Blätter im Winde

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Offenes Sendschreiben de rebus omnibus et quibusdam aliis an Se. In-Sicht-Excellenz Herrn Zachäus Zirbeldrüse,

der Theologie und Jurisprudenz Doktor, weiland ordentlichster Professor, geheimer Hofrath und geheimerer Demagogenfänger, nunmehr außerordentlicher Patriot, öffentlicher Liberaler und wirklicher Hofpetroleur,

in
Berlin,
Gensdarmenmarkt Nr. 1111.

 

1.

Mai 1875.

 

Mein lieber alter Feind! Ich bin förmlich gerührt von der Freundlichkeit, welche Ihre gestern eingelangte Zuschrift mir erweist. Da rede noch einer vom »preußischen Hochmuth« und von der »berliner Selbstgefälligkeit«! Sie erinnern sich vielleicht, daß ich Ihnen schon im letzten Sommer bei unserer Begegnung in Ragaz inbetreff Ihrer erstaunlichen und erstaunenden Verwandelungsfähigkeit mein aufrichtiges Kompliment gemacht habe. Sie haben sich dazumal in der That groß benommen, wissen Sie? Ich hatte Sie sofort erkannt, als Sie die Terrasse vor dem Kursal entlang kamen. Allein die verschiedenen Bändelchen in dem Knopfloch Ihres Ueberziehers flößten mir einen Respekt ein, als wäre der »Grüne Esel« aus Immermanns »Münchhausen« leibhaftig auf mich zugekommen, und erregten in mir ein so zu sagen Distanzgefühl, welches »entfernte die Vertraulichkeit«. Sie aber stiegen von der »Würde« und »Höhe« Ihrer königlich preußischen Tschin-Skala hernieder, geruhten mich ? nach so vieljähriger Trennung! ? wiederzuerkennen und begrüßten mich sogar mit etzlicher Emphase als »liebwerthen Mitbürger im neuen Reiche«, mich, den Süddeutschen, den simpeln Schwaben, den notorischen Republikaner, einen vom »demokratischen Gewürme«, mit dem verwichenen Doktor Strauß zu reden, von welchem ich gelegentlich dieses singen und sagen will:

Er starb, wie er gelebt, der große Tiftler,
Nämlich als richtiger tübinger Stiftler.
Das »Ewig-Mystische«, das er im Zoren
Vor Zeiten mit kritischem Spektakel
Geschmissen aus dem Tabernakel,
Es durfte beileibe nicht gehen verloren.
Er thät es geizig konserviren
Und schließlich an die Königskrone schmieren.
Da duftet dem »neuen Glauben« zur Ehr
Theologisch-ranzig das alte Schmeer...

Dies gethan, darf ich Sie, Hochwohlgeborener, vielleicht daran erinnern, daß mein nicht undankbares Gemüth Ihnen für Ihre wahrhaft verblüffende Herablassung sofort den Zoll des Dankes zu entrichten sich bemühte, indem ich Sie darauf aufmerksam machte, daß zwei königlich preußische Excellenzen nur ein paar Schritte von uns entfernt säßen. Wie leicht, nein, wie schwer konnten Sie sich kompromittiren! In Ihrer ? entschuldigen Sie! ? demagogenfängerlichen Vergangenheit hatten Sie ja selber das »Sage mir, mit wem du gehst« u.s.w. häufig genug in Anwendung gebracht. Sie aber machten sich gar nichts daraus, weder aus meiner Warnung noch aus den beiden Excellenzen ? es waren freilich zwei pensionirte ? sondern Sie spielten mir vielmehr eine patriotische Sonate auf der amtlich-liberal gestimmten deutschen Reichsgeige vor, daß mir nicht nur ganz berlinerblau, sondern auch nationalliberalgrau vor den Augen wurde und ich Herrn von Bennigsen reden und Herrn von Treitschke schreiben zu hören glaubte.

Es war ein schöner Moment. Leider störte denselben ein tückischer Dämon, welcher mich verleitete, an meinen lieben alten Feind Fragen zu stellen, welche ihm unbequem sein mussten. Wer ist denn für den Posten eines Großinquisitors in Berlin ausersehen? ? »Für den Posten eines Großinquisitors? Sie scherzen.« ? Behüte! Das schöne Dogma vom eins gleich drei und von den drei gleich einem, als wovon in der »Symbolik des Unsinns« beim Heine geschrieben steht:

»Die Nummer drei ist Schiboleth
Des Oberbonzen von Babel,
Durch dessen Buhlschaft sie einst gebar
Die heilige Trimurtifabel ?«

ja, dieses für das neue deutsche Reich schlechterdings nothwendige Dogma muß auch fernerweit gerettet werden. Wehe dem, der es anrührt! Gleich schreit ein beliebiger Bonze im Kollegio Germaniko wüthend zum Fenster heraus: »Der Teufel ist los in Be ? nares! Feurio und Mordio! Wetter und Zeter! Blasphemie! Hetz! hetz!« Oder eine beliebige vornehme alte Kropftaube gurrt einem strebsamen Familiar zu: »Das darf nicht geduldet werden! Setzen Sie sofort den Verfolgungsapparat des Heiligen Offiz in Bewegung gegen den Ketzer, welcher es wagte, das Dogma vom Brahma-Vischnu-Siva mit dem Humor des gesunden Menschenverstandes zu beleuchten.« ? »Ja, sehen Sie ... hm, hm ... ich gebe zu ... indessen, ja, die Nothwendigkeit gewisser Schranken und ... hm, hm ... es dürfte doch immerhin, vom staatsmännischen Standpunkte betrachtet, bedenklich sein, das, was noch so vielen Tausenden und Millionen heilig ist ?« ? Bitte, thun Sie gefälligst die alte dumme Leier aus der Hand! Wo hätte denn jemals ein denkbarer oder vielmehr undenkbarer Unsinn existirt, welcher nicht Tausenden oder gar Millionen von Menschen »heilig« gewesen wäre? Hätte man nicht einer erklecklichen Anzahl von solchen Un- oder Blödsinnen den Krieg und schließlich unerbittlich den Garaus gemacht, so würden noch heute unsere lieben Mitmenschen einander mit Gorillakeulen umbringen statt mit. Zündnadel- und Chassepotgewehren. ? »Entschuldigen Sie, das dürfte doch so ziemlich einerlei sein.« ? Der Sache nach allerdings, nicht aber der Form nach, welche letztere am Ende aller Enden alles ist oder wenigstens alles bedeutet. An was wollte oder könnte man den vielbesungenen Vorschritt der Menschheit deutlicher Nachweisen als daran, daß die Menschen nachgerade gelernt haben, das ewige Einander-Umbringen in anständigeren als gorillamäßigen Formen, in so zu sagen wissenschaftlichem Geist und in künstlerischem Stile zu betreiben? Unbegreiflich, daß man an unsern Hochschulen noch keine ordentlichen Professuren für die »Philosophie des Massenmordes« und die »Aesthetik des Abmuckens« errichtet hat. Oder fallen diese mehr als jemals zeitgemäßen Disciplinen vielleicht in den Lehrkreis der sogenannten Hof- und Kathederpetroliker, welche mit dem rechten Auge das Königthum ihres unterthänigsten Ersterbens versichern, während ihr linkes mit der Kommune verschämt liebäugelt? Ja, ja, wir erleben es noch, daß die Könige statt mit Chrisam mit Petroleum gesalbt werden. ? »Unverbesserlicher Pessimist, der Sie sind!« ? Pessimist? Wenn ich Ihnen nun sagte, daß diese Aussicht in die Zukunft sehr optimistisch von mir gemeint sei? ? »Bah, sprechen wir ernsthaft. Können Sie leugnen, daß es ein großes Vorschrittssymptom, wenn die Ueberzeugung von der unausweichlichen Nothwendigkeit socialer Reformen oder, rund und nett gesprochen, der socialen Reform auch in den gelehrten Kreisen, in den obersten Behörden und sogar an den Höfen mehr und mehr sich Bahn bricht?« ? Leugnen? Ich leugne gar nichts mehr, seit ich weiß, daß man aus der Hauptstadt der chinesischen Intelligenz an den Pl?attensee verbannt wird, so man leugnet, daß die Kirchenlichter vom nikäischen Koncil auch noch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erleuchten vermöchten ... Was macht, will sagen, was gründet denn dermalen Ihr Herr Kollega Wagener? ? »Mein Kollega, wie?« ? Nun ja, Ihr Mit-Hofkommunist. Hat er, in »höherem Auftrag«, versteht sich, noch immer Fühlung mit der socialistischen Knüttelgarde? ? »Wie sehr verkennen Sie diesen edeln Mann!« ? Sollte mir aufrichtig leid thun, so ich ihn verkannte. Aber da wir vom Gründen und von der Knüttelgarde sprechen, so entschuldigen Sie mich vielleicht, wenn ich, ich weiß nicht wie und warum, zu diesen Knüttelversen mich getrieben fühle:

Ist wo ein rechter Schwindel geplatzt,
Wird viel darüber im Landtag geschwatzt.
Mit mancher schönen Tugendphrase
Kitzelt man der Frau Moral die Nase,

Beschließt auch im lauten Entrüstungston
Eine parlamentarische Untersuchungskommission.
Die thut dann in aeternum berathen
Und die G?ründer lassen sich schmecken den Braten ...

»Sie werden nie ein ?Trinkgeld? in Form von etlichen hundert Prioritätsaktien bekommen, soviel ist sicher.« ? Aber auch nie einen gerichtlichen Posterioritätsfußtritt. Doch da kommt Ihre Frau und wir wollen daher von anständigeren Dingen reden, als da sind Gründer und Gründereien.

Die Frau Geheimräthin Zigonia Zirbeldrüse, von welcher Sie hinter ihrem Rücken schnöderweise sagten, man sähe ihr jetzt noch an, daß sie in ihrer Jugend hätte schön sein sollen, sie gewann mir an diesem und in den nächsten Tagen großen Respekt ab. Denn nicht nur lernte ich in dieser Dame eine sehr gescheide Frau kennen, sondern auch eine Macht, welche nicht allein vor dem Recht, sondern auch vor dem Reich geht. Die Frau Geheimräthin ist nämlich von Geburt ein mecklenburger Junkfröwlein, mittelalterlich zu reden, demnach eine Vollblut-Junkerin und folglich Mitglied einer Sippe, welche den Teufel nach Kaiser und Reich fragt, ja sogar obotritisch frank und frei dem Kaiser und dem Reich unter die Nasen lacht, lachen kann und darf, ergo mächtiger sein muß als das Mächtigste, was dermalen, wenigstens den Versicherungen der außerordentlichen Patrioten à la Zachäus Zirbeldrüse und Komp. zufolge, auf unserem Erdball existirt.

Nachdem ich der Dame Zigonia klargemacht hatte, daß und warum sie für mich eine so große Respektsperson sei, führten wir ? erinnern Sie sich? ? mit geziemender Gründlichkeit, aber ohne alle Erhitzung eine lange Debatte de rebus obotritensibus, und maßen Sie, Verehrtester, selbstverständlich Mitglied des Reichstages sind, so beantragte ich schließlich, Sie sollten bei erster Gelegenheit eine der bekannten parlamentarischen »Thaten in Worten« verüben, um das mecklenburgische Loch in der Reichsverfassung endlich zu verstopfen. Nachdem Sie Ihre Bereitwilligkeit erklärt hatten und die Frau Geheimräthin Ihren Entschluß mittels des Besorgnißwortes: »Wenn dir nur das Laskerchen nicht zuvorkommt!« sanktionirt hatte, vereinbarten und redigirten wir diesen von Ihnen einzubringenden Dringlichkeitsantrag: ? In anbetracht, daß die periodisch wiederkehrenden reichstäglichen Redeübungen hinsichtlich Mecklenburgs nachgerade langweiligst geworden sind, in anbetracht auch, daß gegen die Granden vom Obotritenland nicht vorgefahren werden kann als wie gegen Ultramontane, Socialdemokraten und sonstige plebeische Reichsfeinde, thut der Reichstag so, als könnte er beschließen: 1) Mecklenburg wird förmlich zum mittelalterlichen Reichsraritätenkasten erklärt und als solcher für ewige Zeiten konservirt, insbesondere in der Meinung, daß Studirende der Jurisprudenz und der Geschichte fürohin Gelegenheit haben sollen, die Institutionen der guten alten frommen Zeit in besagtem Kasten handgreiflich zu erforschen und namentlich die bis dato strittige rechtsgeschichtliche Frage nach Sein oder Nichtsein des Jus primae noctis abschließend zu lösen; 2) Herr von Gerlach wird von centrumswegen zum Oberkustos des Mittelalterraritätenreichskastens ernannt, mit der Verpflichtung, nach erfolgtem Tode sich ausstopfen zu lassen, um, in dem seiner Obhut anvertrauten Museum aufgestellt, diese Reichsanstalt mit einer rarsten Rarität zu bereichern ...

So geschehen zu Ragaz im Sommer von 1874, zur Zeit, als dorten der große Schlachtenlenker von 1870-71 badete und ich eine nicht nur begeisterte, sondern auch schöne Patriotin aus Hamburg wehklagen hörte: »Ach, meine Moltke-Illusion! Denken Sie sich, er trägt eine Perücke. O Himmel, mein Heldenideal!« Ist futsch, setzte ich stillschweigend hinzu. Da haben wir wieder einmal die Geschichtsphilosophie der Frauen: beim Cäsar können sie nicht über die Glatze, beim Moltke nicht über die Atzel wegkommen. Es gibt allerdings Ausnahmen, aber das sind seltenste. Im allgemeinen interessirt die Frauen an der weltgeschichtlichen Tragikomödie nur die Dekoration und das Kostüm oder darüber hinaus höchstens noch etwa eine: Kulissenintrike.

Bitte, bitte, schnattert jetzt nicht alsogleich zornig und erbost vom Luftkapitol der Frauenemancipation herab, mehr oder weniger vermancipirte Gegnerinnen! Erstens bin ich ja kein Gentz, der sich bekanntlich vor Gänsen fürchtete, und zweitens war die vorhin von mir ausgesprochene Thatsache keineswegs tadelnd gemeint. Pro primo nicht, weil ich ja gar wohl weiß, wie man euch armen Dingern in euren Klöstern oder Pensionaten Geschichte lehrt; pro sekundo nicht, weil ich altfränkischer Mensch, unter uns gesagt, der festen Meinung bin, es zieme einer Frau und ziere sie viel mehr, ihren Haushalt und ihr Haushaltsbuch hübsch in Ordnung zu halten, als im Weltgeschichtsbuche flüchtig herumzublättern. Natürlich gilt diese vordarwinisch-philisterne Ansicht nicht den großen weiblichen Geistern ? Verzeihung! korrektest muß ich sagen: den großen Geistinnen, welche an das Evangelium von Phantasus Stuart Mill glauben und so sich fühlen und aufspielen, als müsste des alten Aristophels Komödie von den »Ekklesiazusen« nächster Tage welthistorisch in Scene gehen.

Entschuldigen Sie diese Abschweifung und revenons à nos moutons, worunter ich aber nicht etwa die mecklenburger Granden verstanden wissen will, behüte! sondern vielmehr nur die zwischen uns vereinbarte und von Ihnen im Reichstage zu stellende Motion. Sie haben dieselbige nicht gestellt, zu meinem nicht geringen Leidwesen. Denn als Miturheber glaubte ich mir allbereits schmeicheln zu dürfen, daß es doch auch einmal einem vom »demokratischen Gewürme« gelungen sei, ein stilles Verdienstelchen um das neue deutsche Reich sich zu erwerben. Die Herren Nationalliberalen, item auch die Herren Hofsocialisten und Kathederpetroliker lassen ja sonst unsereinen dazu den Rank nicht finden. Ueberhaupt hat man Mühe, hinter dem rabiaten Schritt des Patriotismus neuester Mache nicht allzuweit zurückzubleiben. Wie das mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung allwärts schwarzweißroth schillert und bockbierbässig amrheinwachtelt!

Wie Benz und Butz so liberal jetzt sind,
Wie patentirt-fortschrittlich Kegel und Kind,
Wie staatsgesinnungstüchtig Mann und Maus ?
s ist ein Graus! ...

Sie schrieben mir, um Ihr Nichtworthalten zu entschuldigen, was ganz überflüssig war; denn wir kennen ja noch von 1848 her die Worttreue der liberalen Mädchen für alles. Uebrigens lasse ich Ihr Motiv gelten, wenn Sie sagten: »Der parlamentarische Markt ist dermalen mit Infuln, Krummstäben, Jesuitenhüten und Kapuzinerkapuzen so überführt, daß für eine mit obotritischen Ritterhelmen gefüllte Schwatzbude gar kein Raum vorhanden.« Hernach erwiesen Sie mir die Ehre, mich um die »aufrichtige« und »ernsthafte« Mittheilung dessen zu bitten, was ich über die deutschen Dinge dächte und wie ich die Sachlage intra et extra muros ansähe.

Ich will Ihrem Wunsche entsprechen und zwar mit geziemender Ernsthaftigkeit, obgleich Sie mir schon werden gestatten müssen, in meiner Weise zu reden und nicht in jener »erschöpfenden«, vor welcher die erschöpften Leser Zuflucht in morpheusischen Landen suchen. Auch Aufrichtigkeit kann ich Ihnen versprechen, und damit Sie hiervon einen Vorschmack erhalten, will ich meinen heutigen Schreibebrief mit der Bemerkung schließen, daß mir vorkommt, der Herr Reichskanzler habe beabsichtigt, am 14. April dieses Jahres in einem Pietistenkonventikel eine Rede zu halten, und habe sich mit dieser Rede ins preußische Herrenhaus verirrt.

 

2.

Ende Mai 1875.

 

Sintemalen in einer Privatkorrespondenz das Vorstecken der Objektivitätsmaske, hinter welcher, gelegentlich bemerkt, die Herren Historiker und Publizisten von der angeblichen »objektiven« Schule ihre subjektivste Parteilichkeit verstecken zu können glauben, weder zum guten noch zum schlechten Ton gehört, will ich zuvörderst freisam von mir selber reden und Ihnen, Domine borussime, ins Gedächtniß zurückrufen, daß ich so weit als irgend einer meiner süddeutschen Landsleute von der Borussomanie entfernt bin.

Ja, aufrichtig gestanden, das schnarrende, stechschrittliche, Stiefelnabsätze zusammenschlagende Wesen und Gethue war und ist mir in der Seele zuwider. Das Korporalisch-Preußische ist in mehr als einer Beziehung eine sehr ehrenwerthe, tüchtige und nützliche Sache, gar nicht zu leugnen; aber ebensowenig lässt sich bestreiten, daß es auf uns Süddeutsche durchweg antipathisch wirkt. Nicht, wie Herr von Treitschke meint, weil uns von jeher »die Zucht eines großen Staates« fehlte, sondern weil es in unserem Naturell liegt, den Menschen höher zu stellen als den Korporal, und wäre dieser auch das verwirklichte Ideal der Korporalität.

Man soll sich darüber in Berlin nur keinen Illusionen hingeben: Preußen hat sich, seitdem Deutschland in ihm aufgegangen worden, in Süddeutschland wohl Kreaturen gemacht, aber keine Freunde. Denn das Preußenthum um seiner selbst willen zu lieben, das geht einem Süddeutschen schlechthin gegen den Mann.

Trotzdem ist die Menge der Süddeutschen, welche die Thatsache der Neuschaffung des Reiches durch Preußen als einen ungeheuren Vorschritt dankbar anerkennen, zweifelsohne groß. Viele, wohl gar die meisten derselben befinden sich, denk ich, in meinem eigenen Falle, das heißt, sie nehmen und fassen die Verpreußung Deutschlands als einen harten, aber unausweichlichen Schicksalsschluß, als die von der Logik der Thatsachen erzwungene Schlußfolgerung aus geschichtlichen Prämissen, als die zur Zeit einzig mögliche Lösung der deutschen Frage.

Wo war denn eine andere Möglichkeit? Etwa bei jener armsäligen Fastnachtsposse mitten im Sommer, bei jenem frankfurter Fürstentag von 1863? Oder bei partikularistischen Ministern von der Sorte der Beust, von der Pfordten, Varnbüler und Dalwigk? Bei »Großdeutschen«, deren Großdeutschland unter dem Kaisermantel des Louis Verhuell bequem Platz gehabt hätte? Oder bei jener »Volkspartei« ohne Volk, welche des standhaften Glaubens war, die deutsche Einheit könnte und müsste aus dem hohlen Bauche der windgeschwängerten Schützen- und Sängerfestsphrase geboren werden?

Nur die Macht gründet Staaten und nur die Macht erhält sie. Das ist eine Binsenwahrheit, die jedermann wissen könnte, aber nicht jedermann wissen will. Um so schlimmer für den jedermann! Durch sein bloßes Nicht-nach-Frankfurt-Kommen in den Hundstagen von 1863 lieferte Preußen allen, die Augen hatten, den unwidersprechlichen Beweis, daß es in Deutschland nicht nur eine Macht, sondern geradezu die einzige Macht sei. Es hätte diesen Beweis schon annis 1848-49 zu liefern vermocht, ohne große Anstrengung zu liefern vermocht, falls nicht zu Potsdam der von Muckern und Jesuitinnen gegängelte Friedrich Wilhelm der Vierte sein unseliges Regiment führte oder führen ließ. An den schweren Verschuldungen dieses Regiments krankt Deutschland noch heute. Der gekrönte Romantiker und seine Jesuitinnen und Mucker, sie haben mit vollen Händen zwanzig Jahre lang die Windsaat ausgestreut, welche dann als ultramontaner Sturm aufgegangen ist und jetzt nur mit äußerster Energie und Beharrlichkeit beschworen werden kann.

Das Königthum, wie es Friedrich Wilhelm der Vierte verstand und üben ließ, war schon 1848 ein unermessliches Unglück. Es verhinderte ja die rasche Verwirklichung des deutschen Einheitsgedankens unter preußischer Führung, welche Verwirklichung schon damals in der Natur der Dinge lag und unschwer sich vollzogen hätte, wenn ein Mann auf dem Throne der Hohenzollern saß. Nur etwa ein königlich preußischer Hofhistoriograph könnte die Stirne haben, bestreiten zu wollen, daß damals das Misstrauen und der Haß der süddeutschen Demokratie gegen den Preußenkönig vollständig gerechtfertigt waren. Und dennoch besaß diese Demokratie im Frühjahr von 1849 patriotische Selbstverleugnung genug, die Anerkennung der vom ersten deutschen Parlament beschlossenen Reichsverfassung mitsammt dem Kaiserthum Friedrich Wilhelms des Vierten bei den süddeutschen Regierungen durchzusetzen. Der Romantiker in Potsdam freilich war von solchem Pflichtgefühl und solcher Selbstverleugnung weit entfernt. In jedem Augenblicke bereit, sich dem Schwager Car zu Füßen zu legen, kehrte er gegen die deutsche Nation einen wahrhaft delirirenden Hochmuth des Absolutismus heraus. Wir besitzen jetzt die Ausbrüche dieses Deliriums schwarz auf weiß in den gleichzeitigen Briefen des Königs an Bunsen, welche ein höchst werthvoller Beitrag zur Geschichte der menschlichen Narrheit im 19. Jahrhundert sind.

Wenn nun aber schon Liberale, die so zahm waren, daß sie jedem Fürsten aus der Hand fraßen, über die Ablehnung der Kaiserkrone von seiten des Romantikers und mehr noch über die schnöde Hohnart und Spottweise dieser Ablehnung so außer sich geriethen, daß sie zum ersten- und letztenmal in ihrem Leben für ganze 24 Stunden unterthänigst zu ersterben vergaßen, so dürfte es doch nicht so schwer zu begreifen sein, daß die süddeutschen Demokraten in hellen Ingrimm ausbrachen. Sie hatten mit schwerer Selbstüberwindung im März und April von 1849 ihr Ideal einer deutschen Föderativrepublik auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt und das Opfer war verschmäht worden und wie verschmäht worden! Dazu kam dann noch die Standrechtspolitik, die erbarmungslose Grausamkeit, womit nach Niederwerfung des pfälzisch-badischen Aufstandes die preußischen Sieger gegen die besiegten Reichsverfassungskämpfer verfuhren.

Ich höre Sie fragen: Warum alte, vernarbte Wunden wieder aufreißen? Doch ich sage Ihnen, diese Wunden sind nicht vernarbt: in hunderten, in tausenden von süddeutschen Herzen bluten sie noch heute nach, und ich weise darum auf sie hin, um Ihnen begreiflich zu machen, daß und wie die süddeutschen Demokraten dazu kommen konnten, in Preußen den größten Feind Deutschlands zu sehen. Was war denn, so, wie die Sachen im Herbste von 1849 und in den zunächst folgenden Jahren lagen, was war für Deutschland von einem Staate zu erwarten, dessen König es als selbstverständlich hinnahm, daß der Car im Oktober 1849 in Warschau zum Grafen Brandenburg sagen durfte: »Ich habe meinen Schwager hierher beschieden« ? wie man einen Hausknecht herbescheidet? Von einem Staate, dessen Regierung die unerhörte Novemberschmach von Olmütz unweigerlich auf sich nahm, ja sogar mit einer Stirne von Erz dieser Schmach sich rühmte?

Die süddeutsche Demokratie hatte fürwahr guten Grund, das preußische Regiment der fünfziger Jahre, eines der schlechtesten, welche es jemals gegeben, zu verabscheuen und nur Unheil und Schande von demselben zu erwarten. Aber sie that unrecht, die in demokratischen Augen allerdings »brutale« Thatsache zu übersehen, daß ohne Preußen überhaupt nichts für Deutschland zu hoffen war. Diese Thatsache, ich wiederhole es, ist durch das klägliche Scheitern aller seit 1850 dann und wann von seiten der »Mittelstaaten«, von seiten Oestreichs und von seiten der sogenannten »Volkspartei« unternommenen Versuche, für die deutsche Frage irgendeine Lösung zu finden oder auch nur zu suchen, unwidersprechlich klargestellt. Darüber kann gar kein Streit mehr sein. Denn wenn die deutsche Frage auf dem Wege ministerlicher Velleitäten oder volksparteilicher Resolutionen zu lösen war, warum haben denn die Gegner Preußens dieselbe nicht trotz Preußens gelöst? Natürlich, weil sie nicht konnten, weil sie überhaupt nichts konnten als schwatzen. Auch darüber sollte, wenigstens unter verständigen Leuten, kein Streit mehr aufkommen können, daß derartige Fragenknoten wie der in Rede stehende niemals, solange die Welt steht, und niemals, solange die Welt stehen wird, das heißt, solange Menschen Menschen waren und sind, mittels Worten aufgelöst, sondern mit dem Schwerte zerhauen wurden und werden. Bismarck hat nur eine weltgeschichtliche Wahrheit mit löblicher Offenheit ausgesprochen, als er sein berühmtes Eisen- und Blutwort fliegen ließ.

Daß man in Süddeutschland auch dazumal noch nicht wusste, woran man mit dem nicht mehr vom Manteuffel, sondern vom Bismarck regierten Preußen war, das zeugt von einer krassen Unwissenheit, von einer märchenhaften Verblendung. Diese rührte nicht etwa nur daher, daß man die deutsche Frage noch immer für eine Rechtsfrage nahm, während sie doch wie alle großen Fragen eine Machtfrage war, sondern auch und mehr noch daher, daß man sich in Süddeutschland über die Machtverhältnisse gröblich täuschte.

Seit der Zeit von 1813-15, allwo Preußen und nur Preußen die Selbstständigkeit Deutschlands und die nationale Ehre gerettet hatte, war es Herr der deutschen Geschicke, sobald es ernstlich wollte und nicht von alten oder jungen Weibern, sondern von Männern geleitet wurde. Noch mehr, sogar die alten Weiber, welche unter Friedrich Wilhelm dem Dritten regierten, vermochten allen Vereitelungsbemühungen von seiten Metternichs zum Trotz die Schaffung des Zollvereins durchzusetzen. Natürlich! Denn der Kirchhofsruhepolitik eines Metternich gegenüber war selbst die preußische von damals eine Politik des Lebens und der Bewegung. Preußen war eine Schnecke, aber Oestreich ein Petrefakt. In Berlin besoldete man den Hegel als Hof- und Staatsphilosophen, in Wien ging der officielle Kulturhaß so weit, daß man sogar den hyperloyalen Grillparzer in stupider Weise drangsalirte. Man lese nur die Selbstbiographie des Mannes. In Preußen rief man wenigstens in der Noth mitunter den Geist an, in Oestreich war es ein Unglück, wenn nicht ein Verbrechen, überhaupt Geist zu haben. Preußen durfte seines deutschen Berufes nie ganz uneingedenk sein, wenn es die eigene Zukunft nicht in Frage stellen wollte; Oestreich durfte nicht deutsch sein wollen, wenn es den Ansprüchen seiner verschiedenen »Völker« gerecht werden sollte. Bei sothanen Umständen konnte der schließliche Ausgang des östreichisch-preußischen Dualismus kaum fraglich sein. Daß aber diese unselige Hemmkette der deutschen Entwickelung einmal zerrissen werden musste, darüber sollten heute doch wohl alle Deutschen einig sein, welche weder dem unfehlbaren Papst noch irgend einem unfehlbaren Parteibovist das sacrificio del in elletto gebracht haben.

Unter meinen süddeutschen Landsleuten gibt es eine nicht kleine Anzahl ehrenwerther Männer von unzweifelhaftem Patriotismus, welche die historische Nothwendigkeit der Verpreußung Deutschlands, um durch diese Verpreußung hindurch zur Vollendung der nationalen Einheit zu gelangen, noch immer nicht begreifen wollen. Denen wäre ein genaues Studium der napoleonischen Zeit dringend zu empfehlen. Und auch noch anderen Leuten würde, gelegentlich bemerkt, dieses Studium wohlanstehen. Es würde dann nicht mehr vorkommen, daß eine bekannte Anekdote aus jener Zeit, mit deren authentischer Bezeugung es freilich nur so so la la bestellt ist, so total falsch citirt und so verballhornt werden könnte, wie in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am 16. April von seiten des Herrn von Schorlemer-Alst wie von seiten des Herrn Reichskanzlers geschehen ist.

Süddeutschland hat die verderblichen Wirkungen und Nachwehen der Rheinbundszeit noch immer nicht ganz verwunden. Zwar die bairische, wirtembergische, badische, hessische, nassauische »Nation« zu entdeutschen gelang den über alle Begriffe erbärmlichen Sklaven Napoleons, diesen rheinbündischen Despoten und Despötlein, die wie Hunde vor ihrem Oberdespoten krochen, lange nicht so weit, als sie es wollten und versuchten. Ebenso steht aber auch fest, daß von jenem rheinbundfürstlichen Größenwahn, welcher den König Friedrich von Wirtemberg riesenmäulig von seinem »Reich« und von »allen seinen Staaten« bramarbasiren ließ, etwas auch in die Bevölkerungen eingegangen ist. Es war etwas von diesem Größenwahn der süddeutschen Krähwinkelstaaterei in dem Aprilgang des Badensers Hecker anno 1848, welcher ja Lyceist genug gewesen ist, sich einzubilden, mit lächerlich kleinen Mitteln ließe sich von einem entlegenen Winkel aus Deutschland revolutioniren und republikanisiren. Und noch viel später hat sich dieser rheinbündische Größenwahn lächerlichst mausig gemacht, an jenem Tage, als er angesichts des Krieges von 1866 einen wirtembergischen Minister in eine bislang noch unerforschte Tiefe des Blödsinns hinabsteigen, das heißt, in der Abgeordnetenkammer den Preußen zum voraus ein » Vae victis!« zurufen ließ. Etliche Wochen später ist dann derselbe Minister nach Nikolsburg geeilt, um von den Vae-victis-Preußen den Frieden für das »Reich« Wirtemberg zu erbetteln.

Gewiß war es schmerzlich, die große Thatsache der anhebenden Vereinheitlichung Deutschlands auf dem Wege des Bürgerkrieges sich vollziehen zu sehen. Aber diese Bitterniß wurde in den Gemüthern denkender Patrioten wenigstens einigermaßen gemildert durch das Gefühl der Befriedigung, daß die Jammersäligkeit, Zeitwidrigkeit und Impotenz der Kleinstaaterei doch endlich einmal unwiderleglich erwiesen worden. Ich erinnere mich, selten in meinem Leben ein so tiefes Gefühl von Ekel gehabt zu haben wie damals, als der Bundestag ? der Bundestag! ? in Frankfurt die schwarzrothgoldene Fahne heraushing und die wiedererstandene »Reichsarmee« kommandirt wurde die schwarzrothgoldene Feldbinde anzulegen. Es fehlte nur noch, daß der blinde Jörg von Hannover und der böse Dietrich von Kassel sich schwarzrothgolden anstreichen ließen, um die klägliche Komödie vollständig zu machen. Sie endigte dann mit Schrecken und wie hätte sie auch anders enden können? Schon am 3. Juli von 1866 wurde bei Königgrätz die deutsche Kaiserkrone geschmiedet, welche am 18. Januar von 1871 im Schlosse zu Versailles dem Hohenzollern aufgesetzt worden ist. Die Aufgabe dieser Kaiserschaft ist, die Zusammenschließung, meinetwegen die Zusammenhämmerung, Zusammenschweißung, Zusammenpreußung der Deutschen zu einem kompakten nationalen Körper zu vollbringen, und wer gerecht sein kann und will, wird sagen müssen, daß die Jahre 1866 und 1870-71 den Beweis erbrachten, Preußen habe das Zeug zu dieser Arbeit.

Sehen Sie, mein lieber alter Feind, so betrachte ich, den seine republikanischen Anschauungen und Ueberzeugungen weit außerhalb aller Berührung mit der officiellen und officiösen Reichswelt stellen, den Entwickelungsgang der Dinge daheim. Möglich, wahrscheinlich sogar, daß dem fernstehenden Beobachter manches, vieles von dem entgeht, was aus der Nähe betrachtet sein will. Aber hinwiederum genieße ich des Vortheils, von keiner Erscheinung weder geblendet noch abgestoßen zu werden und aus der Ferne das Ganze unbefangen überblicken zu können.

Damit genug für heute. Ich ersuche Sie, der Frau Zigonia meinen tiefgefühlten Respekt zu vermelden und ihr zu sagen, ich ließe sie bitten, ein scharfes ehefrauliches Auge auf den Herrn Gemahl zu haben, wann dieser vom hofsocialistischen Raptus angewandelt würde. Sie wissen ja, es ist schon mancher, der den Narren spielte, in allem Ernste verrückt geworden, so verrückt, daß er den Baumast, auf welchem er saß, abgesägt hat.

 

3.

Anfang Juni 1875.

 

Hochwohlgeborener Geheimer im Präteritum und Oeffentlicher im Präsens! Sie erinnern sich vielleicht noch unseres Schulkameraden Bonifaz Zimperle, welcher nach nahezu dreißigjährigem Dienste von seiner Gymnasialprofessur weggemaßregelt, so recht weggemühlert worden ist. Warum? Darum: ? Einer seiner Sekundaner hatte einen von Zimperle gerügten griechischen Sprachschnitzer damit zu rechtfertigen gesucht, daß er für diesen Schnitzer die Autorität des Neuen Testaments anführte. Darauf der arme Bonifaz: »Kommen Sie mir nicht damit! Was? Das elende Griechisch dieses Machwerkes ...« Mehr sagte er nicht; aber er hatte schon zu viel gesagt. Die Mythographie des Christenthums ein elend stilisirtes Machwerk! Diese Sünde gegen den heiligen Mühler konnte nicht verziehen werden. Bonifacius musste sein Bündel schnüren und zog sich hierher zurück, als in eine Gegend, allwo man nicht befürchten muß, drangsalirt zu werden, so man meint und sagt, daß die Zusammenstoppeler der christlichen Mythologie entschieden viel schlechtere Poeten und Stilisten gewesen seien als die Verfasser der hellenischen.

Sie werden zweifelsohne sagen, die Mühlerei sei ab und vorbei; wozu so alte Geschichten aufrühren? Dazu, Excellenz im Futurum, um Sie und Ihresgleichen, sowie die Brotherren von Ihnen und Ihresgleichen, immer wieder daran zu erinnern, daß die Schäden, an denen Deutschland dermalen so schmerzlich leidet, nur die naturnothwendigen Folgen der Ausschweifungen sind, welche eine verblendete Rückwärtserei sich zu schulden kommen ließ. Wo waren damals, beiläufig gefragt, die großen, größeren und größten Patrioten von neuester Mache? Wo die Herren Liberalen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung? Wo alle die Reichstrompeter und Reichspauker in der Livree Bismarcks? Ueberall, nur nicht da, wo es galt, ohne und sogar wider hohe obrigkeitliche Bewilligung für die gute alte Sache der Vernunft und des Vaterlandes zu streiten. Und jetzt will dieses im Hofsonnenschein aus dem Schlamme der Knechtschaffenheit hervorgekrochene Geziefer mit frechster Erdreistung uns anderen vordociren, was Patriotismus und Politik sei? Bleib im Vorzimmer, Gesindel! Dort ist dein Platz und du bist ja dort auch am nächsten dabei, die Livree im Handumdrehen wechseln zu können, falls den Bismarck und Falk wieder die Manteuffel und Mühler folgen sollten.

Wäre das eine Möglichkeit? Warum denn nicht? Die Dummheit ist auf Erden immer das Möglichste in saecula saeculorum. Und es ist ja gar nicht wahr, daß mit dem Mühler auch die Mühlerei gegangen. Ein Schulmeister, der so naiv ist, das Gerede vom Staatsliberalismus für baare Münze zu nehmen und zu glauben, das Gesetz über die Civilehe müsste doch wohl auch für Schulmeister gelten, verheiratet sich civiliter. Klatsch! jagt ihn der Bonzenrath von Kuhschnappel vom Amte und der Herr Minister, in der Kammer interpellirt, erklärt, nichts von der Geschichte zu wissen. Oder ein Gymnasiallehrer gibt bei Gelegenheit seiner Beeidigung als Geschworener die Erklärung ab, daß die Formel »so wahr mir Gott helfe« für ihn nur soweit Bedeutung habe, als das Gesetz sie vorschreibe, weil nach seiner Ueberzeugung es eine Einwirkung eines persönlichen Gottes auf menschliche Handlungen nicht gebe. Krack! entsetzt das Provinzial-Schulkollegium der Provinz Sandenburg den Ketzer seines Amtes. Denn »in meinem Staate kann jeder nach Seiner Fasson Selich werden«. Die alte Geschichte! Man zeigt den Pfaffen den Drohfinger der rechten Hand, aber mit der linken streichelt man sie. Und da wundert man sich noch in Berlin, daß in Süddeutschland die alte Sage von der preußischen Heuchelei nicht verstummen will!

Winseln Sie mir nicht vor, die Reichsfreunde müssten alle früheren Differenzen vergessen, müssten zusammenstehen wie ein Mann. Man kann nicht zusammenstehen und zusammengehen mit Leuten, die man so gründlich verachtet, wie unsereiner die Staatssophisten und Salonjesuiten, die officiellen und officiösen Federknechte, die Antichambre-Gelehrten und Hofprofessoren verachtet, diesen Pöbel in Lackstiefeln und Glanzhandschuhen, welcher es mittels seiner reichsfarbig angemalten Bedientenhaftigkeit glücklich dahingebracht hat, daß die Sklaven des Vatikans, die Geisteigenen des » Al Gesù« mit einigem Schein von Berechtigung den Namen der Freiheit eitel im Munde führen können. In diesem liberal und vornehm thuenden Pöbel verflechten sich niedrige Instinkte und hochfahrende Begehrlichkeiten, der Neid der Mittelmäßigkeit und der Größenwahn der Ohnmacht, die ödeste Geistesarmuth und die selbstgefälligste Ueberhebung, die niederträchtigste Kriecherei und die übermüthigste Anmaßung zu einem Rattenkönig, welcher an Widerwärtigkeit kaum seinesgleichen hat. Mit solchen »Reichstreuen« zusammengehen? Niemals! Da ist mir, menschlich angesehen, der dickste altbairische Bierbonze in seiner autochthonen Dummheit immer noch lieber als so ein Pfiffikus Schmerle von Karrière-Keucher, welcher den Mantel reichstreu hängt, weil der Wind gerade so von Berlin herweht. Lasst einmal den Wind umschlagen und alle diese Patriotenmäntel werden wieder anders hängen. Der officielle Patriotismus und der officiöse Liberalismus, sie machen mitsammen jene Politik aus, von welcher geschrieben steht oder geschrieben stehen sollte: ?

Was ist die Politik?
Die »Kunst des Möglichen«.
Drum such mit Miene, Wort und Blick
Es zu ermöglichen,
Daß du mit richtigem Schwick und Schick
In jedem Augenblick
Gehörest zu den Möglichen ...

Also unser Schulkamerad, der weggemühlerte Bonifaz Zimperle, stand von meinem Kanapee auf, ließ die Allgemeine Zeitung, worin er gelesen, zu Boden fallen und rief aus: »Das ist ja, um die Hände über dem Cylinder zusammenzuschlagen!« ? Warum nicht gar! Erstens haben Sie keinen Cylinder auf und zweitens wären Ihre Arme viel zu kurz, um die besagte Turnübung zuwegebringen zu können. ? »Thut nichts. Ich frage: wie kann man so lügen?« ? Was ist denn? ? »Da sehen Sie. Der Kardinal Manning, aus Rom nach London zurückgekehrt, empfing eine vom Herzog von Norfolk geführte Begrüßungsabordnung und in seiner Antwort auf die Anrede derselben versicherte er, vor Zeiten, als die Welt durch den christlichen Glauben und durch das christliche Gesetz regiert worden, da sei alles besser, friedlicher, menschlicher gewesen. Wo? Wann? Die verlogene Eminenz kann ja gar keine andere Zeit im Auge haben als etwa jene mittelalterliche, wo das Papstthum den Höhepunkt seiner Macht erreicht hatte. Und damals hätte das ?christliche Gesetz? regiert? Damals wäre es menschlich zu- und hergegangen? So etwas zu behaupten, ist doch nur ein Pfaffe unverschämt genug. Selbst Sir John Falstaff würde sich einer solchen Lüge schämen.« ? Sie altes Kind! Was ist denn da zu verwundern? Wozu wären denn die Pfaffen da als zum lügen? Was ist denn am Ende aller Enden das sogenannte Christenthum selbst? Was die Religion überhaupt? ? »Eine Illusion, ein Wahn, aber ein nothwendiger.« ? Ganz gewiß. Jeder Mensch, der nicht geradezu ein zweibeiniges Stück Vieh ist, bedarf dieser Illusion, hat sie, hegt sie in dieser oder jener Form. Wenn man aber die Prämisse der religiösen Illusion als naturnothwendig erkennt und anerkennt, anerkennen muß, so muß man sich auch die Schlußfolgerungen gefallen lassen. Die Priester sind, weil sie sein müssen. Nur Hohlschädel können wähnen, es würde jemals eine religionslose Gesellschaft geben. ? »Wohl, wohl. Aber man sollte doch nach so vieltausendjähriger Kulturarbeit erwarten dürfen, daß sich die Menschen nachgerade eine einigermaßen anständige, eine mit dem Einmaleins weniger gespannte, eine weniger pfahlbäuerische und mehr civilisirte Religion angeschafft und angewöhnt hätten.« ? Meinen Sie? Wenn aber die katholische oder die lutherische Bonzenreligion, wie sie nun einmal sind, den religiösen Bedürfnissen der ungeheuren Mehrzahl unserer mehr oder weniger civilisirten Menschenbrüder entsprechen, wie dann? ? »Dann haben alle unsere großen Denker und Dichter vergebens gelebt.« ? Daran ist etwas wahres, sehr viel sogar, theuerster Magister. Was weiß denn das Volk vom Lessing und Kant, vom Göthe und Schiller? Nichts. Es sind jetzt hundert Jahre verflossen, seitdem diese großen Männer beschäftigt waren, Ströme von Licht über unser Land auszugießen, und noch gibt es Millionen von Deutschen, welche diese Lichtbringer nicht einmal dem Namen nach kennen. ? »Das ist sehr traurig.« ? Gewiß, aber noch trauriger als die Unkenntniß von seiten der Menge ist die schnöde Verleugnung alles Besten und Schönsten, was der deutsche Genius geschaffen, von seiten einer nicht geringen Anzahl solcher Deutschen und Deutschinnen, welche sich zu den »Gebildeten« zählen. Wenn dem nicht so wäre, wenn nicht zur Schmach unseres Landes tausende und wieder tausende von Junkern und Junkerinnen, von Pfaffen und Pfäfflingen der frohen Botschaft von Weimar die frechfanatische, vom Schlosse Loyola in Guipuzkoa ausgegangene vorzögen, wie könnte es im deutschen Reichstage ein »Centrum«, wie könnte es deutsche Bischöfe geben, welche mit vollem Bewusstsein vor dem Tag und Nacht auf das Verderben ihres Vaterlandes sinnenden Papst-Baal sich in den Staub werfen und bereit sind, die in Form von tausend Flüchen ausgesprochenen Verderbenswünsche ihres Götzen mit allen Kräften zu fördern? ? »Nun, es ist ja anderwärts, z. B. in Frankreich, gerade so oder ähnlich.« ? Nein, Liebster. Kein Franzos, selbst Erzjesuiten wie Dupanloup und Falloux nicht ausgenommen, wäre ehrlos genug, so vaterlandsverrätherisch zu reden und zu handeln wie unsere Römlinge. Die französischen Jesuiten bedienen sich des Ultramontanismus als eines Mittels, womit sie Frankreich wieder emporzubringen, wieder zur ersten Großmacht zu machen glauben; den deutschen Jesuiten dagegen ist der Jesuitismus Selbstzweck, das heißt, sie wollen demselben Deutschland unbedingt unterwerfen, wär es auch mit Beihilfe der Franzosen. ? »Diesen Unterschied geb ich zu. Er rührt, scheint mir, daher, daß der französische Patriotismus ein elementarer, der deutsche dagegen ein Produkt der Bildung ist. Ein deutsches Heimatsgefühl allerdings gibt es von naturwegen; aber der deutsche Vaterlandsgedanke und vollends ein deutscher Vaterlandsstolz, sie sind erst durch unsere klassische und romantische Literatur ? die letztere in ihrer patriotischen Auszweigung verstanden ? geschaffen und großgezogen worden. Maßen nun unsere römischen Bonzen und ihr gesammter Anhang das deutsche Denken und Dichten, die deutsche Poesie und Philosophie, als von ihrem Tale Lama in Acht und Bann gethan, verleugnen und verabscheuen, so ist es nur folgerichtig, daß sie auch die nationale Idee und deren staatliche Verwirklichung im deutschen Reiche verwerfen und ihr Vaterland im Vatikan suchen und finden.« ? Ganz recht. Wird aber, was meinen Sie, gegen einen Jesuitismus von dieser Sorte mit Strafgesetzen und Polizei etwas auszurichten sein? ? »Im einzelnen, ja. Der von Berlin aus geführte Kampf wird, wenn mit Ausdauer fortgesetzt, wohlverstanden! ? wenigstens derartigen Skandalien wie der Ueberwucherung des Reiches, sogar in protestantischen Gegenden, mit klösterlichen Giftpflanzen ein Ende machen. Auch von der Emancipation der Schule von der Kirche ? von einer wirklichen und nicht bloß scheinbaren Emancipation, wohlverstanden! ? sowie von der Heranbildung der katholischen Theologen auf deutschen Hochschulen ist immerhin einiges zu erwarten. Aber im ganzen und großen wird der ?Kulturkampf? nicht flecken. Warum nicht? Darum nicht, weil die Menschen nicht weise werden wollen und weil es demzufolge, wie Sie vorhin richtig bemerkten, allezeit Priester geben muß.« ? Natürlich! Weil da und dort einer ? im günstigsten Falle einer auf eine Million gerechnet ? die Wahrheit aus Wahrheitseifer sucht, redet er sich und andern ein, der Mensch sei überhaupt ein Wahrheitssucher. Nichts kann falscher sein. Beweis hierfür schon die Thatsache, daß alle die Wahrheitssucher, falls sie »thöricht genug« waren, »ihr Gefühl, ihr Schauen dem Pöbel zu offenbaren«, sehr übel gefahren sind. Man könnte eigentlich sagen, es sei ihnen ganz recht geschehen. Wer hieß sie klüger sein wollen als ihre lieben oder unlieben Mitmenschen? Wenn die ungeheure Mehrzahl der federlosen Zweifüßler von der Wahrheit nichts wissen will, so ist sie in ihrem Rechte; denn sie handelt so nicht etwa infolge mehr oder weniger selbstverschuldeter Unwissenheit, sondern instinktmäßig, von Naturtriebes Gnaden. Der Mensch hungert und dürstet nach Illusionen. Weil sein Dasein ein schwerer Traum, fühlt er sich unwiderstehlich getrieben, die Schwere dieses Traumes der Wirklichkeit mittels Träumen der Phantasie etwas zu erleichtern und zu beflügeln. Täuschung, Wahn, Lüge sind für ihn unabweisliche, weil naturnothwendige Bedürfnisse. Wenn es denkbar sein könnte, daß die Menschheit ? ich meine die sogenannte civilisirte ? heute atheistisch wäre, morgen schon würde sie sich wieder Götter und Göttinnen, Heiligenfratzen und Madonnenfetische wie die von Loreto, Einsiedeln, Czenstochau und Lourdes machen, in zum voraus allerdings nicht genau bestimmbaren, aber doch errathbaren Formen; denn der Mensch kann ja überall nicht über den Menschen hinaus. Götter und Göttinnen, Fratzen und Fetische brauchen aber Wohnung und Haushalt: folglich muß und wird es immer wieder Tempel und Priester geben. Unsere Herren Kraftstoffel freilich meinen, weil sie sich einbilden, von allem Idealismus radikal kurirt zu sein, so könnten sie auch andern weismachen, mit dem Idealismus oder ? falls mir dieser oder jener Pedant von Lexikokrassus die Wortbildung gnädigst gestatten will ? Illusionarismus sei es jetzunder aus und vorbei. Thorheit! Das Wahnfieber ist die unheilbare moralische Krankheit der Menschheit und sie wird noch im letzten Menschen phantasiren und deliriren. Sollte es den Herren Rittern von der Materie wirklich ganz entgangen sein, daß genau in demselben Verhältniß, in welchem die Wissenschaft, die Literatur, die Kunst, die Kultur überhaupt sich vermaterialisirten, der Illusionarismus an Kraft und Stärke zugenommen hat und demnach die Pfaffen heute mächtiger sind, unendlich viel mächtiger als vor hundert Jahren? Leicht begreiflich! Dazumal konnte sich das illusionarische Bedürfniß in der Wissenschaft, in der Literatur, in der Kunst luftmachen und befriedigen; heutzutage, wo diese Gebiete auf seiten der Producenten nur noch eine Geschäftssache und auf seiten der Konsumenten nur noch eine Modesache sind, wirft sich der idealistische Trieb mit ganzer Macht auf das religiöse, auf das kirchliche Gebiet. Der sogenannte Kulturproceß, die Entwickelung der Civilisation kann nur in Gegensätzen und Widersprüchen vor sich gehen. Die Logik dieser Procedur will und bewirkt also, daß, je einseitiger und anspruchsvoller der Materialismus auftritt, desto thatkräftiger und herrschsüchtiger der Jesuitismus ihm zur Seite schreitet. Diese Thatsache hat sich neuestens sogar liberalen Plattschädeln, in welchen sonst nichts platzhat als ein bißchen Phrasenhäckerling, einigermaßen aufgedrungen. Daher ist das alberne Geschrei: »Trennung der Kirche vom Staat!« allmälig gedämpfter geworden. Als ob dem Jesuitismus etwas willkommener sein könnte als diese »Freiheit, die er meint«. Wie er sie zu benutzen versteht, hat er in Belgien und in den Vereinigten Staaten handgreiflich bewiesen. Sichtbarlich genug auch schon in England. Der moderne Staat kann, falls er existiren will, gar nichts anderes thun, als sich dem modernen Klerikalismus gegenüber fortwährend auf dem » Qui-vive?« halten. Jedes Kompromiß wäre für ihn nur eine Kapitulation. Will er sich nicht der Kirche unterwerfen, so muß er sie wenigstens so weit niederhalten, daß sie ihm nicht ans Leben kann. ? »Unter solchen Umständen wird es lange währen, bevor zwischen den beiden Kämpfern ein auch nur leidlich friedliches Verhältniß hergestellt werden kann. Sollte es aber denn nicht möglich sein, in Deutschland mittels des sogenannten Alt-Katholicismus ?« ? Mittels des Alt-Katholicismus, Sie alter Träumerich? Bah ...

Umständlich wie ein Berg
Kreißte das Schisma-Mägdlein
Und brachte überzwerg
Zur Welt ein neues Sektlein.

? »Ja, Sie haben diese Döllingerei von Anfang an mit skeptischem Auge betrachtet.« ? Wie konnte und könnte man denn das Ding anders ansehen? Dieses klägliche Wasch mir den Pelz, aber mach ihn nicht naß-Ding? Die Herren wollen den Katholicismus festhalten, wie er im Tridentinum steht, und möchten doch zugleich ein bißchen in den Rationalismus, ins Zeitgemäße hinüberschillern, ohne auch nur so viel Muth aufbringen zu können, das Messegewand mit dem Prädikantentalar zu vertauschen. Mit den scholastischen Subtilitäten, welche die altkatholischen Apostel ihren Zuhörern aufspielen, lockt man keinen Hund vom Ofen, geschweige die Schafemassen aus dem römischen Pferch. Was kümmert es denn die gläubige Schäfigkeit, wenn man ihr noch ein weiteres Pfund Blödsinn, die dogmatisirte Papstunfehlbarkeit, auf den Nacken legt? Sie trägt sogar die neue Last mit Stolz, sie hüpft darunter und ist fröhlich im Herrn. Ist das liebe neue Dogma nicht durch eine ganze Reihe auferbaulichster Wunder bestätigt worden? Da sehe man dagegen den armen Kahlmäuser von Alt-Katholicismus an! Er stellt sich, nicht zu wissen, daß das Absurde nur mittels des Absurden propagirt wird. Er möchte von Herzen gern auf das Volk, auf die Massen wirken und weiß doch nicht das kleinste Mirakel zuwegezubringen. Kann sich denn nicht in irgendeiner Felsengrotte am Rhein oder auch in einem altbairischen Tannenwald eine altkatholische Muttergottes sehen lassen? Ist denn unter den allerdings nicht sehr zahlreichen altkatholischen Frauen und Mädchen schlechterdings keine blutschwitzende Luise Lateau aufzutreiben? So ein Wunderchen, worauf die römischen Auguren und Haruspices sich allzeit so gut verstanden und verstehen, würde ganz anders wirken als alle die langweiligen Predigten und langweiligeren Synodaldebatten. Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen: wer es für »zeitgemäß« und »liberal« und »rational« und »national« hält, die Deutschen und Deutschinnen an das Tridentinum glauben zu machen, der muß auch so altkatholisch sein, die alten katholischen Mittel, womit man früher den Leuten das trienter Evangelium annehmlich machte, zu handhaben. ? »Wenn ich Sie recht verstehe, geht Ihre Meinung dahin, daß jeder Versuch, die katholische Kirche innerhalb der Schranken ihres Lehrbegriffes zu reformiren, eitel sei, eitel sein müsse?« ? Errathen, lieber Alter. Von der katholischen Kirche gilt ganz, was jener Jesuitengeneral von seinem Orden sagte: » Sit, ut est, aut non sit!« Nur Unwissende können das » Non possumus!« des Vatikans für eine Formel der Willkür halten. Es ist vielmehr die Seele des Katholicismus. Dieser kann nicht anders sein, als er ist. Der »Fels Petri« ist kein leeres Wort. Starr, stolz, schroff, unveränderlich, unwandelbar, mit einem Worte steinern, so ist die katholische Kirche und so wird sie bleiben. ? »Wie lange?« ? Wer kann das sagen? Auch sie wird dereinst vergehen, weil eben auch sie wie alles Menschliche die Signatur der Vergänglichkeit trägt. Der Fels Petri wird in die Wogen des Zeitenstroms, welche seinen Fuß unablässig unterwühlen, hinabsinken. Mit den Geschlechtern der Menschen sterben ja auch ihre Religionen ab. Ueber jeden Olymp bricht einmal die »Götterdämmerung« herein. Wie viele Baalim sind schon zu den Todten geworfen worden! Auch der Papst-Baal wird es eines Tages werden. Und nicht nur er. Auch die Religionsgeschichte weiß von Stuarts, Bourbons und Welfen zu erzählen. Die göttlichen Dynastieen sind gerade so ewig wie die menschlichen. Auch im christlichen Himmel wird es dereinst Nacht werden, auch die christliche Götterdynastie wird zu den depossedirten und depositirten gehören. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen rein nur noch kunsthistorisch von den Madonnen Rafaels und Murillos reden, wie wir heutzutage von den Aphroditen des Apelles und des Praxiteles. Vordem hieß es eines Tages: »Der große Pan ist gestorben!« Künftig wird es eines Tages heißen: »Der große Christ ist todt!« An Nachfolgern aber wird kein Mangel sein. Denn solange Menschen sind, müssen und werden sie sich Götter machen. Die höchste Illusion der Menschheit, das Gottbedürfniß, erlischt nur mit ihr selbst.

 

4.

Juni 1875.

 

Sie kennen, Zirbeldrüsester, das englische Sprichwort vom Skelett, das bei näherem Zusehen in jedem Hause irgendwo versteckt gefunden werde. Nun, sehen Sie, wenn das versteckte Ding auch nicht gerade immer ein Skelett sein mag, so birgt das Sprichwort diesmal doch ein tüchtig Korn Wahrheit. Es dürfte schwer sein, auf Erden ein Dach zu finden, unter welchem nicht schon eine Tragödie gespielt hätte. Nicht jede Tragödie muß ja mit obligatem Mord oder Todtschlag enden. Ach, die schmerzlichsten Trauerspiele verlaufen gewöhnlich ohne Geräusch und Spektakel und die wehvollsten Wunden bluten nicht nach außen, sondern nach innen. Wo ist denn in unserer auf Spitze und Knopf gestellten, geschraubten, komplicirten und raffinirten Gesellschaft von heute noch eine Familie zu finden, welche nicht an einem offenen oder geheimen Schaden krankte, eine Familie, in welcher es nicht irgendein Geheimniß des Leides oder der Lächerlichkeit oder der Schande gäbe? Wenn die Summe von Angst und Noth, von Weh und Wuth, Schuld und Gewissenspein, Rachsucht und Reue, welche von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag in Palästen, Häusern und Hütten insgeheim sich anhäuft, zu einer Wetterwolke sich zu ballen vermöchte, daraus müsste ein den Erdball zerschmetternder Blitz hervorbrechen.

Auch in dem großen Hause, genannt deutsches Reich, gibt es der Schäden genug, der offenen und geheimen. Der letztgenannten wenigstens insofern, als amtlich davon geschwiegen wird und weder im Reichstage noch in der Reichspresse davon die Rede ist. Das Dekorum, sagt man, gestattet es nicht. Es ist aber eine eigene Sache um das liebe Dekorum. Man gebraucht es zumeist als eine spanische Wand, um den Leuten zu verbergen, daß keine Ehrlichkeit und kein Muth dahinter.

Was die offen zu Tage stehenden Schäden am Reichskörper angeht, so sind es die bekannten schwarzen und rothen Blattern, welche, weil »was sich versteht, sich finden muß«, allbereits zu einem braunen Krebsgeschwüre zusammengewachsen sind. Ausschneiden! Ausbrennen! Aber das alte hippokratische Recept wird, fürchte ich, auch keine Radikalkur zuwegebringen. Die erwähnten Blattern werden immer wiederkommen. Denn stets wird es Pfaffen geben, und wo und wann es welche gibt, wollen sie herrschen. Ebenso wird die sogenannte sociale Frage niemals ruhen, maßen sie niemals beantwortet werden kann. Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit ist so alt wie die menschliche Gesellschaft und er wird jung sein bis zum Ende der Tage. Weder Kommune-Mordbrände noch Kathedersocialismen werden dieses Problem lösen, weil es ebenso unlösbar ist wie das Problem des Menschendaseins überhaupt. Mit der Gleichheitsschablone und mit der Goldenen-Zeitalter-Chimäre mögen kleine und große Kinder spielen und kleine und große Gauner unwissende und faule Thoren äffen. Sonst sind diese Windeier aus Wolkenkukuksheim zu nichts nütze. Das einzige, was die Gesellschaft zu ihrer vorschreitenden Vermenschlichung wirklich thun kann und immer ernstlicher thun soll, ist, die heranwachsenden Geschlechter physisch und psychisch so zu schulen und auszurüsten, daß sie den Kampf ums Dasein zu führen vermögen, mit andern Worten, daß sie sich selber helfen können. Leuten aber, welche sich nicht selber helfen wollen, kann kein Mensch, kein Gott und kein Staat helfen, und ständen noch hundert Lugpropheten auf, welche ihren Anhängern weismachten, der Staat wäre so eine Wunder- und Zauberkuh wie jene Sabala, um welche der König Wiswamitra und der Brahman Wasischta im Ramajana stritten. Die Lugpropheten werden kommen und es wird daher allzeit eine sehr erkleckliche Anzahl von Ochsen geben, welche gläubig und sehnsüchtig nach der Zauberkuh muhen und brüllen ...

Der amtlich verschwiegene oder gelegentlich auch wohl amtlich geleugnete große Geheimschaden des Reiches ist seine Unfertigkeit. Denn die deutsche Einheit ist noch nicht da, der nationale Einheitsstaat noch nicht geschaffen. Er muß aber kommen, und da er nicht von selber kommt, muß man ihn holen, schaffen, machen. Die Logik der Geschichte will es und sie wird rechtbehalten, thät es auch allen Partikularisten in allen den wenigen Zähnen weh, die sie noch haben. Die Zeit der Kleinstaaterei geht zu Ende und damit auch die Zeit des Föderalismus. Krähwinkler, Flachsenfinger und Uristiere mögen das leugnen, es ist doch so. Die föderale Schweiz treibt unaufhaltsam dem Einheitsstaat entgegen und der Zerfall der nordamerikanischen Föderation in mehrere große Einheitsstaaten ist ja auch nur eine Frage der Zeit. Die Tendenz des Jahrhunderts, alle gleichartigen Völkerbruchtheile zu großen Körpern, zu wirklichen Nationen, zu rechten Staaten zusammenzufassen, ist unwiderstehlich. Die Kleinwirthschaft will nicht mehr gedeihen, weder im Feldbau, noch in den Gewerben, noch in der Politik. Die Weltgeschichte will nur noch mit Massen arbeiten. Und bei sothaner Sachlage hat man eine Menge von Krähwinkeln erster, zweiter und dritter Unpotenz mit in das neue deutsche Reich herübergeschleppt, statt mit dem Siegesschwert von Sadowa den Vielstaatereizopf ein- für allemal wegzuschlagen. Das widrige Ding muß und wird ja doch weggeschlagen werden; wer weiß, ob die Operation später so glatt ablaufen wird? Aber, sagt ihr, der Zopfschnitt hätte anno 1866 oder anno 1871 doch vielen Deutschen recht wehgethan. Was für welchen? Nur solchen, welche aller geübten Schonung zum Trotz unversöhnliche Feinde des Reiches sind und bleiben. Um den Grimm und Zorn solcher Leute wäre doch fürwahr die Vollendung der nationalen Einheit nicht zu theuer erkauft gewesen.

Das Reich ist unfertig und die Reichsverfassung eine Zeit und Kraft vergeudende Schlepperei. Der Bundesrath, eine nicht eben glücklich verbesserte Auflage des Bundestags, hat viel zu viel, der Reichstag viel zu wenig zu sagen. Wenn die sehr gekünstelte Maschine bislang für die wirthschaftliche und die politische Entwickelung des Reiches vortreffliches, in mehr als einer Richtung sogar vorzügliches geleistet hat, so vorzügliches, daß nur verbissene Querköpfe die Anerkennung zu weigern vermögen, so darf doch nicht übersehen werden, daß so ein komplicirtes Räder-, Schrauben-, Stifte- und Walzenwerk durch einen Obermaschinisten wie Bismarck allenfalls zu gedeihlichem Arbeiten gezwungen werden kann, daß aber die Menschen kurz-, die Einrichtungen dagegen langlebig sind. Stellt euch einmal einen Reichskanzler vor von der Mache der Wittgenstein, Ancillon, Eichhorn, Savigny, Thile, Manteuffel, Raumer, Mühler, Gerlach u. s. w. und seht dann zu, wie die Reichsmaschine fungirt, falls sie das nämlich überhaupt noch thut, statt einfach aus Rand und Band zu gehen. Aber solche Reichskanzler sind unmöglich, meint ihr? Hm, wir haben schon allerhand preußische Möglichkeiten erlebt.

Einem so entschiedenen Einheitler, wie ich einer bin, muß es die Freude an der Reichsmünze schon vergällen, wenn ich die verschiedenen Kopfstücke der Münzen ansehe. Davon will ich nicht einmal reden, daß mir altem Republikaner so ein Kopfstück überhaupt nicht zur Erbauung gereichen kann. Ich weiß aber sehr gut, daß sich der Republikanismus nicht diktiren läßt, und maßen von 40 Millionen Deutschen und Deutschinnen ungefähr 39,900,000 an die Monarchie glauben, so wäre vorderhand gegen ein monarchisches Brustbild auf den Reichsmünzen nichts einzuwenden. Das Vorhandensein der mehreren beweist, daß noch verschiedene Subtraktionsaufgaben nach dem Muster der vom anno 1866 zu lösen sind, bevor wir zu einer richtigen Einheitsrechnung gelangen können.

In Erwägung nun dieser leidigen Thatsache, in Erwägung ferner der daraus resultirenden Weitschichtigkeit und Schwerfälligkeit der Reichsverfassung, in Erwägung endlich, daß seit der Reichsgründung erst so kurze Zeit verflossen ist, muß man anerkennen, daß Reichstag und Reichsregierung redlich mitsammen gearbeitet haben. Nicht zwar so, daß sie im einzelnen nicht fehlgegriffen hätten, sehr fehl, wie denn z. B. das Reichsmünzgesetz schon jetzt als ein nach vielen Richtungen hin vergecktes Ding sich herausstellt, wie extra zum Nachtheil der Nation und zum Vortheil der beschnittenen und beschneidenden, der unbeschnittenen und doch nicht minder beschneidenden Geldjuderei gemacht. Aber im ganzen war die vereinte Arbeit von Reichsregierung und Reichstag am innern Ausbau des deutschen Staatshauses eine solche, daß ihr nur Leute ohne alles Wahrheitsgefühl die Anerkennung versagen können. Auf die Zustimmung solcher Gesellen kommt es auch gar nicht an. Man muß die Esel schreien, die Köter kläffen, die Schweine grunzen und die Gänse schnattern lassen: das ist ihre Natur und ihr Recht. Deutsche, die in der Fremde leben, merken mit nicht geringer Befriedigung, daß genau in demselben Maße, in welchem die innere Erstarkung des Reiches wächst, dessen Ansehen nach außen zunimmt. Was aber Deutsche in der Fremde ebenfalls merken und zwar mit größter Unlust, ist, daß ein Rumoren, wie es die officiellen und officiösen berliner Schreibsklaven im Frühling von heuer getrieben haben, der Sache Deutschlands zum allergrößten Nachtheile gereicht und gereichen muß.

Ja, der publicistische und diplomatische Feldzug vom April 1875 ist kläglich misslungen und das Tüpfelchen auf das i des Fiasko setzte der Car, als er wie ein richtiger deus ex machina in Berlin erschien, um sein Frieden gebietendes » Quos ego!« zu sprechen. Alle die Reptilien der berliner Regierungspresse, item auch die Amphibien der nationalliberalen, werden sich vergebens krampfhaft krümmen und winden, um die unliebsame Thatsache, daß bei dem Caren die höchste Entscheidung war, wegzusophistisiren.

Doch was sag ich? »Unliebsam« sollte diese Thatsache sein? Als ob man in Berlin nicht seit lange her gewohnt wäre, carische Entscheidungen sich gefallen zu lassen, ja sogar zu erbitten! Damit will ich keineswegs andeuten, daß die Schmachtage von Kalisch und Warschau wiederkehren könnten. Aber auf der andern Seite kann ich nicht finden, warum man die Wahrheit, daß, wie die Sachlage ist, das deutsche Reich die Allianz mit Russland pflegen und zu erhalten suchen muß, nicht frank und frei heraussagen soll.

Auf das Geschrei dummer Pressejungen über diese Allianz ist natürlich gar nicht zu achten. Alle Dümmlinge und Wissenslosen hassen allüberall instinktmäßig Deutschland, von den frommen Kindern Disrael in England bis hinab zu den parisisch gefirnißten Bojaren-Barbaren weit hinten in der Walachei. Wenn uns jemals etwas stolz machen darf, so ist es dieser gegen uns gerichtete Haß der Unwissenheit, der Scheinheiligkeit, der Pfafferei und der gedankenlosen Phrasendrescherei. Die letztere nimmt dem deutschen Reiche die russische Allianz höchlich übel. In ihrer Dummheit unergründlichem Gefühle beanstandet sie es freilich nicht, wenn die französischen sogenannten Republikaner alle Finger nach einer Allianz mit Russland lecken. Wenn dagegen Deutschland diese Allianz festhält, ja, dann ist es etwas ganz anderes, dann ist Russland plötzlich wieder nur der »verabscheuenswerthe Knutenstaat«, obzwar die Knute und Knutung bekanntlich längst abgeschafft worden.

Die verständige Politik Alexanders des Zweiten, des Bauernbefreiers, trägt bereits ihre Früchte: Russlands Ansehen ist nicht nur so groß wie jemals, sondern beruht auch auf besseren Gründen, weil der Car das Kulturwerk Peters des Großen wieder aufgenommen hat und mit Ernst, Aufrichtigkeit und Ausdauer betreibt. Soll dieses Werk gedeihlichen Fortgang haben, so bedarf das Carenreich des Friedens, wenigstens in Europa. Den Frieden von Europa sichert aber die deutsch-russische Allianz. Sie ist demnach nicht weniger ein russisches als ein deutsches Interesse, gegen dessen Thatsächlichkeit »altrussische« Barbarei vergeblich die Zähne fletscht, wie diesseits des Niemens der vulgär-liberale Unverstand ebenso vergeblich dagegen geifert.

Seines Rückhalts an Deutschland sicher, kann Russland in Asien seine gegen England gerichteten Pläne weiter verfolgen. Wir werden uns darüber nicht grämen, eingedenk, daß unser Land einen perfideren und gehässigeren Feind, als da die »oberen Zehntausend« von England sind, nicht hat. So lange das deutsche Reich seines Rückhalts an Russland sicher ist, kann es die schlechtverhehlte englische Feindschaft verachten, braucht die offene französische in keiner Weise zu fürchten, hat nicht nöthig, auf die sehr zweideutige, im besten Fall unausgiebige Freundschaft Italiens großes Gewicht zu legen, und wird es auch im stande sein, das Schreckgespenst einer »katholischen Liga«, falls sich ein solches wirklich unangenehm machen sollte, zu bannen, so zu bannen, daß demselbigen das Wiederspukenwollen vergehen würde, gründlich!

Kein Zweifel, die schwarze Internationale arbeitet aus Leibeskräften an einem solchen Liga-Werke und die rothe würde in ihrer Stupidität sich dazu vergnügt die Hände reiben. Mit Kreuzen und Fahnen würden die Römlinge die »glaubensbrüderlichen« Franzosen am Rhein einholen und ein oder der andere Infulträger übt sich ja wohl schon darauf ein, im Dome von Mainz oder Köln das gallische Triumphalhochamt zu celebriren. Deutsche Bischöfe, welche sich heute dem Papste zu Füßen werfen, die Jesuiten-Marionette anflehend, sie möchte den bekannten Größewahnsinnsstreich vom 18. Juli 1870 nicht begehen, und die morgen schon diesen Größewahnsinnsstreich als ein sakrosanktes Dogma proklamiren, sie sind zu allem fähig. Traurig genug, daß ein Deutscher befürchten muß, es könnte Deutsche geben, welche widerdeutsch genug wären, den römischen Bovist über das Vaterland zu stellen. Doch nein, sie werden es nicht wagen, oder wenn sie es dennoch wagten, werden sie sammt ihrem schäfigen oder auch kalkulirenden Anhang die Folgen ihres Thuns tragen müssen. Die Nation wird ? sonst müsste man sie geradezu für bankerott halten und erklären ? ja, sie wird angesichts einer wirklichen Gefahr den Verrath, sogar nur den Versuch eines Verraths energisch zu vereiteln und unerbittlich zu strafen wissen, und wenn der langweilige Anathemiker im Vatikan wähnt, der deutsche Episkopat sei das bekannte »rollende Steinchen«, welches bei günstiger Gelegenheit den deutschen Reichskoloß zum fallen bringen werde, so dürfte seine Unfehlbarkeit ein garstiges Loch kriegen. Denn sollte, wann etwa die Franzosen unter dem Banner der lieben Muttergottes von Lourdes gegen Deutschland sich aufmachen, das »Steinchen« sich gelüsten lassen, wirklich »rollen« zu wollen, so wird man ihm die Inful antreiben, daß ihm rollen und sehen und hören vergeht.

Für die nächste Zeit scheint das deutsche Reich Muße zu haben, den inneren Krieg durchzufechten und den Pfaffen Mores zu lehren. Die gründliche, logisch-folgerichtig-rücksichtslose Durchfechtung dieses inneren Krieges wird zur ferneren Abwendung eines äußeren höchst wesentlich beitragen. In demselben Grad und Maß, in welchem der Jesuitismus in Deutschland zur Ohnmacht herabgebracht wird, sinken auch die Hoffnungen unserer äußeren Feinde. Jeder in Deutschland gegen Rom geführte Schlag trifft zugleich die geplante katholische Liga. Sind die deutschen Katholiken, in der zweiten oder dritten Generation nämlich, einmal so weit, zu erkennen und anzuerkennen, daß es anständiger und ziemlicher, den Gesetzen ihres Vaterlandes als denen des Jesuitengenerals zu gehorchen, so wird man die Fluchkapuzinaden eines beliebigen Papstes als so harmlosen Zeitvertreib ansehen dürfen, daß der Kladderadatsch dannzumal dem heiligen Vater als einem beliebtesten Mitarbeiter glänzendes Honorar bezahlen mag.

Die entscheidenden Schlachten in dem alten, stets erneuten, jetzunder wieder zur äußersten Schärfe entbrannten Kampfe zwischen Deutschland und Rom werden natürlich nicht in Ministerkabinetten und Parlamentssälen, sondern in den Schulstuben geschlagen werden ? soweit es eben in diesem Kampfe überhaupt eine Entscheidung gibt. Der deutsche Schulmeister wird auch hier wieder das beste thun müssen und wirklich thun, vorausgesetzt, daß von der reichbesetzten Tafel des Militarismus für ihn noch fernerweit ein Brosämlein abfalle. Man kann die bittere Nothwendigkeit, daß Deutschland dermalen und, ach, noch lange von Waffen starren muß, einsehen und doch des Dafürhaltens sein, daß es der deutschen Nation wohl anstände, ihren Lehrstand, dem sie doch alles verdankt, was sie ist, und namentlich ihren Volkslehrstand ganz anders auszustatten, als bislang geschehen ist. Macht sich doch der Mangel an Lehrern bereits in wahrhaft beängstigender Weise fühlbar. Begreiflich! Wer wird sich denn zu der ewigen Hungerleiderei am Ende noch hergeben wollen? Es ist eine recht schöne Sache um den Idealismus; aber auch der Idealismus hat einen Magen und sogar einen sehr guten, wie wenigstens die christliche Kirche dickbäuchig bewiesen hat und zu beweisen fortfährt.

Wenn es aber gerecht, die Stellung des Lehrstandes zu verbessern und seine Rechte zu mehren, so ist es auch billig, daß er es mit seinen Pflichten bedeutend ernster nehme, als er notorisch vielerorten thut. Es ist die höchste Zeit, daß der im Volke bedenklichst geschwächte Rechtssinn wenigstens in der Jugend wiederum gestärkt und das von dem Gifte socialistischer Schwarbeleien angefressene Pflichtgefühl wieder geheilt werde. Nur die pflichttreu geführte Volksschule kann der furchtbaren Verwilderung, welche in den Massen nur allzu sehr um sich gegriffen hat, wirksam entgegenarbeiten, und mit der Schule muß sich eine Strafgesetzgebung und Strafrechtspflege verbinden, welche sich vom pseudo-philanthropischen Schwindel emancipirt, die sentimentalen Marotten geistreichelnder Effekthascher beiseite liegen und es sich angelegen sein lässt, den Gaunern und Verbrechern den gehörigen Respekt einzujagen. Schon jetzt sehen Männer, welchen kein Modestichwort imponirt, die Abschaffung der Todesstrafe für eine empfindsame Thorheit an, nicht darum, weil sie auf die lächerliche Abschreckungstheorie etwas gäben, sondern desshalb, weil sie überzeugt sind, daß man bestialer Rohheit oder giftiger Raffinirtheit gegenüber der wirksamen Wegräumungspraxis bedarf. Wer der Gesellschaft den Krieg ansagt, nun wohl, der muß sich auch den Gesetzen des Krieges unterwerfen. Die Hätschelung der Missethäter ist ein auf Kosten der ehrlichen Leute geübter Unsinn und die angebliche Zuchthausbesserung ein Humbug. Nur Theoremespinner, welche niemals ein Stück wirklichen Lebens gesehen haben, können leugnen, daß es Bestien-Menschen und zwar leider viele, viele allzeit gab, gibt und geben wird, Bestien-Menschen, welche nichts scheuen als den Stock und nichts fürchten als den Tod. Wann vollends die materialistische »Moral«, der freie Wille des Menschen und folglich seine Zurechnungsfähigkeit und Verantwortlichkeit sei nur eine Einbildung, durchgedrungen sein wird, dann seht zu, wohin ihr mit eurer vom Fortschrittsdusel diktirten Straf- oder auch Nichtstrafrechtspflege kommen werdet. Ihr könnt dann die Gerichtsbude schließen und müsst froh sein, wenn »der legitime Naturtrieb« den Herren Verbrechern nicht gebietet, euch beförderlich den Hals umzudrehen.

Zur Ehre des gesunden Menschenverstandes will ich jedoch annehmen, daß es dannzumal noch eine ausreichende Zahl von ehrlichen Menschen geben werde, welche den Muth haben, im Kampf ums Dasein den Halunken den Meister zu zeigen und sich zu erinnern, daß in unsern Wäldern noch Eichen genug wachsen, um daraus für Schwindler und Schurken solide Galgen zimmern zu können.

Urmeisterin Noth sorgt ja glücklicher Weise immer wieder dafür, daß in Stunden der Entscheidung die blasse Phrase das Feld räumt vor der rothbackigen That.

Das muß überhaupt unser Trost sein in allen den Wirrsalen unserer Tage. In Stunden großer Entscheidungen weicht das zufällige dem nothwendigen und räumt für eine Weile die Närrin Phantasie dem guten alten nüchternen und handfesten Schaffner der Weltgeschichte, dem common sense, den Platz. Der fasst dann die schauderhaft durcheinander geworfenen Sachen an mit seinen schwieligen Händen, nicht gerade sanft, aber geschickt und entschlossen, und stellt alles wieder an den rechten Ort; so zwar, daß er wurmstichiges und verbrauchtes in die Rumpelkammer schafft oder auch in den Ofen schiebt und das beseitigte Gerümpel durch neue Hausrathstücke ersetzt. Dermalen sitzt er aber in der Ecke und schläft, woraus sich unter andern widerlichen Erscheinungen auch die erklärt, daß da drüben im Baierlande die Bierbonzen reichsfeindlicher als sonst zu rülpsen anfangen. Ja, der gute Alte schläft und scheint nicht ruhig zu träumen, denn ich höre ihn im Schlafe murmeln: ?

Hier feist unfehlbares Pfaffenthum,
Dort dreist unfehlbares Affenthum,
Daneben die Botschaft vom Schlaraffenthum,
Gepredigt vom unfehlbaren Gnotenthum ?
Alles nach Noten dumm!

 

5.

18. Juni 1875.

 

Heute vor sechsundzwanzig Jahren hab ich in Stuttgart den brutalen Akt der Zersprengung des deutschen Parlaments durch wirtembergische Ulanen miterlebt. Sie auch, edler Kollega des Erfinders und Gründers der königlich preußischen Hofkommunisterei. Dazumal haben Sie sich es gewiß nicht träumen lassen, daß ein Tag kommen könnte, wo Sie Arm in Arm mit dem »Galgen-Zeitungs«-Wagener zwar nicht das Jahrhundert, aber doch alle laskerisch-parlamentarischen Untersuchungskommissionen in die Schranken fordern würden.

Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals Feuer spieen und gern Blut getrunken hätten? Nämlich das Feuer des röthesten demokratischen Zornes und das Blut der schwäbischen Märzminister, welche armen Schlucker doch nur gethan hatten, was unter den obwaltenden Umständen von Märzministern erwartet werden konnte, musste. Der 18. Juni von 1849 setzte das notwendige Tüpfelchen auf das i der Diskreditirung des faulen Liberalismus, welcher, der Affe des französischen, achtzehn Jahre lang seine Grimassen geschnitten und dem deutschen Philister eingebildet hatte, eines schönen Morgens würde ihm die Einheit und Freiheit auf dem Phrasenteller dargereicht werden. Die Märzministerien, jammersäligen Andenkens, waren die in eine geschäftliche Formel gebrachte Quintessenz dieses Liberalismus, und wenn die Essenz mit hässlichem Geruche verdunstete, so kommt ihr doch das Verdienst zu, die Nichtigkeit der ganzen Erscheinung unwidersprechlich aufgezeigt zu haben.

Ich selber war an jenem Junitage noch so jung, daß es mir mit dem in der Kalwer Straße tragisch zu Ihnen gesprochenen Wort: » Finis Germaniae!« bitterer Ernst gewesen ist. Zum Glück war Mutter Germania anderer Meinung. Sie hat sich seither nicht übel herausgemacht, das muß man sagen. Auf dem liberalen Phrasenteller freilich ist ihr die nothdürftig zu Faden geschlagene Reichseinheit nicht kredenzt worden, sondern auf blutüberströmter Walstatt, und was die Freiheit angeht, nun, die mag ihr den Behauptungen des liebenswürdigen Schäkers Windthorst zufolge in vollem Maße zutheil werden, wenn erst der Syllabus als die Magna Charta deutscher Nation anerkannt sein wird ...

Wie die Zeit vergeht! Man merkt das recht deutlich, so man erwägt, wie man den paulskirchlichen Parlamentsschwatz vor sechsundzwanzig Jahren ansah und wie man ihn heute ansieht. Ich darf mich freilich rühmen, weil ich es schwarz auf weiß beweisen kann, daß meine Parlaments-Illusion schon im Juni von 1848 verflogen war; aber wenn ich so viele gescheide und obendrein ehrliche Leute rings um mich her mit deutschgründlicher Geduld glauben und hoffen sah, das Heil müsste und würde von der Paulskirche ausgehen, so wollt ich mich mit meinen Zweifeln gar nicht hervorwagen. Zu meiner Zeit hatte es ja die Jugend noch nicht so herrlich weit gebracht in allermodernster »Bildung«, die Pietät für Schnickschnack zu halten und das angeblich »reindemokratische«, in Wahrheit scheindemokratische oder vielmehr schweindemokratische Lümmelgeschrei: »Nieder mit dem Respekt!« mitzubrüllen. Schreitet der alleinseligmachende »Fortschritt« nach dieser Richtung hin noch eine Weile rüstig fort, so wird er ja wohl bei jenem althottentottischen Grundgesetz anlangen, wonach die Väter, wann sie fünfzig Jahre alt geworden, von ihren Söhnen von staatswegen todtgeschlagen werden müssen.

Hätten die Menschen nicht eine förmliche Furcht vor der Wahrheit und verständen sie es, gerecht zu sein, so müssten sie zugeben, daß, was anno 1848 die deutschen Patrioten, mit Einschluß der Demokraten, obzwar mit Ausschluß der Phantasten und Phrasenstrohdrescher von der Firma Hecker, Struve u. Komp., wünschten und wollten, heute erfüllt sei. Die Frage, ob es so habe kommen müssen, wie es gekommen, und ob es nicht hätte anders kommen können und sollen, sie kann nur noch von müßigen Schwätzern aufgeworfen werden. Um was es sich für denkende und wissende Männer handelt, ist, die gewonnene nationale Basis, nicht weil, sondern obgleich sie preußisch angestrichen ist, festzuhalten und darauf weiter zu bauen. Das scheint mir verständiger und patriotischer zu sein, als mit schiefgezogenem Maul in einem Winkel zu stehen und in lächerlich ohnmächtigem Groll zu greinen: »Wir thun nicht mit, weil der Ball schwarzrothweiß statt schwarzrothgelb gefärbt ist.« Die Hauptsache ist doch wohl, daß man überhaupt einmal einen tüchtigen Ball hat, womit man werfen und treffen kann.

Die Vollendung der nationalen Einheit und der allseitige Ausbau des Reiches, sie haben zur Voraussetzung, daß Vernunft und Vaterlandsliebe mitsammen stark genug sein werden, alle Machenschaften der inneren Reichsfeinde zu vereiteln und die Zahl dieser Feinde selber bedeutend zu verringern, bevor die große Feuerprobe von außen an das Reich herantritt. Denn daß diese Probe erst noch kommen wird und bestanden sein will, fühlt und denkt jeder, wer überhaupt zu fühlen und zu denken vermag. Die gegenwärtig officiell und officiös hergedudelten Friedensarien gehen alle aus der Tonart Albernheit. Wie Deutschlands Feinde ihm auf den Dienst, das heißt, auf den bösen, bösesten, lauern, hat uns das Gebaren der englischen Diplomatie bei Gelegenheit des dummen belgischen Handels klärlich verrathen. Von dorther, von England, müssen wir ? soweit es die Krämerfeigheit der »großherzigen« Briten gestattet ? des schlimmsten gewärtig sein. Seit den Zeiten des spanischen Erbfolgekrieges, seit den Tagen des wiener Kongresses, seit dem londoner Protokoll vom 2. August 1850 sollte Deutschland doch wissen, daß es keinen gehässigeren Feind hat als die englischen Tories und Whigs. Nur gutmüthige Schwachköpfe können sich diese Thatsache ausreden lassen durch englische Heucheleien, wie unlängst zu München bei einem Festessen ein edinburger Professor eine aufgespielt hat, indem er uns das Kompliment machte: »Das deutsche Volk überragt in der neidlosen Anerkennung fremden Verdienstes alle übrigen Völker.« Ja wohl, so thut es. Aber lass dich, bester Michel, ich bitte dich ? nicht irre- und kirremachen durch so billige Höflichkeiten. Auch durch deine alten weltbürgerlichen Gewohnheiten nicht! Denn, siehst du? schon dein alter Klopstock hatte guten Grund, dich zu warnen:

»Nie war gegen das Ausland
Ein anderes Volk gerecht wie du;
Sei nicht allzu gerecht! Sie denken nicht edel genug,
Zu sehn, wie schön dein Fehler ist« ?

und wie man dir Sadowa und Sedan nicht zu verzeihen vermochte, so wird man dir auch deinen Kant und deinen Göthe nie verzeihen. Ach, das verzeihen gehört überhaupt nicht zu den Liebhabereien der Menschen. Die Junker- und Muckerbande, welche unter dem Patronat allerhöchster Frauenzimmer den berliner Hof noch immer unsicher macht, hat es ja dem Bismarck auch nie verzeihen können, daß er aus dem pommerschen Krautjunker heraus- und in den großen Mann hineingewachsen ist. Das Geziefer ränkelt bekanntlich unausgesetzt gegen den Reichskanzler, und wenn dermaleinst klargestellt sein wird, wie es sich denn eigentlich mit der belgischen Dummheit von neulich verhalten habe, wird man zweifelsohne sehen, daß die Leitfäden der ganzen unerquicklichen Posse in den Händen der bezeichneten Bande zusammenliefen. War es vielleicht ein Gegenschachzug in diesem Spiele, wenn Bismarck am 14. April im preußischen Herrenhause mit seinem »evangelischen« Christenthum so auffallend staatmachte? Galt es, der Junkerei und Muckerei ein Pfand zu geben, daß dies zeitweilige Handinhandgehen mit dem obrigkeitlich patentirten Liberalismus nichts sei als ein »Man-So-Thun?« Wie dem sei, mit dem »evangelischen« Christenthum des Reichskanzlers scheint es trotz alledem doch nur so so la la bestellt zu sein, solange er jeden armsäligen Köter von Hetz-Kaplan seinerseits einer Presseproceßhetze würdigt. Warum solche Miserabilitäten, wie die schwarzen Judasse und die rothen Narren sie aufzuwenden haben, nicht verzeihen oder vielmehr gar nicht beachten? Sehen Sie, edler Gemahl der edleren Zigonia, ich bin weit entfernt, meines Christenthums im allgemeinen oder gar vollends meines »evangelischen« Christenthums im besondern mich rühmen zu können, ich bin nur ein armer verstockter Heide, aber trotzdem weiß ich, daß man die Esel schreien, die Köter kläffen, die Schweine grunzen und die Gänse schnattern lassen muß. ...

Also ich wollte vorhin sagen, ein bißchen weniger Kosmopolitik und ein bißchen mehr, ein bißchen viel mehr Nationalpolitik thäte den Deutschen gut. Am Ende aller Enden werden sie sich ja doch nur auf sich selber verlassen dürfen und können. Man soll sich, heißt es, dermalen in Berlin nach europäischen Bürgschaften für den gegenwärtigen Stand der Dinge, für die Unverletzbarkeit der Reichsgränzen u. s. w. umsehen oder gar umthun. Demnach wäre die vielbeposaunte »Friedensgarantie« des Dreikaiserbündnisses auch schon wieder wurmstichig geworden? Europäische Bürgschaften! Das kennt man. Wie lange hält denn so ein Kartenhaus? Bis der nächste beste Windstoß es umwirft. Was ist denn aus den europäischen Bürgschaften von 1814 geworden? Was aus der »heiligen Allianz« von 1815? Makulatur. Auch das dermalige mehr oder weniger aufrichtige Einvernehmen zwischen Deutschland, Oestreich und Russland wird gerade so lange währen, als die Interessen der drei Staaten es gestatten. Oestreich hat tausend und einen Grund, seiner stupiden Aristokratie zum Trotz Frieden zu halten und auch jenseits der Leitha rasselt man etwas weniger mit dem Säbel Attilas, seitdem der magyarische Größenwahn in allerdings nur spärlichen lichten Momenten erkennen musste, daß es eben mit dem Größenwahn allein, und wäre derselbe noch höher als die höchste Tatraspitze, nicht gethan sei. Eine Gefahr von seiten des alleinstehenden Frankreich existirt für das deutsche Reich noch auf Jahre hinaus nicht. Gefahrdrohend könnte es werden, wenn Russland mit England zur Theilung Asiens sich verbände. Denn der schweren ostindischen Sorge ledig, würde die englische Falschheit keinen Augenblick zögern, Frankreich gegen das verhasste Deutschland zu hetzen, und die Franzosen nicht nur so unter der Hand, wie annis 1870-71, sondern ganz offen unterstützen. Vorderhand ist jedoch so eine russisch-englische Allianz weiter nichts als ein Hoffnungsspielzeug der Feinde Deutschlands und eine neue Seeschlange für stoffhungrige Zeitungen. Uebrigens, falls Russland es einmal in seinem Interesse finden sollte, so oder so feindselig gegen das deutsche Reich aufzutreten, so könnte es ja dieses in seinem Interesse finden und hätte es in seiner Hand, dem moskowitischen Riesen einen polnischen Stachel in die Seite zu drücken, der ihm ein verteufelt schmerzender Pfahl im Fleische sein müsste. Summa: Deutschland hat Zeit, auf die große Probe und Prüfung, welche ihm noch bevorsteht, gehörig sich vorzubereiten.

Die Franzosen entwickeln neuerdings den guten Geschmack und Takt, von der Revanche nicht mehr zu brüllen, sondern nur noch zu brummen. Einstweilen rächen sie sich an ihren Besiegern dadurch, daß sie in Theaterstücken und Sensationsromanen häufig einen Deutschen zum Karnikel machen, das alles verbrochen und verübt haben muß. Dieses wohlfeile Vergnügen wollen wir ihnen von Herzen gönnen. Auch die Flohbisse, womit verschiedene mittelmäßige Skribenten, wie z. B. die beiden Schweizer-Franzosen Cherbuliez und Tissot ? die welschen Schweizer scheinen sich überhaupt von rassewegen zur gehässigsten Feindseligkeit gegen Deutschland verpflichtet zu fühlen ? die Mutter Germania behelligen möchten, sind böser gemeint als schwer empfunden. Im übrigen ? und dies, theuerste Excellenz in Sicht, mag Ihnen beweisen, daß ich Nationalpolitik keineswegs mit Nationalbornirtheit verwechselt wissen möchte ? muß jeder wissende und gerechte Mann den Franzosen die Anerkennung zollen, daß sie sich mit erstaunlicher Behendigkeit und Geschicklichkeit aus dem schrecklichen Morast, worin sie im Mai von 1871 bis an die Schultern steckten, herausgearbeitet haben. Sagen wir nur die Wahrheit: das, was Frankreich binnen vier Jahren vollbrachte, hätte Deutschland im gleichen Falle kaum binnen vier Jahrzehnten zuwegegebracht. Um nach einem so verheerenden Kriege, nach so furchtbaren Einbußen so rasch wieder zum Behagen, zum Komfort, zum Ueberflusse zu gelangen, musste denn doch ein tüchtig Stück Arbeit gethan werden, musste der Gunst, womit die Natur Frankreich bedacht hat, viel Fleiß, viel Geschicklichkeit, viel Thatkraft zur Hilfe kommen.

Zur selben Zeit, wo der Goldregen der fünf Milliarden in Deutschland nur das giftige Unkraut einer geilen und gewissenlosen Spekulation hervortrieb, nahm die französische Volkswirthschaft in allen ihren Zweigen einen bewundernswerthen Aufschwung. Man vergleiche nur die französische Ausfuhrbilanz der letzten Jahre mit der deutschen. Das französische Kunsthandwerk beherrscht mehr als je den Weltmarkt und Madame la Mode de Paris regiert in allen fünf Erdtheilen so souverän wie jemals.

Hält man nun mit diesem ganz unzweifelhaften materiellen Gedeihen Frankreichs, so kurz nach der » année terrible«, den Umstand zusammen, daß solches Gedeihen nicht nur nicht gehindert, sondern eher sogar noch gefördert wurde durch den gleichzeitigen Aufschwung des Papalismus, Alacoqueismus und dergleichen Ismen des Blödsinns mehr, so gelangt man zu dem Schlusse: Der Katholicismus mit allem, was drum und dran hängt, ist die richtige Religion der Franzosen, weil diese Autoritätsgläubige und Fetischanbeter von Natur sind. Dieser Satz wird keineswegs umgestoßen dadurch, daß sie ? » novarum rerum cupidi« ? zeitweilig die Fetische zerschlagen, die geweihten Hostien mit Füßen treten, an die Stelle der Muttergottes eine Bühnendirne oder Straßenmetze und an die Stelle vom »heiligen Herz Jesu« das »heilige Herz Marats« setzen. Das sind nur mittelalterliche »Narren- und Eselsfeste« in modernisirter Form und der Umschlag zur Reue- und Bußestimmung geht immer wieder rasch genug vor sich. Die Kirche ist ja die größte Komödiantin und erfindungsreichste Theaterdirectrice von jeher gewesen und das frommsein ist demnach so amüsant! Wer nicht nach Lourdes oder nach Paray-le-Monial wallfuhr, ist gar nicht mehr comme il faut. Ja, der Katholicismus ist den Franzosen so auf den Leib geschnitten, daß sie ihn erfinden würden, wäre er nicht schon da. Desshalb ist auch der französische Katholik ein glühender Patriot. Er hält sein Land für das heilige Land par excellence, sein Volk für das auserwählte Volk Gottes und er glaubt ganz aufrichtig, die Weltgeschichte sei oder müsste wenigstens von rechtswegen betitelt sein » Gesta dei per Francos«.

Ergibt sich aus alledem vielleicht auch ein Rückschluß auf Deutschland? Mir scheint so. Wie dem Franzosen der Katholicismus naturgemäß ist, so dem Deutschen der Protestantismus, worunter ich natürlich nicht das lutherische Bonzenthum verstehe. Deutschsein heißt protestiren, will sagen, die freie Persönlichkeit entwickeln und das befreite Ich jedem Dogma-Despotismus entgegenstellen. Hieraus erklärt es sich, daß der ehrliche deutsche Katholik in den höchsten Resultaten der deutschen Kulturarbeit etwas ihm fremdartiges, ja sogar etwas ihm feindseliges sieht. Das ist sehr betrübsam, aber es ist so. Und weil gerade das, was Deutschlands höchster Stolz und Ruhm, seine Wissenschaft und seine Literatur, dem ehrlichen deutschen Katholiken gleichgiltig oder gar ärgerlich ist, kann er auch kein überzeugter Patriot sein, kein deutscher Patriot, sondern, wenns hoch kommt, ein tirolischer, ein altbairischer, ein oberschwäbischer, ein westphälischer. Die ideale Einheit der Nation im Reiche des deutschen Gedankens ist für ihn nicht vorhanden.

Der unversöhnliche, todfeindselige Gegensatz von Deutschthum und Romanismus macht es auch klar, warum der Katholicismus in Deutschland, verglichen mit dem französischen, geistig so impotent und steril erscheint. Wie sollte Madonna Romana Katholika von dem dreimal und dreihundertmal zu vermaledeienden Ketzer, dem deutschen Genius, Kinder haben können oder wollen? Daraus brauchte fürwahr im Syllabus nicht ein Extra-Anathem gesetzt zu werden, denn die Unmöglichkeit lag längst erwiesen zu Tage.

In Frankreich dagegen ist der Katholicismus zeugungskräftig und fruchtbar, weil die Nation wesentlich katholisch. Darum hat auch die geistige Arbeit der Franzosen seit dem Kriege so wenig gerastet wie die materielle. Die Besiegten haben sogar Grund, zu sagen, der Krieg sei für sie schöpferisch-anregender gewesen als für die Sieger. So hat z. B. auf dem Gebiete der Kunst, soweit sie von dem ungeheuren Kriegsspiel beeinflußt wurde, meines wissens kein deutscher Maler ein Bild geschaffen, welches im deutschen Sinne das leistete, was im französischen Meissonniers Kürassire von Reichshofen wirklich geleistet haben. Ueberhaupt brauchen die Deutschen mit den idealen Gewinnsten ihrer kolossalen materiellen Erfolge in den Jahren 1870-71 keineswegs dickzuthun. Bislang ist in Deutschland kein Werk geschaffen worden, weder ein literarisches noch ein künstlerisches, welches der Größe der vollbrachten Thaten auch nur annähernd entspräche. Auch die Geschichtschreibung ist hinter der Größe, der Vielseitigkeit, dem Reichthum und dem Glanz des Gegenstandes weit zurückgeblieben. Das Generalstabswerk verdient um seiner Lauterkeit als geschichtliche Quelle willen, verdient auch als kriegsgeschichtlich-fachmännisches Buch gewiß das höchste Lob. Es ist gründlich, genau, gewissenhaft und gerecht. Aber es ist unbelebt und farblos, es ist trocken wie ? Pulver. Ein Skelett von Geschichte weit mehr als Geschichte selbst. Für Soldaten von Handwerk ein Schatz, für Historiker eine Fundgrube, für die Nation nichts. Man halte doch einmal Umfrage, wie viele Deutsche, von Offizieren und Gelehrten abgesehen, mit Wahrheit behaupten können, die bis heute erschienenen acht Hefte ganz durchgelesen zu haben. Ein lesbares Buch dagegen ist »Der Krieg gegen Frankreich« von Th. Fontane, der uns ja auch in seinen beiden Schriften »Kriegsgefangen« und »Aus den Tagen der Okkupation« aus eigener Anschauung Frankreich nahegebracht hat, wie es während und unmittelbar nach dem Kriege war. Fontanes Geschichtswerk ist, vom literarischen Standpunkt angesehen, sicherlich das beste bisher veröffentlichte. Hier ist nicht nur die geometrische Figur und die mathematische Formel des Krieges, sondern auch Herzschlag, Leben, Farbe. Von höchst vortrefflicher Wirkung sind insbesondere die von Fontane in seinen Text zahlreich und geschickt verwebten Mittheilungen von Augenzeugen und Mithandelnden, unmittelbar nach den bezüglichen Ereignissen aufgezeichnet. Ich wünsche von Herzen, daß es dem Verfasser gegönnt sein möge, sein schönes Werk glücklich zum Ende zu führen. Nicht weniger lebhaft ist mein Wunsch, daß die meisterhaften Skizzen »Aus dem inneren Leben der Armee«, welche im sechsten Bande der »Deutschen Warte« veröffentlicht wurden und deren Verfasser sich unter dem Namen Ludwig Kapitano verborgen hat, vermehrt und zu einem ganzen abgerundet werden möchten. In gewissem Sinne sind diese »Studien« das erquicklichste in der ganzen durch den großen Krieg erzeugten Literaturmasse. Mit wahrhaft genialer Kraft der Veranschaulichung wird uns hier ein deutlicher Einblick in den Bau und in das arbeiten des deutschen Heeresorganismus aufgethan.

 

6.

20. Juni 1875.

 

Was ich dazu sage, daß die französische Nationalversammlung durch ihre Beschlüsse vom 15. des Monats den höheren Unterricht auch noch den Jesuiten überliefert habe, fragen Sie?

Nun, mein Lieber oder Unlieber, ich denke, meine Antwort ist im vorstehenden schon gegeben. Frankreich ist sich seiner Katholicität wieder einmal recht bewusst geworden und will es daher, nach Vernutzung aller möglichen monarchischen und republikanischen Charten, nunmehr alles Ernstes mit dem Syllabus probiren. Folglich entsprach die Versailler Versammlung nur dem Willen und Wunsche der Nation, wenn sie der hochwürdigen Klerisei, welche die niederen und mittleren Schulen schon seit lange beherrscht, auch noch die höheren auf Gnade oder Ungnade hingab. Denn daß diese Hingabe durch den Beschluß vom 15. Juli gemeint und gewollt war, kann keinem Zweifel unterstellt werden.

Bei dieser Gelegenheit hat der Jesuitismus wieder einmal seine ganze Ueberlegenheit über den Liberalismus triumphirend manifestirt. Es war hochkomisch anzusehen, wie der Jesuit Dupanloup am Leitdraht der doktrinären Phrase den liberalen Flederwisch Laboulaye als Freiheitspolicinell tanzen ließ.

Am folgenden Tage, 16. Juni, feierte die Kirche ihren Sieg mittels der feierlichen Komödie der Grundsteinlegung zur Sacré-Coeur-Kirche auf dem Montmartre. Haben Sie in der von den Zeitungen gebrachten Schilderung dieser Ceremonie einen kleinen, scheinbar nur komischen, in Wahrheit aber symbolisch-bedeutsamen Umstand wahrgenommen? Ich meine diesen, daß, während drinnen in der Kirche Saint-Pierre der Erzbischof von Paris die andächtig Versammelten dem »heiligen Herzen Jesu« weihte und das » Sauvez Rome et la France, au nom du sacré-coeur!« angestimmt wurde, draußen die Musikbande des in Parade aufgestellten 87. Infanterieregiments das »Oh, welche Lust, Soldat zu sein!« aus der Weißen Dame Boildieus aufspielte.

Der Zufall ist bekanntlich ein Humorist, aber ein solcher, dessen Späße mitunter den schwersten Ernst maskiren.

Mir kam dabei zu Sinne, daß Chateaubriand ? diese Inkarnation des Franzosenthums ? einmal gesagt hat: » La France est un soldat.« Ja wohl. Aber heute würde Chateaubriand, so er noch lebte, sagen: Frankreich ist ein katholischer Soldat! und er würde das » katholisch« dick unterstreichen, jubelnd unterstreichen, er, der es liebte, zeitweilig, häufig sogar mit dem Atheismus zu tändeln und mit der Republik zu kokettiren, und der dabei doch in innerster Seele ein fanatischer Katholik und Royalist blieb.

Die Emporhissung eines mittelmäßigen, aber frommen Generals, der von einer frömmeren Generalin kommandirt wird, auf den Stuhl des Staatsoberhauptes von Frankreich war kein Witz des Zufalls, sondern eine geschichtliche Nothwendigkeit. Der katholische Soldat Frankreich marschirt unter dem Kommando eines katholischen Generals oder, wenn man will, einer katholischesten Generalin ? das ist die logische Formel der Situation.

Frankreich vertritt also oder ist vielmehr ein Princip: es ist der Soldat des Romanismus.

»Bah!« sagen die Leute, welche jedem Erfolg die Schleppe tragen, »mit euren Principien! Ueberwundener Standpunkt. Lasst Frankreich ein Princip, uns aber eine Macht sein und die Zukunft soll uns nicht bange machen.«

Das glaub ich, maßen ja der Bornirtheit und dem Dünkel die Zukunft noch nie bange gemacht hat. Denkende Menschen wissen, daß die Principien, welche von den Herren Opportunitätspolitikern, deren ganze Weisheit auf Charakterlosigkeit und Feigheit sich reducirt, beiseite gestellt sind, auf die Dauer doch immer wieder als Großmächte sich erweisen, die alles vor sich niederwerfen. Haben die Deutschen dem französischen ebenfalls ein Princip entgegenzustellen?

»Den deutschen Staatsgedanken«, sagt man.

Aber was für einen Staatsgedanken?

»Den Gedanken des deutschen Rechtsstaates.«

Ist derselbe verwirklicht?

»Nein, aber doch in der Verwirklichung begriffen.«

Gut, ich will dahingestellt sein lassen, bis wie weit diese Verwirklichung zur Stunde vorgeschritten sei; aber vollendet kann sie nicht werden auf dem principlosen Wege der Opportunitätspolitik. Dem katholischen Frankreich muß sich ein protestantisches Deutschland gegenüberstellen. Damit ist alles gesagt, so man, wie ich thue, unter »protestantisch« jenes germanische Princip der Freiheit versteht, wie unsere großen Seher, unsere Lessing und Schiller, es gefunden und verkündigt haben. Ich weiß gar wohl, daß die Herren, welche sich Realpolitiker dünken, wenn sie das ideale Moment im weltgeschichtlichen Processe leugnen, sich gewöhnt haben, das Wort Freiheit nur mit Achselzucken auszusprechen. Und doch fasst dieser Begriff alles in sich, was das Leben werth macht, gelebt, gekämpft und gelitten zu werden.

Wenn sich gegen den breitspurig einherwälzenden, alles vergemeinernden, verschlammenden, versumpfenden und verpestenden Strom des Materialismus nicht eine ideale Gegenströmung aufmacht, nicht bald und gewaltig aufmacht, so wird das deutsche Reich nicht ausgebaut, der deutsche Rechtsstaat nicht begründet, das dem romanisch-katholischen Autoritätsprincip entgegenzustellende germanisch-protestantische Freiheitsprincip nicht in Thätigkeit gesetzt werden.

Kein unbefangen und gerecht Urtheilender wird verneinen, daß die Folgen der von Kathedern und Dächern und Ecksteinen gepredigten materialistischen Weltanschauung in traurigster Weise sich spürbar machen. Wie ein hungriger Wolf geht der Genußteufel um und die Zahl seiner Anhänger heißt auch in Deutschland Legion. Ein Pfui der Arbeit und ein Hoch dem Müßiggang! Lasst uns gaunern und genießen, lasst uns schwindeln und schwelgen! Was Geist! Was Ideal! Das Gold ist Gott und der Genuß das höchste Gut! Die Tugend ist ein Thorenwahn und die Ehrlichkeit das einzige Laster! Lasst uns die Lust als höchstes Gesetz proklamiren, lasst uns die Orgie der »freien Liebe« durchrasen, und wenn wir ausgeschwindelt und ausgeschwelgt, wenn die Bitterkeit der Daseinshefe unsern Lippen naht, dann her mit der Cyankaliphiole oder mit dem Revolver!

So die höllische Botschaft, und wer kann bestreiten, daß ihr heißer Pesthauch auch schon die Zukunftssaat, die Jugend, zu versengen angefangen habe?

Aber wir müssen durch!

Die Schlammflut hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Dann muß sie sich ja erst verlaufen, bevor die Leute die von ihr verursachten Verwüstungen ganz überblicken können. Damit wird eine Zeit der Trauer und Noth anheben, eine jener Zeiten, wie sie nach den großen weltgeschichtlichen Krisen und Katastrophen einzutreten pflegen. Aber solche Passionszeiten der Menschheit sind sehr gesund für sie und hochnothwendig. Sie lassen die Menschen die Sünden ihres Hoch- und Uebermuthes gehörig abbüßen, überführen sie ihrer Schwäche und stacheln doch zugleich alle ihre besseren Kräfte zu neuer Thätigkeit auf. Dann regt sich im Menschen alles »was sterblich nicht in ihm«. Die Kulturarbeit beginnt von neuem und zwar unter Anrufung der Götter, der Ideale, der durch keinen Syllabus materialistischer Unfehlbarkeit dem menschlichen Bewusstsein zu entfremdenden Urideen des Rechten und Schönen.

Aber was ist eigentlich das Rechte? Was ist eigentlich das Schöne? Sind es am Ende aller Enden nicht auch nur Uebereinkommnisse, Einbildungen, Illusionen?

Möglich, wahrscheinlich, gewiß sogar. Wenn jedoch die Menschheit nicht zur Thierheit rückschreiten soll, kann sie dieser Uebereinkommnisse, Einbildungen, Illusionen nun und nimmer entbehren. Ebensowenig des Pflichtgefühls, welches ja die Konsequenzenzieher der Kraftstoffelei ebenfalls als ein verbrauchtes Möbel beiseite stellen wollen. Man kann vollständig mit dem Herrn von Hellwald einverstanden sein, wenn er meint, das Gesammtergebniß der Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwickelung werde sich in dem Satze zusammenfassen: »Das Menschengeschlecht, seine Kultur, sein Ringen und Streben, seine Schöpfungen und Ideale sind gewesen ? wozu?« und man kann dennoch wünschen, daß die Menschen nicht bestialisch, sondern menschlich mitsammen leben möchten bis zuletzt.

Das zu erreichen, festzuhalten, zu vervollkommnen wird aber auf dem Wege materialistischer Mechanik nicht möglich sein. Der menschheitliche Lebensproceß bedarf nicht nur stofflicher, sondern auch sittlicher Elemente. Am Ende ist es doch immer wieder der menschliche Gedanke, welcher die Antriebe materieller Nothwendigkeit civilisatorisch wirksam macht. Ideen, Ideale, Götter müssen sein, die Kraftstoffel mögen dagegen toben, wie sie wollen.

Die deutsche Philosophie trifft das richtige, wenn sie, nachdem sie aus dem Irrgarten der Hegelei endlich sich herausgearbeitet hat, wieder an Kant anzuknüpfen sucht. Der große Prophet von Königsberg hat seine Mission noch lange nicht erfüllt. Denn um unseres Landes willen wollen wir hoffen, daß auch ferne Geschlechter noch von Kant lernen werden, was dem gegenwärtigen so sehr zu wünschen wäre: Arbeitsfreudigkeit, neidloses Sichbescheiden und den kategorischen Imperativ der Pflicht.

Können doch nur Thoren darüber sich täuschen, daß unser Volk seiner besseren und besten Eigenschaften und Kräfte gar bald benöthigt sein dürfte. Hinter dem Kampfe mit Rom warten weitere Kämpfe. Und schon dieser Kampf mit Rom, in welchem Deutschland ? natürlich ohne Habedank ? die Sache aller civilisirten Völker führt, schon dieser Kampf ist ein Streit mit einem Riesen, welcher keineswegs gleich den Riesen der alten Sagen »so dumm wie lang ist«. Die Vorschritte, welche der Jesuitismus ? denn dieser beherrscht ja nicht nur, sondern ist jetzunder die katholische Kirche ? in den letzten fünfzig Jahren gemacht hat, sind erschreckend, ? erschreckend wenigstens für jeden, welcher in einem Religionskriege etwas erschreckliches sieht. Daß die Jesuiten auf einen solchen Krieg hinarbeiten, untersteht für einen Betrachter dessen, was sie in Deutschland, in Oestreich, in Frankreich, in Holland, in Belgien, in England, in Amerika vor sich gebracht haben, kaum einem Zweifel. Ihre Erfolge wären erstaunend, ja geradezu erstarrend, so man nicht wüsste, daß allzeit auf Erfolg rechnen darf, wer auf die Dummheit und Nichtswürdigkeit der Menschen spekulirt.

Oh, heilige Dummheit, dreimal heilige, du bist und bleibst doch das A und O der sogenannten Weltgeschichte! Denn du, fürwahr, bist der »ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht«. Beim Immermann hab ich einmal gelesen, ein gutes Hohenstaufendrama zu dichten sei unmöglich, weil der Kampf zwischen Kaiser und Papst, das heißt zwischen Staat und Kirche, um welchen ja die Geschichte der Staufer sich drehte, dem Verständniß und der Theilnahme unserer Zeit allzu fern liege. Immermann ist im Jahre 1840 gestorben und hatte kurz vor seinem Tode so geredet. Und jetzt? Und heute? Jetzt und heute ist der vor etlichen dreißig Jahren von einem doch gewiß gescheiden Manne für ganz versunken und verschollen, für so zu sagen unvorstellbar und undenkbar angesehene Kampf zwischen Kaiser und Papst wiederum im heftigsten Gange, und lebte der Schöpfer des westphälischen Hofschulzen und der blonden Lisbeth noch, so könnte er aus diesem Kampfe Verständniß, Theilnahme und Stimmung genug schöpfen, um selber ein Hohenstaufendrama zu schaffen, das seinen Kaiser »Friedrich den Zweiten« abstäche.

Aber es braucht ja nicht erst eins geschrieben zu werden, es spielt ja leibhaftig vor unsern Augen, wie es vormals in den Jahrhunderten des Mittelalters gespielt hat. Es liegt doch eine recht anständig lange Spanne Zeit ? sechshundert Jahre ungefähr ? zwischen damals und jetzt und trotzdem heute wiederum derselbe Streit um ? wie ja wohl ein Humorist sagen würde ? um des Kaisers Bart und um des Papstes Tonsur!

Hochheilige Dummheit, unsterbliche, gepriesen sei du! Denn dein ist die Kraft der Trägheit und die Macht der Gewohnheit und das Reich des Unverstandes und der Beifall des größten Haufens in Ewigkeit! Amen.

Aus Elysion.

Vier harmlose Schreibebriefe des seligen
Zacharias Zinnober,
weiland Scholarch und Chorregent in Trippsdrill.

1.

Elysion, November 1873.

 

Als ich noch lebte, das heißt, im christlichen »Jammerthal« wandelte, und die Welt durch meine brennenden Hühneraugen ansah, erschien mir selbige so schwarz in schwarz gemalt, daß ich zweifelhaft war, ob ich aus Desperation unter die Schoppenstecher oder aber unter die Schopenhauer gehen sollte. Darüber verstarb ich und der Leichenprediger, einer jener zeitgemäßen homöopathischen Theologen, welche ein Hunderttausendstel Dogmaessenz in einem Eimer rationellen oder gar »spekulativen« Phrasenwassers auflösen, bedeckte meine Zweifel, Mängel und Fehler mit dem bekannten Mantel der christlichen Liebe, dessen Wärme ich bei dieser Gelegenheit zum ersten- und zum letztenmal zu verspüren bekam. Maßen ich im übrigen seit der Zeit, allwo ich erkannt, daß das Einmaleins eine unanfechtbare Thatsache und ich demzufolge weder mit den ehrwürdigen Koncilsvätern von Nikäa glauben konnte, dreimal eins sei eins, noch mit dem ehrwürdigen Doktor Luther, zwei und fünf seien nicht sieben, sondern acht, »wann die Obrigkeit es sage« ? ja, maßen ich seit dazumal mir nie mehr geschmeichelt hatte, ein Christ zu sein, und also auch nicht nöthig befunden, mir das »Bekenntniß« des ehrwürdigen Doktor Strauß anzuschaffen, worinnen des breiteren das Geheimniß der Komödie, daß und warum wir keine Christen mehr seien, geoffenbart worden ? maßen fernerweit ... (uff! wie komm ich nur mit dieser verhaspelten Periode zu Ende?) ... mir in gähnkrampfhafter Erinnerung stand, was der Kardinal Damiani, dann Dante, Milton, Swedenborg, Klopstock, item Pater Kochem und noch verschiedene andere heilige Seher und Langweiler vom christlichen Himmel gesagt und gesungen haben, so konnte es, sag ich, meinem Heidenthum nur wohlthun, daß es mit mir aus dem vorhin erwähnten Jammerthal nicht auf-, sondern abwärts ging, ins homerisch-virgilsche Elysion, dessen Schwelle überschreitend ich die Verse Hölderlins citirte:

              »Zu euch,
Ihr Theuren, komm ich, die mich leben
Lehrten und sterben, zu euch herunter.
Wie oft im Lichte dürstet ich euch zu sehn,
Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit!
Nun grüßt ihr freundlich den geringen
Fremdling und brüderlich ists hier unten.«

In Wahrheit, verehrte Freundin, an welche ich diesen Brief und vielleicht noch weitere adressire, Sie können überzeugt sein, daß man »hier unten« nicht allein recht »brüderlich« lebt ? es haben ja nur wissende und anständige Menschenseelen Zutritt zu den elysischen Gefilden ? sondern auch bequem und behaglich. Die hinterwäldlerischen, so zu sagen pfahlbäuerlichen Zustände, welche obwalteten zu den Zeiten, als Reineke Odysseus und Mucker Aeneas diese Gegenden bereisten, sind längst abgethan und unser Haushofmeister Sir John Komfort hat es verstanden, unserm Etablissement alle Vortheile und Vorzüge der modernen Technik und Aesthetik anzueignen. Hier wird fortwährend des alten Ben Jonson » Every man in his humour« aufgeführt, das heißt, man lebt nach Bedarf und Wunsch thätig oder träge, lustig oder traurig, gesellig oder einsam; denn hier kann in der That »jeder nach seiner Façon selig sein«. Der, welcher vor Zeiten dieses berühmte Toleranzedikt ausgehen ließ, ist es in der seinen, indem er draußen am Ufer des Styx die frisch anlangenden Vilmare, Kliefothe und Knaacke, die römisch-rothen und lutherisch-schwarzen Bonzen tutti quanti, item alle die Kultusminister à la Raumer und Mühler mit seinem welthistorischen Krückstock gehörig abpr?edigt, bevor sie in den Tartaros nebenan abgeliefert werden. »Noch immer nicht müde, über Sklaven zu herrschen, Majestät?« fragte ich im vorbeigehen neulich den königlichen Stockprediger. »Müde oder nicht« ? brummte der Einzige ? »man muß seine Pflicht und Schuldigkeit thun; vollends jetzo, wo ältester und jüngster Unsinn und Fanatismus sich mit einander alliiren.« Und er wies mit dem Ende seines Stockskepters hinüber zum Tartaros, in dessen Vorhof sich gerade ein großes Publikum versammelte, weil die Insassen eine ihrer nicht allzu spärlich zugemessenen Frei- und Erholungsstunden hatten.

Ich muß hier, verehrte Freundin, die Zwischenbemerkung machen, daß die tartarische Anstalt nicht christlich-grausam à la Dante, Pater Kochem oder Kalvin eingerichtet ist, sondern hellenisch human. Nur die allerärgsten Sünder sind zu der Strafe verdammt, täglich zehn Stunden lang die Protokolle römischer Koncilien und lutherischer Synoden lesen zu müssen. Neuestens hat der gute Mephisto, wieder einmal von einer Kunstreise nach der Oberwelt zurückgekehrt, im Verwaltungsrathe des Tartaros vorgeschlagen, an die Stelle der Koncilien- und Synodenprotokolle zur Abwechselung, beziehungsweise Verschärfung, die » Philosophie positive« von Comte oder »Das Kapital« von Marx oder die Schiebkarren voll Studien und Plänehefte treten zu lassen, aus welchen der arme Otto Ludwig selig seine Trauerspiele und Novellen so mühsälig herausquetschen musste. Die Beschlußfassung hierüber schwebt noch, dagegen hat Mephisto ? der, nebenbei bemerkt, im Sinne von Göthes Faust (Thl. 2, Akt 3) die Antike mit der Romantik, den heidnischen Dis mit dem christlichen Teufel vermittelt ? ja, er hat es durchgesetzt, daß verschiedene berühmte deutsche Autoren seu Reklamatoren unserer Tage, welche die freie Kunst des Selbstbelobigungsschwindels zur höchsten Potenz erhoben haben, nach ihrem Tode im Tartaros als Litfaßsäulen verwendet werden sollen.

Wohl also, folgte mit meinen Augen dem deutenden Stockskepter und sah, daß die Herren und Damen da drüben sich an einem echttartarischen Schauspiele erlustigten. Näher getreten, bemerkte ich, daß es eine Art von improvisirtem Ballet war. Inmitten eines ungeheuren Zuschauerkreises tanzten Monsignore Syllabus und Madame Phalanstère mitsammen den von irgend einem gegenwartslosen Zukunftsmusikanten komponirten Kankan der Wahlverwandtschaft. Unter den lebhaft angemutheten Zuschauern, welche möglichst international aussahen, bemerkte ich den weiland Jesuitengeneral Pater Rothaan, und zwar, wie er Arm in Arm mit dem Socialistenpapst Feist Löb das Jahrhundert herausforderte. Die Vertraulichkeit zwischen den beiden war augenscheinlich groß. Die wilde Ehe zwischen Schwarz und Roth ist demnach in der Hölle geschlossen. Wie schmutzig das Braun der Sprösslinge dieses Konkubinats, werdet ihr in der Oberwelt bald sattsam wahrnehmen können.

Da ich aber von Ehen spreche, so will ich Ihnen, verehrte Freundin, gerade auch noch meine eigene Verehelichungskarte zusenden. Sie brauchen jedoch nicht aufzufahren und auszurufen: »Was, der Mensch hat sich noch beikommen lassen, zu heiraten?« Sparen sie die Interjektionen, Verehrteste. Meine Ehe ist keine wilde, sondern eine so zahme, wie sie nur irgendwo im Buche steht. Die Sache ist, ich traf hier im Elysion, also im Himmel, wo ja bekanntlich mitunter auch Ehen geschlossen werden, wieder mit einer Dame zusammen, der ich schon in meiner Jugend zeitweise sehr beflissen den Hof gemacht hatte, nämlich mit einer alten ? Verzeihung! ich wollte sagen, mit einer nicht mehr ganz jungen Freundin von Ihnen, mit Fräulein Hagia Eironeia. Sie war, wie Sie sich erinnern werden, zur Zeit, als die romantische Schule bei uns in Deutschland grassirte, die hochgefeierte Theetischmuse und Ballkönigin. Nachmals kam sie etwas in Verstoß, wie ein vielsagender und mehr verschweigender terminus technicus des östreichischen Kanzleistils lautet. Sie selbst meint, der Graziens........l, der Heine, habe sie kompromittirt. Das verleidete ihr den Aufenthalt im christlichen Jammerthal und sie begab sich auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Cyankalisation hierher ins Elysium, welches ja auch von rechtswegen ihre eigentliche Heimat war und ist. Uebrigens hat sie sich wundersam konservirt, so wundersam, wie sich eben nur die Hagia Eironeia in Person konserviren kann. Wir erneuerten unsere alte Bekanntschaft, unsere schönen Seelen fanden sich, was mit um so weniger Umständen geschehen konnte, als uns ja die Leiber auf der Reise zur Unterwelt abhanden gekommen waren, und wir gingen eine obligatorische Civilehe ein, auf eigene Faust so zu sagen, sintemalen wir nicht so lange warten wollten, bis der betreffende Gesetzesvorschlag durch das preußische Herrenhaus gedrangsalirt wäre. Gewiß, liebe Freundin, es wird Sie freuen, zu vernehmen, daß mir die gute Laune meiner Eheherrin ? denn die Herrinnen seid und bleibt ihr doch alle in der Ehe, falls ihr es auch nur halbwegs gescheid anstellt ? mein geistweises Dasein so zu sagen himmelblau und rosenroth austapezirt hat, so daß meine Seele ? sit venia verbo ? vor lauter Wohlbehagen eine Art Bauch angesetzt hat. Ich bin nach Ueberwindung aller möglichen und unmöglichen Standpunkte jetzo glücklich auf dem, wenn ich so sagen darf, Pfifferlingsgipfel angelangt. Tief unter mir liegt nicht nur Sansara, sondern auch Nirwana, nicht nur das Bewusste, sondern auch das Unbewusste, der dumme Weltschmerz hat sich mir aufgelöst in eine lustige Scherzwelt und Hand in Hand mit meiner Herrin ruf ich: Vive la bagatelle!

Schade nur, daß selbst das Glück eines Elysionärs kein ungetrübtes oder wenigstens kein ununterbrochenes ist. Ich bin nämlich bei meinem Herabkommen vor dem bekannten Schöffengericht, welches den mehr oder weniger armen Seelen ihre Plätze anweist, nicht ganz schlecht, aber auch nicht ganz gut bestanden. Der advocatus diaboli entrollte vor den Herren Todtenrichtern ein erschrecklich langes Sündenregister. Ich wusste mich indessen ganz leidlich aus demselben herauszubeißen, blieb aber doch an einem Haken hängen. In dieser »schwebenden Pein« packte mich nun die Anklage mit aller Macht und ich musste mich schließlich als der Schuld, auch nach erreichtem Schwabenalter mitunter noch an die Menschen geglaubt zu haben, überwiesen bekennen. » Cest bien pis quun crime, cest une faute«, runzelte Schöffe Rhadamanthys mich an ? »Dummheit ist aller Laster Lotterbett.« Schöffe Aeakos dagegen, welcher, wie ich seither erfuhr, den Humanitätsdusel vieler deutschen Juristen, daß man die Verbrecher nur noch mit Glacéhandschuhen anfassen und Räuber, Brandstifter und Mörder nur als »verirrte Brüder« betrachten und behandeln solle, mitduselt, sagte etwas von mildernden Umständen und in anbetracht derselben gab Präsident Minos schließlich das Verdikt: »Arme Seele hat für die nächsten zwanzig Jahre allmonatlich auf drei Tage in das irdische und christliche Jammerthal zurückzukehren, um die erwähnte Dummheit abzubüßen und abzuthun. Im übrigen steht Elysion ihr offen.« Natürlich dankte ich höflich für diesen »sanften Spruch aus des Todtenrichters Munde« und auf mein Befragen erklärte mir der Herr Präsident mit der Artigkeit eines geborenen Gentleman, daß ich die drei Monatstage immer nach eigenem Belieben wählen könnte und bei meinen Bußwanderungen auf Erden aller Vortheile reisender Geister theilhaft sein sollte. Nach meiner Heirat habe ich auch noch die Erlaubniß nachgesucht und herausgeschlagen, daß meine theure Eironeia, falls es ihr gefiele, mich auf meinen Besserungsreisen begleiten dürfte.

Vor etlichen Tagen sind wir nun von unserem ersten Ausfluge heimgekehrt, nichts weniger als erbaut oder auch, wenn Sie wollen, Verehrteste, sehr erbaut. Denn was wir bei euch droben gesehen und gehört, entspricht ja ganz unserer Philosophie der Urnichtserei und Bagatellerie. Spräche ich nicht zu einer Dame und hielte ich überhaupt nicht darauf, parlamentarischer Ausdrücke mich zu bedienen, so würde ich keinen Anstand nehmen, freisam zu sagen, ich hätte es nur in der Ordnung gefunden, daß der ganze alte Erdenkohl noch immer gewohntermaßen im Topfe der Narrethei schmort, über einem Feuer, das wie allzeit vom Hunger und von der Liebe genährt wird, obzwar die Hypothesenjäger diese Brennstoffe im jetzunder modischen Jägerlatein »Kampf ums Dasein« und »Zuchtwahl« nennen.

Hatten unsern Gang oder Flug, wenn Ihnen das geistermäßiger klingt, zuerst nach Frankreich gerichtet. Sie wissen ja, ich war bei Lebzeiten weder ein verbörnter noch ein vermenzelter Patriot und habe selbst arndtisch vernagelten Eichelnkostgängern gegenüber allzeit offen bekannt, daß mir an den Franzosen dies und das gefiele. Und vollends an den Französinnen! Erinnern Sie sich, liebe Freundin, wie wir eines Tages mitsammen die Boulevards entlang gingen und ich immer wieder stehen blieb, um den Pariserinnen nachzugucken? Sie sagten zuletzt etwas ungeduldig: »Was haben Sie denn nur an den koketten Dingern zu bewundern?« Vor allem ihren Gang, Verehrte, entgegnete ich. Auch der ist Koketterie, ich weiß es, aber er ist doch allerliebst und verhält sich zu der Gangweise unserer vortrefflichen Landsmänninnen genau so, wie sich das französische Kunsthandwerk zum deutschen verhält: leicht, luftig und graziös ? schwer, solid und plump. Sehen Sie doch hier, was für ein Rhythmus in den Bewegungen dieser zierlich beschuhten Füßchen! Mir kommen wahrhaftig die Donaunixen im Nibelungenlied in den Sinn, wie sie dem grimmen Hagen erschienen: »Si swebeten sam die vogele vor im uf der fluot.«

Nun, die Ganggrazie der Französinnen ist die alte geblieben und sie wissen damit noch immer so virtuosisch zu kokettiren, daß man geneigt ist, die Kunst für Natur zu nehmen. Auch bei den jetzo in die Mode gekommenen Wallfahrten und Processionen wissen sie ihre Füßchen und noch etwas mehr gar niedlich sehen zu lassen, zur nicht geringen Erbauung der Herz-Jesu-Träger vom Militär und Civil. Diese Wallfahrten und Processionen! Das dickste Mittelalter! Ich sah mich überall nach Peter dem Eremiten um. Und doch merke man bei näherem Zusehen sofort, daß diese ganze Mittelalterei auch nur eine Komödie. Noch dazu eine jämmerlich inscenisirte und schlecht gespielte. Die Jesuiten waren früher viel geschicktere Regisseure. Wie sehr ließ bei allen den Erscheinungen der verschiedenen Müttergottes das Arrangement die berühmte französische »Mache«, den geschmackvollen pariser Schnitt und Schick vermissen! Frau Eironeia bemerkte: »Man sollte meinen, die Franzosen hätten ihre Fünfmilliardenschuld an die deutschen Sieger statt in Gold, Silber und Papier in lauter Esprit bezahlt, alldieweilen letztere Münzsorte ganz aus dem Lande verschwunden ist.« In Wahrheit, hinter allen Revanchegrimassen, Muttergottespossen und Herz-Jesuschwindeleien, hinter allen den Republik- und Monarchiephrasen, hinter allen den so oder so maskirten Personen- und Parteiegoismen tritt eine so flagrante Geistesarmuth hervor, ein so notorischer Kapacitätenmangel, daß man, so das Frankreich von 1793 ein Pandämonium heißen konnte, finden muß, das Frankreich von 1873 habe die bedenklichste Aehnlichkeit mit einem Pankretinium.

Aber, ach, verehrte Freundin, wie Krähwinkel und Flachsenfingen auch im neuen deutschen Reiche noch immer sehr zerstreut liegen, so wuchert das Kretinische keineswegs nur in Frankreich. Wir nahmen unsern Weg von dort nach Deutschland über die Schweiz und lasen unterwegs ? in Paranthese gesagt und vom »Kretinischen« einstweilen abgesehen ? die in Straßburg gekaufte Novelle »Ultimo« von Spielhagen. Ich meinestheils ergötzte mich an der Brandmarke, welche der Autor mittels seiner Zeichnung der Familie Goldheimer dem herzlos-gemeinen Geldjudenthum aufgedrückt hat; meine Mitleserin jedoch meinte mit etwas niedergezogenen Mundwinkeln, die Dampfgeschwindigkeit, womit der Herr Doktor Wild von dem hohlen Grasaffen Melanie zu der braven Christiane sich zurückbekehrte, sei eben keine poetische Hexenmeisterei ... In Schaffhausen hatten wir Gelegenheit, wieder einmal ein sehr erweckliches Kapitel der Religionsgeschichte zu lesen, im Gerichtssale, allwo ein frommes Geschwisterpaar auf der Anklagebank saß. Und siehe, der Bruder hieß mit Namen Albert und die Schwester war da genennet Ida. Und hatten die beiden gewohnet auf einem Landgute unweit der Stadt und war selbiges Landgut benamset der Bohnenberg und war seit erklecklicher Zeit für die Erweckten weitum gewesen das Gezelt Israels und ein Berg Zion und eine Stiftshütte und das Allerheiligste darinnen. Und es war geschehen, daß schon im Jahre des Herrn 1868 aus bemeldeter Stiftshütte ein sonderbarlicher Ruch ausgegangen in die Welt, ein Wohlgeruch in den Nasen derer, so da drinnen, aber ein Skandalruch in den Nasen derer, so da draußen. Und hatte sich erhoben ein großes Geschrei unter den Gojim, daß der Bohnenberg eigentlich ein Venusberg, worinnen geräuchert werde nicht vor dem Baal, wohl aber vor der Baaltis. Aber siehe, die Aeltesten und Schriftgelehrten von Schaffhausen verabredeten sich unter einander und sprachen: Lasset uns ersticken den Rauch und den Ruch in der Stille, auf daß unser Land nicht stinkend werde in den Nasen der Fremden. Und sie thaten so. Doch siehe, die Erstickung vergeckte und das Feuer brannte fort und schlug schließlich zu Ungeheuerlichem und zu einem Gräuel aus dem ff aus. Denn wieder einmal wurde im Bohnenberge die alte Geschichte neu, daß Unzucht und Grausamkeit Zwillingsschwestern seien und daß der Veitstanz der Muckerei in Koth- und Blutlachen zu endigen pflege. Und also geschah es, daß ein richtiger Syllogismus des frommen Blödsinns sich vollzog, und hießen die Prämissen: fanatisches Judenchristenthum und orthodoxer Teufelsglaube, und waren die Konsequenzen: geistlicher Hochmuth, Blutschande und Kindesmord.

Ich weiß wohl, liebe Freundin, daß es sich für einen Elysionär nicht schickt, »von der Menschheit ganzem Jammer angefasst« zu werden. Dennoch war ich es beim herausgehen aus dem Gerichtssal, wo dieses grauenhafte Stück von Wahntragik vorgeführt worden. Meine kühlere Begleiterin bemerkte es und sagte: »Was hast du denn? Du solltest doch nachgerade alt genug geworden sein, um zu wissen, daß die Dummheit währet ewiglich.«

 

4.

Elysion, December 1873.

 

» Ich nahm den Stab zu wandern,
Durch Deutschland ging die Fahrt ?
«

und darum, verehrte Freundin, werden Sie es ganz in der Ordnung finden, daß uns hart hinter dem Gränzstein schon ein Buch begegnete. Ein »Buch in Hosen« diesmal. Wir erkannten in dem eiligst daherkommenden einen Mitelysionär und berühmten Gelehrten, welchem vor Zeiten der gottlose Ruge das Epitheton ornans » poëseos teutonicae podex« angehängt hatte, vermuthlich in der Meinung, besagtes Buch in Hosen habe seine große Geschichte der deutschen Poesie im verwegensten Sinne des Wortes ersessen. Jedenfalls hatte das fünfbändige Sitzen einen bedauerlichen Einfluß auf die Gehirnsekretionen des Mannes geübt, denn es ward kläglich offenbar, daß der Kanal der logischen Gedankenabsonderung gänzlich verstopft worden. Daraus erklärte es sich, daß der Gute, nachdem er viele Jahre lang die deutsche Einheit gepredigt hatte, aus Gram verstarb, weil dem König von Hannover seine Krone, dem Kurfürsten von Hessen seine Kurfürstenmütze und dem Herzog von Nassau sein Herzogshut gelegentlich abhanden gekommen.

Wir begrüßten uns und es ereignete sich folgender Trilog.

Ich: Was thun denn Sie hier oben, Verehrtester?

Buch in Hosen: Davon nachher. Sagen Sie mir, die Sie wohl geradenwegs von unten kommen, was macht der göttliche Shakspeare?

Ich: Der göttliche Shakspeare hat sich vorgestern Abend am Theetische der Madame Staël den Buckel voll gelacht über die Einfälle seiner Aus- und Unterleger. Besonders gaudirte ihn die angeblich shakspearesche Aesthetik, welche der kürzlich bei uns angelangte Otto Ludwig entwickelte. Der Dichter goß sehr viel Ruhm in seinen Thee und rief, nachdem der gute Ludwig einen Abschnitt seiner »Shakspearestudien« vorgetragen hatte, lachend aus: »Beim Bauche Falstaffs, jetzt erst weiß ich, was für ein Kreuzschockschwerenöther ich eigentlich gewesen bin!«

B. i. H.: Ach, ich weiß, mein Bester, Sie gehören zu den Profanen und Publikanen, die ? die ? entschuldigen Sie, ich habe Eile ...

Ich: Nun, so sagen Sie doch, auf was Sie aus sind und woher des Landes?

B. i. H.: Komme von Leipzig. Sie wissen, es ging vor etlichen Tagen bei uns im Elysium die bedenkliche Sage, ein Dilettant, ein Bönhase, ein Komödienschreiber habe es gewagt, ein Buch ? was sag ich, ein abscheuliches Pamphlet, ein infames Libell zu verfertigen, betitelt »Die Shakspearomanie«, worin er mir ? merken Sie wohl, mir und nebenbei auch andern Kennern und Verehrern des göttlichen Briten den Krieg machen zu wollen sich unterstand. Was sagen Sie zu dieser Ungeheuerlichkeit?

Eironeia: Es ist allerdings ein schauderhaftes Attentat. Der Zunftzopf muß sich darob von rechtswegen himmelan bäumen.

B. i. H.: Alles, was sich bäumen kann, muß es thun. Dieses monströse Machwerk von Libell ?

»Es ist ja wie ein Riß in der Natur,
Wo Untergang vernichtend einzieht ...«

und um nun, wo immer möglich, den Untergangsriß zu verstopfen ?

Eir.: Ich glaubte, Sie hätten mit Verstopfungen ohnehin schon mehr als genug zu schaffen.

B. i. H.: Gnädige Frau belieben spitz zu sein.

Eir.: Bitte, parodiren Sie einem anständigen Frauenzimmer gegenüber nicht die Auslassungen Hamlets gegen Ophelia.

Ich: Sie müssen meine Frau entschuldigen: sie ist heute nicht ganz rosiger Laune. Sonst hätte sie sicherlich nicht gewagt, einen der edelsten der Edlen vom anno 1848 zu unterbrechen. Also Sie wollten den erwähnten Riß zustopfen?

B. i. H.: Ja, nahm für etliche Tage Urlaub drunten und eilte nach Leipzig, um dem schnöden Attentäter den Kopf zurechtzusetzen. Er war aber, mir zum Possen, gerade vor meiner Ankunft mit Tod abgegangen.

Ich: Und ist bereits im Elysion angelangt.

B. i. H.: Was? Nun, da hört alles aus! Aber ich fürchtete es bei der herrschenden Begriffeverwirrung und eilte daher, um noch rechtzeitig vor dem Todtengericht als Belastungszeuge auftreten zu können. Leider machte ich einen kleinen Abstecher nach Kassel, um daselbst dem mit der frevelhaften Vertreibung des kurfürstlichen Fußtrittegebers besiegelten Untergang der deutschen Freiheit eine patriotische Thräne nachzuweinen. Und inzwischen ist der Bönhase in die Seligkeit gerutscht? Aber ich werde ihn an seinen Platz stellen, ich!

Ich: Was wollen Sie denn thun?

B. i. H.: Noch ein Buch schreiben, natürlich, und zwar ein Buch von respektabelster Dicke, worin ich mit erschöpfender, mit erschöpfendster Gründlichkeit erörtern, darthun, beweisen will, nicht allein, daß Shakspeare gerade so der Dichter der Dichter wie Händel der Musiker der Musiker, sondern auch, daß der Weltgeist unmittelbar als Dicht- und Tonkunst in diesen beiden sich geoffenbart habe.

Eir.: Bombax!

B. i. H.: Ja, darthun und beweisen, unwidersprechlich, sonnenklar beweisen will ich ? was ich übrigens bereits bewiesen und festgestellt habe ? daß zum Shakspeare und zum Händel die sämmtlichen übrigen Dichter und Musiker sich verhalten, wie zum Koriander der Mäusedreck sich verhält.

Eir.: Bombalobombax!

B. i. H.: Diese Schwachmattiker und Schmachtlappen, diese Lessing, Göthe und Schiller, was sind sie, verglichen mit Shakspeare dem Größten, Einzigen, Göttlichen? Nichts, rein nichts. Als die Vorsehung den Shakspeare und den Händel geschaffen, konnte sie sich füglich zur Ruhe setzen; denn ...

Eir.: Bombombalobombax!

Damit hatte das Gespräch ein Ende. Denn der gefeierte Shakspearomane warf, als stände er auf seiner Kathedra und diese mindestens auf der Spitze des Montblanc, einen zerschmetternden Blick auf meine Begleiterin herab und ging ohne Abschied eilends davon.

Ich gestehe, verehrte Freundin, es gefiel mir baß und machte mir großen Spaß, daß meine Eheherrin den Associé der besten und edelsten Biedermaierfirma von 1848 mit einem aus dem Aristophanes bezogenen Hausmittel so hübsch und artlich abgeführt hatte. Wissenden ? und Sie sind ja sehr eine Wissende ? braucht man nicht zu sagen, daß dem Shakspeare gegeben werden soll, was dem Shakspeare gehört. Item, daß der Schöpfer des Macbeth, des Lear und Hamlet groß genug ist und bleibt, um die Kritik vertragen zu können. Gerade darum verdient die Fehde, welche früher schon Rümelin und jetzt wieder Benedix gegen die Shakspearenarren begonnen hat, alle Beachtung und verdient die Tapferkeit, womit die Fehde geführt wurde und wird, den Dank aller Verständigen. Freilich überspannt Benedix sehr oft seinen Bogen ebenfalls und schießt demzufolge gar häufig über das Ziel hinaus. Aber er sowohl als Rümelin haben doch manchen Zweckschuß gethan und haben die neuestens durch Gervinus proklamirte und durch Otto Ludwig zur höchsten Potenz der Narrheit erhobene Vergötzung Shakspeares ins Herz getroffen. Von einer höchsten Potenz der Narrheit zu sprechen, ist man sicherlich berechtigt, wenn man die Shakspearenarren faseln und fistuliren hört, die »Fehler« ihres Götzen seien eigentlich »Vorzüge«, ja seine »Missgriffe« seien wirkliche »Meistergriffe«.

Frau Eironeia guckt mir über die Schulter und sagt: »Wie du dich nur so ereifern magst! Als ob Narren nicht närrisch schwatzen sollten! Und du könntest doch wissen, daß der fürchterlichste aller Narren der deutsche Philister ist, wenn er sich glücklich dazu gebracht hat, für etwas zu schwärmen oder gar zum Fanatiker sich aufzublähen. Uebrigens ist die Shakspearomanie im Grunde ganz ungefährlich. Der große Brite wird niemals im besseren und besten Sinne des Wortes populär werden; denn die Frauen werden und können ihn nicht liebgewinnen. Wie soll eine gebildete und sittsame deutsche Frau des 19. Jahrhunderts ? von den Mädchen gar nicht zu reden ? einen Poeten wirklich liebgewinnen können, welcher nur für das englische Publikum des 16. und des beginnenden 17. Jahrhunderts geschrieben hat? Und nur für das Theaterpublikum von damals, wohlverstanden! Ueberhaupt für eine Zeit, wo auch am Hofe der »jungfräulichen« ? lucus-a-non-lucendo-jungfräulichen, warf ich ein ? »Königin Beß Sankt Zotologos der am häufigsten angerufene Heilige war und zarteste Hoffräulein zum Frühstück Häringe aßen und tüchtig Bier tranken, item wohl auch gelegentlich in die Wochen kamen«.

Das ists ja eben, entgegnete ich, daß die Shakspearenarren, welche charakteristischer Weise in England selbst nur ganz sporadisch vorkommen, in Deutschland dagegen grassiren, ihren Götzen beharrlich unserer Zeit als größten nicht nur, nein, als einzigen Dichter aufschwatzen, aufzwingen wollen. Und um das zu bewerkstelligen, scheuen sie nicht vor der Unverschämtheit zurück, uns weismachen zu wollen, unsere Lessing, Göthe und Schiller seien, mit Shakspeare verglichen, eigentlich nicht der Rede werth. Als ob Lessing in der Kunst dramatischer Komposition und Charakterzeichnung den Briten nicht weit überträfe! Als ob irgend eine Tragödie Shakspeares an tiefdurchdacht-planmäßiger Fundamentirung und künstlerisch-meisterlichem Aufbau mit den Tragödien Schillers sich messen könnte! Was Göthe betrifft ...

»Hm«, meinte Frau Eironeia, »dem Göthe geschieht ganz recht, wenn ihn die Shakspearenarren in die zweite Linie stellen, hat er doch selber das Signal zur Shakspearomanie in Deutschland gegeben.«

Wahr, aber nicht minder wahr, daß der Göthe den Shakspeare, wie an Umfang und Vielseitigkeit des Genius, so auch an Kunst weit, weit hinter sich lässt. An Schöpfungen wie der Faust, wie die Iphigenie, wie Hermann und Dorothea hätte Shakspeares Dichtergeist selbst in seinen höchsten Aufschwüngen gar nicht zu denken vermocht, weil er eben ein Stockengländer des 16. Jahrhunderts war. Summa: Die Dichtung Göthes und Schillers steht für uns Deutsche ebenso über der shakspeareschen wie die Kultur unserer Zeit über der Bildung des Zeitalters der Elisabeth und Jakobs des Ersten. Der Unsinn und die Frechheit der Vergötzung Shakspeares namentlich auf Kosten Schillers wurden bekanntlich zuerst durch die Herren und Damen der romantischen Schule bei uns aufgebracht. Diese Insassen von Impotenzheim und Nullingen sind eben vor Neid auf Schiller, dessen ungeheure Macht ihnen die eigene Ohnmacht so erdrückend zum Bewusstsein brachte, ganz grüngelb angelaufen und alle ihre Auslassungen gegen den großen Meister sind so recht gelbsüchtige. Ganz widerlich vollends wird das antischillersche Genörgel der Romantiker in den Mäulern von emancipirten Weibern jener Zeit, von Weibern wie die Dorothea Mendelssohn-Veit-Schlegel und die Karoline Böhmer-Schlegel-Schelling, deren unsaubere Geschichte man besser in dem romantischen Halbdunkel ließe, statt dieselbe mit breiter Geschwätzigkeit auf den Markt zu bringen und in die Tageshelle zu stellen ...

Derweil hatten wir unsere Schritte der bekannten großen »Pfaffengasse« des deutschen Reiches zugelenkt, an deren Eingang wir uns die Nasen zuhalten mussten: ein so infamer Kuttenduft schlug uns entgegen, noch dazu ein so zu sagen komplicirter; denn es stank mit vereinten Kräften von westphälischer Junkerei und rheinprovinzlicher Bonzenschaft. Wir mussten aber vorwärts, maßen ich eine Bestellung von dem Socialistenpapst Feist Löb an den Bischof von Dingsda auszurichten übernommen hatte. Wir in der Unterwelt sind nämlich gescheid genug, uns um einer oder auch um verschiedener »Hekubä« willen nicht persönlich anzufeinden. Darum leben wir mit unsern Nachbarn vom Tartaros auf dem Fuße des comment sus-pendu, wie die Studenten sagen, und verkehren auf der großen, zwischen unsern Wohnstätten gelegenen Asphodeloswiese friedsam und freundlich, gentleman- und ladylike mit ihnen. Wohl, hatte also einen Auftrag an den Hochwürdigsten von Dingsda, der es so sinnreich und charakterfest verstanden hat, seine Inful zu einem Topfe zu machen, in welchem je nach den Umständen eine Fallibilitätssuppe gekocht oder ein Infallibilitätsbraten geschmort werden konnte.

Von meinen Begegnissen in der bischöflichen Pfalz und in sonstigen rheinländischen cameris obscuris jedoch ein andermal. Denn das, verehrte Freundin, erfordert wohl einen eigenen Brief. Der heutige scheint mir ohnehin schon länglicht genug. Aber zweierlei muß ich doch noch erwähnen.

In Bonn hörten wir ein großes Koncert mit an, welches nur moderne, modernere, modernste und allermodernste Musik vorführte. Schauder! Wir sahen vor lauter Bäumen den Wald nicht, das heißt, wir hörten vor lauter Tönen keine Musik. Die Zuhörer und Zuhörerinnen langweilten sich, daß sie vor verhaltenem Gähnen kinnbackenkrämpfig wurden, klatschten aber doch wüthend, wahrscheinlich, um sich den Frost aus den Gliedern zu treiben. Für Frau Eironeia war es, weil ihrer Weltanschauung entsprechend, sehr erfreulich, wahrnehmen zu können, daß die Damentoilette jetzt mehr und mehr zum Pompadourstil und zur Dubarrymanier zurückgekehrt sei. »Denn die Dummheit währet ewiglich.« Meine Eheherrin machte auch noch die Bemerkung: »Hast du beachtet, daß besonders modisch aufgebaute Damen Ohrenringe tragen, welche den Durchmesser eines kleinen Tellers haben? Ganz wie Tanit, die große Göttin von Karthago. Es fehlt jetzt nur noch der Nasenring der ostindischen Götzenbilder, und auch der wird kommen.« ? Aber, Liebste, bedenke doch unser Klima mit seiner monatelangen Schnupfenzeit! ? »Ja, die wird allerdings die Nasenringemode etwas unbequem machen; doch das thut nichts, die Siegerin Mode besiegt alles und: Je häßlicher, desto schöner! lautet ihr Feldgeschrei. Im übrigen ist es mit unsern Damenmoden gerade wie mit der Shakspearomanie. Beide Narrheiten erfließen aus der schon vom alten Herder gegeißelten »gutmüthig-trägen Eselei« unserer mehr oder weniger lieben Landsleute, alles Fremde schön zu finden, weil es fremd. Wären die shakspeareschen Stücke im 16. Jahrhundert deutsch in Deutschland geschrieben worden, so würde es bei uns keine Shakspearenarren geben.« ? Da sprichst du ein großes Wort gelassen aus und noch dazu ein wahres, welches auch beispielsweise an das Beifallsgeschrei erinnert, womit bei uns die elsässischen Dorfgeschichten der Messieurs Erckmann-Chatrian bedacht worden sind. Es existiren Dutzende von deutschen Dorfnovellen, welche mindestens ebenso gut erzählt sind wie jene, von denen aber zu sprechen oder gar bewundernd zu schreien keinem Menschen einfiel: sie waren ja nur von Deutschen, nur deutsch geschrieben. Schon zu Anfang der vierziger Jahre, noch vor dem Erscheinen der auerbachschen Dorfgeschichten, veröffentlichte der Elsässer Alexander Weill einen Band ganz vortrefflicher Dorfnovellen aus seiner Heimat. Aber sie fanden keine Beachtung, denn sie hatten ja den Fehler, in deutscher Sprache geschrieben zu sein. Der Herr Erckmann dagegen, dieser freche Verleumder und Verlästerer seiner eigenen, der deutschen Nationalität, brauchte nur französisch zu schreiben, um diesseits des Rheins bis an die Wolken erhoben zu werden. Es ist eben immer das alte Lied von der deutschen Michelei, welches nie ausgesungen wird. ? »Nie ausgeschrieen, willst du wohl sagen«, versetzte Frau Eironeia. »Hast du denn nicht vorhin im Koncertsale sattsam erfahren, daß die allermodernste Musik nicht mehr gesungen, sondern nur noch geschrieen sein will? Vokal- und Instrumentalmusik nur noch ein Geschrei, Gerase, Gerasaune! Lebte ich noch und wäre auf Broterwerb angewiesen, so würde ich vor den Eingängen der Koncertsäle Buden mit gegerbten Eselsohren zum kaufen oder miethen anlegen. Ein Paar simpler menschlicher Ohren hält diese Musik in die Länge nicht aus.« ? Liebes Kind, sagte ich, du fällst aus deiner Charakterrolle, denn du ironisirst nicht, sondern skandalisirst dich, und zwar nach Noten. ? »Thut nichts«, sagte sie achselzuckend. »Gibt es doch dermalen zwischen Himmel und Erde Dinge, von welchen nicht nur die Schulweisheit des Horatio, sondern auch die Lebensweisheit des Horatius sich nichts träumen ließ. Der Ironie selber könnte darob wohl die Ironie vergehen. Da sieh dir einmal das Ding an!«

Sie deutete auf ein kolossales, im reinsten Fabrikstil erbautes, aber noch nicht unter Dach gebrachtes Haus, welches im fahlen Mondlicht ? wir reisten bei Nacht ? unweit von Frankfurt aus der bekannten dürren Theoriehaide sich erhob, lächerlich und unheimlich, närrisch und drohend zugleich anzusehen. Aus der Ferne erschien es völlig wie ein Luftschloß oder wie eine Luftkaserne vielmehr. Näher gekommen, bemerkten wir, daß der gespenstige Bau doch nicht völlig in der Luft hing, sondern eine Art von Pfahlbau vorstellte. Das Ding war nämlich auf Makulaturpfählen, freilich auf bedrohlich dünnen Makulaturpfählen errichtet, welche verschiedene Inschriften trugen: z. B. Platons »????????« Morus » Utopia«, Harringtons » Oceana«, Kampanellas » Civitas solis«, Babeufs »Tribun du peuple«, Saint-Simons » Oeuvres«, Fouriers » Théorie des quatre mouvements« u. dgl. m. Wir ersahen daraus, daß wir die richtige Wolkenkukuksburg vor uns hatten, und wäre uns noch ein Zweifel geblieben, so musste derselbe schwinden beim Anblick einer großen, über der Hauptpforte angebrachten Plakattafel, worauf in Lapidarschrift zu lesen war:

Die Vereinigten Kommunen des Weltalls.

1) Es gibt zwar keinen Gott, aber Feist Löb ist doch sein Prophet.

2) Abschaffung des Staates, aber Staatshilfe für alle.

3) Abschaffung des Eigenthums und der Ehe, aber ein hübsch eingerichtetes Haus mit mindestens einer hübschen Frau darin für jeden Bürger von Utopien.

4) Organisation der allgemeinen Schlaraffei.

5) Unbedingte Fühl-, Denk-, Schwatz-, Schreib-, Druck-, Lug- und Lästerfreiheit; aber wer sich untersteht, anders zu fühlen, zu denken, zu reden oder zu schreiben, als wir dekretiren, und wer es wagt, von gesundem Menschenverstand, vom Rechte der Persönlichkeit, von der Familie, vom Vaterland, von der Wissenschaft, von der Kunst und von andern dergleichen überwundenen Standpunkten zu sprechen, der ist ein Bourgeois und muß eine Petroleuse heiraten, um zur Erleuchtung zu gelangen.

6) Freiheit, Gleichheit, Bruderschaft und Communauté oder ? Keile!

Car tel est notre plaisir.

Der Wohlfahrtsausschuß der Weltkommune:
Gredin, Bummel, Rabblebag,
Gaglioffo, Picaro, Krapulicki, Schubiabskoi.

 

3.

Elysion, Januar 1874.

 

In einer meiner früheren Episteln habe ich vergessen, Ihnen, verehrte Freundin, mitzutheilen, daß wir unsere Anwesenheit in Paris benutzten, um dem hochwürdigen Abbé Lamazou eine Huldigungsvisite abzustatten. Dieser Franzose und Priester comme il faut hatte unsere Aufmerksamkeit und Dankbarkeit erregt durch den, wenn ich so sagen darf, geweihwässerten Humor, womit er in seinem Buche » La place de Vendôme et la Roquette« seine Erlebnisse während der pariser Kommunewirthschaft erzählt. Allerdings ist dieser Humor nicht sowohl ein bewusster als vielmehr das unwillkürliche Ergebniß der Ingredienzien, aus welchen Monsieur lAbbé seine Erzählungen zusammensetzte. Daß er lügt, wie alle seine Landsleute von 1870-71 logen, ist selbstverständlich; aber seine Lügen haben etwas drolliges, weil unter dem Chrisam, womit er sie angestrichen hat, die Nationalfrivolität bisweilen ganz ungenirt hervorkichert. So z. B. S. 75 der 12. Ausgabe des Buches, wo erzählt wird, daß ein »frommer Mann« aus dem Quartier Saint-Sulpice auf dem linken Seineufer in das Quartier der Madeleine auf dem rechten sich geflüchtet habe, nachdem das deutsche Bombardement drei Tage und drei Nächte gedauert hatte. Lamazou wünschte dem Flüchtlinge Glück zu seiner klugen Entschließung und erhielt die spassige Antwort ( plaisante réponse): » En vérité, je ne pouvais pas raisonnablement passer toutes mes nuits à recommander mon âme à dieu!« Sie werden mir zugeben, Verehrteste, daß ein »frommer« Mann germanischer Rasse nie auf einen solchen Einfall gekommen wäre. Die französische Frömmigkeit ist eben auch nur ein Theil der großen » comédie française« ... Unser hochwürdiger Vikar von der Madeleine hat übrigens der humoristischen Historik ganz erkleckliche Dienste geleistet. Insbesondere durch seine salbungsvolle Lösung des Kommuneproblems. Natürlich war diese richtige Offenbarung des gallischen Tigeraffenthums, diese Kommunewirthschaft, eigentlich eine preußische Machenschaft. Die Lehrmeister der Kommunisten waren Bismarck und Moltke, letzterer namentlich als Professor der Petrolik [ c. pag. 104: » Ils (les politiques et les chimistes de la commune) empruntent à M. de Bismarck et M. de Moltke deux procédés dont le seul nom inspire aujourdhui lhorreur, le système des ôtages et lusage de pétrole«]. Zur Vernichtung der Vendomesäule wurde die Kommune getrieben »durch einen wilden Haß und durch das Gold Preußens« ( p. 82). Der Delegirte der Kommune, welcher die Umsturzprocedur der Säule commandirte, war eigentlich ein » délégué de la Prusse« ( p. 92). Die Beziehungen der Kommunisten zu den Preußen waren von der freundschaftlichsten Art (» du caractère le plus amical«, p. 102) und jene behandelten diese ganz offen als » confrères«, um nicht zu sagen als » compères« ( p. 38). Die Kunst endlich, die Monumente und Häuser von Paris in Asche zu verwandeln, haben die Citoyens von der Kommune bei den preußischen Ingenieuren gelernt (» à lécole des ingénieurs prussiens«, p. 105). Dem Buche des Abbé voran steht ein Empfehlungsbrief des Bischofs von Orleans, eines der giftigsten Feinde Deutschlands, und es hat, wie schon erwähnt worden, zwölf Auflagen erlebt, ist demnach wohl so ziemlich von allen Franzosen gelesen worden, die überhaupt lesen können.

Und die Moral von alledem, fragen Sie? Nun, die Moral ist, daß erstens auch dieser Gallier wie alle seine Landsleute überzeugt ist oder wenigstens überzeugt thut, die Unfälle seines Landes annis 1870-71 seien keineswegs von den Franzosen selbst verschuldet, und daß zweitens der gallische Priester neben seinen dankenswerthen Leistungen als Hannswurst auch das Verdienst hat, uns eine klare Anschauung von der Thatsache zu geben, französische Kleriker ließen sich von dem römischen Schwindel doch nie so weit beschwindeln, daß sie ihr Franzosenthum über ihrer Bonzenschaft vergäßen oder diese gar über jenes stellten. Wie ganz anders ringen und streben unsere deutschen Kleriker der Verwirklichung des loyolaitisch-römischen Priesterideals nach! Was Vaterland? »Das Vaterland bin ich!« bullisirt der Unfehlbare und »Amen« sagt der deutsche Episkopat.

Der französische gab uns eins seiner bekannten Beileids- und Trostschreiben an den deutschen mit. Inmitten der »neronischen« oder »diokletianischen« Verfolgung, deren Martyrium die deutschen Bischöfe sammt ihrem Klerus und allen Gläubigen dermalen, wie weltbekannt, zu bestehen haben, ist es ihnen eine balsamische Labung, von ihren französischen Kollegen, welche bei jeder gebotenen oder auch gemachten Gelegenheit Deutschland, die Deutschen und alles Deutsche in den Abgrund der Hölle verlästern und verfluchen, um ihrer Rebellion gegen Staat und Gesetz willen glorificirt zu werden. Das Behagen, womit die hochwürdigsten Herren diesen gallischen Balsam augenscheinlich hinunterschlürfen, ist ein weiterer Beweis, daß sie dem vorhin erwähnten Ideal schon sehr nahe gekommen sind. Sie werden es erreichen, falls sie sich, wenn das große kirchlich-politische Drama der gallischen »Revanche« in Scene geht, so aufführen, wie Rom und Frankreich es mit Bestimmtheit hoffen und erwarten. Da sollen, wenn die »Rächer« unter Vortragung vom »allersüßesten« Herz Jesu heranmarschiren, die deutschen Bischöfe die ganze Heerde ihrer Gläubigen den Franzosen entgegentreiben, aber nur behufs der Vereinigung mit denselben. Denn diese besagte Heerde soll ja den Vortrab des heiligen Kreuzzuges bilden, welcher ? » Dieu le veut« ? dermalen emsig organisirt wird zur Zerstörung des Ketzerreiches deutscher Nation. Werden die Hirten wirklich in der angegebenen Richtung treiben? Wird die Heerde folgen?

»Ah bah«, meinte meine Begleiterin, als ich unterwegs diese Frage aufwarf, »die Sache ist lange nicht so gefährlich, wie sie aussieht. Daß es einzelne oder meinetwegen etliche Hunderte von Fanatikern und Betschwestern gibt, welche lieber heute als morgen die lieben Herz-Jesu-Franzosen in den Rheinlanden hätten, ist richtig, wie ja in Deutschland auch Afterdemokraten vorkommen, welche des Dafürhaltens sind, die wahre Freiheit müsse schlechterdings rothe Krapphosen anhaben. Allein gefährlich könnte das vereinte Geziefer nur werden, falls die Reichsregierung in die unqualificirliche Schwäche zurückfiele, deren sich die preußische Regierung zwanzig und mehr Jahre dem Pfaffenthum gegenüber schuldig gemacht hatte, bevor ihr endlich am 18. Juni von 1870 der Staar gestochen wurde. Alles zusammengehalten, sollten denkende Patrioten eigentlich den ultramontanen Treibern ein warmes Dankvotum widmen. Denn diese Herren thun alles mögliche, um die Deutschen vor einem Rückfall in die alte Bärenhäuterei zu bewahren. So ein Rückfall war nach 1870-71 sehr möglich, sogar sehr wahrscheinlich. Dem nationalliberalen Vertrauensdusel musste naturgemäß ein tiefer und langer Schlaf folgen. Allein die Herren vom Schlüsselbanner brachten dem deutschen Kaiser, welcher nicht nach Kanossa gehen und nicht den päpstlichen Sbirrenkapitano machen wollte, eine so geräuschvolle Katzenmusik, daß der Liberalismus das Einnicken zu vertagen sich veranlasst fand. Die Katzenmusikanten schlugen in ihrer heiligen Inbrunst so wüthend auf ihre alten Töpfe und Pfannen los, daß die preußische Regierung schon aus Gründen des öffentlichen Anstandes dem Rummel und Skandal zu Leibe gehen musste, und sie kann sich jetzt schlechterdings nicht mehr den Anschein geben, zu glauben, die Katzenmusik sei eigentlich eine dAccord-Serenade. Damit ist jedenfalls so viel gewonnen, daß der Fistulir-Pio im Vatikan sich aufs verfluchen wird beschränken müssen, weil ihm zum verbrennen der ?weltliche Arm? gebricht.«

Halt, Schatz, dein Fistulir-Pio erinnert mich an einen guten Schwank, welchen ich neulich drunten bei uns im Weinhause zum » Honny soit qui mal y pense« den alten Rabelais erzählen hörte. Aristophel, Cervantes, Swift, Molière, Fischart, Heine und andere gute Gesellen lachten herzlich darüber.

»So? Hm, man kennt eure langwierigen Kneipereien.« ? Die aber sehr kurzweilig sind, Liebste, obzwar leider auch der Nektar die Einwirkungen der erschrecklichen Chemievorschritte bedenklich zu verspüren beginnt. ? »Nun heraus mit deiner Geschichte, falls nämlich Damenohren sie hören können. Ich traue dem Vater Gargantuas und Pantagruels nur halb.« ? Sei nur ruhig, ich will die Geschichte aus dem Rabelaisschen ins Englisch-Missliche übersetzen. Also: Der gute Pio bekam etliche Tage nach seiner Dalai-Lamasirung Gewissensskrupel. Man könnte meinen, der neugebackene Gott habe vor seiner eigenen Gottheit Angst gekriegt. Was thut er nun zu seiner Beruhigung? Er nimmt seine Himmelsschlüssel, schließt die dreimal heilige Pforte auf und bedenkt im vorbeigehen den Thürsteher Petrus, welcher ja nur ein armer Teufel von Fischer gewesen, mit einem gnädigen Kopfnicken. Ohne Ceremonie bei der Ersten Person eingetreten, bringt er sein Anliegen vor. Der alttestamentliche Herr, zu dessen Schwächen bekanntlich die Leutseligkeit niemals gehört hat, war eben im Begriffe, Siesta zu halten, und demnach durch die Störung nicht sehr erbaut. » Reverendissime domine collega«, begann der vergötzte Pio. ? »Kollege? Kollege? Wie? Wo so? Was will Er?« ? »Das und das.« ? »Geht mich nichts an, Er Dummrian! Hätte Er, statt Seine Zeit damit zu vertrödeln, daß Er Flüche aus allen Poren schwitzte, sich auf das Studium der Kirchengeschichte verlegt, so müsste Er wissen, daß ich seit der Einführung des christlichen Kalenders mit eurem ganzen Erdenkrähwinkelkram nichts mehr zu thun habe, sintemalen ich dieses Geschäft mit allen Aktiven und Passiven der Zweiten Person übergab. Weg mit Ihm!« Durch diesen unkollegialischen Empfang etwas gestoßen, begab sich der Unfehlbare in die Gemächer der Zweiten Person hinüber, welche ihn mit großer Artigkeit empfing. Als er nun aber die Frage, wie denn eigentlich seine auf Erden am 18. Juli von 1870 proklamirte Vergottung im Himmel genommen und angesehen werde, vorgebracht hatte, gab die Zweite Person nachdenklich zur Antwort: »Das ist ein sehr heikler, schwieriger Kasus, welcher, wie mir scheint, nicht so fast in meinen als vielmehr in den Ressort der Dritten Person gehört. Gehen Sie doch diese fragen.« Gut, der also höflich Abgewiesene ging um eine Thüre weiter und ließ sich bei der Dritten Person melden. Musste da jedoch mehrere Stunden vorzimmern, weil der hohe Herr gerade den Altkatholicismus unter dem Mikroskop hatte, um in demselben einen Reformkeim zu entdecken. Aergerlich, daß er das Gesuchte nicht gefunden, kam er dann ins Vorzimmer heraus, und als er seines Pseudokollegen ansichtig wurde, stieg ihm die Zornröthe ins Gesicht und er runzelte denselben ohne alle Umstände also an: »Du kommst mir gerade recht! Für dich hab ich schon lange einen Schuß im Rohr. Wie kannst du dich unterstehen, mir vor die Augen zu treten?«

Hier unterbrach mich meine bessere Hälfte, indem sie meinen Arm fasste und hastig sagte: »Bst, bst! Merkst du nicht das Muckerarom in der Luft? Siehst du nicht hinter dem Busche dort den Pressesbirren horchen und lauern? Weißt du nicht, wie es im neuen deutschen Reiche mit der angeblichen Pressefreiheit eigentlich bestellt ist? Weißt du nicht, daß heutzutage für ?;Gotteslästerung? gilt, was auf der mittelalterlichen Mysterienbühne ohne weiteres vor allem Volke tragirt wurde und was die Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts, z. B. ein Heinrich Bebel in seinen ?Facetien?, ihren Zeitgenossen lachend erzählten? Still! sag ich. Oder willst du etwa mit dem frommen Stadtoffiz von Be?nares Bekanntschaft machen?«

Das wollt ich begreiflicher Weise nicht. Darum musste ich die Spitze meiner rabelaisschen Geschichte abbrechen und einstecken und konnte und kann nur noch sagen, daß Seine Heiligkeit sehr verblüfft und niedergeschlagen in das Diesseits und in ihre vatikanische »Gefangenschaft« zurückkam. Dem Jesuitengeneral Beckx jedoch gelang es, die Seelensaiten des Unfehlbaren bald wieder auf den richtigen Syllabus- und Fluchton zu stimmen, namentlich mittels des Arguments: »Es verschlägt gar nichts, ob die Dritte Person da droben Eure Heiligkeit inspirirt oder nicht. Die ganze heilige und profane Geschichte bezeugt ja, daß die Welt recht wohl ohne Geist regiert werden kann.«

»Hör mal« ? sagte Frau Eironeia, nachdem ich meine Relation beendigt hatte ? »mich dünkt, dein Rabelais meidingert ...«

Unter solchen Gesprächen hatten wir die Bischofsstadt erreicht und eilten, unsere verschiedenen Aufträge auszurichten. Seine bischöfliche Gnaden empfing uns mit ausgesuchter Höflichkeit, wie denn bekanntlich die römischen Hierarchen überhaupt weit mehr Weltton besitzen als die lutherischen, welche häufig meinen, es machte sie ehrwürdiger, wenn sie die Rüpelhaftigkeit ihres Propheten kopirten. Wir verbrachten als Gäste in der bischöflichen Pfalz, die zwar nicht gerade mit apostolischer Armuth, aber in ganz gutem Geschmack eingerichtet war, recht angenehme Stunden. Bei Tische waren die Gerichte fein und die Weine ausgesucht. Das Gespräch bewegte sich zwanglos und buntwechselnd, immer jedoch in den Formen der besten Gesellschaft. Es waren außer Eironeia noch verschiedene Damen da. Mein Nachbar, ein jovialer Domherr, machte mich auf eine aufmerksam, welche früher ziemlich hübsch gewesen sein musste, und flüsterte mir zu: »Sie suchte vor Zeiten mit der Laterne der Diogena in der ganzen Männerwelt den Rechten und wähnte auch verschiedene male, selbigen gefunden zu haben. Jetzt ist sie eine richtige Heilige, die schon mehr als 100,000 Gulden an Peterspfennigen zusammengebracht hat.« Nach Tische fuhr die ganze Gesellschaft zur Villa des Prälaten hinaus, wo wir uns bis zum Abend in dem schönen Park ergingen. Dann hatten wir ein kleines Koncert, hierauf trug der berühmte Konrad von Bolanden die neueste seiner Erzählungen vor, worin die Tagesfragen nicht unappetitlich zu richtigen » Diavolini romani« verarbeitet werden, und endlich beschloß ein heiteres Souper in dem hohen und kühlen Gartensale den Tag.

Als wir uns von unserem gastfreien Wirthe verabschiedeten, hatte er die Gnade, meine Eheherrin zu fragen: »Nun, gnädige Frau, wie hat es Ihnen bei uns gefallen?« Worauf Frau Eironeia: »Oh, ganz gut, Hochwürdigster. Nur trage ich einen Zweifel mit mir weg.« ? »Einen Zweifel? Das ist unstatthaft, ist sogar Sünde. Aber kommen Sie, beichten Sie mir Ihren Zweifel.« ? »Recht gern, Hochwürdigster. Ich bin zweifelhaft, ob wir heute mitsammen einen Tag neronischer oder aber einen Tag diokletianischer Christenverfolgung durchgelitten haben.«

 

4.

Elysion, Februar 1874.

 

Sie werden, verehrte Freundin, aus den Ihnen vorgetragenen Denkwürdigkeiten meines ersten Straf- und Bußganges in der Oberwelt unschwer die Schlußfolgerung gezogen haben, daß der Anblick des menschlichen Narrenspiels für die Augen eines Elysionärs nicht gerade wohlthuend gewesen sein könnte. Nun ja, es ist kein Spaß, alles das dumme Zeug, dessen man schon bei seinen Lebzeiten satt und übersatt geworden, geistweise abermalen mit ansehen und so zu sagen mitleben zu müssen. Maßen ich jedoch auch im Elysion die von unsern schwarzen Kosmopoliten und rothen Kraftstoffeln neuesten Stils so tief verachtete »Schwäche des Patriotismus« nicht ganz loswerden konnte, war es mir nicht unerwünscht, zeitweise mit eigenen Augen betrachten zu können, wie sich die Dinge im neuen deutschen Reiche fernerweit machten oder auch nicht machten. Derohalb rüstete ich mich denn mit leidlich guter Miene zu meiner zweiten Büßungs- und Läuterungsfahrt.

Am Vorabend unserer Aufwärtsreise ? denn Frau Eironeia wollte wiederum mitgehen ? spazirten wir noch auf der zwischen Elysion und Tartaros gelegenen neutralen Asphodelosmatte, deren ich in einem meiner früheren Briefe bereits erwähnt habe, und da wurden wir von drei Herren Tartarosiern angetreten und begrüßt. Der eine war kein geringerer als der zum jüdisch-christlichen Satan metamorphisirte persische Ahriman, der natürlich nicht in miltonscher Riesengestalt oder gar als dantesch ungeheuerlicher Popanz auftrat, sondern so zu sagen als eine Interimsfigur von byronschem Schnitt und darum auch in Sprache und Manieren den vollendeten Gentleman sehen ließ. Einen weit unangenehmeren Eindruck machten seine beiden Begleiter, Don Thomas de Torquemada und Sieur Jean Chauvin, gewöhnlich Kalvin genannt. Beiden Fanatikern sah man die stille Wuth an, daß es ihnen hier unten nicht mehr gestattet war, ihre lieben Mitmenschen vor eitel christlicher Liebe zu fressen, das heißt, auf den Scheiterhaufen zu befördern. Ich habe Ihnen, Verehrteste, schon früher gesagt, daß wir Elysionäre mit unsern Nachbarn, den Tartarosiern, auf dem Fuße der Toleranz und guten Lebensart verkehren, und darnach werden Sie das folgende Gespräch ganz in der Ordnung finden.

Satan: Schönen guten Abend der verehrten Dame und dem geehrten Herrn.

Ich: Schönen Dank, Domine Lucifer. Darf ich mich nach Ihrem teuflischen Befinden erkundigen?

Sat.: Sehr verbunden, Herr Scholarch. Es geht an. Doch spür ich, wie man zu sagen pflegt, den Frühling in meinen nicht gerade mehr jungen Knochen. Sie wissen ja, bei Gelegenheit jenes unliebsamen Sturzes aus Himmelshöhen habe ich mir die rechte Hüfte jämmerlich gequetscht und hat sich da ein hartnäckiger Rheumatismus festgesetzt.

Frau Eironeia: Warum versuchen Sie es nicht mit einem Bad in der Wunderquelle von Lourdes?

Sat.: Ach, gnädige Frau, jeder Tropfen des wunderwirkenden Wassers ist durch die Firma Veuillot u. Komp. auf Jahre hinaus für den Gebrauch der grande nation monopolisirt.

Torquemada: (leise zum Kalvin): Was müsste das für ein süßer Ruch in unsern vier Nasenlöchern sein, wenn diese siebenmal siebenmal zu vermaledeiende Ketzerin auf dem Holzstoße schmorte!

Sat.: Ich vernehme, Herr Magister, daß Sie im Begriffe seien, wiederum einen Bußebummel dort oben zu unternehmen, und das ? entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit ? veranlasst mich, eine gehorsame Bitte an Sie zu richten.

Ich: Ganz zu Ihren Diensten, soweit diese nämlich einem Elysionär anstehen.

Sat.: Natürlich. Die Sache ist diese. Die beiden hochwürdigsten Brandmeister da sind auf das in Berlin erscheinende Journal »Romaniora« abonnirt. Dasselbe hat die Güte, sich ziemlich oft und viel mit meiner Wenigkeit zu beschäftigen. Seine Mitarbeiter scheinen mich auch ziemlich gut zu kennen und zollen mir die gebührende Achtung und Rücksicht, das muß ich sagen.

Frau Eir.: Warum auch nicht? Die Schwarzen sind von jeher mit dem Schwarzen ein Herz und ein Horn gewesen.

Kalvin (leise zum Torquemada): Notirt die Blasphemistin, Domine Kollega. Wer unser spottet, der lästert bekanntlich Gott. Hinein mit ihr in der Santa Kasa heilige Register! Es könnte sich doch eines Tages fügen, daß wir die christliche Freude hätten, sie mitsammt ihrem Zacharias, der ohnehin nur in einer schnöden Civilehe mit ihr lebt, brennen zu sehen. Hab ich doch vor Zeiten dem Miguel Serveto gehörig heiß gemacht, weil er sich unterstanden, das nicht genug zu verfluchende Einmaleins über das Mysterium der Dreieinigkeit zu stellen.

Sat.: Sie können sich leicht denken, Herr Magister, daß es mich bei der zwischen mir und den Inspiratoren der »Romaniora« herrschenden Intimität baß verwundern musste, in der Nr. so und so des sonst trefflichen Blattes zu lesen, ich, der Teufel, sei »in Berlin los«, während ich doch hier unten gerade angebunden war, nämlich durch besagten Rheumatismus an mein Bett, und mir durch die weltberühmte ehrwürdige Dame, meine liebe Großmutter, gewärmte Kleiensäckchen auflegen ließ. Das mir nachgesagte »Lossein« sah demnach akkurat wie Hohn und Spott aus und ärgerte mich nicht wenig. Anfangs dachte ich, es wäre möglich, daß etwa »einer der Kleinen von den Meinen« ? wissen Sie? ? in der Hauptstadt des deutschen Reiches sich mausig gemacht hätte. Allein der eingeholte Tagesrapport erwies, das keiner »von unsere Leut« an jenem Tage in Berlin Dienst gehabt hatte. Es bleibt also nur die Annahme, der bezügliche Redakteur oder Reporter der »Romaniora« habe, als er in Berlin den losseienden Teufel zu sehen glaubte, in den Spiegel hineingeguckt, und da konnte es dann allerdings nicht fehlen, daß ein dummer Teufel herausguckte. Sie begreifen aber, Herr Magister, daß ich mit dieser Sorte nicht verwechselt sein möchte. Darum ersuche ich Sie, gelegentlich das Redaktionslokal der »Romaniora« aufzusuchen und den Insassen zu melden, daß ich mir für die Zukunft derartige Verwechselungen strengstens verbitte. Die Herren sollten, ließe ich ihnen sagen, ein andermal, wann sie den Teufel zu erblicken glaubten, die Augen aufthun und nach meinem Wappen und Zeichen sehen, welches ja jedem auch nur halbwegs gebildeten Menschen aus der pantomimischen Beschreibung desselben in der Hexenküche im Faust bekannt sein muß.

Ich: Gut, altes Haus, Ihr Auftrag soll ausgerichtet werden.

Sat.: Danke verbindlichst zum voraus. Uebrigens wird sich Ihr Gang nach besagtem Redaktionslokal wohl verlohnen, denn Sie werden dort allerhand Merkwürdigkeiten zu sehen kriegen.

Frau Eir. (zum Don Thomas und Sieur Jean): Und was haben uns denn die zwei feurigen Verkündiger der christlichen Liebe für da droben aufzutragen?

Der Großinquisitor von Spanien und der Kleininquisitor von Genf bewegten die Kinnbacken, als wollten sie die Fragerin herzlich gern aus lauter christlicher Liebe alsogleich auffressen. Dann sagte der hochwürdigste

Torquemada (zu mir gewendet): Da Sie ohne Zweifel die eine oder andere der Sitzungen des Reichstages besuchen werden, Herr, so sagen Sie den Brüdern vom Centrum, ich sei des entschiedenen Dafürhaltens, daß jetzo mit der Bestellung eines Großinquisitors für Allemannia ungesäumt vorgegangen werden müsste.

Kalvin: Auch ganz meine Meinung. Die beiden Kirchen müssen alle Differenz unter sich vertagen, um fest gegen den Antichrist von Liberalismus zusammenzustehen. (Beiseite: Später werden wir ja wohl in den Stand gesetzt sein, mit den römischen Ketzern abzurechnen.)

Torquemada: Gewiß. (Für sich: Später werden wir ja wohl den Rank finden, unsern nicht genug zu verfluchenden ketzerischen Alliirten ad hoc unser berühmtes » Ite in pace!« zuzurufen.) Die Verhältnisse liegen in Deutschland so, daß es sich, um unsern protestantischen Brüdern gerecht zu werden, empfiehlt, das sanctum officium nach Art der venetianischen Staatsinquisition zu gestalten, das heißt nicht mit einer, sondern mit drei Spitzen zu versehen, zwei katholischen und einer lutherischen. Das hochwürdige Centrum bietet, mein ich, Holz genug, um zwei Großinquisitoren daraus zu schnitzen.

Ich: Freilich, freilich; im Nothfalle könnte sogar jedes Mitglied einen solchen vorstellen. Ein wahrer embarras de richesses, die Wahl wird schwer sein.

Torquemada: Den Windthorst verbitt ich mir ausdrücklich, hören Sie? Ich traue der christlichen Liebe des Mannes nicht so ganz. Er hat eine moderne Ader in sich und wäre es auch nur die Spottader; alles und jedes Moderne aber ? anathema sit!

Kalvin: Auf protestantischer Seite werden wohl die Herren von Senfft-Pilsach und von Kleist-Retzow Halme ziehen oder würfeln müssen, wer von ihnen der würdigste Kandidat.

Ich: Gut, meine Herren, ich werde Ihre Aufträge treulich bestellen. Empfehle mich Ihnen. Guten Abend! ......................................

Unterwegs von unserem in der Epikurosstraße gelegenen Wohnhause »Zum Lukretius« im Elysion bis nach Berlin hatten wir nur ein nennenswerthes Begegniß, falls es überhaupt als ein solches bezeichnet werden darf. In Leipzig sahen wir nämlich, was wir daselbst schon vor nahezu einem Vierteljahrhundert gesehen hatten: die bekannte Dame, welche am Ufer der Gentzpfütze stand und mit einem ungeheuren Winkelhaken aus der Officin von F. A. Brockhaus in dem schmierigen Wasser herumfischte. Die Erträgnisse der Fischerei wanderten und wandern zunächst unter die Pressen der genannten Officin (und unter die anderer, denn eine Officin ist nicht im Stande, all das Zeug zu bewältigen) und kamen und kommen sodann auf den Markt mit der Etikette: »Kondensirter Froschlaich aus dem unerschöpflichen Nachlaß der Natur des ungeschweigbaren Schmergelius Grabquaker, auf dem Wege zum Geheimerathsquartier stecken gebliebener Ex-Diplomat.«

Kamen gerade rechtzeitig in der Reichshauptstadt an, um am 18. Februar in freilich sehr gedrückter, ja gepresster Stellung im Zuhörerraume des Reichstagssals dem erwarteten großen, aber ziemlich klein ausgefallenen Protestspektakelstück anzuwohnen.

Das Possirliche daran war von vornherein, daß der französische Protest von einem ganz geläufig süddeutsch sprechenden Herrn mit dem ur-, urer-, urestdeutschen Namen Teutsch herdeklamirt wurde. Se. allerhöchstselige königliche Majestät, welcher ich übrigens im Elysion nie begegnet bin, Ludwig der Erste von Bajuwarien, hat bekanntlich nie anders als »teutsch« zu schreiben geruht. Bei der bloßen Nennung des Namens Teutsch muß einem altdeutschwäldlerisch, indogermanisch, urarisch, teutisch, theodiskonisch, kurzum ganz jakobgrimmig zu Muthe werden und wir haben ein Gefühl, als würden uns alle die schon vollendeten und in fernen Ewigkeiten noch zu vollendenden Wälzer des »Deutschen Wörterbuches« an den Kopf geworfen. Teutsch! Steckt da nicht ebensowohl das deutsche Gemüth als die deutsche Faust, ebensowohl Sauerkraut und Lagerbier als Nibelungenlied und der straßburger Münster, ebensowohl Landsknechtschaffenheit als Wertherei, ebensowohl die echternacher Springprocession als der lessingsche Nathan, ebensowohl das Stockskepter des alten Fritz als Schillers Tell darin? Beim sonnenäugigen Wuotan und beim blitzrothbärtigen Donar, der Protestdeklamator hätte anstandshalber es machen sollen, wie es viele unserer christlichen und jüdischen Landsleute in Ungarn und Russland machen, allwoselbst bekanntlich aus einem deutschen Ochsen schon manch ein Ochsyanyi und aus einem deutschen Esel schon mancher Eselynski geworden ist. Jedennoch muß man, um gerecht zu sein, dem Monsieur oder Citoyen Teutsch oder Tötsch zugestehen, daß er sich, wenn auch nicht nominell, so doch substanziell entdeutscht und richtig verfranzöselt habe. Denn nur hieraus erklärt sich die unbefangene Schamlosigkeit oder die schamlose Unbefangenheit, womit der Monsieur dem Deutschen Reiche, welches sein ihm vordem gestohlenes Eigenthum im gerechtesten aller Kriege um hohen Blutpreis zurückerworben hat, zumuthen konnte, in Elsaß-Lothringen, um »den Schein zu retten«, eine elende Plebiscitposse à la Lügen-Louis, Pietri u. Komp. aufzuführen. Daß man unwillkürlich dazu kam, den Zumuther keiner Antwort zu würdigen, sondern blos mit »Heiterkeit« und Lachen abzufertigen, begreift sich, weil eben Grimassen, wie sie Monsieur Teutsch, um sich als in der Wolle gefärbter Gallier aufzuspielen, zum besten gab, im deutschen Reichstage schlechthin lächerlich sind. So was gehört in die Komödiantenbude zu Versailles, allwo sie von Tag zu Tag einander » La journée des dupes« vorspielen oder wenigstens vorspielen möchten. Wenn aber die Franzosen in ihren Journalen jubelnd sich brüsteten, Monsieur Teutsch habe sich am 18. Februar als echter Sohn der trotz alledem noch immer an der Spitze der Civilisation tanzenden » grande nation« erwiesen, so können die Deutschen auch zu diesem Armuthszeugniß, welches sich die besagte große Tanznation damit wiederum ausgestellt hat, zufrieden lächeln. Also dieses gehirnweiche, mit Lügen, falschen Citaten und Rohheiten gespickte Geplapper sollte echtes Franzosenthum vorstellen? Oh, Esprit Montaignes, Voltaires und Couriers, wie bist du auf den Tötsch gekommen!

Gewiß, dieser »Protest« verdiente keine andere Antwort als »Heiterkeit«. Eine andere Frage ist aber, ob sich an die etwas mysterienhaft-violette Erklärung des straßburger Bischofs nicht eine zeit- und zweckmäßige Debatte hätte knüpfen lassen. Sicherlich wäre es nicht übel gewesen, den Abgeordneten von Elsaß-Lothringen ein- für allemal den Standpunkt klarzumachen und sie vor allem zu fragen, warum sie denn, wenn sie Franzosen bleiben wollten, nicht für Frankreich optirt hätten. Vielleicht wäre es sodann auch durch die ganze Sachlage gerechtfertigt gewesen, die Herren Elsässer überhaupt einmal daran zu erinnern, daß es unter allen Umständen niederträchtig ist, seine Mutter zu verleugnen. Schon der Hinweis auf die ihrer doch wahrlich nicht sehr zärtlichen und fürsorglichen Mutter Polonia mit unzerstörbarer Pietät anhangenden Sarmaten hätte den Elsässern die Schamröthe auf die Stirnen treiben müssen. Aber freilich, Gesellen wie die Messieurs Erckmann und Zingerle (der sich zum Seinguerlet verwelscht hat) lieferten ja schon lange den Beweis, daß die Aneignung des französischen Stils die Austreibung deutschen Schamgefühls zur unumgänglichen Voraussetzung habe. Das ist überhaupt die dunkle Kehrseite des deutschen Universalismus und Kosmopolitismus, daß der Deutsche sogar halb- oder ganzbarbarischen fremden Nationalitäten bei jeder Gelegenheit knechtisch sich anzupassen eilt. Schmach über diese Molluskenhaftigkeit, über diese Anschmiegungsfeigheit! Sie hat schon frühzeitig, immer bedauerlicher aber vom 16. Jahrhundert an all unser nationales Unglück mitverschuldet ...

*

Note des Herausgebers.

Es befindet sich noch eine hübsche Anzahl von zinnoberschen Episteln in meinem Besitze. Ich werde dieselben veröffentlichen, sobald im deutschen Reiche die Freiheit der Presse nicht mehr ein bloßer Verfassungsparagraph, sondern eine Thatsache sein wird.

Lukrezia Borgia.

 

Das Aergste weiß die Welt von mir, doch ich
Kann sagen: Ich bin besser als mein Ruf.

Schiller, Maria Stuart, III, 4.

 

1.

Der Name Gregorovius ist kein gäng und gäber, kein »gefragter« an der literarischen Börse. Geschrieben auf Veranlassung des Buches »Lukrezia Borgia«. Nach Urkunden und Korrespondenzen ihrer eigenen Zeit. Von Ferdinand Gregorovius. 2 Bde. Stuttgart, J. G. Cotta 1874. Die kritischen Makler, welche die Marktschreiertrompete der Jobberei blasen und das Tamtam der Kameradschaft schlagen, um das Geschäft in bedrucktem Papier, weiland Literatur genannt, »moussiren« zu machen, haben weder Zeit noch Lust, mit einem Autor sich zu befassen, welcher wirklich ein solcher und demnach keiner »von unsere Leut«, das heißt, kein Macher in besagtem Papiergeschäft ist und von welchem folglich auch keine Maklergebühren zu erwarten sind. In Wahrheit: er ist nicht börsenfähig, das heißt, er wird von solchen Männern und Frauen gelesen und geschätzt, welche sich die Freiheit nehmen, nicht gerade nur das für gut und schön zu halten, was an der literarischen Schwindel- und Reklamebörse zu den höchsten Kursen ausgeschrieen wird. Gregorovius war und ist kein Mann der Mode. Ich vermuthe sogar, er gehöre mit zu uns altfränkischen Menschen, die wir des bescheidenen Dafürhaltens sind, nicht jeder beliebige galoppirende Humbug, mag er auch noch so dicken Staub aufwirbeln oder noch so vielen Koth verspritzen, sei ein wissenschaftlicher, politischer oder socialer Vorschritt. Natürlich wissen wir sehr wohl, daß dadurch der Galopp der Chimären (der alte Abraham a Sankta Clara würde sagen: Schindmähren) keineswegs aufgehalten wird; aber immerhin werden anständige Leute noch so frei sein dürfen, nicht mitaufsitzen und mitreiten zu wollen. Es gibt ja der Reiter und Reiterinnen ohnehin genug.

Gregorovius ist eine der nicht gerade sehr zahlreichen Charakterfiguren unserer Literatur-Gegenwart. Schon um seiner Selbstständigkeit willen, wie sie eben auf sich gestellte Geister kennzeichnet, welche ihre eigenen Wege wandeln, während der schreibende Troß auf den durch die Tagesmoden angelegten Straßen selbstvergnüglich einhertrabt, einander beglückwünschend, daß sie lauter so »zeitgemäße« Skribenten. Freilich nur abseits von diesen Straßen, in still abgelegenen Gründen, wo man noch »Mensch ist und es sein darf«, nicht bloß eine Ziffer in dem grauenhaft komplicirten Rechenexempel unserer Tage, da gedeihen Werke, wie sie uns Gregorovius gegeben hat: Bücher, wie das über »Korsika« und die »Wanderjahre in Italien«, so voll von Geist, Wissen, Schönheit, oder eine Dichtung wie der »Euphorion«, welche zweifellos zu dem Gehaltvollsten und Anmuthigsten gehört, was während der letzten sechzig Jahre gedichtet worden.

Die Verbindung des Historikers mit dem Poeten in unserem Autor hat auch seinem großen Geschichtswerke »Die Stadt Rom im Mittelalter« das höchst erfreuliche Gepräge eines historischen Kunstwerkes verliehen. Loebell, ein sicherlich urtheilsfähiger Fachmann, hat es ja den großen Historikern des Alterthums nachgerühmt, daß sie »ihre Werke von poetischen Säften schwellen ließen, ohne daß diese Werke aufhörten, Geschichte zu sein«, und dieses Lob gebührt auch der »Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter«. Auf urkundlicher Basis erhebt sie sich als ein harmonisch gegliederter Kathedralbau mit all der bizarr-malerischen Ornamentik des gothischen Stils, aber als ein in die Tageshelle moderner Anschauung und Kritik gestellter Kathedralbau. Gregorovius lässt dem mittelalterlichen Papstthum, welches von einem so großen Gedanken, wie der Menschengeist nur sehr wenige gefunden hat, getragen wurde, volle Gerechtigkeit widerfahren. Wissenschaftlich und künstlerisch so ganz unbefangen wie hier ist nie und nirgends die Geschichte der Päpste im Mittelalter geschrieben. Aber niemals verleugnet der Verfasser den Deutschen, niemals lässt er sein scharfes Gefühl für Wahrheit oder Lüge, für Recht oder Unrecht zurücktreten und verstummen vor den elenden Rücksichten der »diplomatischen« Historik, welche darauf ausgeht, die ganze Weltgeschichte zu einer Widerspiegelung der eigenen Selbstsucht und Knechtschaffenheit zu verhofrathen. Weil sodann Gregorovius vermöge seines Dichterauges die historischen Gestalten leibhaftig zu sehen vermochte, darum wusste er dieselben so anschaulich vor unsere Augen hinzustellen, und weil er sich nicht davor scheute, die Geschicke seiner Gestalten mitzuleiden, weil er sich nicht schämte, mitzulieben und mitzuhassen, darum athmen die Blätter seines Buches eine so wohlthuende Seelenwärme.

Im siebenten Bande desselben hat er die Geschichte jenes Rodrigo Borgia, jenes sechsten Alexander dargestellt, in dessen Person, Denken und Thun die Idee des Papstthums wohl die verworfenste Form ihrer Verwirklichung fand und die sogenannte Statthalterschaft Christi zur ruchlosesten Karikatur geworden ist. Nur etwa zu Anfang des zehnten Jahrhunderts, zur Zeit der »Pornokratie«, in den Tagen der »Päpstemacherinnen« Theodora und Marozia, war der Vatikan eine ebensolche Pesthöhle des Lasters, Frevels und Skandals gewesen, wie er während des Pontifikats Alexanders VI. es war, zu welchem Satze ich sofort anmerke, daß diese Pesthöhle eine solche bleibt und genannt werden muß, auch wenn man die Gräuel, deren ihre Zeitgenossen Pontan und Sannazar, dann Guicciardini und andere den sechsten Alexander und dessen Kinder bezichtigt haben, als historisch unerwiesen ganz beiseite lässt.

Nun ist Gregorovius noch einmal zu jener Zeit zurückgekehrt, die allerdings, namentlich soweit sie den päpstlichen Hof angeht, etwas dämonisch Anziehendes hat. Leicht begreiflich, daß die Gestalten der Borgia ihn festhielten oder wiederum zurückriefen, insbesondere die Gestalt der schönen, goldfarbelockigen, arg verrufenen Papsttochter Lukrezia, welche dem Pontan und Sannazar zufolge die Buhlin ihres Vaters und ihrer Brüder war, aber dem Pontan und Sannazar, dem Macchiavelli und Guicciardini, item auch dem Hugo, dem Donizetti und Lenau zum Trotz doch vielleicht besser gewesen sein könnte als ihr Ruf. Untersuchen wir einmal die häklige Sache mit deutscher Gründlichkeit und historischer Gewissenhaftigkeit, denkt unser Autor und geht rüstig an die Arbeit, die fürwahr keine kleine war, dermalen aber eine wohlgethane ist. Denn infolge dieser Arbeit haben wir jetzt die Lukrezia Borgia nicht mehr als hugosches Ungeheuer und auch nicht als lenausche Kurtisane, sondern als historische Figur.

Eine sogenannte »Rettung« also? Ja und nein. Ja, denn mit Beiseitestellung der nicht urkundlich zu erweisenden Bezichtigungen hat uns der Verfasser gezeigt, daß und warum die Tochter des Papstes so werden konnte, musste, wie sie war, nicht besser, aber auch nicht eben schlechter als viele ihrer Zeit- und Standesgenossen. Nein, Gregorovius hat sich wohl gehütet, die Sünderin ? wir sind ja bekanntlich Sünder und Sünderinnen allzumalen ? in eine Heilige umschönfärben zu wollen. Achtung und Sympathie wird auch die historische Gestalt dieser Frau, wie sie der Verfasser vor uns hingestellt hat, nicht erwecken; wohl aber setzt uns ihr Biograph in den Stand; diesen seltsamen Lebenslauf zu verstehen. Demzufolge werden wir dann auch dem Wunsche zugeneigt, glauben zu können, die gräulichen Kothwürfe, womit die Erscheinung Lukrezias durch ihre Zeitgenossen bemakelt wurde, oder wenigstens die gräulichsten dieser Bemakelungen seien ungerechtfertigte, seien verleumderische gewesen. Freilich, den bezüglichen Argwohn ganz zu beseitigen hat Gregorovius nicht vermocht. Da und dort ist auch zwischen seinen Zeilen zu lesen, er habe gar wohl gefühlt, daß in gewissen Fällen der Mangel an schriftlichen Schuldbeweisen noch lange nicht die Schuldlosigkeit der Angeklagten beweise. Wo denn sind jemals über Beziehungen, wie sie Lukrezia Borgia zu ihrem Vater, dem Papste, und zu ihren beiden Brüdern Giovanni und Cesare gehabt haben soll, von seiten der Betheiligten Protokolle angelegt oder Urkunden aufgesetzt worden?

Skandalsüchtige mögen das Buch ungelesen lassen: sie würden ihre Rechnung dabei nicht finden und sich nur enttäuscht fühlen. Es ist ein ernstes Werk und verlangt ernste Leser und denkende Leserinnen. Wie mir scheinen will, hat Gregorovius, um den strengen Gang seiner Untersuchung und Darstellung konsequent einzuhalten, absichtlich auf die künstlerische Behandlung der Diktion verzichtet und seine außerordentliche Gabe der Schilderung fast durchweg hintangehalten. Ob zum Vortheile des Buches, dürfte freilich fraglich sein. Denn mitunter verfällt dasselbe infolge dieser Enthaltsamkeit des Verfassers in die Trockenheit des bloßen Referats und die ausführlichen Mittheilungen, aus Urkunden und Depeschen, so berechtigt und schätzenswerth dieselben an und für sich sind, werden solche Leser, welche der sonstigen gregoroviusschen Darstellungsweise voll farbensatter Anschaulichkeit, künstlerischer Gruppirung und pulsirenden Lebens gewohnt waren, schwerlich ausreichend entschädigen. Die Motive, von welchen der Verfasser bei der hier eingehaltenen Weise des Vortrages sich leiten ließ, sind sicherlich sehr ehrenwerthe: er wollte, wenn ich recht vermuthe, die historische Wahrheit, soweit es möglich, sie zu finden, nicht nur ungeschminkt, sondern auch ungeschmückt vor uns hintreten lassen. Also würde er, wie er mit Recht geglaubt, am besten seine Absicht erreichen, an die Stelle der Legende von Lukrezia Borgia, derzufolge sie »eine Mänade war, welche in der einen Hand die Giftphiole, in der andern den Dolch trug, während dieses furienhafte Wesen die sanften und schönen Züge einer Grazie hatte«, die geschichtliche Wirklichkeit zu setzen.

Warum die Borgia die Untersuchung durch den Geschichtsschreiber und Psychologen immer wieder reizen? Gregorovius wirft in der Einleitung zu seinem Buche diese Frage ebenfalls auf und beantwortet sie so: »Für die Borgia ist der beständige Hintergrund die christliche Kirche; sie kommen aus ihm hervor, sie bleiben auf ihm stehen und der grelle Widerspruch ihres Wesens zum Heiligen macht sie dämonisch. Die Borgia sind die Satire auf eine ganze große Form oder Vorstellung kirchlicher Welt, welche sie zerstören oder verneinen. Auf hohen Postamenten stehen ihre Gestalten und ihre Angesichter streift stets das Licht des christlichen Ideals. In diesem sehen und erkennen wir sie.«

Das ists! Der ungeheure Kontrast zwischen der Idee eines »Statthalters Christi« und der Thatsächlichkeit eines sechsten Alexander hat etwas so erstaunendes, etwas zugleich so anziehendes und abstoßendes, etwas so märchenhaft-grausiges, daß man immer wieder darauf hinzublicken sich versucht fühlen muß. Aufrichtig fromme Katholiken müssen, wenn ich recht erwäge, von einem kalten Schauder angefasst werden bei dem Gedanken, daß dieser Papst ihren Gott auf Erden repräsentirte, daß ein solcher Unzüchtling und Frevler die höchsten Mysterien des Glaubens verwaltete, daß diese von Schmutz, Gift und Blut triefenden Borgia-Hände die geweihte Hostie erhoben.

Um die Möglichkeit einer Erscheinung wie die der Borgia-Sippschaft und Borgia-Wirtschaft zu begreifen, muß man vor allem die Zeit dieser Erscheinung im Auge halten. Diese turbulente, alles durcheinander mischende und schüttelnde Uebergangszeit der letzten Jahrzehnte des fünfzehnten Jahrhunderts und der ersten des sechzehnten Jahrhunderts, allwo mit der mittelalterlichen Brutalität und Gewaltsamkeit in der Politik die ganze List und Tücke der neu aufgekommenen »welschen Praktik« sich verband, mit unerhörter Frechheit an die Stelle des Sittengesetzes die Lehre von der Alleinberechtigung des Erfolges gesetzt wurde, die elementare Leidenschaft und rücksichtslose Genußgier aus den Prämissen der wissenschaftlichen und künstlerischen Strebungen und Leistungen der »Renaissance« die gemeinen und selbstsüchtigen Konsequenzen zogen, welche ihren wilden Instinkten behagten ? diese Zeit, wo Italien von Tyrannen und die Paläste des Statthalters Christi und seiner Kardinale von Kurtisanen und Bastarden wimmelten, wo der stolze Bau der Kirche in seinen Fundamenten unterhöhlt und verfault war, eine heidnische Skepsis ihre spottlachenden, tumultuarischen Tänze um die Altäre herschlang und dennoch die Hierarchie, während sie sich vor lachen ausschütten wollte über die Witze und Satiren, welche die Renaissance-Poeten, namentlich die italischen, gegen die christliche Mythologie und Dogmatik ausgehen ließen, mit altgewohntem Hochmuth, mit hergebrachter Unduldsamkeit und Grausamkeit ihre ungeheuerlichen mittelalterlichen Ansprüche festhielt und vertheidigte, einen Savonarola verbrennen ließ, aber einem Pulci Beifall klatschte; diese Zeit, wo die Verweltlichung, die Verlüderlichung des Papstthums ihre schamloseste Vollendung fand, die Päpste wie griechische Götter lebten und trotzdem wie christliche verehrt sein wollten und wo die von den Humanisten neu verkündigte Lebensfreudigkeit, Weisheit und Schönheit, wie die Antike sie lehrte, in der italischen Gesellschaft so vielerorten nur zu raffinirtem Lasterleben, zur Verachtung aller religiösen, sittlichen und socialen Gebote ausgeschlagen war und hinter der zügellosen Verhöhnung der Kirchenlehre doch immer wieder der gedankenlose Köhlerglaube an die Satzungen, Formen und Bräuche der Kirche schmählich sich versteckte und das grauenhafteste Verbrechen mittels irgendeines äußerlichen Bußwerkes volle Sühnung zu erlangen hoffte.

Ja, diese Zeit, sie hatte so recht eine Temperatur, wie die Borgia sie zum gedeihen brauchten.

 

2.

Alexander der Sechste hat die Macht und den Glanz des Hauses Borgia (eigentlich, das heißt spanisch, Borja) nicht begründet, sondern nur entwickelt. Sein Oheim Alfonso Borgia war als Bischof von Valencia und Geheimschreiber des Königs Alfonso von Aragon mit diesem nach Neapel gekommen. Alfonso von Aragon wurde König von Neapel, Alfonso von Valencia, der sich als fanatischer Hasser aller Reformregungen in der Kirche auf- und hervorthat, wurde im Jahre 1444 Kardinal und elf Jahre später Papst unter dem Namen Kalixt der Dritte. Er zog seine Sippschaft aus Spanien herüber und das spanische Wesen begann im Vatikan, ohne sich jedoch schon jetzt bleibend daselbst festsetzen zu können. Seine beiden Neffen Pedro Luis und Rodrigo, die Söhne seiner Schwester Isabella Lanzol, adoptirte der Papst und legte ihnen seinen eigenen Familiennamen bei. Selbstverständlich musste das »Patrimonium Petri« herhalten, um die Verwandten Kalixts mit Geld, Gütern und Würden überreichlich auszustatten. Die »Nepotenwirthschaft« trat jetzt am päpstlichen Hofe in das Stadium ihrer üppigsten Blüthe. Im Jahre 1456 machte der Statthalter Christi seinen fünfundzwanzigjährigen Neffen Rodrigo Lanzol-Borgia zum Kardinal und ein Jahr später zum Vicekanzler der römischen Kirche. Wieder ein Jahr darauf starb Kalixt, aber der Kardinal befand sich schon in einer so großen und nicht leicht zu erschütternden Stellung, daß er auf weiteres Glück zuversichtlich hoffen durfte. Auch war er bereits zu dieser Zeit sehr reich.

Reich ebensowohl an Geld und Gut als an Erfahrung im Laster und skandalhaftem Rufe. Es muthet uns doch ganz eigen an, wenn wir jenen Brief lesen, welchen Kalixts Nachfolger, Pius der Zweite, am 11. Juni 1460 an Rodrigo Borgia schrieb, um diesem wegen seiner lärmenden Ausschweifungen sanfte Vorstellungen zu machen. Eine Orgie, welche der Kardinal und Bischof von Valencia zu Siena in den Gärten des Giovanni di Vichis mit verschiedenen sienesischen Frauen und Mädchen durchgerast hatte, war die Veranlassung zu der langen päpstlichen Epistel, deren kurzer Sinn kein anderer als dieser: Man soll gewisse Dinge nicht allzu geräuschvoll treiben. Pius der Zweite musste das wissen; er war ja früher auch kein Heiliger gewesen. Wie es der Kardinal Borgia trieb, erhellt schon aus dieser Stelle des päpstlichen Mahnschreibens: »Deinem eigenen Urtheile überlassen wir es, ob es für deine Würde schicklich sei, Mädchen zu schmeicheln, Früchte und Wein denjenigen zu schicken, die du liebst, und den ganzen Tag auf nichts zu sinnen als auf jede Art von Wollust.« Es dürften übrigens nicht viele Mahnbriefe jemals geschrieben worden sein, welche weniger gefruchtet hätten als dieser päpstliche.

Rodrigo Borgia war nicht nur damals, sondern auch noch später, noch als Greis und bis zu seinem Tode von der wilden Sinnlichkeit eines Stieres erfüllt, der ja bekanntlich das Wappenthier der Borgia gewesen ist, und mit der Gier und Kraft eines Stieres verband er die Stattlichkeit eines vollendet schönen Mannes. Als von hoher Gestalt, mit schwarzen Feueraugen, blühend rothen Lippen, heiterer Stirn, majestätischer und zugleich zierlicher Haltung wird er von den Zeitgenossen übereinstimmend gepriesen. Einer derselben, Gaspar von Verona, hat von dem Kardinal gesagt: »Er ist schön, von anmuthigem und heiterem Antlitz, von zierlicher und süßer Beredsamkeit. Wo er nur herrliche Frauen erblickt, regt er sie in fast wunderbarer Weise zur Liebe auf, und er zieht sie an sich, stärker, als der Magnet das Eisen anzieht.« Ein richtiges Vorbild des Don-Juan-Typus also, welchen ja auch ein Spanier, Gabriel Tellez, genannt Tirso de Molina, zuerst in die Weltliteratur eingeführt hat. (» El burlador de Sevilla.«)

Wer könnte der Anziehungskraft eines solchen Kardinal-Magnets widerstehen, auch wenn man nicht von Eisen, sondern nur ein mehr oder weniger schwaches Weib ist? Unter den mehreren Frauen und vielen Mädchen, welche diese Frage an sich zu richten Ursache hatten, befand sich auch die junge Römerin Vannozza Catanei, welche wir unserem Autor zufolge uns »vorstellen dürfen als eine jener mächtigen und üppigen Frauengestalten, wie man sie in Rom sieht und in denen Juno und Venus vereint zu sein scheinen«. Vannozza, welche um 1467 die Maitresse des Kardinals wurde, hat auf sein Betreiben später nacheinander zwei Scheinehen eingegangen und in seiner Gunst so lange Zeit sich behauptet, daß wir annehmen müssen, sie sei kein ganz gewöhnliches Weib gewesen. Sie gebar ihrem Liebhaber im Kardinalpurpur vier Kinder: Juan, Cesare, Lukrezia und Jofred, welche drei Söhne und eine Tochter Borgia ausdrücklich als seine Sprösslinge anerkannt und denen er vor seinen übrigen Bastarden männlichen und weiblichen Geschlechts von anderen Kebsinnen einen entschiedenen Vorzug eingeräumt hat.

Lukrezia Borgia wurde geboren am 18. April 1480 zu Rom. Vannozza besaß neben anderem ? sie hatte ihre Verbindung mit dem Kardinal finanziell vortrefflich auszubeuten gewusst ? im Viertel Ponte auf der Piazza Pizzo di Merlo ein Haus, worin Lukrezia zweifelsohne die ersten Kinderjahre verlebte. Wenige Schritte davon entfernt stand der Palazzo, in welchem damals ihr kardinalischer Vater residirte und zwar in Pracht und Prunk; denn er bezog aus seiner Vicekanzlerschaft, aus seinen drei Bisthümern Valencia, Portus und Karthago, aus vielen ihm in Italien und Spanien verliehenen Abteien und sonstigen Pfründen wahrhaft »heidenmäßig« viel Geld und sein Haushalt war einer der glänzendsten und üppigsten in Rom. Diese römischen Nachfolger der Apostel verstanden das fischen und weben ganz anders als ihre armen Teufel von Vorgängern. Die römische Baronenschaft wusste auch schon damals den Werth der Dukaten, womit Rodrigo Borgia seine Töchter auszustatten pflegte, geziemend zu würdigen. Dies zeigt uns der Ehekontrakt, welcher im Januar 1482 zwischen Messer Gianandrea aus dem Hause Cesarini und der Donna Girolama Borgia, Tochter des Kardinals von einer ungenannten Mutter, in Gegenwart des Brautvaters, sowie verschiedener Kardinäle und Barone durch den Notar Beneimbene abgeschlossen wurde. Ein Jahr später verheiratete der fruchtbare Kardinal abermals eine Tochter, Isabella ? Mutter ebenfalls ungenannt ? an den römischen Nobile Matuzzi. Die Unbefangenheit, womit bei solchen Verlobungen und Vermählungen der Söhne und Töchter von Bischöfen, Kardinälen und Päpsten öffentlich vorgegangen wurde, gehört auch mit zur Signatur jener Zeit. So einer Probe dürfte ein »Unfehlbarer« von heute seine Unfehlbarkeit doch kaum bloßzustellen wagen. Andere Zeiten, andere Musik; der Generalbaß der menschlichen Triebe, Mühen, Leiden, Thorheiten und Laster bleibt aber bekanntlich immer derselbe.

Frühzeitig übergab der Kardinal die kleine Lukrezia einer Frau zur Erziehung, welche die Nichte seines Oheims Kalixts des Dritten, demnach seine Base und noch mehr war, nämlich die »Vertraute seiner Sünden, seiner Intriken und Pläne bis zu seinem Tode«. Im Hause dieser verwitweten Donna Adriana Orsini wurde Lukrezia ganz auf dem Fuße der vornehmen römischen Welt von damals erzogen. Also in erster Linie zum »christlichen Anstand«, zur Beobachtung des kirchlich-ceremoniellen Dekorums. Denn obzwar die vornehme Gesellschaft im damaligen Italien durchweg heidnisch ? im schlimmen, schlimmeren und schlimmsten Sinne des Wortes ? gesinnt war und handelte, so wurde von wohlerzogenen Herren und Damen doch eine äußerlich korrekte Katholicität gefordert. Waren ja auch Alexander der Sechste und sein scheusäliger Bastard Cesare ganz korrekte Katholiken. Jener war sogar berühmt um der imponirenden Würde und Majestät willen, womit er den Altardienst verrichtete. Im übrigen ist die weibliche Erziehung dazumal durchschnittlich gerade solcher Dilettantismus gewesen wie heutzutage. Nur mit dem Unterschiede, daß die Backfischchen und Lämmerchen statt wie jetzt an der französischen und englischen Sprache an der lateinischen und griechischen herumdilettirten und statt wie heute mit dem Klavier ihrerseits mit der Laute viel kostbare Zeit vergeudeten. So ein besaiteter Marterkasten in jedem Hause scheint nun einmal zu den übrigen Widerwärtigkeiten des Lebens gehören zu müssen. Die Tochter des Papstes wurde später von wegen ihrer »klassischen« Bildung beschmeichelt. Es ist aber damit gewiß nicht weit her gewesen. Sie sprach und schrieb italienisch und spanisch. Die Handschrift ihrer auf uns gekommenen Briefe ist fest und nicht ohne Zierlichkeit, der Stil fließend, der Inhalt ordinär. Geist und Geisteskultur Lukrezias reichten in keiner Weise über das Durchschnitts-Mittelmaß hinauf, aber sie war, zu ihrer Blüthe gekommen, schön von Antlitz und Gestalt, von höchst anmuthigem gebaren und bezeigen, geübt in der Führung des Zeichenstiftes und fertig in der Handhabung der Laute, auch eine Art Künstlerin mit der Sticknadel und endlich eine Tänzerin voll Feuer und Grazie. An dem tanzen seines Töchterleins konnte sich Papa Borgia nie satt sehen. Eine erkleckliche Dosis seines Leichtsinns, sowie seiner dauerhaften Lebensheiterkeit und Genußfreudigkeit hatte der Vater auf die Tochter vererbt. Alles in allem: nicht die Natur machte Lukrezia zu einer außerordentlichen Erscheinung, aber die Verhältnisse machten sie dazu. Wäre ihr Vater nicht auf den Stuhl Petri gelangt, so hätte sie vielleicht häusliches Glück, also das einzige wirkliche, gegeben und empfangen. Nachdem aber Borgia Papst geworden, wurde sie ein Mittel und Opfer der päpstlichen Politik, und zwar einer päpstlichen Politik, wie Alexander der Sechste und sein Sohn Cesare sie verstanden und handhabten. Die politischen Heiraten, welche man sie eingehen machte, brachten Unglück, Verderben und Tod über ihre ersten Männer, sodaß die Umarmung dieses Weibes in der That gleichbedeutend schien mit Vernichtung. Aber wenn man billig sein will, muß man sagen, daß sie doch mehr durch sich sündigen ließ, als selber sündigte. Ein hoher Grad von Herzenskälte freilich muß ihr eigen gewesen sein. Denn sie ließ sich durch die schrecklichen Krisen und Katastrophen, welche ihre Jugend verdüsterten, offenbar wenig anfechten. Sie blieb hübsch, heiter, hellauf bis zuletzt.

 

3.

Auch auf Lukrezia findet der göthesche Satz: »Niemand kann die Eindrücke seiner Kindheit verwinden« ? seine Anwendung. In diesem Kinde konnte das Sittengesetz gar nicht Wurzel schlagen, es war nicht möglich. Denn in was für eine Welt war die Kleine gestellt? In eine Welt, welche von moralischen Bedenken gar nichts wusste, in eine Welt der prangenden und prunkenden Zucht- und Schamlosigkeit. Lukrezia musste frühzeitig erfahren, daß der Mann ihrer Mutter nicht ihr und ihrer Brüder Vater war, sondern daß sie ihr Dasein einem Kardinal verdankte, welchen sie auch wohl schon als den künftigen Statthalter Christi bezeichnen hörte. Und wohin sie sah, ringsum erblickte sie ähnliche Verhältnisse: Kardinäle, welche ganz unbefangen Maitressen hielten und ihre Kinder stattlich versorgten, während im Vatikan die Söhne, Töchter und Enkelkinder Sr. Heiligkeit Innocenz des Achten daheim waren, wie denn ja in der römischen Gesellschaft die Bastarde und Bankertinnen der Kirchenfürsten überhaupt vortretende Rollen spielten. Die Vorstellung, daß auch sie zu einer solchen Rolle bestimmt sei, athmete die junge Lukrezia sozusagen mit der Luft ihrer Umgebung ein.

Und sie durfte in der That darauf hoffen. Rodrigo Borgia war ein zärtlicher und fürsorgender Papa, das muß man ihm lassen. Noch als Kardinal war er schon darauf bedacht und auch einflußreich und mächtig genug, seinen Kindern einen großen Stand zu machen. Für seinen Bastard Pedro Luis erwirkte er vom spanischen Hofe die Belehnung mit dem Herzogthum Gandia in der Provinz Valencia, und als dieser Duca di Gandia frühzeitig starb, wusste Borgia das Herzogthum auf seinen Sohn Juan übergehen zu lassen. Einer der Bastarde Vannozzas war demnach schon in die hohe Aristokratie eingeschmuggelt. Die Fürsorge des Kardinals für die Kinder Vannozzas ließ auch dann nicht nach, als er von einer anderweitigen Leidenschaft ganz und gar erfüllt war, von der Leidenschaft für die blutjunge, blendend schöne Giulia Farnese, welche kaum fünfzehnjährig auf Borgias betreiben mit dem jungen Ursin Orsini, dem Sohne von Adriana Orsini, vermählt wurde (1489). Ob Giulia noch als Mädchen oder erst als junge Frau der Verführung des unwiderstehlichen Kardinals erlag, ist ungewiß. Thatsache dagegen ist, daß Donna Giulia zwei Jahre nach ihrer Verehelichung die erklärte Favorit-Maitresse Borgias war, sowie daß Donna Adriana, die Schwiegermutter des jungen verlorenen Geschöpfes, das Verhältniß begünstigte und förderte, und endlich, daß dieses ehebrecherische Konkubinat fortdauerte, als der Kardinal Papst geworden war. In Rom nannte man dannzumal die päpstliche Maitresse spöttisch »die Braut Christi«, woraus sich aber Alexander der Sechste so wenig machte, daß er gleichsam zur ironischen Bestätigung des Spottwortes seine schöne Kebsin durch seinen Hofmaler Pinturicchio im Vatikan als Muttergottes abkonterfeien ließ. Die Schande der Familie Farnese suchte er zuzudecken mit dem Kardinalpurpur, welchen er dem Bruder Giulias, Alessandro Farnese, verlieh. Die Römer hießen darum den also Bepurpurten nur den Schürzenkardinal.

Unter den Kindern Borgias that sich Cesare durch glänzende Begabung wie durch wilde Leidenschaftlichkeit und eine allen Proben gewachsene Nervenstärke frühzeitig hervor. Auf diesen Sohn, welcher in Perugia und Pisa seine Studien machte, stellte Rodrigo die Erfüllung der stolzesten Entwürfe und höchstfliegenden Borgia-Hoffnungen. Er widmete ihn der Kirche, das heißt, er erlangte, daß Innocenz der Achte den noch unreifen Knaben zum Protonotar und zum Bischof von Pampelona ernannte. Auch Lukrezia wurde noch in Kinderjahren in die Zukunftsrechnung des Hauses Borgia als willenlose Ziffer eingereiht.

Zuvörderst als eine nur bescheidene. Ihrem Vater, dem Kardinal, war um gute Verbindungen in seinem spanischen Heimatlande zu thun, wo er ja bereits einen seiner Söhne glänzend versorgt hatte. So wurde denn die elfjährige Lukrezia im Februar 1491 mit einem nur wenig älteren spanischen Edelmann aus gutem Hause verlobt, dem Don Cherubin Juan de Centelles. Dabei wurde vereinbart, daß die Braut ihrem Verlobten 300,000 Timbres valencianischer Münze theils bar, theils in Juwelen zubringen und daß sie innerhalb eines Jahres nach Spanien hinübergeführt und sechs Monate nach ihrer Ankunft daselbst vermählt werden sollte. Aus dieser Brautfahrt ist aber nie etwas geworden. Der Kardinal berücksichtigte die namens seiner Tochter eingegangene Verpflichtung so wenig, daß er schon zwei Monate nach Eingehung derselben, im April 1491, die kleine Lukrezia einem andern spanischen Jungen, dem Don Gasparo, Sohn des Grafen von Aversa, ebenfalls feierlich verlobte. Also war der Backfisch von Kardinalstochter zur gleichen Zeit die Verlobte von zwei jungen spanischen Dons, die sich freilich später Glück wünschen mochten, daß aus der Verlobung keine Vermählung geworden. Aber es ist charakteristisch, wie der Papa-Kardinal schon bei dieser Gelegenheit mit dem »Sakrament« sein Spiel oder seine Berechnung trieb. Bald sollte das noch ganz anders kommen, denn die Giftpflanze Borgia konnte erst unter dem Schutzdache der päpstlichen Tiara zum vollen Glanz und Gleiß ihrer Blüthe ausschlagen.

Am 25. Juli 1492 starb Innocenz der Achte. Am 11. August wurden die »Himmelsschlüssel« dem personificirten Laster in die Hände gegeben: Rodrigo Borgia war vom Konklave zum Statthalter Christi gewählt worden. Notorisch hatte er den Stuhl Petri gekauft; aber einerlei, er hatte ihn und er setzte sich recht fest und breit und, maßen er ein ausgezeichneter Schauspieler war, recht majestätisch darauf als Alexander der Sechste.

Man muß die zeitgenössischen Schilderungen von der überschwänglichen Pracht und der überschwänglicheren Niedertracht lesen, womit am 26. August 1492 der verrufene Wüstling auf besagtem Stuhl inthronisirt worden ist, um zu wissen, in was für einer pestilenzischen Kloake von Infamie die Menschen-Bestien mit Behagen sich zu wälzen vermögen. In allen Tonarten wurde der »Stier« Borgia angeschmeichelt und wurde in einem der Festgedichte der neue Papst geradezu als Gott proklamirt: ? »Groß war Rom unter Cäsar, am größten aber ist Rom jetzo; denn es herrscht der sechste Alexander, dieser Mann, dieser Gott» Caesare magna fuit, nunc Roma est maxima; Sextus regnat Alexander, iste vir, iste Deus.«

Die Borgia-Wirthschaft konnte nun in großem Stile zu rumoren anheben.

 

4.

Und sie hob sofort gehörig zu rumoren an. Die Welt sollte erfahren, was für Wunder ein Statthalter Christi zu wirken vermöge.

Noch an seinem Krönungstage übergab der Papst das bisher von ihm innegehabte Bisthum Valencia seinem Sohn Cesare. Ein Jahr später (September 1493) machte er den jungen Menschen zum Kardinal. Hierbei war ein kleines kanonisches Hinderniß zu beseitigen: kein Bastard konnte Kardinal werden. Aber wozu hätte man die Himmelsschlüssel in den väterlichen Händen, falls man damit nicht so eine Kleinigkeit von Meineid zuwegezaubern könnte? Alexander der Sechste ließ durch gekaufte Zeugen beschwören, sein Spurius Cesare sei der eheliche Sohn eines gewissen Dominiko Arignano.

Dem päpstlichen Bankert, dessen wilde Leidenschaften jetzt offenen Spielraum hatten und der sich bald seinem Vater selbst furchtbar zu machen wusste, ist übrigens der kardinalische Purpur mehr lästig als willkommen gewesen. Cesare strebte nach glänzenderem, nach einem Königsmantel. Ein berauschender Gedanke beherrschte das sinnen und sündigen, das dichten und trachten, beherrschte all das laster- und frevelhafte thun und treiben dieses mit den glänzendsten Vorzügen des Geistes und Körpers ausgestatteten Ungethüms, in welchem der geniale und glühende Patriot Macchiavelli das Vorbild seines » Principe« gesehen hat, jenes Ideal von einem Tyrannen, wie er dem großen Florentiner nothwendig schien, um den Aussatz der staatlichen Zerrissenheit und die Pest der Fremdherrschaft mitsammen vom Boden Italiens wegzufegen, mit Eisen und Feuer wegzufegen. Keine Frage, Cesare Borgia hatte zu einem solchen Feger das Zeug und es ist kein Gräuel ersinnbar, den er zur Erreichung seines Zweckes, sich zunächst zum König von Mittelitalien zu machen, nicht völlig skrupellos und mit dem ewig heiteren Borgia-Antlitz begangen hätte. Mehr noch, er hat im Vorschritte zur Erreichung seines Zieles, dem er ganz nahe kam, so ziemlich die ganze Gräuelskala wirklich durchgespielt und ist bei alledem ein frommer Christ und Katholik im Sinne seiner Zeit geblieben. Doch wir haben es hier nicht mit Don Cesare, sondern nur mit Donna Lukrezia Borgia zu thun.

Für diese seine geliebte Tochter hatte der neue Papst sofort in der Nähe des Vatikans einen Palast an der linken Seite der Peterstreppe einrichten lassen, worin das junge Mädchen jetzt förmlich ihren Hof hielt. In den Räumen dieses Palazzo empfing im November von 1492 Donna Lukrezia auch die Aufwartung des Erbprinzen Alfonso von Este-Ferrara, der damals als Gast im Vatikan weilte. »Er sah« ? meldet uns Gregorovius ? »voll Neugierde zum erstenmale dies schöne Kind mit dem goldfarbenen Haare und den klugen, großen Augen, und nichts lag ihm ferner als die Ahnung, daß diese einem anderen Verlobte nach neun Jahren in das Schloß der Este zu Ferrara als seine eigene Gemahlin einziehen werde.«

Der Verlobte Lukrezias war aber zu dieser Zeit nicht mehr weder Don Cherubin noch Don Gasparo, sondern Giovanni Sforza, Herr von Pesaro. Der Papa-Papst hatte nämlich eine andere Verbindung für seine Tochter passend gefunden als der Papa-Kardinal und zwar zunächst eine Verbindung mit einer Seitenlinie des mächtigen Hauses Sforza. Der genannte Tyrann von Pesaro war auch von der Bank gefallen, ganz Italien ist ja dazumal verbastardisirt gewesen. Giovanni Sforza war im übrigen ein schöner Mann von sechsundzwanzig Jahren und von nicht geringer Bildung, Witwer seit 1490, aber kinderlos. Donna Lukrezia, mit einer Mitgift von 31,000 Dukaten ausgestattet, wurde ihm zu Rom im Vatikan am 12. Juni 1493 angetraut. Alexander der Sechste behandelte die Hochzeit seiner Tochter wie eine richtige Haupt- und Staatsaktion. Es ging an jenem Junitage hoch her im Palaste Sr. Heiligkeit. Principi und Kardinäle saßen gemischt mit schönen Frauen an der Festtafel, während deren Dauer eine heitere und nicht sehr decente Komödie aufgeführt wurde. Die Anwesenheit der damaligen Nummer-Eins-Maitresse des Papstes, Julia Farnese, genannt La Bella, ist ausdrücklich bezeugt. Zwei Monate später vermählte der Papst seinen Sohn Jofred, der kaum dreizehnjährig, mit der Donna Sancia, einer Bastardin des Herzogs Alfonso von Kalabrien aus dem Hause Aragon, welche als sehr schön gerühmte Donna später ganz öffentlich die Maitresse ihres Schwagers Cesare geworden ist. Ihre Ehe mit Jofred wurde im Mai 1494 vollzogen und der Papstjunge wurde dadurch zum Principe von Squillace, da sein Schwiegervater König von Neapel geworden. Man sieht, die Kinder der Vannozza hatten es schon erklecklich weit gebracht in der Welt: Giovanni war ein spanischer Herzog, Cesare ein römischer Kardinal und bald der Herzog von Romagna, Jofred ein neapolitanischer Prinz und Lukrezia die Fürstin von Pesaro.

Das blieb sie freilich nicht lange. Denn nachdem sie im Juni 1494 mit ihrem Gemahl ihren festlichen Einzug in Pesaro gehalten, wurde sie schon nach Jahresfrist von dort wieder nach Rom zurückgeführt infolge der veränderten Politik ihres Vaters. Papstthron und Kirchenstaat schwankten ja wie ein kenterndes Schiff auf den Sturmwogen, welche der Invasionszug König Karls des Achten von Frankreich in Italien aufgewühlt hatte. Nachdem der Sturm vorüber, das heißt das abenteuerliche Unternehmen des halbnärrischen Franzosenkönigs kläglich misslungen war, begannen Alexander der Sechste und sein Sohn Cesare die schauderhafte Reihe der Machenschaften, welche die Umwandelung des Kirchenstaates in ein Königreich Borgia zuwegebringen sollten. Im Oktober von 1495 treffen wir Donna Lukrezia mit ihrem Gatten wieder im Vatikan, woselbst bald darauf auch der Duca di Gandia aus Spanien und der Principe di Squillace eintrafen, sodaß jetzt die ganze Sippschaft wieder beisammen war. Die Stadt Rom konnte das bald merken, denn die päpstliche Bastardschaft trieb es tüchtig mit prangen und prunken, bankettiren, randaliren und karessiren. Der Papa-Papst hatte mit seinen Schlüsseln richtig den Himmel der Lust aufgeschlossen: zwar nicht den christlichen, aber doch den türkischen. Freilich krochen unter den Rosen dieses Paradieses die Giftschlangen der unheimlichsten Intriken rastlos umher.

Das Haus Sforza war im fallen begriffen, folglich hatte es keinen Sinn mehr, daß Donna Lukrezia einem Sforza vermählt sei, folglich mag sich Herr Giovanni zum Teufel oder sonstwohin packen, nur fort aus dem Bette der Papsttochter und weg aus Rom. Er ist an beiden Orten im Wege, denn unsere unfehlbare Politik will es haben, daß unsere geliebte Lukrezia anderweitig vermählt werde. Zur Osterzeit von 1497 fühlte der Herr von Pesaro die Marmorböden der vatikanischen Gemächer unter seinen Füßen brennen. In Wahrheit, sein Leben war in Gefahr. Cesare hatte seinen Mordblick auf ihn geworfen und frank heraus zu seiner Schwester gesagt: »Der Kerl muß abgethan werden.« Daraufhin verhalf Lukrezia dem also bedrohten Gatten zur Flucht. Ein rasender Ritt rettete ihn aus Rom zu nicht geringem Verdrusse der Borgia, welche lieber kurzweg den Dolch zum Ehescheider gemacht hätten.

Denn um die Scheidung von Lukrezias Ehe handelte es sich ja. Der Papst leitete einen Scheidungsproceß ein, maßen er die Hand seiner Tochter wieder zur freien Verfügung haben wollte. Widerstrebte Lukrezia? Vielleicht ein wenig, aber jedenfalls nicht lange. Geliebt scheint sie ihren Gemahl niemals zu haben. Auf zureden Sr. Heiligkeit ihres Vaters ließ sie sich zu der Erklärung vor der Scheidungskommission herbei, daß sie bereit sei, zu schwören, sie sei noch Jungfrau und folglich ihre Ehe mit Giovanni Sforza gar nicht vollzogen. Das genügte den Scheidungsrichtern um so mehr, als der von seinen Verwandten im Stiche gelassene und demnach der Papstmacht gegenüber ganz rath- und hilflose Herr von Pesaro sich zu der schriftlichen Erklärung bestimmen und drängen ließ: » Non haverla mai conosciuta (Madonna Lucrezia) et esser impotente.« Daraufhin sprach die Kommission am 20. December 1497 die Scheidung aus.

Lukrezia hatte sich aus ihrem Palazzo in das Nonnenkloster von San-Sisto zurückgezogen. Die Ziele der »Schamreisen« von damals waren ja bekanntlich die Klöster, für Herren wie für Damen. Auf der Tochter Alexanders lastete zu dieser Zeit noch schwereres als das Skandal ihres Scheidungsprocesses: die schreckliche Borgia-Tragödie der Ermordung ihres Bruders Giovanni durch ihren Bruder Cesare.

Am 14. Juni hatten die beiden Brüder, der Herzog und der Kardinal, mit noch etlichen Verwandten bei ihrer Mutter Vannozza in deren Villa bei San-Pietro ad Vincola zur Nacht gespeist. Am nächsten Morgen war der ältere Bruder verschwunden. Am Tage darauf aber wurde sein Leichnam aus dem Tiber gefischt, die Hände zusammengebunden, durchbohrt von neun Stichwunden. Daß Cesare der Mörder, ist fraglos. Er war auf die Herzogschaft des Bruders eifersüchtig gewesen und auf die Gunst, welche der Papst demselben erwies. Und nicht nur darauf, sondern auch ? so schrie die Fama durch ganz Italien ? auf die blutschänderische Gunst, welche Donna Lukrezia dem älteren Bruder erwiesen hätte. Von da an ging der Schrecken vor Cesare Borgia her, von da an war er auch der Herr und Gebieter seines Vaters, dessen Günstlinge der Furchtbare, so sie ihm missfielen, selbst in Gegenwart des Papstes, ja selbst unter den Mantelfalten desselben morden ließ oder eigenhändig mordete.

Dazumal ist es auch geschehen, daß über Lukrezia zuerst das grässliche Gerücht ausging, sie sei nicht nur die Buhlerin ihrer Brüder, sondern auch die ihres Vaters. Jedes gesunde Gefühl sträubt sich gegen den Glauben an so einen Gräuel, und es ist doch wohl zu beachten, daß der tödtlich gekränkte und wüthende Giovanni Sforza allem nach der Urheber dieser Sage gewesen ist. Der habe, so berichtete der ferraresische Gesandte Costabili am 23. Juni 1497 aus Mailand an seinen Herrn, den Herzog Ercole, daselbst zu dem Herzoge Lodovico gesagt: »Anzi haverla conosciuta infinite volte, ma chel Papa non gelha tolta per altro se non per usare con Lei.«

 


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