Bingo und andere Tiergeschichten

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Vixen

Eine Mutter

I

Trauer und Verzweiflung lag auf unserem Hühnervolk. Schon länger als einen Monat verschwanden die Bewohner unseres Geflügelhauses aus eine unerklärliche, geheimnisvolle Weise, und als ich in den Sommerferien von der Universität heimkam, hielt ich es für meine Pflicht und Schuldigkeit, die Ursache ausfindig zu machen. Die Hühner wurden eines nach dem andern frech davongeschleppt, ehe sie sich auf ihrer Stange zur Ruhe niederließen, oder nachdem sie sie verlassen. Diese Tatsache entlastete Landstreicher und allzu anhängliche Nachbarn, und auch Raubvögel konnten die Übeltäter nicht sein; denn die Hühner waren nicht von ihren Nistkästen heruntergeholt. Ebenso fand man keine halbaufgezehrten Leichname, so daß Wiesel, Sumpfotter oder der Skunk, das nordamerikanische Stinktier, unschuldig sein mußten. Der freche Diebstahl blieb infolgedessen einzig und allein auf Meister Reineke sitzen.

Vixen.

Das weite Nadelholz von Erindale lag auf dem anderen Ufer des Flusses, und bei genauerer Untersuchung der unteren Furt fand ich einige Fuchsspuren und eine gestreifte Feder von einem unserer englischen Hühner. Als ich auf der Suche nach mehr Beweismaterial das Ufer erklomm, hörte ich mit einem Male das ohrenverletzende Geschrei eines Volkes Krähen, und mich umschauend, sah ich einige dieses Gesindels auf irgend etwas in der Furt herabschießen. Bei näherem Hinschauen war es die alte Geschichte ? ein Dieb verrät den andern ? dort mitten durch die Furt lief ein Fuchs mit einem Huhn zwischen den Fängen; er kam mit einem neuen Opfer von unserem Hühnerhof. Die Krähen, obwohl selbst freche Räuber, sind immer die ersten, um zu rufen »Haltet den Dieb!«, dabei aber stets bereit, ihren Hehlerlohn in Gestalt eines Teiles der Beute zu nehmen.

Darauf waren sie auch jetzt aus. Der Fuchs mußte, um heim zu gelangen, den Fluß durchkreuzen und war dem vollen Angriff der pöbelhaften Krähen ausgesetzt. Er machte einige verzweifelte Sätze nach dem Ufer und würde zweifellos mit seiner Beute entkommen sein, hätte ich mich nicht dem Angriff angeschlossen. Infolgedessen war er gezwungen, die Henne, aus der kaum das Leben entflohen war, fallen zu lassen, worauf er im Walde verschwand.

Diese regelmäßige Eintreibung einer solch hohen Lebensmittelsteuer und die Tatsache, daß der Fuchs sie unzerstückelt davontrug, wies darauf hin, daß er eine Familie von kleinen Füchsen zu Hause hatte, und diese aufzufinden, machte ich mir nun zur Pflicht.

Am selben Abend begab ich mich mit Ranger, meinem Hund, über den Fluß hinüber und mitten in die Erindaler Forste hinein. Sobald der Hund zu suchen begann, hörte ich das kurze, scharfe Bellen eines Fuchses aus einem dicht verwachsenen Einschnitt dicht neben mir. Ranger setzte sofort hinein, fand eine frische Fährte und raste im lebhaftesten Tempo davon, bis sich seine Stimme in der Ferne hinter den Hügeln verlor.

Nach fast einer Stunde kam er unverrichteter Sache zurück, keuchend und erhitzt, denn es war heißes Augustwetter, und legte sich zu meinen Füßen nieder.

In demselben Augenblick ertönte direkt neben uns dasselbe fuchsische »Jap-Jurr«, und davon sauste der Hund auf eine neue Jagd.

Fort ging es, in die Dunkelheit hinein, der Hund, bellend wie ein Nebelhorn, mit der Richtung direkt nach Norden. Das laute »Boo?boo« wurde zum leisen »Ooo?o«, dieses zum schwachen »O?o« und dann war es still. Sie mußten etliche Kilometer weit gelaufen sein; denn selbst mit dem Ohr auf dem Erdboden konnte ich nichts hören, obwohl einige Kilometer keine Entfernung für Rangers messingne Stimme waren.

Wie ich so im dunklen Forst stand und wartete, vernahm ich den melodischen Klang von tropfendem Wasser: »Tink tank tenk tink, ta tink tank tenk tonk.«

Ich wußte nichts von dem Dasein einer Quelle in dieser Gegend und war in der heißen Nacht glücklich über den Fund. Der Ton führte mich zu einer Eiche, bei der ich die Urheberin fand. Es war ein weicher, süßer Gesang, wie der Zaubergesang der Verführung:

»Tonk tank tenk tink
Ta tink a tonk a tank a tink a
Ta ta tink tank ta ta tonk tink
Trink a trank a trink a trunk.« ?

Es war der Tropfgesang der Sägewetzeule. ?

Plötzlich weckte mich ein tiefes, heiseres Stöhnen und das Rascheln der Blätter ? Ranger war zurück. Er war vollkommen erschöpft. Seine Zunge hing ihm fast bis zum Erdboden, der Schaum stand ihm vorm Maule, seine Lungen arbeiteten schwer, und der Schweiß tropfte von Brust und Flanken. Einen Augenblick schaute er mich an, leckte pflichtschuldig meine Hand und warf sich dann auf den Boden, um alle anderen Geräusche mit seinem lauten Keuchen zu übertönen.

Da auf einmal ertönte einige Schritte vor mir wieder das neckende »Jap-Jurr«, und alles wurde mir klar.

Wir standen dicht bei der Höhle, wo die kleinen Füchse hausten, und die alten versuchten abwechselnd uns hinwegzulocken.

Es war inzwischen stockdunkle Nacht geworden, und wir wandten uns heimwärts, zumal wir die Gewißheit hatten, daß das Rätsel nahezu gelöst sei.

II

Es war allgemein bekannt, daß ein alter Fuchs mit seiner Familie in der Nachbarschaft lebte, doch niemand vermutete ihn so nahe.

Dieser Fuchs war von allen anderen seinesgleichen leicht durch eine Narbe zu unterscheiden, die vom Auge durch und bis hinter das Ohr reichte. Man vermutete, daß er sie auf der Hasenjagd von einem Stacheldrahtzaun erhielt, und da die Haare nach der Heilung der Wunde an dieser Stelle weiß wuchsen, blieb die Narbe ein untrügliches Abzeichen.

Im Winter vorher hatte ich diesen Fuchs zum erstenmal getroffen, und er hatte mir seine Schlauheit durch ein Beispiel bewiesen. Nach einem Schneefall war ich auf die Jagd gegangen und hatte die Felder gekreuzt, bis ich zu einer buschbewachsenen Einsenkung hinter einer alten Mühle kam. Als ich so weit herangekommen war, daß ich das flache Tal überblicken konnte, blieb mein Auge auf einem Fuchs haften, der außer Schußweite auf der anderen Seite herabtrottete und meinen Weg kreuzte. Augenblicklich hemmte ich meine Schritte, blieb vollkommen regungslos stehen und vermied es, auch nur meinen Kopf zu neigen oder zu wenden, um seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu lenken, bis er im dichten Gebüsch auf der Talsohle verschwunden war. Dann duckte ich mich und lief nach der anderen Seite, wo er die Deckung verlassen mußte. Dort wartete ich eine gute Weile, aber kein Fuchs erschien. Bei näherer Untersuchung der frischen Fährte entdeckte ich, daß der Fuchs unter dem Schutze des Buschwerks seine Richtung geändert hatte, und, den Fußspuren mit den Augen folgend, erblickte ich den alten Schlaumeier in beträchtlicher Entfernung direkt hinter mir; auf den Hinterläufen sitzend und augenscheinlich erheiternd grinsend.

Eine Untersuchung der Fährte erklärte alles. Er hatte mich in demselben Augenblick gesehen, als ich ihn entdeckte, aber schlau, wie es eben nur ein Fuchs sein kann, hatte er gar nicht dergleichen getan, bis er im Gebüsch war. Dort war er um mich herumgelaufen und weidete sich nun an meiner Enttäuschung.

Im Frühjahr hatte ich einen weiteren Beweis von seiner Verschmitztheit. Mit einem Freund ging ich auf dem Wege über eine Schafweide spazieren und sah in einiger Entfernung verschiedene graubraune Steine. Als wir uns der Stelle näherten, meinte mein Freund:

»Stein Nummer drei sieht ganz so aus, wie ein zusammengerollter Fuchs.«

Jedoch ich konnte nichts erkennen, und wir gingen weiter. Wir hatten nur einige Schritte zurückgelegt, als der Wind diesen Stein aufblies wie ein Fell.

Mein Freund wiederholte: »Ich bin sicher, es ist ein schlafender Fuchs.«

»Das wollen wir einmal gleich feststellen,« erwiderte ich und wendete mich zur Seite. Aber sobald ich einen Schritt vom Wege gemacht, sprang richtig der alte Schlauberger auf und rannte davon. Ein Präriefeuer hatte das Gras in der Mitte der Weide verbrannt und einen breiten, schwarzen Gürtel zurückgelassen; darauf lief er entlang, bis er an frisches Grün kam, duckte sich und verschwand. Die ganze Zeit hatte er uns beobachtet und würde sich nicht geregt haben, hätten wir uns auf dem Wege gehalten. Das Wunderbarste bei der Sache war nicht, daß er genau so aussah, wie einer der runden Feldsteine und wie das trockene Gras, sondern daß er es wußte und es sich zunutze machte.

Bald kam es zutage, daß es mein alter Bekannter, der Fuchs mit der weißen Narbe, und seine Gattin Vixen waren, die sich in unseren Wäldern heimisch niedergelassen hatten und unseren Hühnerhof als Verpflegungskammer betrachteten.

Am nächsten Morgen nahmen wir eine sorgfältige Untersuchung der Stelle unter den Fichten vor und fanden einen großen Erdhügel, den die Füchse innerhalb weniger Monate aufgeworfen hatten. Bei dieser Arbeit mußten sie ein Loch nötig gehabt haben, jedoch war nichts davon zu entdecken. Nun ist es allgemein bekannt, daß ein wirklich geriebener Fuchs, sobald er eine neue Höhle gräbt, die Erde aus dem ersten Loch herauswirft, aber dabei einen Tunnel nach irgendeinem entfernten Dickicht führt. Dann schließt er das erste wieder, da es zu leicht entdeckt werden könnte, und benutzt nur den verborgenen zweiten Eingang unter dem Buschwerk.

So fand ich denn auch auf der anderen Seite unter einer Baumwurzel den wirklichen Eingang und sichere Beweise, daß drinnen ein Volk junger Füchse hauste.

Die Büsche auf der abfallenden Hügelseite überragte ein hohler Lindenbaum. Er lehnte etwas über und hatte ein großes Loch dicht am Erdboden, ein kleineres etwas höher.

Dieser Baum war in meinen Knabenjahren oft der Mittelpunkt unserer Robinsonspiele gewesen. In die weichen, morschen Wände hatten wir Stufen geschnitten und so ein Auf- und Absteigen in der Höhlung ermöglicht. Dies kam mir jetzt zustatten. Am nächsten Tage, als die Sonne höher stieg, begab ich mich dorthin und konnte von dem erhöhten Aussichtspunkt die interessante Familie unter mir gemütlich beobachten. Vier junge Füchschen konnte ich zählen. Sie sahen aus wie etwas mißratene kleine Schafe, mit ihren wolligen Pelzen, ihren langen, dicken Beinchen und ihrem unschuldigen Gesichtsausdruck. Jedoch bei näherer Betrachtung konnten die breiten, scharfnasigen und scharfäugigen Gesichter ihre Abstammung von einem schlauen Fuchs nicht verleugnen.

Sie spielten umher, wärmten sich in der Sonne oder balgten sich miteinander, bis ein leises Geräusch sie entsetzt in der Höhle verschwinden ließ. Jedoch die Aufregung war unnötig gewesen; denn die Urheberin war die Mutter; sie kam langsam aus den Büschen hervorgeschlichen und trug in ihrem Maul ein Huhn ? Nummer siebzehn, wie ich mich entsinne. Ein leiser Ruf, und die Kleinen kamen hervorgepurzelt, und nun begann ein Schauspiel, das ich reizend fand, über das jedoch mein Onkel in helle Wut geraten wäre.

Die Jungen stürzten sich aus die Henne und knurrten vor Behagen, während die Alte Wache hielt.

Die Jungen stürzten sich auf die Henne, rissen und balgten sich darum und knurrten vor Behagen, während die Alte Wache hielt. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war bezeichnend. Es war ein vergnügtes Grinsen, aber weder der gewöhnliche wilde und schlaue Blick fehlte, noch Grausamkeit und Nervosität, doch mehr als alles andere war es der Mutter Stolz und Liebe, die sich in ihrem Gesicht aussprachen.

Der Fuß meines Baumes war in den Büschen verborgen und lag bedeutend tiefer als der Erdhügel, in dem die Füchse hausten. Infolgedessen konnte ich kommen und gehen, ohne sie aufzustören.

Immer und immer wieder kehrte ich nach dem Baume zurück, um die Erziehung der jungen Füchse zu beobachten. Schon zeitig lernten sie, bei irgendeinem Geräusch mäuschenstill zu sitzen, und wenn sie es dann zum zweitenmal vernahmen, nach einer sicheren Deckung zu suchen.

Einige Tiere besitzen so viel Mutterliebe, daß sie, davon überwältigt, sie auch auf Fernerstehende ausdehnen. Mutter Vixen schien nicht so geartet. Ihre Liebe zu den Jungen verleitete sie zu übertriebenster Grausamkeit. Oft brachte sie Mäuse oder Vogel lebend nach Haus und vermied mit teuflischer Vorsicht, sie ernstlich zu verletzen, damit die Füchschen sich länger daran belustigen könnten, die armen Opfer zu Tode zu quälen.

Oben auf dem Hügel in einer Obstpflanzung lebte ein Murmeltier. Es war weder hübsch von Aussehen, noch interessant, aber es wußte ein bequemes Dasein zu führen. Zwischen den zähen Wurzeln eines alten Fichtenstumpfes hatte es sich eine Höhle gewühlt, damit die Füchse ihm nicht durch Graben folgen könnten; denn anstrengende Arbeit ist nicht nach Reinekes Geschmack, und er erreicht seine Ziele lieber durch Witz und Schlauheit. Dieses Murmeltier nun pflegte sich jeden Morgen auf dem Stumpf zu sonnen, und sobald es einen Fuchs erblickte, schlüpfte es hinunter in die Tür seiner Höhle, oder wenn der Feind in zu gefährlicher Nähe schien, kroch es tiefer hinein und wartete so lange, bis die Gefahr vorüber war.

Eines Morgens beschlossen Vixen und ihr Gemahl, die Kenntnisse ihrer Kinder durch eine Lehrstunde über das Murmeltier zu bereichern, und als Versuchsgegenstand hatten sie sich das Murmeltier in der Obstpflanzung als besonders passend ausgewählt. So zogen sie denn zusammen bis an den Zaun, der die Pflanzung einschloß, ohne vom alten Einsiedler auf seinem Fichtenstumpf bemerkt zu werden. Vater Fuchs schlenderte dann in einiger Entfernung an dem Stumpf vorüber, mitten durch den Obstgarten, ohne dabei den Kopf zur Seite zu wenden, um das stets wachsame Murmeltier mißtrauisch zu machen. Als der Fuchs auf der Bildfläche erschien, verschwand das Murmeltier im Eingang seiner Höhle und blieb dort ruhig sitzen, wohl wissend, daß Vorsicht die Mutter der Weisheit sei.

Das war es, was die Füchse gewollt hatten. Vixen hatte sich bis dahin versteckt gehalten, jetzt aber lief sie schnell nach dem Stumpf hinüber und versteckte sich dahinter. Der Alte hatte inzwischen langsam seinen Weg verfolgt. Da das Murmeltier durch das Erscheinen des Fuchses keineswegs in große Angst versetzt worden war, steckte es bald seinen Kopf zwischen den Wurzeln heraus und sah sich neugierig um. Weit in der Ferne gewahrte es den Fuchs, seine alte Richtung immer noch einhaltend. Je weiter der Feind sich entfernte, desto dreister wurde das Murmeltier, kam weiter heraus, und als die Luft vollkommen rein schien, kletterte es wieder auf den Stumpf. Mit einem Sprunge saß ihm Vixen im Genick und schüttelte es, bis es besinnungslos dalag. Der alte Fuchs hatte mit einem Auge das ganze Manöver beobachtet und kam schnell herbeigelaufen. Aber Vixen nahm das Murmeltier zwischen die Zähne, lief nach der Behausung, und der Alte wußte nun, daß man seiner nicht mehr benötigte.

Als Vixen vor der Höhle anlangte, war das Murmeltier wieder so weit bei Sinnen, daß es etwas zappelte. Ein unterdrücktes »Wuf« der Alten brachte die Kleinen aus der Höhle heraus, wie Schuljungen zum Spielen. Sie warf ihnen das verwundete Tier vor, und wie vier kleine Teufel stürzten sie sich darauf, schwache Freudenschreie ausstoßend und mit aller Kraft ihrer kleinen Kinderzähne zubeißend. Jedoch das Murmeltier kämpfte für sein Leben, und die Quälgeister abschüttelnd, hinkte es langsam nach dem schützenden Dickicht davon. Die Füchschen verfolgten es wie eine Meute Hunde und zogen es an Schwanz und Fell, konnten es aber nicht zurückhalten. Da kam die Mutter zu Hilfe, mit einigen Sätzen hatte sie es überholt und zog es wieder ins freie Feld zurück, zur Belustigung der Kinder. Dieses grausame Schauspiel wiederholte sich einigemal, bis einer der Kleinen jämmerlich zerbissen war und sein Schmerzensgeschrei die Mutter bewog, dem jammervollen Dasein des Murmeltieres ein schnelles Ende zu bereiten. ?

Nicht weit vom Neste entfernt war eine mit hohem Gras überwucherte Talsenkung, der Spielplatz einer ganzen Ansiedlung von Feldmäusen. Die erste Unterweisung in der edlen Weidmannskunst, die die Kleinen, entfernt von ihrer Behausung, erhielten, war in dieser Niederung, hier hatten sie ihre erste Übungsstunde in der Mäusejagd, der leichtesten Jagd von allen. Bei der Belehrung war die Hauptsache das Beispiel der Mutter und der angeborene Instinkt. Die Alte bediente sich einiger Zeichen und Winke, die z. B. bedeuteten »Liegt still und paßt auf« oder »Kommt und macht mir alles genau nach« usw.

Vixen nimmt die Kinder mit auf die Mäusejagd.

An einem stillen Abend zog die ganze Familie vergnügt nach der Niederung, und Mutter Fuchs hieß die Jungen im Gras stilliegen. Ein leises Quieken bewies die Anwesenheit des gesuchten Wildes. Vixen erhob sich und lief auf den Zehenspitzen in das hohe Gras; sie kroch nicht, sondern machte sich so hoch, als sie konnte, und stand zuweilen auf den Hinterfüßen, um besser Umschau halten zu können. Die Pfade, welche die Mäuse zu nehmen pflegen, sind unter dem Gewirr des Grases verborgen, und das einzige, wodurch sich der Aufenthaltsort der Mäuse feststellen läßt, ist das leichte Bewegen der Halme; das ist der Grund dafür, daß man dieser Jagd nur an windstillen Tagen obliegen kann.

Die Kunst dabei ist nun, den Ort zu bestimmen, an dem die Maus krabbelt, und sie mit einem Satze zu packen, ohne sie vorher gesehen zu haben. Nach einigen Sekunden Wartens tat Vixen einen Sprung, und mitten in dem Büschel vertrockneten Grases, das sie packte, quiekte eine Feldmaus zum letztenmal.

Sofort war sie verschlungen, und die vier häßlichen kleinen Füchse versuchten nun, es ihrer Mutter nachzutun. Als der Älteste zum erstenmal in seinem Leben solch ein zappelndes Wesen erwischte, zitterte er vor Erregung und grub seine perlenweißen, kleinen Milchzähne in die arme Maus mit einer angeborenen Wildheit, die ihn selbst zu überraschen schien.

Eine weitere Lehrstunde wurde an einem Eichhorn erteilt. Eines von diesen lärmenden, sehr nervösen Geschöpfen wohnte dicht neben der Behausung der Füchse und pflegte den halben Tag damit zuzubringen, die ehrenwerte Familie von irgendeinem sicheren Zweige aus zu beschimpfen. Die Jungen machten viele vergebliche Versuche, es zu erwischen, wenn es von einem Baum zum anderen über die Lichtung rannte oder sie aus nächster Nähe mit den gemeinsten Schimpfreden überschüttete. Alt-Vixen war sachverständig in der Naturgeschichte; genau kannte sie die Gepflogenheiten eines Eichkätzchens und nahm die Sache in die Hand, sobald es ihr angemessen schien. Sie versteckte ihre Kinder und legte sich flach mitten in der Lichtung nieder. Das freche, niedrig denkende Eichhorn kam und begann wie gewöhnlich zu schimpfen. Jedoch die Füchsin zuckte mit keiner Wimper. Das Eichkätzchen kam näher und schrie schließlich von einem Zweig über ihr herunter: »Du Lump du, du Lump du!« Aber Vixen lag da wie tot. Das schien dem Eichhorn höchst merkwürdig. Sich ängstlich umschauend, kam es den Baumstamm herab und lief mit einem kräftigen Anlauf über den Rasen hinüber nach einem anderen Baum, um dort seine Schimpferei von neuem zu beginnen.

»Du Lump du, du trauriger Lump du, Skrrr ? skrrr!«

Aber unbeweglich und leblos lag Vixen im Grase. Das war dem Eichhorn denn doch zu viel. Es war von Natur aus neugierig und abenteuersüchtig, wieder kam es von seinem Baum herunter und eilte über die Lichtung, diesmal näher als zuvor.

Wie tot lag Vixen, »sicherlich, sie war tot«. Die Meinen Füchse fingen an zu glauben, ihre Mutter sei eingeschlafen.

Das Eichhorn arbeitete sich mehr und mehr in einen Anfall von närrischer Neugier hinein. Ein Stück Baumrinde hatte es gerade auf Vixens Kopf geworfen, seine Liste von gemeinen Schimpfworten hatte es aufgebraucht und sie bereits wiederholt, aber auf nichts eine Antwort erhalten. Nachdem es noch einige Male die Lichtung gekreuzt hatte, wagte es sich in die nächste Nähe der in Wirklichkeit lauernden Füchsin, die sofort aufsprang und das dumme Eichhorn im Nu beim Genick packte.

Und die Kleinen knabberten die Knochen, oh!

So wurden nach und nach die Anfangsgründe zur Erziehung der Jungen gelegt, und als sie stärker wurden, nahm man sie weiter hinaus und begann die höhere Unterweisung im Fährtensuchen und Fährtenfinden.

Jedes Wesen hat eine besondere Art zu jagen; denn ein jedes Tier hat irgendeine große Stärke, sonst könnte es nicht leben, und irgendeine große Schwäche, sonst könnten die anderen nicht leben. Des Eichhorns Schwäche ist alberne Neugier, die des Fuchses, daß er keinen Baum ersteigen kann. Die Erziehung der kleinen Füchse war auf dem Grundsatze aufgebaut, sich die Schwächen anderer Tiere zunutze zu machen oder ihre Stärke durch Schlauheit zu überbieten.

Von ihren Eltern lernten sie die Hauptlehrsätze der Fuchsweisheit. Das Wie ist nicht so leicht zu erklären, aber daß sie diese unter der Leitung der Alten lernten, bewiesen sie bald. Folgendes sind einige Regeln, die sie den Füchsen beibrachten und die ich ihnen ablauschte:

»Schlafe niemals auf deiner Fährte!

Deine Nase sitzt vor den Augen, darum traue ihr zuerst!

Nur ein Narr läuft mit dem Wind!

Ein laufender Bach heilt manch Ungemach!

Gehe niemals den geraden Weg, wenn du einen krummen findest!

Ist dir etwas fremd, so ists dir auch feindlich!

Staub und Wasser verderben den Geruch!

Jage niemals Mäuse in einem Walde, wo Hasen sind oder Hasen im Hühnerhof!

Lauf nicht im Gras!«

Eine Ahnung von der Bedeutung dieser Regeln begann bereits in den Köpfen der Kleinen zu dämmern. So z. B. »Folge niemals einem Dinge, das du nicht riechen kannst!« Das war ihnen klar, denn wenn sie es nicht riechen konnten, stand der Wind so, daß es sie riechen mußte.

Nach und nach lernten sie alles kennen, was da in ihrem heimatlichen Forste kroch und flog, und als sie groß genug waren, um mit ihren Eltern weitere Ausflüge unternehmen zu können, kamen ihnen noch viele neue Tiere zu Gesicht. Bald bildeten sich die Kleinen ein, sie wüßten alles; jedoch eines Nachts nahm sie die Mutter mit hinaus ins Feld und zeigte ihnen einen fremdartigen, flachen Gegenstand, der auf der Erde lag. Die Alte brachte ihre Jungen dorthin, damit sie an diesem unbekannten Ding riechen sollten, und beim ersten Schnüffeln standen ihnen alle Haare zu Berge, sie zitterten an allen Gliedern und wußten nicht warum ? es schien in ihrem Blute zu kitzeln und sie mit Haß und Furcht zu erfüllen. Als die Alte die Wirkung sah, flüsterte sie ihnen zu: »Das ist Menschengeruch!«

III

Inzwischen verschwanden unsere Hühner, eins nach dem andern. Noch hatte ich das Nest mit den Jungen nicht verraten; denn ich hielt von diesen kleinen Räubern mehr als von unseren langweiligen Hühnern. Mein Onkel war natürlich höchst aufgebracht und machte die verächtlichsten Bemerkungen über meine Tüchtigkeit als Jäger. Um ihm gefällig zu sein, nahm ich eines Tages den Hund mit auf einem Wege durch den Wald, und während ich mich auf einem Baumstumpf an der unbewachsenen Hügelseite niederließ, lief der Hund suchend umher. In weniger als drei Minuten gab er den allen Jägern so wohlbekannten Laut: »Fuchs! Fuchs! Fuchs!« und hinab ging die Hetze ins Tal.

Nach einer Weile hörte ich sie zurückkommen. Voran mein alter Bekannter, der Fuchs, der in leichten Sprüngen die Uferböschung hinab auf den Fluß zulief, Dann trottete er in dem seichten Wasser einige hundert Meter am Ufer entlang und kam gerade mir gegenüber heraus. Obwohl ich ohne Deckung saß, sah er mich nicht, sondern kam den Hügel hinauf, über die Schulter hinweg den Hund beobachtend. Ungefähr vier Schritte vor mir drehte er um, ließ sich nieder, verdrehte den Hals, mit gespannter Aufmerksamkeit dem vergeblichen Suchen des Hundes zusehend. Ranger kam bellend die Fährte entlang, bis er am laufenden Wasser anlangte. Dort verlor er die Spur und suchte ratlos hin und her. Da gab es nur einen Ausweg, er mußte den Fluß an beiden Ufern so lange auf und nieder laufen, bis er die Stelle gefunden hatte, wo der Fuchs das Land betreten.

Der alte Schlaumeier vor mir änderte seine Stellung etwas, um besser Umschau halten zu können, und beobachtete mit einem geradezu menschlichen Interesse das Hin- und Hersuchen des Hundes. Er saß so nahe bei mir, daß ich sehen konnte, wie sich die Haare auf seiner Schulter sträubten, als der Hund näherkam. Das vor Erregung klopfende Herz konnte ich an die Rippen schlagen sehen, ebenso das Aufleuchten seiner gelben Augen. Als der Hund die Fährte am Wasser verloren hatte und vollkommen verwirrt umherlief, war es einfach komisch zu beobachten, wie Meister Reineke nicht mehr stillsitzen konnte, sondern vor Freude hin und her sprang und sich auf den Hinterfüßen erhob, um eine bessere Aussicht auf seinen langsam sich zurechtfindenden Verfolger zu bekommen. Mit beinahe bis an die Ohren aufgerissenem Maule atmete er geräuschvoll einige Male oder, besser, lachte er belustigt, wie es Hunde zuweilen zu tun pflegen.

Als Ranger dann langsam den Hügel hinaufkam, drückte sich der alte Fuchs gemächlich in den Wald. ? Nur vier Schritte vor mir war er gesessen, aber ich hatte den Wind gegen mich und war mäuschenstill sitzen geblieben, und er hatte nicht bemerkt, daß sein Leben zehn Minuten lang in der Hand seines bestgehaßten Feindes lag. Auch Ranger würde an mir vorbeigelaufen sein, hätte ich ihn nicht angerufen. Mit einem kleinen, aufgeregten Schreck verließ er die Fährte und warf sich schnaufend und außer Atem zu meinen Füßen nieder.

Diese Komödie wiederholte sich mit einigen kleinen Veränderungen mehrere Tage hintereinander. Mein Onkel verlor endlich bei dem täglichen Verlust seiner Hühner die Geduld und begab sich in höchsteigener Person hinaus, ließ sich auf dem Hügel nieder, und als der alte Reineke nach seinem Beobachtungsposten getrottet kam, schoß er ihn erbarmungslos nieder, gerade als sich das schlaue Füchslein über eine neue Nasführung des Hundes gebührend belustigte.

IV

Die Hühner verschwanden jedoch wie zuvor. Mein Onkel schäumte vor Wut und beschloß, den Vernichtungskrieg nun selbst zu leiten. Er besäte die Wälder förmlich mit vergifteten Ködern, dabei auf sein gutes Glück vertrauend, daß unsere Hunde sich nicht daran machten. Sooft er mich sah, erging er sich in wenig liebenswürdigen Bemerkungen über seinen Glauben an meine Weidmannskunst, und Abend für Abend trieb es ihn hinaus mit seiner Büchse und zwei Hunden, in der Hoffnung, den Räuber zu erwischen.

Vixen war nicht so dumm, sie wußte ganz genau, was ein vergifteter Köder war, sie lief an ihnen vorüber und behandelte sie mit Verachtung. Nur einmal nahm sie einen auf, warf ihn in die Höhle eines alten Feindes, eines Skunks, und vom selbigen Tage an ward dieser nicht mehr gesehen. Früher hatte der alte Reineke die Hunde auf sich genommen und sie von der Behausung ferngehalten. Jetzt lag auf Vixen die ganze Last der Erziehung und Ernährung der Jungen allein, sie konnte nicht viel Zeit damit verschwenden, jede Fährte, die nach der Höhle führte, zu verwischen, und war auch nicht immer zur Hand, um Feinde irrezuführen.

Das Ende war leicht vorauszusehen. Ranger folgte eines Tages einer frischen Fährte nach der Höhle, und kurz darauf verkündete Flick, der englische Jagdhund, ein Foxterrier, daß die ganze Familie zu Hause sei.

Das Geheimnis war nun heraus und die Stunden der Füchse gezählt; Arbeiter wurden herbeigerufen und begannen sie herauszuschaufeln, während wir mit den Hunden dabeistanden. Noch ehe das Werk vollendet war, zeigte sich Vixen am nahen Waldsaum und führte die Hunde davon, hinab nach dem Flusse. Dort schüttelte sie ihre Verfolger durch einen schlauen Kunstgriff ab, indem sie einfach auf den Rücken eines friedlich weidenden Schafes sprang. Das geängstigte Tier raste mit seiner Reiterin davon, die ? sicher, daß die Hunde ihrer Spur nicht mehr folgen konnten ? nach einigen hundert Metern herabsprang und nach der Höhle zurückkehrte. Aber die Verfolger, stutzig gemacht durch das Verschwinden der Fährte, taten dasselbe und fanden Vixen, sich vergeblich abmühend, auch uns von ihren Schätzen hinwegzulocken.

Inzwischen hatte mein Onkel Hacke und Schaufel mit Kraft und Erfolg gebraucht. Der gelbe, grobe Sand häufte sich zu beiden Seiten, und der rüstige Schatzgräber verschwand bald in der Tiefe. Nach einer Stunde harter Arbeit rief der Alte:

»Da haben wir das Gesindel!«

Die Höhle am Ende des Tunnels war blaßgelegt, und in einer Ecke zusammengeduckt saßen die vier Jungen.

Ehe ich Einspruch erheben konnte, hatte ein mörderischer Schlag mit der Schaufel und ein plötzliches Zufahren des Foxterriers das Leben von dreien beendet. Das vierte und kleinste wurde am Schwanze herausgezogen und den Hunden nur mit Mühe entrissen.

Es gab einen kurzen, quiekenden Schrei von sich; und die arme Mutter, dadurch herbeigelockt, kreiste so nahe um uns herum, daß sie sicher niedergeschossen worden wäre, hätten die Hunde sie nicht in ihrem Übereifer beschützt; denn sie liefen immer in die Schußlinie. Zuletzt führte sie sie zu einer erfolglosen Jagd davon.

Der kleine lebende Fuchs wurde in einen Sack gesteckt, wo er ganz ruhig lag, und seine unglücklichen Geschwister wurden in ihre Kinderstube zurückgeworfen und unter einigen Schaufeln voll Erde begraben.

Wir Mörder begaben uns nach dieser Hinrichtung nach Hause, und der Kleine wurde im Hofe angekettet. Niemand wußte recht, warum man ihn am Leben gelassen, aber bei uns allen machte sich eine Gefühlsänderung bemerkbar, und keiner kam auf den Gedanken, auch ihn zu töten.

Es war ein hübscher, kleiner Kerl, der aussah wie eine Kreuzung zwischen Fuchs und Lamm. Seine wollige Gestalt und sein Gesicht ähnelten merkwürdig einem Schaf, und sein Ausdruck war unschuldig, wie der eines Lammes. Bei scharfem Beobachten jedoch konnte man in seinen Augen ein Aufleuchten von Schlauheit und Wildheit erkennen, das ihn einem Lamm so unähnlich wie möglich machte.

Solange jemand in seiner Nähe war, verkroch er sich furchtsam in der Hütte, und es dauerte eine volle Stunde, bis er es wagte, wieder herauszuschauen.

Mein Fenster mußte jetzt die Stelle des hohlen Weidenstammes vertreten. Eine Anzahl Hühner von der Rasse, die dem Füchschen nur zu gut bekannt war, trieben sich in der Nähe auf dem Hofe herum. Am späten Nachmittag, als sie sich zu nahe an den Gefangenen herangewagt hatten, wurde ich durch das plötzliche Rasseln der Kette ans Fenster gelockt und erblickte den kleinen Burschen, der auf das nächste Huhn zusprang und nur von einem heftigen Ruck der Kette zurückgehalten wurde, es zu packen. Reineke junior krabbelte wieder aus die Füße und kroch zurück in seine Hütte. Er versuchte dasselbe Manöver noch verschiedene Male, wurde aber immer wieder von der grausamen Kette zu Boden geschleudert.

Als die Dämmerung hereinbrach, begann er unruhig zu werden. Er schlüpfte aus seiner Hütte heraus, verkroch sich aber beim leisesten Geräusch wieder, nagte an seiner Kette oder biß wütend darauf herum. Plötzlich hielt er inne, als ob er lauschte, erhob dann seine kleine schwarze Nase in die Luft und gab einen kurzen, zitternden Schrei von sich.

Dies wiederholte er einige Male, die Pause durch Knabbern an der Kette und ruheloses Umherlaufen ausfüllend. Da plötzlich ertönte eine Antwort, das ferne »Japp-Jurr« der alten Füchsin, und einige Minuten später erschien eine schattenhafte Form auf einem Holzhaufen in der Ecke des Hofes. Der Kleine kroch in seine Hütte, kam aber sofort wieder heraus und sprang der Alten entgegen, mit all der Freude, die nur ein Kind seiner Mutter zu zeigen imstande ist. Schnell wie der Blitz packte sie ihn, um ihn auf demselben Wege davonzutragen, den sie gekommen. Jedoch in dem Augenblick, als das Ende der Kette erreicht war, wurde der Kleine der Mutter mit einem Ruck entrissen, und erschreckt durch das Öffnen eines Fensters entfloh sie über den Holzhaufen.

Eine Stunde später hatte das Junge aufgehört, ruhelos hin und her zu laufen und zu schreien. Ich schaute hinaus und sah beim fahlen Licht des Mondes die Mutter lang ausgestreckt neben ihrem Söhnchen liegen und an etwas knabbern ? das Klirren von Eisen verriet mir, an was ?, es war die grausame Kette. Tip, das Söhnchen, bekam inzwischen einen warmen Trank.

Als ich heraustrat, entfloh Vixen in den dunklen Forst. Neben der Hütte hatte sie zwei kleine Mäuse zurückgelassen, blutig und noch warm ? Futter für das Junge.

Am folgenden Morgen fand ich bei einem Gang durch den Wald nach der zerstörten Höhle neue Zeichen von Vixen. Die arme, unglückliche Mutter war gekommen und hatte die Leichen ihrer erschlagenen Kinder ausgegraben.

Die arme und unglückliche Mutter war gekommen und hatte die Leichen ihrer erschlagenen Kinder ausgegraben.

Da lagen die drei kleinen Füchse, glatt geleckt, und daneben zwei von unseren Hühnern, eben erst getötet. Auf der frisch aufgeworfenen Erde waren überall Spuren, Spuren, die erzählten, daß hier die Mutter an der Seite ihrer Toten gewacht. Neben ihnen hatte sie sich hingestreckt, ihnen vergeblich Nahrung angeboten und versucht, sie zu füttern und zu wärmen wie früher. Aber nur kleine, steife Leichen hatte sie unter ihrem weichen Fell gefühlt und kleine, kalte Nasen, still und unbeweglich. Der tiefe Eindruck von Ellbogen, Brust und Läufen zeigte, wo Vixen gelegen in ihrer stummen Verzweiflung und gewacht stundenlang und getrauert ? eine Mutter um ihre Kinder. Nach dieser Nacht kam sie nicht wieder nach dem zerstörten Heim; denn sie wußte jetzt gewiß, daß ihre Kleinen tot blieben für immer.

V

Tip, der Gefangene, der einzig Überlebende von Vixens Jungen, war nun der Erbe ihrer ganzen Liebe. Die Hunde waren losgelassen, um die Hühner zu bewachen, die Leute hatten Anweisung, sofort zu schießen, wenn sich die Füchsin zeigte, und auch mir war dieser Befehl zugegangen, aber ich war entschlossen, nichts zu sehen. Die Köpfe geschlachteter Hühner, die der Fuchs besonders liebt, und die ein Hund nicht anrührt, hatte man vergiftet und im Walde ausgestreut, und der einzige Weg, zum Hofe zu gelangen, wo Tip in erniedrigender Gefangenschaft lebte, war über den Holzstoß in der Ecke. Trotz aller Maßregeln erschien Vixen in jeder Nacht, um ihr Junges zu säugen und ihm frischgefangene Hühner oder Wild zu bringen.

In der zweiten Nacht von Tips Gefangenschaft vernahm ich das Rasseln der Kette und erblickte die Füchsin, wie sie eifrig ein Loch neben des Kleinen Hütte scharrte. Als es tief genug war, um sich selbst darin zu begraben, packte sie die Kette hinein und füllte das Loch darüber wieder zu. Dann ergriff sie, triumphierend bei dem Gedanken, daß sie die Kette nun los sei, den kleinen Tip beim Genick und sprang in der Richtung nach dem Holzhaufen davon, aber nur mit dem Erfolg, ihr Junges mit einem Ruck von sich gerissen zu sehen.

Armer, kleiner Kerl, er wimmerte jämmerlich, als er in seine Hütte zurückkroch. Eine halbe Stunde später hörte ich die Hunde wütend anschlagen, und als sich das Bellen weiter und weiter entfernte, wußte ich, daß sie auf Vixens Fährte waren. Nördlich, in der Richtung nach der Bahnlinie, ging ihre Jagd, und das Bellen verklang in der Ferne. Am anderen Morgen fehlte Ranger, und bald wußten wir warum. Füchse lernen beizeiten die Vor- und Nachteile einer Eisenbahn kennen und wissen sie sich aus verschiedene Weise zunutze zu machen. Erstlich pflegen sie, wenn verfolgt, die Schienen entlang zu laufen, kurz bevor ein Zug darüberfährt. Die Spur, auf Eisen sowieso schwer zu verfolgen, wird von dem Zug ganz und gar verwischt, auch ist immer die Möglichkeit vorhanden, daß der eifrig suchende Hund überfahren wird. Ein anderer sicherer, aber gefährlicher Kniff besteht darin, den Hund quer über die Schienen direkt vor einem Zuge hinwegzuführen, so daß die Lokomotive ihn überholt und tot zur Seite schleudert.

Dieser Kunstgriff war von Vixen meisterlich ausgeführt worden, und am Fuße des Bahndamms fanden wir die zermalmten Überreste unseres alten, treuen Rangers, und irgendwo im Walde saß die Füchsin und lachte sich ins Fäustchen.

Noch in derselben Nacht kam sie zum Hofe zurück, ehe der müde Jagdhund Flick sich eingefunden hatte, mordete eine Henne, brachte sie Tip und streckte sich außer Atem neben ihm nieder. Sie schien zu glauben, der Gefangene bekäme keine andere Nahrung als die, die sie ihm brachte.

Diese Henne verriet meinem Onkel den nächtlichen Besuch.

Meine volle Zuneigung und Teilnahme war mit Vixen, und ich weigerte mich, meine Hand zu neuem Morde zu bieten. In der nächsten Nacht wachte mein Onkel in höchsteigener Person, das Gewehr im Arm, eine ganze Stunde. Als es dann kühler wurde und der Mond sich umwölkte, fiel ihm irgendein anderes wichtiges Geschäft ein, und er rief einen von unseren Leuten an seine Stelle.

Doch dieser machte es sich bald bequem, als die Stille der Nacht und das gespannte Wachen seine Nerven zu sehr anstrengten, und das laute »Bäng! Bäng!« eine Stunde später regte uns wenig auf; denn es war nur Pulver um nichts verschossen worden.

Am Morgen fanden wir, daß Vixen ihr Junges nicht vergessen. ? Den nächsten Abend hielt mein Onkel zum zweitenmal Wache, da wieder ein Huhn verschwunden war. Kurz nach Eintreten der Dunkelheit ertönte ein Schuß; Vixen ließ die Beute, die sie trug, fallen und entfloh. Ein zweiter Versuch, den sie in der gleichen Nacht machte, ließ wieder einen Schuß folgen. Jedoch am Morgen bewies das Glänzen der Kette, daß sie zum drittenmal gekommen war und stundenlang vergeblich versucht hatte, die grausamen Bande, die ihr Kleinod hielten, zu durchbeißen.

Eine solche Tapferkeit und standhafte Treue muß Achtung, wenn nicht gar Mitleid gewinnen. In der nächsten Nacht wachte kein Schütze, und alles war still. Was sollte es auch nützen? Dreimal war Vixen durch Schüsse hinweggejagt worden, würde sie nun noch einmal versuchen, ihr gefangenes Kind zu befreien oder zu füttern?

Würde sie es tun? Ihre Liebe war die einer Mutter! Es war in der vierten Nacht, als das klagende Wimmern des Kleinen beim Auftauchen einer schattenhaften Gestalt auf dem Holzstoß verstummte.

Aber sie trug keinen Vogel, kein Beutestück, soviel ich erkennen konnte. Hatte die geschickte Jägerin am Ende ihr Ziel gefehlt? Brachte sie nichts für ihren Einzigen oder vertraute sie auf die Pflege seiner Wächter?

Nein, gewiß nicht! Der wilden Mutter Liebe und Haß waren felsenfest, und ihr einziger Gedanke und Wunsch war, ihren Sohn zu befreien. Alles hatte sie versucht, und jeder Gefahr hatte sie getrotzt, um ihn freizumachen, aber alles war vergeblich gewesen.

Wie ein Schatten war sie gekommen und im Augenblick wieder verschwunden. Tip packte gierig etwas, was sie ihm zugeworfen, und schlang und kaute mit Behagen. Aber während er noch fraß, entfuhr ihm plötzlich ein Schrei voll Schmerz; dann folgte ein kurzer Todeskampf, und Tip war nicht mehr.

Die Mutterliebe in Vixen war stark, aber ihre Überlegung war stärker. Sie kannte des Giftes Gewalt, und als sie am Ende einsah, daß sie für ihr Junges zu wählen hätte zwischen dem traurigen Leben eines Gefangenen oder dem plötzlichen Tod, unterdrückte sie die Mutter in ihrer Brust und befreite es auf diese einzig mögliche Weise.

*

Wenn der Schnee den Boden bedeckt, pflegen wir den Waldbestand aufzunehmen, und als der Winter kam, erzählte er mir, daß Vixen nicht mehr in den weiten Forsten jenseits unseres Flusses hauste. Wohin sie gezogen, habe ich nie erfahren, aber so viel war sicher, in unserer Nachbarschaft weilte sie nicht mehr.

Vielleicht war sie nach weit entfernten Jagdgefilden ausgewandert, um der traurigen Erinnerung an ihre gemordeten Lieben zu entfliehen. Oder sie war freiwillig von dem Schauplatz eines traurigen Daseins abgetreten, wie manche wilde Mutter es vor ihr getan, mit Hilfe des gleichen Mittels, mit dem sie ihren Sohn, das letzte ihrer Kinder, befreite.

Rotkrause

Die Geschichte des Fasanen aus dem Don-Tale

I

Durch eine bewaldete Schlucht zwischen zwei Hügeln führte Mutter Fasan ihre Familie hinab zum kristallklaren Bache, den der Volksmund, ich weiß nicht warum, Schlammbach getauft hatte. Die Kleinen waren einen Tag alt, bereits flink auf den Füßen und wurden zum erstenmal zum Trinken geführt.

Langsam zog die Mutter vorwärts, gleichsam am Boden kriechend; denn der Feinde waren viele in den Wäldern. Ein sanftes Glucksen lockte die kleinen erdfarbenen Knäuel, die auf ihren winzigen, rosigen Beinchen hinterher gewackelt kamen und ängstlich zu piepsen begannen, wenn sie nur wenige Finger breit zurückblieben, und die so zart und klein aussahen, daß selbst die Graspferde neben ihnen riesengroß erschienen. Im ganzen waren es zwölf, und die Mutter hütete sie alle. Argwöhnisch beobachtete sie jeden Busch, jeden Baum und jedes Dickicht, den ganzen Wald und selbst den Himmel und schien nur nach Feinden zu suchen; denn nach den wenigen Freunden lohnte es sich nicht, Ausschau zu halten. Und richtig entdeckte sie einen Feind! Drüben über der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren!

»Krr! Krr!« (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln, ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes in ein Erdloch usw., bis alle verborgen waren. Nur eins konnte keinen Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemandem gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein und alles war still.

Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre, und jammerte wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade ? Gnade von einem blutdürstigen, grausamen Feind? O nein, so töricht war sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hoch erfreut, bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase, drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte ? doch nein, ganz erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satz war er hinterdrein und würde ihn diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon, kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte. Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht begegnet. Ein flügellahmer Fasan, und er, Reineke, der Schnellfüßler, konnte ihn in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine Schande. Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan schien in demselben Maße an Kraft zu gewinnen, und nach einem Wettlauf von ein paar hundert Metern war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.

Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der Stelle zurück, an der die Kleinen im Unterholz versteckt waren.

Mit dem feinen Ortssinn des wilden Vogels ließ sie sich auf demselben Fleck nieder, von dem sie aufgeflogen, und stand einen Augenblick still, um voll Mutterstolz die vollständige Ruhe ihrer Kinder zu bewundern. Selbst bei ihrem Nahen rührte sich keins, auch der kleine Bursche auf dem gelben Blatt, der schließlich gar nicht so schlecht verborgen war, regte sich nicht, sondern schloß die Augen nur ein klein wenig fester, bis die Mutter rief:

»Kr?iet!« (Kommt, Kinder!) und wie in einem Märchen schlüpfte aus jedem Loch ein Fasanenjunges heraus. Der winzige Geselle auf dem Blatt, der dickste von allen, öffnete seine großen Augen und flüchtete mit einem zarten »Piep, piep« unter den Schutz der mütterlichen Flügel. Ein Feind hätte es drei Schritte weit nicht vernehmen können, der Mutter feines Ohr jedoch hätte es in einer dreimal größeren Entfernung gehört.

Die Mittagssonne brannte heiß. ? Durch eine Lichtung führte der Weg gerade zum Wasser hinab, und nachdem die Mutter ängstlich nach Feinden ausgespäht hatte, sammelte sie die Kleinen unter dem Schatten ihres ausgebreiteten Flügelschwanzes, um sie vor der Gefahr des Sonnenstiches zu beschirmen, und wandelte langsam den Pfad hinab, bis sie den Schutz des wilden Rosenstrauches am Flusse erreichten.

Ein Hase sprang aus dem Busch hervor und jagte ihnen einen gewaltigen Schreck ein. Doch er trug ja die weiße Friedensfahne und war ein alter Freund, und die Mutter belehrte die Kleinen, daß der Hase immer unter der Flagge des Friedens segelt und ein harmloser, friedliebender Nachbar ist.

Dann kam der Trank vom reinsten fließenden Wasser, obgleich es einfältige Menschen den Schlammbach nannten.

Zuerst wußten die kleinen Kerle nicht, wie sie sich anstellen sollten, doch sie ahmten einfach ihrer Mutter nach, und bald hatten sie gelernt zu trinken wie sie und dankten ihrem Schöpfer bei jedem Schluck mit einem Blick gen Himmel. In einer Reihe standen sie am Ufer entlang, zwölf goldbraune, flaumige Knäulchen auf vierundzwanzig rosenroten Beinchen, mit einwärts gestellten Watschelfüßchen, mit zwölf süßen, goldenen Köpfchen, die sich ernsthaft niederbeugten, um zu trinken, und erhoben, um zu danken, gerade wie die Mutter.

Dann führte sie die Kleinen nach kurzem Aufenthalt auf eine entfernte Wiese, wo sich ein mit Gras bewachsener Erdhügel erhob, den sie vor einigen Tagen entdeckt hatte. Eine ganze Anzahl solcher Erdhügel sind nötig, um eine Fasanenbrut großzuziehen, und ihre Erbauer sind die Ameisen. Die Alte sprang auf die Spitze des Haufens, sah sich vorsichtig einen Augenblick um und scharrte dann einigemal kräftig mit den Krallen. Der lockere Ameisenhügel war aufgebrochen, und die kunstvoll erbauten Gänge rollten als Ruinen herab. Sofort begannen die Ameisen zu schwärmen und planlos durcheinanderzurennen, einige liefen mit großer Kraftanstrengung und wenig Zweck immerfort um den Hügel herum, während andere, und dies waren die Vernünftigeren, ihre fetten, weißen Eier fortschleppten.

Der alte Fasan pickte eines von diesen saftig aussehenden Beutelchen auf, gluckste und ließ es fallen, pickte es wieder auf, gluckste und verschluckte es dann. Die Jungen standen herum und sahen verwundert zu. Ein kleiner, gelber Kerl, derselbe, der auf dem Blatt gesessen, pickte auch ein Ameisenei auf, ließ es mehrere Male fallen, dann einer plötzlichen Eingebung folgend, schluckte er und konnte fressen. Nach zwanzig Minuten verstand es selbst das Kleinste, nach den köstlichen Eiern zu haschen. Die Mutter öffnete noch mehr Ameisengänge, und die Hühnchen fraßen, bis jedes seinen kleinen Kropf so vollgepfropft hatte, daß es tatsächlich mißgestaltet war.

Dann wanderten sie langsam und bedächtig stromaufwärts nach einer mit Dornbüschen bewachsenen Sandbank, lagen dort den ganzen Nachmittag und ließen sich den feinen kühlen Sand durch die heißen Zehen rieseln. Mit ihrem ausgesprochenen Nachahmungstrieb lagen sie auf der Seite wie ihre Mutter, scharrten mit ihren kleinen Füßen und schlugen mit den Flügeln; das heißt, eigentlich besaßen sie noch gar keine Flügel, sondern versteckt unter dem weißen Flaum saßen nur kleine Anhängsel, um zu zeigen, wo die Flügel einst wachsen sollten. Am Abend führte die Alte ihre Kinder nach einem nahen trockenen Dickicht. Dort, zwischen raschelnden, abgestorbenen Blättern, die das lautlose Heranschleichen eines Feindes zu Fuß verhinderten, und unter den dichten, stachligen Zweigen eines wilden Rosenbusches, der alle fliegenden Feinde abhielt, bettete sie die Kleinen unter dem Federdach ihrer Kinderstube und erfreute sich, das Herz erfüllt von treuer Mutterliebe, an den kleinen zusammengekauerten Dingerchen, die im Schlaf piepsten und sich vertrauensvoll an ihren warmen Körper schmiegten.

II

Am dritten Tag waren die Küchlein schon fester auf den Füßen. Sie brauchten nicht länger ängstlich um eine Eichel herumzulaufen, sie konnten schon über Tannenzapfen klettern, und aus dem weichen Flaum guckten die ersten Ansätze von dicken Schwungfedern hervor.

Sie hatten ihr Leben unter der Pflege einer treubesorgten Mutter begonnen, ausgerüstet mit gesunden Beinchen, einem zuverlässigen Naturtrieb und einer Portion Vernunft. Es war Naturtrieb, d. h. ererbte Gewohnheit, die sie hieß, sich aufs Wort ihrer Mutter zu verbergen; es war Naturtrieb, der sie lehrte, ihr zu folgen; aber es war Vernunft, die sie unter dem Schatten ihrer Flügel hielt, wenn die Sonne stechend niederbrannte, und von diesem Tage an leitete die Vernunft mehr und mehr all ihr Tun und Lassen.

Am nächsten Tage zeigten die Schwungfedern schon zarte Federspitzen, am folgenden waren die Federn ganz heraus, und eine Woche später konnten die flaumbedeckten Jungen fliegen wie die Alten.

Doch nicht alle ? das Jüngste war schwächlich gewesen von Anfang an. Es trug seine halbe Eierschale noch stundenlang, nachdem es ausgekrochen war, es war weniger flink und piepste mehr als seine Geschwister. Als eines Abends beim Angriff eines Skunks die Mutter »Kwit! kwit!« (Flieht! flieht!) rief, war es zurückgeblieben, und als sich die Familie auf dem fichtenbewachsenen Hügel wieder sammelte, fehlte es, und nie sah man es wieder.

Die Ausbildung der Jungen hatte mittlerweile bedeutende Fortschritte gemacht, sie wußten, daß die wohlgenährten Grashüpfer in dem langen Grase am Bach im Überfluß hausten, daß die Johannisbeerbüsche in Gestalt von glatten, grünen Würmern fette Nahrung gaben; auch war ihnen wohlbekannt, daß ein Ameisenhaufen, der sich am Waldsaum gegen den Himmel erhob, stets eine gefüllte Vorratskammer für sie bedeutete, und daß Erdbeeren, obgleich eigentlich keine Insekten, beinahe ebenso köstlich mundeten. Dann wußten sie ganz genau, daß die ungeheuren bunten Schmetterlinge ein guter Braten waren, wenn sie sich nur fangen ließen, und daß ein abgefallenes, halb verfaultes Stück Baumrinde voll von Leckerbissen aller Art war. Aber auch Vorsicht hatten sie gelernt, nämlich daß man Hornisse, Wespen und Tausendfüßler besser im Frieden läßt.

Der Juli war angebrochen ? der Beerenmond. Die Küchlein waren im letzten Monat erstaunlich gewachsen und gediehen und waren nun so groß, daß die gute Mutter die ganze Nacht aufrecht stehen mußte, um ihre Kinder mit den Flügeln zuzudecken.

Ihr Staubbad nahmen sie täglich wie zuvor, nur waren sie kürzlich nach einem anderen gezogen, das höher oben auf dem Hügel lag. Er wurde von vielen anderen Vögeln besucht, und zuerst mißfiel der Mutter der Gedanke an ein schon benutztes Bad sehr, Aber der Staub war von solch einer feinen und weißen Sorte, und die Kinder gingen mit solcher Begeisterung voran, daß sie ihr Mißtrauen vergaß.

Nach vierzehn Tagen fingen die Kleinen an, sichtlich abzumagern, und die Mutter selbst fühlte sich nicht wohl. Sie waren beständig hungrig, und obgleich sie ungewöhnlich viel fraßen, wurden sie immer dünner und dünner. Die Mutter war die letzte, die davon befallen wurde, aber als es kam, wurde sie bös mitgenommen, ein furchtbarer Heißhunger, ein fieberisches Kopfweh und verzehrende Schwäche kamen über sie. Die Ursache konnte sie nicht ergründen; denn sie wußte ja nicht, daß der Staub des vielbenutzten Bades, gegen den der angeborene Naturtrieb ihr von Anfang an Mißtrauen eingeflößt hatte, von Schmarotzerwürmern voll war, die sich im warmen, weichen Federkleid der armen Tiere häuslich niedergelassen hatten.

Jede natürliche Regung hat ihren Grund. Der Vogelmutter Heilkunde war nur darauf gegründet, ihrem Naturtrieb zu folgen. Das heftige, glühende Verlangen nach einem Etwas, das sie nicht kannte, ließ sie alles versuchen, was nur eßbar aussah, und führte sie in die kühlsten Wälder. Und dort fand sie den todbringenden Sumach, den Färberbaum, beladen mit giftigen Früchten. Vor einem Monat würde sie daran vorübergegangen sein, aber jetzt versuchte sie die bitteren Beeren. Der herbe, brennende Saft schien einem sonderbaren Verlangen ihres Körpers zu entsprechen; sie aß und aß, und die ganze Familie gesellte sich zu dem wunderbaren Arzneimahl. Kein Arzt hätte es besser treffen können, es erwies sich als ein scharfes, wirksames Abführmittel; der geheime furchtbare Feind war geschlagen, die Gefahr vorüber. Doch nicht für alle ? die Natur, die alte Pflegerin, war für zwei zu spät gekommen; denn für ihre zarten, durch die Krankheit geschwächten Körper war das Mittel zu stark gewesen. Sie tranken und tranken am Bach, und als am andern Morgen die anderen der Mutter folgten, blieben sie still und unbeweglich. Doch eins war ihnen noch vergönnt im Tode: sie durften Rache nehmen an einem Skunk, demselben, der Auskunft darüber geben konnte, wo das Jüngste geblieben war. Er fand und verschlang sie und starb eines jämmerlichen Todes an dem Gift, das die kleinen Körper durchdrungen.

Nur noch neun kleine Fasanen folgten dem Rufe der Mutter. Ihre persönlichen Eigenschaften hatten sich schon früher gezeigt und entwickelten sich nun schnell. Die Schwächlinge waren nicht mehr, nur ein törichtes und träges Küchlein war noch da. Das größte, dasselbe, das einst auf dem gelben Blatt gesessen hatte, anstatt sich zu verkriechen, war der ausgesprochene Liebling der Mutter, es war nicht nur das größte, stärkste und schönste der Brut, sondern vor allem das gehorsamste. Der Mutter warnendes »Rrrrr« (Gefahr) bewahrte die anderen nicht immer vor einem gefahrvollen Pfad oder einem verdächtigen Futter, doch ihm schien Folgsamkeit ganz natürlich, es versäumte nie, auf ihr sanftes »K?riet« (Kommt) zu antworten, und für diesen Gehorsam erntete es später den verdienten Lohn; denn es lebte länger als die anderen auf dieser Erde.

August, der Mausermonat, ging vorüber. Die Jungen waren um zwei Drittel gewachsen und wußten gerade genug, um sich erstaunlich weise zu dünken. Als sie klein waren, mußten sie auf dem Boden schlafen, damit ihre Mutter sie zudecken konnte, aber jetzt waren sie zu groß dazu, und die Alte begann, die Lebensweise Erwachsener einzuführen. Zurzeit war es sicherer, in den Bäumen zu nächtigen; denn die jungen Wiesel, Füchse, Skunks und Sumpfottern fingen an, im Wald umherzulaufen, und auf der Erde wurde es mit jeder Nacht gefährlicher. Mutter Fasan rief darum bei Sonnenuntergang »K?riet« und schwang sich auf einen dichten, niedrigen Baum.

Die Kleinen folgten, ausgenommen eins, ein eigensinniges Närrchen, das darauf bestand, wie zuvor auf der Erde zu schlafen. Alles ging gut in dieser Nacht, aber in der nächsten weckte die Geschwister ein klägliches Schreien. Dann folgte Totenstille, die nur unterbrochen wurde durch das nervenerschütternde Knacken von Knochen und das wollüstige Schmatzen von Lippen. Sie starrten hinab in das grauenhafte Dunkel unter ihnen, und das grünliche Glänzen von zwei dichtstehenden Augen, ein eigenartig muffiger Geruch verriet ihnen, daß eine Sumpfotter der Mörder ihres törichten Bruders gewesen war.

Acht kleine Fasanen saßen nun des Nachts aufgereiht neben ihrer Mutter, doch oft ließ sich eins der Kleinen, wenn es kalte Füße hatte, auch auf dem Rücken der Alten nieder.

Ihre Bildung machte gewaltige Fortschritte, und die Mutter begann nun, ihnen ein neues Kunststück beizubringen, das »Schwirren«. Wenn ein Fasan will, kann er sich ganz leise auf seinen Schwingen erheben, aber zuzeiten ist das Schwirren so wichtig, daß es alle lernen müssen, wie und wann man sich mit sausendem Flügelschlag erheben muß. Mancher Erfolg wird durch das Schwirren gesichert. Es warnt alle Fasanen vor nahender Gefahr, es macht des Schützen Hand unsicher, oder es zieht die Aufmerksamkeit des Feindes auf den Schwirrer, während sich die übrigen still davonmachen oder der Beachtung entziehen, indem sie sich zusammenducken.

Ein altes Fasanensprichwort sagt: »Die Feinde und das Futter wechseln mit dem Mond.« ? Der September kam mit kräftigen Samen und Körnern an Stelle der köstlichen Beeren und Ameiseneier, und mit gefährlichen Jägern an Stelle der schleichenden Skunks und Sumpfottern.

Die Fasanen wußten recht gut, wie ein Fuchs aussah, und daß er leicht zu prellen war, indem man sich in den nächsten Baum flüchtete; doch einen Hund hatten sie nie gesehen. Als nun im Jägermonat Alt-Cuddy mit seinem schmutziggelben, kurzschwänzigen Köter die Bergschlucht durchstreifte, erspähte ihn die Mutter und rief ihren Kindern ein lautes »kwit, kwit« (Flieht, flieht) zu. Zwei der Hühnchen konnten nicht begreifen, weshalb die Mutter so ängstlich zur Flucht mahnte, und glaubten ihren Mut dadurch beweisen zu müssen, daß sie ungeachtet des ängstlich wiederholten »Kwit, kwit« sich im nächsten Baum niederließen.

Inzwischen war der kurzgeschwänzte Hund bis unter den Baum gekommen und kläffte sie an. Dies sowohl als auch das sonderbare Benehmen ihrer Mutter und Geschwister belustigte sie derartig, daß sie ein Rascheln in den Büschen gar nicht bemerkten, bis ein lautes »Bäng, bäng« erscholl und zwei kleine, blutige, flatternde Fasanen herabfielen, um von dem gelben Köter ergriffen und hin und her gezerrt zu werden, bis der Schütze aus dem Gebüsch heraussprang und sich die traurigen Überreste sicherte.

Ill

Cuddy wohnte in einer armseligen Hütte in der Nähe des Schlammbachtales, nördlich von der kanadischen Stadt Toronto, und lebte so, daß griechische Weltweisheit es ein vollkommenes, beneidenswertes Dasein genannt haben würde. Er hatte weder Eigentum, noch eine gesellschaftliche Stellung, bezahlte keine Steuern und machte keinerlei Ansprüche ans Leben. Er brachte seine Tage dahin in Spielerei und Nichtstun und möglichst wenig Arbeit und hielt sich die meiste Zeit im Walde aus. Er glaubte, ein wahrer Sportsmann zu sein, weil er ein Freund vom Jagen war, und weil es ihm Freude bereitete, wenn das Wild, auf das er es abgesehen, sich, zu Tode getroffen, am Boden wälzte. Die Nachbarn behandelten ihn als rechtlosen und vogelfreien Eindringling und sahen in ihm weiter nichts als einen Landstreicher. Er schoß und stellte Fallen das ganze Jahr hindurch, und man hatte ihn sagen hören, daß er die Monate am Geschmack der Fasanen erkennen könnte, wenn er sie nicht zufällig aus dem Kalender wüßte. Dies bewies ohne Zweifel eine scharfe Beobachtungsgabe, war aber leider auch zugleich der Beweis für etwas, das ihm weniger Ehre machte. Die gesetzmäßige Schußzeit für Fasanen begann am 15. September; es war jedoch nicht zu verwundern, wenn Cuddy schon vierzehn Tage vor der Zeit dieser Jagd oblag. Dennoch wußte er sich Jahr für Jahr der strafenden Gerechtigkeit zu entziehen.

Selten schoß Cuddy einen Vogel flügellahm; er zog es vor, sein Wild sicher zu erlegen. Dies war nicht leicht, wenn das Laub noch auf den Bäumen hing und mag auch der Grund gewesen sein, daß unsere Familie in der Bergschlucht solange unbehelligt umhergelaufen war. Jedoch es gab noch andere Schützen in der Umgegend, und aus Furcht, daß ihm diese zuvorkommen könnten, hatte er sich nach einem Fasanenbraten auf den Weg gemacht. Er hatte kein Flügelrauschen vernommen, als die Vogelmutter mit ihren sechs überlebenden Kindern davongeflogen war, er steckte seine zwei kleinen Opfer in die Tasche und kehrte nach seiner Hütte zurück.

So lernten die kleinen Hühner, daß ein Hund kein Fuchs ist, und daß man ihn anders zu behandeln hat, und die uralte Weisheit prägte sich ihnen tief ein: »Gehorsam bringt langes Leben.«

Den Rest des Septembers hatten sie genug damit zu tun, umherstreifenden Jägern sowohl als auch alten Feinden aus dem Wege zu gehen. Wie zuvor nächtigten sie auf den langen, dünnen Zweigen, zwischen den dichtesten Blättern, die sie vor Gefahren aus der Luft beschirmten, während die Höhe der Bäume sie vor Feinden von unten beschützte und ihnen nichts zu fürchten übrigließ als Waschbären, deren langsamer, schwerer Tritt auf den biegsamen Zweigen sie stets zur rechten Zeit warnte. Aber die Blätter begannen nun zu fallen, und »die Feinde und das Futter wechseln mit dem Mond«. Es war die Zeit der Nüsse, aber auch die Zeit der Eule. Die Steineule kam von Norden und verdoppelte oder verdreifachte die Gefahren. Die Nächte wurden kälter und die Waschbären ungefährlicher; deshalb verlegte die Mutter das Nachtquartier in das dichte Nadelgewirr einer Tanne.

Nur eines der Jungen mißachtete der Mutter warnendes »Kriet, kriet«; es blieb auf seinem schwankenden, nun nahezu blätterlosen Ulmenzweige sitzen, und eine große Eule mit gelbglitzernden Augen trug es davon, noch ehe der Morgen graute.

Mutter und fünf Kinder waren nun übriggeblieben, doch die Kleinen waren ebenso groß wie die Alte, ja, der Älteste, der auf dem Blatt gesessen hatte, war sogar größer. Ihre Halskrausen fingen an sich zu zeigen, zunächst nur die Spitzen, um anzudeuten, wo sie einst prangen sollten, wenn sie ausgewachsen wären, und man glaubt nicht, wie stolz sie darauf waren. Die Krause bedeutet für den Fasan dasselbe, wie der Schweif für den Pfau ? seine Schönheit, seinen Stolz. Die Krause einer Henne ist schwarz mit einem leichten, grünen Schimmer, die eines Hahnes bedeutend dunkler und schwärzer und glänzt in lebhaftem Grün. Zuweilen taucht ein Fasan von ungewöhnlicher Größe und Kraft auf, dessen Krause nicht nur üppiger ist, sondern auch durch ein wunderbares Naturspiel ein tiefes Kupferrot aufweist, schillernd in violetten, grünen und goldenen Tönen. Ein solcher Vogel ist sicher ein Wunder, und der kleine, der auf dem Blatt gekauert hatte und stets getan, was ihm befohlen, prangte, noch bevor der Eichelmonat begonnen, in der vollen Pracht einer golden- und kupferschillernden Krause ? das war Rotkrause, der berühmte Fasan aus dem Schlammbachtal.

IV

Eines Tages im Eichelmonat, das heißt ungefähr Mitte Oktober, als sich die Fasanenfamilie mit vollen Kröpfen neben einem umgestürzten Fichtenstamme in den wärmenden Strahlen der Mittagssonne badete, vernahm man plötzlich den entfernten Knall eines Gewehres. Da sprang Rotkrause, einem inneren Drange folgend, auf den Stamm, stolzierte ein paarmal auf und ab, erhob sich dann hoch in die helle, klare und würzige Luft und schwirrte laut und herausfordernd mit den Flügeln. Gerade wie ein Füllen seinem Wohlbehagen durch ein helles Wiehern Ausdruck verleiht, schwirrte er im Vollgefühle seiner Kraft lauter und lauter, bis er schließlich, ohne es zu wollen, »trommelte«. Stolz auf seine neue Kunst, schlug er die Luft wieder und wieder sausend mit den mächtigen Flügeln und erfüllte die Waldung mit dem weitschallenden Trommeln eines erwachsenen Fasanen. Seine Geschwister hörten und sahen es mit Bewunderung und Erstaunen; auch seine Mutter gewahrte es, und sie behandelte ihn von diesem Tage an mit einer gewissen ängstlichen Scheu.

Der Anfang des Novembers bringt einen unheimlichen Feind. Einem seltsamen Naturgesetz folgend, verlieren alle Fasanen im November ihres ersten Lebensjahres den Verstand. Sie sind von einem wahnsinnigen Verlangen besessen, irgendwohin zu fliegen, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, und selbst die Verständigen unter ihnen benehmen sich in dieser Zeit albern. In Scharen durchziehen sie in schnellstem Fluge zur Nachtzeit das Land, werden von Drähten zerrissen oder stürzen sich in die flammenden Lichter der Leuchttürme oder in die blinkenden Augen der Lokomotiven. Bei Tage findet man sie dann an den absonderlichsten Orten, in Gebäuden, auf weiten Sumpfwiesen, an den Telephondrähten der großen Städte hängend oder sogar an Bord der Küstenschiffe. Dieser Wahnsinn scheint das Überbleibsel einer uralten Gewohnheit des Wohnungswechsels zu sein und hat schließlich ein Gutes, er löst die Familien auf und verhindert das Untereinanderheiraten, das am Ende der Rasse verhängnisvoll werden würde. Im ersten Jahre überfällt er die Jungen immer am schlimmsten; und im zweiten Herbst können sie ihn wieder bekommen; denn er ist sehr ansteckend, aber im dritten Jahre sind sie erfahrungsgemäß frei davon.

Rotkrauses Mutter wußte, daß er kommen mußte, sobald sie die Weinbeeren sich schwärzen sah und der Ahorn sein goldenes Laub fallen ließ. Doch da war nichts zu tun, als für die Gesundheit der Kinder zu sorgen und sie in dem stillsten Teil der Wälder zu halten.

Das erste Anzeichen kam, als ein Volk wilder Gänse über ihren Köpfen hinweg südwärts zog. Solche langhalsigen Habichte hatten die Jungen vorher nie gesehen, und sie fürchteten sich vor ihnen. Aber da sie sahen, daß ihre Mutter keine sonderliche Angst zeigte, faßten sie Mut und beobachteten die über sie dahinziehenden Auswanderer mit regem Interesse. War es der wilde, kreischende Schrei, der sie erregte, oder war es nur der innere Drang, der sich Bahn brach? ? Ein heißes Sehnen, den wilden Vögeln zu folgen, ergriff die Jungen. Sie beobachteten die schnell im Süden verschwindenden Trompeter und suchten sich höhere Sitze, um sie noch weiter mit den Augen zu verfolgen. Von diesem Tage an waren sie wie umgewandelt.

Der Novembermond nahm zu, und als er voll war, brach der Novemberwahnsinn aus. Die Schwächlinge der Brut wurden von der Krankheit am ärgsten befallen, und die kleine Familie war bald in alle Winde zerstreut. Selbst Rotkrause machte lange, ziellose Nachtreisen. Es trieb ihn südwärts, doch dort glänzten ihm die tiefen Wasser des Ontario-Sees entgegen, und er kehrte um. Ende November zog er wieder in die Schlucht am Schlammbach ein, aber er war jetzt allein.

V

Mit dem Einzug des Winters war das Futter spärlich geworden, und Rotkrause hielt sich wieder zu der alten Bergschlucht mit ihren fichtenbewachsenen Hängen. Jedoch die alte Fasanenweisheit lehrte: »Futter und Feinde wechseln mit dem Mond.« So hatte der Irrmonat Wahnsinn, Einsamkeit und Weintrauben gebracht, der Schneemonat Hagebutten, und der Sturmmonat kam mit Birkenschößlingen und Schneestürmen, die die Wälder mit Eis überzogen und es ungemein erschwerten, beim Abbeißen der erfrorenen Knospen einen festen Sitz zu behalten. Rotkrauses Schnabel wurde durch die harte Arbeit derartig abgenutzt, daß, selbst wenn er ihn geschlossen hielt, hinter dem Haken eine Öffnung sichtbar wurde. Die Natur hatte ihn für den glatten, schlüpfrigen Boden wohl ausgerüstet; denn seine Zehen, die noch im September zart und weich gewesen waren, wurden nun scharf und spornbedeckt und wuchsen mit der zunehmenden Kälte, bis ihn der erste Schnee mit starken Schneeschuhen und Eissporen ausgerüstet fand. Das kalte Wetter hatte die meisten Habichte und Eulen davongetrieben und machte es den vierfüßigen Feinden der Fasanen unmöglich, sich ungesehen zu nähern. Die Vorteile und Nachteile des Winters waren so beinahe ausgeglichen.

Die Suche nach Nahrung führte Rotkrause aber täglich weiter und weiter, bis er schließlich die Rosdaleschlucht mit ihren Silberbirken und Castle Frank mit seinen Weintrauben und Vogelbeeren entdeckte und gründlich erforschte. Ebenso durchstreifte er die Waldungen von Chester, wo die vollen Trauben der Waldrebe im Winde schwankten und verlockende rote Beeren unter dem Schnee glühten.

Bald hatte er herausgefunden, daß die Menschen aus irgendeinem Grunde in die hohe Einzäunung von Castle Frank nicht mit Schießgewehren hineingingen, und dort brachte er nun seine Tage zu, entdeckte neue Schlupfwinkel, neues Futter und wurde klüger und schöner von Tag zu Tag.

Zwar war er ganz allein, aber das betrachtete er als kein Unglück. Wohin er sich wendete, überall hüpften die munteren Schwarzmeisen umher, und er erinnerte sich der Zeit, da sie ihm noch als große, wichtige Wesen erschienen waren. Sie waren die komischsten und fidelsten Bewohner der Wälder; ehe noch der Herbst verflossen, hatten sie ihren berühmten Kehrreim zu singen begonnen:

»Bald Lenz, bald Lenz,« und sie wiederholten ihn mit frohem Mut selbst bei den schaurigsten Stürmen den ganzen Winter hindurch, bis schließlich das Ende des Hungermonds, unseres Februars, herannahte. Jetzt konnten sie mit verdoppelter Kraft ihre lebensfreudige Weltanschauung verkünden, und sie taten es mit einem Nachdruck, der klang wie: »Ich sagt es euch ja!« Die Sonne gewann an Macht, schmolz den Schnee vom südlichen Abhang und legte breite Beete voll duftenden Wintergrüns bloß, dessen Beeren ein festliches Mahl für Rotkrauses ausgehungerten Magen waren. Mit der harten Arbeit hatte es nun ein Ende; Rotkrause brauchte nicht mehr die erfrorenen Schößlinge mit vieler Mühe abzubeißen, und sein Schnabel hatte Ruhe und Zeit, seine ursprüngliche Gestalt wiederzugewinnen. Bald kam auch die erste Bachstelze vorübergeflogen und zwitscherte dabei: »Der Frühling naht!« Die Sonne schien wärmer von Tag zu Tag; eines Morgens in der Dämmerung ertönte ein lautes »Caw, Caw!«, und Silberfleck, ein alter, weiser Rabenvater, kam an der Spitze einer Truppe schwingend daher, um öffentlich bekanntzugeben:

»Der Frühling ist da!«

Die ganze Natur schien darauf zu antworten. Es war die Eröffnung des »Vogel-Neujahrs«, und der Frühling zog ein in jedes Vogelherz, die Schwarzmeisen wurden geradezu verrückt, sie sangen ihr: »Der Lenz ist da! Der Lenz ist da!« mit einer solchen Beharrlichkeit, daß man sich nur wundern mußte, wie sie noch Zeit zum Futtersuchen fanden.

Auch Rotkrause fühlte, wie es ihn durch und durch erschütterte. Er sprang auf einen Stumpf und ließ mit frischer Kraft ein donnerndes: »Dum, dum, dum, donner ? rrrrr« wieder und wieder in das enge Tal hineinschallen. Dort weckte es ein gedämpftes Echo und verbreitete seine Freude über die Ankunft des Frühlings durch die Wälder.

Weit unten im Tale stand Cuddys Hütte. Er vernahm den Trommelruf in der stillen Morgenluft und vermutete, daß droben ein Fasanenhahn zu holen wäre. So kam er die Schlucht mit seiner Donnerbüchse heraufgeschlichen, aber Rotkrause schwebte lautlos davon und ruhte nicht, bis er wieder im Schlammbachtale anlangte.

Dort ließ er sich auf einem alten Baumstumpf nieder und trommelte wieder und wieder seinen lauten Zapfenstreich, bis ein kleiner Junge, der im Wald herumgebummelt war, entsetzt nach Hause lief, um seiner Mutter zu erzählen, daß die Rothäute sicher auf dem Kriegspfade wären; denn er hätte ihre Kriegstrommel im Tale schlagen hören.

Warum gibt wohl ein glücklicher Junge seine Freude und Jauchzen kund? Warum seufzt wohl die vereinsamte Jugend? Sie wissen es ebensowenig, wie Rotkrause es wußte, warum er jeden Tag auf einen alten, abgestorbenen Baumstumpf kletterte und seinen Ruf trommelnd und rollend durch die Wälder schallen, oder warum er seine prächtige, schillernde Krause im Sonnenlicht glänzen ließ. Woher kam ihm dieses fremde Sehnen nach einem Genossen, der seine glitzernden Federn bewundern konnte? Und warum war ihm solch ein Wunsch nicht schon viel früher vor dem Eintreten des Kätzchenmonds gekommen?

»Dum, dum, donner ? rrrrr
dum, dum, donner ? rrrrr«,

rollte er wieder und wieder.

Tag für Tag besuchte er seinen Lieblingsplatz, und eine neue Zierde, ein rosenroter Kamm, wuchs ihm über jedem seiner klaren, kühnblitzenden Augen. Die alten, schwerfälligen Schneeschuhe verschwanden von seinen Füßen, die Krause wurde majestätischer, das Auge klarer, und seine ganze Erscheinung war ein prächtiger Anblick, wie er sich spreizte und im Sonnengold glitzerte. Aber er war so einsam.

Doch was konnte er tun ? er mußte seinem Sehnen durch tägliche Trommelkonzerte Luft machen, bis eines Morgens früh im schönen Monat Mai, als er sehnsüchtig getrommelt und wieder getrommelt hatte, sein scharfes Ohr ein leises Rascheln im Gebüsch vernahm. Er erstarrte zur Bildsäule und lauschte; er wußte nun, man hatte ihn beobachtet. Und war es möglich? Da stand eine zarte Gestalt, ein scheues, kleines Fasanenfräulein, das sich schämig zu verbergen suchte, und im Augenblick war er an deren Seite, über ihn kam ein neues, fremdes Gefühl, wie ein brennender Durst, der nach einer kühlenden Quelle sucht, und er stolzierte einher und trug seinen stolzen Putz gefällig zur Schau. Woher wußte er, daß ihr das gefallen würde? Er blies seine Federn auf und verstand es, sich so zu stellen, daß die Sonnenstrahlen sich glitzernd darin brachen, und ließ ein sanftes Glucksen hören, das wohl das gleiche bedeutete, wie das süße, nichtige Geplauder höherer Wesen; denn das war offenbar: ihr Herz war gewonnen. Gewonnen, und zwar schon lange vorher, wenn er es nur bemerkt hätte. Volle drei Tage war sie seinem lockenden Trommeln gefolgt, hatte ihn sittsam von weitem bewundert und sich ein wenig gekränkt gefühlt, daß er sie noch nicht entdeckt hatte, obwohl sie doch so dicht bei ihm gewesen. So war dieses leichte Rascheln im Gebüsch vielleicht nicht ganz Zufall gewesen. Doch jetzt neigte sie demütig ihr Köpfchen mit süßer, hingebender Huld ? die einsame Reise durch die öde Wüste war überstanden, der durstgequälte Wanderer hatte die kühle Quelle am Ende doch gefunden.

Das war eine glückliche, herrliche Zeit im lieblichen Tale mit dem häßlichen Namen. Niemals hatte die Sonne so klar geschienen, und die Luft war mit balsamisch süßem Fichtenduft erfüllt. Tag für Tag kam der große, edle Vogel zu seinem Lieblingsplatz, zuweilen mit ihr, zuweilen auch allein, und trommelte und rollte vor lauter Freude am Leben. Doch warum zuweilen allein? Warum kam er nicht immer mit seiner kleinen, braunen Gattin? Stundenlang blieb sie bei ihm zum festlichen Mahle und süßen Liebesspiele, dann plötzlich entschlüpfte sie ihm und war verschwunden bis zum nächsten Tage, wenn der laute Kriegsgesang vom alten Baumstumpf herüber erschallte und ihr gebieterisch befahl, zurückzukehren. Ein tiefes Waldgeheimnis schwebte zwischen dem liebenden Paar, das Rotkrause nicht zu durchdringen vermochte. Was war wohl der Grund, daß sie von Tag zu Tag länger ausblieb, bis sie schließlich eines Morgens seinem Rufe nicht folgte? Der zweite Tag verstrich, ein dritter ging zur Neige, doch sie war nicht gekommen, und Rotkrause, wild vor Erregung, durchmaß sausenden Fluges die Wälder, ließ seinen Ruf vom alten Stumpf erschallen, flog stromauf, stromab, hinüber zum Hügel und hinunter ins Tal und trommelte und rollte voll Sehnsucht ? aber vergeblich. Als am vierten Tage sein Locken durch die Forste klang, hörte er plötzlich wie beim ersten Zusammentreffen ein Geräusch in den Büschen; da stand die Vermißte, und unter ihren schützenden Flügeln und um sie herum piepsten zehn kleine niedliche Kücken.

Rotkrause ließ sich ihr zur Seite nieder und erschreckte die helläugigen Flaumbällchen ganz furchtbar durch sein plötzliches Erscheinen. Die Brut scharte sich um die Mutter, um ihm zu zeigen, daß sie nun ein größeres Anrecht hatten als er. Zuerst schien ihn das etwas zu verwundern, aber bald gewöhnte er sich an die Veränderung, blieb von dieser Stunde an bei den Kleinen und sorgte für sie, wie sein Vater es niemals für ihn getan.

VI

Gute, fürsorgende Väter sind eine große Seltenheit in der Fasanenwelt. Die Mutter baut ihr Nest und brütet die Kleinen ohne Hilfe aus, ja sie verbirgt sogar das Nest vor dem Vater und trifft ihn nur am Trommelstamm und auf der Futtersuche oder vielleicht im Staubbad, das der Versammlungsort für das Hühnergeschlecht zu sein pflegt.

Als die Kleinen ausgekrochen waren, hatte die Mutter keine Gedanken für irgend etwas anderes; selbst den männlich schönen Vater hatte sie darüber vergessen. Am dritten Tage aber, als die Jungen stark genug waren, um ihre dünnen Beinchen zu gebrauchen, hatte sie die Kinder dem Vater zugeführt.

Viele Väter zeigen nicht das geringste Interesse für ihre Rinder, aber Rotkrause war eine rühmliche Ausnahme und half sofort die Brut großziehen. Die Kleinen hatten genau wie vor Zeiten ihr Vater essen und trinken gelernt und wackelten daher mit der Mutter als Führerin an der Spitze, während Rotkrause in der Nähe umherstreifte oder den Rückzug deckte.

Eines Tages, als die Familie in langer Linie, aufgereiht wie die Perlen an einer Kette mit einer dicken an jedem Ende, den Hügel hinab nach dem Flusse marschierte, beobachtete ein neugieriges Eichhorn von einem Fichtenstamm herab den feierlichen Zug mit dem hinterdreintrippelnden Rundi, dem Jüngsten und Schwächsten. Rotkrause, der sich auf einem hohen Stamm sein glänzendes Gefieder putzte und zurechtstrich, war dem Auge des Eichhorns entgangen, in dessen Herz sich ein seltsamer Durst nach Vogelblut bei dem Anblick der zarten, kleinen Dingerchen eingeschlichen hatte. Mit der mörderischen Absicht, dem dahinwackelnden Nachzügler den Weg abzuschneiden, sprang der rote Räuber hervor. Die Mutter war schon zu weit, um ein Unglück verhüten zu können, aber Rotkrause war zur Stelle. Er flog dem rothaarigen Halsabschneider entgegen und versetzte ihm mit seinen kräftigen Flügeln einen furchtbaren Schlag. Er traf das Eichhorn auf die zarteste Stelle, gerade auf die Nase, und warf es in einen Reisighaufen. Dort lag es nun, nach Luft schnappend, und rote Tropfen rannen an seiner bösen Schnauze herab. Die Fasanen ließen es dort liegen, und von diesem Tag an behelligte es sie niemals wieder.

Rotkrause rettet das Jüngste vor dem Eichhorn.

Sie wanderten ihren Weg zum Wasser fürbaß; doch vor ihnen war eine Kuh gegangen und hatte tiefe Eindrücke im sandigen Boden zurückgelassen; in einen von diesen fiel ein unvorsichtiges Küchlein und piepste ganz jämmerlich in seiner Bedrängnis, als es nicht wieder herauskonnte.

Das war eine ganz verzweifelte Lage. Keins der Alten schien Rat zu wissen, und sie liefen ängstlich am Rande hin und her. Da plötzlich gab der Sand nach und bildete eine schiefe Ebene, auf der das Kleine heraufrannte; dann vereinigte es sich unter dem breiten Schutzdach von seiner Mutter Schwanz wieder glücklich mit seinen Geschwistern.

Die hübsche, kleine Mutter war von zierlicher Gestalt, aber sie besaß einen scharfen Verstand und war als echte Mutter Tag und Nacht auf das Wohl ihrer Lieblinge bedacht. Stolz schritt und gluckste sie durch die heimatlichen Wälder mit den zarten Kleinen hinterdrein. Ihren kleinen, braunen Schweif spannte sie fächerförmig auf, um den Jungen möglichst viel Schatten zu geben, und vor keinem Feind wich sie zurück, sondern war stets bereit, zu kämpfen oder zu fliehen, je nachdem es ihr das Beste für die Kleinen schien.

Ehe die Küchlein noch fliegen konnten, hatten sie schon eine Begegnung mit Cuddy: denn obgleich es erst Juni war, war er mit seinem mörderischen Gewehr draußen. Mit Tike, seinem Hund, kam er die Schlucht herauf, und der Köter kam der Brut so gefährlich nahe, daß Rotkrause ihm entgegenlief, um ihn mit Hilfe des alten, nie fehlschlagenden Kniffes weit in das Schlammbachtal hinabzulocken.

Das Unglück wollte es, daß auch Cuddy gerade auf die Brut loskam; die Mutter gab ihren Kindern das Zeichen »Krr, krr« (Versteckt euch!) und lief dem Mann entgegen, wie ihr Gatte dem Hund. Erfüllt von wahrer Mutterliebe und erfahren in der Waldeskunde, schlüpfte sie geräuschlos dahin, bis sie dicht vor ihm stand, dann schwang sie sich mit sausendem Flügelschlag in die Höhe, taumelte aber wieder in das Laub zurück und stellte sich so flügellahm, daß sie den Wilddieb für einen Augenblick irreführte. Als sie aber dann, einen Flügel hinter sich herschleifend, langsam davonkroch, wußte er genau, was dies bedeuten sollte ? er wußte, daß es nur ein Kniff war, um ihn von den Jungen hinwegzulocken, und holte zum furchtbaren Streiche aus. Die kleine Mutter war behend, sie wich dem Schlage geschickt aus und hinkte hinter ein Bäumchen, um dort das gleiche Spiel von neuem zu beginnen. Wieder versuchte Cuddy, sie mit einem Stocke niederzuschlagen, aber noch zur rechten Zeit sprang sie beiseite, und tapfer und standhaft kletterte sie vor ihm her, um ihn von ihren hilflosen Kleinen hinwegzuleiten. Cuddy, wütend gemacht durch die wiederholten verunglückten Versuche, sie zu erschlagen, erhob sein Gewehr, feuerte eine Ladung ab, die genügt hätte, um einen Bären zu töten, und die arme, tapfere, aufopfernde Mutter war nicht mehr.

Der Wilddieb wußte genau, daß die Jungen irgendwo in der Nähe versteckt sein mußten, und suchte umher, um sie zu finden, aber nicht eins regte sich oder piepste. Er konnte sie also nicht entdecken. Aber wie er so umhertrampelte mit seinen großen, tölpischen Füßen, kreuzte er ihr Versteck und trat mehr als einen der stillen, kleinen Dulder zu Tode. Doch was kümmerte es ihn?

Rotkrause hatte den gelben Köter weit hinweg stromabwärts geführt und kehrte nun zu der Stelle zurück, wo er seine Gattin verlassen hatte. Der Mörder war inzwischen gegangen und hatte die blutigen Überreste der armen Mutter mitgenommen, um sie dem Hunde vorzuwerfen; Rotkrause suchte und fand die blutbefleckte Stelle und ringsumher verstreute Federn seiner Gattin. Nun wußte er, wem der Schuß gegolten hatte.

Wer kann sein Entsetzen und seine Trauer beschreiben? Äußerlich war ihm nicht viel anzumerken, stumm starrte er einige Minuten lang mit niedergeschlagenem, traurigem Blick auf die Stelle, aber bei dem Gedanken an die hilflosen Jungen kam er schnell wieder zu sich. Er lief hinüber nach dem Versteck und rief das bekannte »Kriet, kriet«, aber nur sechs kleine Flaumbällchen öffneten ihre glänzenden Äuglein und liefen ihm entgegen, denn für vier der kleinen gefiederten Körperchen war das Versteck zum Grab geworden. Rotkrause wiederholte seinen Ruf, bis er sicher war, daß alle, die antworten konnten, gekommen waren, dann führte er sie von dem schrecklichen Platze weit, weit hinweg stromaufwärts, wo Stacheldrahtzäune und Brombeerdickichte einen zwar wenig anmutigen, aber zuverlässigen Schutz boten.

Hier wuchs die Brut auf und wurde von ihrem Vater erzogen, gerade wie seine Mutter ihn erzogen hatte, und sein weitgehendes Wissen und seine Erfahrung boten ihm dabei große Vorteile. Sie wuchsen und gediehen, und als der Jägermonat kam, fand er eine stattliche Familie von sechs erwachsenen Fasanen mit Rotkrause, strahlend in seinen kupferschimmernden Federn, an der Spitze. Nach dem Verlust seiner Gattin hatte er aufgehört zu trommeln; aber das Trommeln bedeutete für den Fasan dasselbe wie der Gesang für die Lerche; es ist sein Liebeslied und der Ausdruck strotzender Kraft und Gesundheit. Als die Mauserzeit vorüber war und der September ihm seine prächtigen Federn wiedergebracht und ihn gekräftigt hatte, lebte sein Geist wieder auf, und als er sich eines Tages in der Nähe des alten Stumpfes befand, bestieg er ihn, von einer inneren Macht getrieben, und trommelte wie in alten Tagen.

Von jetzt an trommelte er oft und seine Kinder saßen um ihn herum, oder eins bekundete seine edle Abstammung, schwang sich auf einen nahen Baumstumpf oder Stein und machte die Luft von einem lauten Zapfenstreich erzittern.

Die schwarzen Trauben und der Irrmonat kamen, aber Rotkrauses Junge waren ihres großen Vaters würdig. In dem gesunden Körper wohnte ein starker Geist, und obgleich sie vom Wahnsinn befallen wurden, hatten sie ihn bereits nach einer Woche überwunden, und nur drei waren davongeflogen auf Nimmerwiedersehen.

Als der Schnee kam, hauste Rotkrause mit seinen drei Kindern, die ihn nicht verlassen hatten, im alten Heimattal. Es war nur ein leichter, flockiger Schnee, und da das Wetter nicht übermäßig kalt war, nächtigte die Familie unter den niedrigen, flachen Zweigen einer Zeder. Am nächsten Tage fiel der Schnee dichter, es wurde kälter und die Schneewehen türmten sich hoch auf. Zur Nacht hörte es auf zu schneien, aber der Frost setzte mit aller Härte ein. Rotkrause führte die Familie zu einer Birke, vor der sich eine tiefe Schneebank erhob, kroch in die weichen Himmelsfedern, und die andern folgten ihm. Der Wind deckte sie mit reinen, weißen Bettüchern zu, und so schliefen sie wohlgeborgen die ganze Nacht. Am nächsten Morgen fanden sie eine Eiswand vor sich, die vom warmen Atem zusammengefroren war, aber sie schoben sie mit Leichtigkeit zur Seite und erhoben sich auf Rotkrauses Morgenruf »Kriet, kriet, kwit!« (Kommt, Kinder, fliegt!).

Dies war ihre erste Nacht in einer Schneewehe, für Rotkrause war es natürlich eine alte Geschichte, und am nächsten Abend tauchten sie wieder vergnügt in ihr warmes Bett hinab, und der Nachtwind deckte sie sorglich zu. Der Wind drehte sich nach Osten, und das Wetter schlug um, der Schneefall machte einem heftigen Schloßenwetter Platz. Die weiten Wälder wurden mit Eis überzogen, und als die Hühner erwachten, um ihre Betten zu verlassen, waren die Eingänge verschlossen mit einer dicken, unbarmherzigen Schicht von Eis.

Der tiefere Schnee war noch ganz weich, und Rotkrause bohrte sich einen Weg nach oben, aber dort trotzte die harte, weiße Decke seiner Kraft. Er konnte hämmern und sich abarbeiten, soviel er mochte, er gelangte zu keinem Ergebnis und zerschlug sich nur Flügel und Kopf. Aus Freude und Ungemach hatte sein Leben bestanden bis auf diesen Tag, aber dies schien der härteste Tag von allen. Die Stunden schlichen langsam dahin, und er schwächte seine Kräfte durch fruchtlose Bemühungen, doch dem Ziele kam er nicht näher. Dazu mußte er das verzweifelte Kämpfen seiner Kinder hören oder zuweilen einen langgedehnten, klagenden Hilferuf: »Piet, piet!«

Vor ihren Verfolgern waren sie geschützt dort unten in ihrem traurigen Gefängnis, aber nicht vor den Qualen des Hungers. Zuerst hatten sie gefürchtet, der Fuchs würde kommen und sie, seiner Gnade preisgegeben, dort finden. Als aber die zweite Nacht der Morgendämmerung wich, war auch dies ihnen gleich, und sie wünschten sogar, er möchte kommen, die Kruste brechen und ihnen wenigstens die Gelegenheit bieten, für ihr Leben zu kämpfen.

Am Spätnachmittag des dritten Tages gelang es Rotkrause endlich, ein Loch in die glasige Decke zu picken; neues Leben erfüllte ihn bei diesem Erfolg, und er arbeitete und arbeitete, bis er kurz vor Sonnenuntergang den Kopf und den Hals mit der schillernden Krause durch das Loch stecken konnte. Die Schneedecke bröckelte von dem Druck seiner breiten, kräftigen Schultern, und er sprang heraus, aus seinem eisigen Kerker befreit. Doch was war aus den Jungen geworden? Rotkrause flog zum nächsten Busche und stillte seinen nagenden Hunger mit einigen Hagebutten, dann kehrte er hastig zur Schneewehe zurück und gluckste und rief, aber nur einer der armen Gefangenen antwortete. Ein schwaches »Piet, piet« spornte ihn zu wütendem Scharren mit seinen scharfen Krallen an, und als die Eisdecke brach, kroch Grauschwanz als einziger ans Tageslicht, doch das war alles. Als der Schnee im Frühling schmolz, kamen zwei kleine Leichen zum Vorschein: Haut, Knochen und Federn ? weiter nichts.

VII

Es dauerte wohl einige Wochen, bis sich Rotkrause und Grauschwanz vollkommen wieder erholt hatten, doch gutes Futter und Ruhe im Überfluß sind sichere Heilmittel, und an einem schönen, klaren Tage um die Wintersonnenwende saß Rotkrause wie in verflossenen Tagen auf seinem Baumstumpf und machte die Luft mit majestätischem Trommeln erzittern. War es das Trommeln, oder waren es verräterische Spuren im Schnee, die Cuddy ihren Aufenthalt verrieten? Tag für Tag durchstreifte er mit Hund und Gewehr die Schlucht mit der festen Absicht, die Fasanen von der Bildfläche hinweg, zufegen. Sie kannten ihren beharrlichen Verfolger schon lange, doch jetzt machte er Anstalten, sie näher kennen zu lernen. Der prächtige Fasan mit der kupferfarbenen Krause fing an, im ganzen Tal berühmt zu werden. Manch einer versuchte während des Jägermonds, ihm das Licht auszublasen, doch Rotkrause war zu vertraut mit den Lehren der Waldeskunde.

Cuddy aber ließ nicht ab, ihn mit seinem Gewehr zu verfolgen; manchen Schuß verknallte er vergebens, denn wie ein Wunder fand sich stets ein Baum, eine Moosbank oder irgendein sicherer Schutz, und Rotkrause lebte, gedieh und trommelte.

Als der Schneemond ins Land zog, wanderte er mit Grauschwanz aus nach dem Forste von Castle Frank, denn dort war Futter im Überfluß und mächtige, uralte Bäume. Am Südabhang stand inmitten kriechender, niedriger Kiefern eine schlanke Fichte. Ihr hoch über die andern Bäume hinausragender Gipfel beherbergte im Sommer den Eichelhäher und seine Braut. Dort oben außer Schußweite sang und tanzte der Häher an lauen Frühlingstagen vor seiner Gespielin, ließ seine glänzenden, blauen Federn im Sonnenlicht strahlen und wirbelte die süßeste Melodie, so süß und schmelzend wie aus dem Märchenland.

Nahe dieser Fichte lebte jetzt Rotkrause mit seinem einzigen noch übriggebliebenen Jungen; doch nicht die Krone hoch droben in der klaren Luft, sondern der Fuß des stolzen Baumes war es, der ihn interessierte. Fasanenwein und Wintergrün wuchsen unter den niedrigen Kiefern, und der Schnee barg körnerstrotzende Fichtenzapfen. Einen passenderen Futterplatz gab es nicht; der starke Fichtenstamm gewährte dazu Schutz vor dem tödlichen Blei, und wenigstens ein dutzendmal rettete er während der Jagdzeit den Fasanen das Leben. Hier war es, wo Cuddy, mit ihren Gewohnheiten vertraut, eine neue Falle legte. Lauernd lag er im Versteck, während ein Genosse die Anhöhe umging, um ihm die Vögel zuzutreiben, trampelnd kam er durch das niedrige Dickicht, wo Rotkrause und Grauschwanz beim üppigen Mahl saßen. Lange, ehe der Schütze in gefährlicher Nähe sich zeigte, warnte Rotkrause leise »Rrr ? rrr« (Gefahr!) und lief schnell auf die große Fichte zu. Grauschwanz befand sich in einiger Entfernung oben auf dem Hügel und erblickte plötzlich einen neuen Feind, den gelben Köter, der gerade auf ihn loskam. Rotkrause hinderte das Dickicht, ihn zu sehen, und Grauschwanz geriet infolgedessen in begreifliche Aufregung.

»Kwit, kwit« (Flieg, flieg!) schrie er und kam den Hügel heraufgelaufen. »Kriet, rrr« (Hierher, verstecke dich!), rief der besonnene Vater, denn der Mann mit dem Gewehr kam jetzt in Schußweite. Er lief hinter den dicken Stamm, und als er dort einen Augenblick stillstand, um Grauschwanz nochmals zuzurufen »Hierher, hierher«, hörte er plötzlich ein leises Geräusch, das ihm das Versteck des anderen Schützen verriet. Grauschwanz erhob sich in die Luft, als der Hund auf ihn lossprang, flog hinter den schützenden Stamm und befand sich nun in der Gewalt des elenden Schuftes, der dort versteckt lag.

»Schwirr«, und er erhob sich, ein herrliches, edles Wesen.

»Bäng«, und herab stürzte er, zu Tode getroffen und blutend, in den weißen Schnee.

Rotkrauses Platz war gefahrvoll, denn es gab keine Möglichkeit, ungesehen aufzufliegen, darum duckte er sich flach nieder. Der Hund kam in gefährliche Nähe, und der Fremde ging dicht an ihm vorbei, aber Rotkrause rührte sich nicht, bis sich Gelegenheit bot, hinter den dicken Fichtenstamm zu schlüpfen. Dort flog er auf und schwebte lautlos davon.

Alle seine Lieben hatte das tödliche Blei dahingerafft, und vollkommen vereinsamt war er allein zurückgeblieben. Der Schneemond verstrich, Rotkrause entkam seinen Feinden oft nur mit knapper Not, denn da er der einzige Überlebende seines Geschlechts war, wurde er mit unbarmherzigem Eifer verfolgt.

Am Ende schien es Zeitverschwendung, ihm mit dem Gewehr nachzustellen; Cuddy heckte daher, als der Schnee am tiefsten war und das Futter am spärlichsten, einen neuen Anschlag aus. Über Rotkrauses Futterplatz verteilte er eine Menge tückischer Schlingen. Ein Hase, ein alter Freund, zernagte mehrere mit seinen scharfen Zähnen, aber einige blieben übrig, und Rotkrause trat richtig in eine hinein. Im Augenblick wurde er in die Luft geschleudert und baumelte hilflos an einem Bein. ? ? ?

Haben die armen Tiere gar keine moralischen oder gesetzlichen Rechte? Und welches Recht hat der Mensch, seinem Mitgeschöpf solch lange, furchtbare Martern aufzuerlegen, nur weil dieses Geschöpf nicht seine Sprache spricht? ? Den ganzen Tag hing der bedauernswerte Rotkrause in wachsender Pein und schlug mit seinen mächtigen, starken Schwingen in hilflosem Bemühen, sich zu befreien. Den ganzen Tag, die ganze Nacht schwebte er zwischen Himmel und Erde, bis er sich nur noch nach dem Tode sehnte. Aber er erlöste ihn nicht! Der Morgen brach an, der Tag verstrich, und noch hing er, langsam sterbend. Die zweite Nacht kroch heran, und eine große Steineule, die durch das schwache Flattern herangelockt wurde, machte der Qual ein Ende.

Eine große Steineule machte der Qual ein Ende.

Der Wind blies von Norden das Tal herab, der Sturmwind brauste über das runzlige Eis, über das unwirtliche Marschland in der Richtung nach dem Ontario-See und streute die zerzausten regenbogenfarben schillernden Federn über das Land, den Stolz des letzten Fasanen vom Schlammbachtal.

Denn keiner kommt mehr nach Castle Frank. Die Waldvögel vermissen den kriegerischen Frühlingsgruß, und der alte Fichtenstumpf im Schlammbachtal ist verfault und zerfallen.

Wully

Ein Schäferhund

Wully war ein kleiner, gelber Köter. Unter der verächtlichen Bezeichnung Köter versteht man gewöhnlich einen rasselosen Mischling und vergißt dabei, daß dieses verachtete Wesen meistens mehr Rasse in sich zeigt, als irgendeiner seiner aristokratischen Verwandten. Er ist schlau, beweglich und ausdauernd und weit besser für den harten Kampf ums Dasein ausgerüstet, als seine rasseechten Vettern.

Setzen wir den Fall, wir würden einen ganz gewöhnlichen Dorfköter, einen kostbaren Windhund und einen Bullenbeißer auf einer öden, verlassenen Insel aussetzen, welcher von diesen dreien würde wohl nach sechs Monden noch gesund am Leben sein? Zweifellos der verachtete Dorfköter. ? Er besitzt weder die Schnelligkeit des Windhundes, noch die Kraft und die Kühnheit eines Bullenbeißers, aber etwas tausendmal wertvolleres, einen gesunden Verstand.

Dorfköter, Windhund und Bullenbeißer.

I

Auf den Bergen, hoch droben in Schottland, auf den Cheviots, war Wully geboren. Ihn und einen seiner Brüder hatte man am Leben gelassen; den Bruder, weil er eine große Ähnlichkeit mit dem besten Hund der Nachbarschaft aufwies, und ihn selbst, weil er ein niedlicher, kleiner gelber Kerl war.

Seine Jugend verbrachte er wie ein richtiger Schäferhund in Gemeinschaft eines erfahrenen Collies, der ihn ausbildete, und eines alten Schafhirten, der fast ebensoviel Erfahrung besaß, wie sein gelehriger Hund. Mit zwei Jahren war Wully vollkommen ausgewachsen und er wußte mit den Schafen ebensogut umzugehen wie Alt-Robin, sein Meister, der ein solches Vertrauen in seine Zuverlässigkeit besaß, daß er meistens die ganze Nacht im Wirtshaus saß, während Wully die wolligen Dummköpfe in den Hügeln bewachte. Der alte, einfältige Schafhirt, mit allen seinen Fehlern und dem fortwährenden Sehnen nach seinem Idealzustand ? der Benebelung ? behandelte Wully selten roh, und dieser vergalt ihm das durch abgöttische Verehrung, um die mancher Große und Weise im Lande den Alten beneidet hätte.

Wully konnte sich kein höheres Wesen vorstellen als Robin, und doch standen dieses Abgottes körperliche und geistige Kräfte für nur fünf Schilling die Woche im Dienst eines kleinen Viehhändlers, des eigentlichen Besitzers von Wullys Schutzbefohlenen. Als dieser Mann nun Robin befahl, seine Herde in Tagereisen nach den Yorkshire-Märkten zu treiben, war Wully von all den dreihundertsechsundsiebzig Wesen, die dabei in Frage kamen, der am meisten Betroffene.

Die Reise nach Northumberland war für ihn bedeutungsvoll. Am Tynefluß wurden die Schafe auf ein Fährboot getrieben und am andern Ufer im rußigen Southshields gelandet. Die hohen Fabrikschornsteine kündeten den Beginn der Tagesarbeit an und hüllten die Stadt in schwere Nebel und bleigraue Rauchwolken ein, die die Sonne verdunkelten und wie Sturmwolken über den Straßen hingen. Die Schafe vermuteten das Heranziehen eines außergewöhnlich schweren Sturms, wurden aufgeregt und rasten ihren Hütern zum Trotz in 374 verschiedenen Richtungen durch die Stadt.

Das war für Robins schwachen Geist zu viel. Er starrte den Schafen einige Augenblicke lang stumpfsinnig nach und gab dann den Befehl: »Wully, bring sie!« Nach dieser Anstrengung setzte er sich nieder, zündete seine Pfeife an und begann an einem halbvollendetem Strumpfe zu stricken.

Robins Stimme war für Wully die Stimme Gottes. Davon lief er in 374 verschiedene Richtungen und brachte nach langen Mühen die 374 Ausreißer nach dem Fährhause zu Robin, der des Hundes Arbeit interesselos zusah.

Zum Schluß gab Wully ? nicht Robin ? das Zeichen, daß alle beisammen wären. Der alte Schäfer begann zu zählen: 370, 371, 372, 373. »Wully,« sagte er vorwurfsvoll, »da fehlt ja eins.« Wully sprang vor Scham zitternd davon, um die ganze Stadt nach dem Vermißten abzusuchen. Aber er war noch nicht lange fort, als ein kleiner Junge Robin bedeutete, daß alle 374 Schafe bereits zur Stelle seien. Der Alte befand sich in größter Verlegenheit. Sein Herr hatte ihm befohlen, so schnell als möglich Yorkshire zu erreichen, und anderseits wußte er, daß Wully nicht ohne ein Schaf zurückkommen würde, selbst wenn er es zu stehlen hätte. Derartiges war schon früher vorgekommen und hatte zu höchst unangenehmen Auseinandersetzungen geführt. Was sollte er nun tun? Fünf Schilling wöchentlich standen auf dem Spiele. Wully war ein guter, treuer Hund, und es war jammerschade, ihn zu verlieren; aber wenn er nun, um die Zahl vollzumachen, ein Extraschaf stahl, was dann? Robin entschied sich endlich, Wully im Stich zu lassen und zog mit seinen Schafen von dannen. Wie er allein sein Ziel erreichte, das wissen wir nicht, und es kann uns auch gleich sein.

Inzwischen hatte Wully auf der vergeblichen Suche nach dem verlorenen Schafe die Stadt nach allen Richtungen durchkreuzt. Den ganzen Tag und die folgende Nacht suchte er, bis er schließlich ausgehungert und müde mit eingezogenem Schwanze nach dem Fährhause zurückkam, um dort zu entdecken, daß sein Herr mit den Schafen bereits seiner Wege gegangen war. Es war wirklich jammervoll, die Trauer und Verzweiflung des Hundes mit anzusehen. Wimmernd und heulend lief er umher, fuhr dann mit der Fähre nach dem andern Ufer hinüber und suchte überall nach Robin. Später kehrte er wieder nach Southshields zurück und verbrachte die Nacht auf der Suche nach seinem Abgott. Auch den nächsten Tag setzte er das Suchen fort, beobachtete und beroch jedermann, der den Fluß kreuzte, und suchte mit großer Schlauheit unablässig in den umliegenden Wirtshäusern nach seinem Herrn. Am folgenden Tage begann er systematisch alle Leute zu beschnüffeln, die mit der Fähre herüberkamen.

Das Fährboot machte fünfzig Überfahrten an jedem Tag und beförderte durchschnittlich jedesmal hundert Personen. Wully war am Anlegeplatz stets zur Stelle und beroch jedes Bein, das herüberkam ? zehntausend mochte er an diesem Tage auf seine eigene Weise untersucht haben. Den nächsten Tag und den übernächsten, die ganze Woche hielt er auf seinem Posten aus, und bald begannen mangelhafte Ernährung und Sorge ihre Wirkung zu zeigen; er wurde von Tag zu Tag magerer und schlechter gelaunt. Niemand durfte ihn berühren, und jeder Versuch, ihn von seiner täglichen Beschäftigung abzubringen, reizte ihn zur höchsten Wut.

Tag für Tag, Woche für Woche wartete Wully auf seinen Herrn, aber er kam nicht. Die Fährleute achteten des Hundes Anhänglichkeit und Treue, und obwohl dieser im Anfang das dargebotene Futter und eine Unterkunft verschmähte, nahm er schließlich ihre Gaben an. ? Wenn er auch verbittert war gegen alle Welt, so hing sein Herz doch wie zuvor an seinem treulosen Herrn und Meister.

Vierzehn Monate nach Wullys Ankunft in Southshields machte ich seine Bekanntschaft, und immer noch war er auf dem Posten. Sein gutes Aussehen hatte er zurückerlangt; sein scharfgeschnittener, kluger Kopf, von einer weißen Halskrause eingerahmt, und seine spitzen, lauschenden Ohren machten einen auffallend hübschen Hund aus ihm, der jedes Auge auf sich zog. Nachdem er meine Beine beschnüffelt und entdeckt hatte, daß es nicht die waren, die er suchte, beachtete er mich nicht weiter, und trotz meiner Versuche, seine Freundschaft zu gewinnen, schenkte er mir nicht mehr Vertrauen, als irgendeinem anderen.

Zwei volle Jahre hielt dieses treue Tier an der Fähre aus. Es war nicht die große Entfernung oder die Furcht, sich zu verlaufen, die ihn davon zurückhielt, nach Hause in die Hügel zurückzukehren, es war die Überzeugung, daß Robin, sein Abgott, sein Bleiben beim Fährboot wünschte, und er blieb.

So oft Wully es für nötig hielt, kreuzte er den Fluß. Der Überfahrtspreis für einen Hund betrug einen Penny, und man hat ausgerechnet, daß er der Gesellschaft Hunderte von Pfunden schuldete, bis er seinen Platz aufgab.

Von Robin hatte man niemals mehr auch nur das geringste vernommen, aber eines Tages betrat ein rüstiger Viehtreiber die Fähre, und Wully, der ihn seiner Gewohnheit gemäß beschnüffelte, wurde plötzlich aufgeregt, seine Mähne sträubte sich, er zitterte und ein leises Knurren entfuhr ihm.

Einer von den Fährleuten, der nicht verstand, was vorging, rief dem Fremden zu: »Paß auf, Mann, daß du unserem Hunde nichts zuleide tust!«

»Was soll ich ihm zuleide tun, ehe könnte der Köter mir etwas anhaben.« Irgendwelche weitere Aufklärung war unnötig. Wully war wie ausgewechselt, er schmiegte sich dicht an den Fremden, und sein Schwanz wedelte leidenschaftlich, zum erstenmal seit Jahren.

Einige Worte machten alles klar. Dorley, der Viehtreiber, hatte Robin gut gekannt. Seine Handschuhe und sein Halstuch waren von Robins eigener Hand gestrickt und früher in dessen Besitz gewesen. Wully zweifelte, daß er je seinen verlorenen Abgott wiederfinden würde, verließ seinen Posten an der Fähre und gab deutlich die Absicht kund, dem Eigentümer von Robins Halstuch zu folgen. Dorley hatte nichts dagegen, nahm ihn mit heim in die Berge von Derbyshire, und Wully wurde zum zweiten Male ein Schäferhund.

II

Monsaldale ist eines der bekanntesten Täler in Derbyshire. Es hat nur ein einziges, aber um so berühmteres Wirtshaus, und der Besitzer, Jo Greatorex, ist ein schlauer und handfester Yorkshireman. Die Natur hatte ihn zum Krieger bestimmt, aber die Umstände machten ihn zum Gastwirt, und seine Neigung zur ? doch das sollten wir lieber verschweigen ? Wilddieberei war in dieser Gegend an der Tagesordnung.

Wully hütet die Schafherde mit seinem angeborenen Scharfsinn.

Wullys neue Heimat lag auf dem Hochland, östlich von dem Tal, und über Jos Wirtshaus. Dorley besaß ein kleines Bauerngut und in den Triften auch eine große Herde Schafe. Diese hütete Wully mit seinem angeborenen Scharfsinn, bewachte sie, während sie weideten, und brachte sie am Abend in den Stall. Er war für einen Hund zurückhaltend und argwöhnisch und leicht geneigt, Fremden die Zähne zu zeigen, aber er war so aufmerksam beim Bewachen seiner Herde, daß Dorley in diesem Jahr nicht ein einziges Schaf verlor, obwohl die Nachbarn Geiern und Füchsen den gewöhnlichen Tribut zahlen mußten.

Die Täler dort sind eine ungeeignete Gegend für Fuchsjagden; die zerklüfteten Züge, die hohen Steinwälle und Anhöhen sind zu zahlreich, der Schlupfwinkel zwischen den Felsen sind zu viele, und es war zu verwundern, daß die Füchse in Monsaldale nicht überhand nahmen. Man hatte wenig Grund gehabt, über sie zu klagen, bis sich im Jahre 1881 ein schlauer, alter Fuchs, wie eine Maus in einem fetten Käse, in dem reichen Kirchspiel niederließ und aller Nachstellungen von edlen Jagdrüden und gemeinen Dorfkötern spottete.

Verschiedene Male wurde er mit Hund und Pferd verfolgt, und immer verschwand er im Teufelsloch, einer Höhle von unerforschter Ausdehnung ? dort war er sicher. Die Landbevölkerung fing an, etwas mehr als Zufall in der Tatsache zu suchen, daß er stets ins Teufelsloch entwischte, und als einer von den Hunden, der diesen Teufelsfuchs beinahe erwischte, bald darauf verrückt wurde, stand die Teufelsabstammung besagten Fuchses außer Zweifel.

Er setzte seine Räuberlaufbahn fort, bis er schließlich aus Vergnügen am Blutvergießen zu morden begann, Digby verlor zehn Lämmer in einer Nacht, Caroll sieben in der nächsten; später wurde der Ententeich des Pfarrhofes vollkommen verwüstet, und es verging kaum ein Tag, an dem nicht irgend jemand einen Mord von Geflügel, Lämmern oder Schafen und schließlich selbst von Kälbern zu berichten hatte.

All dieses blutgierige Verwüsten wurde diesem einen Fuchs aus dem Teufelsloch zugeschrieben. Es war nur bekannt, daß es ein außerordentlich großer Fuchs sein müsse; wenigstens einer, der eine breite Spur hinterließ; doch niemand, selbst kein Jäger, hatte ihn je in der Nähe gesehen. Auch hatte man bemerkt, daß Donner und Doria, die besten Hunde der Meute, sich geweigert halten, auf der Hetze seiner Spur zu folgen.

Die Bauern von Monsaldale beschlossen, sich beim ersten Schnee unter Jos Leitung zu versammeln und die ganze Gegend abzuklopfen, um auf irgendeine erlaubte oder unerlaubte Art das »unschuldige« Füchslein loszuwerden. Aber der Schnee kam vorläufig nicht, und der rothaarige Ehrenmann lebte ungekränkt weiter. Niemals kam er zwei aufeinanderfolgende Nächte nach dem gleichen Bauernhof, niemals fraß er, wo er gemordet hatte, und niemals hinterließ er eine Spur, die den Weg, den er genommen, verraten hätte.

Ein einzigesmal lief er mir in den Weg. Ich ging spät in der Nacht den Pfad von Bakewell nach Monsaldale entlang, während eines heftigen Sturmes, und als ich um die Ecke eines Schafstalls bog, fuhr plötzlich ein heller Blitzstrahl hernieder. Bei seinem Lichte erblickte ich ein Bild, das mich zurückschrecken ließ. Neben dem Wege saß in geringer Entfernung ein riesiges Tier, das mich mit glühenden Augen anstarrte und sich bezeichnend die Schnauze leckte. Dies war alles, was ich sah, und ich würde es wohl vergessen oder für einen Irrtum gehalten haben, hätte man nicht am nächsten Morgen in jenem Stalle die Leichen von dreiundzwanzig Schafen gefunden.

Nur eine Herde ließ der Mörder in Frieden, das war die Dorleys, und es schien dies um so wunderbarer, als Dorley doch mitten in der gefährdeten Gegend und nur eine Meile vom Teufelsloch entfernt lebte. Der treue Hund bewies seine Überlegenheit über alle Köter der Nachbarschaft; Abend für Abend brachte er seine Herde heim, und niemals fehlte auch nur einer seiner Schützlinge. Der wilde Fuchs mochte um Dorleys Hof herumstreichen, aber Wully, der schlaue, tapfere und aufgeweckte Wully, war ein unüberwindlicher Gegner für ihn und rettete nicht nur seines Meisters Herde, sondern entwischte auch stets selbst mit heiler Haut. Jedermann bezeugte eine wahrhafte Hochachtung für ihn, und er wäre gewiß ein Liebling aller gewesen, wenn seine Laune sich nicht von Tag zu Tag verschlechtert hätte. Dorley und dessen älteste Tochter Hulda, ein aufgewecktes, hübsches, junges Mädchen, schien Wully gern zu haben; die übrigen Glieder der Familie waren ihm gleichgültig, aber er duldete sie; den Rest der Welt, Menschen und Hunde, schien er zu hassen.

So mürrisch und bösartig Wully sich auch der Welt gegenüber benahm, er zeigte sich stets gut geartet gegen Dorleys Schafe. Viele wunderbare Geschichten über ihn waren im Umlauf; manch armes Lamm, das ins Wasser oder in eine Kluft gefallen war, würde ohne Wullys rechtzeitige, tatkräftige Hilfe elendiglich umgekommen sein. Sein sicheres Auge entdeckte jeden Adler, der über dem Moor seine Kreise zog, und Wullys tollkühne Tapferkeit trieb ihn auf Nimmerwiedersehen davon.

III

Als der Schnee endlich kam, spät im Dezember, zahlten die Monsaldale-Bauern wie zuvor ihren nächtlichen Tribut an den gierigen Fuchs. Die Witwe Gelt verlor ihren einzigen Besitz, eine Herde von zwanzig Schafen, und am nächsten Tage beim Morgengrauen zogen die männlichen Bewohner des Dorfes aus, auf die Suche nach dem Wüterich. Die Gewehre offen zur Schau tragend, folgten sie den verräterischen Spuren im Schnee, den Spuren eines außergewöhnlich großen Fuchses, zweifellos die des mörderischen Gesellen. Eine Zeitlang war die Spur leicht zu erkennen, bis sie im Flusse verschwand und die angeborene Schlauheit des Fuchses bewies. Das Tier war in der Richtung stromabwärts auf das Wasser zugelaufen und dann in den seichten Fluß hineingesprungen. Doch auf der andern Seite führte keine Spur heraus, und nach langem Suchen fanden die Bauern endlich eine Viertelmeile stromaufwärts die Stelle, wo er das Wasser verlassen hatte. Dann führte die Fährte nach einem hohen Steinwall, von dem der Sturm den Schnee heruntergefegt hatte und wo folglich keine Spuren zu erkennen waren. Die beharrlichen Jäger ließen sich nicht irreleiten, aber als die Spuren den weichen Schnee zwischen der Mauer und der Fahrstraße gekreuzt hatten, war die Meinung geteilt; einige behaupteten, der Fuchs sei nach links, andere wieder, er sei nach rechts gelaufen. Doch Jo, der Führer, entschied die Streitfrage, und nach langem, erfolglosem Suchen fanden sie schließlich die gleiche Spur, die von der Straße in einen Schafstall hineinführte. Ohne den Bewohnern ein Leid zuzufügen, hatte der Fuchs das Gehöft wieder verlassen, war genau in die Fußtapfen eines Bauern hineingetreten und geradeswegs auf Dorleys Farm zugetrottet.

Wegen des Schneefalls hatte Dorley die Herde an jenem Tage nicht hinausgetrieben, und Wully lag unbeschäftigt in der Sonne. Als die Jäger sich dem Hause näherten, knurrte er wütend und lief um die Ecke herum nach dem Schafstall. Jo Greatorex kreuzte den Hof, warf einen Blick auf Wullys Spur im frischen Schnee und rief, auf den sich entfernenden Schäferhund zeigend:

»Jungens, den Fuchs haben wir nicht, aber dort läuft der Schafmörder.«

Einige stimmten Jo bei, andere äußerten Zweifel und meinten, man solle zurückgehen und die Fährte von neuem verfolgen. Im selben Augenblick trat Dorley aus dem Hause.

»Tom,« sagte Jo, »dein Köter hat vergangene Nacht der Witwe Gelt Schafe gemordet, und ich glaube kaum, daß dies sein erster Mord war.«

»Was?« sagte Tom, »bist du verrückt? Ich habe niemals einen besseren Hund gehabt ? er geht für die Schafe durchs Feuer.«

»Ja, ja,« meinte Jo, »das hat er letzte Nacht gründlich bewiesen.«

Die Bauern erzählten ihm ausführlich von ihrer Suche am Morgen, doch alles war vergeblich, Tom schwur, daß das ganze eine eifersüchtige Verschwörung sei, ihn seines treuen Hundes zu berauben.

»Wully schläft jede Nacht in der Küche und kommt nicht heraus, bis er die Herde auf die Weide treibt. Es ist alles Unsinn. Das ganze Jahr hindurch ist er bei den Schafen, und nicht einen Huf habe ich verloren.«

Tom ereiferte sich über diese ungeheuerliche Verschwörung gegen Wullys Ruf und Leben. Jo und seine Anhänger wurden schließlich aufgeregt, und es war ein Glück, daß Hulda aus dem Hause trat und sie beruhigte.

»Vater,« sagte sie, als man ihr alles erzählt hatte, »ich will heute nacht in der Küche schlafen. Wenn Wully den Versuch macht, davonzuschleichen, werde ich es bemerken, und wenn er ruhig bei mir bleibt und dennoch Schafe gemordet werden, so haben wir den Beweis von Wullys Unschuld.«

Wully beobachtet Hulda.

Hulda streckte sich am Abend auf einer Bank in der Küche aus, und Wully schlief wie gewöhnlich unter dem Tisch. Einige Stunden verrannen, und der Hund wurde unruhig, er wälzte sich auf seinem Lager, stand auf, streckte sich, beobachtete Hulda und legte sich wieder nieder. Ungefähr um zwei Uhr schien er einem inneren Drängen nicht mehr widerstehen zu können. Er erhob sich leise, schaute nach dem niedrigen Fenster und dann auf das scheinbar schlafende Mädchen. Hulda lag still und atmete ruhig, wie im Schlafe, Wully kam langsam näher und schnaufte ihr direkt ins Gesicht, doch sie rührte sich nicht. Er leckte ihr vorsichtig die Wange und beobachtete dann, seine spitzen Ohren aufrecht und seinen Kopf zur Seite geneigt, ihr unbewegliches Antlitz, aber sie schien ruhig zu schlafen. Da lief der Hund nach dem Fenster, sprang geräuschlos auf den Tisch, schob seine Nase unter den Rahmen und hob das Fenster so hoch, daß er durch die Öffnung hinauskriechen konnte. Darauf ließ er es leise über seinen Rücken und Schwanz herniedergleiten, und seine Gewandtheit dabei verriet eine lange Übung. Dann verschwand er in der Dunkelheit.

Hulda hatte den ganzen Vorgang mit Erstaunen beobachtet, und nachdem sie eine Zeitlang gewartet hatte, um sicher zu sein, daß der Hund nicht mehr in der Nähe wäre, erhob sie sich in der Absicht, ihren Vater zu rufen. Jedoch nach einigem Überlegen beschloß sie weiteres abzuwarten. Sie warf Holz aufs Feuer und legte sich wieder nieder. Über eine Stunde lag sie ganz munter, dem Ticken der alten Wanduhr lauschend und beim geringsten Geräusch zusammenfahrend. Was mochte der Hund jetzt anstellen? Hatte er wirklich der Witwe Schafe gemordet? Die Erinnerung an seine aufopfernde Anhänglichkeit an ihre eigene Herde ließ es ihr unglaublich erscheinen.

Eine zweite Stunde ticktackte langsam vorüber. Da vernahm Hulda plötzlich ein leises Geräusch am Fenster, und ihr Herz klopfte in gespannter Erwartung. Das Fenster öffnete sich, und Wully sprang in die Küche zurück.

Beim flackernden Lichte konnte Hulda einen fremdartigen, wilden Glanz in seinen Augen erkennen, und seine schneeweiße Brust war mit frischem Blut besudelt. Der Hund hörte auf zu schnaufen und beobachtete das Mädchen. Dann, als er sah, daß sie sich nicht regte, legte er sich nieder, leckte seine Pfoten und seine Brust und knurrte einigemal leise, wie in der Erinnerung an ein jüngst vergangenes Abenteuer.

Hulda hatte genug gesehen, ohne Zweifel, Jo hatte recht, und der gefürchtete Fuchs von Monsaldale lag vor ihr. Sie erhob sich, sah Wully in die Augen und rief: »Wully! Wully! So ists doch wahr? Du entsetzlicher Wüterich!«

Ihre Stimme zitterte durch den stillen Raum, und Wully erstarrte, wie vom Blitz getroffen. Er warf einen verzweifelten Blick auf das geschlossene Fenster, seine Augen glitzerten, und seine Mähne sträubte sich, aber er kauerte sich unter dem festen Blick Huldas zusammen und kroch auf dem Boden auf sie zu, als ob er um Gnade betteln wollte. Langsam kam er näher und näher, wie um ihre Füße zu lecken. Als er aber dicht vor ihr war, sprang er mit der Wut eines Tigers, aber ohne einen Laut von sich zu geben, nach ihrem Halse.

Der Angriff kam dem Mädchen unerwartet, aber noch zur rechten Zeit hob sie ihren Arm empor, und Wullys lange, weiße Zähne bohrten sich in ihr Fleisch und knirschten auf den Knochen.

»Hilfe! Hilfe! Vater! Vater!« schrie sie.

Wully war eine leichte Last, und für einen Augenblick schleuderte sie ihn weg, aber seine Absicht war nicht mißzuverstehen. Der Kampf hatte begonnen, es galt sein Leben oder das ihre.

»Vater! Vater!« gellte es durch die Stille der Nacht, als die gelbe Furie, in der Absicht, Hulda zu morden, die Hände, die sie so oft gefüttert, zerbiß und zerfleischte.

Vergeblich suchte das Mädchen den Hund von sich abzuwehren, und eben wollte er sie am Hals packen, als Dorley noch im rechten Augenblick herbeigeeilt kam.

Gerade auf ihn los, lautlos wie zuvor, sprang Wully und biß und zerfleischte ihn, bis ein tödlicher Schlag mit der Axt ihn kampfunfähig machte. Ein zweiter Hieb schleuderte ihn mit zerschmettertem Schädel vor den Herd, wo er so lange geehrt und geachtet mit Dorley gehaust hatte ? und Wully, der kluge, tapfere, treue und ? verräterische Wully tat einen tiefen Atemzug, streckte sich und lag still für immer.

Der Paßgänger

I

Jo Calone warf seinen Sattel auf den staubigen Boden, koppelte die Pferde los und schritt sporenklirrend in das Farmhaus. »Bald Essenszeit?« fragte er.

»Siebzehn Minuten,« antwortete der Koch nach einem Blick auf seine dicke Tombakuhr mit der Würde und Sicherheit eines Zugführers, obwohl er diese noch niemals durch Beweise gerechtfertigt hatte.

»Wie stehts am Perico?« fragte er dann.

»Das Vieh ist in bestem Zustand, und Kälber gibts die Fülle.«

Immer vorwärts im Trab.

»An der Antilopenquelle kam uns eine Herde Mustangs in den Weg, mit einigen Füllen, darunter ein kleiner, schwarzer Teufel, ein geborener Paßgänger. Eine Meile oder zwei folgte ich ihnen; der Schwarze leitete und immer im Trab. Dann ließ ich mein Pferd ausgreifen und jagte sie nur zum Spaß vor mir her, und kein Tropfen soll wieder über meine Lippen gehen, wenn der Kleine nur einmal seinen Trott gebrochen hat.« So erzählte Jo, und die anderen lachten ihn aus.

Am Tage darauf waren die Hirten in einer anderen Gegend und die Mustangs vergessen.

Im nächsten Jahre kam man bei der Viehzählung wieder in jene Ecke von Neu-Mexiko, und wieder wurden die Mustangs gesehen. Das dunkle Füllen war jetzt zum schwarzen Jährling herangewachsen, mit dünnen, zarten Beinen und glatten Flanken, und mehr als einer von den Hirten sah mit eigenen klugen dieses wunderbare Naturspiel ? der Mustang war ein geborener Paßgänger.

Jo war dabei, und der Gedanke kam ihm, daß es wohl der Mühe wert wäre, das Füllen einzufangen. Einem, der im Osten ausgewachsen ist, mag diese Idee nicht so originell und außergewöhnlich erscheinen; aber im Westen, wo ein rohes Pferd zwanzig Mark wert ist und ein gewöhnliches Reitpferd sechzig bis achtzig Mark kostet, kommt einem Hirten schwerlich der Wunsch, einen wilden Mustang als Eigentum zu besitzen. Mustangs sind ungewöhnlich schwer einzufangen, und wenn man sie schließlich doch erwischt, sind sie ungebärdige, wilde Gefangene, nicht zu zähmen, und daher selten brauchbar. Die meisten Besitzer von Viehherden pflegen alle Mustangs, die in ihr Gebiet kommen, abzuschießen, denn sie fressen nicht nur dem Vieh das Futter weg, sondern verwirren auch die Herden der zahmen Pferde, führen sie hinweg und bringen folglich nur Schaden.

Jo Calone kannte die wilden Pferde von den Ohren bis zur Spitze des Schweifes. »Niemals habe ich ein weißes gesehen,« meinte er, »das nicht leicht zu ziehen, noch ein braunes, das nicht nervös war, keinen Fuchs, der unbrauchbar, wenn gut gezogen, und niemals einen Rappen, der nicht hart war wie Stahl und den Teufel in sich hatte.«

Wenn nun schon ein gewöhnlicher Mustang ein wertloser Kadaver ist, so ist ein schwarzer zehnmal schlimmer als wertlos. Jos Freunde hielten seine fixe Idee, den Jährling zu fangen, deshalb einfach für Blödsinn; doch er schien entschlossen zu sein, es jedenfalls zu versuchen, wenn sich ihm auch im selben Jahr keine Gelegenheit bot.

Jo war nur ein einfacher Kuhhirt, mit einem kleinen Gehalt. Wie die meisten anderen, hatte er den sehnlichsten Wunsch, einst eine eigene Farm zu besitzen. Sein Brandzeichen, von guten Freunden gewöhnlich der »Schweinekofen« genannt, war dunklen Ursprungs und bereits in Santa Fé im Register eingetragen, obwohl es nur von einer alten Kuh getragen wurde.

Im Herbst, wenn Jo ausgezahlt wurde, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Kameraden zur Stadt zu gehen und sich dort zu vergnügen, solange eben das Geld reichte. Infolgedessen bestand sein ganzes Eigentum aus wenig mehr als aus einem Sattel, seinem Bett und der alten Kuh. Jedoch er baute Luftschlösser wie zuvor, hoffte aus irgendeinen glücklichen Zufall, der es ihm möglich machen sollte, als kleiner Farmer zu beginnen, und als er nun den Paßgänger zum ersten Male gesehen, hegte er die unbestimmte Hoffnung, sein Fang würde ihn sofort zum reichen Manne machen.

Die Hirten zogen hinab zum kanadischen Flusse und im Herbst zurück über den Don-Carlos-Hügel, und Jo sah nichts mehr vom Paßgänger, obwohl er des öfteren von ihm erzählen hörte, denn das Füllen, jetzt ein starkes junges Pferd, fing an, bekannt, ja beinahe berühmt zu werden.

Die Antilopenquelle liegt mitten in einer weiten, grasbewachsenen Ebene. Kein Baum und kein Strauch steht ringsumher. Ist das Wasser hoch, so dehnt es sich aus zu einem kleinen See, umgürtet von einem Kranz dürftigen Schilfes; tritt es zurück, so hinterläßt es ein weites schwarzes Moor, das stellenweise glitzert von weißem Salz und in dem die Quelle in der Mitte als ein Wasserloch erscheint. Sie hat keinen Abfluß, aber dennoch ziemlich klares Wasser und ist für viele Meilen im Umkreis die einzige Tränke.

Diese Ebene war der Lieblingsfutterplatz des schwarzen Hengstes, aber auch die Weide zahlreicher Herden von zahmen Pferden und Rindern, und besonders Fosters, eines unternehmenden Mannes Vieh, das mit einem L. und gekreuztem F gezeichnet war, hielt sich dort auf. Foster hatte, um seine Pferde zu veredeln, zehn Halbblutstuten eingeführt, und neben diesen schlanken, zartfüßigen, rehäugigen Wesen nahmen sich die struppigen Ponies aus, wie erbärmliche, verhungerte Glieder einer entarteten Rasse.

Eine dieser Stuten wurde zum Gebrauch im Stall gehalten, während die neun anderen sich auf der Prärie herumtummelten. Pferde haben eine feine Nase, die besten Futterplätze zu finden, und die neun Stuten zogen denn auch zwanzig Meilen nach Süden, nach der Antilopenquelle. Als Foster im Spätsommer die edlen Tiere heimwärts treiben wollte, fand er sie richtig, aber mit ihnen, und sie mit etwas mehr als nur Kameradschaft bewachend, den kohlschwarzen Hengst. Stampfend trabte er um sie herum, wie ein Schäferhund, und sein schwarzes Fell bildete einen lebhaften Gegensatz zu den goldenen Häuten seines Harems.

Die Stuten waren lammfromm, und leicht hätten sie sich heimwärts treiben lassen, doch da trat ein unerwartetes Hindernis ein. Der glänzende Rappe wurde erregt, er schien seinem Gefolge seine eigene Wildheit einzuflößen und trieb die ganze Herde im Galopp dahin, wo es ihm beliebte. Davon flogen sie, und die kleinen Kuhponies, die die Reiter trugen, blieben weit zurück.

Die Verfolger waren wütend und zogen schließlich ihre Revolver, in der Absicht, den Teufelshengst niederzuschießen. Aber da war neun gegen eins zu wetten, daß nicht der Hengst, sondern eine der Stuten fallen würde. Den ganzen langen Tag verfolgten sie die Herde, aber der Paßgänger hielt seine Familie dicht beisammen und verschwand schließlich zwischen den Hügeln im Süden. Die Reiter auf ihren abgejagten Ponies aber mußten rachebrütend ohne die Stuten nach der Farm zurückkehren.

Die Gelehrten sind sich nicht einig über die Ursache der Anziehungskraft, die Schönheit und Tapferkeit auf die Weibchen unter den Tieren auszuüben pflegen, aber es steht fest, daß ein Tier von ungewöhnlichen Gaben bald ein großes Gefolge aus den Harems seiner Nebenbuhler nach sich zieht. Der gewaltige Rappe mit der pechschwarzen Mähne, dem stolzen Schweif und den grün leuchtenden Augen durchzog die ganze Gegend, und sein Gefolge wuchs von Tag zu Tag. Die meisten waren nur einfache Kuhponies, die von der Weide davongelaufen waren, und die neun goldglänzenden Stuten blieben der Stolz seiner Herde. Ein Pferd, das sich einmal in diesem Haufen befand, war verloren, und die Züchter sahen bald ein, daß der Hengst ihnen mehr Schaden brachte, als alle anderen Unfälle und Verlust zusammengenommen.

II

Es war Dezember 1893; ich war ein Neuling in der Gegend und zog vom Farmhaus auf den Pinavetitos aus, um zu Wagen den kanadischen Fluß zu erreichen. Kurz vor meiner Abfahrt bemerkte Foster: »Und wenn Sie eine Gelegenheit haben, dem Teufelshengst ein Lot Blei in den glatten Leib zu pusten, zielen Sie gut!«

Dies war das erstemal, daß ich von dem berüchtigten Mustang hörte, und als wir dahinfuhren, erfuhr ich von Burns, meinem Führer, die ganze Vorgeschichte. Ich war im höchsten Grade gespannt, den berühmten Dreijährigen zu sehen, und war nicht wenig enttäuscht, kein Zeichen vom Paßgänger oder seiner Herde zu erblicken, als wir uns am zweiten Tage der Antilopenquelle näherten.

Am folgenden Tage jedoch, nachdem wir den Alamosa-Arroyo gekreuzt hatten und langsam nach der Hochebene hinaufkamen, duckte sich Jack Burns, der vorausritt, plötzlich auf den Nacken seines Pferdes, kehrte sich nach mir um und rief:

»Heraus mit der Büchse, dort ist der Hengst!«

Ich packte mein Gewehr und eilte vorwärts nach einem Aussichtspunkt über die Ebene. Drüben in einer Niederung graste eine Herde von Pferden, und an einem Ende sah ich den großen schwarzen Mustang. Er schien eine Ahnung von unserer Annäherung zu haben und witterte Gefahr. Mit erhobenem Kopfe und weit aufgeblasenen Nüstern stand er dort, ein Bild der Vollkommenheit und Schönheit. Das edelste Tier, das je auf diesen Weiden gegrast hatte und der bloße Gedanke, dieses herrliche Geschöpf zu vernichten, war mir furchtbar. Trotz Jacks wiederholtem Zuruf: »Schnell schießen« zögerte ich, und er, erregt und hastig, verfluchte meine Langsamkeit und griff nach meiner Büchse; wendete dabei die Mündung nach oben, und ganz zufällig ging der Schuß los.

Sofort war die Herde alarmiert, ihr schwarzer Leiter wieherte und kreiste um sie herum, und davon ging es mit klappernden Hufen, in eine dicke Staubwolke eingehüllt.

Jack machte anzügliche Bemerkungen über mich und mein Gewehr, aber ich hatte meine Freude an des Mustangs Kraft und Schönheit, und nicht um den Besitz der ganzen Herde hätte ich ihm etwas zuleide tun können.

III

Es gibt verschiedene Weisen, einen wilden Mustang einzufangen. Die eine ist bekannt unter dem Fachausdruck »Kitzeln« ? d. h. man streift des Tieres Nacken mit einer Gewehrkugel, so daß es für eine Weile betäubt ist; das erfordert jedoch einen außergewöhnlich sicheren Schützen und wird deshalb äußerst selten mit Erfolg angewandt.

Zuweilen, wenn die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, kann man die Herde in eine Einzäunung treiben, oft werden die Mustangs auch mit besonders guten Pferden müde gejagt, doch für gewöhnlich pflegt man sie durch ganz langsame, aber unausgesetzte Verfolgung zu ermatten und dann mit der Wurfleine zu fangen.

Der Ruf des Hengstes, den niemand je hatte galoppieren sehen, verbreitete sich schnell über das ganze Land, und wunderbare Geschichten waren im Umlauf über seine Gangart, seine Schnelligkeit und Ausdauer. Als nun eines Tages Montgomery, der Besitzer der mit einem »Triangel« gezeichneten ungeheuren Herden, in Wells Hotel in Clayton vor vielen Zeugen erklärte, daß er tausend Dollars in bar an denjenigen zahlen wollte, der ihm den Hengst heil und unversehrt bringen würde, faßten wenigstens ein Dutzend junger Hirten den Entschluß, den lockenden Preis zu gewinnen. Auch Jo Calone hatte davon gehört und sah ein, daß keine Zeit mehr zu verlieren wäre. Er brach alle bindenden Kontrakte und arbeitete Tag und Nacht, um die zur Verfolgung nötige Ausrüstung aufzubringen.

Unter tatkräftiger Beihilfe einiger uneigennütziger Freunde brachte er seine Expedition zusammen, die aus zwanzig tüchtigen Reitpferden, einem Küchenwagen und Proviant für drei Mann ? Jo selbst, seinem Freund Charley und dem Koch bestand.

Eines schönen Tages zogen die drei von Clayton aus, in der felsenfesten Absicht, das wunderbare wilde Roß langsam durch hartnäckige Verfolgung müde zu hetzen. In der Nähe der Antilopenquelle fanden sie die Pferde mit ihrem schwarzen Führer, und Jo nahm die Fährte auf.

In weitem Bogen ging die Reise drei Tage und drei Nächte lang vorwärts, Jo und Charley folgten den wilden Pferden immer in Sehweite, und der Küchenwagen fuhr langsam hinterdrein. Eine schöne schneeweiße Stute ließ die Pferde auch zur Nachtzeit beim Lichte des Mondes erkennen und bei Tage der schwarze Teufelshengst, der seinen Harem vergeblich zu einer schnelleren Gangart anzustacheln suchte.

Am dritten Tage war der Kampf beinahe gewonnen, die Herde war den Verfolgern höchstens eine Meile voraus und schien sich an diese fremden Gesellen gewöhnt zu haben.

Der vierte und fünfte Tag ging vorüber, und die Verfolgten waren nun beinahe zum Ausgangspunkt der unfreiwilligen, ermüdenden Reise zurückgekehrt. Die Jagd war planmäßig vor sich gegangen und in einem weiten Kreisbogen verlaufen, während der Küchenwagen in einem kleineren gefolgt war. Die wilden Pferde waren wieder in der Nähe der Antilopenquelle angelangt, zu Tode ermattet und durstig, ihre Verfolger dagegen frisch und munter auf frischen Ponies. ? Erst am späten Nachmittag trieben sie die Verdursteten nach der Quelle, und diese füllten ihre Leiber mit einer wahren Wasserflut. Nun war der rechte Zeitpunkt für die geschickten Lassowerfer gekommen, um auf ihren gut gefütterten Pferden der Herde näher zu reiten, denn ein plötzliches, langes Trinken wirkt fast lähmend auf die Glieder und die Lungen, und es wäre ein leichtes gewesen, in diesem Augenblick eins der Tiere nach dem andern mit der Wurfleine einzufangen.

Eines aber stand dem im Wege. Das Ziel der langen Verfolgung, der schwarze Hengst, schien geradezu von Eisen. Schnellfüßig und kräftig lief er auf und ab in seinem schwingenden Paßgang, wie am ersten Morgen, als die Jagd begonnen, und bemühte sich durch lautes Wiehern und sein glänzendes Beispiel, die Herde vorwärts zu treiben. Aber alles war vergeblich, sie war am Ende mit ihrer Kraft. Die alte, weiße Stute, die das Auffinden während der Nacht so erheblich erleichtert hatte, war schon Stunden zuvor tot zu Boden gesunken, und die übrigen schienen alle Scheu vor den Reitern verloren zu haben; die Herde war in Jos Gewalt. Jedoch der eine, der der lockende Preis der ganzen Jagd gewesen, schien unerreichbarer als zuvor.

Jos Kameraden standen vor einem Rätsel. Sie kannten ihren Freund genau und wären nicht erstaunt gewesen, hätte er in einem plötzlichen Wutanfall den Hengst niederzuschießen versucht. Doch Jo lag dieser Gedanke fern. Die ganze lange Woche hatte er das Pferd bei der Verfolgung beobachtet, und nicht ein einzigesmal hatte er es galoppieren sehen.

Des Pferdeliebhabers Bewunderung für das edle Tier war von Tag zu Tag gewachsen, und Jo fragte sich jetzt oft, ob er die ausgesetzte Summe annehmen oder ob er nicht lieber den Hengst zur Züchtung eines Stammes von Paßgängern für die Rennbahn behalten sollte. Ein großes Vermögen war ihm dann sicher.

Doch noch war der Hengst nicht in seiner Hand, aber der Zeitpunkt der Beendigung der Jagd schien gekommen, und Jo bestieg sein bestes Pferd, von edlem Blut, leichtfüßig und stark, zur großen Schlußjagd. Den Lasso sorgfältig aufgerollt in der linken Hand und zum erstenmal die Sporen benutzend, galoppierte Jo geradeswegs auf den Hengst los. Dieser trabte davon; die müden Stuten zerstreuten sich nach allen Richtungen und ließen die wilde Jagd an sich vorüber.

Es war unglaublich, Jo spornte und peitschte sein Roß, das wie der Wind über die Ebene dahinflog, aber der Raum zwischen ihm und dem Paßgänger verringerte sich auch nicht um einen Zoll. Der Schwarze wirbelte dahin, kreuzte ein schmales Tal, dann eine sandige, gefahrvolle Strecke, zerwühlt von Präriehunden, verschwand hinter einem Hügel, und als Jo ihn wieder in Sicht bekam, war die Entfernung nur größer geworden. Er fluchte, trieb und spornte sein Roß, bis das arme, gehetzte Tier nervös und unsicher wurde und nicht länger vorsichtig auf den Weg achtete. Es trat plötzlich in ein Erdloch, stürzte, und Jo flog in weitem Bogen zur Erde. Obwohl arg gequetscht und zerschunden, sprang er gleich wieder auf die Füße, um das aufgeregte Tier wieder zu besteigen. Aber das war unmöglich ? das linke Vorderbein war gebrochen.

Jo fügte sich in das Unabwendbare, erlöste das Pferd durch einen Revolverschuß von seiner Qual, schnallte den Sattel los und trug ihn zum Lager zurück. Der Paßgänger rannte davon und war bald den Augen seines Verfolgers entschwunden.

Es war eine Niederlage, jedoch keine vollkommene, denn die Stuten waren jetzt lammfromm. Jo und Charley trieben sie nach Fosters Farm und erhielten eine gute Belohnung. ? Jo aber war mehr als zuvor von dem Wunsche beseelt, den Paßgänger zu besitzen, nachdem er ihn längere Zeit beobachtet hatte. Er schätzte ihn von Tag zu Tag höher und suchte nur nach einem neuen Plan, um die Verfolgung von neuem zu beginnen.

IV

Der Koch aus dieser Expedition war Bates ? Herr Thomas Bates, wie er sich selbst auf dem Postamt zu nennen pflegte, wohin er regelmäßig ging, um nach Briefen und Geldsendungen zu fragen, die niemals eintrafen. Tom Truthahnspur nannten ihn die Hirten nach seinem Brandzeichen, das, wie er sagte, in Denver eingetragen war und seinen Erzählungen nach von ungezähltem Herdenvieh auf den Weiden des unbekannten Nordens getragen wurde.

Als Bates zur Teilnahme an der Verfolgung des berühmten Mustangs aufgefordert wurde, hatte er spöttische Bemerkungen fallen lassen über Pferde, die nicht mehr wert wären, als zwölf Dollars das Dutzend, und hatte es vorgezogen, für einen geringen Lohn mitzugehen. Jedoch keiner, der den Paßgänger einmal in seinem stolzen Trab bewundern durfte, konnte den Gedanken an dieses edle Tier wieder loswerden. Auch Truthahnspur erfuhr es an sich selbst, und so hatte auch er nur noch den einen Wunsch, den Mustang zu besitzen. Wie dies auszuführen sei, war ihm nicht ganz klar, bis eines Tages ein befreundeter Hirte, namens Smith, allgemein bekannt als Hufeisen-Billy, zum Besuche auf der Farm erschien. Während das ausgezeichnete frische Fleisch, Brot und ein recht erbärmlicher Kaffee vertilgt wurden, bemerkte der vom Hufeisen, mit beiden Backen kauend:

»Ich sah den Paßgänger heute morgen, nahe genug, um einen Zopf in seinen Schweif zu flechten.

»Was? und du hast nicht geschossen?«

»Nein, aber ich war nahe daran.«

»Daß du mir keine Dummheiten machst,« rief ein Hirte vom anderen Ende des Tisches dazwischen, »ich wette, daß, ehe der Mond wechselt, dieser Teufelshengst mein Brandzeichen tragen wird.«

»Dann mußt du dich dazu halten,« meinte ein anderer, »oder du findest einen Triangel auf seinem Bug, wenn du ihn wiedersiehst.«

»Wo hast du ihn getroffen?«

»Die Sache war so: ich ritt über die Ebene an der Antilopenquelle und sah in einiger Entfernung einen Klumpen auf dem trockenen Schlamm liegen. Ich wußte, daß ich ihn nie vorher bemerkt hatte, ritt näher und entdeckte, daß es ein Pferd war, das flach ausgestreckt dalag. Der Wind war gegen mich, ich ritt dicht heran und sah, daß es der Paßgänger war, tot wie ein Stück Holz. Jedoch er schien unverletzt und nicht geschwollen, und ich wußte nicht recht, was ich denken sollte, bis ich sah, wie er mit dem Ohr eine Fliege wegjagte. Da wußte ich, daß er schlief. Ich nahm meinen Lasso, wickelte ihn auf, sah aber, daß er alt und stellenweise ziemlich abgerieben war, und mein Sattel hatte nur einen Gurt. So sagte ich zu mir selbst: ?Sei vernünftig, Billy, du zerreißt nur deinen Sattelgurt, stürzest und brichst das Genick.? Da gab ich denn dem Sattelhorn einen tüchtigen Schlag, und ich wünschte, ihr hättet den Mustang sehen können. Sechs Fuß hoch sprang er in die Luft und schnaufte wie eine Lokomotive. Die Augen traten ihm heraus, wie der Blitz sauste er davon in der Richtung nach Kalifornien, und wenn er die Gangart, mit der er losging, beibehalten hat, so muß er in dieser Stunde bereits am Ziele sein ? aber ich wette was darum, nicht eine Sekunde fiel er aus seinem Paßgang.«

Diese Geschichte wurde nicht ganz so fließend erzählt, wie sie hier wiedergegeben ist. Sie wurde vielmehr unterbrochen durch Zwischenrufe und durch unausgesetztes Kauen und Schlucken, denn Billy war ein gesunder junger Mann ohne jede Schüchternheit.

Jedermann schenkte der Erzählung Glauben, denn Billy war als glaubwürdig bekannt. ? Von allen, die dabei saßen, redete Truthahnspur am wenigsten, aber er dachte vermutlich am meisten, denn es war ihm ein neuer Gedanke gekommen.

Während er nach dem Essen gemächlich seine Pfeife rauchte, arbeitete er den Plan aus und kam zu der Einsicht, daß er ihn nicht allein ausführen könnte. Er nahm Hufeisen-Billy beiseite, und der Erfolg der Unterredung war, daß Billy bei dem erneuten Versuch, den Paßgänger zu fangen, sich mit betätigen und von den fünftausend Dollars, die jetzt als Preis ausgesetzt waren, seinen Anteil erhalten sollte.

Die Antilopenquelle war immer noch die Tränke des Paßgängers. Das Wasser stand niedrig und ließ einen breiten Gürtel von schwarzem, trockenem Schlamm zwischen der Weide und der Quelle. An zwei Stellen war der Gürtel unterbrochen von einer leicht erkennbaren Fährte, die die Tiere auf dem Wege zur Tränke getreten hatten.

Wilde Pferde pflegen für gewöhnlich immer den gleichen Pfad zur Quelle einzuhalten, und auf dem am meisten benutzten begannen die beiden Männer mit Hacke und Schaufel eine lange und tiefe Grube zu graben. Zwei Tage nahm diese harte Arbeit in Anspruch, und nachdem sie vollendet war, bedeckten die beiden die Grube sorgfältig mit Stangen, Zweigen und Erde und versteckten sich in einiger Entfernung.

Ungefähr um Mittag kam der Paßgänger, wie immer allein, seit man seine Herde gefangen hatte. Der Pfad auf der entgegengesetzten Seite des Schlammgürtels war wenig benutzt, und Tom hatte einige frische Zweige darüber geworfen, um sicher zu gehen, daß der Hengst von der anderen Seite kommen sollte.

Doch der Engel, der über den freien Wald- und Feldbewohnern wacht und sie vor Unheil warnt, schläft nicht.

Der Paßgänger kam den Pfad auf der entgegengesetzten Seite entlang getrottet; die verdächtig aussehenden Zweige hielten ihn nicht zurück, arglos lief er zum Wasser hinunter und trank. Es gab nur noch einen Ausweg, um ein vollkommenes Mißlingen des Anschlags zu verhindern. Als der Mustang seinen Kopf zum zweiten kräftigen Zug, den Pferde stets zu nehmen pflegen, niederbeugte, verließen Bates und Smith ihre Löcher, liefen schnell hinüber, und als er sein stolzes Haupt erhob, schickte Smith einen Revolverschuß in den Erdboden hinter ihm.

Davon trabte der Hengst, im berühmten Paßgang, gerade auf die Falle los. Noch eine Sekunde und er war gefangen. Schon war er auf dem Pfade, und schon glaubten seine Verfolger, daß sie ihn sicher hätten. Aber der Engel des wilden Geschöpfes schlief nicht, er warnte ihn noch zur rechten Zeit, und mit einem mächtigen Satz sprang der Hengst über die fünfzehn Fuß lange Falle und verschwand im Süden, um auf keinem der alten Pfade die Antilopenquelle je wieder zu besuchen.

V

Jo Calone war tatkräftig und ausdauernd. Er hatte nun einmal den Entschluß gefaßt, den Mustang zu fangen, und als er ahnte, daß andere ihm den Rang abzulaufen suchten, machte er sich daran, einen bisher unversuchten guten Plan auszuführen ? den Plan, durch den der Präriewolf den schnelleren Feldhasen fängt und der berittene Indianer die bei weitem flinkere Antilope: den alten Plan der Stafettenjagd.

Der kanadische Fluß im Süden, sein Seitenfluß, der Arroya, im Nordosten und die Don-Carlos-Hügel mit dem Utebachtale im Westen bilden ein sechzig Meilen weites Dreieck, das die Gefilde des Paßgängers umfaßte. Man wußte, daß er die Grenzen niemals überschritt, und die Weiden an der Antilopenquelle waren stets sein Hauptquartier. Jo aber kannte jedes Wasserloch und alle Quertäler ebensogut wie der Paßgänger.

Zwanzig Pferde und fünf tüchtige Reiter hatte er zusammengebracht. Die Rosse, seit zwei Wochen mit kräftigem Hafer gefüttert, wurden vorausgesandt. Jedermann wußte genau, welche Rolle er bei der Jagd zu spielen hatte, und am Tage vor dem Beginn des Rennens war jeder auf seinem Posten. Am Morgen des ereignisvollen Tages erschien Jo mit seinem Wagen auf der Ebene an der Antilopenquelle, schlug in einer kleinen Niederung sein Lager aus und wartete.

Endlich kam er, der kohlschwarze Hengst, vom Süden herauf, allein wie jetzt immer, schritt ruhig nach der Quelle hinunter und trank.

Im Augenblick, als er den Kopf erhob und sich umwendete, spornte Jo seinen Renner. Der Paßgänger hörte das Klappern der Hufe, sah das Pferd aus sich zugaloppieren, und da er nicht den Wunsch hatte, es näher zu betrachten, trabte er davon. Quer über die Ebene mit der Nase nach Süden nahm er seinen Weg, und sein wunderbarer Paßgang wurde länger und länger. In den Sanddünen gewann er beträchtlich an Vorsprung, denn Jos beladenes Pferd sank bis über die Fessel in den losen Sand.

Aber vorwärts, immer vorwärts ging er, und Jo sparte weder Sporen noch Peitsche. Eine Meile ? und noch eine Meile ? und eine dritte Meile und in der Ferne tauchten die Felsenspitzen des Arriba auf.

Jo wußte, daß dort frische Pferde seiner warteten, und er trieb seinen Renner mitleidslos vorwärts, aber die nachtschwarze Mähne, die im Winde vor ihm herflatterte, rückte weiter und weiter von ihm fort.

Endlich war das Arriba-Tal erreicht. Der dort wartende Posten versteckte sich, um nicht vom Paßgänger gesehen zu werden und damit dem Rennen eine andere Richtung zu geben, und der Hengst sauste vorüber.

In mächtigen Sätzen kam Jo auf seinem schaumbedeckten Renner hinterdrein, sprang auf das bereitgehaltene Roß und zwang es mit Sporen und Peitsche zur rasenden Verfolgung, aber er gewann nicht einen Zoll.

Ga?lopp, ga?lopp, ga?lopp sauste der Renner in mächtigen Sätzen dahin, die Stunden verrannen, frische Reiter auf frischen Rossen lösten Jo ab, aber alles erfolglos. ?

Carrington, der jüngste unter den Hirten, hatte seine Mähre durch allzu hitziges Galoppieren beim Beginn der Verfolgung verdorben, und als die Hetze nun durch Kaktussträucher und über die Erdlöcher von Präriehunden hinwegging, wurde das nervöse Tier aufgeregt, trat fehl, stürzte und brach das Genick.

Carrington kam mit dem Leben davon, aber das Gerippe des Ponys liegt heute noch dort, und der schwarze Hengst trabte davon.

Es war nahe der Stelle, wo Jo selbst erholt und auf einem frischen Rosse wartete, und binnen dreißig Minuten war er wieder auf der Verfolgung des Paßgängers.

Jetzt begann der wildeste und anstrengendste Teil des Rennens. Jo, grausam und unerbittlich gegen den Mustang, war noch mitleidloser gegen sein Roß und gegen sich selbst. Die Sonne brannte glühend heiß. Über der ausgedorrten Ebene flimmerte die heiße, drückende Luft, die von keinem Hauch bewegt wurde. Augen und Lippen waren verbrannt von Sand und Salz, aber das verzweifelte Rennen nahm seinen Fortgang. Die einzige Aussicht zu gewinnen war für Jo, wenn er den Mustang zurück nach dem Arroyo treiben konnte. Seit dem Beginn der Jagd konnte er an dem Schwarzen jetzt zum ersten Male Anzeichen von Müdigkeit und Schwäche bemerken. Mähne und Schweif waren gesenkt, und die halbe Meile Entfernung zwischen Jo und ihm war auf die Hälfte herabgesunken. Aber noch ging es vorwärts, im Trabe, immer im Trabe. Stunde auf Stunde verrann, und die Nacht zog heraus, als sie die Arroyo-Furt erreichten. Jo hatte gehofft, der schaumbedeckte Hengst würde trinken, aber er war zu klug dazu, steckte nur die Nase ins Wasser, platschte durch die Flut und trabte vorwärts mit dem Verfolger hinter sich. Dann verschwanden sie in der Dunkelheit.

Am Morgen kam Jo nach dem Lager zurück ? zu Fuß. Er hatte nicht viel zu berichten: Acht Pferde gestürzt, fünf Mann zu Tode ermattet und der Paßgänger in Sicherheit und frei.

»Für Menschen ist er unerreichbar, und es tut mir nur leid, daß ich ihm nicht eine Kugel in die Teufelsknochen gejagt habe,« sagte Jo und gab die Jagd aus.

VI

Truthahnspur war auch auf dieser Expedition Koch. Er hatte die Hetze mit mehr Teilnahme beobachtet als irgendein anderer, und als sie mißlang, schmunzelte er in seinen Topf und sagte: »Dieser Mustang ist mein, oder Thomas Bates ist ein großer Dummkopf!«

Die unausgesetzte Verfolgung hatte den Paßgänger wilder gemacht als zuvor, aber sie hatte ihn dennoch nicht von der Antilopenquelle weggetrieben. Es war die einzige Tränke, die einem Feinde auch nicht das kleinste Versteck bot, und hierher kam er jeden Tag um die Mittagszeit und näherte sich, nachdem er vorsichtig umhergespäht hatte, um zu trinken.

Seit der Gefangennahme seines Harems hatte der schwarze Hengst ein einsames Dasein geführt, und auf diese Tatsache gründete Truthahnspur einen neuen Plan. Des alten Kochs Freund hatte eine kleine, hübsche braune Stute, und mit deren Hilfe hoffte er sein Ziel zu erreichen. Er nahm ein paar der stärksten Fußfesseln, einen Spaten, einen kräftigen Lasso und einen dicken Pfahl, bestieg die Stute und ritt nach der bekannten Quelle.

Ein paar schnellfüßige Antilopen sprangen vor ihm über die Ebene; das Vieh lag in Gruppen umher, und der laute, süße Gesang der Feldlerche erscholl aus der blauen Luft, denn der Winter war davongezogen und hatte dem Frühling Platz gemacht. Das Gras grünte, und die ganze Natur trieb und sproßte.

Tom prüfte den Wind und untersuchte die Gegend. Die Grube, die er einst gegraben hatte, war mit Wasser angefüllt, obenauf schwammen ein paar tote Feldmäuse, und daneben war der neue Pfad, den die Tiere jetzt zur Quelle nehmen mußten. Truthahnspur begann seine Vorbereitungen. Zuerst versenkte er den Pfosten fest in den Erdboden, grub dann ein Loch, tief genug, um sich darin verstecken zu können, und breitete seine Decke darin aus. Die kleine Stute band er kurz an, so daß sie sich kaum bewegen konnte, legte den offenen Lasso dahinter auf den Erdboden, befestigte dessen langes Ende am Pfosten und bedeckte die Leine mit Erde und Gras. Darauf kroch er in sein Versteck.

Ungefähr um die Mittagsstunde wurde das sehnsüchtige wiehern der Stute weit in der Ferne beantwortet, und der berühmte Mustang tauchte als schwarzer Schattenriß im Westen auf.

Langsam trabte er näher, aber argwöhnisch gemacht durch die hartnäckige Verfolgung, hielt er öfter an, sah sich vorsichtig um, wieherte und erhielt eine Antwort, die sein männliches Herz erzittern ließ. Wieder kam er näher, trabte im weiten Bogen um die Stelle und schien im Zweifel. Sein Schutzengel flüsterte: »Geh nicht weiter!«, aber die braune Stute rief wieder. Seine Kreise wurden enger, er wieherte noch einmal und erhielt wieder eine Antwort, die ihn alle Vorsicht vergessen ließ.

Noch ein paar Schritte, und er hielt vor der Stute, berührte liebkosend ihre Nase und machte einige Freudensprünge um sie herum. Dabei standen seine Hinterhufe einen Augenblick inmitten der tückischen Schlinge. Ein kurzer, scharfer Ruck, die Schleife schloß sich und ? er war gefangen.

Ein entsetzliches Stöhnen entrang sich seiner mächtigen Brust, und ein Satz in die Luft gab Tom Gelegenheit, auch um die Vorderfüße eine Wurfleine zu schleudern, die Schlinge zog sich zu und band schlangengleich die gewaltigen Hufe.

Schreck und Entsetzen liehen dem Mustang für einen Augenblick doppelte Kraft, aber das Ende des Lassos war erreicht, und er stürzte zu Boden, ein hoffnungsloser Gefangener. Toms kleine, häßliche, verwachsene Gestalt sprang aus dem Versteck hervor, um die Unterwerfung zu vollenden. Die strotzende, urwüchsige Kraft dieses herrlichen Wesens hatte sich als nichts erwiesen gegen die Schlauheit eines kleinen, alten Mannes.

Tom stand vor seinem Opfer, beobachtete es, und ein fremdartiges Gefühl kam über den alten Hirten. Er zitterte aufgeregt am ganzen Körper, wie er es nicht getan seit dem Tage, als er seinen ersten Stier fing, und eine Weile konnte er nichts tun, als seinen zitternden Gefangenen anzustarren. Aber bald hatte er das Gefühl überwunden. Er sattelte die Stute, schlang dem Hengst eine Leine um den Hals und befestigte die Fußfesseln. Schnell war alles geschehen, und Tom war schon dabei, die Reise anzutreten, als ihn ein plötzlicher Gedanke halten ließ. Etwas ungemein Wichtiges hatte er vergessen. Nach dem Gesetz des Westens war der Mustang Eigentum des Mannes, der ihm als erster fein Brandzeichen aufdrückte, und wie war dies ohne ein Brandzeichen auszuführen?

Tom ging nach der Stute hinüber, hob ihr abwechselnd die Hufe und untersuchte die Eisen. Richtig, das eine war etwas locker. Er zerrte und riß, half mit dem Spaten nach und bekam es los. Dürres Schilf gab es eine Menge, und ein Feuer war schnell angezündet. Bald war eine Hälfte des Hufeisens rotglühend, und Tom drückte mit roher Hand auf die linke Schulter des Mustangs eine Truthahnspur, sein Brandzeichen, tatsächlich das erstemal, daß es angewendet wurde. Der Paßgänger erbebte, als das glühende Eisen zischend in sein glänzendes Fell drang, aber es war bald geschehen, und das edle Tier war schimpflich gebrandmarkt für immer.

Das einzige, was noch zu tun übrigblieb, war, ihn heimzubringen. Die Leinen wurden etwas gelöst, Der Mustang fühlte sich frei und sprang auf die Füße, stürzte aber sofort wieder nieder, als er auszuschreiten versuchte. Die Vorderfüße blieben gefesselt. Die einzig mögliche Gangart war ein schleppender Schritt oder ein verzweifeltes Bäumen, und jedesmal, wenn er versuchte, davonzurennen, stürzte er hilflos zu Boden. Tom auf seinem leichten Pony trieb den schäumenden, wilden Gefangenen vor sich her in der Richtung nordwärts, nach den Pinavetitos zu. Es war ein langer, grausamer Kampf. Wutschnaubend versuchte der Hengst, mit unsinnigen Sätzen zu entfliehen. Seine glänzenden Flanken dick mit Schaum bedeckt und der Schaum gerötet von Blut. Jedoch sein Meister, kühl und unbarmherzig, zwang ihn vorwärts. Die Senkung ins Tal hinab waren sie gezogen, jeder Schritt ein Kampf, und nun standen sie vor der einzigen Stelle, wo sie das Tal kreuzen konnten, der nördlichsten Grenze der angestammten Gefilde des Paßgängers.

Das erste Farmhaus war in Sicht. Tom atmete erleichtert auf, aber der Mustang sammelte seine letzte Kraft und nahm einen verzweifelten Anlauf. Aufwärts, immer aufwärts sprang er, ungeachtet der schleppenden Leine und der Schüsse, die Tom in die Luft feuerte, um seine Richtung zu ändern. Aufwärts, immer aufwärts, auf die steile Klippe sprang er, machte einen wahnsinnigen Satz ins Leere, stürzte hinab ? zweihundert Fuß in die Tiefe ? und schlug auf die schroffen Felsen auf ? zerschmettert ? aber frei! ?

Nachwort an den Leser

Diese Erzählungen sind wahr. ? Obwohl ich die geschichtliche Wahrheit an manchen Stellen umgangen habe: die Tiere in diesem Buche haben alle wirklich gelebt. Ihr Leben floß dahin, wie ich es geschildert habe, und sie bewiesen Persönlichkeit und Heldengröße weit nachdrücklicher, als es meine schwache Feder wiederzugeben imstande war.

Ich glaube, daß die Naturwissenschaft durch die allgemeine Behandlung, wie sie gewöhnlich üblich, viel verloren hat. Eine zehn Seiten lange Abhandlung über die Gewohnheiten und das Leben der Menschen gewährt wenig Befriedigung; es ist viel wertvoller, diesen Raum dem Leben eines großen Mannes zu widmen. Unter dem Einfluß dieses Grundsatzes sind diese Geschichten entstanden. Ich habe die Persönlichkeit des Einzelwesens und seine Lebensanschauungen den einfachen Erzählungen zugrunde gelegt und nicht die Gewohnheiten einer Familie im allgemeinen, gesehen durch das abwägende, feindselige Auge des Menschen.

Man könnte mir vorwerfen, ich hätte diesen Grundsatz nicht durchgeführt, da ich oft verschiedene Charaktere in einen vereinigt habe. Dies machte sich jedoch infolge der oft mangelhaften Berichte über sie nötig. Trotzdem bin ich in den Lebensgeschichten Lobos, Bingos und des Paßgängers auch nicht einen Zoll von der Wahrheit abgewichen.

Lobo führte sein wildes, romantisches Räuberleben, dessen sich die Ansiedler noch gut erinnern, von 1889 bis 1894 am Currumpaw, und endete, genau wie berichtet, am 31. Januar 1894.

Bingo war mein Hund von 1882 bis 1888, trotz längerer Unterbrechungen unseres Zusammenlebens durch größere Reisen. Und mein alter Freund, der Besitzer von Tan, wird aus diesem Buche erfahren, wer tatsächlich der Mörder seines treuen Hundes war.

Der Mustang lebte nicht weit weg von Lobos Gefilden, anfangs der neunziger Jahre. Seine Geschichte ist genau so wiedergegeben, wie sie verlief, nur über das Ende sind die Meinungen geteilt, denn einige behaupten, der Mustang habe das Genick gebrochen, als man ihn gefangen auf eine Farm brachte. Tom Truthahnspur weilt im Jenseits, kann also die Streitfrage nicht mehr schlichten.

Wullys Lebensgeschichte ist, genau genommen, die zweier Hunde; beide waren Mischlinge mit etwas Collieblut und wurden als Schäferhunde erzogen. Wullys Jugend verlief genau so, wie es der erste Teil seiner Biographie erzählt, während der zweite Teil tatsächlich das Leben eines anderen Hundes schildert ? ein treuer Schäferhund am Tage, ein blutdürstiger Wüterich bei Nacht. Derartiges ist weniger selten, als man vermutet. Während ich diese Geschichten schrieb, erfuhr ich von verschiedenen anderen Schäferhunden, die ein gleiches Doppelleben wie Wully führten, und fast in jedem Falle war es ein Collie.

Rotkrause lebte im Don-Tal, nördlich von Toronto, und viele meiner Bekannten werden sich seiner noch erinnern. Er wurde 1889 von einem rohen Gesellen getötet, dessen wahren Namen ich nicht veröffentlicht habe, da ich mehr eine gewisse Sorte Menschen, als den einzelnen, bloßstellen wollte.

Silberfleck, Zottelohr und Vixen haben ebenfalls gelebt, und obwohl ich die Abenteuer verschiedener ihrer Genossen in diesen Biographien vereint habe, ist jede Begebenheit aus dem Leben gegriffen.

Die Tatsache, daß die Geschichten wahr sind, ist zugleich der Grund für das tragische Ende einer jeden.

Eine Sammlung, wie die vorliegende, bringt naturgemäß stets eine Nutzanwendung, und zweifellos wird jeder Leser eine Moral nach seinem Empfinden und seinem Geschmack darin finden; aber ich hoffe, daß einige eine Lehre, so alt wie die Bibel, herauslesen werden ? die Lehre, daß wir und die Tiere eines Stammes sind. Dem Menschen ist nichts eigen, wovon das Tier nicht wenigstens eine Spur in sich trüge, und die Tiere haben keine Gewohnheit und keine Eigenschaft, die der Mensch nicht bis zu einem gewissen Grade teilte.

Wenn demnach die Tiere erschöpft sind, deren Wünsche und Gefühle nur in der Art des Ausdrucks und des Wertes sich von den unseren unterscheiden, so haben sie sicher auch Rechte und wir Verpflichtungen ihnen gegenüber. Die alte Tatsache, die man endlich in der gebildeten Welt anzuerkennen beginnt, wurde schon von Moses ausgesprochen und bereits vor zweitausend Jahren von Buddha gelehrt.

Neuyork, am 31. Dezember 1899
Ernest Thompson Seton


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