Camera Obscura

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V.

Jack Slim hatte Zeit. Bevor das Metallgitter eingeschnappt war, stand er gemächlich einen Augenblick lang unten am Bürgersteig und zögerte wie in einen tiefen Traum verloren. Sinnend blickte er auf die kurze Kachelstiege, die vom Gartenweg herunterfloß. Der Garten lag erhöht über der Straße, dicht vermummt in einen pelzigen Damm von dunkelgrünem Lebensbaum und zähem Geheck. Terrassenartig fiel er über einer Ziegelschicht zur offenen Straße ab. In die Ziegelschicht waren in geordneten Abständen Scharten gebrochen, um das vom höheren Bord gesammelte und aufgesogene Wasser absickern zu lassen. Im Geheck drohten Muschelspitzen und Glasscherben, die weiter heraus längs der Ziegelborte mit der Mauer verkalkt waren. Außerdem liefen dort an festen dreiflächigen Eisenspindeln scharf gedrehte und vielfach verknorzte Stachelseile in dreifacher Lage über die Front des Gartens. Jack Slim streifte diese das gewöhnliche bürgerliche Maß keineswegs überschreitende Sicherung und zog die kleine Gartenpforte mit den gußeisernen Zieraten und den Messingverschalungen bei den Stäben an sich. Es klinkte; oben, drüben klatschte die Zwergtür in die monumentale Mutterfläche. Klink-klatsch, der Mann oben hatte es eilig und hielt sich an mechanische Zeichen, er hatte seinen Betrieb geregelt, glaubte an ein eisernes Zusammentreffen der Einzelheiten und wohlberechneten Faktoren, die Lebenssicherheit seiner bürgerlichen Existenz beruhte auf langer Übung, Gewöhntheit an berechenbare Gefahren und an die Genauigkeit des Apparats. Herr von San Remo besaß eben ein schönes idyllisches, mit komfortablem Geheimnis spielendes Vorstadtschlößchen. Tiefe Ruhe schlich auf den vornehmen Wegschlingen und über den Grasrabatten mit Tulpenburgen einher. Es roch nach Tau, Besprengung und Gärtnerarbeit. Hinter dem Holzgeländer an der Kachelstiege, die zur Straßenfront kaskadierte, standen auf beiden Seiten graulackierte Fässer mit sauberen schwarzen Ringen. Daraus roch es faulig nach Zisternenwasser; der eine von den Bottichen, in denen ein mittlerer Mann aufrecht verschwinden konnte, war trotz seines neuen Lackes schadhaft, Licht blinzelte aus einer wagerechten Bruchritze. Jack Slim nahm diese belanglosen Kleinigkeiten in sich auf und schmiedete daraus das federnde Bild eines bestimmten typischen Lebensganges.

Er drehte sich um und schritt diagonal über die gezirkelte Straße, die strenglinig wie ein geometrisches Profil in ihren Teilen aufgebettet lag. Der Fahrdamm wölbte sich asphalten als sehr flache Walze aus der Rinnsteinkurve, die Bürgersteige traten mit seichter Büste an ihn heran und gleißten an der frisch gehaltenen Kante. Ihr Saum war wie eine Linie mit rechnerischen Teilstrichen von rhythmischen Erdaufwürfen unterbrochen, aus den wohlgepflegten Trichtern schwebten innerhalb barock gelockter, grün gestrichener Eisenmanschetten, die zugleich zu Schutz und Halt dienten, dicke Laubknäuel auf edlen Schäften, Kastanien, Ahorn, Akazie und Maulbeer. Gezogener Saft und Zucht, Ordnung, Rhythmus entsprangen plastisch der wilden Erde, von der, um ihre Eigenart zu beweisen und zu erhalten, schräg hüben ein Naturgarten-Behälter belassen worden war. Dort wuchsen hinter einem knöchelhohen Schutzband, das nur Lieblingshunde übersprangen, in wilder Wahl Eibe, Hasel und Buche, an der übermäßig breiten, steinig geschorften Bachrunse flatterten Erlenschleier in die schmächtigen Wasserfladen zwischen romantisch geschichtetem Geklüft. Weiße Strahlen mit hellgrünem Gesprüh um die kecke Pfeilspitze stießen die Birken über alles empor. Gras in Rispen spann zitternd dazwischen.

Dies alles, sah Slim, war das Werk kluger Benützung; auch die Schönheit des Naturparks, wo der Boden bewußt sich selbst überlassen worden war, konnte als Folge menschlicher Tat gelten, die auch dort besteht, wo sie sich ausnimmt oder aufhebt; der Mensch entgeht der Großartigkeit seines zur Tat gipfelnden Schicksals nicht mehr. Vor Jahrzehnten brütete hier ein ungarisches Dörflein in einer Oase der Pußta mit pflanzenhaftem Dasein; damals mochten die Birken noch als dünne Ruten dem Gefälle des grasvergitterten Bächleins zum Anger dienen; heute diente der Rest von Ursprünglichkeit dazu, die straffe neue Tat aus Eisen, Stein und Beton in gefälligem Übergang an die Vergangenheit der Erde anzufügen. Jack Slim ging langsam und nachdenklich. Wie immer, wenn er die große Neue Tat einer Neuen Welt, einer Menschenwelt, einer durchaus von menschlichem Geist bestellten Welt in sich errichtet und erfaßt begriff, brachte er das umliegende Geschlecht zu ihr in Beziehung. Die Beziehung stimmte nicht, sie stimmte niemals. Das Geschlecht war stets kleiner als seine Tat. Wie oft, wenn er die riesige ziselierte Rippe einer schlanken Eisenbrücke über Abgrund oder Strombett betrachtete, dachte er sich den Erbauer dazu, dessen Bekanntschaft er zu machen sorgte. Wie groß war dann der Abstand zwischen dem Schöpfer und seiner Tat! Das Werk hatte als Urheber einen herrlichen kraftvollen Beherrscher des weltlichen Raumes, einen profanem Ding überlegenen Weisen vorgespiegelt: der tatsächliche Meister war ein Menschlein voll Angst, Scheu und Besessenheit, kleinlichem und bitterem Ehrgeiz, Schwächezuständen, voll Mangel an Glauben und innerer Sicherheit; war es nur dieser Mangel, der immer wieder den Menschen antrieb, sich um so mehr die äußere bürgerliche Sicherheit zu verschaffen?

Jack Slim ging festlich in Enthüllung und tauchte sein Gesicht in den schräg vor ihm liegenden Naturpark. Im Haselgeheck am Bach sah er zwei dunkle Augen aus einem Lichtspalt sondieren; er fühlte sie tief, förmlich in seinem Herzen, überraschend, an seinem Körper ziehend; das war der arme scheue Hirte des Pußtadörfchens, gequält, geschlagen, schicksalsbang, der sich vor Fremden hinter dem ewigen Feigenblatt der schlimmen sündigen Ahnung verbarg. Nein, es war nur Bild und Abdruck einer Überlegung, Jack Slim schüttelte den Kopf und sah klar in die hellgrüne Mähne der Rasenraupe jenseits der Straßenglatze. Ein Rest des sondierten Gefühls plagte ihn noch im Rücken und er wandte sich um. Vor ihm lag der regelmäßige Erdtrichter von der Anlage eines einzelnen Baumes. Jack Slim strömte über von Gedanken, Sachliches und Allgemeines durchdrangen und förderten einander. Er hob einen dürren Ast auf und zeichnete seine Ideen auf den von einer Straßenspritze kürzlich befeuchteten kleinen Bewässerungswall. Die Figur, die er so in Gedanken eingrub, war eine gebrochene Linie, die schematische Erinnerung an ein System festhaltend, Rechenschaft und Plan über einen Eindruck.

Es war später Abend im wohlgeratenen Gartenhausviertel einer funkelnagelneuen Großstadt inmitten Europas. Plötzlich war, wir liegen in südlicherer Breite, ein Entzug an Farbe und Unterschied über die Straßenwelt gekommen; da streifte ein riesiger Flügel über sie hinweg, peitschte sie mehrmals scharf und mit Geknatter, dreieckige weiße Schatten durch und durch jagend, und zischend flossen aus dem Nichts über den Baumwedeln rote Korke von Glut über, die sich violett und weiß und stet werdend zu einem künstlichen Tag von oben vermischte. Von einer geheimen Quelle inmitten dieses Schalenbaues Großstadt raste Helligkeit in Bruchteilen einer Sekunde an alle winzigen Pole in den Straßen. Jack Slim konnte sein gedankenvolles Rätsel beendigen. Eine klare Übersicht war gewonnen. Die gebrochene Gerade verhalf ihm zu einem praktischen Vorteil. Und wie stand es im allgemeinen? Hatte die Menschheit auf dem Wege von Pechfackel über Ölfunze, Wachsstock, Docht und Gashahn bis zum Steckkontakt und Kohlenfaden sich verändert? Waren Scheu und Neugier des Hirten im Gestrüpp am Bachrand größer, als wenn man Geheimgänge durchschlüpfend dem beargwohnten Gast aus dem Schlitz eines falschen Zisternenfasses in den Rücken späht? Jack Slim seufzte ein wenig. Die Zivilisation mit ihrer chimbarossohaften Technik endete in elendiglichen Spielereien. Der Mensch steht noch nicht einmal auf der Höhe seiner Beleuchtung. Slim machte am Ende seines Liniensystems einen tiefen Punkt in die feuchte Erde, so, das ist das Ende, die Mündung des Ganzen an der Oberwelt, der ganze mächtige imperiale technische Mensch, der erzene Napoleon der Zivilisation, endet in einem Spionierfaß, auf das raffinierte Verstellungskünste mit grauem Lack und wagerechten schwarzen Ringen verwendet werden; der Entwicklungsgang des Menschen kommt an den toten Punkt und wird Spielzeug, kindliches Versteckspiel, Atavismus aus Hirtenzeiten. Punktum. Slim schloß die Zeichnung ab.

Im fliederfarbenen Schmelz, der um die Laubklumpen sphärisch vibrierte, pendelten Menschen an Jack Slim vorbei, zumeist Paare, mit im Winkel zueinander vereinigten Gesichtern. Slim kannte diese Gesichter, aus vielen riesenhaften Großstädten und kleinen Siedlungen der Erde kannte er sie. Sie waren eine Sache für sich selbst, Abfall von den Naturformen, die in den Rassenbildungen zur Erscheinung kommen. Ein riesenhafter Komposthaufen von menschlichen und halb- oder spättierischen Zügen war sozusagen über die ganze Erde gebreitet, konzentriert in den großen Städten, gleichgültig, ob im Innern oder an der Außengrenze. Die Menschen, die an Slim vorbeifluteten, gehörten zu dieser vermischten Gattung. Um diesen historischen Zeitpunkt waren sie ob in Ost oder West, in Newyork, Paris, Wien, Oaxa oder Tokio kaum mehr unterschiedlich. In ihnen lebten auch nur die Scherben des eigentlichen menschlichen Werkes fort, aber sie sind es, die an Konstanz alles überdauern. Der bürgerlich gesettelte Typus, der allüberall auf dem Erdball, in allen Zonen und Klimaten der gleiche ist, die graue Rasse, spazierte da mehr oder weniger eilig vorüber. Sie überstand reißende Kriege, die die Welt äußerlich veränderten, und ätzende Revolutionen, die das ganze seelische Gefüge, die Symbole, die Werte, die Urteile und damit auch den oberen Typ ändern; sie erhielt sich trotz Hungersnot und Epidemie, in ihr war alles Primitive und Stationäre von Anbeginn der menschlichen Existenz mitgeschwemmt, die formlose Urform, die Tausendmöglichkeit, die Mischung als Vorstadium der Entscheidung, der Wahl, des Geschmackes, Planes, des Willens, der Tat. Jack Slim erkannte bei diesen Ewigselben, die paarweise zum Abendessen nach Geschäftsschluß dem Heim zusteuerten, die Ruine des Vernunftbaues, die ewig mitgeschleppt wird. Er vergegenwärtigte sich die wesen- und formlose Innenseite dieses Einzellebens, dessen Äußeres dem mechanischen Gerüst angeglichen war, das ebenso viele organisch pulsende Gedanken von planvollen Aufbauern hinterlassen hatten. Daß Schächte gebohrt, Brücken geschmiedet und genietet, daß Baugesellschaften gegründet wurden, bewies nichts für die Entwickeltheit dieses Großstadtgeschlechtes. Ninive, Alexandrien, Karthago, Rom und Byzanz hatten in Vorgeschlechtern dasselbe Personal besessen und genährt. Es ist das, was bleiben wird, wenn Europa zugrunde geht und Asien im menschlichen Herzen und in den Nerven rege wird. Diese Rasse ändert sich nicht; denn sie ist die rasselose und enthält den Abhub und die Scherben von jeder früheren spezielleren historischen Form in sich. Immer wieder wird die geformte scharflinige Oberschicht zertrümmert, ihre Knochentrümmer, Knorpel, Züge, Nasen, Stirnen und Schädelgewölbe zerbrechen in das Chaos zurück, aus dem leere und zufällige Bündel an ihre Stelle emporsteigen, Skelette mit einer Haut darüber und einer Lage von schmaler oder üppiger Kost dazwischen, davor, dahinter. Es sind die Emporkömmlinge. Sie bringen Appetit mit, das ist alles, und wissen nicht, wie sies treiben sollen. Sie führen die von den Gehirnen gesichtete scharfe Form ins Absurde, alles endet wieder einmal in ödem Spielwerk, jetzt haben sie die Zivilisation in Händen, hausen am Asphaltufer des großen Lebens in wundervollen Palästen, vergessen der Schönheit, bangen um eingebildete Ziele, unterminieren ihre Heime, um Gefahr durch Gefahr zu begegnen und weil sie an die technische Vollendung mit Moden zu rühren glauben.

Jack Slim blickte den Skeletten unter die Kleider und Moden. Es waren dieselben Scherbengesichter und -leiber wie damals, als jene alten Kulturen zugrunde gingen. Alle Rassen verschnörkelten sich an ihnen und alle Farbenspiele zerflossen zu einem breiigen Teint. Ihr Leben vollzog sich wie vor tausenden Jahren, Stückwerk, das dem ewigen Wanderer ewig begegnen wird. Da stand der Bürger auf, rechnete, spekulierte, gewann, verlor; fraß, verdaute, verkam. Aus seiner Spekulation erhoben sich Scheintaten, Brücken, Schachte, Kanäle, Städte ober und unter der Erde, in der sonst Wurzeln Säfte in lebendes Leben umsaugen, umbluten, umspinnen. Aber der Mensch wohnte nicht in den Brücken, er bohrte nicht bewußt in den Schächten, er hauste nicht wirklich in seinen reinlichen hellen Palästen. Der Erbauer der Brücke und der Ersinner kunstvoller Gefüge aus Stoff, Farbe und Klang, er gehörte zum Gerüst, er war nicht die Seele und das Wesentliche; eine bessere Scherbe, das war er. So war der Erbauer der Brücke, so war der große berühmte Diplomat, der Besitzer eines feinen Landschlosses mit Geheimgängen und andere, und der Detektiv, den der Staat zu ihrem Schutze anstellt ?

Über ihnen, was steht über ihnen, was ist das eigentliche starke Leben in diesem Klumpen, der von der Sonne an einer magischen Spanne durch den Raum gekreiselt wird? Die Wohlrassigen, die wie jener lange Mensch, der ihn nun schon eine Weile diskret beobachtet, wohltuend abstechen, sind selten. Aber man kann auch mit ihnen nicht zufrieden sein. Auch sie sind ein Fragment des ganzen Menschen; eine gut erhaltene glänzende Scherbe. Aber vielleicht lohnt es sich, sie zu ergänzen. Über allem Menschlichen steht der Weise; er sieht und sinnt; manchmal wird sein Sinnen Tat; dann bedeutet es ? nichts mehr, nichts weniger ? Rettung für einen Einzelnen. Jack Slim wandte sich von dem Beobachter ab, kehrte der Gassenfassade von San Remos Prachthaus den Rücken und ließ seine Zeichnung im Stich. Weiter unten überquerte die Tram den Fahrdamm. Slim übersetzte ihn mit der Richtung auf den Naturpark zu.

VI.

Um sich nach dem unverhohleneren seiner beiden Beobachter umzusehen, benützte Slim den Bettler, den er von fern erspäht hatte. Vielleicht war es kein Bettler, denn in diesem Viertel und zu diesen Zeiten gestattete der Polizist, der sich unten am Eck durch blanke Knöpfe und breitbeiniges Dastehen und einen bösartigen Knüttel der dunklen Empfindung einprägte ? er lag hier förmlich in der Luft, war riesengroß und unübersehbar drohend hinter dem ganzen Ablauf gebändigten Lebens bis in die Privatzimmer hinein ? dieser allgemeine unvermeidliche Polizist gestattete Bettlern nicht, sich auf das grüne Eisenband vor dem Naturschutzpark zu setzen. Dazu waren die Bänke da. Der Mann mochte also kein Bettler sein, der hätte das gewußt. Er war schier naiv und an die Gebräuche nicht gewohnt. Slim widmete dem zusammengedrückten, ganz undefinierbaren Alten, der sich da hinsaß, ein paar freundliche Worte, sagte Väterchen! zu ihm, schielte zurück auf den Fahrdamm, über den im stechenden Lilaschein der Glühlampen der lange Passant mit großen Schritten eilte. Slim mußte seine Aufmerksamkeit, wie schon mehrmals in den letzten Minuten sehr zusammennehmen.

Irgendwoher tauchte der allgemeine Polizist in der Sphäre des Bemerkbaren auf, er kam gelassen und der Arbeit gewohnt, mit dem Knüttel schlenkernd, die Straße herauf, er verließ seinen Posten, um die Unzukömmlichkeit zu regeln. Slim sprach auf den Alten ein, zu dem er Sympathie fühlte, weil er so schlicht war, Unordnung in einer noblen Gartenhausanlage zu schaffen, und sich ans Straßengeländer lehnte. Inzwischen zeigte der lange Passant am Fahrdamm seine volle Figur. Es war ein schöner Mann, schön im englischen Stil. Sein Kopf war fest und lang, das Gesicht regelmäßig, der weiche Hut verbarg deren wohlgefällige und gesunde Bügel nicht. In der Gestalt groß, schlank und sehnig mit auffallenden Beinen, machte der fashionabel gekleidete Mann den Eindruck von Rasse. Er ging nicht ganz fehlerfrei, ein wenig schleifend, zu locker in Knien und Knöcheln; aber Jack Slim verstand das sofort, es kam davon, daß diese Beine aufs Laufen eingerichtet und beim Gehen ungeduldig waren, nervös vom kleinen Tempo; beim Rennen würden sie ihre Rolle sowohl tüchtig als schön zu spielen wissen. Einen ähnlichen schleppenden Gang trifft man bei Fußballspielern. Die Fußgelenke der reichlich langen Gestalt waren elegant und solid; die Hose schlenkerte um sie, das rührte davon her, daß an der Wade ein abnormer Wulst saß, ein Muskelknauf. Da aber dieser Muskel nicht längsseits am Schienbein verlief wie bei den schlanken Hermesbeinen der alten Statuen, sondern rückwärts an der Wade, mehr nach innen saß wie bei strapazierten Radfahrern, so erschienen die Beine vom Knie ab etwas gekrätscht. Diesen Muskel stellte Jack Slim fest, als der Passant, um sich den Schuh zu richten, auf den kleinen Wall trat, der ein Baumloch umgibt; zufälligerweise mochte er dabei Slims schöne Zeichnung zerstören. Jack Slim, der ein Sportsmann war, interessierte sich gerade für dieses charakteristische Paar Beine; alles konnte man ändern und verstellen, aber an diesen Beinen würde man diesen einen Mann immer wieder erkennen.

Inzwischen kam der Polizist von unten heran, und der Passant übersetzte den Fahrdamm. Es war wohl eine Einbildung, aber sie schienen im Einverständnis zu sein, sie näherten sich beide dem naiven Alten, der eine Garteneinfassung für eine angenehme Sitzgelegenheit hielt und auf die Bänke weiter drinnen verzichtete. Darum überließ Slim, nachdem er einige Worte gewechselt hatte, den Frevler seinem Schicksal und zog sich hinter ein Erlendach zurück. Er lächelte, nun war er selber der armselige Hirte aus der Pußta, der spioniert. Die Faxen der Zivilisation lernt man nicht ungestraft kennen; sie wirken ansteckend. Slim dachte hinüber an den graulackierten Bottich mit dem Guckschlitz.

Es war auch zu dumm. Da stürzten ein Schutzmann und ein Geheimagent, tadelloser harmloser Passant aus dem Publikum, auf einen alten Kerl los, dessen Natursitten sich an die Vorkehrungen der großen Stadt nicht halten wollten. Der Schutzmann und der Passant kamen zugleich vor dem Alten an. Gesetzt, hinter dem Alten verbarg sich tatsächlich ein Geheimnis, seine dunkle Gefahr, die böse rätselhafte Tat: was konnten die Beiden davon wissen ? was konnten sie durch ihr mechanisches Verstehen beurteilen, wenn ? ja, wenn sie nicht eben es auf ganz anderen Wegen als denen des Urteils zu wittern vermochten. Bilden Sie sich, meine Herren, nicht soviel auf Ihre Berechnungsgabe ein. Einer von euch zumindest ist in die Falle gegangen und folgt dem Beispiel des großen Diplomaten. Glaubt die Fäden in die Hand zu bekommen und wird das Opfer. Ha, ein Medium, das sich verrät. Nun gut. Was also kriegen Sie denn aus dem alten Lumpengehäuse heraus? Was glauben Sie damit anfangen zu können?

Ehrfürchtig erhob sieh indes der Alte vor der Uniform und dem Knüttel. Er zerfloß in zusammenhanglose Kleidungsstücke, die man in Großstädten nicht zu sehen pflegt. Der schlanke Passant schien dahinter Unrat zu wittern, er griff an eine plumpe Stelle und zog ein Ding hervor ? ein Ding, mehr war darüber nicht zu sagen. Für Uneingeweihte war es gleichgültig ? oder verdächtig. Slim sah nur ein Stück davon blinken, er wußte, es war ein drahtener Schlauch mit zwei ? federnden Schweifen und am andern Ende eine fixe Gabel; kurz gesagt, es war eine doppelte Metallnabe. Aber damit war in Zweidrittelhöhe gegen das wippende Ende hin ein Kreiselement verbunden mit einem Zeiger und einem winzigen Transmissionsuhrwerk; das war sehr kostbar, es war mittels einiger Edelsteine geheftet, die einen großen Wert darstellten. Hm! Die beiden Helden untersuchten es flüchtig, viele Passanten kamen vorbei, und sie wollten kein Aufsehens machen. Die Ausweispapiere stimmten, der Polizist hatte nicht viel zu sagen, die Briefwage des Beanstandeten erschütterte ihn nicht, es war alles in Ordnung, nichts einzuwenden, es blieb bei einer Ermahnung gegen Verkehrsdelikte. Der lange Agent hätte sich die Briefwage gerne noch angesehen und war mit der Korrektheit des Polizisten nicht zufrieden. Aber der salutierte und stampfte schon wieder nach seinem Platze unten am Eck, wo die Tram Leute in die Nebengassen ausspie. So ließ auch der Lange es bewenden ? zudem, er erinnerte sich, wo war denn der Andere hingekommen? Da machte Slim eine Bewegung in den Erlen, die scharfen Augen nicht entgehen durfte. Er nahm den Lauernden auf sich, der ließ sich verleiten.

Mittlerweile humpelte der Alte quer über den Fahrdamm. Er verweilte eine Sekunde bei dem kleinen Wasserwall, auf dem der Lange seine Fußstapfe mitten in einem Diagramm hinterlassen hatte, zufällig.

Der Agent näherte sich auf einem Graspfad dem schwingenden Erlenstrauch. Als er sich umwandte, war der Alte verschwunden. Er sah wie von ungefähr hinter den Erlenbusch; da saß ein Eichhörnchen und schaukelte sich zum Geflöte einer Amsel, die vom Ast in die blasse Wasserlache träumte. Weiter drinnen schnurrten ein paar verschlafene Stare, unbehaglich gestört, in die Wipfel. Der Agent war allein.

VII.

Nach dem bescheidenen Straßenvorgang vor dem Palais des Gesandten vergingen ein paar unauffällige Großstadttage; der Vorgang versank in die Polizeiannalen der Stadt Oaxa. Diese melden unterm Datum eines Septembertages 19.. von der sechsten Stunde: »? zehn Minuten wurde ein auffälliges Individuum auf Einschreiten des Agenten Sp. A. XXI. vom Schutzmann Nr. III/127 in der 26. Straße oberhalb Cornet Tram-Avenue gegenüber dem Palais San Remo aufgegriffen und zur Ausweisleistung verhalten. Selbiges wurde im Besitz eines formlosen Phantasieinstrumentes betroffen, vermutlich Objekt für einen Bettlertrick, das es indes nicht benützte, und wurde es deshalb lediglich beanstandet. Agent Sp. A. XXI übernahm weitere Überwachung. Straßenkontrolle klappt. In Sachen der für Distrikt K 14/26. Straße denunzierten Verwicklungen vorläufig keine Anhaltspunkte. Vom Standpunkt der städtischen Polizei aus dürften die Angaben auf einer Mystifikation beruhen.« Soweit lautete der tägliche Polizeirapport.

In den Zeitungen stand von diesem Ereignis, an das ein großer prophylaktischer, aber überflüssiger Schutz- und Kundschafterapparat angesetzt worden zu sein schien, jedenfalls nichts zu lesen. Außer von den etwas saisonflauen politischen Spektakeln waren die Blätter von gesellschaftlichen Vorkommnissen erfüllt. Ein amerikanischer Marathonläufer, eine Rothaut von Geburt, hatte einen Wettbewerb angesagt. Überhaupt war Oaxa damals von exotischen Gästen überschwemmt. Der Professor der Magie Jack Slim kündigte seine Seancen mit dem indischen Medium Nitra an. Die Geheimbau-Aktiengesellschaft »Tube« hatte ihre Leitung gewechselt; bei der Umgruppierung war exotisches Kapital eingedrungen. Der Direktor war östlicher Herkunft. An diese Änderung knüpften die Blätter Kommentare voll schwerwiegender Bedenken. Es befanden sich viele Asiaten, Japaner, Chinesen und Hindus in der Stadt, die sich für alle Kommunikationen ob und unter der Erde lebhaft interessierten. Daß es einem chinesischen Krösus möglich war, mit seiner Geldmacht bis in die privaten Neigungen der Europäer vorzudringen, war ein bedenkliches Zeichen der Zeit. Täglich wurde es klarer, Asien, das ferne Asien rückte konkurrenzfähig über die Grenzen heran.

Diese Erfahrung machte auch der Gesandte San Remo. Eines Tages, als er sein Arbeitszimmer wuchtig betrat, saß da im Krokodilleder-Fauteuil eine Puppe. San Remo war so von Grauen gepackt, daß es seinen massigen Körper wie mit einem galvanischen Schlag herumriß. Er taumelte an die Tapetentüre und drückte durch das Gewicht des von innen her hilflosen Falles die Klinke auf. Er hatte das Gefühl, als würde sein ganzes Nervensystem von einem Schirm, von einer Sammelkraft zurückgeschnalzt. Er stand jetzt zitternd im Nebenraum, schwer an die wieder geschlossene Tapetentüre gelehnt. Was war denn das? Kamen seine rezenten Malaria-Anfälle wieder? Es war doch nicht möglich ? Er hatte keine Zeit gehabt, Einzelheiten festzustellen. Eine Figur, etwas Lebendes, etwas Totes, irgend etwas Menschliches war dort gesessen. Plötzlich schien es ihm, er habe dennoch mehr gesehen. Das war doch ? Santa madonna, das war doch ein Chinese gewesen. Ein magerer alter grinsender Chinese saß da in seinem Stuhl, ein wackelndes seidiges Männchen, mit einem Käppi, und die zeremoniösen Hände in den Löffeln des langärmeligen Gewandes verschlüpft ?

San Remo rief durch ein Sprachrohr den Diener zu Hilfe. Dann erinnerte er sich, daß dieser das Arbeitszimmer passieren müßte und, erschreckend, neue Verwirrung schaffen würde; so bestellte er ihn auf demselben Wege wieder ab. Was brauchte er zu fürchten! Er hatte doch Zauberkräfte um sich, feste und treue Behüter seines herrischen Leibes, furchtbare Genossen der Verteidigung. Ganz nahe miauzte es mit unterdrücktem Gurgeln. Korrô, Tempeste, Flora! Er riß die Eisenplatte an einem Ring aus der Wand, ein dämonischer warmer Atem drang heraus, es raschelte weich, wie gebrochene Orgeln seufzte es aus den Winkeln. Korrô herbei! Tempeste herbei! Flora herbei! Noch unausgewachsene rundlich polternde Tierleiber quollen hervor, junge große patschige Hunde ? als sie ins Licht rollten, waren es mitteljunge gefleckte Kuguare. Avanti, tschusch, tschusch, fßt, hetzte sie San Remo und schleuderte mit einem Ruck die Tapetentüre zur Seite. Die Bestien tappten bleckend und heiß atmend, die Flanken peitschend, mit gerundeten Pfoten in das Arbeitszimmer. Der Erste betrat den Teppich ? da saß steif und bibbernd mit dem Kopfe ein alter Chinese, in ein Schwarz mit vielen roten Tinten gekleidet. Korrô stemmte sich, den Kopf am Teppich schabend, in die Vorderpranken, ungeheure blasende Laute brodelten ihm um die krause Nase, von denen die Fühlhaare erzitterten. Bobobo, sagte der Chinese im Stuhl, ohne sich zu rühren, nur mit dem Kopfe schwankte er und grinste. Da erhob sich Korrô. Er prasselte sich den Schwanz in die Lenden, zog die Lefzen zurück, brummelte, sabberte, lief um den Chinesen im Stuhl herum, sprang auf den Schreibtisch, fegte Bücher, Papiere, Tintenfässer herab, sprang mit einem Satz durch das ganze Zimmer und klatschte an die Wand ? Reißen und scharfes Jaulen durchschmerzte das Zimmer, und Korrô fiel, in die Fetzen der riesigen Landschaftsidylle mit weidenden Kühen verwickelt, im Rahmen komisch gefangen, auf den Fußboden. Als er aufraste, toll von dem scheußlichen Rahmending, in dem er wie ein Zirkuspanther in einem Reifen stak, schlug er an eine Marmorsäule und die Gipsvenus, die darauf gestanden hatte, torkelte und zerspritzte an einem Gesims. Jetzt war es genug, das Experiment war mißlungen. Rrrr, zankte San Remo, die Stachelknute knallend, die er gefaßt hatte, um die Tiere vor dem vollständigen Totschlag an der Puppe im Fauteuil zurückzuhalten Jetzt nützte er sie, um Korrô ins Verließ zurückzuprügeln. Tempeste und Flora, die sich ringend auf einem Kanapee zusammenknüllten, folgten dem rabiateren Kameraden. Rrrr, Rrrr, bobobo, Korrô, Flora, Tempeste, zurrrrück ? ho, ihr Bestien, laßt mir mein Zimmer noch leben ? bobobo ? shut up ? Und San Remo trieb das größere Übel, das er entfesselt hatte, durch das Nebenzimmer in den Korral zurück und donnerte die Eisenpforte mit dem Riegelring vor den abgekürzten Pantherausflug, sich, von der frischen Tat erholt, dem geringeren Übel im Arbeitszimmer zuzuwenden.

VIII.

Der Chinese erhob sich aus dem Klubsessel, kreuzte die Arme und verbeugte sich tief, tief. »Ich bin Tschung-Lun«, sagte er in einem Gemisch aus Englisch und Chinesisch mit zirpender Stimme.

»Was wollen Sie,« fragte San Remo, blaß aber gefaßt, in demselben Jargon des Pidjing-Englisch. »Wie kommen Sie hier herein?«

»Ich komme,« sagte der Chinese zäh, »oh, hochverehrter Herr. Allaleit.« Er pendelte zeremoniell mit dem Oberkörper, die wichtigsten östlichen Höflichkeitsformeln aufsagend. Diese Umständlichkeit erinnerte San Remo, der sich zugleich wohltuend von solcher Art und Weise bei seiner snobistischen Erfahrenheit gepackt fühlte, an ein Gespräch, das er vor kurzem gehabt hatte. »Armer China-man, empfiehlt sich der Gnade seiner Herrlichkeit, Allaleit,« beteuerte der Eindringling.

»Ah,« rief San Remo, »Sie also sind ? ja, sind Sie von Mister Slim gesendet? Sind Sie der empfohlene Wärter für die Tiere, die Sie soeben ?«

»Ich bin hier,« sagte der Chinese abermals trocken und den zweiten Teil der Frage durch ein Achselzucken beiseiteschiebend. »Ich bin hier. Ich bin Tierwärter, Eure Wohlerzogenheit. Allaleit.« Es sollte heißen All right.

San Remo, der sich durch den letzten Titel bei seiner besten Repräsentation geknufft fühlte, wagte die vornehme Reserve des alten Chinaman nicht zu durchbrechen und bequemte sich dessen Stil an. Was lag daran. Sicher war der Bursche da von Slim geschickt worden. An die Schrullen solcher mit eigentümlichen Kräften behafteten östlichen Leute war er gewöhnt, man machte sie durch Fragen unnütz zu Feinden; und die bedeutende Begabung des Burschen in der Behandlung von Tieren hatte er soeben bewiesen erhalten. Korrô hatte sich vor dieser Schönheit von Mensch nicht nur nicht gehässig, sondern geradezu kokett, lebensfreudig, affektiert gezeigt. In diesem wortkargen Subjekt stak eine ungeheure freundliche Energie; er spürte in eigener Person die angenehme Ausstrahlung aus dem gefältelten grundgütigen Gesicht des alten Asiaten. Wohl sorgte es ihn schwer, zu fragen, wie man offenbar ohne Bemühung eines Haustores oder der Dienstboten in diesen intimsten Raum des Hauses kam; aber eine Weichheit, diesen Besuch mit den klugen verschlossenen Zügen nicht zu kränken, hielt ihn davor zurück, die Frage auszusprechen. Das schlechte Gewissen des europäischen Emporkömmlings vor der formvollendeten Kultur auch des niedrigen Asiaten bereitete ihm Hemmungen; und so ließ er die mysteriöse Sache auf sich beruhen und führte den neuen Hausgefährten in seine Pflichten ein. Dieser bestätigte die Vorlesung über Korrô, Flora und Tempeste mit seitenwendigen Knixen, immer dieselbe offizielle unverbrauchbare Begeisterung in den Zügen, mit denen der Asiate der Konversation ebenso wie den tiefsten Lehren lauscht.

Das Gespräch wurde gestört, als Missis San Remo, Philomena Akte, ihren Gatten zur Lunchpause besuchen kam. Sie war eine gebotene Newyorkerin, etwas größer als ihr Gatte, mager, mit langen Gliedmaßen, schmalem Becken, hohen Schultern, einem initiativen nicht mehr jungen, aber ehemals auffallend hübschen Kopf. Seinerzeit brünett, eine Frisur nach griechischem Modell tragend mit stets farbigem Band über den Schläfen, unter dem eine kindlich gestutzte Lockengalerie hervorglomm, ein Mittelding zwischen neckischer Unschuld und mutwilligem Herrenbewußtsein der schönen Frau, hatte sie in den letzten Jahren ihre Haare kupferblond gelaugt. Die Frisur war jetzt straffer, das Gesicht bei Regelmäßigkeit etwas spitz, man hätte sagen können verlebt; ihre stramme Toilette, noch immer die Geschmeidigkeit eines abenteuergeübten Körpers betonend, gab ihr Vorsitzendenhaftes. An die wilden Schützlinge ihres Gatten hatte sie sich wegen des diabolischen Gestankes in den Nebenzimmern nicht gewöhnen können. Die Tiere merkten das und empfingen sie, durch das Gitter schnobend, das bei geöffneter Eisentür vorgeschoben wurde, mit räkeligem Unmut.

» Ouh!« rief sie angesichts der pantherischen Zerstörung im Zimmer des Diplomaten, die sie eines ihrer Lieblingsgemälde, das Bild mit den weidenden Kühen, gekostet hatte. Sie zankte, fühlte sich persönlich gekränkt durch die Blutgier des Raubtieres. Unvorhergesehenes, das nicht aus ihrem Hinterhalt stammte, ärgerte sie immer. So richtete sie auch ihr schwarzberingtes Lorgnon, scharf und pikant und böse wie eine doppelläufige Waffe, aus dem blonden weiblichen Gestrüpp ihres Haarbausches heraus, mit Neugierde und Mißbehagen auf den chinesischen Wärter. Dieser überbot sich in Ehrenbezeigungen. Sie schien mehr als unangenehm berührt, sie war bange und faßte den Arm ihres Mannes.

» Who is that?« fragte sie singend vor Empörung, daß man sie überraschte. Es waren nicht alle Seltsamkeiten der Welt von ihr abhängig; das bemerkte sie ungerne.

Der Chinese fühlte sofort, daß er nicht am Platze sei; er beugte sich den Tieren zu, San Remo führte seine Lady in das Arbeitszimmer zurück. Sie fahndete unzufrieden immer wieder nach der leeren Marmorstele ? nie im Leben hatte sie dem Venusabguß so viel Aufmerksamkeit wie nun seiner Abwesenheit gewidmet.

» Ouh,« predigte sie, «Egone, das ist ein Unheil. Was hast du da getan. Woher nimmst du diesen neuen Zuwachs für deine Bestiensammlung?«

Egone fühlte sich gequält. »Schluß,« sagte er. »Er ist da. Er ist irgendwie hergekommen, meinetwegen durch die Erde, direkt aus der Djehennah. Ich bin froh, daß ich ihn hatte. Die Tiere fressen seit vierzehn Tagen nicht mehr. Dazu gehört Hand, die hat er, eine gewisse Ausdünstung ?«

»Die hat er,« sang Missis Philomena Akte. » Ouh, wie du das tun kannst. Mir ahnt nichts Gutes. Diese Visage kenne ich. Wo haben wir mit diesem boy schon zu tun gehabt? Ich sage dir, ach, Egone, dieses Gesicht haben wir schon unter unliebenswürdigeren Umständen getroffen.«

»Diese Gesichter von Asiaten kann man nie unterscheiden, sie sehen einander ähnlich, wie ein Ei dem andern, von uns aus gesehen.«

»Verlasse dich auf meinen weiblichen Instinkt,« sagte sie, hochmütig auf die nationale Priorität ihres Geschlechtes pochend.

»Nein, darauf verlasse ich mich, nicht; Erinnere dich an Simson. Du hast ihn hier eingeführt, hast ihm hier als angeblichem Jugendfreund die Wege geebnet, hast ihm die Gesellschaft zusammengebracht und das Kapital zur Hälfte verschafft. Du bist noch weiter gegangen. Du hast meine Berufsehre aufs Spiel gesetzt, indem du mit ihm Wagen- und Autopartien und Fliegereskapaden machtest; es war mir nicht angenehm, wenn man mich in solchen Strohwitwerzeiten nach dir und deinem Saitafernes fragte.«

»Heliogabale, bitte,« rief die Gesandtin dazwischen, »Heliogabale Simpson. Du bist garstig, du bist abscheulich, du bist höllisch, du quälst eine arme Frau, wie nur ein europäischer Diplomat quälen und roh sein kann ?« und Missis Philomena Akte mit dem holden Stirnband und der Charitinnenfrisur, dem gesetzten Profil und der allerdings elegant gesteigerten Quäkertoilette verwandelte sich in einen eigensinnigen Backfisch, nein in einen ungezogenen Jungen. Sie strampfte mit den Füßen, kaute ihr Taschentuch, schluchzte und warf sich in einen Easychair, daß man bis zu den Hüften ihre wundervollen schlanken Beine in den straffen Strümpfen und niedlich hochgeschlossenen Schuhen sehen konnte. Diese kokottenhaften Beine waren die Begründung zu ihrem verwüsteten Gesicht, aus dem unsaubere Frauenleidenschaften, versteckte und perverse Genüsse, tiefste körperliche Unmoral beinahe derb hervortraten. Diese Beine, die auf die gertenhafte schlanke Zähigkeit und die manische Genußsucht des übrigen schamlosen Körpers hinwiesen, der sich unter einer Haltung von geradezu hochmoralischer Spannung versteckte ? was wohl zur höchsten Befriedigung ihrer verdrehten Sehnsucht gehörte ?, diese Beine gaben auch Aufschluß darüber, wie es der jetzt nichts weniger als hübschen Person möglich war, zu ihrem verderbten Gesicht zu kommen. Vor dem Argument der wie die üppigen rigiden Stempel aus einem Rüschenkelch von Hosen, Seidenwäsche und Rockpuffen hervorragenden Beine wurde auch die staatsmännische Autorität des Gesandten kurzfristig. Er sagte kleinlaut: »Also Heliogabale Simpson, meinetwegen. Wie der Schmachtfetzen von Hochstapler im Tête à tête hieß, ist mir egal, denn ich bin aus Reinlichkeit zur Annahme gezwungen, daß du so weit nicht gekommen bist, um seinen Vornamen in Anspruch zu nehmen. Was aber war der Erfolg deines weiblichen Instinktes, he? Du hast mir und dir und der Stadt und der großen Politik zu einem Skandal verholfen. Danke schön. Ich verzichte auf deine weiblichen Instinkte für Menschen ?«

Sie flatterte auf, blickte irr und gräßlich getroffen umher. Plötzlich stürzte sie mit aufgerissenen Augen und lässig hängendem, von einer schrecklichen Erwartung kostendem Mund an den Schreibtisch und klemmte etwas in die nervige laszive Faust. Wie ein spielendes Kind, vollständig aus ihrer Größe und Erwachsenheit verloren, schmiß sie sich mit dem Kopf und beiden Händen auf die Mitte von San Remos starkem Leib, der ihr instinktiv mit seiner Wucht entgegenprallte: er traf auf ihre unvorbereiteten Fäuste und ihre Stirn und warf sie um, er über ihr, schlug ihr die Fäuste weg, und der Papierdolch flog in den Teppich. Erschauernd sah er noch in dieser Lage, an seinem Bauch herunter, guter Gott, es war nur der Knopf an der Weste gewesen, der ihn durch den Anprall geschmerzt hatte ?

Kaum hatte er sich wirr erhoben, so schlug ihm Philomena Akte das Lorgnon hart auf den Kopf, so daß es in Scherben ging. Er schüttelte sich, fühlte sich sofort unwohl, mußte sich setzen. Sie, plötzlich ganz befreit und wie aus einem anstrengenden Vergnügen erwachend, bekam förmlich ein glückliches Gesicht, lächelte ihm, wie über ihre eigene eigensinnige aber gern zugestandene Torheit entzückt zu, und verließ das Zimmer.

Als sie aufdrückte, streifte sie an den Diener in Pantalons, der mit Postsachen aufwarten kam.

IX.

Der Lakai Morel fand seinen Herrn in unpäßlichem Zustand vor. Er legte die Postpakete auf den Schreibtisch, der stark in Unordnung versetzt war. Da San Remo am Kanapee lag, die Handfläche auf die Augen drückte und sich nicht rührte, fuhr Morel mit ungewissen Seitenblicken nach dem Liegenden fort, im Zimmer und in der Umgebung des geheiligten Schreibtisches Ordnung aufzuschichten. Er legte die Aktenbündel auf den Tisch, klaubte den Papierdolch von der Teppichwolle, in die er sich mit schräg eingesenkter Klinge verfilzt hatte, rückte die Sessel rechtwinklig und begann nun die besonders zerfetzten Akten und Schriften zu glätten und einzupassen, einige Seiten hatten sich zerdrückt oder verloren; eben war er daran, eine in einer Kartenfalte gesammelte Papierlage, auf deren Etikette »Geheimbau« mit Rundschrift und Tusche einziseliert war, zu schichten, als San Remo aufsprang und, sich wie schwindelnd an die Sofakante stemmend, gepreßt, mehr bittend als befehlend verlangte: »Stehenlassen. Holen Sie mir den Arzt, ich ? bin ? krank ?« Er sank wieder schief hin.

Morel überzeugte sich, daß er atmete und wahrscheinlich auch nicht ohnmächtig war. Er lüftete den Telephontaster und verständigte Doktor Brehm, den Hausarzt.

»Es ist nichts, gar nichts, Doktor,« sagte San Remo schnell, »bitte verschreiben Sie mir nur ein Fiebermittel, Schweißausbruch, Schwäche. Sie wissen, das Bekannte ?«

»Malaria,« nickte der Doktor und verschrieb. Morel zog sich um und ging es besorgen. »Ruhe, Ruhe, Überarbeitung ? Luftwechsel,« erklärte Brehm, fingerte am Puls, klopfte das Gelenk und ging. »Ich komme nach dem Essen wieder.«

Dann kam Morel, und San Remo nahm das Mittel, Opium- und Chininmischung. Nein, danke, er wollte sich nicht ausziehen und niederlegen. Es würde sich durch Beherrschung geben. Morel machte Anstalten, aufzuräumen. San Remo schüttelte den Kopf. Nur Ruhe, sonst nichts. Er streckte sich wieder am Kanapee aus, trank Wasser hinter dem Mittel her. Morel hörte, wie er hinter ihm die Türe sperrte. Den ganzen Tag über trat Morel nicht über die Schwelle und San Remo nicht über sie hinaus. Wenn der Gesandte stark arbeitete oder nach Auftritten mit der Lady pflegte es öfter so zu sein. Einige Male hörte man gedämpft sprechen, deutlich den Unterschied zwischen San Remos festem Bariton und einer hohen frauenhaften Stimme. Zu Mittag fiel die Telephonklappe am Register im Vorraum, ein Zeichen, daß zwischen dem Arbeitszimmer und der Außenwelt gesprochen wurde.

So sah es der Diener Morel, unerschüttert im Gleichmaß des täglichen Dienstablaufes, der ihn im Hause des Diplomaten und seiner abenteuerlustigen Frau vielen Überraschungen aussetzte.

Kaum aber hatte San Remo hinter Morel zugesperrt und wieder sein Lager in dem weichen Gepolster des Kanapees bezogen, als lautlos neben ihm wie eine Fiebergestalt der Chinese aus den Formen der Tapete und geblümten Wandteppiche hervorschritt.

San Remo erschrak diesmal nicht. Die Figur erschien ihm wie eine zu seiner Lage gehörige Erscheinung, ein Stück fieberentsprossene Unwirklichkeit, von der er sich in den kühleren Augenblicken seines zur äußersten Bewußtheit dressierten Gehirns Rechenschaft gab. Er hielt lange Gespräche mit Tschun-Lun und wußte doch, daß sie irreal seien, nach außen ins Optische und Akustische geworfene Wallungen seines Blutes, Delirien. Er fingierte sogar den höheren Tonfall von des Partners zirpender Stimme. Lächelnd voll der Ironie und des Zweifels vernunftgespannten Europäergeistes sah er den Halluzinationen seines kranken Ichs zu, bemitleidete seine eigene illusionsgierige Hysterie, die ihn mit Wollust in Szenen und Umstände zurückversetzte, die er einmal, vor Jahren, als er noch Gesandter im tiefsten China war, erlebt hatte ? persönlich erlebt oder doch lebhaft mitgedacht hatte, wenn davon die Rede war. Er sah, wie Tschun-Lun im Hause tätig war und ihn mit feinen und zurückhaltenden Gebärden bediente. Er ordnete den Schreibtisch und diesmal fand San Remo es natürlich, ungefährlich, entdeckte keinen Anlaß, ihm die Berührung des Aktenstückes über »Geheimbau« zu verbieten: Einen Augenblick verweilte Tschun-Lun bei dem Papiermesser, einem scharfen malayischen Krisch, dessen Schneide er mit pfiffiger Kennermiene prüfte.

San Remo empfand es in seinem Zustand wie eine Wohltat, wenn ihm die Erscheinung des Chinesen mit ihren sanften spinnenartigen Bewegungen nahekam; sie näherte sich allemal wie ein vager ätherischer Druck, wie eine warmprickelnde Rauschwelle. San Remo wußte plötzlich ganz gut, daß dieser heimliche Chinese in seinem Zimmer gar nicht vorhanden war, sondern nur der spielerische Spuk seiner Träume, hervorgerufen vielleicht durch das Fieber, vielleicht durch die abnormale plötzliche Dosis Opium, die er eingenommen hatte. Tschun-Lun, so ein beiläufiger chinesischer Name, so konnte jeder heißen, und vielleicht hatte einer der vielen harmlosen Chinesen, die ihm im Leben begegnet waren, diesen Namen getragen.

Jetzt tauchte es in seiner ihn dahinschmelzenden Erinnerung auf, weite Übergänge koppelten die Dinge seines Lebensinhaltes von einst und jetzt, von ganz fern und ganz hier und heute zusammen. Wer Tschun-Lun hieß, war harmlos. Darum ließ es San Remo wie gebannt von einem grauenvollen Lustgefühle, aber stets darüber lächelnd im klaren Teil seines Bewußtseins, geschehen, daß die verschwimmende Figur des alten gütigen Chinesen an sein Lager trat und sich mit intimer Bewegung über ihn beugte. Diese Bewegung, gegen den Bauch ausgeführt, beengte den Schlund. Eine leise Überwindung war für den Europäer, der sich den gelben Mann nicht nahe zu kommen lassen pflegt, natürlich. Trotzdem überstand er sie.

Er sah auch mit einem Male ein verwandtes Bild vor sich, sich selbst in einer den Körper wunderbar nachahmenden senkrechten Bahre und über sich einen großen dicken lau anzufühlenden Chinesen, der sich mit Zweihundertpfundgewicht schwerwolkig über ihn ballte, Remos Gesicht in den mächtigen weichen Händen drehend, kneifend, knetend, walkend, schabend, beinahe zwei Stunden lang; er zapfte ihn an dünnsten Härchen bis zu Tränen, die Haut glühte, Ohren, Nasen, Falten waren bis auf das letzte Stäubchen Talk gereinigt, er kam sich, als er dann wie geschält in die Sonne trat, vor, als blase das Licht durch ihn hindurch wie durch dünnen Ton.

Trotz der zweistündigen genauen Qual, die dieser Barbierversuch ihm bereitete, empfand er ihn infolge der öligen Glätte der gelben Hand, die ihn massageartig umschmiegte, wie eine Wollusttraufe, er hatte dem riesenhaften götzblickigen dünnstimmigen Chinesen gegenüber das einzige Mal jenes hingebende zerschmachtete Gefühl einer Frau vor der männlichen Übermacht. Sein Kopf klang ihm wohlig wie ein harfenes Instrument bis in die Leisten hinab; es rieselte aus allen Poren, er unterwarf sich da ein einziges Mal in seinem Leben einem für ihn als Europäer undurchdringlichen Wissen und Können und Wollen.

Der machtvolle chinesische Übermensch, ein Mann, der sein Barbiergeschäft verstand, ein Künstler des menschlichen Körpers, der ihm mit Zymbeln und Glöckleins zu spielen schien, als er daraufhin für den restlichen halben Tag seine Hände und Finger, Füße und Ferse und Zehen in Angriff nahm, der sechstausend Jahre alte geriebene Handwerker erschien damals wie ein Philosoph des tiefsten körperlichen Daseins, ein Reiniger, Luftdurchleuchter, Veredler, Gasausbläser, Darmschleuser ?

Das Gesicht seines Besuches Jack Slim sprang plötzlich auf den pferdestarken Nacken des Barbiers; dann schrumpfte dessen Leib ein, und San Remo sah es und duldete es, daß sich die Erscheinung mit den festen zupfenden Griffen wie damals der Barbier an seinem Leibe zu schaffen machte. Auch wenn er nur die Weste, den äußersten Rockzipfel aufhob, so war es so ätherisch und sublim, daß San Remo dies empfand, als ergriffe jener mit kunstgeübten glatten Fingerballen große Lappen Fleisch seines hingegossenen Körpers, lustdurchblutete Organe, die er mit energischer Freundlichkeit behandelte.

Tschun-Lun beugte sich gerade über den Unterleib, über die scharfe Stelle, die San Remo dort als seine Ohnmacht fühlte. San Remo duldete mit Skepsis und Grauen, daß er die Weste öffnete und über den Hosenbund und das Hemd anstandslos bis zur nackten Haut durchdrang. Er bohrte seinen Finger wie einen lauen Strahl hinein. San Remo erfuhr ein etwas zusammenziehendes Gefühl, er panzerte sich dort förmlich an einer flauen Stelle mit gerafftem Leben, er verhornte sich in einem inneren angenehmen Bluterguß. Dazu sagte Tschun-Lun eine einförmige Besprechungsformel her, eine metallene Ratsche, rhythmisch wie eine Sure und mit Worten klöppelnd wie die Begleittakte zu dem Wettrennen der Gebetmühlen in Tibet. Allaleit.

San Remo spürte, wie innerlich eine dunkle Drüse platzte und lichte Perlenreihen durch seinen Leib ergoß; eine glucksende Quelle reisender Freudigkeit lief in ihm über. Zugleich trug er einen unirdischen leichten Stempel an seinem Bauch ? er merkte deutlich die Leichtigkeit im Verhältnis zu den anderen Körperteilen, er war wie befreit, als ob man ihm vorne eine langgewohnte Last abgenommen hätte. Mit leisem Bedauern fürchtete er, aus dieser blendenden Einbildung erwachen zu müssen, erkennen zu müssen, daß alles so flach und lustlos war wie je, und daß in seinem Zimmer kein Chinese Tschun-Lun, der sowohl Jack Slim als dem chinesischen Barbier von damals ähnlich sah, existierte. Eine dumme Rechthaberei einer zurückgestauten Gehirnfunktion versuchte durchzusetzen, daß er schon seit heute morgen, vielleicht schon seit Tagen, seit er dem alten Brackwasser im Gartenbottich zu nahe gekommen war, die Malariakeime in sich verwalte. Schon seit morgens hatte er Erscheinungen: die Chinesenfratze rührte gerade daher; daß er sich kürzlich, tief über eine undefinierbare Person erschreckend, die sich vor seinem Garten am Bürgersteig herumtrieb, eingebildet hatte, daß sie chinesische Züge trage.

Langsam erwachte San Remo, ein erquickliches Besserungsgefühl im Leibe. Er war allein, sein halbklarer Geist begriff, daß er deliriert habe; aber er begriff auch, daß er sich nach diesen raumweiten glückseligen Vorstellungen sehnte, und so ging er noch etwas taumlig und in halbwachem Zustand zum Telephon und sagte die letzte Störung ab, die ihn heute aus seinem unbeschreiblich mattseligen Zustand hätte reißen können. Dann legte er sich offenbarungsbereit in den warmen Kontur, den sein Körper noch in den Polstern gelassen hatte, sorgfältig die frühere Zuständlichkeit und Lage erneuernd.

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