Das Buch der guten Werke 1914-1918

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Kriegskinder

Unsere kleinste Verwundete

Märzoffensive 1918. Nach mörderischem Artillerieangriff in der Frühe des 21. brachen wir auf der Strecke St. Quentin ? Ham ? Noyon vor. So überraschend kam unser Vorstoß, daß sich mit knapper Mühe die Zivilbevölkerung, die sich direkt hinter der normalen Feuerlinie noch angesiedelt hielt, zu retten vermochte. Auf der Höhe des Weges Ham ? Guiscourt bekamen wir plötzlich Langrohr. Am Kopf des schon halb zerschossenen Ortes bog die Straße fast rechtwinklig nach rechts ab. Und hier, am Schnittpunkt, hatten sich die Franzosen scharf eingeschossen. Jede dritte bis vierte Minute fiel ein präziser Schuß. Die Mannschaften wurden zahlenmäßig ausgeglichen auf einzelne Wagen und Geschütze verteilt. Ein Kamerad und ich durften zu unserem Halt die dünne Kette eines leichten Munitionswagens ergreifen. Und dann gings los. Acht ? zehn ? ja zwölf Pferde vorgespannt, preschten die Geschütze und Wagen, auf die Sekunde nach dem vorhergehenden Einschlag, um die gefährliche Ecke.

In unserem Wagen befanden sich Blaukreuz-Gasgranaten. Ein zweifelhaftes Vergnügen für uns, wenn in diese Musterkollektion ein feindlicher Gruß fauchte. Zweifelhaft auch die dünne Wagenkette, die uns Halt geben sollte bei der tollen Hetzjagd um die Teufelsecke. Die Stelle der Straße, an der die Einschläge erfolgten, war ein einziges großes, breiiges Loch. In rasender Geschwindigkeit protzten wir darüber. Und weiter geht es in unverminderter Hetzjagd einen Hohlweg hinauf. Zur Rechten sanft ansteigend eine Gesteinswand mit dünner Erddecke. Am Rande der Straße Tote: Franzosen, Deutsche und Zivilisten. Männer, Frauen und Kinder. Da Reste von Hausgerät, eine Puppe. Zeichen kopfloser Flucht.

Mein Kamerad, ein etwa 40jähriger Landsturmmann, ist plötzlich von meiner Seite verschwunden. Ich sehe ihn am Straßenrande bei einer Frauenleiche knien. Fast instinktmäßig lasse auch ich los. Kaum gewinne ich Zeit, vor dem nächsten heranrasenden Munitionswagen zur Seite zu springen. Dann knie ich neben meinem Kameraden. Er hält ein etwa dreijähriges Mädchen, das die tote Mutter umklammert gehalten hatte, im Arm. Es lebt. Es wimmert leise. An einem Beinchen und aus der Brust Blutspuren. Das kleine Wesen ist, das stellten wir rasch fest, verwundet, aber noch zu retten, wenn es aus diesem Hexenkessel heraus und in ärztliche Hände kommt.

»Verflucht! So ne Gemeinheit!« knirscht mein Kamerad zwischen den Zähnen. Und plötzlich wütend zu mir: »Das sage ich dir, ich bringe das Wurm zurück in ein Lazarett oder sowas und wenn ich die Batterie verliere und unser Alter mich als Deserteur zusammenknallen läßt ...« ? »Klar« antworte ich. »Wir müssen allerdings durch das verfluchte Loch da hinten nochmals zurück!« ? und deute mit der Hand zur Wegbeuge, von der wir gekommen waren. Gerade paukt eine Granate hinein. Die Erde hebt sich und zischt wie eine Fontäne hoch.

Mein Kamerad, das Kind in den Armen, und ich springen zurück. Es glückt abermals. Wir erfragen ein Lazarett. Eine gute Stunde brauchen wir, bis wir einen Sanitätsunterstand finden. Der Sanitäter, ein braun verkrusteter Vierziger, staunt uns wie eine Fata morgana an. Dann nimmt er behutsam das immer noch wimmernde Würmchen und läßt es zunächst aus der Feldflasche Tee trinken. So zart geht er mit dem Kind um. Der ganze Unterstand, zuvor ein schreiender Hexensabbat menschlichen Elends, ist plötzlich still und um den kleinsten Verwundeten so besorgt, daß wir beruhigt abziehen.

Wieder nach vorn, die Batterie suchen. Ueber das Gesicht meines Kameraden rinnen Tränen ohnmächtiger Wut, seine blassen Lippen formen Flüche über Flüche. Wir erreichen unseren Truppenteil wieder, wir werden mächtig angeschnauzt. Wir achten es nicht, verteidigen uns nicht, vor unserem inneren Auge verblaßt das Bild des kleinen Franzosenkindes nicht. Wird es durchgekommen sein? Es muß heute, wenn es noch lebt, die Schule schon verlassen haben. Es hat die kleine Episode, die es aus der Umklammerung des Todes rettete, vergessen.

Fritz Müller, Frankfurt a. M.

Zinnsoldaten

Es war am Heiligen Abend des Jahres 1919. Eben war wieder einmal die größte Freude des Jahres in unsere Bubenherzen eingezogen. Soldaten, Soldaten und Kanonen, ja richtige Kanonen, aus denen man wirklich mit Erbsen schießen konnte, hatten wir drei Buben uns schon das ganze Jahr über gewünscht. Wir wollten doch Krieg machen gegen die Franzosen und die Engländer und all die Schufte. Denn das konnten nur Schufte sein, was man uns von denen alles in der Schule erzählt hatte! Ja, und wie hatten wir die Kriegsjahre hindurch mit den Soldaten immer gesungen ... »Siegreich wolln wir Frankreich schlagen« ... und »Der Kitchener, der Kitchener, das war ein großer Schuft!«

Ja, wenn uns nur das Christkind dieses Jahr Zinnsoldaten brachte und Kanonen, und auch ein paar Unterstände! Und richtig, es hatte uns Soldaten gebracht und Kanonen, sogar solche, bei denen vorne am Rohr das Feuer und der Pulverdampf draufgemalt waren. Jetzt konnten wir aber Krieg spielen, jetzt wollten wir die Franzosen alle totschießen. Zwar sagte der Vater, daß der Krieg mit den Franzosen ja jetzt aus sei; und daß die nun sogar unser Land besetzen wollten; jeden Tag könnten sie einziehen. Aber das machte nichts, wir waren doch echte Kriegskinder, wir hatten doch bis jetzt in unserer Kindheit nichts anderes gehört als Krieg!

Wie oft hatten wir im benachbarten Kirchlein »Sieg« geläutet. Wenn so ein großer Sieg bekannt geworden war, da warteten wir Buben schon unten auf der Straße am Pfarrhaus, bis oben das Fenster aufging, der Pfarrer rausschaute und rief: »Kinder, Sieg!« Da stürmten wir aber in die Kirche und warfen uns in die Glockenseile. Ja, wir wollten den Krieg weiterführen, und wenn die richtigen Franzosen kommen sollten, dann wollten wir ihnen mit unseren Kanonen einen leibhaftigen Schrecken einjagen!

Kaum war das Abendbrot hinuntergeschlungen, da machten wir uns auch schon daran und bauten unsere Geschütze und Regimenter auf dem großen runden Tische auf ... Und wir waren gerade mitten im schönsten Schlachtengetümmel, als plötzlich draußen die Flurglocke aufschrillte. Erstaunt, wer wohl am Heiligen Abend uns besuchen möchte, ging die Mutter hinaus, um nachzusehen. Plötzlich kam sie leichenblaß ins Zimmer zurück und brachte nur das eine Wort heraus: »Franzosen!« Ein Gefühl von Beklommenheit und Bestürzung legte sich mit einemmal auf unsere Ausgelassenheit. Jetzt waren wirklich Franzosen in unser Haus gedrungen!

Nun ging der Vater hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Neugierig drängten wir uns hinter ihm nach zur Stubentür, die wir einen Spalt aufhielten, so daß ein Lichtstrahl aus dem Zimmer hinaus auf den Flur fiel. Draußen sollten zwei Franzosen stehn, hatte die Mutter gesagt. Vor Schreck hatte sie ihnen wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen. Nichts rührte sich in der Zwischenzeit; alles blieb still. Wir dachten schon, sie würden mit den Gewehrkolben die Tür einschlagen, weil die Mutter sie nicht gleich eingelassen hatte. So stellten wir uns nämlich die Franzosen vor.

Jetzt öffnete der Vater die Flurtür; der Lichtstrahl fiel auf zwei in lange Mäntel gehüllte, tornisterbepackte, französische Soldaten. Merkwürdig, ihre Gesichter sahen gar nicht grimmig aus; sie hatten noch nicht einmal einen schwarzen Spitzbart und keine haßerfüllten Augen! Nein, freundlich, sogar etwas ängstlich-erwartungsvoll war ihr Blick; wie zwei müde heimgekehrte Soldaten sahen sie aus. Jetzt fing der eine sogar an zu reden, noch ehe der Vater etwas sagen konnte. »O, nix Feind, viel Freund!« sagte er mit einer warmen Stimme.

Wie, das war ein Franzose? Also Freund, viel Freund wollte er sein? so ging es durch unsere Bubenherzen. Jetzt war der Bann gebrochen. »Quartier« wollten sie haben. Der Vater führte sie die Treppe hinauf in das Zimmer.

Auf dem Tisch standen unsere Kanonen, mit denen wir die Franzosen zusammenschießen wollten. Und jetzt war ein wirklicher Franzose gekommen, der gesagt hatte: »Freund, viel Freund!« Es dauerte nicht lange, da hörten wir auf der Treppe kräftige Tritte, und wir hörten unter der Stimme des Vaters Laute in gebrochenem deutsch. Was war das? Brachte der Vater etwa die beiden Soldaten mit in unser Wohnzimmer? Waren denn diese Franzosen keine Feinde? Es war für den Patriotismus unserer Bubenherzen etwas Unfaßbares, was jetzt geschah: die Zimmertür ging auf, und der Vater brachte in unsere Stube zwei Franzosen!

Auf dem Tisch standen unsere deutschen und französischen Regimenter und unsere Kanonen in Angriffsstellung. Von einem weißgedeckten Tischchen in der Ecke verbreitete der brennende Christbaum seinen weihnachtlichen Glanz. Entgeistert starrten wir den französischen Soldaten ins Gesicht. Tränen, wahrhaftig Tränen standen denen in den Augen! Zögernd kamen sie näher an den warmen Ofen, dort standen sie vor dankbarer Rührung und wehmütiger Erinnerung an die eigene Familie in der fernen Heimat. Wir standen regungslos und starrten ihnen in die Augen. Wir sahen die Tränen, wir sahen das Heimweh in den Augen dieser fremden Soldaten, die wie ein Bild des Friedens ? ja wie ein Bild des Friedens trotz ihrer Soldatenuniform ? dort am Ofen standen und in den Lichterglanz des Christbaums blickten.

Da ging in uns Bubenseelen eine ganz große Erkenntnis auf, die Erkenntnis von der Verrücktheit unserer seitherigen Erziehung! Was ist der Krieg? O, das größte Unglück! Und lautlos gingen wir dann hin an den Tisch und packten unsere Soldaten und Kanonen in die große Schachtel.

Georg Müller, Hochschulassistent, Darmstadt.

Das Polenkind

Vor mir steigt auf die Zeit Ende 1915. Es war strenger Winter. Wir lagen irgendwo in Polen, nahe der Front, an der jedoch jede Kampfhandlung fast vollständig ruhte. Gewissermaßen Winterquartier. In W., einem der typischen Panjedörfer Polens, in der Nähe von Smorgon, war unsere Unterkunft. Die Bevölkerung war in wenigen Hütten zusammengelegt, um für uns Platz zu gewinnen.

In den elenden Stuben zehn bis zwanzig Menschen jeden Alters und Geschlechtes zusammengepfercht, stumpf, teilnahmslos. Auf dem gestampften Lehmboden, auf Holzpritschen, oben auf dem gemauerten Kamin herumsitzend, und alles schemenhaft beleuchtet durch in die Wand gesteckte brennende Kienspäne. »Ach nein, das arme Kind,« rief plötzlich der Dores. Auf dem Boden lag auf Stroh ein ungefähr vier Jahre altes Mädchen und schlief. Eine Decke hatte es nicht aufliegen, barfuß mit ärmlichen Lumpen bekleidet.

Unsere Barbarenherzen wurden von Mitleid gerührt, um so mehr, als sich herausstellte, daß der arme Wurm elternlos war und von der Gnade oder Ungnade einer »Tante« abhing, die einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck machte. Eine kurze Beratung und Dores erklärte die arme Kleine als von uns »annektiert«, womit die Tante sofort einverstanden war.

Wir brachten das Kind in unser Quartier und wir bauten aus Zeltbahn und Stangen zunächst eine feine »Falle«. Diese mit weichen Federkissen als Unterbett gepolstert und als Decken das gleiche Material, welches wir natürlich requiriert hatten. Matthes, der zu Hause selbst fünf Kinder hatte, spielte die treusorgende Mutter und unterzog das kleine Polenkind einer gründlichen Reinigung; ebenso wurden die ärmlichen Kleidungsstücke einmal gewaschen. Wir bemerkten mit Genugtuung, daß die Kleine, die erst etwas ängstlich war, nach dieser notwendigen Prozedur Zutrauen gewann. Und als unser Schützling später behaglich in den weichen Kissen lag, umstanden wir andachtsvoll sein Lager, und als uns die dunklen Kinderaugen dankbar anschauten, da dachte jeder an seine Lieben daheim.

Die Langeweile war vorbei. Mit Eifer betätigten wir uns als deutsche Sprachlehrer, um unserem Adoptivkind wenigstens soviel beizubringen, damit wir uns notdürftig verständigen konnten. Natürlich kam nur unser liebes Kölsch Platt zur Anwendung. In wenigen Wochen schon konnten wir uns über alles leidlich verständigen. Es war rührend zu hören, wenn unser Liebling in seinen weichen Kehllauten unsere Namen rief. Da hieß es: »Schäng, Dores, Louis oder Tünn, gäff mir mol dat do«. Das Kind wuchs uns immer mehr ans Herz, und auch es hatte sich an uns vollständig gewöhnt. Kam die Tante schon mal nachsehen, so schmiegte die Kleine sich verängstigt an uns, als habe sie Angst, fortzumüssen.

Mehrere von uns konnten zum ersten Mal in Urlaub fahren. »Ein jeder hat für unser Kind etwas mitzubringen,« dekretierte Dores. Und so geschah es. Das war für uns und die Kleine ein Festtag, als wir es von Kopf bis Fuß neu eingekleidet hatten. Auch Pelzmütze und Muff fehlten nicht. Nur das Gehen in Schuhen machte ihm einige Beschwerden, weil es solche ja nie getragen hatte. »Das Kind muß sich vorkommen wie im Paradies,« sagte der Schäng. Ich glaube, er hatte Recht.

Was soll noch viel zu berichten sein. Alles nimmt ein Ende. Auch unser Idyll. Der Dreikönigstag 1916 brachte die Entscheidung. Abmarsch. Es ging nach der Hölle von Verdun. Schon in aller Frühe ging Packen und Schirren los. Unsere Kleine saß in der Stube auf der Fensterbank und war mit ihrem Spielzeug beschäftigt. Wir hatten vereinbart, nachdem wir die Tante unterrichtet hatten, heimlich zu verschwinden, um den Abschiedsschmerz der Kleinen nicht sehen zu müssen. Aber mit dem feinen Instinkt des Kindes hatten wir nicht gerechnet. Mit angstvollen Augen sah es unseren Vorbereitungen zu, wurde unruhig und stellte sich schließlich zu uns in die Stube. Es mochte ahnen, daß Außergewöhnliches vor sich ging und daß wir fortgehn könnten. Was mochte sich in dieser armen Kinderseele in diesem Augenblick abspielen?

An ein heimliches Verschwinden war also nicht mehr zu denken. Weshalb wir dem Kinde tröstend zusprachen und versicherten, bald wiederzukommen. Vergebens. Als wir im Begriff waren, das Haus zu verlassen, raffte die Kleine schnell noch einige Spielsachen zusammen, und diese in ihre Aermchen gepreßt, lief sie laut schreiend hinter uns her. Fiel hin auf dem Glatteis, raffte sich wieder auf, wieder laufend und laut rufend: »Dores, Schäng, Louis«. Es war herzzerreißend. Wir wagten nicht uns umzuschauen.

Die Tante kam, nahm die sich heftig Sträubende auf den Arm und ging zurück. Noch lange hörten wir die Schreie: Schäng ... Dores ... Und dem dicken Wachtmeister aus Gladbach rollten die Tränen herunter. Wir bissen die Zähne zusammen und dachten: Es ist Krieg. Unser Polenkind sahen wir niemals wieder.

Wilhelm Noven, kaufm. Angestellter, Köln.

Verbotene Freundschaft

Ich möchte Ihnen ein kleines Erlebnis aus meiner Jugendzeit während des Krieges erzählen, als ich in einem kleinen thüringischen Bauerndörfchen war. Ich war damals sieben bis acht Jahre alt, als ich von der Schule aus zur Erholung aufs Land kam, zu einer kleinen Bauernfamilie. Der Bauer selbst war im Felde, die junge Frau und die alten Eltern waren dem kleinen Gute anvertraut geblieben. Zur Hilfe der landwirtschaftlichen Arbeit hatten sie einen gefangenen Franzosen, so viel ich weiß, wurde er Marso (Marcel?) gerufen.

Er konnte kein einziges Wort deutsch sprechen. Eines Tages fuhren wir mit zwei Fuhrwerken, Marso und Großvater, in den Wald um Holz zu holen. Als wir an dem Lagerplatz angelangt waren, lud Marso seinen Wagen mit großer Geschnelligkeit voll. Großvater, dem es schwer fiel, die großen Holzstücke aufzuladen, hatte kaum seinen Wagen halb bedeckt. Als Marso fertig war, wandte er sich zu Großvater und schlug ihn mit der Hand auf die Schulter. Großvater ließ vor Schrecken das Holzscheit fallen. Marso aber lachte und fing mit großer Geschnelligkeit an, den anderen Wagen voll zu laden. Als Großvater ein anderes Holzscheit nehmen wollte, nahm es ihm Marso wieder aus der Hand und führte ihn auf die andere Seite und stellte ihn wider einen Baum, so daß er Marso zusehen konnte. Als nun der zweite Wagen voll geladen war, machten wir uns auf den Heimweg. Kaum waren wir einige Minuten gefahren, als es anfing zu regnen. Der Regen setzte nun so stark ein, daß wir bald durchnäßt waren. Marso sah, daß es mich vor dem Regen schauerte. Er zog seinen Rock aus und zog mir ihn an. Dann setzte er mich auf den vollgeladenen Wagen. Er aber ging hemdsärmlich neben dem Fuhrwerk her. Als wir zu Hause ankamen, hob er mich von dem Wagen und trug mich in die Küche. Dort setzte er mich auf einen Stuhl und trocknete mich ab. Dann erst zog er seinen alten Rock an und spannte die beiden Kühe aus.

Am andern Morgen erhielt ich von meiner Mutter einen Brief, welcher auch Geld enthielt. Das Geld war für die Butter, die ich nach Hause geschickt hatte und ich sollte es der jungen Bauersfrau geben. Als ich ihr es geben wollte, stand grade Marso neben ihr. Sie aber nahm mir das Geld nicht ab, sondern sagte zu mir, ich sollte es, wenn ich nach Hause käme, in der Schule als Kriegsanleihe zeichnen. Marso sah mich mit tiefen Augen an, aber er verstand es nicht und er kaute an einem Strohhalm weiter. Ich aber betrachtete mir Marso und empfand, daß ihm etwas fehlte, auch war er den ganzen Morgen sehr bedrückt. Am Mittag kam mir der Gedanke, daß ich Marso eine kleine Freude tun müßte, da er mir doch gestern auch so gut war. Ich eilte zu dem Krämer und holte ihm fünf Zigaretten. Als ich nach Hause kam, stand er grade unter der Haustür. Ich gab ihm die Zigaretten. Diesen Moment, als ich ihm die Zigaretten gab, werde ich in meinem ganzen Leben nie vergessen, denn Marso standen die Tränen in den Augen.

Aber das Unglück wollte es, daß zu diesem Moment die junge Bauersfrau dazu kam, sie sah es und frug mich, warum ich Marso Zigaretten gekauft hätte? Worauf ich ihr das erzählte, daß er gestern so gut zu mir gewesen wäre und daß ich ihm dafür die Zigaretten gekauft hätte. Sie aber schimpfte mich und sagte, unsere deutschen Soldaten hätten im Felde auch nichts zu rauchen und es wäre angebrachter gewesen, die Zigaretten in einem Brief an meinen Vater zu schicken, der doch auch im Felde wäre. Sie gab mir das Geld für die Zigaretten wieder zurück. Marso, der dabei gestanden hatte, verstand wohl kein Wort, aber er mußte doch gefühlt haben, was die Bauersfrau zu mir gesprochen hatte. Von nun an verbot mir die Bauersfrau, daß ich weiterhin mich in seiner Nähe aufhalten dürfe.

Endlich rückte nun der Tag heran, da ich wieder Abschied nehmen mußte. Es war wieder ein Tag, an dem es regnete. Als ich meine Sachen packte, stand Marso in der Tür und schaute mir traurig zu; die Bäuerin ging gerade mit einer Futterschüssel hinaus, um die Hühner zu füttern. Diesen Moment paßte Marso ab, er griff in die Tasche und zog einen großen Butterstollen heraus und steckte ihn geschwind unter meine Sachen. Er wandte sich um und griff schnell in die Ecke, wo das Reisigholz lag, zog ein Feldpostpäckchen mit zehn Eiern hervor und steckte mir dasselbe auch noch dazu.

Dann begleitete er mich zur Bahn, denn er mußte mir den Koffer tragen. Der Bahnhof lag gerade am Ende der Straße. Als wir vor dem Bahnhof standen und mir Marso den Koffer geben wollte, fing er an zu weinen. Ich griff in die Tasche und wollte ihm mein Geld, das ich noch hatte, geben. Aber er wehrte ab. Schnell entschlossen ging ich in die Bahnhofswirtschaft und holte ihm eine große Schachtel Zigaretten und gab sie ihm. In diesem Moment fuhr der Zug auch schon in dem Bahnhof ein, ich drückte ihm schnell noch einmal die Hand, und eilte durch die Sperre und stieg in den Zug ein. Kaum hatte ich Platz genommen und sah zum Fenster hinaus, als sich der Zug in Bewegung setzte. Marso stand an der Sperre und winkte mir mit einem Taschentuch, bis wir uns nicht mehr sehen konnten. Aber oft gedenke ich heute noch dieser treuen Freundschaft.

Bis heute hatte ich dieses kleine Geheimnis noch keinem meiner Familienangehörigen erzählt. Denn meine Eltern hatten mich streng erzogen, und wenn ich damals dieses kleine Erlebnis erzählt hätte, so hätte ich sicher eine Tracht Prügel abbekommen. Denn meine Mutter frug mich, ob ich auch das Geld der jungen Bauersfrau gegeben hätte, welches ich damals mit einem lauten Ja beantwortet hatte.

Willy Knof, Kellner, Frankfurt a. M.

Auch ein guter Feind

Acht oder neun Jahre war ich alt, als mich meine Mutter mitnahm zum verbotenen Hamstern auf dem Lande. Ich freute mich immer auf diese Sonntage, die in kindlichem Spiel mit Hühnern und Kühen und Misthaufen allzuschnell vergingen. Zuweilen beschmutzte ich mich in den spinnverwebten Ställen und roch nach Jauche. Die Bauernfrauen lachten gutmütig, und meine Mutter putzte mich schimpfend sauber.

Wir mußten sehr vorsichtig sein beim Zurückbringen der Lebensmittel. In einem feldgrauen Säckchen aus Abfällen von Soldatenmänteln, welche meine Mutter manchmal nähte, stak eine blecherne Milchkanne. Diese Verhüllung erscheint mir heute lächerlich, unnötig; denn jedem, der sehen wollte, offenbarte sich sein Inhalt. Oft hatte sie noch dazu einen mit braunem Packpapier umwickelten Schuhkasten unter den Arm geklemmt, in welchem sorgfältig einzeln in alte Zeitungen mit Siegesnachrichten eingesargte Eier ihrer Verspeisung harrten.

Wenn ein Polizist aus der Kreisstadt auf dem Bahnhof stand, nahm mich meine Mutter fest bei der Hand und ging schnell mit mir zum Bahnhof des Nachbardorfs. Manchmal allerdings waren alle Bahnhöfe besetzt mit Polizisten und Landsturmleuten. Dann kam nur derjenige noch durch die Sperre, der gut lügen und schwindeln konnte.

Gewöhnlich aber stand der einheimische Ortspolizist am Bahnhof. Ich weiß nicht mehr, ob er groß oder klein, dick oder dünn war, auch seine Züge sind mir heute unbekannt. Nur zwei Dinge haben die Jahre überdauert: sein langer Säbel in der glänzenden schwarzen Scheide, den ich mehr als Eier, Butter und Milch begehrte, und den ich einmal zu tragen wünschte. Ich glaubte an diesen Säbel wie andere an einen Götzen. Aber meine Mutter zeigte gar kein Verständnis für meine Sehnsucht.

Und das andere, das unauslöschlich in mir schlummert ist die Tatsache, daß jener Ortspolizist mit dem schönen langen Säbel ? nichts sah. Gegen seinen Befehl, die sonntäglichen Hamsterer aufzuschreiben und die Rucksäcke voll Kartoffeln und die Kartons voll Eier und die Kannen voll Milch zu beschlagnahmen ? er sah Nichts. Er sah leer in die Ferne, aus welcher das schwache Licht des übervollen Bummelzuges herankriechen mußte oder sprach gelangweilt gleichgültig mit dem rotbemützten Stationsvorsteher.

Aber er sah sehr genau in die eingefallenen, knochigen Gesichter der Frauen, deren schmale Rücken sich krümmten unter der Last des mühsam Erbettelten; er sah die blassen Gesichter der Stadtkinder und die zitternden, adrigen Hände schüchterner Greise. Er sah sie, die seine »Feinde« sein mußten ? weil ein Gesetz es wollte. Und er wurde ihr Freund, indem er sich verging gegen dieses Gesetz.

A. Kehr, Bankangestellter, Preungesheim.

Das Kind

Ich stand im Sommer 1917 als Vizefeldwebel der 12. Komp. Res. Inf. Regt. 28 bei Hulluch (Lens) an der Front. Schweigend strebten wir ? graue Gestalten im grauen Reich ? dem Dorf Provin zu, wo wir nun einige Tage essen, schlafen und uns erholen konnten, um dann wieder zur Front zurückzukehren, die hinter uns tobte und wetterleuchtete wie eine Hölle.

Und wieder trat ich in das kleine Häuschen, den letzten unsicheren Besitz der biederen Madame Vasseur, für eine kurze Spanne Zeit wieder aufgetan, etwas wie Heimat und Familie um mich zu spüren, wieder begierig auf das helle Lachen der kleinen Palmyre und mich schon freuend, mit dem munteren fünfjährigen René umherzutollen wie ein Kind. Aber an diesem Morgen grüßte Madame mit finsterer und gramvoller Stirn, und selbst auf dem rundlichen Mädchengesicht Palmyres lag ein tiefer Schatten. Ich dachte zuerst nichts anderes, als daß dem Vater der Familie, dem Musikus Emile Vasseur, der in besseren Tagen mit seiner Fiedel durch die Dörfer zog, jetzt aber irgendwo auf der »anderen Seite« im Feuer stand, etwas zugestoßen sei. Aber auf meine Frage erzählte Mutter Vasseur mir unter Tränen von dem Unglück des armen, kleinen René.

Er hatte, weiß Gott wo, die Sprengkapsel einer Handgranate gefunden und auf dem glänzenden Ding mit einem Stein herumgeklopft, bis sich die Ladung plötzlich entzündete und ihm das linke Händchen fast völlig wegriß. Ein Militärarzt verband die Wunde, und nun befand sich René schon einige Tage in Lille in einem französischen Krankenhaus. So saßen denn Mutter und Schwester des Armen traurig da. Denn da sie infolge der von der deutschen Militärbehörde angeordneten Verkehrsbeschränkungen das Dorf nicht verlassen durften, konnten sie den kleinen Verwundeten nicht besuchen und erhielten auch keine Nachricht über sein Schicksal.

Ich war von diesem Mißgeschick, da ich ja auch nichts ändern konnte, sehr betroffen. Das Kind war mir in den kargen Tagen unseres Zusammenseins ans Herz gewachsen, ja, jetzt sah ich eigentlich zum ersten Male, daß sein sorgloses unbewußtes Dasein und all die wichtigen Kleinigkeiten, die seinen langen Kindertag ausfüllten, mir eine schönere Gegenwelt zu dieser Welt des Mordens bedeutete, das meine Kraft und selbst meine Enttäuschungen stumpfer und stumpfer gemacht hatte. Und so ließ mir denn der Gedanke an den kleinen René, nachdem die Tage der Erholung diesmal in freudloser Bedrückung vergangen waren, auch in der Front des Grabenkrieges vor Hulluch keine Ruhe. Ich sann und grübelte in meinem Unterstand, wenn mir der Tommy gerade Zeit ließ; und eines Nachts im Graben faßte ich den Entschluß, in der kommenden Ruhepause von Provin nach Lille zu fahren und nach meinem kleinen Freunde nachzuschauen.

Als ich eine Woche später zu Mutter Vasseur ins kleine Häuschen trat und ihr erzählte, daß einer meiner liebsten Kameraden im Feuer geblieben sei, schaute die sonst so warmherzige Frau mich nur einmal mit großen fernen Augen schweigend an. Kaum daß sie unmerklich nickte. Als ich ihr aber von meinem Plan eines Besuchs in Lille sprach, kam plötzlich Leben in ihre furchtbare Erstarrung, und unter einem hingestammelten Dank rüstete die Beglückte schon alles, was sie ihrem Kinde in den Stunden der Hoffnungslosigkeit wohl tausendmal vergebens zugedacht. Im Nu standen eine Tüte Waffeln, ein Päckchen Zucker und geringes Spielzeug sorgfältig zugeschnürt bereit ? das Letzte, was die Armut noch zu opfern hatte. Dann fuhr ich mit dem Segen der schluchzenden Frau nach Lille. Dort kaufte ich selbst noch ein paar Aepfel und ein Bilderbuch dazu; und bald ging ich an der Seite einer Krankenschwester durch die weltabgewandten Säle des Hospitals, das den unglücklichen kleinen Patienten aufgenommen hatte.

Noch glitten meine Augen suchend über die kleinen armen Bettchen in dem geräumigen Kindersaal mit sehr viel wachsgelbem und bleichem Elend, voll Erwartung, ob René mich auch wiedererkennen würde ? da plötzlich brach ein jubelnder Aufschrei in die Stille: Willy!!

Und da: mit ausgebreiteten Aermchen, leuchtendem Gesicht, den Mund zwischen Lachen und Weinen krampfhaft geöffnet, stand René aufgerichtet in seinem Bettchen, als wollte er dem Schrei nachstürzen in den Raum. Ehe ich noch, dem der unsagbare Laut dieses Rufes die Kehle zuschnürte, ein Wort geformt hatte, hing der Kleine an meinem Halse und weinte schluchzend und hemmungslos. Manch gräßliche Verwundung eines Kameraden hat mich nicht so erschüttert wie der Jubel und die strömende Klage dieses Kindes, in dem alles, was Nicht-sprechen-können und Scheu verhärtet hatten, nun langsam hinschmolz.

Ohne daß jemand ihn hätte trösten müssen, wurde René dann wieder ruhiger und hörte stumm, aber mit unersättlichen Augen dem großen Freunde zu, der ihm von seiner Mutter erzählte. Und als ich dann endlich gehen mußte ? die Kuchen und das Spielzeug sah René kaum an ? folgte mir der Kleine merkwürdig still und klaglos mit dem Blick, solange er konnte.

Ich sah ihn nie wieder. Nicht ihn, noch seine Mutter oder Palmyre. Als wir das nächstemal von Hulluch abgelöst wurden, ging es, vorüber an dem noch schlafenden Häuschen der guten Madame Vasseur, in die Flandernschlacht.

Dr. Wilhelm Martin Esser, Köln.

Der Neunjährige schreibt:

Eine Geschichte aus dem Weltkrieg. Vor zwölf Jahren war der Weltkrieg. Da haben die Menschen vier Jahre lang einander Beine, Arme und Köpfe weggeschossen. Aber einmal sind in Rußland ein paar gute Menschen bei einander gewesen. Da hat ein Russe zu den Deutschen herüber gerufen: He, Kamerad, Zigarr, Zigarett? Und da rief der Deutsche hinüber: Brot, Weißbrot, Schwarzbrot! Da kam der russische Soldat herüber und brachte einen Laib Brot, die Deutschen aber schenkten ihm Zigarren dafür. Aber als es der Hauptmann erfuhr, da mußten sie mit Kanonen wieder auf die Russen schießen und die Freundschaft war aus.

Mitgeteilt von Hauptlehrer Ammer, Fluorn/Württ.

Fair play

Wehrlos

Wir flogen im April 1918 über Bapaume in einer Höhe von etwa 2500 Meter, als Schutz für ein Aufklärungsflugzeug, dessen Beobachter photographische Aufnahmen der gegnerischen Artilleriestellungen und Etappen zu machen hatte. Wir hielten uns etwa 200-300 Meter höher als das uns zum Schutz anvertraute Flugzeug. Ueber uns zogen einige Kumuluswolken, die nicht selten von Jagdfliegern als Deckung benutzt wurden, und es empfahl sich, ein besonders wachsames Auge auf diese gefährlichen Verstecke zu haben. So ein Ueberfall aus einer Wolke ging sehr schnell vor sich, und Brandmunition wurde hüben und drüben geschossen. Manches Flugzeug war schon vor unseren Augen brennend abgestürzt. Wir waren schon ziemlich weit nach Westen gekommen, die Front lag weit hinter uns, und rings um uns platzten die Geschosse der gegnerischen Fliegerabwehr. Wir stiegen höher.

Da ? schon taucht aus dem Wolkenberg vor uns ein blau-weiß-rotes Riesenpfauenauge hervor, kippt, und deutlich steht die Garbe des Maschinengewehrfeuers mit den feinen Rauchspuren der Brandmunition in der klaren Luft. Sie liegt links. Mein Gewehr rattert, die Garbe liegt gut, der Feind macht eine Wendung, kommt tiefer und bleibt dann auf einer Höhe mit uns. Ich habe schlechtes Ziel, die rechte Tragfläche verbirgt den Engländer, der nun von rechts angreift. Ich lasse den Führer links wenden, um den Feind wieder ins Korn zu bekommen. Da ? zwei, drei Schüsse ? Ladehemmung.

Nun ist der Tommy hinter uns, jagt uns vor sich her. Sowie wir wagen, eine Wendung zu machen, prasseln die Schüsse dicht an uns vorbei. Die Ladehemmung ist beseitigt, der Gegner ist etwas höher gestiegen. Ich habe gutes Ziel. Ohne Unterbrechung knattert mein Maschinengewehr, aber auch der Gegner beginnt wieder zu feuern. Seine Garbe liegt nur eine Idee zu hoch. Bei mir erneute Ladehemmung. Sie läßt sich nicht beseitigen, das Schloß klemmt, ist wie angeschweißt.

Der Engländer zieht eine elegante Kurve, ? fliegt parallel zu uns, und beobachtet interessiert meine vergeblichen Bemühungen, das Gewehr in Ordnung zu bringen. Nun macht er eine Bewegung, die deutlich zu verstehen gibt: »Mit Wehrlosen kämpfe ich nicht«, zuckt die Schultern, winkt herüber und sackt im Sturzflug ab. Fair play.

Bruno Gutensohn, München.

Der Reiter

Bei dem großen Durchbruchsversuch der Franzosen nördlich von Arras am 9. Mai 1915 wurde ich im vordersten Graben bei Notre Dame de Lorette schon zu Beginn der Schlacht verschüttet und geriet in französische Gefangenschaft. Mit schweren Quetschungen am ganzen Körper wurde ich von den Franzosen auf stundenlangem, qualvollem Marsch durch Sappen und Gräben hinter die französische Front zurückgeschleppt und hatte am Ende dieses merkwürdigen Tages ein seltsames Erlebnis, das ich hernach wie folgt in meinem Tagebuch verzeichnete:

Es war Nacht, als ich zwischen den beiden Franzosen auf der Dorfstraße dahinhumpelte. Sie hatten den Befehl, mich zum Quartier des Divisionsstabes zu bringen, wo über mein weiteres Verbleiben entschieden würde. Wir kamen auch bald zu einem einfachen Landhaus, wo die Franzosen Halt machten. Schon wieder zu Tod ermüdet, setzte ich mich auf die Treppe, die zur Haustür hinaufführte. Kaum hatte ich mich niedergelassen, als eine Schar Berittener im Dunkel heransprengte und ebenfalls anhielt. Die Leute sprangen ab; drei oder vier Mann, die ich in der Nähe als Stabsoffiziere erkannte, kamen raschen Schritts auf das Haus zu. Ich wollte mich erheben, sie winkten mir jedoch zu, ruhig sitzen zu bleiben und gingen dicht an mir vorbei ins Haus.

Der letzte von ihnen drehte sich noch in der Türe um und richtete an meine Begleiter eine kurze Frage, die anscheinend mich betraf. Dann rief er einen der Reiter, der sein Pferd am Zügel führend, herankam und erteilte ihm den Befehl, mich an einen Ort, dessen Namen ich nicht verstand, weiterzugeleiten. Der berittene Jäger schien über diese Weisung nicht sonderlich erbaut. Er trat zu seinen Kameraden zurück, und ich hörte, wie sie sich eingehend über die Angelegenheit berieten. Es war die Rede von vier Kilometern Weges, die noch zurückzulegen waren. Ich bedachte meinen Zustand und war innerlich verzweifelt. Wie sollte ich, der mit verschlagenem Körper und hochgeschwollenen, bei jeder Bewegung gräßlich schmerzenden Beinen jeden Augenblick ganz zusammenbrechen konnte, vor der drohenden Lanze eines Berittenen her noch kilometerweit zu Fuß marschieren!

Da kamen die Chasseure, alles prachtvoll stämmige Kerle, auf den nächstliegenden, aber unter diesen Kriegsverhältnissen doch ganz wunderbaren Einfall. »Du wirst ihn auf deinem Pferd transportieren«, hörte ich einen aus der Gruppe lachend rufen. Und gesagt, getan! Schon fühlte ich mich von vielen festen Fäusten gefaßt und auf das schlanke hochgesattelte Pferdchen gehoben. Sie gaben mir die Zügel in die Hand und steckten meine Stiefel in die Steigbügel. Obwohl mir dies fürchterliche Schmerzen verursachte, biß ich die Zähne zusammen und schwieg. Denn ich war bis aufs tiefste gerührt. Der Franzose, der den Gefangenen wie ein Stück Vieh vor seiner Lanze hätte hertreiben und schließlich niederstoßen können, faßte leicht an die Zügel seines Pferdes, ging zu Fuß neben mir her, und ich ritt schwankend hinein in das nächtliche Land ...

Wilhelm Stumpp, Kaufmann, Frankfurt a. M.

Feierliche Verneigung

Im Oktober 1916 wurde um Stellungen südlich von Kowel erbittert gekämpft. Gräben verwandelten sich zum Trichterfeld. Tote lagen überall. Verwundete vom letzten russischen Angriff starben im Vorgelände. Einen hörten wir, wenn es ein wenig ruhig war, nach zwei Tagen immer noch stöhnen. Er mußte in der Nähe unseres halbeingeschossenen Stollens liegen. Suchen konnte ihn keiner, Tag oder Nacht, immer fegten russische Maschinengewehrgarben dicht über unsere Trichterränder. Wir sollten diesmal so niedergehalten werden, daß der nächste Sturm zum Erfolg führen mußte.

»Raus, sie kommen.« Viele waren nicht mehr in unserem Stollen, denen diese Erlösung zugeschrien wurde. Jeder stürzte nach oben, warf sich ins nächste Granatloch, Totenstille herrschte in unserem Abschnitt. Nur zwei riesengroße russische Soldaten schritten langsam auf unsere Gewehrmündungen zu.

Jetzt, als alle Nerven Feuer verlangten, in einem Trichter- oder Leichenfeld, das seit Wochen nur Schießen und Handgranatenwerfen kannte, war es für uns nahezu unmöglich, nicht loszuknallen. Die beiden Russen, keine Sanitäter, umgingen prüfend Tote oder schritten vorsichtig über Gefallene. Sie suchten nach dem noch lebenden Verwundeten. Ungefähr vierzig Meter vor uns hielten sie neben einem Granattrichter, nahmen den Unglücklichen auf und dankten uns durch feierliche Verneigungen.

Dann schleppten sie ihre Last zurück und verschwanden im russischen Graben. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als die beiden breiten erdbraunen Rücken nicht mehr zu sehen waren. Sprachlos staunten wir über den Mut der beiden Männer, die sich bei einer derartigen »Nix-pardon«-Stimmung vor die feindlichen Gewehre gestellt hatten, um ihrem Kameraden vielleicht noch das Leben zu retten. Wir waren aber auch stolz, daß in unserem ganzen Abschnitt keinem die bös zusammengetrommelten Nerven und das Gewehr durchgingen.

Kurt Pantlen, Kaufmann, Hornberg/Schwarzwald.

Seeleute

Nie im Leben werde ich den 12. Juli 1917 vergessen. Während der Reise die ganzen Tage balkendichter Nebel, die Orientierung auf See ist unmöglich, aber der Befehl muß ausgeführt werden. Wir müssen zu bestimmter Stunde an der Hafeneinfahrt die Minen legen. Es heißt immer: Morgenstund hat Gold im Mund. Mir brachte sie aber am erwähnten Tage die Strandung mit einem Unterseeboot, und zwar an der Ostseite der Shipwash-Bank. Und wie es der Deubel will, als wir festgeraten sind und der Steven des Bootes trocken liegt, das Wasser fiel, es war Ebbzeit, wird die Luft hell und klar, und die englischen Kriegsfahrzeuge fahren an der Westseite Shipwash -Bank. Natürlich sind wir sofort entdeckt, und für uns sieht die Sache nicht gemütlich aus; ca. fünfzehn Kriegsfahrzeuge gegen ein Unterseeboot, welches kampfunfähig ist. Allerdings wir hatten die Sonne im Rücken (Sonnenaufgang); andererseits konnte der Engländer die Sandbank nicht überqueren, da seine Fahrzeuge zu tief gingen. Bei uns wurde an Bord emsig gearbeitet, um das U-Boot wieder flott zu bekommen.

Inzwischen geht auf dem Führerschiff das Flaggensignal hoch: Zeigen Sie Ihre Nationalflagge! Ungefähr zwanzig Minuten wehte das Signal. Mit dem Leben hatten wir abgeschlossen, und Formalitäten waren uns in diesem Augenblick ein Buch mit sieben Siegeln; für uns hieß es: raus aus den Maschinen, was raus will, damit die Schrauben voll rückwärts arbeiten. Vorsichtsmaßregeln für Ueberlastung der Maschinen und elektrischen Anlagen wurden nicht beachtet; die Zeiger der Manometer lagen weit über dem roten Strich. Das Boot bewegte sich endlich.

Dies muß auch der Gegner bemerkt haben, denn jetzt erst gab das Führerschiff in Abständen von etwa fünf Minuten drei blinde Schüsse.

Nach einer Viertelstunde war unser Boot flott. Jetzt erst wurde vom Führerschiff mit drei Geschützen auf uns geschossen, aber die Granaten trafen uns nicht; wie erwähnt, lagen wir als sein Ziel im Sonnenlicht und somit ungünstig als Zielobjekt für den Engländer. Und erst als wir mit unserem Geschütz das Feuer erwiderten, ließ das Führerschiff seine vierzehn Begleitschiffe mit in den Kampf eingreifen. So waren die Engländer!

Inzwischen versuchten sie die Bank zu umfahren. In dieser Zeit waren wir auf tiefes Wasser gelangt und tauchten unter, denn unser Endziel, ein Minengürtel vor der Hafeneinfahrt, mußte erreicht werden. Als wir so auf dem Meeresgrund lagen, waren inzwischen die Engländer immer nähergekommen; dies konnte man gut hören, da Wasser ein guter Geräuschleiter ist. Sogar über uns hörten wir Schraubengeräusche, also waren die Engländer schon verdammt bei uns. In unserem Boot war alles mäuschenstill, so daß der Feind trotz seiner präzis arbeitenden Unterwasser-Horchapparate unseren Standort nicht einpeilen konnte, um uns entweder wie ein Fisch in einem Netz zu fangen oder mit Wasserbomben zu vernichten. Aber durch die Detonation der Bomben konnten wir feststellen, daß die Feinde immer weiter von uns manövrierten; somit war für uns die schlimmste Gefahr vorbei. Bei Dunkelwerden tauchten wir auf; zwar hatte die Maschinenanlage durch Ueberlastung gelitten und der elektrischen Maschinenanlage war die Puste ausgegangen, aber trotzdem erreichten wir den Heimathafen Brügge.

Selbst im Kriege ist wie in meinem Falle der Engländer wirklich Gentleman gewesen. Mein Boot war, solange es kampfunfähig war und die Nationalflagge nicht gesetzt hatte, für ihn kein Gegner, mit dem er den Kampf aufnehmen wollte. Denn hätte der Engländer uns gleich beim Insichtkommen angegriffen ? es wäre von uns nichts übrig geblieben ? vielleicht nur das Wort: »verschollen« ? oder »U. C. 14 von Fernfahrt nicht zurückgekehrt«.

Rudolph Fischer, Kapitän, Hamburg.

Die Uhr

Winterschlacht in Masuren. Es war in der Nacht vom 4. zum 5. Februar 1915. Die Kompagnie hatte am Tage das zerstörte Schirwindt durcheilt. Auf der Verfolgung hinter den Russen. Tiefer Schnee bedeckte den Boden und hemmte den Marsch. Wir liefen mit durchfrorenen Gliedern, ohne Bagage und ohne Feldküche, die irgendwo im Schnee stecken geblieben war. Und deshalb ohne Verpflegung. Da wurde durch den Hunger der Marsch zur Höllenqual. Der Druck suchte ein Ventil: die Wut auf die fliehenden Russen.

Die Kompagnie marschierte in der dunklen Nacht. Die Spitze stieß auf ein Gehöft. Die Kompagnie stürzte auf die unversehrten Häuser. Sie luden ein zum Requirieren. Der Hunger war groß.

Am Eingang eines der Häuschen standen wir verdutzt stille. Denn die verdutzte Kompagnie überraschte einen gleichfalls verdutzten Regimentsstab mit Stabswache eines russischen Infanterieregiments. Sie glaubten sich hier im Schutze der russischen Gewehre. Es fiel kein Schuß. Die Russen streckten beim Eindringen der maroden und durchfrorenen Deutschen die Hände hoch. Dann begann das Requirieren. Es brachte wenig ein.

Der jüngste Kriegsfreiwillige der Kompagnie, ein noch nicht sechzehnjähriger stämmiger Bursche und ein böses Rauhbein setzte seine letzte Hoffnung auf die Taschen des russischen Obersten. Er fand ein wenig Schokolade. Sonst nichts. Und da fiel ihm ein: eine Uhr hatte er gefühlt. Und eine Uhr brauchte er.

Kameraden umstanden die Gruppe. Der Junge versuchte dem alten Offizier seine Forderung klarzumachen. Es gelang nicht. Schließlich riß er die Uhr aus der Tasche des Obersten. Es war eine gewöhnliche silberne Felduhr. Der Offizier protestierte erregt und forderte sein Eigentum. Und erhielt einen Schlag ins Gesicht als Antwort.

Das junge Rauhbein verschwand. Der Oberst stand niedergeschlagen, traurig fast, nicht empört in der Gruppe der verlegenen deutschen Soldaten. Denn alle schämten sie sich.

Da trat aus der Gruppe ein alter Reservist, Bergmann aus dem Ruhrgebiet, das Gewehr um den Hals gehängt, den einen Fuß im Russenstiefel, den anderen im deutschen Schnürschuh. Mit steifen Fingern riß er den patronenbeschwerten Mantel auf, nestelte seine Uhr aus der Tasche. Er stand stramm und drückte dem russischen Obersten mit einer radebrechenden Entschuldigung die Uhr in die Hand.

Dann machte er kehrt und sprang in die Nacht. Er suchte und fand unser junges Rauhbein. Die Schreie bewiesen es. Beide sind am 14. Februar 1915 bei Makaczie gegen die Russen gefallen.

Kurt Winkler, Barmen.

Es war nur ein Neger ...

Am 20. August 1918 drückten die Franzosen in der Nähe von Soissons einen hufeisenförmigen Bogen in die deutsche Front. Nachdem wir unsere Bomben und Minen auf eine in einem Wäldchen in Bereitschaft liegende Kolonne abgeworfen hatten, dachten wir ans Umkehren. Ueber uns zog eine feindliche Jagdstaffel, aus der sich bereits einige Maschinen loslösten, um auf uns herabzustoßen. Ein mörderisches Flak- und M. G.-Feuer empfing uns von unten. In tollen Kurven suchte ich meine Rettung.

Plötzlich ließ ein Ruck die Maschine erzittern. Wir flogen durch Feuer und Rauch. Der Motor kotzte einigemale und stand still. Ueber dem Wäldchen, das wir vor kurzem mit Bomben bewarfen, riß ich nochmal am Steuerknüppel. Maschine bäumte sich auf und setzte krachend mitten in einem Drahtverhau auf den Boden. Wir arbeiteten uns aus dem Trümmerhaufen, von den Fliegern noch dauernd beschossen.

In dem nahen Wald empfingen uns Franzosen und schwarze Soldaten. Trotz unserer Verletzungen trieben sie uns mit Kolbenstößen vorwärts. Wütend zeigten sie uns Tote von unseren Bomben. In einer Talmulde stießen wir auf einen Trupp deutscher Gefangener. Nach kurzem Verhör wurden wir an die Spitze gestellt und weiter ging es, der sinkenden Sonne zu.

Ein englischer Offizier, den Browning in der einen und den Stock in der anderen Hand, jagte die schwarzen Posten, die sich ängstlich bei jeder Detonation der nahe einschlagenden deutschen Granaten zu verkriechen suchten, wie Hunde um den in Unordnung geratenen Gefangenentransport. Im Laufschritt von Granatloch zu Granatloch strebte ich in der angegebenen Richtung einer mit Gestrüpp vertarnten Artilleriestellung zu. Hinter mir ein kleiner, untersetzter schwarzer Posten.

Ueber sein blauschwarz glänzendes Gesicht rann der Schweiß. Seine dicken Lippen schnaubten unverständliches Kauderwelsch. Vielleicht betete er. Wir lagen in einem Granatloch beisammen. Als ich eben heraus wollte, rief er mir zu: » Doucement!« Im gleichen Augenblick zischte und fauchte es heran; gewaltiger Luftdruck warf mich zu Boden. Ein Regen von Steinen und Erdbrocken ging auf uns nieder. Ich spürte einen dumpfen Schlag im Nacken und wußte nichts mehr von mir, für die nächsten Minuten wenigstens. Dann klang es wie aus weiter Ferne an mein Ohr: » Aller en avant! Vite, vite!« Der Schwarze kauerte neben mir, hielt mir seine Feldflasche an den Mund und ermunterte mich, aufzustehen. Er wollte mir mit allen möglichen französischen Brocken verständlich machen, daß wir weiter müßten, weil die Feuerwelle immer stärker würde. Ich erhob mich mühsam und sah weiter hinten die übrigen deutschen Gefangenen und meinen Beobachter wieder dem Hohlweg zulaufen.

Als wir einen Schützengraben und einen kleinen Unterstand erreicht hatten, in dem bereits zwei deutsche Gefangene saßen, verband ich ihm mit meinem Verbandspäckchen den Arm, an dem er eine kleine Splitterverletzung hatte. Dann teilte er den Rest seines Rotweins aus der Feldflasche, ein Stück Büffelfleisch und Brot unter uns aus. Er selbst aß keinen Bissen. Hin und wieder klapperte er mit den Zähnen und ward wie vom Frost geschüttelt. Ich versuchte mich mit ihm zu verständigen, und es stellte sich heraus, daß wir beide gleich schlecht und recht die französische Sprache beherrschten.

Er war zwanzig Jahre alt und aus Tamatave auf Madagaskar. Sein Vater habe große Viehherden. Die Schwarzen seien nicht gern in den Krieg gezogen. Man habe ihnen eine weiße Frau und vieles andere versprochen. Nach vierwöchentlicher Ausbildung seien sie in die vorderste Linie gesteckt worden. Dann fragte er, ob das wahr sei, daß alle gefangenen Schwarzen von den Deutschen getötet würden? Am meisten Angst habe er vor der deutschen Artillerie. Dann wollte er den andern Bewohnern unsers Unterstands erklären, wie er mich aus dem Dreck herausgegraben und mir damit das Leben gerettet habe.

Da kam aber der nächste Trupp mit dem Offizier in den Graben gesprungen. Sofort hielt der arme Neger im Reden inne und kroch wie ein Hund zu dem Offizier hin, ihm seine Meldung zu machen. Als wir in der Nacht in ein provisorisches Gefangenenlager eingeliefert wurden, drückte mir der Schwarze im Vorbeigehn stumm die Hand ... Er war nur ein Neger!

Jos. Fuchs, Buchdrucker, Kempten/Allgäu.

Rasche Freundschaft

Es war am 10. Oktober 1918, in der Gegend von Romagne, und ich gehörte zur 10. Kompagnie des 1. Badischen Leib-Grenadier-Regiments No. 109. Es wurde mit Sperrfeuer eingesetzt von unserer Artillerie, die dicht über unsere Köpfe hinwegschoß. Jeder Schuß saß, und das kleine Wäldchen drüben wurde zusehends weniger. Alle sagten: »Da kann kein Mensch mehr drin sein«. Pünktlich um halb sieben stürmten wir auf das Ziel: eine alte zerschossene Baggermaschine auf der Anhöhe. Aber trotz des Sperrfeuers erhielten wir aus dem Wäldchen gut gezieltes Maschinengewehr-Feuer. Von etwa sechzig erreichten nur sechszehn das Ziel. Der Graben war leer.

Bis halb zwölf geschah nichts. Plötzlich setzte ein Trommelfeuer von drüben ein, und wir wußten sofort: Jetzt kommt der Gegenangriff. Ich war mit meinem Kameraden Sattler in einem Loch, das gerade Platz für uns beide bot. Um 12 Uhr hörte das Feuer plötzlich auf, und in unserem Graben lief alles ratlos durcheinander. Von links kamen die 40er und riefen: »Sie kommen, sie kommen!« Man hörte sie von drüben anstürmen. Ein Zurück war gänzlich ausgeschlossen, sie hatten uns eingekreist ? also was tun? Koppel abschnallen ? ergeben!

Ein baumlanger amerikanischer Soldat springt über unsern Graben ? dreht sich um ? sieht Sattler und mich in dem Loch hocken ? legt an ? schießt und trifft Sattler in den Hals. Ich springe hervor ? hebe die Hände hoch und rufe nur: »Kamerad! Kamerad!« Er läßt das Gewehr sinken und kommt in den Graben. In der einen Hand halte ich eine Parabellumpistole, die ich kurz vorher gefunden hatte und in der anderen Hand mein Koppel mit dem Brotbeutel. Der Amerikaner hatte wohl jetzt ebenso viel Angst wie ich und legte wieder langsam auf mich an. Ich streckte die Pistole vor ? es war kein Schuß darin!

Er kommt näher, das Gewehr an der Backe. Ich lehne an der Grabenwand, und mit der vorgestreckten Pistole bedeute ich ihm, daß ich jeden Augenblick abdrücken kann. Ich rufe: »Kamerad«. Er bedeutet mir, daß ich die Pistole wegwerfen soll. Ich tue dies, und sofort läßt er das Gewehr sinken und wir gehen auf einander zu. Er reicht mir seine Hand und hält meine lange fest. Ich zeige ihm den Kameraden Sattler. Er gibt uns Zeit zum Verbinden der Wunde und hilft selbst mit. Dabei küßte er die Hand von Sattler.

Inzwischen war die Welle der Amerikaner über uns hinweg. Wir waren in Feindeshand. Der Amerikaner bedeutete uns, wir sollten mit nach hinten. Er machte Meldung bei seinem Kompagnieführer, drückte uns beiden die Hand, schenkte uns Zigaretten und bewirtete uns mit allem, was zu erreichen war. Besonders um Sattlers Wunde kümmerte er sich sehr. Er entschuldigte sich immer wieder bei Sattler, der große Schmerzen hatte und der ihn nicht verstand. Ebenso freundlich kam uns der Kompagnieführer entgegen. Er sagte gebrochen deutsch: »Haben Sie ein Bedenken for mich?« (Andenken). Ich gab ihm ein 25-Pfennig-Stück und einige andere Münzen; und meine Uhr wollte er so gerne haben. Für jedes einzelne Stück gab er uns jedesmal etwas anderes als Gegengeschenk.

Nun sahen wir erst, was wir mit unserem Sperrfeuer angerichtet hatten. Die Toten lagen dort drüben aufeinandergeschichtet, und kaum einer war unverwundet geblieben. Sie hätten alle Ursache gehabt, mit uns nicht allzu freundlich umzugehen.

Paul R. Henker, Regisseur, Bad Brückenau.

Der Gentleman von U 28

1915 fuhr ich auf einem kleinen Schiff, das von London nach Holland bestimmt war. Eines Abends feuerte ein deutsches U-Boot auf uns zum Zeichen, daß wir zu stoppen hätten. Unser Kapitän hoffte, durch schleunigste Flucht in die holländischen Gewässer der Gefahr entgehen zu können, doch das U-Boot war zu schnell für uns und kam bald längsseit.

In sehr gutem Englisch fragte der deutsche Offizier unseren Kapitän, warum er nicht gestoppt habe, als der Schuß gefeuert wurde.

Der Kapitän antwortete: »Weil ich Engländer bin.«

»Gut,« antwortete der deutsche Offizier, »Sie sind ein mutiger alter Knabe, ich werde Ihnen drei Minuten Zeit geben, das Schiff zu verlassen.« Dieser Befehl wurde schnellstens ausgeführt, und dann machten wir, daß wir in unseren zwei Rettungsbooten fortkamen, während die Deutschen unser Schiff versenkten. Wir ruderten mit äußerster Kraft, als das U-Boot herankam und sich folgende Unterhaltung entspann:

Der Deutsche: »Wohin?«

Unser Kapitän: »Holland.«

»Glauben Sie, daß Sie bei dieser Dunkelheit dorthin finden werden?«

»Ich wills versuchen, aber wenn Sie Sportsmann wären, würden Sie uns ins Schlepptau nehmen.«

»Gut, ich bin Sportsmann und werde Sie schleppen und Ihnen außerdem eine Zigarre geben, damit Ihnen der Weg nicht zu lang wird. Werft die Leine herüber, und wir werden Euch bald in Holland haben.«

Und wirklich ? das U-Boot schleppte uns nach Holland. Als wir uns trennten, sagte der Deutsche: »Gute Nacht, Kapitän, Sie sind ein tapferer Mann, ich erweise Ihnen meine Ehrenbezeigung.«

Unser Kapitän antwortete: »Gute Nacht, mein Herr, Sie sind ein Gentleman.« Und das sagten wir alle.

E. F. Baß, Greenwich. Aus The Evening News.

Flucht und Heimkehr

Franzose

Es war im Jahre 1919. Zu dieser Zeit waren die französischen Kriegsgefangenen von Deutschland schon längst ausgeliefert; nur die deutschen Kriegsgefangenen waren noch in Frankreich. Jeden Morgen um sieben Uhr mußten wir im Lager zum Appell und zur Arbeitseinteilung für den kommenden Tag antreten. Hier kamen französische Zivilpersonen, meistens Bauern, um sich billige Arbeitskräfte zu holen. So geschah es nun, daß auch ich eines schönen Tages an der Reihe war. Ich wurde morgens von einem Bauern abgeholt und abends wieder in das Lager zurückgebracht. Schon am ersten Tag erzählte er mir, daß sein Sohn auch drei Jahre in deutscher Gefangenschaft gewesen sei, daß es ihm dort sehr gut gegangen, und daß er dies an mir auch wieder vergelten wolle. Er hielt auch Wort.

Ich hatte nie über Behandlung und Nahrung zu klagen. Meine Arbeit bestand nun darin, daß ich beim Dreschen des Kornes, beim Holzhacken und anderen leichten Hausarbeiten helfen mußte. Die angenehme Beschäftigung wurde durch öftere Pausen unterbrochen, in denen ich essen und trinken durfte, und wobei mir die Tochter des Hauses immer genug Brot und Wurst, ja sogar Wein zuschob. Bei solch einer Gelegenheit erzählte ich auch von Deutschland und von meiner Sehnsucht nach der Heimat.

Eines Tages kam ich auch mit dem Sohn des Bauern zusammen. Wir erzählten uns von Deutschland, wo er ja auch drei Jahre gefangen lag, und sprachen von diesem und jenem. Er ließ sogar durchblicken, daß ich doch ausreißen solle. Ich erwiderte ihm darauf, daß ich mit noch zwei Kameraden wohl schon einmal über eine Flucht nachgedacht hätte, aber wegen Mangel an Lebensmitteln, Geld und vor allen Dingen Zivilsachen sie nicht ausführen könnte. Er lächelte nur und verlangte von mir das Versprechen, die Flucht unbedingt vom Lager aus zu unternehmen, damit er nicht in den Verdacht käme, dieselbe begünstigt zu haben.

Es vergingen keine drei Tage, als er mir beim Frühstück sagte, daß er drüben am Rande eines Gebüsches in einer alten Tonne einen Sack mit Fleischkonserven und nicht weit davon in einem Granattrichter einige Zivilsachen für uns versteckt hätte. Der Zufall wollte es, daß er am anderen Tag nach V. fahren mußte, um Einkäufe zu machen. Wenn wir es nun so einrichten würden, daß wir in dieser Nacht fliehen wollten, könnte er uns bis nach V. mitnehmen. Es wurde vereinbart, daß wir heute in der Nacht fliehen und uns auf der Landstraße nach V. aufhalten sollten, wo er vorbeikäme und uns mitnehmen wolle. Wir sollten nur in den Wagen steigen, er würde tun, als merke er nichts.

Erst hörte sich das alles so unbegreiflich verlockend an, als wolle uns der Franzose in eine Falle ziehen. Je öfter ich aber darüber nachdachte, desto mehr kam es mir zum Bewußtsein, daß er es ehrlich meinte. Es war eine riskante Sache. Auf alle Fälle erzählte ich es meinen beiden andern Kameraden. Wir beschlossen auf die Gefahr hin, von dem Bauer verraten zu werden, in dieser Nacht zu fliehen. Wenn der Bauer mit seinem Wagen eben nicht kam, konnten wir ja immer noch zu Fuß gehen. Die Hauptsache war ja, daß wir Zivilsachen und Lebensmittel bekamen.

Nach dem allabendlichen Appell wurde wie immer Essen empfangen; es schmeckte allerdings keinem von uns. Die letzten Arbeiten zur Flucht wurden getroffen. Die Zeit ging so langsam hin, sie wurde uns zur Ewigkeit. Endlich fing es an zu dunkeln, das Lager wurde abgeschlossen. Wir horchten am Fenster, nichts regte sich mehr; nur die Stimmen drüben aus der Wachstube, wo die Posten Karten spielten, klangen herüber. Da nun eine Wache alle zehn bis fünfzehn Minuten an uns vorbeikam, mußten wir die Zeit so abpassen, daß sie gerade vorbei war. Dann aus dem Fenster heraus!

Unter dem Drahtverhau durch eine schmale Rinne mußten wir unseren Weg nehmen, flach auf die Erde gedrückt und so immer vorwärtsgeschoben, damit man nicht mit den Sachen im Draht hängen blieb. Es ging alles gut, wir waren aus dem Zaun heraus, schnell auf die andere Seite des Weges dem Gebüsch zu, wo wir tatsächlich eine Blechtonne mit den Lebensmitteln und auch nicht weit davon Zivilsachen verstreut vorfanden. Eiligst zogen wir die Sachen über unsere Gefangenen-Uniform; dann noch einmal gehorcht, alles ruhig ? und los ging es in gebückter Stellung auf die Landstraße, wo wir den Bauer erwarten sollten.

Wir warteten; vom Dorfe her schlug es bereits elf Uhr ? von einem Bauern mit Wagen sahen und hörten wir immer noch nichts. Endlich tauchten Gestalten vor uns auf, aber kein Bauer mit Wagen. Sie gingen zu unserem Glück den Weg links ab ... Endlich wieder Geräusch, diesmal war es das Rollen eines Wagens. Ein Wagen mit großem Verdeck, geschlossen, kam heran. Wir warteten auf das verabredete Signal: dreimal mit der Peitsche knallen und spritzten über die Straße in den Wagen. Der Bauer tat, als merke er nichts. Na, jetzt hatten wir Zeit, wir konnten jetzt fahren, bis es hell wurde. Wir schliefen abwechselnd.

Plötzlich stach jemand mit einem Peitschenstiel in die Säcke. Wir wurden wach, es fing schon an zu dämmern, es war unser Bauer. Wir mußten heraus, wir waren noch etwa einen Kilometer vor V. Einer nach dem andern verließ den Wagen; der Bauer nickte uns noch einmal freundlich zu ? und verschwunden waren wir in einem zerschossenen Wald.

Ein alter Unterstand war bald gefunden, hier mußten wir uns den ganzen Tag aufhalten, um in der Nacht weiterlaufen zu können. Es ging alles gut. Nach mehreren durchwanderten, an Strapazen reichen Nächten kamen wir an die Grenze. Noch einmal aufpassen ? und drüben waren wir. Hätten wir die Karte und den Kompaß nicht gehabt, die uns der Sohn vor der Flucht noch zugesteckt hatte, wir wären nicht so schnell vorangekommen. Wir klopften in einem Orte B. an, gaben uns hier zu erkennen, meldeten uns beim Bürgermeister und ließen uns Pässe verschaffen, damit wir ungestört durch das besetzte Gebiet kamen.

Und dies alles haben wir nur unserem lieben Bauern zu verdanken, der eine Gelegenheit suchte, uns das Gute zu vergelten, das er in derselben Lage in Deutschland erleben durfte.

Richard Dörnfeld, kaufmänn. Beamter, Frankfurt a. M.

Engländer

Mein Bruder war bei Ausbruch des Krieges auf der Fahrt nach Amerika. Das Schiff mußte England anlaufen, da England inzwischen den Krieg erklärt hatte. Meinem Bruder gelang es zu fliehen, und wochenlang wurde er von einem Fischer, zu dem er auf seiner Wanderung kam, verborgen gehalten. Man besorgte ihm einen Paß auf einen falschen Namen, und als »Jos. Miller« hat er jahrelang in Amerika gelebt. Er schrieb mir, die Leute hätten gewußt, daß er Deutscher war, und hätten doch so rührend für ihn gesorgt, wie es keine Verwandten besser hätten tun können. Weinend und mit Geld versehen, hätten sie ihn dann nachts unter eigener Gefahr zu einem Schiff gebracht, mit dem er schließlich nach Amerika kam. »Niemals in meinem ganzen Leben kann ich diese wackeren Leute vergessen,« so schrieb er mir, »die so an einem Feinde gehandelt haben, ohne die geringste Gegenleistung. Nur aus reiner Menschlichkeit. Und das im Kriege, wo der Haß so groß war.«

Ella Frey, Dreieichenhain.

Russe

Im Februar 1918 befand ich mich auf der Flucht aus der russischen Gefangenschaft. Wir waren zu zweien; ein Feldwebel Schlicht aus Westpreußen (vom I.-R. 151) hatte sich mir angeschlossen. Die Flucht begann von der Bahnstation Sidorkowo im Gouvernement Twer an der Bahnstrecke Bologoe?Rybinsk. Als Russen verkleidet waren wir Zug um Zug mit der Bahn bis Welike-Luk gekommen, von wo aus es damals, Ende Februar, noch etwa 150 Kilometer bis zur Front waren. Die Deutschen waren über Dünaburg hinaus in Richtung Polotzk vorgestoßen. Wir bauten auf die Panik unter den russischen Soldaten und hofften, eine Lücke in der Front zu finden.

Vor Newel erschien uns die Lage nicht geheuer. Es war bitterkalt und gern wären wir eingekehrt, aber es war zu gefährlich. Schließlich quartierten wir uns in einer Teebude ein, deren Besitzer eine jüdische Familie war. Recht unheimlich wurde uns zu Mute, als wir aus den Gesprächen von den Greueln der Roten Garde hörten. Draußen jagten Hunderte von Schlitten vorbei, beladen mit Mehl, Brot und Zucker aus den Magazinen, die vor den heranrückenden Deutschen geräumt wurden. Die Jüdinnen sangen schwermütige Lieder. »Jetzt geh ich von der Welt und von meinem Kindelein und wer wird ihnen geben Brot«.

Um Newel gingen wir herum, um den Soldaten nicht in die Hände zu fallen. Es wurde Abend, und nun hatten wir in der bitteren Kälte auch nicht einmal mehr das Dach eines Güterwagens über uns. Es war zudem die dritte Nacht ohne Schlaf, der dritte Tag auch ohne warmes Essen. Trockene Füße hatten wir lange nicht mehr gehabt. Die Wege waren bei der Dunkelheit kaum noch zu sehen und die Glieder ermüdeten von Minute zu Minute. Ich schlug vor, in einem Hause um Unterkommen anzufragen. Der Feldwebel sträubte sich, aber er war selbst mehr ermüdet als ich und begann schon Schnee zu essen vor Durst. Wir schleppten unsere müden Glieder kaum noch vorwärts. Uns blieb nichts übrig ? leere Häuser fanden wir nicht ? als spät abends in einem kleinen Dorfe anzuklopfen. Wir treten in die Stube und ? sehen uns drei Soldaten gegenüber!

Der Vormarsch der Deutschen von Dünaburg an hatte die Leute dort schon in Aufruhr versetzt. Mißtrauen hatte weiter unser spätes Kommen erregt und noch mehr mißtrauisch wurden die Leute, als wir auf ihre Frage uns als Flüchtlinge ausgaben. Es war gerade ein Erlaß von Petersburg aus ergangen, der sich gegen feindliche Spione, deutsche Agenten, Propagandisten usw. richtete. Die Russen dachten sofort an Spione und einer sprach auch das Wort aus. Ich fühlte den Boden wanken. Nach dem Erlaß sollten verdächtige Leute auf der Stelle erschossen werden. Die Soldaten besprachen sich einen Augenblick, die Frau warf sich ins Mittel: »Laßt sie gehen, wir wollen keine Schuld haben, wenn sie umkommen sollen.« Aber der eine Soldat bestand darauf, uns vor das Komitee zu stellen. Ich gab für unser Leben in dieser Stunde keinen Pfifferling mehr. Der Feldwebel meinte: »Die schießen uns glatt über den Haufen.«

Das Gerücht, daß verdächtige Männer im Dorf angekommen wären, hatte sich schnell verbreitet. Das halbe Dorf kam in dem Hause zusammen. Offen sagte ich dem Kommissar, wir seien deutsche Kriegsgefangene und seit fast drei Jahren in Gefangenschaft. Er erwiderte, das hätten wir gleich sagen müssen, nun wollten wir uns herausreden. Ich zog einige Karten hervor, die meine Adresse in deutsch und russisch trugen sowie den russischen Zensurstempel. Es waren alles Photographien von meiner Frau und dem Kinde, sowie von Vater und Mutter. Die Weiber fielen nun alle über die Bilder her und die guten Russinnen wurden derart gerührt, daß sie ihren ganzen Einfluß aufboten für uns.

Wir konnten am selben Abend nicht mehr zur Stadt gebracht werden und mußten im Dorfe übernachten. Wir wurden in einer Stube auf dem Fußboden quartiert; rings um uns schliefen drei Soldaten, ein altes Ehepaar und einige Frauen. Die Weiber gaben uns noch ein Abendessen und hatten uns ein weiches Strohbett zurecht gemacht, in dem wir so weich schliefen wie noch nie zuvor in Rußland.

Andern Morgens früh, als noch alles schlief, wachte ich auf. Ein Soldat ist aufgestanden, weckt uns, packt schnell unsere Sachen zusammen, nahm sein Gewehr und begleitet uns aus dem Hause. Der Feldwebel meinte: »Jetzt ist Schluß.« Es fiel uns kaum auf, daß nur ein Mann zur Bewachung mitging. Wir zogen aus dem Dorf hinaus. Der Morgen graute. Da hielt uns der Soldat nach einer Wanderung von einer Viertelstunde an und zu unserer grenzenlosen Ueberraschung sagte er uns etwa: »Ihr könnt nun allein gehen! Geht mit Gott, mögt Ihr Eure Angehörigen bald gesund wiederfinden. Was sollen wir Soldaten uns gegenseitig totschießen! Was habt Ihr mir getan? Was könnt Ihr dafür, daß Krieg ist.«

Ich weiß nicht, ob wir beide ein Wort dazu sagen konnten. Uns war märchenhaft zu Mute. Der Russe gab uns dann noch gute Ratschläge für die weitere Flucht, die uns vielleicht vor einer nochmaligen Festnahme bewahrten. Als besten Weg nannte er uns die zugefrorene Düna, an deren Ufer man sich leicht verstecken konnte. Außerdem riet er uns, abends recht früh in abseits liegende Häuser zu gehen und um Unterkunft zu bitten.

Drei Tage später kamen wir am Sonntag, 3. März, vor Polotzk bei den deutschen Vorposten an. Wir waren durchgekommen, gerettet von einem einfachen russischen Soldaten.

Gustav Schnittger, Fach-Redakteur, Bietigheim/Württ.

Amerikaner

Im amerikanischen Gefangenenlager von Montfaucon, Sommer 1919. Unser Kamerad S., ostpreußischer Landsturmmann, verheiratet, Vater mehrerer Kinder, war schwermütig geworden. Es fiel uns auf, daß er öfters, den Kopf gesenkt und vor sich hinbrütend, am Drahtzaun auf und ab ging. Eines Tages fehlte er beim Abzählen, als wir zum Rückmarsch ins Lager angetreten waren. Die Wachtposten fluchten und Patrouillen suchten das Gelände nach ihm ab. Vergebens. Am dritten Tage nach der Flucht gegen Mitternacht näherte sich der Torwache eine abgerissene Gestalt; es war Kamerad S., der die ganze Zeit umhergeirrt war und sich nun freiwillig und ausgehungert wieder stellte. Der Offizier vom Dienst wurde gerufen, auch ich als Dolmetscher wurde hinzugezogen, und nun glaubten wir nicht anders, als daß unseren Kameraden wegen seiner Flucht schwere Strafe treffen würde.

Der amerikanische Offizier ließ sich den Hergang schildern. Die betreffenden Posten wurden vernommen; und ich berichtete meinerseits wahrheitsgemäß, daß uns allen die seelische Depression unseres Kameraden aufgefallen sei. Darauf ermahnte der amerikanische Offizier den Sünder, in Zukunft sich nicht mehr mit Fluchtgedanken zu befassen, da die Gefangenschaft wahrscheinlich bald zu Ende gehen und er dann Frau und Kinder gesund wiedersehen würde, während ihm auf der Flucht doch allerlei zustoßen könnte. Dann gab der Offizier Anweisung, daß unserem Kameraden S., mitten in der Nacht, eine reichliche Verpflegung durch die Küche zuteil wurde, damit er wieder zu Kräften komme. Und damit war der Fall erledigt.

Wilhelm Knipp, kaufm. Angestellter, Frankfurt a. M.

Deutscher

Gefreiter Leopold Matt wurde 1914 eingezogen und kam zum Res.-Inf. Regt. 253 nach Rußland, wo ich bei der Erstürmung von Kowno 1915 verwundet wurde. Nachdem ich in der Heimat zusammengeflickt war, ging ich 1916 von Frankfurt a. M. aus nach Rumänien mit dem Landsturm-Batl. Bockenheim 18/54. Dort passierte mir folgendes. Ich wurde kommandiert, 21 Gefangene, 28 Pferde und 18 Gewehre nach der Stadtkommandantur Slatina zu bringen. Es war im Frühjahr 1917. Da ich die Gewehre nicht selbst tragen konnte, so mußten die Gefangenen die Gewehre umhängen. Anfangs gings zu Fuß, doch bald war es mir zu dumm. Also auf die Pferde gesessen und nachdem wir den Weg von Negrine bis Slatina etwa 30 Kilometer zurückgelegt hatten, ritten wir stolz wie Husaren in Slavina ein.

Doch, oh weh, als ich mich meldete mit meinen Gefangenen, schnauzte man mich an und sagte: »Die Gewehre und Pferde lassen Sie da, die Gefangenen können Sie wieder mitnehmen, wir haben schon zuviel.« Kurz entschlossen zog ich wieder ab mit meinen Gefangenen.

Im nächsten Dorfe kamen einige zu mir und sagten, » Domule, acolo la mine a casa« ? Herr, dort bin ich zu Hause.

Ich sagte » Repete a casa« ? schnell nach Hause. Und sie waren schon verschwunden. Das wiederholte sich noch zwei Mal, und ich hatte keine Gefangenen mehr.

Nun meldete ich beim Leutnant, wie er geheißen hat, weiß ich nicht mehr: »Gefangene, Pferde und Gewehre in Slatina abgeliefert.« Es wollte niemand etwas weiteres von mir und die Gefangenen werden in ihre Heimat entkommen sein.

Wahrheitsgemäß niedergeschrieben von

Leop. Matt, Webmeister, Görwihl/Baden.

Nr. 11 494

Als englischer Kriegsgefangener erst in Le Havre, dann in Catterick (England). Alle Leiden und Entbehrungen eines Gefangenen durchgemacht. Vom freien Menschen zu Nr. 11 494 herabgesunken, wurden wir eines Tages zu Personalienaufnahmen in eine Baracke beordert. An einem Tisch ein englischer Offizier, der uns mit dem höflichsten Benehmen nach unseren Personalien fragt. »Ich danke Ihnen,« sagte er. Und mit einem wunderbar gütigen Lächeln in seinem edlen Gesicht: »Wir werden wohl bald alle nach Hause können. Auch ich werde froh sein, wieder meine Frau und meine Kinder zu sehn.« Dieses gütige Lächeln hatte uns allen unsere Entbehrungen vergessen gemacht, hatte uns gezeigt, daß wir noch Menschen waren. Was dieser Mensch mit seinen zwei Sätzen Gutes getan, hat er wohl nicht ermessen.

Paul Zieger, Kunstgewerbler, Echichens s. Morges.

Der Mantel

Aus Oesterreichs letzten Kämpfen. 27. Oktober 1918! Seit Wochen wußten wir, daß es aus war, daß Altösterreichs Ende herankam. Die Front war ohne Etappe, die Armee ohne Vaterland. Scharenweise zogen die slawischen und magyarischen Truppen ab, tiefe Lücken in das sowieso schon dünne Verteidigungssystem an der Piave reißend. Böhmen selbständig, in Ungarn Revolution, Ausrufung eines südslawischen Staates, finis Austriae! Und doch hielten wir mit zusammengebissenen Zähnen die Gräben. Vor uns die frischen britischen Sturmdivisionen, hinter uns die große Leere. Die Front hing abgelöst in der Luft. Meuterei und Aufruhr zerstörten die Etappe, schon kam keine Verpflegung, keine Munition mehr durch, wir waren von dem Divisionskommandanten abgeschnitten, aber wir hielten! Aus den ausgeleierten Geschützrohren fuhren dem Gegner die Ladungen entgegen, als er im Morgengrauen des 27. Oktober den ersten Versuch machte, bei San Dona die Piave, den Strom, zu forcieren.

Halb erfroren, hungrig, in zerfetzten Brennesselmonturen hockten wir in den fußhoch mit Grundwasser gefüllten Gräben am Piavedamm. Ohne jede Hoffnung tat jeder nur verbissen seine seit vier Jahren gewohnte Pflicht. In Fetzen hingen die Gamaschen der Kanoniere, ausgemergelt zum Skelett die Bedienungsmannschaften. Aschgraue Gesichter unter dem zerbeulten Stahlhelm. Achtmal griffen die Engländer an, achtmal wurden sie geworfen, dann war das Ende da. Als um die Mittagsstunden abermals neue Sturmkompanien den Fluß durchfurteten, lebte von dem steirischen Jägerbataillon, das vor uns lag, kaum noch der zehnte Mann. Was noch den heißen Lauf umklammern konnte, feuerte bis zur letzten Patrone, warf die letzte Handgranate, um dann mit Sturmmesser und Kolben das Leben verzweifelt zu verteidigen, wenn auch jeder wußte, es ist umsonst. »Herr Fähnrich! Sie kommen von rechts!« Mein alter Batteriefeldwebel rief es. Durch das diesige Grau sah man die gebückten Gestalten mit den flachen Helmen vorwärtshasten. Zwei, drei vergessene Maschinengewehre ratterten los. »Mit Kartätschen, direkter Schuß!« Noch einmal fluteten sie zurück, aber nicht für lange; die feindlichen Batterien deckten uns restlos zu. Und als die Briten nochmals angriffen, warf sich die Bedienungsmannschaft mit Bajonett und Pistole den Angreifern entgegen. Ein heißer Schmerz lähmte meine rechte Schulter, ein Kolbenhieb schmetterte den Stahlhelm vom Kopfe, rote Nebel tanzten vor den Augen, zwei, drei Schüsse noch auf die heranwogenden Khakis, dann stürzte ich über meinen toten Batteriekameraden zusammen.

Wie lange ich so gelegen, weiß ich nicht. Als ich zu mir kam, waren die Tommys in der Stellung, Stöhnen ringsumher. Naßkalter Regen erkältete mich bis ins Mark, meine Bluse hing in Fetzen, der linke Arm war naß von Blut. Ich versuchte mich taumelnd aufzurichten, mit ungeheurer Schwierigkeit gelang es. Hinter dem zweiten Geschütz standen wenige Mannschaften meiner Batterie, fast alle verwundet. In meinem Kopf dröhnten Hammerschläge. Mit einer gewissen Scheu musterten uns die Briten. Ein langer Captain der Yorkshire-Füseliere ? wie ich aus dem Aermelaufschlag entnahm ? schritt über den zerstampften Bettungsgraben auf mich zu. »War das Ihre ganze Artillerie?« Er sprach leidlich deutsch. Mit einer kreisenden Handbewegung wies er auf unsere demontierten sechs Geschütze. Als ich stumm nickte, fuhr die behandschuhte Hand an den flachen Helm. » Glorious soldiers!«

Achtung klang aus dem Worte. Fieberschauer rüttelten mich, daß ich umgesunken wäre, wenn ich nicht Halt an der Grabenwand gefunden hätte. Der Engländer trat hilfsbereit an meine Seite, ein Blick streifte meine total zerfetzte, durchnäßte Bluse. Eiskalt pfiff der Wind von der Piaveniederung her. Mit einer raschen Bewegung zog er den langen, dicken Wollmantel aus und hängte mir denselben über die Schulter. »Sie frieren, Kamerad, nehmen Sie!« Als ich abwehren wollte, schüttelte er den Kopf und knöpfte den Mantel mir fest um die Schulter. »Ihr seid tapfere Gegner gewesen; bitte, behalten Sie den Mantel.« Ein zweiter Offizier trat hinzu und reichte mir ein Päckchen Zigaretten: »Nehmen Sie, mein Herr: Sie haben sich tapfer gehalten. Warten Sie noch wenige Minuten, gleich kommt unsere Sanitätspatrouille.« Es kam anders. In dem dichten Nebel, der sich wie ein weißes Tuch über alles legte, mußten die Engländer die Orientierung verloren haben, niemand kam. Ich mußte mit achtzehn anderen Schwerverletzten die ganze Nacht im Graben zubringen. Es fror. Hätte ich den Mantel nicht gehabt, ich hätte den nächsten Morgen nicht mehr erlebt. Der Mantel des englischen Captain hat mir das Leben gerettet.

Dr. Herbert V. Pater, Wien.

Nix Bum-bum

Es war im Herbst 1918, als ein Teil unserer Regimentskapelle in dem Hause eines Schmiedes in Sainlez (Belgien) auf dem Dachboden für einige Zeit einquartiert wurde, nicht ohne mit scheelen Blicken empfangen zu werden. Der Schmied hatte eine große Familie, darunter auch zwei erwachsene Töchter, denen wir besondere Aufmerksamkeit schenkten. Schließlich entstand ein reger familiärer Verkehr. Wohl trugen auch unsere bescheidenen Lebensmittelvorräte zu der Annäherung bei. Unser Schmied wurde immer zutraulicher, er erfreute sich an unserer Haus- und Tanzmusik, die wir zu Ehren der Damen des Hauses arrangierten, er labte sich an unseren spendierten Getränken und ? erzählte uns manches, was er eigentlich dem Feinde gegenüber hätte verschweigen müssen. So erfuhren wir auch von dem, was die Gartenhecke für verborgene Schätze in sich barg, die er schon längst auf der Kommandantur hätte abliefern müssen. Wohl ließ unser Dienst-Reglement solche Geheimnisse nicht zu, aber trotzdem befleißigten wir uns alle eines großen Schweigens.

In jenen Tagen drang nun auch die Kunde von der nahen luxemburgischen Grenze zu uns, daß der Waffenstillstand abgeschlossen worden sei, und daß wir endlich wieder heimwärts dürften. Freudestrahlend kam der Schmied, fast außer Atem, mit den Worten » La Guerre finie, Nix bum-bum!«

Er hatte recht. Die Kanonen verstummten und unser Abmarschbefehl kam. Als wir uns von dem Schmied und seiner Familie verabschiedeten, gab es neben Tränen der Rührung bei Freund und Feind nur einen Wunsch: Auf Wiedersehen ? au revoir!

Joh. Stimpert, Korrektor, Frankfurt a. M.

Waffenstillstand

Waffenstillstand war vereinbart. Wird es zum Frieden kommen? Diese Frage beschäftigte uns, als unser 27. bayr. Inf.-Regiment den Heimmarsch von der Schelde durch Belgien antrat. Wir wurden oft zum Bahnschutz bestimmt, verließen deshalb meistens unsere Quartiere erst kurz vor Eintreffen der feindlichen Truppen. Viele Belgier, die uns, solange wir noch in Stellung waren, freundlich behandelt hatten, waren im Benehmen uns gegenüber plötzlich verändert. Gar manches böse Schimpfwort einer zum Fanatismus geneigten Menge mußten wir über uns ergehen lassen. Hämische Gesichter tauchten hier und dort auf. Oft wurden wir zur Vorsicht gemahnt. Wir passierten das im Siegestaumel jubelnde Brüssel, zogen durch Löwen und sahen dort noch Spuren von 1914.

Eines Abends bezogen wir, kurz vor Lüttich, in einer einsamen Häusergruppe, abseits der Marschstraße, Quartier. Meine Gruppe kam in ein kleines rotes Häuschen, wie man so viele bei den belgischen Bergarbeitern sieht. Unsere Quartierwirte waren einfache Leute, Frau und Mann mittleren Alters. Den jungen Leuten meiner Gruppe, meist letzter Ersatz, waren die Granatlöcher Flanderns keine gute Kinderstube gewesen. Manch derber Witz über die Frau wurde losgelassen und mit Gelächter begleitet, ja manche verstiegen sich so weit, einen körperlichen Fehler der Frau in ihrer Gegenwart zu kritisieren.

Nach dem Abendessen ? wir legten gerade unsere Tornister auf den Steinboden der Küche zum Schlafen zurecht ? verließ uns die Frau, erschien gleich darauf wieder mit einigen Bund Stroh, die sie für uns auf dem Boden ausbreitete. Ihr Mann, kräftig gebaut, mit finsterem Blick, die ganze Zeit in einer Ecke, rückte seinen Stuhl zum Herd und schürte das Feuer. Wir forderten ihn durch Zeichen auf, uns zu verlassen. Doch hartnäckig, verlegen lächelnd, weigerte er sich entschieden.

Da geschah etwas Unerwartetes. Die Frau wandte sich zu uns, und im reinsten deutsch vernahmen wir von ihr folgende Worte: »Mein Mann geht nicht zu Bett, er bleibt auf und sorgt, daß es in der Küche warm bleibt«. Staunendes Schweigen. Fatal. »Madame, Sie sprechen deutsch?« »Wie Sie hören.« »Ihr Mann auch?« »Ein bißchen.« Allgemeine Verlegenheit. Wir: »Madame, was wir vorhin sagten, müssen Sie entschuldigen, es war nicht so gemeint.« Sie: »Ich bin auch nicht böse, ob Belgier oder Deutsche. Soldat ist Soldat! Gute Nacht!«

Der Mann blieb da, wie eine Statue am Ofen sitzend, von Zeit zu Zeit das Feuer schürend. Keiner wagte ihn hinauszuweisen. Heimlich machten wir eine Wache aus, dem Frieden nicht trauend. Ich übernahm die erste. Doch auch einen Soldaten übermannt die Müdigkeit in einer warmen Stube, wenn er mit dem Rücken im Stroh liegt. Es war schon früher Morgen, als ich erschreckt in die Höhe fuhr. Der Tag graute schon. Aber nichts von allem war geschehen, was wir heimlich fürchteten. Noch immer saß der Mann wachen Auges am Herd und bewachte das Feuer, damit wir einmal ein warmes Lager hatten.

Wilhelm Hauptmann, Schosser, Ludwigshafen a. Rh.

Bis auf den letzten Sou ...

Am 8. Oktober 1918 auf dem großen Rückzuge von amerikanischen Truppen verwundet und gefangen genommen, gelangte ich etwa zehn Tage später mit einem französischen Lazarettzuge von Paris nach Bordeaux. Nachts um ein Uhr kamen wir auf dem Hauptbahnhof an. Die Verwundeten wurden ausgeladen und auf ihren Tragen auf dem Bahnsteig hingestellt, um dann mit Autos in die einzelnen Lazarette befördert zu werden. Wir wenigen deutschen Verwundeten wurden etwas abseits aufgestellt. Natürlich sammelte sich um uns ein großer Teil Neugieriger. Meist französische Soldaten und Matrosen, aber auch einige Zivilisten. Von diesen Zuschauern wurden wir nicht gerade freundlich behandelt. Da damals gerade der Zusammenbruch der Westfront rapide Fortschritte machte, hielten die Franzosen es für angebracht, uns mit Ausrufen wie » Boches kaputt«, » Guillaume parti« und anderen mehr oder minder lieblichen Ausdrücken zu bedenken. Plötzlich bahnt sich ein baumlanger schwarzer Korporal durch die Herumstehenden einen Weg, drängt die weißen Franzosen zurück, holt das berühmte große Messer aus seiner Wickelgamasche, zieht ein riesiges Weißbrot aus seinem Brotbeutel, zerschneidet es und verteilte es unter uns deutschen Verwundeten. Dann aber zog er noch seinen Geldbeutel, schüttete sein ganzes Geld auf seine Hand und verteilte es unter uns bis auf den letzten Sou. Kein Franzose wagte ein Wort mehr. Dieser Neger stand mit drohender Miene bei uns, bis auch wir in die Lazarette abtransportiert wurden.

Oswald Schrenk, Schauspieler, Berlin.

Schlußstrich

Auf der Rückfahrt von Aegypten, im November 1919, lagen wir einige Tage in Gibraltar zum Kohlen. Bei strömendem Regen unterhielt ich mich mit einigen Matrosen englischer Unterseebote, die ebenfalls im Hafen lagen. Einer von ihnen, ein sehr Junger, hielt es für gut, mich immer wieder daran zu erinnern, daß wir den Krieg verloren hätten; aber ein anderer, etwas älterer Matrose, verwies ihm das, indem er zu ihm sagte: »Laß doch das; das weiß er ja!« und geschickt auf ein anderes, für mich angenehmeres Thema überlenkte.

Werner von Streit, Kaufmann, Stuttgart.

Letztes Blutvergießen

Im November des ereignisvollen Jahres 1918 hatte ich in einem Rheinstädtchen in der Nähe von Koblenz folgendes Erleben: Es waren damals rauhe Herbsttage. Formationen der deutschen Westarmee, infolge anstrengender Eilmärsche schwer ermattet, setzten über den Rhein. Man war auf dem Rückzuge. Fast auf dem Fuße folgte die nachdrängende Besatzungsarmee, und zwar Amerikaner. Erst die Quartiermacher und dann die Einquartierung. Kühl und reserviert war der Empfang und die Aufnahme. Man sah sich eben trotz Waffenstillstand noch immer als Feind an. Meine Pensionsleute bekamen nun auch einen Soldaten zugewiesen. Unser Amerikaner hielt sich meist auf seinem stets verschlossenen und verriegelten Zimmer auf; wenn er ausging, nahm er seine Waffe mit. Man hatte den Eindruck, daß er die Deutschen fürchtete und als Barbaren ansah. Man mied sich daher gegenseitig.

Nun geschah aber eines Tages etwas, das die Menschlichkeit dieses Amerikaners ins hellste Licht rückte, uns aber wegen der geübten Zurückhaltung beschämte. Ein älterer Mann aus dem Hause hatte sich schwer verletzt und einen großen Blutverlust erlitten. Es konnte ihm nach Ansicht der Aerzte nur durch eine Blutübertragung geholfen werden. Und was geschah nun? Unser Amerikaner hörte hiervon und bot sich sofort aus freien Stücken zu diesem Akt wahrer Nächstenliebe an.

Man untersuchte ihn; er war gesund und sein Blut gehörte glücklicherweise auch zur gleichen Blutgruppe. Die Transfusion konnte vorgenommen werden und der alte Mann war gerettet. Er blieb den Seinen durch die edle Handlung des Amerikaners für das Leben erhalten. Es tat uns allen leid, als er nach einigen Wochen Abschied nahm, um froh zu seiner lieben Mutter in Nord-Carolina zurückzukehren.

Willi Freisberg, Spediteur, Neuwied a. Rh.

Friedensmahl

Ich war Kriegsgefangener der Franzosen und wurde dort Dolmetscher. Am Tage des Waffenstillstands hatte ich zusammen mit einem Oberlehrer aus Rostock die Aufsicht über etwa vierzig Mann, die im Hafen von Rouen einen großen Norweger entluden. Wir ahnten noch nichts, als plötzlich alle Sirenen heulten, alle Glocken läuteten und das Franzosenvolk sich taumelnd vor Freude, fast verrückt benahm. Wo sie Deutsche trafen, brüllten sie » Guillaume kaputt«. Die Engländer des Nebenschiffs behielten ihre Ruhe.

Als guter Mensch zeigte sich der Kapitän des Norwegers, der früher oft in Bremen war. Unbemerkt von den Franzosen brachte er uns zwei zu seiner Kajüte. »Ich mag die Engländer genau so gern wie die Deutschen«, waren seine Worte, »aber ich freue mich, weil die Welt den Frieden hat und das Morden aufhört.«

Ein kleines Festessen war fertig. Wir wurden bedient. »Braune Suppe, gebratene Makrelen und Ragout«, dazu Rotwein und hinterher Benediktiner aus kleinen Portweingläsern. Dann vom Phonographen die Melodie »Deutschland, Deutschland über alles«, und zum Schluß sang mein Oberlehrer solo »O alte Burschenherrlichkeit!« Zwei schöne Stunden waren das: die erste Freiheit.

Bald lagen wir wieder im französischen Stroh, in wohlbewachten Baracken, bei grauslichen dicken Bohnen, und konnten immer noch geschenkte Zigaretten verteilen. Den alten Kapitän aber möge sein gutes Werk segnen bis ins späte Alter.

Adolf Freese, Handelsvertreter, Essen.

Gräber

Das Grab in Serbien

Der nachstehende Brief ist im Jahre 1919 aus einem kleinen serbischen Dorf gekommen. Er war an einen jungen Mann gerichtet gewesen, dessen Bruder in Serbien gefallen ist und der von Kameraden des Bruders wußte, daß der Gefallene auf einem kleinen Gehöft in Bratinac beerdigt worden sei. Der Brief lautet:

»Bratinac, im Jahr 1919.

Geehrter lieber Freund!

Du schreibst mir, ob das Grab in meinem Garten noch steht und wie es aussteht. Den Vater und die alte Mutter kannst Du trösten, daß das Grab noch steht und daß es meine Frau so pflegt, als ob es das Grab meines Sohnes wäre, der bei Saloniki gefallen ist. Das Kreuz habe ich ausgebessert. Die Inschrift aber nicht, weil ich dieselbe nicht lesen kann. Es achtet Dich Dein aufrichtiger Freund

Zivko Peritsch,
in dessen Garten Euer Soldat ruht.«

Mitgeteilt von Max Wertheim, Frankfurt a. M.

Weg der Gefangenen

Es war bei Reims nach der großen Frühjahrs-Offensive 1918. Wir gelangten in fast täglichen Sturmangriffen schließlich bis an die vorgelagerten, bewaldeten Höhenzüge der Marne. In der Nacht des 8. Juni erhielt unser Regiment den Befehl, am andern Morgen das vor uns auf der Anhöhe liegende, stark besetzte Dorf Vitry les Reims zu stürmen. Am Ende des Dorfes stießen wir auf einen gutbesetzten feindlichen Graben, dessen verblüffte Besatzung wir in wenigen Minuten hinausgeschmissen hatten. Wir stellten bei den gemachten Gefangenen fest, daß sie dem 47. marokkanischen Seebataillon angehörten. Mit dieser Stellung war unser gestecktes Ziel erreicht, und sofort wurde nach links und rechts Anschluß gesucht; aber leider kehrten die Patrouillen unverrichteter Sache zurück und meldeten, daß links die hinter der Chaussee liegenden Gräben von Senegalnegern stark besetzt wären und rechts von uns in einer Entfernung von 500 Metern eine marokkanische Reservekompagnie im Anmarsch sei. Sofort wurden links und rechts die Gräben abgestoppt und Maschinengewehre eingebaut. Nun saßen wir vollkommen abgeschnitten und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Gegen acht Uhr ging unsere Munition zur Neige, meine letzte Revolvermunition teilte ich mit dem Kompagnieführer. Ganz sparsam wurde gefeuert und nur im Notfall auf 10 Meter. Immer enger schloß sich der feindliche Ring um uns und indem einige beherzte Franzosen einen Gefangenen unserer Kompagnie vor sich herschoben, stellten wir das Feuern ein und im selben Moment stürzten die Feinde von allen Seiten auf uns ein, sogar über die hohen Gutsmauern kamen sie gesprungen. Das war das nie geglaubte Ende, und seit Wochen sollte ich auf Urlaub an den schönen Rhein.

Nachdem man uns noch unsere Gasmasken abgenommen hatte, ging es in entgegengesetzter Richtung unserem Schicksal entgegen. Senegalneger als Sanitäter nahmen sich unserer Verwundeten an, verbanden dieselben kunstgerecht und gaben ihnen Wein zu trinken, ebenfalls Zigaretten zu rauchen. Vorsichtig lud man dieselben dann auf Tragbahren und trug sie zu einem, in einem Weinkeller befindlichen Sanitätsunterstand. Das hatte ich niemals von Senegalnegern erwartet und habe mir dieselben immer mit ihrem großen Hackmesser, die Deutschen niederzumetzeln, vorgestellt.

Unsere beiden Kompagnien waren zusammengeschmolzen auf 32 Mann und zwei Offiziere. Dieser Rest wurde nun im Laufschritt durch unsere eigenen Gasschwaden und Artilleriefeuer hindurch zum Bataillon und von dort mit anderer Bewachung in einen großen, leeren Weinkeller gebracht. Nach ausgiebigem Verhör nahm man uns die Hosenträger und zum Ueberfluß schnitt man uns noch die Hosenknöpfe ab. Von hier aus ging es mit Landsturmbewachung (Franzosen) durch verschiedene, mit Truppen vollgepfropfte Dörfer zur zuständigen Division. Da wir nichts zu trinken bekamen, hatte uns die Junisonne fast ausgedörrt. Von Höhe 304 bei Verdun aus waren wir schon etwas gewöhnt, aber in dieser Hitze auf den schattenlosen langen Chausseen war es bald nicht mehr zu ertragen.

Endlich, endlich erreichten wir die Division, welche in einem schloßartigen Gebäude untergebracht war und mußten vor dem Stab Kompaniefront formieren. Hier stellte ich sämtliche interalliierte Truppengattungen fest. Sogar amerikanische Kavallerie. Im zweiten Glied stehend, hörte ich hinter mir einen Amerikaner deutsch sprechen: »Fritz, hast du Durst?« und auf mein Kopfnicken machte er den Trinkbecher an meinem Brotbeutel los und goß aus einer Flasche eine Flüssigkeit in denselben und sagte: »Hier, trink!« Indem ich mich hinter meinem Vordermann versteckte, goß ich den ganzen Inhalt in meine vertrocknete Kehle und zu meinem größten Erstaunen war es Champagner, seit 1914 der erste. Ich hätte dem Amerikaner um den Hals fallen können, als ich sah, daß er die ganze zweite Reihe nach einander mit dem erfrischenden Getränk versah. Es hatten sich bald noch mehr Amerikaner eingestellt, die mit konstanter »Bosheit« dem ersten, der mich Fritz nannte, ihre vollen Flaschen zur Verfügung stellten, die derselbe auch bis auf den letzten Rest verteilte.

Frisch gestärkt setzten wir uns bald wieder in Bewegung in der Richtung auf Epernah. Diesmal hatten wir französische Kavalleristen als Bewachung, die uns auf offener Chaussee sogar das Rauchen gestatteten. So gelangten wir in ein kleines Nest, wo wir unter Gendarmeriebewachung, nach Erhalt von einem Kanten Brot und einem Trinkbecher Wasser übernachteten. Früh um sechs Uhr ging es weiter. Als Verpflegung hatten wir ein Drittel Weißbrot und zu zwei Mann ein Büchschen Leberwurst erhalten, was für den ganzen Tag reichen mußte. Die Bewachung war uns angenehm, denn es war die des Tages vorher. Gegen Mittag, als die Hitze ihren Höhepunkt erreicht hatte, durften wir in einem kleinen Waldstück rasten. Die für den ganzen Tag vorgesehene Verpflegung hatten wir ohne Ausnahme des Morgens schon verdrückt. Als der Führer der Kavallerie, ein Oberleutnant, bemerkte, daß wir nicht aßen, holte er aus seiner Satteltasche ein Weißbrot und eine Büchse Sardinen und verteilte dies an die ihm zunächst Stehenden. Dasselbe machte z. T. auch die Bewachung.

Bald ging es Vitry-le-François entgegen, wo wir in ein Quarantänelager kamen. Hier waren bereits Gefangene, die nach einigen Tagen mit uns nach dem großen Durchgangslager Allibaudières kamen. Dieses Lager erreichten wir nach einem schwierigen Marsch von 52 Kilometer. Es bestand aus mindestens 50 Baracken, deren jede fast 200 Mann fassen konnte. Hier wimmelte es von deutschen Gefangenen aus der Gegend von Montdidier, aber auch von älteren Gefangenen, die aus dem Süden kamen und zum Teil in Marokko Straßenbauten ausgeführt hatten. Unter anderen auch Gebirgstruppen, Flammenwerfer, Scharfschützen und sogar Flieger.

Unglücklicherweise lag dieses Lager direkt an der Chaussee und war im Westen begrenzt von einem französischen und im Osten von einem italienischen Flugplatz. Eingefaßt war dieses Lager mit einem drei bis vier Meter breiten Drahtverhau, in dessen Mitte ein Laufgang für die vier Wachtposten angebracht war. Nachts brannten an den vier Ecken rote Laternen. Die Baracken, in denen wir auf blankem Holz kampierten, wurden nachts von außen mit schweren Balken verriegelt; für die Notdurft standen uns dann große Kübel zur Verfügung. Dies kurz zur Orientierung für das, was nun folgt.

Es war in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 1918, abends gegen elf Uhr, ein Tag nach dem französischen Nationalfest. Durch die kolossale Schwüle in den festverrammelten Baracken fand ich keinen Schlaf und träumte vor mich hin. Da mit einemmal einige furchtbare Einschläge, ein Aufblitzen in der Mitte der Baracke; dem Ersticken nahe verlor ich die Besinnung. Nach kurzer Zeit fand ich mich draußen neben den Baracken zwischen deren Trümmern wieder. Die meisten Baracken waren vollkommen zertrümmert und die unserige zu beiden Seiten durch den gewaltigen Lustdruck geplatzt, und wir waren, zum Teil verwundet, in der Nähe des Drahtverhaus gelandet. Da ich weiter nichts abbekommen hatte, begab ich mich sofort mit den anderen Kameraden an die Rettungsarbeiten, denn überall schrie man nach Hilfe. Vorerst glaubten wir an eine Beschießung mit Langrohren von der Front aus, aber die nun eintreffenden ersten Franzosen erzählten etwas von deutschen Aeroplanen; und kurz nachher sahen wir auch die französischen und italienischen Flugzeuge mit roten und grünen Schlußlichtern zur Verfolgung des Deutschen starten.

Die ganze Nacht schleppten wir verwundete und tote Kameraden aus den Trümmerhaufen, u. a. auch einen Fliegersergeanten, der in der Baracke mir gegenüber gelegen hatte. Zwei große Splitter hatten seinem jungen Leben ein Ende gemacht. Lobend muß ich heute noch die sofort nach dem Unglück mit Sanitätsautos eintreffenden französischen Sanitätstruppen anerkennen. In den uns zur Verfügung gestellten Zeltbahnen trugen wir die toten Kameraden alle an die Nordseite des Lagers. Hier bekamen auch die Verwundeten die ersten Verbände angelegt, worauf sie mit den Autos nach Allibauditères ins Lazarett geschafft wurden. Bei dem am Morgen folgenden Appell wurden 98 Tote und 82 Schwerverwundete festgestellt. Die Franzosen hatten einen Leichtverwundeten und ein totes Pferd.

Noch am selben Tage überflog das Lager ein Flugzeug mit schweizerischen Offizieren, welche Aufnahmen machten. Später kamen die Flieger in das Lager und zogen als neutrale Kommission Erkundigungen ein. Da wir nicht recht an den deutschen Flieger glauben wollten, zeigten sie uns eine Aufnahme von einem an der Chaussee liegenden Blindgänger der Kettenbomben, mit folgender Gravierung: »Bombenfabrik Spandau-Ruhleben.«

Am Nachmittag schaufelten wir für die toten Kameraden zwei Massengräber, und zu je vier und vier wurden sie mit den Zeltbahnen in einem langen Zuge hingetragen und zur letzten Ruhe bestattet. Tagelang haben deutsche Gefangene als Schreiner, Gärtner und Maler an der Verschönerung der beiden Massengräber gearbeitet. Es fehlte auch der Geistliche des Ortes nicht, und der Württemberger Feldwebel H. von einem Gebirgsregiment hielt eine erschütternde Grabrede. Währenddessen überflog ein französischer Flieger die Grabstätte, schlug ein Looping und warf einen mächtigen Kranz mit blau-weiß-roter Schleife in das Grab. Leider sollte auch hier der Krieg für uns noch nicht zu Ende sein.

Nach französischen Zeitungsmeldungen hatte der deutsche Flieger über Paris Bomben abgeworfen, war verfolgt worden, und hatte seine letzten Kettenbomben auf unser Lager geworfen, in der Meinung, es seien französische Fliegerunterkünfte. Aus folgendem Bericht des Reichsbahn-Inspektors Th. Kl., Braunschweig im Herbst 1929 ist zu ersehen, wie es heute dort aussieht:

Bei einem deutschen Fliegerangriff fanden in der Nacht vom 15. ? 16. Juli 1918, 98 Kriegsgefangene in dem hinter der Front gelegenen Kriegsgefangenenlager von Allibaudières den Tod. Die überlebenden Kameraden der Getöteten legten in unmittelbarer Nähe des Lagers zwei große Sammelgräber an, zäunten diese Gräberanlage mit Birkenholz ein und stellten in ihre Mitte ein Hochkreuz. Die beiden Hügel sind noch gut erhalten und mit langem, zur Zeit unseres Besuches durch die Hitze ausgetrocknetem Gras bewachsen. Die Namen auf den beiden Tafeln sind fast völlig verwischt und unleserlich. Anstelle des alten Kreuzes aus Birkenholz steht jetzt ein schlichtes schwarzes Kreuz an der Gräberstätte, die auf einer neuen weißen Tafel in französischer Sprache nachstehende Inschrift trägt:

»Hier ruhen 98 Kriegsgefangene, getötet durch deutsche Fliegerbomben in der Nacht vom 15. bis 16. Juli des Jahres 1918.«

Leider waren in dem Lazarett von den Schwerverwundeten sechs gestorben, und somit betrug die Zahl der Toten 104 und 76 Verwundete.

Josef Hüsken, Buchdrucker, Gummersbach.

Schneeglöckchen

Aus dem Lazarett entlassen, ging es wieder mit der Batterie zur Front. Protzenquartier war in Flers bei Douai; dort war zum Teil auch noch Zivil. Am Karfreitag 1918 fiel, von einer Granate getroffen, mein treuer Kamerad Heinrich Hambloch, als er Lebensmittel in Stellung brachte. Nachdem seine Leiche nach Flers zurückgeführt war, kam die französische Frau, die uns die Wäsche in Ordnung hielt, und sagte: »In meinem Garten blühen Schneeglöckchen, und wie Monsieur Heinrich das letztemal Eure Wäsche abholte, sagte er zu mir: Wenn mir mal was passieren sollte, macht mir einen Kranz von diesen Schneeglöckchen.« Ob diese Worte im Scherz oder in Vorahnung seines baldigen Todes gesprochen wurden, wer kann es ergründen? Wir trugen unseren Kameraden zu Grabe. Als die Erde ihn deckte, kam fast das gesamte in Flers noch wohnende Zivil mit Kränzen und Sträußen aus Schneeglöckchen und mit den Worten »Das war ein guter Mensch, ihm wollen wir seinen letzten Wunsch erfüllen« verschwand der Erdhügel unter den Blumen, und hoch türmten sich Schneeglöckchen auf Schneeglöckchen, geopfert vom Feind dem Feinde.

Robert Eckhardt, Steinmetz, Breckenheim.

Das Denkmal

Fern von Rußland schweifen doch meine Gedanken nach dem Süden, nach dem Donstrom, an dessen Ufern ich ein halbes Jahr meiner Kriegszeit verbrachte. Auf dem Pokrowski-Friedhof in Rostow liegt ein Teil der armen Gefallenen begraben. Ungefähr zweihundert gutgepflegte Gräber bergen die Körper von deutschen und österreichisch-ungarischen Kriegern, darunter zwei oder drei Offiziere und ein Fähnrich. Wie oft bin ich während des Sommers nach diesem Friedhof gepilgert. Ein weißes schlichtes Kreuz fesselte besonders meine Aufmerksamkeit: das des österreichischen Fähnrichs. Ich hatte auf der Rückseite dieses Kreuzes eine Aufschrift entdeckt, ein paar undeutlich geschriebene, russische Worte, die ich nur mit Mühe entzifferte: »Schlafe wohl, lieber Fritz, mag dich die russische Erde nicht zu sehr drücken. Werde deiner ewig gedenken. Deine treue Katja.« Ich war mir klar, was diese Worte bedeuteten. Es war die Klage eines russischen Mädchens um seinen gefallenen Geliebten.

Wilhelm Berger, Berlin.

Brief aus England

Wykin, Hinckley, England, 3. Mai 1916.

An den Kommandanten des Fluggeschwaders Gütersloh, Deutschland.

Ich möchte Ihnen danken für Ihre freundliche Behandlung meines Sohnes, des Leutnants Charles W. Palmer, während er als Gefangener in Ihren Händen war und dafür, daß Sie ihm die einem tapferen Soldaten zukommenden Ehrenbezeugungen bei seinem Begräbnis erwiesen haben. Obgleich unsere Länder unglücklicherweise im Kriege sind, so können wir als Privatleute einander doch schätzen und achten. Wollen Sie als ein edelmütiger Feind freundlichst alles Erinnernswerte aufbewahren und sein Grab bezeichnen lassen, so daß ich es nach dem Kriege sehen kann. Mein Sohn war beliebt bei allen, die ihn kannten. Er war mein ältester und der beste Sohn, den ein Mann jemals gehabt hat.

Wollen Sie mir noch eine Gunst erweisen? Ich weiß die Adresse des Leutnants Immelmann nicht. Wollen Sie ihm schreiben und sagen, daß ich keine Gefühle der Bitterkeit gegen ihn hege. Es ist das Kriegsunglück, und er tat nur seine Schuldigkeit für sein Vaterland, wie sie mein Junge für das seinige tat. Auch möchte ich ihm danken für seine Freundlichkeit gegen meinen Sohn, als dieser in Wahn lag, indem er ihn besuchte und ihn aufzumuntern suchte. Ich würde es gern sehen, wenn er so gut sein möchte, mir alle Einzelheiten des Gefechtes und was sonst meinen Sohn anbetrifft, zu senden, als sich dieser im Hospital zu Wahn befand.

Ich kann nicht deutsch lesen, aber wenn es Ihnen nicht beliebt, in englischer Sprache zu schreiben, so kann ich es übersetzen lassen.

Ihr ergebenster
George A. Palmer.

Lt. Berdword, der mit ihm war, ist auch gestorben.

Drei Tote

Unterzeichneter möchte Ihnen auch ein Erlebnis zur Völkerversöhnung berichten. Ende März vom Arbeitslager Larkhill nach Ruhelager Blandford, von dort Arbeitslager Devizes, ein ruhiges freundliches Städtchen zur Farmarbeit. Auf weiter entlegene Farmen wurden 1 oder 2 Mann abkommandiert, blieben ganz dort. Wir jeden Abend zurück zum Lager. Die letzten 2 Mann ein Ostpreuße, ein Oberschlesier Ende Juli 1 Tag fort. Kam die Nachricht beide tot. Ursache beim Jauchegrube entleeren fiel der eine hinein, wurde durch Gase ohnmächtig, der andere sah es, sprang nach, wurde auch ohnmächtig. Der englische Farmer kam hinzu, wollte als Feind beide deutsche Gefangene retten, sprang nach; bis weitere Hilfe zur Stelle war, alle drei tot. Ein Kamerad und ich meldeten uns freiwillig zum Holen der Toten. Ein englischer Sergeant fuhr mit uns beiden. Der Wagen, worauf die beiden Särge standen, war mit der deutschen Flagge überdeckt. Auf dem Rückweg nach Devizes warfen uns die Dorfbewohner Rosen und Blumen zu. Der Wagen war so überdeckt mit Blumen. Als wir an dem Friedhofe ankamen, waren alle Gefangene, viele englische Offiziere, die beiden Geistlichen, die Soldaten zum Ehrensalutschießen und die halbe Einwohnerschaft am Friedhofe versammelt, viele auch wieder mit Blumen. Als wir unsere beiden Kameraden auf den Schultern zu Grabe trugen, folgten sie alle, viele Frauen weinten. Zuerst wurde der katholische, dann der evangelische Kamerad eingesegnet. Dann folgte eine kurze Ansprache unseres Lagerkommandanten in englischer Sprache. Zuletzt ein englischer Offizier in deutscher Sprache, der sprach: »Zwei gute deutsche Kameraden liegen hier fern Ihrer Lieben und Heimat in fremder Erde, und die Einwohnerschaft von Devizes wird stolz sein, diese beiden Kriegergräber zu pflegen.« Ich glaube besser konnten unsere beiden Kameraden auch in der Heimaterde nicht bestattet werden.

Georg Josef Ohmeis, Maurer, Ober-Erlenbach.

Das Sterben in der Wüste Namib

Hier sei das große Sterben der Schutztruppe von Deutsch-Südwest-Afrika im Gefangenenlager in der Wüste Namib im Jahre 1918 geschildert. So wie in Europa die Grippe furchtbare Verheerungen unter den Menschen anrichtete, wurden wir auch da drüben im heißen Erdteil heimgesucht. Noch viel schrecklicher als in Europa trat diese Pest bei uns auf. Furchtbar war das Sterben unter unserer Truppe, aber noch schlimmer war es bei der englischen Besatzung, da die Leute nicht so widerstandsfähig waren wie wir. Wir mußten von 1200 Mann 84 begraben, die Engländer von 450 ungefähr 80. Schrecklich waren die Szenen, keiner wollte sterben, da doch in der Heimat der Waffenstillstand verkündet war. Das Fieber war schrecklich; bis 45 Grad stieg es, um dann plötzlich unter den normalen Grad zu fallen; das war das Ende, der Tod. Ich kann mich erinnern, daß mein Wachtmeister Strube bei 25 Grad gestorben ist. Schrecklich war der Todeskampf einzelner Kameraden. In ihrem Wahnsinn schrien sie nach Vater und Mutter. Andere waren in ihrem Wahn in der Heimat und fuhren Auto; andere teilten ihr Vermögen auf. Ich kann mich an einen gewissen Hack erinnern, der dauernd Kommandos abgab; auch hatte er im Wahn Diamanten gefunden. Einige Kameraden tranken in ihrem Wahnsinn sogar Kreolin. Wir mußten an manchem Tag fünf Kameraden begraben. Die größten und stärksten Menschen wurden am schnellsten von der Seuche hingerafft.

Aerzte hatten wir keine, die waren alle ausgetauscht worden; auch war ärztliche Hilfe vergebens. Die englische Regierung hatte uns schließlich einen alten Arzt aus einem Rebellenlager geschickt. Der alte Mann war 64 Jahre alt und selbst so schwach, daß er bei seinen Besuchen ab und zu ein Glas Wasser zu sich nehmen mußte, um nicht umzufallen. Er sagte immer: »Kinder, ich kann Euch nicht helfen, ich kann Euch nur ein Hemd oder etwas Wein und Früchte verschreiben.« Auch ich war neun Tage von dieser Pest befallen. Als mich der Arzt besuchte, ging es mir schon besser, er fragte mich, ob ich keinen Wunsch hätte, worauf ich sagte, ich hätte gerne ein Hemd. Ich lag nämlich ohne Hemd in meinen Woilach gehüllt. Sichtlich erfreut verließ der Arzt meinen Pontock (Haus) mit dem Bemerken, ich sei der erste Kranke, der noch Mut hätte. Das versprochene Hemd erhielt ich eine Stunde später. Die höchste Krankheitsziffer von 1200 Mann waren 1080 Mann auf einmal; ganze Kompagnien waren von der Seuche befallen, so daß Kameraden von anderen Truppenteilen die Pflege übernehmen mußten. Dem Engländer muß es zur Ehre angerechnet werden, daß er uns unterstützte, soweit es in seinen Kräften stand. Den Wiedergenesenen ließ er Erholung außerhalb des Lagers zuteil werden.

Als die Krankheit bei uns abgeflaut war, brach sie bei den Engländern aus. Die Besatzung war so stark von der Krankheit befallen, daß es nicht möglich war, für uns die Bewachung zu stellen. Unsere Leute mußten sogar in die englischen Lazarette, um den Feind zu pflegen. Schreckliche Einzelheiten spielten sich dort ab; verschiedene Kranke waren aus den Fenstern gesprungen. Wären unsere Leute nicht gewesen, hätten die Engländer im eigenen Schmutz umkommen müssen. Wegen der unhygienischen Zustände weigerten sich unsere Leute zuletzt, die Engländer zu pflegen. Durch Bitten und Androhung von Gegenmaßnahmen brachte es der Kommandant fertig, die Leute zur Arbeitsaufnahme zu bewegen. Während der Krankheitsperiode durfte auch Wein und Alkohol ins Lager eingeführt werden. Die Zivilbevölkerung hatte ihre Schutztruppe auch nicht vergessen; mit Lebensmitteln und Bekleidung wurden wir versorgt.

Ich möchte hierbei noch erwähnen, daß auch die Affen von der Krankheit schwer heimgesucht wurden. Tausende von Pavianen lagen in den Klippen, von der Seuche dahingerafft. Auch da wurde festgestellt, daß die Paviane unter sich Krankendienste leisteten, denn keiner blieb auf der Fläche oder am Abhang des Berges liegen. Die Kranken und Toten wurden von den Gesunden in die Berge geschafft.

Unsere verstorbenen Kameraden fanden ihre letzte Ruhestätte in der Wüste Namib, in dem Land, das sie so tapfer gegen eine Uebermacht von Feinden verteidigt hatten. Sieger und Besiegte wurden auf einem Friedhof begraben. Die Beerdigungen waren oft gemeinschaftlich, so daß auch der englische Offizier an dem Grabe eines deutschen Soldaten sprach. Einfach und schlicht waren seine Worte: »Wir sind keine Feinde, sondern Freunde. Der Kampf wird in der Heimat ausgetragen, wir wollen uns das Los erleichtern.«

Der Friedhof wurde gemeinschaftlich von Engländern und Deutschen eingeweiht. Die gefangene Schutztruppe schoß den letzten Gruß über Freund und Feind, denn wir waren mit Waffen interniert. Für den Kampf, den ein kleines Häuflein gegen eine tausendfache Uebermacht geführt hatte, war das eine Anerkennung des Sieges dem Besiegten gegenüber.

Martin Horn, Polizeiwachtmeister a. D., Frankfurt a. M.

Stille Stelle

Ich war im Laufe des Krieges Sanitäter geworden. Den Rückzug bei St. Quentin machte ich unter schweren körperlichen Strapazen mit. Als wir die Siegfriedstellung bei St. Quentin bezogen hatten, lagen eines Morgens drei tote Franzosen neben einem Hang. Kein Mensch kümmerte sich um sie. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, wenn ich an den Toten vorbei ging, ihnen nicht einen Gruß zu geben. Gegen Mittag wurde mir das Herz so schwer und eine innere Stimme sagte zu mir: Du mußt die Toten begraben. Ich ging dann auch dran und machte nicht weit von den Toten ein Grab, trug einen nach dem andren hinein und schaufelte mit Tränen in den Augen das Grab wieder zu. Heute denke ich noch an die drei gefallenen Franzosen und kein Mensch als ich weiß, wo sie geblieben sind. Ich aber möchte gern wissen, ob sie noch dort liegen, wo ich sie begraben habe. Ich will die Stelle zeigen, wo sie ruhen, wenn es mir vergönnt ist, noch einmal nach St. Quentin zu kommen.

Engelbert Karl Graf, Bäckermeister, Ober-Raten/Hessen.

Klage der Völker

Das III. Bataillon des Res. Inf. Regt. 80 stand rechts vom Mont Cornilet bei Reims in Stellung. Der dritte Zug meiner Kompagnie lag im vorderen Graben. Die Franzosen hatten eine Sappe vorgetrieben, um uns besser beobachten zu können. Hinter etwas Draht stand gut gedeckt der französische Doppelposten, von uns ein Steinwurf, dreißig Meter. Also Vorsicht.

Doch eines Tages winkten die Franzosen mit den Händen; sonst war nichts zu sehn.

Wir winkten auch.

Da schauten auf einmal ihre blauen Helme und die Köpfe hervor.

Auch wir zeigten uns da.

Sie riefen uns zu:

Guerre finie ? Krieg aus!

Weiter: » Kähl regima?« ? Welches Regiment?

»No. 80,« kam es zurück.

Die Franzosen waren vom Regt. 223. Sie warfen Zeitungen uns entgegen und wir brachten ihnen die deutschen Zeitungen. Sie teilten uns mit, daß sie des Krieges müde seien. Das sicherten wir ihnen auch von uns zu.

Leider hatten die höheren Befehlstellen keine Rücksichten. Es wurde ein nächtlicher Ueberfall auf die französische Stellung unternommen. Die Franzosen, die vorne waren, hatten sich aber schnell zurückgezogen. Nur zwei französische Wehrmänner, die als Träger ihren Leuten Essen brachten, fielen uns in die Hände. Sie sagten, das Minenfeuer wäre schrecklich gewesen. Sie zitterten vor Angst und waren froh, daß wir gute Leute waren, die ihnen nichts Schlimmes taten. Sie waren froh, daß der Krieg für sie beendet war. Denn sie sagten:

la guerre est un grand malheur ?
pour nous ? pour vous, ?
pur tout le monde!

auf deutsch:

der Krieg ? das ist ein großes Weh!
für uns ? für euch ?
für die ganze Welt!

Fritz Wolf, Maler und Lackierer, Wiesbaden.


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