Camera Obscura

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I.

Jack Slim, als er in die Stadt kam und seine ersten Einführungsbesuche bei den Persönlichkeiten der kultivierten Kreise erledigte, wurde vom Gesandten San Remo empfangen, um seine verschiedenen epochalen Theorien vorzutragen.

Der Gesandte, um diese nachmittäglich arbeitsame Stunde in einen einfachen hellgrauen Sakkoanzug gekleidet, kam ihm scharmant und ohne Förmlichkeiten entgegen, mehr wie ein moderner Geschäftsmann als wie der Erbe einer seit Jahrhunderten verfeinerten bureaukratischen Routine. Die beiden Männer schlugen ihre beobachtungstüchtigen guten Augen fest ineinander. Beide Teile waren von wohlwollender und prüfender Neugier erfüllt. Jack Slims graugrüne kleine Kugeln mit auffallend wenigem Weiß sträubten eine unruhige, aber jetzt erstarrte Buntheit in die braunen Ringe, die ihm der an Wuchs wesentlich geringere San Remo bei der zuvorkommenden Verbeugung näherte. San Remo war von der Eigentümlichkeit dieses Blickes überrascht und beinahe wie erleichtert; ein geübter Menschenkenner in seinem weltumspannenden Wanderberuf als Diplomat, hatte er sich die Physiognomie des berühmten Forschers selbst nach den Bildern in den Journalen anders gedacht. Das war ja die Iris eines jungen schönen Mädchens, die ihn da mit einer beinahe sinnlichen Wärme anhauchte! San Remo war, ohne daß er sich über das eigentümliche Ausmaß dieser Erregung klar war, die ihn unvorbereitet traf, wie er sich hätte gestehen müssen, hätte er Rechenschaft über seinen Eindruck abgelegt, er war davon so verblüfft und beglückt, daß er vor dem höflich darin nicht zurückstehenden Jack Slim seine Verbeugungen wiederholte. Die beiden Herren dienerten sich gegenseitig an, bis sie schulterhoch in zwei bereitstehende Klubfauteuils versunken waren, über deren krokodilledernen Randwülsten schwebend jetzt ihre Köpfe das lockerenergische geistige Spiel fortsetzten.

Schon hatte der Einfluß des chinesischen Taktes sich ausgebreitet und sich Eingang verschafft in die internationalen Umgangsformen.

»Ja China, unser China, unser liebes China, nicht wahr, Mister Slim,« sagte der Gesandte, offenbar im Gefühl, ihre intimste Gemeinsamkeit zu berühren und arglos Verrat übend an der kleinen Prahlerei, die der feingebildete Weltmann gerne mit exotischen Manieren treibt. Jack Slims Blick wurde noch ruhiger und milder, als er die kleine Schwäche des andern erfaßte, etwas das ursprünglich Absicht war, unabsichtlich preisgeben zu können. Der Mann verlor sozusagen trotz seiner rationalen Anlage die Absichten unterwegs. Daraus konnte man schließen, er würde auch Absichten, die für ihn zufällig abgelegt waren, als eigenen Fund behalten und fremder Absicht zugänglich sein.

Aber Jack Slim verschaffte sich außer der körperlichen Wirkung, deren ihn die zutunlichen Blicke des Wirtes versicherten, noch die grausame Überlegenheit, diese Wirkungstatsachen aufzuklären. Erst wenn der Eindruck seiner Persönlichkeit so stark war, daß eine Lektion über Eitelkeit und ein Taktfehler ihm die neugewonnene Neigung nicht verscherzten, konnte er sich auf sie verlassen.

»Well,« antwortete Jack Slim, »ich staune, seit ich vom Osten wieder einmal nach Europa zurück bin, wie sehr man hier Fortschritte in jener Zivilisation gemacht hat, die ja vermutlich doch eines Tages wenigstens in ihren ästhetischen und moralischen Erscheinungen den Welttyp der Vornehmheit und der Vollendung bestimmen wird. Vorläufig ist das europäische Chinesentum noch etwas parvenühaft und es sind vor allem die Snobs, die sich in einer äußerlichen Nachahmung des asiatischen feinen Zeremoniells hervortun. Aber die Psychologie lehrt ja, daß zu den Äußerlichkeiten, zu Gebärden und rhythmischen Handlungen sich nachträglich das Gefühl regeneriert, aus dem sie schöpferisch entsprungen sind; es war das nebenbei gesagt der so oft angestaunte Grund, aus dem ich das Sinnliche und Kultische stets der reinen informellen Reflexion vorgezogen habe. Wenn ich eine Hartgummischeibe rotieren lasse, so sammeln sich an den Kathoden der Elektrisiermaschine elektrische Spannungen, die sich funkend entladen. Und wenn ich umgekehrt den elektrischen Strom über die Kathoden leite, so beginnt sich die Hartgummischeibe zu drehen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß Kleider Leute machen. Wenn der Europäer chinesische Gewohnheiten annimmt, so ist er auf dem besten Wege, das Problem der Weltrasse friedlich zu lösen ? freilich nicht zugunsten seiner Konservation. Ein Rhythmus ist, motivisch gesehen, eine Folge aus vorbedingenden Umständen; wer aber einen Rhythmus annimmt, assimiliert sich dessen Voraussetzungen. Daß Sie, Herr Legationsrat, gerade auf China zu sprechen kommen und zwar abrupt, ohne Übergang, läßt darauf schließen, daß Sie über die Aneignung asiatischen Schliffs Genugtuung empfinden ?«

Die Augen des Gegenübers wurden stumpf und quollen etwas hervor wie unter einer großen gedanklichen Anstrengung. Slim aber trieb diesen Zustand durch eine weitere Taktlosigkeit, indem er sich verschämt zur ersten bekannte, bis zur Gefahr des Platzens. Er lächelte, verlegen stotternd, als wüßte er, daß darüber besser zu schweigen wäre, er aber sei von einer skrupulösen Wahrheitsliebe besessen, die Dinge bei ihrem schamlosen Namen zu nennen.

»Verzeihen Sie, Sir ? verzeihen Sie vielmals, ich weiß wohl, daß ich gerade in diesem Augenblicke mich nichts weniger denn einer asiatischen Höflichkeit befleißige. Aber ich bin so sehr von dem hohen Werte der östlichen Tugenden durchdrungen, daß ich mich oft gereizt fühle, ihre leichte und oberflächliche Anwendung im heutigen Europa zu stören. Ich tue es diesmal, gerade diesmal nicht zufällig. Ich will nicht im Vorhinein als ein umgänglicher und wohlerzogener Mensch erscheinen, um die Wirkung der Aufgabe nicht abzuschwächen, die mich zu Ihnen geführt hat.«

Der Gesandte zog seine Augen wie eine berührte Schnecke zurück, es blieb ein glotziger verständnisloser Ausdruck in ihnen. Es ist möglich, daß er damals die Gedankengänge Slims nicht verstanden hat; er hätte als feinfühliger und scharfsinniger Mann, der er zweifelsohne war, über die Kette zudringlicher Psychologie verletzt sein müssen; möglich, daß er jetzt seine Diplomatennerven in die Gewalt bekam und nun nicht mehr nur äußerlich auswies, wie sehr er in den Geist des Ostens und dessen Haltung, die hinweggleitend und versöhnend ist, eingedrungen war; möglich auch, daß Jack Slims infame Berechnungen gestimmt hatten und der widerspruchsvolle Blick, den eine mädchenhafte unschuldige Iris aus den herben tiefliegenden Stirnhöhlen eines männlichen Forscherkopfes senden kann, über alle Versuchungen hinweg behexend triumphiert hatte: die stumpfe Verwirrung in den braunen Ringen des legationsrätlichen Auges schien nur eine Pause, und sogleich kehrte in sie wieder die komische verliebte Glut zurück, mit der sie auf die befremdende Person des berüchtigten Forschers und Abenteurers gerichtet waren.

»Was ist da weiter Aufgabe, Mister Slim,« sagte San Remo liebenswürdig. »Sie sind gekommen, um mir Ihre Visite zu machen, nun einmal unsere Stadt Ihre ehrenvolle Anwesenheit verzeichnet. Sie wollen mir Ihre neuesten Theorien vorlegen, bin ich recht? Ein Mann wie Sie kann das nicht als Aufgabe, sondern als Herablassung ansehen. Nichts wird für mich interessanter sein, als Ihnen zu lauschen, und wenn ich für Sie etwas tun kann ? Ich bitte, meine Höflichkeit ist diesmal ganz unchinesisch, ha ha« ? die beiden Köpfe über den Lederrahmen der Fauteuils, deren offene Seiten einander zugewandt die leger gekrümmten Leiber für das übrige Zimmer wegnahmen und diese in eine sozusagen geheime intime Front brachten, aus der nur die Beine mit den wehenden wadenhohen Hosen fahnenflüchtig wurden, tanzten grinsend aufeinander zu ? »ich bin diesmal nur ein europäischer Böotier ? und was unser China anlangt, ich weiß nicht, ob Sie recht haben, ob es mir nur auf die Zunge kam, weil ich mich als der asiatischen Herzensbildung mächtig legitimieren wollte; es ist nicht ausgeschlossen, daß ich Sie beinahe instinktiv als einen fernorientalischen Repräsentanten empfand und mein Ehrgeiz mir den Streich spielte, vor Ihnen meine Kenntnisse der östlichen Welt ebenso wie meine östliche Erziehung zur Schau zu tragen. Aber ist das nicht auffallend? Warum empfand ich Sie so ? sagen wir ?chinesisch?? Verweilen wir dabei! Im ersten Augenblick erinnerten Sie mich gerader an einen alten chinesischen Freund, der sehr amerikanisiert war ? ja, das ist es. Gerade diese Zusammenstellung, die ich an Ihnen antreffe, verwundert mich nun schon die ganze Zeit. Man hatte mich bereits früher, sooft von Ihnen die Rede war, auf Ihre eigentümliche Physiognomie aufmerksam gemacht. Aber trugen Sie früher nicht einen Vollbart? Ich erinnere mich, auf einer Photographie. Vielleicht hat aber nur die Bezeichnung eines Professors der Magie, die Sie auf Ihrer Visitkarte verwenden, in mir die Vorstellung eines dunklen Magierbartes hervorgerufen. Wie? Ja, Sie trugen also doch Vollbart. Übrigens, wenn ich nachdenke ? man bezeichnete Sie als einen indianischen Halbbluttypus. Als Sie hier bei der Tür hereinkamen, machten Sie mir einen zwiespältigen Eindruck; Sie konnten der übliche lange sehnige Angelsachse sein, wenn Ihr Teint dazu nicht zu getönt gewesen wäre ? Ihre Art, Ihre Kopfbildung, die Bewegungen und die stylische Amerikanerkleidung verkünden Sie von fern als angelsächsischen Weltmann. Aber wenn man Ihr Gesicht sieht, so beginnt der Widerspruch von Neuem. Ihre Nase könnte römisch sein, Ihr Auge, ich kann es nicht anders bezeichnen, ist das ideale fränkische Auge, mit den Augen sind Sie geradezu die reine Inkarnation des Germanentums, dieser taciteisch helle, auffallend kindliche Blick, den man nur bei den nordischen Rassen findet, diese unberührte Harmlosigkeit ? aber dann plötzlich diese fremdartige Faltung an den Augen, das Mienenspiel, das Maskenartige in Ihrem Gesichte ? Sie. verzeihen wohl. Seien Sie nicht ungehalten, daß ich Sie zum Gegenstand der Schilderung mache, es ist lauterstes Interesse. Ach, ich wollte ja bloß erklären, warum ich gleich auf unser China geriet. Sie sind ganz anders, als ich Sie nach den Berichten erwartet hätte, und anstatt eines amerikanischen Rassesportsmannes mit einem indianischen Bullengesicht sehe ich einen abgeklärten, etwas emanzipierten Orientalen mit den menschenfreundlichsten Augen ?«

»Vertrauen Sie dieser Menschenfreundlichkeit nicht, Sir, und hören Sie lieber das Geständnis meiner Aufgabe an,« sagte der Kopf Jack Slims, der ohne eine Muskel zu verändern und nur mit einem stereotypen Lächeln östlicher Menschen auf dem eigentümlich verblühten Munde die Galanterie des warmgewordenen Gesandten hingenommen hatte. Da dieser die Wollust seiner Abhängigkeit ohne Mißtrauen preisgab, konnte man ja in der Behandlung einer solchen Seele noch einen Schritt weitergehen. »Ich bin nämlich gekommen, Sie um Entschuldigung zu bitten.«

»Wo nicht gar,« rief der Gesandte, zu jedem Verzeihnis eines gesellschaftlichen Verstoßes aufs liebenswürdigste bereit, »um Entschuldigung bitten, wofür?«

»Für nichts, das ich schon verbrochen habe; für etwas, das ich Ihnen erst werde antun müssen, für einige kleine Unannehmlichkeiten, die nicht zu verhindern sein werden, wenn das Wichtige durchgeführt werden soll. Erinnern Sie sich im gegebenen Augenblicke daran, daß ich im voraus Ablaß für meine Sünden eskomptiert habe.«

»Oh, ich verstehe, Mister Slim, Sie können sich auf meinen berufsmäßigen Mangel an offizieller Neugierde verlassen; Sie würden mich für dumm halten müssen, wollte ich jetzt fragen, was Sie beabsichtigen. Man gibt sich vor Jack Slim nicht gern eine Blöße. Was immer es sein wird, dear Sir, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Aber nun haben Sie den formalen Teil einer selbstgesetzten Aufgabe erfüllt, den von mir erwarteten haben Sie noch nicht erfüllt. Darf ich Sie nach dem letzten Ergebnis Ihrer historischen Forschungen fragen?«

Um dem Gaste die gemütlichsten Umstände zu vermitteln, erhob sich San Remo und tat ungewiß suchend einige Schritte in das klubmäßig eingerichtete Zimmer, bis er sich des genauen Ziels erinnerte und auf eine eiserne hohe Kasse an der Rückwand des Raumes zuging. Warum war er eigentlich aufgestanden? Er vermerkte eine ihm peinliche Verworrenheit im Kopfe; er führte die Hand in der Richtung zum Kopfe, wie man zu tun pflegt, um sich zu besinnen. Er hatte doch soeben eine Absicht gehabt ? er blickte auf den Gast, von dem ausgehend er den Anlaß wahrgenommen hatte. Wohl aus Höflichkeit hatte sich Jack Slim gleichfalls in ganzer Größe erhoben. Die beiden Männer standen voreinander und sahen sich, durch die Vergeßlichkeit des Gesandten komisch in ihrer Unterredung unterbrochen, eine Weile in die Augen. Jack Slim bemerkte die Lebemannsfalten und Krähenfüße in dem glatt pergamentenen Napoleonsgesichte mit dem Ansatz zur Fettigkeit an Wangen und Nacken, die zur seßhaft aufgegangenen Statur des kleinen Körpers paßte. San Remo lächelte ein zu seinem Imperatorengesichte kontrastierendes treuherziges Lächeln aus diesen vielen Falten, die von fremden Sonnen und Lüsten stammten. Auch der Blick selbst stammte aus jener flotten Zeit, wo er als junger Elegant das große Leben gekostet haben mochte. Jetzt hatten Ruhe und gleichmäßige verteilte Arbeit seinen Körper zur gestauten Massigkeit aufgetrieben.

II.

Beide Herren begannen zu lachen. »Warum sind Sie eigentlich aufgestanden? Setzen wir uns. Nein, halt. Ich wollte ja etwas holen.«

»Was wollten Sie denn holen,« fragte Slim.

»Ah, tja, warten Sie mal ? ich weiß es schon, mir kams so vor, als hätten Sie einen Wunsch, dem ich gehorchen müßte. Ja ja, ich wollte Ihnen bloß Zigaretten verschaffen ? um das Gespräch über Ihre Forschungen zu inspirieren ?«

Er eilte auf den eisernen Kasten zu, der in die Wand eingelassen war, und Slim ließ ihn gewähren, während er ihn im Auge behielt. San Remo hielt vor dem Kasten inne, arbeitete an einem Gedanken und sah auf Slim zurück, der gerade in diesem Augenblicke zu einer Stelle an der Wand geschritten war und gedankenvoll mit den Fingern daran trommelte. San Remo griff schnell an einen Punkt ziemlich im Rücken des Kastens, stieß dann die Schlüssel ins Schloß und wälzte die dicke Stahlplatte über ihre Scharniere zurück. »Mein allerprivatester Fonds,« rief er aus und trug, als er schnell geschlossen und die Schlüssel zurückgezogen hatte, einen schlanken Karton zu Slim, der ihn wortlos herankommen ließ. »Indisches Kraut, bedienen Sie sich, Mister!«

»Danke,« sagte Slim und sah harmlos auf den Gesandten herab.

»Wie, Sie rauchen nicht!« rief dieser überrascht, förmlich als bedauere er, daß er dann diese ganze Prozedur vergeblich durchgeführt habe. »Sie wollten doch welche, dachte ich?«

»Ach wo, wie kommen Sie darauf!« fragte Slim belustigt.

San Remo sagte betreten: »Nun weiß ich nicht, ich hatte den Eindruck, Sie wünschten Zigaretten ? nun, ich hatte wenigstens das Gefühl, als zitierten Sie mich zum Eisenschrank, und was kann dieser Eindruck anders gewesen sein, als meine eigene Auslegung des schlechten Gewissens, Sie ohne Erfrischung gelassen zu haben!«

Bei diesen Worten drückte er auf den Kopf einer elektrischen Klingel, es schellte in einem entfernten Teil der Appartements. Gleich darauf erhob sich hinter den Wänden des Zimmers, unbestimmbar wo, ein brüllender zynischer Lärm.

San Remo sah auf Jack Slim, der jetzt an der Wand lehnte und sich nicht bewegte; nur mit dem Knöchel der linken Hand klopfte er nachlässig einen Takt an die Mauer.

»Oh, das ist meine Menagerie,« rief San Remo lachend aus, »wollen Sie die Tiere sehen, es wird Sie interessieren. Ich habe sie aus Indien mitgebracht, leider ist mir der letzte eingeborene Wärter im letzten Winter gestorben und ich habe noch keinen neuen gefunden.«

Das Gekreische von verschiedenen Tierstimmen schwoll zu einem schrillen Gejaule an, als sich durch eine Tapetentür ein Lakai mit einem Servierbrett und Erfrischungen schob. Obwohl offensichtlich Europäer, war der Diener in Pantalons gekleidet nach orientalischer Manier. Er setzte die Silberplatte auf ein kleines Tischchen ab und verschwand wieder.

»Ein Talmi-Eunuche,« sagte Jack Slim scherzend, indem er ihm kurz aber scharf nachsah.

»Ja, die Domestikenfrage ist jetzt schwierig,« antwortete der Gesandte. »Sie haben sich organisiert, das Disziplinverhältnis ist unklar gelassen und, wie Sie wissen, gestatten diese modernen europäischen Hausgehilfen-Gewerkschaften den Import der viel zuverlässigeren persönlichen farbigen Diener nicht.«

Jack Slim sagte: »Dann sind Sie aber unvorsichtig, Sir. Wenn Sie unzuverlässige Domestiken haben, sind Sie in Ihrem eigentümlichen halborientalischen Diplomatenhause allerlei Kalamitäten ausgesetzt, vorausgesetzt, daß Sie nicht selbst eminent pünktlich und reserviert sind. Ich glaube, der Kasten dort hat sich aus der Wand gedreht; Sie haben vorhin eine Funktion daran vergessen.«

»Ach Gott, wo denke ich denn hin,« und San Remo schlug sich erschüttert an den Kopf. Er lief zu dem Schrank hin. Plötzlich blieb er stehen und sah wieder zu Slim hinüber, der von den Erfrischungen nahm. »Aber es stimmt doch. Ich habe doch abgesperrt!« versicherte er sowohl sich selbst als diesem.

»Ja, haben Sie ganz abgesperrt!« fragte Slim mit Betonung, aber gleichgültig für die Wirkung dieses Tonfalls, wie es schien, denn er langte noch ein Sandwich herbei.

»Die Tür sitzt fest,« sagte San Remo und blickte Slim an.

»Ja, die Tür sitzt fest?« antwortete Slim in demselben Tone.

»Zuversichtlich,« sagte San Remo und umarmte den Kasten in voller Breite, mit den Händen förmlich in dessen Rücken, wo er eingemauert war, langend, als wolle er sich von der Fruchtlosigkeit des Versuchs überzeugen, einen solchen Stahlklotz als Ganzes fortzutragen. Und da dieser deutlich von außen zugesperrt worden war, so konnte ihn jedermann höchstens nur als ein Ganzes in verbrecherische Absichten ziehen.

»Gut, gut,« sagte Slim, es offen lassend, ob er damit nicht die Qualität der dargebotenen Erfrischungen preise. San Remo hatte Schweißtropfen auf der Stirn, die er mit dem Sacktuch trocknete, und atmete nach dieser Anstrengung, Einbrecher an seiner eigenen Stahlkasse zu spielen, erleichtert auf.

»Merkwürdig,« sagte San Remo, »es war also doch die Kassa, die in meinem Kopfe spukte; eine Verdrängung, Reue über eine Vernachlässigung vereinigte sich in mir wahrscheinlich mit dem Bedürfnis, Ihnen aufzuwarten und ich verlängerte dieses Bedürfnis zusamt der Kassa in Ihre Absichten hinein. So war es. Ich hatte schon eine ganze Zeit her die undeutliche Empfindung, als übten Ihre Gedanken einen Druck auf mich aus. Es war nur diese Komplikation von zwei Unterlassungen, die einander substituierten.«

»In der Sache haben Sie recht. Suggestion als einen rein aggressiven Akt gibt es nicht. Aber in unserem Falle irren Sie doch. Zuerst hatten Sie doch ein schlechtes Gewissen, wie Sie das nannten, weil Sie mich vernachlässigt glaubten. Sie besannen sich und wollten mir Rauchwerk anbieten. Dabei vergaßen Sie wieder ? nun, sie vergaßen, die Kassa ? richtig zu sichern. ? Nicht wahr? Beide Male spielte also die Kassa in Ihr Unterbewußtsein hinein, aber das erste-mal mit einem direkten Antrieb und das zweitemal mit einer Hemmung, so nennen das die Psychologen. Die spätere Unterlassung ist also die infiziöse Folge der ersten.«

»Ja, richtig. Wie kam es nun, daß ich diesen Zug zur Kasse so stark empfand? Das ist hochinteressant. Mit Ihnen ist man gleich immer in solche Gespräche verwickelt. ? Wenn ich mich recht erinnere: ich wollte zur Kasse, weil ich an Ihrer, über die Fauteuillehne herabhängenden Hand die leere Geste des Zigarettenhaltens zu sehen glaubte ? und in meiner Kasse hatte ich doch meine fabelhaften Indier ?«

»Da sehen Sie,« lachte Slim, und seine Papillen wurden schalkhaft klein, »zum Schluß ertappen wir Sie noch auf einer Eitelkeit. Ich habe diese Fingerbewegung natürlich nicht im Entferntesten gehabt. Aber Sie empfanden schon die ganze Zeit her eine stille Spannung, Ihre fabelhaften Indischen an den Mann zu bringen ? Sie dichten mir einen Zigarettenhunger und sich selbst ein schlechtes Gewissen an. Aber ich rauche doch gar nicht. Und warum fielen Ihnen die Erfrischungen erst an zweiter Stelle ein? Hm. Sie wollten erst Ihre Indischen loswerden. Zugleich hatten Sie aber irgendeinen seelischen Riegel vor dieser Handlung.«

San Remo war etwas betreten. »Woraus schließenSie das?«

»Weil Sie, nachdem Sie diesen ? Riegel seelisch durchbrochen hatten, ihn ? praktisch sogar offen ließen ?«

»Ach so,« dehnte San Remo. Es entstand eine Pause. »Ich sehe wohl,« sagte er dann, »daß Sie Ihrem Rufe alle Ehre machen. Aber nun sagen Sie mir: ist die Kenntnis und Orientierung in diesen seelischen Grenzgebieten bloßer Scharfsinn und Phantasie oder gibt es sowohl ein Gedankenlesen als eine Gedankenübertragung?«

»Beides. Sie werden ja an meinen Seancen mit dem Medium Nitra teilnehmen, Sir. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß jede aggressive Suggestion unmöglich, und daß jede Wirkung auf Autosuggestion beruht. Fremde Eingriffe, selbst wenn man wie ich an die Unerforschtheit von zwischenpersönlichen Strahlen glaubt, sind immer irgendwie durch mehr oder weniger lückenlos geschlossene Gedankenreihen, also durch rein logische Wirkung zu erklären. Nehmen wir z. B. folgendes an: hier liegt ein Papiermesser ? übrigens ein sehr kostbarer malayischer Kris, wie ich sehe ? und nun wollte ich Ihnen einfach befehlen, sich das Messer hier an dieser Stelle oberhalb des Beckenendes, wie es die Asiaten beim Harakiri zu tun pflegen, in den Bauch zu stoßen. Sehen Sie, hier bei diesem Knopfe. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie würden mich natürlich furchtbar auslachen. Das würden Sie doch, wie?«

San Remo setzte sich etwas schwach geworden in den Fauteuil und sagte beklommen: »Nja. Nun, auslachen würde ich Sie gerade nicht. Ich würde es nicht tun, freilich, die Aufforderung käme mir immerhin komisch vor. So überfallsartig kann man natürlich einem Menschen derartiges nicht suggerieren. Aber wenn man einen Menschen mit dieser Handlung sehr vertraut macht ? ich habe oft seinerzeit in Asien das Harakiri erlebt. Und es schien mir immer, als vollzöge sich das unter einer sehr starken öffentlichen Suggestion ?«

»So ist es,« sagte Slim in einem nicht mehr ganz gleichgültigen Tone. »Suggestion ? wenn Sie darunter die systematische Verführung zur Selbstverführung verstehen. Es ist eine falsche Objektivation, die wir Europäer damit, unserer experimentellen, nach außen gerichteten Methodik folgend, anwenden. Das Willensleben und die Willenskraft sind bei jenen Rassen außerordentlich stark entwickelt. Ein Appell an diesen Willen hat Erfolg. Das ist alles.«

»Ich weiß. Das ist auch Ihre Erklärung des Fakirwesens. ? Ich muß sagen, in diesem Gewebe von Seelenwirkungen liegt etwas Beunruhigendes. Die Beschäftigung mit solchen Dingen ist ein Aufenthaltsort für fixe Ideen. Wie denn, wenn Einer sich einbildet, er müsse das an sich Probieren ? haha, und er fällt einem Gauner in die Hände, der diese Anlage bei ihm ausnützt ?«

»Das wäre möglich,« sagte Slim und sah auf die Gemälde, die an den Wänden hingen; vielleicht hörte er auch auf die Tierstimmen, die dorther zu kommen schienen.

»Es ist jedenfalls beruhigend, daß Sie die eigenmächtige oder übermütige Willensübertragung für ausgeschlossen halten,« ergänzte San Remo und klappte geschwächt die Augenlider einen Moment lang nieder, nachdem er in die mädchenhafte Schönheit von Slims Augen geblickt hatte.

»Es ist aber auch möglich,« fuhr Slim lebhaft werdend fort, »daß man auf diese Weise den allerheilsamsten Einfluß auf Menschen wird geltend machen können. Einen absurden Befehl unmittelbar zu suggerieren, ist natürlich ausgeschlossen. Diese mystisch-mechanische Erklärung ist heute überlebt. Aber auch die rationale Auffassung des medialen Phänomens hat eine letzte vorläufig unerklärbare Voraussetzung. Zwischen dem Medium und dem Hypnotiseur muß eine Art übersinnlicher Beziehung bestehen, vom Hypnotiseur muß eine allgemeine gefällige Kraft ausgehen. Ich leugne nicht, daß diese übersinnliche Kraft nur eine fremde sinnliche sein mag. Sehen sie, ein banal oder häßlich aussehender Mensch kann niemals jene weiche Hingabe herausfordern, die als Voraussetzung dafür dient, einem Wesen, dem er Eindruck gemacht hat, nun auf die allernatürlichste und kausale Weise die Notwendigkeit einer Handlung fällig erscheinen zu lassen. Diese voraussetzende Wirkung ist von seinem Willen unabhängig. Es gibt Menschen, die intellektuell weit unter dieser ihrer Wirkung stehen; sie verstehen sie nicht zu schätzen und werden durch Konflikte unglücklich. Denken Sie an das malocchio. ? Sie sind doch Romane. ? Um nach dieser primären Wirkung dann im Beeinflußbaren einen bestimmten Akt vor die Phantasie zu zaubern, braucht es mehr des Taktes und der Delikatesse als des Willens. Kraft würde hier sogar schaden. Alle berserkerhaften Varietéhypnotiseure sind Schwindler. Die Orientalen sind bei dieser Zeremonie flötenhaft zart, elegant. Es ist mehr inverse als unmittelbare Kraft nötig. Dagegen braucht das Medium einen ganz kolossalen Willensaufwand. Darum sind auch gerade Verbrechernaturen dazu vorbestimmt ? sie besitzen die Gabe einer Kurzschlußherstellung von der Phantasie in die Aktion und die Macht der ausschließlichen Konzentration. Der Verbrecher kann aber wie zur schlechten, genau so gut zur heroischen Tat inspiriert werden. Darauf beruht meine neue soziale Theorie.«

»Sehr interessant, sehr interessant,« murmelte San Remo. Er flappte nervös mit den Fingern und fahndete wieder nach den Augen Slims, der sich in den Fauteuil geknickt hatte; Slim vermied in diesem vorgeschrittenen Teile des Gesprächs, seine Augen auf San Remo zu richten, er hatte sie gleichsam in die Scheide gesteckt; dadurch wurde die unbewußte Sehnsucht seines Gegenübers beinahe paroxistisch. San Remo rückte plötzlich, ohne es zu bemerken, mit dem ganzen schweren Lederklotz gegen Jack Slim los, ohngeachtet er dabei die Teppiche aufrollte.

»Einen Moment. Ich muß erst noch etwas verdauen. Sie haben da vorhin gerade so ein unangenehmes Beispiel gewählt. Ich meine die Geschichte mit dem Harakiri.«

Er stierte, während er sich in den Schultern über die Fauteuillehnen hängte und an seinem vorgestreckten Unterleib hinabsah, an eine bestimmte Stelle der Weste.

»Die Wahrheit zu sagen, dieses Problem hat mich, als ich ?drüben? war, im Bann gehalten. Ich machte einige solcher diplomatischen Skandale mit, die durch Harakiris endeten. Es bewirkte stets einen gespenstischen Eindruck auf mich, wenn ich vernahm, daß der joviale kleine oder dicke Herr, der gestern noch lebensfroh mit mir parlierte, sich zwei Stunden darauf den Magen aufgeschlitzt hatte. Brrr. Eine Zeitlang litt ich geradezu unter Zwangsvorstellungen, besonders als die Malaria dazukam und mir der Arzt wieder europäisches Klima empfahl. Aber lassen wir das, die Wendung unseres Gespräches liegt mir buchstäblich ? im Magen.«

Er lachte hysterisch. Sein gelbliches Napoleonsgesicht war feucht. Er rieb die Finger gegen die Handflächen. Sie schwitzten.

»Bitte zu Ihren Theorien, ich bin hochgespannt.«

III.

An der Wende des zwanzigsten zum einundzwanzigsten Jahrhundert befanden sich die europäischen Gesellschaften und Staaten in einer geistigen Krise, die mit der feierlichen Ordnung, dem Wohlstand und der bürgerlichen Geruhsamkeit, die allenthalben herrschten, in seltsamem, beinahe unverständlichem Widerstreite stand. Nach riesigen weltumspannenden Kriegen, die von sozialen Umstürzen gefolgt waren, war ein allgemeiner Erschöpfungszustand eingetreten. Die arbeitenden Klassen hatten sich durchgesetzt, es erwuchs eine kleinstbürgerliche Demokratie, aber mit patrizischen Ansätzen. Und zwar spielte dieses Massenpatriziat auf dem neuen Merkmal des Grundgenusses, das jedem physisch Arbeitenden gesichert war und jedem geistigen Arbeiter dann, wenn er seine geistige Leistung durch eine nützliche Handbeschäftigung aufwog. Forschung und Wissenschaft gingen etwas zurück, dagegen blühten die bildenden Künste außerordentlich empor, besonders die öffentliche Baukunst im Zusammenhang mit den bisher erforschten technischen Möglichkeiten. Aber der Stil, den sich diese breitgewordene zivilisierte Menschheit schuf, war nicht so sehr großartig und renaissancehaft, als liebenswürdig, gemütstief und sogar zimperlich. Es begann ein neues proletarisches Biedermeier. Oberflächliche und hübsche Dinge erfreuten die zu einem braven festen Glücke gekommenen Massen. Diese Menschen waren in ihren bösen Trieben gleichsam abgenützt und gesättigt und herzensgut. Ein leichtlebiger großstädtischer Ton wirbelte alles durcheinander, sentimentale und genußsüchtige Musik lockte die Sinne der Menge, Libretto und Operette beherrschten den Markt der nicht in Sinnfälligem schaffenden Künste. Starke philosophische Geister und ihre Gebilde wurden nicht ertragen.

Und daran zerbrach der verbürgte Frieden dieser taumelnden, wenig nachdenklichen, dem tüchtigen Sinne- und Sachenleben zugewandten Menschheit. Aus ihr selbst entstanden ihr zersetzende Keime, abnorme Willenskräfte, rachsüchtige Genien, Böses und Phantastisches sinnende Persönlichkeiten. Das proletarische Patriziat schloß sich kraft seiner Zahl, die als höchste Gottheit galt, und mit dem Merkmal der handkommenden Arbeit wie einst der Adel mit dem Schwerte durch Kastenstolz von allen anders Gezeichneten ab. Es gab einen Auswurf von Untauglichen, die sich zum geruhigen genießenden Verlauf ihres sozial festgefügten und planvoll ausgenützten Lebens nicht eigneten. Sie bildeten in den Großstädten einen geistigen Janhagel, lebten vom Staatsminimum, dessen Annahme sie oft verweigerten, bewohnten die schlichtesten Räume der Gemeindehäuser, streikten bei jedem Anlaß gegen die gewerbliche oder bureaukratische Zwangstätigkeit und füllten dergestalt die Straf- und Irrenanstalten. Beleidigt in ihren menschlichsten Instinkten durch Ordnung und Gleichmaß, wohlgefälligen und harmlosen Lebensablauf, Mangel an ehrlicher Aufregung, entzückt von einem Sinn für überirdische Verknüpfungen, Moraltheorien usw., formten sie bald eine Art neuer Tschandalenklasse. Es war vorauszusehen, daß sich an das Datum ihrer ersten politischen Organisation im Großen ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, eine neue, der alten entgegengesetzte Ära knüpfen würde. Vorläufig waren die Möglichkeiten, die wilden und diffusen Elemente zu einer Phalanx zusammenzuschweißen, nur geringe. Es bildeten sich private Vorläuferschaften heraus, Attacken auf eigene Faust, die für die zivilisierte Menschheit besonders darum gefährlich waren, weil geniale Begabung und schöpferische Kraft, persönlicher Mut, Abenteurerdurst und herrische Macht dem Einzelnen dieser Deklassierten nicht abgesprochen werden konnte; waren es ja gerade diese Fähigkeiten, gegen die sich eine auf ausgleichende Ordnung und Ruhe gestützte Vorherrschaft der Patrizier des Handgriffs wehren mußte. Die viel zu viele Gescheitheit ethisierender Problemschleuderer war eine ständige polizeiwidrige Bedrohung. So stand das seit zwei Jahrzehnten sanierte und befriedigte proletarische Europa vor einer geistigen Krise inmitten satter und materieller Ordnung.

So wenigstens hatte fünf Jahrzehnte vorher Jack Slim diese Entwicklung vorausgesagt. Er lehrte, daß die Abschaffung der Kriege zwischen den Staaten, das Anwachsen der Staatsidee auf Kosten des Individuums in den kommenden Zeiten sozusagen verschärfter Humanität das geniale und expansive Individuum derart in die Opposition drängen wird, daß mit einem Anschwellen des Kriminellen im bürgerlichen Leben zu rechnen ist. Die Träger der gigantischen und kuriosen, der phantastischesten und mit der Gelehrtheit des Zeitalters bewaffneten Verbrechen werden die Intellektuellen sein. Es wird, so lehrte er, so weit kommen, daß sich gegen die menschliche Weltgesellschaft kleinere aber mächtigere Gegengesellschaften von Verbrechern aus den Talenten und Genies aller Völker bilden, so daß man wird ganze Armeen gegen sie aufbieten müssen. So gelangte denn Jack Slim dazu, sich mit den heutigen Mitteln der Kriminalistik zu beschäftigen, und fand sie unzulänglich. Die einzige Möglichkeit, um die Menschenseele zugunsten der Gesellschaft zu lenken, ist der Mediumismus.

Jack Slim kam nach Oaxa, weil es die damals modernste europäische Stadt war, aus kleinen konstruktiven Anfängen mit amerikanischer Schnelligkeit aus dem Boden gewachsen. Oaxa lag am Grand-Kanal, der das Schwarze Meer, die Donau-Theiß-Linie benützend, mit der Ostsee verbindet und zwar an jener Erweiterung, wo eine Depression der Steppe zu Bewässerungszwecken in der Form eines größeren Bassins ausgefüllt worden war. Die Stadt lag in der sogenannten ungarischen Landschaft des europäischen Vereinigte-Staaten-Systems. Ihr Name entstammt der Esperantosprache, er ist ein Rest des bekannten Versuches, dieses internationale Verkehrsmittel in suggestiven Umlauf zu bringen. Neuentstandene Städte der esperantistischen Zwischenperiode erhielten Bezeichnungen aus dem künstlichen Sprachschatze und meist trugen sie diese aus Pietät und Gewohnheit weiter. Als das Kunstgebilde im Geschmack der Menschen erlosch, weil es des poetischen Zusammenhangs mit den orphischen Urgründen aller seelenentsprossenen Sprache, die physisch bedingte Dichtung ist, entbehrte, nahmen die größten praktischen oder geistigen Umgangssprachen der Welt seinen Platz ein. Auch in Oaxa war das Esperanto vergessen, und der Schulbeflissene, und das war außer den geistig Minderwertigen jedermann, sprach neben dem landschaftlichen Idiom die großen Kultursprachen Englisch, Deutsch und Chinesisch. Gespräche über praktische Angelegenheiten liefen in Englisch, wo sie auf besonders heikle Gebiete der Forschung, der Seele, der Wissenschaft und besonders der Metaphysik übergingen, bedienten sich die Sprecher des Deutschen. Als Kultursprache des Gefälligen und Pretiösen, der Eleganz, der höchsten Vollendung galt merkwürdigerweise das Chinesische; vermutlich weil es einen ausgebildeten, durchdachten und seit Jahrtausenden abgeschliffenen Schatz von höflichen Ausdrücken hat. Das Chinesische hatte das Französische verdrängt. Man muß sich also vorstellen, daß Gespräche damals in den höheren Kreisen zumindest in Englisch und Deutsch gehalten worden sind.

In diesen beiden Sprachen bewegte sich auch die Unterredung zwischen Jack Slim und dem Gesandten San Remo. Dieser hatte nicht nur die diplomatische Aufgabe, einen im Süden Europas gelegenen, jung emporgekommenen Nationalstaat zu vertreten; er war als Gesandter auch Mitglied des europäischen Bundesrates und besaß sowohl großen Einfluß in geschäftlichen Angelegenheiten, als auch einen populären gesellschaftlichen Namen. Die Prognosen, die Jack Slim der Entwicklung der Dinge stellte, erregten bei diesem Vertreter einer Ordnung, wie sie nach den drei großen Weltkriegen als bürgerliche Reaktion aus den Zivilisationen des Westens zurückgeflutet war, bange Abneigungen. San Remo, ein großzügiger Geschäftsmann und durchdrungen von den imperialen Forderungen seiner Zeit, erblickte, wie er Slim mitteilte, die Zukunft der Menschheit in einer Aufrechterhaltung der heiligen Allianz jener beiden großen angelsächsischen und der föderierten lateinischen Weltmacht. Er hatte mitgearbeitet an der Errichtung des lateinischen Imperiums, das außer Frankreich, den Pyrenäen und Apenninen und dem vollständig romanisierten Norden Afrikas, wo eine romanische Berbermischrasse, den Boern ähnlich, wohnte, auch die mächtig gewordenen südamerikanischen Staaten umschloß. Er war auch eine der hervorstechenden Persönlichkeiten der großen aktiven Friedensperiode. Der europäische und Staatenweltbund hatte an ihm einen eifrigen Mitarbeiter. Dieses großzügige Schaffen gründete sich bei ihm wie bei vielen andern auf einen prinzipiellen Kult des Entreprenörs, wie ihn Cecil Rhodes dargestellt hat, und keineswegs auf materiellen Heißhunger, niedrige Gier oder despotische Veranlagung. Das nahezu naturgeschichtliche Problem dieser die westliche genannten Zivilisation, die energische Umgestaltung der Erdrinde im Sinne des technischen Fortschritts, hatte sich zur siegreichen Weltanschauung verdichtet und als solche ausgebreitet. Voraussetzung zur Lösung dieser Aufgabe erschien der liberale Gedanke in seiner schärfsten Form, dem Individualismus. So kämpfte denn San Remo deutlich mit Unlustgefühlen, als er die Zukunft aus Jack Slims Theorien abhorchte, und stimmte dann um so begeisterter zu, als aus ihnen zu entnehmen war, daß die Erstarrung der bürgerlichen Gesellschaft unter einem Klassenpatriziat von unten her von vorübergehender Dauer sein konnte; es war tröstlich, zu wissen, daß das heroische und geniale Blut ein solch unbelebtes Gleichmaß nicht ohne Sprengungsversuche würde ertragen können.

»Seltsam,« sagte San Remo und betrachtete mit tiefer Neugier sein Gegenüber, »seltsam ist mir daran nur, daß Sie, Jack Slim, darin eine Mission erblicken könnten, dieses maschinelle Biedermeier gegen wildere aber auch geistigere Störungen zu schützen. So wie ich Sie zu empfinden glaube, hätte ich Sie eher für ein Mitglied einer solchen geheimen Gesellschaft gehalten, die Sie soeben selbst schilderten und vorhersagten.«

»Meine politische Auffassung,« antwortete Slim ablenkend, »spielt bei diesen Unternehmungen keine Rolle. Die Frage, die vorliegt, ist eine rein kriminalistische. Ob die Verbrecher der Zukunft ein gewisses historisches und vielleicht ein Naturrecht für sich in Anspruch werden nehmen können, entscheidet nicht darüber, wie der Schutzapparat der Gesellschaft organisiert sein muß, um seine Aufgabe zu erfüllen. Die mechanischen kriminalistischen Methoden sind unzureichend, thats all. Der Beamte, auch der genialste Kriminalbeamte, muß gegenüber einem solchen Feinde, wie wir ihn theoretisch voraussagen, plump erscheinen.«

San Remo wölbte die Augenbrauen und gab seinem Gesicht einen vertraulichen Ausdruck: »Sollten Sie, Meister, nicht gerade das Gegenteil damit verfolgen ? ich meine, sollte es Ihnen, der Sie vielleicht ein Vorfahre Ihrer eigenen theoretischen Verbrecher sind, nicht doch darum zu tun sein, schon jetzt den Feldzug gegen die Kriminalisten unserer materialistischen menschlichen Gesellschaft zu beginnen? ?«

»Sie denken an jemand besonderen?« frug Slim und blickte nach den Photographien an der Wand, aus deren Reihe groß und massig das energisch-müde Antlitz des Cecil Rhodes hervortrat.

San Remo folgte den Blicken Slims geschmeichelt; die Anwesenheit dieser Photographie im Arbeitszimmer des Staatsmannes war kein Zufall; als Zufall betrachtete er es offenbar auch nicht, wenn seine Besucher zwischen ihm und dem Porträt seines Lieblings Vergleiche anstellten und eine gewisse Ähnlichkeit bemerken zu können glaubten; es war der Typus einer spezifischen Energie einer bestimmten Zeit, der die beiden ähnlich sein ließ. Im übrigen waren zwischen dem Briten und dem Südeuropäer Rassenunterschiede auch jetzt noch bemerkbar. Das Gemeinsame in beiden Gesichtern war um diese Zeit ein europäischer Gesichtsschnitt, der sowohl eine Anlehnung an Amerikanisches als eine Abfärbung von jüdisch-geistiger Energie zum Ausdruck brachte. An dem Briten trat mehr das erste, an dem Südländer mehr das zweite hervor.

So mochte denn diese Neigung San Remos, sich in Beziehung zu der großen staatsbildenden Person zu bringen, oder auch der aus dem Gespräch hervorkletternde Blick Jack Slims schuld daran sein, daß er die Frage Slims als eine direkte Anspielung verstand: »Sie meinen ??«

»Nein, ich meine natürlich nicht Cecil Rhodes, der damit nichts zu tun hat. Rhodes ist der klassische Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen; der kommerzielle Eroberer, der Aktivist der menschlichen Riesenplantage, der konstruktive Reichsbildner; aus der Distanz von späteren Jahrhunderten, deren Mittelpunkte nicht mehr in Europa liegen und von deren Gewordenheit aus der retrospektive Sinn der Weltgeschichte durchaus bei den übrigen jungen Kontinenten, den konstruktiven Vielrasse-Reichen sein wird, muß der personale Anhaltspunkt niemand anderer als dieser Mann sein. Aber was hat Rhodes mit meinem Vorhaben zu tun? ? Und doch, er hat damit zu tun. Er ist eben der größte Vertreter einer rein mechanischen Zivilisation gewesen; insofern muß ich ihn als meinen sehr geehrten Gegner betrachten ?« Die beiden Herren machten einander eine sehr höfliche, sehr leise Verbeugung. San Remos Gesicht blieb unverändert, aber er schluckte Speichel. Slim lächelte knäblich, er hatte nur eine Harmlosigkeit gesagt, bitte doch dahinter nichts zu bemerken, Herr Legationsrat. »Aber an sonst niemand haben Sie gedacht, Sir?«

»Wollen Sie denn, daß ich an jemand Bestimmten gedacht habe?« frug San Remo klug, und im selben Atemzuge schien ihm etwas einzufallen und er fügte hinzu: »Steward?«

IV.

Jack Slim sammelte sein ganzes Augenlicht auf einem Punkte zwischen den Augen San Remos über der Nasenwurzel; er sagte nichts. Er hätte aber auch gar nicht dazu kommen können; denn San Remo faßte plötzlich einen Faden, der in ihm gesponnen wurde, ins Auge und ließ sich wie eine Spinne daran weitergleiten. »Da haben wir ihn. Er ist ein Wunderwerk unserer Zivilisation, er ist legendenhaft ? sagen Sie mal, gibt es diesen Mann wirklich oder ist er nur eine literarische Erfindung, ein Wunschsymbol, eine Veranschaulichung von unterdrückter Verbrecherromantik, die sich ins soziale Anstandslose flüchtet?«

»Ich kann Sie beruhigen,« sagte Slim und blickte auf San Remo mit vermehrter Aufmerksamkeit, »er lebt wirklich, er existiert nicht nur im Buch und auf der Leinwand. Er befindet sich zufällig gerade hier ? hier, in Oaxa.«

»Soso, ah?« machte San Remo, »welcher Zufall!« Dieser Teil des Gesprächs schien ihm nicht viel zu bedeuten. »Ahm. Ja, was ich sagen wollte ? warum befindet er sich denn hier? ? Übrigens merkwürdig, daß wir dann von ihm sprechen mußten ? Ist etwas vorgefallen?«

»Nein, noch nicht. Vielleicht macht er eine Erholungsreise ? vielleicht soll aber etwas hier geschehen. Sie wissen, Steward wird oft durch fingierte Verbrechen harmloserer Art von jenen Orten weggelockt, an denen dann ein wirklich wichtiges, sozusagen öffentliches Verbrechen geschieht. Er ist ja jetzt für Staatsaffären reserviert,« und bei diesen Worten konnte man einen mokanten Zug um Slims Mundwinkel nicht übersehen.

»Man kamt also,« rief San Remo lachend, »wenn man besonders scharfsinnig ist, berechnen, daß, wo Steward auf der Bildfläche erscheint, ein Verbrechen sozusagen bereit liegt. Na, das ist sehr gut. Das ist geradezu unheimlich. Der Mann ist ja sozial gefährlich; man müßte ihn geradezu einsperren ? er ist selbst ein Verbrecher. Das Verbrechen geschieht doch seinetwegen, gleichsam als Ablenkungsverbrechen ? es ist also auf jeden Fall durch ihn stets ein Verbrechen mehr auf der Welt da, als das natürlicherweise der Fall wäre ?«

»Ja, ausgenommen den Fall, daß das fingierte und das eigentliche wichtige Verbrechen zusammenfallen. Der Zweck ist dann natürlich der, Nutzen aus dieser Usance der Ablenkungen zu schlagen, das eigentliche Verbrechen als Köderverbrechen zu maskieren und unter dem Druck einer Gewohnheit die detektivistische Aufmerksamkeit zu spalten und zu schwächen.«

»Unerhört, unerhört, wie abgeschmackt simpel diese höchsten Komplikationen eigentlich bei Steward sind, ich glaube beinahe nicht an diese journalistische Ausgeburt. Sie ist eine Geschmacksverirrung unserer reizbaren mechanischen Zeit. Dieser Steward zieht also, wohin er kommt, wie eine verkehrt laufende Maschine, ein zurückschlagendes Instrument, Verbrechen nach sich, sowie er unter allen Umständen fanatische Hilfsmittel aus der Westentasche hervorholt. Das ist faustdick. Er hat immer Verbrechen auf Lager, sie geschehen förmlich für ihn, um sein scharfsinniges Gehirn zu befriedigen, ihm geistige Emotion zu geben ? die Zivilisation scheint für ihn erschaffen, unsere Häuser werden für ihn gebaut« ? und San Remos Blick glitt an der Kassa-Wand entlang ? »man könnte denken, es sei alles nur für ihn da.«

»Und dünkt Sie das nicht charakteristisch?« frug Jack Slim. »Er ist das Symbol und zugleich die Travestie unserer Zivilisation. Er treibt sie auf die Spitze, ins Lächerliche. In ihm wird sie lächerlich, in der Tat. Als sollte die Farce dazu geschaffen werden, baut man Häuser jetzt so, daß sie seinen spekulativen Kundschafterneigungen entgegenkommen ? der verrückte umgekehrte Weg, Ihr Maschinengleichnis stimmt.«

»Vollkommen. Da haben Sie es gleich ? ob er nicht am Ende dazu hergekommen ist ? wer weiß es, ? Teufel noch einmal,« entfuhr es San Remo. »Da ist jetzt die Geheim-Bau-Gesellschaft fallit gegangen und ein neues Syndikat tritt zusammen. Was glauben Sie, Meister, das wird es wohl sein. Seine Freude an Hohlräumen und geheimen Gängen kann sich hier austoben,« ? beide Herren lachten laut ? »er wird gewiß Mitunternehmer werden. Der Kerl arbeitet auf lange Sicht. Er zentralisiert alle Verbrecher- und Überfallsmöglichkeiten, nichts kann jetzt außerhalb seines Indiziennetzes geschehen ? ein verdammtes Gehirn. Ein Kaiser der Materie ? ein Rhodes, sagten Sie nicht so ??«

»Ich?« frug Jack Slim, »gar keine Spur. Das ist wieder einmal so ein Fall, sehen Sie. Sie glauben, ich hätte Ihnen den Steward beschert: ich habe, als wir von der Zivilisation sprachen und ich mich dagegen verwahren mußte, wohl an ihn gedacht; und von ihm dachte ich an den Materialismus als Begriff und von da an dessen historischen Herkules, den Cecil Rhodes, und bemerkte zufällig dessen Bild an Ihrer Wand ? vielleicht dachte ich an ihn auch nur deshalb, weil ich es vor Augen hatte; kurz Sie bemerkten den Blick und sind logisch denselben Gedankenweg zurückgegangen. So verständigten wir uns beide ohne Worte, nur durch einen Blick, durch zwangsweise vorbereitete Gedankenreihen ? hier haben Sie ein Musterbeispiel von gelungener suggerierter Autosuggestion.«

»Fabelhaft!« rief San Remo und stand auf. Er hatte in Gedanken ein Dossier vom Tisch genommen. »Sie haben mich vollkommen überzeugt, Meister, und ? befreit!«

»Ich geben Ihnen noch einen Beweis!« sagte Jack Slim. »Sie haben da ein Dossier vom Tisch genommen. Ich weiß, was darin ist.«

»Nun?«

»Es sind die Akten über die Geheim-Bau-Gesellschaft ?«

»Donner ? Nein ? ja, wieso wissen Sie das. Das ist doch Gedankenlesen?«

»Nein. Das ist einfach Schlußvermögen. Ich bemerkte, daß Sie im selben Augenblick, als Sie vom Geheimbau sprachen, mit einer vergeßlichen Geste ihre Finger in diese Haufen von Papier und Kartons steckten, genau auf das fünfte Stück ? soeben haben Sie es vollends herausgezogen. Erlauben Sie ?« Slim nahm dem überraschten San Remo das Stück aus der Hand und warf einen nur flüchtigen Blick hinein ? »stimmt, verzeihen Sie, daß ich so indiskret bin, ich habe nichts Ungebührliches gelesen ? es stimmt, Seite 16 ist verschoben, es ist genau die Seite, auf der Ihr eigener Distrikt graphisch dargestellt wird. Ihre Geste war eine Abwehrbewegung. Nun, ist das Gedankenlesen, Suggestion oder bloß Beobachtungsgabe?«

»Sie sagen es!« rief der etwas verlegene San Remo. »Ausgezeichnet. Nun bin ich auf Ihre Seancen neugierig.«

Die Herren wechselten noch einige höfliche Redensarten und Jack Slim verabschiedete sich erst am Haustor von seinem Wirt, der ihn, ihn peinlichst am Arme führend, bis dahin begleitet hatte.

»Auf Wiedersehen!« rief Slim noch, sich zum Gehen wendend, zur Tür zurück, »und, abgemacht, Sie nehmen es nicht übel ?«

»Bedienen Sie sich meiner,« versicherte San Remo, »wann immer Sie wollen. Ich überantworte mich Ihrer Loyalität und ? Gnade!« Sie sahen sich an, lächelten, oh, sie waren beide entschieden entzückt voneinander. San Remo stand am Portal seines Palais, das geschlossen und nur in Form eines viereckigen lochartigen Ausschnittes aufgeschlitzt war, er winkte freudig mehrere Male dem sich beim Abstieg über die kleine Freitreppe in den Garten hinab verlierenden Jack Slim zu. Dann entschwand Slim in einem lebenden Zaun und schließlich hörte man ein Metallgitter musikalisch einschnappen. San Remo machte noch eine Verbeugung ins Ungefähre, Straßenlärm surrte auf, er zog sich mit nachdenklichem Gesicht durch das Viereck zurück und schloß den Flügel.


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