Das Buch der guten Werke 1914-1918

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Schicksale und Souvenirs

Das böse Schicksal

Bei dem großen englischen Angriff vom 15. September 1916, wo die Engländer das erstemal Tanks verwendet haben, erhielt ich einen Lungendurchschuß. Da ich von früh acht Uhr bis zum späten Nachmittag vergeblich auf Hilfe wartete, versuchte ich nun, von meinem Wundbett wegzukommen, denn der Durst trieb mich fast zur Verzweiflung. Die Beine versagten aber ihren Dienst, denn ich hatte sehr starken Blutverlust, und nach einigen Schritten brach ich immer wieder zusammen. Ein englischer Posten, der meine Gehversuche und Anstrengungen beobachtete, rief mir aus einem Graben zu und gab mir Zeichen, daß ich zu ihm kommen sollte. Mit äußerster Kraftanstrengung und meistens durch Kriechen gelangte ich zu diesem Posten.

Was nun eintrat, hätte ich von einem Feinde nicht erwartet. Würde dieser Soldat mein Bruder gewesen sein, so hätte er mich auch nicht besser behandeln können. Als er sah, daß ich verwundet war, verband er meine Wunde, dann gab er mir seine Feldflasche, der ich einige kräftige Züge entnahm. Wie ich ihm die Flasche wieder zurückgeben wollte, gab er mir zu verstehen, daß ich sie ganz austrinken könne, was ich ob meines Riesendurstes gerne befolgte. Dann gab er mir Schokolade und Keks. Nachdem ich mich gut gestärkt hatte und es anfing dunkel zu werden, gab mir der englische Kamerad seinen Tornister als Kopfunterlage, holte in der Nähe von einem Toten einen Mantel und bettete mich darauf und deckte mich mit seinem Gummizelt zu. Bald schlief ich auch nach dem Tage, der wohl der schrecklichste meines Lebens war, neben dem Engländer ein.

Aber nicht lange sollte dieser Schlaf dauern, denn die deutsche Artillerie ließ noch ab und zu ihre Stimme erschallen und streute das Kampfgelände ab, wo am Vormittag der Angriff tobte. Ein Schrapnell kam angesaust, zerplatzte in unserer Nähe und machte dem Leben des englischen Soldaten durch einen Kopfschuß ein rasches Ende. Ich trug noch eine Verwundung am Arm davon. Ich konnte mich nicht über den Tod dieses Feindes freuen, und ich danke ihm über das Grab hinaus für seine gute Kameradschaft.

Karl Sachs, Steuerassistent, Landstuhl/Pfalz.

Der Lager-Adjutant

Es war im französischen Kriegsgefangenenlager bei Dombasle in der Nähe von Verdun. Die Lebenslage, in der wir uns zu dieser Zeit in genanntem Lager befanden, war keine rosige. Wir bekamen nicht die Lebensmittelrationen, die uns als Gefangenen zustanden, da ein großer Teil davon durch die französischen Posten beim Proviant-Empfangen ? bzw. auf dem Transport von dem Proviantamt in Verdun nach dem Lager ? an die Bauern wieder verkauft und in Wein und Tabak umgesetzt wurde. Zu diesem Proviantempfang nach Verdun gingen immer zwei und auch drei Leute von uns mit zum Aufladen. Dabei war auch ich. Wir mußten nun zusehen, wie die Posten jedesmal auf dem Heimweg die Speckseiten, große Stücke Pferdefleisch, Sandsäcke voll Reis, Bohnen, Erbsen sowie Kaffee den Bauern für billiges Geld abgaben, wofür sie sich namentlich Wein kauften, so daß sie auf dem Heimweg immer betrunken waren. Wir beschwerten uns dieserhalb beim Feldwebel; dieser gab die Beschwerde weiter, aber vergebens; sie ist wahrscheinlich auf dem Wege zum Chef de Camp festgehalten worden, denn diese Zustände hielten weiter an. Obwohl die Beschwerde oft wiederholt wurde, war es umsonst.

Wir hatten uns nun schon damit abgefunden, als plötzlich ein Engel in der Person eines neuen Chef de Camp bei uns im Lager erschien und sich als unseren neuen Lager-Adjutanten vorstellte. Aus sich heraus frug er uns, ob wir mit der Behandlung und unserer Nahrung zufrieden wären. Als er ganz bestürzte Gesichter sah, wollte er natürlich wissen, weshalb wir nicht antworteten. Unser Lagerfeldwebel erklärte ihm nun die Behandlung, die wir bis zu diesem Tage im Lager gehabt hätten und erzählte ihm auch von den Lebensmittelverkäufen der Posten. Da war er sehr erbost darüber und ließ uns auf seine Schreibstube kommen, um alles zu Protokoll zu nehmen. Zum Schluß gab er sich sogar soweit her, daß er sich im Namen seiner Nation entschuldigte; es sei bedauerlich, daß so etwas vorgekommen wäre und versicherte uns, für Abhilfe zu sorgen.

Es dauerte auch keine acht Tage, als sämtliche Posten durch neue abgelöst wurden. Dann einige Zeit später mußten wir in Begleitung unseres neuen Chef de Camp nach Verdun zur Gerichtsverhandlung fahren. Wir durften sogar im Wagen des Adjutanten Platz nehmen, wozu wir unsere Gala-Kriegsgefangenen-Uniform anzogen. Wir waren nun nicht wenig erstaunt, auf dem Gerichtshof unsere früheren Posten als Arrestanten zu sehen. Sie sahen uns natürlich wütend an; ich glaube, wenn einer von uns in die nächste Nähe gekommen wäre, die hätten sich gerächt. Aber unser Adjutant blieb bei uns und beschützte uns. Die Verhandlung selbst dauerte gar nicht allzu lange; das Protokoll wurde noch einmal vorgelesen und einige Zwischenfragen gestellt; und am Schluß mußten wir alles beschwören, was wir ja mit reinem Gewissen tun konnten. Auf der Heimfahrt erzählte uns nun unser Lager-Adjutant, daß die Posten sämtlich vier Wochen strengen Arrest erhalten hätten und nicht mehr zur Bewachung von Kriegsgefangenen zugelassen würden.

Unsere Lage bzw. die der ganzen Kompagnie wurde von dem Tage an bedeutend besser. Wir bekamen das uns zustehende Essen, jeden Tag unser Stück Fleisch, zwei Mann ein ganzes Brot; früher erhielten drei Mann ein Brot. Wir bekamen einen Fußball gestellt, durften Theater spielen, so daß sich unter diesen Umständen die Gefangenschaft noch ertragen ließ. Leider mußte uns dieser seelengute Lager-Adjutant einige Monate später wieder verlassen, da er entlassen wurde, um seinen Zivilberuf als Rechtsanwalt wieder zu ergreifen. Er besuchte uns später noch mit seiner Familie; und da stellte sich heraus, daß die Frau mit Kind während des Krieges ebenfalls interniert war und es ihr in Deutschland, den Zeiten angemessen, sehr gut ergangen war.

Richard Dörnfeld, Kaufmännischer Beamter, Frankfurt a. M.

Wäsche in Flandern

Da ich ein Flandrische Mädel bin und als solche den Krieg mit seinem Grauen in der Heimat erlebt habe, könnte ich Euch manche schöner Artikel für das Buch der guten Werke schreiben. Es war in Mai 1915, wir wohnte in der Hypersteenweg, ein kleines Haus mit große Schild darauf stand zu lesen: »Hier wird für Deutsche Soldaten gewaschen«. Kommt als neuer Kunde eine Marine herein und frägt, ob wir auch ihm seine Wäsche waschen wollen, natürlich. Ich bitte ihm plaßt zu nehmen weil ich in seiner gegenwart seine Wäsche aufschreiben. Ich war gerade dabei andere Wäsche zu Bügeln, hatte aber sehr slechtes feuer da unser Ofen kaputt war, dazu noch Wind von See aus, so das wir die ganze Stube voll kwalm hatte. Dies merkte nun der Marine und frug mich ob unser ofen immer so slecht brennen. Ich sagte ihm denn die Uhrsache und das wir kein Möglichkeit hätte ausbessern zu lassen, der Schmied nicht mehr im Dorfe war. Da versprach mir der Marine abends 12 Uhr zu kommen. (Er mußte zuerst an die front) der Ofen zu holen und da er Schlosser war, wollte er es selber machen. Abends warteten nun meine Mutter, eine Schwester und ich ob des kommens des uns wildfremde deutsche Soldat. Aber nicht vergebens, denn tatsächlich er kam und hielt sein versprechen. Die Mutter bod ihm geld an was er aber nicht annahm. Sie lud ihm dann ein einmal bei uns kaffee zu trinken, dies nahm er auch an. Von nun an waren wir gute Freunden. Am 24. Oktober verlobten wir uns. Bin seit den 13. November 1919 hier in Deutschland und seit dem 3. Januar 1920 mit ihm verheiratet.

Frau M. N.

Die Landkarte und die Kanone

Bei den Kämpfen in Russisch-Polen im Frühjahr 1915 war das 1. Masurische Infanterie-Regiment 146 durch die Uebermacht der Russen am 7. März auf dem von ihm gehaltenen Frontabschnitt bei dem Dorfe Kapustnik zurückgeworfen worden. Von unserem Bataillon waren den Russen sieben Mann lebend, zum Teil durch Stichwunden verletzt, in die Hände gefallen; darunter ich, wohl damals der Jüngste des Regiments, kaum achtzehn Jahre alt.

Im Herbst 1916 forderte die Leitung der Demidoff-Werke in Tagilsk (Ural) für ihre Betriebe kriegsgefangene Facharbeiter an. Bei der Verteilung auf die einzelnen Werke hatte ich das Glück, der mechanischen Fabrik zugeteilt zu werden, deren Leiter, Ingenieur Bytschoff, seine Ausbildung auf dem Technikum in Mittweida in Deutschland genossen hatte und der versprach, die sogenannte »Intelligenz« (Studenten, Lehrer, Beamte) nach Möglichkeit nicht als ungelernte Arbeiter zu beschäftigen. Dieses Versprechen hat er gehalten. Ich persönlich kam in das Auftragsbüro, in dem sechs Techniker, eine Kontoristin, eine Maschinenschreiberin und ein Laufjunge die eingehenden Aufträge für die Weiterleitung an die betreffenden Werkmeister bearbeiteten. Ich war in dieser Abteilung der einzige Kriegsgefangene unter den russischen Angestellten, die mich vom ersten Tage an als gleichberechtigtes Mitglied in ihrer Arbeitsgemeinschaft aufnahmen. Alle Vergünstigungen und Einrichtungen, die ihnen im Bürodienste zur Verfügung standen, durfte und mußte ich mit ihnen teilen. In ihrer Haltung mir gegenüber waren sie peinlich bemüht, alles zu vermeiden, was mich hätte verletzen können. Ich will nur die folgende Episode erzählen:

In dem Auftragsbüro des russischen Werkes in Tagilsk hing bei meinem Eintritt eine Kriegskarte, auf der mit Fähnchen die einzelnen Frontabschnitte fein säuberlich abgesteckt waren. Am nächsten Tage ließ der Bürovorsteher, ein gewisser Alajeff, die Karte durch den Laufburschen entfernen und in das Archiv tragen. Nichts sollte in dem Büro zur Erörterung über den Krieg und zu den hiermit zwangsläufig verbundenen Gefühlen Anlaß geben; nichts sollte den Haß schüren, der die Völker gegeneinander trieb.

Ich glaube, daß dieser Takt eines einfachen Mannes, der Gefahr lief, der Niedertracht und des Verrats geziehen zu werden, ebensoviel und mehr bedeutet als die sehr schöne Geste der englischen Regierung, als sie den deutschen Reichskanzler und den deutschen Außenminister nach dem Landsitz Chequers zu Gaste lud. Da stand nämlich als Symbol des Sieges vor dem Herrenhaus in Chequers eine im Weltkrieg eroberte deutsche Kanone; und diese wurde für die Zeit des deutschen Besuches vom Gärtner zur Seite geschafft und hinter einem Gebüsch taktvoll versteckt. Aber diese friedwillige Maßnahme verhinderte leider nicht, daß die deutschen Gäste beim Spazieren doch plötzlich vor der deutschen Kanone standen: Souvenir des Weltkriegs! Es ist eben auch heute noch nicht leicht, Kanonen völlig unsichtbar zu machen.

Georg Zielasko, Dipl.-Kfm., Berlin.

Begegnung

Juli 1918. Meine Gebirgs-Kanonen-Batterie stand am Care alto, 3200 Meter hoch, Adamello-Gruppe. Wegen einer Fußverletzung war ich als Telefonist beim Train und als solcher hatte ich in der Seilbahnstation Pelugo Dienst zu machen. Tagtäglich mußte ich mehrmals den dreiviertel Stunden langen Weg von Pelugo nach Vigo und retour, Meldungen abstatten. Auf dieser Straße begegnete ich des öfteren einem Trupp elend aussehender, hungriger italienischer Kriegsgefangener, welche zur Arbeit marschierten. Unter ihnen fiel mir ein in den ersten Reihen marschierender Sergeant auf, weil ich aus seinen Zügen ein furchtbares Heimweh herauslas.

Eines Tages begegnete ich in Vigo wieder dem Trupp und kam gerade zurecht, wie ein Gefangener von einer im Haustor stehenden Italienerin ein Stück Brot erhielt, und wie der Eskortemann aus Zorn mit dem Gewehrkolben auf den Armen einhieb. Eine blitzartige Empörung bemächtigte sich meiner, und flugs sprang ich hin, und dem Mann das Gewehr haltend, schrie ich ihm die gemeinsten Schimpfworte ins Gesicht. Es wäre zwischen mir und ihm ein regelrechtes Duell, Bajonett contra Gewehr, entstanden, wenn nicht ein auf dem Rad vorbeifahrender Feldgendarm eingegriffen hätte. Während dieser mir das Nationale abnahm, spürte ich plötzlich einen Händedruck. Mich umsehend, gewahrte ich jenen italienischen Sergeanten, welcher mit vielen grazie amico auf mich einredete, bis ihn der Gendarm fortjagte.

Am nächsten Morgen begegneten wir uns wieder, und heftig gestikulierend begrüßte er mich von weitem; als er an mir vorbeiging, ließ er einen Zettel fallen. Ihn aufhebend, las ich darin die Beteuerung seines aufrichtigen Dankes für mein Einschreiten; halb deutsch, halb italienisch versprach er mir dauernde Freundschaft und bat mich, ihm manchmal Zeitungen und Zigaretten zuzustecken. Dies tat ich auch in folgender Zeit ...

4. November 1918. Gerade kam ich vom Urlaub, als meine Batterie eben die Stellung verließ und heimwärts marschierte. In Madonna di Campiglio wurden wir gefangen und mußten unter schwacher italienischer Eskorte zurück nach Vigo marschieren. Außerhalb Pinzolo konnte ich wegen meines Fußverbandes, der sich im Schuh verschoben hatte, nicht mehr weiter und ging abseits der Straße in einen Weingarten, um den Verband zu richten. Als ich wieder die Straße betrat, war es bereits finster und meine Leute fort. Ich ging nun im Weingarten längs der Straße weiter, bis mir ein bei einer Brücke stehender italienischer Posten ein sehr energisches »Halt« zurief und mich mit einem Handscheinwerfer ableuchtete. Nachdem er mir sämtliche Habseligkeiten wie Uhr, Geld, Briefschaften abgenommen hatte, band er mich neben sich an einen Brückenpfeiler, um mich bei der Ablösung mitzunehmen. Sein einziges Gespräch war ein höhnisches » Austria kaput« und » Austriaci mangian erba« ? Oesterreicher essen Gras! ... Es dauerte so eine halbe Stunde, da hörte ich plötzlich Hufschlag und ein Reiter hielt bei dem Posten, der ihm Meldung machte. Der Reiter stieg vom Pferd und der Posten leuchtete mich als seinen Gefangenen triumphierend an. Zwei plötzliche Freudenschreie ließen den erstaunten Wachposten ungemütlich werden. Der Reiter war mein Freund, der Sergeant.

Er hatte sich, als die Italiener einzogen, sofort equipiert und Dienst angetreten. Der Posten band mich los, steckte mir heimlich meine gestohlenen Sachen zu, und ich ging mit dem Sergeanten in dessen Quartier. Hier verbrachten wir die Nacht bei gutem Wein, weißem Brot und Konserven, unter ewigen Freundschaftsbeteuerungen. Morgens ließ er einspannen, gab mir einen mit einem Dienstzettel versehenen Soldaten mit, der mich unversehrt meiner vorausgeeilten Batterie übergeben sollte. Wir verabschiedeten uns von den erstaunten Soldaten herzlich, und versprachen uns, gegenseitig zu schreiben oder zu besuchen, da er fest behauptete, wir blieben nur vierzehn Tage interniert. Aber ein Jahr blieb ich gefangen. Die Adresse meines Freundes habe ich verloren; erinnerlich ist mir nur, daß er Salvatori hieß und als Früchtehändler in einem Ort bei Neapel wohnt. Ich sah ihn nie mehr.

Alois Leeb, Heeresarbeiter, Wien.

Gulaschkanone

Es war im März, am dritten oder vierten Tag der ersten Offensive 1918. Ich war Krankenträger der Sanitäts-Kompanie Nr. 16 der 33. Inf.-Div. Wir hatten von unseren Führern Auftrag, zu je vier bis acht Mann die Gegend nach Verwundeten abzusuchen. Ich suchte mit drei anderen Kameraden die Straße von Guiscard nach Noyon, besonders die Gräben, also Chausseegräben, ab. Im Laufe des Morgens kamen eine Anzahl gefangener Engländer uns entgegen. Wir baten sie um Rauchbares, was man uns auch, wenn vorhanden, gab.

Eine deutsche Feldküche fuhr an uns vorbei. Vorne saß der Fahrer, hinten der Koch. Die Straße lag unter Streufeuer englischer oder amerikanischer Sprenggranaten. Als die Küche etwa hundert Meter an uns vorbei war, bekam sie einen Volltreffer. Wir rannten sofort hin, die Pferde waren beide tot; der Fahrer war in den Graben geflogen; er lag dort wie tot. Der Koch lag unter der Gulasch-Kanone, die nach hinten gestürzt war, da ein Rad zertrümmert war. Ich und ein Kamerad bemühten uns um den im Graben liegenden Fahrer, der noch etwas Leben von sich gab.

Es kamen auch zwei englische Infanteristen und ein englischer Offizier angelaufen und bemühten sich um den unter der Küche liegenden Koch. Dieser rief aber immer: »Helft unserem Willem!« Es waren zwei Brüder an einer Küche. Mindestens eine Viertelstunde versuchten die fünf Mann, die Küche zu heben, um den Koch zu befreien. Ich und ein Kamerad kleideten den im Graben liegenden Fahrer aus und fanden endlich eine kleine Verwundung im Leib. Da schlug plötzlich eine zweite Sprenggranate fast an derselben Stelle ein. Gerade hatten die fünf Mann den Koch befreit. Die Granate tötete einen meiner Kameraden und einen englischen Soldaten und verwundete den Offizier am Arm schwer. Der Fahrer war inzwischen auch gestorben. Nun trugen wir drei Krankenträger und ein englischer Infanterist den schwer verletzten Koch auf eine sogenannte »Trage«, nachdem wir die drei Toten in den Graben gelegt hatten. Der Offizier ging schwer blutend neben uns her. Wir verbanden ihn in einer Schlucht. Die Engländer hatten sich heldenhaft benommen, einer hatte sein Leben für deutsche Kameraden geopfert, der Offizier seinen Arm. Wir kamen dann schließlich am Verbandsplatz an.

Als wir nach etwa zwei Stunden wieder an die Unglücksstelle kamen, waren die Pferde bis auf die Knochen abgeschabt, als Braten; und die Küche selbst war erbrochen. Hungrige Kameraden hatten sich daran gut getan.

Heinrich Weindorf, Kaufmann, Witten/Ruhr.

Erkennungsmarken

Die Hauptangriffe der Frühjahrsoffensive 1916 auf die französischen Stellungen des linken Maasufers im Wald von Avoncourt, die an Heftigkeit nicht leicht zu übertreffen waren, hatten ihr Ende erreicht. Durch die furchtbare Schlamm- und Trichterwüste des vernichteten Waldes mit seinen zerfetzten Stämmen, gesprengten Panzertürmen, zersplitterten und verschmutzten Waffen und verstümmelten, von den Granaten wieder aus ihren Gräbern gerissenen Toten ? zog sich wieder ein durchgehender vorderer Graben. Der Juni 1916 war da. Die verwundeten Büsche hatten sich wieder mit Grün bedeckt.

Wir bayerischen Fünfundzwanziger, die noch unter den Lebenden weilten, ja, denen das Leben neu geschenkt war, schlichen uns in der Freizeit ins Rückgelände hinaus, gingen von der Ostecke des Waldes hinüber nach links zum Panzerturm, um nochmal in ruhigerer Zeit unser ehemaliges Leidensfeld, die Verwüstungen von einst zu sehen, Waffen und Ausrüstungsgegenstände zu sammeln und noch manchen lieben Kameraden zu beerdigen.

Auf diesen Gängen fanden Leute meines Zuges im Gebüsch hinter unserem Zugabschnitt noch zwei unbeerdigte gefallene Franzosen von den Angriffstagen des März und April her. Sie waren sehr wahrscheinlich ihren Angehörigen als vermißt gemeldet worden. Vermißt ? wohl das furchtbarste Wort für Eltern, Geschwister, Frauen und Kinder! Diese schreckliche ewige Ungewißheit!

Wir versetzten uns in die Lage der Angehörigen der beiden Franzosen. Deshalb nahmen wir den Gefallenen vor der Beerdigung die Erkennungsmarken ab und beschlossen, diese in den feindlichen Graben zu befördern. Dieser lag nur 10 Meter von unseren Sappen, oft noch weniger weit entfernt, und nicht selten konnten sich Freund und Feind auf kurze Zeit schmunzelnd in die Augen sehen. Die Nähe der feindlichen Stellungen hatte aber auch ihre großen Gefahren, waren doch solche Frontabschnitte ein günstiges Betätigungsfeld für Handgranatenkämpfe, Scharfschützen und Minensprengungen.

Wir banden also die Erkennungsmarken an einen Stein und wickelten alles in weißes Papier, um es bei günstiger Gelegenheit am Tage in den feindlichen Graben oder in die Nähe des feindlichen Postens werfen zu können. Dieser sollte das Paketchen bemerken und es dann in der Nacht holen. Der Wurf gelang, aber direkt in den Graben hatten wir nicht getroffen. Der französische Posten hatte das weiße Päckchen bemerkt und in der Nacht auch geholt. Am 21. Juni flog in der Mittagszeit ebenfalls ein Päckchen, enthaltend einen Zettel, aus der feindlichen Stellung in unseren Graben. Es war der Dankesbrief unserer Gegner.

Melchior Baptist, Hauptlehrer, Lindau.

Der Ring

An meiner Hand glänzt ein Ring. Dieser Ring liebt es, mich von Zeit zu Zeit an den ersten Annäherungsversuch zum Frieden zu erinnern, den ich im Jahre 1915, ganz auf eigene Faust, mit den Engländern angebahnt habe. Wie ich dazu kam, das sei mit wenigen Strichen hier wiedererzählt.

Bei dem Sturm auf Becelaere, einen sehr hartumkämpften Ort in Flandern, fiel unserem Regiment eine geschlossene Kompanie Soldaten von der feindlichen Seite mitsamt ihrem Führer in die Hände. Während meine Kameraden fortfuhren, das Gelände zu säubern, erhielt ich nachher den Befehl, die Gefangenen nach Letekhem zurückzuschaffen, wo eine Sammelstelle für alle Gefangenen war. Man feierte gerade den Heiligen Abend, als ich dort eintraf. Es schneite und dunkelte bereits. Ein Wachtposten wies mir von hier aus den Weg nach der Kirche, dem vorläufigen Bestimmungsort, wohin ich die Leute zu bringen hatte. Zu dem Zweck war vorher darin alles ausgeräumt worden, der Platz würde sonst nicht ausgereicht haben für die vielen Menschen, die ich mitbrachte. Der ganze Boden wurde mit Wolldecken belegt, auf dem sich die Soldaten wahllos niederfallen ließen, wie sie ankamen.

Der Offizier sollte, laut Befehl, allein hinter dem Hochaltar in einem vergitterten Raum eingesperrt werden, in dem einst eine geschnitzte Kreuzigungsgruppe stand, die deswegen gleichfalls ihren Platz verlassen mußte. Der Mann tat mir leid, aber dagegen war nichts zu machen. Wie das alles soweit ausgeführt war, holte ich von draußen noch ein Tannenbäumchen von einem Grab herein, behängte dasselbe mit Glasperlen aus dem Ornat des Priesters und stellte es darauf mitten unter die stumpfsinnig dasitzenden Soldaten. Ein klein wenig Trost wollte ich ihnen damit spenden; sie sollten dadurch daran erinnert werden, daß heute Weihnachten ist und Frieden auf Erden. Dazwischen hin und her, mit aufgepflanztem Seitengewehr marschierten in einförmigem Gleichtakt die Bewachungsmannschaften. Als es ganz dunkel in der Kirche geworden war, steckte ich die Kerzen an dem Bäumchen in Brand.

Wie sie aufleuchteten, ging ein helles Blitzen über die langen blanken Orgelpfeifen hin, welche am Ende des Mittelganges von der Empore aus steil zur Decke emporstrebten. Ein Gedanke durchzuckt mich, wie ich das sehe; und ich schleiche mich sachte an das Instrument heran. Nur einen Kameraden nehme ich dazu mit, daß er mir den Blasebalg in Bewegung setze. Und wenige Minuten später liegt schon meine Hand auf den ausgefingerten Tasten der Orgel; und ich beginne mit einem Präludium von Bach, aus dem ich dann allmählich hinüberleite zu »Stille Nacht, Heilige Nacht«.

Gleich beim ersten Akkord fliegen alle Köpfe herum. Auch der Offizier hinter dem Gitter in der dunklen Ecke dort wird unruhig. Er erhebt sich vom Boden und tritt nach vorn zu sehen, was los wäre. Das peinigt mich, einen Menschen so sehen zu müssen, in dieser Stunde. Ich beende sofort mein Lied; trete zu ihm heran und bitte ihn, zu uns herauszukommen. Und ich schließe ihm das eiserne Tor auf. Wieder sind die Augen der ganzen Kirche dabei auf mich gerichtet. Ich wußte, daß dies nicht sein durfte; ich tat es aber doch. Nun erst war Frieden in dieser gemeinsamen Christ-Weihnachtsfeier, als alle teilnehmen konnten.

Am anderen Morgen wurde ich verhaftet wegen Verletzung der Kriegsgesetze. Drei Tage Gefängnis wurden mir dafür aufgebrummt, und darauf sollte ich sofort wieder in den vordersten Graben kommen. Ich durfte nicht damit rechnen, nachher den Offizier noch einmal zu sehen. Ich wurde wieder frei. Ehe ich nach dem Graben vorgehe, soll nochmals eine Meldung beim Stab erfolgen, bei der meine Anwesenheit nötig ist. Feldmarschmäßig trete ich dazu an. Wie ich in das Gebäude hinein will, tritt mir der Divisionspfarrer entgegen mit einem kleinen Päckchen in der Hand. Das hätte er mir zu geben, sagte er, im Auftrag des gefangenen englischen Offiziers; ich würde ihn schon kennen.

Wie ich das Paketchen öffne, liegt ein Ring darin und ein Brief, in deutscher Sprache. In demselben dankt mir ein Mensch für das erwiesene Mitleid. Und jetzt graue es ihn nicht mehr so sehr vor der Gefangenschaft, hieß es am Schluß; denn er hätte an diesem Weihnachtsfest erfahren, daß die Welt noch nicht so völlig arm an Güte sei, wie man in Zeiten tiefer Trübsal annehmen möchte. Den Ring soll ich als ein Andenken an jene Stunde für immer behalten. Noch heute hängt mein Herz an ihm.

Karl Leins, Buchdrucker, Bonames.

Wiederfinden

Frühjahr 1915. Die erste Kompanie unseres hauptsächlich aus Frankfurtern bestehenden Landsturmbataillons lag in Kielmy in Litauen. Schwere Kämpfe um Schaulen. Täglich durchzogen größere Transporte russischer Kriegsgefangener den Ort, um nach Uebernachtung im Gefangenenlager am nächsten Tage weitergeleitet zu werden. Beim Durchzug dieser Transporte säumten deutsche Soldaten und Landeseinwohner als Zuschauer die Straße ein. Als eines Tages ein als groß avisierter Transport durchzog, stand auch ich am Wege, um die Gefangenen, die einen vierzig Kilometer langen Marsch hinter sich hatten, zu sehen. Plötzlich schrie eine neben mir stehende Frau gellend auf: sie hatte in einem Gefangenen ihren bereits seit einem Jahre im Feld stehenden Mann erkannt. Immer wieder machte die unglückliche Frau den Versuch, mit ihrem Mann sprechen zu können; stets wurde sie aber von den deutschen Begleitmannschaften, die instruktionsmäßig handelten, daran gehindert und zurückgedrängt.

Schreiend und wehklagend lief die Frau in Gemeinschaft mit mehreren anderen Frauen neben dem Transport her, bis derselbe im Gefangenenlager ihren Blicken entschwand. Tief erschüttert folgte ich dem Gefangenenzug und fand die Frau vor dem geschlossenen Tor des Lagers stehend, um jeden aus dem Lager kommenden deutschen Soldaten um Einlaß zu flehen. Ich machte die Frau auf die Aussichtslosigkeit ihres Tuns aufmerksam und veranlaßte sie, mit mir zur Kommandantur zu gehen. Ich schilderte dem Kommandanten den Vorfall und bat ihn in meinem Namen und auch im Namen meiner Kameraden, die ebenfalls Zeugen des Vorkommnisses waren, um Ausstellung eines Erlaubnisscheins für die Frau: ihren Mann in Anwesenheit eines Dolmetschers sprechen zu können. Obwohl der Kommandant diese Erlaubnis nicht erteilen durfte, ließ er mir doch den Passierschein aushändigen.

Nie werde ich den Gesichtsausdruck des Gefangenen vergessen, als er, nach langem Suchen unter 6000 Mann endlich gefunden und in das Geschäftszimmer des Lagers gebracht, dort seine Frau und seine beiden Kinder im Alter von vier und sechs Jahren wieder sah ...

Max Strauß, Kaufmann, Köln.

Ich erhalte einen Orden

Im August 1917 wurde ich aus dem Lazarett entlassen, von der Genesungskompanie Antokol zur Erholung nach der Sanierungsanstalt Wilna kommandiert. Dort waren gefangene Russen beschäftigt, die Bügel mit den Kleidern der zu Entlausenden in die Heizräume zu bringen. Eines Tages kam ich hinzu und sah, wie ein jähzorniger Landsturmmann die Russen äußerst roh mißhandelte. Mir gefiel das Verhalten des Bewachungsmannes gar nicht. Ich stellte ihn zur Rede und warnte ihn vor weiteren Roheiten. Seit der Zeit wurde niemand mehr mißhandelt. Bald darauf sollte ich nach Deutschland zum Ersatzbataillon. Als ich von meinen Kameraden Abschied nahm, kam auch ein Russe, gab mir die Hand, bedankte sich und übergab mir ein kleines Päckchen. Erst später öffnete ich dasselbe und fand darin ? einen russischen Orden. Eine Medaille mit dem Bildnis des Zaren am rot-weißen Bande. Es war das Beste, was er hatte.

Alb. Steines, Düsseldorf-Rath.

Die Trophäe

Bei meinem ersten Aufenthalt in England, zwei Jahre nach dem Kriege, gingen meine beiden Koffer verloren. Täglich erschien ich deshalb auf dem Gepäckbüro. Der englische Beamte hatte sogleich bemerkt, daß ich eine Deutsche bin und wies auf die alte Taschenuhr, die vor ihm an der Wand hing: »Die gehörte einem Ihrer Genossen,« warf er mir boshaft hin, »auf dem Schlachtfeld hab ich ihn totgeschlagen, da hängt seine Uhr, die zeige ich jedem Deutschen, der zu mir kommt.«

Ich schwieg, weil ich ergriffen war. Er, dadurch unsicher geworden, fuhr fort: »Na, sollte ich vielleicht gewartet haben, bis er auf mich draufschlug? Besser er als ich.«

»Das ist eine gruselige Geschichte,« konnte ich endlich sagen, »das werden Sie wohl nie vergessen können. Wie wenig froh müssen Sie im Angesicht dieser Uhr arbeiten können.«

Nun schwieg er.

Fast vierzehn Tage traf ich diesen Mann täglich, bis sich meine Koffer gefunden hatten. Beim letzten Male hing die Uhr des armen Deutschen nicht mehr an dem Nagel des Gepäck-Büros.

Helma Schröder-James, Arosa.

Vier Kopeken

Wißt ihr, was Schulden sind? Ich habe deren wahrlich genug, aber keine drückt mich so sehr wie die winzige Schuld von vier Kopeken, die ich vor sechzehn Jahren auf mich nahm.

Am 18. September des Jahres 1914 war es, daß ich auf einem Krückstock humpelnd dem Sanitätszuge in Kursk, Südrußland, entstieg, um ins dortige Lazarett gebracht zu werden. Es gab viele neugierige Gaffer am Bahnsteig, die gekommen waren, die erste Siegesbeute Rußlands, verwundete Oesterreicher zu sehen, jene Barbaren, von denen die Zeitungen in großen Lettern berichtet hatten, wie sie den russischen Gefangenen die Zungen ausreißen und die Augen ausstechen. Es wunderte uns daher nicht, als ein klotziger, russischer Hinterlands-Tschinownik (Polizeibeamterl mit grüner Tellerkappe und rotglänzender Schnapsnase seinem Patriotismus dadurch Ausdruck verlieh, indem er uns vom Gehsteig auf den Fahrdamm stieß, wo wir bis über die Knöchel im Schlamm verdanken. Awstrjcki zabaki ? österreichische Hunde.

Und da geschah es. Russische Begleitsoldaten mit langen aufgepflanzten Bajonetten ordneten unseren wankenden traurigen Transportzug, als sich ein Bettelweib im Kopftuch, in Lumpen gekleidet, an mich heranpreßte und mir etwas verstohlen in die Hand drückte. Ehe ich mich versah, war sie im Haufen verschwunden, um nicht wegen ihrer gesetzwidrigen Handlung arretiert zu werden.

Ein abgegriffenes kupfernes Vierkopekenstück hielt ich in meiner Rechten. Ich errötete vor Scham. Mich ? ich war Offizier ? hat ein Bettelweib mit einer Kupfermünze beschenkt! Das Geldstück brannte mich. Nach soviel Schaurigem und Häßlichem auf den Schlachtfeldern, nach soviel Haß und Erbärmlichkeit ? ein Strahl der Liebe!

Robert Hückel, Brünn.

Ums tägliche Brot

Der Bäcker

Mein Erlebnis während des Krieges. Es war in Spincourt bei Verdun. Es war an Weihnachten 1917, in der Feldbäckerei Kol. Nr. 15.

Zur Weihnachtsfeier bekamen wir Bäcker von unseren Vorgesetzten Weizenmehl und durften uns mit Hefe für jeden Mann ein Weißbrot backen. Abends am Heiligen Abend als wir fertig waren, bekam jeder Bäcker sein Weißbrot, und so gingen wir heim auf unsere Buden. In Spincourt war ein russisches Gefangenenlager. Auf der Straße waren vier gefangene Russen, die die Straße reinigen mußten. Ich ging etwas später heim und mußte an den Russen vorbei, hatte mein Brot unter dem Waffenrock, aber sie haben es doch gemerkt. Jeder der drei Russen (in Abständen von zwanzig bis dreißig Meter) bat mich um ein Stückchen Brot, was ich aber ablehnte. Aber der letzte, der vierte Russe, schon ein alter grauer Krieger, fiel vor mir auf die Knie, und bat mich flehend um ein Stückchen Brot. Hier brach mir das Herz. Ich gab ihm mein ganzes Weißbrot. Jetzt kam das schwerste für mich. Er fiel mir um den Hals, und küßte mich auf beide Wangen, als wenn ich sein Kind wäre. Und immer die Worte: Guter Panje.

Ich ging heim ins Quartier, aß und trank den Abend nichts mehr, legte mich auf mein Strohsack und weinte bis tief in die Nacht hinein, und dachte warum muß die Menschheit so leiden.

Gustav Eckstein, Bäckermeister, Heldenbergen.

Isonzoschlacht

Am Monte Gabriele, den 4. September 1917. Ich war Infanterist und zugeteilt der Sturmtruppe beim Landsturm-Infanterie-Regiment Nr. 25. Bei einem Angriff wurde ich durch ein Schrapnell am linken Oberschenkel verwundet und blieb mit mehreren Kameraden, die ebenfalls verwundet wurden, knapp vor der italienischen Stellung liegen. Wir lagen in einem Granattrichter und verbanden uns gegenseitig, so gut es ging, die Wunden. Wohl eine Stunde lang brauste das feindliche Artilleriefeuer über uns hinweg. Nur die österreichischen Granaten kamen uns bedenklich nahe und überschütteten uns mit einem Steinhagel, wodurch zwei Kameraden neuerlich schwer verletzt wurden. Auch mich traf noch zum Ueberfluß ein Steinschlag am Kopf, welcher mich zwar nur leicht verletzte, aber eine ungemein starke Blutung hervorrief. Da setzte auf kurze Zeit das Artilleriefeuer aus.

Plötzlich tauchten einige Italiener auf und bedrohten uns mit Handgranaten. Als sie jedoch gewahrten, daß sie Verwundete vor sich hatten, kamen sie vorsichtig näher. Wir waren zu sehr erschöpft, um uns zur Wehr zu setzen. Ich wurde von zwei Italienern aufgehoben und mit großer Mühe den Abhang hinuntergetragen. Wir waren kaum auf der Straße angelangt, als wir wieder in österreichisches Artilleriefeuer kamen. Ob meine beiden Träger verwundet wurden oder ob sie sich irgendwo vor Granatenhagel gedeckt hatten, weiß ich nicht. Ich lag allein auf der Straße, welche ein furchtbares Bild der Zerstörung bot. An mir vorbei rasten Autos und Artillerie, und nur mit Aufbringung meiner letzten Kräfte gelang es mir, mich in einen Graben zu wälzen, um nicht überfahren zu werden.

Wie lange ich hier in halber Bewußtlosigkeit lag, kann ich nicht sagen, ist auch gleichgültig. Plötzlich spürte ich etwas Feuchtes auf den Lippen. Als ich die Augen aufschlug, sah ich ein bärtiges Gesicht über mich gebeugt. Der Mann hatte Tränen in den Augen! Warum weinte er? Aus Mitleid? oder über meine Jugend? Ich war damals achtzehn Jahre alt und konnte ganz gut sein Sohn sein. Oder hatte er auch einen Sohn an der Front? ? Er flößte mir ein paar Tropfen Wein ein. Ich hatte entsetzlichen Durst und konnte kaum sprechen. Ich deutete mit der Hand auf den Isonzo. Er verstand und fragte: » Acqua?« Ich bejahte. Er lief davon, um Wasser holen, während ringsumher die österreichischen Granaten einschlugen. Er kam auch glücklich zurück, in jeder Hand eine Menageschale voll Wasser tragend. Liebevoll stützte er meinen Oberkörper, während ich trank. Mit heißer Gier leerte ich beide Schalen. Er ging zum zweitenmale den gefährlichen, vom Tod umlauerten Weg, nicht achtend der Geschosse, welche den Boden aufrissen. Auch diesmal kam er unversehrt zurück. Er wusch mir das Gesicht, das ganz mit Blut verklebt war. Dann half er mir auf die Füße. Ich legte die rechte Hand um seinen Hals, mit der Linken stützte ich mich auf einen abgebrochenen Bergstock. Schritt für Schritt kamen wir durch diese Hölle vorwärts und langten endlich, in Schweiß gebadet, beim Hilfsplatz an. Hier übergab mich mein braver Retter einem Sanitäter. Dann entfernte er sich, nachdem er mir noch zwei Zitronen in die Hand gedrückt hatte. Ich war zu sehr geschwächt, um ihm danken zu können. Der Mann hatte sein eigenes Leben eingesetzt, um den verwundeten Feind zu retten.

Eduard Meidl, Drogist, Brünn.

Non, non, le Petit là!

Ich geriet am 26. September bei St. Souplets als Achtzehnjähriger in französische Gefangenschaft. Für mein Alter war ich klein und schwächlich, so daß ich den französischen Soldaten auffiel und allgemein bedauert wurde. Nach vierzehntägigem Aufenthalt im Quarantänelager kamen wir, etwa 400 Mann, ins endgültige Lager bei Melun. Das Essen, das wir bekamen, war sehr gering. Aus diesem Grunde standen wir denn um die Mittags- und Abendzeit, wenn die französischen Soldaten ihr Essen erhielten, hinter unserem Stacheldraht und schauten hungrig zu. Denn der eine oder andere Franzmann reichte schon mal ein Stück Brot oder dergleichen durchs Drahtverhau. Es entstand dann jedesmal ein kleiner Kampf zwischen uns. Leicht verständlich, denn Hunger tut weh! Ich zog hierbei infolge meiner Schwächlichkeit fast immer den Kürzeren. Deshalb hielt ich mich dann lieber gleich abseits, in der schwachen Hoffnung, vielleicht doch auch noch einmal etwas zu erwischen. Und wirklich: eines Tages kam ein älterer Franzose mit einem Stück Weißbrot und ein paar Oelsardinen darauf und reichte selbiges durch den Stacheldraht. Schon aber eilten meine Leidensgenossen herbei, um mich zu verdrängen. Aber da kamen sie bei meinem Gönner schlecht an. Denn sofort zog er die Hand zurück und rief: Non, non, le petit là! ? Nein, nein, der Kleine da! Scheinbar hatte er beobachtet, wie ich bei diesen Kämpfen ums tägliche Brot fast immer zu kurz gekommen war. Deshalb wollte er mir endlich einmal zu meinem Recht verhelfen.

Heinz Breddemann, Schauspieler, Sachsenberg

Das Dreckbrot

Im Frühjahr 1918 wurde unser Brot, das an unser Gefangenenlager geliefert wurde, aus Fußmehl hergestellt, einem Mehlgemisch, das zum Teil vom Fußboden in den Bäckereien zusammengekehrt wurde. Es war Sand, Haare und sogar kleine Steine darin. Alle Beschwerden halfen nichts. Da hatten wir eines Tages einen älteren Wachposten dabei an der Arbeitsstelle. Als wir diesem das Brot zeigten, steckte er eine Probe ein und beschwerte sich beim französischen Oberleutnant. Wir erfuhren, daß es eine heftige Auseinandersetzung gab und daß der Mann sogar bestraft wurde. Aber das Brot war wieder besser. Solche Posten waren sehr rar.

Karl Heinzmann, Straßenbahnschaffner, Dürkheim/Pf.

Wasser

Ein groteskes Bild bot der Marsch in die Gefangenschaft, den wir acht Tage nach der Kapitulation von Przemysl antraten; hatte doch ein Landstürmer, der für alle Fälle Vorsorgen wollte, einen ganzen Sack Kartoffeln am Rücken, da man ja nicht sicher war, ob die Russen uns nicht hungern lassen würden. Ein anderer, der wieder glaubte, bald in die Heimat entlassen zu werden, nahm eine schwere Eisenkette mit, die er in seinem Karpathendorf im Kuhstall verwenden wollte. Die Begleitmannschaft war nicht gerade höflich und so zogen wir, durch Hunger und Krankheit geschwächt, drei Tage über morastige Straßen, bis wir am Ostersonntag Lemberg erreichten.

Die Russen liebten es sehr, ihre Gefangenen recht eindringlich zur Schau zu stellen, und so ließen sie uns denn einige Stunden in der heißen Sonne vor dem Gefängnis stehen, in dem wir übernachten sollten. Wir mußten in Reih und Glied bleiben und auch die Annäherungsversuche der freundlichen Bevölkerung wurden von der Bewachungsmannschaft, jungen, neueingestellten Soldaten strenge und meist grob vereitelt.

Die Hitze wurde unerträglich, und besonders einige ältere Leute lechzten nach Wasser, das uns mitleidige Frauen trotz Verbot immer wieder zu reichen versuchten. Einmal gelang es einem flinken Judenmädchen, unserem Feldwebel, einem älteren, beleibten Mann, ein Glas Wasser in die Hand zu geben. Aber da kam schon ein Rekrut, stieß die Kleine roh mit dem Kolben zurück und riß dem Feldwebel das Wasser unter bösen Flüchen von den Lippen.

Nicht weit von uns hielt eine Gruppe alter, bärtiger Kosaken auf ihren kleinen Pferden und beobachteten die Szene. Plötzlich war einer von ihnen neben uns und im Nu sauste seine Nagaika in kräftigen Schlägen unserem rohen Helden auf Rücken und Schulter. »Du Hundesohn! Einem Mann, der Soldat ist und dein Vater sein könnte, den Trunk vom Mund zu reißen! Glaubst du, er sei weniger als du, weil er im Unglück ist?« Als dann auch der herbeigeeilte Offizier dem empörten Kosaken recht gab, beruhigten sich unsere Gemüter ein wenig: denn wenn es sogar unter den berüchtigten Kosaken echte Menschen gab, dann brauchte man nicht mehr ganz an der Zukunft verzweifeln.

Leo Krämer, Kaufmann, Wien.

Milch

Im Oktober 1916 traten wir den Vormarsch gegen Rumänien an und gelangten über den Szurduk-Paß schließlich bei Szela in die rumänische Ebene. Nach einigen Tagen kamen wir während des Vormarsches in ein von den Rumänen fast völlig verlassenes Dorf um da einen Tag zu rasten. Am Abend, als ich lässig und müde durch die Straße schlendere, werde ich von einem alten Rumänen mit »Grüß Gott« begrüßt, was ich hier in dieser verlassenen Gegend eigentlich nicht erwartet hatte. Ich knüpfte mit dem Alten ein Gespräch an und er erzählte mir, daß er Oesterreicher sei und von Siebenbürgen nach hier übergesiedelt sei. Am folgenden Morgen machte ich mich auf den üblichen Requisitionsgang. Ein altes schmutziges Anwesen betretend, gewahrte ich ein Bild, das von mir im Leben nie vergessen wird, als sei es tatsächlich mein einziges Erlebnis aus diesem großen Kriege gewesen.

In einer dunklen Ecke dieses verlassenen Hauses sehe ich auf einer Holzpritsche drei Kinder sitzen. Das jüngste von etwa vier, das älteste von etwa zehn Jahren. Splitternackt, dem Hungertode nahe, am ganzen Körper gelb wie ein Kanarienvogel, anscheinend von Hunger, starrte mich das größte davon mit hohlen Augen an. Wars Angst und Verzweiflung von dem armen Wesen, oder bedeutete dieser Blick »hilf uns« ? ich weiß es nicht. Das zweite Kind lehnte mit dem Kopf an der Wand, nur noch matten Schimmer in den kleinen schwarzen Augen. Das dritte Kind, das jüngste, in sitzender Stellung mit vornübergebeugtem Oberkörper, der auf den Beinchen ruhte, schien ohne Leben. Ich versuchte das arme Wesen aufzurichten und stellte fest: es lebt noch. Daß hier Hilfe not tat, darüber hatte ich keinen Zweifel. Sofort auf den Weg zum Quartier. Zwei Teewürfel in den Feldkessel, und bald war der erste Trunk, den diese Armen haben sollten, fertig.

Wie ich da eiligen Schrittes auf das Haus zugehe, gewahre ich eine alte Frau, die sicher nicht mehr flüchten konnte. Diese packte ich beim Arm, gab ihr zu verstehen, mitzukommen, was sie nur zögernd tat. Im Hause selbst saßen die drei armen Kinder immer noch genau so da wie vor einer Viertelstunde, als ich sie verlassen hatte. Meiner Anweisung gemäß gab die Alte den Kindern den Tee, wozu ich ihr mein Eßbesteck übergab. Die Alte selbst wehrte sich gegen diese Arbeit immer und immer mit den Worten: Njema, njema, sie wolle nicht! Da gab ich ihr zu verstehen, was ihr blühe, falls sie nicht wolle, indem ich mein Gewehr gegen sie richtete, was seine Wirkung nicht verfehlte.

Als wir unseren Tee verteilt hatten, nahm ich die Alte mit in einen Hof, wo an einem Heuhaufen zwei Kühe fraßen. Ich drückte ihr den Feldkessel in die Hand, um eine der beiden Kühe zu melken. Erst schaut sie mich an, als sollte das »Njema« schon wieder kommen. Doch ein Blick auf mein Gewehr, und sie kniet sich nieder aus der einen Seite der Kuh, während ich auf der andern Seite knie und den Kessel unterhalte. Dann gings eilig ins Quartier, die Milch wurde gekocht, und fort gings wieder zur Alten, der ich dieses Mal keine Auslegungen zu machen brauchte, als sie den Kessel mit Milch sah. Als wir die Milch verabreicht hatten, sah ich in den drei kleinen Gesichtern schon mehr Leben als das erstemal. Viermal noch am Nachmittag ging ich mit der Alten dahin, jedesmal wurde Milch verabreicht.

Mit Herannahen der Dunkelheit überkommt mich heimlich die Sorge: was geschieht aber mit den Armen, wenn wir wieder fort müssen. Da erinnere ich mich plötzlich des alten Oesterreichers, den ich als Dolmetscher mit zur Alten nahm. Dieser mußte von nun an mein Amt übernehmen und die täglichen Fütterungen überwachen. Als Lohn dafür bekam er von mir ein Paket Tabak »Für Heer und Flotte«, wofür er tausendmal dankte und versprach, die armen Kleinen zu betreuen bis zur Rückkehr der geflüchteten Mutter.

Der Alten aber ließ ich sagen, falls sie sich einmal weigern sollte, dem alten Oesterreicher zu folgen, werde ich sie erschießen, wenn ich in einigen Tagen wiederkäme, was ja ausgeschlossen war, da wir uns im Vormarsch auf Bukarest zu befanden. Aber auch die beteuerte, alles zu tun, was ich angeordnet hatte. Am nächsten Morgen, als wir abmarschierten, galt mein letzter Blick nochmals der armen Hütte, die ich bis zum heutigen Tage nicht vergessen habe.

Ruppert, Nieder-Würzbach/Saar.

Das Ei

Ich wurde am frühen Morgen des 30. November 1917 bei Gouzeaucourt bei Cambrai gefangen genommen. Als die deutschen Soldaten, Württemberger, uns umringt hatten, warf einer von ihnen in seiner Erregung eine Handgranate auf einen englischen Soldaten, der vielleicht etwas zu langsam seine Waffen ablegte, und verwundete ihn schwer. Der befehlshabende Leutnant wandte sich in einem Wutausbruch gegen seinen Untergebenen und schoß ihn mit seinem Revolver nieder, weil dieser dem anscheinend sehr strengen Befehl, Gefangene zu schonen, nicht gehorcht hatte.

Später, als ich auf die Reiherstiegwerft in Hamburg geschickt wurde, schloß ich Freundschaft mit den Hamburgern, besonders mit einem sehr alten Mann, der kaum mehr sehen konnte, um seine Arbeit zu verrichten. Morgens las ich stets die Ueberschriften und die wichtigsten Tagesnachrichten aus der »Hamburger Zeitung«, da er den Druck nicht mehr sah. Außerdem half ich ihm, so oft es mir möglich war, gern bei seiner Arbeit, die er wegen seiner schwachen Augen nur schwer versehen konnte.

Als Gegenleistung brachte er mir öfters einige Brotschnitten, Kartoffeln, Zigaretten und einmal gab er mir ein Ei, obgleich er im hungernden Deutschland nun lange warten mußte, bis er wieder eines erhielt.

Frank Furber, West-Harrow.

Kartoffeln

Zu dritt lagen wir im Grase in der Nähe unserer Kaserne in Targoviste (Rumänien) und freuten uns der Sonne, die glühendheiß diesen zweiten Pfingsttag 1917 durchschien. Plötzlich drangen Schreie aus dem nahen Gehöft an unser Ohr. Kurz darauf stürzten drei Deutsche hervor, zwei vornweg und einer hinterdrein. Und wie sich dann herausstellte, war der Letzte der Verfolger seiner Kameraden. Die hatten Kartoffeln bei dem Bauern »requirieren« wollen. Und als er immer wieder seine eigene Not beteuerte, da wollten die Deutschen mit gezücktem Seitengewehr ihrer Forderung etwas mehr Nachdruck verschaffen. Aber so Menschen einfach abzuschlachten, weil sie unmöglich der Forderung auf Herausgabe von Lebensmitteln entsprechen konnten ? das war selbst unserem Kameraden, dem Metzgergesellen Uhlmann, zuviel, und atemkeuchend erzählte er uns nun, wie er da die beiden andern in die Flucht geschlagen habe. Ihm verdankt der rumänische Bauer das Leben.

Pfarrer Rose, Fischbach/Rhön.

Schokolade

Dezember 1916. Am Hardoumont, nördlich Verdun, lag die 39. Reserve-Infanterie-Division in Stellung. Seit drei Tagen schwerster Beschuß! In der Morgenfrühe des dritten Tages kamen Gasgranaten, dann gab es Sperrfeuer, Infanteriekampf ... und der Nachmittag fand mich gaskrank, in französischer Gefangenschaft. Körperlich erledigt, seelisch erschüttert. Ueber Verdun kam ich nach Fort du Regret. Unterkunft: in der ersten Nacht ein Keller, in der zweiten ein Schweinestall, in der dritten ein Pferdestall. Dort lag ich, in meinen Mantel gehüllt, auf dem Pflaster des Stalls, gaskrank, hungrig, verzweifelt, sterbensmüd. Kein Mensch kümmert sich um mich, kein Arzt, kein Sanitäter. Genfer Konvention, europäische Kultur, christliches Sittengesetz ? wo waren sie? Tiefer sinkt die Nacht herab. Draußen auf der Straße fahren Munitionskolonnen rasselnd über holpriges Pflaster, bringen tausendfachen Tod an die Front, und Verderben speiende Geschütze. Im Stall ist es dunkel geworden. Die am Stallfenster außen aufgehängte Laterne sendet durch die erblindeten Scheiben kein nennenswertes Licht in den Raum. Ich liege und warte, warte auf den Tod wie ein Kind auf das Einschlafen.

Der wachthabende Soldat, ein Säbelposten, geht in gleichmäßigem Trott durch den Stall, von der vorderen Tür bis zur hinteren Wand, dreht sich um, geht den kurzen Weg zurück und wieder hin und wieder her und so fort, eine Stunde und länger schon, immer genau den vorgeschriebenen Postenweg ... Nun tat er einen Schritt vom Wege ab, kam sogar auf mich zu.

Es sollen in diesem Kriege schon oft wehrlose Gefangene »erledigt« worden sein. Komme ich dran? zittert eine Frage durchs Gehirn. Ich bin merkwürdig ruhig. Alle Tode bin ich ja in der letzten Woche schon gestorben. Schrecken kann mich nichts mehr.

Jetzt ist der Soldat bei mir. Er beugt sich zu mir herab, sein Säbel blinkt in einem Lichtfünkchen. Ich schließe die Augen. Meine Hände liegen auf der Brust gefaltet. Da ? eine fremde Hand fährt tastend vom Aermel her über den Handrücken und schiebt mit sanftem Druck ein Stückchen Schokolade mir zwischen Daumen und Zeigefinger: pauvre camarade! ...

Ich bin wieder gesund geworden. Und wenn mir mein Verstand nicht die Sinnestäuschung nachweisen würde, ? ich müßte heute noch glauben, so etwas wie einen Heiligenschein um jenen Helm gesehen zu haben.

Karl Jung, Kulmbach.

Rindfleisch

Das Folgende ist wirklich geschehen im Jahre 1915 in der Hungersteppe, ungefähr 80 Wjerst von der Stadt Perowsk, in der Steppe draußen, ungefähr 30 Wjerst von der Station Solo-Tjube entfernt. Die Stadt Perowsk wie auch die Station Solo-Tjube liegen auf der Strecke der Taschkenter Eisenbahn in Turkmenistan.

Zweihundertdreiundsechzig Mann Oesterreicher, eine Mischung aus acht Nationen, hockten wir, zur Masse zusammengedrängt, in der Mitte des Lagers. Ringsum die öde, traurige, graue Hungersteppe, in die Unendlichkeit sich dehnend, wie die Leiden des Kriegsgefangenenlebens. Alle hielten wir langstielige, scharf geschliffene Aexte in der Faust und starrten düster auf das weiße Haus, wo vier russische Soldaten mit geladenen Gewehren standen. Der Glutatem der Sonne saugte das letzte bißchen Kraft aus unseren hungersiechen Körpern.

Der Starschi, der russische Unteroffizier, sah nachdenklich unentschlossen auf diesen zweihundertdreiundsechzigfachen Hunger. Dann raffte er sich auf und versuchte mit Todesdrohungen unseren Hunger zu überlisten. Aufreizend wie ein Peitschenknall klang es, als er zu uns herüberschrie: »Pani! Zum letzten Mal sage ich es euch: geht an die Arbeit, sonst lasse ich schießen.«

Statt aller Antwort bewegte sich unsere Masse und legte sich um das Haus mit den vier russischen Soldaten, bereit, sich beim geringsten Anlaß mit tödlichem Druck zu schließen. Der Starschi wurde bleich. »Halt! Keine Gewalt!« schrie er. »Schickt drei Mann zu mir hinein. Vielleicht kann ich doch noch etwas für euch tun.«

Aus der vordersten Reihe lösten sich drei Mann und gingen mit leeren Händen ins Haus hinein, wohin ihnen der Starschi folgte. Alle drei konnten gut russisch; sie sprachen abwechselnd, sich gegenseitig ergänzend. Sie sagten, daß man von Wassersuppe allein nicht leben könne, daß die Kameraden schon ihre letzten Kleidungsstücke bei den Steppenkirgisen für Lebensmittel eingetauscht hätten. Daß man uns von dem Zuwenig an Lebensmitteln, die wir zu kriegen hätten, noch die Hälfte und mehr stehle. Daß alle fast nackt, in Lumpen herumliefen und bei äußerstem Hunger schwere Holzfällerarbeit verrichten müßten. Daß sie am Ende aller Möglichkeiten stünden und keine Lust hätten, sich ohne weiteres einscharren zu lassen.

Während der Klagereden der drei Kriegsgefangenen starrte der Starschi in quälerisches Grübeln versunken durch das offene Fenster auf die Steppe hinaus. Denn längst war ihm alles Gesagte und Ungesagte in allen Variationen bekannt. Wütend über seine Hilflosigkeit dachte er darüber nach, wie er doch noch helfen könnte. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht. Er packte die drei Sprecher, zog sie zum Fenster und lächelnd deutete er hinaus:

»Was seht ihr dort?«

»Vier Kühe!« antworteten die drei verdutzt.

Belustigt betrachtete er sie und begann ihnen einen Einfall zu erklären: »Nicht wahr, ihr habt Hunger. Um ihn nicht mehr zu haben, braucht ihr weiter nichts zu tun, als eure Aexte nehmen und aus den vier Kühen Rindfleisch zu machen. Doch in einer halben Stunde muß das Rindfleisch mit allem Drum und Dran spurlos verschwunden sein. Vergrabt es vorläufig. Denn bald werden die gewesenen Besitzer dieses Rindfleisches uns besuchen und es hier finden wollen.«

Die drei stürzten heulend vor Freude zu uns heraus. »Dort auf sechzehn Beinen grast unser Gulasch,« sagten sie. Wir kapierten momentan. Binnen zwanzig Minuten war das Rindfleisch auf drei Dutzend Erdhöhlen aufgeteilt, in Hemden eingewickelt und in einem Winkel verscharrt. Dann machten wir vor unseren Erdhöhlen große Lagerfeuer und warteten etwas beklommen auf den Besuch der Steppenkirgisen.

Bald sahen wir eine Staubwolke, die immer größer wurde, eilig auf uns zukommen. Dann wurde ein Reiterhaufen draus, der im Galopp heranfegte. An der Spitze ritt ein alter, dicker Kirgise, der wütend ein Jagdgewehr schwang, während sein kleines Volk ihm mit gellendem Geheul sekundierte. Angst beschlich uns. Wir stürzten in die Erdhöhlen und bewaffneten uns mit den Aexten. In gedrängter Masse erwarteten wir die anstürmenden Reiter und brüllten ein schauriges Hurra, als ginge es zum Sturm.

Jetzt erschraken auch die Kirgisen, so daß sie plötzlich verstummend ihre Pferde anhielten. Wie auf ein Stichwort kam nun der Starschi mit seinen drei Soldaten und schob sich zwischen die zwei feindlichen Massen. Der dicke Kirgise glitt aus dem Sattel und begann, auf den Starschi kirgisisch einzureden. Der wartete geduldig, bis dem Dicken die Luft ausging. Dann befahl er uns, die Aexte wegzulegen und in zwei Reihen aufzustellen. Hierauf forderte er in russischer Sprache den dicken Kirgisen auf, zusammen mit dem Hirten, der die Rindfleischwerdung der Kühe von weitem beobachtet hatte, die daran beteiligten Kriegsgefangenen herauszusuchen.

Langsam gingen die zwei Kirgisen von Mann zu Mann, wobei sie jeden einzelnen von allen Seiten betrachteten. Manchmal stritten sie, waren im Zweifel. Doch schließlich gingen sie kopfschüttelnd zum nächsten. Nach einer Stunde angestrengten Suchens waren sie beim letzten angelangt. Der dicke Kirgise war empört über die Ergebnislosigkeit, spuckte wütend aus und sagte zum Starschi: »Teufel sind deine Kriegsgefangenen. Einer sieht dem andern gleich wie die Eier desselben Huhnes.«

Wir grinsten schadenfroh in die für uns ebenfalls kaum unterscheidbaren mongolischen Gesichter der gegenüberstehenden Kirgisen. Auch der Starschi hatte Mühe, das Lachen zu verbeißen. Dann spielte er den Beleidigten, begann mächtig auf den Dicken einzuschimpfen. Darüber, daß man seine ehrbaren Kriegsgefangenen ungerechtfertigterweise des Viehdiebstahls verdächtige, daß man auf diese Art seine Autorität untergrabe und so fort. Die Kirgisen ihrerseits aber drohten dem Starschi mit einer Beschwerdeschrift an die Behörden; und zogen ab.

Sobald die Steppe die reitenden Kirgisen geschluckt hatte, begann eine grandiose Kocherei. Bis spät in die Nacht schwelgte alles in Gulasch, und die Freude des Sattseins tobte sich in acht verschiedenen Nationalgesängen aus ... So gewöhnten wir uns an diese billige und kräftige Nahrung. Unser Gesundheitszustand hob sich so gewaltig, daß wir gern wieder Holz schlugen. Wir organisierten Gulaschpatrouillen, die die Aufgabe hatten, von der Herde abgeirrte Stücke hinter einen Sandberg zu treiben und in Rindfleisch zu verwandeln, bevor der Hirte auch nur eine Ahnung hatte. Haut und Eingeweide wurden spurlos vergraben.

Nur die Kirgisen gewöhnten sich schwer an diesen Zustand. Beschwerde auf Beschwerde lief bei den Behörden ein. Doch diese verlangten Beweise. Schließlich und endlich gewöhnten sich auch die Kirgisen daran. Nur manchmal kam einer ins Lager und gab uns zu verstehen, daß des Nachbarn Herde größer sei und wir uns darum mehr an jenen halten sollten. Mit der Zeit hörten auch ihre Einzelbesuche auf, sie nahmen es als ein Uebel des Krieges, als Schicksal.

Auf diese Art starben so nach und nach 150 Kühe, 60 Ziegen, 120 Schafe und 15 Kamele den Gulaschtod. Damit wurden 263 Europäer dem Hungertod entrissen und konnten in voller Gesundheit erwarten, bis die Kerenski-Regierung kam. Da kriegten wir dann plötzlich dreifache Gebühren und außerdem einen Accordlohn, der uns langentbehrte Genüsse zugänglich machte. Das Leben wurde erträglicher. Nachdem wir nun satt waren, fiel es uns leicht, auf die »Moral der hungrigen Wölfe« zu verzichten. Fortan weideten von uns unbehelligt die Vierfüßler der Kirgisen, und das Gras der Vergessenheit wuchs über die von uns verspeiste Herde.

W. Hamperl, Schriftsetzer, Wien.

Fische

1915 in Nordfrankreich. Wir lagen in Biache-St.-Vaast. Die Kriegsfurie hatte auch unter der Bevölkerung große Opfer verschlungen. Ihr Hab und Gut war nicht mehr. Notdürftig vegetierten sie mit amerikanischen Almosen dahin. Kümmerlich war auch die Versorgung der Fronttruppen. Strenge Befehle verboten die Unterstützung der Bevölkerung.

Aber wir teilten mit ihr, was eben zu teilen war. Lebensmittel, unsere »eisernen Rationen«; ja, wenn einer vom Urlaub zurückkam, brachte er nicht selten von der eigenen, selbst Entbehrungen duldenden Familie Kleidungsstücke und anderes mit. Es war eine Notgemeinschaft von Mensch zu Mensch.

Schließlich stellten wir die neuesten Errungenschaften der Kriegstechnik, entgegen ihrer Bestimmung, in unseren Dienst. Die damals aufgetauchten Stielhandgranaten eigneten sich vorzüglich ? zu produktiveren Zwecken. Die Altwässer bei Biache bargen einen ungeheuren Vorrat aller brauchbaren Fischsorten. Mochte das Fischen mit Handgranaten auch verboten sein ? ein Wurf, ein dumpfes Gezische, und in wenigen Augenblicken schien die ganze Wasserfläche verschneit. Hunderte von Karpfen, Hechten und Braxen schwammen tot herum. Hochbefriedigt luden wir unsere reiche Beute auf.

Sehnsüchtig erwarteten unsere französischen Quartiergeber die Ergebnisse unserer Selbsthilfe. Sie standen auf den Straßen, unterhielten sich laut schwatzend. Bedeutete ja doch unser Fischzug ein gewaltiges Ereignis für die Einwohnerschaft. Kaum, daß wir in Sichtweite sind, werden wir schon bestürmt, in die Mitte genommen und in die Quartiere begleitet. Mit allen Raffinessen weiblicher Kochkunst wurde gesotten und gebraten, und bald war ein allgemeiner Schmaus im Gange.

Das war für alle, trotz des Krieges, ein Fest. Es war, bewußt oder unbewußt, ein Akt der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Die zwei Tage Arrest für die Befehlsübertretung störte uns nicht. Wir töteten lieber Fische als Menschen.

Hans Fischer, Glasarbeiter, Fürth i. B.

Nur ein paar Zitronen

Dies ist nur eine ganz kleine Tat, aber sie fiel in das Herz einer Mutter, also in einen wahrhaft guten und fruchtbaren Boden. Das Samenkorn ist auch aufgegangen, und vielleicht ist einer der Bäume daraus gewachsen, aus dem man dereinst die Bretter für das Haus des Friedens schneidet.

Es war in den Jahren der Besatzung Cronbergs durch die Franzosen. Der Bub einer Frau war sehr krank. Er fieberte, und ein Trank von Zitronen hätte den heißen Lippen so gut getan. Aber Zitronen gab es nicht. Bei der Frau war ein französischer Offizier einquartiert. Er brachte ihr Zitronen.

Nicht mehr? Nein, nicht mehr. Nun scheint es fast auch mir ein so belangloses Geschehnis zu sein, daß ich fürchte, es nimmt sich gar unbedeutend und ohne Glanz in der Reihe der guten Werke aus. Aber ich sehe das harte Arbeitsgesicht der Frau, das nun ganz weich und gelöst ist, wieder vor mir, höre die Bewegung in ihrer Stimme, obwohl Jahre seit damals verstrichen sind.

Gertrud Alberti, Frankfurt a. M.

Schwarz-weiß-Zeichnung

In St. Nazaire (Loire Inférieure) hatten die Amerikaner ein Lager aufgeschlagen und auch Deutsche als Gefangene dort untergebracht. Wir waren bei den Franzosen in der Hauptsache mit dem Löschen der Kohlenschiffe im Hafen beschäftigt. Im Juli 1918 marschierten wir nach dem Mittagessen vom Lager zur Arbeitsstelle im Hafen. Ein amerikanischer Lastwagen mit deutschen Gefangenen besetzt, überholt uns. Während der Ueberholung wirft ein deutscher Kamerad etwa ein halbes Brot in unsere Kolonne. Einer schnappt das Brot. Aber der französische Posten, der mit aufgepflanztem Gewehr in der Nähe marschiert, nimmt dem Gefangenen das Brot weg, wirft es auf die Erde und tritt darauf herum, so daß es unbrauchbar wurde ... Daß es auch gute Franzosen gab, soll damit nicht bestritten werden.

Am gleichen Ort kommt einige Tage später von der Front ein leerer amerikanischer Güterzug zurück und hält vor den amerikanischen Rot-Kreuz-Schuppen. Die Wagen werden von schwarzen Soldaten gereinigt. Wir Gefangenen laden von der anderen Seite Kisten mit Wäsche ein. Ein amerikanischer Negersoldat steht vor der Ladeöffnung unseres Wagens und fragt durch Gebärden, ob wir Hunger haben. Dies konnten wir nicht verneinen, weil die Verpflegung mehr als gering war. Der Schwarze verschwindet. Nach einigen Minuten steht er wieder vor der Ladeöffnung und hält unter der Jacke ein meterlanges Brot halb verborgen. Er bricht ein Stück ab, tut so, als wenn er essen wolle, und im unbewachten Augenblick hat er uns das Stück zugesteckt. Dann kommt ein Stück nach dem anderen; denn einige schwarze Kameraden folgten diesem Beispiel.

Der Schwarze hat gesehen, wo es bei uns fehlte. Der Weiße hat uns nicht mehr als Menschen geachtet.

Otto Staub, Architekt, Rheinfelden/Baden.

Unser Charles

Anno 1917. Meine Eltern und Geschwister wohnten zu dieser Zeit in Raunheim am Main. Ich besuchte damals eine höhere Schule in Rüsselsheim. Im Frühjahr bekamen wir einige französische Kriegsgefangene, die in einem Nachbarhause untergebracht wurden und in einer dortigen Fabrik arbeiten mußten. Da uns zu dieser Zeit die nötigsten Lebensmittel fehlten, bestand unser Menu fast täglich aus Kartoffeln und »Graupenwurst«, welche statt mit Därmen mit Pergamentpapier umgeben war. Tag für Tag Kartoffelsuppe ohne Fettaugen. Mit Dickwurz, was sonst als Viehfutter dient, mußte man auch vorlieb nehmen.

Oft unterhielten wir uns mit den Franzmännern. Charles Dupont, ein echter Pariser, kam viel zu uns herüber, um uns bei der französischen Schularbeit zu helfen. Sah er unser Essen, so lief es ihm kalt über den Rücken und er fragte uns, ob man eigentlich von solch einem Essen satt werden könne. Ein Onkel von Monsieur Dupont, der in der Nähe von Paris eine Meierei innehatte, schickte ihm fast jede Woche ein mordsgroßes Paket mit Lebensmitteln: Corned beef, Schokolade und viel Käse. Was Charles nicht vertilgen konnte, gab er uns. So gingen viele Monate dahin und somit kam auch das Ende des furchtbaren Völkerringens. Noch einmal sahen wir Monsieur Dupont, wie er grade mit seinen Kameraden den Zug bestieg, der sie wieder in die Heimat zurückbringen sollte.

Eines Morgens gingen wir zur Schule, da war auch schon die Besatzung da. Mittags saßen wir bei Tische, um gerade zu essen, als die Tür aufging und unser Charles mit einer Knarre und einem Paket unter dem Arm freudestrahlend eintrat und uns auf das herzlichste begrüßte. Er überreichte uns das Paket, in dem sich feinster Schinkenspeck, Hammelfleisch und einige Pfund Schmalz befanden. Ein paar Tage später brachte er uns noch eine Feldflasche mit rotem Wein und einen Sack grüne Kaffeebohnen. Sodann verabschiedete er sich, da er mit seinem Truppenteil nach Höchst versetzt wurde. » Jamais la guerre!« das waren die letzten Worte, die er mir zurief, indem er sich die Tränen auf den Wangen abwischte.

Otto Henry Arth, Konditor, Frankfurt a. M.

Geben ist seliger denn nehmen

In der Verfolgung der geschlagenen italienischen Armeen waren die Truppen des deutschen Alpenkorps im November 1917 am Piave angekommen. Da alle Ortschaften überfüllt waren, wurden die Kompagnien zum größten Teil an den Eisenbahntunnels längs des Piave am Fuße des Monte Tomba untergebracht. Der Ueberfluß an Lebensmitteln, der während der Offensive bei der Truppe geherrscht hatte, ließ bald nach, und die Leute waren wieder auf das Essen aus den Feldküchen angewiesen. Da lockten die Dörfer Fener und Quero, am Fuße des Monte Tomba, die, unter dem Beschuß der feindlichen Artillerie liegend, von der Zivilbevölkerung geräumt worden waren, doppelt reizvoll zu einem Besuch, der Beute versprach. Und so machte auch eines Tages der Gefreite Gerner einen Abstecher nach Quero hinein, in der löblichen Absicht, für seine Leute etwas Genießbares herbeizuholen. Ueber Schutt und Mauertrümmer steigend, durchsuchte er die Keller, die Räume der Häuser, fand aber zu seinem Leidwesen nichts Eßbares mehr auf.

Auf seiner Suche stieß er auf ein kleines Häuschen, das die Granaten bisher verschont hatten. Er beschloß, diesem noch einen Besuch abzustatten und dann nach Hause zurückzukehren. Die Wohnräume waren leer, aber vom Keller herauf klangen italienische Laute an sein Ohr, und als er hinabgestiegen war, sah sein erstaunter Blick, beim Flackern einer herabgebrannten Kerze, aus einem niedrigen Lager eine Greisin liegen, davor auf einem Schemel einen alten, weißhaarigen Mann. Als ihn dieser kommen hörte, erhob er sich langsam, tat einige unsichere Schritte auf ihn zu und wies mit zitternder Stimme und hilfloser Gebärde auf ein paar Maiskolben, eine halbe Wassermelone, dem Gefreiten Gerner bedeutend, daß er und seine Gefährtin außer diesen kümmerlichen Resten nichts mehr zum Leben hätten.

Der jammervolle Hinweis des alten Mannes hat Gerner erschüttert und zugleich beschämt. Im Dorf, das weiß Gerner, ist nichts mehr aufzutreiben, aber dort drüben in Fener, das dreiviertel Stunden entfernt am Hang des Tomba liegt, müßte vielleicht noch etwas zu finden sein. Freilich liegt die Straße dorthin, vollkommen eingesehn vom Gegner, dauernd unter Artillerie- und Minenfeuer, und die Einschläge im Dorf gellen bis herüber. Aber vielleicht kann er den beiden alten Leuten helfen.

Und so wagt Gerner den Gang nach Fener. Oft muß er vor einschlagenden Granaten Schutz im Straßengraben suchen; aber er erreicht Fener. Seine Suche hier ist auch nicht vergebens. In den verlassenen Häusern, die von den Truppen noch nicht so abgesucht sind, findet er da und dort Kartoffeln, Kastanien, hier etwas Maismehl zu Polenta, und hin und wieder auch etwas Speck. Das alles tut er in einen aufgefundenen Korb und geht dann, wieder verfolgt vom Einschlag der Granaten, nach Quero zurück. Bald hat er das kleine Haus erreicht und steht nun vor dem Alten, dem er den Korb übergibt. Als dieser erfaßt, daß alles ihm und seiner alten Frau gehören soll, rollen ihm die Tränen herunter und er küßt Gerner die Hand. Dieser wehrt ab und geht.

Mit leeren Händen kehrt Gerner zurück. Schweigend läßt er die Vorwürfe seiner Kameraden über sich ergehen.

Andreas Schelshorn, Straßenbahnschaffner, München.

Wilde Völker

Mama gutt!

In unserem altertümlichen Pfarrhaus in Groß-Gerau hatten wir einige französische Soldaten, gelegentlich auch einen oder zwei Offiziere als Einquartierung. Einer dieser Offiziere, deren Namen und Aussehn mir längst aus dem Gedächtnis entschwunden sind, wurde bedient von einem Schwarzen. Einem ganz echten Neger mit dicken wulstigen Lippen und der breiten Nase. Der ging denn nun täglich bei uns ein und aus, um seinen Offizier zu betreuen. Deutsch sprach er nicht, aber auch Französisch verstand er ? außer den Kommandos ? wohl kein Wort.

Eines Tages sieht meine Mutter, wie seine Hand mit irgend einem schmutzigen Lappen dick verwickelt ist. Sie bedeutet ihm, ihr in die Küche zu folgen. Wickelt das schmutzige Tuch ab: die Hand ist ganz vereitert. Schnell wird ein Seifenbad in einer Handwaschschüssel bereitet. Mit einer kleinen Bürste die Hand in heißem Seifenwasser gebürstet. Ein eigenartiges Bild: meine kleine Mutter und hinter ihr stehend der athletische Schwarze, mit weißrollenden Augen und schmerzverzogenem Gesicht. Fast wie ein wildes Tier, dem der Wärter einen Dorn aus der Pranke zieht. Die gereinigte Hand wird verwickelt und heilt von jetzt an rasch, dank der guter Heilhaut der Neger.

Aber das wilde Tier ist kein wildes Tier. Täglich kam der Schwarze jetzt zu uns in die Küche, suchte meine Mutter, brachte ihr irgend etwas mit. Oelsardinen, Schokolade. Sprechen konnte er nichts. Oder doch. Er hatte etwas gelernt. Und das sagte er nun immer wieder, wenn er in der Küche saß: »Mama gutt«. Und die weißrollenden Augen konnten sehr dankbar blicken.

Eines Tages ist er gegangen. Ob er wieder nach Afrika gekommen ist? Vielleicht erinnert er sich noch daran, daß ihn im kalten Europa jemand freundlich behandelt hat. Vielleicht kann er auch noch zwei Worte europäisch: Mama gutt.

Dr. W. Scheunemann, Dipl.-Volkswirt, Darmstadt.

Kosak in der Not

Bei einem Angriff geriet ich am 9. April 1915 in den Karpathen in russische Gefangenschaft. Aus einem Granattrichter, der bis obenan mit Schlamm gefüllt war, holten mich die Russen heraus. Ein Kamerad mußte seinen Fluchtversuch mit dem Leben bezahlen. Ich kam ohne Belästigung zurück bis zu den russischen Kompagnie-Unterständen. Dort traf ich noch etliche Deutsche und Oesterreicher. Die hier anwesenden Russen waren damit beschäftigt, uns unsere Wertsachen soweit wie möglich abzunehmen. In dem Moment, als mir einer den Ring vom Finger ziehen wollte, tauchte ein Offizier auf und mit einer schallenden Ohrfeige beendigte er die Tätigkeit dieses »Kameraden«. Darauf hatten wir Ruhe.

Nach einem beschwerlichen Nachtmarsch erreichten wir die Sammelstelle. Als Verpflegung gabs Schwarzbrot und Tee, außerdem noch eine Ration Brot auf den Weg, die bis zur nächsten Station vorhalten sollte, von den meisten aber gleich aufgegessen wurde. Der Transport war ziemlich stark geworden und als Begleitung stand eine Abteilung Kosaken bereit. Nachdem die Marschordnung unter viel Geschrei und Gefluche seitens der Russen hergestellt war, gings endlich los. Wir Deutschen mußten am Ende des Zuges marschieren, dessen Schluß der Anführer der Kosaken, ein stattlicher Mensch, selbst übernommen hatte. War es nun der Genuß des frischen Schwarzbrots oder die Einwirkungen der Kälte und Nässe, jedenfalls machte sich bei mir ein schon seit Tagen anhaltender Durchfall in dem Maße bemerkbar, daß ich austreten mußte. Durch entsprechende, nicht mißzuverstehende Zeichen machte ich den Führer auf mein Vorhaben aufmerksam, der mir die Erlaubnis durch Schwenken mit der Knute erteilte und sein Pferd anhielt, bis ich fertig war. Im Verlauf des weiteren wurde mir nun so schlecht, daß ich bald alle hundert Meter austreten mußte und nur noch Blut als Abgang hatte. Der Kosak trieb mich in keiner Weise zum Aufholen an, sondern wartete jedesmal geduldig, bis ich weiter ging.

Die Kolonne hatten wir aus den Augen verloren, zumal ich mich nur noch mühsam fortschleppte. Da tauchte in unserem Rücken ein Panje-Fuhrwerk auf. Der Kosak hielt es an, und aus dem Mienenspiel konnte ich erraten, daß mich der Panje aufladen sollte. Dieser Stockrusse schien aber nicht die geringste Lust dazu zu haben, denn nach heftigem Wortwechsel trieb er plötzlich seine Pferde an. Aber er hatte die Rechnung ohne den Kosaken gemacht. Die Knute losknöpfen, dem Fuhrwerk nachsetzen, dem Panje eine runterhauen, war das Werk eines Augenblicks, und schon stand die Fuhre. Wohl oder übel mußte er mich aufladen, mußte sogar seinen Strohsitz mir überlassen; und nachdem ich gut verstaut war, gings im Trab weiter. Der Panje vorn in einemfort schimpfend, mein Begleiter mit zufriedener Miene hinterher.

Bald war die Kolonne ein- und überholt und kurz nach Mittag langten wir am Bestimmungsort an. Unterkunft war eine geräumte Schule. Der Kosak suchte ein Zimmer aus, hieß mich ablegen und redete auf mich ein, von all dem ich nur das Wort: »Germanski!« begriff, richtig folgernd, daß der Raum für uns Deutsche bestimmt sei. Dann winkte er mir, ihm zu folgen und Kochgeschirr mitzunehmen. In der Küche zunächst erregter Wortwechsel, aber die Persönlichkeit und die Knute dieses Mannes schienen sich durchzusetzen. Es wurde Kakao gekocht und mein Gefäß gefüllt. Im Zimmer war bereits Feuer gemacht, auch lagen einige alte Decken auf dem Fußboden. Nach kurzer Zeit kam der Kosak wieder mit einem Weißbrot, das er mir gab. Nachdem ich gegessen und getrunken hatte, während der Zeit er nur stillschweigend zuschaute, machte er Zeichen, daß ich schlafen sollte, was ich sehr gerne tat. Als er sich überzeugt hatte, daß ich gut versorgt war, schaute er mich nochmal an, drehte sich um und ging schnell zur Tür hinaus.

Ich habe den Mann nicht wiedergesehen, aber heute noch ist es mein sehnlichster Wunsch, daß dieser edle Mensch ? dessen Kaste im allgemeinen als roh und gewalttätig verschrieen ist ? glücklich und unversehrt wieder zu den Seinigen zurückgekehrt sein möchte.

Heinz Gick, Aluminiumarbeiter, Hanau.

Chinaman

Nach dem Waffenstillstand waren im zerstörten Gebiet eine große Zahl von chinesischen Kulis mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Da gab es denn fast jeden Tag Verletzte, denen bei der Arbeit irgend etwas zugestoßen war. Als eines Tags ein junger Chinese mit einem zerschmetterten Bein in unserem Lazarett eingeliefert wurde, nahm ich seine Personalien auf, wie dies zu meinen Pflichten gehörte. Da er anscheinend Durst hatte, gab ich ihm einen Becher Milch zu trinken und holte ihm auch noch eine Decke, damit er nicht frieren sollte. Dankbar blickte er mich an und gab mir nach längerem Suchen aus seinem Beutel vier Mandarinen. Als ich abwehrte, steckte er sie mir kurzerhand in meine Tasche. Da ich mich auch weiter um den armen Kerl bekümmerte, strahlten seine Augen, so oft er mich sah. Als er drei Tage später in ein Hospital verbracht wurde, warf er mir noch aus dem Auto ein französisches Silberstück zu und winkte mit der Hand, solange er mich sehn konnte. Die Tränen rollten ihm aus den kleinen Schlitzaugen über seine runden Bäckchen, während er rief: German gutalla! German gutalla! Deutscher gut!

Jacob Walk, Kaufmann, Eltville.

Gurkha

Es war im tropischen Buschkrieg in Deutsch-Ostafrika. Die Schutztruppe hatte einen Angriff einer englischen Inder-Brigade abgeschlagen, unter deren farbigen Soldaten sich ein Regiment Gurkhas befand. Diesem Volksstamm ging der Ruf voraus, daß seine Angehörigen jedem verwundeten Feinde mit ihren Messern den Hals durchschnitten. Leutnant H. von der Schutztruppe lag mit einem Schuß, der die Halswirbelsäule gestreift hatte, auf dem glühenden Boden; infolge der Erschütterung der Wirbelsäule unfähig, nur ein Glied zu rühren. Plötzlich sah er zu seinem Schrecken einen Gurkha auf sich zu kriechen und schloß die Augen in Erwartung des nahenden Todes. Wie erstaunte er aber, als er bemerkte, daß der Inder nur die blutende Halswunde mit seinem Daumen ausdrückt und dann von seinem schmutzigen Turban ein Stück abriß, um den deutschen Feind damit zu verbinden.

Dr. Paul Wolff, Frauenarzt, Darmstadt.

Dann will ich auch nichts!

Voraus muß ich senden, daß ich bei Kriegsausbruch ein Opfer der Verleumdung wurde und unter dem Verdacht der Spionage an meinem damaligen Wohnort Nancy verhaftet wurde. Ueber alles Schreckliche, was ich in den viereinhalb Monaten erlitten habe, besonders, bis wir endlich im Oktober 1914 auf der Insel Frioul bei Marseille landeten, will ich schweigen. Aber wenn man so Schweres erlebte, kann man erst fühlen, wie mir war, auf einmal auf einen Menschen von Herz und Seele zu treffen, obschon er nicht aus einem kultivierten Land stammte.

Auf unserem Gefangenen-Transport, den ich mit den Frauen und Kindern der Beamten aus dem Oberelsaß teilte, kam ich getrennt am 4. Oktober 1914 nach Macon. Hier hoffte ich Besserung meiner Lage durch einen dort lebenden lieben Bekannten: leider wurde meine Hoffnung zuschanden, denn der mir helfen sollte, war drei Tage zuvor an die Front gekommen. Was nun? Der Bahnhofs-Kommandant wußte nichts mit mir anzufangen; unser Transport war schon weitergeleitet nach Lyon; da saß ich nun zwischen zwei Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr. Nach einiger Zeit kam der Kommandant mit einem großen Neger auf uns zu und sprach einige Worte mit meiner Wache, die ich nicht verstand. Ich erschrak: dieser Neger also sollte mich bis Lyon mitnehmen. Unter Todesangst bestieg ich mit ihm den Militärzug. Aber bald mußte ich bemerken, daß dieser Schwarze mich vor Zudringlichkeiten und Beschimpfungen der Weißen schützte. An der ersten Haltestelle bestiegen einige Krankenschwestern den Zug und reichten Erfrischungen; auch meinem Begleiter boten sie an, doch mit der Bemerkung: nichts für den Boche! Aber was tat der Senegalneger? Er reichte ihr alles zurück mit den Worten: »Danke, Madame, dann will ich auch nichts!« Er tat mir leid, denn man sah es ihm an, daß er gerne etwas gehabt hätte. Aber dann kam eine junge Dame, die uns beiden einiges reichte. Mein Dank konnte nur der Wunsch sein, daß Charli Ben gesund zurückkam zu seinen zwei Frauen und fünf Kindern, von denen er mir erzählt hatte.

Lina Seib, Karlsruhe.

Nur ein Zigeuner

Es war bloß ein armer Teufel, ein Zigeuner, der erschossen werden sollte. Warum? Sein träges, sonnebedürftiges Blut konnte nicht aufgepeitscht werden, auch nicht durch noch so schwere Strafen. Er wurde stundenlang aufgebunden, bis er am ganzen Körper und Gesicht blau war, da er, anstatt der Grabarbeiten für Schützengräben, sich immer wieder hinlegte, um zu schlafen. Er widersetzte sich dem Befehl immer wieder. Er wurde gerichtet; er sollte erschossen werden. Die Augen waren schon verbunden, da hob der Zigeuner die Hand. Er hatte noch eine Bitte. Die paar Heller, die er in seiner Tasche hatte, die wollte er dem Feldwebel schenken; der war am besten zu ihm gewesen. Ja, und dann schoß man ihn tot ... Das war nur so ein armer Zigeuner und doch so viel Mensch!

Dipl.-Ing. Erich Fischer, Frankfurt a. M.

Kameraden überall

Das Pferd

Es war nach der ersten Offensive 1918: la Fère bis Noyon. Ich war Krankenträger der Sanitätskompagnie 16 A. K., die den Dienst bei der 33. I. D. versah. Meine Kompagnie bezog am 24. März in Guiscourt Quartier und richtete dort den Verbandsplatz ein. Die Nacht durften wir schlafend verbringen. Am nächsten Morgen bekamen wir Befehl, nach vorne zu gehen und Verwundete, welche in der Kathedrale von Noyon lagen, zum Verbandsplatz, etwa zehn Kilometer, zu tragen. Die Verwundeten lagen in der Krypta der Kathedrale. Wir machten uns auf den Weg und wurden unterwegs mit schwerem Granatfeuer überschüttet. Als wir nach Noyon hereinkamen, bot sich uns ein schreckliches Bild. Die Hauptstraße, die zur Kathedrale führte, lag voller Tote. Die Verwundeten, meistens Franzosen, waren an die Wand der Häuser gesetzt worden, damit sie von den Geschützen nicht zermalmt würden. Trotzdem lagen viele Tote zerquetscht auf dem Fahrweg. Wir marschierten im Eiltempo durch die Straßen, da dauernd Granaten durch die Dächer schlugen. Plötzlich sahen wir auf dem Trottoir einen schwer verwundeten Franzosen sitzen, der erbärmlich jammerte. Er hatte sich ein Unterbett aus einem Hause untergelegt; war aber fast verblutet. Ich sagte zu meinem Feldwebel: »Kalweit, ich nehme den Franzmann mit, er kann noch verbunden werden.« Der Feldwebel sagt: »Machs auf deine Gefahr, aber sei gleich in der Kathedrale.« Ich sprang nun zu dem armen Kerl, der einen schweren Beinschuß mit Fraktur hatte. Er sagte mir, daß er bereits seit gestern liege; andere Soldaten hätten ihm schon Bettzeug untergelegt, ihn aber nicht mitgenommen. Als ich ihn auf meinen Buckel hob, schrie er mächtig; doch sagte er noch, er habe noch unter dem Bettzeug einen Sandsack voll Lebensmittel liegen. Diesen trug ich auch noch. Bis zur Kathedrale war es wohl ein Kilometer. Mir wurde der Transport doch entsetzlich schwer, zumal ständig Granaten in die Häuser schlugen und die Balken durch die Luft flogen. Am Marktplatz von Noyon machten wir ein wenig Rast. Dort sah ich ein Pferd stehen, welches den Unterkiefer abgeschossen hatte. Der Unterkiefer hing noch an der Haut. Das Pferd war angebunden und stand im Granatfeuer. Ich kombinierte, daß ein Kanonier sein Pferd im Stich gelassen hatte. Der Franzose zeigte auf meinen Revolver und auf das Pferd. Ich lief hin und schoß dem Tier mehrere Kugeln in den Kopf, bis es tot war. Dann nahm ich meinen Franzosen wieder auf den Rücken und trug ihn bis zur Kathedrale in die Krypta. Dort lagen bereit etwa 200 Schwerverwundete. Ein jüdischer Arzt spielte auf der Orgel das Lied »O Haupt voll Blut und Wunden«. Ich wollte mich von meinem Franzosen verabschieden, doch hielt er mich fest und packte seinen Sandsack aus. Es war darin: eine Flasche Sekt, ein halbes Pfund Butter, ein Weißbrot, Schokolade und viele Zigaretten. Wir haben den Bestand ehrlich geteilt; die Flasche Sekt zusammen getrunken. Dann sorgte ich noch, daß er mit zum Verbandsplatz kam. Hundertmal sagte er: » Merci camarade, au revoir.«

Heinrich Weindorf, Kaufmann, Witten/Ruhr.

Das Maschinengewehr

Die zweite Marneschlacht war im Gange. Frisch aufgefüllte Truppenteile, von Rußland und Rumänien kommend, erstürmten die Höhen des Chemin des Dames und drangen zwischen Oise und Aisne bis zur Marne vor. Anfangs Juni, ein besonders heißer Tag. Vor uns hatten sich Franzosen und Engländer eingebuddelt. Wir hatten diese provisorische Stellung zu nehmen. Feuervorbereitung fand fast nicht statt. Als wir unsere Löcher verließen, überschüttete uns der Gegner mit einem Hagel von Geschossen. Sprungweise arbeiteten wir uns näher und näher heran. Das Maschinengewehr über die Schulter, lief ich, neben meinem Gewehrführer, der zäh verteidigten Stellung zu.

Da, ein Schlag gegen mein Ohr. Ein doppelter Aufschrei. Ich war nicht verwundet, ein aus nächster Nähe abgefeuertes feindliches Geschoß hatte den Kühlmantel meines Gewehrs durchschlagen und landete als Querschläger im Hüftenknochen meines Gewehrführers. Ich war noch mit ihm beschäftigt und versuchte ihn stützend zurückzuführen, denn auch ich mußte zurück, mein unbrauchbares Gewehr zu reparieren, als schon die ersten Gefangenen an uns vorbeieilten, Furcht und Schrecken in den verstörten Gesichtern. Ein großer Engländer blieb stehen und nahm den Verwundeten unter den Arm, um mich in meinem Vorhaben zu unterstützen. Leider mußten wir den im Gehen behinderten Verletzten hinlegen und, da er beim Aufheben laut aufschrie, liegen lassen.

Wortlos gingen der Engländer und ich nebeneinander nach hinten. Eine Erschöpfung machte sich bei mir bemerkbar. Mißmutig warf ich das MG. von einer Schulter zur andern. Schon machte ich Miene, es wegzuwerfen. Da griff der Tommy nach der Waffe, deren Geschosse ihm vielleicht gestern und heute morgen noch um die Ohren gepfiffen hatten, und nahm sie mir ab. Mit einem wie nach Entschuldigung klingenden Gestammel lud er sie auf seine Schulter. So konnte man stundenwegs weit, auch am Generalstab vorbei, zwei sich in Sprache und Wesen fremde Menschen, die ein furchtbares Schicksal zu Feinden gemacht, nebeneinander hinpilgern sehen. Ein riesiger Engländer, ein kleiner Deutscher. Ein Engländer, der freiwillig eine Waffe trägt, ja sie sich vor dem Ziele nicht mehr abnehmen läßt, deren Mündung gegen ihn und seinesgleichen gerichtet gewesen war. Er tat dies, um seinem Kameraden von der gegnerischen Seite, der ja wieder hinein muß in all das Elend, zu helfen. Verständigen konnten wir uns nicht, und doch sagte unser Händedruck beim Auseinandergehen mehr, als Worte sagen könnten.

Wilhelm Hauptmann, Schlosser, Ludwigshafen.

Urlauber

Nach langen Monaten Schützengrabendienst an der russischen Front bei Poldury östlich Brody kommt die Nachricht in unsere Stellung, daß vom Kopeljäger Bat. Nr. 10 hundert Mann auf Urlaub gehen könnten. Enthusiasmus! Wir springen und tanzen, werden zu Narren vor Freude, weil wir wieder zu Menschen werden sollen. Zum letztenmal auf die Stehpatrouille; wir rufen der russischen Feldwache zu, daß wir sie auf einige Wochen verlassen, und zu unserer Freude geben sie uns ein Ständchen zum besten. Nach der Ablösung versammeln sich alle Urlauber beim Bataillonskommando zur Entgegennahme einer Ansprache. Man wird zur Fahnentreue ermahnt, spricht von Tradition und weiß nicht, daß wir mit unseren Gedanken schon in der Heimat sind.

Endlich auf dem Marsch zur Bahnstation Laploci. Fahrt bis Lemberg in freudiger Stimmung, die plötzlich durch ein schauerliches Bild zerstört wird. Eine Unmenge Rangiergeleise, auf denen in sengender Julihitze arme, ausgehungerte gefangene Russen unter Bewachung arbeiten. Sie erblicken uns, kommen uns entgegen, fallen auf die Knie und bitten mit herzzerreißender Stimme um Brot. Hunger war in ihren Augen, ihrer Stimme, in ihrem Körper. Wir geben, bis ins Innerste erschüttert, unser Letztes, trotz eigenem Hunger. Doch plötzlich treibt die Wachmannschaft diese gequälten Menschen vor unseren Augen mit gefälltem Bajonett zu ihrer Arbeit.

Ein Schrei der Entrüstung in vielerlei Sprachen ging durch unseren Urlauberzug. Hinaus aus dem Zug, zu Hilfe dem gefangenen Feind, zu Hilfe den Männern, die kniend vor Männern um Brot gebettelt hatten. Und wir haben es durchgesetzt, daß sie es behalten konnten.

Johann Mracek, Bahnarbeiter, Wien.

Zigaretten

Es war zwischen Uranje und Nisch. Der Lazarettzug glitt in eine breite Talmulde und hielt gegen Mittag auf einer kleinen Station. Da die Betten an stählernen Zugfedern nahe den Fenstern angebracht waren, konnten wir bequem die Umgebung betrachten. Deutsche Eisenbahner mit riesigen Strohhüten über braungebrannten Gesichtern betreuten das Stationsgebäude. An der Strecke arbeiteten serbische Kriegsgefangene, die unseren Zug neugierig musterten. Menschen, nicht ausgemergelt und verkommen wie jene montenegrinischen Gefangenen, sondern breit, massiv und trotzig, auch bei dieser Sklavenarbeit. Hart schlugen ihre Picken auf das Steingeröll der Streckenschüttung.

Plötzlich trat einer der Gefangenen an unseren Wagen heran und kletterte auf das Trittbrett. Ein bärtiges grobes Gesicht grinste zum Fenster herein: »Eh, Germanski, saprali ? no, no ? dobre Papirossi ? heidi Berlin ?« damit schob sich eine Hand durch das Fenster, eine Hand, von der man sich hierzulande kaum eine Vorstellung machen kann. Eine Bärentatze war das, hornhäutig, muskelschwer, haarig und unsauber.

Längst war der Serbe zu seiner Arbeitskolonne zurückgetreten. Auf meiner Bettdecke lagen einige Zigaretten verstreut. Die Gabe eines serbischen Kriegsgefangenen an den heimkehrenden, feindlichen Kriegskameraden.

Leonhard Hora, Breslau.

Selbstschüsse

Die Arbeitskompagnie 945 der Kriegsgefangenen in Frankreich lag im Frühjahr 1919 in den Baracken eines Pionierdepots am Dorfrande von Saponay bei La Fère-en-Tardenois. Etwa 30 Meter vom Lager entfernt war ein altes Munitionslager. Hier waren einige Gefangene unter Aufsicht eines französischen Sergeanten damit beschäftigt, Kartuschen unschädlich zu machen. Selbstverständlich hatte der Sergeant Langeweile. Er vertrieb sich die Zeit, so gut es ging. Schließlich kommt er auf den Gedanken, Pulver in Reihen auszuschütten und mit der Zigarette in Brand zu stecken.

Im Augenblick steht ein größerer Haufen Pulver in Flammen, und das Feuer greift um sich. Schon krepieren einige Haufen Infanterie-Munition und einige umherliegende Granaten. Wir saßen mit einigen Lagerarbeitern in der Baracke beim Kaffeetrinken, als wir durch die Detonationen aufmerksam wurden. Durch die Tür sehen wir, was los ist. Gleich wird Alarm geschlagen, und dann gehts ans Retirieren nach dem zwei Kilometer entfernten La Fère-en-Tardenois. Holzschuhe wurden in die Hand genommen und dann los. Fieberkranke liefen umher, nur mit dem Hemd bekleidet. Ein Haufen Munition nach dem andern flog in die Luft.

Als wir aus der Gefahrenzone heraus waren, da kam uns zum Bewußtsein, daß noch fünf Kameraden im Prison eingesperrt waren. Wir sagten den gleich uns geflohenen französischen Wachtposten Bescheid, und auch diese konnten unsere Vermutung nur bestätigen. Jetzt war guter Rat teuer. Vorschläge wurden gemacht und verworfen. Helfen mußten wir. Schließlich faßten wir uns zu zwei Mann ein Herz und erklärten, wir wollten unser Glück versuchen. Unser Weg war schwer, aber was gilt ein Menschenleben gegen fünf. Unter ständigem Deckungnehmen gingen wir im Straßengraben vor.

Bis auf 200 Meter waren wir ans Lager herangekommen, da hörten wir hinter uns lautes Rufen in französischer Sprache. Der Lagerkommandant, ein französischer Leutnant, kam mit einigen Wachtposten hinter uns her. Wir sollten halten, rief man uns zu. Wir sprangen in eine am Weg stehende Baracke und ließen die Franzosen herankommen. Der Leutnant wollte uns unsere Aktion verbieten, aber wir bestanden in unserem Kauderwelsch auf unserem Willen. Schließlich einigten wir uns, daß zwei Franzosen und ich vorgehen dürften. Jeder nahm sich ein Wellblech als Deckung, und nun warteten wir ab, bis eine größere Explosion vorbei war. Aber dann gings im schnellsten Tempo zum Lager hinüber. Das war aber, als ob wir in der Hölle wären. Splitter, halbe und ganze Granaten flogen in der Luft herum. Ein Trommelfeuer ist nicht schlimmer. Wir liefen zur Wachpostenbaracke und holten eine Axt. Hiermit wurden die Türen zertrümmert und unsere fünf Kameraden herausgelassen.

Welchen Schreck hatten sie ausgestanden! Zwei Pritschen hatten sie aufrecht gestellt und darüber den ganzen Fußbodenbelag gelegt, um wenigstens gegen Splitter gedeckt zu sein. Das Dach und die Wände waren überall von Splittern durchschlagen. Der Leutnant war auch froh, daß er seine Leute wieder zusammen hatte. Die beiden Franzosen aber hatten gezeigt, daß sie auch Kameraden sein konnten.

Albert Sülberg, Dreher, Hamm i./W.

Die Liebe ist schuld

In der 226. P. O. W. Comp., in der ich mit der Nummer 445 mit Oelfarbe gestempelt war, trug sich folgendes zu: Unser Wasserwagenfahrer, ein englischer Kavallerist, hatte sich in eine Französin verliebt und brachte seine freien Stunden bei ihr zu. Dies verbot ihm niemand, aber er vergaß oft zur Truppe zurückzukehren. Eine Verwarnung half nichts, er mußte mehrmals durch eine Eskorte mit aufgepflanztem Bajonett geholt werden. Das letzte Mal ließ der Kapitän die Wache raustreten, der Mann wurde vorgeführt, Wache stillgestanden. Es folgte eine Drohrede, bei der die Reitpeitsche des Captain dauernd vor dem Gesicht des Kavalleristen war und in der die Mannschaft mit schweren Strafen bedroht wurde, falls sie dem Arrestanten etwas Eß- oder Rauchbares verabreichen würde. Die Engländer kannten ihren gestrengen Herrn; auch wir Gefangenen haben seinen Zorn oft gespürt, er hielt Wort.

Der Mann wurde abgeführt; die Arrestzellen bestanden aus Spitzzelten mit Drahtverhau und einem Posten davor. Bei seinen täglichen Spaziergängen erhielt der Mann seine Schuhe, dann wurden sie ihm wieder abgenommen, alles unter Bajonett. Da ich als Lagerzimmermann immer im Lager war, sah ich ihn täglich; er nahm zusehends ab. Er erhielt nur Wasser und wenige Keks. Ich faßte den Entschluß, ihm etwas zuzuschmuggeln; unser Feldwebel Kawa und No. 9 rieten mir ab. Hinter den Zellen war unser Brennholz. Ich nahm einige Keks, Zigaretten, Streichholz und eine Reibfläche, wickelte es in ein graues Papier und ging mit einer Säge zum Brennholz. Unser Feldwebel redet den Posten an, ich werfe das Päckchen auf das Zelt, es rutscht ab ? fünf Finger greifen unter das Zelt vor, es hat geklappt. Dies tat ich dann oft.

Nach Wochen kommt Aburteilung, wieviel weiß ich nicht. Er wird abgeführt, bittet, mit 445 reden zu dürfen. Es wird gestattet. Ich habe jedes Wort verstanden, doch kann ich nicht englisch schreiben. Er sagte nur: »Ich danke dir, ich werde dich nie vergessen.« Er wurde abgeführt; ich sah ihn nie mehr.

Robert Jensen, Zimmermann, Singen a. H.


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