Silberne Saiten

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Zur Einleitung.

Was ins Weite einst geflogen,
Einzeln, ein verlorner Klang,
Ruht hier, Blatt an Blatt gebogen,
Träumerstunden stiller Sang. ?
Nun gehts weithin auf die Reise.
Allen giebt es wohl nicht viel,
Aber mir erklingt draus leise
Meiner Jugend Sehnsuchtsweise
Und mein innres Glockenspiel . . .

[10]

Das Lebenslied.

. . . Und jedes Lebensmal, das ich gefühlt,
Hat in mir dunkle Klänge aufgewühlt.

Und doch, das eine will mir nie gelingen,
Mein Schicksal in ein Lebenslied zu zwingen,

Was mir die Welt in Tag und Nacht gegeben,
In einen reinen Einklang zu verweben.

Ein irres Schiff, allein auf fremden Meer,
Schwankt meine Seele steuerlos einher

Und sucht und sucht und findet dennoch nie
Den eignen Wiederklang der Weltenharmonie.

Und langsam wird sie ihrer Irrfahrt müd.
Sie weiß: Nur einer ists, der löst ihr Lied,

Der fügt die Trauer, Glück und jeden Drang
In einen tiefen, ewig gleichen Sang.

Nur durch den Tod, der jede Wunde stillt,
wird meiner Seele Wunschgebet erfüllt.

[11]

Denn einst, wenn müd mein Lebensstern versinkt,
Mit matten Lichtern nur der Tag noch winkt,

Da werd ich sein Erlösungswort verspüren,
Er wird mir segnend an die Seele rühren,

Und in mir atmet plötzlich heilge Ruh . . .
Mein Herz verstummt. . . Er lächelt mild mir zu . . .

Und hebt den Bogen . . . Und die Saiten zittern
Wie Erntepracht vor drohenden Gewittern,

Und beben, beugen sich ? und singen schon
Den ersten, sehnsuchtsweichen Silberton.

Wie eine scheue Knospe, die erblüht,
Reift aus dem ersten Klang ein süßes Lied.

Da wird mein tiefstes Sehnen plötzlich Wort,
Mein Lebenslied ein einziger Accord,

Und Leid und Freude, Nacht und Sonnenglanz
Umfassen sich in reiner Consonanz.

Und in die Tiefen, die noch keiner fand,
Greift seine wunderstarke Meisterhand.

Und was nur dumpfer Wesenstrieb gewesen,
Weiß er zu lichter Klarheit zu erlösen.

Und wilder wird sein Lied . . . Wie heißes Blut
So rot und voll strömt seiner Töne Flut

[12]

Und braust dahin, wie schaumgekrönte Wellen,
die trotzig an der eignen Kraft zerschellen,

Ein toller Sang lustlechzender Mänaden
Ertost es laut in jauchzenden Kascaden.

Und wilder wird der Töne Bacchanal
Und wächst zur ungeahnten Sinnesqual

Und wird ein Schrei, der schrill zum Himmel gellt ?
? Dann wirrt der wilde Strom und stirbt und fällt . . .

Ein Schluchzen noch, das müde sich entringt . . .
. . . Das Lied verstummt . . . Der matte Bogen sinkt . . .

Und meine Seele zittert von den Saiten
Zu sphärenklangdurchbebten Ewigkeiten . . .

[13]

Wie dunkle Kiefernforste . . .

Wie dunkle Kiefernforste sind oft meine Träume,
Wo sich die Stämme innig aneinanderdrängen.
Dort blaut kein heller Frühlingstag. Die Zweige hängen
In stiller Trauer, voll von wundersamen Klängen
Wie lang vergessne Harfen sind dort alle Bäume.

Doch manchmal zittert mild ein Mondesglanz hernieder
Herab aus silberweißen weiten Himmelsfernen
Und schluchzt und sehnt sich wieder auf zu seinen Sternen . . .
Dann horchen alle Bäume bebend hin und lernen
Von ihm die trauerdunklen, sehnsuchtsmüden Lieder.

[14]

Verflogene Sehnsucht.

Die Frühlingnacht naht lind und lau
Durch träumende Gelände.

Wie süßer Atem einer Frau
So lösungsmild, so zart, so lau
Sind ihre weichen Hände.

Die tragen Deine Sehnsucht fort,
Du fühlst sie Dir entschwinden . . .

Nun weißt Du nicht ihr Ziel und Wort,
Suchst Deine Sehnsucht fort und fort
Und kannst sie nimmer finden . . .

[15]

Der Dichter.

Ging einer in die helle Sommernacht.
Dem war schon längst die letzte Liebe tot;
Er klagte nicht. ? Doch purpurn war entfacht
In seinem Herz der Wunden Narbenrot.

Im Auge flackerte ein fremder Glanz
Des tiefen Leides späte Schmerzenssaat . . .
So schritt er stumm dahin . . . Irrlichtertanz
War Führer ihm am blassen Dämmerpfad.

In reichem Frieden schimmerte das Land
Wie eine Brust, die selig atmend bebt . . .
Da fühlt er, wie der Stille weiche Hand
Um seine heißen Pulse kühlend schwebt.

Und schwellend flog aus tausend Kelchen her
Ein Blühen, das von weiten Fernen kam;
Wie dunkle Weine war der Duft so schwer,
Der mild sein großes Weh gefangen nahm.

[16]

Und traumgewandet zieht die Einsamkeit
Ans Mutterherz den müden Träumer hin,
Bis er vergessen Wirklichkeit und Leid
Im Banne ihrer Rätselmelodien.

Und Blütendolden stäubten in sein Haar . . .
Die Stimme aber sang und ruhte nicht,
Bis jeder Gramgedanke Traum nur war,
Und jeder Schmerz ein ewiges Gedicht . . .

[17]

Vertrauen.

Oh, einmal kommt das Glück, wann es auch sei!
Da hastet nicht der Tag an mir vorbei
Hinein ins weite wirre Weltgetriebe,
Da trag auch ich im Haare Frührotschein,
Und Sonne wird um meine Jugend sein,
Dem Prunkpokale meiner großen Liebe.

Da prangt die Welt in Glanz und Feierkleid
Und meine Liebe wird mir tote Zeit
Und stumme Zukunft morgengoldig färben! ?
Am Tag, da meines Lebens Liebe blüht
Da ist des Leides letztes Scheit verglüht
Da wird auch meine wilde Sehnsucht sterben . . .

[18]

Das Mädchen.

Heut kann ich keine Ruhe finden . . .
Das muß die Sommernacht wohl sein.
Durchs offne Fenster strömt der Linden
Verträumter Blütenduft herein.

Oh Du mein Herz, wenn er jetzt käme
? Die Mutter ging schon längst zur Ruh ?
Und Dich in seine Arme nähme . . .
Du schwaches Herz, . . . was thätest Du? . . .

[19]

Mittagsträumerei.

Langsam schleicht die Stille in den Garten
Und verstohlen schließt der leise Wind
Einem mittagsmüden Kind
Ihre zarten
Träumeraugen, die voll Sehnsucht sind.

Über weiche weiße Blütenflocken
Strömt die Sonnenflut von Baum zu Baum
Und umblüht mit goldnem Saum
Ihre Locken
Und gießt frohes Licht in ihren Traum . . .

[20]

Lied.

Rote Rosen in den Beeten
Sind von rohem Fuß zertreten
Und der Fuß gehörte mir.

Denn mich faßte ein Verlangen
Rote Lippen, weiche Wangen.
Und ? schon sprang ich hin zu Dir.

Doch die Liebe kann nicht messen
Unbehutsam und vermessen
Kam ich in des Beets Revier.

Rote Rosen in den Beeten
Sind von rohem Fuß zertreten
Doch da kannst nur Du dafür . . .

[21]

Gewährung

Allein, wir zwei. ? In jedem unsrer Blicke
Ein süßes, sehnendes Zusammenstreben,
Verhaltne Worte, die auf dieser Brücke
Mit goldnen Flügeln stumm hinüberschweben
Und unsre Seelen leise ineinander weben.

Und meine wilden, heißen Worte prangen
Von schwüler Rosen Duft an Sommertagen
Von kraftdurchtoster Jugend Lustverlangen. ?
Und tiefer wird das Drängen. Es verzagen
Die reichen Worte und nur stumme Lippen fragen . . .

Du schweigst. ? Doch deine dunkeln Augen leuchten
In mattem Glanz und deine Hände winken
Verheißung mir. ? Ich küsse dir die feuchten
Thauperlen ab, die von den Wangen blinken. ?
? Und tosend will mein Leben in dein Sein versinken . . .

[22]

Im Feld.

Fern Berge, die sich tief ins Blau verlieren
Und fern des Lebens unruhvoller Klang. ?
Hier ist kein Atemzug der Welt zu spüren
Nur Fliederdüfte wehn das Feld entlang.

Nur du und ich ziehn träumend durch die Raden
In die der Wind die Finger harfend legt,
So weltverloren, fern von Ziel und Pfaden
Den Weg, den uns die blinde Sehnsucht trägt

Und wie sich dort die Halme zärtlich neigen,
So finden heiße Lippen selig sich im Kuß. ?
Die bunten Blüten nicken her und schweigen
Und senden tausend Düfte uns zum Gruß . . .

[23]

Dunkle Sehnsucht.

Ein trüber Tag spinnt Nebel um die Fernen
Und haucht das Dunkel auf die Saaten hin. ?
Ich sehne mich nach lichten, blanken Sternen
Die stumm, wie Schwäne durch den Äther ziehn

Nach einer stillen, weichen, duftgeschwellten
An Traumesschätzen wunderreichen Nacht,
Die neu mich wiedergiebt an meine Welten
Und meiner Seele Unrast schweigen macht.

[24]

Nocturno.

Siehe die Nacht hat silberne Saiten
In die träumenden Saaten gespannt!
Weiche verzitternde Klänge gleiten
Über das selig atmende Land
Fernhin in schimmernde Weiten.

Sanft wie eine segnende Hand
Tönt und vertönt ihre Weise
Leise . . . so leise . . . so leise . . .

Und die Seele hebt ihre Schwingen
? Silberne Klänge sind ihre Flügel ?
Weit über duftumsponnene Hügel
Durch der Thäler verdämmernden Schein
Schwebt sie auf sehnsuchtgewiesener Reise
Still ins strömende Mondlicht hinein . . .

[25]

Der Forscher.

Und manchmal wächst mein Leid zu wilden Qualen,
Wenn ich da sehe, wie in hohlen, schalen
Gewohnheitsmenschen ein Gefühl erwacht,
Das sie so kläglich und ? so glücklich macht.

Und ich, ich thürm im Geiste Welt auf Welten,
Der dunklen Weisheit Räthselsprüche, sie zerschellten
Zu reiner Klarheit stets vor meinem Blick. ?
Doch mich verlangt nach jener Thoren Glück,

Zu spüren, wie sich durch verschloßne Thüren
Der Seele ungekannte Stürme rühren,
Bis sie erbebt vor innerlicher Kraft,
Die sie vernichtet ? und dann neu erschafft.

Und jähe Sehnsucht faßt mich, all mein Streben
Für dieses Glück der Liebe hinzugeben,
Zu lassen Ziel und Pfade und allein
Nur einer von den Tausenden zu sein . . .

[26]

Sternenglaube.

Sieh, da ist ein lichter Stern gesunken!
Wie ein weißer wirrer Irrlichtfunken
Schwebt er zu des Abends Blütenbeet . . .

Du . . . Jetzt flink, noch eh er ganz verweht
Sprich den Wunsch der in Erfüllung geht! ?

Zitternd ist der müde Stern gesunken . . .
Schweigend hab ich Deinen Blick getrunken
Und mit ihm Dein innerstes Gebet . . .

[27]

Im Abendpurpur.

Dank Dir, Abend, Dank für Dein Geleiten!
Kronreif webst Du meinen Locken hin
Pupurwogen mein Gewand umgleiten . . .
Und nun kann ich wie ein König schreiten
Hin zu Dir, Du meine Königin.

Was ich blicke ist mein Gut und Eigen,
Breiter Bäche helles Glitzergold,
Edelsteine, die sich von den Zweigen
Demantfunkelnd in die Sonne neigen
Winken mir als reicher Königssold.

Rosen streut der Abend mir zu Füßen. ?
Machtbewußt und hoch schreit ich dahin
Hin zu Dir. ? Und Deine märchensüßen
Blicke werden mich als König grüßen
Der ich doch bei Dir nur Bettler bin . . .

[28]

Du!

Früher zogen müd, auf schwankem Kiele
Meine Träume dunklen Fernen zu.

Doch nun eilt mit frohem Wimpelspiele
Ihre Botenschar in heitrer Ruh

Hin zu einem lichten Sehnsuchtsziele
Und dies Sehnsuchtsziel bist Du . . .

[29]

Juninacht.

Weiche Lichteswellen träumen
In die warme Juninacht.
Leise atmen alle Blumen
Ihrer Seele süße Düfte
In die leichten lauen Winde,
Die tief in den Zweigen singen
Stille, wehmutsvolle Lieder
Müde schwere Sehnsuchtsworte,
Die in unserm Herzen klingen,
Die wir suchen, niemals finden
Aber dennoch stets verstehn,
Wenn die lauen Juninächte
Ihre Sehnsuchtsmelodien
Durch die dunklen Zweigen wehn . . .

[30]

Begehren.

An manchen Tagen faßt mich ein Begehren
Nach Glanz und Glück und wilder Rythmen Glut
Nach Purpurrosen, tief und rot wie Blut
Und heißen Frauen, die mit liebesschweren
Sturmküssen dämmen meiner Wünsche Flut. ?

Doch tief in diesem grellen Lustverlangen
Zittert ein einzger leiser Wunsch allein
Nach einem großen, reichen Glücklichsein,
Nach Frieden, den mir stille Lieder sangen
In meiner Kindheit goldnem Sonnenschein.

[31]

In tiefer Nacht.

So mitternächtig alle Gassen,
Die silberblank der Mond durchzieht
So blaß und stumm die Häusermassen . . .
Hinauf zu schlummernden Gelassen
Klingt sonnetrunken noch mein Lied.

Die Straßen sind so traumesselig
Und sprechen leis mein Lied zurück.
Und lauter, voller wirds allmählich
Und bald erdröhnt es hell und fröhlich
Das Lied von meiner Liebe Glück.

Es dringt durch dunkle Fensterläden
So leise trägts der laue Wind.
In tiefem Traum umfängt es jeden
Mit seinen feinen, feinen Fäden
Die Mutter Sehnsucht um uns spinnt,

[32]

Daß sich die Mädchenherzen dehnen
Im dunklen Banne seiner Macht,
Und immer heißer wird ihr Sehnen,
Und glühend rinnen brennende Thränen
Hinein in die stumme, verschwiegene Nacht.

Doch mein Lied und ich, wir schreiten
Immer nur weiter, immer nur zu
In die silberblinkenden Weiten
Hin zu den blendendsten Seligkeiten
Hin zu Dir, oh Geliebte Du . . .

[33]

Stille Größe.

I.

Die müden Wälder stehn mit Purpurseide
Und dämmerrothem Kronengold geschmückt,
Und stolz hat sich ihr weißes Sterngeschmeide
Die Nacht ins dunkle Lockenhaar gedrückt.

Nun gleicht die Erde meinen leisen Tagen,
Die auch so müde sind und lichtentwöhnt
Und doch den reichsten Siegespurpur tragen
Weil sie der Sternenglanz der Dichtung krönt . . .

[34]

II.

Erst wenn die laute Welt dir fremd geworden,
Und Du ein Fremder allen andern bist,
Lauscht Du aus Deines Lebenslieds Accorden
Den Klang, der nur aus eigner Seele fließt.

Tief tauchst Du in den Wundenstrom der Zeiten,
Der segnend über Dir zusammenschlägt,
Und selig spürst Du, wie zu Ewigkeiten
Die starke Seele Dich hinüberträgt.

[35]

Neues Verlangen.

Die wilden Wogen sind zerstoben,
Verloschen meines Herzens Brand
Und keine Sonne grüßt von oben
In meiner Seele weites Land.

Nur manchmal, in den schwersten Tiefen,
Wills flüsternd durch die Stille gehn,
Als ob im Traum die Stimmen riefen
Nach einem frohen Auferstehn . . .

[36]

Morgenlicht.

Nun wollen wir dem Licht entgegen,
Das um die Purpurwipfel rollt.
Das Leuchten flammt auf allen Wegen
Und wächst und wird zum Morgengold.

Die glutumlohten Tannen singen
Und Jubel bricht aus jedem Klang,
Wie kampfbereihtes Fahnenschwingen
Braust durch den Wald der Höhensang.

Und lauter werden alle Weisen
Und jedes Wesen sucht sein Lied,
Die Schaffenskraft des Lichts zu preisen,
Das nun ins volle Leben glüht.

[37]

Das sind die Stunden . . .

Das sind die Stunden, die der Sehnsucht heilig sind:

Wenn in den Blütenblättern still der Abendwind
Ein dämmerdunkles Lied der müden Wehmut rauscht
Und dann verstummend selbst dem Spiel der Töne lauscht,
Wenn alle Kelche sommerschwere Düfte glühn,
Und ferne Himmelsrosen purpurblutend blühn,
Und unsrer Kindheit wundersame Märchenglocken
Mit weicher Liebesmär die Seelen an sich locken,
Wenn lautes Leben wesenlos vorüberrinnt . . .

Das sind die Stunden, die der Sehnsucht heilig sind.

[38]

Vorahnung.

Mir ist, als ob ein tiefer Drang
Im stummen Herz sich rührte,
Mir ist, als ob ich leisen Sang
In meiner Seele spürte.

Denn Deiner Schönheit Spiegelbild
Ließ alle Saiten schwingen
Sie ahnens schon: Zigeunerwild
Wird bald ihr Lied erklingen!

[39]

Vorüber . . .

Dunkelflutend durch die blassen Thale
Kriecht das letzte Abendrot entlang,
Dort im goldumwobnen Himmelssaale
Trinkt der Tag aus purpurnem Pokale
Selig seinen Todestrank.

Königspracht! ? Allein mein Blick wird trüber,
Ein Gedanke zieht so müd und sorgenschwer
Zu der lichten Tagesspur hinüber:
Wieder ging ein reicher Tag vorüber
Ungenützt und inhaltsleer!

[40]

Nacht am Gebirgssee.

Leise zieht mein Boot in blassen Wellen,
Die den Sternenreigen funkelnd spiegeln,
Breite, duftumhüllte Silberquellen
Rinnen von den mondbeglänzten Hügeln.

Und der Nebel sinkt in faltenschweren
Lichtgewanden müde um die Bäume,
Dunkeltrotzig starren rings die Föhren
Wie versteinte, sorgendüstre Träume.

Und von wildzerzackten Felsenwänden
Schwebt die Nacht behutsam durch die Stille
Und sät Frieden aus mit leisen Händen . . .
Lautlos zieht die blanke, schwanke Zille.

Lautlos schmiegen sich die weichen, feuchten
Bergseefluten an die helle Planke . . .
Tiefe Ruh . . . Nur fern ein Wetterleuchten
Wie ein wachgewordener Gedanke . . .

[41]

Winterabend im Zimmer.

Die Nebel sinken tiefer in das Dämmern,
Ein düstrer, schwarzumgrauter Wintertag,
Es singt der Sturm. Und schwere Tropfen hämmern
An trübe Scheiben, rythmisch Schlag auf Schlag.

Ich sinne stumm beim Funkenspiel der Kohlen. ?
So still und traulich wird der enge Raum,
So sonntagsfroh . . . Nun naht mit leisen Sohlen
Der erste, langersehnte Frühlingstraum . . .

[42]

Spätsommer.

Durch die dunkelgoldgen Garben
Leuchten fröhlich bunte Farben,
Blumen, die die Mahd versäumten
Blicken müde mit verträumten
Großen Augen in das Feld.

Weiße Schmetterlinge streichen
In den milden, sommerweichen
Blumendüften auf und nieder,
Und der Bienen leise Lieder
Wiegen in den Schlaf die Welt . . .

[43]

Mein Lied.

Alle Lichter sind verglommen . . .
Träumend horch ich und beklommen
Wie mein Schmerz zum Liede wird,

Und als Schluchzen müder Geigen
Durch das abendstille Schweigen
Mit gebrochnen Schwingen irrt . . .

[44]

Wunder des Abends.

Fern summt der Abendsang der Kathedrale . . .
In Dämmerflut versinkt ihr goldner Knauf,
Und von dem nebelstillen, tiefen Thale
Zieht stumm und groß, auf seidener Sandale
Die reife Sommernacht herauf.

Weit drüben siehst Du einen Stern versprühen . . .
Nun ahnst Du, daß ein Wunder Dir geschieht. ?
Du träumst und sinnst . . . Und weiche Worte blühen
In dunkler Seele zitternd auf und mühen
Sich still zu einem neuen Lied . . .

[45]

Ein Drängen . . .

Ein Drängen ist in meinem Herz, ein Beben
Nach einem großen, segnenden Erleben,
Nach einer Liebe, die die Seele weitet
Und jede fremde Regung niederstreitet.

Ich harre Tage, Stunden, lange Wochen,
Mein Herz bleibt stumm, die Worte ungesprochen
In müde Lieder flüchtet sich mein Sehnen,
Und heiße Nächte trinken meine Thränen . . .

[46]

Volksmotiv.

Ich blicke in die milde Sternennacht,
Da ist in mir ein leiser Wunsch erwacht.

Und meine starke Sehnsucht fliegt und fliegt
Fernhin, wo still im Schlaf mein Liebchen liegt.

Und meiner Liebe goldnen Sonnenschein
Webt sie ihr in den blassen Traum hinein.

Da werden alle Bilder hell und bunt.
In selgem Lächeln rundet sich ihr Mund.

Und meine Sehnsucht bringt das höchste Glück
? Dies Lächeln ihrer Lippen ? mir zurück . . .

[47]

Regentage.

Dunkle Tage, wolkenübersponnen,
Jeder regenschwerer noch und trüber
Ziehen theilnahmslos an mir vorüber
Schweigend, wie verhüllte, blasse Nonnen.

Und das Herz wird enger da und stille
Kaum will sich ein leiser Wunsch noch regen,
Langsam stirbt im steten, steten Regen
Jeder frohbewegte Schaffenswille.

Und des Nachts kann sich kein Bild mehr spinnen
In den sonst so farbenbunten Träumen,
Denn ich horche nur von allen Bäumen
Auf das monotone Regenrinnen . . .

[48]

Einsamkeit.

Frohen Herzens bin ich in die Welt gegangen
Und voll Sonne war mein junger Blick,
Doch nun kehrt ich mit verhärmten Wangen
Wieder zu der Einsamkeit zurück.

Und ich sehe wunschbefreit und weise
In das bunte Schicksalseinerlei,
Kaum verspür ichs noch, so leise, leise
Rinnt an mir die Jugendzeit vorbei.

Immer werden meine Blicke weiter,
Selig halt ich eine Welt umspannt,
Denn ich blicke froh und wissensheiter
In des Lebens unbegrenztes Land.

Hieher dröhnt kein Wächterschritt der Stunden,
Unbemerkt verbraust mein herbes Leid,
Langsam narben meine tiefen Wunden
Von der weichen Hand der Einsamkeit.

[49]

Meiner Seele nahm ich dumpfe Riegel,
Und geöffnet prangt der Wunderschrein,
Ewig lernend blick ich in den Spiegel
Meiner eignen neuen Welt hinein.

Was sich dort im Leben ohne Ende
Streitet, blendet, schlägt und überschreit
Liegt hier, Farben, Töne, wie in Bände,
Meinem Willen nach, geformt, gereiht.

Jedes Wesen fürchtet meinen Willen
Hier im engen ? unbegrenzten Raum
Jede Sehnsucht weiß ich zu erfüllen. ?
Wirklichkeit entblüht dem Dichtertraum.

Und wenn heimlich dann an manchen Tagen
Meine Sehnsucht hin zum Leben zieht
Brauch ich dieses Buch nur aufzuschlagen
Und die Seele schaut und wird nicht müd . . .

[50]

Nach dem Frühlingsregen.

Das dumpfe Brausen ist vergangen. ?
Nun stehn die Bäume stahlbeglänzt und nackt,
Die Tropfen zittern, die von Syrinxblüten niederhangen
Und fallen langsam, wie im Takt. ?
Das Feld erklingt
Von tausend neuerwachten Lauten
Und badet sich in Gold und Sonnenleuchten,
Ein frohes Kind, das in noch thränenfeuchten
Schelmaugen wieder mit dem Lächeln ringt.

[51]

Im Balladenton.

Es ist ein Glück gekommen
Ein Glück auf dunkle Nacht,
Da ist in engen Mauern
Aus sorgenschwerem Trauern
Ein Herz im Jubel erwacht.

Es ist ein Brief gekommen
Von ihm aus Kampf und Krieg.
Er war schon lang verschollen,
Sie hats nicht glauben wollen;
Nun meldet er fröhlichen Sieg.

Es ist ein Gruß gekommen
Vom Sohn im fernen Land,
Sie hört ihr Herz laut klopfen,
Und brennende Thränen tropfen
Auf die bebende Mutterhand.

[52]

Es ist ein Glück gekommen
Ein Glück auf dunkle Nacht,
Da ist in engen Mauern
Aus sorgenschwerem Trauern
Ein Herz im Jubel erwacht.

[53]

Weihnacht.

Im Dunkeln tönt noch letztes Schellenklingen,
Das bald der müde Abendwind verweht.
Nun kommt die Nacht mit ihren weichen Schwingen
Vom Himmel, der in tausend Sternen steht.

Die Andacht weitet ihre stillen Kreise
Und spricht in jedem zagen Kinderherz,
Gebet und Dank vollenden ihre fromme Reise
Und ziehn wie Opferflammen himmelwärts.

Und übervolle Menschenherzen reichen
Sich stumm die Hand im Bann der tiefen Macht
Der wunderselgen und erfüllungsreichen
Den Kinderseelen heilgen Gnadennacht.

[54]

Hand in Hand.

Laß Deine Hand in meinen Händen,
Dort ruht sie weich und mild und gut,
Und leise rinnt ein Gabenspenden
Von meiner Glut in Deine Glut,

Bis sie nicht von einander scheiden
Was jede noch ihr eigen nennt.
Und dann verzehrend in den beiden
Ein einziger Gedanke brennt. ?

[55]

Rauher Frühling.

Heut ist der Held aus unsern Winterträumen
Der Frühlingssturm zur starken That geworden.
Mit Herrschergriffen harft er in den Bäumen
Sein Königslied in brausenden Accorden.

Vieltausendfach tönts aus den Kronen wieder
In sturmgepeitschten, grollenden Chorale.
Und knirschend gräbt er in die weichen Glieder
Der Erde schmerzenstiefe Knechtesmale.

Doch kraftbewußter wird das Frühlingsstürmen
Des jungen, lebensstrotzenden Despoten.
Nun flattern schon die Nebel von den Thürmen
Die ihnen noch den letzten Schutz geboten.

Hell jauchtzt er auf . . . Und Wolkenfetzen fliegen
In wirrem Tanz . . . Zerrissen ist der Schleier
Die Sonne leuchtet auf sein frohes Siegen,
Und Goldglanz krönt die erste Frühlingsfeier.

[56]

Abendklänge.

Es ist ein Singen ausgegangen
So sehnsuchtsvoll und leis und lind,
Als trauerte mit blassen Wangen
Den Blick vom Thränenglanz verhangen
Am stillen Rain ein Königskind.

Und blickte unter lilienzarten
Schmalfingern in das große Licht
Und in des Abends Purpurgarten
Den fernen Liebsten zu erwarten
Und der Geliebte käme nicht . . .

[57]

.

Tag und Nacht.

Es sprach der junge Tag in meinen Traum:

»Wach auf! Sieh! Meines Mantels goldner Saum
Ist über dunkle Dächer ausgegossen,
Und tausend Ströme sind geflossen
Und wurden Morgenlicht und heller Tag.
Nur Du noch ruhst im Traumeshag
Wo alle Wünsche wie lebendig scheinen
Und sich zu wechselbunten Spiele einen. ?
Blick auf! Hörst Du aus fernen Dämmern
Den Rythmus der Arbeit mit ehernen Hämmern
Wach auf! ? Aus allen Poren bricht das Weltgetriebe,
Kein Glied, das ohne Kraft und Schaffen bliebe
Und jedes schmiegt sich wieder sorgsam ein
In meiner Lande unbegrenzte Reihn
Und keiner ruht. ? Nur Du allein!« ?

Und tiefer kroch das Leuchten an der Wand.
Auf meinen Augen lags, wie eine heiße Hand [59]

Und schnell war Lid und Wimper offen
Von goldner Flut des frohen Lichts getroffen.

Und wieder klang die leise Stimme mir:

»Mit erlesenen Gaben komm ich zu Dir.
Mein Kleid ist weit. Doch seine tausend Falten
Vermöchten nicht der Gaben reiche Zahl enthalten,
Die meine Arme Dir entgegenbreiten.
Ich bringe Dir Ehre und Glück aus den Weiten
Ich habe Dir alle Wege geweitet,
Drauf purpurne Rosen und Blüten gebreitet,
Was Deine Gedanken nur betend erwähnt,
Was Deine Wünsche mir Thränen ersehnt,
Was kaum Du erhofft in schüchternem Denken,
Das will ich Dir heute, heute noch schenken.
Ich will Dir den ungeborenen Willen
In leuchtenden Farben zur Wahrheit erfüllen
Und für das Leid aus fernen, schweren Tagen
Werd ich Dir wunderweiche Worte sagen,
Und Glück und Sorge, was Dich nur umflicht,
Dir wird es wesenlos und lebt nur im Gedicht. ?
Ich mache Dir zaubergewaltig den Arm
Ich führe Dich weg von dem neidischen Schwarm,
Der jedes Streben sinnberauscht verlacht.
Ich nehm Dir alles, was Dich ihnen ähnlich macht.«

So sprach der Tag. Ich aber horchte fort
Und schlürfte gierig Wort für Wort. [60]

»Doch geb ich nicht die überreiche Spende
In schlummermüde, arbeitsträge Hände
Und werfe Dir nicht die Gaben dahin. ?
Steh auf und sieh sie im Leben erblühn!
Ich bin der Tag und bin dem Leben gleich
Erfüllung harrt für jeden Wunsch in meinem Reich,
Nicht wirst Du bittend meine Gunst erringen
Nein! Wie ein Weib mußt Du mich zwingen,
Das nicht für weiche Worte seine Gaben giebt
Und nur die Kraft, den starken Willen liebt,
Der sie mit seiner Wucht errungen.«

So sprach der Tag mit leisen, weisen Zungen
Und flammte heiß mit grellen, gelben Lichtern,
Und still ward da mein Herz und schüchtern
Bei dieser Worte wahrheitsschweren Klang
Allein der Tag fuhr fort und sang:

»Doch hat Dich das Schaffen dann müde gemacht,
Führ ich Dich neu in die Arme der Nacht.
Durch des Abends blütenrote stille Weiten
Will ich Dich zum Traume heimgeleiten;
Diesem schenkst Du, was ich Dir errungen,
Glück und Glanz und echte, große Lieder
Und er giebt es tausendfach Dir wieder
Durch der Traumessänge seligsüße Weise.
Und so dreht sich Tag und Nacht im Kreise
Bist Du bei mir stark und stolz geworden,
[61]

Löst die Nacht mit ihres Lieds Accorden
Wieder Deine Einsamkeit und Eigensucht
Und des steten Wechsels reiche Frucht
Ist: Daß Du des Nachts die Seele sehnend weitest
Und des Tags zur That Dich froh bereitest.
Doch nun laß des Morgendämmerns bleiche
Traumesgärten! Auf! Zieh ein in meine Reiche.«

Und es wuchs in mir ein frohes, heißes Beben
Ich sprang auf, hinein ins volle Leben! [62]

Verstummter Wind.

Nun läßt der Sturm sein wildes Kampfverlangen
Und ruht der Nacht im weichen Mutterschoß,
Ein Knabe, der den Tag sich müd gegangen
Die Augen traumversehnt und still und groß.

Die Nacht singt eine milde Schlummerweise
Die ist so segnungsreich und lösungslind! . . .
. . . Nun schläft er schon . . . Der Sang verzittert leise
In Bäumen, die voll tiefer Träume sind . . .

[63]

Junge Glut.

Tiefe Nacht. ?
Aus sinneheißem Traum bin ich erwacht.
Ich träumte von schimmernder Glieder Pracht
Von Frauen, die mit liebesfrohen und verständnisstillen
Verschwiegnen Blicken Wunsch und Sucht erfüllen,
Ich träumte von glühenden brennenden Küssen
Von trunkener Geigen laut jubelndem Klang,
Von wilden, berauschenden Glutgenüssen
Von Mädchen, die ich als Sieger bezwang . . .
Und jede Sehnsucht fand im Traum ihr Ende
Doch nun bin ich erwacht!
Allein! . . . . . . . . . . . . . . . . . Allein!! . . . . . .
. . . Und sinnetrunken tappen meine Hände
In schweigende Dunkelheiten hinein
Hinein in die leere, nichtssagende Nacht! . . .

[64]

Gefangen.

Im Glas steht tiefgebeugt die Rose. ?
Da draußen spielt der Sonnenschein
Und sendet mit den lichten Fluten
Den Abglanz seiner Glut herein.

Ihr ist, als sei sie längst gestorben
Und läge lebend doch im Grab . . .
Erzitternd fällt ein Wassertropfen
Wie eine Thräne still herab . . .

[65]

Dichterstunde.

Nun schwebt die Einsamkeit auf weichen Flügeln . . .
Verschwiegen wird und fromm ein jedes Thun,
Und ihre Blicke segnen und entsiegeln
Die stummen Worte, die noch hilflos ruhn,
Bis dann die Seele, voll der Pracht entschleiert
Der Träume einsamsfrohe Feste feiert . . .

[66]

Schneewinter.

Nun, da die Dächer schneeumkleidet liegen,
Der Wintersturm durch leere Haiden irrt,
Daß sich die nackten Bäume seufzend biegen,
Da sehn ich mich an eine Brust zu schmiegen
An der mein wildes Trauern stiller wird.

Nach Fingern, die nur meine Stirne streifen
Und aller Gram und Unlust flattert fort,
Nach Blicken, die mir an die Seele greifen,
Bis mir dann neue Frühlingsträume reifen
Aus einem einzgen leisen Liebeswort.

[67]

Werbung.

Oh, komm in meiner Träume Reiche!
Dort drohen nicht brausende Stürme wie hier,
Dort ist meine Krone. Aus silbernem Teiche
Taucht sie empor und duftende weiche
Mädchenhände reichen sie mir.

Und laute jubelnde Sänge grüßen
Aus Tiefen und Thalen so wunderbar,
Die voll im Dufte des Abends erfließen . . .
. . . Da beug ich mich nieder mit bebenden Füßen
Und schmieg Dir die Krone ins seidene Haar.

Dann schreiten wir tiefer ins Sonnenblinken
? Es haften Dir Rosen am schimmernden Kleid ?
Wir wandeln zur Flut, das Vergessen zu trinken . . .
Und in die dämmernden Wogen versinken
Die Tage voll Sorge und menschlichem Leid . . .

[68]

In den Tag hinein.

Das ist des Schicksals höchstes Schenken,
Des Lebens innerster Genuß,
Daß wir im reichen Ueberfluß
Nicht an den trüben Tag stets denken,
Da aller Glanz verdämmern muß.

Daß wir durch frohe Tage schreiten,
Wo heiß das Leben uns umloht,
Nur Blüten blicken, leuchtend rot
Und nicht die wetterdunklen Weiten
Voll Klage, Sorge, Not und Tod . . .

[69]

Nach Hause.

Längst ist kein Lichterglanz mehr wach;
Im Nebelmeer versunken

Sind Thurm und Häuser, Dach für Dach. ?
Nur wir allein ziehn sehnsuchtstrunken
Dem goldnen Venussterne nach.

Der führt uns dunklen Wegen zu
In zärtlichem Begleiten. ?

Das Herz blüht auf von Glück und Ruh . . .
Das Ziel, dahin wir selig schreiten,
Wir ahnens beide, ich und Du . . .

[70]

Frühlingssonne.

Frühlingslicht und Blütentreiben,
Goldglanz auf den Fensterscheiben
Und dahinter kleine Wichter
Übermütige Gesichter,

Heller Kehlen geller Jubel

Kunterbunter Freudentrubel,

Kinder die sich fröhlich recken
Ärmchen in das Leuchten strecken:
»Oh Du liebe liebe Sonne!«

[71]

Aus schweren Nächten . . .

In meine Nächte zittert manche Thräne
Kein Traum schließt meine wunden Augen zu . . .
Oh, wie ich mich nach Deinen Lippen sehne
Nach ihrem glockenreinen weichen »Du«!

Oh Gott, nur Deine leise Hand zu fühlen
Und Deiner Finger stummen Liebesdruck,
Die mild die fieberheißen Pulse kühlen!
Minuten nur!! ? Mir wär es Glücks genug . . .

[72]

Meine Liebe.

Ich hasse Frauen mit dem satten Lächeln,
Das nur Erfahrung und Gewohnheit giebt,
Die prahlerisch gereifte Reize fächeln. ?
Ich hasse den, der solche Schönheit liebt.

Aus stillen Augen will ich Funken schlagen
Bis sie in heißer Liebeslust erglühn,
Will blassen Mädchen meine Träume sagen,
Durch deren Parke ihre Bilder ziehn.

Will Glieder fühlen, die es nicht verspürten,
Daß sie dem Leben schon herangereift,
Die Lippen schmiegen auf die unberührten,
Die nie ein thatgewordner Wunsch gestreift.

Ich will nur elfenzarte Finger küssen,
Durch die das Blut mit blassem Leuchten rinnt,
Ich liebe Mädchen, die nicht Wahrheit wissen,
Ein armes, stilles lebensfremdes Kind.

[73]

Doch dieser weiß ich tausend Seligkeiten
Aus unverbrauchter Jugend heißer Glut,
Um ihre Glieder will ich Königspurpur breiten
Wenn sie im Banne meiner Arme ruht.

Sie will ich dann das Glück der Liebe lehren,
Das weit hinauf in Himmelsfernen trägt,
Sowie von opferflammenden Altären
Die Lohe jauchzend zu den Sternen schlägt . . .

[74]

Nun weiß ich . . .

Mich hat ein süßer Traum bewegt,
Durch Wochen, Nacht für Nacht.

Ich hatte seines Glücks nicht acht;
Doch wie mir heut der Morgen sacht
Den Schlummer von den Lidern trägt,
Hab ich an Dich gedacht.

Nun weiß ich, wer das frohe Licht
In meine Nächte spinnt.

Denn ihr verklärtes Traumgedicht
Jst nur Dein liebes Angesicht.
Das heilige sie so tief und schlicht,
Daß sie voll Sonne sind . . .

[75]

.

Im alten Parke.

Ein Spätsommertraum.

 

Meinem lieben Adolph Donath in treuer Freundschaft.

 

[76] [77]

Sehnsucht.

Niemals hab ich Liebeslust empfunden
In den raschen, mauerschwülen Stunden! ?
Hier im alten Parke, wo nur noch verspätet

Sonnenblitze schimmern und die Stimmen
Müde in die Dunkelheit verschwimmen,
Möcht ich lieben, wenn der Abend leise betet. ?

Treten möcht ich durch die offne Pforte
Und im Dämmer einer Liebsten Worte
Flüstern, bis Gewährung ihre Wangen rötet,

Dort, wo hinter goldumglänzten Gittern
Rote Rosen in Erwartung zittern
vor dem Herbst, der sie in seinem Arme tötet . . .

[78]

Ahnung.

Die Sonne endet ihre Reise, ?
Wir wandeln unsern Park entlang.
Von ferne summt noch eine Weise . . .
Wir horchen hin . . . Und leise, leise
Zieht es uns mit in Wort und Klang,

Als wollte alles sich erfüllen,
Was in uns noch in Blüten steht. ?
Wir ahnen den geheimen Willen,
Und unsre Liebe neigt die stillen
Versehnten Augen zum Gebet . . .

[79]

Erfüllung.

Uns will der lange Sommertag nicht enden,
Wir schreiten immer tiefer in den Park hinein,
Und frohen Herzens, mit verschlungnen Händen
Begrüßen wir den Tagestod und senden
Die haßerfüllten Blicke in den Abendschein.

Wir hassen seine grellen Sonnenstrahlen,
Wir lieben nur die liebesdunkle Nacht,
Da rauscht der Springbrunn in den Porphyrschalen
Und raunt ein Lied von unsern Sehnsuchtsqualen,
Und wie die späte Liebe dann erwacht.

Und ringsum in den abendwinddurchwehten
Tannwipfeln rauscht der duftgeschwellte Klang,
Und zittert wieder aus den mondlichtübersäten
In warmen Duft gebetteten Geranienbeeten
Und weckt in uns den wundersamen Drang . . .

[80]

Auf allen Wegen träumt das große Schweigen,
Das Mondlicht sickert silbern durchs Geäst,
Die Sehnsucht spielt auf zaubersüßen Geigen . . .
Da, unter schattenschweren, dunklen Zweigen
Erblüht nun unsrer Jugend heilges Fest.

Und sorgsam webt der Abend dichte Schleier . . .
Im fernen Äther ist ein Sternenreich erblüht,
Und glitzernd ruht sein Bild im friedesstillen Weiher.
Der Park ist aufgeblüht . . . Zu unsrer Liebesfeier
Singt er der Klänge und der Düfte schönstes Lied.

[81]

Erste Schatten.

Die Liebesworte sind verzittert,
Und heimlich wird die Frage laut:
»Wird all das Glück uns eigen werden,
Das unsre heiße Sehnsucht baut?«

Wir wagens beide nicht zu sagen,
Wir beten nur und athmen kaum. ?
Das Schweigen irrt mit Silberschwingen
Durch den resedenschwülen Raum . . .

[82]

Ausklang.

Wir beide blicken, Hand in Hand geschmiegt,
Gemeinsam in das gleiche Buch hinein.
Es ist so still. ? So still. ? Verzitternd liegt
Am Himmel dunkelroter Sonnenschein.

Ganz still . . . Nur ab und zu ein Blick
Die Augensterne grüßen sich entgegen
Und schimmern feucht von übergroßem Glück . . .

Und leise naht der Herbst auf laubbedeckten Wegen,
Greift in die Blätter, die im Sommertode starben
Und treibt sie hin in kindisch-frohem Spiel.
Er nimmt den Wipfeln ihre fröhlichbunten Farben
Und schneidend ist sein Atemzug und kühl.
Der Wind knirscht zornig in den schwachen Asten,
Die biegsam seinem rohen Ansturm weichen
Und seine Wut verschäumt nun an den wetterfesten
Iahrhundertalten, sturmgewohnten Eichen.

[83]

Auch hoch zu unser Häupten murren da und flüstern
Die Gipfelkronen wehmutsvolle Herbstesmelodien,
Und kranke, müde, dunkelbunte Blätter knistern
Herab zu unserm Buche hin . . . . . . . .
. . . Wie breite schwere Blutestropfen!

Wir fahren auf. ? Die wilden Herzen klopfen,
Und unsre Blicke treffen sich in banger Frage
Und meiden sich und suchen stets sich neu:
»Der Herbst schon da? Dahin der Sonnenschein
All unsrer jugendfrohen Sommertage?
Der goldne Liebestraum vorbei? . . .«

Kein Wort, kein Blick. ? Denn in uns brennt ein Sehnen
Nach unserm Sommerglück, der Liebesnächte engem Kreis.
Und mühsam zwingen wir die aufgequollnen Thränen
Da jeder doch den Herbst ? das Ende ? nahe weiß.

Es ist so still, so furchtbar still. ? Kein Ruf, kein Laut! . . .
Die Nacht durchschreitet riesenhaft das Heidekraut,
Sieht uns mit dunklem Auge an und winkt uns zu:
Kommt in mein Reich, dort habe ihr Traumesruh.

Doch wir, wir wandeln schmerzversehnt und zag.

Da plötzlich klingt ein wehmutsvoller Nachtigallenschlag,
So schmerzdurchtönt und trauervoll und lind
Aus dunkelübersponnenem Geäst . . .
[84]

Da wird zur tiefen Qual das stumme Sehnen,
Und bald hat sich der unnennbare Schmerz gelöst,
Der nun in wilden, glühendheißen Thränen
In diese erste dunkle Herbstesnacht verrinnt.

[85]

Erinnerung.

Nun baut der Winter seine weißen Mauern,
Und alles strahlt in hellem heitrem Licht,
Nur unser Park liegt stets in stillem Trauern,
Das nie ein Laut mit fremder Stimme bricht.

Es ist, als dächt er jener Sommertage,
Die wir verbracht in froher Festlichkeit
Und rührend ist mir seine stumme Klage,
Allein in dieser weiten, schweren Einsamkeit . . .

[86] [87] [88]

finis

Druck von Gottfr. Pätz in Naumburg a. S.


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