Die große Familie

----------





Einleitung

Die Brüder Paul und Victor Margueritte sind Söhne des Generals Margueritte, der bei Sedan an der Spitze seiner Chasseurs dAfrique mit den Kürassieren der Generäle Michel und Bonnemains der mörderischen Wut der preußischen Artillerie sich entgegenwarf. Auf der Höhe des Calvaire dIlly tödlich verwundet, gab er dem Obersten Galliffet den Befehl zum letzten Verzweiflungsritt. Der Nimbus der Gloire umstrahlt seinen Namen.

In Algier sind die Brüder geboren, Paul 1860 in Laghouat, Victor 1866 in Blidah. Der ältere wurde Beamter im Unterrichtsministerium, der jüngere Offizier. Lange Jahre hindurch rang nur Paul um die Ehren des Schriftstellers. Als Naturalist trat er in die Literatur ein. Mit Maupassant, Huysmans und vier anderen vereinigte er sich zu dem Novellenband » Les Soirées de Médan«, der Huldigung für den Meister Emile Zola. Doch auch die Kundgebung des Abfalls (im Jahre 1887, nach » La Terre«) trug seine Unterschrift. Sein erstes Buch war » Mon père«, ein Buch des Gedenkens. Vier Romane folgten, einzuordnen in die Gattung des » roman psychologique« und ein wenig von der Schule der Goncourts. Der dritte, » La Tourmente«, behandelte das Problem der Ehescheidung, für das Paul Margueritte eine standhafte Vorliebe hat.

Im Jahre 1897 verband er sich mit seinem Bruder, der den Militärdienst quittiert hatte und in den (1898 gedruckten) Gedichten » Au fil de lheure«, was er zu sagen hatte, aussprach. Schon in ihrer Jugend hatten sie zusammen improvisiert ? Gelegenheitsstücke für die Liebhabertheater zu Valvins, Samois, Vétheuil und Marlotte, Charaden Victor, Paul Pantomimen. Mit dem » Carnaval de Nice« begann eine ernstere Gemeinschaft, die bald unauflöslich schien. Ihr dauerndes Vermächtnis ist der Romanzyklus » Une époque«, die mit Zolas » Débâcle« wetteifernde Darstellung des »furchtbaren Jahres«, das zwischen Juli 1870 und Juni 1871 liegt. Aus der Fülle der Details entsteht ein archivarisch genaues und doch an Inspiration, Pathos und Menschlichkeit reiches Bild des nationalen Schicksals. »Wir erniedrigen unsere Kunst nicht,« so erklären die Verfasser, »wenn wir sie der Geschichte botmäßig machen.« Jede Kriegsszene, jede Ministerberatung, jede Sitzung der Nationalversammlung wird mit Hilfe der zeitgenössischen Berichte rekonstruiert; aber zu den Napoleon, Bazaine und Thiers treten die Gestalten der Phantasie, die historischen Vorgänge werden erhöht durch die symbolischen. Der Kommandant du Breuil ist der Held der Brüder Margueritte. Sechs Monate verbringt er in Gefangenschaft; dann, als er heimkehrt, sieht er die Greuel der Kommune, an deren Unterdrückung er sich in der Armee von Versailles beteiligt. Doch er findet den Glauben an Frankreich wieder, den Glauben an das Volk. Ausgesöhnt wird das patriotische Ideal mit dem demokratischen, als dessen Blutzeugen Louis Simon und Rose auf den Barrikaden gefallen sind. Rein glüht die heilige Flamme fort, »das Licht, das 1789 und 1848 der Welt aufging, nach dem heute noch alle Völker blicken, und das sie begrüßen als das Wahrzeichen eines neuen Menschheitsmorgens«.

Noch vor dem Schlußband, der » Commune«, erschien der Eheroman » Les deux vies«, ein Thesenroman, der das französische Gerichtsverfahren anklagte und, der Form nach parteilos, die Frage vorlegte: »Hat der einzelne, der unter einer Grausamkeit der Sitten oder einer Ungerechtigkeit der Gesetze leidet, das Recht, sich gegen die Gesellschaft zu empören? Ist es nicht im Gegenteil seine Pflicht, sich zu opfern?« Ein gereizter Feminismus gab sich in diesen soziologischen Kapiteln kund, der die » Femmes nouvelles«, das Buch von 1899, durch seinen wuchtigen Ernst überholte. Seitdem war der Signatur Paul und Victor Margueritte ein starker Erfolg nicht mehr beschieden. Sie verschwand mit dem Roman » Vanite«, indem die Figur Jaluzots sichtbar wird, des Warenhausbesitzers und Spekulanten. Dann kam die Trennung. Victor schrieb den im Polizeidepot und in den Mansarden der Dienstmägde beginnenden, am Tor des Polizeidepots endigenden Roman » Prostituée«, für dessen lehrhaften Zolaismus er in » Jeunes filles« Buße tat. Der Frauenroman » Le Talion« ließ, nicht ohne Tiefe, das Gesetz der seelischen Vergeltung walten, » LOr« erneuerte den Finanzroman, » Les Frontières du Coeur« schilderten den durch den Krieg herbeigeführten Bruch der Ehe einer Französin mit einem Deutschen. Paul unternahm die Selbstbiographie » Les pas sur le sable«, die er in » Les jours sallongent« fortsetzte, und wandte sich, auf Daudets und manchmal auf Ohnets Spuren, dem sentimentalen Charakterroman zu.

» Les Fabrecé«, die hier deutschen Lesern vermittelt werden, sind mehr als Belletristik für eine Pariser Zeitschrift, sie sind der Roman der französischen Intelligenz schlechthin, wie sie heute ist oder zu sein wünscht: moralisierend und von dem Bewußtsein vermeintlich naher Entscheidungen durchdrungen. Die gallische Skepsis steht niedrig im Kurs, die Pflicht wird verherrlicht, der Soldat, der Fabrikant, der Ingenieur, der Aviatiker. Ganz wie in Bougets » Etape« (auf die Paul Margueritte sogar Bezug nimmt) ist in den » Fabrecé«das oberste Gesetz der Wille der Familie, die ihre Einheit sucht. Das Haus des Industriellen Pierre Fabrecé, des in den Verirrungen und dem Unglück seiner Kinder aufrechten Senatsmitglieds, ist das französische Bürgertum. Und nicht nur Romantypen sehen wir: die Ideen der Gesellschaftsschicht, die unter dem Präsidenten Poincaré den Geist der französischen Republik bestimmt, lernen wir kennen.

Paul Wiegler

Erster Teil

I.

Der Faktor Gibal, der bei den Arbeitern »der Bulle« hieß, kam durch den Setzersaal. »Herr Florent,« brachte er leise vor, »eben hat der Chef telephoniert. Um halb zwölf erwartet er Sie.« Dann ging er nicht gleich weg, als habe er noch etwas auf dem Herzen. Er war ein vierschrötiger, alter Mann mit blutrotem Gesicht, der bejahrteste unter sämtlichen Angestellten der Fabrecé-Werke. Ihre ganze Entwicklung hatte er miterlebt, ihren Beginn als kleine Druckerei ? damals, als Herr Pierre den schwarzen Kittel des Typographen trug ? ihr Gedeihen und ihr Wachstum bis zur Industriestadt, die sie heute waren, mit ihrer Schriftgießerei, ihren zahllosen Maschinen, Rotationspressen und Linotypes, ihren Dunkelkammern und den neuen Werkstätten für den kinematographischen Betrieb. Ein riesiges Unternehmen stellten sie nun dar, das die graphischen Techniken umschuf und Berge von Papier, von geschwärztem, buntem, redendem, lebendigem Papier auf den Markt stürzte, Kilometer hautdünner photographischer Streifen, denen zuckend das moderne Leben entstieg. Vier Jahrzehnte, während deren der alte Gibal mit den dicken Augen eines Zugstiers die Familie des Begründers, Pierre Fabrecé, des ruhmvollen Gelehrten, des Institutmitglieds und Senators, sich hatte vergrößern und verzweigen sehen. Neun schöne Kinder waren gekommen, die durch den Tod des Fräuleins Thérèse auf acht verringert wurden; und Gibal erinnerte sich an aller Geburt, von Jean-Marc, dem gegenwärtigen Chef, bis zu Florent, dessen unruhige zwanzig Jahre und erstaunliche Begabung für das Fach er liebte.

Väterlich raunte er ihm zu: »Und bocken Sie nicht, Jungchen! Mir scheint, Ihr Bruder ist heut mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden.« Florent hatte sich in die Lippen gebissen. So war es schon: wie einen Bediensteten, dem man einen Verweis gibt, würde Jean-Marc, wenn er mit dem Posteinlauf fertig wäre, ihn empfangen, statt ihm nach dem Frühstück einen vertraulichen Rippenstoß zu erteilen. Mit dem Groll des jüngeren Bruders, den der ältere niederhält, hob Florent sein erregtes, fahles Antlitz, das unter einer mächtigen Träumerstirn feine Lippen zeigte, ein kurzes Kinn und Augen wie glühende Kohle, Augen, die manchmal, wie gerade jetzt, böse flackerten. Der Rasse nach schien er, trotz seines kleinen Wuchses und eines geringfügigen Hinkens, das ihn sehr quälte, unter der Arbeitsbluse ein verkappter junger Aristokrat.

»Schon gut, ich gehe hin,« ließ er verdrossen fallen. Um so mehr widersetzte er sich der zu erwartenden Predigt, als er mit sich selbst unzufrieden war. Verdammtes Pech, entschieden! Daß er das Auto in Trümmer gefahren hatte, mochte noch hingehn. Man kannte ja sein Geschick im Steuern, und wenn er unglücklich gedreht hatte, so war der blöde Straßenbettler daran schuld, dem er hatte ausweichen wollen. Bumm! war er gegen die Mauer gerannt, und das Vorderteil des Wagens lag zerschellt; ein Wunder, daß er sich nicht den Hals gebrochen hatte. Aber was da sonst noch passiert war! Vorgestern abend die besoffene Skandalgeschichte in Fontainebleau, im Hotel »Zum großen König«, der Bummel mit den Dragonerunteroffizieren, der mit einer Hauerei in einem Tingeltangel geendigt hatte. Und er war ein gebildeter Mensch, stolz auf sein Wissen, für philosophische Lektüre ebenso begeistert wie für schöne Verse, mit künstlerischen Neigungen, in Malerei und Musik heillos verliebt. Nein, diesmal lohnte es sich nicht, großspurig aufzubegehren. Am lästigsten war ihm die stete Erinnerung an ein geschwollenes, rosig überschminktes Weibergesicht mit falschem Haar und unter dem Auge einem Fleck von einem Faustschlag, den er im blinden Kampf geführt hatte. Er, ein reicher Bürgersohn, ein Mitglied der ersten Gesellschaft, ein Fabrecé, tierisch und sinnlos! Woher hatte er diese gewalttätigen Instinkte, die ihn wie ein stürmisches Leiden übermannten? Und weshalb unterschied er sich so sehr von den Seinen?

Nachsichtig hatte der »Bulle« sich entfernt. Der »Kleine« hatte wohl ein Recht auf seine Flegeljahre. Aber Herr Jean-Marc, verwünscht! ließ nicht mit sich spaßen. Und ältester Bruder und Chef war er ja nun einmal. Durch die Reihen ging ein verstohlenes Grinsen; ein wollhaariger, schwarzer Kerl rieb sich mit der Hand den Rücken. Das war eine bildliche Voraussage der Familienszene. Doch Florent maß den Witzbold aus solcher Nähe, daß er sich feig zusammenzog. Mehrere Kameraden zuckten die Schultern. Die Ansichten über Florent waren geteilt. Ein guter, hochgesinnter Bursche, behaupteten die einen; und man achtete ihn, seit er mit einem Ausfall nach der Methode des Jiu-jitsu den großen Jules stracks zu Boden geworfen hatte. Launisch war er, widersprachen die andern, unausstehlich, wenn es ihn juckte, und zuletzt doch von der Sippe des Chefs. Und wer ihn recht beobachtete, wie er in allen Ateliers nacheinander in hitziger Ungeduld herumschoß und dann wieder träg zusammenklappte, wo er es doch zu Hause so bequem haben konnte, der mußte fürwahr merken, daß er einen kleinen Stich hatte.

Mißmutig ließ er die Arbeit stehen. Im Hof gab der »Bulle« ihm von weitem einen freundschaftlich drohenden Wink. Der kleine, nur für die Werkbeamten bestimmte Wagen, der die Fabrik mit dem Wohnterrain verband, lief rasch seine Bahn. Florent sprang so leichtsinnig auf die Stufe, daß er von dem aus entgegengesetzter Richtung kommenden Wagen beinahe zerquetscht worden wäre. »Ein famoses Mittel, junger Herr, sich den Schädel einzurennen,« sagte der Ingenieur Virquot, der, einen Stoß Akten auf den Knien, im Stuhl saß. »Ich kenne mich schon aus,« erwiderte der andere geringschätzig. Er verachtete den plumpen, duckmäuserischen Virquot, der früher einmal die Hand seiner zweiten Schwester Isabelle, der jetzigen Frau Cyrille Jacquemer, begehrt hatte. Und da er in der Nähe ihm unsympathischer Menschen es nicht aushalten konnte, stieg er ab, bevor der Wagen noch stillstand. So sehr schnellten dabei seine Ferse und sein Körper zurück, daß Virquot sich emporrichtete und schon glaubte, er falle sich zu Tode. Doch zur rechten Zeit hatte Florent sein Gleichgewicht wieder, und er verschwand durch das kleine Gartentor.

Hier war das Bild ganz anders als draußen. Auf die hohen Fabrikschornsteine, die gleichgelagerten Dächer, die niederen Mauern, die baumlosen Rasenflächen, auf die eintönigen Arbeiterhäuser im Hintergrund, auf die kahle, geometrisch abgezirkelte, nackte Stadt aus Eisen, Glas, Ziegeln und Zement folgte die wohlige Frische des Frühlingswaldes. Sechs Hektar gehörten zu Val-Montoir, einem ehemaligen Jagdpavillon der Könige; und in sanften Hängen und talartigen Einbuchtungen reichte das Gelände bis zur Seine hin. In halber Höhe lag das Haus. Ein ältliches Hauptgebäude, die Wohnung der Eltern, mit zwei neuen Flügeln, die den Kindern eingeräumt waren, mit einem französischen Garten und einer von Balustraden umfaßten Terrasse, von der man eine Fläche mit Teichen, Feld und Wald übersah. Um den Weg abzukürzen, war zwischen zwei grasbewachsenen Gräben ein Aufzug angebracht, der schräg hin- und herging.

Florent zog den steilen Fußpfad vor. Als er bei der großen, der Sage nach von Sully gepflanzten Esche war, schlug ihm jemand mit der Hand auf die Schulter. »Schau her!« Sein Bruder Antoine, ein starker Bursche in Hemdsärmeln, zeigte ihm seinen kurzen, zu einem Bündel zusammengedrückten Rock, aus dem ein buschiger, rotgelber Schwanz und ein Köpfchen mit lebendigen Augen hervorlugten. »Ein Eichhörnchen, das uns auf den Kopf gefallen ist und Miche so erschreckt hat, daß sie durchgegangen ist.« »Was willst du damit anfangen?« »Das wirst du gleich sehn. So, kleines Ding, lauf zurück in den Sonnenschein!« Behutsam legte er seinen Rock auf den Boden; und das Eichhörnchen, das einen Moment verdutzt war, blickte zierlich rechts und links, dann, in drei Sprüngen, fft! Mit offenem Mund sah Antoine es verschwinden. Leise lachte er. Er hatte derbe Züge und verschwommene Augen von mattem Blau. Seine Füße und seine Hände waren breit, sein Gang war bäurisch. Er roch nach frischer Erde und glich erstaunlich dem Großvater Marie-Joseph Fabrecé, einem schweren Reiter Karls des Zehnten, der wieder zum einfachen Bauer geworden und in seinem Kornblumenhäuschen, zwischen seinen Feldern und mitten unter seinen Tieren, gestorben war. Bald nach ihm starb auch Großmutter Anne; und man verehrte in diesen beiden schlichten, wackeren Menschen den reinen Ursprung der Familie.

»Dann war also Michette hier?« fragte Florent. »Ja, sie hatte der Oberverwalterin Blumen gebracht.« So pflegten sie nämlich ihres Amtes wegen Sophie, ihre älteste Schwester, zu nennen. Florent lächelte. Mit dem Herzen war er für die Liebe Antoines zu seiner Milchschwester, der hübschen Jenny-Rose oder, mit ihrem Kindernamen, Miche oder Michette. So hieß sie, weil sie so hell und duftend wie weißes Brot war. Ihre Mutter, die Amme Noëmie, hatte beide zugleich gesäugt. Sie wohnte in Val-Changis, in einer Altersehe mit einem biederen, halb tauben Baumschul- und Gemüsegärtner. »Und liebt Michette dich noch immer?« Antoine erwiderte nicht sofort. Er war langsam und von gröberem Stoff als seine Brüder. Während seiner Militärzeit war er, so schien es, nur in der körperlichen Entwicklung vorangekommen; mit dreißig Jahren mußte er ein Bärenkerl sein. Aber Florent liebte ihn um seiner Einfalt und Güte willen. »Ja,« sagte Antoine, »wir lieben uns sehr.« Florent betrachtete ihn mit leuchtendem, zärtlichem Blick: »Sag mal, du machst doch keine Dummheiten?« »Was für Dummheiten?« »Du wirst doch nicht ... Es wäre schade! Das Kind ist sehr nett!« Antoine wurde hochrot im Gesicht. Dann entgegnete er, über einen solchen Argwohn empört: »Ich achte Miche, und wenn ich es nicht täte, würde sie sich schon Achtung erzwingen. Was suchst du denn hier?« »Sei nur nicht böse, ich weiß schon. Du bist eine gute Seele. Ich freue mich über dich!« »Wo gehst du hin?« fragte Antoine. »Der Gouverneur hat mich rufen lassen.« Diesen Namen hatten die Brüder Jean-Mare gegeben, spotteshalber, doch mit einer gewissen Ehrfurcht. War er nicht nach dem Pater und der Mutter der erste aller Fabrecé, ihr Lenker und Rückhalt? Er verkörperte das Ansehen und die soziale Bedeutung der großen Familie, deren Adelsbrief kaum fünfundzwanzig Jahre alt war, und die wie eine uradlige Sippe auf ihre Macht und ihre Einigkeit pochte. »Mich erwartet er auch,« sagte Antoine. »Was will er denn von mir?« Florent lächelte weiter, und dieses Lächeln verlieh ihm eine überraschende, erwärmende Anmut. »Da fragst du erst? Er wird dich zausen, weil du mit Miche zusammensteckst.« »Ach,« seufzte Antoine, »die Oberverwalterin treibt sich immer dort herum, wo man sie nicht braucht. Sicher hat sie geklatscht.« Und Schlechtes ahnend, fügte er hinzu: »Dabei hütet Jean-Marc das Zimmer, mit der Gicht in der Zehe. Das wird eine Pauke werden.« »Bah!« versetzte Florent. Beruhigt pfeifend, ging er ins Haus. Die Nähe Antoines wirkte stets wohltätig auf ihn ein.

In seiner Stube herrschte eine phantastische Unordnung, an die er nicht rühren ließ. Verstreute Entwürfe und Manuskripte bedeckten ein von einem Bock getragenes Tischbrett; dazwischen, abgegriffen und mit Anmerkungen bekritzelt, die Werke Nietzsches und Spinozas Ethik. In einem Wasserbassin auf einem Gestell hing eine Leiter; die grünen Frösche, die daran klebten, dienten als Barometer. Hier und da sah man, was Florent selbst gearbeitet hatte: eine vererzte Eidechse, die schon nach der Apotheke roch; aufgeschlagen auf dem Piano die in unentzifferbaren Hieroglyphen niedergeschriebene Partitur seines »Regens im Frühling«; an der Wand ungerahmte kleine Malereien in seltsamen Farben. Das auffälligste war ein Bild der »Gräfin«, der Frau Polotzeff, seiner dritten Schwester, ein Versuch in so kühnem Impressionismus, daß die mit violetten Augen, bläulichen Lippen und gelben Wangen beschenkte Simone geängstigt diese Geburt des Grauens abgelehnt hatte.

Jemand klopfte sacht an. »Darf ich zu dir hinein?« Es war Isabelle mit ihrem stillen, klösterlich bleichen Antlitz und ihrem ruhigen Ausdruck inneren Lebens. Eng lag ihr kastanienbraunes Haar an, und das Band von schwarzem Sammet, das es umflocht, war ihre einzige Zierde. Ihre schwarzen Kleider hatten keinen Schmuck als einen weißen Kragen und weiße Armstulpen. Diese Tracht einer weltlichen Nonne bewahrte sie seit dem großen Unglück: ihr Gatte, den sie innig liebte, war durch einen Bluterguß in die Netzhaut in wenigen Stunden erblindet. Noch tags zuvor war Cyrille Jacquemer Professor an der Sorbonne gewesen, ein Historiker von Ruf. Eine edle Natur, doch so unsagbar verletzlich, daß Isabelle anfangs gefürchtet hatte, er werde Selbstmord begehen. Als Vorleserin, Sekretärin, Maschineschreiberin hatte sie sich seinen Arbeiten gewidmet, damit er das geistige Leben fortsetzen könne, das er nicht zu entbehren vermochte. Sie hatte das ernste Lächeln derer, die entsagt haben, und strahlte von sittlicher Schönheit. Ihre Vollkommenheit machte Florent mutlos, der sie verehrte und sich ihrer unwert fühlte.

Er erriet, daß sie alles wußte. »O, Isabelle, wie wirst du mich verachten!« Sie blickte auf ihn mit zärtlicher Neigung, angezogen von diesem dem ihren so gegensätzlichen Charakter, der ganz aus jähen Kontrasten zu erklären und seltsam reizvoll war. »Armer Florent, warst du denn bei Vernunft?« Der Ton dieser Stimme durchdrang ihm, köstlich und schmerzhaft, das Innerste. Er hätte schluchzen oder außer sich den Kleidsaum seiner Schwester küssen mögen. Die Schmach seiner Verirrungen zeigte sich ihm in qualvoll scharfem Licht; und da er seiner Anlage nach alles übertrieb, hatte er vor sich selbst Abscheu. »Hat Mutter etwas erfahren?« »Nein, Lieber, sie ist krank; wir werden ihr die Sache verhehlen.« »Krank?« rief er erregt. »Was hat sie denn?« Er empfand für Frau Fabrecé die gleiche, leidenschaftliche Ergebenheit, die seine Brüder und Schwestern sämtlich der bewunderungswürdigen Frau, der edlen Gefährtin des großen Fabrecé, bezeigten. »Erschrick nicht! Aber sie bedarf der Schonung. Unser Freund Le Jas hat sie eben untersucht. Sie hat gelitten, ohne zu klagen. Ihr Herz ist müde.«

Florent hatte sich abgewandt, und sie sah, wie dicke Tränen ihm von den Lidern herabrannen. »Wenn du wüßtest,« verteidigte er sich klanglos. »Es ist nicht meine Schuld allein. Wochenlang kämpfe ich mit mir, und dann ...« »Schuld ist, daß deine Existenz zwecklos und zuchtlos ist. Du träumst zu viel und zu hoch. So anspruchsvoll ist das Leben gar nicht, wenn es schön sein soll. Eine einzige Pflicht ? und sie genügt!« »Du hast recht, du hast recht! Du aber bist vollkommen.« »Ach, Florent,« erwiderte sie mit sich aufheiternder Schwermut, »wie sehr bin ich von dem, was du mir nachrühmst, entfernt! Ein armes Weib, geh! Und so unverständig. So bin ich jetzt über Simones Ankunft entzückt. Und willst du glauben, daß ich unter dem Gedanken, sie mit ihren schönen Kindern zu sehen, leide ? ich, die ich so sehr gewünscht hatte, Mutter zu sein?« »Liebste Isabelle, liebste!« Sie fuhr fort: »Ich bin gekommen, um dir mit dem, was ich weiß, ein wenig Sicherheit zu geben.« Und mit gedämpfter Stimme: »Ich war bei der Frau ...« »Die ich gemein mißhandelt habe! Es war ein Zufallshieb; und dennoch habe ich mich wie ein Fuhrknecht aufgeführt. Du warst bei ihr, du?« »Ja! Jean-Marc besorgte Skandal, Angriffe in den Zeitungen, gerichtliche Verfolgung. Ich war bei dem armen Weib; es wird auf meine Bitte nicht klagen.« »Warum habe ich sie nicht schon aufgesucht«, flüsterte er, »und sie um Verzeihung gebeten?« »Sie ist fort ... Geld hat sie nicht nehmen wollen.« »O!« Florent wurde rot vor Scham. »Was wird sie von mir denken?« »Nichts! Vergiß den traurigen Vorfall!« Er schlug die Augen nieder. Sein Stolz litt unter der straflosen Unbill, die er begangen hatte, und der noch allzu nachsichtigen Strenge seiner Schwester. »Isabelle, glaubst du, mir die Hand geben zu können?« Sie ging auf ihn zu und hauchte ihm auf die Stirn einen Friedenskuß. Er wandte sich übervollen Herzens ab und preßte die Stirn ans Fenster.

Als er sich umdrehte, war sie nicht mehr da.

II.

Fräulein Sophie war übelgelaunt und zankte um jede Kleinigkeit. Sie hatte die Köchin ausgescholten, den Gärtner getadelt, eine Kammerfrau zum Weinen gebracht und Gervais, dem alten Oberkoch, befohlen, ohne ihre Anweisung keinen Bordeaux aus dem zweiten Keller mehr auf den Tisch zu setzen. Eine alte Jungfer mit stattlicher, doch bei ihren sechsunddreißig Jahren schon spröder Erscheinung, trug sie in ihren harten Zügen, in ihren eckigen Bewegungen das Gefühl der Ueberlegenheit zur Schau, das der Titel »Oberverwalterin« ihr verlieh. Ohne zu lächeln, nahm sie ihn an, und sie rechtfertigte ihn durch unermüdliche Genauigkeit. Sie war des Hauses Schutzgeist, dessen Empfindlichkeit man schonen mußte, und leicht kam es zu kleinen Zusammenstößen mit ihr. Jeder konnte davon ein Lied singen. Doch wie sie war, und trotz ihrer Fehler, liebte man sie wegen ihrer guten Eigenschaften, ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Willenskraft. Dann war sie ja auch nach Jean-Marc die älteste der Geschwister. Sie hatte an seiner Herrschaft Teil. Eng eingezwängt in eine lila Seidenbluse und einen pflaumenfarbenen, seidenen Schoßrock, eine graue Locke zwischen ihrem gewellten Haar, nestelte sie an dem goldenen Kettchen ihrer Lorgnette oder an der silbernen Tasche, die von ihrem kupfernen Gürtel herabhing. Man lächelte ein wenig über diese Zeichen später Gefallsucht. Denn man wußte, daß sie für Huldigungen noch empfänglich war, wenn sie auch, nach der grausamen Enttäuschung ihrer sechsundzwanzig Jahre, der in letzter Stunde zurückgezogenen Bewerbung eines hochbetitelten, millionenreichen Freiers, der Liebe mißtraute. Seitdem hatte sie von oben herab zwei oder drei Partien ausgeschlagen. Sie sei glücklich so, beteuerte sie, ohne ihre Umgebung davon überzeugen zu können, oder selbst dessen gewiß zu sein.

Sie war auf ihrem gewohnten Rundgang. Von der Veranda ging sie in den großen Salon und strich mit den Fingern über Spiegel und Möbel, um festzustellen, ob nicht noch ein Stäubchen darauf läge. Ein verlegenes Hüsteln ließ sie auffahren. Sie errötete, als sie Herrn Virquot erkannte, der sie mit tiefer Verbeugung begrüßte. Herr Virquot, ei! Dreimal in dieser Woche war sie ihm begegnet. Sollte sie einen Zufall oder ein ursächliches Zusammentreffen darin erblicken? War nicht auch er rot geworden? Sollte? ... Eine wahre Huldigung schmeichelt stets. Plötzlich hatte sie sich eines kleinen Pickels am Kinn erinnert und sich beeilt, ihn zu überpudern. Herr Virquot? Garstig war er ja nicht, und man lobte seine Tüchtigkeit. Nur eines Selbsttrugs bedurfte es, um weiterzugehen und ihn für einen taktvollen, hoffnungslos liebenden Verehrer zu halten. Fräulein Sophie überschritt die Grenze. Sogleich gelobte sie ihrer in Aufruhr gebrachten Scham, den dicken Mann zu meiden; doch seine Unterwürfigkeit hatte sie beleidigt. Herr Virquot seinerseits war maßlos verblüfft. Welch ein Esel war er gewesen, daß er nicht früher daran gedacht hatte. Die erste Jugend freilich ... Aber die Mitgift! Und Herr Virquot bewunderte im Spiegel sein fahles Gesicht, seinen Umlegekragen und seine Krawatte, eine in der Fabrik genähte Schleife mit einer Similiperle daran.

Als Sophie im ersten Stock war, sah sie die Wohnung der Polotzeff durch. Es fehlten mehrere Gegenstände: die Kissen in den Betten der Kinder. Ohne zu fragen, hatte man sie für Mimi und Nénette, die Kinder der armen Claudie, weggeholt. Wohl war das nichts von Belang, aber es verriet die geizige Lieblosigkeit Armandes, Jean-Marcs zweiter Frau, gegen ihre Stieftöchter, während sie für ihre eigenen schönen Zwillingskinder, Pierre-Jean und Jean-Pierre, nicht auf den Preis von Daunen und Spitzen sah. Und doch nahm Sophie des Grundsatzes wegen sich vor, die Kissen zurückzuverlangen. Auch die Möbel im Ankleideraum mußten ausgewechselt werden; aber die Polotzeffs wurden ja erst für nächste Woche erwartet. Simone wiederzusehen machte sie froh. Ohne sonst im Geschmack einig zu sein, verstanden sie sich ziemlich gut. Aber Sergius, der Mann, war ihr zuwider. Er verdarb ihr die Freude; in seine ewige Ironie, seinen beißenden Hohn konnte sie sich nicht finden. Woher kamen sie denn diesmal? Aus Florenz? Was für unstete Reisende waren das! Ein russischer Graf und naturalisierter amerikanischer Bürger (der auch diesen Widerspruch in sich trug wie sehr viele andere), zog Sergius mit seiner Frau in sehr vielen Ländern umher. Einen Winter lebte er in Rom, einen Sommer in Schottland; ein verwöhntes, müßiges, dilettantisches, je nachdem allbegabtes oder auch nichtsnutziges Kind. Arme Simone! Dabei wäre sie fast Kummers gestorben, weil man sich dieser Ehe zwei Jahre lang widersetzte. In einer Krise dunkler Neurasthenie hatte sie sich eines Tages in das Bassin des großen Springbrunnens gestürzt. Der junge Antoine war ihr mutig nachgetaucht und hatte sie gerettet. War sie nun wenigstens glücklich? Wenn Geld Glück ist, vielleicht. Aber Simone war erst fünfundzwanzig Jahre alt, sie war zärtlich, gut, empfindsam. Wie mußte sie durch einen selbstsüchtigen, unter seinem galanten, verführerischen Aeußeren krankhaft heftigen Gatten leiden! Bei ihrem letzten Aufenthalt war sie wie umgewandelt gewesen, leeren Blicks; man hatte den Eindruck, daß sie sogar gegen Iwan und Betty fühllos war, die ? zumal Iwan, das leibhaftige Abbild seines Vaters ? der Ueberwachung sehr bedurften.

Sophie kniff die Lippen zusammen; ihre Gedanken ließ sie sich nun einmal nicht ausreden. Sie ging über einen Flur in das Zimmer Jacques, des Konsuls in China, den man nur alle drei bis vier Jahre zu Gesicht bekam, und dessen Ankunft für die ganze Familie ein Fest war: »Der Chinese kommt, der Chinese fährt nach Europa! Am Fünfzehnten platzt der Chinese uns ins Haus!« Und dann war er im Ernst binnen acht Tagen hier und blieb mindestens ein halbes Jahr. Wie gut war das für alle, so in großer, erneuerter, zärtlicher Liebe beisammen zu sein, und just in dem bedeutsamen Augenblick, wo es galt, den Tag der vierzigjährigen Ehe von Vater und Mutter zu feiern!

Doch Sophie entsann sich, daß sie, indem sie so der Abwesenden gedachte, einen Anwesenden vergaß, ihren Bruder, den Offizier, den verwundeten Krieger. Er war ja daheim, ihr »Ritter ohne Furcht und Tadel« ? das war ihr zu lang, sie nannte ihn meist bündiger: Olivier. Mit Urlaub aus Nadaï zurückgekehrt, war er bereit, nach Dakar abzureisen, sobald seine Wunde, ein Schuß in den Oberarm, die nach seiner Heilung in Val-de-Grâce sich wieder geöffnet hatte, ganz geschlossen sein würde. Olivier war nächst Jean-Marc ihr Liebling. Dem ältesten Bruder weihte sie eine abgöttische Verehrung, einen besonderen Kult, der ihren Familienstolz umfaßte, ihre Achtung vor dem Häuptling des Stammes und ihre ehrgeizigen Hoffnungen für die Zukunft der Fabrecé. Olivier genoß eine andere Verehrung; die, die man hohen, fernen Menschen erweist. Seine Ueberlegenheit erkannte sie an, ohne ihm ihre ganze verschüchterte Zuneigung kundtun zu können; denn oft wirkte er durch die Askese seines Lebens und durch die düstere Richtung seines Geistes auf sie wie ein Priester oder ein Apostel.

Er las gerade in den Denkwürdigkeiten des Blaise de Montluc. Diese rauhe, gedrängte Prosa sagte ihm zu. Mit seinen tiefbraunen Augen, die in seinem bleichen Gesicht fiebrig glänzten, blickte er auf sie. Von seinem Arm, der in einer Binde stak, hing eine feine Hand mit einem vernarbten Schnitt herab, einem Mal von einem afrikanischen Speer.

»Wie geht es dir heute?« fragte sie, die sonst klar und schrill sprach, mit leiser Stimme. Er lächelte; sein gewohnter Ernst milderte sich ein wenig. »Zusehends besser; ich hoffe, schon bald nach Paris fahren zu können.« »Wenn der Doktor es erlaubt.« »Wenn er es erlaubt, selbstverständlich.« »Du willst Freunde wiedersehen, du hast etwas vor.« »Ja.« Wahrscheinlich zog es ihn zu den Damen Sarnel. Er hatte den Verkehr mit ihnen nicht aufgegeben, seit er ihnen die letzten Grüße, den Ring und die Uhr seines Kameraden André überbracht hatte, der im Lazarett seinen Wunden erlegen war. »Fühlst du dich denn hier nicht wohl?« Ausweichend antwortete er: »Ich komme schon wieder.«

Mißtrauisch wagte sie nicht mehr, in ihn zu drängen. Jedoch ein eifersüchtiger Argwohn hellte sich in ihr auf, die jede Liebesmöglichkeit wie eine Gefahr fürchtete, wie einen Fall. Und gegen die Damen Sarnel hatte sie ein Vorurteil. Warum nur? Vielleicht wegen der absichtlichen Freundlichkeit der Mutter und der mittleren der drei Töchter; denn von den beiden anderen war die eine verkrüppelt und die zweite so krank ... Trotzdem wußte sie, daß Olivier keine Heiratspläne hatte. Er sprach niemals darüber, und nie hatte man gehört, daß er zu einem Mädchen Beziehungen habe. Sie sah darin einen Beweis von Reinheit, die allzu sehr ihrem eigenen Ideal gemäß war, als daß sie ihn hätte tadeln können. Und hätte man ihr vorgehalten, daß sie zuweilen, wie vorhin, gegen Anfechtungen nicht unbedingt gewappnet sei, so hätte sie sich erbost, doch nicht versucht, diese weibliche Schwäche abzulegen.

Eine verblaßte Photographie, eine von denen, die Jahre alt und oft in den Händen von Betrachtern gewesen sind, lehnte auf dem Kamin und erweckte ihre Neugier. Die Tropenuniform und die beiden Tressen waren dieselben wie die Oliviers. Aber das Gesicht war ihr unbekannt, ein sanftes, abgemagertes Gesicht, das ein langer Bart noch schmäler machte. Sie ging auf das Bild zu. »Du gestattest doch?« »André Sarnel.« Er betonte den Namen, als ob er seinen Kameraden vorstellte. »Er hat dir die Photographie geschenkt?« »Nein, seine Familie, nachher, zum Gedächtnis.« »Ah! Du hast ihn sehr lieb gehabt?« »Ein ungewöhnlicher Mensch! Der echte Typus des Soldaten, voll stoischen Opfermuts. Seine Verwundung war furchtbar. Er wollte nicht narkotisiert werden. Nur meine Hand hat er umfaßt, als sie in seinem Fleisch herumwühlten.« Sophie wurde bleich. »Wenn ich denke, daß so auch dein Schicksal sein könnte!« »Das ist unser Beruf. Groß ist er nur wegen seiner Gefahren.« »Du sprichst vergebens. Er ist entsetzlich.« »Das ist er.« Und versonnen fuhr Olivier fort: »Das Schönste an Sarnel war das Lächeln der Seele, die innere Freude.« »Besitzest du sie nicht mehr?« »Ich suche sie.« »Aber die Bestimmung dafür hast du?« »Dort unten, ja, dort bin ich ein wahrhafter Soldat.« »Und hier?« »Bleibe ich ein Mensch.« Sophie, die nicht weichen Gemüts war, hatte Tränen in den Augen. »Olivier, unglücklich bist du nicht!« »Und glücklich auch nicht, Sophie. Was liegt daran? Glück!« Mit seiner geringschätzigen Handbewegung schob er den ewigen Trug fort, von dem die Menschen leben, und in dem sie sterben. »Ich möchte dich so gern verstehen. Hast du zu mir kein Vertrauen?« Er lächelte: »Laß nur! Wollen wir nicht zur Mutter?« »Sie schläft jetzt.« Und Sophie teilte ihm mit, was der Doktor gesagt hatte.

Gerade trat Henri Le Jas ein. Ein Mann mit gebräunter Haut, mit kräftigem Wuchs und angenehmem, freiem Gebaren. Er war der Berater der Familie. »Das reine Spital,« rief er heiter aus. »Der Arm des Herrn Leutnants, die Gicht des Chefs, Pierre-Jeans Stockschnupfen und die Kolik seines Brüderchens!« »Und Nénette?« fragte Sophie. »Haben Sie sie gesehen? Sie hustete.« »Es hat mir sie niemand gezeigt.« Sophie blickte ihren Bruder an, um auf die geheime Ungerechtigkeit hinzudeuten, die ihr zu schaffen machte: die Gleichgültigkeit oder, mehr noch, Feindseligkeit Armandes gegen die Kinder der Toten. Aber Olivier dachte nur an seine Mutter. Le Jas mußte ihn beschwichtigen; und da er anfing, den Wundverband nachzusehen, ging sie hinaus, hinüber zum anderen Flügel, in dem Jean-Marc und seine Frau wohnten. In ihrem Befremden sagte sie laut vor sich hin: »Das ist nicht recht.«

Sie erinnerte sich der Zeit vor fünf Jahren, sie erinnerte sich an Claudie. Eine arme Seele war sie gewesen, völlig ein Kind, ein verworrener Kopf, mit hastigen Trieben und kränkelnder Nervosität! Wie zitterte sie vor Jean-Marc, der oft hart gegen sie war! Gewiß, sie war unpraktisch gewesen, außerstande, den Haushalt zu leiten, voll ohnmächtigen guten Willens, schnell bereit zu Tränen, zur Verzweiflung, zu Szenen, dazu noch eifersüchtig, und (um der Wahrheit die Ehre zu geben) nicht immer ohne Grund. Oft hatte sie ihn zum Jähzorn gereizt. Eine Lungenentzündung, die zu einer bösen Grippe sich gesellte, hatte die Zarte hinweggerafft. Mimi war damals zwei, Nénette elf Jahre alt. Ein Jahr darauf verheiratete Jean-Marc sich wieder. Daß er mit vierunddreißig Jahren die Einsamkeit nicht ertragen konnte, was war daran erstaunlich? Er hatte Claudie aufrichtig beweint, mit Gram und vielleicht sogar mit erwachender Reue. Aber dieser Bund so unvereinbarer Temperamente hatte ihm nicht Glücks genug gegeben, daß er Sklave der Vergangenheit hätte sein wollen. Und schließlich war gegen Armande, seine Wahl, nichts einzuwenden. Sie war aus guter Familie, war haushälterisch, liebenswürdig und sah vortrefflich aus. Eine solche Frau paßte zu Jean-Marc. Ihr Geschenk für ihn waren diese prächtigen Kinder, die mit drei Jahren mollige Herkulesse mit rosigen Grübchen waren. Wie stolz war er auf sie! Indes Nénette und Mimi so gebrechlich aufwuchsen wie ihre Mutter. Aber hätte nicht eben deshalb die Neue ihnen zärtliche Sorge angedeihen lassen sollen? Ach, die Frauen, und sogar die besten ... Und war Armande eine von den besten? Sophie zweifelte fast daran: »Nein, es ist nicht recht.« Zwanzigmal hätte sie eine freundschaftliche Mahnung vorbringen mögen. Doch außer daß die Frage heikel war, war ihr Verhältnis zu Armande ganz korrekt und beinahe unumschränkte Eintracht. Sollte sie diese aufs Spiel setzen? Verstimmungen entstehen so schnell und können sich so leicht vertiefen; und wie würde Jean-Marc in seinem argwöhnischen, zugunsten seiner Frau parteiischen Hoheitsbewußtsein die Sache aufnehmen?

»Ich muß mit Großmutter darüber reden,« sagte sich Sophie. Das war eine geschickte Taktik; ein wenig Diplomatie schadet nicht, wo so viele Interessen und Konflikte aufgeboten sind. Eine große Familie ähnelt einem Kloster; unter der Gleichförmigkeit der Regeln gehen die Charaktere auseinander und kreuzen sich die Einflüsse.

Sophie kehrte um, Frau Siglet-du-Salt zu besuchen. Die alte, hinfällige, doch für ihre siebenundachtzig Jahre noch geistig klare Frau vergötterte Nénette und Mimi, und in der Ungerechtigkeit der Greise, deren geschwächte Vernunft vom Instinkt abgelöst wird, liebte sie sie allein, gleichgültig gegen die Kinder Simones und auch gegen Armandes Zwillinge. Das Ansehen ihres Alters und ihr Rang als Urgroßmutter befähigten sie einzuschreiten; und nötigenfalls kam wohl die Mutter, obschon sie sich große Zurückhaltung auferlegte, zu Hilfe.

Ein Schatten verkroch sich, als Sophie vor der verglasten Tür einer Wäschekammer vorbeiging. In einer Sekunde war sie eingetreten. Sie sah niemanden. Da entdeckte sie hinter einem hohen Wäschekorb ein junges Mädchen in Matrosenkostüm, mit kurzem Rock, unter dem Arm eine Schulmappe. »Du bists, Nénette?« rief Sophie erstaunt. »Warum verkriechst du dich?« Das Kind hatte geweint, und seine Backe war gerötet. »Wegen gar nichts, Tante.« Sehr schmal, blond, fein, mit dünnem Köpfchen und großen, scheuen, blauen Augen war Antoinette hübsch, so wenig auch sie schon erblüht war. Sie glich den verfrorenen Knospen, die den Frühling nicht erwarten können. Wie ein in der Falle gefangenes Tier duckte sie den Kopf nieder. »Wie, wegen nichts und wieder nichts fürchtest du dich vor mir?« »Ja. O, nein, Tante.« »Ja, nein?« Sophie erhob ihre Stimme: »Was gibt es also? Jetzt willst du lügen!« Diese rauhe Sprache nahm dem jungen Mädchen die Fassung. Schon fünfzehn Jahre! Wer sollte das für möglich halten! Wiederum erschrak Fräulein Fabrecé vor ihrem verstörten, unbotmäßigen Gesichtsausdruck. »Sie sind bockig und falsch,« sagte Armande immer. Sollte das wahr sein?

»Ich will wissen, was du da machtest!« »Sage nur der Stiefmutter nichts, ich bitte dich von Herzen.« Und Nénette, die aus Liebe zu der Toten sich nicht dazu verstehen konnte, Mama zu sagen, zerfloß in Tränen. Sophie war bewegt: »Arme Kleine, ich meine es ja gut mit dir. Weshalb behandelst du mich wie eine Fremde?« Ihr selbst unklare Empfindungen waren in ihr. Sie bedauerte die Töchter Claudies, wie sie ihre Schwägerin bedauert hatte, doch nur, weil sie sich an ihre Unverträglichkeit erinnerte, und ohne diese einander gleichen, zuckenden und mit dem Gefühl auf den leichtesten Stoß reagierenden Wesen zu verstehen. »Du bist für mich keine Fremde, Tante. Ich hatte vor Schelten Angst, weil ich ... weil ich jetzt trotz dem Verbot der Stiefmutter zur Großmutter gehen wollte.« »Komm mit mir,« entgegnete Fräulein Fabrecé. »Bist du denn noch ein Kind, daß du so weinst?« »O doch, Tantchen, ich bin ein Kind, denn eben hat mich die Stief ...,« Schluchzen schnürte ihr die Kehle, »... die Stiefmutter geohrfeigt.« Sophie fuhr in die Höhe: »Geohrfeigt? Warum?« »Weil sie nervös ist. Sie hat gesagt, ich hätte ihr unhöflich geantwortet, und das ist nicht wahr.« Das Kind war zweifellos aufrichtig. Sophie erwiderte nichts, sondern zog Nénette an ihre Brust und drückte sie. »Komm und sprich dich bei deiner Großmutter aus, aber ordentlich, vernünftig; sie ist eine alte Frau.« »O gewiß! wie selbstsüchtig bin ich!« »Da, trockne dir die Augen! Gut. Ich habe es gern, wenn man tapfer ist.« Ernst setzte sie hinzu: »Und ein andermal, Antoinette, verstecke dich nicht vor mir!«

III.

Im großen Arbeitszimmer waren Armande und Jean-Marc in lebhaftem Wortstreit begriffen: sie schonungslos, mit zerrütteten Nerven, er gespannt, mit unter dichten Augenbrauen lauerndem Blick, die Lippen von erkünsteltem Lächeln zusammengezogen. Er wahrte kalte Besonnenheit, während sie sie verlor, wie vorhin, als sie ihren Zorn an Nénette ausließ.

Die Schläfen Jean-Marcs waren angegraut; das von der Sonne verbrannte Gesicht unter der breiten, weißen Stirn, die starke Kinnlade bekundeten eine Willensnatur. Befehlshaberisch und schroff, war er im Grunde schwach und hehlte die Leidenschaften, die ihn verzehrten: Ehrgeiz, Geldgier und Vergnügungssucht. Sie zwang er in die großen Linien, die die Selbstachtung fordert; und trotz seiner unleugbaren Gewaltsamkeit war er im gewöhnlichen Sinne des Wortes vornehm und ehrliebend. Armande, die für außerordentlich hübsch galt, schien in dieser Minute fast häßlich. Unter dem reichen Haar, das an ihren Schläfen sich ringelte, entflammte sich ihre blumenzarte Haut. Mit trockenen Augen und verzerrtem Mund überließ sie sich zum erstenmal dem übermächtigen Dämon der Wut, die sie bis dahin weise gezügelt hatte; aber dieser Verrat hatte sie zu unvorbereitet getroffen. An die Treue ihres Mannes, an ein wolkenloses Glück zu glauben, und dadurch, daß man eine Rechnung über ein von ihr nie empfangenes Schmuckstück vorwies, eine Rechnung, die sich in ein Kuvert mit ihrer Adresse verirrt hatte, zu erfahren, daß Jean-Marc ... Ah, das war gemein, das war feig, das war ... Ihr fehlte es an Worten.

Dreist leugnete er alles ab; und das entrüstete sie noch mehr, so wenig sie ihm ein Geständnis verziehen hätte. Denn Beweise hatte sie nicht. Der Juwelier ? unerhört! einer der feinsten in der Rue de la Paix ? hatte am Telephon zerknirschte Entschuldigungen gestammelt; die Nachlässigkeit eines Kommis ... Nein, nein, keine Rede! Herr Fabrecé habe überhaupt kein Schmuckstück für Fräulein Hycler von den Bouffes gekauft. Vielmehr habe Herr Fabrecé gestern abend ein Brustkreuz von Perlen bestellt, und der eigene Sohn des Juweliers wollte sich die Ehre machen, es unverzüglich mit vielen Bitten um Nachsicht per Auto abzuliefern. Was sollte sie sich denken? Gewiß das Schlimmste. Und Armande glaubte es: »Wer sagt mir denn, daß du nicht, als du mich ersuchtest, dich mit Virquot reden zu lassen, die Gelegenheit benutzt hast, um dich mit dem Juwelier zu verständigen? Das Telephon ist ja nicht für die Hunde da.« Sie legte die Niedrigkeit ihres Charakters bloß, da sie sich nicht mehr überwachte. Er schlug ihr vor: »Soll ich Virquot zurückrufen lassen? Willst du ihn lieber allein ausfragen?« »Nein, keine Zeugen! Unsre schmutzige Wäsche waschen wir besser unter uns!« »Höre, Liebe, bis jetzt bin ich geduldig gewesen, aber ich versichere dir, du gehst zu weit.«

Sie sah ihn in ihrer Not an, von Hoffnung erschüttert, ins Dunkel zurückgeschleudert. Der unbestimmte Schein, das flüchtige Zusammentreffen von Umständen, alles, was einen streift und was man wegschiebt, nahm Gestalt an: mancher Abend, wo er sich entfernt hatte, dieser und jener Vorwand ... »Ich glaube dir nicht!« »Wie du magst! Aber etwas stark ist es doch. Weil ich dir ein Vergnügen machen und dir Perlen schenken will, die du dir schon lange wünschtest, glaubst du eher einem verirrten Fetzen Papiers als mir, der ich dich liebe! Du weißt doch, wie sehr!« Sie dachte an die Perlen, in die sie vernarrt war. Ja, ein Beweisgrund waren sie schon. Und war es nicht besser, wenn sie sich gläubig zeigte? Aber der Gedanke, betrogen zu werden, verletzte sie in ihrer so empfindlichen Eitelkeit nicht minder als in ihrer Zärtlichkeit, und um ihn zu entlarven, rief sie: »Ich will mit diesem Weib reden, ich will die Wahrheit wissen!« »Geh doch hin! Du wirst dich lächerlich machen.«

Sie sah nun wirklich verzweifelt aus: »Schwöre mir, schwöre mir, daß du sie nicht liebst!« »Ich? Ich kümmere mich so viel um sie wie um den Mann im Mond. Warum soll ich denn durchaus diese leichte Person, die übrigens schon mehr als fünfzig Jahre hinter sich hat, lieben?« »Das ist nicht wahr, sie ist viel jünger!« In einer solchen Lage macht ein Mann sich nicht viel aus einer Taktlosigkeit: »Bei künstlicher Beleuchtung, ja. Dann hat sie ja schon zwei Verehrer.« »Das ist kein Grund; woher weißt du denn das?« »Im Klub wird es erzählt. Ich kann Schauspielerinnen nicht ausstehen. Glaubst du mir jetzt?« »Nein!«

Aber ihr Blick glänzte jetzt schon weniger unerbittlich. Der beseligende Trug, auf den sie doch nicht ganz hereinfiel, schloß ihr für eine Weile die Augen unter der Wirkung der Küsse, die ihr Jean-Marc, der sie mit Gewalt auf seine Knie gezogen hatte, erfahren und rasch auf die Lider und in die Winkel des abgewandten Mundes versetzte. Zitternd und schamhaft barg sie, als weine sie, ihr Gesicht an seinem Hals, während die Spuren seines Bartes sie stachen. »Angebetetes Dummchen!« Und er lachte nun erleichtert auf. »Ich will nicht, daß du lachst!« Nun küßte er sie von neuem, und sie hatte nicht mehr den Mut, ihm ihre Lippen zu entziehen. Indem sie ihre Geistesgegenwart wiederfand, sagte sie, nach beruhigtem Schweigen: »Du wirst mich wohl auszanken. Ich bin mit Nénette zu barsch gewesen. Ich habe ihr eine Ohrfeige gegeben.« »Oh!« rief er sehr befremdet. »Du weißt, daß ich das nicht gern ...« »Sie war unverschämt.« »Nun denn,« gab er zu.

Dieser Freispruch jedoch kam ihm nicht von Herzen. Armande maßte sich mehr Rechte an, als ihr gebührten. Es waren doch noch seine Kinder. Er litt unter diesem wachsenden Mißverständnis zwischen seiner Frau und seinen Töchtern. Und da er nicht hellsichtig genug war, die Ursachen zu erkennen und sich der Verantwortlichkeit gewiß zu werden, hatte er für alles nur einen gelangweilten Tadel, wobei er der Ordnung halber Armande unterstützte. Und doch schien es ihm, als ob er dadurch, daß er nicht Einspruch erhob, den Verrat an seiner Frau mit einer Feigheit gegen seine Töchter bezahlte. Eine große Sorge für ihn waren diese Kinder, die nun mit einer anderen Mutter und anderen Brüdern heranwachsen sollten. Das ist die schicksalsvolle Unzuträglichkeit zweiter Ehen. Eine unfaßbare und von Mitleid bekämpfte Verstimmung gegen die Töchter Claudies erhob sich in ihm. Ihre Nervosität, die Unbeständigkeit ihrer Temperamente ärgerte ihn, und ohne daß er sich darüber Rechenschaft ablegte, ließ er sich von dem Vorurteil, das Armande ihm einflüsterte, gefangen nehmen: es seien schwer zu behandelnde, unfreundliche Geschöpfe. Denn sie wußte aus kleinen Zwischenfällen, aus zufälligen Verwicklungen Nutzen zu ziehen. Zwar konnte er an ihrer Wahrhaftigkeit nicht zweifeln. Der Gedanke, daß sie allmählich, mehr und mehr, einer unbewußten Eifersucht, dem Widerwillen der Stiefmutter gehorchte, wäre ihm nie gekommen. Daß Armande seine Frau war, genügte für ihn, sie nach Ehemannspflicht mit den von ihm gewünschten Eigenschaften edelmütig zu bereichern.

Sie fürchtete, daß er nachsinnen könnte; und um ihn abzulenken hing sie, katzenhaft nachgiebig, sich an seine Schulter: »Ungeheuer!« Sanft machte er sich los, ein stechender Schmerz erinnerte ihn an seine Zehe: »Nun aber, Liebste, zu ernsten Geschäften. Ich habe noch zwanzig Briefe zu diktieren.« Sie schmollte noch. Doch sie war nun wieder anmutig geworden. Das Gewitter hatte ihr Antlitz aufgehellt, und es lag in ihrem Gebaren der trügerische Reiz der Einfalt, der mit der Holdheit ihrer milchweißen Haut sie so verführerisch machte. »Du weißt doch,« sagte sie, »daß du unbedingt meine Schwester mit deinem Bruder verheiraten mußt.« »Mit welchem Bruder, Olivier?« »Du bist blöd, mit dem Konsul.« »Mit dem Chinesen? Ein trefflicher Einfall, er ist in der Tat heiratslustig. Doch wird Liane ihn wollen? China liegt nicht ganz nahe bei Paris.« »Wenn sie sich nun lieben?« »Nun, Liebe ist etwas Schönes.« Mit einem Kuß erstickte sie seinen Spott: »Ich lasse dich. Arbeite!«

Jean-Marc zog den Telephonapparat an sich, der ihn mit den Werken verband, läutete seinem Sekretär und seiner Stenographin, schichtete Papiere, nahm mit siegreicher Emsigkeit seine Arbeit wieder auf, erteilte Befehle, empfing die Ressortchefs, hörte den einen und rief den anderen zurück. Sein Gesicht drückte nun wieder seine ganze Energie aus. Als wolle er sich dafür schadlos halten, daß er sich von seiner Frau hatte umschmeicheln und gegen seine Töchter hatte einnehmen lassen, genoß er nun die Furcht und die Achtung, die seine harte Stimme und sein gewaltsamer Blick erweckten. Befehlen zu können war ihm ein Rausch. Das Vergnügen zählte für ihn nichts im Vergleich zu dem Herrscherinstinkt, durch den er, an Napoleon sich begeisternd, in seinem Hirn alle Räder dieses Riesenunternehmens zusammenhielt. Gegen alle Hindernisse war er gerüstet, und auf der Stelle entschied er, fruchtbar an Eingebungen und vermöge eines umfassenden Gedächtnisses, das ihm die Bewunderung seiner nach ihm geschulten Direktoren erzwang. Stolz aus Ueberlieferung erhöhte dieses Bewußtsein noch. Er setzte das Lebenswerk seines Vaters fort, der jetzt in das Reich des reinen Gedankens, zu Arbeiten im Laboratorium und in der gesetzgebenden Körperschaft, sich zurückgezogen hatte. Er war der lebende Träger des erfinderischen, aus sich selbst tätigen und wirkenden Geistes, durch den Pierre Fabrecé der erste Meister, diese sich bewegende Welt erschaffen hatte, diese Stadt der Arbeit, mit der ihn dank dem kleinen Handapparat ein Stimmfaden verband. Dort grollte die Fabrik von dem ununterbrochenen Brausen der Kessel, vom Gleiten der Karren, vom Rhythmus der Maschinen, vom Poltern der Güterwagen. Er, Jean-Marc, der zweite seines Namens, war jetzt das Herz, und nachher, sobald als möglich, sollten hier seine Söhne, die Erben seiner Rasse, in denen sein Schicksal weiterlebte, gebieten.

Antoine und Florent warteten geduldig seit dreiviertel Stunden, als er die Weisung gab, sie einzulassen. Die Gereiztheit Florents hatte den sanftmütigen Antoine angesteckt. Er dachte daran, daß er während dieser Zeit Miche durch den Wald hätte zurückgeleiten können. Er sah sie barhaupts mit ihrem von Natur gewellten Haar. Denn als eine richtige kleine Bäuerin fürchtete sie weder Wind noch Sonne. Ein Kleid aus blauer Serge schmiegte sich um ihre zierliche Gestalt, und ihre Füße liefen in Schuhen von gelbem Leder lustig über das Moos dahin. Wenn Florents Erregung fiel, so war er schwach. Ein Optimist nach der Mahlzeit, die ihn von neuem in Gang brachte, war er wie alle nervösen Menschen vorher pessimistisch gestimmt. Schon lange hatte man das erste Zeichen zum Frühstück gegeben. Sein Gesicht zuckte peinvoll. Trieb Jean-Marc Possen mit ihm? Die Blicke der beiden Brüder, ihre halben Worte des Mißvergnügens stellten einen Bund zwischen ihnen her und stärkten, da sie voreinander gedemütigt werden sollten, ihre Tapferkeit. Aber in Gegenwart des Gouverneurs verging ihnen diese. Er hielt sie nicht nur durch sein Ansehen nieder, auch durch die suggestive Macht, die von Starken ausgeht.

Florent, den er herausfordernd maß, sah zuerst zu Boden; Antoine blickte weg. »Ich will euch keine schönen Redensarten machen,« sagte Jean-Marc gradeheraus. »Ihr zwingt mich, euch, wo ihr schon so alte Kerle seid, zu sagen, daß ihr euch wie Gassenjungen benehmt.« »Du übertreibst,« wagte Florent zu erwidern. »Laß mich nur reden, du kommst nachher an die Reihe. Zuerst du, Antoine! Ich habe von deinem Umgang mit Jenny-Rose gehört; das gefällt mir nicht. Ihr seid oft miteinander gesehen worden. Wenn du nicht mit ihr in der Baumallee herumvagabundierst ? oh, ich weiß Bescheid! ?, steckst du immer in Val-Changis bei ihrer Mutter.« »Ich habe ...« »Warte nur! Worauf willst du hinaus? Ist es eine Liebschaft, dann hast du dir sie schlecht ausgewählt. Du bringst dich selbst ins Gerede und schadest der Kleinen. Ein Fabrecé muß Haltung haben. Wenn du deine Milchschwester verführen willst, deren Eltern zwar nicht sehr kluge, aber wackere Leute sind, dann ist das noch gemeiner; denn du kannst nichts wieder gut machen.« »Aber niemals ...« »Ich bin noch nicht fertig. Möglich wäre dann noch, und es ist auch viel wahrscheinlicher, daß Jenny-Rose, gefallsüchtig wie alle Mädchen, dich zum Narren hält. Daß du sie umwirbst, schmeichelt ihr. Sie gibt sich deswegen selbstischen und lächerlich ehrgeizigen Hoffnungen hin, und du, Dummkopf, wirst eines Tages als der Hanswurst die Zeche bezahlen.« Er winkte seinem Bruder, der protestieren wollte, ab: »Jedenfalls, die Sache muß aufhören.« Und indem er deutlich erkennen ließ, daß er aus der Einfalt Antoines sich nichts machte und an seinem Gehorsam nicht zweifelte, kritzelte er ein paar Worte auf seine Schreibtafel. Dann hob er mit ein wenig spöttischer Miene den Kopf: »Nun?« Antoine drehte die Zunge im Munde, als kaue er eine Gummikugel. Schließlich antwortete er: »Nun, was man dir da erzählt hat, und es gibt ja nun mal Leute, die nichts Besseres zu tun haben, und das macht ihnen Spaß, das stimmt schon. Jenny-Rose und ich treffen uns, wenn wir Lust dazu haben, und wir tun nichts Böses. Was wir tun, und was wir uns denken, dafür können wir schon einstehen.« »Du glaubst, mir genügt das?« Langsam wurde Antoine hitzig: »Ich habe dir geantwortet, weil du mein Bruder bist, und weil ich dich trotz allem achte ...« »Trotz wessen?« fiel Jean-Marc, unangenehm berührt, ein. »Trotzdem du zu mir sprichst, als säße ich noch auf der Schulbank und wäre nicht meine zweiundzwanzig Jahre alt. Nämlich ? erlaube, daß ich es dir sage, Jean-Marc ? die Geschichte geht mich allein an, das ist meine Sache.« »Du irrst dich. Sobald dein Name, unser Name in Mitleidenschaft gezogen ist, geht, was dich angeht, auch mich an.« »Ich schulde niemandem Rechenschaft,« murrte Antoine, durch das still drohende Einverständnis Florents erregt, »und es wäre noch schöner von dir, wenn du uns, Rose und mich, nicht mehr durch einen solchen Verdacht beschmutzen wolltest. Sie ist wie ich. Da gibt es nichts zu kritteln. Wir beide sind freie, ehrliche Menschen.« »Dann bist du also in die Tagediebin ganz vernarrt?« »Jean-Marc, wenn du übel von ihr reden willst, dann gehe ich lieber weg. Mißbrauche nicht deine Stellung als Gouverneur!« »Na na, du willst mir doch nicht sagen, daß du eine ernste Liebe zu ihr hast?« Unter dem Hieb des kränkenden Zweifels bäumte Antoine sich auf. Und breit auf seine Beine hingepflanzt, erwiderte er voll Entrüstung: »So, wenn ich sie nicht liebte, würde ich dann so mit ihr herumlaufen? Denkst du denn, ich bin ein niederträchtiger Geselle? Ich bin ein Fabrecé. Sehe ich so aus, als ob ich ein Kind beschmutzen würde? Wenn du das glaubst, dann hast du von mir eine sehr schlechte Meinung und von ihr auch, wenn du denkst, sie sei abgefeimt und wolle mich angeln. Nein, guter Junge, das geht so nicht, suche nicht weiter! Es ist nicht dies oder das, es ist einfach Liebe, und damit Schluß.« »Und wohin soll euch das führen? Das zu wissen bin ich neugierig.« »Aufs Standesamt,« sagte Antoine, »wohin soll es uns denn sonst führen?«

Jean-Marc sprang in die Höhe, und Florent spürte einen kleinen Schauer, den Schauer des Anarchisten. »Bravo, Bursche,« hätte er gerne geschrien. So hatte er nur seine Unterhaltung; ach, wie betroffen und zornig der Große war! »Bist du verrückt?« »Ich denke, nein,« entgegnete der andere gelassen. »Eine Bauernmagd willst du heiraten?« »Bauernmagd? Nicht mehr und nicht weniger als unsere teure Großmutter, da Großvater Fabrecé sie zur Frau nahm.« »Gut gegeben,« dachte Florent. »Niemand kennt meinen Antoine, und ihn haben sie für dumm verkauft.« Jean-Marc runzelte die Brauen: »Das ist doch nicht dein Ernst?« Und plötzlich packte ihn die Wut: »Das ist ein Idiotenstreich!« »Warum denn?« fragte Antoine starrköpfig. »Jenny-Rose unsere Schwägerin? Ich könnte mich kugeln; guter, armer Kerl!« Er sah sie schon in den Salons der Familie, geschmacklos aufgeputzt gegenüber der dekolletierten Armande oder, unwissend und bäuerisch, in täglichem Umgang mit Sophie, Isabelle und ihm selbst. Der Zorn nahm ihm die Besinnung: »Antoine, der Vater ist nicht da, ich vertrete ihn. Du wirst mir gleich versprechen, daß du mit diesen Spaziergängen aufhören wirst.« »Das kann ich nicht.« »Sage lieber, du willst nicht! Sieh mal, ich will mit dir als Freund reden. Nimm einen guten Rat! Reise eine Zeitlang! Du wirst über dich selbst nachdenken und wieder zu dir kommen.« »Ich will doch nicht jetzt fortgehen, wo die Gräfin und der Chinese eintreffen und das vierzigjährige Ehejubiläum der Eltern gefeiert werden soll.« Jean-Marc sagte mit unerwarteter Ruhe, denn solche plötzliche Uebergänge gab es bei ihm: »Eben daran dachte ich. Ich hätte in einem solchen Augenblick ihnen gern allen Verdruß erspart. Es wäre schön von dir, wolltest du unsere leidende Mutter schonen; und der Vater ist mit seinen Arbeiten genug beschäftigt, ohne daß du ihm solchen Aerger zu machen brauchst.« Fest erwiderte Antoine: »Ich will dir etwas vorschlagen. Der Vater soll richten.« Herr Fabrecé der sich beim Vorsitz in zwei wichtigen Senatskommissionen ein wenig übernommen hatte, wurde für morgen oder übermorgen zurückerwartet. »Nun, wenn du glaubst, daß er dir beistimmen wird?« »Er ist der Vater, er soll Richter sein.« Diese Worte sprach Antoine voll glühenden Glaubens, wie alle es getan hätten. Der Vater, das war für sie alles.

Jean-Marc biß sich auf die Lippen: »Seis denn!« Aber seine Miene ließ nichts Gutes erwarten. Da er sich damit abfinden mußte, nicht das letzte Wort zu haben, hatte er einen brutalen Entschluß gefaßt, den er mit reiflicher Erwägung verhehlte.

Nun sah Florent, wie der strenge Blick sich ihm zuwandte; und ein Unbehagen, das er sich als Schwäche vorwarf, ergriff ihn. Er hatte keine Entschuldigungen vorzubringen wie Antoine. Mit auffälliger Freundlichkeit sagte Jean-Marc: »Was geschehen ist, will ich nicht mehr erörtern. Ich nehme an, du bedauerst es?« Florent blickte auf die Diele. »Eine Buße ist unerläßlich, nicht vor dir selbst nur, auch vor denen, die von deinem Abenteuer wissen. Ein großer Skandal ist verhütet worden. Heute abend wirst du nach London abreisen. Ich gebe dir Aufträge an die großen Verlagshäuser mit.« »Und auf wie lange Zeit?« »Ich werde es dich wissen lassen.« »Und wenn ich mich weigere?« »Du wirst dich nicht weigern. Ohne mein Einschreiten, und noch mehr ohne das Isabelles, kämst du vor die Strafkammer. Ein Fabrecé, das wäre ein Staat.«

Jean-Marc war aufgestanden (immer schmerzte ihn seine Zehe), und in weniger gestrengem Ton fuhr er fort: »Die Strafe, die ich über dich verhänge, ist in deinem und in unser aller Interesse, und sie auszusprechen kostet mich Ueberwindung. Ich werde deine Abwesenheit bei den Eltern, bei Jacques und Simone so rechtfertigen, daß deine Eigenliebe geschont wird.« Florent, der mit eingezogenem Rücken dasaß, zögerte noch. Gutes und Böses stritten in ihm, Groll, Entwürdigung und jene Gefühle, die in solcher Jähheit nur zwischen Blutsverwandten möglich sind. Das Bild Isabelles und das Bewußtsein seines Vergehens stiegen vor ihm auf. Aber so in die Ferne verbannt, wie ein Kind gedemütigt werden zu sollen, gerade in der Zeit des großen Familienfestes, wenn alle Herzen vereint schlugen, das war grausam. Dumpf murmelte er: »Ich werde reisen.« Jean-Marc legte ihm die Hand auf die Schulter: »Nun wollen wir zum Frühstück.«

IV.

Man trank auf der Veranda Kaffee, als Gervais eine Depesche brachte. Jean-Marc las sie, während Armande in einem Rest von Mißtrauen ihm über die Schulter hinwegsah und ausrief: »Jacques ist in Marseille; er ist mit einem Dampfer, der früher ging, abgefahren. Morgen schon ist er bei uns zu Tisch.«

Diese Nachricht veranlaßte Freudenausbrüche. Welche Ueberraschung für den Vater! Sophie ging eilends fort, die Neuigkeit der Mutter zu melden. Die Stimmen schwirrten durcheinander, und Glück verbreitete sich. Die Neigungen innerhalb der Familie werden von dunklen Gesetzen beherrscht. Jacques erfreute sich um seiner häufigen Abwesenheit und seines jovialen Charakters willen bei allen einer wahren Schwärmerei, in die Stolz sich einmengte. Er allein außer Jean-Marc hatte mit seinen dreißig Jahren das Band der Ehrenlegion empfangen, und zwar wegen seines ausgezeichneten Verhaltens bei den Boxerunruhen. Sechs Tage lang hatte er sein von den Horden angegriffenes Konsulat verteidigt und dreißig Menschen das Leben gerettet. Neben ihm hatte die Frau des englischen Konsuls mit dem Revolver hantiert, sicher zielend und bei jedem Schuß einen Chinesen tötend.

Eine Minute vorher hatten unter scheinbar einträchtigem Gespräch alle das, was ihnen Sorgen machte, verborgen, Jean-Marc seine List, Armande ihre Eifersucht, Isabelle und ihr Gatte ihre ungetröstete Liebe, Olivier eine Zweifelskrise, wie sie die Seelen der besten Priester zerstört, Antoine seine Neigung und Florent seine baldige Abfahrt. Doch nun leuchtete von aller Gesichtern derselbe Jubel: »Der Chinese! Der Chinese kommt!« Als Gervais die Nachricht in der Gesindestube bekanntgab, wurde sie dort ebenso froh aufgenommen, und Florent konnte sich nicht enthalten, leise zu bemerken, daß Jacques ein Glückspilz war. Der Gute verdiente wohl diesen Ueberschwang: aber warum wurde er keinem anderen zuteil, nicht Simone und auch Olivier nicht?

Frau Siglet-du-Salt, die durch den Lärm angelockt wurde ? seit Jahren trank sie in ihrem Zimmer zum Frühstück eine Tasse Milch ? wurde stürmisch begrüßt. Hager, schmal, das noch lebendige Gesicht von weißem Haar umrahmt, auf einen Stock mit silbernem Schnabel und Kautschukgriff gestützt, stand sie nun blinzelnd inmitten des Kreises, aus dem man ihr unablässig zurief: »Der Chinese, der Chinese! Großmutter!« Die Freude, die sie zur Schau trug, war mäßig. In den Zwischenzeiten pflegte sie ihren Enkel zu vergessen. Sie saß im großen Lehnstuhl und hörte die scherzhaften Pläne: der Konsul sollte heiraten. Alle dachten daran, mit dem Wunsch und beinahe der Gewißheit, sein Glück zu sichern. Sophie hatte eine ihrer Freundinnen, Isabelle eine Cousine ihres Mannes im Sinne. Doch Armande nahm wieder von Jacques Besitz: »Mir gehört er, ich nehme ihn für Liane!« Sophie stellte sich taub. Ein Fräulein Charnot in der Familie war schon genug. Isabelle lächelte verbindlich. Sie saß neben ihrem Mann, der, sehr gepflegt, mit etwas langem Haar und glänzendem Bart, ein verinnerlichtes, dem Christus ähnliches Antlitz hatte. Mit der Gebärde einer Führerin und einer Liebenden hielt sie ihm die Hand. Dieses Lebensband einte sie mit besonders zarter Empfindlichkeit, und der leiseste Druck hatte Bedeutung.

»Nicht möglich!« rief Jean-Marc, der, seine Zigarre rauchend, durch eine der weiten Lichtungen über den Park hinwegsah. Armande lief zu ihrem Mann, andere hinter ihr her, und alle schrien zugleich: »Wie? Ohne sich anzumelden? Simone! Da ist Simone!« Durch die Ehrenallee, die bis zur großen Freitreppe sich hinzog, kam vom Bahnhof her ein Viktoriawagen angerollt. Im Rücksitz saßen, aneinander gepreßt, Frau Polotzeff und ihre beiden Kinder, die sie gegen ihren Leib hielt. Sie hob die Augen auf und schwenkte ihren Sonnenschirm. Ihre ungewisse Miene war verstört, ihre Wangen waren bleich. Mit Ausnahme Isabelles, die bei Cyrille und der Großmutter blieb (Jean-Marc wurde durch seine Gicht und seine Würde zurückgehalten), war die ganze Familie den Ankömmlingen entgegengewogt und überfiel sie mit unruhigen Fragen: »Es ist doch nichts Schlimmes? Und Sergius? Warum bist du allein? Du bist doch nicht krank, weshalb hast du nicht telegraphiert?« Man fühlte, daß Simone sich krampfhaft zur Heiterkeit zwang, während sie Küsse austeilte und Antwort gab. »Was hat sie nur?« fragte sich jeder. Sie war sehr reizvoll. Von ihrem Nomadenleben hatte sie einen exotischen Zauber, und ihr Teint glich einer blassen, zerblätterten Rose. Sie legte, als drücke sie ihre Stirn, ihre Kopfbedeckung ab, die wie eine Bischofsmütze aussah. »Ich habe furchtbare Migräne,« sagte sie. So glaubhaft dies auch war, und so oft sie mit der Hand sich über die Schläfen strich, an denen schwer ihr herrliches, rotgoldenes (vielleicht ein wenig gefärbtes) Haar hing, ließ keiner sich recht täuschen.

Armande bemächtigte sich der Schwägerin: »Komm, die Mutter zu begrüßen,« sagte sie ihr in entschiedenem Ton. »Nachher werden wir dich ruhen lassen.« Sophie ergriff ihren anderen Arm: »Habt ihr gefrühstückt? Willst du etwas nehmen? Oder deine Kinder?« »Nein, nein, danke.« Man rief Jean-Marc zum Telephon. Diskret hielten Antoine und Florent Iwan und Betty zurück, auf die liebkosend Mimi zustürzte. Ihr folgte, weniger erfreut, Nénette; denn Iwans Frechheit und sein Gebaren eines wilden, jungen Wolfes flößten ihr Widerwillen ein.

Isabelle war Simone entgegengeeilt, der Frau Siglet-du-Salt mit mechanischer und wie abgenutzter Zärtlichkeit die Arme öffnete. Schon zogen Sophie und Armande Frau Polotzeff zu Frau Fabrecé. Auf einer Chaiselongue ausgestreckt, richtete diese, als sie die Tür gehen hörte, sich empor, und ihr schönes Gesicht strahlte: »Liebes Kind!« Sie umarmte sie mit ahnungsvoller Erregung, indem sie mit ihren schönen, sammetartig glänzenden, dunkelbraunen Augen sie prüfte. Doch Simone, die unterrichtet war, wahrte Selbstbeherrschung genug, um den Argwohn zu entkräften. Sergius, so erfand sie mit einer Geläufigkeit, die sie natürlich klingen zu lassen sich mühte, sei in Florenz und durch einen mathematischen Kongreß zurückgehalten worden, für den er sich besonders interessiere. Sie sei ihm nach Val-Montoir vorausgefahren. Habe er denn ihre Ankunft nicht gemeldet? Er hatte es tun wollen. Ein Mißverständnis. Die Kinder? Völlig gesund; sie würden heraufkommen, ihre Großmutter zu umarmen.

Mit halboffenen Lippen und hastigem Atem ? ein Aetherfläschchen lag immer neben ihr, denn lauernde Atemnot quälte sie ? betrachtete Frau Fabrecé gierig ihre Tochter, die sie bei der Hand hielt. Noch zögerte ihre ängstliche Liebe, sich zu beschwichtigen: »Ist es auch wahr? Dein Gesicht sieht ganz matt aus.« »Sie ist von der Reise erschöpft,« versicherte Armande voll Ungeduld, Simone beiseite zu führen, während Sophie eine Bewegung des Aufbruchs versuchte. Aber die Mutter, die ihrer so lange beraubt gewesen war, ließ sie nur ungern von sich: »Versprich mir, daß du dich hinlegen und ein wenig schlafen wirst.« Simone sah sie gefoltert an, in fassungsloser Liebe, besorgt, sie nicht in Furcht zu versetzen, und beinahe ohnmächtig vom Drange, ihr an die Brust zu fliegen und dort ihre ganze Not auszuweinen. Seit sechsunddreißig Stunden keuchte sie wie ein gereiztes Wild dieser Zuflucht und dieser Erlösung entgegen. Wer hätte sie besser verstehen und beklagen können?

In ihrer Stube packte sie, zwischen Sophie und Armande, die eifernd sich zu zweit sahen, nervös ihr Reise-Necessaire aus. »Aber nein, ich versichere dir, Armande, und dir, liebe Sophie, es ist gar nichts Schreckliches vorgefallen. Ich habe eben Verdruß, wie jeder auf der Welt.« Und ihr Gesicht, dessen Lächeln noch trauriger war als Tränen, schien ein verschlossenes Tor. Zum Glück rief man Armande; der Juwelier. Das lenkte sie ab und zwang sie, hinauszugehen. Jedoch auch vor Sophie wollte Simone nicht reden. Sie nahm aus ihrem Koffer ein Kimono. Sophie wollte ihr das Korsett aufhaken. Vor dieser unschuldigen Bewegung wich Simone zurück, und heftig rief sie: »Nein, laß, ich ziehe mich allein aus.« Verletzt und befremdet gab die Schwester in einer Anwandlung von Güte nach. Wohl mußte sie als ältere sich überwinden. Ein einziges Wesen im Haus neben der Mutter konnte, das wußte sie, der Schwester ein wenig Frieden bringen; sie, die immer bescheiden im Hintergrund blieb, die beste von allen. »Soll ich dir Isabelle holen?« Der fast harte Leidensausdruck Simones schien zu schmelzen. Sie sagte: »Ja,« und indem sie sich Sophie an den Hals warf, rief sie: »Sei mir nicht böse, nachher wirst du alles erfahren.« »Schon gut,« entgegnete Sophie mit liebevoller Herbheit, »schon gut.«

Jacquemer und seine Frau hatten ihren vertrauten Arbeitsraum aufgesucht, eine Galerie, die ein Bogenfenster in hellem Tageslicht badete. Es war, als empfingen die toten Augen Cyrilles von ihm einen unbestimmten Glanz, als liebkose und wärme die Sonne dort wohliger sein Antlitz. »Da kommt jemand, der zu dir will,« sprach er mit der feinen Intuition für Dinge und Menschen, die ihn niemals täuschte. An der Stimme Jean-Marcs und Armandes hatte er, so sehr sie sich beherrschten, ihren Zwist erraten. Und als Simone ihm nur die Hand gedrückt hatte, wußte er: »Ein Unglück liegt in der Luft. Sie ist ihrem Mann entflohen ...« Leise klopfte es. »Es ist Sophie,« erriet er. »Gehe, Liebe!« Seine durchsichtigen Finger haschten nach seiner Frau. Ein Kuß senkte sich auf seine Stirn, die Tür schloß sich. Die Schönheit, die, solange sie beisammen waren, ihn belebte, entschwand. Sein Gesicht wurde fahl, und erschaudernd stöhnte er: »Oh, Elend! Finsternis! Und Polotzeff darf sehen, das Tier mit den Schakalaugen.« Er verwünschte Sergius, dem er bis auf den Wesensgrund gedrungen war. Abneigung und Freundschaft hingen bei ihm von unwägbaren, unmittelbaren Nuancen ab.

Noch immer ordnete Simone ihr Reisegepäck. Sie drehte sich nicht sogleich um. Dann wandte sie sich schroff Isabelle zu und flüsterte ihr entgegen: »Nur du kannst mich retten. Ich bin verloren, wenn man mich nicht seinen Klauen entreißt. Ich muß schnell, schnell geschieden werden.« Wie im Wahn sprach sie. »Beruhige dich, beruhige dich!« Isabelle streichelte sie, wie man ein Kind tröstet. Simone rang die Hände: »Mein Leben, mein armes Leben ist dahin. Was hat er aus mir gemacht; aus meinem Glauben an ihn, allen meinen Illusionen! Ah der Erbärmliche!« Isabelle umfaßte ihre Hüften und ließ die kauernde und zagende Schwester neben sich niedersitzen. »Er wird mich töten, er hats gesagt, er will mich töten. Da bin ich auf und davon. Schütze mich! Er ist verrückt, und wenn er nicht verrückt ist, so ist er ein Scheusal.«

In abgehackten Sätzen, mit Lücken, die manchen Vorgang unerklärt ließen, mit anklagenden Bildern dazwischen und vielen Wiederholungen, die den Kreis dieser Ehehölle umringelten, legte Simone ihr Geständnis ab. Im Hintergrund des Jammers wurde ein Polotzeff von sonderbarer Art sichtbar, wie Cyrille ihn geahnt hatte. Doch so sehr wuchs er über alle Glaubwürdigkeit hinaus, daß Isabelle zuerst zweifelte, ob Simone ihre fünf Sinne beieinander habe, und ob sie nicht im Banne einer jener Nervenkrankheiten spräche, die das Urteil fälschen, ohne es zu zerstören, die sogar es verschärfen und den eingebildeten Leiden der Hysterie den aufrichtigen Ton des innersten Schmerzes verleihen. Als errate Simone die Gedanken der Schwester, sagte sie traurig: »Ich bin nicht verrückt; und doch hätte ich es werden können.« Sie erzählte nun die sieben Jahre ihrer Ehe. Zwei davon waren in unbeständigem Glück vergangen, das launisch war wie Sergius selbst. Doch in Liebe hatten sie sie durchgemacht, und durch Iwans Geburt war sie gestärkt worden. Nicht lange. Schon betrog Sergius sie, und sie erlangte dafür jene Beweise, die sich verflüchtigen, wenn man sie festzuhalten wähnt, die aber von ihren Instinkten und sicheren Anzeichen bezeugt wurden. Denn betrogen hatte er sie, nicht einmal, sondern zehnmal, hundertmal, mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Dreistigkeit, immer mit einem Alibi zur Hand, mit unwahrscheinlichem Glück. Er konnte entrüstet leugnen, er erheuchelte und empfand sogar eine perverse Zärtlichkeit und scheute sich nicht, sie ihr zu erkennen zu geben. Denn sie konnte nicht behaupten, daß er nicht nach seiner Weise sie liebte, daß sie ihm nicht unentbehrlich sei, eine lebendige Beute, ein Herz und ein Fleisch, das er foltern konnte, an dem sein geistiger Sadismus sich ausließ. Und auch das war nur der Anfang. Von Jahr zu Jahr mehr enthüllte Sergius ungestraft seine erschreckende Bizarrerie. Unter der verfeinerten Maske des vom Amerikanismus umgezüchteten Slawen erschien ein reißendes Tier. Sie hatte schmachvolle Szenen erduldet, ungerechtfertigte Eifersuchtsanfälle, die Tyrannei eines Henkers, die Rasereien eines Irren, und ? ärger noch ? Schläge. Ein ungläubiger Ausruf entfuhr Isabelle. Simone streifte ihre Hemdärmel empor. Unter dem Ellbogen sah man bläuliche, geschwollene Hautflecke. »Oh! Er hat es gewagt?« »Ja, vor drei Tagen. Mit einem Seil hat er mich festgebunden, um mich an der Flucht zu verhindern. Denn nur um den Preis dieser letzten Demütigung habe ich mich retten können. Ich mußte seinen Argwohn entwaffnen, eine Aussöhnung vorspiegeln, das Schreckliche ertragen.« Nun schilderte sie ihre tolle Flucht zum Bahnhof, während einer kurzen Abwesenheit ihres Peinigers. Wie sie in einen Zug gesprungen sei; wie sie sich gefürchtet habe, eingeholt zu werden; ihre Angst vor seiner Rache. »Das ist abscheulich,« wiederholte Isabelle, »aber warum denn?« »Warum? Weiß ich es? Mir ist es unfaßbar. Fast scheint es, als hätte er Gift getrunken. Sähest du nur in solchen Augenblicken sein Gesicht, sein Gesicht, das niemand kennt ...« Ein Zittern schüttelte sie. »Er ist doch nicht morphiumsüchtig?« »Ich glaube, nein. Wie soll man das wissen? Er ist so argwöhnisch. Er ist so auf seiner Hut. Das kam allmählich. Zuerst unter dem Vorwand natürlicher Beeinflussung, einer Erziehung, die er nachholen müsse. Denn mit süßem Lächeln pflegte er zu sagen: Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es! Er wollte mir seinen Geschmack aufzwingen, alles, wofür er Vorliebe hatte, seine absonderlichen Neigungen. Du weißt, daß er sich viel mit Literatur befaßt und ein hervorragender Musiker ist. Er forderte, ich sollte ihm stundenlang vorlesen oder ganze Nächte hindurch für ihn Klavier spielen. Einer Betonung wegen, die ihm mißfiel, eines langsamen oder zu kurzen Tempos halber gab es Nasenstüber, oder er kniff mich in den Arm, und man sah, daß es ihm Spaß machte, weh zu tun. Dann genügte ihm das nicht mehr. Er nahm sich eine Peitsche als Waffe. Zwischen uns lag sie hingestreckt wie eine Schlange, bereit zu zischen und zu beißen.« »O, Simone! Und das hast du geschehen lassen, du hast ein zweites Kind von ihm bekommen!« Daß so etwas passieren könne, vermochte Isabelle sich nicht zu denken; aber daß die Schwester nicht schon vor fünf Jahren ihr Joch zerbrochen hatte, das bestürzte sie.

Simone gab verworrene Erklärungen. Sie hatte zu viel zu sagen, und die Schwierigkeit, sich verständlich zu machen, lähmte sie. Denn von unsagbarer Scham verfolgt, begriff sie jetzt nicht mehr, daß sie so lange, so nutzlos sich gebeugt hatte. Er mußte sie fasziniert haben, ja, fasziniert durch seinen unbarmherzigen Willen, durch seine immer neuen Liebessüchte, seine leidenschaftlichen Gelöbnisse, durch das Flehen seiner Reue, durch die Geständnisse eines Kranken, der um Nachsicht bettelt, den man nicht verläßt, und der sofort nach seiner Genesung der vorigen Wildheit anheimfällt. »Betty! Denke dir: es war während einer Zeit der Beruhigung, einer Zeit von sechs Monaten, wo ich einen neuen, ganz um mich bemühten, dienstwilligen Sergius sah, einen Sergius wie vor unserer Hochzeit, als ob er von sich selbst befreit wäre. Das Mitleid hat mich schwach gemacht. Etwas Zuneigung war noch in mir, etwas, das stärker war als meine Empörung und meine Klagen. Ich glaubte, die Mühsal, die Not meiner Mutterschaft würde ihn rühren. In Wahrheit fürchtete er, ich könnte ihm entrinnen, und durch neue Pflichten wollte er mich wieder anketten. Er hat die Qual über mich verhängt, unaufhörlich wieder zu hoffen und unaufhörlich verraten zu werden. Ich sah das Trugbild eines Wesens, dem ich vielleicht verziehen hätte, hätte es sich wirklich umgewandelt, und das sich nur schmiegte, um dann desto gehässiger sich zu zeigen. Denn nach Bettys Geburt, ah! Da kam der Todeskampf. Ich stöhnte, stöhnte, stöhnte monate- und jahrelang. Und wenn ich mich nicht aufraffte, so hat mir nicht der Mut, hat mir nur in meiner Erschöpfung die körperliche Kraft gefehlt. Du ahnst nicht, nein, du kannst nicht ahnen, welches Grauen ich durchgemacht habe. Noch in den letzten Tagen in Florenz, wo er die Bonne der Kinder verführt hat, eine hübsche Engländerin. Und eines Abends hat er mich vor dem Mädchen, das dazu lachte, geohrfeigt. Das war zu viel. Alles in mir ist gesprungen. Ich bin geflohen, habe wie ein sinnloses Tier meine Kleinen mit mir davongetragen, du begreifst doch nun? Sage mir, um Gottes willen, sage mir, daß du begreifst.«

Nein: trotz ihrer Hellsichtigkeit konnte Isabelle ein solches Geheimnis nicht enträtseln. Die beklagenswerte Feigheit ihrer Schwester verblüffte sie. Gehorsam schuldet eine Frau, doch so weit! Eine Fabrecé, willensfest und ihrer selbst bewußt, wie sie alle! Simone, die sie gekannt hatte, als sie von Lebenslust strotzte, ein hochherziges, tapferes, stolzes Geschöpf! Daß sie sich so mit Füßen hatte treten lassen, bis sie seine erniedrigte Sklavin geworden war, der Schatten eines Weibes! Reichte eine unermüdliche Güte als Rechtfertigung dieses Zusammenbruchs hin, für dieses Versagen des Widerstandes in einer wohlgearteten Seele? Doch Simone hatte selbst keine Antwort. Die gegensätzlichsten Gefühle, die edelsten und solche, die man nur errötend gesteht; die Wehrlosigkeit der Seele und der Sinne in der Hand des despotischsten Bezauberers; das ohnmächtige, der ewigen Nachsicht der Frau entquellende Mitleid; das Widerstreben, den Angehörigen ein Unglück zu beichten, das man befürchtet hat, ohne es in solcher Größe vorauszusehen; ein Unglück, das sie in ihrer Unwissenheit und Unvernunft gewollt, mit inständigem Bitten und mit allem Trotz begehrt hatte; die hartnäckige Hoffnung auf eine bessere Zeit; ihre Kinder, für die sie mit einem ihren Irrtum büßenden Stoizismus sich opferte; andere heimliche Gedanken noch, die sie in den verborgensten Falten ihres Herzens zurückhielt und verschwieg ? alles das hatte dazu beigetragen, das Netz der bösen Behexung über ihr dicht zusammenzuziehen, ihre Entschlüsse zu erwürgen, ihre Lippen zu versiegeln, ihr Grab zu verriegeln.

Die Hände Simones, ihre Stirn, ihre Wangen, ihr Leib brannten. Isabelle mußte ihr, da die Ueberredung nichts fruchtete, fast Gewalt antun, bis sie einwilligte, sich hinzulegen. Ein unsägliches Gefühl von Teilnahme war in der Schwester, und damit verschloß sie dieses Leid, von dem sie eine Erlösung doch nicht sah. Ueber die unbewegliche Gestalt gebeugt, murmelte sie sanfte, tröstende Worte, die einzigen, die hier paßten; Worte, die die Gebote des Schreckens verjagten. Hier hatte Simone nichts mehr zu befürchten. Wie würden alle, wenn sie es hörten, gegen Sergius erbittert sein! Die große Familie würde mit schützenden Armen sie umfassen; die Schwestern, um sie aufrecht zu halten; die Männer, um sie zu verteidigen. Sie war in Val-Montoir, zu Hause, im Heim ihrer alten Kindheit. Sie solle sich bemühen, nicht mehr zu denken und ein wenig zu schlafen; morgen werde man weiter sehen. Aber Simone ließ sich nicht einlullen. Anfangs durch ihr Geständnis entspannt, wurde sie durch das, was noch zu sagen war, erstickt, und ihre überreizten Nerven konnten weder den erregenden Glanz des Tages noch, bei zugezogenen Gardinen, das künstliche Dunkel ertragen. Die Schwester mußte wieder aufziehen.

»Höre,« sagte zärtlich Isabelle, die es jetzt mit der Angst bekam, »ich werde den Doktor hertelephonieren. Er wird dir etwas zu trinken geben oder beschwichtigende Pulver.« »Nein, keinen Arzt!« »Und auch einen uns so ergebnen Freund nicht wie Henri Le Jas?« Simone stieß einen leisen Schrei aus, und plötzlich sagte sie regungslos, wie angesichts einer neuen Gefahr: »Ihn nicht, ich will ihn nicht sehen! Versprich es mir!« Betroffen ? wie war eine solche Ablehnung eines so erprobten Freundes zu verstehen? ? fragte Isabelle: »Hast du Grund zur Klage über ihn?« »Nein,« antwortete Simone mit seltsamem Lächeln, »o nein ...« Und mit einem Seufzer wiederholte sie nur: »Ich will ihn nicht sehen.«

Was lag da an dunklen Wirrnissen noch vor? Isabelle drängte Simone: »Vertraue dich mir an, Liebe, bekenne deiner großen Schwester alles! Ist es etwas, das ich nicht weitersagen darf? Gewiß.« Die Hand Simones zitterte unter dem Druck der ihrigen. »Schone mich! Wenn du wüßtest ... Ich kann nicht ... Henri, ach, armer Freund!« Isabelle erschrak, da sie jäh einen Abgrund sich öffnen sah: »Wie denn? Er ist doch nicht ...« Das entehrende Wort ging ihr nicht über die Lippen. Nein, unmöglich! Simone, die so rein, er, der so aufrichtig war! Zwischen ihnen konnte nichts sein, für das sie nicht frei eintreten konnten. Und wann auch, wo und wie? Isabelle war in ihrem Glauben an das Gute, an Selbstachtung und Ehre außerstande, so etwas anzunehmen. Simone fuhr fort: »Ich will nicht von dir verachtet werden. Irre dich nicht! Zwischen Henri und mir, ich schwöre es dir, ist nichts Entscheidendes vorgefallen. Er hat nur Mitleid mit mir, ich nur Achtung vor ihm.« In einer Bewegung verletzter Scham, nicht um ihrer selbst willen, sondern der unglücklichen Schwester wegen, legte Isabelle ihr die Hand auf den Mund. »Ja! du selbst, du mußt es wissen. Aber nur für dich allein, für dich allein ... Mein Gott!« rief Isabelle schmerzlich. Sie bürgte für Simones Tugend, für ihren sittlichen Wert, als ob sie es selbst wäre. »Etwas ist leider da, das für uns verhängnisvoll werden kann, der Schein. Papiere, die Sergius mir gestohlen hat, und die ihm eine Waffe gegen mich in die Hand geben. Denn in unseren Empfindungen, denen Henris und meinen, ist nichts, das ich zu hehlen hätte; sie sind ehrenhaft.« Isabelle betrachtete die Schwester voll ratloser Milde. Die vertrauliche Anwendung jenes Vornamens schien ihr unpassend. Welche Sophismen des Herzens wollte Simone sich leisten, auf welchen abenteuerlichen Wegen des Unterganges hatten sie sich verirrt? »Immer«, sprach Simone, in die Kissen sich lehnend und angestrengt atmend, »habe ich seinen Freimut, die Klarheit seines Denkens, die Einfachheit seines Wesens hoch geschätzt. Als ich ein junges Mädchen war, hätte er mir mehr gefallen, hätte ich für jemanden außer Sergius einen Blick übrig gehabt. Das war meine Verblendung. Als ich verheiratet war, sah ich Le Jas gern wieder. Als Arzt gewann er mich durch schonende Rücksicht, als Freund durch seinen Takt. Doch erst im vergangenen Sommer traten wir in nähere Beziehungen. Er ahnte mein Leid, ich habe ihm manches anvertraut.« »O, Simone!« »Was willst du? Ich starb langsam dahin. Ist sein Mitleid noch tiefer geworden? Ist ein anderes Gefühl in ihm, das er seit langem zurückhielt? Er selbst hat mir das schmerzliche Geheimnis seines Lebens, das er niemandem mitgeteilt hatte, gestanden. Er hat mir gesagt, daß er verheiratet, und warum er es geblieben ist.« Isabelle rief widersprechend aus: »Verheiratet! Und das hat er verborgen! Alle meinten, er sei Witwer, und er selbst ...« »Er ist verheiratet! Davon zu reden ist ihm mißlich. Seine Frau ist für ihn wie tot, aber sie lebt. Er kann sich nicht scheiden lassen, sie weigert sich. Ihr einziges Unrecht gegen ihn ist, daß sie ihm das Leben durch Unvereinbarkeit des Temperaments und durch Szenen vergiftet hat, die die Ehe unmöglich machen, aber vor dem Gesetz sie nicht aufheben. Sie ist bigott, eitel, dumm und boshaft.« Ohne den Fingerdruck Isabelles wahrzunehmen, die ihr bedeuten wollte, mehr Menschenliebe und Gerechtigkeit zu üben, erzählte Simone weiter: »Seit fünfzehn Jahren leben sie in freiem Einverständnis getrennt. Er zahlt ihr eine Pension. Sie haust in Brügge in einem Beguinenkloster, den Kopf voll von Klatsch und Gebeten. Du siehst also: in unserer Trauer, in unserer Misere, die einander glichen, haben wir zueinander verinnerlichte Neigung gefaßt. Wir hatten das Bedürfnis nach gegenseitiger Aussprache, und so sind wir dazu gekommen, uns zu lieben.« »Habt ihr es euch wenigstens niemals gesagt?« »Gesagt? Nein. Wir haben im vorigen Jahre wie sonst einander als Freunde verlassen, aber wir fühlten, daß sich in uns eine Wandlung, eine neue Richtung unserer Gedanken, vollzogen hatte. Unsere Existenz hatte ein Interesse, fast ein Ziel. Wir haben einander geschrieben.« »Wie unvorsichtig!« »Von mir? Ein ernster Verstoß war es gewiß nicht. Ich schrieb ihm von meiner Pein, die damals unerträglich war. Dieser in meinem Schreibtisch eingeschlossene Brief ist wie durch Zauberei verschwunden; Sergius wird ihn mit Hilfe eines Nachschlüssels gestohlen haben, aber er, Henri ...« »Komm zu Ende!« bat Isabelle. »Ein einziges Mal hat er mir während der Abwesenheit meines Mannes einen langen Brief geschrieben, worin er es über sich brachte, mir zu gestehen, daß er unausgesetzt an mich denke, daß er mit meinem Unglück sich nicht abfinde und alles gäbe, um mich diesem Kerker entrinnen zu sehn, mit einem Wort, daß er mich liebe!« »Oh, ein solches Vergehen! Ich hätte ihn dessen nicht für fähig gehalten.« »Diesen Brief hat mir noch am selben Abend ein Lakai, der für Sergius spionierte, geraubt. Nie habe ich ihn wiedergesehn.« »Und seitdem?« »Wir haben uns in diesem Winter ein einziges Mal ganz kurz getroffen, im Vestibül eines Hotels in Rom. Wir kamen an, er reiste ab. Ehe Sergius dazutrat, habe ich ihn zitternd verabschiedet. Und das war alles, du kannst mir glauben.« »Aber er liebt dich?« »Ja!« Ein armseliger Strahl des Stolzes erleuchtete Simones Gesicht. »Und du, du ...« »Auch ich liebe ihn.« »Und dann, armes Kind?« »Nun, und dann?«

Simone fiel in ihre Kissen zurück. Ein langes, bedrückendes Schweigen entstand. Sie hatte die Augen zu. Ueber ihre Lippen irrte das gleiche, sonderbare, beängstigende Lächeln wie vorhin. Dann erlosch diese Helligkeit, und auf ihrem Gesicht, das wieder stumpf geworden war, lag nur noch eine Niedergeschlagenheit, von der es keine Befreiung gab, das Siegel eines Schicksals von bleierner Schwere. So ergreifend war dieser Ausdruck bei einem so jungen Menschen, daß Isabelle sich das Herz umdrehte. Mit Erbarmen betrachtete sie ihre Schwester, deren Augen geschlossen waren wie die einer Toten, und mit Haß gegen Sergius und mit Unwillen über Le Jas verdammte sie den Mord einer Seele. Der eine, der nach dem Gesetz dazu befugte Bandit, hatte langsam und feig sie gefoltert, und nun schickte der andere, der Ehrenmann, mit aller seiner Liebe sich an, in tödlichen Qualen ihr den letzten Stoß zu geben. Kinderstimmen erschollen, kleine Hände klopften an die Tür: »Wir wollen Mama sehn!« Simone flüsterte, ohne die Augen aufzutun: »Laß sie herein!« Sie hatten die Arme mit Blumen beladen; das war eine von Antoine der Schwester erwiesene Liebe. Isabelle führte die Kinder, die ihr wie Verkünder des Morgenrots erschienen, zum Bett. Sie waren das Lächeln des einzigen Lebens, das der Unseligen noch vergönnt war. Mit heftiger Bewegung zog Simone sie an sich: »Meine Kleinen, meine Kleinen!« Und haltlos schluchzte sie.

V.

Fünf Uhr abends. »So war es also,« sagte Le Jas in knappem Ton. Er saß in Florents Zimmer auf dem kleinen, roten Diwan; und der junge Mann sah mit freundschaftlicher Teilnahme zu ihm hinüber. Le Jas hatte die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in den Händen, und er verharrte in dieser Stellung hoffnungsloser Betrübnis, die bei einem Mann so erschütternd wirkt: »Sie hat mich nicht empfangen wollen. Zweimal hat sie es mir verweigert.« Florent blickte stolz auf. Ihm schmeichelte ein Vertrauen, das in einer Wahlverwandtschaft des Geistes ihn unter seinen Brüdern auserkoren hatte, und doch war er überrascht; denn im Alter waren sie sehr verschieden, und nie spielte sonst der sehr verschlossene Le Jas auf seine persönlichen Empfindungen an. Zu wissen, daß ein solches Gefühl Simone galt, war seinem eifersüchtigen Familiengeist, seinem brüderlichen Schicklichkeitsbegriff nicht angenehm, und dennoch rührte es ihn. Denn seine ursprüngliche Natur genoß alles wie ein Abenteuer und suchte in den ersonnenen Handlungen der Dichtung und im Leben das furchtbare, drohende Geheimnis der Liebe. Wie mußte Le Jas leiden, wenn sein Herz hier vor ihm so plötzlich sich entladen hatte, und was für ein Schurke war dieser Polotzeff, der ihm bisher als unendlich geistreich, scharfsichtig, anziehend erschienen war. »Sie wissen, wie sehr ich Frau Jacquemer verehre. Ihre Strenge trifft mich ungemein hart.« In langem Gespräch war Isabelle mit Le Jas so ins Gericht gegangen, daß er, dem sein Gewissen keine Schuld vorwarf, sich jetzt schuldig fühlte. Den Brief, in dem er seine ganze hervorbrechende Zärtlichkeit ausgesprochen hatte, diesen unvorsichtigen Brief rechnete sie ihm zum Verbrechen an. Er sollte so unedel sein, die Frau eines Freundes verführen zu wollen ? und Polotzeff war ja nicht einmal sein Freund ?; er sollte daran denken, eine flüchtige Schwäche zu mißbrauchen! Was hatte er anderes erträumt, als einer Unglücklichen zur Freiheit zu verhelfen? Seine Empfindung für Simone war so rein, daß er sie laut hätte ausschreien mögen.

»Hoffen Sie,« sprach Florent bewegt. »Alles löst sich, im Guten oder im Schlimmen.« »Im Schlimmen,« seufzte der Arzt. »Von Ihrer Familie beargwöhnt zu werden, wäre mir unerträglich.« Florent packte in seinen Koffer Wäsche, ein paar Bücher, ein paar Kunstgegenstände. »Ach ja, Sie sollen abreisen,« bemerkte Le Jas entmutigt. Florent fühlte, wie sein ganzer Kummer wiederkehrte. Jean-Marc vergaß nicht. Eben noch hatte er ihm Unterweisungen gegeben, und jetzt konnte er gerade noch den Zug erreichen. In einem solchen Zeitpunkte abfahren zu müssen, gleich nach der Ankunft Simones, einen Tag vor der des Konsuls! An einen Aufschub war nicht zu denken. Wie einst in der lustigen Schulzeit ersehnte Florent ein von der Vorsehung zu gewährendes Hindernis. Wenn seine Schwestern sich ins Mittel legten? Aber er war doch kein Schuljunge mehr, und er hatte sich verpflichtet, zu gehorchen. Konnte er sich nicht den Fuß verrenken, oder von Cholerine befallen werden? Nichts war zu machen. »Sie wären noch dagewesen,« murrte Le Jas. »Sie sind ein guter Bursche, Florent, Sie haben Herz. Was ich da bei Ihnen versuche, ist vielleicht nicht allzu korrekt. Aber habe ich eine so rauhe Behandlung verdient, bin ich nicht völlig ehrenhaft? Was ist von mir zu befürchten? Simone liebt Sie besonders. Sie hätten ihr sagen können ... Sie hätten erfahren, ob sie mich nicht mehr liebt, oder ob ...« »Ja, ja,« entgegnete Florent, in zunehmendem Aerger und in zunehmender Bewunderung, wie eine starke Leidenschaft die sprödesten Naturen überwältigt! Armer Henri! Donnerwetter, er hätte den beiden schon helfen wollen! Doch wie, da er abreisen mußte?

Antoine trat ein: »Jetzt ist es so weit.« Und nun entsann Florent sich wieder des anderen. So gern wäre er geblieben, um zu wissen, was mit Antoine sein würde. Der Gedanke, Miche zu heiraten, war vielleicht nicht sehr gescheit; und wie würde der Vater ihn aufnehmen? Aber kühn war er, aus der schönen Logik eines ehrlichen Herzens geboren. »Da,« ? er nahm das Bassin vom Holzgestell ? »ich schenke dir meine Frösche.« »Nun,« meinte Antoine, »wenn du nichts dagegen hast, trage ich sie zurück in den Waldsumpf.« Die vererzte Eidechse flog durchs Fenster. Aus einer Lade nahm Florent seinen Revolver. Er wollte ihn in die Tasche an seiner Hüfte stecken; da hörte man einen Motor in der Luft schnurren. »Ein Aeroplan!« Antoine beugte sich vor, und Le Jas blickte in die Höhe zu dem leinenen Vogel, der im umrahmenden Himmel pfeilschnell dahinschoß. Man hörte einen Knall, der trocken klang wie ein Peitschenhieb. Le Jas sprang empor. »Was ist los?« rief er verdutzt. Florent, dessen Revolver noch rauchte, rief, indem er Grimassen schnitt: »Ich bin aber ein Tölpel!« Kalten Blutes hatte er, die allgemeine Unaufmerksamkeit benutzend, sich in den Oberschenkel, knapp unter der Haut, eine Kugel gejagt. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Mit Fragen bestürmt, gab Florent Auskunft, und gelehrig ließ er sich verbinden. Potztausend, das tat weh! Wenigstens brauchte er so nicht abzureisen.

Zwischen Simone und ihm ging nun eine doppelte Sympathie hin und her. Die große Familie, die so regelmäßige Gewohnheiten hatte und ihren friedlichen, machtvollen Gang zu gehen pflegte, fühlte sich von stärkeren Gefühlen erfaßt; Neugier, Interesse, Mitleid und Zorn stießen in lastender Gewitterluft zusammen. Denn als man über Florent beruhigt war, wandte die Sorge sich wieder Simone und ihrem Unglück zu. Man hielt sich an das, was Isabelle eröffnen zu dürfen geglaubt hatte, indem sie auf den besonderen Wunsch ihrer Schwester Sergius letzte Roheitsakte und alles, was Le Jas und sie betraf, verschwieg. Uebrigens hatte Armande, die sich Einlaß erzwang, einige vertrauliche Mitteilungen erhalten, und Simone hatte darauf bestanden, mit Sophie eine Unterredung unter vier Augen zu haben. Auch Frau Fabrecé und Frau Siglet-du-Salt hatte man Ereignissen nicht fernhalten können, in die man sie nach und nach, mit Rücksicht auf das Alter der einen und auf den Gesundheitszustand der anderen, einweihte.

Jeder gab seinem Charakter gemäß seine Empfindungen kund, die Großmutter mit unbestimmbarem Ekel, die Mutter mit Zeichen des Schmerzes, der Gouverneur und Armande mit Entrüstung, die Oberverwalterin empört und Antoine mitleidsvoll. Olivier und Cyrille schwiegen, der erste betrübt, der zweite aus einem Uebermaß von Diskretion, und weil sein eigenes Gebrechen ihn quälte. Ihm ward bewußt, wie er bei der allgemeinen Erörterung den anderen nachstand, wie sie ihn oft vergaßen und oft mit allzu sichtbarer Vorsicht befragten. Meinungen, Ratschläge, Anschuldigungen durchkreuzten sich. Jean-Marc erklärte barsch, man habe Simone in jeder Tonart gewarnt, und sie büße jetzt nur ihren Starrsinn. Sophie neigte zu einer gesetzlichen Trennung, worauf Isabelle erwiderte, daß Simone, obwohl unendlich beklagenswert, nicht allein auf der Welt sei und man vor allem das Wohl der Kinder erwägen müsse. Konnte sie davon absehen, ohne zu wissen, wie am Ende eines solchen Prozesses die Behörden entscheiden würden? Jean-Marc, der mit dem Präsidenten des Zivilgerichts auf bestem Fuße stand, erklärte laut, er nehme die Sache auf sich. Dann lenkte er mit derselben Energie um und mißbilligte die höchst schädlichen Folgen, die ein Skandal und sein Widerhall für den großen Namen des Vaters und aller Fabrecés haben müßten. Uebrigens war die Trennung nur eine verkappte Ehescheidung, denn drei Jahre später ... Die Scheidung sofort zu verlangen, hatte denselben Vorteil für sich und dieselben Unannehmlichkeiten gegen sich. Und dann sei Polotzeff auch ein verrückter Mensch, den man nicht länger als Verwandten ertragen könne. Ja, überbot Armande noch, aber auch an die Jugend Simones müsse doch gedacht werden. Sie könne gefallen, sie könne sich wieder verheiraten und diesmal glücklicher werden. Skeptisch und ein wenig bitter lehnte Sophie mit einer Kopfbewegung ab. Von einer zweiten Heirat sei keine Rede. Doch Simone könne in einsamer Würde, so wie in edler Witwenschaft, sich ihren Kindern widmen und nur noch ihnen leben. Unwillig, die anderen so mit der besten Absicht über das Schicksal der Schwester verfügen zu hören, stotterte Antoine, wie er in der Erregung manchmal tat: »Eigentlich, na eigentlich ist Simone doch alt genug, selbst zu bestimmen.« Jean-Marc sandte ihm einen durchbohrenden Blick, Sophie machte eine abweisende Miene. Nachsichtig gegen Florent ? wer kennt die Launen des Herzens? ? hatte sie für Antoine, der zu sehr von den übrigen sich unterschied, nur absprechenden Tadel, obzwar sie ihn nach ihrer Art liebte.

Von oben herab schloß Jean-Marc den Streit: »Der Vater wird sich der Sache selbst annehmen und hierin wie immer am besten für die Interessen der einzelnen und der Familie Sorge tragen.« Die Familie! Er betonte das Wort wie ein Symbol, wie eine Glaubenshandlung, ein Dogma, dessen höherem Gebot die Selbstsucht eines jeden nach dem Gesetz sich zu opfern hatte. Und der Blick, mit dem er Antoine maß, erinnerte daran, wie übel er die Auseinandersetzung am heutigen Morgen empfunden hatte; wie tief er in seinem persönlichen Stolz und in seinem Begriff von der Achtung, auf die die Gesamtheit ein Recht habe, gekränkt war. Die Bäuerin will er heiraten? Warte noch ein wenig, mein Junge!

+++

Beim Nachtmahl war alles noch erregt, und spät ging man zur Ruhe. Endlich verdunkelten sich die weiten, von elektrischem Licht flammenden Fensteröffnungen; nur dünne Strahlen noch drangen aus den Laden. Dann versank das große Haus in Finsternis. Doch schlummernd oder wachend spann jeder seine ernsten Gedanken oder seine Träume fort.

Müde und vom Fieber heimgesucht, sah Florent sich in London, einen Polizistenhelm auf dem Kopf, mit dem Sohne des Direktors des großen Buchverlags Purgers u. Son Ale schlürfen. Polotzeff kam hinzu, in Gesellschaftsanzug und Lackschuhen, doch mit nacktem Oberleib. Auf seiner Haut klebten wie Pflaster rote Plakate, Reklame für die Seife » Miche Soap«, mit dem Bilde Michettes in einem Medaillon, das wie eine Rasierschüssel aussah. Sardonisch lachend, das Monokel im Auge, zog Polotzeff aus seiner Tasche gesottene Krebse, die er sich zum Hohn ins Haar flocht. Dann sah Florent, in einer Bar auf hohem Sessel sitzend, die Cockneys von London Gin trinken. Polotzeff fiel wie eine Riesenfliege von der Decke herab und summte, mit den Armen um sich schlagend. Aus dem Kinn ragte ihm ein Elefantenrüssel, und er packte damit den Hals einer niedlichen Girl, die sich wütend umwandte. Wie, Simone, hier? Außer sich gab Florent auf seinen Schwager fünf lautlose Revolverschüsse ab. Er sank in den Parkettboden ein, der jetzt ein Pfuhl geworden war, in dem die ganze Bar, Schanktisch, Stühle und Gäste allmählich verschwanden. Der Untergang im Schlamm war es, der Tod. Zu Hilfe! Aber Florent konnte nicht schreien und erwachte, die Stirn in Schweiß gebadet. »Wie dumm!« ächzte er, während er versuchte, sich auf die Seite zu legen und wieder einzuschlafen.

Sophie hätte gern bei ihrer Mutter gewacht, die ihren Vorschlag jedoch ablehnte. Nun wollte sie nachsehen, ob Frau Fabrecé etwas brauche. In Nachtjacke und kurzem Rock, die Stirn mit Wickellocken umsteckt, die Schlänglein glichen, zeichnete sie mit ihrem Schatten sich von der Wand ab, an der ? denn sie hatte Angst bei Nacht ? zuckend der dürftige Kerzenschein umherirrte. Frau Fabrecé erwachte nicht. Das Licht verdeckend, betrachtete Sophie sie voll Zärtlichkeit. Eine lange Weile blieb sie unbewegt stehen. Wie schön war ihre Mutter, welcher Friede lag auf diesem Antlitz, in dem wie in einem Buch die Weisheit eines langen, tätigen, idealen, ohne Vorbehalt den Ihrigen hingegebenen Daseins zu lesen war! Jetzt, nach vollbrachter Arbeit, stieg sie, trotz ihrem Anteil an Simones Qual, von der Natur besiegt, in die Tiefe jenes Schlafes hinab, dessen Ruhe bei alten Leuten so sehr der des Todes ähnelt. Sophie lauschte ihrem langsamen, gepreßten Atem. Die gute Mutter war müde. Der düstere Gedanke, der alle Wesen verfolgt, drängte sich ihr auf. Doch an die Hoffnung und an den Willen zum Leben sich klammernd, scheuchte sie ihn aus der Gegenwart dieser Frau, die so vornehm ihre Mission erfüllt hatte und noch lange Jahre leben sollte. Sie beneidete sie. Ihre Mutter hatte die Ehe zu einem wahren Sakrament erhoben, zu einem Werk des Lebens und der Seele. Aber war das nicht eine glückliche Ausnahme, die in ihrer Tugend so sehr begründet war wie in dem überlegenen Charakter des Vaters? War dieses schwierige Verhältnis nicht voll von Gefahren und seelischer Not? Zeuge dessen war das Ehepaar Cyrille, das in sich selbst so glücklich, doch kinderlos war; Zeuge das Ehepaar Jean-Marc, bei dem die Gegenwart der Töchter aus erster Ehe einen schleichenden Unfrieden hervorrief. Eine Zeugin war Simone, der ihre Kinder eine Bürde mehr und eine Pflicht zugleich waren. Jean-Marc war mit Claudie nicht glücklich gewesen, er lernte mit Armande es zu sein. War diese Ehe vollkommen? Nein. Von den Polotzeff war nicht zu reden. Welcher jammervolle Fehlschlag! Derart tröstete Sophie sich über ihre eigene Ehelosigkeit. Plötzlich fiel ihr Virquot ein, und es wurde ihr schwer, jetzt nicht an ihn zu denken. Hatte sie nicht bessere Anträge ausgeschlagen? Und doch fühlte sie manchmal trotz ihres altruistischen Wirkens eine Verlegenheit in sich. Eine alte Jungfer! Dunkel litt sie unter der Entbehrung einer menschlichen und sozialen Funktion. Kinder fehlten ihr. Sie dachte an Nénette und Mimi. Dabei hätte sie sie nicht erziehen mögen, da sie sich als hierzu nicht tüchtig erkannte. Sie selbst wollte Kinder haben wie die anderen, Kinder, die durch die Einheit des Fleisches und des Schmerzes mit ihr zusammenhingen. Nénette und Mimi! Arme Mädchen! Im Grunde, das war ihr heute klar geworden, war auch die Großmutter nicht ihre berufene Schützerin. Deren Liebe blieb kindisch und blind, ohne Weitherzigkeit, in Kleinigkeiten anspruchsvoll, mit dem Schein der Ordnung sich begnügend, und schon so fern. Sie war sehr gealtert; viele Zellen waren in ihr vertrocknet, die nicht wieder aufleben konnten. Auch hierin war nur auf Isabelle zu zählen. Doch, wie sonderbar und traurig, die Gewißheit, daß Isabelle der beste Hort für Claudies Töchter sei, flößte Sophie eine unfreiwillige Eifersucht ein, so wie vorhin, als sie sie gerufen hatte, das vertrauliche Geständnis Simones zu empfangen. Das waren häßliche Empfindungen, die es schnell zu verjagen galt. Still ging Sophie hinaus. Als sie ihr Zimmer wieder aufsuchte, wäre sie fast bei Simone eingetreten. Das wäre liebevoll gewesen. In behutsamer Rücksicht stand sie davon ab. Sie sah Licht in Oliviers Kammer und zögerte anzuklopfen. Wenn er nun krank war. Aber sie drängte ihren unangewandten guten Willen zurück. Sie dachte als reifes und schamhaftes Mädchen an ihre Wickellocken, ihre Nachtjacke und ging vorüber, ohne stehen zu bleiben.

Bei versperrter Tür schrieb Olivier einen langen Brief. Manchmal hielt er inne, ließ die Feder fallen und betrachtete starren Blicks, in Träumerei verloren, die Wüste seines Lebens. Ohne Schmerz noch Freude, flach und eintönig, dehnte sie sich vor ihm aus. Wo war die Glut seiner Anfängerjahre, als er Saint-Cyr verließ und ins Heer eintrat? Hatte er nicht gewähnt, seine Stirn sei mit dem Flammensiegel gezeichnet? Hatte er sich nicht dem Berufe des Soldaten gewidmet wie Missionare dem Apostelberuf? Jetzt machte er die Krise des Zweifels und der Leere durch, in der brennende, ungesättigte Seelen zu ihrer Zeit sich suchen, um sich wiederzufinden oder zu verlieren. Was hatte er über das hinaus erhofft, was ihm zuteil geworden war? Ein Leben der Entsagung, der körperlichen Ermüdung, des sittlichen Strebens; ein Leben, in dem die rauhe Berührung mit einfachen Menschen seinen Charakter festigte, ohne sein Mitleid abzustumpfen. Woraus erklärte sich also dieser wachsende Ueberdruß an seiner Laufbahn? Nicht im Müßiggang einer Garnison oder im Spiele des Kleinkriegs verbrachte er sie, sondern in erschöpfenden Märschen, mit kurzen Befehlen und Gewehrsalven dazwischen, und mit Ruhepausen nachher, deren Zweck war, seine Leute zu erziehen und sich selbst auszubilden. Zucht, Arbeit, Wille waren sein Katechismus. Hätte nicht er, der in allem nüchtern war, ein Asket, der allnächtlich wachte, um zu lernen, und unablässig seine Seelenkraft vorwärts trieb, wenigstens die strenge Befriedigung spüren müssen, die das Bewußtsein geleisteter Pflicht verschafft? Und doch war in ihm keine Regung des Glücks.

Mechanisch zerrte er an seinem Schnurrbart und nahm die Feder wieder auf: »Glauben Sie nicht, Fräulein, daß ich den unvermeidlichen Schäden eines Berufes zu große Wichtigkeit beimesse, der, von Menschen ausgeübt, ihre Unvollkommenheit verrät. Ich fühle mich nicht unglücklich wegen irgend einer Strapaze, einer Zurücksetzung, oder der schlechten Laune eines Chefs. Nach dem Beispiel André Sarnels, Ihres geliebten Bruders, habe ich von jeher dem Gehorsam und der Notwendigkeit alles geopfert. Doch ich bin weniger wert als er, der nichts wünschte als das Schicksal, das er sich bereitet hatte, während ich mich von einer Unruhe zerrissen fühle, die, unbestimmt zuerst, von Tag zu Tag mehr Herrschaft über mich gewinnt. Ich glaube, Fräulein, daß für uns Soldaten, die wir Selbstlosigkeit und Einsamkeit gelobt haben, das Schauspiel des Familienlebens nichts taugt. Darf ich es Ihnen gestehen? Mehr als einmal hat mich inmitten meiner Angehörigen der Gedanke überkommen, daß neben der Mission des Soldaten, einer der höchsten für den, der ihre männliche Schönheit zu begreifen vermag, es andere Formen der Tat gibt, die uns näher liegen und vielleicht auch jenem Glück, dessen Vorstellung alle Wesen bezaubert und enttäuscht. Ich sage mir, daß große Süßigkeit in den Worten liegen muß: eine Frau, Kinder, in der endgültigen Vereinigung zweier Menschen, die sich schätzen, die gleiche Richtung des Geistes haben und auf Leben und Tod sich einander ergeben. Ich frage mich dann, ob ich nicht bisher sehr hoffärtig war zu denken, daß ich allein mein Heil im philosophischen Sinne des Wortes mir erringen kann, und ob nicht eine liebe Gefährtin ...«

Olivier hielt nochmals inne. Er stand auf, nahm die Photographie Sarnels und überdeckte sie mit den Fingern, so daß nur die klugen, gütigen Augen erschienen, die auch die Augen von Fräulein Elisabeth Sarnel waren. Sie war in seinem Alter, zweiunddreißig Jahre, und besaß in einem schwachen Körper eine erlesene Seele. Ihre Sympathie und ihre Freundschaft wuchsen unter den Auspizien des dem Toten geweihten Gedächtnisses. Für keine Frau, bis auf Isabelle, hatte Olivier solche Achtung empfunden. Sein mißtrauisches, stummes Wesen hatte sie gezähmt. Zu ihr fühlte er Vertrauen, vielleicht weil sie keine Gefallsucht zeigte, weil sie nicht schön im landläufigen Sinne war, eher häßlich, trotz ihres herrlichen Haars und ihres Blickes, der durchdringend war wie ein schöner Gedanke. Er setzte sich wieder. Sein Mund zog sich in einer Falte der Schwermut zusammen. Weshalb sollte er diese Dinge schreiben? Hat man nicht jede Beichte nachher als Schwäche zu bedauern? Und vor allem diese, die Fräulein Sarnel betrüben oder im Gegenteil verwirren mußte? Kein Straucheln, Olivier! Nicht der gewöhnlichen Ehrsucht der Menschen hatte er seine Dienste gelobt, sondern einer höheren Gesamtheit, dem Vaterland selbst, das unumschränkte Ergebenheit forderte, unangetastet von irgend welcher Neigung, unbegrenzt von irgend welcher anderen Pflicht. Kannte er eine Frau, die Fräulein Elisabeths wert war, und konnte er sie heiraten? Warum nicht? fragte er sich. Ach was! war seine Antwort. Und er zerknitterte den begonnenen Brief und setzte ihn mit einem Streichholz in Brand.

VI.

Die Nacht rückt vor, und mehr als ein ängstlicher Gedanke wacht noch. In ihrem dunklen Zimmer sprechen die Jacquemer leise miteinander, und es scheint Cyrille ? ihm ist, als sei dies Sünde ?, daß Isabelle in dieser vertrauten Stunde noch mehr sein ist und noch mehr ihm ähnelt, da auch sie durch den schwarzen Sammet der Finsternis nicht hindurchzusehen vermag. Sie haben alle ihre Ahnungen und Befürchtungen für Simone dargelegt, und nun reden sie von den Töchter Claudies. »Sie sind unglücklich,« sagt Cyrille. »Und doch ist Armande nicht bösartig.« »Gut ist sie auch nicht. Sie ist selbstisch und eifersüchtig.« »Vielleicht wird sich das geben?« »Auch du glaubst nicht daran, Isabelle. Die Zeit heilt niemals, sie verschlimmert nur das Uebel.« Sie erriet das, was er nicht aussprach; niemals, das wußte sie, tröstete Cyrille sich. Seine armen Augen ... »Nénette und Mimi sind lieblich,« wagte sie zu bemerken. »Wir können sie nicht zu uns nehmen.« »Und doch scheint mir, daß man die Kinder einer anderen Frau lieben kann.« »Das scheint dir, weil du selbst keine hast.« Wie traurig sind diese Worte, in denen kein Vorwurf liegt, sondern ein ungeheurer Gram! Cyrille fügt hinzu: »Es ist doch besser so, denn ich könnte sie nicht sehen.« Immer dieser Egoismus eines Gebrochenen! Er verbessert sich: »Aber du, Liebe, würdest sie sehen können.« Und nach kurzem Schweigen: »Du schläfst nicht?« »Nein, Freund.« »Soll ich dir sagen, woran du denkst?« »Ja.« »Daß Nénette und Mimi, wenn sie bei uns wären, nicht mehr Enterbte wären.« Isabelle preßt seine Hand; denn auch in der Nacht eint dieses schweigende Band sie. »Das ist wahr.« Er seufzte: »Das Leben ist schlecht eingerichtet und unser Herz unersättlich. Du machst mich so glücklich; was brauchen wir Kinder? Nähmest du eine solche Bürde auf dich, so hätte ich weniger von dir. Und dann sei gewiß: weder er noch Armande würden sie uns überlassen.«

Auch Simone schläft nicht. Zuweilen schließt sie die Augen und ruft den wohltätigen Schlummer herbei. Doch ihre Gedanken arbeiten, und ein Tumult von Erinnerungen bestürmt sie. Ist sie wirklich hier und gerettet? Aber morgen, das Unbekannte? Sie lauscht. Nein, im anstoßenden Zimmer, dessen Tür offen steht, schlafen ihre Kinder einen guten Schlaf. Ach, hätte sie sie nicht! Doch sie sind da und hatten nicht selbst den Wunsch, geboren zu werden. Sie sind die unschuldigen Gläubiger der Zukunft, sie besitzen die Hoheitsrechte des Stammes, der leben und sich entfalten will.

Simone sieht keinen Ausweg. Kann sie zu Sergius zurückkehren? Unmöglich! Er wird flehen, drohen, versprechen, er wird fordern, daß sie seinem Joch sich wieder unterwerfe. Er wird die Maske und die Stimme annehmen, die am besten geeignet sind, sie zu überzeugen, ihren Argwohn einzuschläfern, sein Unrecht abzuschwächen. Er kann nicht ohne sie sein. Er muß an ihr seine grausame Lust stillen, ihr seine mißhandelnden Worte zuschleudern, sein höhnendes Lächeln, seine Blicke, die auskleiden und beschmutzen. Den schmachvollen Verrat will er und die Peitsche und alles andere. Er muß die Qual voll machen, an der er, der wahnwitzige Sadist, sich berauscht. Nie wieder kann sie mit ihm leben. Was soll sie tun? Wenn sie die Scheidung verlangt, so wird er die Stirn haben, den Debatten eines Prozesses von zweifelhaftem Ausgang zu trotzen. Ja, zweifelhaft. Allzu gut kennt Simone den schrecklichen Leidensgang einer Freundin Claire Jayant, die endlich der Tod von ihren Leiden befreite. Claire hat geklagt, ohne die Untreue und die Brutalität ihres Gatten beweisen zu können. Zum Beweis bedarf es der Zeugen, die zur Stelle sind und zu reden wagen. Die Untersuchung ist eine Falle. Jayant hatte einen geschickten Anwalt und Freunde unter den Gerichtsbeamten. Fünf Jahre lang hat Claire, durch alle Schlupfwege eines unehrenhaften Verfahrens aufgehalten, nach ihrer Freiheit getrachtet. Von der ersten Instanz wurde sie an eine zweite weiter geschickt, und endlich lehnte man ihre Klage ab. Wieder kam sie in das Abhängigkeitsverhältnis der Gattin, ward sie ihrem Häscher zurückgegeben. Sie liebte einen Menschen von Herz und Gefühl, sie hatte sich ihm verweigert, da sie immer noch hoffte, und der Hoffnung gelebt, ein Heim des Friedens und der Ehre sich wieder erbauen zu können. Statt unter das Dach ihres Gatten zurückzukehren, der sie von Rechts wegen dazu auffordern ließ, und um dem Zwang der Richter zu entgehen, die ihr Kind von ihr wegrissen, hatte sie mit gräßlichem Mut sich getötet, indem sie mit einer langen Hutnadel sich ins Herz stach. Wenn Sergius die Scheidung verschmähte, dann war zu erwarten, daß er sich mit allen Mitteln verteidigte und, um sie bloßzustellen, die gestohlenen Briefe öffentlich vorwies. Wollte er in einer Gegenklage die Scheidung beantragen, so war kein Hindernis, daß sogleich, ihr zum Trotz, die Kinder ihm zugesprochen wurden. Sie mußte zusehn, wie man sie ihr nahm. Sie war dann nur noch die Besucherin, der es zweimal wöchentlich erlaubt ist, Mutter zu sein.

Wenn unter dem Einfluß von Pierre Fabrecé ? und dann mußte der Vater, der einen so reinen Namen hatte, darein willigen, daß dieser im Gewühl umhergezerrt wurde ? das Gericht das Unrecht zu gleichen Hälften bemaß und beide für schuldig erklärte, wem würde es die Kinder zuerkennen? Sie würden wohl geteilt werden. Er bekäme Iwan und sie Betty. Doch das war unerträglich. Nicht ihre Tochter noch ihren Sohn konnte sie einem solchen Menschen ausliefern. Was würde er aus ihnen machen, unglückliche oder verworfene Geschöpfe?

Kein Ausweg! Und Henri Le Jas liebte sie und sie ihn. Hier hatte sie eine Aussicht auf Glück, eine Möglichkeit der Rettung, einer neuen Existenz. Er wäre ihr ein rechtschaffener Führer, er würde ihre Kinder erziehen und ihnen Vater sein. Aber das Verhängnis wollte, daß, wurde sie jemals frei, er in einem Bund ohne Schönheit gefesselt blieb. Einer Ehe? Einem Kerker, aus dem es kein Entrinnen gab. Konnte sie Henri heiraten? Nein, solange seine Frau lebte; und Frau Le Jas war siebenunddreißig Jahre alt und gesund. Kein Ausweg, kein Ausweg! Sollte sie wie andere tun, ihre Liebe verbergen und unter der zum Schein untadeligen Fassade ... Nein, nein, sie wollte nicht eine von den Frauen werden, die zwischen fünf und sieben verschleiert und ängstlich aus einem Wagen steigen und in eine diskrete Wohnung im Erdgeschoß schlüpfen. In ihren Augen war das nicht minder erniedrigend als ein offener Ehebruch. Eine Fabrecé: zu sehr achtete sie sich selbst und den Namen, den sie trug. Alles, hätte sie ihn vergessen, mußte sie hier an ihn erinnern: das Zimmer, in dem sie auf Regalen die Kunstgegenstände und Bücher ihrer Mädchenjahre wiederfand, das alte Haus, in dem sie aufgewachsen war, und das zu ihr sprach von Stolz, Ueberlieferung, Lehre und Beispiel. Ach, wie schuldig war sie ? Isabelle hatte recht ? als sie mit Le Jas in dieser freien Freundschaft sich gehen ließ, in dieser Vertrautheit, aus der durch gegenseitiges Mitleid die Liebe hervorsprießen mußte! Und durch ihre Schuld litt jetzt auch er, der arme, geliebte Freund. Tapfer hatte sie sich die Weigerung abgerungen, ihn zu sehen und mit ihm zu reden, während sie mit ihrem ganzen Menschenwesen ihm zueilte, während es sie erleichtert und getröstet hätte, ihre verwundeten Arme, ihre heißen Hände ihm entgegenzustrecken und ihm zu sagen: »Henri, nur Sie können mich befreien, retten Sie mich! Irgendwohin!« Ja, das blieb ihr übrig, Flucht und Schande, Flucht und Skandal. Alles mußte sie hinter sich werfen, die Vergangenheit, die Familie, den besten Teil ihres Ich, ihr Gewissen, ihren letzten Stolz, um der herben, schmerzlichen Trunkenheit, um der Leidenschaft willen, die allem trotzt und, nur auf sich selbst sich berufend, über Gewohnheit, Moral, Gesetz und Ehre sich erhebt. Und ihre Kinder? Sollte sie sie mit sich nehmen? Welch törichter Gedanke! Sich konnte sie zugrunde richten, aber sich allein. Sie durfte ihnen nicht die Gegenwart eines Freundes aufzwingen, eines Eindringlings ohne Rechte. Sollte sie sie verlassen? Wem sie überlassen? Sergius? Nein, niemals! Ihren Eltern, ihren Brüdern und Schwestern? War es möglich, sich von jeder Verpflichtung zu befreien und die Verantwortlichkeit, die sie zerschmetterte, anderen aufzuladen? Kein Ausweg, kein Ausweg. Sollte sie sich bescheiden und in einem organisierten modus vivendi auf alles verzichten, nur noch Mutter sein, ihren Kindern ihre enttäuschte Jugend, ihre Glücksmöglichkeit preisgeben, sich opfern? Ja, Isabelle riet dazu. Aber Henri, aber sie ... Es war schrecklich. Sie war jung, sie hatte ein Recht zu leben. Man foltert eine fünfundzwanzigjährige Frau nicht so. Sie möchte schreien, sie möchte weinen. Minuten und Stunden vergehen mit unendlicher Langsamkeit, ohne daß der Kampf in ihr sich lindert, ohne daß ihr von irgendwoher ein Hoffnungsstrahl kommt.

Henri Le Jas verzehrt sich in krampfhaftem Begehren, in Bedauern. Im Dunkel steht er dort, fast unter Simones Fenster. Wie ein Dieb hat er sich in den vom Mondlicht überfluteten Park geschlichen, da, wo Reisigbündel die baufällige Verzahnung der Mauer stopfen. Die Hunde sind herzugelaufen: sie erkennen ihn und schweigen. Sein Beginnen ist tollkühn. Wenn man ihn ertappt? Der Wächter macht allnächtlich die Runde. Was erhofft er? Hineinzugelangen? Das erste Stockwerk zu erklimmen? So etwas liest man nur in Romanen. Er ist nicht so bar der Vernunft, daß er darauf rechnete, sie zu sehen. Was denn? Er gehorcht einem unwiderstehlichen Trieb, er will sich ihr nähern. Er ist nicht mehr Henri Le Jas, der bewährte Praktiker, dessen Intelligenz Herrin seines Tuns ist. Er ist nicht mehr vierzig, sondern zwanzig Jahre alt. Er handelt mit dem Ungestüm eines jungen Menschen, den sein Wahn begeistert. Was er erfahren hat, rührt ihm die Seele auf. Er ballt die Fäuste, er spricht in rasender Wut zu sich selbst: »Der Elende! Und solche Schurken läßt man in Freiheit. Das Glück gibt ihnen die Weihe, die Welt lächelt ihnen zu, indessen sie im Gefängnis stecken müssen, oder unter der Dusche einer Irrenanstalt.« Welche Befreiung wäre es für ihn, könnte er Polotzeff ins Gesicht schlagen; und was würde er erst sagen, wenn er alles wüßte? Doch daß Simone in ihrer Unseligkeit zur Flucht genötigt war, war ihm genug. Die auffällige Verschwiegenheit Isabelles hat ihn das Drama wittern lassen. Er sieht ungeahnte Dinge und überhäuft sich mit Vorwürfen: »Ich Tor! Was brauchte ich ihr eine ohnmächtige Neigung anzubieten, die so ungeschickt war, daß nun sie für mich büßen muß! Ich hatte kein Recht, ihr Unruhe und Qual zu bringen, wenn ich sie nicht ihrer Hölle entreißen konnte. Ach, ich bin nur ein Mensch aus gleichem Stoff wie alle. Ich wußte, daß ich nicht frei war, daß, wenn sie es wird, unsere Situation so falsch bleiben muß wie jetzt. Warum habe ich ihr mein Geheimnis aufgedrungen? Ich erstickte daran, ja; die Liebe ist stark. Ich hatte gefühlt, daß auch sie nicht gleichgültig war. Und doch, es war unrecht. In ihrer Schwäche mußte sie mir um so heiliger sein. Gestehe es dir nur: dir, der du dich für besser hieltest als viele, war es von vornherein selbstverständlich, daß sie für dich sich opferte. Denn würde sie auch morgen von dieser Kanaille befreit, so darf sie dich selbst insgeheim nur lieben, indem sie ihren Ruf aufs Spiel setzt. Du müßtest unbedingt das Vertrauen der ganzen Familie täuschen. Und du glaubst, du seiest anständig?« Sein guter Wille sprach zu seinen Gunsten. Er hatte die aufrichtige, die ewige Entschuldigung, die ein wahres Gefühl darstellt. Warum hatte er geheiratet? Warum hatte er sich locken lassen, Pauline zu ehelichen, die Frau mit dem dürren Herzen und den kalten Sinnen, sie, die sechs Jahre lang ihm eine Fremde, eine Feindin geblieben war und noch in der Trennung seinen Namen behalten, seine Frau bleiben, ihn durch einen Vertrag knechten wollte, dessen Bestimmungen weder sie noch er nachkam? Sollte er ihren Tod ersehnen? Niemals fügte sie sich, das war gewiß. Sollte er ein letztes Mal versuchen, sie umzustimmen? »Zweifle nicht daran! Um dir alles Mitleid zu versagen, wird sie ein ehrwürdiges Alibi zum Vorwand nehmen, ihre Religion, die sie Güte nie gelehrt hat. Sie wird sich weigern; das ist klar. Welcher Funke soll diesem Stein entsprühen?« So sollte er, weil er zu Beginn seiner Laufbahn eine irrtümliche Ehe geschlossen hatte, bis zuletzt diesen Irrtum bezahlen. Er konnte nicht gegen sie an. Sie war unversöhnlich tugendhaft und, wenn er es forderte, gehorsam, bereit, ihm ein neues, unlebbares Eheleben zu schaffen. Seine Freiheit ihm wiederzugeben, dessen wehrte sie sich. Und diesem seelenlosen Geschöpf gegenüber, das ihm anhing wie ein Aussatz, sah er Simone, die er liebte, ein Wesen voll Zärtlichkeit, Hingabe, Anmut. Eine plötzliche Woge erfaßte ihn. Gewissensnot, Bedenken, alles ging unter. Er war nur noch ein von seinem Instinkt dahingetriebenes Wrack. Er brauchte nur den Fensterladen aufzustoßen; ein heiserer Ruf, ein Schreckensschrei: »Sie sind es, Henri!« Er wollte sie anflehen, ihm zuzuhören, und zitternd tauschten sie mit gedämpfter Stimme jene Worte, die alle sagen und wiederholen, in denen frenetisch das Blut kreist. Vielleicht kam sie herbei, ihm zu öffnen, und ...

Die kleine Tür, die nach der Gesindestube führt, geht unter einer vorsichtigen Hand auf. Eine Taschenlampe erhellt für eine Sekunde den Schatten eines Menschen, der gerade den Schlüssel umdreht. Antoine! Le Jas ist schnell hinter einen Baum zurückgetreten. Er sieht den jungen Menschen sich entfernen. Die jähe, wirkliche Erscheinung hat seinen wachsenden Taumel zerstreut. Einen Schritt weiter, und Antoine hätte ihn bemerkt. Ein Schauer durchläuft ihn. Um sein Gewissen zu beruhigen, überzeugt er sich, ob das Tor fest zu ist. Ja, keine Hoffnung. Nach einigen Minuten schleicht er sich wieder auf die Mauerbresche zu, gleitet hindurch und geht in fahler Traurigkeit wie in einem Vorgefühl des Todes von dannen.

+++

Jean-Marc hat spät noch gearbeitet. Zweimal schon hat Armande sacht die Tür geöffnet. Er schiebt seine Akten zurück und schreitet, bevor er zu seiner Frau geht, durch das Zimmer seiner Töchter, nach denen er sonst nicht schaut. Er will sich vergewissern, ob Nénette ... Sophie hat von einer heftigen Erkältung gesprochen. Friedlich schläft Mimi, ein kindliches Schmollen auf ihrem guten Gesichtchen. Auch Nénette schläft, und er sieht ihr scharfes Profil unter ihrem langen Haar. Ihre Kleider sind sorgsam zusammengefaltet. Aber warum ist dieser Rock da ausgefranst? Und auch Mimis Schuhe sind schon recht zerschlissen. Wirklich. Wenn Armande, die so beschäftigt ist, sich nicht darum kümmern kann, so sollte es doch Odile, die alte Kinderfrau Claudies. Doch sie hat mit den Zwillingen vollauf zu tun, und Jean-Marc hat ihre knechtische Demut, ihre Unterwürfigkeit gegen ihre neue Herrin wohl bemerkt. Darf er sie ihr verargen? Nein. Sonst wäre sie nicht im Dienst geblieben. Und doch ist etwas dabei, was ihn ärgert. So sehr hatte Claudie der Frau vertraut, und noch sterbend hatte sie sie ihm für die Kleinen empfohlen. Jean-Marc prüft das reinliche, kahle Zimmer. Da hat ja jemand die beiden hübschen norwegischen Holzstühle weggenommen und durch zwei abgenutzte Rohrstühle ersetzt. Was sind das für merkwürdige Schlafkissen? Es sind Sofakissen, auf die man eine Serviette gebreitet hat. Das ist wieder irgend eine Geschichte von Sophie. Auf einem Tisch, zwischen Schulbüchern und Heften, ragt über eine kleine Vase mit Hyazinthen, die einer blühenden Gabe der Andacht gleicht, ein Bild Claudies, das einzige, das noch vorhanden ist. Jean-Marc denkt an die Entschwundene. Entschwunden ist sie aus dem Hause, in dem sie schattenhaft und stürmisch umging, entschwunden aus dem Gedächtnis von Menschen und Dingen. Er wendet sich um. Mit offenen Augen starrt Nénette ihn an. Er geht zu ihr und betastet ihr sanft Stirn und Wangen. Sie sind ein wenig feucht. Bei dieser unerwarteten Liebkosung flüstert das junge Mädchen: »Vater!« und auf der Hand, die er zurückzieht, fühlte er den Hauch eines Kusses. »Schlafe, Kind,« sagt er leise.

Eine Gestalt erscheint, Armande, deren Gesicht einen sonderbaren Ausdruck annimmt. Jean-Marc entfernt sich vom Bett und folgt seiner Frau in ihr gemeinsames Zimmer. Aus dem rosigen, seidenen Nachtgewand schimmert ihr Nacken. Auf der Brust steht es offen, so daß das Perlenkreuz, das sie in kindlicher Freude angelegt hat, von ihrem Fleisch sich abhebt. Er hat ihre Hand ergriffen, die ein wenig spröde sich zusammenpreßt, und stichelnd sagt sie: »Du wolltest sehen, ob deinen Töchtern nichts fehlt.« Er antwortet nicht. Sie hebt nochmals an, in säuerlichem Ton: »Du hältst mich also für unzuverlässig und findest, daß ich mich um sie nicht kümmere?« Mit gelangweiltem Lächeln zuckt er die Schultern. »Sophie wenigstens meint es und, wie es scheint, auch deine Großmutter. Sei ruhig, morgen werde ich ihnen neue Kissen kaufen.« »Armande ...« »Und willst du nicht auch nach den Kleinen sehn?« »Du irrst, wir wollen zu ihnen.« Sie stellt sich, als höre sie nicht. Wird ihr nachtragender Groll sie wieder so häßlich machen wie heute morgen? Vorsichtig faßt er den Perlenschmuck und hält die silberblassen Kugeln in der Hand: »Gefallen sie dir?« »Warum sollten sie mir nicht gefallen?« Sie ist noch immer mißtrauisch. Nun wird sie milder: »Ach ja, Jean-Marc, ich habe dir ja nicht genug gedankt. Der Schmuck ist sehr schön, und er gefällt mir ungeheuer, wenn du wahrhaftig an mich allein gedacht hast.« »Immer noch Eifersucht,« denkt er. Aber die Frauen können nicht begreifen. Sie ist sehr nett, die kleine Hycler! Ein etwas gewöhnlicher Zeitvertreib, wenn er sich überarbeitet hat. Für sein bürgerliches, ehrbares Leben hat sie den Reiz einer lasterhaften Blume, den man im Vorbeigehen einatmet; und nun ist er zu ihr zurückgekehrt. Denn in der Zeit, da Armande Mutter werden sollte, und dann als sie ihr Kind nährte, hat er nicht entsagen können. Zur Beschönigung gibt er vor sich selbst an, daß fast alle Männer ... Uebrigens verfährt er dabei sehr schonend, und er glaubt noch, er habe viel Zartgefühl. Liebt er Armande nicht, ist sie nicht seine rechtmäßige Frau, seine teure Gefährtin, für die er arbeitet, die er verwöhnt und glücklich machen will? Das hindert doch nicht ...

»Nun wollen wir zu den Kleinen,« wiederholt er. Sie ist sich ihrer Macht bewußt. Als die Mutter dieser schönen Kinder beherrscht sie ihn dank seinem Vaterstolz, seiner Zuversicht, in seinen Söhnen sich und sein Werk fortzuführen. Sie schreitet voraus. Ihr weißer Nacken zieht ihn an, er beugt sich sie zu küssen. Sie fährt ein wenig mit den Schultern auf, doch jetzt ist ihre Bewegung nicht mehr feindselig. Die Stube der Zwillinge ist weiß wie eine Kapelle, vor jeder Wiege liegt ein weißes Bärenfell, die Wiegen selbst sehen wie kleine Altäre aus. Sie sind aus gesteppter Atlasseide, mit gesticktem Behang. Jean-Pierre und Pierre-Jean schlafen mit geballten Händchen. Sie sind beide gleich groß, dick, von gesunder Röte und zum Vergöttern hübsch mit ihrem gelockten Haar. Armande zieht an einem der Betten die Decke hoch, richtet den Kopf eines der Zwillinge und blickt sich um, als wolle sie, strahlend in ihrer jungen, doppelten Mutterschaft, ihn fragen: »Nun, was sagst du dazu?« »Wie stark sie sind, die Kerle!« Er umschlingt seine Frau und führt sie hinweg. Er wagt nicht die hübschen norwegischen Stühle zu sehen, die wie zu Besuch vor jeder Wiege stehen. Gesehen hat er sie, sie wird dessen inne. Und sein Schweigen ist das Schweigen, das man in allen schwierigen Situationen bewahrt, wenn jeder nachgeben will, die Frau in erobernder Selbstsucht, der Mann um seiner Ruhe willen. Und dann ist die Liebe da mit ihrer Verblendung.

Pfeifend war Antoine in der hellen Nacht gen Val-Changis zugegangen. Einmal wöchentlich, wenn die gute Noëmie zu ihrer kranken Schwester fuhr und in Nemours schlief, hatte er ein solches nächtliches Stelldichein. Das Zimmer Miches lag nach der einsamen Straße zu. Wenn er etwas Sand gegen die Scheibe warf, stieg sie schnell herab. Ihr Stiefvater war zu taub, um ihn zu hören, und Pompon, der kleine Fox, den Antoine ihr geschenkt hatte, verriet ihn sicher nicht.

Langsam und ruhig, wie ein Rind wiederkäut, überlegte er. Das Unglück Simones bekräftigte ihn in seiner Lieblingsweisheit: »Vom Geld allein wird man nicht glücklich.« Der Spruch war nicht sehr neu, jedoch der Fall Polotzeff war eine beredte Illustration dazu. Und ein zweiter Spruch lautete: »Gleich soll sich zu gleich gesellen.« »Und ich,« dachte Antoine weiter, »ich sage, daß man heiraten muß, je nachdem man einen Charakter hat. Die Liane könnte man mir in Spitzen eingepackt geben. Ich könnte eine solche Zierpuppe mit ihrem Geschwätz: ?Ach, Liebste, hätten Sie das Kleid gesehn, süß!? um mich haben und möchte sie nicht einmal dazu verwenden, die Glasglocken auf meinen Melonen abzudecken. Ich bin ein einfacher Bursche und trage meinen Kopf deswegen nicht höher oder niedriger. Morgen werde ich Baptistin sagen, daß er die Orangenbäume ins Freie bringt; und auch mit dem Pfropfen werden wir anfangen können.« Wie er es sich gewünscht hatte, oblag ihm die Aufsicht über die Gärten und den Park. Die Forstakademie in Nancy hatte er nicht absolvieren mögen, weil sie zu schwer für ihn war; aber so etwas wäre er gern gewesen, Oberwaldhüter, immer zu Pferde, durch dick und dünn. Eine Landwirtschaftsschule hatte er besucht. Er wußte alles von der Erde, ihren Blumen und Früchten. Sie war ihm das Herrlichste. Der Anblick der ersten Tulpen mit ihren glatten Blumenkelchen oder der kleinen purpurroten Anemonen bereitete ihm einen köstlichen Rausch. Lange stand er bei den Lilien, wenn ihre großen Dolche schossen, und Veilchenbeete konnten ihn immer wieder entzücken. Man belachte das als harmlose Schwäche, während er doch, in seiner Seele ein Bauer wie der Großvater Marie-Joseph, innig die Schönheit der Naturkräfte empfand, den Rhythmus der Jahreszeiten, die Gesetze, denen die Zuchtwahl der Pflanzen und die Vollkommenheit ihrer Erstlinge gehorchen.

»Was für eine schöne Nacht,« sprach er zu sich, »und wie das duftet!« Der Frühlingssaft stieg empor. Der Harzgeruch der Tannen mischte sich mit dem rohen Grün des Heidekrauts und der Odem der feuchten Eichen mit der dicken Gärung des Erdbodens. Er hatte den großen Pfad eingeschlagen, der neben der weißen Landstraße daherläuft. Weich war das Gras, und in den mondbeglänzten Lachen schimmerte es wie Diamanttropfen. Plötzlich klingelte eine kleine Schelle, und hinter einem großen Kastanienbaum stürzte eine schwebende Gestalt auf Antoine zu: »Kuckuck!« »Miche! Du bist es!« »Ja, ich wollte dich überraschen.« »Hast du keine Angst?« »Wovor? Vor Werwölfen? Die würde Pompon schon an der Gurgel packen.« Antoine streichelte den Fox, einen jener kleinen, wütenden Kläffer, die sogar einen Riesen anspringen und, mit den Zähnen in ihre Beute verbissen, sich eher töten lassen, bevor sie sie freigeben. »Bin ich froh, dich zu sehen, Miche.« »Und ich erst! Ich glaubte schon, ich könnte nicht. Im letzten Augenblick wollte Mutter nicht nach Nemours fahren.« Sie hatte eine leise, verschleierte und manchmal rauhe Stimme. Ihr Ton ähnelte dem Gurren der Wildtaube, und sie besaß für Antoine einen so holden Reiz wie der Leib des jungen Mädchens, ihr leichter Gang, das Rätsel ihrer festen, runden Formen und die leuchtende Schönheit ihres Fleisches, die etwas von der Anmut eines jungen, reinen Tiers hatte. Miche fuhr fort: »Ich hätte schwören wollen, daß der Mutter etwas schwante. Was wir tun, Antoine, ist doch nicht schlecht?« »Schlecht, warum? Man kann doch zusammen spazieren gehn.« »Das schon, aber die Leute sind so hämisch. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn der Stiefvater wüßte ... Als er heute vor dem Essen seine Geranien umpflanzte, sah er ganz angegriffen aus, der arme, alte Mann.« »Miche, du hast etwas?« Er fühlte selbst, wie er, der stets friedliche Mensch, vor Spannung zitterte. »Was soll ich denn haben? Aber, wenn es dir recht ist, wollen wir die Landstraße meiden und durch das Birkenwäldchen gehn.«

Die silbernen, schlanken Baumstämme standen hoch aufgerichtet wie ein Heer von Lanzen. Zwischen ihrem lichten Laub sah man die bläuliche Nachtluft fließen. Sandsteinfelsen schimmerten. Alles schwieg; nur halblaut noch klang die Schelle des Hundes, der im Gebüsch herumschnupperte. »Nun denn,« sprach Antoine, »ich habe mit dir zu reden. Da sind schöne Geschichten passiert!« Er erzählte von der Ankunft seiner Schwester, vom Unfall Florents und namentlich von seiner Auseinandersetzung mit Jean-Marc. Betroffen blieb sie stehen. Von vollem Licht war ihr Antlitz gebadet, so scharf erhellt, daß er ihre Augen glänzen und ihren Mund sich in Falten ziehen sah. »Ach,« rief sie trostlos. »Ich wußte das schon; so mußte es enden. Du hast Unannehmlichkeiten.« »Erstens habe ich keine. Und dann, was wäre dabei? Wir tun doch nichts Böses!« »Du wiederholst das, und ich will es dir glauben. Du bist klüger als ich, wenn du mir auch, meine ich, jetzt etwas vormachst. Aber Sorgen werden sie dir schon schaffen, und das will ich nicht, Antoine!« »Und wenn auch? Bist du es nicht wert, daß ich mich ein wenig mit dem Gouverneur streite und dem Vater frei heraus die Wahrheit sage?« »Was für eine Wahrheit?« Noch einmal war sie angstvoll stehn geblieben. Nun lachte er, und zärtlich packte er sie am Ellbogen: »Die Wahrheit, daß ich dich heiraten will, Miche.« Schreiend machte sie sich los: »Bist du denn verrückt?« »Just das hat mir Jean-Marc gesagt,« rief Antoine heiter; »nein, ich bin nicht verrückt, aber was hast du denn, Michette? Habe ich dich beleidigt? Ich wollte dich nicht quälen, Miche. Du weinst doch nicht?« Wieder faßte er sie an beiden Ellbogen und neigte sich über sie, die aufseufzte: »Laß mich, Schatz, laß mich atmen! Mein Herz ist so schwer, daß ich ersticke. Hast du das wirklich gesagt? Habe ich nicht geträumt? Mich willst du heiraten? Antoine, du mußt mich sehr lieben oder nicht bei Verstand sein.« Die Stimme versagte ihr vor Unglauben, Zweifel, Seligkeit, Scham, der Auflehnung einer kleinen, stolzen Seele gegen einen unmöglichen Traum. Ernst und fast feierlich erklärte Antoine: »Ich liebe dich, Miche, nicht erst seit heute. Wir haben dieselbe Milch getrunken und oft, als wir Kinder waren, im selben Bett geschlafen. Dich hatte ich immer gern. Erinnere dich: wir haben uns nie gezankt. Ich tat alles, was du wolltest. Je größer du wurdest, desto mehr habe ich dich geliebt. Ich habe dir Bücher geliehen und das bißchen, was ich wußte, dich zu lehren versucht. Ich bin traurig zum Militär gegangen, voll Furcht, daß du einen andern lieb gewinnst. Ich habe dich wiedergefunden, Michette, ganz wie zuvor. Jetzt will ich dich nicht mehr verlassen. Ich bin kein Kind mehr, und wenn ich mir etwas in den Schädel setze, dann lasse ich nicht nach. Kein Weib gefällt mir so wie du; ich will dich für mich haben.« Das junge Mädchen begann zu lachen, doch es hörte sich an, als weine sie. Sie zog wie eine Taube den Hals ein, während sie mit leiser, rauher Stimme sagte: »Guter Antoine! Mädchen wie ich gibt es hunderte und tausende. Weil du mich lieben willst, redest du so. Aber ich weiß auch, wer ich bin, und du dürftest mich verachten, hätte ich daran gedacht, anzunehmen, was du so hochherzig mir bietest.« Er machte eine Bewegung des Widerspruchs. »Laß es mich dir sagen! Du machst mich stolz, Guter, nicht wegen des Glücks, das du mir bietest, sondern um eines andern Geschenkes willen: Daß du mir deinen Namen geben und vor aller Welt mein sein willst, und daß du mich so sehr achtest. Ja, darauf bin ich stolz. Aber ich sage es dir rundweg: es geht nicht.« »Warum denn?« fragte er kurz, ein wenig verdrossen. »Nimm es mir nicht übel, Antoine! Weil du die ganze Familie gegen dich hättest, der du Rücksicht schuldest, und weil man mit Recht sagen würde, ich sei eine schlaue, nichtsnutzige Person.« »Das sollte einer vor mir behaupten,« fuhr er zornig los. »Die Leute würden so sprechen, aber das wäre nicht alles. Ich selbst würde es denken, und du wärest nicht glücklich.« »Nicht glücklich mit dir!« So barsch sprach er, daß Pompon fragend sich nach ihm umwandte, bellend jene Worte zu bestätigen schien und dann weiter lief. »Nein,« erwiderte das Mädchen. »Wir wollen uns hier auf die Steine setzen. Ich weiß nicht, mir sind die Beine wie gebrochen. Nein, du würdest nicht glücklich sein. Höre ja auf mich! Du lebst in einer anderen Welt als ich. Unter meinem linkischen Benehmen, meiner Unbildung würdest du leiden. Ich bin ein Bauernmädel.« »Und ich,« rief Antoine, der noch vor ihr stand ? er schien ihr wunderbar groß, breit und stark ? »ich bin ein Bauer und will nichts anderes sein. Ich kann die Salons, die Ziererei, den Klatsch, die Püppchen und die Gecken nicht ausstehen. Ich liebe nur das Korn, das wächst, die duftenden Blumen, den Wald, der uns schützt. Miche, blicke doch hin, ob du je Schöneres gesehen hast! Braucht man mehr, um glücklich zu sein?« Mit weiter Gebärde deutete er auf das paradiesische Licht, auf die milchweiße Nacht, worin die schwarzen oder glanzübersäten Bäume in durchsichtiger Perspektive sich bargen. Ein frischer Wind wehte, und der Hauch des Waldes umströmte sie.

»Ich sage ja nicht,« sprach Antoine wieder, »daß du mit mir ein Leben in Luxus und Müßiggang teilen sollst. Zusammen wollen wir ein Leben in schlichter Arbeit suchen.« »Nie willigt dein Vater ein.« »Ich bin ein freier Mann!« beteuerte Antoine. Erschrocken fuhr Miche auf: »Nein, Antoine! Das wirst du nie tun. Lieber springe ich gleich von der Brücke zu Valvins herab in die Seine. Du sollst Vater und Mutter ehren. Das wäre noch schöner! Du sollst deinen Eltern gehorchen, hörst du, ich will es!« Sie faßte ihn an beiden Händen: »Ich bitte dich inständig.« Er war tief bewegt: »Du bist ein gutes Mädchen, Michette.« Leise entgegnete sie: »Antoine, du brauchst mich nicht zu heiraten, damit ich dich lieben soll. Und wenn ich dich auch nicht lieben wollte, könnte ich nicht anders, denn du bist so gut und gerecht, daß ich kein Herz haben müßte. Und deshalb, und weil ich dir vertraue, bin ich trotz meiner Reue noch einmal gekommen. Ich wußte ja, daß du zu mir sein wirst wie zu einer Schwester. Aber ich habe keinen ehrgeizigen Wunsch. Ich will nichts als deine Magd sein, wenn du es begehrst. Ich bin nichts, ich habe nur dich und meine Liebe, die gebe ich dir, Antoine. Darum quäle dich nicht und sei auf Leben und Tod meiner sicher!« Gerührt und erschüttert von so viel Selbstlosigkeit ? der mußte schon ein Vieh sein, der sie mißbrauchen wollte ? erwiderte er, indem er das Mädchen bei den runden Schultern packte: »Sage nichts mehr, Schatz, sage nichts mehr, Bräutchen! Ich möchte eher sterben als dir den geringsten Kummer machen.« Und nach Minuten des Schweigens: »Komm, ich bringe dich hin zur Tür.« Noch zauderte er: »Miche, darf ich dich küssen?« Sie hielt ihm ihr Gesicht hin. »Du riechst wie Erdbeeren,« sagte er zärtlich. Er küßte sie auf die Wange, und sie gab ihm seinen Kuß zurück. Freundschaftlich betrachtete Pompon, der auf seinem Hinterteil saß, die beiden. Ein leiser Schauer glitt durch die Luft. In einer Entfernung von wenigen Schritten lief ein Reh mit glänzendem Fell über den Waldpfad. Ein Lüftchen bebte, und der Wald schwankte im silbernen Mondlicht.

Zweiter Teil

I.

Auf dem Bahnsteig erwarteten Frau Jean-Marc Fabrecé und Liane die Ankunft des Konsuls, die ohne ersichtlichen Grund und nach Einlauf verworrener Telegramme um achtundvierzig Stunden hinausgeschoben war. Liane glich ihrer Schwester kaum. Ihre schmale, wie mit der Schere geschnittene Silhouette verriet bei scheinbar fortdauernder Jugend unjugendliche Gefühlsarmut. Ihr elegantes, maulwurfgraues Kostüm war sehr auffällig. Heute morgen hatte sie Paris verlassen. Sie hatte auf die Eröffnung einer Ausstellung, der Ausstellung der Dreizehn, auf einen Damentee im Buckingham-Palast und auf die Generalprobe im Vaudeville verzichtet, wohin ihre jüngste Schwester, Frau Lesgor, mit ihr und der Mutter gehen sollte, Frau Charnot, deren noch üppige Schultern bei jeder frivolen Gesellschaftsschau in Paris zu sehen waren. In Val-Montoir hatte man über diesen Eifer gelächelt, und Sophie hatte ihn mit einiger Bitterkeit aufgenommen. Ihr gebührte der Platz, da in dem elektrischen Automobil außer dem Klappsessel nur zwei Plätze waren. Im großen Auto hätte man Platz für alle gehabt; so ein Tölpel, ihr Bruder Florent!

Nervös wegen der Verspätung ? kann man wissen? seit so langer Zeit war Jacques der Galanterie entwöhnt ? hörte Armande zu, wie Liane von oben herab ihr Programm darlegte: »Auf keinen Fall gehe ich ins Ausland. Wenn dein Jacques mir gefallen will, soll er im Ministerium bleiben und auf die diplomatische Laufbahn verzichten. Lesgor würde ihn zur Staatsbank nehmen.« »So höre doch!« »Ich weiß schon. Es ist Zeit für mich, nicht wahr, bei meinen siebenundzwanzig Jahren? Flirts habe ich, so viel ich will, und keinen Gatten. Unsere Ausgaben und Mamas unordentliche Wirtschaft ruinieren uns; und doch mußte nach Papas Tode auf großem Fuße gelebt werden, damit ihr mit fast unversehrter Mitgift verheiratet werden konntet, du und Gisèle. Wer soll mich denn heiraten? Révannes etwa, der kein Interesse hat, weil er nichts besitzt? Er ist ein netter junger Mensch, ja, und er verehrt mich. Aber ich soll seine Geldklemme teilen? Nein. Mir ist der Luxus unentbehrlich. Der Chinese, der Chinese! Du redest beständig von ihm. Ist er denn so reich? Für mich wäre er doch nur der Notnagel, und nach China gehe ich nie!« »So höre mich doch an!« Armande verstand diese Gereiztheit, obwohl Liane ihr unvernünftig schien. Ja, sie hatte sich ihren jüngeren Schwestern aufgeopfert, jedoch weder Lesgor noch Jean-Marc noch ein anderer hatte sie gewählt. Sie hatte etwas Bestechendes, aber ihr herber Geist beunruhigte, und zu viele Winter waren vergangen, wo man nur sie und sie zu viel sah. Man hielt sie für einen Wechsel, dessen Einlösung noch Zeit hat. Wenn ein stiller, auf die höhere Entwicklung der Familie begründeter Vertrag die Fabrecé einigte, so verband ein durchaus praktischer, freimaurerischer Interessenverband Frau Charnot und ihre Töchter. Gisèle und Armande, die nun glücklich waren, wollten, daß Liane an die Reihe käme ? nach dem Anciennitätsrang, konnte Armande, die zuweilen auch einen bösen Mund hatte, nicht umhin zu bemerken.

»Jacques ist ein gutmütiger, leicht zu nehmender Mensch und wird der ersten besten anheim fallen. Du brauchst nur den kleinen Finger auszustrecken, dann kannst du mit ihm tun, was du willst.« »Ach, die Fabrecé, sind die bequem! Du glaubtest ja auch schon deinen Herrn und Meister fest zu haben, und nun hat er dich betrogen. Du sagst es ja selbst.« »Unbedingt weiß ich das nicht.« Tief verletzt bedauerte Armande ihre Vertraulichkeit. »Aber ich weiß es!« versicherte Liane. »Die kleine Hycler ... Adrien« (das war der Bankier Lesgor) »hat es vorgestern beim Apachendiner gehört, wo jeder Teilnehmer so eine kleine Million ergaunert haben muß.« »Dein Zynismus ist ekelhaft, Liebe!« »Deine Heuchelei belustigt mich. Du hast die Tugenden der Familie angenommen, in der du dienst! Anstand und Haltung!« Armande war wütend, dann lachte sie. Das Gemeinsamkeitsgefühl war stärker. »Nun, was mir daran liegt ... Du bist ja nicht gezwungen.« Liane sagte: »Man wird ja sehen,« und mit apathischem Hohn fügte sie hinzu: »Warum rufst du nicht den Papa an, damit er über die Seitensprünge deines Gouverneurs zu Gericht sitzt?« Armande hatte Respekt vor dem Manne, der sie unter seine Kinder aufgenommen hatte, und so erwiderte sie: »Ich habe kein Recht, meinem Schwiegervater, der zu mir die Güte selbst ist, den geringsten Schmerz zu bereiten.« Und nach kurzem Nachsinnen: »Auch würde Jean-Marc es mir nicht vergeben.« »Da hast du ja recht. Nun, so muß man den berühmten, hochehrbaren Herrn Fabrecé anders benachrichtigen. Durch einen anonymen Brief?« »Liane, das ist gemein.« »Nicht du selbst, Dummkopf, eine Freundin ... und was hätte es auch für einen Wert? Die Männer halten zusammen.« »Nein, er schwärmt für Treue. Er und meine Schwiegermutter sind ein herrliches Paar.« »Na also, ein Grund mehr noch!« Unruhig und doch für den Rat empfänglich, wandte Armande unter dem spähenden Blick Lianes den ihrigen ab. Wieder einmal hatten sie sich verstanden.

Der alte Bernard kam aus dem Dienstzimmer des Bahnhofsvorstandes, bei dem er verschiedene Gegenstände abgeholt hatte. Unter dem Arm hatte er ein für Fräulein Sophie bestimmtes Paket, in der Hand eine Heckenschere für Antoine und von Frau Jacquemer bestellte Spitzen. Tags zuvor war er mit Herrn Pierre Fabrecé, dessen Sekretär er war, heimgekehrt und hatte alsbald im Hause seine Stellung als Faktotum wieder angetreten. Er war der beste Mensch, von untadeliger Ergebenheit und allen ein Freund, fast ein Verwandter. »Meine Damen,« rief er, indem er sein bartloses, rotgestricheltes Gesicht, drin die hellen Augen eines großen Hundes saßen, abtrocknete, »vom Gut aus wird an mich telephoniert. Warten Sie auf Herrn Jacques nicht! Er kommt nicht.« »Warum nicht?« »Er ist schon da.« »Wieso denn?« »Im Automobil. Mit einer Dame.« »Mit was für einer Dame?« »Ach, das weiß ich nicht. Die Verbindung wurde getrennt.« »Ich sehe schon, ich habe ihn!« meinte Liane zornig. »Was soll das bedeuten?« rief Armande wütend. Der erste Eindruck war also fein gelungen, der erste, der so viel bedeutete. Seit Jacques das letzte Mal daheim gewesen war, hatte er Liane, die mit Bekannten auf einer Orientreise war, nicht gesehen. Eine unbekannte Frau hätte er angetroffen, die lächelnd, mit scheinbar glücklichem Antlitz, seiner harrte. Warum kam er im Auto? Und mit wem, mit einer Frau? Herrgott, er hatte sich doch nicht, ohne etwas zu sagen, verheiratet. Das wäre eine bedauerlich geschmacklose Ueberraschung. Hastig fuhren sie zurück.

Während dessen war Val-Montoir in Aufruhr. Der Schreck, den die Ankunft Simones und ihrer Kinder in der schlechten Mietskalesche verursacht hatte, war nichts gegen das heillose Erstaunen, das der triumphierende, durch lange Hupensignale verkündete Einzug Jacques hervorrief. Er saß in einem großartigen, aufgeschlagenen Auto, inmitten fremder Leute. Er hatte noch seinen gelben Teint, seine zugekniffenen Augen, die asiatische Gesichtsmaske, die er in Anpassung an das Milieu bekommen hatte, das verdächtige Lächeln unter dem schwarzen Schnurrbart, die unbestimmte und über alles spöttelnde Miene. Sophie hatte sich zuerst ihm an den Hals geworfen. Frau Fabrecé und Frau Siglet-du-Salt waren, einander stützend, eilends über die Treppe hinabgekommen; während Florent aus seinem hochgelegenen Fenster Signale gab wie ein Häftling und die Töchter Jean-Marcs mit den Kindern Simones einen Indianertanz aufführten. Die Gegenwart Fremder konnte den Ueberschwang nicht bändigen. Der Chinese, famos! Der Chinese! An der Schwelle der Gesinderäume und Remisen wurden die durch den Lärm herbeigelockten, froh herüberschauenden Bedienten sichtbar. Ein telephonischer Anruf in den Werken gab den Herren Pierre und Jean-Marc Fabrecé Nachricht.

Die Autofahrer hatten ihre Brillen abgenommen und machten sich in ihrer Befangenheit mit der Maschine zu schaffen. Eine große, blonde junge Frau schob ihren Schleier zurück und lachte geduldig, mit engelhaft strahlendem, wenn auch noch unerklärlichem Antlitz. Sophie erst, die den Konsul mit dem Ellbogen stieß, mahnte an die Etikette. Unter Entschuldigungen stellte er die Herrschaften einander vor, und da er von den letzten Ereignissen gar nichts wußte, sprach er vergnügt, als hoffe er dadurch allgemeine Freude zu erwecken, den am wenigsten erwarteten Namen aus: »Die Schwester unseres Sergius, Frau Belloni, deren Bekanntschaft ich auf dem Dampfer gemacht habe. Ihre Freunde, Marquis Santa Gloria, Herr Pedro Morales.«

Ein betretenes Schweigen folgte. Frau Belloni? Welch unerwarteter Zufall oder welcher besondere Auftrag brachte diese Fremde hierher, die mit der Familie durch so enge, nun aber fragwürdige Bande zusammenhing? Wie kam sie in dieser Stunde, da man wegen der Untaten ihres Bruders mit der größten Höflichkeit und dem besten Willen sie nicht anders hätte empfangen können als mit unfreiwilliger, erkaltender Verstimmung? So sah die schöne, seltsame Schwägerin aus, die man noch nicht gesehen hatte und nur nach der um ihren Namen verbreiteten Legende von Schönheit und Luxus kannte. Man wußte, sie war in Kanada mit einem italienischen Landwirt verheiratet, der großen Grundbesitz hatte, und je nachdem war sie mit Sergius, der von ihr zu reden vermied, in Zwietracht oder ausgesöhnt. Hatte sie erfahren, wie er sich verging? War sie von selbst und ohne Hintergedanken gekommen, hatte sie sich durch ihre Zufallsbegegnung mit Jacques und die schnelle Intimität unter Reisenden dazu berechtigt gefühlt? Was für Beziehungen hatten sie? Sehr freundschaftliche, schien es, allzu freundschaftliche fast unter den gegebenen Umständen. Lauter Fragen, die zu beantworten man in Verlegenheit war.

Frau Fabrecé hatte die Ankömmlinge im Salon begrüßen müssen. Aber Frau Belloni erriet wohl die heftige, je nach den Charakteren bewundernde oder feindselige Neugier, die sie erregte. »Ich hoffte, Sergius hier zu finden,« sagte sie. »Hörte ich nicht eben im Munde von Herrn Jacques den Namen meiner Schwägerin Simone, und darf ich nicht auch sie umarmen?« Der Klang ihrer Stimme war höchst anmutig. Alle standen unter ihrem Zauber, nur Simone nicht, die zuerst hinter der Gruppe sich versteckt hatte und nun rasch entwichen war. Irgend ein Gespräch wäre ihr unmöglich gewesen. Frau Fabrecé antwortete: »Entschuldigen Sie meine Tochter, sie ist krank.« »Ach,« versetzte Frau Belloni. »Haben Sie Herrn Polotzeff seit langem nicht gesehen? Haben Sie keine Nachricht von ihm?« »Seit Monaten weiß ich von meinem Bruder nichts.« Frau Belloni nahm eine reizende, aristokratische Hoffart an. Sie fühlte, daß hier der Boden gefahrvoll wurde. Ihrer scharfen Aufmerksamkeit waren die bleichen, schmerzlichen Züge ihrer Schwägerin und ihre Flucht nicht entgangen. Sergius hatte gewiß etwas angerichtet. Am ratsamsten war es, die Szene abzukürzen. Trotz des höflichen Drängens, Herr Fabrecé komme sogleich und werde glücklich sein, stand sie auf und sagte mit sonderbarem, jungfräulichem Lächeln und nur mit ein wenig zweideutigem Zucken ihrer schlangenhaft gebogenen Lippen: »Ich wollte Herrn Jacques der Liebe der Seinen zurückgeben. Nun ist er ja im Hafen. Leben Sie wohl, erinnern Sie sich an Ihr Versprechen.« Die Liebenswürdigkeit, mit der man Abschied nahm, täuschte darüber, wie eilig man es hatte. Vor Frau Belloni und unter den kalten Augen des Marquis, eines kleinen, stutzerhaft verjüngten alten Mannes mit gefärbtem Bart, hatten der große, rote Engländer und der junge Peruaner mit den Samtaugen sich auf die Maschine gestürzt. Winke, ein Lächeln, wie es der gesellschaftliche Anstand gebot, und das mächtige Auto trug in kraftvoller Wendung die Reisenden von dannen.

Jacques folgte mit dem Blick dem wehenden Schleier der jungen Frau. »Ist sie nicht reizend?« »Ach, willst du uns nicht erklären?« »Wie ich sie kennen gelernt habe? Aber gern.« Auf der Rückfahrt von Indien hatte sie sich in Aden eingeschifft, und am drolligsten war es, daß er, als hätte die Vorsehung es gewollt, sie in Lyon wiedergefunden hatte, als er den Schnelldampfer verließ, um Zeitungen zu kaufen, und ihn vor seiner Nase sich in Bewegung setzen sah. Man lachte. Das war so recht ein Streich von Jacques. Er glaubte, er sei in China, wo man sich immer Zeit läßt. Und nun tauchte sie mit ihrer Eskorte von Freunden plötzlich auf und holte ihn mit Gewalt in ihr Auto. »Wem gehört es?« »Dem Marquis von Santa Gloria, ihrem Reisegefährten.« »Und ihr Mann?« »Sie ist Witwe.« Sophie plänkelte: »Jedenfalls ist sie nicht gerade auf Einsamkeit erpicht.« Der Konsul erklärte: »Sie ist eine vornehme Frau, und so klug! Ist sie nicht wundervoll?« »Schön ist sie entschieden,« meinte Frau Fabrecé, »wenn sie auch eine unbeschreibliche Aehnlichkeit mit Sergius hat, die ich nicht liebe.« Isabelle erwiderte sanft: »Wir wissen nichts von ihr, und an dem Verhalten ihres Bruders hat sie doch keine Schuld.« »Was ist mit Sergius?« fragte Jacques, als falle er vom Monde herab. Und plötzlich kam ihm die ungewohnte Atmosphäre zum Bewußtsein: »Was geht denn vor? Ihr habt sie sehr kühl empfangen! War es denn ein Verstoß von mir ...?« »Komm und trinke deinen Tee, Patzer!« sagte Olivier freundlich und klopfte ihm auf die Schulter.

Gerade hatte man dem Chinesen über Simones Unglück Bericht erstattet, als Florent, der vor Ungeduld brannte, in einem von Antoine und Gervais getragenen Sessel hereinkam. Bald darauf glitt Simone wie ein Schatten ins Zimmer. Cyrille Jacquemer saß in einer Ecke und hörte, wie die heitere und dann von Ernst schwere Aufregung wuchs. Jetzt, da Frau Belloni und Polotzeff beiseite geschoben waren, war eine verworrene, laute Unterhaltung im Gange, mit unzähligen Zwischenrufen und Wiederholungen, deren Refrain stets war: »Du bist doch wohl? Du bist noch gelber geworden. Die Seeluft tut dir wahrhaftig gut. Jetzt aber darfst du nicht mehr reisen. Diesmal mußt du heiraten.« So schien es, als sei die Ankunft Jacques wichtiger als alles, und als schalte sie durch die von ihr verursachte maßlose Freude jegliche Sorge aus. Mit zärtlichen Augen hütete ihn die Familie, indes er mit einer Tasse Tee sich labte. Die Mutter saß dicht neben ihm, Sophie reichte ihm die Zuckerschale und Isabelle die Zitrone. Dann kamen plötzlich, mit erzwungenem Lächeln, Armande und Liane. Neue Freudenausbrüche und ein bewegtes Schweigen. Im Türrahmen stand die große Gestalt des alten Herrn Fabrecé, der sacht eingetreten war, regungslos, an Jean-Marcs Seite. Er betrachtete das glückliche Schauspiel, das alle seine Kinder vereinigte. Um sein edles Antlitz lag sein graues Haar, an den Schläfen weißlich wie die Spitzen seines Schnurrbarts. Jacques hätte in seiner Rührung beinahe die Tasse fallen lassen. Der Vater umklammerte ihn, und dann hielt er mit seinen starken Armen ihn von sich ab, um mit seinen großen, funkelnden Augen ihn besser prüfen zu können, und wiederum zog er ihn an sein Herz: »Sei willkommen, Junge!«

II.

Am übernächsten Tag, als das verlorene Gepäck endlich gefunden war ? Bernard hatte sich redlich geplagt ? nahm der Konsul die feierliche Verteilung der Geschenke vor. Stets brachte er prächtige Sachen, und jedesmal zeigte er sich freigebiger. Es war ein ganzes Warenlager. Köstlich feine Vasen, seltene Bilderbücher, altes Elfenbein für den Vater, Pelze, Seidenkleider und Stickereien für die Großmutter, die Mutter und die Schwestern, ohne daß Liane vergessen war. Für Olivier die Tracht eines Mandschugenerals, für Cyrille wertvolle Waffen, deren geflammte Stichblätter und schneidende Klingen der stille Geschichtsforscher in seltsamem Gegensatz gern betastete, für Florent eine Opiumpfeife, für Antoine Fischereigerät, dies für Bernard und jenes für Jenny-Rose, für die Kinder Puppen und Spielzeug, für das Gesinde kleine Gaben. Alles fand seinen Herrn, nur ein Kleid nicht, märchenhaft wie aus Tausendundeiner Nacht, das sofort sich als das schönste erwies, obwohl auch Armande und Simone gut bedacht worden waren. Dieses Kleid hob Jacques für Frau Belloni auf. Man wagte nicht, eine solche Höflichkeit zu tadeln, doch man fällte darüber verschiedene Urteile, und Liane wurde blaß. Sie hatte offenbar gegenwärtig keine Aussicht, so lange Frau Belloni Jacques Gedanken beherrschte. Das sah man an tausend Symptomen. So oft die Post kam, fragte er, ob kein Brief für ihn da sei. Man sah es daran, wie er den Namen der jungen Frau ins Gespräch einwarf und schnell wieder ablenkte, schwankend zwischen der Lust, von ihr (und nicht nur mit Nächstenliebe) reden zu hören, und der Furcht, gegen Simone taktlos zu sein. Zum Teufel mit Polotzeff! Das Biest hatte sich eine schöne Zeit ausgesucht, um sich die ganze Familie zu entfremden!

Jacques war wirklich in Vera verliebt. Der helle Klang dieses kurzen, süßen Namens bezauberte ihn. Was konnte sie dafür, daß Sergius ein gemeiner Mensch war? Sollte Jacques deshalb darauf verzichten, sie zu umwerben? Lange von seinen Angehörigen getrennt, fühlte er sich noch nicht von dem starren Band umschlungen, das alle Fabrecé in ihren Neigungen füreinander einstehen und ihren Haß gemeinsam empfinden ließ. Er staunte das rätselhafte Schicksal an, durch das, von zwei entlegenen Welten kommend, zwei gestern einander unbekannte Wesen, deren Bestimmung es doch war, sich kennen zu lernen, genähert worden waren. In ihm entfalteten sich unausgesprochenes Begehren, ungeträumte Träume, aufgesparte Zärtlichkeit. Denn da er an seinem fernen Wohnsitz jeden besseren Umgang mit Frauen vermißt hatte, hatte ihn Veras gewinnende Art sofort erobert, ihrer Schönheit wegen so sehr als wegen der günstigen Gelegenheit. Sie zuerst schien mit ihrem reinen, weißen Teint und ihrem westlichen Geist die romantische Vorstellung von der Liebe, die er hegte, zu erfüllen. Hatte er eine ihm klare Absicht? Nein. Sie war Witwe und hatte, wie lange sie auch den ehrenwerten Herrn Belloni beweint hatte, sich zweifellos getröstet; als Witwe war sie ja frei. Das gab ihr viele Möglichkeiten. Eine dunkle Eifersucht hatte die »Kristallisation« seiner Leidenschaft gefördert, indem sie ihm den unvergleichlichen, plastischen, wie die Woge schwebenden Rhythmus Veras enthüllte, wenn die Schiffsbrücke unter ihren Füßen nachgab oder der rußige Wind ihr feines Hemd und ihren geschmeidigen Rock an sie legte. Unendlich begehrenswert war sie. Die Blicke des alten Marquis während der Fahrt waren nicht nur väterlich. Und mit ihrem phantastischen Slawinnen-Typus, dem die falsche italienische Trägheit einen Schein von Müdigkeit gab, verwirrte sie den Colonel Hawks und den jungen Morales, diese Freunde, die sie in Marseille erwarteten und sich umsonst gleichgültig gebärdeten. Jacques hatte den Biß von Rivalitäten gefühlt, die seiner harren konnten, und seine männliche Sucht, zu erobern, war dadurch noch stärker geworden. Dann war noch Veras rätselhaftes Leben in Freiheit und Unabhängigkeit, das sie nur ihren Launen frönen ließ. Alles das, und Vernunftgründe auch, die trotz seiner Benommenheit auf ihn wirkten, seine bürgerlichen Begriffe, die Wahrnehmung flüchtiger Dissonanzen im Verhalten des jungen Weibes, das bizarre Rätsel, in das sie ihr vergangenes Leben zu bergen suchte, indem sie allzu bestimmten Fragen auswich ? all das machte ihn Tag und Nacht wie ein Liebestrank fiebern. Ob es Balsam oder Gift war, er wußte es nicht.

Verdrossen kündigte Liane ihre Abreise an. Umsonst gab man sich Mühe, sie zurückzuhalten. In ungewollter Ironie erbot Jacques sich, sie nach Paris zu begleiten; er mußte ins Ministerium. Das war nur ein Vorwand. Der wahre Grund war sein unbezwingliches Bedürfnis, Frau Belloni wiederzusehen, und es traf sich, daß sie ihn auf einer Karte zum Frühstück einlud. Sie bat ihn, das Geheimnis zu wahren, da sie über peinliche, delikate Gegenstände mit ihm vertraulich zu reden habe. Ueber Sergius offenbar?

Die Eisenbahnfahrt war nicht sehr vergnügt. Olivier reiste mit ihnen. Scheinbar ohne die niederträchtige Stimmung Lianes zu bemerken, setzte Jacques sie vor ihrem Hause ab, indem er seinen baldigen Besuch bei Frau Charnot ansagte. Dann rief er dem Chauffeur zu: »Splendid-Hotel, aber schleunigst!«

Währenddessen begab Olivier sich zu den Damen Sarnel, mit der geheimen Furcht, die ihn bei diesen Besuchen eine von allzu großer Niedergeschlagenheit beengte Freude empfinden ließ. Die Uneinigkeit der Menschen, die er in den niedrigen Stuben dieses fünften Stockwerks sah, die Verschiedenheit ihrer Seelen hinterließen in ihm stets eine Erschöpfung, mit einem Grade von Feindseligkeit fast, daß er sich immer versprach, nicht mehr hinzugehen. Und gegen seinen Willen ging er wieder hin, bezwungen durch das leidenschaftliche Verständnis in den Augen von Elisabeth Sarnel, in diesen großen, blauen, schimmernden Augen, die ihn hinderten, etwas anderes in ihrem schon welken Gesicht zu sehen. Weiß war sie wie eine Lilie, die in duftlosem Raum dahinsiecht. Wie konnten zwei solche Ausnahmewesen, André, der den Tod für die Freiheit gestorben war, und Fräulein Elisabeth, die demselben Ideal sich weihte, Kinder von Frau Sarnel sein, deren Ebenbilder vielmehr die beiden jüngeren Schwestern, Juliette und Marthe, waren. Keifend, herrschsüchtig, feig gegenüber dem Leben, hart gegen die Schwachen und die Reichen niedrig umschmeichelnd, hatte sie keine grundlegenden Ideen, keine echte Moral. Ihr Streben war nur, den Schein zu retten, und ihre Züge waren unruhig von Gier und Bosheit. Sie war vielleicht nicht schlecht, aber sie war etwas Schlimmeres. André hatte während seiner kurzen Soldatenlaufbahn sich isoliert, und so stoisch war er gewesen, daß nichts Gemeines an ihn herankonnte. Aber wie mußte Fräulein Sarnel in ihrer Ueberlegenheit, mitten unter dem galligen Nichtverständnis ihrer Verwandten, leiden! Sie war gebrechlich, sie hinkte, sie war zur Krücke verdammt und meist gezwungen, zu sitzen. Wenn sie nicht mit rascher Feder Uebersetzungen aus dem Englischen besorgte, klapperte sie stundenlang an ihrer Schreibmaschine. Von diesem mageren Verdienst ? Frau Sarnel war auch Stenographin ? lebten die beiden Frauen und erhielten sie Juliette, die zu krank war, um zu helfen, und Marthe, die Unterricht im Konservatorium hatte. Armes Fräulein Sarnel, traurige Umwelt!

Vor der abgescheuerten Strohmatte blieb Olivier stehen. Dünn läutete die an einem langen Band mit braunem Kupferring hängende Klingel. Er hörte einen unregelmäßigen Schritt. Fräulein Elisabeth öffnete. Ihr Gesicht erhellte sich: »Kommen Sie doch herein! Mama ist unterwegs, da sie das Mädchen entlassen hat.« Das war das klägliche Alltagsdrama: ein dürftiges Mädchen zu 25 Francs, das mit Vorwürfen überhäuft und schlecht behandelt wurde, von dem Frau Sarnel ein ausgezeichnetes Benehmen, eine untadelige Küche und reichliche Wascharbeit verlangte, und das sie nach vierundzwanzig Stunden schmählich entließ, wenn es ihr nicht die Schürze an den Kopf warf.

Olivier ging hinter Fräulein Sarnel ? ach, war sie noch jung mit zweiunddreißig Jahren? ? in ein Zimmerchen, ein kleines Vogelhaus, das von flügelschlagenden Kanarienvögeln und grünen Zwergpapageien wimmelte; sie waren Elisabeths einzige Zerstreuung. Sie pflegte diese Tierchen, wie alle, die nichts Besseres zu lieben haben, und fand in ihrem demütigen Singen einen Trost, den sie sich manchmal zu Herzen nahm, obwohl sie sich sagte, daß sie so wenigstens nicht unter Hunger und Kälte litten. »Wie geht es heute?« fragte Olivier. Ihre Briefe hatten ein vertrauliches Verhältnis zwischen ihnen angebahnt, das bis in die Tiefen des Gewissens reichte, bis zu den Fragen, die ihnen Lebensfragen schienen. Sie entgegnete mit gedämpfter Stimme: »Nicht so gut, als ich wollte. Es gibt schon Stunden, die schwer zu ertragen sind.« Er verstand. Er wußte, daß man ihr wegen ihres gehobenen Geschmacks zusetzte, weil sie nachts »langweilige« Bücher las, weil sie »wie eine große Dame« bei Klatsch und Geschrei schwieg. Man klagte sie an, sie »verachtete« die anderen; man verkannte ihre feine Empfindsamkeit und ihre unermüdliche Hingebung. Willig hielt sie diese Nadelstiche aus, und dennoch flößte sie allen einen gewissen Respekt ein. Aber konnte sie sich an das gewöhnen, was ihr besonders zur Qual war, an die Arglist Juliettes, an Marthes junge Verderbtheit und ihr talentloses Drängen zum Theater, zu dem sie sich berufen glaubte, das heißt früher oder später zur Prostitution? Und dann war noch die brennendste Sorge der Familie, Alexandre, ein Neffe von Frau Sarnel, den man aus Familienstolz wie aus Mitleid aufgenommen hatte, ein neunzehnjähriger Taugenichts, der schon betrübliche Verfehlungen gegen seinen Chef, einen Kaufmann im Stadtbezirk des Temple, begangen hatte.

Olivier kannte durch Marthes Geplapper und die Klagen der Frau Sarnel die ganze Vergangenheit der Familie, die einmal wohlhabend gewesen war. Doch vor zehn Jahren hatte Herr Sarnel, ein Industrieller, unmittelbar vor dem Zusammenbruch Selbstmord begangen, und seine Frau konnte es nicht verwinden, daß sie keinen Wagen mehr hatte und keine teure Wohnung. Das war eine ewige Litanei: »Damals, als wir zwei Parkettsitze in der Komischen Oper hatten,« oder: »Du erinnerst dich doch, Juliette, wie hübsch unser Landhaus in Viroflay war?«

»Ich habe Ihnen das Buch gebracht, das Sie wünschten,« sagte Olivier. Er reichte ihr die »Essays« von Emerson. Fräulein Elisabeth wurde schön, wenn ihre Augen lächelten, die ihr ganzes Antlitz und beinahe ihr ganzes Wesen waren. Keuchend wurde im Nachbarzimmer eine gereizte Stimme laut: »Wer ist da, Beth?« Er verabscheute diese Verkleinerung des Namens, die ihm wie ein Schimpf klang. Das Mädchen erhob sich: »Sagen Sie doch Juliette Guten Tag!« Sonst hätte sie sie nicht in Ruhe gelassen.

Juliette saß in einem mit Kissen vollgestopften Sessel und empfing sie mit einem boshaft triumphierenden Lächeln. Fahl, mit den großen Augen eines Fisches, der auf dem Sande veratmet, mit blauen Nasenlöchern, die so dunkelviolett waren wie ihre Fingernägel, erstickte sie an einem tödlichen, angeborenen Herzleiden. Wütend über ihre Schmerzen zeigte sie die wilde Selbstsucht der Unheilbaren. »Ach, ich dachte mir schon, daß Sie es sind,« rief sie zwischen zwei Krampfanfällen. »Hindern Sie aber Beth ja nicht daran, mir für Sonntag meinen Hut zu richten.« Mit ihren fleißigen Fingern putzte Elisabeth die Hüte der Familie auf. Und als er eintrat, hatte er den Juliettes schon fertig gesehen, mit großen Federn und einer Schleife von vergoldeter Spitze, den Renommierhut, den sie forderte, um bei der Spazierfahrt durchs Bois ihrem schon vom Tode gezeichneten Gesicht ein Aussehen zu geben. Sie fuhr fort: »Warum lesen Sie nicht hier in der Stube? Ich höre so gern vorlesen.« Unwillkürlich warf Olivier einen Blick auf das Bündel schmutziger Romanfeuilletons, das auf ihren Knien lag. Es waren abgeschmackte Geschichten von geraubten Kindern, von Polizei und Verbrechen, die einzigen, an denen sie Spaß hatte. »Ach ja, ich weiß wohl. Sie verachten mich!« Ihr Atem ging rasend schnell. Sie wurde tiefblau, ihre Hände schlugen gegeneinander, ihr Mund rang krampfhaft nach Luft, ohne daß man wissen konnte, wie weit sie, um zu erschrecken, zu ihren nur sehr wirklichen Leiden noch simulierte. Ihre Schwester hielt ihr Aether zum Riechen vor.

Schon öffnete Olivier das Buch Emersons und fing zu lesen an. Juliette maß sie hämisch. Warum sprachen sie diese geschwollene Sprache? Was waren das für alberne Poseure! Allmählich schläferten der Aether und die tonlose Stimme sie ein. Hätte Olivier die Augen vom Buch erheben wollen, wie sehr hätte der Blick von Fräulein Sarnel ihn belohnt! Wie berauscht war dieser Blick, voller Zärtlichkeit. Sie selbst ahnte seine Bedeutung nicht, und doch schlug sie, als das Kapitel zu Ende war, die Augen nieder. Juliette lag in einem Schlummer der Angst und keuchte, wie von einem Mühlstein zermalmt. Wieder fühlte Olivier das Mitleid, das er eben aus seinem Herzen verjagt hatte. Ach, welche traurige Existenz! Warum denn leben, wenn man so grausam verflucht, den anderen und sich selbst zur Last ist? Und sie, sie wollte leben, leben, leben, die Verfluchte! Wie geschah es? Seine Hand lag in der Elisabeths, als vereinigten sich die Hände eines Brautpaars: »Fräulein,« und er erinnerte sich an ein Alterswort Goethes, ein tapferes Wort, das sie liebte: »Dorthin, ich muß, ich muß!« Sie antwortete ihm mit ihrem herrlichen, unsicher frohen Blick: Ja über die vernichteten Illusionen hinaus, über allen Gram, über die Erbärmlichkeit des menschlichen Seins, über die Krankheit, über den ewig drohenden Tod, vorwärts auf dem Passionsweg der Güte und des Opfers!

In ihrer Bewegung einander nah, plauderten sie noch. Und wie immer führte der Ferne, der Verschollene durch das Gedenken an ihn sie zusammen. Die armselige Umgebung verschwand, nichts war zu hören als das leichte Blättern, das piepsende Geschrei der Vögel im Käfig. Lächelnd wachte André Sarnel als mystischer, fast gestaltloser Hüter über der Liebe seiner Schwester und seines Bruders. Plötzlich vernahmen sie ein spitzes Hohnlachen: »Ach, sehr gut, sehr gut!« Juliette hatte die Augen wieder offen und sah mit unsäglicher, beleidigender, verdächtigender Wut her. Elisabeth wurde rot bis zu den Haarwurzeln, als sie bemerkte, daß ihre Hände noch nicht gelöst waren. Ohne Erregung betrachteten sie die Kranke, mit einer Gelassenheit, die zu rein war, als daß sie sie hätte verstehen können.

Aus dem Vorraum schollen Stimmen. Der Zauber war gebrochen. Strahlend rief Frau Sarnel, eine verblühte Schönheit mit unzähligen haarfeinen Runzeln, jedoch gefallsüchtig in ihrer Kleidung: »Wie liebenswürdig von Ihnen! Sie wollen so nett sein und mit uns einen Bissen essen. Doch, doch! Marthe wird Ihnen Toasts vorsetzen. Da bringe ich auch famose Krabben. Ach nein, das sind ja Bänder aus dem Warenhaus La Fayette. Marthe, komm schnell, Herr Olivier ist da!«

Marthe, die mit ein wenig Schwarz, Carmin und Puder sich übers Gesicht gefahren war, trat ein. Sie zeigte dabei ihr Profil wie die Naive im zweiten Akt. Sie sprach schon komödiantisch mit künstlicher Stimme und rollte die R: »O, was für ein Verrgnügen, Sie wiederrzusehen!« Mit ihren Pensionatszöpfen spielte sie den Backfisch und, die Augen verdrehend, suchte sie durch das Gebaren schlauer Unschuld den jungen Mann zu locken: »Was macht Ihr Arm? Schmerzt er nicht mehr so?« Tückisch lachend verhöhnte Juliette den Traum ihrer Mutter, die Besuche des Leutnants zugunsten Marthes auszubeuten. Afrika und eine gute Heirat waren ja besser als angestrichene Dekorationen und die Theaterwirtschaft. Doch da war nichts zu machen! Olivier entschuldigte sich, sein Platz war nicht mehr hier. Er wollte sich die Erinnerung an eine Stunde milder Harmonie unversehrt bewahren. Man konnte ihn nicht zurückhalten.

III.

Im Splendid-Hotel betrat Jacques eine jener ungeheuren Karawansereien, worin das Leben mechanischen Gesetzen untertan scheint. Blitzschnell laufende Fahrstühle, automatische Bediente, riesige Vorhallen, unsichtbare Musik, Wände, die von Wasser und Dampf rauschen und mit elektrischen Fäden bespannt sind. Er kam in irgend einen kleinen, von Gold und gelben Seidenstoffen leuchtenden Salon, in dem Frau Palmé, die Gesellschaftsdame, ihn empfing. Von geistreicher Häßlichkeit, mit großen, sanften Augen und einem geheimnisreichen Mund saß sie, schwarz und kurz gewachsen, nach unten plump wie eine Kröte, da. Wiederum bezwang Jacques seine Abneigung. Zu klug, um dessen sich nicht bewußt zu werden, lächelte sie ihm wohlwollend zu; denn sie beehrte ihn mit schmeichlerischer Sympathie. Das Erscheinen ihrer Herrin in einem rosigen, mit schönem Pelz besäumten Libertykleide endigte diese kurze Pause der Benommenheit. »Die arme Juana hat sich kaum von der Reise erholt,« sagte sie. »Sie hatte während der Fahrt übers Meer so gelitten, daß sie in Marseille hatte ausruhen müssen. Wir werden allein sein,« fuhr Frau Belloni fort. »Der Marquis, der in Versailles logierte, ist gestern abgereist. Sein Sekretär hat mir eben telephonisch Nachricht gegeben.« Daß Herr von Santa-Gloria Versailles und nicht Paris gewählt hatte, machte auf Jacques einen günstigen Eindruck, und er glaubte, sich nach den beiden anderen erkundigen zu sollen. »Ich glaube, der Oberst Hawks ist in London, und der kleine Pedro hat Influenza.« Ein Segen, daß alle diese Menschen abwesend waren, besonders der Marquis, dessen ungewisse Rolle halb die eines Gönners, halb die eines Bewerbers war; doch warum sollte er nicht einfach der alte Freund sein, wie sie beteuerte? Und glücklich bewunderte Jacques den Glanz des jungen Weibes und ihr vollkommenes Antlitz, das ein Verweilen der Blicke kaum erlaubte. Zuweilen aber nahm die Unruhe in ihm überhand. Ihn, der an geordnete soziale Verhältnisse gewöhnt war, verwirrte Frau Bellonis unentschiedene Situation. Selbst ihre Witwenschaft tat es, über die er im Dunkeln blieb. Nur schattenhaften Anspielungen hatte er entnommen, daß sie, solange ihr Mann lebte, eine unverstandene, seelisch leidende Frau gewesen sei. Aber ihr großer Zauber machte ihn rasch der gläubigsten, optimistischen Auffassung wieder botmäßig.

Mit liebenswürdigem Interesse fragte sie ihn nach seiner Familie, nach allen diesen Fabrecé, die sie durch Sergius und mehr noch durch ihn kannte; auf dem Dampfer »Colombo« hatte er sich redselig über sie geäußert. Ohne nachtragend zu sein, bemerkte sie, die Fabrecé hätten sie ein wenig büßen lassen, daß sie im unrechten Moment sich gezeigt hatte. »Seit zwei Tagen kann ich mir vieles erklären, und ich will ihnen sagen, weshalb. Nun wollen wir erst frühstücken. Haben Sie Hunger?«

Jacques erschöpfter Magen hatte an den Speisen einen schon vergessenen Genuß. Die »gute Juana« erschien wieder, stumme Bedienung stellte Tische hin und wartete mit einem delikaten Service auf, das Frau Palmé mit ihren zärtlichen Raubtieraugen überwachte. Man trank kühlen Sekt und dazu einen heißen Romanée. Jacques fühlte, wie sein Herz schneller schlug, und Wohlbehagen durchrann seinen Körper. Er wurde lebendig, heiter, verführerisch, mit dem Frohmut eines großen Kindes, der ihm die Herzen gewann. Frau Palmé lachte und gab ihm Antworten. Vera Belloni indessen ? wahrhaftig, sie hatte mit Sergius seltsame Ähnlichkeit ? versank in flüchtige Träumerei. Sie stützte ihr Kinn auf ihre Hand, der weite Mantel ihres Kleides fiel bis zum Ellbogen zurück, und ihr weißer, blaugeäderter Arm entblößte sich. Nie hatte Jacques eine zartere, lieblichere Haut gesehen. Der ausgeschnittene Hals, der gelbliche Nacken unter den goldenen Löckchen bannten ihn.

Beim Kaffee nahm er kaum wahr, daß seine häßliche Verbündete insgeheim entwich. Das Tier aus dem Märchen war fort und nur noch die Schöne da. »Wollen Sie läuten, lieber Freund, damit abgenommen wird?« Wieder waren sie allein. »Eine Zigarette?« Sie reichte ihm das Kästchen, doch sanft zog er es ihr aus den Händen und drückte auf ihre wie Perlmutter schimmernden Flächen, auf ihre Finger mit den wie Korallen von Neapel rosigen Nägeln kleine, fieberheiße Küsse, die sie, zerstreut wie eine lustvoll gerührte Prinzessin, über sich ergehen ließ. Verlieh der Champagner, der Romanée ihm eine solche Kühnheit oder die stürmische Unerfahrenheit eines erstmals verliebten Herzens, das, schlecht gerüstet gegen Argwohn, sich völlig auslieferte?

»Ich liebe Sie,« flüsterte er, »ich liebe Sie. Haben Sie es nicht erraten? Ich zittere, Ihnen zu mißfallen, und doch weiß ich, daß Sie fühlen müssen, was ich für Sie empfinde. Meine Verstörtheit, meine Blicke, mein unruhiges Schweigen, alles muß es Ihnen gesagt haben.« Sie lächelte: »Wirklich, so rasch?« »Ja, so rasch. Ich kenne Sie erst seit wenigen Tagen, aber darin täuscht man sich nie. Vera, ich liebe Sie, und das muß wohl so sein, da ich bei allem Kummer meiner Familie die durch Ihren Bruder ihr zugefügte Kränkung vergessen muß. Ich verletze meine Pflicht gegen meine nächsten Verwandten, um nur an Sie zu denken. Vera, wie können Sie an meinen Worten zweifeln, wenn ich Ihnen sage, daß ich alles sein werde, was Sie wollen, Ihr bester Freund oder, wenn Sie damit einverstanden sind, Ihr Gatte?« Sie unterdrückte eine Gebärde der Ueberraschung: »Sie wollen mich heiraten?« »Gewiß.« Sie betrachtete mit plötzlich weichem, halb mitleidsvollem Blick den Mann, der hitzig und jung genug war, um ihr so, in ehrlicher Wallung, seinen Namen, den seiner Familie, die unwiderrufliche Verpfändung eines Schicksals zu bieten. »Aber Sie kennen mich ja nicht, guter Jacques.« »Ich liebe Sie.« »Sie wissen nichts von mir und meinem Charakter.« »Ich liebe Sie.« Er war beinahe niedergekniet, heiß von Begehren, von einer Erregung gepackt, die stärker war als sein Gefühl, als die Stimme seines Gewissens, als die Warnungen seiner Klugheit. Denn daß dies eine Tollheit sei, daran zweifelte er keine Minute; aber er hielt es für ritterlich, sein Glück auf eine Karte zu setzen. Alles machte ihn taumeln, der Frühlingsrausch und der Rausch, der von dieser Frau ausging. Nach den Jahren der Verbannung stellte ihre niederschmetternde Gewalt für ihn den Triumph der auserwählten Rasse dar, der er in ererbter Abhängigkeit mit jeder Fiber seines Wesens untertan war, der weißen Adelsrasse, von der er so oft während einsamer, schlafloser Nächte in Asien geträumt hatte.

Mit ihren Fingern, an denen die Ringe blühten ? wie köstlich war ihr Tasten ? streifte sie die Schläfen des Konsuls. »Morgen werden Sie Ihre Worte bereuen!« »Nein.« »Sie werden sie bereuen. Vielleicht bereuen Sie sie schon jetzt?« »Nein, nein.« »Ich durchschaue Sie besser als Sie sich selbst. Sie begehren mich mehr, als Sie mich lieben. Oh, Sie meinen es aufrichtig. Doch was dächten Sie, wenn ich Ihrer Unbesonnenheit nachgäbe?« »Stellen Sie mich auf die Probe. Die Zeit ...« »Sie würden leiden, und ich will Ihnen keine Leiden schaffen. Ich passe nicht zu Ihnen, ich bin schlecht und fähig, das Böse um des Bösen willen zu tun.« »Ich glaube Ihnen nicht.« »Und wenn nicht auch die sicher zu erwartende Feindschaft Ihrer Familie und der wahrscheinliche Bruch unseres Verwandtschaftsverhältnisses jeden Bund unmöglich machten, so habe ich andere Gründe noch.« »Ich will sie kennen lernen.« »Erstens bin ich entschlossen, unabhängig zu bleiben.« »Ihren Entschluß würde ich ehren. Doch entsagt man ihm nicht, wenn man liebt?« Sie lächelte spöttisch und gönnerhaft: »Nein, ich will frei sein.« Eifersüchtig fragte er: »Wem zu Gefallen?« »Mir. Drängen Sie nicht weiter, Jacques! Ich will Ihnen einen Grund anvertrauen, der mehr ins Gewicht fällt. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, darüber zu schweigen.« »Sie haben es.« »Ich bin verheiratet; mein Mann lebt noch.« »Ach!« rief er mit einer Gebärde des Schmerzes und doch auch der Erleichterung, ohne daß er sich dieses unfaßliche, leise, unwägbare Gefühl einer Befreiung erklären konnte. Doch sogleich verdüsterte ihn wieder Argwohn gegen all jenen Schein, der jetzt noch viel zweideutiger war, den Verkehr mit dem Marquis und den anderen Freunden, mit denen sie auf dem Fuß einer ausgelassenen Kameradschaft stand: »Warum gebrauchen Sie diese Lüge?« »Meiner Bequemlichkeit halber. Ich habe Ihnen schon andere Sachen vorgelogen. Aber damals wußte ich nicht, Jacques, daß Sie mich wahrhaft liebten. Mich heiraten! Das ist nett, ja sehr nett, mehr noch, edelmütig und brav. Vergessen Sie diesen Traum und nehmen Sie mich wie ich bin, als die Abenteurerin, zu der mich mein Leben gemacht hat. Vor fünf Jahren habe ich meinen Mann in friedlichem Einvernehmen verlassen und dabei mein Vermögen zurückerlangt.« Friedlich, aber nach was für einem geheimen, schmachvollen Drama? Sprach sie jetzt wenigstens die Wahrheit? Wie wollte er das wissen? »Und seither?« »Seither ... habe ich gelebt ...« »Wollen Sie mich Dinge vermuten lassen, die mich quälen, wenn ich nur daran denke? Sie haben diese Menschen nicht geliebt, Vera?« »Was für Menschen?« »Sie wissen doch? Den Marquis und die ...« »Nein, nein, sie nicht!« Diesmal klang es aufrichtig, und er wollte an ihr nicht zweifeln ... »Wen sonst noch dann?« »Was schert Sie das? Ich war Ihnen nichts schuldig.« Er stöhnte: »Und ich stellte Sie so hoch! Warum habe ich Sie geliebt?« »Weil ich die erste war und Sie an Heirat dachten, haben Sie zu mir davon gesprochen.«

Diese Wahrheit traf ihn wie die Spitze einer Nadel. Doch nie, das wußte er, hatte er den Mut, auf sie zu verzichten, selbst da sie den Heiligenschein nicht mehr hatte, mit dem er sie verherrlichte, auf sie, die, eine Tochter des Triebes, durch die Welt eilte, auf sie, in deren zerrissenem Rätselschleier er Entwürdigung und Not erriet, auf ihre unreine Schönheit. Aus der Tiefe des Geistes, wo das sich regt, was wir uns nicht zu gestehen wagen, glühendes, dunkles Begehren, erhob sich in ihm ein verzweifelter Wille, sie nicht zu verlieren. Er flüsterte: »Sie lieben mich nicht.« »Was wünschen Sie denn von mir?« antwortete sie mit einem Lächeln, das ihm das Lächeln eines Engels schien und nicht mehr des finsteren Geistes, der eine Sekunde lang ihren Zügen sein Stigma aufgedrückt hatte. »So würden Sie mich lieben, Vera?« »Fühlen Sie es denn nicht? Würde ich sonst mit Ihnen reden, wie ich mit niemandem geredet habe? Hören Sie! Als ich Sie erwartete, wußte ich nicht, ob ich Sie als Feind behandeln würde. Ich bin nicht gut, ich habe es Ihnen gesagt, und habe schreckliche Launen. Ich habe Sergius gesehen.« »Sie haben ihn gesehen? Wann?« »Er ging hinaus, als Sie hereinkamen.« »Nun?« »Er hat mir in seinem Sinne seinen Streit mit Ihrer Schwester erzählt. Auch er kann lügen. Ich halte ihn nicht für unschuldig, nein, gar nicht; von ihr glaube ich kaum, daß sie sich verfehlt hat, und übrigens geht mich das nichts an. Doch er kann ihr schaden. Gewissen würde ihn nicht hemmen. Wenn er auch keine Beweise hat, hat er Verdachtsgründe, einen Brief von seiner Frau und von einem, der ... nun, der ihr nicht gleichgültig ist.«

»Was sagen Sie da?« rief Jacques bestürzt, denn nie hätte er geahnt ... »Ich habe also durchgesetzt, daß Sergius mir diese Briefe einhändigt, damit ich bei der Einigung, in die er willigt, vermittle. Scheidung erlaubt er nicht, Trennung von Tisch und Bett auch nicht. Doch mit einer freundschaftlichen Trennung wäre er einverstanden, die die Möglichkeit einer Versöhnung offen läßt, über die Zukunft nichts ausspricht und das Interesse der Kinder sicherstellt. Fürs erste würde er sie Ihrer Schwester anvertrauen und ihr Verfügungsfreiheit über das, was ihr gehört, lassen. Nur eine Bedingung hat er ? entschuldigen Sie, wenn ich sie wiederhole ? daß nichts im Verhalten von Frau Polotzeff vor der Welt den Argwohn rechtfertigt, den er hegt, und den diese Briefe für voreingenommene, übelwollende Geister erhärten können.« »Oh!« rief Jacques. »Er beschimpft sie noch!« »Ich begnüge mich damit, Sie von Sergius Vorschlägen zu unterrichten. Es wird für Sie weniger peinlich sein, wenn Sie sie von mir erfahren und dann Ihrer Schwester unterbreiten. Dieser Briefe darf ich mich um keinen Preis begeben. Vor Ihrer Ankunft fragte ich mich, ob ich mich ihrer nicht bedienen sollte, Sie zu demütigen und zu martern. Sergius hat sie mir nur anvertraut, damit ich eine Art Erpressung an Ihnen und Ihrer Familie versuche, um Sie zu knebeln und jeden Antrag auf Scheidung, jeden Prozeß, jede Vergeltungsmaßnahme zu hindern.« Aus dem Ausschnitt ihres Kleides nahm Vera Belloni einen offenen Umschlag: »Sie werden mit den Briefen hier machen, Jacques, was Sie wollen. Sie können nach Gutdünken damit verfahren. Ich verrate Sergius, ich handle schlecht an ihm, ich setze mich einer Rache aus, deren Drohung ich wohl kenne. Aber ich will Ihnen einen Beweis von Ergebenheit liefern, den Sie nicht ablehnen werden. Diese Briefe könnten Ihre Schwester vernichten; da sind sie.« Jacques zögerte. »Nehmen Sie sie schnell,« sagte Frau Belloni mit einem Zittern in der Stimme, als bereue sie schon, was sie tat. Er zwängte den Umschlag in seine Brieftasche. Sie hielt ihm ihre feinen Hände hin, ihre schönen, nackten Arme, die er glutvoll küßte. »Jetzt gehen Sie ...« »Fordern Sie es nicht gleich! Lassen Sie mich von meiner Liebe, von meiner Dankbarkeit sprechen.« Leiser antwortete sie: »Morgen, morgen kommen Sie wieder! Gehen Sie! Es ist besser so.«

IV.

Jacques war sehr bewegt, als er mit der kleinen Gräfin unter vier Augen reden konnte. »Ich bitte dich,« hatte sie gerufen, »nenne mich nicht so! Alles, was mich an meinen Namen erinnert, flößt mir Schauder ein.« Sie hatte umränderte Augen, und zuweilen erfaßte sie ein nervöses Zucken wie in Unheilsträumen. Er betrachtete sie mit verlegenem, gütigem Blick. Nie hatten während der langsam dahinfließenden Zeit des Müßiggangs in China sein Herz und sein Hirn einen solchen Aufruhr durchgemacht. Seine komplizierte Empfindung für Vera hatte eine neue Form angenommen, und sein Mitleid mit Simone krankte unter der freundschaftlichen Einmischung der Frau, die er liebte; wie groß gesinnt hatte sie sich gezeigt! Brüderliche Scham hielt ihn ab, alles zu erklären. Doch Simone, deren Geschichte nach und nach in der Familie bekannt wurde, bekundete ihm ein so inniges Vertrauen, daß er sich so weit überwand, die berüchtigten Briefe hervorzuholen. Mit ihren zitternden, armen Händen entfaltete sie sie, dann richtete sie auf ihn einen schönen, unglücklichen Blick: »Du hast sie gelesen?« »Ich! Dessen hältst du mich für fähig? Wie unzart wäre das!« »So lies sie!« Lebhaft wehrte er sich, doch sie bestand darauf. Arme Schwester! Wie hatte sie leiden müssen! Er war gerade mit dem Lesen zu Ende, als Isabelle eintrat. Sie erschien sehr willkommen, und nun beratschlagten sie. Einmütig beschlossen sie, die Briefe zu verbrennen. Beruhigt und doch voll Grams sah Simone, wie die gefährlichen Schriftstücke verschwanden. Es war ihr, als würde da ein wenig vom Denken und Fühlen des Mannes verzehrt, der ihr teuer war, und von ihrem eigenen Selbst. Was die Verhandlungen mit Sergius betraf, so machte die edle Bereitwilligkeit seiner Schwester es unerläßlich, daß man ihre Dienste in Anspruch nahm.

Fünf Minuten später hielt man in Gegenwart der alten Fabrecé eine Konferenz ab. Bei der gerechtfertigten Sorge der Eltern wegen ihrer Flucht und wegen der Situation, in der sie sich befand, hatte Simone sich ein völliges Geständnis abringen müssen. Sie hatte die schmachvolle Brutalität ihres Gatten bekannt und, was ihr noch schwerer fiel, die Rolle ihres Freundes Henri Le Jas in diesem Drama, dem man noch keine Lösung wußte. Denn gab es eine solche, gab es einen Ausweg aus dem Labyrinth? Eine Heirat mit Le Jas hätte alles geordnet, wenn auch nicht nach dem Wunsch von Herrn und Frau Fabrecé, die Feinde der Scheidung waren und über die Nachteile einer zweiten Heirat, auch für einen Witwer, Bescheid wußten. Sie dachten an die Töchter Claudies, wie man sie nannte, statt sie die Töchter Jean-Marcs zu nennen. Schließlich wäre auch das hingegangen, da Le Jas so hohe sittliche Garantien bot. Doch nichts war zu erhoffen. Ihn seinerseits ließ seine Frau nicht locker, und auch Simone war durch Sergius Willen, einer Scheidung sich zu widersetzen, geknebelt. Herr Fabrecé, der nachsann, blickte auf: »Eine gesetzliche Trennung, die dir drei Jahre Ueberlegung ließe und nichts überstürzen würde, scheint mir das einzig Vernünftige. Der häßliche Skandal, der solche Prozesse begleitet, würde verringert, wenn man deinen Mann dazu brächte, zu unterschreiben. Dann wäre alles in drei Wochen geregelt. Du willst etwas sagen, Isabelle?« »Ich fürchte alles, Vater, was auf Simone die öffentliche Aufmerksamkeit lenken und später ihren Kindern vorgehalten werden könnte. Unbemerkt würde die Ehetrennung einer Fabrecé, auch wenn sie rasch vor sich geht, nicht bleiben.« »Gewiß, aber deine Schwester hätte dann eine klare Position. Das Gesetz würde sie schützen. Sonst hat sie keine Sicherheit als die Versprechungen ihres Mannes, der immer der Herr ist und auf seine Rechte als Gatte und Vater pochen kann. Und zu dem Wort eines Polotzeff habe ich durchaus kein Vertrauen.« Er wandte sich Jacques zu, der eine halbe Bewegung gemacht hatte. »Vater,« meinte dieser, »haben wir denn die Wahl? Frau Belloni hat mir bestätigt, daß Sergius eine solche Auseinandersetzung so wenig gutheißen würde wie eine Scheidung.« »Wir können doch auf Scheidung klagen,« sagte Herr Fabrecé. »Und wir können verlieren,« wandte Isabelle ein.

Frau Fabrecé nahm das Wort: »Mir scheint, daß die freie Handlung von Frau Belloni, die ihren Bruder entwaffnet, uns ihr verpflichtet. Wir dürfen die junge Frau nicht in die Gefahr bringen, ihre Unklugheit beklagen zu müssen. Und wäre es nicht auch Sergius gegenüber, so schuldig er sein mag, gewagt, einen schiedlichen Vertrag abzulehnen, der Aergernis vermeidet, dir, Simone, deine Kinder läßt und dich von einem Joch befreit, das, ich gebe es zu, unerträglich geworden ist? Was meinst du? Auf dich vor allem kommt es an, und du sagst nichts.« Simone brach in Tränen aus. Sie hoffte noch, entgegen aller Hoffnung, aller Logik, nur aus dem Instinkte einer Frau, die nichts weiß, als daß sie liebt und geliebt wird, daß die Gesetze sinnlos, die Menschen böse sind, einer Frau, die man unter Vernunftgründen zermalmt, indes jenseits der Mauer des schwarzen Kerkers flutendes Licht ist, freier Luftraum, Glück und Leben. Ein Schweigen des Erbarmens legte sich um sie und bezeigte die Ohnmacht ihrer Angehörigen, die sie doch liebten. Mit gerunzelten Brauen begann Herr Fabrecé, in seinem Stolz, in seinem Gerechtigkeitsgefühl verletzt und aufgerührt in seiner Zärtlichkeit, die zu klug war, um seine bejammerte Tochter nicht freizusprechen: »Gut, wir wollen verhandeln. Doch ich bestehe darauf, daß wir eine gesetzliche Trennung erstreben. Jacques wird Frau Belloni meinen Dank überbringen, bis ich mit ihr spreche und, das wird notwendig sein, mit Sergius. Das mindeste, das wir fordern können, ist eine Verpflichtung vor Zeugen und vielleicht auch schriftlich beim Advokaten einzugehen; denn mit ihm ...« Er legte die Hand auf die Schulter Simones, die wie zerbrochen sich beugte: »Mut, Tochter! Du stehst unter dem Schutz deiner Familie. Deine Kinder bleiben dir zunächst. Du hast eine andere Aufgabe: Weihe ihnen deine ganze Seele! Ich achte dich und Le Jas trotz seines unüberlegten und sehr unvorsichtigen Verhaltens zu sehr, als daß ich nicht sicher wäre, ihr würdet tapfer einem unerfüllbaren Traum entsagen.« »Meiner Liebe kann ich nicht entsagen,« flüsterte Simone verzweifelt. »Was soll aus mir werden? Eher bringe ich wie Claire Jayant mich um, als daß ich zu Sergius, dem Elenden, zurückkehre. Aber Henri zu verlieren ? Vater, du verlangst Furchtbares von mir.«

Empört und doch durch die Stärke einer solchen Verzweiflung im Grund der Seele erschüttert, reichte die Mutter Simone die Hände. Ihre Liebe murmelte Ratschläge, die sie laut vorbringen wollte, die jedoch im Uebermaß des Mitleids erstarben. Hoch aufgerichtet sprach Herr Fabrecé, voll ernster und gütiger Trauer: »Ich verlange von dir das einzige, was mit deiner und unserer Würde sich verträgt. Auch wenn Polotzeff dich nicht zwänge, würde deine Ehre fordern, daß ihr, Henri Le Jas und du, Beziehungen einstellt, die ebenso unerlaubt sind wie gefährlich. Die Liebe, armes Kind, nährt sich von der Gegenwart des Geliebten wie die Flamme vom Holz, in dem sie glüht. Du wirst vergessen, du bist jung. Auch andere haben geliebt und zu lieben geglaubt; und dann, Monate und Jahre ...« »Aber, Vater, gerade weil ich jung bin, kann ich mich nicht darein finden, mich lebendig zu begraben.« »Arme Simone, hast du nicht selbst das Unglück auf dich herabbeschworen?« »Ja, ich habe mich geirrt; doch soll ich für diesen Irrtum mein ganzes Leben lang büßen? Ich war ein Kind. Immer werde ich Henri lieben. Ihn kann ich aus meinem Denken nicht verbannen. Er beherrscht es. Wie sollte ich ablassen, ihn zu lieben?« Zärtlich sprach Isabelle: »Das Herz vermag dir niemand aus dem Leibe zu reißen. Dein tiefinneres Bewußtsein allein wird dich richten. Doch du mußt den Mut haben, in der äußeren Welt einen Bund preiszugeben, der, bestände er fort, alles zerstören würde, was dir und uns das Leben heiligt, die Pflicht, das Ideal derer, die mit dir eines Fleisches und eines Geistes sind.« »Glaube Isabelle,« sagte der Vater, »je schwerer das Opfer dir sein wird, desto höher wirst du in der Achtung derer steigen, die dich mit trostloser Liebe umgeben. Freiheit hast du nicht mehr. Füge dich der Notwendigkeit, nicht feige, sondern als eine wahre Fabrecé!« Stärker noch umklammerten, flehend und befehlend, die Hände der Mutter die Simones, und sie betrachtete Isabelles schönes, von Zuversicht strahlendes Antlitz, Jacques, der voll Teilnahme war, die Mutter, die vor Bewegung und Müdigkeit kaum noch atmete, und den Vater, der ernst und fest dastand. Sie fühlte, daß sie nichts gegen die unerbittliche Macht der Gesellschaft vermochte, der Familie, der Grundsätze, deren grausame Härte auch ihren Geist durchdrungen hatte. Sie sah sich verstümmelt, des besten Teils ihrer selbst beraubt und doch von dem Gedanken gestählt, daß sie, wenn sie eine solche Folterqual über sich ergehen ließ, einem höheren Verhängnis gehorchte. Bleich, zermalmt, doch mit stolzem Blick und straff, als wolle auch sie die echte Fabrecé sein, die sie sein sollte, stammelte sie: »Ich werde alles tun, Vater, was du willst.«

+++

Man hatte die Rechnung ohne Polotzeff gemacht. Als Jacques Frau Belloni wieder besuchte, konnte sie ihm nicht verhehlen, daß eine Schreckensszene zwischen ihr und ihrem Bruder getobt hatte, der mit wilder Wut erfuhr, daß sie der Briefe sich entäußert hatte. Umsonst war dieser Verrat, denn er, der Mißtrauische, bewahrte zweifache Photographien. Er wollte bis zu Ende gehen. Man sollte schon sehen, wie teuer Simone das Verlassen der ehelichen Wohnung bezahlen würde. Man bestahl ihn, man verhöhnte ihn; nun gab es keine Einigung mehr. Durch Zwang wollte er Frau und Kinder zurückholen. Auf der Ehe und allen ihren Folgen wollte er beharren. Das Gesetz war für ihn.

Jacques hörte zu, wie Vera, vor Entrüstung und Groll schaudernd, ihm dies erzählte. Vor sich sah er eine ganz andere Frau als die, die in weichem, rosigem Gewand, mit weißen Armen ihr verführerisches Lächeln spendete. Sie hatte, wie sie ihm sagte, nach dem durch Sergius hervorgerufenen Skandal das Hotel verlassen. In einem dunklen, engen Reisekostüm, in dem sie schlank und kraftvoll dastand, mit hartem Antlitz und gewitterdunkeln Augen schien sie eine junge, schöne Löwin, die mit gespannten Muskeln bereit ist, anzuspringen und zu beißen. Als wäre eine Maske gefallen, nahm er auf diesem neuen Antlitz ein geheimnisvolles, vergewaltigtes Seelendasein wahr, das ihn jäh anzog und dennoch abstieß; unbekannte Leidenschaften wurden hier sichtbar. Er war befremdet, bis seine Milde und seine überredenden Worte seine Freundin ein wenig beschwichtigt hatten.

»Polotzeff hat Sie mißhandelt, nicht wahr?« fragte er. Zugleich mit der Sache Simones wollte er die Veras gegen den Angreifer führen, mit der Faust und mit dem Degen. »Ach, das macht nicht viel. Einmal mehr! Als Kinder haben wir, wenn wir uns schlugen, einander das Gesicht zerrissen. Jawohl, ohne meine Geistesgegenwart und Juanas Hilfe hätten Sie mich vielleicht nicht wiedergesehen. Da!« Sie neigte den Kopf, hob unter ihren dichten Flechten die seidigen Härchen und zeigte ihm da, wo sie auseinandergingen, eine Furche geronnenen Blutes. Das war die Spur eines Messerstichs, den ihr Bruder, weil er keine andere Waffe hatte, ihr ins Gesicht versetzt hatte. Er zielte auf die Augen, um sie zu verwüsten, doch, weil sie rechtzeitig den Ellbogen hob, war der Stoß abgeglitten. Jacques erbleichte; seine Liebe strömte ihm zum Herzen, er krümmte sich im Haß gegen diesen Frauenquäler. »Ich töte ihn,« sprach er und hatte dabei ein Lächeln, das seine Zähne bloßlegte und so grausam war wie das Lächeln der fernen Völker da unten, wenn ein Verurteilter hingerichtet wurde. »Nein, Sergius ist unübertrefflich im Fechten und Pistolenschießen.« »Das ängstigt mich nicht.« »Er würde ein Duell ablehnen, und Sie wollen sich doch nicht mit einem Wahnsinnigen schlagen.« Sie beendete ihre Erzählung. Das Nahen Juanas und ihre Hilferufe hatten einen neuen rasenden Angriff Sergius nicht aufhalten können. Erst vor dem Revolver war er zurückgefahren, den seine Schwester gegen ihn spannte. Es war ein Taschenrevolver, der sie in ihrem abenteuerlichen Leben schon manchmal beschützt hatte. Hotelbedienstete liefen hinzu, man mußte sie unter irgend einem Vorwand wegschicken; sie waren enttäuscht und skeptisch. In diesem Allerweltslogis, wo sie nun gegen jeden neugierigen Blick wehrlos war, konnte sie nicht bleiben. Sie hatte schon eine möblierte Wohnung in der Rue Pergolèse gemietet.

»Aber Ihr Bruder ist gefährlich,« versetzte Jacques. »Sie können nicht unbewacht bleiben.« »Ich kenne Sergius. Er wird jetzt für einige Zeit verschollen sein, und nur gerichtlich werden Sie von ihm hören. Uns bindet nichts mehr. Zögern Sie nicht! Ihre Schwester soll sich verteidigen und vor Gericht ihre Freiheit fordern.« Entschlossen fügte sie hinzu: »Wenn Sergius wieder bösartig wird, werde ich ihn schon daran hindern, Schaden zu stiften.« Gerührt über die Gesinnung des alten Herrn Fabrecé bemerkte sie dann: »Wäre es nicht besser, lieber Freund, daß es zwischen unserm Leben, dem der Ihrigen und meinem, keine Beziehungen mehr gäbe? Ich habe keinen Platz in Ihrer Mitte, und Sie haben mit mir nichts gemeinsam. Alles entfernt uns voneinander.« Für diese rücksichtsvolle Auffassung wußte er ihr Dank. Ein allzu familiäres Zusammentreffen wäre ihm unangenehm gewesen. Auch in seinen heißesten Wünschen dachte er nicht daran, Vera in Val-Montoir oder im Verkehr mit seinen Schwestern sehen zu wollen. Gerade wegen des starken Begehrens, das ihn ihr zuführte, und weil er sie für sich besitzen wollte, behielt er sich einen eifersüchtigen, geheimen Kult ohne Zeugen und Aussicht vor. Sie kam ihm entgegen, indem sie sagte: »Wissen Sie, was Sie heute abend machen könnten? Holen Sie mich Rue Pergolèse ab und bringen Sie mich in irgendein Montmartre-Restaurant.«

Als er jedoch in ihrer neuen Wohnung vorsprach, hatte sie keine Lust mehr auszugehen. Hatten die herrlichen, duftenden Blumen, mit denen er ihr Zimmer hatte füllen lassen, ihr Kopfschmerz verursacht? Sie hatte den Einfall, an einem kleinen Tisch mit ihm zu speisen. Sie wollten recht gemütlich allein sein. »Ach, das ist eine hübsche Idee!« Jacques war entzückt. Er fand die Vera von neulich wieder, die Fee und Sirene war, bezaubernd und beunruhigend. Sie trug nicht mehr das Reisekostüm, das eng sich an ihre Glieder legte, frei, mit einem seidenen Manilla-Schal drapiert, den purpurne Blumen übersäten, eine fleischige duftausströmende Nelke am Ohr, schien sie ihm ein anderes Weib als sonst. Er bewunderte diese unbeständige Macht, diese Fähigkeit, immer wieder aufzublühen. Frau Palmé ließ sich nicht blicken; und zwischen Kissen auf dem Diwan halb hingestreckt, war Vera noch schöner in ihrem eigenen Glanze. Er saß nahe bei ihr, so nahe als möglich. Diesmal sprachen sie nicht von Heirat, sondern von einem anderen Bunde, dessen Dauer nur ihre ihnen selbst unbekannten Launen und die Ereignisse bestimmen würden. Vera, die ihre Augen schmachtend in die Jacques tauchte, wurde manchmal von leisem Lachen geschüttelt, während dessen sie, wogend unter dem Schal, der ihre festen, lustvollen Formen umschloß, sich aufrichtete. Zärtlich hob sie den Kopf: »Jacques, ich sage es Ihnen, Sie tun ein Unrecht, wenn Sie mich lieben. Sie werden durch mich leiden. Noch ist es Zeit. Nehmen Sie Ihren Hut und gehen Sie!« Er antwortete mit Küssen auf ihre Finger, ihre Armgelenke, ihre schönen, nackten Arme: »Ich liebe Sie.« In dieser Nacht kehrte er nicht nach Val-Montoir zurück.

V.

Henri Le Jas stand ganz unter dem Bann seiner fixen Idee. Simone und er mußten sich von ihren Ketten befreien, um eines Tags sich anzugehören. Von Florent verständigt, wütete er unablässig gegen das, was er den Egoismus der Fabrecé nannte, gegen ihre Schlaffheit in der Auseinandersetzung mit Polotzeff, diesem kranken Banditen, dem die Richter als einem Unwürdigen eine Eheschließung verbieten und den sie nach Wahl ins Gefängnis oder in eine Irrenzelle schicken sollten. Daß Simone in eine freundschaftliche Trennung ohne Garantien, die ihre verhaßte Sklaverei verlängerte, willigen könne, das ging ihm über den Horizont. Sie wollte er sehen, mit ihr wollte er um jeden Preis sprechen. Nicht lange mehr durfte eine solche Folterqual dauern, daß sie da war, in Entfernung von ein paar Metern, nur durch einen Gang, eine Mauer ihm entrückt, ohne daß er die Haft zu brechen vermochte, die sie unbeugsam sich auferlegt hatte. Er lebte nur noch in Furcht vor dem Unglück, dessen Nähe er auf den Gesichtern aller Familienmitglieder zu lesen glaubte, die weit reservierter als früher gegen ihn waren, die Frauen zumal. Sicherlich, wenn er nicht von selbst ging, hießen Herr Fabrecé oder Jean-Marc, der ihn mit rauher Sympathie betrachtete und ihm derb die Hand drückte, bald ihn gehen.

Florent hatte Mitleid mit ihm. Er hatte sich bemüht, Simone umzustimmen. Sie war nur allzu leicht gerührt, und desto mehr widerstand sie ihrem Herzen. Er, der die Extreme liebte, begriff nicht, daß sie nicht alle Gefahren gern auf sich nahm. Ehescheidungsprozeß, Skandal, ein Mißerfolg sogar: was war weiter dabei! Von Prozeß zu Prozeß könnten sie den Feind jagen, ihn einschüchtern und matt machen. Und warum sollte es nicht gelingen? Was war der große Name Fabrecé wert, wenn er nicht bei den Behörden und in der öffentlichen Meinung Gewicht haben sollte? War es Simone beschieden, vor Kummer zu sterben und einen braven Mann zur Verzweiflung zu bringen? Wenn er sie drängte, fühlte sie, wie sie schwach wurde, und suchte sich ihm zu entziehen. Florent war ohnmächtig gegenüber der vereinsamten Frau. Sie war nun dem Geist der Gesamtheit, der Herrschaft derer, mit denen man im Alltag zusammenlebt, wieder untertan. Er entschloß sich, die Entscheidung zu beschleunigen. Le Jas hatte gerade nach seiner Wunde gesehen, ? einer dummen Wunde, er hätte ein Krüppel werden können ? als Simone, wie sie es in dieser Stunde erhofften, leichten Schritts zu seiner Tür kam und stehen blieb. Mit einem kurzen Wink deutete Florent auf die kleine, angrenzende Stube, die ihm als Laboratorium und Rumpelkammer diente. Kaum hatte Le Jas sich dort versteckt, als Simone eintrat. Florent mußte sie anstaunen, so hübsch war sie mit ihren blassen, schmerzlichen Zügen, in ihrer ergreifenden Jugend. Sie sah gefaßt aus, wie er sie noch nie gesehen hatte. »Ich dachte, du seiest nicht allein?« »Warum?« »Ich hätte mit Henri ein paar Worte zu reden.« »Wenn du ihn noch unglücklicher machen willst, wozu? Er ist unglücklich genug.« »Bin ich auf Rosen gebettet? Ich habe einen Brief meines Mannes erhalten. Er fordert, daß ich zu ihm zurückkehre und ihm die Kinder wiedergebe.« »Nein, so eine Frechheit!«

Die Tür des Laboratoriums öffnete sich ein wenig, und plötzlich stand Le Jas neben Simone. Erschrocken warf sie sich zurück. »Oh, Sie waren da, Sie waren da! Das ist nicht schön von Ihnen!« »Hören Sie mich an!« »Sehen Sie, Henri! Das wollte ich Ihnen sagen; gehen Sie, wir dürfen uns nicht mehr sehen.« »Ich kompromittiere Sie wohl?« fragte er bitter. »Uns nicht mehr sehen? Habe ich Sie seit Ihrer Rückkehr gesehen? Haben Sie mich nicht wie einen Fremden von sich fern gehalten? Fühlen Sie denn nicht, daß außer Florent niemand Ihnen hilft, niemand Ihnen rät, wie er sollte? Polotzeff befiehlt Ihnen, mit Ihren Kindern in sein Haus zurückzukehren. Sind Sie denn schwach und feig genug zu gehorchen? Ich widersetze mich dem ? ich werde Sie mit allen Mitteln zu hindern suchen, das schwöre ich Ihnen!«

Simone heftete auf ihn einen trostlosen Blick, der, ohne daß sie es wollte, voll zärtlichen Mitleids war. »Nein, nein, beruhigen Sie sich. Aber er hat Rechte, schreckliche Rechte; das Gesetz ist für ihn.« »Ja,« erwiderte Le Jas empört, »die Gendarmen! Besorgen Sie nichts, sie werden Sie nicht mit Gewalt holen. Kein Gericht würde heute mehr einen solchen Befehl zu unterzeichnen wagen.« »Aber vergessen Sie denn, daß er mir die Kinder nehmen kann, und daß morgen oder in wenigen Tagen eine Gerichtsentscheidung sie ihm zusprechen müßte? Er ist der Vater, er ist der Stärkere.« »So wollen Sie sie ihm ans Messer liefern?« Gekränkt durch diese Worte, die von Wesen, die ihr Schoß geboren hatte, so sprachen wie von fortgeschlepptem Schlachtvieh, erwiderte sie: »Ich? Eher sollen sie mir das Herz herausreißen!« »Gut,« sprach Le Jas, dessen kraftvolles Gesicht während des Gesprächs die heftigsten Erregungen wiedergab, »sind Sie, Sie und Ihre Familie, endlich zu dem Vorstoß bereit, der schon am ersten Tage hätte geschehen müssen? Finden Sie sich in die Notwendigkeit, die sich aufzwingt, und die Sie nicht umgehen können, trotz all dieser dürftigen oder ehrenwerten Erwägungen der Klugheit, der Würde, des Interesses? Ach, hier handelts sich viel um Theorien und gesellschaftlichen Anstand. Entschließen Sie sich endlich zum einzigen rettenden Ausweg, zum Kampf, zum unablässigen Kampf, zur Scheidung, oder, wenn Ihnen das genehmer ist, zur völligen Trennung, die ihr vorausgeht! Wir brauchen nicht einmal ganze drei Jahre mehr darauf zu warten,« fuhr er mit einem Lachen fort, das schmerzlich klang. »Polotzeff schiebt Sie vorwärts, und Sie werden sich beide nichts vorzuwerfen haben. Ihre Kinder wollen Sie behalten! Und wenn Sie einmal befreit sind, gerettet vor diesem Menschen, vor dieser Unverschämtheit, dieser Roheit, werden Sie dann nicht die Lebensfreude segnen?« »Ich weiß nichts, ich weiß nichts,« rief Simone entsetzt. »Ich glaube, daß ich in einen Abgrund versinke. Ich bin erschöpft.«

Henri Le Jas ergriff ihre Hände, die wie gefangene Vögel sich sträubten, ihre eisigen Hände, dann zog er sie an sich und eroberte mit seinem Blick, den sie vermeiden wollte, den ihren, um sie mehr noch zu durchdringen: »Simone, das Glück ist kein Zufallsgeschenk; Mut ist dazu vonnöten. Haben Sie Mut! Ich will gehen, wie Sie wünschen. Auch ich versuche meinem Kerker zu entrinnen. Ich will zu meiner Frau und ein letztes Mal mich anstrengen, sie zu überzeugen und sie zu rühren. Gelingt es mir nicht, so sehen Sie mich nicht wieder. Dann will ich Ihnen nicht mehr zur Last sein. Vielleicht gehe ich außer Landes. Man hat mir in der Fremde glänzende Angebote gemacht.« Simone zitterte, sie starrte ihn an und wurde so bleich, daß er fürchtete, sie gleite bewußtlos nieder. »Zum Entgelt«, rief er, »fordere ich von Ihnen ein Versprechen. Weigern können Sie sich nicht. Tun Sie alles, tun Sie Unerhörtes, sich von dem Elenden zu befreien, denken Sie an Ihre Kinder, an sich selbst!« Er blickte zu Boden, und leiser fuhr er fort: »Denken Sie auch ein wenig an mich, der ich Sie liebe! Wenn das ungerechte Schicksal uns trennt, werde ich aus der Ferne für Sie beten, und nur die Gewißheit, daß Sie weniger unglücklich sind, wird mir ein Trost sein.« »Ja,« sprach Simone, »ich will kämpfen, das schwöre ich Ihnen, und will meine Familie dazu bestimmen.« Leidenschaftlich küßte Henri Le Jas ihr die Hand. »Gehen Sie,« sprach sie, »lieber Freund.« Doch er konnte sie nicht verlassen, und erschüttert überdachte Florent, mit wieviel Leid die Freuden maßloser Liebe erkauft werden.

Es klopfte. Jean-Marc trat ein. »Dich suche ich,« sprach er zu dem Arzte. »Ich folge dir.« Le Jas wandte sich zu Simone um: »Ich sage Ihnen also Lebewohl. Auf Wiedersehen, Florent, baldige Genesung!« Ein letztes Mal noch wandte er sich um, und in diesen Blick legte er seine ganze Ergebenheit, seine unbegrenzte, unwiderrufliche Neigung.

Sie gingen die Treppen hinab. Mit befehlshaberischer Gutmütigkeit sprach Jean-Marc: »Nun, Henri?« »Nun, Jean-Marc? Ich habe dir nichts mitzuteilen. Ich gehe.« In seiner Stimme war eine furchtbare Bitterkeit. Diese große Familie war die seine. Er hatte vor Jahren Claudie vom Typhus errettet und alle diese Menschen behandelt, die vor ein paar Tagen noch ihn wie einen Bruder aufnahmen. »Das ist das Beste, was du tun kannst,« sprach Jean-Marc. »Simone wird nicht mehr zögern, sie wird Trennung von Tisch und Bett verlangen.« »Amen!« sprach Le Jas, »warum nicht die Scheidung?« »Dem Vater und der Mutter widerstrebt sie. Und dann legt die Trennung Raum und Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft. Man sieht die Dinge kommen; sie ist eine Probe.« »Und sie schafft Leiden.« Jean-Marc fuhr fort: »Falls sie die Trennung durchsetzt ? und warum sollte sie sie nicht durchsetzen, wenn sie eine Zierde der Anwaltskammer nimmt, den pfiffigsten aller Rechtsanwälte? ? wird man klarer sehn.« Er blieb stehen, und mit männlichem, freundschaftlichem Lächeln sagte er: »Mein guter Junge, all das macht mir viel Pein.« »Mir auch.«

Jean-Marc deutete auf das Automobil. »Ich fahre nach Paris, fährst du mit?« »Einverstanden!« Armande eilte ihnen nach: »Kann ich mitfahren?« »Unmöglich. Le Jas kommt mit.« Und als dieser sich beeilte, ihr seinen Platz zur Verfügung zu stellen, gebot ihm Jean-Marc mit einem Blick, den er wohl kannte, zu schweigen: »Henri muß zum Schnellzug nach der Bahn. Ich komme zum Essen wieder.« Mit regungslosem Lächeln sah Armande zu, wie sie abfuhren. An der Biegung der Straße winkte Jean-Marc mit der Hand. »Du betrügst mich,« sprach sie zu sich. Und sie lief zum Telephon, um es Liane zu melden. »Du bist eine Gans,« antwortete die Stimme in der Ferne. »Ueberlaß es mir!«

Im Auto rauchte Jean-Marc, ohne zu reden, seine Zigarre, und Henri Le Jas sah, wie in rasender Schnelligkeit Bäume, Straßen, Flüsse dahinliefen. Sie glichen seinem vergangenen Leben, das da entfloh. In Paris nahm er sich nur die Zeit, um einen Handkoffer zu kaufen und die unentbehrliche Wäsche hineinzupacken. Vom Nordbahnhof fuhr er mit dem Schnellzug nach Belgien.

+++

Jean-Marc ging zum Advokaten, dann nach dem Hotel, in dem Polotzeff abgestiegen war. Er wollte nicht, daß sein Vater sich auf eine Unterredung mit Sergius einließe, aber er für sich wollte ihn sehen und mit ihm sprechen. Er vermied es, sich melden zu lassen, nahm den Fahrstuhl und klopfte direkt an die numerierte Tür des Zimmers, in dem sein Schwager wohnte.

»Wer ist da?« fragte eine argwöhnische Stimme. Vorsichtig öffnete Sergius, in violettem Pyjama mit cremefarbenen Streifen. Als er Jean-Marc sah, wich er zurück. Ein unruhiges, dreistes Lächeln umspielte seltsam sein blasses Patriziergesicht. Sein Schädel war ungewöhnlich gewölbt und ging spitz zu, schmaler und schmaler bis herab zu seinem geteilten Kinnbart. Zur Hälfte kahl, hatte Sergius die gebogene Nase eines Raubvogels und unter seinem blonden Schnurrbärtchen gebogene Lippen von äußerster Beweglichkeit. Seine sehr schönen, sehr großen Augen spähten mit falschem Glanze hin und her. Seine kleine, geschmeidige Gestalt bewies Rasse; aber von Degeneration zeugten seine geschwollenen Augenlider, die Fahlheit seiner Hände mit den langen gekrümmten Nägeln, seiner Hände, die trocken und eingeschrumpft waren wie die Klauen eines Vogels. Seine verwirrende Erscheinung ließ an einen der Buhlen Heinrichs des Dritten denken, wie Clouet sie gemalt hat. Die lastende Halskrause und das Samtbarett gehörten dazu, und man vermißte den langen Dolch, der tödlich war wie ein Wespenstachel.

»Wir haben Ihren Brief erhalten,« sprach Jean-Marc, der sich beherrschte. »Er ist ein schlechter Spaß, ein Bluff, nicht wahr?« Der Kontrast der beiden Männer war überwältigend. Von Jean-Marc gingen die Gesundheit und Kraft seines plebejischen Ursprungs aus, den kaum zwei Generationen verfeinert hatten. Ein Schlag seiner verkehrten Hand hätte den kleinen Menschen da gestürzt, der unverwundbar war durch Gesetze, die ihm hoheitliche Macht über schuldlose Opfer verliehen. Sergius Polotzeff betrachtete mit größter Aufmerksamkeit die bekleideten Hände seines Gegners. Hatte er eine Ohrfeige mit der flachen Hand oder einen Hieb mit der geballten Faust zu erwarten? Eine Sekunde hatte es ihm vor den Augen geflimmert. Aber sogleich erriet er, daß Jean-Marc ihn nicht anfassen würde, und sein Selbstbewußtsein kehrte wieder: »Darf ich Ihnen sagen, daß ich Ihre Frage inkorrekt finde? Ich erkenne niemandem das Recht an, sich zwischen meine Frau und mich zu drängen.« Er hatte eine scharfe Stimme, die von seiner neurasthenischen Erregung zum Falsett hochgetrieben wurde, und unter dem Lächeln des Weltmannes wurde ein kalter Haß sichtbar, die Tücke eines Reptils, die Jean-Marc zum erstenmal empfand. Blut stieg ihm ins Antlitz: »Auch nicht um die Schläge aufzufangen, die Sie ihr geben, Sie Schurke?« »Ich habe gegen Frau Polotzeff nie die Hand erhoben,« beteuerte Sergius unsicher. »Was ist das für ein Märchen? Ein Gentleman wie ich ... erzählt sie solche Dummheiten?« Salbungsvoll setzte er hinzu: »Ich wußte wohl, daß sie manchmal nicht bei Vernunft war; aber so schlimm ...«

Mühsam widerstand Jean-Marc dem tollen Wunsche, ihn hinzuwerfen und wie ein Schneckengehäuse mit dem Fuß zu zertreten. Polotzeff las wohl in seinen Augen dies Verlangen, denn er hielt es für ratsam, sich hinter einen breiten Tisch zu bergen. »Sie haben eine eiserne Stirn,« sprach Jean-Marc endlich betroffen. »Ich bin nur gekommen, Ihnen zu sagen: Simone wird nie mehr Ihr Haus betreten, und die Kinder behält sie.« »Gut,« sprach Polotzeff, »so wende ich mich ans Gericht.« »Sie auch.« »Recht so! Es wird Schmutz genug geben, um alle gegenwärtigen und zukünftigen Fabrecé damit zu besudeln.« »Kanaille, Kanaille,« brüllte Jean-Marc, der, krampfhaft sich zwingend, die Arme kreuzte, denn sonst ...

Ein Bedienter im Frack erschien. Hinterrücks hatte Sergius, an das Holzgestell der Wand sich lehnend, den elektrischen Knopf berührt. »Ich will Sie nicht länger aufhalten,« sprach er mit erlesener Höflichkeit. »Auf Wiedersehn!« und zum Diener: »Führen Sie den Herrn hinaus!« Unfreiwillige Achtung lähmte Jean-Marc. Mit seinem Blick maß er Polotzeff, der jetzt würdevoll ihn mit Geringschätzung strafte. Er sagte nicht ein Wort mehr, das ja nur eine Schmähung sein konnte, und ging, wütend über sich selbst, über seinen vergeblichen Besuch und seine Ohnmacht. Ach was, er hätte ihn einfach zerstampfen sollen. Er war noch dunkelrot im Gesicht, als er zu seiner kleinen Freundin Suzette Hycler von den Bouffes kam, eine Schachtel Pistazien in der Hand, die sie gern aß.


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren