Das Buch der guten Werke 1914-1918

----------






Streiche

Schiebung

Oktober 1917. Durchbruch des bayerischen Armeekorps mit den verbündeten Oesterreichern bei Karfreit-Tolmein. Ich marschierte an der Queue der dem Armeekorps folgenden österreichischen Reservedivision als Kommandant eines Pionier-Trains. Zerstörte Straßen- und Eisenbahnbrücken, endloser Regen, verstopfte Vormarschstraßen, gehemmter Nachschub und ewige Kompetenzstreitigkeiten der einzelnen, nach vorne drängenden, verbündeten Truppen-Unterabteilungen vermindern das Tempo der nachsetzenden Sieger. Wir halten mitten in der Nacht in der Dorfstraße einer italienischen Landgemeinde nordöstlich von Cividale. Meine Landstürmer sinken vor Nässe dampfend und müde in den Schatten der schutzgebenden Häuservorsprünge. Der Regen hört auf. Es ist feuchtkalt und eisig. Ich mache mir Bewegung, inspiziere meine Kolonne von der Tête bis zur Queue. Es ist alles da! Mannschaften, Pferde und Schlachtvieh dösen vor sich hin. Ein Gefreiter und ich wachen. Ich gehe nach vorne, den Grund des Aufenthaltes und die mögliche Dauer auszukundschaften.

Ein entsetzliches Weibergeschrei läßt mich aufhorchen und der Stimme nachgehen. In einem Bauerngehöft abseits der Dorfhauptstraße sehe ich im Lichtkreis einiger Laternen und Fackeln mehrere deutsche Landwehrmänner, von einem Feldwebel geführt, die im Begriff stehen, eine Kuh aus dem Stall zu schaffen. Ein ausgemergeltes, halb in Lumpen gehülltes italienisches Bauernweib mit einem Säugling im Arme, drei kleinen Kindern an den Rockfalten, stößt gräßliche Protestrufe aus. Ich verstehe: » Mio bambino, mio bambino!« Der Bauer und ein Nachbarehepaar suchen den Feldwebel zu bewegen, von der Requisition der Kinder wegen abzusehen. Drei Kühe sind bereits aus dem Haus requiriert, die letzte soll man doch da lassen. Vergebliche Mühe ? Krieg ist Krieg! Die aufs äußerste gequälte Mutter reißt mit einer Handbewegung ihr morsches Leinenhemd auseinander. Unter durchdringendem Weinen weist sie auf ihre ausgesogenen, keiner Mutterbrust mehr ähnlichen Hautlappen. Mit einem barschen Kommandowort an seine Leute beschließt der Feldwebel diese überaus peinliche Szene. Nun versuche ich noch zu intervenieren und meinen gleichrangigen Kameraden umzustimmen. »Feiges, hinterlistiges Gesindel, das uns aus dem Hinterhalt nachschießt, verdient keine Schonung!« meinte er, »Aber die Kinder ? ??« wende ich ein. »Nichts da! Ich habe Befehl und Schluß! Raus mit der Kuh!« Sechs kräftige Fäuste sind fast nicht im Stande, die sich wie irrsinnig an die Kuh klammernde Mutter mit den fröstelnden Kindern in das Haus zu bringen. In mir gärt es. Und ein Plan reift!

Ich beschließe, von dem meiner Kompanie gehörigen Schlachtvieh, unter dem sich eine Milchkuh befindet, diese dem Bauernehepaar abzutreten und mir dafür auf dem weiteren Vormarsch Ersatz zu requirieren. Ich weihe den Gefreiten, der die Aufsicht über das Schlachtvieh hat, in meinen Plan ein, flicke mit ihm ein Lügengewebe zusammen für den Fall, daß unser Hauptmann vorzeitig den Abgang der unrechtmäßigerweise entfernten Milchkuh entdecken sollte. Wie zwei Diebe führen wir, um unsere Leute nicht zu wecken, unsere rotbraune Liesel auf Umwegen in das Bauernhaus. Unterwegs fällt mir das Unlogische meines Tuns auf. In der nächsten halben Stunde kann unsere Milchkuh bereits durch eine andere requirierende Truppe dem Bauernehepaar abgenommen werden, und dann sind die Kinder wieder ohne das notwendige Nahrungsmittel. Es geht nicht anders. Ich muß den Gefreiten mit der Kuh zurücklassen und gebe ihm Order, das Vieh unter keinen Umständen herauszugeben. »Sagen Sie, das Tier gehört der Offiziersmesse des Divisionsstabs. Sagen Sie, es hätte die Maul- und Klauenseuche! Sagen Sie, was Sie wollen, nur sichern Sie bis zur Stabilisierung der Etappenverhältnisse der Mutter und den Kindern die Milch!« instruierte ich ihn. Im Bauernhause angelangt, verdolmetschte der Nachbar, ein deutsch radebrechender Italiener, der fiebernden Mutter mein Vorhaben. Ein dankbarer Aufschrei und Händeküsse sind die Quittung! Dem Gefreiten befehle ich, sich vorläufig selbst zu beköstigen, bis ich ihm von vorne weitere Verhaltungsmaßregeln zusenden kann ...

In gewaltigen Eilmärschen geht es dann weiter in die venezische Ebene. Ich schicke meine Unteroffiziere fleißig Schlachtvieh requirieren, denn auf Nachschub ist vorerst nicht zu rechnen. Auch unsere rotbraune Liesel wird durch eine schwarz-weiß gescheckte Milchkuh ergänzt. Drei Wochen später rücke ich nächst Tezze an der Piave mit dem Train zu meiner Kompanie ein. Man baut am Flußufer betonierte Unterstände! Einige Tage später kommt auch mein Gefreiter, den ich bisher nebst Kuh meinem Hauptmann standhaft unterschlagen hatte, zur Kompanie zurück. Feldpolizei und Etappen-Kommandantur haben ihm das müßige Leben sauer gemacht und ihm schließlich auch die Kuh enteignet! Bäuerin samt Säugling sind in ein Lazarett verbracht worden, Vater und die übrigen Kinder sind evakuiert und zurzeit in einem Flüchtlingslager. Alles ist wieder »in Ordnung«. Nur mein Kompaniechef behauptet unabänderlich, daß ich Mitte Oktober auf dem Bahnhof in Zloczow nächst Lemberg eine rotbraune Milchkuh einwaggoniert hätte und im November mit einer schwarz-weiß gefleckten in der Piave-Linie erschienen sei! Weil er zu sehr vom Kriegshandwerk besessen war, hat er den wahren Grund der Schiebung nie erfahren.

Franz X. Jordan, ehem. Betriebsinspektor, Drosendorf a. d. Th.

Die Entführung

Im Jahre 1918 traf ein Bataillon englischer Soldaten, das der britischen Mission in Sibirien 1917-1920 zugeteilt war, in Omsk, der Hauptstadt von Sibirien, ein.

Kurz nach Einsetzen der fürchterlichen Winterkälte fand man einige, vor etwa drei Jahren gefangen genommene deutsche Soldaten, die unter den Beschwerden der russischen Gefangenschaft entsetzlich litten. Der kommandierende englische Offizier, Oberst R. A. Johnson, erhielt die Erlaubnis, diese Leute zur Bedienung im Regiment zu verwenden. Einer von ihnen, namens Ambros, war bei allen Chargen unter dem liebevollen Spitznamen Ham Bone (Schinkenknochen) bekannt. Er erhielt das Amt eines Krankenwärters. Tag und Nacht widmete sich Ham Bone den Kranken. Menschen in Qualen, die durch ihre erfrorenen Glieder und die in den Einöden von Sibirien üblichen Krankheiten verursacht wurden, betrachteten ihn als den Sonnenstrahl ihres Lebens. Ein mitleiderregender Ruf nach Trost und Hilfe ? und Schinkenknochen war zur Stelle. Er war es, der mitten im tiefsten sibirischen Winter und während eines Schneesturmes eine Rettungskolonne anführte, um einer englischen Kompanie, die nicht mehr zurückfinden konnte, zu helfen.

Ende 1919 erhielt das Bataillon den Befehl, nach Hause zurückzukehren. Was sollte nun aber mit dem armen Schinkenknochen geschehen? Die britischen Behörden hatten keine Machtbefugnisse über die deutschen Kriegsgefangenen, die in ihr früheres Elend zurückkehren mußten.

Schinkenknochen stand am Zuge, um von allen seinen Freunden mit Tränen im Auge Abschied zu nehmen. Da bat man ihn heraufzukommen, um einen letzten Händedruck auszutauschen. Er tat es, und während er noch drin stand ? da setzte sich auch der Zug in Bewegung. Da war Schinkenknochen sehr, sehr froh.

Auf dem Wege nach Wladiwostok wurde er während drei Wochen vor allen Behörden versteckt. Drei Wochen mußten wir auf den Dampfer warten. In dieser Zeit erblickte ihn ebenfalls kein behördliches Auge und schließlich wurde er in der Uniform eines britischen Soldaten auf den Dampfer eingeschmuggelt.

Vor der Landung in Vancouver sammelten wir eine beträchtliche Geldsumme; von der Schiffsbesatzung beschafften wir Zivilkleidung; und in der ersten Nacht, als das Schiff am Kai lag, machte sich »Schinkenknochen« heimlich in der Dunkelheit auf den Weg in seine neue Freiheit. Good luck to him!

F. Edge, Restaurateur, London.

Requirierung

Im März 1915 rückten wir in den Karpathen aus den schmelzenden Gräben nach Galizien zur Offensive vor. Ein zweitägiger Infanteriesturm ohne Artillerie brachte uns bei Dolina zwar in den russischen Graben, doch war die Siegesfreude sehr kurz: denn statt der erwarteten österreichischen Hilfe rollten uns die Russen im Graben auf. Ihr Empfang hinter dem Bahndamm war zunächst wenig kameradschaftlich. Ein über unseren gelungenen Angriff noch ganz empörter Unteroffizier haute dem uns noch gebliebenen Offizier-Stellvertreter mit dem Spaten links und rechts um den Kopf; die andern lachten die gefangenen Germanski aus oder schnitten Grimassen. Wir brachten uns rasch vor unserem nun einsetzenden eigenen Artilleriefeuer in Sicherheit und wurden dann einer größeren Kosaken-Patrouille zum Rücktransport übergeben. Die Kosaken aber waren als halbwilde Kerle verschrien, die an den Gefangenen die scheußlichsten Unmenschlichkeiten verübten. Als diese Kosaken nun herauspreschten und ihre fliegenden Pferdchen knapp einen Meter vor unserer Kolonne zum Stehen brachten, die Knute pfeifend ebenso knapp über unsere Kopfe streichend, dachten wir schon: jetzt sind wir den Unmenschen ausgeliefert.

Doch es sollte anders kommen. Auf der Landstraße nach Kiew brütete die Hitze, wir waren entkräftet und ausgedörrt, es ging langsam voran. Wohl klang das ermunternde »Pascholl« unserer Begleitmannschaft ständig um uns, aber ihr Verhalten artete nie zu Roheit aus. An jedem Hof, den wir im Lauf der Tagesmärsche passierten, frugen sie uns, ob jemand Durst habe und gingen selbst auf die Suche nach den kleinrussischen Bauern.

Besonders eine Szene steht mir unvergeßlich vor Augen, die eine geradezu rührende Kriegskameradschaftlichkeit offenbart: Auf dem Zug durch eines der Dörfer vor Kiew brachte ein Bewohner einen Korb mit frischem Backwerk heran, ein lang entbehrter Anblick. Es bildete sich ein Kreis Kauflustiger um den Korb, die Marschordnung war gelöst. Der voranreitende Kosake sah sich um, riß das Pferd herum und flog heran. Eine barsche Frage an den Verkäufer, der Kosakengaul drängte zwischen uns durch, sein Reiter griff nach dem großen, gefüllten Korb und streute die duftenden Rosinen- und andere leckere Brötchen über unsere Reihen. Mit einem »Geh zum Teufel, Hundesohn« warf er den leeren Korb seinem Besitzer zu und pfiff ihm mit der Reitpeitsche eine über.

Das schien sehr grausam gegen den Händler. Aber unser Dolmetscher erzählte uns dann, daß der Zivilist uns einen viel zu hohen Preis abverlangt habe. Zur Strafe dafür hatte unser Kamerad Kosak bei dem eigenen Landsmann diese aus impulsivem Menschlichkeitsempfinden entsprungene »Requirierung« vorgenommen.

Hermann Spannring, Frankfurt a. M.

Französische Rotkehlchen

In den Ruinen von Fricourt bei Albert im Frühjahr 1918 bezogen wir eine nasse Kellerruine ohne Tür und Fenster als Unterkunftsraum. Mit vieler Mühe war es uns gelungen, irgendwo einen Fensterflügel aufzutreiben, um den schauerlichen Zugwind einigermaßen abstellen zu können. Als das Fenster endlich saß, konnte es keine Verwendung finden, denn wir hatten unsere Hausgenossen, vergessen: ein Rotkehlchen-Pärchen, das das Fensterloch als Ein- und Ausflug benutzte! ... Hm, was tun? Das Fenster sitzen lassen, bedeutete für die Tierchen den sicheren Tod, weil sie sich daran den Kopf eingerannt hätten. Also beschlossen wir, das Fenster wieder während des Tages herauszunehmen und ertrugen standhaft den Zugwind, bis das Nest flügge war.

Otto Reifschneider, Buchhalter, Ginnheim.

Diebstahl in Belgien

Unsere Kompanie kam auf einige Tage auf Bahnschutz in die Nähe von Tirlemont; unsere Gruppe in das Dörfchen Oplinter zur Ueberwachung der dortigen Männer. Es sollen sich viele belgische Soldaten dort aufhalten, da grade vor Tirlemont eine größere Schlacht stattgefunden hatte. Beim Quartiermachen kamen wir an ein größeres Gehöft, ein ehemaliges Kloster. Halt, denke ich, dort gibt es ein feines Lager. Dieses war ja nach den anstrengenden Märschen und Gefechten in Gluthitze des August die Hauptsache. Es wurden drei schöne Tage. Beim Betreten des Gehöfts sehen wir in der Toreinfahrt einen geknackten Geldschrank liegen, und wie sah es erst im Hause aus: alles durcheinander gewühlt und zerschlagen, alles, was Wert hatte, herausgeschleppt. Und allen war dieses rätselhaft, da durch eine Kreideschrift auf der Tür von Regt. 66 darauf hingewiesen war, daß der Besitzer nicht anwesend sei. Ein leeres Zimmer im Erdgeschoß war schnell eingerichtet. Dann hinhauen, schlafen.

Der Doppelposten vor dem Tor brachte gegen Abend einen Mann, der angab, er sei der Besitzer, welches sich denn auch tatsächlich herausstellte. Er war während des Gefechts mit seiner Frau stiften gegangen und wollte jetzt mal nachsehn, wie es stand. Der Mann, ein Herr Valis, Pferdezüchter, war ganz zerschlagen. Auf unsere Frage, wer denn dieses getan haben könne, gab er zur Antwort das haben die deutschen Soldaten getan. Auf die Frage, woher er das wisse, da er doch gar nicht da gewesen sei, sagte er: die Leute aus dem Dorf hätten das gesehen. Wir sagten ihm jedoch, daß dieses nicht möglich wäre und auch vollständig ausgeschlossen sei. Denn was wollten unsere Leute mit Schirmen, Stöcken, Frauenkleidern und Röcken. Wein, ja der wurde getrunken und die Flaschen fortgeworfen, aber die waren nirgends zu finden, folglich mußte der Wein mit den Flaschen verschwunden sein. Frauenhemden, ja das weiß wohl jeder alte Feldsoldat, der den Anfang und Vormarsch mitgemacht hat, die wurden auch angezogen, wenn man durchgeschwitzt war, ich selber habe ja auch mal eins angehabt. Das war ja wunderschön luftig und mit Spitzen besetzt.

Aber Herr Valis blieb dabei, unsere Kameraden hätten das getan. Wir besprachen uns mit unserem Gruppenführer und kamen nun zu folgendem Beschluß. Wir ließen Herrn Valis kommen und sagten ihm: so jetzt gehen Sie oder schicken jemand ins Dorf mit folgender Bekanntmachung: Bis heute Abend acht Uhr sind die auf dem Gut gestohlenen Sachen wieder zurückzubringen. Wer sich schämt, dieses zu tun, kann es bei dem und dem abgeben, dort wird es abgeholt. Nachfolgen entstehen nicht. Morgen früh aber wird im Beisein des Herrn Valis jedes Haus durchsucht, und dort wo Gestohlenes gefunden, wird das Haus abgebrannt und der Besitzer erschossen.

Wir waren gespannt. Er schickte denn auch eine Frau los. Herr Valis wollte es aber immer noch nicht glauben. Aber unsere Annahme mit den Leuten war richtig. Schon nach einer Stunde kamen die Leute aus dem Dorfe angeschleppt. Wir waren ganz sprachlos, aber am meisten unser Quartierwirt. Der war einfach von de Bretter, platt platter konnte er nicht werden. Gegen Abend, wir waren grade beim Karro einfach geschnitten aus der Hand, klopft es. Herein kommt unser Boß, Herr Valis, macht großen Palawer, entschuldigt sich bei uns allen und bittet uns, ihm das nicht nachzuhalten, er hätte so etwas nicht für möglich gehalten. Er nehme die Verdächtigung gegen unsere Soldaten zurück und bitte uns, seine Frau war mittlerweile auch zurückgekommen, zu ihnen zu kommen und eine Flasche des zurückgebrachten Weines mitzutrinken.

Alle Mann hin. Der Posten bekam auch sein Teil mit, es waren noch zwei schöne Stunden dort. Am andern morgen ganz früh draußen großes Schweineschreien, ein Schweinchen von 250 Pfd. lag im Blute, wie wir herausstürmten. Herr Valis lachend dabei und sagt: für Sie meine Herren, wie er unsere erstaunten Gesichter sah. Die Madame war schon in der Milchkammer am Buttern, auch für uns. Junge, Junge denken wir alle, hoffentlich bleiben wir recht lange und mittags haben wir reingehauen was die Schwarte halten konnte. Er und sie mitten unter uns.

Am andern morgen früh stiller Alarm Abrücken. Haben wir gewettert, aber geschieden muß sein. Ungern sind wir von den Fleischtöpfen in Oplinter geschieden. Vorher gab es noch schnell ein ordentlich Stück Schweinernes ins Kochgeschirr und ein ordentlich Stück Butter dazu. Dann kurzer herzlicher Abschied von unsern Quartierwirten. Er wünschte uns allen recht baldige Heimkehr zu Frau und Kindern.

Wir schieden nicht als Feinde, davon bin ich fest überzeugt. Noch lange winkte er uns nach. Wir zogen neuem Gewitter entgegen. Antwerpen.

Christian Bovermann, Postassistent, Mühlheim-Ruhr.

Zurückgestohlen

Es war ein nebliger Aprilsonntagmorgen des Jahres 1915, als ich mit etwa achthundert Kameraden nördlich von Przemysl von den Russen gefangengenommen wurde. Ich bemerke, daß ich kaum neunzehnjährig freiwillig mich in die Front gemeldet hatte und unter meinen Kameraden stets der jüngste war.

Ich hatte einen noch ziemlich neuen Mantel, der mir aber bald von einem der uns begleitenden Tscherkessen weggenommen wurde. Nach einem endlosen Tagesmarsch erreichten wir todmüde einen Ort, wo wir nächtigen sollten. Trotzdem Menage verabreicht wurde und wir fast zwei Tage nichts gegessen hatten, verzichteten wir darauf und legten uns nieder, wo wir gerade standen. Mein Schlaf war sehr schlecht, da es noch kalt war und ich meinen Mantel entbehren mußte. Sobald es Tag wurde, stand ich auf, um es mir durch Bewegung wieder warm zu machen.

Ein Posten, der mich die längste Zeit beobachtete, wie ich vor Kälte zitterte, kam auf mich zu und frug mich: wo ich meinen Mantel hätte? Ich zeigte auf den unweit liegenden Tscherkessen, der mit seinem eigenen Mantel zugedeckt war und den meinigen als Kopfpolster benutzte. Der Posten ging auf ihn zu, hob seinen schlafenden Kameraden sanft in die Höhe und bedeutete mir, ich solle meinen Mantel wegziehen. Dann mußte ich noch rasch einen Stein unter seinen Kopf legen, und wir begaben uns leise hinweg. Nachdem mir mein Gönner noch eine Zigarette gedreht und angezündet hatte, bedeutete er mir, ich möge nun verduften, was ich mir natürlich nicht zweimal sagen ließ. Meinen lieben Mantel hatte ich ja wieder und habe ihn auch, wenn auch in Fetzen, im Jahre 1919 bis in meine Heimat gebracht.

Jos. Haase, Beamter, Reichenberg, C. S. R.

Der Tropenhelm

Im Januar 1918 kamen wir 120 kranke und verwundete Soldaten der Lettow-Truppe aus Deutsch-Ostafrika ins Gefangenenlager Tura bei Kairo in Aegypten. Alles mußten wir abgeben und in Adams Kostüm marschierten wir in die Baracken ein, daselbst bekamen wir dann von Kopf bis Fuß neue Kleidung. Einige Wochen später trafen weitere 800 Deutsche ein, dabei auch ein Bruder von mir. Natürlich mußten diese Kameraden ebenfalls ihre alten Monturen usw. abgeben und erhielten nach Durchquerung eines Desinfektionsbades von den Engländern neue Wäsche und Kleider. Sogar unsere in den vier Jahren uns so sehr in den Kopf gewachsenen Tropenhelme mußten wir abliefern und so mancher erhielt als Ersatz einen, der ihn furchtbar drückte. Offenbar war dies auch beim Tropenhelm des Unteroffiziers Müller der Fall. Jedenfalls bemühte er sich mit allen Kräften, seinen alten Helm wieder zu erhalten, indem er sich kopfwehkrank meldete. Aber er bekam nur den Rat, mit einem Kameraden zu tauschen. Merkwürdigerweise wollte er das nicht!

Jeden Morgen um sechs Uhr mußten wir Landsturmleute, Gefreite usw. Schubkarren fassen und bis 12 Uhr Sand und Backsteine fahren. Auf dem Platze, wo wir die Karren holten, lagen auf einem großen Haufen die tausend alten deutschen Tropenhelme.

Eines Tages beichtete mir Müller: Die Sache mit meinem Kopfweh ist Schwindel. Der englische Helm paßt mir ausgezeichnet, trotzdem muß ich meinen alten Helm wieder haben, denn in ihm sind 10 Elefantengoldstücke eingenäht! Donnerwetter, die müssen wir kriegen.

Mit dem Tommy, der uns bewachte, hatte ich mich durch meine englischen Sprachkenntnisse schon angefreundet. Darauf baute ich meinen Plan. Eine Hauptschwierigkeit aber bestand darin: wie finde ich unter tausend Tropenhelmen, die alle ganz egal aussehen, gerade den meines Freundes Müller heraus? Die andere Schwierigkeit war die: wenn ich den Helm habe, wie bringe ihn ins Lager. Meinen Helm kann ich nicht dafür hinwerfen, weil die englischen eine ganz andere Form haben und ich also mit dem deutschen sofort aufgefallen wäre.

Bei der englischen Wachmannschaft war es bekannt, daß ich im Gefangenenlager meinen Bruder Alfred getroffen hatte. Da er Sergeant war, brauchte er nicht zu arbeiten. Die afrikanischen Strapazen hatten seiner Gesundheit sehr zugesetzt und darauf baute ich meinen Plan. Dem Tommy erzählte ich immer wieder, wie sehr mein Bruder an Kopfschmerzen litt; es wäre ihm nur zu helfen, wenn er wieder seinen alten deutschen Helm aufsetzen könne. Bei der täglichen Inspektion würde er natürlich den englischen Helm aufsetzen. Ich bearbeitete den Tommy mindestens acht Tage lang, bis er mir endlich die Erlaubnis gab, den deutschen Helm zu suchen.

Mein Freund Müller hatte seine Gefangenen-Nummer 33818 in dem Helm stehen. Diesen mußte ich nun unter dem Haufen von über tausend Stück heraussuchen, ohne daß es jemand merkte. Dazu hatte ich beim Schubkarrenholen morgens höchstens zwei Minuten Zeit. Nach ein paar Tagen hatte ich aber wirklich den wertvollen Helm in der Hand. Wie bringe ich ihn aber ins Lager, denn ich muß doch sechs Stunden Schubkarren schieben! Da nahm der Tommy den Helm unter den Arm und trug ihn sechs Stunden lang neben uns her, bis wir wieder im Lager waren. Unauffällig brachte ich den Helm zu Müller. An einem versteckten Ort trennte er die zehn Goldstücke heraus und gab mir als Belohnung eines davon.

Theodor Freudenberger, Kaufmann, Frankfurt a. M.

Verschleuderung von Heeresgut

Im Januar 1917 ? 20 Grad unter Null ? gehörte ich zu einer Sanitäter-Gruppe vom 4. Korps, das damals bei Nicey (Meuse) lagerte und speziell dem Gasabwehrdienst zugeteilt war. Ich wurde nach Benoitevaux abkommandiert, um einen Haufen der verschiedensten Ausrüstungsgegenstände, die das Korps, das wir ersetzten, zurückgelassen hatte, in meine Obhut zu nehmen. Darunter fand ich einen ziemlich großen Posten alter Hemden, die vernichtet werden sollten.

Einige Meter von meiner Baracke entfernt befand sich ein Internierungslager mit deutschen Gefangenen, die alle ohne Hemden und nur mit Lumpen bekleidet waren. Die Tuberkulose forderte zahllose Opfer bei dieser strengen Temperatur. Da ich allein war und glaubte, in dieser Sache niemanden Rechenschaft schuldig zu sein, verschnürte ich in der Nacht einige Ballen Hemden und warf sie rasch über den Stacheldraht des Lagers.

Ich setzte diese kleine Aktion während zwei oder drei Tagen fort, bis ich von einem Artillerieadjutanten überrascht wurde, der mich darauf aufmerksam machte, daß ich damit eine strafbare Handlung beginge. Aber er versicherte mir immerhin, daß er mich nicht anzeigen würde. Er hat übrigens Wort gehalten; ich bin darüber nie vernommen worden.

Mein einziger Kummer war, daß ich nicht erfahren habe, ob die armen Teufel meine Hemdenpakete auch wirklich gefunden haben.

Louis Vallet, Paris.

Bayrische Kunde

Im Spätsommer 1917 wurde ich, halb geheilt, einer Genesungskompanie in T. zugeteilt, die mich zur Leitung eines großen Getreidemagazins abkommandierte. Dreißig deutsche Armierungssoldaten und 45 französische Zivilisten schaufelten täglich die ungeheuren Getreidemengen herum. Die Franzosen gegen Lohn. Täglich marschierten die Franzosen pünktlich zu einer benachbarten Wirtschaft und machten »Brotzeit«, bis ich feststellte, daß sie jeden Tag rund zwei Zentner Weizen, in ihren Hosenbeinen versteckt, in die Wirtschaft schmuggelten und dort verkauften. Es folgten strenge Verbote, aber es wurde weiter gestohlen. Hierbei war zu unterscheiden zwischen solchen, die den Weizen mit nach Hause nahmen, ihn durch die Kaffeemühle mahlten und eine Art Kuchen daraus herstellten, um ihren furchtbaren Hunger zu stillen, den sie alle, alle hatten; und solchen, die den Weizen sofort versilberten und das Geld vertranken.

Zu den letzteren gehörte ein siebzehnjähriger strammer Bengel, der immer wieder stahl. Zweimal schon hatte ich ihn in einer Woche dabei erwischt und ihm erklärt, daß er beim dritten Male ohne Gnade zum »Arbeiterbataillon« komme. Das war aber wie der Teufel gefürchtet! Trotzdem faßte ich ihn drei Tage später schon wieder; seine Geldgier ließ ihn den Gefahren trotzen. Er wußte sofort, was es geschlagen hatte. Offenbar aber wollte er, wenn er zum gefürchteten »Arbeiterbataillon« soll, vorher noch einen der verhaßten Deutschen kaltmachen, denn kaum hatte er mich erblickt, als er wie eine Katze hochfuhr und mich umrannte, und im gleichen Augenblick kniete er mir auf der Brust und suchte meine Kehle zu erreichen. Im nächsten Moment aber lag der Bursche unten und ich oben, und ich habe ihn nach schönster bayrischer Manier verhauen, so daß er in wenigen Minuten knockout war.

Im gleichen Augenblick kam der zuständige Offizier. Mir war nun klar, daß der Franzose mehrere Jahre Zuchthaus verwirkt hatte, wenn ich dem Offizier die Wahrheit meldete. Nach meiner Ansicht aber hatte er mit der ihm verabfolgten Abreibung genug Strafe. Ich meldete also dem Offizier irgendein geringeres Vergehen des Franzosen und bekam nun einen gutsitzenden Anschnauzer dahingehend, daß es eine Gemeinheit sei, einen Menschen wegen solcher Kleinigkeit derart anzugreifen und zu verhauen. Acht Tage später wurde ich deswegen abgelöst und mußte trotz des kaum verheilten Fußes an die Front. Mein Franzmann aber blieb schön beim Getreidemagazin!

Und nun der Ausklang: im Jahre 1923 hatte ich einen sehr kitzligen Auftrag, den passiven Widerstand betreffend, in einer pfälzischen Stadt zu erledigen. Ich merkte genau, daß ich von französischen Kriminalbeamten überwacht und verfolgt sei. Plötzlich rief aus einer Gruppe französischer Soldaten einer mich mit meinem Namen an! Ich dachte schon, nun haben sie dich! Aber nein, es war mein »Freund« von damals, und das war mir begreiflicherweise erst recht nicht besonders angenehm. Aber der freute sich wie ein König und umarmte mich auf offener Straße. Ein anderer Soldat spielte den Dolmetscher, und es stellte sich bald heraus, daß der damals siebzehnjährige Bursche meine Handlung begriffen und genau wußte, daß er das Zuchthaus mit dem Aermel gestreift hatte. Es bereitet mir noch heute eine innerliche Genugtuung, daß ich den Burschen damals gehörig verhauen, ihn aber auch vor dem Zuchthaus gerettet habe.

A. R., Worms.

Der Konsul

Am 6. Dezember 1919 holte der Dampfer »Semiramis« zweitausend deutsche Kriegsgefangene von der Insel Malta ab, um sie über Venedig nach der Heimat zu bringen. Durch irgendein Versehen war der österreichische Transportzug, der uns nach Innsbruck bringen sollte, nicht eingetroffen. Der militärische Führer des Transportdampfers, ein italienischer Oberst, erklärte uns, wir müßten drei bis vier Tage in Venedig liegen bleiben. Auf Befehl seiner Regierung dürfe aber niemand den Dampfer verlassen.

Als Maler in Venedig sein, und diese Stadt nicht sehen dürfen, schoß es mir durch den Kopf: das darf nicht möglich sein. Der Oberst war unerbittlich. Ich wandte mich daher an einen anderen italienischen Offizier. Auch der lehnte mein Gesuch ab. Ich werde immer dringender. Der Krieg wäre doch zu Ende. Ich würde doch wohl in meinem ganzen Leben nie wieder nach Venedig kommen. Ich gäbe mein Ehrenwort, mich sowohl in der Stadt absolut korrekt zu verhalten als auch nach 48 Stunden wieder auf der »Semiramis« zu sein. Er bedauerte achselzuckend, nach seinen Befehlen handeln zu müssen.

Als er abends von Bord ging, stand ich am Fallreep. Ich sah ihn nur bittend an.

»Kommen Sie mit,« winkten seine Augen. Während wir die Treppe hinabstiegen, raunte er mir zu: »Sprechen Sie nur englisch!« Wir hatten uns bisher in einem Sprachgemisch englisch-französisch-italienisch und deutsch unterhalten. Am Lande stand ein Posten mit aufgepflanztem Bajonett. Der ging sofort auf den Offizier zu und machte ihn darauf aufmerksam, daß keine Zivilperson das Schiff verlassen dürfe. Mein schöner Traum schien zu Ende zu sein.

»Schon gut,« sagte ganz ruhig der Offizier, »dies ist der amerikanische Konsul, der das Schiff eben besichtigt hat!« Dabei klopfte er mir auf die Schulter: »Oh, Verzeihung,« antwortete der Posten und salutierte. Dann gab der Italiener mir die Hand und sagte absichtlich etwas laut: »Also auf Wiedersehen, Herr Konsul! Und vergessen Sie nicht übermorgen!«

» Allright, captain!« antwortete ich lachend.

So hatte ein armer deutscher Maler zwei Tage und zwei Nächte die unerhörten Schönheiten der herrlichsten Stadt der Welt genießen dürfen: als italienischer Kriegsgefangener und als »amerikanischer Konsul«!

Fritz Leop. Henning, Maler, Zoppot.

Rotes Kreuz

Die Sanitätsstunde

Erbittert war das Ringen um die Höhen von Paschendaele. Der Heeresbericht meldete das tapfere Verhalten des I.-R. 132. Nach diesen Kämpfen fuhr ich als Urlauber der Heimat zu. Ein Soldat einer anderen Formation steigt ins Abteil, schaut auf meine Achselklappen und setzt sich mir gegenüber. Und wir erzählten uns über die Handlungsweise der Engländer. Täglich von acht bis zehn Uhr morgens war » Sanitätsstunde«. So nannten wir die zwei Stunden, wo die Geschütze und die Gewehre schwiegen. Bis an die englische Linie lagen unsere Verwundeten und Toten, die wir ohne Gefahr zurückholten. Engländer erleichterten unseren Sanitätern das Suchen, indem sie auf unsere Gefallenen wiesen. Dort lagen Kameraden schon mehrere Nächte, welche vom Feinde verbunden, gestärkt und in Decken gehüllt waren. Der Gegner war das Yorkshire-Regiment, Anfang November 1917 ... Wir beide haben das Herz voll ... Lange noch tauschen wir Erlebtes gegenseitig aus. Der Zug nähert sich der deutschen Grenze.

Hermann Hillebrand, Schlosser, Mühlheim-Ruhr.

Helfer am Douaumont

Es war bei Verdun in der ersten Angriffsschlacht. Man schrieb den 27. Februar 1916. In heißen blutigen Kämpfen hatte die 25. Infanterie-Division den Taures- und Wavrilwald durchstoßen. Beaumont war gestürmt, und die Division lag im Sturmstellung auf halber Höhe vor dem Dorfe Louvemont. Kahl die Höhen. Kalt das Wetter. Die eisige Nacht in mühsam gegrabenen Erdlöchern verbracht, stierten wir bei Tagesgrauen auf Louvemont. In allen Tonarten heulend und pfeifend suchten die Geschosse ihr Ziel, und der Tod hielt reiche Ernte. Am Nachmittag wurde zum Sturm geschritten. Er glückte, und am Abend hatte die 25. Infanterie-Division die Linie kurz vor dem Werk Thiaumont-Pfefferrücken erreicht.

Wir Krankenträger vom II. Bataillon des Infanterie-Regiments 117, vor dem Sturm bei der Truppe liegend, hatten durch die eintretenden Verluste viel Arbeit gehabt. An ein Vorgehen mit der Truppe war deshalb nicht zu denken. Erst gegen Abend konnten wir unseren Truppenverbandplatz nach Louvemont vorverlegen. Das Hilfswerk war noch nicht zu Ende. Der nächste Tag sollte mir noch traurige Gelegenheit geben, ganz Armen Hilfe zu leisten.

Am frühen Nachmittag des 28. Februar lagen unsere Verwundeten alle in der Schlucht. Gerade hatten wir mit gefundenen, französischen Nahrungsmitteln zu Mittag gegessen. Es gab Goulasch auf Corned Beef und Salzkartoffeln, in einem Keller unter Lebensgefahr gekocht und gegessen. Da kam Sanitätsunteroffizier Becker von 6/117 und frug mich: »Peter! Hast du nebenan schon die Scheune voll verwundeten Schwarzen gesehen?« Ich verneinte. Er sagte: »Komm mit!« Ich kam mit.

Vier Jahre war ich an der Front. Zur Hälfte Krankenträger, zur anderen Hälfte Sanitäts-Unteroffizier. Ich kenne schon ein bißchen Krieg. Ich kenne nicht nur den Schrecken der Waffen, sondern auch ihre Wirkung. Mein Dienst war immer schwer. An Schrecken und an Schrecklichem war er bestimmt nicht arm. Wenn ich aber so nachsinne, was von all meinen Erlebnissen den stärksten Eindruck ausübte, so steht mit in erster Linie der Eindruck, den in Louvemont die Scheune voll schwerverwundeter, schwarzer, französischer Soldaten auf mich machte. Dreißig bis vierzig mögen es gewesen sein.

Sie lagen in einer Scheune, soweit man diese Ruine noch als Scheune bezeichnen konnte. Fünf Tage lang mußten sie mindestens schon liegen. Im Taureswald waren sie verwundet worden. Nur Notverbände hatten sie. Lauter Schwerverwundete. Keiner von ihnen konnte gehen. Tote lagen zwischen ihnen. Lagen schon tagelang zwischen ihnen. Tote neben Sterbenden. Alle hatten sie ihre Notdurft da verrichtet, wo sie lagen. Ein Geruch ging von ihnen aus, der die meisten Menschen zu ewigem Erbrechen gereizt hätte.

Becker fragte mich: »Willst du helfen, die verbinden? Ich stelle die Zigaretten, denn ohne Rauchen kann man hier nichts machen.« Ich bejahte. Und wir haben sie verbunden.

Weshalb sie noch nach Tagen in Louvemont unversorgt lagen? Wer weiß es. Die Verluste waren groß. In den ersten Tagen hat man wahrscheinlich erst für die weißen Franzosen gesorgt und nachher hatte man keine Zeit mehr, für die schwarzen Franzosen zu sorgen.

Heute noch bewundere ich Becker für seine Tat. Er packte zu. Er verband. Ich half nur. Er kannte keine Scheu. Ihn hat kein Geruch, keine Furcht vor Infektion, nichts hat ihn gehindert, sein Werk zu tun. Es zwang ihn kein Befehl zur Hilfe. Nur die Menschlichkeit gebot zu helfen. Es war ein schweres Werk. Feuer lag auf Louvemont. Schweres Feuer. Es ist mir heute noch unverständlich, daß kein Volltreffer die Scheune traf. Vorn, hinten, zu beiden Seiten gab es Treffer in Hülle und Fülle. An Splittern fehlte es nicht, denn das Scheunendach bot soviel Schutz wie ein Regenschirm.

Die Hilfe erforderte Stunden. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen an, um einen ständigen Brechreiz zu bekämpfen. Becker rauchte auch. Aber er konnte gar nicht immer rauchen, denn er mußte verbinden.

Bei diesem Werke kam Becker seine Vorbildung zugute. Er war in Friedenszeiten Krankenbruder gewesen. Im Kloster von Montabaur im Westerwald. Laienbruder nur, nicht etwa Geistlicher. Er hatte Kenntnisse wie ein Arzt. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich Becker heute noch bewundere. Am 28. Februar 1916 habe ich ihn auch bewundert.

Begriffen habe ich ihn an diesem Tage nicht. Habe ihn an diesem Tage nicht begreifen können, denn sein Liebeswerk galt zum größten Teile unrettbar dem Tode verfallenen Leuten. Die meisten hatten schon Brand in ihren Wunden. Zu der ständigen Lebensgefahr durch das französische Artilleriefeuer kam noch die Gefahr der Infektion. Händewaschen? Gummihandschuhe? Nein, so etwas gab es hier nicht. Gab es bei uns an der Front, ich meine unmittelbar an der Front, nur in ganz ruhigen Stellungen. Das gab es erst auf dem Hauptverbandplatz der Division.

Begriffen habe ich ihn erst viel später. Nach vier, fünf Monaten. Ich glaube, wir standen kurz vor dem Einsatz an der Somme. Er war mittlerweile Sanitätsfeldwebel geworden. Wir hatten noch einmal Feldgottesdienst. Da diente Becker bei der Feldmesse. Bei dieser Gelegenheit trug sein Gesicht denselben, fast fanatischen Ausdruck von Hingabe, den er damals hatte, als er mit meiner Hilfe die schwarzen französischen Soldaten verband. Dieselbe Hingabe, wie damals, als wir in Louvemont tote schwarze Soldaten von den lebenden Schwerverwundeten forttrugen. Jetzt lag auf seinem Gesicht derselbe Ausdruck wie in Louvemont, als er mit seinen Händen Kot, Dreck und Läuse von den Schwarzen entfernte, um Jod auf die Wunden zu pinseln und zu verbinden.

Er sprach nur deutsch. Die schwarzen Soldaten sprachen nur wenig französisch. Als wir den ersten von ihnen verbanden, jammerten alle Verwundeten in uns fremden Lauten. Verständigen konnten wir uns nicht mit ihnen. Aber jeder, der es noch konnte, sagte zu ihm: » Merci, Monsieur!« Er mußte vielen von ihnen beim Verbinden Schmerzen bereiten, und doch dankten alle, weil das Mitgefühl in seinen Augen auch von ihnen verstanden wurde.

Wenn die Granaten in unserer Nähe einschlugen und die Schrapnelle über der Scheune platzten, dann sagte Becker zu mir: »Uns kann heute nichts passieren.« Es passierte auch nichts. Ob er innerlich mit seinem Gotte rang wie Jakob mit Gott gerungen, bis er ihn segnete? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es gut war, was er tat. Hoffentlich lebt er noch. Sollten diese Zeilen gedruckt werden, so wünsche ich, daß er sie liest und sich seines Werkes freut.

Peter Heberer, Versicherungsbeamter, Frankfurt a. M.

Aerzte

In der Nacht vom 23. zum 24. August 1914 befanden wir uns, etwa zehn französische Verwundete, in einem Schulsaal in Longhier bei Neufchâteau in Belgien. Ein deutscher Arzt, bereits erschöpft, hat uns während eines Teils der Nacht aufopfernd gepflegt und liebevoll getröstet. Er half den Verwundeten bei ihren primitivsten Bedürfnissen und leerte selbst die Nachttöpfe. Der Arzt hatte kurzgeschnittenes Haar, schöne scharfgeschnittene narbenbedeckte Züge.

Drei Monate später ? in Trèves, in einer in ein Lazarett umgewandelten Kaserne ? war die Krankenschwester, die die französischen Verwundeten am aufopferndsten und liebevollsten pflegte, die Frau eines deutschen Hauptmanns, dessen Tod an der französischen Front sie soeben erfahren hatte. Im selben Lazarett teilte ein deutscher verwundeter Unteroffizier mit mir die bescheidenen Geschenke, die er von seiner Familie erhielt.

Später, im Lazarett der Maschinenbauschule in Köln, im Januar oder Februar 1915, bat ich wegen schmerzhafter Komplikationen einen Arzt, mir die rechte Hand am Handgelenk zu amputieren. Der gute Mensch weigerte sich, indem er mir mit einem freundlichen Lächeln sagte: »Dann wächst es nicht wieder.« Am nächsten Tag nahm er eine geschickte Operation vor, die mich schnell heilte und mir auf diese Weise den Daumen der rechten Hand erhielt.

Bei unserer Ankunft in diesem letzten Lazarett wurde der Bevölkerung gestattet, uns zu besuchen. Die Einwohner waren sehr teilnahmsvoll und verteilten unter uns Zigaretten und Schokolade. Diese Besuche wurden aber in der Folge verboten. Das Personal dieses Lazaretts war uns gegenüber gut und aufopfernd.

Endlich, als ich als Schwerverwundeter heimgeschickt wurde, etwa am 10. Juli 1915, mußte ich mich einer ärztlichen Untersuchung in Konstanz unterziehen. Das erstemal wurde ich zurückgewiesen, da für einen Unteroffizier zwei Verwundungen vorgeschrieben waren. Auf den Rat eines deutschen Unteroffiziers hin bestand ich jedoch dem deutschen ärztlichen Kommissionsmitglied gegenüber auf Untersuchung und Entlassung. Ohne selbst meine kranke Brust zu untersuchen, entließ dieser Arzt mich sowie meinen am Bein amputierten Kameraden.

Vicaire, Clamart/Seine.

Irrsinn des Tötens

Im Februar 1915 kam ich mit Lazarettzug, an schwerer Nierenentzündung erkrankt, von der Ostfront zurück, um im Festungslazarett Danzig untergebracht zu werden. Ich war Unteroffizier der Reserve im Infanterie-Regiment 21. Der Zug war zum größten Teil mit Deutschen, meistens schwer an inneren Leiden erkrankten Soldaten belegt, und darunter einem mit einem Infanterie-Steckschuß in der Stirn. Letzterer galt als der am wenigsten Kranke. Er war bei der Einlieferung ohne Fieber und half beim Unterbringen der Kranken und Verwundeten im Hilfslazarettzug nach besten Kräften mit. Nachts lag ich dem Grenadier gegenüber. Eines Tages bekam ich den Auftrag, auf ihn besonders zu achten, weil er plötzlich hohes Fieber bekommen hatte und phantasierte. Dieser Auftrag war nur reine Formsache, denn ich war weder in der Lage, das Bett zu verlassen, noch zu schreien, um im Notfall Hilfe herbeizurufen, da ich selbst eine Temperatur von annähernd vierzig Grad hatte.

Einmal war ich in einen unruhigen Halbschlaf versunken, hatte aber plötzlich das Gefühl, mir drohe Gefahr. Vorsichtig öffnete ich die Augen und sah vor mir den kopfverletzten Grenadier stehen; mit starren Augen, von denen man nur das Weiße sehen konnte. Er hatte ein feststehendes Messer in der Hand und murmelte vor sich hin: »Ich will nicht allein geschlachtet werden ... ich schneide allen die Hälse ab ... und du (damit war ich gemeint) bist als Aufpasser hier, ... du kommst zuerst dran.« Ich glaubte mein letztes Stündlein gekommen und hob meinen linken Unterarm, um den im nächsten Augenblick zu erwartenden Dolchstoß nach Möglichkeit etwas zu mildern, wenn ich auch gar keine Aussicht hatte, dem baumlangen Grenadier irgendwelchen Widerstand leisten zu können.

Zu meinem Glück lief unser Wagen hinter dem Küchenwagen, der wegen seiner Wärme, des warmen Wassers (zum langentbehrten Waschen) und nicht zuletzt des Essens wegen sehr geschätzt wurde. Während ich noch meinen irrsinnig gewordenen Kameraden anstarre und jeden Moment das Ende erwarte, öffnet sich die hintere Wagentür, und ein beinverletzter Russe mit einem leeren Kochgeschirr in der Hand kommt herein, um einen Gang zur Küche zu unternehmen und etwas Eßbares zu ergattern. Sofort die Situation erfassend, stürzt sich der Russe auf den viel stärkeren Grenadier und ringt mit diesem, bis Hilfe kommt. Er erhielt bei diesem Kampfe mit dem sich wie rasend gebärdenden Kopfverletzten einige, zum Glück nicht gefährliche, Stiche in den linken Oberarm, von deren guter Heilung ich mich später überzeugen konnte.

Mein Lebensretter kam in das Gefangenenlager Troyl in Danzig, wo ich ihn öfter besuchte und ihm so manche Lebensmittel und die von den Russen am meisten vermißten Zigaretten zusteckte, obwohl es streng verboten war. Später gelang es mir, meinen Lebensretter als Arbeiter auf dem Grundstück meines Vaters im Kreise Stolp unterzubringen, wo er bis Kriegsende verblieb und wo es ihm nicht schlecht erging. Es war der Infanterist Mingali Gilmanow aus Kasan.

Fritz König, Uhrmacher, Rehau i. Bay.

Der schlafende Sanitäter

Ich hatte wieder einmal drei Tage und Nächte mit nur halb- bis einstündigen Unterbrechungen, wo mir die Augen vor Müdigkeit und Ueberanstrengung von selbst zugefallen sind, hinter mir und wurde zu meinem Schrecken auf Nachtwache als Posten vor Gewehr kommandiert. Denn so ein Lazarett muß ja auch schließlich gegen Ueberfälle und Diebstahl bewacht werden. Von abends sieben Uhr bis anderen Morgen sieben Uhr war die Wache. Wachtlokal war ein warmer Pferdestall. Ich hatte dritte Nummer und schlief wie ein Herrgott. Von elf bis eins hatte ich Posten. Es war bitterkalt. Kurz nach zwölf Uhr wurde ich von dem wachhabenden Unteroffizier in einem Bretterverschlag schlafend aufgefunden. Sofort abgelöst. Den Rest der Nacht traumlos wie ein Toter geschlafen. Am anderen Morgen Meldung beim Chef. Vor versammelter Mannschaft wurde mein Verbrechen gehörig unter die Lupe genommen: »Stillgestanden. Wegen Schlafens auf Wachtposten vor dem Feinde: Meldung ans Kriegsgericht.« Zu den Franzosen konnte ich nicht mehr, ein Kamerad von mir kam an meine Stelle. Ich kam auf den Gutshof unter die Augen des Chefs. Ich war ja wohl schon fahnenfluchtverdächtig. Ich ging wie im Traum herum, sah mich im Geiste vor dem Kriegsgericht, jahrelange Festung, Erschießen, alles mögliche, ich war ganz wirr. Die Kameraden scheuten sich, mit mir zu sprechen, es war ein fürchterlicher Zustand.

Der Leser wird sich fragen, warum ich das nicht vorher selber gemeldet hätte. Der gediente Soldat aber weiß, daß das so gut wie unmöglich ist oder wenigstens war. Man wurde kommandiert, und Befehl wurde ausgeführt. Da faßte ich mir doch eines Tages ein Herz und ging zum Chef. Ich erklärte ihm alles, wie oben beschrieben, daß ich einfach nicht mehr gekonnt hätte und völlig erschöpft zusammengebrochen wäre. Der Chef jagte mich hinaus und ging zu den Franzosen. Es waren nicht mehr viel ? noch fünf ? die anderen waren gestorben. Jetzt ? erklärte mir mein Nachfolger, der des Französischen gut mächtig war ? jetzt hätte ich mal hören sollen, wie mich die Franzosen in alle Himmel gelobt hätten, was für ein guter Kamerad ich gewesen wäre, immer für sie alles gemacht und in der Nacht immer um sie herum gewesen. Die Engel im Himmel hätten mich beneiden können.

Und der Effekt: ich durfte wieder zu meinen Franzosen, die Meldung ans Kriegsgericht wurde zurückgenommen, ein Lob für aufopfernde Pflichterfüllung und ? drei Tage Mittelarrest. Denn Strafe muß sein! Die Strafe gelte aber als verbüßt ... Was aber wäre geschehen, wenn die Franzosen mich nicht herausgerissen hätten?

Otto Vallert, Werkmeister, Dietsheim a. M.

Vom Feind beschützt

Die Sommeschlacht wurde eröffnet durch ein Trommelfeuer, das sieben Tage und sieben Nächte andauerte. Furchtbare Verluste hatten die Angreifer, aber auch die Abwehr kostete große Opfer. Um jeden Quadratmeter Boden wurde erbittert gekämpft. Das Inf.-Rgt. 180 Württemberg hatte schwer zu leiden. Immer wieder kam von hinten der Befehl, daß der Stützpunkt Ovillers bis zum letzten Mann gehalten werden müsse, selbst wenn die Anschlußregimenter rechts und links noch weiter zurückgehen sollten. Hinter der deutschen Stellung häuften sich die Verwundeten. Alle Sanitätsunterstände waren überfüllt. Niemand konnte zurückgebracht werden, da die ganze Gegend unter verheerendem Feuer lag. Da entschloß sich die Res.-Sanitäts-Kp. 26 trotz aller Bedenken einen Krankenwagen bis direkt an die Stellung heranfahren zu lassen. Sofort schwärmten von allen Richtungen englische Flieger herbei und beobachteten diese mutige Tat. Immer tiefer kreisten die Flugzeuge, so daß die englische Artillerie das Feuer einstellen mußte, weil ja die eigenen Leute in Gefahr waren. Nun fuhr Wagen auf Wagen vor, immer begleitet von den feindlichen Fliegern und in kurzer Zeit waren alle Verwundeten in Sicherheit. Dieser schöne menschliche Zug der Engländer konnte während der ganzen Sommeschlacht immer wieder beobachtet werden.

Fritz Dietrich, Heilbronn.

Der Feind auf der Schubkarre

Karl war vor dem Kriege Hausknecht in einer kleinen Lebensmittelhandlung in Innsbruck. Fleißig, ehrlich, etwas beschränkt und verschlossen, gewissenhaft und schrullenhaft, tat er seine Arbeit ganz ohne Aufforderung, anhänglich seinem Herrn. Denn nur sein Herr wußte vom Leid dieser Jugend. Aus einer Handlangerfamilie der halbslawischen Südsteiermark, der Vater ein Schnapstrinker großen Stils, das Kind sein Prügelknabe, bis eines Tages die Prügel mit einem Holzscheit zu arg ausfielen und das arme Wesen mit schweren Kopfverletzungen in das Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Vater wurde verurteilt, das Kind kam in die Welt der Arbeit, die ihm nach der Hölle des Elternhauses zum Paradies wurde. So wurde Karl ein brauchbarer Mensch, nur menschenscheu und verschlossen, weil die Erinnerung an seine trübe Jugend auf seine verprügelte Seele drückte.

Im sengenden Sonnenlicht eines Sommermittages warfen die italienischen Granaten Fontänen von Steinen und Erde und Mörtel in die bleidunstige Luft. Sie wühlten nur mehr im Schutt und in den Eingeweiden dieser weißgetünchten Häuser, die einst Asiago waren. Zwischen, hinter und unter den Trümmern sprangen wie Insekten die Leute der Kompagnie herum, zu der auch Karl gehörte. Der Sturm auf das Dorf war glatt und schnell geglückt, weil vorher die eigene Artillerie eine brodelnde Schmalzpfanne aus Asiago gemacht hatte, in dem sich der Feind nicht hatte halten können. Jetzt lag die Kompagnie in diesem Brei von Trümmerwerk; jetzt rührte die feindliche Artillerie mit ihren Granaten und Schrapnells den höllischen Brei um.

Bald hatte der Kommandant die Einsicht, daß seine Kompagnie in wenigen Stunden in diesem Dreckhaufen begraben sein würde. Kaum, daß seine Leute, verstreut und versprengt in diesem wilden Chaos platzender Granaten und tanzender Mauerstücke, notdürftige Schlupfwinkel zur Deckung gefunden hatten, gab er den Befehl zum Rückzug; und in wenigen Minuten hatte die Kompagnie den zerschossenen Trümmerhaufen, der einst ein stattliches Dorf gewesen war, geräumt.

Karl war mit dem Zug, der den rechten Flügel bildete, in den Ort eingestürmt. Brav und ruhig, kein aufjauchzender Held mit glühenden Augen, aber entschlossen und ohne daß ihm Tod und Gefahr einen besonderen Eindruck gemacht hätten, tat er den harten Felddienst seit Kriegsbeginn bei seiner Kompagnie. Auch das schien ihm noch besser als die Prügel daheim. Am Dorfende, wo der rechte Flügel eingedrungen war, krachte es am tollsten. Mit dem halben Leib war Karl in ein Kellerloch gekrochen, das vom Schutt zum Teil verschüttet worden war und über dem eine dicke Mauer wie ein Dorn aus dem Trümmerfeld stach. Der Schutt gab nach, und Karl rutschte wider seinen Willen immer tiefer in das Gewölbe hinunter. Mit aller Kraft wehrte er sich gegen diese Rutschbahn in das sichere Grab. Mühselig wehrte er den nachfließenden Schutt ab, klemmte und spreizte sich langsam wieder durch das Kellerloch nach oben. In dieser Zwischenzeit war der Befehl zum Rückzug gekommen, und seine Kameraden hatten bereits das Dorf verlassen.

Der Einschlag der Granaten wurde schneller, der Feind schien die Erstürmung der Ortschaft bemerkt zu haben und trommelte gründlich. Vorsichtig lugte Karl aus seinem Versteck heraus, nirgends konnte er einen seiner Leute entdecken. Alles verkrochen, dachte er, und er verzog sich wieder in sein Loch. Minuten und Viertelstunden vergingen. Das Artilleriefeuer ebbte ab. Karl begann wieder aus seiner Deckung auszuspähen. Keine Seele war zu entdecken. Eine Lage Schrapnells säte noch einmal über die Trümmer des zerstörten Dorfes, dann wurde es still. Jetzt kroch Karl schleunig aus seinem Loch heraus. Die ersten Schritte tat er noch mechanisch sprunghaft und sich deckend. Er begann eifrig zu suchen, sprang über Mauern, schaute um Ecken und begann schließlich zu rufen.

Nichts. Unsicher stand Karl still. Er hatte jeden Richtungssinn verloren, er versuchte vergeblich, sich zu erinnern, aus welcher Richtung die Kompagnie gekommen war, aus welcher Richtung der Feind geschossen hatte. Eigentlich deuchte es ihn ganz fein, nach dem fürchterlichen Wirbel der letzten Stunde so ruhig sinnen zu können. Er setzte sich auf einen Stein im Schatten einer zerschossenen Hauswand und überlegte weiter. Die Sonne sengte, ein paar Insekten summten durch die Backofenluft, ein abgerissenes Wimmern tönte irgendwo aus dem Schutt hervor.

Karl wurde aufmerksam. Er schlich um einige Ecken, stieg in den Trümmerhaufen eines kleinen Hauses ein. In einer Ecke, in welcher der Schuttkegel der eingestürzten oberen Stockwerke am niedrigsten war, ragte ein Stück Menschenleib aus dem Schutt. Mit wenigen Schritten war Karl bei dem Verletzten. Er zog ihm den gewinkelten Arm, der Gesicht und Kopf verdeckte, fort und blickte in ein entsetzliches Gesicht. Eine dreck- und blutverkrustete Haut überspannte zwei spitze Backenknochen. Die Oberlider deckten die Augen bis auf einen Strich des Weißen, die Lippen bebten zitternd vorgewölbt und ließen ein pfeifendes Wimmern hören. Ein schwerverletzter Italiener.

Karl erschrak. In zittriger Eile machte er sich daran, den Verwundeten auszugraben. Mit den Händen krallte und kratzte er den Schutt fort. Ein neuer Schauer lief ihm über den Rücken, als er die letzten angebluteten Mörtelstücke von den Beinen des Verwundeten scharrte. Eine klotzige Masse von Stoffetzen, Fleischklumpen, Blutkrusten und Mörtelstaub waren diese Beine. An wenigen Stellen quoll in dünnen Fäden noch hellrotes Blut. Mit beiden Armen faßte er den Italiener um den Oberkörper. Die Lippen des Ohnmächtigen ließen ein helleres Pfeifen hören, der Kopf fiel ihm zurück, und die beiden augenweißen Streifen blickten ohne Zwinkern in die grelle Mittagssonne. Schwankend und stolpernd stieg Karl mit seiner Last über die Trümmerhaufen, die zerschossenen Beine schleiften über das spitze Geröll und zeichneten feinlinige Blutspuren. Im Schatten einer Mauer bettete er den todwunden Feind, so gut es ging. In Reichweite riß er aus einer dunklen Klunse ein paar schattenkühle Blätter einer Pflanze und legte sie dem Verwundeten auf die Lippen. Das Pfeifen hörte auf, der Atem ging kühler in die Lungen. Mit einem trüben und starren Blick sah der Verwundete ihn an.

Ratlos überlegte Karl. Der Mann mußte zu einem Verbandsplatz, sonst schien ihm die Abendsonne nicht mehr unter die Lider. Wie daheim im Geschäft, wenn ihm ein Sack zu schwer zu tragen war, irrten seine Augen nach einem Beförderungsmittel umher. Vielleicht war es dieser Instinkt, der ihn nach kurzem Umherstreifen im zerschossenen Dorf unter den Planken einer eingebrochenen Scheune ein kleines Rad finden ließ. Er wußte sofort, daß dieses Rad zu einer Schubkarre gehören mußte, und nach mühseliger Arbeit fuhr er glücklich lächelnd mit seinem Vehikel bei dem verwundeten Feind vor. Als Karl dem Italiener mit dem Mantel eine bessere Liegestatt auf der Schubkarre bereitet und ihn mit vieler Mühe darauf gebettet hatte, streuten wieder einige Schrapnells über die Ruinen hin.

Ein qualvoller Gang begann für Karl. Keuchend schob er seine Last auf der Karre durch das Trümmerdorf. Oft war ein kurzes Stück, wo früher die Straßen des Ortes liefen, ganz gut zu nehmen; dann sperrten Barrikaden aus Schutt und Steinen und Holz den Weiterweg, und er mußte Hindernisse zur Seite räumen oder mit Anlauf darüber hinweg kommen. Der Schweiß rann ihm am ganzen Körper hinunter. Die krepierenden Schrapnells bekamen wieder einen trommelnden Rhythmus. Dazwischen wühlten wieder und immer mehr Granaten unsinnig Dreck und Staub auf. Besorgten Blicks musterte Karl seine Fracht. Der Verwundete hatte die Augen geschlossen, der Kopf hing ihm die Karre hinunter und schlug auf das Rad auf, wenn er mit Schwung durch ein Granatloch fuhr. Immer dichter wurde das Artilleriefeuer; immer mehr sperrte Qualm und Staub Sicht und Weg, immer sengender brannte die Sonne auf Stahlhelm und Rücken.

Kraaach! Wie von einem furchtbaren Faustschlag gehoben, flog Karl über die Karre in weitem Bogen in den Schutt. Wenige Schritte neben ihnen war eine Granate in einer Hauswand geborsten und hatte Frachtmann und Fracht mit einem Hagel von Steinen übergossen. Mit einem Satz war Karl wieder bei der Schubkarre. Krampfhaft umspannten seine Fäuste die beiden Stangen. Keuchend trabte er, seine Karre schiebend, durch das Gewirr der Ruinen, die unter dem Einschlag der Geschosse lebendig wurden. Bis er zwischen einer Hausmauer und einem zerfetzten Zaun freies Feld sah und einen schmalen Feldweg, der sich durch die Hügel wand. Noch einige hundert Meter rannte Karl mit seiner Karre, dann verließen ihn langsam die Kräfte und er fiel in Schritt.

Wankend schob er weiter, mit verquollenem Blick sah er hinter einem Erdwall Menschen sich rühren, Gewehre blinken und Stahlhelme, hörte undeutliches Rufen und Schreien. Wenige Schritte noch trieb er mit gesenktem Kopf die Karre vor; dann öffneten sich seine Fäuste, er brach in die Knie und fiel seitlich über die Stangen.

Rufe störten ihn auf, Hände rüttelten an seiner Schulter. Karl hob den bleischweren Kopf, der Stahlhelm rollte ihm über den Rücken zu Boden. Entsetzt riß er die Augen auf und sprang auf die Füße: ein Haufe italienischer Soldaten umstand ihn und redete lachend und gestikulierend auf ihn ein. Mit einer halben Bewegung griff er an seinen Kopf, auf dem kein Stahlhelm mehr war, dann machte er einige torkelnde Sprünge und versuchte den Feldweg entlang zu laufen. Er kam nicht weit. Lachend und redend nahmen die Italiener den Widerstrebenden in die Mitte, andere schoben die Schubkarre mit dem Schwerverletzten hinterdrein.

Bald darauf stand er in einem Unterstand italienischen Offizieren gegenüber. Die Soldaten, die ihn hergebracht, hatten sich alle in den Raum hineingezwängt. Immer mehr Offiziere kamen. Alle redeten durcheinander auf Karl ein. Man reichte ihm zu essen und zu trinken; von allen Seiten schoben sich Hände mit Zigaretten ihm zu und stopften sie ihm in die Taschen. Ein Hauptmann reichte ihm ein Glas Wermut und klopfte ihm auf die Schulter. Dann hielt der Hauptmann eine Rede, bei der er mit ausgestrecktem Arm auf Karl deutete. Schließlich brach ein wildes Evviva-Geschrei los. Ueberall sah Karl freundliche Gesichter, als man ihn von einem zum anderen Kommando schleppte. Endlich fand sich bei einer höheren Stelle ein Dolmetsch, und Karl wurde über seine Tat befragt. Ruhig erzählte er sein Erlebnis und vergaß nicht zu betonen, daß er durchaus gegen seinen Willen in die feindlichen Linien eingelaufen sei.

Dann bekam er ein Schriftstück und wurde in ein Gefangenenlager nach Mittelitalien abgeschoben. Wo immer er vorgeführt wurde und seinen Begleitbrief zeigte, empfing man ihn freundlich und sagte: Bravo, bravo!

Gunther Langes, Bolzano.

Seuchenspital

Im Kriegsjahr 1917/18 arbeitete ich als Schwester im Seuchenlazarett »Haus Schüller« in Ploesti (Rumänien). Groß war die Gefahr, die uns umgab, denn wir pflegten Ruhr, Typhus, Flecktyphus, Malaria, Schwarze Pocken. Das Lazarett barg 250 bis 300 Kranke; nur deutsche Soldaten, an denen nur vier Schwestern, fünf Sanitäter und rumänische Gefangene, die uns zu Hilfe gegeben waren, arbeiteten. Es wäre uns Deutschen nicht möglich gewesen, die Arbeit an so vielen Schwerkranken zu leisten, wenn wir nicht die Hilfe der Gefangenen gehabt hätten. Die gröbsten und gefährlichsten Arbeiten der Seuchenpflege wurden von ihnen mit ausgeführt: das Reinigen der Schwerkranken und der Betten. Treu und gewissenhaft erfüllten sie ihre Pflicht. Obwohl sie schlechtere Verpflegung, die sogenannte Gefangenenkost bekamen, murrten sie nie und freuten sich mit uns, wenn die Kranken gesund wurden. Und auch an denen, die ihre Augen schlossen, halfen sie mit, Liebe erweisen. Ich denke an den Weihnachtsabend 1917. Der Gefangene, der meiner Seuchenstation zu Hilfe gegeben war, brachte Tannengrün. Ich formte in meiner Freizeit aus weißem Seidenpapier Christrosen und band aus Tannengrün und Christrosen Weihnachtszweige. Als der Heilige Abend kam, da half mir der Rumäne, die Zweige zum Soldatenfriedhof tragen, und gemeinsam legten wir die Zweige auf die mit Schnee bedeckten Gräber der deutschen Soldaten.

Schwester Margarete Paech, Berlin-Mariendorf.

Will you water?

Das Gefecht war zu Ende. Der Tag ging zur Neige und die Verwundeten suchten sich in Sicherheit zu bringen. Hinter einer Hecke am Eingang eines kleinen Bauernhauses lag der schwerverwundete Kriegsfreiwillige Lange. Ein querschlagendes Infanteriegeschoß hatte ihm das linke Bein bewegungsunfähig gemacht. Uebermäßige Schmerzen hatte ihm der Schuß nicht bereitet und dadurch war es ihm möglich, sich ziemlich ruhig hinter der Hecke zu verhalten. Schon seit dem frühen Nachmittag lag Lange in dieser Situation. Beim Anbruch der Nacht hielts Lange aber nicht mehr länger hinter der Hecke aus. Er machte nun wieder den Versuch, sich noch mal auf die eigenen Beine zu stellen. Bei diesem Versuch spürte er aber sehr bald, daß sein linkes Bein einfach nicht mehr in die alte Bewegung hinein wollte ? der Hauptnerv schien gelähmt. Bei dieser Entdeckung übermannte den Lange eine gewisse Wut, die ihn gleich zu einer Schimpfkanonade auf die Tommys veranlaßte. Ein deutscher Kamerad kam und bot sich Lange als Stütze an und führte ihn gleich in das Haus, um dort beim Schein einer Kerze zu sehen, was Lange eigentlich für eine Verwundung hatte.

In der Küche des Hauses anlangend, gewahrte Lange, daß eine Anzahl Engländer in dem Hause war, welche bei dem Gefecht im Keller mit ihren Verwundeten Deckung gesucht hatte. Beim Anblick dieser Leute geriet Lange wieder in einen neuen Wutanfall gegen die Engländer und hätte sich darin, wenn ers nur noch gekonnt hätte, auf den ersten besten Engländer gestürzt, um ihn zu erwürgen. Die Hilflosigkeit aber zwang den Lange dazu, sich in seine Lage zu schicken.

Ein englischer Sanitätsmann trat, trotz des Fluchens von Lange, zu ihm hin und frug ihn auf englisch: » Will you water?« Den Sinn der Worte hatte Lange gleich kapiert, aber trotzdem sah er den Tommy mißtrauisch an und dachte sich: Lump, du willst mich wohl vergiften! Erst als er sichtlich wahrgenommen hatte, daß der Engländer selbst aus seiner Flasche einen guten Zug gemacht hatte, nahm Lange die Flasche und stillte seinen Verwundetendurst. Und kaum war der Durst gestillt, da zeigte sich auch schon eine andere Art von Mensch in Lange. Es war so, als habe Lange seinen schrecklichen Haß gegen die Tommys auf einmal vergessen.

Der englische Sanitätsmann merkte gleich die Wandlung in Lange. Vertraulich ging er zu ihm hin und bot ihm Keks und Zigaretten an. Nun schaute Lange dem Manne erst richtig in die Augen und gewahrte dabei, daß der Sanitätsmann wirklich nichts weiter wollte, als dem Verwundeten Lange Hilfe bringen. Bei dieser Empfindung fiel der letzte Groll von Lange.

Der englische Sanitäter nahm nun seinen Verbandskasten und machte sich gleich an Langes Wunde. Während sie verbunden wurde, dachte Lange bei sich: Warum führen die Menschen nun eigentlich diesen entsetzlichen Krieg untereinander? Keiner kennt den anderen; keiner hat dem anderen was zu leide getan; und doch geraten sie in diese sinnlose Wut aufeinander, daß einer den andern gleich erwürgen möchte; ja warum nur?

»Kamerad komm!« sagte der englische Sanitätsmann, packte Lange unter den Arm und führte ihn nach der nächsten Verwundeten-Sammelstelle. Indem sich der Kriegsfreiwillige Lange immer mehr seines Menschentums bewußt wurde ? kamen sich die englische und die deutsche Seele immer näher.

Heinrich Lehmann, Arbeiter, Herrensohr/Saar.

Die Operation

Im Juni 1917 lag die 127. Infanterie-Division vor dem Fort Brimont bei Reims. Wir lagen damals nicht in ruhiger Stellung, aber von größeren Offensivkämpfen blieben wir verschont. Der Hauptverbandsplatz der 65. Sanitätskompagnie befand sich in Neufchâtel am Aisne-Kanal. Lazarett, Operationsräume und Unterstände befanden sich in einem Berg, in dem die französische Bevölkerung ursprünglich ihren Wein in Felsenkellern aufbewahrt hatte. Bei unserer Sanitätskompagnie befand sich Stabsarzt v. B. Wenn jemals ein Arzt die Bezeichnung »Wohltäter der Menschheit« verdient hat, so war er es.

Vorne in der Stellung war es eines Nachts sehr unruhig gewesen, die Deutschen hatten überraschend ein Stück des feindlichen Grabens genommen und dabei Gefangene gemacht. Während nun am Morgen die französische Artillerie heftig loslegte, anscheinend um weitere Vorstöße zu verhindern, wurden die Gefangenen abtransportiert. Ein französischer Offizier, der leicht verwundet worden war, wurde zu unserem Verbandsplatz gebracht. Die Verwundeten befanden sich draußen im Freien vor unserem Felsenkeller, als eine französische Granate am Bergabhang einschlug und den verwundeten französischen Offizier nochmals verwundete. Diesmal wurde ihm ein Bein zerschmettert. Schnell schafften wir ihn in den Operationsraum, und da der Tisch grade frei war, wurde er sofort in Behandlung genommen. Das Bein mußte ihm abgenommen werden. Stabsarzt v. B. glaubte jedoch, daß er den Verwundeten trotz dem hohen Blutverlust am Leben erhalten würde. Als die Amputation vorüber war und Herr v. B. dabei war, die Wunde zu vernähen, rasselte das Telephon. Ich hatte den Telephondienst zu versehen und meldete mich.

Der Anruf kam von Divisionsstabsquartier. Man wünsche den diensttuenden Stabsarzt. Ich sagte dies Herrn v. B. und erhielt von ihm zur Antwort, der Division mitzuteilen, daß er im Augenblick unmöglich abkommen könne, da er bei einer wichtigen Operation sei. Ich führte die Bestellung aus, worauf sich etwa folgendes Gespräch entwickelte:

Der Divisions-Stabsoffizier: »Fragen Sie den Herrn Stabsarzt, wann heute der gefangene Offizier von uns vernommen werden kann.«

Stabsarzt v. B. (zu mir): »Sagen Sie, daß eine Vernehmung des Gefangenen heute nicht stattfinden könne, da er im Augenblick eine schwere Operation hinter sich hat und es noch zweifelhaft ist, ob er durchkommt.«

Der Divisions-Stabsoffizier (zu mir am Telephon): »Wir können mit der Vernehmung auf keinen Fall bis morgen warten. Bestellen Sie dem Herrn Stabsarzt, daß die Vernehmung auf Befehl s. Exz. des Herrn Generals heute abend noch stattfinden muß.«

Wieder gab ich diese Erklärung weiter und wieder mußte ich antworten, daß Herr v. B. die Vernehmung auf keinen Fall zulassen würde. Damit war zunächst der Zwischenfall erledigt.

Nach wenigen Minuten rasselte wieder das Telephon. Als ich mich meldete, hörte ich, daß der General selbst am Apparat war und den Herrn Stabsarzt zu sprechen verlangte. Aergerlich übergab Herr v. B. die Nadel einem Assistenzarzt, zog die Gummihandschuhe aus und ging zum Telephon. Und hier gab er in sehr energischem Ton die Erklärung ab, daß er als Arzt eine Vernehmung des Gefangenen am gleichen Tage auf keinen Fall zulassen könne, da die mit einem Verhör verbundene Erregung bei dem stark ausgebluteten Offizier eine tödliche Wirkung haben würde. Das Gespräch dauerte ziemlich lange, aber Herr v. B. ließ nicht von seinem Standpunkt ab.

Am nächsten Tage wurde der Gefangene abtransportiert, ohne jede Vernehmung, die ihn zu Tode geschwächt hätte. Unserem Stabsarzt verdankte er sein Leben.

Hanns Gelsam, Redakteur, Wipperfürth, Rhl.

Gefangenschaft

Wie man Gefangene macht

Am 27. September 1915, nachmittags ein Uhr, griff meine Kompagnie 10/254 die etwas höher gelegene russische Postierung bei Shuprany hinter Wilna an. Bei geringer Artillerie-Vorbereitung gingen wir vor und kamen etwa 200 Meter an die Russen heran. Auf einmal erhielten wir ein so mörderisches Feuer, daß mancher Kamerad in das Gras beißen mußte, und ich war sozusagen der erste, der einen Bruststeckschuß erhielt. Während des feindlichen Artillerie- und Maschinengewehr-Feuers wurde ich von dem heldenmütigen Sanitäter meiner Kompagnie verbunden, der Name ist mir aus dem Gedächtnis entschwunden, von Beruf glaube ich, Friseur. Nach einiger Zeit kam ich wieder zur Besinnung und sah, wie vier russische Soldaten auf mich zukamen. Von deutschen Soldaten sah ich nichts mehr. Nur ab und zu krepierte noch eine Granate in dem nassen Wiesengelände. In dem Moment wußte ich aber nicht: bin ich in Gefangenschaft oder nicht?

Ein deutschsprechender Russe gab mir sofort zu verstehen, daß nicht ich sein Gefangener wäre, sondern ? das Gegenteil wäre der Fall! Verkehrte Welt! Mein Dolmetsch befahl nun den anderen Russen, mich in die Zeltbahn zu legen, und nun schleppten diese vier Russen ihren »Besieger« im strömenden Regen nach einem Verbandsplatz von einer ganz anderen Division. Auf dem ganzen Weg ist uns kein deutscher Soldat begegnet, und ich war daher froh, daß mich diese braven Ruski mit aller Sorgfalt glücklich durchbrachten.

Vor lauter Freude, daß ich nach einem Verbandsplatz kam, wollte ich aus Dankbarkeit dem deutschsprechenden Russen etwas geben, aber leider hatte ich keinen Zucker, weder Brot noch Zigaretten in meiner Tasche, bzw. Brotbeutel. Daraufhin gab mir der gefangene Russe eine Zigarette und einen Knopf von seinem Uniformrock, den ich heute noch in meinem Besitz habe als Andenken.

Philipp Stroh, Architekt, Sprendlingen.

Passion

Mit einer Marschkompagnie des Infanterie-Regiments 92 von K. auf den italienischen Kriegsschauplatz transportiert, wurden wir Anfang Jänner 1918 dem Infanterieregiment 100 in Ceggia zugeteilt. In der Offensive vom 15. Juni 1918 war unser Regiment als Reserve bestimmt, wurde aber schon am 16. Juni eingesetzt. Am 18. Juni nachmittags mit einem Polen als Telephonpatrouille zur Leitungssuche ausgeschickt, ging derselbe trotz meiner Vorhaltungen rechts und ich nach links, plötzlich knallte es mir um die Ohren, eine Kugel streifte meinen Stahlhelm am Kopfe, ich renne schnell zu einem Gebüsch, schmeiß mich nieder ? und wie aus der Erde gewachsen, stehen drei Italiener vor mir. Ein schneller Blick in die Runde ? von allen Seiten kamen sie. Das Spiel war aus; gefangen.

Nach mehrstündigem, bis in die Nacht dauerndem Marsch, endlich Halt. Wo wir standen, fielen wir um, nur schlafen, schlafen. Im Morgengrauen des 19. Juni weiter nach Capello bei Treviso. Dort erhielten wir die erste Menage: Fischkonserven, fünf Mann ein Brot und einen viertel Liter Wasser! Am 21. Juni abends wurden wir mehrere tausend Mann Gefangene mit der Bahn nach Ferrara ins Zeltlager abgeschoben. Bei Tag furchtbar heiß, in der Nacht kalt und neblig, sumpfige Gegend, und der Durst. Um dem abzuhelfen, folgten wir nach langem Zögern dem Beispiel anderer, gruben mit unseren Eßlöffeln und den Zeltpflöcken ein Meter tiefes Loch in die Erde, und dieses Grundwasser tranken wir dann. Die Folgen: Durchfall und zum Schluß die Ruhr. 25. August mit der Bahn von Ferrara nach Mantua. Sieben Uhr abends von dort 16 Kilometer Marsch, am Wege zusammengebrochen, aufs Lastauto verladen, im Lager wieder isoliert. 28. August erst zur Visite, italienischer Arzt, sehr human, verordnet Spitalspflege. Am 31. August erschöpft und ganz heruntergekommen, sollte ich den vier Stunden weiten Weg zu Fuß machen. Mein Begleitmann, ein italienischer Zugsführer, erbarmte sich, zwang einen Bauern mit seinem zweirädrigen Karren und vorgespannten Muli, Halt zu machen, uns mitzunehmen, und so kam ich, obwohl gerädert und geschunden, doch leichter ins Spital nach Mantua.

Unter lauter Italienern untergebracht, gut behandelt, gutes Essen, einen viertel Liter Wein täglich, am vierten Tage, unter gefangenen Oesterreichern der einzige Deutsche, kam ein verwundeter Italiener ins Zimmer und frug nach Deutschen. Ich konnte kaum gehen, doch Pietro, mein neuer Freund, sprach: Komm mit in den Hof in die Sonne, das ist besser als im Bett liegen. Es ging mir jetzt gut; er war besorgt um mich. Von ihm erfuhr ich auch, daß die Offensive nutzlos war und die Oesterreicher wieder über die Piave zurückgehen mußten. Bei der Visite am 7. September wurde ich mit einem slovenischen Zugsführer, ebensolchem Korporal und einem kroatischen Serben, der sich immer als Jugoslaven bezeichnete, für ein Rekonvaleszentenheim bestimmt.

Pietro, der sich lange Jahre in Deutschland und Oesterreich aufgehalten hatte, gab mir beim herzlichen Abschied drei Lire und die besten Wünsche auf den Weg. Diesen Mann werde ich nie vergessen. Am 8. September fuhren wir vier mit zwei Begleitmann nach Vigasto. Im Waggon von italienischen Soldaten verlacht und verspottet, nahm sich unser ein Feldwebel an, gebot Ruhe, unterhielt sich mit uns, so gut es ging, da wir außer dem Jugoslawen, der schon länger gefangen war, nicht viel italienisch konnten. Auch die anderen wurden neugierig, und zum Schluß, als wir aussteigen mußten, hatte jeder von uns Vieren in seinem Brotsack außer Obst und Brot noch andere Kleinigkeiten.

Am Bahnhof in Vigasto erlebten wir aber erst das Beschämendste. Aus entgegengesetzter Richtung kam ein Zug voll amerikanischer Soldaten, junge, starke Leute; die stürzten wie die Wilden auf uns zu, brüllten vor Lachen über die ausgehungerten, heruntergekommenen Oesterreicher, daß wir vor Zorn und Wut uns ein paar Handgranaten wünschten. Die zwei Italiener waren machtlos. Zur rechten Zeit ein scharfes Kommando, die Amerikaner machten Kehrt, liefen in ihre Waggons. Vor uns stand ein amerikanischer Offizier, hob die Hand an die Mütze und ehrte durch seinen Gruß die eben verspotteten, kranken, österreichischen Soldaten. Sogar unsere zwei Begleitmänner gaben ihrer Zufriedenheit durch ein »buono, buono« Ausdruck.

Rudolf Paust, Buchbinder, Eger/Böhmen.

Herr Cocula

Nach französischer Gefangenschaft in Afrika kamen wir nach Frankreich. Da sei eines Sergeanten aus Cahors im Departement Lot gedacht, der versuchte, uns unser Los erträglich zu machen. Beim Antreten wollte er stets die Befehle in deutscher Sprache übermitteln, wobei es immer etwas zum Lachen gab. Als ich eines Tages aus dem Prison entlassen wurde, kam er nach dem Wegtreten zu mir und sprach mich vertraulich an, mich mit Vor- und Zunamen anredend. Er sprach mir sein Beileid aus, weil mein Kind in der Heimat gestorben war und sagte mir gleichzeitig, daß ich auf ein Kommando kommen würde, wo ich es besser hätte ... Das erwähnte Kommando führte mich nach P. zu Patron Cocula. Von Beruf ein Koch, lebte er hier mit uns zusammen wie ein Kamerad. Seinen Wein, Tabak und Kaffee teilte er mit uns. Als es eines Tages in Strömen vom Himmel goß, gab er mir sogar seinen Mantel. Herr Cocula drehte mit mir Zigaretten und machte mir ein kleines Zimmer mit einem Bett zurecht. Abends nach der Arbeit und einem guten Essen, das für einen Gefangenen verboten war, saßen wir am Kamin, und ich mußte von Deutschland erzählen. Am Schluß der Unterhaltung meinte Herr Cocula immer, wie es nur möglich wäre, daß dieses Deutschland der halben Welt Widerstand leisten könne. Eines Sonntags fuhren wir mit Wagen und Pferd nach G., um die anderen Kameraden zu holen. Unterwegs pfiff Herr Cocula Opern von Gounod und Verdi. Herr Cocula liebte die Kunst und Musik und er freute sich dann immer, wenn ich die Stücke kannte. In G. nahm er uns alle mit zum Friseur und ließ uns frisieren. Am selben Tage sollten wir dann noch photographiert werden. Dies konnte ich jedoch leider nicht mehr erleben, denn an diesem Tage wurde ich von einem Korporal abgelöst ... Ein rührender Abschied. Herr Cocula protestierte dagegen, aber es half nichts, ich mußte meine Sachen packen. Die Frau Cocula erbat sich von mir noch als Souvenir eine Federzeichnung von Max Klinger ... Am Nachmittag schon saß ich im Coupé. Und von dem Herrn und der Dame, die mir gegenüber saßen, hörte ich schon wieder das übliche: » Voilà des Boches«.

Karl Schmidt, Gepäckträger, Frankfurt a. M.

Rettung aus Flammentod

Es war im Frühjahr des Schicksalsjahres 1918 während meiner Gefangenschaft in England, zur Zeit des schärfsten U-Bootkrieges. Drei endlos lange Jahre waren bereits hinter dem Stacheldraht dahingeschlichen. Ich hatte einen strengen schottischen Winter hinter mir und wurde mit einigen Kameraden nach Richmond, einem romantischen Städtchen der Grafschaft Yorkshire in Mittel-England verbracht. Ganz in der Nähe befand sich ein großes Truppenlager und anschließend daran ein neu angelegter Militär-Flugplatz. Wir waren nach hier als Rohrleger angefordert und kamen just von Edinburg, wo wir als Schneeschipper den Winter verbracht hatten.

An einem der ersten Frühlingstage, es war Ende März 1918, surrten englische Militärflugzeuge dicht über unseren Köpfen hinweg und manövrierten sehr lebhaft. Plötzlich werden wir infolge eines starken Geräusches ganz in der Nähe von der Arbeit abgelenkt. In zirka 150 Meter Entfernung sehen wir durch den dünnen Nebel ein Flugzeug brennend abstürzen. Wir eilen als erste zur Unglücksstelle, da die Tommies in den Flugzeughallen beschäftigt sind, die 500 Meter entfernt im Nebel liegen.

Mein treuer Freund, Gefreiter Dingeldey, ein Thüringer, springt als erster mit Todesverachtung in die Flammen. Unter Einsetzung seines Lebens gelingt es ihm mit unserer Hilfe, einen der beiden Offiziere, welche festgeschnallt waren, noch lebend aus den Flammen herauszuziehen. Der andere Offizier war bei der starken Hitzeentwicklung verbrannt und konnte nicht mehr lebend geborgen werden. Dingeldey trug wie durch ein Wunder nur Brandwunden leichterer Natur davon.

Schon am nächsten Tage bringen englische Zeitungen das Bild des deutschen Soldaten unter eingehender Würdigung und Beschreibung seiner hochherzigen Tat. Danach erschien unser Kommandant, ein alter schottischer Oberst, mit seinem Stabe und übermittelte uns beim Appell »im Namen Seiner Majestät Regierung« aufrichtige Bewunderung und Dank für unsere Tat und im besonderen derjenigen des deutschen Soldaten Dingeldey. Er überreichte sodann im Auftrage des Königs eine namhafte Pfundnote und dem eigentlichen Lebensretter des Fliegeroffiziers, meinem Freunde Dingeldey, eine goldene Taschenuhr zum Geschenk.

Adam Jost, Sossenheim.

Die Erschießung

Im November 1919 machte ich aus der französischen Kriegsgefangenen-Kompagnie Nr. 414, welche bei dem Dorfe Bailleul lag, einen Fluchtversuch. Obwohl ich in einer Nacht über sechzig Kilometer Schienenweg zurücklegte, wurde ich am zweiten Abend in Roulers in Belgien unglücklicherweise wieder geschnappt. Nach vier Wochen Festung in Lille gabs Versetzung in die für Ausreißer gegründeten Strafkompagnien. Bei dieser Truppe soll es besonders streng, hart und ungerecht zugegangen sein. Eines Tages wurde ich mit noch drei Mann zur Strafkompagnie der Festung Lille in Marsch gesetzt. Hier angekommen, wurden wir von einem Adjutanten, einem großen kräftigen Franzosen in Empfang genommen.

Er fragte, ob einer von uns französisch spreche; ich meldete mich und sagte, ein wenig könne ich französisch. Wir mußten uns auf einen Haufen Holz setzen, dann gab er uns Tabak zum Zigarettendrehen, und ich mußte ihm erzählen, wie weit ich gekommen sei und wie man mich wieder erwischt hätte. Als er nun wußte, wie uns das Unglück mitgespielt hatte, ließ er uns von den Küchenleuten gutes Essen und Tee geben und sagte: wir solltens bei ihm nicht schlecht haben, denn jeder gute Soldat müßte versuchen, die Freiheit zu erlangen; das andere seien keine Soldaten, sondern Weiber. Einen solchen Ton hatte ich nicht erwartet. Ich frug ihn, ob es hier bei der Strafkompagnie sehr streng zuging, da wir gehört hätten, Mißhandlungen der Gefangenen seien üblich. Da erzählte er mir, daß er im Chinafeldzug von seiner französischen Truppe versprengt worden sei und er mit den deutschen Soldaten den Sturm auf Peking mitgemacht habe, worauf er sehr stolz sei, denn die Deutschen seien aufrecht zum Sturm vorgegangen, dagegen die anderen in gebückter Haltung. Außerdem habe er es sehr gut gehabt bei den Deutschen; es hätte ihm leid getan, als dann die einzelnen Nationen die Versprengten ausgetauscht hätten. Und weil wir Ausreißer-Soldaten seien, sollten wir es gut haben.

Unsere Arbeit bestand nun in Aufräumungsarbeiten in einem mehrere Kilometer von unserem Lager entfernt gelegenen Dorfe und wurde mit ein Franc pro Tag bezahlt, gegen zwanzig Centimes bei den anderen Kompagnien. Im Monat Januar regnete es Tag für Tag, und da war es begreiflicherweise nicht angenehm, den weiten Weg morgens und abends zu machen und im Dreck zu arbeiten. Eines Morgens nach einer besonders stürmischen und regnerischen Nacht wollte kein Kriegsgefangener zur Arbeit gehen. Von 450 Mann meldeten sich ungefähr 200 krank, die anderen hatten schlechte Schuhe, Hosen, Röcke und Mäntel. Die französischen Posten mußten alle entbehrlichen Kleidungsstücke herbeischaffen, und so gelang es, eine Abteilung von zwanzig Mann in Marsch zu setzen. Die andern ließ der Adjutant antreten und hielt uns eine große Rede, worin er uns bat, doch zum Teil arbeiten zu gehen. Aber das nutzte nichts.

Da ließ er zwei Maschinengewehre auffahren und sagte, er lasse uns wegen Arbeitsverweigerung erschießen. Dann gab er den Posten Befehl zu laden. Uns sagte er, wenn er auf drei zähle und es melde sich niemand, lasse er feuern.

Man mache sich ein Bild: über 200 Mann in Viererreihen, davor zwei Maschinengewehre und der Adjutant. Er zählte auf eins, dann zwei ? dann schreitet er mit dem Dolmetscher die Front ab und fragt: »Wollen Sie arbeiten?« Aber überall hört er ein Non oder er sieht ein Achselzucken. Dieses Manöver wiederholt sich dreimal. Beim vierten Mal bleibt er vor zwei jungen Soldaten stehen, zwei kräftigen Leuten mit an der Brust herumgeschlagenen Hemden und Röcken wie bei unseren Matrosen. Diese beiden schnappt er als Sündenböcke und sperrt sie ein. Uns aber läßt er alle auf dem Hof stehen und rennt in seine Baracke.

Nach etwa zwei Stunden kommt ein Sergeant und läßt wegtreten. Am Nachmittag gibt es Kleider und Schuhe, auch ein Arzt kommt zur Untersuchung. Der Adjutant holt seine beiden Gefangenen aus dem Arrest, und andern Tags bei besserem Wetter gehen viele wieder arbeiten.

Hans Altensen, Kaufmann, Gießen.

Ein Kater ist kein Tiger

Als wir nach jahrelangen Kämpfen verwundet oder krank aus Deutsch-Ostafrika ins Gefangenenlager Madi-Tura nach Aegypten kamen, dachten wir, uns von den furchtbaren Strapazen und Entbehrungen des afrikanischen Feldzuges ausruhen zu können. Dem war leider nicht so. Wer nicht das Glück hatte, es bis zur hohen Charge eines Unteroffiziers gebracht zu haben, der mußte täglich von sechs bis zwölf und zwei bis sechs Uhr Sand fahren, Backsteine anfertigen und zur Baustelle schleppen, Säcke flicken und so weiter. Der englische Lagerkommandant, Major Kater, war von uns gefürchtet ob seiner Strenge; wer vom englischen Sergeanten gemeldet wurde, flog in Arrest. Unsere chargierten Kameraden hatten natürlich Mitleid mit uns geplagten Landsturmleuten und sprangen oft für uns beim Arbeiten ein, nur durfte es nicht gemerkt werden.

Mein jüngerer Bruder Alfred war mit mir im gleichen Gefangenenlager, jedoch war er Sergeant, brauchte also nicht zu arbeiten. Eines Tages sprang er für mich beim Sandfahren ein, und ich legte mich an seiner Statt zum Nichtstun hin. Ich träumte gerade von der fernen Heimat, als mich jemand wachrüttelt. O weh, der englische Sergeant stand vor mir. » Whats the matter with you?« Was ist mit dir los? haucht er mich an. Ich fühle mich nicht wohl. Inzwischen eilt der deutsche Lagerfeldwebel Pechler herbei, mit dem mich treue Kameradschaft durch viele gemeinsame Kriegserlebnisse verbindet. Da er weiß, daß ich leicht erregbar bin, legt er den Finger auf den Mund, um mir zu bedeuten, daß ich ruhig sein soll. Als jedoch der englische Sergeant befiehlt: Auf, los zur Arbeit! schreie ich schon vor Wut: Mein Schubkarren arbeitet, mein Bruder schiebt ihn für mich, und dem Dreck ist es ja egal, ob er von Alfred oder Theodor Freudenberger gefahren wird ... Ich habe also auf englisch »deutsch« mit ihm gesprochen. Ich mußte mit zur Wache, und mein Vergehen wurde dem gefürchteten Major Kater gemeldet.

Nicht umsonst hatte er bei uns den Namen »Tiger«, denn er kannte bisher noch nie Mitleid, und jeder Meldung folgte die Strafe. Um zwölf Uhr sollen wir, mein Bruder und ich, dem Major vorgeführt werden. Solange ? ich wurde um sieben Uhr morgens erwischt ? mußten wir beiden Brüder Sand fahren. Aufregung bei den Chargen und Schadenfreude bei den Arbeitenden. Zwölf Uhr im Büro des Majors. Wir sehen noch einen englischen Dolmetscher, unseren Wachtmeister Pechler und Kriegsfreiwilligen alias Lagerpfarrer de Haas. Ich bemerkte gleich, daß ich keinen Dolmetscher brauche und erzählte den Vorgang, daß mein Bruder, obwohl Sergeant, jünger als ich sei und aus Bruderliebe mich zum ersten Male bei der schweren Arbeit abgelöst habe, dadurch wäre den Engländern kein Schaden entstanden, weil ja die angeforderte Zahl von Arbeitern zur Stelle war.

Major Kater schaut mich an, er schaut meinen Bruder an, er blickt zu de Haas und sagt: »Ich will in diesem Falle von einer Strafe absehn! I am a cat, but no tiger-cat! Ich bin wohl ein Kater aber kein Tiger.« All right ? und draußen waren wir. Es war das erste Mal, daß Major Kater sein wahres Herz gezeigt hatte.

Theodor Freudenberger, Kaufmann, Frankfurt a. M.

Iwan der Gute

Wir hatten auf unserer Domäne in Ostpreußen dreißig russische Kriegsgefangene zur Arbeit. Ruhige, zuverlässige, geschickte Menschen, die wir besonders zur Pflege des Viehs gern anstellten, denn sie waren niemals roh und Tag und Nacht um das Wohl der Tiere besorgt. Wegen eines schlechtgeheilten Armbruchs ging mein Mann erst im November 1917 ins Feld. Fast gleichzeitig unser alter Kutscher. Nach langem Ueberlegen wußte mein Mann keinen zuverlässigeren Menschen als einen der russischen Gefangenen, Iwan, dem er die Pferde anvertrauen konnte und mit dem er mich, die ich damals 22 Jahre alt war, und unsere zwei kleinen Mädchen unbesorgt lange einsame Wege zu Nachbarn oder durch den tiefen Wald zur Stadt fahren lassen konnte.

Mein Mann fiel in Frankreich. Ich blieb allein mit den kleinen Kindern und der großen Wirtschaft. Als ich zum erstenmal nach diesem schrecklichen Ereignis wieder zu Freunden in der Nachbarschaft fuhr, saß ich still und in meinen Schmerz versunken in dem kleinen Wagen neben Iwan, dem Russen. Wir fuhren lange durch tiefverschneiten schweigenden Wald. Und da hörte ich Iwan plötzlich ganz leise und traurig sagen: »Hauptmann kaputt, Hauptmann kaputt« ... Er schüttelte den Kopf, und seine guten blauen Augen standen voll Tränen. Da konnte ich in allem Leid ein wenig froh sein und weinen.

Monate später kamen wir ziemlich spät abends, denn wir waren weit jenseits der Stadt gewesen, nach Hause. Es war schon wieder Winter geworden. Im Walde hörten wir laute Männerstimmen und bald waren wir umringt von etwa vierzig russischen Kriegsgefangenen, die mit kleinen Bündeln und einigen Laternen auf dem Wege waren, nach ihrer Heimat zurückzukehren. Sie waren von einem Nachbargut geflohen. Sie redeten aufgeregt auf Iwan ein. Wir hielten, und Iwan sprach eine Weile mit ihnen, was ich natürlich nicht verstand. Ich war gar nicht ängstlich; erst hinterher wurde mir klar, daß Iwan doch hätte mit ihnen gehen können, daß sie Pferd und Wagen gut hätten brauchen können und daß sie mir auch das Geld, das ich bei mir hatte ? wenn es auch nicht viel war ? hätten fortnehmen können. Nichts geschah. Iwan war der Retter.

Ursula Braune, Hamburg.

Christmas

Es war am Heiligabend 1916 in einem englischen Gefangenenlager in Schottland. Jede Hütte des großen Lagers hatte ihre Weihnachtsfeier nach deutschem Brauch, auch ein Bäumchen fehlte nicht. Die Liebesgabenpakete aus Deutschland waren verteilt, und unser Hüttenältester, ein Unteroffizier Str. hatte jedem Mann unserer Hütte noch eine Extrafreude durch ein Geschenk in Form von Zigaretten gemacht. Nach der kleinen gemeinsamen Feier wurde es für eine Weile still im Raum. Ein jeder saß auf seiner Schlafpritsche und hielt stumme Zwiesprache mit den Angehörigen daheim. Es blieb wohl kein Auge trocken beim Anblick der Photographien, die wohl jeder von uns hatte, sei es von Eltern, Geschwistern, Gatten oder Kindern. Nur ein Laut durchdrang die Stille. Es war das Stapfen des englischen Wachtpostens, der auf seinem Postenstand hin und herstapfte, um in dieser bitterkalten Nacht seine Füße warmzuhalten.

Unsere Hütte lag dicht am Stacheldrahtzaun, der uns von der Umwelt abschloß. In der Hütte wurde es langsam wieder lebendig; jeder suchte den andern wieder aufzuheitern. Unser Unteroffizier machte den Vorschlag, einige Liebesgaben für den frierenden Posten zu spenden, der ja auch ein Mensch sei, was beifällig ausgenommen wurde. Schnell waren eine Anzahl Zigarren, Zigaretten und Schokolade gestiftet.

Wir gingen nun hinaus an den Stacheldraht, wo dann der Unteroffizier den Posten auf englisch anrief. Dieser gab auch Antwort, und erklärte ihm, daß wir in unserer Weihnachtsstimmung auch an ihn gedacht hätten und ihm auch eine kleine Freude machen wollten. Der Kampf mit seinem Pflichtgefühl und Gewissen war bald erledigt; er glaube unser gutgemeintes Anerbieten nicht abweisen zu dürfen. Er stieg von seinem Stand herunter und kam an den Zaun. Es war ein alter Graukopf, ehemaliger Kolonialsoldat und hatte selbst Söhne an der Front. Er dankte gerührt und wünschte uns allen Merry Christmas und baldige Heimkehr.

Bald darauf hört man wieder das Auf und Ab auf dem Postenstand. Jeden Augenblick mußte die Ablösung kommen.

Wilhelm Gauckler, Metalldreher, Frankfurt a. M.

Englische Beförderung

Bei mir in der englischen Gefangenenkomp. 305 befand sich ein Gefreiter Müller. Von seinem Regiment erhielt er in der Gefangenschaft die Mitteilung, daß er zum Unteroffizier befördert worden sei. Durch seine Gefangennahme konnte er jetzt natürlich von seiner Beförderung keinen Gebrauch machen. Jedoch unser deutscher Führer, ein Offiz.-Stellvertreter aus Hamburg, meldete die Angelegenheit dem englischen Hauptmann. Dieser ließ am nächsten Tage die ganze Kompanie antreten, darauf befahl er »Stillgestanden« und sprach die Beförderung in englischer Sprache aus, die dann der deutsche Dolmetscher uns übersetzte. Somit wurde Gefreiter Müller vom Feinde zum Unteroffizier befördert und erhielt auch die Rechte seines Dienstgrades.

Ernst Schiedhering, Wiesbaden.

Das Hemd

Es ereignete sich etwa am 25. September 1914. Ich befand mich als Zivilgefangener im Theater von Chauvay, das von den deutschen Behörden in ein Gefängnis verwandelt worden war. Ich war mit französischen verwundeten und gefangenen Soldaten zusammen. Eines Tages kam eine wackere Hausiererin mit Hemden, Bechern und vielen anderen, für Gefangene interessanten Artikeln und mehrere kauften bei ihr Hemden und Unterhosen. Ein armer verwundeter Franzose hätte zu gern ein Hemd gekauft, aber o weh, er besaß nicht mehr soviel Geld in seiner Brieftasche, um sich einen solchen Luxus erlauben zu können. Voll Kummer sah er sich gezwungen, auf diesen Kauf zu verzichten. Ein paar deutsche Soldaten und ein deutscher Postbeamter standen dabei und beobachteten unsere französischen Verwundeten. Mir scheint, ich sehe diesen Postbeamten noch immer mit seiner blauen preußischen Jacke, mit seinem gesträubten Bart und seiner großen Brille vor mir. Ganz betroffen vom Anblick des traurigen Gesichts, das unser armer Franzose machte, fragte der Postbeamte seine Kameraden, die französisch verstanden, nach dem Zusammenhang. Kaum hatte er verstanden, als er auch schon aus seiner Brieftasche zwei Mark zog, und der Hausiererin gab. Und unser kleiner, französischer, verwundeter Soldat hatte sein warmes Hemd.

Lucien Jacquin, Paris.

Afrika

Es war am Ende des letzten Kriegsjahres; die Südwestafrikanische Schutztruppe hatte schon etliche Jahre in der Wüste Namib in Gefangenschaft gesessen. Ich war mit einigen Kameraden extra in einem kleinen Camp (Gefangenenlager) eingesperrt. Die Tage waren entsetzlich langweilig, zu sehn war weiter nichts als Sand und Himmel, und weit im Hintergründe lagen die Berge. Wer mit den Verhältnissen nicht vertraut war, glaubte, die Berge lägen ganz in der Nähe. Diese Täuschung wurde durch die dünne Luft hervorgerufen.

Durch die Langeweile zur Verzweiflung gebracht, beschlossen fünf Reiter auszurücken. Der Weg durch die Wüste war weit und gefährlich. Nachts um zwölf Uhr sollte der Ausbruch bei Ablösung der Wache vor sich gehen. Die Ausreißer hatten sich die Füße mit Säcken umwickelt, so daß sie die Form eines Elefantenfußes angenommen hatten, damit der Engländer im Sande keine menschlichen Spuren finden konnte. Die Sache klappte; der Stacheldraht wurde zerschnitten, und hinaus gings in die goldene Freiheit. Da ich gerade Koch war, mußte ich die Ausreißer mit den nötigen Lebensmitteln versorgen, vor allen Dingen mit Büchsenmilch, denn die ersten Wasserstellen mußten gemieden werden. Wir brauchten nicht wie im großen Lager jeden Morgen anzutreten und abzuzählen, und das war für die Ausreißer günstig.

Wir paar Leute im schmalen Camp waren dem Gefängnisaufseher unterstellt, der ein Bur mit Namen Pitt war. Pitt kam jeden Morgen ins Lager, machte die Türen unserer selbst gebauten Häuser auf und sah schnell nach; mit einem »Guten Morgen, Landsmann« entfernte sich unser guter Pieter. Wenn er sah, daß seine Schutzbefohlenen noch die Decke über den Kopf gezogen hatten, blieb er still, um uns nicht zu wecken. Hatte Pitt seine Mission beendet, kam er zu mir in die Küche und frühstückte mit mir so reichlich wie möglich.

Damit der Ausbruch nicht so leicht gemerkt wurde, hatte ich in die Betten Holz gelegt, so daß es aussah, wie wenn jemand drin läge. Acht Tage waren vergangen und Pitt hatte immer noch nichts gemerkt. Eines Morgens kam er wieder zum Kaffee in die Küche. Nach einer Weile sagte ich zu Pitt: »Landsmann hast du noch nichts gemerkt?« Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Pitt war einer Ohnmacht nahe und rief in einem hin »Alla Machta« ? Allmächtiger! Unser guter Pitt war vollständig zusammengebrochen und weinte vor sich hin, denn durch diese Sache konnte er seine Charge verlieren und mußte zurück zur Kompagnie. Ich tröstete Pitt so gut es ging und riet ihm, wie er die Sache seinen Vorgesetzten vorbringen sollte. Pitt meldete also: » Heute nacht sind fünf Prisoners of war ausgerissen!«

Sofort erschienen mehrere Patrouillen mit eingeborenen Spahis und suchten die Spur. Zwei Tage ritten die Spahis Bogen, immer größer und größer, konnten aber im Sand nichts finden. Unsere Ausreißer hatten mit ihren Elefantenfüßen und acht Tagen Vorsprung bereits die Berge erreicht. Hinter den Bergen fand dann die Meute endlich eine Spur und damit leider die Ausreißer.

Fast zwei Monate hatten die Verfolger gebraucht. Hunger und Durst hatten die Fliehenden mürbe gemacht, und alle Vorsicht außer acht lassend, waren sie an die besetzte Wasserstelle gegangen, wo man sie dann erwischte. 400 Kilometer teils durch Wüste zu Fuß, teils auf den Puffern der Holzwagen hatten die deutschen Reiter zurückgelegt.

Pitt aber lebte dauernd in Angst vor der Rückkunft der Gefangenen, weil dann der Kommandant den richtigen Tag der Flucht erführe. Endlich kam dieser Tag; müde und abgehetzt kamen die Gefangenen an und wurden sofort eingesperrt. Meine Pflicht war es nun wieder, die Halbverhungerten mit Kost zu versehen. Ich kochte einen Topf steifen Reis, steckte einen Zettel hinein, mit dem Inhalt, was sie vor Gericht aussagten sollten, vor allen Dingen das Datum, das Pitt als den Tag des Ausbruchs angegeben hatte.

Dem Kommandanten kam die Sache kurios vor, da er sich nicht vorstellen konnte, wie die Männer in so kurzer Zeit in die Berge gekommen waren. Aber das Gegenteil konnte er auch nicht beweisen, und so blieb es bei dem angegebenen Datum. Vier Wochen Arrest war die Strafe für den Ausbruch. Pitt behielt seinen Faulenzerposten, um den er ja geweint hatte. Nach der Verhandlung kam Pitt zu mir, schüttelte mir die Hand und sagte: »Germans große Gauner und doch gute Kerl.«

Martin Horn, Polizeioberwachtmeister a. D., Frankfurt a. M.

Der Bundesgenosse

Es war im Mai 1917. Nach einem zehntägigen Aufenthalt in einem sogenannten Hungerlager unweit Arras kamen wir, etwa 120 Kriegsgefangene, in englische Hände, nach Abbeville, eines der größten englischen Truppenlager. Wie beneideten wir die wenigen Glücklichen, die ab und zu auf der Lagerwache arbeiten durften und denen von mitleidigen Tommies ein Stück Brot oder eine Zigarette zugesteckt wurde. Auch erschien uns jede Arbeitsgelegenheit außerhalb des Lagers als ein Abglanz der verlorenen Freiheit. Nur einmal aus dem Stacheldraht; einmal Menschen sehen, die nicht Soldaten waren.

Und da glückte es mir eines Morgens, in einen großen Arbeitstrupp zu kommen, und hinaus gings im Gleichschritt der Stadt zu. Vorne, hinten, links, rechts Tommies mit aufgepflanztem Bajonett. Und nun ? wie herrlich ? Straßen mit Menschen! Neugierig schauen wir umher. Dort an der Ecke ein ganzer Haufen Leute. Wir kommen näher ? und sehen haßerfüllte Gesichter, wutblitzende Augen, geballte Fäuste, Weiber kreischen, Gebärden des Halsabschneidens, ekelhaft. Ein dumpfes Knurren, ein Zähneknirschen geht durch unsere Kolonne, der Gleichschritt wird schwerer, unregelmäßiger.

Da eine Stimme: » Come on, Fritz!« Neben mir marschiert ein großgewachsener englischer Wachmann. Wieder ertönt der Ruf: » Come on, Fritz!« Klingt es nicht wie die Stimme eines Vaters? Alle sehen sich um nach dem Rufer. Sein Gesicht ist voll Freundlichkeit, Ruhe und grenzenlosem Mitleid. Und allmählich strafft sich wieder Gleichschritt und erfüllt die Straßen mit seinem Gedröhn. Eine hohe Haustreppe taucht vor uns auf; auf den Stufen keifende Frauen, halbwüchsige Rangen. Ein ganz Tapferer spuckt vorn in die Kolonne.

Mein Wachmann zur Rechten stößt einen Fluch durch die Zähne. Er holt aus, und mit einem klatschenden Schlag fliegt der Fanatiker in die Kolonne; nach zahlreichen Püffen landet er schließlich bei der Schlußeskorte, die ihn mit einem Fußtritt in die Gosse befördert. Das Gefühl, das uns in diesen Sekunden beseelte, läßt sich nicht beschreiben. Ein Feind hatte die uns angetane Schmach gerächt. Nur ein Kamerad, nur ein echter Frontsoldat, konnte so handeln!

Martin Meurer, Schriftsetzer, Weilburg/L.

Soldaten brauchen nichts zu zahlen

Sommer 1916 im Innern Frankreichs. Die Stimmungsmache hatte ihr Ziel erreicht. Viele Hasser waren von der Gerechtigkeit ihres Hasses überzeugt. Der Haß war zur Massenkrankheit geworden. Auch auf die Beurteilung der deutschen Kriegsgefangenen übertrug sich dieser Haß. Weite Kreise des Militärs und der Zivilbevölkerung hielten die Deutschen insgesamt für minderwertige Menschen und behandelten die Kriegsgefangenen mit grenzenloser Verachtung.

Wir waren damals etwa ein Dutzend »P. G.« ( prisonniers de guerre) auf Landwirtschaftskommando in Montagny bei Roanne. Wir blieben kaserniert in einer aufgehobenen Klosterschule, wo wir auch verpflegt wurden. Zur Arbeit ging man in Gruppen von vier Mann, stets begleitet vom Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr.

Die allgemeine Mißachtung lastete schwer auf unserer Seele. Plötzlich ein erster Lichtstrahl. Der militärische Befehlshaber des Bezirks gestattete für den nächsten Sonntag den Kirchgang für die Kriegsgefangenen. Ein befreiendes Aufatmen ging durch unsere Reihen. Endlich wurden wir wenigstens einmal wieder als Menschen angesehen.

Hatten wir sonst schon alles getan, was in unseren ärmlichen Verhältnissen möglich war, um stets einen sauberen Eindruck zu machen, so strengte sich für diesen Sonntag jeder ganz besonders an, um uns deutsche Soldaten in einem guten Licht zu zeigen; gleichsam als Entgegnung auf die vielen herabsetzenden Aeußerungen, die so oft auf uns eindrangen. Wie wird die verhetzte Bevölkerung unser Erscheinen aufnehmen? Das war die Frage, die uns allen durch den Kopf ging, als wir uns in guter Ordnung auf den Weg zur Kirche machten. Die Antwort sollte uns gleich werden.

In vielen französischen Kirchen gibt es keine Bänke. So war es auch in Montagny Sitte, daß man beim Eintritt in die Kirche Betstühle in Empfang nehmen konnte, wofür eine Gebühr von zwei Sous (damals acht Pfennige) zu entrichten war. Die Abgabe der Stühle war einer alten Frau übertragen. Mit einer selbstverständlichen Gleichberechtigung erhielten wir unsere Stühle wie jeder andere Kirchenbesucher. Und als nun unser deutscher Führer die übliche Gebühr für uns entrichten wollte, da wurde unserer Menschenwürde Gerechtigkeit zuteil durch die rührend-schlichte Antwort dieser alten Frau: Des soldats ne payent rien! ? Soldaten brauchen nichts zu zahlen!

Dir, lieber Leser, mag diese kleine Begebenheit unbedeutend und winzig erscheinen. Uns gedemütigten Gefangenen aber schien die Gerechtigkeit dieser armen alten Franzosenfrau wie eine strahlende Sonne in die Seele.

Gustav Adler, Kaufmann, Freiburg i./Br.

Feiertag und Waffenstillstand

Kurzer Friede

Nach den vorhergegangenen offenen Kämpfen lagen wir schon seit dem 5. Januar 1916 an der Bahnlinie Wilna?Dünaburg in vorderster Linie in Stellung. Jeder einzelne Mann, der sich bei uns sowie auch drüben zeigte, wurde unter Feuer genommen, und auf beiden Seiten gab es Verluste. Unterdessen kam Ostern heran und jeder war froh, als wärmeres Wetter einsetzte. In der Regel dürften sich wohl die Feiertage in vorderster Stellung ? manchmal vom Feinde nur einen Steinwurf entfernt ? gegenüber anderen Tagen durch nichts unterschieden haben. Während es am hellen Tage keiner wagen durfte, sich nur einen Augenblick zu zeigen, hatten wir uns nachts gegenseitig schon einige Zeit »angepflaumt«. Wir ärgerten die Rußkis mit ihren mißlungenen Angriffen, sie nannten uns dafür die »Marmeladendivision«. Sie wußten wahrscheinlich nicht, daß wir außer dieser »Heldenbutter« mit ebensolcher Ausdauer wochenlang Graupen, nichts wie Graupen, manchmal sogar weich gekocht, erhielten. »Graupendivision« hätte bald noch besser für uns gepaßt. In den russischen Gräben schienen mehrere deutschsprechende Russen mit zu liegen, deshalb war eine Verständigung umso eher möglich. Und irgend woher kam es eines nachts. Einer von hüben oder drüben mußte ja damit angefangen haben: daß die bevorstehenden Osterfeiertage auch anders als mit gegenseitigem Totschießen verlebt werden könnten.

Ein sonderbares Angebot, an dessen Zustandekommen anfangs noch niemand so recht glauben wollte. Seit Monaten lagen wir uns in erbitterten offenen Kämpfen gegenüber und jetzt wurde nachts wegen der Feiertage freundschaftlich verhandelt. Und wir wurden uns einig. Als der Ostermorgen anbrach, verstummte so nach und nach die Schießerei, und selbst die Artillerie vergaß ihre furchtbaren Morgengrüße hinüber- und herüberzusenden. Noch traute niemand diesem Frieden; sah es doch, wenn man an die vorhergegangenen Kämpfe dachte, mehr wie eine Falle aus. Aber scheinbar sehnten sich alle nach einigen Stunden vollkommener Ruhe, und als auch weiter alles still blieb, wagten sich doch einige Mutige ? ein sehr gewagtes Spiel ? kurze Zeit über der Brustwehr zu zeigen.

Es standen zwar einige Kameraden zur Sicherung schußbereit in Deckung, aber diese Vorsichtsmaßnahme war nicht nötig gewesen; auch von den Russen stiegen immer mehr über ihren sehr gut angelegten Zwei-Etagengraben. Wir winkten und riefen uns gegenseitig zu, und wenn auch anfangs zögernd, so kamen sich die beiden Feinde doch nach und nach in Freundschaft immer näher. Bald setzte ein gegenseitiger Tauschhandel ein, und durch vieles Mit-den-Händen-reden suchte man sich mit seinem Gegenüber zu verständigen.

Die Russen brachten Brot, Butter, Zucker, auch Wutki ? wir gaben dafür Zigaretten. Unsere Marmelade dagegen stand sehr niedrig im Kurs. Obwohl es nun schon einige Stunden Wirklichkeit war, mutete doch alles ganz sonderbar an. Diese Ruhe, die nie durch einen Schuß zerrissen wurde, war uns geradezu unheimlich. Wir, die wir jetzt mit einander sprachen, lachten und freundschaftlich Waren austauschten, wir hätten uns einige Stunden vorher, wenn sich nur Gelegenheit dazu geboten hätte, kaltblütig erschossen. Wir hatten uns vorher noch nicht gesehn, aber es waren Menschen, die es genau so satt hatten wie wir; sie sehnten sich nach der Heimat und sprachen von baldigem Frieden ? wie wir. Wir waren uns augenblicklich keine Feinde, und vielleicht suchte auch mancher vergebens nach einem Grunde: warum wir uns gegenseitig totschießen wollten und sollten.

Zu Mittag gingen unsere Essenholer nicht wie sonst eine halbe Stunde in engen Verbindungsgräben bis zur Feldküche, sondern zum Teil frei übers Feld in kürzester Strecke. Nachmittags herrschte die Feststimmung weiter an. Nur der sonst übliche »Schießstand« fehlte eben. Es hätte vielleicht nicht mehr lange gedauert, und wir hätten mit unseren Feinden gemauschelt. Ganz konnten wir uns aber auch nicht in die Karten gucken lassen, denn das wußten wir ja auch alle ? daß es so nicht bleiben konnte.

Das merkten wir gar bald. Scheinbar waren unsere Führer mit dem eigenmächtigen Waffenstillstand und der fortschreitenden Verbrüderung nicht ganz zufrieden; und der Herr Feldwebel, vielleicht höheren Orts hergeschickt, wollte aller Herrlichkeit ein Ende bereiten. Wir sollten alle in den Graben zurück und mit dem Zielfernrohrgewehr in der Hand, mit dem sonst die auf den Bäumen versteckt sitzenden Russen heruntergeholt wurden, stand er im Graben, schob das Gewehr durch eine Schießscharte, und legte auf irgend einen an, der sich außerhalb des schützenden Grabens eben mit uns gefreut und unserer Abmachung Glauben geschenkt hatte. Gut Zureden half auch hier wieder einmal und der Friede war wieder gerettet. Dieser Vertrauensbruch hätte sich auch bitter gerächt; Gefangene in späteren Kämpfen hätten es vielleicht büßen müssen.

Dann kam der Abend heran und mit diesem das Ende unserer Freundschaft. Lange noch hörten wir in der stillen Nacht den Gesang russischer Lieder, begleitet von einer Ziehharmonika. Niemand getraute sich, diese Ruhe zu stören, nur ab und zu einmal mahnte eine Leuchtkugel ? das war alles. Obwohl der zweite Feiertag nicht mehr auf dem Programm stand, herrschte Ruhe. Aber dann war Ostern vorbei.

Vielen mag es schwer gefallen sein, sich auf die alte blutige Pflicht zu besinnen. Und ein paar Tage später schossen wir uns gegenseitig die mit soviel Mühe aufgebauten Gräben mit Minen und Granaten wieder zusammen; wir zielten wie vorher auf jeden einzelnen, der etwas unvorsichtig war, oder der es durch die Ostertage erst geworden war und jetzt noch gar nicht einsah, warum es denn wieder anders sein mußte. Mancher Schrei ließ uns nur allzudeutlich unsere Treffer ahnen. Ein Glück möchte man es nennen, daß man wenigstens nicht sah, wen man erschossen hatte. Vielleicht hatten sich unser Schütze und der Getroffene von drüben vor ein paar Tagen noch mit einem Händedruck gesunde Rückkehr in die Heimat gewünscht.

Viele sahen sie nicht mehr. Auch uns brachte noch mancher Tag Verluste. Viele Kameraden blieben für immer hier draußen an der Stelle, an der sie wenigstens einen Tag scheinbaren Frieden miterleben konnten. Wir andern über wollten uns den richtigen Frieden noch erkämpfen. Es war Soldatenpflicht und niemand wollte es ändern; und außerdem ? unsere Heimat verließ sich auf uns.

Alfred Posselt, Buchhalter, Olbersdorf i. Sa.

Feuer

Am Fuße der Côtes des Hures lag ein zusammengeschossenes Dorf unserer Stellung gegenüber. Gar oft stürzten deutsche Granaten zwischen die Mauerreste und Unterstände. Einmal brach nachts in diesem Dorfe Feuer aus. Hell loderten die Flammen zum Himmel, und im Widerschein des Feuers sah man die Franzosen, wie sie versuchten, des Feuers Herr zu werden. Es wäre also eine willkommene Gelegenheit gewesen, hinüber zu funken.

Kurze Zeit darauf fiel in einem Betonblock unserer Stellung ein Schützengrabenofen um; das Feuer breitete sich rasch aus. Unsere Leute hatten Mühe und Not, die Handgranaten und ihre Habseligkeiten aus dem Block herauszuschaffen. Und sie wurden von den Franzosen in ihrem Vorhaben nicht gestört, denn sie erinnerten sich anscheinend an die ihnen gegenüber erwiesene Rücksichtnahme.

Erwin Eberlin, Sekretär, Freiburg i./Br.

Die weiße Fahne

Es war in Ostgalizien, in jenen Patrouillen-Raufereien, die dem Reitergefecht von Kamionka Strumilowa (24. August 1914) vorangingen. Eine Sotnie Kosaken hatte des nachts den Bug durchfurtet, in der Richtung auf Zolkiew, und stieß da auf den Hügeln westlich des Bugs auf österreichische Siebener-Ulanen. Die Ulanen wollten attackieren. Doch die Kosaken hielten nicht stand: sie saßen ab, deckten sich im Gelände und schossen. Worauf den Ulanen, zu ihrem Aerger, nichts übrig blieb als gleichfalls abzusitzen und in die Schwarmlinie zu gehen.

So schlecht nun beide Parteien schossen ? vielmehr eben deswegen ? zog sich die Sache hin; immer länger; es gab bis Mittag etliche Tote und sehr viel Verwundete.

Hinter dem Hügel hatte der österreichische Regimentsarzt den Hilfsplatz etabliert; er und zwei Blessiertenträger arbeiteten; und konnten die Menge der Verwundeten gar nicht bewältigen. Um ein Uhr war ihnen das Verbandszeug ausgegangen. Und nun spielte sich eine kleine Szene ab, die verdient, aufgezeichnet zu werden:

Der Regimentsarzt kam keinen Augenblick in Verlegenheit. Er hieß einen eben erst versorgten verwundeten Ulanen-Unteroffizier aufsitzen, band ihm ein Stück Leinewand ? einen Fußlappen ? als Parlamentärflagge an den Stock und sagte ihm: »Korporal, reiten S da links herum um den Hügel in den Rücken von die Kosaken. Da muß ein russischer Hilfsplatz sein mit einem Arzt. Den Arzt erkennen Sie an der Armbinde, Rotes Kreuz. Reiten S hin zu ihm, salutieren S anständig und melden S: Der Herr Regimentsarzt Perka laßt den Herrn Kollegen schön grüßen, ihm is das Verbandszeug ausgegangen. Der Herr Kollege soll so freundlich sein und soll mir aushelfen.«

Nach einer Viertelstunde kam der Parlamentär zurück mit einem großen Packen Verbandszeug.

Roda Roda, Berlin.

Sie schießen nicht

Die große Offensive an der Somme war im Gange. Am 22. August 1918 hatte der Feind unsere ersten Linien bei Achiet le Petit überrannt und war weit in unsere rückwärtigen Linien eingedrungen. Dauernd befanden sich mehrere feindliche Flugzeuggeschwader mit den englischen Abzeichen in der Luft und flogen in geringen Höhen unter Maschinengewehrfeuer auf unsere einzelnen Nester und besetzten Granatlöcher und Grabenteile der Front entlang. Zeitweise zählten wir mehr als dreißig feindliche Flieger über unseren Köpfen. Trotz des unglaublichen Getöses in der Luft hörten wir plötzlich das dumpfe Gebrumm eines deutschen Flugzeuges und tatsächlich kam ein einziges deutsches Flugzeug im direkten Fluge feindwärts auf unsere Stellungen zu. Man hatte dem Flieger scheinbar den Befehl zur Feststellung, wo sich unsere erste Linie befinde, gegeben; und tapfer führte er diesen Auftrag auch aus, obwohl der Flug einem Selbstmord gleichkam, denn wie die Habichte schossen die feindlichen Jagdgeschwader auf den wehrlosen Infanterieflieger los.

Es war uns sofort klar, daß der Pilot ein verlorener Mann sein mußte, denn viele Hunde sind des Hasen Tod, sagten wir uns; und wir zitterten um den todesmutigen Flugzeugführer. So geschickt er auch seine Kurven zog, die feindlichen Flugzeuge schnitten ihm jeden Rückweg ab und versuchten, ihn hinter die englische Linie zu drücken und dort zum Landen zu zwingen. Immer weiter drückten sie ihn herunter, und als er in einer Höhe von vielleicht fünfzig Metern über unsere Köpfe strich, winkten wir ihm zu. Da zog er plötzlich eine scharfe Rechtskurve; er kam zurück, knapp hinter unsere Linie. Die scharfe Kurve ließ ihn über den rechten Flügel abrutschen, und mit einer wirbelnden Drehung um die rechte Tragfläche, die den Boden zuerst berührte, zersplitterte der Flügel und das Rädergestell ging in Trümmer.

Knapp hundert Meter hinter unseren Linien lag nun das Flugzeug. Die feindlichen Flieger kreisten über dem abgedrückten Feind, kein Schuß fiel aus ihren Maschinengewehren mehr. Kein Schuß fiel überhaupt an dem gesamten Abschnitt; denn Freund und Feind hatten scheinbar mit größter Spannung dem Luftkampfe ihr ganzes Interesse gewidmet.

Unser erster Gedanke war: hin zu dem Flugzeug und den sicher verletzten Führer aus dem Apparat retten. Aber das flache Somme-Gelände bot der auf höchstens 150 Meter entfernt liegenden feindlichen Infanterie freies Schußfeld; und jeder, der sich zum frei liegenden Flugzeug wagen wollte, konnte abgeschossen werden wie ein Hase auf der Treibjagd. Zwei beherzte Unteroffiziere krochen dennoch unter Ausnutzung der geringsten Bodendeckung auf das Flugzeug zu. Sie mußten von der englischen Infanterie sowie von den ihre Kreise ziehenden Fliegern gesehen werden. Doch nichts geschah! Kurz vor dem Flugzeug erhoben sich die beiden und sprangen aufrecht darauf zu. Immer noch fiel kein Schuß, obwohl die gesamte Fläche genau einzusehen war.

Die beiden Unteroffiziere bemühten sich, dadurch sicherer geworden, völlig frei um den Piloten, doch konnten sie zu zweien den Flieger nicht befreien. Sie winkten daraufhin mit den Händen, und weitere drei deutsche Soldaten eilten aufrecht im Laufschritt zur Hilfe. Kein Schuß fiel, alles blieb weiter ruhig. Einer der Soldaten wurde sofort zur ersten Linie wieder zurückgeschickt, um eine Zeltplane zu holen, und doch blieb beim Feinde alles in größter Ruhe!

Endlich sah man, wie die Helfer einen menschlichen Körper aus den Trümmern hoben und in die Zeltplane legten und den befreiten verwundeten Flieger über das freie Gelände nach rückwärts trugen. Der Feind regte sich nicht.

Als aber die drei Soldaten zur Linie zurückgingen und auf halbem Wege plötzlich wieder Kehrt machten und die Richtung wieder auf das Flugzeug einschlugen, weil ihnen wohl eingefallen war, von den Instrumenten aus den Trümmern noch zu retten, was zu retten war, da fielen sofort von der englischen Linie Schüsse und ein Maschinengewehr nahm die Flugzeugtrümmer unter Punktfeuer. Aber auf die drei Helfer schoß kein Engländer; ihr Ziel war das Flugzeug, wohin sie den Weg absperrten, nachdem der Pilot gerettet war. Völlig unversehrt kamen die drei Soldaten wieder zu ihren Granatlöchern zurück.

Wir hatten einen mächtigen Respekt vor diesem erlebten Akt der englischen Ritterlichkeit. Trotzdem unser Flieger der Absicht des Gegners, ihn hinter der feindlichen Linie zum Landen zu zwingen, im letzten Moment noch ein Schnippchen geschlagen und sich damit der Gefangenschaft entzogen hatte, so ehrte der Feind doch sein tapferes Verhalten. Aber im ganzen Verlauf dieses Tages konnte keine Hand aus dem Graben oder den Löchern mehr gehoben werden, ohne daß sofort gezieltes Feuer aus den englischen Linien kam.

Geschehen am 23. oder 24. August 1918 nordwestlich von Bapaume, links der Straße Achiet le grand nach Achtet le Petit, im Abschnitt der 4. bayrischen Infanterie-Division. Unterzeichneter war als Unteroffizier der dritten Maschinengewehr-Kompagnie 5. Inf.-Regt. selbst dabei.

Franz Schmitt, Syndikus, Würzburg.

Der Zettel

Da ich selbst ein Freund der Bücher bin, sende ich Ihnen hier eine kurze Geschichte für das »Buch der guten Werke«, vorausgesetzt, daß sie zu gebrauchen ist. Ich will nur zeigen, daß der Gegner auch anständig handeln konnte.

Wir bezogen im Sommer 1915 Stellung auf dem Sattelkopf im Münstertal (Vogesen). Er war etwas über 700 Meter hoch und noch gut bewaldet, außer der Kuppe, auf der die beiden Stellungen lagen. Hier standen wir einem französischen Alpenjäger-Regiment gegenüber, in einer Entfernung von ungefähr dreißig bis vierzig Meter. Dagegen lag unser Horchposten nur drei Meter dem französischen gegenüber. Besetzt war unser Posten mit zwei Kameraden und abgelöst wurde alle zwei Stunden. Unsere Stellung lag abends um die gleiche Zeit immer unter französischem Minenfeuer, das uns so plötzlich überraschte, daß wir kaum Zeit hatten, Deckung zu suchen; infolgedessen gab es Verletzte. Auch mußte der Graben wieder ausgebaut werden.

Die Franzosen mußten inzwischen erfahren haben, daß andere Truppen die Stellung bezogen hatten, denn am dritten Tag gegen sechs Uhr abends, seit wir in Stellung lagen, warf der französische Horchposten einen Zettel zu uns herüber. Er war französisch geschrieben und enthielt die Mitteilung, daß alle Abend um sieben Uhr unsere Stellung mit Minen beschossen werden sollte. Wir machten unserem Kompagnieführer Meldung von der Sache, der uns auch den Zettel übersetzte. Jetzt waren wir gewarnt und konnten deshalb beizeiten in Deckung gehen, um unnötige Verluste zu vermeiden. Das war auch der Zweck, den der Brief seitens der Alpenjäger verfolgen sollte.

Um sieben Uhr abends setzte das Minenfeuer ein, das zwanzig bis dreißig Minuten später wieder nachließ. Wir, auf diese Art so freundlich gewarnt, waren auch nicht müßig geblieben und dankten den Alpenjägern auf dieselbe Weise wie sie für ihre Warnung. Das Ergebnis war, daß wir uns auf Horchposten mit den Alpenjägern mündlich unterhielten, so weit wir ihre Sprache verstanden. Es war ein schönes Kauderwelsch, das wir herausbrachten. Wir saßen bei Nacht oft beisammen zwischen beiden Horchposten, ohne daß wir gestört wurden. So standen wir drei Wochen lang in Freundschaft mit den Alpenjägern, ohne daß es unsere Vorgesetzten wußten oder erfuhren; wir hatten es nicht gemeldet.

Aber der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Eines Morgens kontrollierte unser Kompagnieführer die Stellung; dabei führte ihn sein Weg auch zu uns in die Sappe, die wir um jene Zeit auf Horchposten waren. Er erwischte uns gerade, als wir uns trennen wollten, es wurde schon grau und sehen sollte uns niemand bei Tag. Wir aber hatten unseren Kompagnieführer nicht gesehen, weil wir ihn im Rücken hatten, wenn nicht ein Alpenjäger plötzlich gerufen hätte: Officier! Er war aber auch gleich verschwunden. Für uns war es zu spät, um verschwinden zu können; es bekam jeder seinen Staucher. Außer mir und Heinrich Hamann aus Lachen bei Neustadt erhielten fünf oder sechs Kameraden ein paar Tage Arrest. Das war bald verschmerzt; die Hauptsache war, daß wir unbelästigt blieben von den französischen Minen, so lange wir noch in Stellung waren. Wir waren damals im 22. bayrischen Reserve-Infanterie-Regiment, 2. Kompagnie.

Karl Kippenberger, Gerüstbauer, Ludwigshafen a. Rh.


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren