Bingo und andere Tiergeschichten

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Bingo

Die Geschichte meines Hundes

I

Im Anfang November des Jahres 1882 war es, und ein richtiger Manitoba-Winter setzte gerade mit aller Härte ein. Ich hatte mich nach dem Frühstück auf einige Minuten behaglich in meinem Armstuhl ausgestreckt und vertrieb mir die Zeit damit, durch ein kleines Fenster zu schauen, das die Aussicht auf ein Stück Prärie und das Ende unseres Kuhstalles gefällig einrahmte. Dann fiel mein Blick wieder auf den alten Reim vom »Franzosenhund Bingo«, der auf den Wandbalken neben mir aufgeklebt war. Da wurde das träumerische Anschauen von Reim und Aussicht plötzlich durch den Anblick eines großen grauen Tieres gestört, das über die Prärie herüber und gerade in unseren Kuhstall hineinraste, hitzig verfolgt von einem kleineren schwarzweißen Wesen.

»Ein Wolf,« rief ich, ergriff meine Büchse und sprang hinaus, um dem Hunde beizustehen. Aber ehe ich zum Stall gelangen konnte, waren Wolf und Hund wieder auf und davon. Nach einer kurzen Strecke Laufs über den Schnee beschrieb der Wolf einen Bogen, und der Hund, unseres Nachbars Collie, umkreiste ihn, auf eine günstige Gelegenheit zum Zufahren lauernd.

Ich feuerte einige Schüsse aus beträchtlicher Entfernung ab, die aber nur bezweckten, sie zu erneuter Hetze über die Prärie anzustacheln. Nach kurzer Zeit hatte der Hund den Wolf eingeholt und packte ihn am Schenkel, zog sich aber wieder zurück, um dem Ansprung des wütenden Wolfes zu entgehen. Dann begann von neuem ein kurzes Scharmützel, das in einer wilden Jagd endete, und diese Szene wiederholte sich beinahe alle hundert Meter. Der Hund versuchte, den Wolf bei jedem frischen Ansturm nach der Ansiedlung zu treiben, während dieser sich vergeblich abmühte, nach dem dunklen Streifen des Waldes im fernen Osten zu entweichen. Zuletzt, nach einer Meile hitzigen Laufes, die sie kämpfend und rennend zurücklegten, überholte ich sie, und der Hund, der nun wußte, daß er im Rücken gedeckt war, griff zum Entscheidungskampf an.

Nach einigen Sekunden löste sich das rollende Knäuel der zappelnden Tiere auf, und man konnte einen Wolf erkennen, auf dessen Rücken sich ein blutender Collie fest in den Nacken verbissen hatte. Es war mir nun leicht, heranzutreten und dem Kampf durch einen wohlgezielten Büchsenschuß in den Kopf des Wolfes ein Ende zu machen.

Als dieser Hund mit den beneidenswerten Lungen dann sah, daß sein Gegner nicht mehr zuckte, würdigte er ihn keines Blickes, sondern machte sich auf den Weg nach einer Farm, vier Meilen über der Prärie, wo er wahrscheinlich seinen Gebieter verlassen hatte, als er den Wolf aufspürte. Es war ein wunderbares Tier, das zweifellos dem Wolf auch den Garaus gemacht hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre, denn ich erfuhr später, daß er das bereits vorher noch mit anderen dieses Gesindels getan hatte, obwohl die Wölfe, trotzdem sie der kleineren Prärierasse angehörten, beträchtlich größer waren als er selbst.

Bewunderung für den Heldenmut dieses Hundes erfüllte mich, und ich versuchte sofort, ihn um jeden Preis zu erwerben. Jedoch bei meiner Anfrage erhielt ich von seinem Besitzer nur die spöttische Antwort: »Warum kauft Ihr nicht einen seiner Nachkommen?«

Als ich so erfuhr, daß Frank, dies war der Name des Collies, nicht feil war, mußte ich mich notgedrungen mit dem Nächstbesten, d. h. einem seiner Sprößlinge oder besser einem Sohne seiner Gattin, begnügen. Dieser nachgewiesene Abkomme einer edlen Familie war ein kleiner rundlicher Ball, bedeckt mit schwarzem, weichem Fell, und sah mehr wie ein langschwänziges Bärenjunges aus, als wie ein junger Hund. Dabei trug er aber einige braune Abzeichen wie sein Vater und einen höchst charakteristischen, weißen Ring, der wie ein Maulkorb um die Schnauze lag. Diese einzige Ähnlichkeit mit seinem großen Erzeuger ließ mich von künftigen Heldentaten träumen.

Nachdem ich ihn glücklich hatte, zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn nennen sollte. Die Frage war aber schnell gelöst, denn der Reim von dem »Franzosenhund Bingo« war so eng mit unserer Bekanntschaft verknüpft, daß wir ihn mit der nötigen Feierlichkeit »Bingo« tauften.

Frank entzieht sich dem Ansturm des wütenden Wolfes Ansprung.

II.

Den Rest des Winters verbrachte Bingo in unserem Schuppen. Er lebte hier wie ein spieliger, fetter, wohlmeinender, aber stets verkannter junger Hund, der sich gewöhnlich überfrißt, dabei aber von Tag zu Tag größer und schwerer wird. Neugierig war er über alle Maßen, und selbst eine höchst traurige Erfahrung vermochte es nicht, ihn zu überzeugen, daß man die Nase nicht in eine Rattenfalle hineinstecken dürfe. Seine Versuche, mit der Katze freundschaftlich anzubändeln, wurden von dieser vollkommen mißverstanden und hatten nach einigen Scharmützeln zwar einen Waffenstillstand zur Folge, der aber gar oft schnell gebrochen wurde. Nach einigen Monaten zeigte Bingo, der schon früh seinen Kopf für sich hatte, Neigung, im Pferdestall zu übernachten und mied schließlich die Scheune ganz und gar.

Als das Frühjahr kam, befaßte ich mich ernstlich mit seiner Erziehung, und nach mancher traurigen Erfahrung meiner- und seinerseits brachte ich ihn so weit, daß er auf mein Geheiß auf die Suche nach unserer alten gelben Kuh ging, die frei auf einer uneingezäunten Wiese weidete.

Nachdem er dieses Geschäft einmal verstand, konnte man ihm mit nichts eine größere Freude bereiten, als mit dem Befehl, hinauszulaufen und die Kuh heranzutreiben. Dann sauste er davon, bellte vor Vergnügen und machte hohe Sprünge, um die weite Fläche auf der Suche nach seinem Opfer besser übersehen zu können. Kurz darauf kehrte er zurück, jagte die Kuh in tollem Galopp vor sich her, und gab ihr keine Ruhe, bis sie pustend und völlig außer Atem in den äußersten Winkel ihres Stalles getrieben war.

Etwas weniger Eifer von seiten Bingos würde gewiß befriedigender gewesen sein, aber wir ließen ihn gewähren, bis die Sache anfing, ihm zu viel Spaß zu machen und er die alte Kuh nach Hause brachte, ohne daß es ihm geheißen war. Schließlich geschah es nicht nur ein- oder zweimal des Tages, sondern wenigstens ein dutzendmal, daß dieser übereifrige Kuhhirt davonlief und auf seine eigene Verantwortung hin das arme Geschöpf heimjagte.

Zum Schluß artete Bingos Liebhaberei derartig aus, daß er, wenn er sich nach etwas Körperbewegung sehnte oder einige Minuten Zeit finden konnte, oder auch nur zufällig daran dachte, in vollster Karriere über die Wiesen davonraste und wenige Minuten später zurückkehrte, dabei die unglückliche gelbe Kuh im Kavalleriegalopp vor sich herjagend.

Zuerst maßen wir dieser Liebhaberei Bingos keinerlei Bedeutung bei, da sie die Kuh hinderte, sich zu weit von der Ansiedelung zu entfernen, aber bald kam es so, daß sie nicht mehr genügend fressen konnte; sie wurde mager und elend und gab von Tag zu Tag weniger Milch. Sogar auf ihr Gemüt schien die Hetze verderblichen Einfluß zu haben; denn fortwährend beobachtete sie nervös und argwöhnisch den gehaßten Hund, und am Morgen hielt sie sich ängstlich in der Nähe des Stalles, als ob sie nicht wagte, sich davon zu machen und damit sofort das Opfer einer hitzigen Jagd zu werden.

Das ging nun doch zu weit! Alle Versuche, Bingos Eifer zu mäßigen, waren umsonst, und da nichts half, wurde er gezwungen, dieses Spiel ganz aufzugeben. Auch dann noch fuhr er fort, sein Interesse an der Kuh zu bezeigen, indem er stets vor der Stalltür lag, wenn sie gemolken wurde, obschon er nicht mehr wagte, sie heimzubringen.

Der Sommer kam und brachte eine furchtbare Plage mit sich ? die Moskitos. Doch beinahe noch unerträglicher als die Quälgeister waren die fortwährenden Pendelbewegungen des Kuhschwanzes beim Melken.

Mein Bruder Fred, der das Melken zu besorgen pflegte, war ebenso unduldsam als erfinderisch und hatte eine höchst originelle und einfache Idee, die Kuh am Peitschen mit dem Schwanze zu hindern. Er befestigte einfach am Ende einen Ziegelstein und begann befriedigt und mit erlöstem Behagen seine Arbeit, während wir anderen der Sache mit zweifelhaften Blicken zusahen.

Plötzlich ertönte aus einer Wolke von Moskitos heraus ein dumpfer Schlag und ein Ausbruch wenig salonfähiger, aber höchst angebrachter Kraftausdrücke. Die Kuh fuhr ruhig fort, wiederzukäuen, bis Fred wieder auf den Beinen war und sie wütend mit dem Melkschemel angriff. Es ist gewiß schon schlimm genug, von einer dummen Kuh mit einem Ziegelstein eine Kopfnuß zu bekommen, aber die schadenfrohe Freude und das Gelächter der Zuschauer machte es einfach unerträglich.

Als Bingo den Aufruhr im Stall vernahm und natürlich glaubte, daß man seiner dabei benötigte, kam er hereingesaust und griff die Kuh von der anderen Seite an. Nachdem zum Schluß alles wieder in Ordnung und jedermann beruhigt war, war die Milch verschüttet, der Eimer und der Schemel zerbrochen und der Hund und die Kuh jämmerlich geprügelt.

Dem armen Bingo war die ganze Sache vollständig unklar. Schon lange hatte er die Kuh verachtet, aber jetzt beschloß er im höchsten Unwillen, auch die Stalltür zu meiden, und hielt sich von diesem Tag an ausschließlich zu den Pferden und deren Behausung.

Die Kühe auf unserer Farm gehörten mir, und die Pferde waren meines Bruders Eigentum. Als nun Bingo seine Zuneigung und seinen Wohnsitz vom Kuh- nach dem Pferdestall verlegte, schien er auch mich aufzugeben, und mit unserer alten Kameradschaft hatte es ein Ende. Aber im Falle der Not hielt er doch stets zu mir und ich zu ihm, und wir beide fühlten, daß eine einmal gefaßte und tief gewurzelte Zuneigung zwischen Mensch und Hund lebenslänglich ist.

Nur einmal noch war Bingo als Kuhhirt tätig, im Herbste des gleichen Jahres auf dem Jahrmarkt von Carberry. Unter den Zugnummern befand sich außer einer Viehschau auch die lockende Aussicht auf eine hohe Ehrenauszeichnung und einen Barpreis von zwei Dollars für den bestgezogenen Collie.

Durch einen falschen Freund überredet, ließ ich Bingo mit auf die Liste setzen, und früh am festgesetzten Tage wurde die Kuh auf eine Wiese außerhalb des Dorfes getrieben. Als der Zeitpunkt kam, an dem Bingo seine Künste zeigen sollte, wurde ihm die in der Ferne friedlich weidende Kuh gezeigt und ihm der Befehl erteilt, sie zu bringen, natürlich in der Meinung, daß er sie nach dem Stande der Preisrichter treiben sollte.

Aber die beiden Tiere wußten es besser, und nicht umsonst hatten sie den ganzen Sommer über geprobt. Als die Kuh Bingo in Karriere auf sich zukommen sah, wußte sie, daß ihre einzige Rettung war, sofort in den Stall zu gelangen, und der Hund war ebenso überzeugt, daß seine einzige Aufgabe darin bestände, ihr Tempo in dieser Richtung möglichst zu beschleunigen. So rasten sie über die Prärie wie der Wolf hinter dem Reh, und entschwanden in der Richtung nach der zwei Meilen entfernten Farm unseren Blicken.

Es war das letztemal, daß Preisgericht und Richter jemals Hund und Kuh zu sehen bekamen, und der Preis wurde gerechtermaßen der einzigen anderen Anmeldung zugesprochen.

III

Bingo besaß, wie ich schon sagte, eine sehr starke Anhänglichkeit an unsere Pferde. Am Tage trottete er neben ihnen her, und des Nachts schlief er vor der Stalltür. Wo das Gespann hinging, dahin ging auch Bingo, und durch nichts war er von ihm fernzuhalten. Aus diesem Grunde erscheint die folgende Begebenheit höchst rätselhaft.

Ich war gewiß nicht abergläubisch und hatte niemals an Vorzeichen geglaubt, doch machte eines Tages ein eigenartiger Zwischenfall, bei dem Bingo die Hauptrolle spielte, auf mich einen tiefen Eindruck. Wir zwei, d. h. mein Bruder und ich, lebten zu jener Zeit auf der De-Winton-Farm. Eines Morgens fuhr mein Bruder hinaus nach dem Boggybache, um eine Fuhre Heu einzuholen, und da es hin und zurück eine gute Tagereise war, brach er schon beim Morgengrauen auf. Da geschah das Sonderbare: Bingo war zum erstenmal in seinem Leben nicht zu bewegen, dem Wagen zu folgen. Mein Bruder rief ihn wiederholt, aber er hielt sich in sicherer Entfernung und weigerte sich, ängstlich nach den Pferden hinüberschielend, zu folgen. Dann plötzlich hob er seine Nase in die Luft und begann ein langes, melancholisches Geheul. Er verfolgte den Wagen mit den Augen, bis er außer Sicht war, lief auch noch ein Stückchen hinaus, aber nur um immer und immer wieder sein jammervolles Geheul zu erheben. Den ganzen Tag hielt er sich nahe dem Stalle, zum erstenmal freiwillig getrennt von den Pferden, und heulte mit kurzen Pausen einen wahren Totengesang. Ich war ganz allein, und des Hundes sonderbares Gebaren flößte mir eine schreckliche Vorahnung von nahendem Unglück ein, die schwerer und schwerer auf mir lastete, je weiter der Tag vorrückte.

Ungefähr um sechs Uhr wurde mir Bingos anhaltendes Geheul unerträglich, so daß ich wütend das nächste beste nach ihm warf und ihn hinwegjagte. Aber die furchtbarsten Vorahnungen konnte ich nicht loswerden. Warum hatte ich auch meinen Bruder allein ziehen lassen? Würde ich ihn je lebend wiedersehen? Nach dem Benehmen des Hundes zu urteilen, mußte etwas Entsetzliches passiert sein.

Die Stunde der Rückkehr nahte heran, und da erschien Fred mit seiner Fuhre. Vom lähmenden Banne erlöst, machte ich mich mit den Pferden zu schaffen und fragte ganz nebenbei: »Ist alles in Ordnung?«

»Gewiß,« war die lakonische Antwort.

Wer kann nun noch an Vorbedeutungen glauben?

Viel später erzählte ich einem in geheimer Wissenschaft Erfahrenen die ganze Geschichte; er machte ein ernstes Gesicht und fragte: »Bingo hielt sich in Not und Gefahr immer zu dir?«

»Jawohl.«

»Dann lächle nicht. Denn du warst in Gefahr an jenem Tage; der Hund blieb und rettete dein Leben, obwohl wir nicht wissen konnten, von welcher Gefahr.«

IV

Im Frühjahr hatte ich Bingos Erziehung begonnen. Kurz darauf begann er die meine.

Mitten auf dem zwei Meilen langen Stück Prärie zwischen unserem Häuschen und Carberry stand der Grenzpfahl der Farm, ein starker Pfosten, eingerammt in einen Erdhügel und weithin sichtbar.

Ich bemerkte, daß Bingo niemals an diesem geheimnisvollen Pfahl vorüberlief, ohne ihn sorgfältig zu untersuchen. Dann sah ich, daß die Präriewölfe ebenso wie auch alle Hunde der Nachbarschaft dieses Merkmal besuchten, und schließlich halfen mir Beobachtungen mit dem Fernrohr, das Dunkel aufzuklären und mir einen Einblick in Bingos Privatleben zu verschaffen.

Der Pfahl war nach Übereinkommen ein Signalpfosten für die Glieder der großen Hundefamilie der Umgegend, und der ausgezeichnete Geruchssinn der Hunde machte es ihnen möglich, zu erkennen, welcher ihrer Genossen zuletzt auf diesem Platze gewesen war. Als der Schnee kam, enthüllte sich noch mehr. Ich entdeckte nämlich, daß dieser Pfahl nur ein Punkt war, der zu einem ganzen System gehörte, das sich weit über das Land verbreitete. Kurzum, die Gegend war nach Bedarf in Signalstationen eingeteilt. Diese waren durch irgendeinen unauffälligen Gegenstand, durch einen Pfahl, einen Stein oder einen Büffelschädel, der zufällig auf dem gewünschten Platz lag, gekennzeichnet, und ausgedehnte Untersuchungen bewiesen, daß es eine sinnreiche Einrichtung war, um Nachrichten zu verbreiten und zu erhalten.

Jeder Hund oder Wolf hält es für seine Pflicht, alle Stationen, die in der Nähe seines Reiseweges liegen, zu besuchen, um zu erfahren, wer kürzlich vorübergekommen ist.

Ich beobachtete, daß Bingo sich dem Pfahle näherte, schnüffelte, den Erdboden rundherum genau untersuchte, dann knurrte und mit zu Berge stehender Mähne und glühenden Augen wütend zu kratzen begann. Zum Schluß ging er steifbeinig davon, sah sich dabei aber von Zeit zu Zeit um. Alles dies bedeutete übertragen:

»Grrh! wuf! das war dieser dreckige Köter von Mc Carthys. Wuf! dem werde ich schon heute abend heimleuchten. Wuf! wuf!«

Ein andermal wieder vertiefte er sich in die Spur eines Präriewolfs, die herüber- und hinüberführte, und murmelte dabei:

»Die Spur eines Präriewolfs, von Norden kommend und nach einer toten Kuh riechend. Das ist höchst interessant! Da muß Pollworths alte Blesse doch verendet sein. Das ist wert, näher untersucht zu werden.«

Bei anderen Gelegenheiten wedelte er mit dem Schwanze, lief in der Nachbarschaft umher und kreuz und quer um den Pfahl herum, um seinen Besuch möglichst deutlich erkennbar zu machen, wahrscheinlich zur Benachrichtigung seines Bruders Bill, der in Brandon lebte. Deshalb war es auch gewiß kein Zufall, daß Bill eines Nachts bei uns auftauchte und von Bingo mit in die Hügel genommen wurde, wo ein höchst wohlschmeckendes, totes Pferd einen feinen Braten zur Verherrlichung des Besuches abgab.

Zuweilen wurde Bingo plötzlich durch die erhaltenen Neuigkeiten so aufgeregt, daß er die Spur aufnahm und im Galopp nach der nächsten Station lief, um nähere Erkundigungen einzuziehen.

Oft rief die Untersuchung auch nur ein würdevolles Kopfschütteln hervor, das sich ungefähr aussprach wie: »O du meine Güte, wer zum Kuckuck war denn das?« Oder: »Ich glaube fast, ich machte die Bekanntschaft dieses Herrn schon im vorigen Sommer.«

Als Bingo sich eines Morgens dem Grenzpfahl näherte, sträubten sich seine Haare, er kniff den Schwanz ein, zitterte am ganzen Leibe, und man konnte erkennen, daß ihm plötzlich übel wurde, alles sichere Zeichen von Angst und Schrecken. Auch schien er keine Lust zu fühlen, der Spur zu folgen, sondern kehrte nach dem Hause zurück, und noch eine halbe Stunde danach standen seine Haare zu Berge, und sein Gesichtsausdruck zeigte Haß und Furcht.

Bei näherer Untersuchung der gemiedenen Fährte entdeckte ich, daß das entsetzte, tief gegurgelte »Grrhwuf« »Waldwolf« bedeutete.

Dies ist einiges von dem, was Bingo mich lehrte. Wenn ich ihn dann später sah, wie er sich von seinem kalten, ungemütlichen Lager vor der Stalltür erhob und sich streckte, den Schnee aus seinem zottigen Fell schüttelte und in einem steten Trott in der Dämmerung verschwand, dann pflegte ich zu denken:

»Aha, du alter Schwede, ich weiß schon, wo du hin willst, und warum du den Schutz des Stalles verschmähst. Ich weiß auch, warum deine nächtlichen Streifzüge so genau an bestimmte Zeiten gebunden sind und woher du es weißt, wohin dich zu wenden, um den zu finden, den du suchst.«

V

Im Herbst des Jahres 1884 verließen wir die De-Winton-Farm, und Bingo war genötigt, sein altes Quartier mit einem neuen, dem Stall unseres Nachbars Gordon Wright, zu vertauschen.

Seit den ersten Tagen seiner Jugend hatte er sich geweigert, ein Haus zu betreten, ausgenommen während eines Gewitters. Vor Donner und Feuerwaffen hatte er eine tiefeingewurzelte Angst, und die Furcht vor dem Grollen der Elemente hatte zweifellos ihren Ursprung in einem unangenehmen Abenteuer mit einem Gewehr. Sein Nachtlager war, selbst während des kältesten Wetters, außerhalb des Stalles. So konnte er sich seiner nächtlichen Freiheit ungehindert erfreuen und sie nach Kräften ausnutzen. Bingos mitternächtliche Wanderungen dehnten sich meilenweit über die Ebene aus. Dafür hatten wir genügende Beweise. Einige Farmer aus weitentfernten Gegenden ließen Gordon sagen, daß sie von ihren Gewehren Gebrauch machen würden, wenn er seinen Hund des Nachts nicht zu Hause hielte, und Bingos Furcht vor Feuerwaffen bewies, daß dies keine leeren Drohungen waren. Ein Mann, der weit, weit entfernt in der Nähe von Petrel lebte, erzählte, er habe an einem Winterabend einen großen schwarzen Wolf gesehen, der einem Präriewolf den Garaus machte. Später aber änderte er seine Ansicht und meinte, es müsse Wrights Hund gewesen sein.

So oft der Körper eines erfrorenen Rindes oder eines Pferdes sich irgendwo fand, war Bingo auf geheimnisvolle Weise sofort benachrichtigt, begab sich stehenden Fußes nach der Stelle und stillte, die Präriewölfe hinwegtreibend, seinen Hunger bis zum Platzen.

Zuweilen war der Grund zu seinen nächtlichen Wanderungen auch die Liebe zu irgendeines Nachbars Hündin, und es war nicht zu befürchten, daß Bingos Geschlecht je aussterben würde. Einer behauptete sogar, er habe eine Wölfin mit drei Jungen gesehen, die der Mutter zwar ähnelten, jedoch größer und schwarz waren und um das Maul einen weißen Ring trugen.

Ob das wahr ist oder nicht, weiß ich nicht; ich erinnere mich, daß wir spät im März mit Bingo, der hinter uns hertrottete, im Schlitten über Land fuhren und aus einer Höhle einen Präriewolf aufstöberten. Er sauste davon, und Bingo in voller Karriere hinterdrein, aber der Wolf schien sich nicht besonders anzustrengen, um zu entfliehen. Nach einigen Sekunden hatte der Hund ihn eingeholt und, so sonderbar es auch klingen mag, es entspann sich kein hitziger Kampf, keine blutige Balgerei!

Bingo lief liebenswürdig neben dem Wolf her und leckte ihm die Nase.

Wir waren sehr erstaunt und hetzten Bingo gegen den Graurock auf, aber unser Schreien und Rufen hatte nur zur Folge, daß der Wolf davonrannte und der Hund hinterher, bis er ihn wieder überholt hatte. Seine Liebenswürdigkeit war zu auffällig, und es begann in meinem Kopfe zu dämmern: das war eine Wölfin, und Bingo wollte ihr kein Leid tun. Wir riefen unsern ungeratenen Hund und fuhren heim.

Nach diesem Tag wurden wir wochenlang durch die Räubereien einer Wölfin belästigt, die unsere Hühner mordete, Stücke Fleisch aus dem Hause stahl und verschiedene Male die Kinder in Schrecken setzte, indem sie frech zum Fenster hereinschaute, wenn die Männer fort waren.

Schließlich wurde die Wölfin erschossen, und Bingos bittere Feindschaft gegen Oliver, der den glücklichen Schuß getan, bewies seine Zuneigung zu der Dahingeschiedenen zur Genüge.

VI

Es ist wunderbar, wie Mensch und Hund zusammenhalten und wie sie sich in Not und Gefahr nie verlassen. Butler erzählte von einem alten Indianerstamm im fernen Norden, der sich in blutiger Familienfehde aufrieb, und zwar einzig und allein um eines treuen Hundes willen, der einem Krieger des Stammes gehörte und von einem Nachbarn getötet wurde. Ja selbst unter uns hört man oft genug von Gerichtsverhandlungen, ernsten Streitigkeiten und Fehden, die alle von dem alten Satze ausgingen: »Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!«

Einer unserer Nachbarn besaß eine kostbare Rüde, die er für die beste und wertvollste auf der Welt hielt. Der Mann war mein Freund, und folglich war ich auch seinem Hunde zugetan. Als daher eines Tages der arme Tan furchtbar verstümmelt heimgekrochen kam, vor der Tür liegen blieb und verendete, schwor ich im Verein mit seinem Herrn furchtbare Rache, und ließ nichts unversucht, den Mörder zu entdecken.

Ich setzte Belohnungen aus und suchte eifrig nach Beweismaterial zur Überführung des Verbrechers. Schließlich kam es zutage, daß wohl drei Männer, die südlich von uns wohnten, bei dieser blutigen Affäre ihre Hand im Spiel gehabt haben mußten. Die Beweise häuften sich, und beinahe waren wir so weit, die Angelegenheit der Gerechtigkeit zu übergeben, die das Urteil über die Mörder des armen Tan sprechen sollte.

Da ereignete sich etwas, was meine Ansicht sofort änderte und mich glauben machte, daß die Verstümmelung des alten Köters doch kein so unentschuldbares Verbrechen gewesen sei; jedoch mußte ich mir diese Sinnesänderung ziemlich gewaltsam aufdrängen.

Gordon Wrights Farm lag südlich von der unseren, und als ich jene eines Tages besuchte, nahm mich Gordon jun., der wußte, daß ich Tans Mörder nachspürte, beiseite und wisperte, sich ängstlich dabei umsehend:

»Bingo war der Mörder.«

Von diesem Augenblick an ließ ich die Angelegenheit fallen, und ich bekenne, daß ich mit dem gleichen Eifer nun die Nachforschungen irrezuleiten suchte, mit dem ich vorher zur Aufdeckung des Verbrechens angestachelt hatte.

Schon lange vor dieser Begebenheit hatte ich Bingo weggeschickt; aber noch fühlte ich mich im Herzen als sein Besitzer, und diese unlösliche Kameradschaft zwischen Bingo und mir sollte sich bald bei einer anderen Gelegenheit überraschend beweisen.

Gordon und Oliver waren nahe Nachbarn und gute Freunde. Sie hatten zusammen einen Kontrakt übernommen, Holz zu schlagen, und arbeiteten einträchtig miteinander bis spät in den Winter. Da verendete Olivers alte Mähre, und um noch möglichst viel Nutzen aus diesem Verlust herauszuschlagen, schleifte er den Kadaver hinaus in die Prärie und streute vergiftete Köder für die Wölfe daneben aus. Der arme Bingo! Er konnte von seinen wölfischen Gewohnheiten nicht lassen, obwohl sie ihn schon oft ins Unglück gestürzt hatten.

Bingo hält die Wölfe fern, während Curley sich vollfrißt.

Er war ein großer Freund von Pferdefleisch, wie alle Angehörigen dieser wilden Rasse, und noch in der gleichen Nacht stattete er dem Kadaver in Begleitung von Wrights Hund Curley einen Besuch ab. Es schien, als ob Bingo in der Hauptsache nur die Wölfe ferngehalten und Curley sich vollgefressen hätte. An den Spuren im Schnee konnte man die ganze Geschichte des Festmahles ablesen, von der Störung, als das Gift zu wirken begann, und von dem rasenden Laufe Curleys heimwärts, der, von wütenden Schmerzen gepeinigt, zu Gordons Füßen in Krämpfe verfiel und dann vollkommen gelähmt verendete.

Bingo und die Wölfin.

»Sei meines Hundes Freund, und du bist auch der meine!« Keinerlei Aufklärungen und Entschuldigungen wurden angenommen. Es war nutzlos, zu behaupten, die ganze Sache sei zufällig; die langvergessene Feindschaft zwischen Bingo und Oliver warf ein starkes Licht auf die Begebenheit. Der Holzkontrakt wurde gebrochen, alle freundschaftlichen Verbindungen gelöst, und noch bis heute besteht die bittere Feindschaft, die durch Curleys Todesschrei ins Leben gerufen wurde.

Es währte Monate, bis Bingo sich vom Genuß des Giftes erholte, und wir glaubten sicher, daß er niemals wieder der starke, lustige Bingo von früher werden würde. Doch als der Frühling kam, fing sein Zustand an, sich merklich zu bessern, und als das Gras wuchs, war er wieder bei vollster Gesundheit und Kraft, der Stolz seiner Freunde und der Quälgeist der Nachbarn.

VII

Pflichten riefen mich weit hinweg von Manitoba, und bei meiner Rückkehr im Jahre 1886 war Bingo noch ein Mitglied von Wrights Haushalt. Ich glaubte, er würde mich nach den zwei Jahren der Abwesenheit vergessen haben, aber dem war nicht so. Eines Tages im Winter, nachdem er achtundvierzig Stunden verloren gewesen war, kam er heimgekrochen mit einer Wolfsfalle und einem Holzklotz am Hinterlauf und den Fuß zu Stein gefroren. Niemand konnte sich ihm nähern, um ihm zu helfen, und als ich, für ihn jetzt ein Fremder, mich niederbeugte, mit einer Hand die Falle erfaßte und mit der andern sein Bein, packte er mich wütend am Gelenk.

Noch waren seine spitzen Zähne nicht durch die Haut gedrungen, und, ohne mich zu bewegen, sagte ich: »Aber, Bingo, kennst du mich denn nicht mehr?« Sofort ließ er meine Hand fahren und leistete keinen weiteren Widerstand, obwohl er während der Entfernung der Falle vor Schmerz heulte und winselte. Trotz des Wechsels seiner Heimat und trotz meiner langen Abwesenheit erkannte er mich als seinen Herrn und Gebieter an, und auch ich fühlte trotz des Aufgebens aller Anrechte auf ihn, daß er immer noch mein Hund war.

Bingo wurde ? zwar ganz gegen seinen Willen ? ins Haus getragen, um den erfrorenen Fuß aufzutauen. Den ganzen Winter hindurch lief er lahm, und zwei Zehen des verletzten Fußes fielen ab. Jedoch vor dem Wiedereinsetzen der warmen Witterung hatte er seine volle Gesundheit wiedererlangt, und für einen Uneingeweihten trug er keine Merkmale seiner furchtbaren Erfahrung in der Stahlfalle.

VIII

Im gleichen Winter fing ich eine große Anzahl Wölfe und Füchse, die nicht so viel Glück hatten wie Bingo und den unbarmherzigen Fallen nicht zu entrinnen vermochten. Ich ließ die Fallen draußen bis spät ins Frühjahr; denn die Fangprämien sind hoch, auch wenn das Pelzwerk minderwertig ist.

Kennedys Wiesen waren stets ein ergiebiger Jagdgrund, weil sie nicht von Menschen besucht wurden und zwischen dem Forst und der Ansiedlung lagen; hier hatte ich das meiste Glück.

Die Wolfsfallen sind von schwerem Stahl und haben zwei Federn, jede mit einer Schlagkraft von hundert Pfund. Vier werden zusammen ausgesetzt rund um einen vergrabenen Köder. Nachdem sie an verborgenen Holzklötzen stark befestigt sind, bedeckt man sie sorgfältig mit Laub und Sand, um sie vollkommen unsichtbar zu machen.

In einer solchen Falle hatte ich einen Präriewolf gefangen. Ich schlug ihn mit einem Knüppel tot und warf ihn beiseite. Dann begann ich die Falle wieder zu spannen, wie ich es hundertmal vorher getan. Alles war schnell geschehen, und da ich ein Häufchen feinen Sand nahebei erblickte, griff ich hinüber, um mit einer Handvoll die Falle gut zu bedecken.

O welch ein unglückseliger Gedanke, welche Unvorsichtigkeit! Der Sand lag auf der nächsten Wolfsfalle, und im Augenblick war ich ein Gefangener. Zwar war ich unverletzt, denn die Fallen hatten keine Zähne, und mein dicker Handschuh schwächte den Schlag, aber ich war oberhalb des Knöchels fest erfaßt. Trotz des Schreckens trachtete ich möglichst kühl zu bleiben und versuchte, den Schlüssel zum Öffnen der Fallen mit meinem rechten Fuße zu erreichen. Mich in voller Länge ausstreckend, arbeitete ich mich, mit dem Gesicht nach unten gekehrt, langsam darauf zu und machte meinen gefangenen Arm so lang und so gerade als möglich. Ich konnte mich nicht zur gleichen Zeit umsehen und nach dem Schlüssel langen; aber ich rechnete auf das Gefühl in meinen Zehen und hoffte, sofort zu bemerken, wenn ich das kleine eiserne Werkzeug berühren würde. Mein erster Versuch mißlang. So stark ich auch an der Kette ziehen mochte, mein Fuß traf auf kein Metall. Dann versuchte ich es zum zweitenmal, indem ich mich immer um meinen gefangenen Arm drehte, doch war alles umsonst. Ich entdeckte, daß ich viel zu weit nach Westen geraten war, und so begann ich von neuem blindlings herumzutappen, in der Hoffnung, mit meinen Zehen auf den Schlüssel zu stoßen. Bei dem wilden Umherfahren mit meinem rechten Fuß vergaß ich vollkommen den linken, bis sich die eisernen Klauen von Falle Nr. 3 mit einem scharfen »Klink« über meinem linken Knöchel schlossen.

Zuerst machte die entsetzliche Lage, in der ich mich befand, keinen sonderlichen Eindruck auf mich; aber bald wurde mir schrecklich klar, daß all mein Arbeiten, loszukommen, vergeblich sein mußte. Ich konnte mich von keiner der Fallen ohne Hilfe befreien, konnte sie auch nicht bewegen, und so lag ich denn ausgestreckt, fest und sicher an den Erdboden gekettet.

Was sollte nun aus mir werden? Es war zwar keine Gefahr, zu erfrieren; denn das kalte Wetter war vorüber, aber Kennedys Plan wurde von keinem Menschen besucht, außer von den Holzfällern im Winter. Zu Haus wußte niemand, wohin ich gegangen war, und wenn ich mich nicht selbst befreien konnte, hatte ich keine andere Aussicht, als von den Wölfen zerrissen zu werden oder vor Kälte und Hunger elend zu sterben.

Als ich so dalag, ging die Sonne blutigrot im Westen hinter dem Buschmoor unter, und eine Heidelerche sang im nahen Busch ihr Abendlied, genau wie am Abend zuvor vor der Tür unseres Häuschens. Obwohl dumpfe Schmerzen in meinem Arm in die Höhe krochen und ein eisiger Schüttelfrost mich erfaßte, bemerkte ich doch noch, wie lang die kleinen Federbüschel über den Ohren der Lerche waren. Dann wanderten meine Gedanken zum behaglichen Abendtische in Wrights Haus, und ich dachte, jetzt wird gebraten und gekocht, und jetzt setzen sie sich nieder. Mein Pferd stand dort, wo ich es verlassen, mit den Zügeln auf dem Erdboden, und wartete geduldig, um mich heimzutragen. Es verstand die lange Verzögerung nicht, und als ich es rief, hörte es auf zu weiden und sah mich hilflos fragend an. Wenn es doch heim liefe! Der leere Sattel würde genug erzählen und sicher Hilfe herbeirufen. Jedoch die große Pflichttreue des Tieres hielt es wartend Stunde für Stunde bei mir zurück, während ich vor Kälte und Hunger beinahe verging.

Dann erinnerte ich mich, wie der alte Trapper Girou sich im Walde verlaufen hatte und wie seine Kameraden im folgenden Frühjahr das Skelett fanden, mit den Knochen des Beines in einer Bärenfalle eingeklemmt. Ich zerbrach mir den Kopf, welcher Teil meiner Kleidung mich wohl erkennbar machen würde. Dann kam mir ein neuer Gedanke. Das gleiche Gefühl hatte doch auch der Wolf, wenn er sich in einer Falle fing. O für welches Elend war ich schon verantwortlich! Nun mußte ich dafür büßen.

Die Nacht sank langsam hernieder. Ein Präriewolf heulte. Das Pferd spitzte die Ohren und kam näher an mich heran, schnaufend und den Kopf tief am Boden. Dann heulte ein zweiter Wolf und noch einer, und ich konnte vernehmen, wie sie sich in der Nähe zusammenscharten. Da lag ich nun hilflos, mit dem Gesicht am Boden, und wunderte mich nur, daß die gierigen Bestien nicht gleich auf mich losstürzten und mich in Stücke zerrissen. Lange hörte ich sie heulen, bevor ich gewahr wurde, daß undeutliche, schattenhafte Gestalten um mich herumhuschten. Das Pferd bemerkte sie, und sein entsetztes Schnaufen trieb sie erst zurück, aber das nächstemal kamen sie schon näher, saßen um mich herum und gafften mich an. Bald wurden sie frecher, krochen heran und rissen an dem Kadaver ihres toten Genossen. Ich schrie, und die Wölfe zogen sich knurrend zurück, während das Pferd entsetzt davonlief.

Wieder kamen sie heran, und nach zwei oder drei derartigen Rückzügen und Angriffen zerrten sie den Leichnam davon und verschlangen ihn in wenigen Minuten.

Danach kamen sie wieder näher, umringten mich und starrten mich frech an. Der Unverschämteste von ihnen beroch mein Gewehr und bewarf es mit Schmutz. Zwar zog er sich zurück, als ich mit meinem freien Fuße nach ihm stieß und ihn anschrie, aber je schwächer ich wurde, desto frecher wurden die Bestien, und ihr Führer kam ganz nahe und fauchte mir direkt ins Gesicht. Dann heulten auch die übrigen und scharten sich dicht um mich, und ich glaubte schon, daß das verhaßte Pack mich zerreißen und verschlingen würde, als plötzlich aus dem Dunkel mit heiserem Geheul ein großes, schwarzes Tier heraussprang. Die Scheusäler zerstoben wie Spreu vor dem Winde, nur ihr Führer blieb, der von dem Ankömmling gepackt wurde und in einigen Minuten als verstümmelter Leichnam dalag. Und dann ? Entsetzen packte mich ? das mächtige Ungetüm sprang auf mich los und ? Bingo, mein treuer Bingo rieb atemlos seinen zottigen Kopf an meiner Schulter und leckte mein eiskaltes Gesicht.

»Bingo ? Bingo, alter Junge, hol mir den Fallenschlüssel!«

Davon sprang er und kam zurück, aber er zerrte mein Gewehr hinter sich her; denn er wußte nur, daß ich irgend etwas haben wollte.

»Nein, Bingo, den Fallenschlüssel!« Diesmal brachte er meine Säge, aber schließlich kam er mit dem Schlüssel und wedelte freudig mit dem Schwanze, als er sah, daß er diesmal das Richtige getroffen. Mit meiner freien Hand öffnete ich mühselig die Schrauben, die Falle fiel auseinander, meine Hand war frei, und eine Minute später war ich ganz erlöst. Bingo brachte das Pferd, und nachdem ich einige Male langsam auf und ab gegangen, um das erstarrte Blut in Umlauf zu bringen, war ich fähig, aufzusteigen. Dann ging es heimwärts, langsam zuerst, schließlich im Galopp, und Bingo sprang wie ein Herold bellend vor mir her. Als wir die Ansiedelung erreichten, erfuhr ich, daß der treue Hund sich am Abend ganz auffällig benommen hatte; winselnd und heulend war er die Straße auf und ab gelaufen, und als schließlich die Dunkelheit kam, hatte er sich, allen Versuchen, ihn zurückzuhalten, zum Trotz, davongemacht und war, geleitet von einem Instinkt, den wir nicht erklären können, gerade im rechten Moment bei mir angelangt, um mich zu rächen und zu befreien.

Treuer, alter Bingo ? du warst ein rätselhafter Hund. Obwohl er mich liebte, lief er am nächsten Tage an mir vorüber, ohne mir nur einen Blick zu schenken, folgte aber mit Feuereifer Wrights kleinem Sohn, der ihn zur Jagd mitrief. So blieb er bis ans Ende, und bis ans Ende führte er auch sein geliebtes wölfisches Leben und konnte es nicht lassen, auf die Suche nach gefallenen Pferden zu gehen. So fand er einmal auch eins mit einem vergifteten Köder und verschlang diesen wie ein Wolf. Als er die furchtbare Wirkung fühlte, machte er sich auf, nicht nach Haus, sondern um mich zu suchen, und erreichte die Tür der kleinen Hütte, in der er mich vermutete. Als ich am andern Tag nach Hause kam, fand ich ihn tot im Schnee, mit dem Kopf auf der Schwelle der Tür ? der Tür, vor der er seine Jugendtage verlebt. Er war verendet ? mein Hund bis zum letzten Atemzug ? und es war meine Hilfe, die er gesucht hatte, vergeblich gesucht in der Stunde bitterer Todesschmerzen und tiefer Verzweiflung.

Silberfleck

Die Geschichte einer Krähe

I

Hat irgend jemand unter uns das intime Leben und Treiben eines freien Waldbewohners wirklich kennen gelernt? Ich meine damit nicht ein Tier, das man ein- oder zweimal auf einsamen Spaziergängen trifft oder gar zu Hause im Käfig hält, sondern ich denke an solche Tiere, die man lange Zeit kennt, während sie noch wild und frei sind, und in deren Leben und Entwicklung man einen tiefen Einblick erhalten hat. Für gewöhnlich liegt die Schwierigkeit einer derartig nahen Bekanntschaft darin, daß man ein Tier nicht von dem andern zu unterscheiden vermag; denn ein Fuchs oder eine Krähe sieht ihresgleichen ja so ähnlich, daß wir nicht mit Sicherheit behaupten können, einen alten Bekannten anzutreffen, wenn wir sie wieder einmal zu Gesicht bekommen. Von Zeit zu Zeit jedoch erhebt sich ein Geschöpf, das stärker und klüger ist als seine Gefährten, über diese empor und wird zum gewaltigen Tyrannen; es ist, möchte man sagen, ein Genie, und wenn es sich durch seine Gestalt auszeichnet oder irgendein besonderes Abzeichen trägt, wodurch es sich von den anderen unterscheidet, so wird es leicht berühmt oder berüchtigt im ganzen Lande. So kann das Leben eines Tieres oft bei weitem interessanter sein als das eines menschlichen Wesens.

Silberfleck.

Zu dieser Klasse von Tieren gehört z. B. Courtrand, der kurzgeschwänzte Wolf, der die Stadt Paris im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts zehn Jahre lang in Schrecken und Entsetzen hielt; Clubfoot, der lahme Grislybär, dessen man sich noch jetzt mit Grauen im San-Joaquin-Tal in Kalifornien erinnert; Lobo, der König aller Wölfe von Neu-Mexiko, der fünf Jahre lang jeden Tag ein Rind mordete, und der Soehnee-Panther, dem in weniger als zwei Jahren nahezu dreihundert Menschen zum Opfer fielen. Zu diesen Tieren zählt auch Silberfleck, dessen Geschichte ich kurz erzählen will.

Silberfleck war ein alter, weiser Krähenvater. Er trug seinen Beinamen wegen eines silberweißen Flecks von der Größe eines Groschens, der auf der rechten Seite gerade zwischen Auge und Schnabel saß. Nur diesem Fleck verdanke ich es, daß ich Silberfleck aus den übrigen Krähen mit Leichtigkeit herausfinden konnte und daß mir seine Lebensschicksale bekannt wurden.

Krähen sind bekanntlich hochintelligente Vögel. »Weise, wie eine alte Krähe«, wurde nicht ohne Grund zur landläufigen Redensart. Sie wissen den Wert einer systematischen Organisation zu schätzen und sind ebenso gedrillt wie Soldaten, ja weit besser als gewisse Söldnerscharen; denn sie sind immer auf der Wacht, leben immer auf Kriegsfuß und hängen um ihrer Sicherheit und ihres Lebens willen stets voneinander ab. Ihre Führer sind gewöhnlich nicht nur die ältesten und klügsten der Bande, sondern auch die stärksten und tapfersten; denn sie müssen jederzeit bereit und fähig sein, mit unwiderstehlicher Gewalt einen Aufruhr oder eine Meuterei niederzudrücken. Die gemeinen Soldaten eines Krähenheeres setzen sich aus den jüngsten und aus den Krähen zusammen, die mit keinen besonders hervorragenden Gaben von der Natur beschenkt sind.

Der alte Silberfleck war kommandierender General einer Armee, deren Hauptquartier in der Nähe von Toronto, in Kanada bei Castle Frank, auf einem fichtenbewachsenen Hügel an der Nordostseite der Stadt lag. Die Bande bestand aus ungefähr hundert Vögeln und schien sich aus Gründen, die ich niemals erfuhr, nicht zu vermehren. War der Winter mild, so hausten sie am Niagaraflusse, während sie in kalten Wintern bedeutend weiter südlich zogen. Jedes Jahr in der letzten Woche des Februar musterte Silberfleck seine Truppe und kreuzte kühn die vierzig Meilen offenen Wassers zwischen Toronto und Niagara, und zwar flog er nicht in einer geraden Linie, sondern hielt regelmäßig eine Kurve in der Richtung nach Westen ein, wobei er in Sicht des ihm bekannten Dunda-Berges blieb, bis das Reiseziel, der fichtenbewachsene Hügel von Castle Frank, in der Ferne auftauchte. Jedes Jahr kam er mit seiner Armee und hielt sich ungefähr sechs Wochen lang dort auf. Am Morgen machten sich die Krähen in drei Abteilungen auf zum Furagieren, die eine Bande südöstlich nach der Ashbridge-Bai, die zweite nördlich den Don hinauf und die dritte und stärkste nordwestlich das Tal entlang; diese leitete Silberfleck persönlich; wer die anderen führte, habe ich niemals erfahren.

Am windstillen Morgen flogen sie stets hoch oben in den Lüften in gerader Richtung davon; wenn es windig war, hielt sich die Bande dagegen niedrig und folgte dem schützenden Taleinschnitt. Von meinem Fenster aus konnte ich die ganze Schlucht übersehen, und so kam es, daß ich im Jahre 1885 die alte Krähe zum erstenmal bemerkte. Ich war noch unbekannt in der Nachbarschaft, aber ein alter Bewohner erzählte mir, der gewaltige Krähendespot triebe sich schon länger als zwanzig Jahre im Tale umher. Die günstigste Gelegenheit, ihn zu beobachten, bot sich in der Bergschlucht, und da Silberfleck seine alte Wegrichtung gewohnheitsmäßig innehielt, obwohl die Hügel jetzt mit Häusern bebaut waren und Brücken den Taleinschnitt überspannten, konnte ich ihn bald zu meinen näheren Bekannten zählen. Im März und April und dann wieder im Spätsommer und Herbst, passierte er zweimal am Tage auf dem Hin- und Herwege meinen Beobachtungsposten, ließ mich seine Bewegungen genau verfolgen, seine Kommandos vernehmen und öffnete mir auf diese Weise nach und nach die Augen. Ich kam zu der Überzeugung, daß die Krähen, obschon ein kleines, unbeachtetes Völklein, große Klugheit besitzen und einen Stamm bilden, mit einer Sprache und sozialen Einrichtungen, die denen der Menschen in den Hauptpunkten ähneln und auf jeden Fall in vielen Einzelheiten gewissenhafter gehandhabt werden.

An einem windigen Tage stand ich auf der hohen Brücke, als Silberfleck an der Spitze seiner langgestreckt und zerstreut fliegenden Truppe eben heimwärts zog. Eine halbe Meile weit von mir konnte ich das zufriedene »Alles sicher, nur immer vorwärts«, wie wir es ausdrücken würden, oder, wie er es ausdrückte, hören, und wie es sein Leutnant im Nachtrab wiederholte. Sie flogen beträchtlich tiefer als sonst, um nicht in den Wind zu kommen, und mußten sich etwas erheben, um über die Brücke hinwegzustreichen, auf der ich stand. Silberfleck entdeckte mich dort, beobachtete mich einige Sekunden scharf, parierte im Fluge, da ich ihm nicht ganz geheuer schien, und rief nach rückwärts:

»Seid auf der Hut!« und erhob sich, gehorsam von den Seinen begleitet, hoch in die Luft. Dann, als er sah, daß ich unbewaffnet war, flog er etwa siebzig Fuß über meinem Kopfe hinweg, und auch die anderen ließen sich wieder in die alte Fluglinie herabsinken, als sie die Brücke passiert hatten.

Am darauffolgenden Tage befand ich mich am gleichen Platze, und als sich die Krähen näherten, erhob ich meinen Spazierstock und drohte zu ihnen hinauf. Der alte Schlaukopf bemerkte das sofort, krähte:

»Gefahr« und erhob sich fünfzig Fuß höher als am Tage zuvor. Da er jedoch sah, daß ich keine Feuerwaffe trug, flog er keck über mich hinweg. Am dritten Tage nahm ich ein Gewehr mit, und diesmal rief er:

»Höchste Gefahr, ein Gewehr!« Sein Leutnant gab den Ruf zurück, und das ganze Regiment hob sich hoch empor und zerstreute sich, bis es weit außer Schußweite war. Dann flog es in Sicherheit über mich hinweg und ließ sich wieder in das schützende Tal herab, sobald es in gebührender Entfernung war. Ein andermal, als die Vögel in wippendem Fluge die Schlucht herabkamen, ließ sich ein rotschwänziger Habicht dicht an ihrem gewohnten Wege nieder. Der Führer rief:

»Habicht« und hielt im Fluge inne. Jede folgende Krähe tat das gleiche, wenn sie an ihren Vordermann herankam, bis sie alle zu einer dichten Masse vereinigt waren. Dann flogen sie ohne Furcht vor dem Habicht vorwärts. Eine Viertelmeile weiter unten erschien jedoch ein Mann mit einem Gewehr, und der Ruf:

»Höchste Gefahr, ein Gewehr, ein Gewehr, zerstreut euch, es gilt euer Leben!« ließ sie hoch auf- und weit auseinanderfliegen, bis sie außer Schußweite waren. Bei längerer Bekanntschaft lernte ich nach und nach viele andere dieser Kommandorufe kennen und verstehen und fand, daß zuweilen eine ganz unbedeutende Veränderung der Laute eine ungemein wichtige Änderung der Bedeutung zur Folge hatte. So z. B. bedeutet Nr. 5 Habicht, Häher oder irgendeinen großen gefährlichen Raubvogel, während

Nr. 7 »Kehrt« bedeutet, augenscheinlich eine Verbindung von Nr. 5, dessen Grundidee Gefahr, und Nr. 4, dessen Sinn Rückzug ist. Das nächste wieder ist ein einfaches

»Guten Tag«, während

gewöhnlich an die gemeinen Soldaten gerichtet wird und »Achtung« bedeutet.

Frühzeitig im April schien etwas Großes unter den Krähen vorzugehen. Irgend etwas höchst Aufregendes und Wichtiges mußte sie betroffen haben. Den halben Tag trieben sie sich zwischen den Fichten umher, anstatt wie sonst von Sonnenaufgang bis -niedergang auf die Nahrungssuche auszugehen. Zu zweien und dreien konnte man sie herumjagen und -huschen und von Zeit zu Zeit die verwegensten Flugkunststückchen ausführen sehen. Es war ein besonderer Lieblingssport einiger, aus der blauen Höhe plötzlich auf irgendeine friedlich ruhende Krähe herabzuschießen und gerade, ehe sie sich berührten, zu wenden und den Flug zurück in die Luft zu nehmen, wobei die Flügel des Künstlers ein Geräusch verursachten, das wie entfernter Donner klang. Oft neigte auch eine Krähe den Kopf, blies die Federn auf, daß sie wie ein Igel aussah, näherte sich einer anderen und gurgelte ihr einen langgezogenen Ton entgegen, der klang wie

Was dies alles zu bedeuten hatte, sollte ich bald erfahren. Die Krähen machten sich Liebeserklärungen und begannen sich zu paaren. Die Männchen bewiesen den Damen ihrer Wahl ihre Flügelkräfte und ihre Geschicklichkeit und ließen ihre Stimmen gar lieblich und berückend erschallen. Und der Erfolg dieser Bemühungen konnte nicht ausgeblieben sein; denn Mitte April zogen sie alle auf die Hochzeitsreise, zerstreuten sich über die ganze Gegend, und die düsteren, alten Fichten von Castle Frank standen verlassen und einsam.

II

Der Zuckerhut-Hügel steht allein im Dontal, bedeckt mit Waldungen, die sich mit denen von Castle Frank vereinigen. Mitten in diesen Forsten steht ein Fichtenbaum, in dessen Gipfel ein verlassener Habichtshorst hängt. Jeder Schuljunge von Toronto kennt dieses Nest; aber weder ich noch irgend jemand sonst hatte je ein lebendes Wesen darin gesehen, ausgenommen das eine Mal, als ich ein schwarzes Eichhorn vom Rande herunterschoß. Hoch oben hing das Nest, jahraus, jahrein, alt und struppig, und schien nur auf einen tüchtigen Sturm zu warten, der es vollkommen herunterreißen sollte. Jedoch, so wunderbar es auch klingen mag, es zerfiel nicht ganz in Stücke.

Eines Morgens im Mai ging ich früh beim Morgengrauen aus und schlüpfte geräuschlos durch den Wald, dessen welke Blätter noch zu feucht waren, um zu rascheln. Zufällig kam ich an dem alten Nest vorüber und war höchst erstaunt, einen schwarzen Schwanz über den Rand hinausgucken zu sehen. Ich gab dem Baum einen tüchtigen Schlag, und eine Krähe flog auf. Das Rätsel war gelöst. Lange hatte ich schon den Verdacht gehegt, daß ein Krähenpaar jedes Jahr zwischen den Fichten nistete, und nun entdeckte ich, daß es Silberfleck mit seiner Gattin war. Das alte Nest war ihre Hochburg, und sie waren zu klug, ihr durch Frühjahrsreinemachen und unnötige Reparaturen ein freundliches Aussehen zu verleihen. Hier hatten sie schon lange Jahre gehaust, obwohl Jäger und Jungen, die leidenschaftlich der Krähenjagd oblagen, tagtäglich mit gefährlichen Feuerwaffen unter ihrer Wohnung vorüberkamen. Nach dieser Entdeckung störte ich den alten Gesellen nicht zum zweitenmal, aber ich beobachtete ihn oft durch mein Fernrohr.

Silberfleck macht sich an die Arbeit, einen Haufen Muscheln und anderen glänzende Gegenständen aus der Erde hervorzuwühlen.

Eines Tages bekam ich eine Krähe zu Gesicht, die mit etwas Weißem im Schnabel das Tal kreuzte. Sie flog in der Richtung nach dem Rosedale-Bache und landete bei einer hohen Ulme. Dort ließ sie einen blanken Gegenstand fallen, und als sie sich darauf schnell und vorsichtig umsah, erkannte ich sie als meinen alten Freund Silberfleck wieder. Nach einer Weile nahm er das weiße Ding ? eine Muschelschale ? wieder auf und lief gravitätisch zur Quelle hinüber, die mit Sauerampfer und großblätterigen Sumpfgewächsen überwuchert war. Dort machte er sich eifrig an die Arbeit, einen Haufen von Muscheln und anderen glänzenden Gegenständen aus der Erde hervorzuwühlen. Er breitete sie in der Sonne aus, drehte sie von einer Seite auf die andere, hob sie der Reihe nach auf, ließ sie wieder fallen, behandelte sie aber dabei wie rohe Eier und wühlte mit gierigen Augen darin, wie ein alter Geizhals in seinen Schätzen. Das war sein Steckenpferd, seine einzige Schwäche. Hätte man ihn gefragt, er hätte kaum eine Erklärung geben können, warum er es tat, ebensowenig wie ein Schuljunge weiß, warum er Briefmarken sammelt, oder ein Mädchen erklären kann, warum sie Perlen Rubinen vorzieht. Nach einer halben Stunde harmlosen Spielens mit seinem Schatze bedeckte er alles, auch den neuen Zuwachs der Sammlung, sorgfältig mit Blättern und Erde und flog davon. Sofort ging ich nach dem Fleck und machte Ausgrabungen. Da fand ich denn einen ganzen Haufen weißer Kieselsteine, glänzender Muscheln, Zinkstückchen und mitten darunter den Henkel einer kostbaren Porzellantasse, der gewiß das Glanzstück der Sammlung war. An diesem Tage sah ich den Schatz zum ersten- und letztenmal; Silberfleck wußte, daß jemand seine Kostbarkeiten gefunden hatte, und entfernte sie sofort; wohin er sie brachte, konnte ich nie erfahren.

In den Monaten, während deren ich ihn so genau beobachten konnte, hatte er viele kleine Abenteuer, und gar oft entschlüpfte er dem Verderben nur mit knapper Not. Einmal wurde er von einem Sperber böse zugerichtet und oft von Königsvögeln geängstigt und verfolgt. Sie konnten ihm zwar nichts zuleide tun, aber sie vollführten einen derartigen Lärm um ihn herum, daß er sie soviel als möglich mied, gerade wie ein erwachsener, verständiger Mann einem Zusammenstoß mit lärmenden, unverschämten Gassenjungen aus dem Wege geht. Aber auch Silberfleck hatte leider einige grausame Liebhabereien. An jedem Morgen pflegte er die Runde durch die Nester der kleinen Vögel in der Nachbarschaft zu machen und den ängstlich flatternden und piepsenden Müttern die frischgelegten Eier vor der Nase wegzufressen. Dieser höchst verwerflichen Gewohnheit lag er mit der Pflichttreue und Regelmäßigkeit eines Doktors ob, der seine Patienten besucht. Aber wir dürfen ihn deshalb nicht richten; denn wir selbst machen es ja mit den Hennen im Hühnerhof nicht anders.

Gar oft bewies er eine geradezu verblüffende Geistesgegenwart und Schlauheit. So beobachtete ich ihn einmal, als er mit einem großen Stück Brot im Schnabel das Tal entlang flog. Der Bach auf der Talsohle wurde damals gerade wie eine Schleuse übermauert, und es waren ungefähr siebenhundert Meter vollendet. Als Silberfleck über das noch offene Wasser vor dem Eingang in den Tunnel hinwegflog, verlor er das Brot aus dem Schnabel, das von der Strömung mitgerissen wurde und sofort in der Höhlung verschwand. Er ließ sich herab und lugte vergebens in das tiefe Dunkel hinein. Dann flog er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, stromabwärts nach dem Ende des Tunnels und erwartete das Auftauchen des treibenden Brotes. Als es die Strömung dann auch richtig ans Tageslicht brachte, packte er es und trug es im Triumph davon.

Silberfleck war eine Krähe von Welt. Sein Leben war an Erfolgen reich, und er lebte in einer Gegend, die, obwohl voll von Gefahren, Nahrungsmittel die Fülle bot. Jedes Jahr wuchs in seinem alten, verwitterten Nest eine junge, kräftige Brut heran, und dort verlebte er glückliche Zeiten mit seiner Gattin, die ich leider von den anderen Krähen nicht zu unterscheiden vermochte. Wenn dann die Krähen sich wieder versammelten, wurde er stets einstimmig zum unbeschränkten Führer und Herrscher erwählt. Die große Versammlung findet ungefähr Ende Juni statt. Die jungen Krähen mit ihren kurzen Schwingen, ihren flaumigen Flügeln und ihren Falsettstimmen werden dann mit Stolz von den Eltern herbei, gebracht, denen sie fast an Größe gleichen, und im alten Fichtenholz, ihrer Festung und Bildungsstätte zugleich, der Gesellschaft vorgestellt, hier finden sie luftige, sichere Schlupfwinkel ohne Zahl, hier beginnt ihre Erziehung, und alle die wichtigen Geheimnisse und Regeln des Krähenlebens werden ihnen beigebracht. Und diese sind von größter Wichtigkeit; denn ein einziger Mißerfolg im Krähenleben bedeutet ? Tod.

Die ersten zwei Wochen nach der Ankunft werden die Jungen sich selbst überlassen, um miteinander bekannt zu werden; denn jede Krähe muß alle anderen, die zum Heere gehören, persönlich kennen. Ihre Eltern ruhen sich inzwischen etwas aus von der Arbeit, die ihnen das Aufziehen und Großfüttern ihrer Kinder gemacht; denn sie können jetzt ihrer Nahrung selbst nachgehen und unbehütet in einer Linie aneinandergereiht auf einem Aste sitzen wie die Alten.

Nach einer Woche oder zwei beginnt dann die Zeit der Mauserung. Die Alten sind während dieser Periode meistens recht unberechenbar und nervös, aber das hält sie nicht ab, die Erziehung der Jungen zu beginnen, die natürlich nicht besonders entzückt von den Strafpredigten und Maßregelungen sind, die sie über sich ergehen lassen müssen, da sie bis dahin noch Mamas Lieblinge waren. Aber es geschieht alles nur zu ihrem Besten, wie die alte Dame sagte, als sie einen Aal abzog, und Meister Silberfleck ist ein ausgezeichneter Lehrer. Zuweilen scheint er einen ausführlichen Vortrag an sie zu richten. Was er sagt, kann ich leider nicht verstehen, aber nach dem durchschlagenden Erfolg und dem Eindruck, den er auf seine Zuhörer macht, zu schließen, muß er äußerst witzig sein. Jeden Morgen ist Kompagnie-Exerzieren, und die Jungen üben in zwei oder drei Abteilungen, die nach Alter und Stärke geordnet sind. Den Rest des Tages tummeln sie sich mit den Eltern auf der Futtersuche herum.

Die Jungen können jetzt unbehütet, auf einer Linie aneinandergereiht, auf einem Ast sitzen.

Wenn später der September anbricht, geht eine große Veränderung mit ihnen vor. Der Schwarm der albernen kleinen Krähen fängt an, verständig zu werden, und das zarte Blau der Iris ihrer Kinderaugen macht dem Dunkelbraun des Auges eines alten, gewiegten Praktikers Platz. Sie sind jetzt tadellos einexerziert und können Vorpostendienste tun, sie wissen, was ein Gewehr ist, und haben einen erfolgreichen Spezialkurs in Insektenkunde und Botanik hinter sich. Sie wissen ganz genau, daß eine dicke, alte Bauersfrau, wenn auch massiger und größer, bei weitem harmloser ist, als ihr 15 Jahre alter Tunichtgut von Sohn, und sie können einen Knaben von einem Mädchen unterscheiden. Auch ist es ihnen bekannt, daß ein Regenschirm keine Feuerwaffe ist, und sie können schon bis sechs zählen, gewiß nicht übel für junge Krähen, obwohl Silberfleck die Zahlen fast bis dreißig meistert. Sie kennen den Geruch von Schießpulver und die Tollkirsche und fangen bereits an, sich auf ihre Weltweisheit etwas zugute zu tun. Auch legen sie ihre Flügel nach dem Niedersetzen stets dreimal zusammen, um sicher zu sein, daß es sorgfältig geschehen ist. Sie wissen, wie man einen Fuchs ängstigt, damit er die Hälfte seiner Beute aufgibt, und daß es das beste ist, sich in den nächsten Busch zu stürzen, wenn eine Schar von Königsvögeln oder anderen lärmenden Sängern des Waldes sie angreift; denn es ist ebenso unmöglich für sie, diese kleinen Quälgeister zu bekämpfen, wie für die dicke Äpfelhökerin, die kleinen, unnützen Jungen einzufangen, die ihre Körbe plündern. In allen diesen Dingen sind die jungen Krähen schon bewandert; nur fehlt ihnen noch die Unterweisung im Eiersammeln; denn dafür ist jetzt nicht die Jahreszeit. Auch sind sie noch nicht mit Muscheln bekannt und haben weder Pferdeaugen gegessen, noch das Getreide wachsen sehen, und der bedeutendste Erziehungsfaktor, das Reisen, ist ihnen bis dahin unbekannt geblieben. Vor zwei Monaten haben sie noch gar nicht an die Möglichkeit des Vorhandenseins einer anderen Gegend als der lieben Heimat gedacht, aber seitdem ist ihnen zuweilen der Gedanke daran gekommen. Aber sie haben warten gelernt, bis ihre Führer reisefertig sind.

Auch mit den alten Krähen ist im September eine wichtige Veränderung vorgegangen ? sie haben sich gemausert. Doch jetzt prangen sie wieder in voller Federnpracht und sind stolz auf ihre neuen, kleidsamen Röcke. Ihre Gesundheit ist vorzüglich und damit auch ihre Laune gebessert. Selbst Alt-Silberfleck, der eiserne Lehrmeister, wird beinahe lustig, und seine Schüler, die ihn schon seit langem achteten, fangen an, ihn wirklich zu lieben und zu verehren.

Alle die langen Wochen hat er sie in harter Schule gehabt, sie alle gebräuchlichen Signale und Kommandoworte gelehrt, und jetzt ist es geradezu eine Lust, sie am frühen Morgen bei ihren Übungen zu beobachten.

» Erste Kompagnie,« ruft der alte General auf Krähisch, und die Kompagnie antwortet mit lautem Geschrei.

» Fliegt,« und mit dem Führer an der Spitze fliegen sie in gerader Linie davon.

» Steigt,« und im Augenblick wenden sie sich kerzengerade aufwärts.

» Zusammen,« und alle bilden eine undurchdringliche, schwarze Masse.

» Schwärmt,« und sie zerstreuen sich wie welke Blätter vor dem Wind.

» Formiert Linie,« und sie dehnen sich wieder aus zur langen Linie ihrer gewöhnlichen Flugordnung.

» Nieder,« und alle lassen sich herab fast bis zum Erdboden.

» Furagieren,« und sie verteilen sich zum Futtersuchen, während zwei Sicherheitsposten, der eine auf einem Baum zur Rechten, der andere auf einer Vogelscheuche zur äußersten Linken, ausgestellt bleiben.

Ein oder zwei Minuten später ruft Silberfleck: » Ein Mann mit einem Gewehr!« Die Wachtposten wiederholen den Ruf, und die ganze Kompagnie fliegt so schnell wie möglich nach den Bäumen. Einmal dort in Sicherheit, formieren sie sich in Flugordnung und kehren in die heimatlichen Fichten zurück.

Der Vorpostendienst wird nicht der Reihe nach von allen Krähen bezogen, sondern eine gewisse Anzahl, deren Wachsamkeit oft erprobt ist, bilden regelmäßig die Sicherheitsposten, und man sieht es als selbstverständlich an, daß sie zu gleicher Zeit wachen und furagieren. Dies erscheint uns etwas hart, aber es macht sich ganz gut, und die Organisation der Krähen ist die anerkannt beste unter allen Vögeln.

Endlich im November kann man die Krähen südwärts ziehen sehen, um neue Lebenseinrichtungen, unbekannte Gegenden und fremde Sorten von Futter kennenzulernen, und alles dies unter der umsichtigen Leitung des weltweisen Silberfleck!

III

Nur zu einer Zeit benimmt sich die Krähe dumm und albern, das ist während der Nacht. Und nur ein Vogel vermag sie in lähmende Todesangst zu versetzen, das ist die Eule. Deshalb hat, wenn diese zwei Dinge zusammentreffen, die Eule leichtes Spiel. Ertönt nach Eintreten der Dunkelheit ihr fernes Geschrei, so ziehen die geängstigten Krähen die Köpfe unter den Flügeln hervor und sitzen zitternd und elend bis zum Morgengrauen. Oft hat dies bei sehr kaltem Wetter zur Folge, daß einer Krähe eines oder beide Augen erfrieren, und Blindheit und Tod sind dann das Ende; denn Hospitäler für kranke Krähen gibt es noch nicht.

Doch mit dem dämmernden Morgen kehrt auch ihre Tapferkeit zurück, und sich aufraffend durchstöbern sie die Waldungen wenigstens eine Meile im Umkreis, bis der nächtliche Ruhestörer gefunden ist, und wenn sie ihm nicht den Garaus machen, ängstigen sie ihn halb zu Tode und jagen ihn mindestens zwanzig Meilen davon.

Im Jahre 1893 waren die Krähen wie gewöhnlich in Castle Frank erschienen. Einige Tage nach ihrer Ankunft machte ich einen Spaziergang durch den Wald und stieß zufällig auf die Spur eines Hasen, der in vollem Lauf durch den Schnee gerannt war und dessen verzweifelte Seitensprünge bewiesen, daß er verfolgt worden war. Doch höchst sonderbar, die Spur des Verfolgers war nicht zu finden. Ich ging der Fährte nach und traf bald auf einen Tropfen Blut im Schnee, und einige Schritte weiter fand ich die halbaufgezehrten Überreste eines armen kleinen Häschens. Wer der Mörder war, blieb mir ein Rätsel, bis ich bei sorgfältiger Untersuchung einen großen, doppelzehigen Eindruck im Schnee und eine wunderbar gezeichnete braune Feder fand. Nun war mir alles klar ? es war eine Steineule.

Ich fand die Überreste eines armen kleinen Häschens.

Eine halbe Stunde später kam ich wieder am gleichen Fleck vorüber und entdeckte auf einem Baume, kaum zehn Schritte von den Knochen ihres Opfers entfernt, die augenrollende Eule. Die Mörderin konnte sich vom Schauplatz ihres Verbrechens nicht trennen, und die unbedeutenden Beweisstücke, die Feder und der Eindruck im Schnee, hatten nicht gelogen. Bei meiner Annäherung ließ sie ein krächzendes » Grrr ? ooh« hören und flog mit langsamen, fauchenden Flügelschlägen den fernen, düsteren Forsten zu.

Zwei Tage später beim Morgengrauen war eine ungewöhnliche Aufregung unter den Krähen bemerkbar, und als ich ausging, um die Ursache zu ergründen, sah ich einige schwarze Federn über den Schnee flattern. Ich ging dem Wind entgegen in der Richtung, aus der die Federn kamen, und stand bald vor den blutigen Überresten einer Krähe. Daneben verriet wieder die große Doppelspur die Mörderin ? die Eule. Im Umkreise konnte man alle Anzeichen eines hitzigen Kampfes erkennen, aber die Hasenverfolgerin war die stärkere gewesen, und die arme Krähe war von ihrem sicheren Zweig herabgerissen worden, als das Dunkel der Nacht ihr keine Möglichkeit zur Flucht oder Verteidigung bot.

Der Tod Silberflecks.

Ich wendete den Leichnam auf die andere Seite und brachte dabei zufällig den Kopf zum Vorschein ? ein Ausruf tiefsten Mitleids entfuhr mir. Es war Silberflecks kluges Köpfchen. Sein langes, arbeitsreiches Dasein, das seinem Volke zu unschätzbarem Nutzen geworden, war beendet ? er war dahingemordet von der gleichen Eule, gegen die er seinen Schülern Hunderte von Schutzmaßregeln beigebracht hatte.

Das alte Nest am Zuckerhut-Hügel ist nun vollkommen verlassen und zerfallen. Die Krähen kommen im Frühjahr zwar noch nach Castle Frank, aber ohne ihren berühmten General. Ihre Zahl schwindet, und bald wird man sie zwischen den alten Fichten vergebens suchen, wo sie und ihre Voreltern seit Jahrzehnten gelebt, geliebt und gelernt haben.

Zottelohr

Die Geschichte eines Hasen

Zottelohr oder Zottel war der Name eines jungen Häschens. Es verdankte diesen Zunamen einem aufgerissenen Löffel, den es aus seinem ersten Abenteuer davontrug. Zottelohr lebte mit seiner Mutter in Olifants Moor, wo auch ich die Ehre ihrer Bekanntschaft gemacht hatte und hundert kleine Abenteuer und interessante Begebenheiten aus ihrem Leben zusammentrug, die ich schließlich in diesen Blättern niederlegte.

Menschen, die mit dem freien, ungebundenen Leben der Tiere nicht eingehend vertraut sind, werden mir vorwerfen, ich hätte ihnen zu viel Menschliches angedichtet; andere jedoch, die mitten in der Tierwelt leben und infolgedessen mit den Gewohnheiten und dem oft verblüffenden Instinkt vertraut sind, werden mir gewiß Glauben schenken.

Die Hasen besitzen natürlich keine Sprache, die wir Menschen verstehen, aber sie haben eine bestimmte Weise, ihre Gedanken durch ein System von Lauten, Zeichen, Bewegungen der Schnurrhaare und Gebärden kundzugeben und damit das Reden vollkommen zu ersetzen. Obwohl ich diese Geschichte frei aus der Hasensprache ins Menschliche übertrage, wiederhole ich nichts, was ich nicht Gliedern der großen Sippe Hase wirklich abgelauscht hätte.

I

Das rauschende Schilf am Teichesrand neigte sich und verbarg das warme, trauliche Nest, wo Zottelohrs Mutter ihren Einzigen versteckt hielt. Sie deckte ihn mit zarten Grashalmen warm zu, und ihr letzter mütterlicher Rat war wie immer: »Bleib still liegen und halte den Mund, mag kommen, was da will!« Zottelohr, obwohl im warmen Bettchen, dachte natürlich nicht ans Schlafen und musterte mit seinen klugen Äuglein das Stück seiner kleinen, grünen Welt, das sich über ihm auftat. Dort oben schimpften sich eine Elster und ein Eichkätzchen, zwei gar berüchtigte Mausehaken, gegenseitig Diebe, und einmal war Zottelohrs Heimatsbusch sogar der Mittelpunkt einer hitzigen Kampfes. Eine Goldammer erwischte einen blauen Schmetterling kaum eine Ohrlänge vor seiner Nase, und ein purpurrot und schwarz getüpfelter Marienkäfer, der mit seinen kulpigen Fühlern winkte, machte gravitätisch einen langen Spaziergang einen Grashalm hinauf, einen anderen hinab, quer durch das Nest und gerade über Zottels Nase. Jedoch Zottelohr rührte sich nicht und überwand es sogar, zu blinzeln oder zu niesen.

Nach einer Weile hörte er ein fremdartiges Rascheln im Laub des nahen Dickichts, ein eintöniges, ununterbrochenes Rauschen, und obwohl er es bald hier, bald dort vernahm, kam es näher und näher, aber Tritte waren es nicht. Zottel hatte sein ganzes Leben (er war dazumal drei Wochen alt) im Moore zugebracht, und dennoch hatte er niemals etwas Derartiges gehört. Seine Neugierde war natürlich aufs höchste gespannt. Die Mutter hatte ihm zwar befohlen, still liegen zu bleiben, aber nur im Falle einer Gefahr, und dieses fremdartige Geräusch ohne vernehmbare Tritte konnte gewiß nichts Gefährliches bedeuten.

Das leise Rascheln ging dicht an ihm vorüber, dann zur Rechten, dann wieder zurück und schien sich schließlich zu entfernen. Zottel wußte sofort, was zu tun sei; denn er war ja kein Baby. Es war seine Pflicht als Hase, zu erfahren, was es da gab. Er erhob langsam seinen weichen, rundlichen Körper auf den flaumbedeckten, kurzen Beinchen, schob den dicken Kopf über die schützende Wand des Nestes und lugte neugierig hinaus in den Wald. Da er nichts Besonderes entdecken konnte, machte er einen Schritt vorwärts und ? befand sich Auge in Auge mit einer ungeheuren, schwarzen Schlange.

»Mama«, kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß.

»Mama,« kreischte Zottelohr in tödlichem Entsetzen, als das Ungeheuer auf ihn zuschoß. Mit aller aufwendbaren Kraft seiner schwachen Beinchen versuchte er zu laufen. Aber wie der Blitz hatte ihn die Schlange am Ohr und wickelte sich voll gieriger Lust um das hilflose kleine Häschen, das sie sich zum Mittagsmahl auserkoren hatte.

»Mama, Mama« keuchte der arme Kleine, als das grausame Ungetüm begann, ihn langsam zu Tode zu würgen. Bald, gar bald würde des Kleinen Schrei verstummt sein, aber da kam Hilfe in der Not; mit langen, atemlosen Sätzen kam durch den Wald ? die Mutter. Nicht länger mehr eine scheue, furchtsame Häsin, stets bereit, auch vor einem Schatten davonzulaufen ? die Mutterliebe war in ihr erwacht. Der Hilfeschrei ihres Einzigen hatte sie mit der Tapferkeit einer Heldin erfüllt, und ? hopp, setzte sie über den ekelhaften Wurm. Beim Sprunge schlug sie mit ihren starken, scharfbewaffneten Hinterläufen kräftig aus und versetzte der Schlange einen solchen Schlag, daß sie sich vor Schmerzen krümmte und vor Wut zischte.

»Mama« wimmerte ganz schwach ihr Kleinod. Und die Mutter wiederholte ihre Sprünge wieder und wieder und schlug heftiger und ungestümer bei jedem Satz, bis das abscheuliche Gewürm Zottels Ohr fahren ließ und nach Atem schnappte, aber alles, was es erwischen konnte, war ein Flöckchen Wolle. Der Häsin sausende Hiebe fingen an, ihre Wirkung zu zeigen; denn lange, blutige Striemen waren in den Schuppenpanzer des schwarzen Ungetüms gerissen.

Die Sache begann der Schlange ungemütlich zu werden, und indem sie sich für den nächsten Angriff vorbereitete, lockerte sich der eiserne Griff, mit dem sie das kleine Häschen umklammerte, das sofort aus der furchtbaren Umschlingung herauskroch und im Niederholz verschwand, außer Atem und zu Tode entsetzt, aber unversehrt bis auf sein linkes Ohr, das vom scharfen Zahn arg zerfetzt war.

Die Mutter hatte damit alles erreicht, was sie wollte. Sie fühlte keine Neigung, um Ruhm oder Rache zu kämpfen; so verschwand auch sie im Wald, und das befreite Häschen folgte ihrer weißen Blume wie einem Leuchtturm, bis sie in einer sicheren Ecke des Moores angelangt war.

II

Alt-Olifants Moor war ein unwirtlicher Waldzug, voll von Dorngestrüpp und jungem Nachwuchs, mit einem morastigen Teich und von einem Flusse durchquert. Ein paar Veteranen des Hochwaldes waren noch stehen geblieben, und einige noch ältere Baumstümpfe lagen im Unterholz umher wie Leichensteine. Die Gegend im Umkreis des Teiches war von der weidenbewachsenen, schilfigen Beschaffenheit, die Katzen und Pferde vermeiden, die jedoch das Rind aufsucht. Die trockeneren Streifen waren überwuchert mit wilden Rosen und jungen Bäumchen, und der äußerste Gürtel des Ganzen, dem sich das freie Feld anschloß, bestand aus schlank gewachsenen, biegsamen, jungen Fichten, deren frische, grüne Nadeln dem einsamen Wanderer einen erfrischenden, balsamischen Duft zusandten. Doch wehe jedem Unkraut, das es wagt, seine Nährkraft aus dem angestammten Boden der Fichte zu ziehen; sicherer Untergang durch das erstickende Leichentuch der absterbenden Nadeln droht ihm gewiß.

Im weiten Umkreis dehnte sich das freie Feld, und die einzigen Wildpfade, die jemals die Waldungen durchkreuzten, waren die eines ganz gewöhnlichen, gewissenlosen Fuchses, dessen festes, unterirdisches Raubschloß nur allzunahe lag.

Die Hauptbewohner des Moores waren Zottelohr und seine Mutter, deren nächste Nachbarn weit entfernt lebten und deren Verwandtschaft schon längst zu den Vätern versammelt war. Das waldbewachsene Marschland war ihre Heimat. Hier lebten sie ihr anspruchsloses Hasenleben, und hier war es, wo Zottelohr die Erziehung genoß, die ihn zu einem tüchtigen Hasen machte, der dem Ernst des Lebens mit Charakter entgegentrat.

Mama Hase war eine treue, kleine Mutter, die ihr Söhnchen erzog, so gut sie es eben konnte. Das erste, was sie ihm beibrachte, war »Stilliegen und Schweigen«. Das Abenteuer mit der Schlange lehrte Zottel die tiefe Weisheit dieses Rates ganz begreifen. Er vergaß die Lehren niemals und handelte in späteren Tagen genau so, wie man es ihm angeraten, was sich in den meisten Fällen auch als das einzig Richtige erwies.

Das zweite, was er lernte, war »Erstarren«. Es ergibt sich ganz von selbst aus dem ersten und wurde Zottel, sobald er ordentlich laufen konnte, in der Praxis beigebracht.

»Erstarren« bedeutet einfach, sich nicht rühren und zur Statue werden. Sobald ein gut erzogener Hase entdeckt, daß ein Feind ihm nachstellt, bleibt er gerade wie und wo er ist und vermeidet ängstlich jede Bewegung. Dies ist ganz natürlich, denn die Bewohner des Waldes, die von der gleichen Farbe wie Erde, Baum und Strauch sind, ziehen nur dann das kluge des Verfolgers auf sich, wenn sie sich rühren. Begegnen sich nun zwei Feinde auf den einsamen Wald- und Wildpfaden, so ist der, der den Gegner zuerst erblickt, im Vorteil, weil er sich durch »Erstarren« unsichtbar machen und dann den richtigen Zeitpunkt für Angriff oder Flucht selbst wählen kann. Nur wer mit dem Leben und Treiben des Waldes innig vertraut ist, ist imstande, die Bedeutung des Erstarrens ganz zu fassen. Jedes Tier im freien, grünen Forst und jeder Jäger muß es erst lernen, und die meisten Tiere bringen es zu einer erstaunlichen Vervollkommnung, doch keines konnte es Mutter Hase gleichtun. Sie lehrte Zottel dieses Kunststück an Beispielen. Wenn das weiße Kissen, das sie als bequemes Sitzpolster immer mit sich trug, durch die Waldung dahinflog, hopste Zottelohr hinterher, so schnell er konnte, um wenigstens annähernd Schritt zu halten, doch wenn die Mutter plötzlich anhielt und »erstarrte«, tat er, veranlaßt vom natürlichsten Nachahmungstrieb, genau das gleiche.

Wenn das weiße Kissen dahinfliegt durch die Waldung.

Die tiefste Weisheit jedoch, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam, war das Geheimnis des wilden Rosenbusches. Es ist eine uralte Geschichte, und um sie ganz zu verstehen, muß man erst erfahren, warum der wilde Rosenstrauch mit den Tieren in Feindschaft geriet.

In alten, alten Zeiten blühten die Rosen aus Sträuchern ohne Dornen. Aber das Eichhörnchen und die Maus kletterten nach ihnen und die Kuh stieß sie mit ihren Hörnern herab. Das Opossum peitschte sie mit seinem langen Schwanz herunter, und das Reh trat sie mit seinen scharfen Hufen nieder. Deshalb bewaffnete sich der Rosenstrauch mit spitzen Stacheln, um seine Rosen beschützen zu können, und erklärte allen Geschöpfen ewige Fehde. Von dieser Kriegserklärung wurde niemand ausgenommen als der Hase; denn er konnte ja nicht klettern, war huflos und hatte weder Hörner noch einen Schwanz, wenigstens keinen, den man als solchen bezeichnen konnte.

Und in der Tat, niemals hat ein Hase einer wilden Rose ein Leid zugefügt, und da sie so viele Widersacher hatte, machte sie den Hasen zu ihrem Busenfreund. Und wenn Gefahr dem armen Lampe droht, flieht er zum nächsten Rosenbusch; denn er weiß ja, daß dieser bereit ist, ihn mit tausend spitzigen Schwertern zu verteidigen.

Das ist die geheimnisvolle Überlieferung von der innigen Freundschaft des Rosenstrauchs mit Meister Lampe. ? Die Hasenmutter war klug genug, ihre kostbare Zeit vor allem zu benutzen, um das gelehrige Söhnchen mit der Geographie des Landes, den tausend Irrpfaden zwischen den Brombeer- und Dornensträuchern, vertraut zu machen, und Zottel kannte sie bald so gut, daß er sich auf zwei verschiedenen Wegen durch das Moor nach Hause finden konnte, ohne sich dabei von den stets hilfsbereiten wilden Rosen weiter zu entfernen als höchstens fünf Hopse.

Nicht lange ists her, da bemerkten die Feinde der Hasen mit gerechtem Unwillen, daß die Menschen eine neue Sorte von Dornenhecken erfunden hatten und diese in langen Reihen durch das ganze Land pflanzten. Diese Hecken waren so stark, daß niemand sie niederbrechen konnte, und so scharf, daß sie das dichteste Fell erbarmungslos zerrissen. Jedes Jahr erschienen mehr und mehr, und jedes Jahr wurde die Sache für die freien Waldbewohner ernsthafter. Nur Mutter Hase hatte von dieser Neuerung nichts zu fürchten, denn nicht umsonst war sie unter den wilden Rosen aufgewachsen; aber Hunde und Füchse, Kühe und Schafe, ja selbst Menschen rissen sich gar jämmerlich an diesen furchtbaren Stacheln, und je weiter sich dieser bisher ungekannte und nun gefürchtete Dornstrauch ausbreitete, desto sicherer wurde das Land für die Hasen und desto ruhiger konnten sie leben unter dem Schutze des ? Stacheldrahtzauns.

III

Die Häsin hatte nur diesen einzigen Sprößling, und Zottelohr genoß infolgedessen ihre ungeteilte Liebe und Pflege. Er war ein außergewöhnlich flinker, starker und kluger Junge, das Glück lächelte ihm, und so entwickelte er sich zu einem wahren Prachthasen.

Die Mutter hielt ihren Sohn beständig an, die Geheimnisse der Waldeskunde gründlich kennenzulernen, zu unterscheiden, was gut zu essen und zu trinken und was schädlich sei. Tag für Tag mühte sie sich ab, ihn zu belehren und zu einem tüchtigen Hasen heranzubilden, und trichterte in seinen Kopf Hunderte von Plänen, Kniffen und Schlichen, die ihre eigene Erfahrung und ihre gute Erziehung sie gelehrt. So rüstete sie Zottel mit einer Bildung aus, mit der er als Mann ins Leben treten konnte.

Dicht neben der Alten im Kleeacker oder im Dickicht konnte man ihn würdevoll sitzen sehen und beobachten, wie er sie nachahmte, wenn sie sich die Nase putzte, oder dann und wann ein paar Hälmchen aus ihrem Maule zupfte und an ihren Lippen leckte, um sicher zu gehen, daß er auch das gleiche Futter bekam wie sie. Dann lernte er, wie man die Ohren mit den Pfoten glatt streichen und den Rock ausbürsten müsse, und wie man die Haarflocken aus Weste und Socken entfernt. Auch wußte er bald, daß die Tautropfen der wilden Rosenblätter das einzig anständige Getränk für Hasen sind; denn Wasser, das einmal die Erde berührt, mußte sicherlich irgendeine schädliche Beimischung haben. Das waren die Vorstudien zur Waldeskunde, der ältesten aller Wissenschaften.

Sobald Zottelohr groß genug war, um ohne Begleitung ausgehen zu können, machte ihn seine Mutter mit dem Geheimnis der Telegraphie bekannt. Die Hasen pflegen sich gegenseitig Signale zu geben, indem sie mit den Hinterläufen auf den Erdboden klopfen, und da der Schall auf der Erde bekanntlich sehr weit trägt, kann man einen Schlag, wenn man das Ohr dem Grunde nähert, wenigstens hundert Meter weit vernehmen. Nun haben die Hasen ein ungemein scharfes Gehör und sind imstande, das Klopfen eines der Ihrigen zweihundert Meter weit zu hören, eine Entfernung von einem Ende von Olifants Moor bis zum andern. Ein einmaliges Klopfen bedeutet »Paß auf« oder »Erstarre«. Ein langsames Poch-Poch »Komm«. Ein hastiges Klopfen heißt »Gefahr« und ein rasches dreimaliges Pochen »Lauf ums liebe Leben«.

Der Hund kommt schnüffelnd den Baumstamm entlang.

An einem wunderschönen Morgen, als sich die Eichelhäher in den Zweigen zankten, ein sicheres Zeichen, daß keine Gefahr zu befürchten war, begann Zottel dieses neue Studium. Mutter Hase gab durch Anlegen der Löffel das Zeichen zum Niederlegen, dann lief sie weit hinweg in das Dickicht und telegraphierte »Komm«. Zottel setzte sich in Trab, aber konnte sie nicht finden; er klopfte und wartete vergeblich auf eine Antwort. Aufmerksam umherschnüffelnd, fand er ihre Fußspur, und dieser Führerin folgend, die alle Tiere sicher leitet, den Menschen jedoch unbekannt ist, arbeitete er sich vorwärts und fand die Mutter glücklich in dem Versteck. Das war seine erste Übung im Aufspüren, und dieses Wechselspiel von Suchen und Finden wurde zur Schulung für manch ernsthaften Fall in seinem späteren Leben. Schon ehe man den ersten Lehrkurs beendet hatte, war er Meister aller Kniffe und Winkelzüge, die zum Leben eines Hasen nötig sind, und in vielen bewies er außergewöhnliches Talent, in manchen sogar wirkliches Genie.

Er war Sachverständiger im Unterscheiden der Bäume und Pflanzen, ein wahrer Künstler in Seitensprüngen und im Erstarren; er konnte jedes Hindernis mit Eleganz nehmen, jeden Wind ausnutzen und sich so natürlich tot stellen, daß er kaum noch neuer Kunstgriffe bedurfte. Ohne alle Vorübung wußte er genau, wie man sich die Stacheldrahtzäune zunutze macht; denn dies war ja ein Kniff neuester Erfindung. Seinen Verfolgern Sand in Augen und Nase zu werfen, war sein Lieblingsspiel; er konnte kunstgerecht ausbiegen, über Zäune setzen und Kreise beschreiben und vor allem sich einlochen, ein Kunststück, das wir noch näher beschreiben müssen. Aber bei alledem vergaß er niemals, daß »Erstarren« und »Zusammenducken« der Anfang aller Weisheit ist, und daß der wilde Rosenstrauch den einzigen sicheren Schutz gewährt.

Früh lehrte ihn die Mutter auch alle Feinde der Hasen kennen und unterscheiden und brachte ihm vor allem die Art bei, sie ordentlich an der Nase herumzuführen, denn sie alle, Bussarde, Eulen, Füchse, Hunde, Marder, Wiesel, Katzen, Skunks, Waschbären und Menschen, haben einen besonderen Verfolgungsplan, und für alle diese Übel wußte die kluge Lehrmeisterin eine Abhilfe.

Um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu entdecken, lernte er, sich vor allem auf sich selbst und seine Mutier, dann aber auf den Eichelhäher zu verlassen. »Niemals überhöre des Hähers Warnungsruf,« war der weise Rat der Mutter; »zwar ist er ein Ränkeschmied, ein Unheilstifter und ein Dieb, aber es entgeht ihm nichts. Er würde sich zwar nichts daraus machen, uns Übles zuzufügen, aber dank dem wilden Rosenstrauch kann er es nicht, und da seine Feinde auch die unsern sind, mußt du ihn immer im Auge behalten, wenn du den Warnungsruf des Spechtes hörst, kannst du ihm trauen; denn er ist ein braver, ehrlicher Nachbar. Aber er ist rein nichts gegen den Häher, und obwohl dieser oftmals lügt, um Unheil anzustiften, kannst du ihm immer glauben, wenn er böse Kunde bringt.«

Das Springen durch Stacheldrahtzäune erfordert starke Nerven und behende Läufe, und erst in seinen späteren Jahren versuchte sich Zottelohr an diesem Kunststück; aber als er ausgewachsen war, wurde es sein Lieblingssport.

»Es macht denen, die es wirklich verstehen, viel Spaß,« sagte Mutter Hase; »zuerst läufst du vor deinem Hunde her immer gerade aus und läßt ihn ein bißchen warm werden, indem du dich beinahe fangen läßt; dann, in Sprungweite vor ihm, führst du ihn in weitem Bogen im vollsten Galopp in einen brusthohen Stachelzaun. Oft hab ichs schon mit angesehen, daß ein Hund oder ein Fuchs fürs ganze Leben zum Krüppel wurde, und einmal sah ich einen mächtigen Jagdrüden tot auf dem Platze bleiben, aber noch öfter hat ein braver Hase sein Leben bei diesem Wagestück gelassen.«

Zottelohr wurde beizeiten in das eingeweiht, was mancher Hase niemals lernt, in das »Einlochen«, eine nicht so einfache Sache. Oft ist es eines klugen Hasen letzte Rettung, aber früher oder später eines tölpischen Häschens Tod. Ein junger Hase denkt an diesen Ausweg immer zuerst, ehe er einen anderen versucht, aber ein Ausgelernter wird sich seiner nur im höchsten Notfall bedienen. Es ist ein sicheres Entwischen vor einem Menschen oder einem Hund, vor einem Fuchs oder einem Raubvogel, aber es bringt sicheres Verderben, wenn der Verfolger ein Marder, ein Skunk oder ein Wiesel ist.

Es gab nur zwei Erdlöcher im Moor. Das eine war unter der Sonnenbank, einem trockenen, geschützten Erdhügel auf der Südseite, offen und langsam gegen die Sonnenseite abfallend. Hier war es, wo die Familie Hase an schönen Tagen ihre Sonnenbäder zu nehmen pflegte. Auf einem Bett von Fichtennadeln und Wintergrün streckten und reckten sie sich in katzenartigen Stellungen und drehten sich langsam von einer Seite auf die andere, wie man einen Braten auf dem Roste wendet, damit alle Seiten gut durchbraten. Sie blinzelten, schnauften und krümmten sich wie unter den schrecklichsten Schmerzen und Qualen, aber dabei war es das höchste Wohlbehagen, das sie kannten.

Quer über den Rand des Erdhügels lag ein alter Fichtenstumpf. Seine grotesken Wurzeln schlängelten sich über die gelbe Sandbank wie Drachenarme, und unter ihren schützenden Ausläufern hatte sich vor Zeiten ein altes, bärbeißiges Murmeltier eine Höhle gegraben. Dieser griesgrämige Einsiedler wurde von Tag zu Tag unliebenswürdiger und schlechter gelaunt und ließ sich eines Tages fürwitzig in Handgreiflichkeiten mit Olifants Hund ein, anstatt sich weise zurückzuziehen. Infolgedessen konnte eine Stunde später Mutter Hase von der Höhle Besitz ergreifen.

Einige Zeit darauf ging dieses Erdloch in den Besitz eines selbstgefälligen, jungen Skunks über, der sich gewiß eines langen Lebens erfreut hätte, wäre er weniger tollkühn und eingebildet gewesen; denn er glaubte in seiner Vermessenheit, daß selbst der Mensch mit dem Schießgewehr bewaffnet vor ihm die Flucht ergreifen müsse. Er mußte diese Behausung bald aufgeben; denn seine selbstherrliche Regierung dauerte nur vier Tage.

Die zweite Höhle, das »Farnloch«, lag, wie schon der Name verrät, unter einem Farnstrauch dicht neben dem Kleeacker. Sie war eng, feucht und zu nichts zu gebrauchen, es sei denn im Falle höchster Not als letzter Zufluchtsort. Auch sie war das Werk eines Murmeltiers, eines wohlmeinenden, freundlichen Nachbars, dessen Haut jedoch leider infolge der Feigheit ihres Besitzers in Form einer Peitschenschnur aus Olifants Ackerpferden erhöhte Arbeitskraft heraushieb.

»Geschieht ihm schon recht,« meinte der Alte; »denn diese Peitsche ist bei gestohlenem Futter gewachsen!«

Zottelohr-Sohn und Mutter waren nun die alleinigen Besitzer dieser beiden Höhlen, aber sie suchten sie so selten als möglich auf, damit nichts einem Pfade auch nur annähernd Ähnliches das Bestehen dieser letzten Zufluchtsstätten ihren Feinden und Widersachern verraten sollte.

Auch stand da ein hohler Nußbaum, der, obwohl fast verfallen, dennoch jedes Jahr frisch grünte und unschätzbare Vorteile bot, weil er an beiden Seiten offen war. Diese Höhle war lange die Residenz eines alten, einsiedlerischen Waschbären, der seinen Lebensberuf darin erblickte, Frösche zu jagen, und der sich wie die alten Mönche aller Fleischnahrung enthielt. Man argwöhnte jedoch, daß ihm nur die Gelegenheit fehlte, einmal einen Hasen zum Frühstück zu versuchen. Und so kam es denn, daß ihn eines Nachts ein jäher Tod von Olifants Hand erreichte, als er gerade dabei war, dessen Hühnerhaus gründlich auszuplündern, und die Hasenmutter konnte von seinem traurigen Heim Besitz ergreifen, ohne die geringste Trauer um den Dahingeschiedenen, vielmehr mit dem Gefühl wahrer Erleichterung.

IV

Der goldene Sonnenschein eines Augustmorgens flutete über das Moor, und jedes Blättchen schien sich im warmen Glanze zu baden. Ein kleiner, brauner Sumpfsperling schaukelte auf einer langen Rute über dem Teiche. Unter ihm spiegelte das schmutzige Wasser ein paar Streifen blauen Himmels, und aus ihnen und den grüngelben Wasserlinsen bildete sich das wunderbarste Mosaik mit dem Spiegelbilde des kleinen Vogels in der Mitte. Am Ufer stand ein dichter Wald üppig wuchernder Wasserpflanzen, die tiefe Schatten über das braune Riedgras warfen.

Die Augen des kleinen Sumpfsperlings waren nicht dazu erzogen, all diese Farbenpracht in sich aufzunehmen; aber sie hatten etwas entdeckt, was wir wohl übersehen hätten, nämlich daß zwei der kleinen, braunen Höcker unter den breiten Blättern der Wasserpflanzen Lebewesen waren, deren Nasen sich unaufhörlich auf und ab bewegten, obwohl sie sonst wie tot dalagen.

Es waren Mutter und Sohn, die behaglich ausgestreckt unter den schützenden Blättern lagen. Sie hatten dieses schattige Plätzchen gewählt, weil es den lästigen Pferdefliegen dort zu langweilig war und sie infolgedessen ungestört der Ruhe pflegen konnten.

Die Hasenkinder haben keine fest bestimmte Zeit für ihre Unterrichtsstunden, sie lernen den ganzen Tag; denn die Wahl einer Unterrichtsstunde hängt ganz von den Umständen ab und macht sich oft nötig, bevor mans ahnt. Mutter und Sohn hatten sich zu einer gemütlichen Mittagspause nach diesem stillen Ort begeben, aber sie waren nicht lange dort, als plötzlich des immer wachsamen Eichelhähers Warnruf erscholl und die Hasenmutter veranlaßte, sofort Nase und Ohren aufzurichten. Drüben über dem Moor erschien Olifants großer schwarz- und weißgefleckter Hund und kam gerade auf sie los.

»Duck dich nieder,« rief die Alte, »und ich will den Narren schon Mores lehren.« Davon sauste sie und kreuzte furchtlos des Hundes Weg.

»Wau, wau,« ertönte sein aufgeregtes Gebell, als er hinter Zottelohrs Mutter dahinrannte, doch diese ließ ihn nicht in greifbare Nähe kommen und führte ihn dorthin, wo Millionen von scharfen Stacheln ihn blutig rissen, bis ihm das Fell von den Ohren hing. Zuletzt leitete sie die wilde Jagd im Bogen genau auf einen dichtüberwucherten Stacheldrahtzaun zu, wo sich der hitzige Verfolger eine derartige Wunde zuzog, daß er heulend vor Schmerz heimwärts trottete. Nachdem die Häsin dann noch eine doppelte Schleife und verschiedene andere kunstvolle Windungen im Laufe beschrieben hatte, um ihre Spur möglichst zu verwischen, im Falle der Hund zurückkehren sollte, kam sie zu ihrem Söhnchen zurück und fand es, die großen, neugierigen Augen weit aufgerissen, aufrecht sitzend und sich den Hals verdrehend, um diesen interessanten Sport mitanzusehen.

Dieser Ungehorsam machte die Alte so ungehalten, daß sie ihrem Sprößling eins mit dem Hinterlauf versetzte, daß er kopfüber in den Schlamm purzelte.

Eines Tages, als die Hasen sich gerade zum üppigen Mahle im Kleeacker niedergelassen hatten, kam ein rotgeschwänzter Bussard aus den Lüften herab auf sie zugeschossen. Die Mutter schlug hinten aus, um den Bussard zum besten zu haben, und flüchtete dann unter die Dornen, die längs eines alten Waldpfades standen, wohin der Räuber natürlich nicht folgen konnte. Es war der Hauptverbindungsweg zwischen dem Dickicht am Bache und dem sogenannten »Ofenrohr«-Reisighaufen, und da einige Schlingpflanzen querherüber gewachsen waren, machte sich Mutter Hase, den Bussard natürlich im Auge behaltend, daran, diese Zweige abzubeißen. Zottelohr sah ihr eine Weile zu, dann lief er ein Stückchen voraus und knabberte einige Ranken ab, die weiter unten den Pfad versperrten. »Das ist recht,« sagte die Mutter, »halte die Rennwege offen, nicht zu breit, aber laß sie ja nicht zuwachsen; denn du wirst sie oft genug nötig haben. Beiße alle Ranken sorgfältig ab, dann wirst du eines Tages finden, daß du Fallstricke zerschnitten hast.« »Was bedeutet denn das?« fragte Zottelohr wißbegierig, indem er sich mit dem linken Hinterlauf behaglich am rechten Ohr kratzte.

»Ein Fallstrick oder eine Schlinge,« erklärte ihm die Mutter, dann und wann einen raschen Blick nach dem jetzt weit entfernten Bussard werfend, »eine Schlinge ist ein Ding, das genau so aussieht, wie eine Schlingpflanze, aber es wächst nicht und ist gefährlicher als alle Raubvögel der Welt; denn Tag und Nacht liegt es verborgen im Rennweg, bis es einst die Gelegenheit wahrnimmt, dich zu fangen.

»Du glaubst doch nicht etwa, daß es mich fangen könnte?« fragte Zottelohr mit der ganzen Einbildung seiner jungen Jahre, indem er sich auf die Zehenspitzen stellte, um sich hoch oben an der glatten Rinde eines jungen Bäumchens Kinn und Schnurrbart zu reiben. Zottel wußte nicht, warum er das tat, aber seine Mutter sah und kannte dieses Anzeichen, ähnlich dem Stimmwechsel bei einem Knaben, und wußte, daß ihr Kleiner nun kein Baby mehr war und bald in die Reihen der Erwachsenen eintreten würde.

V

Es liegt ein tiefer Zauber im frischen, dahinrieselnden Wasser. Wer weiß und fühlt das nicht stets von neuem! Eisenbahndämme baut man furchtlos durch weite Sümpfe und Teiche, ja selbst durch Seen, aber die schmalste Rinne laufenden Wassers behandelt man mit größter Achtung und Vorsicht, macht ihre Richtung, Wege und Wünsche ausfindig und gibt ihr freien Lauf. Der durstgequälte Wanderer in der giftdunstenden Salzwüste hält sich fern von schilfbewachsenen Sümpfen, bis er endlich eine Stelle findet, wo sich eine silberklare, dünne Linie durch die Öde schlängelt ? lebendiges Wasser ? und erlöst beugt er sich nieder, um sich zu erquicken.

Es liegt eine geheimnisvolle Macht im frischen, laufenden Wasser, es bildet ein unüberwindliches, gleichsam bannendes Hindernis für jeden bösen Zauber, in Zeiten der Not gewährt es Hilfe und Rettung, und das freie Geschöpf der Waldes mit dem nicht ermüdenden Todfeind auf seiner Fährte sucht, von seiner Zaubermacht unbewußt angezogen, seinen nie versagenden Schutz. Wenn das gehetzte Tier mit seiner Kraft am Ende ist, wenn jeder erdenkliche Kunstgriff und Ausweg versagt, führt es ein guter Engel zum Wasser, zum lustig dahinspringenden lebendigen Wasser, und es stürzt sich hinein und folgt dem kühlenden Strome, um dann erfrischt und gekräftigt den Weg zum Forste wieder aufzunehmen.

Es liegt ein geheimer Zauber im lebendigen Wasser. Wenn die Hunde auf hitziger Jagd an dieses Hindernis kommen, müssen sie ihren Lauf hemmen und suchen umher, aber sie suchen vergeblich. Die Spur ist verschwunden in dem frischdahineilenden Strom, und das arme, gehetzte Wesen ist frei.

Das war eins der großen Geheimnisse, die Zottelohr von seiner Mutter lernte ? »nach dem wilden Rosenstrauch ist das Wasser dein bester Freund«.

Es war in einer gewitterschwülen Nacht im August, als die Mutter ihren Sohn durch die Waldungen führte. Vor ihm blinkte das schneeweiße Kissen, das sie trug, als wegweisende Laterne, die nur erlosch, sobald die Häsin anhielt und sich gemütlich darauf niederließ. In kurzen Unterbrechungen, einmal laufend, dann anhaltend, um zu horchen, kamen sie ungehindert an das Ufer des Teiches. Die Vögel hoch oben in den Zweigen sangen ihr Schlummerlied, und draußen auf einem versunkenen Stamme, im tiefen, dunkeln Wasser, bis zum Knie im kühlenden Bad, quakte ein fetter Frosch einen Lobgesang.

»Mein Sohn, folge mir!« sagte die Mutter in der Hasensprache, und schwapp, sprang sie in den Teich hinein und strich gewaltig aus, um den versunkenen Baumstumpf zu erreichen. Zottel zauderte erst, doch sprang er dann mit einem kleinen »Autsch« in die Flut, luftschnappend und eifrig mit der Nase wackelnd, aber immer die Bewegungen seiner Mutter genau nachahmend. Wie er sich auf dem Land fortbewegte, tat er es auch im Wasser ? er schwamm. Vorwärts ging es, bis der Stamm erreicht war, und dort kletterte er hinauf neben seine triefende Mutter auf das erhöhte, trockene Ende, umgeben von einer rauschenden Laubwand und dem Wasser, das nichts ausplaudert. Später in dunklen, warmen Nächten, wenn der alte Fuchs von Springfield plündernd durch das Moor streifte, erinnerte sich Zottel stets der Stelle, wo die Frösche singen; denn im Falle größter Gefahr konnte sie ihm die letzte Rettung bringen, und von diesem Tage an verstand er die Worte, die der Frosch sang: »Komm, komm, wenn in Gefahr, dann komm!«

Dieses war die letzte Belehrung, die Zottelohr von seiner Mutter mitbekam. Sie zeugt von außergewöhnlicher Hasenweisheit, und manches kleine Häschen hat und wird sie nie erhalten.

VI

Gar selten verläßt ein Bewohner des Waldes das Leben aus Altersschwäche; er nimmt wohl immer einmal früher oder später ein tragisches Ende, und es ist nur eine Frage der Zeit und der Klugheit, wie lange er sich den Verfolgungen seiner Feinde entziehen kann. Zottels Leben bewies jedoch, daß ein Hase, der einmal glücklich ins Mannesalter eingetreten ist, meistens erst im letzten Drittel seines Daseins, wenn es bergab geht, seinen Verfolgern zum Opfer fällt.

Die Hasenfamilie hatte überall Feinde, und ihr tägliches Leben war eine Kette von Ängstigungen, Nachstellungen und Verfolgungen, denen sie nur um Haaresbreite entrannen; denn Hunde, Füchse, Katzen, Skunks, Waschbären, Wiesel, Schlangen, Raubvögel und Menschen, ja selbst giftige Insekten, schmiedeten fortwährend Anschläge gegen ihr Leben. Sie waren in Hunderte von Abenteuern verwickelt, und wenigstens einmal am Tage waren sie gezwungen, ums liebe Leben zu rennen und es durch die Schnelligkeit ihrer Läufe und ihre Schlauheit zu retten.

Mehr als zweimal zwang sie der böse Fuchs von Springfield, Zuflucht unter den Ruinen eines verfallenen, mit Stacheldraht überspannten Schweinekofens nahe an der Quelle zu nehmen; doch wenn sie einmal dort geborgen waren, durften sie ihm ruhig zusehen, wie er sich die Beine in vergeblichen Versuchen, die Hasen zu erreichen, blutig riß.

Einige Male lenkte Zottel auch die Aufmerksamkeit eines ihn verfolgenden Hundes von sich ab und auf einen Skunk, der fast ebenso gefährlich war, wie der Rüde.

Einmal wurde Zottel sogar von einem Jäger, dem ein guter Hund und ein Frettchen helfend zur Seite standen, eingefangen, aber er hatte das Glück, am nächsten Tage zu entwischen, und von da war er vom tiefsten Mißtrauen gegen die Sicherheit der Erdlöcher erfüllt. Verschiedene Male wurde er von einer Katze ins Wasser gejagt, und oft stellten ihm Bussarde und Eulen nach, jedoch für jede noch so große Gefahr gab es einen rettenden Ausweg. Die Mutter lehrte ihn all die Winkelzüge und Kniffe, die ihr bekannt waren, und Zottelohr verbesserte sie und erfand sogar neue, als er älter wurde. Je gesetzter und weiser er wurde, desto weniger verließ er sich auf seine Läufe, aber mehr und mehr auf seinen Witz und seine Erfahrung.

»Ranger« hieß ein junger Hund aus der Nachbarschaft, den sein Meister zu seiner Ausbildung und Erziehung des öfteren auf die Fährte eines Hasen brachte. Fast in jedem Falle war es Zottelohr, dem die Jagd galt, und er ergötzte sich bei diesen Hetzen mindestens ebenso sehr wie seine Verfolger; denn der Beigeschmack von Gefahr gab der Sache den nötigen Reiz. Gewöhnlich pflegte er zu sagen:

»O Mutter, da ist dieser Hund schon wieder, jetzt muß ich mich einmal ordentlich auslaufen!«

»Du bist zu frech, Zottel, mein Sohn,« erwiderte die Mutter, »und mir ahnt, daß du noch einmal in dein Verderben rennen wirst.«

»Aber, Mutter, das ist doch solch ein herrlicher Spaß, diesen dummen Hund zu necken, und dabei ists eine gesunde Übung. Wenn er mir zu hart zusetzen sollte, werde ich schon klopfen, und dann kannst du kommen und ihn etwas auf Seitenwege führen, während ich für ein neues Rennen Luft schnappe.«

Dann hopste er hervor und mitten in Rangers Weg, der sofort die Verfolgung aufnahm und Zottelohr nachsetzte, bis dieser müde wurde und der Mutter ein Klopftelegramm um Hilfe sandte, das sie veranlaßte, sofort zum Entsatz herbeizueilen. Oft wußte er sich den Hund auch durch irgendeinen anderen schlauen Winkelzug vom Halse zu halten. Die Beschreibung eines solchen wird den Beweis liefern, wie gründlich Zottel mit den Lehren der Waldeskunde und der Geographie vertraut war.

Er wußte genau, daß der Hund seiner Fährte am leichtesten folgen konnte, wenn sie direkt auf dem Waldesboden hinführt und wenn er sich warm gelaufen hatte. Konnte Zottel es nun ermöglichen, einen erhöhten Punkt zu erreichen, wo er sich eine halbe Stunde ungestört abkühlen durfte, und hatte die Fährte Zeit, den Geruch zu verlieren, so wußte er, daß er dann in Sicherheit war.

Wurde er der Jagd müde, so wendete er sich einer wilden Rosenhecke am Talabhang zu und beschrieb einen Zickzackweg, bis er eine so verzwickte Spur hinter sich ließ, daß sie dem Hund aus eine gute Weile zu tun gab. Dann lief er in gerader Linie mitten in den Wald auf D zu und passierte mit einem Sprunge südlich den Baumstumpf E. Bei D umwendend, verfolgte er den gleichen Weg bis F, sprang hier seitlich und lief nach G, von dort zurück nach H und wartete hier, bis der Hund bei I vorüberkam. Dann begab er sich gemächlich auf seinem alten Weg zurück nach E, wo er mit einem mächtigen Satze den hohen Baumstumpf erreichte, um dort, zur Bildsäule erstarrt, ruhig das Weitere abzuwarten.

Ranger verlor viel Zeit in dem unwegsamen Dornendickicht, und es wurde ihm unendlich schwer, die unregelmäßige und beinahe schon verwischte Fährte zu finden; jedoch nach vielen Mühen langte er bei D an. Hier begann er Kreise zu beschreiben, um auf diese Weise die Spur zu kreuzen, und nachdem er wieder viel kostbare Zeit beim Suchen vergeudet, kam er auf den richtigen Weg. der aber plötzlich bei G ein Ende fand. Zum zweitenmal stand er vor einem Rätsel und war gezwungen, wie vorher geschäftig hin und her zu laufen, um auf den richtigen Pfad zu kommen. Größer und größer wurden seine Kreise, bis er schließlich gerade unter dem Baumstumpf vorbeikam, auf dem Zottelohr sich niedergelassen hatte. Aber da war keine Gefahr; denn an einem kalten, windstillen Tage wird die Witterung kaum nach unten getrieben, und da Zottel sich nicht muckste und mit keiner Wimper zuckte, lief der Hund arglos vorüber.

Wieder näherte sich der Verfolger dem Baumstumpf, und zwar diesmal dem tieferen Ende. Er hielt an, beschnüffelte es und dachte bei sich: »Wahrhaftig, das riecht nach Hase!« Die Witterung war schon kalt und halb verweht, aber nichtsdestoweniger bestieg er den Stamm.

Es war eine harte Probe für Zottelohr, den mächtigen Hund schnüffelnd den Baumstamm entlang kommen zu sehen, aber seine starken Nerven ließen ihn nicht im Stich. Der Wind war günstig, und er hatte den festen Vorsatz gefaßt, mit einem kühnen Satz das Weite zu suchen, sobald Ranger den halben Weg nach oben zurückgelegt haben würde. Aber so weit kam es nicht. Ein gewöhnlicher, schmutziger Dorfköter würde den Hasen sofort entdeckt haben, doch nicht der edle Jagdhund; er sprang vom Baumstumpf herab, und Zottel war Sieger.

VII

Zottelohr hatte außer seiner Mutter niemals einen anderen Hasen gesehen, ja er hatte kaum an die Möglichkeit gedacht, daß noch andere Wesen wie er in der Umgegend leben könnten. Seine Geschäfte hielten ihn mehr und mehr von Hause fern, jedoch fühlte er sich niemals einsam; denn Hasen tragen kein großes Verlangen nach Gesellschaft. Eines Tages im Dezember, als er eben im Dickicht damit beschäftigt war, einen neuen Pfad nach dem Tale anzulegen, erblickte er plötzlich oben den Schattenriß der Löffel eines fremden Hasen. Der Eindringling trat wie ein unternehmender Entdecker auf und kam bald in langen Sprüngen herab auf Zottelohrs Pfad, mitten in Zottelohrs Revier. Ein neues fremdes Gefühl überkam plötzlich unser Häschen, jene kochende Mischung von Ärger und Haß, die als Eifersucht wohlbekannt ist.

Der Fremdling machte halt vor einem von Zottels Bäumen, an dem sich dieser behaglich das Kinn zu reiben pflegte, einfach, weil es ihm Spaß machte, und ohne zu wissen, daß alle männlichen Hasen das gleiche tun. Dies gibt einem solchen Baum einen Hasengeruch, und Neuankömmlinge können daraus sofort erkennen, daß die Umgegend bereits von einer Hasenfamilie bewohnt ist und einem Bevölkerungszuwachs nicht erschlossen ist. Auch kann der Fremde durch seinen Geruchssinn leicht herausfinden, ob der letzte Besucher seiner Bekanntschaft angehörte, und die Höhe der abgeriebenen Stelle an der Baumrinde gibt ihm die genaue Größe seines Vorgängers an.

Zu seinem höchsten Mißfallen bemerkte Zottelohr, daß der Eindringling einen Kopf größer war, als er selbst, und ein kräftiger, starker Bursche dazu. Das war etwas ganz Neues für Zottel und erfüllte ihn mit einem bis dahin ungekannten Gefühl. Mordlust nahm Besitz von seinem unschuldigen Herzen, er kaute eifrig mit nichts zwischen den Zähnen, erreichte mit einigen Sätzen vorwärts einen freien Rasenplatz und klopfte feierlich:

»Klopf ? klopf ? klopf!« was so viel bedeuten sollte wie: »Mach, daß du aus meinem Revier kommst, oder es setzt Hiebe!«

Der Fremde machte ein großes V mit seinen Ohren, saß einige Sekunden aufrecht wie ein Stock und gab dann, seine Vorderläufe senkend, das weit vernehmliche Signal: »Klopf ? klopf ? klopf!«

Und der Krieg war erklärt.

In kurzen Sprüngen liefen sie umeinander herum. Jeder versuchte, dem Gegner den Wind abzuschneiden, und lauerte auf eine Gelegenheit zum Angriff. Der Fremde war ein starker, schwerer Hase mit wohlausgebildeten Muskeln, doch durch einige ungeschickte Wendungen bewies er seine Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit und zeigte klar, daß er seine Schlachten nur durch seine Schwere und nicht durch Behendigkeit zu gewinnen pflegte. Schließlich eröffnete er den Kampf, und Zottelohr begegnete ihm wie eine kleine Furie. Beim Zusammenstoß sprangen sie in die Höhe, schlugen mit ihren Hinterläufen gewaltig aus, und der arme kleine Zottel fiel zu Boden. Der Gegner saß im Augenblick auf ihm, um ihn mit den Zähnen zu bearbeiten, und der kleine Hase mußte verschiedene Flöckchen Wolle lassen, bevor er wieder auf die Füße kommen konnte. Jedoch er war flink auf den Beinen und gelangte schnell aus greifbarer Nähe. Wieder griff er an, und wieder wurde er zu Boden geschleudert und ganz erbärmlich zugerichtet; denn er war seinem Gegner auch nicht annähernd gewachsen. Bald wurde ihm klar, daß er sein teures Leben nur durch Schnelligkeit seiner Läufe und seinen überlegenen Witz retten könne.

Verwundet, wie er war, entfloh er in voller Hetze mit dem Fremdling hinter sich, der fest entschlossen schien, ihn nicht nur zu morden, sondern auch Alleinherrscher des Moores zu werden, wo Zottel geboren war. Der kleine Hase hatte kräftige, gewandte Läufe und vorzügliche Lungen, und sein Verfolger, der fett und schwer war, mußte bald die vergebliche Jagd aufgeben. Es war aber auch die höchste Zeit für den armen Zottel; denn er fing an, infolge der Verwundung müde und steif zu werden.

Mit diesem Tage begann eine Schreckensherrschaft. Zottelohr wußte genau, was er zu tun hatte, wenn er von Eulen, Hunden, Wieseln oder Menschen und anderen gefährlichen Räubern verfolgt wurde, aber wie er sich verhalten sollte, wenn ein anderer Hase ihm nachstellte, das wußte er nicht; denn seine ganze Kenntnis bestand im »Erstarren«, bis er aufgespürt war, und darin, sich dann aus seine gewandten Läufe zu verlassen.

Die arme, kleine Mutter war vor Angst und Entsetzen fast gelähmt; denn sie konnte ihrem Sohne nicht helfen und mußte sich darauf beschränken, im sicheren Versteck zu bleiben; doch der fette Eindringling fand auch sie. Sie suchte ihm zu entfliehen, aber sie war jetzt nicht mehr so behend, wie ihr Sprößling. Der Fremde machte keinen Versuch, sie zu morden, er machte ihr vielmehr Liebesanträge, und weil sie ihn haßte und ihm zu entschlüpfen versuchte, behandelte er sie geradezu schamlos. Tag für Tag ängstigte er sie durch seine Nachstellungen, und oft, wütend gemacht durch ihre andauernde Abneigung und ihren Haß, schlug er sie nieder und zauste die Wolle aus ihrem weichen Fell, bis seine Wut gekühlt war und er sie eine Zeitlang in Ruhe ließ. Seine feste Absicht war, Zottelohr aus dem Leben zu schaffen, und ein Entweichen schien beinahe nicht möglich. Es gab ja kein anderes Moor, wo Zottel sich hätte hinwenden können, und wenn er einmal ein Schläfchen machte, mußte er jeden Augenblick bereit sein, fürs liebe Leben zu rennen. Ein dutzendmal am Tage kam der dicke Wüterich zu der Stelle geschlichen, wo Zottel der verdienten Ruhe pflegte, aber jedesmal erwachte das Häschen zur rechten Zeit, um zu entfliehen. Es rettete zwar das Leben, aber was für ein elendes Dasein war das doch jetzt! Seine Hilflosigkeit und die Verfolgungen, denen seine arme, kleine Mutter täglich ausgesetzt war, erbosten ihn aufs höchste, und dabei mußte er ruhig mit ansehen, wie ihre liebsten Futterplätze, die traulichen Eckchen und die Pfade, die sie mit so viel Mühe angelegt, von diesem gehässigen, rohen Patron in Besitz genommen wurden. Der unglückliche Zottel wußte gut genug, daß er eines Tages dem Stärkeren das Feld zu räumen hatte, und er haßte ihn darum mehr als Fuchs oder Wiesel.

Zu welchem Ende sollte das führen? Zottelohr quälte sich ab mit endlosem Rennen, Wachen und schlechtem Futter, und der kleinen Mutter geistige und körperliche Kräfte brachen zusammen bei der fortwährenden Verfolgung und grausamen Behandlung. Der Fremdling hatte sich nun einmal zum Ziel gesetzt, Zottel aus der Welt zu schaffen, und griff zuletzt zu einem Mittel, das unter den Hasen für das schwerste aller Verbrechen gilt. Glieder dieser großen Familie mögen sich noch so sehr hassen, sie vergessen aber stets ihre Feindschaft, sobald ein gemeinsamer Feind auf der Bildfläche erscheint. Eines Tages nun, als ein großer Hühnerhabicht über dem Moor seine Kreise zog, versuchte der Gewissenlose, der sich selbst stets unter Deckung hielt, Zottel mit allen Mitteln ins Freie zu treiben.

Ein- oder zweimal hatte ihn der Habicht beinahe im Genick, aber jedesmal boten ihm die wilden Rosensträucher sichere Deckung, und da der alte Hase beinahe selbst bei diesem frevelhaften Spiel erwischt worden wäre, gab er es auf, und wieder einmal war Zottelohr frei, doch ohne irgendwelche Besserung seiner traurigen Lebenslage. Ganz verzweifelt faßte er schließlich den Entschluß, wenn irgend möglich, mit seiner Mutter in der nächsten Nacht seine Heimat zu verlassen und auf der Suche nach einer neuen Heimstätte in die weite Welt hinauszuwandern. Da kam ein unvorhergesehener Zwischenfall. Zottelohr entdeckte den alten Donner, einen Hund seiner Bekanntschaft, wie er sich schnüffelnd und suchend im Grenzgebiet des Moores herumtrieb, und er beschloß, ein letztes, verzweifeltes Spiel zu wagen. Tollkühn kreuzte er des Hundes Weg, und die Jagd, die nun begann, war wild und aufregend. Dreimal um das Moor herum ging es, bis Zottel sicher war, daß seine Mutter im unauffindbaren Versteck saß, und der gehaßte Feind im bekannten Neste. In gerader Linie auf diesen Platz zu lenkte er seinen Verfolger und sprang in kühnem Satz über den Erzfeind hinweg, ihm dabei mit seinen Hinterläufen einen kräftigen Hieb versetzend.

»Du Lümmel, du,« schrie dieser, »jetzt erwische ich dich aber!« Auf sprang er, um mit Entsetzen zu entdecken, daß er sich zwischen Zottel und dem Hunde befand und nun das Ziel der Verfolgung war.

Geradeswegs auf ihn zu kam der Hund mit wütendem Gebell. Des alten Hasen Gewicht und Größe gereichten ihm zu großem Vorteil im Kampfe mit seinesgleichen, aber diesmal sollten sie ihm verderblich werden. Nur einiger ganz plumper Kunstgriffe, der einfachsten Wendungen und Quersprünge, die jedes Hasenbaby in seiner frühesten Jugend lernt, wußte er sich zu bedienen, aber der Verfolger war in zu gefährlicher Nähe für die Anwendung derartiger Regeln, und die schützenden Höhlen im Moore waren dem Eindringling unbekannt.

Es war eine Hetzjagd in schnurgerader Linie. Der Rosenbusch, der Freund aller Hasen, tat sein Bestes, aber es war zwecklos. Das heisere Bellen des Hundes kam schnell näher und näher, und wenn auch die Dornen bei jedem seiner Sprünge durch die knackenden Zweige in seine zarten Ohren rissen, so kam er doch bald zu der Stelle, wo der Alte sich angstzitternd und vollkommen außer Atem zusammengekauert hatte. Plötzlich war es totenstill, dann ein kurzes Handgemenge, ein durchdringendes, markerschütterndes Geschrei, und alles war vorüber.

Zottelohr wußte, was das bedeutete, und ein kalter Schauer kroch ihm den Rücken herab; doch bald war alles vergessen, und er war von neuem alleiniger und unumschränkter Herr in der alten, lieben Heimat.

VIII

Alt-Olifant hatte zweifellos ein gutes Recht, die Haufen dürrer Reiser, die im Osten und Süden des Moores herumlagen, wegzubrennen und damit den alten Stacheldrahtzaun unterhalb der Quelle freizulegen. Aber es war nichtsdestoweniger ein harter Schlag für Zottelohr und seine Mutter. Die Reisighaufen waren lange Zeit ihre sicheren Wohnstätten und Festungen gewesen und der Stachelzaun ihre Ringmauer.

Sie waren eben schon so lange Bewohner des Moores und fühlten sich so sehr als dessen Besitzer bis in jede Ecke und das entfernteste Winkelchen ? Olifants Haus und Anwesen eingeschlossen, daß sie gegen das Auftauchen eines fremden Hasen selbst im anschließenden Wirtschaftshof entrüstet ihr Veto eingelegt haben würden. Ihr Rechtsanspruch auf das Moor war die natürliche Folge langen und glücklichen Besitzes und hatte genau die gleiche Begründung wie bei den meisten Völkern unserer Erde.

Als der Schnee im Januar schon etwas zu schmelzen begann, hatte sich Olifant daran gemacht, die letzten Veteranen des Hochwaldes, die um den Teich herumstanden, zu fällen, und hatte damit das Besitztum der Hasen auf allen Seiten beschnitten und eingeschränkt. Aber immer noch hielten sie fest an dem langsam schwindenden Revier; denn es war ja ihre Heimat, und sie waren nicht geneigt, aufs ungewisse in die Fremde auszuwandern. Ihr Leben mit seinen täglichen Aufregungen und Gefahren floß in altgewohnter Weise dahin; aber immer noch waren sie flinkfüßig, starklungig und gewitzt, wie zuvor. Seit einiger Zeit wurden sie etwas in Unruhe versetzt durch einen Otter, der stromaufwärts gekommen war und es sich in dem stillen Tal wohl sein ließ; aber ein kleiner, ganz gerechtfertigter Kniff hatte den unwillkommenen Besuch bald aus Olifants Hühnerhaus aufmerksam gemacht. Sie waren allerdings nicht ganz darüber beruhigt, ob der Otter einen bleibenden Wohnsitz dort aufgeschlagen habe. So gaben sie lieber eine Zeitlang die Benützung der Erdhöhlen auf, denn sie waren zu gefährliche Fallen, und hielten sich zu den Rosensträuchern und Reisighaufen, die übrig geblieben waren.

Der Winterschnee war ganz geschmolzen und das Wetter sonnig und warm. Mutter Hase fühlte einen leichten Anflug von Rheumatismus und war irgendwo im Unterholz beschäftigt, ein Heilkraut zu suchen, während Zottelohr sich auf einer Böschung an der Ostseite sonnte. Der Rauch des allbekannten Schornsteins von Olifants Haus kam in phantastischen Formen durch das Holz gezogen und hob sich als ein düsteres Braun gegen den klaren Himmel ab. Am sonnengoldenen Giebel hinauf schlangen sich Ranken von wilden Rosen, die im purpurtiefen Schatten feurigrot und gleich Gold im Lichte schimmerten. Der Stall hinterm Haus mit goldübergossenem Giebel und Dach hob sich vom heiteren Himmel ab wie Noahs Arche.

Das geschäftige Geräusch, das der Wind herübertrug, und mehr noch der liebliche Duft, der mit dem Rauch herüberzog, gab Zottelohr kund, daß Olifants Vieh gerade mit Kohlblättern gefüttert wurde. Der Mund wässerte ihm beim Gedanken an dieses Göttermahl, und er blinzelte neidisch hinüber, als diese vielverheißenden Gerüche ihm in die Nase zogen; denn Kohl war sein Leibgericht. Aber er war gerade in der vorhergehenden Nacht im Hofe gewesen, um einige Mundvoll Klee zu holen, und kein kluger Hase kehrt zwei Nächte hintereinander nach dem gleichen Futterplatz zurück.

Deshalb tat er das Klügste, was er tun konnte: er lief so weit, bis er den verführerischen Duft des Kohls nicht mehr riechen konnte, und wählte sich ein Bündel Heu zum Abendbrot, das der Wind von einem Schober heruntergeblasen hatte. Später, als er sich zur Ruhe begeben wollte, gesellte sich auch die Mutter zu ihm, die erst ihre Arznei und dann ein kleines Mahl von süßen Birkenreisern an der Sonnenbank eingenommen hatte.

Mittlerweile hatte sich die Sonne davongemacht, um anderswo ihren Geschäften nachzugehen, und all ihr strahlendes Gold hatte sie mit sich genommen. Drüben im Osten schob sich ein dicker, schwarzer Vorhang empor und verdunkelte, langsam höher und höher steigend, den ganzen Himmel, verbarg sorgfältig alles Licht und ließ die Welt in trauriger Dunkelheit und Öde zurück. Dann erschien, die Abwesenheit der Sonne schlau benützend, ein Unheilstifter auf der Szene und begann Unruhe und Aufruhr zu brauen ? der Wind. Die Luft wurde kälter und kälter, und es war unbehaglicher, als wenn die Erde noch mit Schnee bedeckt gewesen wäre.

»Es ist aber ungemütlich kalt heute abend,« sagte Zottel, »wenn wir doch unseren alten Reisighaufen noch hätten.« »Ja, ja,« erwiderte die Mutter, »das wäre eine Nacht für unsere Höhle unter der Fichtenwurzel, aber da wir nicht wissen, ob der Otter sich noch in der Gegend herumtreibt, ist es nicht sicher dort.«

Der ausgehöhlte Walnußbaum war verschwunden ? tatsächlich beherbergte er zur Zeit, von der wir reden, auf einem Holzhaufen in der Ecke des Wirtschaftshofes liegend den Otter, den unsere Hasen deshalb nicht ohne Grund fürchteten. Zottel und seine Mutier begaben sich schließlich nach der Südseite des Teiches, wählten hier einen Reisighaufen zum Nachtquartier, krochen darunter und ließen sich für die Nacht häuslich nieder. Ihre Nasen richteten sich gegen den Wind, jedoch in verschiedenen Richtungen, so daß sie im Falle einer nächtlichen Störung nach entgegengesetzten Seiten entfliehen konnten. Der Sturm blies mit jeder Stunde schärfer und kälter und um Mitternacht begann ein feiner, eisiger Schnee in den dürren Blättern zu rasseln und sich durch die kahlen Zweige einen Weg zu bahnen. Es schien eine ungünstige Nacht für Jagdabenteuer, aber der alte Fuchs von Springfield war los. Gerade mit dem Winde kam er im Schutze des Dickichts daher, und das Unglück wollte, daß er die Richtung auf den Reisighaufen zu nahm, wo er sofort die schlafenden Hasen witterte. Einen Augenblick blieb er stehen, dann kam er langsam und kriechend auf den Haufen zu, unter dem er Mutter und Sohn nun sicher zu haben glaubte. Das Geräusch des Windes ermöglichte es ihm, ganz dicht heranzukommen, bis die Mutter vom leisen Rascheln eines trockenen Blattes unter seinem tastenden Tritte erwachte. Sofort berührte sie Zottelohrs Schnurrhaare, und beide waren wach und munter, gerade als der Feind sich zum Sprunge anschickte. Der alte Schlaukopf hatte nicht berechnet, daß die Hasen immer auf ihren Läufen zum Sprung bereit schlafen; denn sofort flogen sie hinaus in den wütenden Sturm. Der Fuchs verfehlte die Mutter bei seinem Sprunge, aber er nahm die Hetze hinter ihr her gleich mit dem Eifer eines ehrgeizigen Rennpferdes auf, während Zottel nach der entgegengesetzten Seite entfloh.

Es gab nur einen Weg für die Häsin, die gegen den Wind und ums Leben galoppierte. Sie gewann einen kleinen Vorsprung, indem sie den Sumpf kreuzte, der den Fuchs nicht trug, bis sie am Ufer des Teiches stand. Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Da gab es keine Wahl mehr, vorwärts mußte sie.

Plitsch, platsch, ging es durch das hohe Schilf und dann mit einem Satze ins tiefe Wasser.

Hinterdrein sprang auch der Fuchs, aber das Wasser war doch etwas zu frisch für Reineke, und er wendete wieder um. Die Häsin, der nur ein Weg frei blieb, arbeitete sich durch das Schilf ins offene Wasser und strich kräftig aus, um das andere Ufer zu erreichen, aber sie hatte einen starken Gegenwind zu bekämpfen, die kurzen Wellen schlugen eisigkalt über ihrem Kopf zusammen, und das Wasser war voll Schnee, der ihr den Weg versperrte, wie Treibeis. Die dunkle Linie des rettenden Ufers schien sich weiter und weiter zu entfernen, und wer konnte es wissen, möglicherweise lag der gierige Fuchs dort drüben auf der Lauer.

Sie legte die Ohren flach an, um dem Winde möglichst wenig Widerstand zu bieten, und schwamm rascher vorwärts, gegen Sturm und Flut. Nach einer langen, mühseligen Reise durch das kalte Wasser hatte sie beinahe das Schilf des anderen Ufers erreicht, als eine feste Masse treibenden Schnees ihr den Weg versperrte. Der Wind auf der nahen Uferbank machte ein unheimliches Geräusch, das dem Heulen des hungrigen Fuchses ähnlich klang. Das raubte ihr allen Mut und alle Kraft, und sie wurde weit zurückgetrieben, ehe sie sich von dem dahinflutenden Hindernis freimachen konnte.

Wieder strich sie aus, doch langsamer ? immer langsamer, und als sie schließlich den Schutz des hohen Schilfs erreichte, waren ihre Glieder erstarrt, ihre letzte Kraft verbraucht, ihr tapferes kleines Herz begann langsamer zu pochen, und es war ihr ganz gleich, ob der Fuchs ihrer wartete oder nicht. Durch das Schilf kam sie noch glücklich hindurch, aber mitten zwischen den tückischen Ranken der Schlinggewächse fing sie an, unsicher zu werden, ihre schwachen Stöße brachten sie nicht länger landwärts, und das Eis, das sich um sie herum austürmte, machte ihr ein Vorwärtskommen ganz unmöglich. Die erstarrten Glieder versagten den Dienst, die kleine, flaumbedeckte Nase wackelte nicht mehr nervös hin und her, und die treuen braunen Augen schlossen sich zum ewigen Schlafe. Aber kein Fuchs wartete, um sie mit gierigen Zähnen zu zerreißen. ?

Zottelohr war dem ersten Ansprung des Verfolgers entflohen, und als er sich wieder etwas vom Schreck erholt hatte kam er zurückgelaufen, um den Erzfeind irrezuleiten und damit der armen Mutter zu helfen. Er traf den alten Fuchs auf dem Wege nach der anderen Seite des Teiches, lockte ihn weit hinweg und entließ ihn mit einer blutenden Wunde von einem Stacheldrahtzaun am Kopfe, Dann kam er zum Ufer, suchte und schnüffelte umher und klopfte, aber all sein Suchen war vergeblich, die kleine Mutter war nirgends zu finden. Er sah sie niemals wieder, und niemand konnte ihm Auskunft geben, wohin sie gegangen; denn sie schlief den letzten Schlaf in den eisigen Armen ihres Freundes, des Wassers, das nichts ausplaudert.

Arme kleine Mutter! Eine wahre Heldin war sie gewesen, doch nur eine von den ungezählten Tausenden, die ohne einen Anspruch auf Heldentum dahinleben und ihr Bestes in ihrer kleinen Welt wirken und ohne Ruhm davongehen. Sie war eine tapfere Streiterin im Kampf ums Dasein, und von dem Schlag, der niemals ausstirbt; denn Fleisch von ihrem Fleisch und Geist von ihrem Geist war Zottelohr, sie lebte in ihm, und durch ihn veredelte sie ihre Rasse.

Zottel haust noch im Moor. Olifant starb im gleichen Winter, und seine ungeratenen Nachkommen ließen das Moor mit seinen Stachelzäunen verwildern. In einem einzigen Jahr verwandelte es sich in eine undurchdringliche Wildnis, neue Bäumchen und Dornensträucher wuchsen, und zerrissene Stacheldrähte bildeten zahllose Zwingburgen und Schlupfwinkel, die Hunde und Füchse nicht zu stürmen wagten. Und dort lebt Zottelohr noch heute, er ist ein großer und starker Hase geworden und fürchtet keinen Nebenbuhler. Eine zahlreiche Familie nennt er sein eigen und ein hübsches, braunes Weibchen, das er sich holte, ich weiß nicht woher. Dort werden er und seine Kindeskinder gewiß noch viele Jahre hausen und dort kann man sie an sonnigen Abenden beobachten, wenn man ihre Signale kennt und sie richtig anzuwenden weiß.

Lobo

Der König von Currumpaw

I

Currumpaw ist eine unermeßlich große Rinderfarm im nördlichen Neu-Mexiko, ein Land mit saftigen, grünen Weiden, bevölkert mit kräftigen, fruchtbaren Herden und durchquert von ausgiebigen, frisch dahineilenden Bächen, die sich schließlich zum Currumpaw-Flusse vereinigen, nach dem die Gegend benannt ist. Und der Herrscher, vor dessen despotischer Macht das ganze Land zitterte, war ein alter Grau-Wolf. Alt-Lobo oder der König, wie die Mexikaner ihn kurzweg zu nennen pflegten, war der gigantische Führer einer berüchtigten Bande von Grau-Wölfen, jahrelang der Schrecken des Currumpaw-Tales. Hirten und Farmer kannten ihn nur zu gut, und wo immer er mit seinen Getreuen erschien, erfaßte Entsetzen die Herden, ohnmächtige Wut und Verzweiflung deren Besitzer. Alt-Lobo war ein Riese unter seinesgleichen, und Schlauheit und Stärke standen im Verhältnis zu seiner Größe. Seine gebieterische Stimme, die oft durch die Nacht erschallte, war wohlbekannt und leicht von den Stimmen seines Gefolges zu unterscheiden. Ein gewöhnlicher Wolf mochte die halbe Nacht nahe am Lager der Hirten heulen, ohne mehr als vorübergehende Aufmerksamkeit zu erregen, doch wenn das tiefe grollende Brüllen des alten Königs das Tal heraufhallte, dann mußte der Lauscher gefaßt sein, am anderen Morgen von neuen blutigen Einfällen in die Herde zu hören.

Alt-Lobos Bande war nur klein, eine Tatsache, die ich niemals ganz verstehen konnte; denn wenn sich ein Wolf zu der Stellung und Macht Lobos erhebt, so zieht er gewöhnlich ein zahlreiches Gefolge an sich. Es mag sein, daß er so viele um sich hatte, wie er wünschte, oder vielleicht verhinderte sein wildes Temperament ein Anwachsen der Bande. Gewiß ist, daß gegen das Ende seiner Regierung das Gefolge nur fünf Köpfe zählte. Immerhin war jeder ein Wolf von Ruf, der seinesgleichen an Gestalt überragte, besonders der zweite im Kommando war ein wahrhafter Riese, aber auch der stand weit hinter seinem Führer an Größe und Tapferkeit zurück. Noch verschiedene andere Glieder der Bande taten sich besonders hervor, darunter eine schöne weiße Wölfin, die die Mexikaner Bianca nannten, wahrscheinlich Lobos Geliebte. Dann war ein gelber Wolf von hervorragender Geschwindigkeit dabei, der nach umlaufenden Gerüchten verschiedene Male eine schnellfüßige Antilope überholte und für die Bande einfing.

Oft wurden die Bestien von Rinder- und Schafhirten gesehen, und fast Unglaubliches wurde über sie berichtet. Ihr Leben war mit dem der Viehzüchter eng verknüpft, die sie nur zu gern aus der Welt geschafft hätten, und da war nicht ein einziger am Currumpaw, der nicht bereitwilligst den Erlös einer beträchtlichen Anzahl Stiere für den Skalp Lobos dahingegeben hätte. Doch das Leben jener schien gefeit, sie entwischten jedem noch so sinnreichen Anschlag, verhöhnten die Jäger, verachteten die Fallen und Gifte und nahmen fast fünf Jahre lang von den Currumpaw-Züchtern ihren Tribut, d. h. jeden Tag mindestens eine Kuh.

Nach dieser Schätzung zerriß die Bande mehr als zweitausend Stück der ausgewähltesten Zucht; denn nur das Allerbeste befriedigte ihre Gier.

Der uralte Volksglaube, daß der Wolf sich stets im Zustand des Verhungerns befände, traf bei dieser Bande Freischärler sicher nicht zu. Sie waren wohlgenährt und fett und höchst wählerisch in ihrer Nahrung. Ein Tier, das eines natürlichen Todes gestorben oder mit einer ansteckenden Krankheit behaftet war, verschmähten sie und ließen es ruhig liegen. Gewöhnlich bestand ihre Mahlzeit aus den zartesten Stücken eines Jährlings, während sie einen alten Bullen oder eine alte Kuh nicht berührten. Auch Hammelfleisch war nicht nach ihrem Geschmack, obwohl sie sich oft damit begnügten, Schafherden aus purer Mordlust anzufallen. So erwürgten Bianca und der gelbe Wolf in einer Novembernacht des Jahres 1843 zweihundertfünfundfünfzig Schafe, sichtlich nur zur Belustigung; denn sie fraßen nicht einen einzigen Bissen vom Fleisch ihrer Opfer.

Dieses Beispiel zeigt die Mordlust der Räuberbande zur Genüge. Jedes Jahr wurden unzählige neue Mittel zu ihrer Ausrottung vorgeschlagen und versucht, jedoch lebte und verwüstete sie ruhig weiter, den eifrigen Bemühungen ihrer Verfolger zum Trotz. Eine hohe Prämie war auf Lobos Kopf gesetzt, und Gift wurde in allen erdenklichen Formen und Arten ausgelegt, doch Lobo wußte immer, es augenblicklich zu entdecken und zu vermeiden. Nur eins fürchtete er, das waren Feuerwaffen. Da er wohl wußte, daß jedermann in dieser Gegend solche mit sich führte, griff er nie ein menschliches Wesen an, und es war die gewohnte Praxis seiner Bande, sich sofort zur Flucht zu wenden, wenn sie zur Tageszeit einen Menschen auch in noch so großer Entfernung entdeckte. In zahllosen Fällen rettete Lobos große Vorsicht das Leben seiner Gefolgschaft; denn er ließ sie nur das fressen, was sie selbst getötet hatten, und die Feinheit seines Geruchssinnes, mit dem er die Berührung menschlicher Hände oder das Vorhandensein von Gift sofort entdeckte, machte sie gegen alle Nachstellungen gefeit.

Eines Tages vernahm ein Kuhhirt den berüchtigten Kriegsruf des Königs. Er näherte sich Schritt für Schritt und fand in einer Talniederung die ganze Gesellschaft, die eben eine kleine Rinderherde umzingelt hatte. Lobo saß zur Seite auf einem Erdhügel, während Bianca sich mit den übrigen bemühte, das auserwählte Opfer, eine junge Kuh, von der Herde abzusondern. Aber die Rinder standen in einer dichtgeschlossenen Masse und wiesen ihren Angreifern eine Schutzwehr starker und spitzer Hörner, die nur unterbrochen wurde, wenn eine Kuh, entsetzt durch einen frischen Angriff der Wölfe, nach der Mitte zurückzuweichen versuchte. Dieser Umstand ermöglichte es den Wölfen, die dem Tode Geweihte zwar zu verwunden, aber nicht kampfunfähig zu machen. Lobo schien die Geduld zu verlieren, denn er verließ plötzlich seinen Posten auf dem Hügel, stieß ein tiefes Gebrüll aus und raste auf die Herde los. Die entsetzten Kinder stoben vor diesem Anprall auseinander wie die Sprengstücke einer berstenden Granate, und Lobo sprang mitten unter sie. Dahin flog das Schlachtopfer, vom Werwolf verfolgt. Binnen kurzem saß er ihm im Genick, biß sich dort fest, riß es plötzlich mit aller Kraft zurück und brachte es so zu Fall. Der Ruck mußte furchtbar gewesen sein; denn die Kuh überschlug sich und riß dabei Lobo mit sich. Der Riese erholte sich jedoch sofort von dem Sturze, sein Gefolge fiel über das arme Tier her und zerriß es in wenigen Sekunden. Der Alte beteiligte sich nicht an dieser Schlächterarbeit. Nachdem er die Kuh niedergeworfen, ließ er sich wieder auf seinem Beobachtungsposten nieder und schien zu sagen: »Warum konnte einer von euch das nicht längst getan haben, ohne so viel kostbare Zeit zu verschwenden?«

Die Kuh überschlug sich und riß dabei Lobo mit sich.

Der Kuhhirt ritt, seinen Revolver abfeuernd, heran, und die Wölfe suchten wie gewöhnlich ihr Heil in schneller Flucht. Er vergiftete den Kadaver an drei verschiedenen Stellen mit Strychnin und verließ den Schauplatz des Kampfes, da er wohl wußte, daß die Bande zum Fraß zurückkehren würde, da sie das Tier ja selbst getötet hatte. Aber am nächsten Morgen, als er nach den erhofften Opfern Umschau hielt, fand er, daß die Wölfe die Kuh zwar verschlungen, jedoch sorgfältig alle vergifteten Teile herausgerissen und beiseite geworfen hatten.

Die Furcht vor diesem Riesenwolf wuchs von Jahr zu Jahr, und jährlich wurde ein größerer Preis auf seinen Kopf gesetzt, der schließlich die Höhe von tausend Dollar erreichte, gewiß eine nie dagewesene Prämie für einen Wolf. ? Manch braver Mann wurde für weniger zu Tode gejagt. ? Angelockt durch die hohe Belohnung kam eines Tages ein Mann aus Texas, namens Tannery, das Currumpawtal herabgesprengt. Er besaß eine unübertreffliche Ausrüstung für die Wolfsjagd, die aus den modernsten Feuerwaffen, den ausdauerndsten Pferden und einer Meute ungeheurer Wolfshunde bestand. Draußen auf den weiten Gefilden von Texas hatte er mit seinen Hunden der Laufbahn vieler Wölfe ein jähes Ende gesetzt, und er zweifelte nicht daran, daß Alt-Lobos Skalp innerhalb weniger Tage an seinem Sattelknopf baumeln würde.

Tannery mit seinen Hunden kommt das Tal herabgesprengt.

Dahin stob die tapfere Schar auf ihrer Hetze, hinein in die Morgendämmerung eines schönen Sommertages, und bald gaben die Rüden freudig Laut, um zu melden, daß sie die Fährten ihrer Opfer gefunden hatten. Nach einem Ritt von zwei Meilen kam ihnen die graue Bande von Currumpaw zu Gesicht, und jetzt begann die Jagd hitzig zu werden. Die Aufgabe der Wolfshunde bestand darin, die Wölfe aufzuhalten, bis der Jäger heranreiten und sie niederschießen konnte. Dies war auf den offenen Gefilden von Texas leicht getan, jedoch hier kam eine durchaus fremde und ungünstig gestaltete Gegend in Betracht. Lobo hatte sein Revier klug gewählt; denn die felsigen Seitentäler des Currumpaw und ihre Ausläufer durchschnitten die Prärie nach allen Richtungen. Der alte Wolf, der die Gefahr sofort überblickte, beeilte sich, einen dieser Einschnitte zu erreichen, und entledigte sich dadurch der Hunde. Seine Bande zerstreute sich und zerteilte dadurch auch die Schar ihrer Verfolger; denn als sich die Wölfe in der Ferne wieder vereinigten, waren die Hunde bedeutend in der Minderzahl. Die Grauröcke wendeten sich nun zum Angriff und zerrissen oder verwundeten die Rüden nach kurzem Kampfe. Als Tannery am Abend seine Meute musterte, waren nur sechs zurückgekehrt, und zwei davon waren bis zur Unbrauchbarkeit verstümmelt. Er machte noch zwei weitere Versuche, den königlichen Skalp zu erbeuten, war jedoch genau so erfolglos wie das erstemal, und bei der letzten Jagd stürzte sein bestes Pferd und brach das Genick. Dies war Tannerys letzter Versuch, erbittert und entmutigt gab er die Jagd auf und kehrte zurück nach Texas. Lobo aber blieb als unumschränkter Herrscher zurück.

Im nächsten Jahre tauchten zwei andere Jäger auf, die mit dem unumstößlichen Entschluß kamen, die ausgesetzte Prämie zu erringen. Jeder von ihnen war sicher, er würde den berüchtigten Wolf vernichten, der eine mit Hilfe eines neu entdeckten Giftes, der andere, ein Kanadier französischer Abstammung, durch Gift in Verbindung mit gewissen Besprechungen und Amuletten; denn er hielt Lobo für einen richtigen » loup-garou«, einen Werwolf, den man nicht mit gewöhnlichen Mitteln aus der Welt schaffen könne. Aber weder die schlau ausgesetzten Giftköder noch die wunderkräftigen Amulette und Beschwörungsformeln hatten bei dem grauen Verwüster Erfolg. Er machte seine wöchentlichen Rundreisen, hielt seine Gastereien ab wie zuvor, und ehe einige Wochen ins Land gegangen waren, gaben Calone und Laloche die erfolglose Jagd in Verzweiflung auf, um ihr Glück anderswo zu versuchen.

Im Frühjahr 1893 machte Joe Calone nach seinem erfolglosen Versuch, Lobo zu übertölpeln, eine Erfahrung, die höchst demütigend für ihn war und die bewies, daß der Alte vom Berge seine Nachsteller einfach verachtete und unfehlbar an sich selbst glaubte. Calones Farm lag an einem kleinen Nebenfluß des Currumpaw in einem malerischen Tale, und höchstens eine Meile vom Hause entfernt hatten Lobo und seine Gattin sich ihren Wohnsitz errichtet, um dort ihre Nachkommenschaft zu erziehen. Hier lebten sie den ganzen Sommer, fielen allen Nachstellungen zum Trotz Joes Schafe und Rinder an und verbrachten ihre Tage im Frieden des höhlenreichen Tales. Joe zermarterte vergeblich sein Hirn nach irgendeinem Mittel, um die Gesellschaft auszuräuchern. Er versuchte sogar, sie mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Immer aber entkamen sie unversehrt und setzten ihre Raubzüge fort wie zuvor. »Dort drüben hausten sie im letzten Sommer,« erzählte mir Joe, auf einen alleinstehenden Felsen deutend, »und ich konnte ihnen nichts anhaben. Wie ein Narr stand ich da.«

II

Alle diese von den Kuhhirten gesammelten Berichte schienen mir fast unglaublich, bis ich schließlich im Herbst des Jahres 1893 die persönliche Bekanntschaft des schlauen Räubers machte und ihn am Ende gründlicher kennen lernte, als irgendein anderer. Vor Jahren, in den Tagen Bingos, hatte ich eifrig der Wolfsjagd obgelegen; doch hatten mich später Beschäftigungen anderer Art an den Schreibtisch gefesselt. Eine Abwechslung schien für mich unbedingt notwendig, und als mich ein Freund, einer der Züchter am Currumpaw, bat, nach Neu-Mexiko zu kommen und mein Jagdglück unter dem Raubgesindel zu versuchen, nahm ich die Einladung an, da ich vor Verlangen brannte, die persönliche Bekanntschaft des alten Königs zu machen. Nach wenigen Tagen war ich mitten in den Tälern des Currumpaw. Die ersten Wochen durchstreifte ich die Gegend zu Pferde, um sie gründlich kennen zu lernen, und oft zeigte mir mein Führer das Skelett eines Rindes oder einer Kuh mit der Bemerkung: »Hier war Lobo!«

Bald wußte ich, daß in dieser zerklüfteten Gegend an eine Verfolgung Lobos mit Hund und Pferd einfach nicht zu denken sei, und daß man es nur mit Giften und Fallen versuchen könne, ihm beizukommen. Da nun zurzeit keine Fallen von der nötigen Größe zur Hand waren, begann ich mein Werk mit Gift.

Es sei mir erlassen, näher auf die Einzelheiten der Hunderte von Versuchen einzugehen, mit denen ich diesen » loup-garou« zu erwischen trachtete. Es gab wohl keine Verbindung von Strychnin, Arsenik, Zyankali und Blausäure, die ich nicht versuchte, und es gab keine Sorte Fleisch, die ich nicht als Köder auslegte. Aber Tag für Tag, wenn ich hinausritt, um endlich einen Erfolg festzustellen, fand ich, daß alle Bemühungen vergeblich gewesen waren. Der alte König schien eben zu schlau für mich zu sein. Ein einziges Beispiel wird diesen Scharfsinn beweisen. Dem Rate eines alten Fallenstellers folgend, zerließ ich ein Stück Käse zusammen mit dem Nierenfett eines frischgeschlachteten Rindes, verkochte die Mischung in einem Porzellannapf und schnitt sie mit einem knöchernen Messer, um auch den leisesten Geschmack oder Geruch von Metall zu vermeiden, in Stücke. Dann machte ich in die Klumpen auf jeder Seite ein Loch und füllte es mit einer Mischung von Strychnin und Zyankali, die in geruchsdichten Kapseln eingeschlossen war. Zum Schluß verschloß ich die Löcher wieder mit Käse. Während dieser Vorbereitungen trug ich Handschuhe, die ich in das warme Blut des Rindes getaucht hatte. Als aller fertig war, wickelte ich die Köder in die bluttriefende Haut und ritt aus, indem ich Leber und Nieren des Rindes an einer Leine hinterherschleifte. Dann beschrieb ich einen Bogen von zehn Meilen und ließ alle Viertelmeilen einen Köder fallen, wobei ich eine Berührung mit meinen Händen ängstlich vermied.

Lobo pflegte am Anfang einer jeden Woche in diese Gegend zu kommen und trieb sich, wie man annahm, die übrigen Tage am Fuße der Sierra Grande herum. Es war an einem Montag, als ich am Abend beim Schlafengehen das tiefe Baßgeheul Seiner Majestät vernahm, und mein Herz schlug in freudiger Spannung.

Früh am nächsten Morgen ritt ich in der sicheren Hoffnung aus, nun endlich mit dem langersehnten Erfolg gekrönt zu werden, und bald kam ich auf die frische Fährte des frechen Räubergesindels mit Lobo an der Spitze, dessen Fußtapfen mit den furchtbaren Klaueneindrücken leicht von den übrigen Fährten zu unterscheiden waren. Die Bande hatte richtig meine Köder gefunden, und ich konnte erkennen, wie Lobo sich an den ersten Köder herangemacht, ihn beschnuppert und schließlich aufgenommen hatte.

Nun konnte ich meine Freude nicht mehr verbergen: »Hab ich dich endlich!« rief ich aus und sprengte vorwärts, meine Augen begierig auf die große, breite Spur im Staube geheftet. Sie führte mich zum zweiten Köder, und auch er war verschwunden. Die freudige Erregung, die mich erfaßte, ist nicht zu beschreiben, denn nun hatte ich ihn sicher und mit ihm wahrscheinlich mehrere seiner Bande. Aber immer noch sah ich den furchtbaren Kralleneindruck vor mir im Sande, und obwohl ich mich im Steigbügel aufrichtete, um die weite Fläche besser überschauen zu können, entdeckte ich nichts, was einem toten Wolfe ähnlich sah. Wieder nahm ich die Verfolgung auf und fand, daß auch der dritte Köder fort war und die Spur des Königs aller Wölfe zu dem vierten führte. Dort jedoch kam ich zu der niederdrückenden Erkenntnis, daß er keinen der Köder wirklich verschlungen, sondern sie einfach im Maule mitgenommen, auf einen Haufen geworfen und mit Schmutz bedeckt hatte, um mir kundzutun, wie sehr er meine Nachstellungen verachte. Dann hatte er diese Spur verlassen und seine Tagesarbeit an der Spitze seiner Getreuen begonnen.

Dies war nur eine von den Erfahrungen, die mich zu der Überzeugung brachten, daß Gift niemals anschlagen konnte, den Räuber aus der Welt zu schaffen. Obgleich ich fortfuhr, es anzuwenden, während ich die Ankunft der Fallen erwartete, tat ich es nur, weil es sich als ein sicheres Mittel bewährte, eine beträchtliche Anzahl Präriewölfe und anderes Raubgesindel unschädlich zu machen.

Ungefähr um die gleiche Zeit ereignete sich ein anderer Zwischenfall, der Lobos ganze teuflische Schlauheit ans Licht brachte. Die Bande betrieb das Morden von Schafen ausschließlich zum Vergnügen; denn ihren verwöhnten Zungen schien Schaffleisch nicht zu behagen. Man hält die Schafe im Westen gewöhnlich in Herden von tausend bis dreitausend Stück mit einem oder mehreren Hirten zum Schutze. Zur Nachtzeit treibt man sie an geschützten Plätzen zusammen, und auf jeder Seite der Herde schläft zur Bewachung einer der Hirten. Nun sind bekanntlich die Schafe so unvernünftig und dumm, daß sie durch die geringste Kleinigkeit in Verwirrung und Todesangst versetzt werden. Aber etwas ist ihnen tief eingewurzelt und vielleicht ihre größte Schwäche, das ist der blinde Gehorsam, mit dem sie ihrem Leiter folgen. Die Hirten pflegen deshalb ein halbes Dutzend Ziegenböcke unter die Herde zu verteilen. Die Schafe erkennen die höhere Intelligenz ihrer bärtigen Vettern an, und bei einem nächtlichen Alarm drängen sie sich dicht um sie herum. Auf diese Weise werden die Herden meistens vor einer allgemeinen Verwirrung bewahrt und sind leichter zusammenzuhalten. Aber dies ist nicht immer der Fall. Eines Nachts spät im November wurden zwei Perico-Hirten durch einen Angriff der Wölfe aufgeschreckt. Ihre Herden drängten sich um die Böcke, die, weder dumm noch feig, tapfer auf ihrem Platz verblieben. Doch es war kein gewöhnlicher Wolf, der den Ansturm leitete. Alt-Lobo, der Werwolf, wußte ebensogut wie die Hirten, daß die Böcke die Stütze der Herde bildeten. Er sprang gewandt über die Rücken der dichtgedrängten Schafe hin, fiel die Führer an, erwürgte sie alle in wenigen Minuten und hatte bald die ganze Schafherde in hundert verschiedenen Richtungen zerstreut. Noch vier Wochen später wurde ich fast täglich von geängstigten Hirten angehalten, die mich fragten, ob ich nicht vor kurzem ein verirrtes Schaf mit dem Brandzeichen der Herde gesehen habe, und meistens mußte ich es bestätigen. Einmal hatte ich fünf oder sechs Leichname nahe der Diamantquelle gesehen, ein anderesmal einen kleinen Trupp, der das Malpai-Tal hinauftrottete, und Juan Meira fand vierzig frisch gemordete am Fuße des Monte Cedra.

Endlich langten auch die Wolfsfallen an, und mit zwei Gehilfen arbeitete ich eine volle Woche, um sie wirkungsvoll auszusetzen. Wir ließen uns weder Mühe noch Arbeit verdrießen, und ich wendete alles auf, den Erfolg zu sichern. Am zweiten Tage, nachdem wir die Fallen ausgesetzt, machte ich mich auf, um unsere Vorbereitungen noch einmal zu prüfen, und bald fand ich Lobos Spur, die von Falle zu Falle führte. Im Sande konnte ich die ganze Geschichte seines nächtlichen Rundganges lesen. Er war im Dunkeln dahingetrottet, und obwohl die Fallen sorgfältig vergraben waren, hatte er die erste sofort entdeckt. Seiner Bande halt gebietend, hatte er vorsichtig um das Eisen herumgescharrt, bis er die ganze Falle mit der Rette und mit dem daranhängenden Holzklotz offengelegt hatte.

Lobo legt die Fallen bloß.

In derselben Weise hatte er auch die übrigen behandelt. Dabei hatte er, wie ich entdeckte, des öfteren angehalten und sich zur Seite gewendet, sobald er irgend etwas Außergewöhnliches abseits vom Wege wahrnahm. Auf diese Beobachtung baute ich einen neuen Plan. Ich setzte die Fallen in der Form eines H aus, d. h. eine Reihe auf jeder Seite des Weges und in der Mitte eine als Querriegel. Es währte nicht lange, und meine Erfahrungen waren um eine neue bereichert. Lobo war den Pfad herabgekommen und mitten zwischen den Fallen gewesen, ehe er die einzelne Falle in der Mitte entdeckte. Aber noch dicht davor hatte er angehalten. Woher und wie er es wußte, kann ich nicht sagen. Sein Schutzengel mußte wohl bei ihm gewesen sein; denn er hatte sich weder zur Rechten noch zur Linken gewandt, sondern war rückwärts, genau in seine alten Fußtapfen tretend, zurückgewichen, bis er außerhalb der gefährlichen Linien war. Dann hatte er sich von außen herangemacht und die Fallen mit den Hinterläufen mit Erdklumpen und Steinen beworfen, bis alle Federn zugeschnappt waren. Genau so verfuhr er auch später, und obgleich ich meine Methoden ständig änderte und meine Vorsicht verdoppelte, war er einfach nicht zu übertölpeln. Sein scharfer Spürsinn schien ihn nicht eine Sekunde zu verlassen, und er würde wohl noch heute seiner Räuberlaufbahn folgen, hätte nicht eine unglückliche Verbindung seinen Untergang herbeigeführt und seinen Namen der langen Liste von Helden angefügt, die allein unüberwindlich durch die Unbedachtsamkeit eines ihrer Getreuen gefallen sind.


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