. Ihr Prestige ist nicht geschädigt. Die Abdrücke stammen von Ihrem ersten Besuche. In unseren Augen haben Sie genial und sehr tüchtig gehandelt ? und eine Lösung ist schließlich niemandem geglückt. Lassen wir es bei der Diplomatie bewenden. Es ist nicht gut, daß die Geheimbautatsachen in die breite Öffentlichkeit kommen. Derlei Geschehnissse säen nationale Zwietracht. Die Japaner lauern nur darauf. Und unser einfaches Volk greift gierig nach solchen Haßgenüssen. Erinnern Sie sich, wie noch vor kurzer historischer Zeit tiefgehende Feindschaften in den Völkern durch privaten Hofklatsch aufglühten ? besonders wenn er eine erotische Seite hatte. Missis Philomena hätte nicht diesen absonderlichen Geschmack haben sollen ?«

Er öffnete die Türe, bot Steward einen Sitz in seinem Coupé.

Der dankte, war höflich ohne Bitterkeit, sehr ernst und entschieden. Sie plauschten weiter. Steward paßte scharf auf, ob der Justizgreis nicht wieder Spionage auf seine Weise treibe.

Steward war also von einer Reise in das Hotel Mansion zurückgekehrt. Er beschrieb das Meldeformular auf Zimmer 27. Der Oberkellner verbeugte sich, gespreizt wie ein Schlips, in Erwartung zukünftiger Trinkgelder. Der Hausmeister im Souterrain ließ zwinkend den Schlüssel zu zwei benachbarten Türen in Stewards Tasche gleiten.

Man soll doch den Schlüssel zur Dunkelkammer jederzeit bei sich tragen.

XXV.

Falsch! ? stop!

Slims Gesicht, sein leuchtendes Gesicht allein wendete sich im Raume. Aus seinen Augen drehten sich grüne Spiralen. Es war wie Entsetzen oder Entrücktheit. Er sprach raumlos, monoton, aus tiefstem Sinnen. Steward heftete sich an seinen Kopf:

»Ihr Mann drang durch den geheimen Gang ein. Sie haben das Gangsystem durch die Wünschelrute erkundschaftet, die auf Hohlräume eingestellt war. Ich glaube, Ihr Mann war Nitra. Sie haben Nitra in Trance versetzt. Ihr Experiment mit der Witwe sollte als Ablenkung gelten.«

»Ihre ganze Kombination ist falsch, Steward. Die Gänge existieren nur in Ihrer Einbildung. Ihre Lehrzeit ist noch nicht vollendet. Sie hängen noch an Äußerlichkeiten. Bilden Sie Ihr subjektives Verfahren aus. Sie sind der Mann dazu, Sie allein. Wir haben Sie ausgewählt, weil Sie körperlich vollendet sind, wie wenige; die geistige Rasse kann nur aus der höchsten physischen entstehen. Denn Physis ist ein Zeichen vom rechten Geiste. Der Geist schafft den Körper; der Körper zeugt für ihn.«

»Ich unterliege Ihnen nicht, Slim. Ich wußte vom ersten Augenblicke an, daß Sie es sind, der sich mit mir messen will. Sie und kein anderer. Sie sandten mir die Bücher ins Haus. Sie haben den Fall Simpson, den ich aufgenommen hatte, zum Fall San Remo fortgesponnen. Sind Sie vielleicht Simpson selbst? Welche Absichten verfolgen Sie?«

»Die höchsten: Erziehung. Sie sind auserwählt.

Ich rette Sie vorm Stillstand im Stoffe; ich gebe zugleich ein Beispiel, wie Sie und Ihresgleichen es in den Jahrhunderten werden machen müssen. Unmerklich wirkt der Geist des stärksten Menschen. Wenn ich mich mit Ihnen länger unterhalten könnte: es sind zehn, es sind zwanzig Personen, aus denen im Verlauf Europa bestand. Das Leben dieser zwanzig war wichtig. Alles andere war Gerüst für diese. Also immerhin unentbehrlich Der Aufstieg geht von den Spitzen aus. Immer mehr sinken die Massen ins Gleichgültige.

Eines Tages sitzt der Höchste am Ufer des Weltsees und denkt: und jeder seiner Gedanken ist Körper.«

»Das kann Vorwand für einen Ehrgeiz sein, Sie betrachten mich als Wettbewerber. Sie wollten mich im Spiel erledigen. Sie inszenieren diesen Fall. Es gelang Ihnen, mich in den Schatten zu stellen. Aber das Spiel läuft weiter. Die Dinge werden gegen Sie aufstehen.«

»So wenig wie Ihre Behelfe gegen mich zeugen können. Ihre Kombinationen sind fehl. Warum haben Sie nicht den unterirdischen Plan im Dossier benützt? Es war lange in Ihren Händen. Haben Sie sich nicht gewundert?«

»Sie wissen so gut wie ich, daß der Plan auf Seite sechzehn falsch war. Die Seite war sichtlich von anderem Papier. Sie selbst haben durch Ihren Chinesen oder durch Nitra die Unterschiebung bewerkstelligt.«

»Ja. Das stimmt. Aber Nitra erschien wie der gute Tag bei dem Gesandten und er ging auf die Sache ein. Er hatte sich bei meinem ersten Besuch schon zu jedem Experiment zur Verfügung gestellt. Hätten Sie genauer nachgesehen: Die Seite sechzehn liegt im geheimen Rückenfach des Tresors, neben den indischen Zigaretten. Sie vermuteten natürlich, daß dort ein Gang münde. Nichts dergleichen, der Tresor hatte dort eine Doppelwand. Nun ist die Seite sechzehn mit dem für Sie harmlosen und nur politisch wichtigen Plan und dem Dossier wieder in den Händen der dalmatinischen Regierung, wo sie bleiben soll. Aber so viel Scharfsinn hatten Sie doch, zu bemerken, daß die Ihnen zugeschmuggelte Seite entstellt war. Sie vermuteten den Eingang in einem der Bottiche bei der Tür. Es ist aber unschuldiges Regenwasser darin. Wäre der Gesandte nicht durch Ihr Herumschleichen aufmerksam geworden, wäre es ihm nicht eingefallen, tatsächlich in den Bottich zu kriechen und Sie einen halben Tag zu belauern. Es ist ihm schlecht bekommen. Sie, Steward, sind sein Mörder. Im Fieber hat er die Mahnung des chinesischen Teppichs ernst genommen. Das erste Menschenantlitz, auf das er nach dem süßen Träumen traf, bestärkte ihn in seinem Überdruß. Das Gesicht seiner Frau hatte es ihm nicht erschwert. Der Stich war von unten, wie man ihn selbst führt. In ihrem Eigensinn verheimlicht sie das. Sie genießt, daß man sie unschuldig für die Mörderin hält.«

»Oder Sie, Slim, haben dies alles so organisiert. Es ist Ihnen zuzutrauen. Machen Sie nicht schon jetzt den aberwitzigen Versuch, geschehen zu lassen, was Sie denken?«

»Vielleicht. Die Lady durfte bestraft werden. Sie kennt mich allzugut. Es gibt Ereignisse, kleine, die sich eingraben. Sie hatte die Strafe des Joghi zu fürchten. Es hat lang gebraucht, nun ist es erfüllt. Vergessen auch Sie, Steward, nicht, was Sie das chinesische Eikon im Gesandtenviertel lehrte. Die Staffelung. Hinter jedem Sinn steht ein höherer Sinn, hinter allem Vorgänglichen steht ein Vorgänglicheres ?«

Da fühlte Steward, daß er beobachtet wurde. In der Tat äugte draußen vor der Dunkelkammer der Hausmeister durch das Guckloch. Steward saß auf dem Schemel, an den Hantiertisch gelehnt. Über den Schirm glitten fötusartige Flecke und Konturen. Der Hausmeister klopfte. Die Tür war versperrt. Er klopfte stärker. Steward saß drin in der Dunkelzelle und rührte sich nicht; die schwüle Luft und intensives Denken hatten ihn betäubt. Ein rhytmisches Gleiten, veränderter Druck hypnotisierte ihn. Der Hausmeister wurde ängstlich. Jack Slim vom vierzehnten Stock, der zuerst durch das Guckloch gesehen hatte, hatte ihn benachrichtigt. Nun standen sie draußen und droschen systematisch auf die Tür. Steward wußte genau Bescheid, aber er konnte sich, nicht rühren.

Ein hohler Geruch und fließender Lärm faszinierte ihn. Er sah sich plötzlich versetzt. Die Sinneseindrücke gingen über, unterschoben ein anderes Bild. Er wurde durch einen dämmerigen Schacht gerissen. Pneumatisches Säuseln, Geruch nach Gummi, Öl, Lack, warmgelaufenem Eisen, das Hallen von halbdunklen Schläuchen, die gebrochene Optik einer kellerigen Staubatmosphäre erregten ihn mit einer zugleich vorzeitlichen und nachzeitlichen Wirkung. Er erinnerte sich, die Untergrundbahn! Niedrig die Decke, langer Damm mit stehenden oder strebenden Passagieren, unvermittelt bricht aus dem kühl saugenden Schacht der flach erhabene durchlichterte Streif eines mehrteilig zäsurierten Trains; die Räder sind wie gekappt, vom Perron überschnitten, sie schwimmen im Gleisbett, das tief von Betondämmen flankiert wird. Vom weißen Email der Wandkacheln spritzen die Lettern der Stationsnamen. Der Train fällt aus dem Schuß des Schachtes in ein unwahrscheinlich solides kautschukhaftes Halt. Er steht, absolut leblos, drei, vier längliche Hohlräume erleuchtet, manchmal faucht die Vakuumbremse. Ein Stück Wand stülpt sich längsseit der vorprellenden Kasten mit Licht zurück, ein quadratisches Loch wird aufgeschält, eine Kette Menschen drückt sich schwer und zäh an einem Klumpen Menschen vorbei, der geballte Wucht des Eintritts dem Geträufel des persönlich vereinsamten Ausstiegs entgegenwirft. An einer anderen Station wird ein Pfropfen Menschen, der dick und übel auf der Innenwand liegt, den Einsamen auf dem Fahrdamm festpressen, bis im letzten Augenblick, während der dunkelblaue Schaffner gellt, auch er sich in die Gähnung warf, kurz bevor der Schlitz sich zuschält. Springende Knie, auf einer Treppe gleitend, die von der weiten Luke am Ende des geschweiften Plafonds, fischmauligen Blechhaube am Gehsteg, herabfällt, verfangen sich noch in einer Eisenmasche am Ende des Dammes, in jenem Queue neben der Kassierloge, in der zwei sitzende Kontrolleure lauern, hinter Glasscheiben einförmig und mit geringer Regsamkeit hantierend. Schon aber schleust sich der Train aus dem Betonbett zwischen Dammstufen ins Gefälle leerer horizontaler Nacht. Eine kleine interrupte Lichtmine schiebt er sich durch Stollen. Abschnittweise blendet es auf. Man sieht in Katakomben, Traversenarchitektur, Gerümpel, Gestänge wie in einen Schnürboden der Technik. Matte Dämmerung brütet in anderen Teilen des glatten wagerechten Loches. Die Röhre krümmt sich, der Train legt sich schief, dies Mauern sind berührbar nah. Die Schienenkupierung trommelt fein rhythmisch an den Wagenboden; Sohlen, Gefäß und Rückenmark befinden sich in wohliger Lähmung, in die staubige dicke narkotische Atmosphäre züngelt Parfüm aus dem vereinzelten Quell von Frauenkleidern und Sacktüchern. Pressung und Entzug, wie in einer urlangen Saugpumpe, ziehen weich an der Tastempfindung ?

Auch dies wirkt wie eine Dunkelkammer. Steward zögert zu entscheiden, ob er nun nicht im Hotel Mansion, Souterrain, die bewußte Zelle, sitzt; dort sieht das Auge des Hausbesorgers verdrießlich herein und er hält dessen Lärmen und Klopfen für die Geräusche der Untergrundbahn. Im Mauerwerk zittert das Grollen des Untergrundtunnels; von nebenan über den Projektionsschirm des Vergrößerungsapparates schlitteln vage sphäroide Kurven, die Saugreifen der elektrischen Straßenbahn. Wie ist das? Sitzt er da nun gebannt in der Dunkelkammer und schaut das Getriebe des Lebens ?

Auf meinem Bewußtseinsgrade ist das Leben ein Spiel von Begriffen, die sich sinnlich auswachsen und verankern, sich emanzipieren, Luftwurzeln ausschießen ? hinter dem Gedanken sind Bilder raumlos in Reserve wie eine Karthotek ? ? oder sitzt er da in der Untergrundbahn zwischen zwei Stationen und träumt die Dunkelkammer?

Der Mann gegenüber greift an den Hut. Good day. Das ist ja ? das ist ja der Hausmeister vom Hotel Mansion, der vor der Türe steht, poltert und hineinsieht! Steward lüftet den Hut. Da denkt er, es ist nicht der Hausmeister, es ist der andere selbst, Slim, der Gegner, der Urheber dieser Dinge, der verfolgt ihn bis auf seine Denkfahrten in der Röhre, unter der großen europäischen Stadt. Slim blickt in die Ferne, sein ewiger Blick sagt: der Detektiv lüftet den Schleier der Maja nicht. »Staffeln Sie! Trachten Sie hinter die Bilder zu kommen. Im Kern der Zwiebel haust das höchste Ich; es enthält die andern ?«

Und so fuhr Steward oft ganze Tage lang unter der großen Stadt dahin. Der höchsten Technik entspricht ein eklatantes Bewußtsein. Steward dachte wie und was er wollte. Unterschwellig unter dem Leben der Großstadt zog er dahin; dem entsprach in der Tat ein intensiveres Bewußtsein. Einst hatte er gedacht, man tue dem allen Unrecht. Die Materie war daran, durch übermütige Schnelligkeit, durch geniale Bewegung, durch die üppige Möglichkeit der sparsamsten Ausrundung die letzte Potenz von Sinnlichem und in ihrer Art Geist zu werden. Das war der Standpunkt eines okzidentalen Akrobaten- und Varieté-Prestdigitateurs. Die Schwerkraft muß aber elevatorisch aufgelöst und mit ihr die Materie wieder gesetzt werden, Triumph. Der Lehrer und der Schüler näherten sich. Steward rüstete zu neuen Steigerungen, er, der technische Höchstmensch, das maximale stoffliche Gehirn des Jahrhunderts war vorbereitet auf den nächsten Schwung, die Überwindung des eben Erreichten, der westlichen Zivilisation.

Er versenkte sich. Da sah er sich auflösen und zusammenfallen mit dem Sinner dieses und seiner Selbst, Jack Slim.

Stop.

Das Telegramm Wien-Chicago geht in Erfüllung
Seine Mission steigt um ein Stockwerk.
Stop.

» Go on,« rief der Schaffner in der Verkehrssprache vor dem Schlund der Untergrundbahn, ein greller Schlitz war wieder durchschnitten, die langen Wagenboxen, fahrende Erdgeschosse, von Fensterfronten zu Prismen geschliffen, rannten durch den Drall der Schächte, auf architektischen Lichtfluren, innerirdischen Tempelhöfen mündend und wieder tauchend. Go on.

Dröhnende Fahrt, schwingendes Bewußtsein auf den Höhen.

 

Schluß.

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Druck von F. E. Haag, Melle i. Hann.


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