Das Buch der guten Werke 1914-1918

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Gute Werke 1914-1918

Die Jahrzahl 1914-1918 ? furchtbarstes Datum neuerer Geschichte! ? macht es uns bitter schwer, an Gute Werke dieser Zeit zu denken. Denn eine ganz andere fatale Art von Werken wurde damals in der Welt getan, vor deren Zahl die guten Werke winzig klein geworden sind. Aber wie nur zehn Gerechte die tausend Verbrechen der Stadt Sodom entsühnen könnten, um durch ihr Beispiel unseren Glauben an das Menschliche im Menschen zu erhalten, so geschahen auch im Weltkrieg ein paar gute Werke als Gegenbeispiel und Ausnahme zur Regel des Krieges. Dieses Buch enthält als Auswahl aus einer vielfachen Fülle einhundertsechsundsechzig Beiträge von Zeitgenossen des großen Krieges, die es für ihren schwer erschütterten Menschenglauben als einen bescheidenen Trost erachten, daß sie während der Jahre der Vernichtung von 1914 bis 1918 einmal ein gutes Werk an sich erleben durften. Es sind Leute aus allen Lagern der Nation, des Standes, der Rasse und Partei, die dieses Trostes bedürftig sind: Kaufleute, Arbeiter, Beamte, Lehrer, Handwerker, Angestellte. Offiziere.

Dieses Buch beweist mit seinen vielen Stimmen, daß ein Mensch inmitten der entsetzlichsten Gefährdung seiner Menschlichkeit, nämlich im Kriege, dennoch die Stimme seines Herzens zu hören vermag in dem Getöse, das alle Ohren des Gefühls betäuben sollte. Und es ist sonderbar und wunderbar, daß diese leise Stimme von innen oft noch vernehmlicher zu unserem Krieger redet als die Todesgefahr, als das lauteste Kommando und die nur harte Pflicht gebietende Uniform. So geschahen denn neben den Taten der soldatischen Pflichterfüllung und gegen alle Kriegsvernunft auch jene regelwidrigen Werke der Aufopferung und der kameradschaftlichen Gesinnung, die nicht nur geschehen sind von Kamerad zu Kamerad der eigenen Nation, sondern von Feind zu Feind. In Etappe, Gefangenschaft und Lazarett, ja selbst im Niemandsland zwischen den blutigen Graben haben die offiziellen Feinde sich plötzlich nicht mehr als Feind erkennen können, sobald sie nicht als namenlose Massen gegen sich anstürmten, sondern auf einmal als mitleidender Einzelmensch dem leidenden Einzelmenschen von der anderen Seite gegenüber standen. Und nichts beleuchtet krasser die seelische Zwiespältigkeit des Kriegers, der den beim Sturmangriff soeben noch mit schwerer Verwundung niedergekämpften Feind einen Augenblick später in die Arme nimmt, labt und die selbstgeschlagenen Wunden verbindet. Im einzelnen Erlebnis wird die krasse Sinnlosigkeit dieser doppelten Moral noch zur viel größeren seelischen Verblüffung als in dem riesigen Kontrast von Kriegs-Maschinerie und Sanitäts-Maschinerie, die beide der gleichen obersten Befehlsgewalt unterstellt sind: die mit der einen Hand mit aller Sorgfalt zu heilen sucht, was die andere Hand soeben noch brutal vernichten wollte. So widersinnig müht sich der moderne Kriegsgott um Tod und Leben. Er ist kein großer Gott mehr, dieser alte Mars, der mit dem roten Kreuz geschmückt auf blutigroten Tod ausgeht. In der Mechanik seiner Massenarbeit kennt er den Feind nicht mehr als Krieger, nur als Zahl. Und vor der Zahl der Massen steht er nun ohne den echten Haß von Feind zu Feind im Zwange seiner Uniform. Und nur die Uniform kennzeichnet ihn dem Gegner als den Feind, den man vernichten soll.

Aber in dieser Uniform stecken zu gleicher Zeit zwei ganz verschiedene Seelen des nämlichen Mannes. Die eine Seele gehört dem Soldaten und untersteht der allgemeinen Pflicht: das Herz wird unempfindlich in der Disziplin, um all das Grauenhafte zu ertragen. Man tötet jenseits seiner anderen Seele. Ein toter Soldat ist eine tote Uniform. Die andere Seele aber bleibt die private des Mannes im Zivilanzug, der außerhalb der zwingenden Regel des Krieges sich vor den eigenen Waffentaten seiner Hand entsetzen würde. Zweierlei Mensch lebt in der Uniform, sofern ihr Träger nicht als soziales Menschgeschöpf entartet ist. Ach so oft nur vergaß der Mann der Uniform den Doppelgänger seiner nackten Seele!

Dieses Buch hat keine Tendenz; denn es gilt nur der Versöhnung. Jede Tendenz erzeugt eine Gegentendenz: neuen Krieg. Dieses Buch ist nicht »gegen«! Dieses Buch ist nur »für«! Und zwar für die Versöhnung jener, die nach diesem Kriege sich immer noch zu nationalem oder politischem Haß, um eben dieses Krieges willen, verpflichtet glauben. Bücher des Friedens, Filme der Abschreckung vom Kriege, treiben gegen ihre tiefere Absicht die feindlichen Gruppen gegeneinander. Dieses Kriegsbuch aber versucht die » positive Methode«,die nicht abschreckt vom Gegner, sondern ihn uns verbindet. Es will den unvermeidlichen Streit der Gesinnungen an jener Stelle überbrücken, wo jeder politische Gegner dem Gegner die Hand reichen darf in jenen Ernstfällen der Menschenprüfung, wo selbst der nationale Feind dem Feinde ? unter weit schlimmerer Bedrängnis ? Gutes tat.

Es sind zum größten Teil nicht unerhörte Heldentaten der Humanität, die hier gesammelt werden konnten. Auch die Liebeswerke der neutralen Länder, des Roten Kreuzes und der Quäker, die während dieser Schreckensjahre die einzige Vermittlung von Feind zu Feind und die Fürsorge für die Notleidenden im Hinterland auf sich nahmen, bleiben hier unerwähnt, weil hier die Tat von Mensch zu Mensch, von Feind zu Feind verzeichnet werden soll. O diese Tat ist oft nur klein und wäre unter friedlichen Verhältnissen nicht mehr als selbstverständlich. Aber es herrschten 1914-1918 die für keine Situation und kein Gefühl mehr selbstverständlichen Verhältnisse des Krieges! In vielen dieser Geschichten ist oft das gute Werk nur eine winzige Kleinigkeit, die aber riesengroß wird in der Seele eines Unglücklichen und wie ein kleiner Stern ihm aus der schwarzen Welt herausleuchtet. Ein paar gute Worte eines Lagerkommandanten empfinden die Gefangenen als größte Wohltat an ihrem verlorenen Selbstgefühl. Doch nur: weil dieses arme kleine Wort des Feindes im Zwang des Kriegs nicht statthaft, ja vielleicht verboten, auf jeden Fall ganz außerordentlich und verblüffend war. Ein paar Zitronen für ein krankes Kind aus einer feindlichen Soldatenhand können für einen Augenblick das Evangelium der Liebe bedeuten. So groß ist der Kontrast der Liebe und des Krieges. Das Unerwartete schafft Wunder. Aus der Wüste quillt ein Quell. Halbwilde Beduinen schenken verschmachtenden Gefangenen in Afrika ein paar Säcke Datteln. Feindliche Flieger werfen einen Kranz über die Linien zur Ehrung des gefallenen Kameraden von drüben. Ein Rabbiner hält dem sterbenden Gegner stundenlang das Kreuz Christi vor die erlöschenden Augen. Württembergische Soldaten stehlen in der Lombardei aus ihrem eigenen Lager Holz für ein altes frierendes Mütterchen. Ein deutscher Major sorgt für Tierschutz im besetzten Belgien. Für einen Schluck aus der Feldflasche küßt ein verwundeter Russe seinem Feind dreimal die Hand und macht ein Kreuz darüber, weil er sie segnen will mit dem heiligsten Zeichen, das er kennt ? so riesengroß und wunderbar erscheint ihm diese kleine, kleine Tat. Denn er ist namenlos verwundert und in seiner primitiven Welt erschüttert, daß der »Unmensch aus höherer Pflicht« ? ganz gegen jeden Sinn des Krieges der Soldaten gegen die Soldaten ? auf einmal ein völlig anderes Gesicht erhält: es ist das Antlitz jenes seelischen Doppelgängers ohne Uniform. Der widersinnige Kontrast von Vernichtung und Rettung wird ihm zum unvergleichlichen Wunder. So mancher Begleitbrief dieser Einsendungen schließt im Bewußtsein seines kleinen Inhalts mit den Worten: »Das war zwar keine Heldentat, aber ...« Und dieses »aber« weist in oft ungelenken Worten hin auf die Unbegreiflichkeit der Güte eines Menschen, der doch töten muß; auf die wunderbare Verwandlung des Menschen aus einem Töter des Lebens in einen Helfer des Lebens. Durch dieses Wunder der Verwandlung wird alle Großheit oder Kleinheit einer guten Tat auf bösem Schauplatz relativ und untersteht einem äußerlich nicht wägbaren Maß der Seele.

Die gute Tat ist nicht allein zu messen nach dem Geber, sondern auch nach der Gesinnung des Empfängers. Denn die empfangene Wohltat war oft unendlich größer als die gegebene Gabe. Und Geben macht oft seliger als nehmen. Die gute Tat hat zwei Hände: die des Empfängers und die des Gebers. Die Hand des Gebers schenkt durchaus nicht immer aus dem Impuls einfachsten Menschgefühls. Wir kennen die Handlungen der soldatischen Ritterlichkeit, das echte Sportsgefühl der Fairneß, das auf Erziehung und Kultur beruht. Es sind Taten einer bewundernswerten Disziplin, vor denen aber die nicht minder »fairen« Taten jener einfachen und namenlosen Muschiks, Landser, Poilus und Tommys, die jener Erziehung zum Gentleman hier nicht bedurften, nur noch erstaunlicher erscheinen. Und es gibt auch Taten der nackten Eitelkeit des Edelmuts ? die aber immer noch weit besser ist als jene Eitelkeit der muskelstarken Brutalität im Sinne der Kaserne, die »die Vernichtung des Feindes um jeden Preis« befahl und sie an armen Kriegsgefangenen übte. Frontkrieger, die der tödlichen Vernichtung nahe waren, verstanden jene Art von Heroismus nicht mehr ? vom echten Major bis zum echten »Mann«. Auf den echten Mann kommt es an! Die Uniform ist eine Haut mit Dienstabzeichen. Darunter steckt der »Kamerad« oder der Unmensch.

Dieses Buch ist eine Auswahl von vielen hundert Bekundungen des Dankes an den feindlichen Helfer oder des Dankes an das Schicksal: daß unter Tausenden von Greueln die eine gute Tat geschehen durfte. Es ist kein Buch der Literatur ? denn kaum ein Dutzend Schriftsteller hat sich gemeldet ? sondern ein Buch der Erlebnisse und Bekenntnisse. Wenige davon sind in gepflegtem Stil gehalten; manche Schriftstücke zeigten eine ungeübte Hand und eine Rechtschreibung, die von der geistigen Einfachheit des Autors deutlich Kunde gab. Auch erfahren wir, daß die Ausdrücke des Krieges sich immer noch erhalten haben: die Gulaschkanone; der Affe (Tornister); der Pudel (Bouteille, Feldflasche); das tote Niemandsland zwischen den Fronten; das Nix bum-bum! des Mannes, der nicht mehr schießen will; der Ausruf Guerre finie! zwischen zwei Feinden; und endlich jene geheimnisvolle »Sanitätsstunde«, während der die beiden Feinde ihre Verwundeten und Toten sammelten in der Stille zwischen den Schlachten. Manche baten den Herausgeber, er möge ihr schlechtes Deutsch in gutes Deutsch verwandeln. Aber diesen Gefallen hat ihnen der Herausgeber durchaus nicht da getan, wo das ungelenke Deutsch viel weniger schlecht als schlicht war. Er hat zwar manches in der Erzählungsfolge umstellen müssen; hat manchen großen Strich durch die Schilderung der Schlacht gemacht; hat auch manchen Ort, manche Regimentsangabe und leider auch manchen Namen eines guten Täters streichen müssen, um einer überstrammen Militärbehörde und zivilem Denunziantentum nicht durch dies »Buch der Guten Werke« noch vierzehn Jahre nach dem Krieg womöglich einen Fingerzeig zu geben: daß hier ein Mensch gegen die höhere Disziplin sich ganz privat das einzig Menschenwürdige an vorschriftswidriger Humanität geleistet hat. Bis auf solche Art von Aenderung und Kürzung der Berichte sollte der persönliche Ausdruck dieser »guten Krieger« von 1914-1918 möglichst bewahrt werden ? auf die Gefahr hin, daß gerade die literarischen Leser so manchen Satz sentimental, aufschneiderisch und romantisch finden werden. Aber der Literat hat es kraft seiner Hebung so viel leichter, sein eigenes Bedürfnis nach Sentiments und nach romantischer Selbstbespiegelung in die vornehmste Sprache der Gefühlsdistanz und der Bescheidenheit zu übersetzen; und er bedarf nicht wie die einfachen Gemüter der Ausdrucks-Muster aus dem sentimentalen Zeitungs- und Romanstil. Nicht jede Sentimentalität ist falsches Gefühl. Nicht alles Fabulieren ist Aufschneiderei. Auch die unglaublichsten Geschichten von Zufällen können so wahr sein ? ja so wahr wie das Leben.

Natürlich gab es unter den Abgewiesenen auch Erzähler aus purer Ichsucht und Eitelkeit. Da schrieb wahrhaftig ein Neutraler: wie er im Schnellzug zwischen Basel und Frankfurt für einen Schwerverwundeten von seinem wohlerworbenen Sitzplatz aufgestanden sei! und meint nun, diese außerordentliche Opfertat müsse im »Buch der Guten Werke« für die Ewigkeit und einen Platz im Himmel aufgehoben werden. Und aus dem ehemals deutschen Polen beginnt ein Brief: »Hiermit sende ich Ihnen einige Heldentaten, welche ich während des Weltkrieges als aktiver Soldat geleistet habe«. Und ein anderer schreibt im Wahne seines Selbstgefühls: »Da sprang ich aus dem Graben, um dem Kriege ein Ende zu machen!« Aber auch bei diesen Beispielen ist eine üble Selbstbespiegelung zu unterscheiden von dem naiven Selbstgefühl des Mannes, der sein Erlebnis zwischen Feind und Feind sich und dem anderen hier verewigen wollte; oft nur damit auf diesem Wege sein ehemaliger Schützling oder Wohltäter von ihm erfahre. Immer wiederholt sich dieser Wunsch in den Begleitbriefen, dem Feindes-Kameraden von damals den schuldigen Dank zu erstatten, da ja der Name und die Adresse vergessen, oder der Zettel mit der Bleistiftaufschrift im Kriegsbetrieb verloren worden sei. Es kamen Dankesbriefe vom Bürgermeister eines besetzten Dorfes an Stabsärzte, die sich für die »feindlichen« Einwohner aufgeopfert haben. Es kamen Briefe von ehemaligen Gefangenen an ihre Quartierleute. Auf einer Visitenkarte danken die Offiziere eines französischen Brigadestabs dem bayrischen Unteroffizier, der sie auf dem Verwundetentransport in gute Obhut nahm, wobei der Dank genau so ehrt wie die Hilfe. Die große Masse solcher kleinsten Züge der Humanität ergeben schließlich die ganze Erkenntnis: daß unter tausend Teufeln des Krieges neunhundert nur gezwungene arme Teufel waren.

Die im Kriege menschen-mögliche gute Tat besteht nur in wenigen Grundformen: Hilfe an Verwundeten, Schutz eines Schwachen, Fürsorge für Zivilbevölkerung, Milderung des Gefangenenschicksals. Diese Grundformen variieren je nach Schauplatz, Land, See, Luft; je nach Nationalität; je nach Rasse und Temperament der Beteiligten. Aber trotz dieser Aehnlichkeit der meisten kleinen oder großen Werke, sind sie im einzelnen doch so verschieden wie alle Handlungen des Alltags, die sich auch täglich immer wiederholen und dennoch niemals seelisch gleich sind. Immer wieder ist es der Trunk aus der Feldflasche, die Bergung im Geschützhagel, die letzte Zigarette im gemeinsamen Granatloch, die Münze oder der Ring als Dank für Hilfe in höchster Not. An dieser Aehnlichkeit der Situationen erkennt man, wie die Menschen in der ganzen Welt sich plötzlich gleich werden: wenn sie nur guten Herzens sind und sich in gleicher Not und gleicher Primitivität der peinlich anspruchlosesten Bedingungen des Lebens zusammen finden. Vor dem kostbaren Schluck aus der Feldflasche wird dem Verdurstenden der Wert von Aktienkapital oder »Weltanschauung« so völlig unwertbar wie dem, der arm ist an materiellen oder geistigen Gütern. In letzter Bedrängnis werden Brot und Wasser, oder ein Päckchen Verbandzeug zum größeren Friedensstifter als alle Garantieverträge. Diese Versöhnung von Mann zu Mann und Feind zu Feind gilt es in diesem »Buch der Guten Werke 1914-1918« festzuhalten.

Allerdings: der Krieg besteht durchaus nicht aus den Guten Werken. Sondern die guten Werke geschahen trotz des Krieges! Und für die allerwenigsten ward die Disziplin des Krieges auch zur moralischen Anstalt und zu jenem Stahlbad pflichtfreudiger Männlichkeit. Es wurden Tausende von guten Werken getan. Aber auf zehntausend gute Werke kamen zehn Millionen Tote, die nicht an guten Werken sterben mußten. Und wenn ein guter Feind dem eben blutig bezwungenen Gegner mitleidig das Bajonett aus den Eingeweiden zog, so war die entsetzliche Voraussetzung der guten Tat, daß man sich eben vorher Bajonette in den Leib gestoßen hatte. Und von zehn steckenden Bajonetten wurde wohl nur eines herausgezogen! Die »Regel« des Krieges ist die grausamste, die je aufgestellt wurde, und was hier »gutes Werk« genannt wird, geschah im allgemeinen außerhalb der Kriegesregel; geschah meistens sogar gegen den harten Anspruch an die Entherztheit des Menschen, die in der militärischen Sprache so gerne zur Beherztheit umgedeutet wird. Dies stille Buch verlangt ganz stille und langsame Leser, damit sie vor der Kleinheit der guten Geschehnisse im großen Weltkrieg sich jederzeit die allgemeine und allmächtige Not vergegenwärtigen, vor der so unscheinbare gute Dinge zu sichtlich Guten Werken wachsen konnten. Hinter diesen kleinen Geschichten des Friedens aber tobt der rohe Krieg und der böse Tod. Nur vor dem blutigen Vorhang gewinnt das kleine Spiel der guten Krieger seine menschliche Bedeutung.

Dies Buch dient allen Nationen und ist doch ein deutsches Buch. Von Hundertsechsundsechzig Stücken stammen in dieser Auswahl hundertfünfundfünfzig Berichte von deutsch sprechenden und deutsch schreibenden Kriegsteilnehmern. Von diesen deutschen Schreibern redet nur etwa ein Drittel von Taten deutscher Soldaten, während die doppelte Zahl die Humanität des einstigen Feindes rühmt! Franzosen, Engländer, Russen und die weitere Entente vom Amerikaner bis zum Neger. Nachdem allein von deutscher Seite aus die guten Werke aller ehemals feindlichen Nationen willig gerühmt und dankbar geschildert werden, darf dieses aus dem Volke heraus entstandene Buch als wahres Dokument des Friedens gelten.

Bernhard Diebold

Auftakt

Kriegserklärung

Als wir am 6. Januar 1915 nach einhundertachtzehntägiger Reise dicht unter der englischen Küste von einem britischen Kreuzer die Aufforderung zum Stoppen erhielten, ahnte niemand von uns etwas von dem Weltbrand, der seit unserer Abfahrt von Nicaragua entbrannt war.

Noch wehte wie in tiefster Friedenszeit die deutsche Flagge an der Gaffel der Hamburger Bark »Ujanella«, und gespannt beobachteten wir das sich in der schweren See mühsam heranarbeitende Boot des Engländers. »Machen Sie Ihr Fallreep klar, wir senden ein Boot!« war das letzte Signal auf dem englischen Kriegsschiff gewesen. Nun standen wir neugierig an der Reeling. Was mochte dieser seltene Besuch zu bedeuten haben?

In deutscher, englischer und spanischer Sprache wurden Vermutungen ausgesprochen. Wir Deutsche glaubten an ein Manöver; der Norweger meinte, es würde schon irgendwie mit der Fischerei zusammenhängen; und die Mexikaner schnatterten aufgeregt in ihrem heimatlichen Idiom. Nur Bill, mein englischer Wachkamerad, schwieg seltsam verstört über den plötzlichen Besuch seiner Landsleute.

Endlich war das Boot längsseit. Ein Offizier und zwölf Mann kamen die Treppe heraufgeklettert. Der Offizier ging sofort nach achtern, wo ihn unser Kapitän erwartete, während die zwölf Matrosen an Deck Aufstellung nahmen. Und nun erfuhren wir: daß seit fast einem halben Jahre bereits der Weltkrieg wütete.

Die englischen Matrosen machten es sich in unserem Logis bequem. Bald lagen Pistolen und Seitengewehre in einer freien Ankerkoje, bereitwilligst wurden unsere neugierigen Fragen beantwortet, und als sie erfuhren, daß wir schon seit Monaten von verdorbenem und stark rationiertem Proviant gelebt hatten, wurde als erstes die mitgebrachte Proviantkiste hervorgeholt und Weißbrot sowie Corned Beef brüderlich geteilt. Ebenso ging es mit Zigaretten und Tabak. Die Engländer sammelten, so daß bald jeder von uns sein Päckchen Zigaretten oder Stück Plug-Tabak hatte.

Zwei Tage lang kreuzten wir noch mit der Prisenbesatzung an Bord in schwerem Wetter. Am 8. Januar rasselten unsere Anker im Hafen von Plymouth zu Wasser, und wir nahmen Abschied von Freunden.

Auch Bill, sowie der Norweger und der Mexikaner wurden sofort von uns isoliert, während wir Deutsche in Einzelhaft im Militärgefängnis untergebracht wurden. Trübsinnig saß ich in meiner Zelle, als plötzlich Bill in voller Uniform vor mir stand, beladen mit Zigaretten, Schokolade und Magazinen, die er sich in Eile besorgt hatte. Ueber diese rasche Verwandlung meines alten Kameraden war ich zunächst sprachlos. Während der Wachtposten vor der angelehnten Zellentür Schmiere stand, erklärte mir Bill hastig, man habe ihm nahegelegt, so rasch wie möglich in die Armee einzutreten, zumal er auf unserem Schiff bis jetzt noch in deutschen Diensten gestanden habe, wodurch ihm vielleicht noch allerhand Schwierigkeiten entstehen könnten. So wurde er denn sofort Soldat. In Uniform konnte er in das Militärgefängnis gelangen, um mir mit den kleinen und doch so kostbaren Geschenken eine Freude zu machen. Nach wenigen Minuten mußten wir uns trennen. Nie wieder habe ich von ihm gehört!

Ernst Wagner, Sülzhayn.

Patrouille

Aktiv gedient 1910-12, Inf.-Reg. 88, Mainz 1914 am 1. Mobilmachungstag nach Mülhausen i. E., bei Müllheim in Baden. Erstes Gefecht bei Mülhausen. Unverwundet, nur Helmspitze abgeschossen. Badisches Inf.-Reg. 112, III. Comp. Verladen nach Lothringen. Schlacht bei Saarburg. Verwundetem Franzosen steckengebliebenes Bajonett aus dem Rücken gezogen, Feldflasche mit Wein gereicht und verbunden. 26. August 1914, Schlacht in den Vogesen, Gegend St. Dié, Baccarat. Als Gefr. mit 9 Mann Patrouille in den Wald. Tornister, Brotbeutel, alles ablegen. Kompagnie will folgen. ½ Stunde später 10 Mann im Gefecht mit Franzosen. Deckung hinter dicken Bäumen; trotzdem fällt einer nach dem andern. Schießen, nichts als Schießen; jeder hinter Deckung. Kompagnie greift ein. Franzose geht zurück. Im stehend Schießen Querschuß durch rechten Fuß. Aus!

Deutsche von der rechten Flanke angegriffen, Wendung und Gegenangriff, liegen geblieben. Allein! 1 Stunde, 2 Stunden. Schuh ausziehen unmöglich. Kein Messer zum Aufschneiden. Zurück mit 2 Händen und linkem Fuß nach Ausgangspunkt. Unmöglich, Blutverlust, Ohnmacht. Regnet sehr stark. Franz. Patrouille. Hände hoch ruft Offizier und 6 Mann. Nicht nötig. Blessé pas des armes, meine Antwort. Was haben Sie hier? Fuß durchschossen. Eins, zwei, drei, Messer aus der Tasche, Stiefel in tausend Fetzen, Strumpf dasselbe. Wasser aus der Flasche drüber, mit franz. Verbandspäckchen verbunden. Jeder gab seines her. Meine Bitte, mich liegen zu lassen um auf eigene Sanitäter zu warten, erfüllt.

Kam keiner. Wieder versucht zurückzukriechen. 20 Meter, aus, unmöglich. Franz. Patrouille wieder bei mir. Wieder Bitte meinerseits, hierzubleiben. Bewilligt.

Strömender Regen setzt ein. Nachmittags 4 Uhr. Das drittemal dieselbe Patrouille. Allons, das geht nicht mehr. Die Deutschen gehen zurück und ein Sanitäter kommt nicht. 2 Franzosen ein Gewehr in der Hand und mich drauf gesetzt. Alles im Wald. Alle 5 Minuten abgewechselt. Freie Chaussee, immer noch getragen auf der Schulter, 1 Stunde lang auf franz. Linie zu. Tragen auf diese Art zu schwer und zu unbequem. Von einem Franzosen auf die Schulter genommen, alle 5 Minuten auf eine andere, so fort eine lange, lange Zeit.

Freie Chaussee, immer noch getragen auf der Schulter von einer zu andern. Begegnung: mein Kompagnieleutnant mit Schulterschuß, in den Armen von zwei franz. Soldaten. Begrüßung. Endlich Ziel erreicht. Dorfschule. Name entfallen. Sofort untersucht, neu verbunden. 5 Uhr nächsten Morgen mit nur Franzosen auf Leiterwagen, von jedem was bekommen, Wein, Brot, Conserven, Cigaretten, Unterhaltung. Der verdammte Krieg. Andenken: meine sämtlichen Uniformknöpfe, Helm, Kokarde, Achselklappen.

Ankunft Bahnhof Epinal. Neu verbunden. Ab ins Innere Frankreichs: Bourboule, Dep. Puy-de-Dôme Hôpital 66. Vor 14 Tagen noch Hotel. Zimmer für mich. Behandlung und Pflege sehr gut. Dreimal operiert. Zuletzt Erfolg. Steifen Fuß behalten. Könnte noch mehr schreiben über Gefangenschaft, würde zu lang werden.

Math. Zehnpfennig, Köln a. Rhein.

Deutscher Aufsatz

Der Besitzer Siebert aus Skaisgirren stärkte sich durch einen Schluck Grog und erzählte: »Ja, da haben Sie ganz recht, die Russen haben wie die Wilden in Ostpreußen gehaust, und ich bin der letzte, der das bestreiten möchte. Aber der Mensch muß gerecht sein. Da ist vielleicht ein kleines Geschichtchen ganz angenehm, das anders klingt. Das will ich nun erzählen, und wahr ist es, denn es ist mir selbst passiert, oder vielmehr meinem Jungen, dem Gustav. Ich kann es übrigens auch beweisen, denn das corpus delicti hab ich in der Tasche.

Das war also im August 1914 und was der für Ostpreußen bedeutet hat, wissen wir alle. Darüber ist nichts mehr zu sagen als: Gott behüte uns vor der Wiederholung, in Ewigkeit! Amen! Prost! Ja, da saßen wir denn eines Abends in unserem kleinen Haus ? mein seliger Vater hat es gebaut, und es liegt etwas abseits vom Dorf nach dem Wald zu ? und überlegten, ob wir am nächsten Morgen nach Königsberg machen wollten. Die meisten Nachbarn waren schon fort, aber ich hatte eine kranke Frau und zwei Kinder, die Lene und den Gustav, und da kam es uns schwer an. Denn außer dem Haus und dem bißchen Land hatten wir nicht viel mehr als einen knappen Notgroschen. Gepackt war schon, so viel auf einen Wagen ging, und nun warteten wir. Der Schäfer vom Gut hatte gemeint, die Russen sind noch weit. Da hatten wir Vertrauen, denn das war ein Gedienter.

Ich rauchte meine Pfeife, die Frau strickte und die Kinder machten Ferienarbeiten. Die Lene rechnete an einem ganz fürchterlichen Exempel, mit dem sie gar nicht fertig wurde, und der Junge, der Gustav, schrieb an seinem deutschen Aufsatz. Sie können es ja selbst sehen, hier ist das Heft, aber bitte, vorläufig bloß die erste Seite, Sie werden später schon merken, weshalb.«

Und er nahm ein blaues Quartheft aus der Brusttasche, ziemlich zerknittert und beschmutzt, strich es mit der Hand glatt und legte es vor uns hin. Auf dem Deckel stand:

Deutsches Aufsatzheft
von Gustav Siebert, Ober-Tertia

und auf der ersten Seite war das Thema zu lesen:

Dulce et decorum est, pro patria mori.
(Hor. Od. III, 2. 13.)

Dann kamen die ersten Sätze:

»Ja, es ist süß und rühmlich, für das Vaterland zu sterben. Und wenn die verfluchten Russen kommen ...«

Ja ... Wenn die verfluchten Russen kommen ? so weit hatte der Bengel geschrieben, und da kamen sie! Der Schäfer kam auf einem Wagenpferd aus dem Walde geprescht wie ein Verrückter und schrie: »Herr Siebert, sie sind schon im Schloß, machen Sie schnell, um Gottes willen!« Und weg war er. Und wir, ohne uns zu besinnen, auf den Hof, und die Alte und die Kinder aufgepackt und heidi! in den Abend los, was das Zeug halten will. Auf dem Tisch blieb alles, wie es war, das Strickzeug und die Tafel mit dem Exempel und ein Teller mit Butterbrot und das Aufsatzheft. Als wir um die Ecke bogen, sah ich noch die Tür offen und dachte: Herr Gott, die Büchse hättest du doch mitnehmen sollen, und meine Frau weinte: ?Die Hühner!? ? aber da war nun nichts mehr zu machen. Es war schrecklich, wie wir erst unter die anderen gerieten, die auch schon auf der Flucht waren und zwei Tage gab es mehr Tränen als Brot. Aber das alles ist ja viel schöner beschrieben, als ich es kann. Ich glaub auch, wers erlebt hat, der kann es gar nicht so beschreiben.

Na, wir kamen aber gesund nach Königsberg, wo ich Verwandte habe, und es ging uns immer noch besser als manchem anderen, denn wir blieben zusammen. Nun ging die Zeit herum, Hindenburg kam auf ? Prost, ja, da trink ich mit und gerne! ? und wir Flüchtlinge dachten wieder an die Rückkehr. Herrschaften, mir war schwer ums Herz, wenn ich herumhorchte und von der Verwüstung hörte. Was sollte ich tun, wenn meine arme Klitsche runtergebrannt war? Mit Zittern und Zagen fuhr ich nach Hause, zum ersten Mal allein, und dachte mir: der Frau muß ichs so allmählich beibringen. Na, und da kam das erste Wunder.

Rings herum war alles zerschossen und abgebrannt, und mitten durch den Kirchhof ging ein Schützengraben ? aber mein Haus (ich sagte schon, es liegt ein bißchen abseits) steht ganz heil da. Wenigstens von außen. Die Fenster waren zerschlagen, die Türen ausgehoben, aber das Haus stand ? und ich wußte nicht warum. Auf den Zehenspitzen ging ich hinein, sag ich Ihnen, und dachte noch immer, da ist die Cholera gewesen, oder da lauert etwas ? aber nein, es war leer, und die Stube, bis auf etwas reichlichen Kriegsdreck, ganz in Ordnung. Stroh war ausgeschüttet, wo die Leute geschlafen hatten, ein Kantschu lag in einer Ecke, auch ein Tuch mit braunen Flecken, kann sein, daß es blutig war, aber aus dem Schrank war nichts genommen! Und der Tisch am Fenster stand so da, wie er gewesen war, als wir vor sechs Wochen aufgestanden waren, bloß natürlich schmutziger, und das Butterbrot war weg. Das Strickzeug war an die Erde geworfen, aber zwischen Lumpen und Stroh und Papyrosschachteln lagen noch die Tafel und das Aufsatzheft nebeneinander. Und das war das zweite Wunder: das Exempel war ausgerechnet und der Aufsatz war fertig geschrieben ... Ja, da schneiden Sie Gesichter! Aber, Ueberzeugung macht wahr: nun schlagen Sie die Seite um.«

So taten wir denn und lasen, in einer zierlichen Handschrift und in gutem Deutsch, wie der angefangene Satz weiter ging: »Wenn die verfluchten Russen kommen ...« hatte der Obertertianer Gustav Siebert begonnen, und ein anderer hatte fortgesetzt:

»... dann kommen sie auch nur, weil ihr Kaiser es so will und weil es ihre Pflicht ist, und manchem, mein lieber deutscher Junge, fällt es herzlich schwer. Denn ich, der ich dies schreibe, habe auch ein kleines Haus wie dieses, und es steht auch zwischen Bäumen, und zwei Kinder sind darin, ein Knabe und ein Mädchen. Der Knabe heißt Fedor und hat ein kleines Pferd, auf dem wollte er in den Krieg mitreiten, aber er war noch zu jung. Und das Mädchen heißt Nina und wollte in Deutschland studieren, wo ihr Vater und ihre Mutter lange Jahre gewesen sind und sehr glücklich waren. Das ist nun vorbei, wir wollen hoffen, nicht für immer. Denn die Zeit, die so grausam ist, daß sie sogar die Kinder fluchen lehrt, wird vorübergehen. Wenn du groß geworden bist, dann werden die Menschen hoffentlich sich wieder darauf besonnen haben, daß sie Menschen sind und was das für ein Glück bedeutet.

Grüße deine Eltern und sage ihnen, wir haben dies kleine Haus geschont, soweit es möglich war. Und grüße deinen Lehrer von einem Kollegen aus Kurland und bitte ihn, dir zu erklären, daß der Dichter Horatius wohl recht hat, wenn er sagt, daß es süß und rühmlich sei, für das Vaterland zu sterben. Daß es aber noch süßer und rühmlicher ist, für das Vaterland zu leben und für seinen Frieden zu arbeiten, ganz gleich, ob es dein deutsches Vaterland ist oder das von uns »verfluchten Russen«.

Dein »feindlicher« Freund
Dr. Paul Fedor Heidenkamp, Leutnant.«

Paul Block, Paris.

Der erste Gefangene

Es ist Nacht, es regnet. Die Kranken des Regimentslazaretts, die bei Mailly-Maillet an der Somme-Front untergebracht sind, liegen im Stroh beim schwachen Schein einer flackernden Kerze und schlafen schon. Plötzlich tritt ein Radfahrer unseres 17. Landwehrregimentes ein und fragt: »Kann man einen Gefangenen bis morgen früh hier liegen lassen? Er ist verwundet; aber alle Feldlazarette sind voll; eine Kugel im Fuß, eine im Arm; also gar keine Gefahr, daß er entwischt.« Alle Kranken haben sich aufgerichtet. Ein Boche! Seit einem Jahr ist unser siebzehntes Regiment schon im Krieg und hat noch keine Gelegenheit gehabt, einen Gefangenen zu sehen.

Sofort entsteht eine lebhafte Diskussion. Wo soll man ihn hin tun? Die einen wollen ihn aus Vorsicht fesseln. Und was dann? Soll er draußen bleiben. Ein Boche, dann kann er krepieren! Aber ein Kranker, der den Küchendienst versieht, ein großer breitschultriger und behaarter Bursch, erklärt: »Ich übernehme diesen Boche. Ich werde ihn bewachen und scharf aufpassen. Ich werde ihn hier an meiner Seite hinlegen. Und wenn er nur eine Fingerspitze rührt, ah, dann spring ich ihm an die Gurgel!«

Bald danach kommt der Verwundete. Er ist noch fast ein Kind, hat noch die Magerkeit eines heranwachsenden Buben; blondes Haar, große blaue Augen. Er kann kaum gehen. Man setzt ihn hin; vor Nässe triefend, von Dreck und Blut beschmiert betrachtet er mit dem Entsetzen eines umstellten Tieres den Kreis der Neugierigen, die sich zu ihm wenden. Also das war nun ein Boche! Jeder betrachtet ihn mit Interesse wie ein seltenes, lebendig gefangenes Wild, dessen Sitten und Erscheinung man endlich studieren kann. Der Koch hat schon hoheitsvoll von seinem Boche Besitz ergriffen. Da er kein Deutsch sprechen kann, glaubt er sich besser verständlich zu machen, wenn er sehr laut spricht. Und er schreit: »Nun, mein kleines Schwein du, du hast hier nicht zu mucken!« Der junge Verwundete, der kein Wort versteht, erschrickt. Wird man ihm Böses tun?

Im Gegenteil. Man wäscht ihn, man verbindet ihn. Jemand meint: »Vielleicht hat er Hunger?« Der Koch holt Brot, einen Topf Kaffee. Er bringt auch ein Stück Käse, das er streng dem kleinen Boche hinstreckt. Dieser versteht immer weniger. Seine Befehlshaber haben immer wiederholt, daß die Franzosen ihre Gefangenen mißhandeln ... Er dankt so gut er kann; mit einem Gesichtsausdruck, in dem die Angst nachläßt und zögernde Dankbarkeit sich spiegelt.

Hallo, es ist spät. Alles muß schlafen. Der Koch, ein zorniger Wächter, legt den Verwundeten auf das Stroh. Er gibt ihm seine eigene Decke und wickelt ihn ein, indem er im mürrischen Tone sagt: »Erkälte dich nicht, du da!« Bald breitet sich Stille im Zimmer aus ? die nur von schläfrigem Gebrumm und vom Rascheln der Strohlager unterbrochene Stille eines heißen Stalles.

Als man am nächsten Morgen den Verwundeten abholte, fand man ihn sitzend. Der wilde Wächter beschäftigte sich noch mit ihm. Mit der Sorgfalt einer Amme für ihr Kind, hielt er ihm eine alte Terrine hin als Nachttopf.

Paul Reboux, Paris.

Der erste Verwundete

1914 kam ich nach Chateau ... um Lebensmittel zu holen für das Reserve-Regiment 116, 1. Kompagnie. Da habe ich am Friedhof die ersten Verwundeten gesehen. Ein Franzose, der anscheinend mehrere Beinschüsse hatte, bat mich, seine Gamaschen und Schuhe auszuziehen. Der Fuß war so angeschwollen, Gamaschen und Schuhe mit geronnenem Blute verkleistert. Ich machte mich an die Arbeit. Ich mußte den Schuh in Stücke schneiden, da an ein Ausziehen ich nicht rangehen wollte, sonst hätte ich ihm große Schmerzen bereitet. Als ich die Schuhe nun auch hinten abschneiden mußte, so hätte ich jemanden benötigt, um das Bein hochzuhalten. Es wollte mir niemand helfen. Ob sie sich geekelt haben vor der Blutkruste oder weil es ein Feind war? Kurzum stellte ich mein Fernglas an der Schuhkappe unter und konnte mir somit helfen. Ich gab ihm noch Wasser und Brot von seinem Kollegen, der sich auch nicht bewegen konnte. » Merci, merci« waren seine letzten Worte, die er zu mir sprach. Er hatte Linderung.

Georg Fries, Vorarbeiter, Offenbach a. M.

Der Gendarm

Es war nach Kriegsausbruch im August 1914. Ich war damals Rechtsanwalt in Gebweiler im Elsaß. Am 19. August wurde ich mit vielen anderen Altdeutschen von den Franzosen als Geisel verhaftet. Wir wurden mehrere Tage von den Truppen in den Vogesen herumgeschleift, um schließlich im Zuchthaus von Gérardmer zu landen. Dann wurde ein Transport gebildet, welcher uns zu zwei und zwei schwer gefesselt per Bahn nach der Festung Besançon bringen sollte. Wir waren sämtlich stark erschöpft, da wir die Tage über fast nichts zu essen bekommen hatten.

Transportführer war der Gendarm L. Während der Fahrt saß ich ihm mit meinem Mitgefangenen gegenüber. Er unterhielt sich freundschaftlich mit uns und erklärte, daß er ein Franzose vom alten Schlage sei, der im besiegten Feinde nur einen unglücklichen Kameraden sehe. Als er unseren erschöpften Zustand wahrnahm und unsere Leidensgeschichte hörte, nahm er uns die Fesseln ab. Dann zog er aus seiner Tasche Schinken und Wurst heraus und teilte sie in brüderlichster Weise. Außerdem stärkte er uns durch einen Schnaps aus seiner Feldflasche. Ja, auf einer Haltestelle holte er uns Bier auf seine eigenen Kosten, da wir keinen Pfennig Geld hatten.

Nach langer qualvoller Fahrt ? da wir wegen der Truppentransporte andauernd auf Nebengleise geschoben wurden und stundenlang in glühender Sonnenhitze in den dumpfen Wagen warten mußten ? gelangten wir endlich nach Besançon. Der Festungskommandant empfing uns; ein Reservehauptmann, in seinem Zivilberufe Rechtsanwalt. Obwohl er unseren jämmerlichen Zustand sah, sprach er nur höhnische Worte, und ohne uns nur einen Bissen Brot zu geben, brachte er uns in einen mit Steinfliesen bedeckten Güterschuppen, wo einige erschöpft auf dem Boden zusammenbrachen. Aber er ließ uns stundenlang hier liegen, bis wir auf die Festung gebracht wurden.

Als L. seine Meldung erstattet hatte, trat er mit einem entrüsteten Blick auf seinen Vorgesetzten auf uns zu, schüttelte jedem von uns zum Abschied die Hand und sagte mit lauter Stimme: »Adieu Kameraden, auf Wiedersehn nach dem Kriege.« Als der Hauptmann zu ihm eine abfällige Bemerkung machte und dabei Worte gebrauchte wie: Boches und deutsche Schweinehunde, da sagte der Gendarm: »Ein echter Franzose kennt in seinem besiegten Feinde nur den unglücklichen Kameraden und behandelt ihn ritterlich.« Sprachs und ging mit einem freundlichen Kopfnicken gegen uns davon.

Ich grüße dich nach langer Zeit aus weiter Ferne, Gendarm L. aus der Picardie, du Edelmann.

Franz Weber, Rechtsanwalt, Regensburg.

Geheul in der Nacht

Es war im Oktober 1914. Unser Zug mit Freiwilligen lief in Lille ein. Wir standen in Feindesland. Mitten aus der Berufsausbildung herausgerissen, dürsteten wir nach dem Feind, nach Kampf und Abenteuer. Endlich kamen wir in den Graben, ich zitterte vor Aufregung. Es war Nacht. Ein Befehl ging von Mund zu Mund: »Entladen, Bajonett aufpflanzen!« ? Aha, Sturmangriff! ? Nun ging es los ? wir rasten in die Nacht hinein. Nach langem Laufen brüllten wir: »Hurra, hurra!!« Da kam die Quittung ? es prasselte uns entgegen, man hörte schreien und stöhnen; immer vorwärts, bis alles stoppte und sich schnell jeder eingrub. Unser Angriff war abgeschlagen.

Ich war deprimiert, daß uns kein Erfolg beschieden war. Es wurde Tag. Wir hatten uns »eingebuddelt« und besahen uns die Gegend. Alles Felder, ab und zu Baumgruppen, rechts hinter uns ein Dorf und etwa 600 Meter zurück ein verlassenes Gehöft. Wir hatten den Graben langsam fertig gemacht und mit der Sicherheit im Graben wuchs unsere Kampfesstimmung. Es wurde wieder Nacht. Ich lungerte noch im Graben herum, die Nacht war schön.

Da hörte ich weit weg ein eigenartiges Heulen ? ein Schreien, nein, es war mehr ein Wimmern; solche Töne hatte ich noch nie gehört. In der stillen Nacht hörten sie sich schaurig an. Es war vielleicht ein heulender Hund, ein Stück Vieh? Ach, das Gehöft fiel mir ein. Das Heulen hörte nicht auf. Ich weckte einen Kameraden. Es war uns eingeschärft worden, hinter uns auf Blinkzeichen und Tierstimmen zu achten. Die Spionage sollte groß sein. Ich dachte auch daran. »Du hör mal, was ist das für ein Wimmern?« ? »Ich weiß nicht.« ? »Wollen wir mal hingehen?« ? Komm, geh mit.«

Wir gingen mit Taschenlampe und Karabiner in die Nacht hinaus. Immer dem Geheul nachgehend, kamen wir tatsächlich auf das Gehöft zu. Die Schreie wurden deutlicher ? sie setzten mal aus und fingen wieder an. Die Umrisse des Gehöfts wurden sichtbar. Ungeheure Spannung lag mir auf der Brust. Jetzt sind wir da. Wir standen vor einer Stalltür ? ja da drin war es. Sicher ein Stück Vieh, das vor Hunger heulte. Die Tür war verschlossen. Taschenlampe heraus, Tür eintreten war Sache von Sekunden. Im blendenden Licht der Taschenlampe stand vor uns nackt, mit schielenden Schlitzaugen, zerzaustem Haar, viehischer Stimme, über und über mit Kot beschmiert, ein Mann ? ein Idiot!

Ich fixierte ihn lange, das Bild prägte sich tief in meine noch so junge Seele. Erschüttert stand ich regungslos da. Mein Kamerad sagte nichts ? ich sagte nichts. Ein stechender Harn- und Kotgeruch umgab uns. Langsam kam ich wieder zu Sinnen. Ich sah mich um: Zementboden, eine leere Blechschüssel lag auf dem Boden. Nur Wände. Kein Lager, kein Stuhl, keine Decke. Unsagbares Mitleid übermannte uns. Instinktiv gab ich ihm ein Stück trockenes Brot. Ich sah im Geiste, wie seine Angehörigen ihn verließen, einsperrten und ihn dem Schicksal preisgaben. Mit Strohwischen rieben wir ihn notdürftig ab, wickelten alte Lumpen um Füße und Waden, bedeckten ihn mit dem Feldmantel und brachten ihn zurück; dort wurde dann weiter für ihn gesorgt. Wir kehrten zurück. Was mit ihm geschehen, weiß ich nicht.

Das Eine weiß ich aber, daß mich das Bild dieses Idioten auf Schritt und Tritt verfolgte und mich zuletzt so einnahm, daß der Entschluß in mir reifte, solchen unglücklichen Menschen ein Helfer zu werden. Und so kam es auch. Nach dem Krieg und der nötigen Ausbildung widmete ich mich geisteskranken und schwachsinnigen Kindern. So wurde das Schicksal dieses Idioten für mich ein Wegweiser.

Albert Schirr, Lehrer für schwachs. Kinder, Langen.

Das Häuschen in Belgien

Am 22. August 1914 erhielt 1. Regt. 118 den Befehl, das Dorf Maissin und die Höhen westlich des Dorfes zu nehmen. Um 10 Uhr ging die 4. Kompagnie des I.-R. 118, der ich angehörte, entlang der Straße Villance ? Maissin gegen das letztgenannte Dorf vor. Gegen Mittag war das Dorf im ersten Ansturm genommen. Ich befand mich in einem weit vorgeschobenen kleinen Häuschen mit noch etwa zwanzig Kameraden unter Führung eines Leutnants. Das Häuschen gehörte einem Schreiner, der mit Frau und zwei Kindern während des Gefechts in der dunkelsten Ecke des Kellers kauerte. Das Häuschen war einstöckig; im Erdgeschoß befand sich die Schreinerwerkstatt, eine Küche und ein Schlafzimmer. Auf einer steilen Treppe gelangte man auf den Speicher, auf dem Holz und Bretter lagerten. Wir standen fast alle auf dem Speicher, hatten einzelne Dachpfannen herausgestoßen und schossen durch diese Schießscharten. Als sich gegen vier Uhr kein Feind mehr zeigte, übertrug der Leutnant mir die Verteidigung unserer keinen Festung; er selbst wollte nach den übrigen Teilen der Kompagnie Ausschau halten.

Der Gefechtslärm war mittlerweile immer mehr abgeebbt, und wir machten es uns bequem, schnallten ab, holten unsere Vorräte an Essen und Trinken hervor und fühlten uns vollkommen sicher. Es wurde fünf Uhr, unser Leutnant ließ sich nicht wieder blicken. Die Sache wurde mir bedenklich. Ich wollte daher selbst sehen, was los war. Ich ging zum Hause hinaus und sah zu meinem Entsetzen auf etwa 50 Meter Entfernung geschlossene französische Infanterieformationen durch die Dorfstraße marschieren. Die Franzosen hatten im Laufe der Schlacht das Dorf Maissin von Norden her umfaßt, unser Regiment war im letzten Augenblick noch mit knapper Not durch einen eiligen Rückzug der Einschließung entgangen. Man hatte vergessen, uns in unserem weit nach Süden vorgeschobenen Häuschen den Rückzugsbefehl zu übermitteln.

Ich sprang ins Haus zurück und schrie: Die Franzosen kommen! Im Handumdrehen sausten meine Kameraden aus dem Häuschen heraus. Ich stolperte eiligst die steile Speichertreppe hinauf, packte meinen Tornister auf den Buckel und sprang die Treppe wieder hinunter. Draußen hatte eine wüste Schießerei begonnen; die Franzosen hatten gleich meine Kameraden bemerkt und schossen die meisten von ihnen zusammen. An der Haustür angekommen, packte ich dabei noch meinen Kameraden Büttner und zog ihn mit ins Haus hinein. Wir flüchteten auf den Speicher und verkrochen uns in eine Ecke.

Für eine Weile hörten wir noch wüsten Lärm: Schießen, Schreien, französische Kommandorufe und Stöhnen unserer verwundeten Kameraden. Und dann wurde es wieder stiller um uns. Mein Kamerad Büttner schlief gleich neben mir vor Erschöpfung ein. Mir klopfte noch immer das Herz bis zum Halse hinauf. Was nun? Wir waren abgeschnitten! Abgeschnitten in einem belgischen Dorfe!

Es wurde dunkel! Plötzlich nähern sich Schritte unserem von der Dorfstraße etwas abgelegenen Häuschen. Französische Laute schlagen an mein Ohr. Die Haustür wird aufgeklinkt. Unten tappen schwere Schritte. Ich merke, es sind zwei französische Soldaten, die Unterkunft suchen. Mir schlägt das Herz, als wollte es die Brust sprengen. Die eine Hand presse ich meinem Kameraden auf den Mund, damit das Schnarchen aufhört, er wird nicht wach, er stöhnt und atmet schwer weiter. Und dann tappen die Schritte die Speichertreppe hinauf. Ich höre im Dunklen die Schritte und merke, sie nähern sich mir. Und dann flammt plötzlich dicht vor mir ein Streichholz auf! Zu meinen Füßen steht der französische Soldat und hält sein winziges Lichtchen höher, daß es mir voll ins Gesicht scheint; besteht uns beide sekundenlang, das Licht verlöscht ? und ich höre, wie die tappenden Schritte sich wieder entfernen, die Treppe hinunter. Unten vereinigen sich die Schritte beider Franzosen, streben eiligst aus dem Haus heraus und verhallen in der Nacht. Ich erwarte, daß die Franzosen jeden Augenblick zurückkommen. Sie kamen nicht! Hatte der Soldat uns nicht gesehen? Wollte er uns nicht sehen? In der Ferne nach der deutschen Seite zu hörte man ab und zu das unregelmäßige Bellen der französischen Maschinengewehre.

Um Mitternacht höre ich, wie es sich wieder in unserem Hause bewegt. Unten vom Keller steigts herauf, sucht im Erdgeschoß alle Räume ab, kommt dann die Speichertreppe hinauf. Es ist der Hausbesitzer mit einer Stallaterne in der Hand. Fieberhaft arbeiten meine Gedanken und hämmern: den Belgier darfst du nicht wieder vom Speicher runterlassen, der verrät dich sonst, der holt die übrigen belgischen Bauern herbei und dann werdet ihr totgeschlagen! Leise habe ich mich aufgesetzt, das Seitengewehr stoßbereit in der rechten Hand. Und plötzlich steht er dicht vor mir, hält die Laterne hoch, leuchtet mir ins Gesicht, fährt zusammen und steht wie erstarrt. Ich springe auf und sehe vor mir ein gutmütiges, rundes Bauerngesicht, auf dem sich Entsetzen, Angst und Ueberraschung widerspiegeln und ? ich kann nicht zustoßen.

Blitzartig durchfährt es mich: Verhandle mit ihm, der verrät dich nicht! Und schon sprudelte ich meine französischen Brocken hervor: die Deutschen kämen morgen wieder; wenn er mich verrät, dann wird er mit seiner Frau und mit seinen Kindern erschossen. Er faßt sich allmählich und beteuert immer wieder: »Ich werde sagen, daß ihr alle fort seid.« Dann bat er, daß ich ihn wieder fortließe. Er tappt die Treppe hinunter. Er geht zur Haustüre hinaus, und durch die losen Dachziegel sehe ich den Lichtschein sich eiligst dem Dorfe zu bewegen.

Nun ist plötzlich mein Kamerad völlig wach und herrscht mich an: Warum hast du den Belgier fortlaufen lassen? Jetzt sind wir verloren, der holt die Franzosen und die übrigen Bauern aus dem Dorf! Langsam schlich die Nacht für uns dahin. Gegen Morgen setzte der deutsche Gegenangriff ein. Die Franzosen zogen im Morgengrauen sich fluchtartig durch das Dorf Maissin zurück. Wir zitterten vor Aufregung, als wir endlich gegen neun Uhr morgens unser Versteck zu verlassen wagten. Um zehn Uhr etwa trafen die ersten deutschen Truppen vor M. ein. Sie hatten den Befehl, das ganze Dorf anzuzünden, weil die Bevölkerung sich angeblich am Kampfe gegen uns beteiligt hatte. Wir beide wurden gleich mit eingereiht und sollten an der Zerstörung mithelfen. Ich ging gleich zu dem Kompagnieführer hin, dem ich zugeteilt war, einem Oberleutnant Hoffmann, erzählte ihm die Geschichte von meinem belgischen Hausherrn und bat, daß man sein Haus schonen möchte. Der Oberleutnant verstand meine Bitte und gewährte sie.

Ich schrieb eiligst einen Zettel etwa folgenden Inhalts:

» Gute Leute! Der Besitzer dieses Hauses hat zwei deutschen Soldaten das Leben gerettet. Sein Haus darf nicht angesteckt werden und ihm und seiner Familie darf nichts geschehen!«

Diesen Zettel ließ ich von dem Oberleutnant unterschreiben und bat ihn gleichzeitig, während der Zerstörung des Dorfes das Häuschen bewachen zu dürfen. Auch diese Bitte wurde mir gewährt.

Als ich an das Häuschen kam, fand ich die ganze Familie weinend in der Küche sitzen. Der Mann erkannte mich sofort wieder und erzählte mir, daß das ganze Dorf angesteckt würde. Ich beruhigte ihn; aber man schien mir nicht recht zu glauben und schaute mißtrauisch zu, als ich den Zettel an der Haustür befestigte. Ich bezog dann meinen Posten und ging am Häuschen auf und ab. Vor mir war das ganze Dorf allmählich ein Flammenmeer geworden. Immer wieder mußte ich einzelne und ganze Trupps aus dem Brandkommando energisch abwehren, damit das Häuschen verschont blieb. Wer den Kriegsgebrauch kennt, der weiß, wie schwer es ist, gegen die Auffassung der Masse eine Ausnahme durchzusetzen.

Der weitere Vormarsch begann wieder. Ich sichtete meinen Truppenteil, der durch das Dorf marschierte. Ich ging noch einmal ins Häuschen hinein, um mich von seinen Bewohnern zu verabschieden. Kaum hatte ich ihnen bedeutet, daß ich nun gehen müßte, da lagen Frau und Kinder vor mir auf den Knien. Die Frau umfaßte meine Beine und stammelte und weinte. Ich fühlte, wie mir das Mitleid mit ihnen erneut heiß hochkam. Aber ich riß mich los und ging.

*

April 1915: Champagne: Trichterstellung bei Souain. Ruhestellung in St. Marie-à-Py. Das Regiment ist dem General Scholtz unterstellt, der uns eines Tages in der Ruhestellung aufsuchte und nachher noch mit den Offizieren gemütlich plauderte. Er erzählte, daß er uns kein Unbekannter wäre und uns im August 1914 bei Maissin herausgehauen hätte. Und zuletzt schilderte er, wie noch ein paar Tage nach dem Gefecht ein einzelnes Häuschen als einziges unverletzt dagestanden hätte. Es habe ihn gewundert, daß gerade dieses Häuschen noch unversehrt gewesen wäre.

*

Mai 1916: Ruhe in Sedan. Ich hatte Gelegenheit, von einem Kameraden im Auto nach Maissin gefahren zu werden. Das ganze Dorf war zum größten Teil wieder aufgebaut. Mein Häuschen guckte noch unverändert aus dem Maiengrün hervor. Ich trat ein! Alles wie früher: die Werkstatt, die steile Treppe. In der Küche stand die Frau. Sie schrie auf, als sie mich sah, und ehe ich etwas sagen konnte, war sie an mir vorbei zur Tür hinaus, und ich stand mit den Kindern in der Küche allein. Zunächst wartete ich verdutzt eine Weile, die Kinder schauten mich mit großen Augen an. Dann ging ich wieder zur Tür hinaus und stieß draußen vor dem Haus mit dem Mann und mit der Frau zusammen. Die Frau hatte ihren Mann eiligst von der Arbeit geholt. Die Freude und Ueberraschung der Leute war groß. Immer wieder schüttelten sie mir die Hände und begleiteten mich zuletzt zum Auto und winkten, so lange sie mich noch sehen konnten.

Dr. Waldemar Lichtenberger, Hilfsschullehrer, Wetzlar.

Bruderdorf

August 1914. Das Regiment steht in der Lothringer Schlacht. Ein Fahnenträger der Nachbartruppe ist irrsinnig geworden. Er stürzt mit der Fahne unter wildem Geschrei durch den Ort Brüderdorf, dessen Rand wir genommen haben. Ich laufe ihm mit der vordersten Gruppe nach. Wir holen ihn ein und ziehen ihn in den Graben am Wege nieder. Dort liegt ein Franzose; wie sich zeigt, ein Sergeant. »Wo sind die andern? stehen noch Truppen hier?« Er verneint: » Tous partis!« Wir richten uns vorsichtig auf, doch sofort peitschen Schüsse. Ich drohe ihm mit Erschießen; nochmals: »Sind Franzosen hier?« Er schüttelt den Kopf. » Non, mon capitaine; ils sont tous partis.« Fast im gleichen Moment quert eine französische Schützenlinie den Weg. Aus den Gärten, den Hecken, den Häusern wimmelt es vor. Dreißig Schritt weiter ? und wir wären mitten hineingerannt. Jetzt feuern wir, stehend und knieend, was die Gewehre nur hergeben wollen. Verstärkungen kommen, wir stoßen über das Dorf hinaus vor. Keiner denkt mehr an den Sergeanten.

Kurze Zeit später. Ein Granatsplitter hat mir die Hüfte zerschmettert. Zwei Grenadiere tragen mich in die Ortschaft zurück. Vor der Apotheke machen sie halt. Ein Unteroffizier tritt heran: »Die Aerzte sind noch nicht vor, aber hier ist ein Franzmann, der versteht etwas vom Verbinden.« Der Franzose kommt, beugt sich über mich: » Votre main, sil vous plaît« ? wir erkennen uns. Es ist der Sergeant von vorhin. Erschrocken prallt er zurück. Dann fingert er sichtlich nervös an dem Notverband herum. Sein Blick weicht mir aus, ich weiß nicht, ob aus Angst oder Haß.

Man trägt mich ins Haus und legt mich im Zimmer des Apothekers ins Bett. Nebenan im Verkaufsraum liegen andre Verwundete. Der Sergeant untersucht sie, man hört ihn sprechen. Der Nachmittag verstreicht. Gegen Abend kommt ein Offizier, der Oberst des Nachbarregiments, herein, fragt, wie es geht und faßt meine Hand: »Wir holen Sie bestimmt wieder.« Wieso »wieder?« denke ich; da ist er schon fort.

Draußen schießt es, ruft es, hastet es über die Straße. Dann wird es still. Die Dämmerung bricht an. Wieder Rufe und Schritte; Takt von Marschieren. Im Fenster erscheint ? mehr läßt sich nicht sehen ? ein Käppi. Franzosen also. Ein Gewehrlauf fliegt hoch, senkt sich und ein Schuß knallt ins Zimmer. Nebenan beginnt wüster Radau. Trampeln, Stoßen und Schreien. Gleich sind sie bei mir! Die Klinke bewegt sich, sie rütteln, doch die Tür ist verschlossen. Seltsam, vorhin war sie auf. Aber schon sausen Kolben dagegen. Und nun höre ich eine Stimme, befehlend, scharf ? es durchzuckt mich: das ist der Sergeant. Sicher sagt er, daß hier noch ein Deutscher ist, ein Offizier, der ihn umbringen wollte. Jetzt rächt er sich für die Drohung.

Ich entsichere die Pistole, die neben mir liegt, und richte sie auf die Tür. Aber nichts geschieht. Ja, mir scheint, es wird ruhiger. Draußen allerdings ist ein Höllenlärm. Artillerie funkt ins Dorf. Häuser brennen, es blitzt und dröhnt. Fiebernd liege ich zwischen Wachen und Schlaf. Plötzlich steht ein Mann vor dem Bett. Der Feuerschein zeigt sein Profil; es ist der Sergeant. Instinktiv packe ich den Revolver. Er merkt es und wehrt beinah nachlässig ab. Rührt sich nicht. Langsam begreife ich, probiere es, sage: » Soif«. Er nickt, sucht und bringt ein Glas Wasser, das vom Nachmittag her auf dem Tisch steht. Dann stützt er mir sorgfältig den Kopf. » Merci!« Er geht und der Schlüssel klickert im Schloß.

Einmal noch taucht er, schon im Morgengrauen, auf, tritt ans Fenster, wo Franzosen vorübergehen; dann dreht er sich um und kommt lächelnd heran; fühlt den Puls, flüstert » Ah ça va bien!« ? wie ein Freund, nicht wie ein Feind.

Es ist Tag geworden. Gewehrschüsse knattern. Dann Hurrarufen, Poltern an der Tür; deutsche Grenadiere stürmen herein. Bald kommt auch ein Arzt. Er prüft den Verband und zählt ein paar Morphiumtabletten in seine Hand. Während er sie in einem Glas Wasser verrührt, unterhält er mich. »Nur gut, daß man Sie nicht gefunden hat. Die andern Verwundeten hat es geklappt. Sie sind fortgeschleppt oder übel mißhandelt worden.«

Friedr. Franz von Unruh, Freiburg i. B.

Kriegsgericht

Namur war gefallen. Ende August 1914 kam das Landw. Reg. 87 mit seinen vier Bataillonen in diese Festung. Sie wurde in vier Abschnitte geteilt, jedes Bataillon bekam einen Abschnitt des Rayons zu Schutz und Sicherung zugewiesen. Die Forts waren nur noch Trümmerhaufen und auch in der Stadt selbst hatte die »dicke Bertha« schlimm gewütet. Die Stadt wimmelte von Arbeitslosen aus den stillgelegten Fabriken und aus jungen Leuten, die kurz vor der Uebergabe der Festung ihre Uniformen ausgezogen und durch Zivilröcklein ersetzt hatten. Die Gefängnisse wimmelten von Gefangenen und im Zentralgefängnis, das in unserem Abschnitt lag, herrschten ganz unmenschliche, unhaltbare Zustände. Akten, warum die Leute eigentlich hier waren, fehlten zunächst gänzlich. Die meisten wußten gar nicht, warum sie eingesperrt waren und die es wußten, sagten es nicht. Da galt es nun, im beschleunigten Tempo Ordnung zu schaffen und Spreu vom Weizen zu sondern. Ich bin von Pontius zu Pilatus gelaufen, das Los dieser Unglücklichen zu mildern oder Freilassungen zu erwirken, wo immer es anging. Dank der loyalen Denkungsart des damaligen Gouverneurs, eines bayrischen Generals, Frhr. von Hirschberg, wurde nobel und großzügig entschieden.

Unter den Gefangenen war auch ein wohl siebzig Jahre alter katholischer Pfarrer, bei welchem Schußwaffen und Munition gefunden worden sind. Da diese laut Proklamation hätten abgeliefert werden müssen, so stand Todesstrafe auf diesem Verbrechen. Denn Proklamation ist im Kriege Gesetz. Daran läßt sich nichts abhandeln. Endlich nahte der Verhandlungstag. Meine Bataillonskameraden und ich waren Beisitzer des Kriegsgerichts. Die Beweisstücke lagen auf dem Gerichtstische: a) ein handgroßer Taschenrevolver, Trommelform ältesten Systems, b) einige Gewehrpatronen, Modell Lesaucheux, c) die Reisetasche mit » Bon voyage« bestickt, in welcher der Revolver a, unter Kleidungsstücken versteckt, auf dem Speicher gefunden worden war.

Der Pfarrer erklärte: der Reisesack stamme von seinem längst verstorbenen Bruder; kein Mensch habe mehr an seine Existenz gedacht, noch weniger gewußt, daß sich »eine Waffe« darin befinde. Die Gewehrpatronen seien erst lange nach der Proklamation hinter einer Bücherreihe, beim Abstauben gefunden und dann aus Angst, sie loszuwerden, im Garten der Nachbarinnen, zwei alten Damen, vergraben worden; ins Klosett habe man sie nicht werfen können, wegen der Verstopfung.

Das konnte man glauben oder für Ausreden halten. Der Verhandlungsleiter hielt jedenfalls den Fall für erwiesen und erwartete ein »schuldig«. Es stand nicht gut für die Angeklagten.

Aber bei der Beratung erklärte einer der Beisitzer, ein alter Jäger, nicht ohne Humor: daß man mit diesem alten Revolverchen sicher eher werfen als schießen könne; es sei mehr Attrappe als Waffe und schieße in Wirklichkeit um die Ecke. Und diese Munition sei nur eine leichte Sportladung, um Spatzen zu verscheuchen, »Vogeldunst« genannt, und passe überhaupt nicht in einen Revolver. Und daher seien die Bedingungen der Proklamation also nicht erfüllt.

Das wirkte. Einstimmig wurden die Angeklagten freigesprochen. Unser Kriegsgerichtsrat hatte sich die Mühe umsonst gemacht.

Otto Meßmer, Alzenau/Bayern.

Theorie und Praxis

Die Artilleriegruppe, zu der ich gehörte, war zur Verstärkung unserer Offensive in der Champagne am 28. Sept. 1915 eingesetzt worden. Mannschaften und Führer kamen aus Truppeneinheiten, die das Feuer bisher nur von ferne gesehen hatten. Der kommandierende Offizier versammelte die Truppe, ließ einen Kreis bilden und hielt eine kleine Ansprache in der Absicht, die Stimmung seiner Zuhörer zu heben. Er war Berufssoldat, schlicht und ungeübt in der Kritik der Kriegspropaganda. Er brachte Gerüchte in Erinnerung, die damals über die Grausamkeit der Deutschen umliefen und die, wie zu allen Zeiten üblich, die durch den Feind begangenen Verletzungen des Völkerrechts übertrieben und verallgemeinerten. Und da die Deutschen den Krieg gegen uns ohne Pardon führten, so schloß er seine Rede: daß es unsere Pflicht sei, unmenschlich zu sein, und daß sogar die Gefangenen den Anspruch aus Mitleid verloren hätten.

Die Ansprache machte einen umso größeren Eindruck, als sie sich an Menschen richtete, die aus dem Norden Frankreichs stammten. Sie gehörten zu jener Bevölkerung, die arbeitssam, aber rauher und heftiger ist als diejenige im Zentrum und im Süden. Ihre Dörfer waren vom Feind besetzt. Viele waren verzweifelt darüber, daß sie seit dem Beginn der Feindseligkeiten keine Nachrichten von ihren Angehörigen hatten. Das war also ein guter Boden für den Haß.

Am nächsten Tag erreichte meine Batterie ihren Standort zwischen St. Hilaire und Souain, hinter dem Bergrücken von Vedegrange. Unterwegs begegneten wir mehreren Gruppen von Gefangenen, aber wir waren in Marschkolonne und so gab es keine persönliche Berührung. Dann schossen wir Tag und Nacht; wir litten unter Kälte, Hunger und besonders unter Durst auf diesem dürren Hochplateau der Champagne, wo Quellen unauffindbar sind. Einige unserer Kameraden fielen, einige wurden verwundet.

Am 6. Oktober, nachdem wir eine nächtliche Gegenoffensive zum Stillstand gebracht hatten, gab es einen Augenblick der Stille. Da, im Morgengrauen, bewegte sich mühsam ein deutscher Verwundeter auf uns zu. Die Soldaten verließen schnell ihre Unterstände und drängten sich um ihn. Ich beeilte mich hinzuzukommen, ein wenig unruhig, eingedenk der Ermahnungen des Kommandierenden.

Der Gefangene war ein noch ganz junger Mann, der ? wie er später erzählte ? vor kurzem plötzlich von der Ostfront abberufen, kaum angekommen in den Angriff geworfen wurde und sich sofort gefangen nehmen ließ. Im Augenblick konnte er nur einige abgehackte Worte hervorstoßen. »Was sagt er?«, fragten mich die Artilleristen. »Er sagt, daß er leidet und daß er Durst hat.«

Im Nu verschwanden die Neugierigen und kamen sofort zurück, wetteifernd, ihm die Feldflasche mit dem so seltenen und kostbaren Wasser zu reichen.

Es war sicher nur ein geringes Opfer, und ich möchte es nicht als Heldentat hinstellen. Aber, was mich hier berührte, war die einmütige Gesinnung dieser Frontsoldaten, die noch eben in voller Wut gegen den Boche sich plötzlich verwandelten, als sie sich einem Menschen gegenübersahen.

Jean Laran, Paris.

Etappe

Der Bürgermeister

Ich war im Spätsommer 1916 Ortskommandant von Chérisy, südlich von Douai, und hatte als solcher des öfteren dem Bürgermeister, einem älteren Witwer gegenüber, Anordnungen zu treffen, die im deutschen Interesse erforderlich waren, den Einwohnern des Ortes aber vielfach schwere Opfer auferlegten. Die Stellung des Bürgermeisters war dadurch außerordentlich schwer geworden, und er konnte sicher sein, daß er mit seinen Landsleuten in die ernstesten Schwierigkeiten geriet, wenn wir einmal abgezogen sein würden. Mußte er ihnen doch als der Verkünder allen Uebels und möglicherweise als des Einverständnisses mit uns verdächtig erscheinen. Einmal versuchte er, Widerstand zu leisten, und ich konnte mir nicht anders helfen, als ihm zu sagen, wir würden ihn absetzen und an seiner Stelle einen willfährigen, aber wahrscheinlich weniger patriotischen Mann einsetzen. Tief erschüttert verließ er mich.

Nun hatte er mich besucht, um von mir die Zustimmung dazu zu erhalten, daß die Bevölkerung eine ihrer Kühe schlachten dürfe. Diese Zustimmung hatte er erhalten. Einige Stunden darauf wurde mir mitgeteilt, daß die Kuh tuberkulös gewesen sei und ich gab eine weitere Kuh zum Schlachten frei. Plötzlich fiel mir ein, daß die tuberkulöse Kuh wie alle andern wohl zu der Milch beigesteuert habe, aus der die Butter bereitet wurde. Von dieser Butter hatte ich mit Genehmigung meiner Vorgesetzten gekauft und meiner Frau, die ihr zweites Kind nährte, geschickt. Meine Aufregung war um so größer, als ich ja selbst durch sofortiges Schreiben nichts mehr hätte ändern können. Gesprochen habe ich aber zu niemanden davon.

Abends spät fragte ein Soldat bei mir an, ob der Bürgermeister, der wie alle Franzosen im Operationsgebiet nach Dunkelheit nicht über die Straße gehen durfte, noch einmal zu mir kommen dürfe. Er stünde in seinem Garten und habe den vorübergehenden Soldaten um die Ueberbringung dieser Botschaft gebeten. Ich stimmte zu. Der alte Mann kam.

»Ich wollte Ihnen Beruhigung bringen, mon capitaine,« sagte er. »Sie haben sich sicher Gedanken wegen der Butter gemacht, von der Sie bezogen haben. Sie mögen ganz ruhig sein. Die Buttersäure tötet die Tuberkeln. Ich weiß, Sie haben ein kleines Kind und Ihre Frau wird Fett nötig haben. Von Tuberkeln verstehe ich etwas, mein Sohn ist daran gestorben. Daher weiß ich, wie einem Vater zu Mute ist, wenn er meint, seinem Kinde drohe die Gefahr. Und wie einem Soldaten zu Mute ist, weiß ich auch. Ich habe 1870 gegen euch gekämpft. Das wollte ich Ihnen nur sagen. Gute Nacht.«

Das war der Bürgermeister von Chérisy.

Bruno Goldenberg, Kaufmann, Altona.

Die Störung

Im Juni 1915 bezog unsere Kompagnie in einem kleineren Orte in Galizien Quartier; und zwar wurden wir, wie dies in fast allen galizischen Dörfern der Fall gewesen ist, in Hütten und Scheunen, die mit Strohdächern gedeckt waren, untergebracht.

Ermüdet durch größere Märsche, die wir als Armee-Reserve in den Tagen vorher zu leisten hatten, legte sich unser Zug in einer Scheune am Abend beizeiten nieder und lag auch bald im tiefsten Schlaf. Plötzlich gegen zwölf Uhr nachts wurden wir von einigen galizischen Frauen durch geräuschvolles Aufreißen der Scheunentüre und durch lautes Schreien geweckt. Da keiner von uns die Worte und Gebärden der Frauen verstand, waren wir über die Ruhestörung sehr wenig erbaut und behandelten die Frauen in nicht gerade liebenswürdiger Weise. Stiefel, Kochgeschirre, und was sonst noch Greifbares in der Nähe war, flog ihnen entgegen. Trotz unserem wenig lobenswerten Verhalten ließen die Frauen in ihrem Schreien und Toben nicht nach, sondern deuteten mit immer eindringlicheren Gebärden auf eine uns drohende Gefahr hin. Dies brachte nun doch einige unserer Kameraden aus ihrer Ruhe ? sie erhoben sich, um der Sache nachzugehen und beim Heraustreten aus der Scheune konnten sie sich von der uns drohenden Gefahr sofort überzeugen. Die Scheune war in Brand geraten. Sofort wurden die noch zurückgebliebenen Kameraden alarmiert. Bei der Schnelligkeit, mit der der Brand um sich griff, konnten sich dieselben nur mit äußerster Mühe retten. Große Toilette zu machen oder Wertsachen in Sicherheit zu bringen, war ja bei unserer Kriegslebensweise nicht vonnöten; und dies ist in diesem Augenblick wenigstens einmal angenehm empfunden worden. Wären aber die galizischen Frauen nicht gewesen, so wäre der Zug elendiglich in den Flammen umgekommen.

L. Herrmann, Kaufmann, Offenbach a. M.

Spionage

Wir waren Ende 1917 in einem Frontabschnitt vor Lille als schwere Artillerie eingesetzt. Jede Geschützbedienung wurde alle drei Wochen, manchmal auch vierzehntägig, abgelöst und kam dann in Ruhe nach Haubourdin zurück. Schon längere Zeit lagen wir in dieser Stellung und bezogen in H. immer das gleiche Quartier. Es war dies ein Schulhaus. So ergab es sich naturgemäß, daß man in »Ruhe« z. T. auch die Einwohnerschaft kennen lernte. Wir jungen Krieger von neunzehn Jahren wollten doch auch unser Schulfranzösisch an die Front schicken!

Kurz und gut, ich hatte im Laufe der Zeit bei einer netten Familie Anschluß gefunden. Vater im Krieg, seit kurzer Zeit jedoch in deutscher Gefangenschaft, Mutter und zwei Töchter von neun und fünfzehn Jahren. Alle drei Wochen wurde ich schon erwartet, meine schmutzige Wäsche zur Reinigung in Empfang genommen und mir ein kleines bescheidenes Mahl vorgesetzt. Dann mußte ich meine Erlebnisse erzählen. Die beiden Mädel waren wie Schwestern zu mir. Meine Jugend mag wohl zu dieser Anschmiegsamkeit beigetragen haben. Die Frau zeigte mir Briefe von ihrem Mann aus der Gefangenschaft, die alle die gute Behandlung durch die Deutschen lobten. Ich fühlte direkt, wie mir diese Frau durch Liebe und Güte für das Los ihres Mannes danken wollte.

So kam ich wieder einmal heil und glücklich von der Front zurück, und mein erster Gang war wie immer, als ich mein Quartier bezogen hatte, zur Familie P. Nun muß ich erwähnen, daß uns beim Appell erklärt wurde, das Schulhaus müßte geräumt werden, da dasselbe in Zukunft als provisorisches Lazarett verwandt würde. Und zwar sollten wir schon andern Tags umquartiert werden. Diese Neuigkeit erzählte ich Frau P. Sofort fiel mir eine große Unruhe an ihr auf. Auch fiel mir sofort auf, daß die Frau geweint hatte. Meine wiederholten Fragen, was ihr fehle, beantwortete sie ausweichend. Nach kurzer Zeit schickte sie auf einmal die ebenfalls wie ich erstaunten Kinder zu Bett. Kaum war sie wieder im Zimmer, packte sie mich bei den Händen und fing furchtbar zu weinen an. Ich war von diesem Leid ganz erschüttert und bat sie immer wieder, mir doch zu vertrauen und ihren Schmerz von der Seele zu sprechen. Endlich, nach längerer Zeit wurde sie ruhiger und sagte:

»Monsieur Konrad, ich kenne Sie als guten Menschen, nicht als Feind. Wollen Sie mir einen Gefallen tun und mir Ihr Ehrenwort geben, mit niemandem über die Unterredung dieser Stunde zu sprechen?« Als ich zögerte, ergriff sie nochmals das Wort: »Was ich von Ihnen verlange, schädigt niemanden, nur ?« und hier fing sie wieder schrecklich zu weinen an ? »ich gehe zugrunde, wenn Sie mir meine Bitte abschlagen!«

Ich wußte nicht, wie mir geschah. Das Verhalten der Frau war sonderbar. Ich sollte ein Ehrenwort abgeben, wo ich gar nicht wußte, um was es sich handelte. Es mögen lange Minuten gewesen sein, daß ich schwieg, während die Blicke der Frau bangend an mir hingen. Nun sagte ich: »Sie haben zuletzt geäußert: Was ich von Ihnen verlange, schädigt niemanden! Ist dies wahr?« Wie erlöst sprang die Frau auf, und bittend flehte sie: »Ja, Monsieur Konrad, es ist so. Wenn es anders ist, sollen meine Kinder keine Mutter mehr sehen.« Nun wollte ich wissen, was sie von mir wollte.

Einen Brief abgeben an einen Landwirt in Erquinghem. Was der Brief enthalte, wollte ich wissen.

Das dürfte ich nicht erfahren.

Donnerwetter! Nun wurde mir schwummerig zumute. Ich wollte von der Sache nichts wissen. Aber die Verzweiflung der Frau machte alle meine Bedenken zunichte. Ich gab ihr mein Wort, den Brief zu überbringen. Bittend ersuchte sie mich, den Brief noch an diesem Abend abzugeben, während sie schon Anstalten zum Schreiben machte. Ich sagte zu, und nach einer halben Stunde konnte ich mich schon auf den Weg machen.

Die Ortschaft E. liegt ungefähr sechs Kilometer von H. entfernt. Ich kannte mich dort sehr gut aus, denn ein Freund von mir, den ich des öfteren besuchte, lag dort in Stellung; war doch der Ort schon im Bereich der Frontzone. Soviel ich mich jedoch erinnern konnte, waren keine Bewohner mehr da, und ich war auf die Schilderung der Frau angewiesen, welche mir das Haus des Landwirts genau beschrieben hatte. Allerlei Bedenken kamen mir, als ich in stockdunkler Nacht meines Weges ging. Sollte ich das Werkzeug eines Verrates werden? War doch in letzter Zeit viel von Brieftaubenspionage die Rede und wurden erst kurz vorher einige Franzosen deshalb verhaftet. Mein Herz schlug mir bis zum Halse, und je näher ich meinem Ziele kam, desto mehr wurde mir die Verantwortung klar, die ich auf mich genommen. Und da rang ich mich zu einem Entschluß durch. Ich mußte den Brief lesen. Entschlossen suchte ich meinen Freund in seiner Batterie auf und weihte ihn in den Vorfall ein. Dann öffneten wir den Brief. Glücklicherweise war er nicht versiegelt, und es war das Werk weniger Minuten, da lag der Brief offen vor uns. Keinerlei Anrede. In knappen Sätzen wurde der Spion ? denn der Inhalt machte alles klar! ? ersucht, auf schnellstem Wege die Mitteilung »hinüber« gelangen zu lassen, daß das Schulhaus unter keinen Umständen mit Bomben belegt werden dürfe, da sich in demselben ab »morgen« ein Lazarett befinde.

Nun wurde mir das Gebaren der Frau klar. Meine Nachricht hatte in ihr ein menschliches Rühren hervorgerufen; sie wollte nicht, daß unglückliche, kranke Menschen das weitere Opfer von Fliegerbomben werden sollten. Aber eine Verräterin war sie doch. War ich nicht schuldig, wenn ich diesen Brief an den Spion weitergab? Nein. Es war uns klar, daß dieser Brief und diese Meldung weitergegeben werden mußten. Aber ebenso klar war es für uns, daß dieser Spion entlarvt werden müsse. Ich war aber überzeugt, daß die Frau nur ein Werkzeug dieses Menschen, vielleicht gezwungen, war.

Gemeinsam machten wir uns nun auf den Weg zum »Landwirt«. Das Anwesen war gleich gefunden, denn dieser Mensch war tatsächlich der einzige, der in der zusammengeschossenen Ortschaft als Zivilperson anwesend war. Während ich nach längerem Klopfen Einlaß erhielt, stellte sich mein Freund auf Beobachtung. Der Landwirt hatte unheimlich kalte Augen, während sein Benehmen sehr zuvorkommend war. Mit einer kurzen Erklärung über meine Bekanntschaft mit Frau P. übergab ich ihm den Brief und entfernte mich dann wieder. Wohlweislich ging ich, ohne Verdacht zu erregen, wieder den Weg nach H. zurück. Wie mein Freund beobachtete, schlich mir der Franzose tatsächlich nach und ging erst zurück, als er annahm, daß ich wirklich auf dem Rückweg sei. Ich machte aber einen großen Bogen und gelangte über Felder und Gräben wieder zu meinem Freund.

Und nun lagen wir auf der Lauer, und zwar so, daß wir den hinteren Ausgang des Anwesens, welcher in den Hof zu den Scheunen führte, beobachten konnten. Stunden waren schon verflossen, als wir am Haus ein Geräusch hörten. Die Augen schmerzten uns von dem angestrengten Schauen, aber wir sahen doch, was wir wollten. Der Himmel kam uns sozusagen zu Hilfe, denn die Wolkenwand schien sich zu verdünnen, so daß ein lichter Schein von dem Mondviertel, welches am Himmel stand, genügte, um gerade noch zu sehen, wie eine Taube pfeilschnell über das Haus hinweg den Weg zur Front nahm.

Wir hatten unseren Beweis. Mein Freund gelobte mir Schweigen und überließ mir die weiteren Schritte zur Entlarvung dieses Menschen. Das Ende ist kurz gesagt. Der Batteriechef nahm meine Beobachtung, die ich, wie ich ihm versicherte, ganz zufällig machte, zur Kenntnis, und einige Tage darauf wurde der Mann ohne Aufsehen verhaftet. Allerdings wurde er nicht mehr auf frischer Tat ertappt. Was mit ihm geschehen ist, konnte ich nicht erfahren.

Wie sollte ich mich nun zu der Frau verhalten? Sie hatte an die hundert Kameraden von uns gerettet, obwohl sie auch die Ursache der Vernichtung gewesen wäre. Aber sie hatte sich als Mensch gezeigt in dem Augenblick, als es sich um Kranke handelte. Offen bekannte ich ihr, daß ich den Brief gelesen. Sie wurde kreidebleich und drohte ohnmächtig zu werden. In großer Erregung warf ich ihr das schmutzige Tun vor. Nur der Kinder wegen sähe ich von einer Anzeige ab; aber ich würde dafür sorgen, daß sie in Zukunft überwacht würde, und bei dem geringsten Verdacht werde sie verhaftet.

Nun aber beichtete sie mir, daß der Landwirt ihr Bruder sei und sie gezwungen habe, ihm alles Wissenswerte über Besatzung mitzuteilen. Ab und zu kam er zu ihr und holte sich die Neuigkeiten, um sie mittels Brieftauben weiterzugeben. Sie weigerte sich immer wieder; aber ihr Bruder drohte ihr mit Anzeige, wenn sie nicht gefügig wäre. So kam sie wider Willen in diesen Spionagedienst. Sie flehte mich auf den Knien an, ihr zu verzeihen und zu vertrauen, daß sie in Zukunft nichts mehr ihrem Bruder mitteile.

Nun, dafür war ja gesorgt, und ich war überzeugt, daß die Frau die Wahrheit sprach. Sollte sie für Vergangenes büßen? Mein Gewissen ließ es nicht zu. Bis heute habe ich über diesen Vorfall Schweigen bewahrt.

Konrad Adelmann, tech. Angestellter, Nürnberg.

Das Dampfbad

Es war in Russisch-Polen, in der Judengemeinde Opoèno, als ich das Stationskommando als Hauptmann übernahm. Gleich am ersten Tage kam feierlichst angerückt eine Abordnung von alten Juden, mit der Bitte, ihnen die Bewilligung zum Bau eines Dampfbades zu geben. Diese Bewilligung war ihnen zwanzig Jahre hindurch von der russischen Behörde versagt worden. Dies meldete mir ein jüdischer Feldwebel, und ich gab den Befehl, die Abordnung hereinzulassen. Bevor sich noch die Abordnung feierlichst im Zimmer versammelt hatte, trat ich ein und frug kurz:

»Was wollts?«

»E Bad,« ruft eine Stimme.

»Habts a Geld?«

»Joi!«

»Dann bauts!«

Und freudestrahlend war die Judengemeinde entlassen; und noch heute loben sie die »Wohltat« der Oesterreicher, die ihnen die rasche Bewilligung zum Bau des Dampfbades brachten.

Karl Linka, Drogerie-Besitzer, Brünn.

Madame Paternoster

Wir lagen im Frühjahr 1915 in einem größeren Flecken nördlich von St. Quentin als Bahnschutz. Von einigen Kameraden erfuhr ich, daß an einem Ausgang des Dorfes eine Frau ein kleines Wirtshaus mit Kramladen betrieb, daß man dort jederzeit ein gutes Glas Kaffee trinken könne ? und was den meisten die Hauptsache war ? die Frau nähme nie Bezahlung dafür. Ich wollte mich hiervon überzeugen und ging hin. Ich fand eine Frau, vielleicht vierzigjährig, mit einem acht- bis zehnjährigen Jungen, sehr beschäftigt, aber immer freundlich und lustig. Mehrere Kameraden saßen schon bei dem billigen Kaffee und aßen ihre mitgebrachten Delikatessen. Ich bestellte mir ebenfalls ein Glas und frug nach dem Preise. Er kostet nichts, meinte Madame. Ich fragte sie, ob sie so reich sei, den Kaffee, der damals schon drei bis vier Francs das Pfund kostete, verschenken zu können? Das sei sie nicht, meinte sie, aber es mache sie nicht ärmer. Ich ließ mir einen Kognak zu 10 Centimes geben, damit ich wenigstens etwas bezahlen konnte und sprach mit meinen Kameraden darüber, daß es doch nicht angängig sei, der armen Frau den Kaffee wegzutrinken, ohne sie wenigstens etwas zu entschädigen. Geld nähme sie ja nicht, aber ein Stück Brot oder Aehnliches würde ihr gewiß angenehm sein, da ja doch der Junge den größten Teil des ihr zustehenden Brotes mit seinem gesunden Appetit wegputze, so daß für sie oft nur wenig übrig bleiben möge. Meine Kameraden sahen dies auch ein und brachten ihr dann öfter eine Extrastulle mit, wenn sie dort Kaffee tranken, worüber die Frau stets sehr erfreut war, meistens sofort aß, aber stets für ihren Jungen ein Stück zurücklegte.

Am Pfingstmorgen 1915, der strahlend herausstieg, beschloß ich einen Morgenspaziergang zu machen und bei Madame zu frühstücken. Ich hatte einige Feldpostpaketchen mit Formkuchen aus der Heimat erhalten, packte ein Paketchen zusammen und spazierte los. Die Frau war schon tätig, als ich ankam und begrüßte mich mit freundlichem bon jour. Ich bestellte sogleich drei Glas Kaffee und ersuchte sie, mit ihrem Sohn mit mir zu frühstücken. Als sie die drei Gläser brachte, hatte ich den Kuchen bereits zerschnitten aus einem Teller liegen und bat sie, zuzugreifen. Sie sah es, stand vor dem Tisch und da rollten ihr vor Rührung die Tränen über die Wangen.

Eine Augenverletzung, die ich einige Tage später erlitt, machte meine sofortige Ueberführung nach dem Kriegslazarett St. Quentin nötig und hinderte mich an jeglichem Abschiednehmen. Am zweiten Tage meines Aufenthalts dort kam der im Saal die Aufsicht führende verwundete Feldwebel zu mir und sagte mir, eine Französin wäre draußen und wollte mich sprechen, was er machen solle? Ich sagte ihm, sie würde uns wohl nicht sehr schaden, er möge sie nur bringen. Er ging und brachte zu meinem Erstaunen die freundliche Wirtsfrau mit ihrem kleinen Buben an mein Bett. Mit tränenden Augen erzählte sie mir, daß sie von Kameraden erfahren hätte, daß ich hier in St. Quentin läge und sie wollte mich noch einmal sehen; sie möchte mir so gern etwas schenken, habe aber nichts und so möge ich dies annehmen. Dabei legte sie mir einen Schweizer Franken und fünf Sous auf die Bettdecke. Ich lehnte das Geld ab. Sie bat aber, es von ihr anzunehmen, da sie mir nichts anderes geben könne ? vous avez été toujours un bon camarade!

Ich habe sie nicht wieder gesehen, denn am dritten Tag schon ging es mit dem Lazarettzug nach Aachen, ich kenne auch den Namen der Frau nicht, die von den Kameraden einer abwehrenden Geste wegen, die sie mit gefalteten Händen machte, wenn die Späße etwas frei wurden, »Madame Paternoster« genannt wurde. Aber der Schweizer Franken ist noch heute in meinem Besitz, als Souvenir ? und erinnert mich daran, wie leicht es oft ist, von Mensch zu Mensch eine Brücke zu schlagen.

Alfred Fischer, Bürogehilfe, Frankfurt a. M.

Kleine Rettung

Champagnenächte, Frühjahr 1916, immer häufiger und grauenvoller französische Flugzeugangriffe auf Vouziers. Nacht für Nacht stürzt alles in die Keller, Schutz suchend, Schutz sich einbildend. Bewohnerschaft und Soldaten in drangvoll fürchterlicher Enge in kleinen stickigen Kellern, oft bis zum Knöchel im Wasser stehend. Allein, verlassen, wo alles sich in Sicherheit bringt, in dunkler Nacht: ein altes blindes französisches Fräulein. Das einzige Lebewesen, welches ihr nahestand, eine Henne, die letzte, die ihr geblieben. So floh sie in ihrer Angst an den Ort, den der Franzose le cabinet nennt. Deutsche Funker erfuhren davon und nahmen, rechts einer, links einer, die arme Blinde, um sie mit in den schützenden Keller der Nachbarschaft zu schleppen, während schon die Flugzeugbomben herniederprasselten.

Max Otto Geserick, Kaufmann, Auerbach i. V.

Der Feind kommt

In Frankreich wars, im Pas de Calais, in einem kleinen armseligen Dörfchen, ein paar Kilometer hinter der Front. Jede Nacht, vom Einbrechen der Dunkelheit bis zum Morgengrauen, hatten wir Dienst auf dem großen Wasserturm. Vor uns lag die Division. Ihre Lichtsignale mußten wir aufnehmen und sie telephonisch zum Stabe weiterleiten. Sieben, acht Stunden lang rauschte, flammte, zuckte ein magisches Feuerwerk in unsere Augen: Mündungsfeuer, Leuchtkugeln, Scheinwerfer, Minen, die ganze große Apotheose des Todes. Der Turm zitterte. Manchmal krachte eine Granate durch ihn hindurch. Aber er stand.

Wir sahen nicht die grausame Schönheit der flammenden Erde, wir durften sie nicht sehen. Wir sahen nur die gleichmäßig aufblitzenden, exakt arbeitenden Signale unserer Divisionsscheinwerfer, registrierten sie automatisch, langsam ermüdend, bis es allmählich graute, die Farben blasser wurden und die Dämmerung fahl heraufkroch.

Dann gingen wir fröstelnd und sanken todmüde auf unser Bett. Kein Trommelfeuer konnte den bleiernen Schlaf stören. Nacht für Nacht war das so.

Da, an einem Morgen, geschah es, daß etwas in meinen Schlaf hineinrief. Ich hörte eine aufgeregte Stimme. Aber die ging mich nichts an. Nur schlafen! Diese blöden Träume! Das Gehirn arbeitete weiter, die Lampen blitzten unter der Schädeldecke, die Leuchtkugeln irrten durch das Unterbewußtsein. Ich zuckte zusammen. Eine derbe Hand rüttelte an meiner Schulter. Worte stiegen aus dem Dunkel: » Monsieur! ? monsieur! Les Anglais!« Nur ganz langsam, widerstrebend kam das Bewußtsein: also die Engländer! Vor mir stand meine Quartierwirtin. Sie gestikulierte heftig mit den Armen. Mit beiden Füßen sprang ich aus dem Bett, nun ganz wach. Ein Blick auf die Dorfstraße gab Aufklärung: dort unten flutete alles in wirrem Durcheinander zurück. Batterien, Infanterie, Reiter, Kolonnen. Mitten hinein krachten die ersten Granaten. Geschrei, Kommandos, Fluchen, Verwundete, durchgehende Pferde, Staub, gelber, stickiger Dampf. Also wahrhaftig: die Engländer waren durchgebrochen.

Ich stand entsetzt. Das war ja unmöglich. » Vite, vite, monsieur, dépêchez vous!« Ja, sie hatte recht, meine Wirtin, ich mußte mich beeilen, wenn ich hier noch herauskommen wollte.

»Und Sie, Madame?« fragte ich, während meine Hände schon meine Habseligkeiten zusammensuchten und in die Packtaschen stopften.

Sie zuckte mit den Schultern. Dann streckte sie mir ihre Hand entgegen: » Au revoir, monsieur, et bonnes chances!«, sagte sie mit leise zitternder Stimme. Ich drückte ihre Hand: »Dank, Madame, auf Wiedersehen.«

In ihren Augen, die schon so viel Unglück, so viel Grausamkeit gesehen hatten, lag kein Hohn über die Niederlage des Feindes, keine Freude über die Befreiung von der fremden Besatzung, keine neue Hoffnung. Nur Mitgefühl lag in ihnen, Sorge um die Rettung ihres Pflegekindes, das ihr Feind war, und das Wissen um das Leid der gequälten Menschheit.

Ich sah sie nie wieder. Der Angriff ist damals schnell von uns aufgehalten worden. Die Front stand wieder. Das Dorf lag in Trümmern.

Dr. Walter Ehrlich, Arzt, Neukölln.

Zweimal Ostern

Wir kamen todmüde von der Stellung an der Putna. Das war ein langer Winter bei 25 bis 30 Grad Kälte, zwei Meter Schnee und schmaler Kost. Ausgehungert, zerrissen, verdreckt und verkrustet keuchten wir unseren Ruhequartieren entgegen. Einzelquartiere in einem rumänischen Bauerndorfe, das war uns lange nicht mehr passiert. Ich klopfte an das Haustor meines mir zugewiesenen Quartieres, wobei ich mich an den Planken festhalten mußte, sonst wäre ich umgefallen vor Müdigkeit und Elend.

Nicht lange, dann öffnete mir der Hausherr, ein kleines, aber knochiges Männchen. Hinter ihm stand seine Frau und die beiden Haustöchter im Alter von etwa sechzehn und zwanzig Lenzen. Freundlich, als seien wir alte Bekannte, gab er mir die Hand und prüfte zugleich meine rumänischen Sprachkenntnisse mit den Worten: » Nuschte Romaneschte?« Worauf ich ihm zu meinem Bedauern mit » Nuschte ? nuschte« antworten mußte.

Ich warf erschöpft meinen Affen vom Buckel und machte eine Handbewegung, was so viel heißen sollte wie: ich möchte trinken. Kaum hatte mein Quartierwirt verstanden, was ich wollte, da rannte er los, seine Weibsleute rannten ebenfalls, in der nächsten Minute schon stand die Aelteste, die Marina, wie ich bald erfuhr, mit einem Krug Wasser vor mir. Und gleich nachher kam auch mein Wirt, Georg Fulna mit Namen, und kredenzte schmunzelnd einen Steinkrug voll Wein, beständig lobend: » Bona vino, vino bona.« Unterdessen hatten sich Frau Georgize und die zweite Tochter Florika in der Küche, das heißt, es war Küche, Wohn- und Schlafstube zugleich, an die Arbeit gemacht und was soll ich sagen? Nach zehn Minuten schon saß ich bei einer Pfanne voll gebackener Eier, darüber kein Bajazzo hätte springen können. Mein Magen war ganz außer Rand und Band. Eier mit Speck, richtigem Speck und richtige Eier, nach einem Winter von 25 Grad minus, fast zwei Meter Schnee, Hammelbrühe und Saubohnen. Dabei stand die ganze Familie um mich herum und kicherte über meinen germanischen Appetit.

Gesättigt sah ich mich dann nach einem Nachtlager um. In der Stube standen nur zwei arme, sehr arme Bettpritschen. Also versuchte ich Zeltbahn und Wolldecke zurecht zu legen. Da gab es aber einen energischen Protest meiner Gastleute. Mit allen möglichen Zeichen versuchte mir Herr Fulna klar zu machen, daß ich das vordere Bett benutzen soll. Und wie er merkte, daß ich Bedenken hatte, knipste er beide Daumen zusammen und sagte wieder: » Nuschte ? nuschte.« Also legte ich mich ins Bett und wenig später, es war dunkel, ging Frau Georgize, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß ich gut zugedeckt war, mit ihrer Tochter Florika nebenan zu Bett.

Die nächsten Tage war wirklich Ostern, deutsche Ostern natürlich. Das waren Feiertage! Ich hatte alles, was ich brauchte. Morgens in aller Frühe kam schon die Florika und brachte heiße Milch an mein Bett und wurde rot und grüßte: » Bona Diminaza ?, Labtin bona,« was heißen sollte: »Guten Morgen, ich bring gute Milch!« Ich sprang von der Falle, grub eine Tafel Schokolade aus dem Tornister und gab sie mit einem wohlmeinenden Klaps der Florika. Es war die erste Tafel, die sie in ihrem Leben bekam. Wir waren bald dicke Freunde, die ganze Familie und ich. Ich bekam, wenn sie auf dem Felde war, den Hausschlüssel, hatte Zugang zum Hühnerstall, zum Rauchfang, an die Milchnische. Das warme Wetter brachte mir einen empfindlichen Muskelrheumatismus. Aspirin hieß es, wenn man sich zum Revier meldete. Dann konnte man wieder gehen. Frau Georgize machte mir Fußbäder, wickelte mich in Kolter, machte Umschläge, meine Mutter hätte es nicht besser gekonnt.

Und erst acht Tage nach Ostern. Ja, da war nämlich noch einmal Ostern bei uns, nämlich russisch-orthodoxe. Herrgott, tutet da am Samstag vorher der örtliche Polizeichef mit seinem Ochsenhorn im Dorf herum und kündet uns eine freudige russisch-orthodoxe Osterbotschaft. » Moine Diminiaza ona German Soldat rau« verkündete er nach allen Ortsrichtungen. Was das bedeuten sollte? Nur Geduld!

Am ersten Osterfeiertag russischen Datums in aller Herrgottsfrüh erscheinen Herr Georg Fulna, seine Frau Georgize und seine Töchter Marina und Florika vor meinem Bett und überreichen mir vier braun, wirklich braungefärbte Ostereier, mit vielen rumänischen Glückwünschen dazu. Und dann hole ich meinen Kaffee an der Feldküche. Aus jedem Haus kommt mit glänzenden Augen ein Mütterchen und überreicht uns Soldaten mit einem festen Händedruck und dem üblichen Morgengruß, » Bona Diminiaza« ein schön gefärbtes Osterei.

Wenige Tage später rückten wir wieder ab mit einem Mordsrespekt vor der Gastfreundschaft dieser armen, rumänischen Bauern. Keiner von uns hat die zweifachen Ostern 1917 und die rumänischen Ostereier vergessen.

A. Daus, Fechenheim.

Instanzenweg

Am 2. November 1914 war ich als Führer eines Sanitätstrupps in Nordfrankreich in Lille tätig. Ich war an diesem Tage morgens nach acht Uhr gerade von einem anstrengenden Nachtdienst zurück und so müde, daß ich mich, ohne zu frühstücken, etwas niederlegen wollte, als meine Ordonnanz mir meldete, eine junge französische Frau wolle mich in einer dringenden Sache sprechen. Ich war so müde, daß ich sie nicht empfangen wollte. Als aber meine Ordonnanz mehrmals kam und mir meldete, daß die Frau weine und mich anflehe, ihr Gehör zu schenken, ließ ich sie hereinführen ...

Sie erzählte mir nun, daß sie von Limoges nach Lille ? etwa 800 Kilometer Eisenbahn! ? mit ihrem zwei Jahre alten Kind gekommen sei, um ihren Mann zu suchen, von dem sie erfahren habe, daß er seinen linken Arm verloren und auf der Zitadelle in Lille sei, von wo er an einem der nächsten Tage als Kriegsgefangener nach Deutschland gebracht werden solle.

Ich erklärte ihr sofort, daß ich in diesem Falle machtlos sei und daß es wohl ausgeschlossen sei, daß ihr Mann nicht nach Deutschland gebracht würde. Da fing sie dermaßen an zu weinen und setzte mir dermaßen zu, daß ich mich, obwohl ich zwei Tage und Nächte nicht aus den Kleidern gekommen und daher todmüde war, doch erweichen ließ und ihr fest versprach, mich in der Sache umzutun.

Nach dem Frühstück begab ich mich zuerst auf den Nordbahnhof, wo die französischen Gefangenen sich schon befinden sollten, und ließ mir den Mann vorführen. Er hieß George François Devoux und war seines Berufes Anstreicher, ein junger, schmächtiger, sechsundzwanzig Jahre alter Soldat, dem der linke Arm amputiert war. Seine Leidensgenossen, von denen er einer der jüngsten war, waren hauptsächlich alte Landsturmleute.

Danach begab ich mich zu dem mir bekannten Bahnhofskommandanten, dem bayerischen Oberst Wopperer, dem ich den Fall unterbreitete und um Unterstützung bat. Sein Adjutant, Major Hunert, telephonierte dann mit der Kommandantur, wie vorauszusehen ohne Erfolg. Ich teilte dieses Resultat nun der vor dem Bahnhof wartenden Frau mit, die mich aber so flehentlich bat, doch nochmals mein Heil zu versuchen, daß ich nun persönlich mich zur Kommandantur und später zum Gouvernement begab, wo ich verschiedene Offiziere kannte. Auch diese Versuche waren vergebens. Auf dem Rückwege zum Bahnhof traf ich nun zufällig den Bahnhofsarzt, den bayerischen Stabsarzt Schön, mit dem ich durch unsere gemeinsame Tätigkeit auf dem Bahnhof sehr gut bekannt war, und erzählte ihm von dem Fall. Er wollte nun jedenfalls den Mann ansehen und war der Meinung, daß, weil Devoux doch nur einen Arm habe, vielleicht doch etwas zu erreichen wäre. Wir gingen nun nochmals zur Kommandantur, und ? was ich nicht für möglich gehalten hätte ? nach einer Viertelstunde hatten wir einen Paß für den Devoux, wonach er nicht nach Deutschland gebracht werden sollte, sondern mit Frau und Kind in Roubaix bei Lille wohnen sollte.

Die nun folgende Szene werde ich nie vergessen. Am Nordbahnhof, noch etwa eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges, wartete die Frau, und als ich ihr das glückliche Resultat mitteilte, war sie vor Freude nicht imstande, ein Wort zu sprechen oder mir zu danken. Ich bat sie, zu warten und eilte auf den Bahnsteig, wo die Gefangenen schon bereit standen, ließ Devoux heraustreten und verkündete ihm die freudige Botschaft, daß er nicht nach Deutschland ins Gefangenenlager müsse, sondern die Erlaubnis habe, mit seiner Familie in Roubaix zu bleiben. Auch er brachte kein Wort heraus. Dagegen liefen seine Kameraden, die alten Landsturmleute, mit Tränen in den Augen auf mich zu, um mir die Hände zu drücken.

Devoux wurde nun in einem Raum der Bahnhofskommandantur geführt, wo er aus seinem Tornister einen Cutaway und eine gestreifte Hose zog und sich umzog. Mit einem kleinen, grauen, runden Hütchen kam er heraus, verabschiedete sich von seinen Landsleuten und ging mit mir vor den Bahnhof, wo seine Frau ihn in Empfang nahm. Jetzt erst kam er dazu, mir zu danken, als seine Frau mir unter Strömen von Tränen die Hand drückte. Ich ließ die beiden dann zur elektrischen Bahn nach Roubaix bringen, froh, daß die zwei Menschen glücklich waren.

Peter von Chrustschoff, Karlsruhe.

Brief an die Feinde

Ich möchte wieder einmal in der Kathedrale in Laon sein, tief im Gestühl in einer Ecke sitzen, vor mich hindämmern, träumen, während oben auf der Empore das Largo von Händel mit Harfe, Orgel, Cello, Violine und ach ? einer so schönen Frauenstimme, gespielt und gesungen wird.

Ich möchte wieder einmal, wie damals im Kriege, von Franzosen, auf einer Liebhaberbühne (sie dürfte genau wieder so zusammengestippelt aussehen) den »Tartuffe« von Molière sehen. O, ihr Franzosen, romantisches Volk, ihr hattet doch damals noch weniger als wir Soldaten! Aber einen »Tartuffe« habt ihr gespielt ? Reinhart würde euch beneiden, hätte er gesehen, mit welch primitiven Mitteln ihr euch behalft und spieltet. Ach, die köstliche, die geschwätzige Dorine! Und ihr waret noch nicht einmal Berufsschauspieler!

Ich möchte wieder einmal einen Menschen so trösten können, wie jenen alten Franzosen, der mich auf der Landstraße anhielt und unter Tränen klagte, daß man ihm das Huhn, die »Lisette«, wie er sie nannte, gestohlen habe, von der wir sagten, daß es weder Huhn noch Lisette, sondern »Kochgeschirr-Aspirant« heiße. Mir gelingt das Trösten jetzt nicht mehr. Man ist aufgebraucht.

Ich möchte noch einmal in Longwy sein, bei jener Carmen, die aber keineswegs so gefährlich wie Mérimées Titelheldin war, aber so herzlich lachen konnte, mir Zwieback schenkte, weil ich magenkrank war und kein Kommiß vertrug. O meine Carmen, Miß Frankreich, um mit der heutigen Zeit zu reden, wo wirst du sein, wie geht es dir? Hast du deinen Albert, der damals gefangen im Sennelager war? Ich hoffe, es geht dir gut und du hast deine sechs Kinder, die Albert dir schenken soll, wie du es wünschtest.

Ich möchte noch dem Herr Maire von Laon danken, weil er mir »unter der Hand« das schönste Zimmer besorgte, das dort zu haben war: mit sauberem Bett, mit Sammetmöbeln, mit Sonne, am Pont dArdon, mit einer Aussicht, wie sie der Funkturm in Berlin nicht bietet. Ich möchte ihm danken. Für eine kleine Bandage an seinem Fuß schenkte er mir ein Königreich.

Ich möchte wissen, wie es dem Kinde geht, das, blau im Gesicht, halb erstickt, röchelnd, von seiner Mutter, atemlos, springend auf den Armen gebracht wurde. Ich weiß: das Kind bekam einen Luftröhrenschnitt und atmete sofort wieder. Die Bäuerin weinte vor Freude, brachte dem Arzt und mir Eier-Dinge, die sie am eigenen Munde abgespart; denn sie hatte selbst kaum das Nötigste. Wir nahmen sie nicht. »Ihr Kind braucht die Eier notwendiger,« sagte der Arzt. Die Bäuerin küßte uns die Hände.

Ich möchte das Grammophon in jenem kleinen Estaminet in Montmedy noch einmal hören, das immer nur ein- und dieselbe Platte spielte, weil keine andere zur Verfügung stand, und die in der Mitte einen Fehler hatte, auf welchem der Stift hängen blieb, die Platte sich aber immer weiter drehte, wobei man dann minutenlang hören konnte: »des Festes, des Festes, des Festes ...« bis eine gütige Hand der Schalldose über diese schwierige Stelle hinweghalf. (Es war das »Brautlied aus Lohengrin«, von einem deutschen Soldaten spendiert.)

Ich möchte jene kleinen Franzosenkinder aus Longuyon, jetzt zu Männern und Frauen herangewachsen, sehen, die sich damals mit Soldatenplunder behängten, im Gänsemarsch durch das Städtchen zogen und sangen:

Jeunesse di schuren teu proche teuten,
jeunesse di schuren, zo gomm nich meh ?

Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten,
Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.

Damals dachte ich: wartet, bis ihr soweit seid, dann sollt ihr Recht haben.

Ich möchte gerne wissen, wie es dem damals schwer Verwundeten geht, von dem ich nur weiß, daß er Gaston heißt und den ich in meiner Baracke hatte, ihn zu pflegen, zu verbinden, zu füttern, wie es eine Mutter mit ihrem schwerkranken Kinde tut. Ich möchte wissen, ob er sich noch an seiner Geliebten, seiner Marguerite, rächen will, die einen andern genommen hatte, weil jener ihr Spitzen und Pralinees kaufen, sie ins Theater und auf Tanzböden führen konnte, was ihm, Gaston, nie möglich war. Und weil dieser Liebhaber Schmisse im Gesicht hatte, die viel reizendere und liebenswertere Narben seien als die, die er, Gaston, habe, und zum mindesten nicht so gruselig seien. Ich will ihm, dem großen, schwarzhaarigen, ach so zerschossenen Jungen schreiben, daß er ein lieber Kerl sei.

Ich möchte gerne noch einmal jene bangen Minuten, kurz vor Aufzug des Vorhangs mitmachen, als ich zum ersten Male, als junger Mensch, ein halbes Kind noch, auf den Brettern stand, jenen denkwürdigen Abend in Remonville, an welchem der Grundstein zu meinem Berufe gelegt wurde und ich vor deutschen Soldaten und französischen Zivilisten Volkslieder zur Gitarre vortrug. Aber weshalb ich gerade dieses schreibe? Es hat damit eine Bewandtnis: ich wurde einige Tage darauf auf Umwegen zu einer französischen Familie gebeten, die ich an meinem ersten Abend unter den Zuhörern sah. Beim Eintreten in den Salon bemerkte ich, wie der Hausherr ein Gemälde von der Wand abhing und es mit der Bildseite gegen dieselbe stellte. Es war jenes Bild, auf welcher Rouget de Lisle seine eben komponierte Marseillaise vor dem Volke Frankreichs vortrug. Der Hausherr glaubte, das Bild störe mich ... Ich möchte dem Hausherrn und seiner Gemahlin für den gebotenen Imbiß heute noch einmal danken. Es hat mir selten so gut geschmeckt wie damals. Es waren Leckerbissen und russischer Tee, was sie sicher auf Umwegen durch Vermittlung des Roten Kreuzes in Genf erhalten hatten und nun ihrem Gaste, dem Deutschen, vorsetzten.

Ich möchte wissen, ob jene Madeleine eine große Sängerin wurde, die sie werden wollte und mich bat, zur Kommandantur zu gehen, um zu bitten, daß man ihr das Spinett, das doch den Soldaten nicht genug Krach mache, nicht requiriere. Für diesen Gang, der mir einen Verweis einbrachte, weil mich »anderer Leute Sachen nichts angingen«, sang mir Madeleine vollendet Glucks Arie: » che farò senz Euridice« vor. Sie begleitete sich auf dem dagebliebenen Spinett. Madeleine, bist du an der Großen Oper in Paris? Ich hoffe! Ich hoffe, daß man dir jeden Abend, wenn du dort singst, die Pferde deines Wagens ausspannt und dich umjubelt nach Hause zieht. Wo wohnst du? In den Champs-Elysées? Bist du die Rivalin der Mistinguette oder Yvette Gilbert, die ich hier nie versäume zu hören?

Ich wünsche, um mich klassisch auszudrücken, daß sich drüben neues Blühen aus den Ruinen erhebe, daß man meiner so denken möge, wie ich es tue für alle die, die mir Gastfreundschaft boten, die mich damals so wohlwollend behandelten, weil sie wußten, daß ich, um Schaden anzurichten, noch nicht fähig genug war; denn sie sahen, daß ich eben von der Mutter gekommen, daß man mich von der Schulbank weggeholt und ich der denkbar unbrauchbarste Soldat und so dumm war (ich gestehe es zu meiner Schande), daß ich nie begriff, wieviel Chargen vom Sanitäts-Soldaten bis zu Hindenburg noch erklommen werden müssen. Aber es drückt mich heute noch ebensowenig wie damals ? ich wollte ein schlechter Soldat, aber dafür ein um so besserer Krankenpfleger sein.

Gaston, du weißt es, du kannst es mir sagen, ob ich es war. Und du, Roger, Pierre, auch du, Maire von Laon! Ich grüße euch alle!

Karl Kleehammer.

Niemandsland

Die letzte Bitte

Herbst 1913 verbrachte ich während der Ferien eine Reihe Wochen in meinem Elternhause. Der Hauptlehrer meines Heimatdorfes hielt ständig französische Zöglinge. Unter ihnen lernte ich einen jungen Franzosen kennen, namens Hugo le Tortier. Er war Kriegsschüler in St. Etienne. Wir schlossen uns in diesen Wochen enger aneinander, machten Fahrten und Ausflüge. Wir blieben auch nach seiner Rückkehr im Briefwechsel bis zum Kriegsausbruch. Er wurde Leutnant in irgend einem Linieninfanterie-Regiment.

1918. Frühjahr. Im Marnebogen bei St. Mihiel. Vom freiwilligen Regimentsstoßtrupp war ein Patrouillenunternehmen vorbereitet. Es galt, auf kurzer Breite, den ersten und zweiten feindlichen Graben zu nehmen, seitwärts gegen Ueberfälle abzuriegeln und die Besatzung gefangen zurückzubringen. In kommender Nacht sollten wir in Stellung gehen, am nächsten Morgen bei anbrechender Dämmerung nach kurzer Feuervorbereitung hinaus.

Wir waren im Begriff, in der Kantine einen Abschiedsschoppen zu trinken, als mich der kleine Gefreite Koch aufsuchte. Es war mir aufgefallen, daß er ? sonst immer lustig, frisch und ein ausgezeichneter Soldat ? in den letzten Tagen merkwürdig gedrückt schien. Ein paar gelegentlichen Fragen war er ausgewichen. Nun saß er traurig bei mir ... »Morgen fall ich!«

Ich war starr, verwirrt; so brachte mich diese dumpf ausgesprochene Todesgewißheit aus der Fassung; brach aber schließlich doch in spottendes Lachen aus. Aber er ließ sich nicht beirren und überreden, blieb ganz erfüllt von seinen schweren Ahnungen. »Morgen fall ich ...!« Und dann erzählte er, daß er mutterseelenallein in der Welt stand. Aber durch ein Liebesgabenpaketchen hatte er vor einigen Monaten ein Mädchen aus Dortmund kennengelernt. Sie schrieben sich öfter; ihre Schicksale, Wünsche, Hoffnungen; schließlich tauschten sie ihre Bilder aus; und hatten sich so gefunden. In dem ihm nach der Patrouille zustehenden Urlaub wollte er zu ihr hin; und sie wollten sich verloben, trotzdem sie sich bisher nie gesehen hatten ... Mit Tränen in den Augen, daß mir das Herz brannte, nahm er mir das Versprechen ab, seiner Braut den Abschiedsbrief, den er mir übergab, mit einem schonenden Bericht über sein Ende zu senden. Seine wenigen Habseligkeiten, Briefe, ein paar Andenken, ein wenig Geld hatte er schon in einem postfertigen Paketchen verschnürt. Ich sollte es seiner Braut übermitteln, wenn ich in Urlaub fuhr ...

3 Uhr früh im Sturmstollen! Die letzte Ordonnanz war schon da. Zum dritten und letzten Mal hatten wir die Uhrzeit kontrolliert. »Achtung, noch 8 Minuten!« Droben donnerte und krachte es. Da polterte noch einmal jemand die Treppe herunter. Ich schaue hin ... Koch! Er lag im Nachbarstollen. Und noch einmal beschwört er mich ... schreiend in dem herabschallenden krachenden Getöse: »Du ? schreib aber! Ich hab dein Wort! Wenn ihr mich nicht mitnehmen könnt ? ich habe einen Brief in der Tasche, daß sie dir Nachricht geben ? schreib ihr ? schreib ...!« Dann war er wieder fort. Und zwei Minuten später ein schmetternder Schlag. Der Drahtverhau vor unseren Stolleneingängen flog in die Luft, und wir sprangen, Pistole in der Faust, die Stollentreppen hinauf und auf die Sturmleitern, daß die Sprossen krachten ... Unter den dreiundzwanzig, die nicht lebend heimkamen, war Koch. Alle andern wurden zurückgebracht. Er allein fehlte. Vermißt! Wo blieb er? Wer hat ihn fallen sehen? Wer hat ihn überhaupt zuletzt gesehen ...? Ich mußte den Brief nach Dortmund schicken mit meinem schwachen Trost ... Vermißt ...

Drei ? vier Wochen später. Mit unbekannter Handschrift kommt ein Brief an mich; aus der Schweiz, vom Roten Kreuz. Ein Bogen fällt heraus, und eine runde Marke.

»Herr Kamerad! Ich erfülle den letzten Wunsch Ihres toten Kameraden Koch. In seiner Tasche trug er einen Brief, in dem er den französischen Kameraden, der ihn auffindet, bat, Ihnen Nachricht über seinen Tod und sein Grab zu senden, daß Sie es seiner Braut berichten können. Ihren Kameraden Koch haben wir zwölf Uhr mittags, als Sie die Stellung wieder verlassen hatten, vor unserer zweiten Linie, durch Brustschuß schwer verwundet, bewußtlos aufgefunden. Nachmittags vier Uhr ist er in B. hinter der Front, ohne das Bewußtsein erlangt zu haben, gestorben. Dort auf dem Friedhof ist er im Einzelgrab beerdigt. Sein Name ist verzeichnet auf dem Kreuz. Seine Marke füge ich bei. Seinen Brief behalte ich als Andenken.

H. le Tortier, Kapitän.«

Nachschrift: »Mein lieber Freund! Wenn Du wirklich mein alter Freund aus R. bist, dann grüße ich Dich. Mit Wehmut gedenke ich heute der frohen Stunden, die wir zusammen verlebten. Wir stehen in getrennten Lagern. Der Himmel mag verhüten, daß wir uns begegnen, und soll es doch geschehen, dann laß auch Du es nur als Freunde sein ...

Dein alter Hugo.«

Richard Zils, Berufsschuldirektor, Frankfurt a. M.

Ein Tommy

Auf unserem Kompagnieabschnitt war der Angriff abgeschlagen. Und doch war unser Schicksal besiegelt. Jenseits der Straße war die Linie vollständig durchbrochen. Unser Versuch, die Durchbruchsstelle vom Straßendamm aus zu flankieren, mußte nach kurzer Zeit wegen dauernder Verluste aufgegeben werden. Unser Häuflein ward kleiner und kleiner. Um acht Uhr beobachteten wir den Abtransport unserer gefangenen Kameraden aus der zweiten Linie, die von den Engländern von der linken Flanke aus aufgerollt worden war. Wir hatten keine Hoffnung mehr!

Gegen neun Uhr bewegten sich zwei Gestalten von der zweiten Linie kommend auf uns zu. Zwanzig Gewehrläufe hoben sich, aber ein Unteroffizier winkte ab. Es war ein Engländer, der einen Gefangenen zurückbringen wollte, offenbar aber von unserer Existenz keine Ahnung hatte. Plötzlich warf der Deutsche die Arme hoch und brach in die Knie. Deutlich konnten wir die Kugeleinschläge um die beiden wahrnehmen, während die Schützen verborgen blieben. Was tat der Tommy? Ohne sich zu besinnen, packte er den Zusammengesunkenen und, des Geschoßhagels nicht achtend, schleppte er ihn weiter. Und wir? In atemloser Spannung, alles andere vergessend, hatten nur den einen Wunsch: Schicksal, verschone ihn! Laß ihn leben!

Da wurde er uns gewahr! Vor Schreck ließ er den Verwundeten fallen, hob ihn über sofort wieder auf ? und überreichte uns sein Gewehr. Der Verwundete, ein Kamerad der 4. Kompagnie, hatte einen Bauchschuß; er starb in der folgenden Nacht in dem einzigen Stollen der Stellung unter der Straße.

Am Nachmittag wurde unser Graben durch Minenfeuer ganz zerstört. Mancher Kompagniekamerad starb im Feuer, kein Verwundeter konnte in Sicherheit gebracht werden. Unser Tommy, ein Sergeant eines Londoner Regiments, der mutige Kamerad und Retter, erlebte mit uns eine schreckliche Nacht auf der Treppe, die in den Stollen führte, aus dem das Wimmern der Sterbenden drang. Wie durch ein Wunder blieben wir unentdeckt, obwohl englische Sanitätssoldaten bei der Suche nach Verwundeten oft in unsere nächste Nähe kamen. Am 4. Mai, morgens gegen neun Uhr fielen wir einer starken englischen Abteilung in die Hände. Wir waren Kriegsgefangene ? und unser Tommy war frei!

Martin Meurer, Schriftsetzer, Weilburg a. L.

Warnung vor Kopfschuß

Unser Aufenthalt im Graben wurde durch feindliche Scharfschützen sehr unangenehm gemacht. Besonders die Beobachtungsposten hatten sehr darunter zu leiden. Kopfschüsse waren an der Tagesordnung, nicht zuletzt auch deshalb, weil es die Posten oft selbst an der nötigen Vorsicht fehlen ließen und den Kopf zu weit hinausstreckten. In meiner Eigenschaft als Zugführer und Rondeoffizier hatte ich den Posten in Sappe 4, den Infanteristen R., schon mehrmals gewarnt. Zu meinem nicht geringen Entsetzen fand ich ihn eines Tages auf einem Kontrollgang durch Kopfschuß schwer verwundet im Graben liegen. Krampfhaft hielt er in der Hand einen Zettel, und neben ihm lag ein Päckchen französischen Tabaks.

Auf dem Zettel stand in französischer Sprache eine Warnung des Inhalts, der deutsche Kamerad (unser Infanterist R.) möge etwas vorsichtiger sein und seinen Kopf nicht so weit hinausstrecken. Der Schreiber der Warnung, der gegenüberstehende französische Posten, würde ihm zwar nichts zuleide tun, aber es käme von Zeit zu Zeit ein französischer Scharfschütze durch den Graben, der es auf die deutschen Posten besonders abgesehen habe. Dies stand auf dem Zettel ... Anscheinend wollte Infanterist R. den aufgehobenen Warnungszettel erst nach seiner Ablösung abgeben und übersetzen lassen. Nun war es zu spät. Denn inzwischen ist wohl der Scharfschütze gekommen und hat den deutschen Posten durch Kopfschuß erledigt. Infanterist R. starb auch daran, ohne noch Mitteilung über den Hergang machen zu können. Die so gutgemeinte Warnung des edlen Gegners hatte das Schicksal nicht verhüten können.

Melchior Baptist, Hauptlehrer, Lindau-Reutin.

Friends

Südlich von Metz gab es amerikanische Gefangene. Der eine war im Gesicht verwundet und hielt mit der Hand und etwas Verbandszeug seine verletzte Backe zusammen. Unausgesetzt schrie er nach seinem Freund, den er offenbar vermißte und im Durcheinander der Kampfhandlung verloren hatte. Er war aber dabei nicht irrsinnig, wie man leicht annehmen mochte, sondern bei vollem Bewußtsein, das ihn hindrängte zu seinem Freunde. Ueberall rannte er herum, suchte und stürmte nach unseren rückwärtigen Stellungen bei voller Bewaffnung, und niemand trat ihm entgegen, denn er suchte ja seinen Freund.

Erwin Eberlin, Sekretär, Freiburg i. Br.

Das Kätzchen

Unsere Kompagnie lag am »Franzoseneck« vor Compiègne. Es war von der Division der Befehl gegeben worden, einen Gefangenen zu machen, um festzustellen, welche französische Truppe in unserem Frontabschnitt gelegen sei. Es wurde bekannt, daß noch eine letzte Schleichpatrouille zu machen sei, falls diese wieder resultatlos endigen sollte, müsse eine gewaltsame Erkundigung stattfinden, um Gefangene, tot oder lebendig, zu machen. Unter den Soldaten dieser Patrouille befand sich auch ein junger Kandidat der Theologie, Musketier K. Dieser, der geläufig französisch sprach, über ein paar kräftige Arme dazu verfügte, war unsere größte Hoffnung. Sein getreuer Eckehart, ein ostelbischer Bauernsohn, gleichfalls mit einem Paar kerniger Fäuste ausgestattet, gehörte dazu. Diesen beiden glückte es denn auch, an einer kleinen vorspringenden französischen Sappe unbemerkt in deren Graben einzudringen. Sie begannen sich gerade flüsternd zu unterhalten, was beginnen, als sie plötzlich im Vordergrund der Sappe eine Bewegung einer menschlichen Gestalt feststellten.

Es war ein französischer Soldat, der dort verharrt hatte. Auf den Franzosen zustürzen, der durch den Lärm in seinem Rücken herumfuhr und vor Schreck in die Knie sackte, und dessen mit Todesblässe überzogenes Gesicht der eben hervorbrechende Mond gespenstisch beleuchtete, und ihn an die Kehle fassen, um jegliches Hilferufen zu unterbinden, war für Musketier K. eins. Der Posten hatte gerade noch Zeit, ein geröcheltes: » O bon camarade« auszustoßen, da schwieg er schon stille. Musketier K. lockerte seinen Griff, nachdem er sich mit seinem verwundeten Kameraden darüber verständigt hatte, daß nun dieser den Gefangenen halten solle. Er raunte dem Beängstigten noch zu, daß ihm nichts Böses geschehen werde; nur solle er den Mund halten und sorgen, daß er hurtig mitkomme. Alsdann sprang K. auf die Deckung hinaus, ergriff den Gefangenen an den aufgerollten Achselklappen und zog ihn zu sich hinauf. Sein Kamerad folgte ihm so gut und schnell es ging mit dem zerschossenen Arm. Dann hielt dieser wieder den Gefangenen und K. kletterte über den Drahtverhau der Franzosen hinüber. Dann faßte er den Gefangenen wieder an den Achselklappen und zog ihn zu sich hinüber und im Hui gings zurück über Niemandsland zum deutschen Graben hin. Unser Franzmännchen vorneweg im Galopp. Plumps knallte er in unseren Graben hinein direkt vor die Füße des deutschen Postens, der verwundert den Gast betrachtete. Diesen erblicken, auf ihn zu eilen, war für unseren Gast das erste. » O, bon camarade,« jubelte er, » la guerre est finie pour moi.«

Die Freude in der Kompagnie über den gelungenen Zug war natürlich groß. K. und sein Kamerad waren die Helden des neuen Tages, der oben heraufstieg. Mit diesem neuen Tage, der zu uns kam, kam noch etwas anderes über Niemandsland zu uns auf Besuch. Ein allerliebstes kleines Kätzchen kam leise miauend angewieselt. Der erstaunte Posten, der ein großer Katzenfreund war, nahm sich des seltenen Wesens, das da in rührender Hilflosigkeit über Schlachtfelder taumelte, liebreich an. Er streichelte und hätschelte es, wie es nur einer kann, der lange nicht mehr seine Hand auf so ein zartes Gebilde legen konnte, und keine Gelegenheit zu Zärtlichkeiten fand.

Mitten im Streicheln, das unser Kätzchen leise und glücklich schnurrend hinnahm, bemerkt der Soldat eine starke Schnur, die um den Hals des Tierchens gezogen ist. Nanu, denkt er, ist das mit Absicht geschehen? Man schmückt doch kein so zartes Kätzchen mit so einer Packkordel! Richtig, woher sollte das Tierchen kommen, wenn nicht aus der französischen Stellung, da deutscherseits keine Katzen gehalten wurden, und die menschlichen Wohnungen so weit, weit zurücklagen. Aha, das scheints zu sein. Ein Stück Pappe ist in die Schnur eingewickelt und ragt gleich hinter dem einen Oehrchen des Kätzchens heraus. »Eine Botschaft vom Franzmann« zuckt es dem Posten durch den Sinn.

»Nanu,« meint der Unteroffizier, der soeben am Posten vorbeikommt, »was hast denn du da für etwas Seltenes geangelt?« »Hast du kein Messer?« fragte der Posten zurück, »ich glaube, da haben wir eine Botschaft vom Franzmann bekommen.« Die Kordel wird zerschnitten, die Pappe aufgerollt. Richtig, eine mit Bleistift geschriebene Mitteilung wird sichtbar, folgenden Inhaltes:

» Chers Camarades! Ihr habt einen guten Kameraden von uns gefangengenommen. Hoffentlich befindet derselbe sich wohl. Wir sind euch allen sehr gut gesinnt, und wir begrüßen euch auf das Aufrichtigste.«

Ohne die Sache an die große Glocke zu hängen, als Kameraden zu Kameraden, als Poilus zu Poilus, wurde die Antwort auf französisch postwendend bzw. »kätzchenwendend« gegeben wie folgt:

» Chers Camarades! Es stimmt, daß wir euren Freund gefangen genommen haben. Er ist unverwundet und soweit wir unterrichtet sind, wohlauf. Auch wir sind gute Jungens, und wir erwidern eure Grüße ebenso aufrichtig.«

Diese Antwort wurde unserem Kätzchen wieder angehängt, das der arme Posten mit Wehmut scheiden sah. Es wollte nicht direkt, aber als wir schweren Herzens ihm durch einige Handvoll Erde nachgeholfen hatten, hupfte es im Wirbelwind davon, und wenige Augenblicke nachher verkündete ein Freudengeschrei von drüben, daß der Bote wieder glücklich gelandet sei. Die Idylle war beendet.

Knapp eine Stunde nachher lagen die beiden Stellungen wieder unter schwerstem Feuer eingedeckt, das Mordgespenst Krieg ging wieder um ... Aber eine Mutter drüben in Frankreich würde bald wieder freudig werden ...

Willy Dohmen, Rölsdorf bei Düren.

Bei Ypern

Es war am 23. April 1915 beim Angriff auf den Ypernbogen. Trommelfeuer und Ablassen von Gas leiten den Angriff ein. Steenstraate wurde gestürmt, der Angriff auf Lizerne angesetzt. Jetzt setzt der Gegner zur planmäßigen Abwehr ein. Schwerstes Artillerie-, Maschinengewehr- und Minenfeuer bringt den Angriff zum Stehen. Da werde auch ich am Ausgang von Steenstraate schwer verwundet. Dreißig Meter vor uns liegt der Gegner, hilflos liege ich auf der blanken Erde, links von mir der Freiwillige Veerhof aus Bremen mit Kopfschuß, rechts von mir ein Freiwilliger aus Holstein mit schwerem Schulterschuß. Ein Eingraben war unmöglich, lagen wir doch auf steinigem Unterboden; ehemals mag wohl hier ein gepflasterter Hof gewesen fein. Doch ich muß raus aus dem Hexenkessel. Endlich raffe ich mich auf, um nach einer etwa fünfzehn Meter hinter uns auf einer kleinen Anhöhe liegenden Häusergruppe zu kriechen; für mich eine Qual, war ich doch am gesamten Unterkörper völlig gelähmt: Rückendurchschuß. Endlich bemerken mich Kameraden einer Maschinengewehr-Gruppe. Aus der Häusergruppe aber kam unser Nachschub, und deshalb liegt sie unter schwerstem feindlichen Maschinengewehr-Feuer. Doch ich habe Glück. Kein Schuß trifft mich. Die Kameraden des Maschinengewehrs bauen mir nun zu ihrem eigenen Schutze einen Damm aus Sandsäcken entgegen, ziehen mich dann hinter diesen Wall, um mich endlich in ein in der Häusergruppe befindliches Haus zu bringen.

In einem zu ebener Erde gelegenen Raume legen sie mich nieder. Ungefähr fünfzehn bis zwanzig Mann, durchweg alles Schwerverwundete, sind schon hier untergebracht; darunter zwei Kompaniekameraden, und zwar ein Landwehrmann Wolfgram aus einem pommerischen Dorfe und ein Kriegsfreiwilliger David aus Stargard. Die Nacht ging rum. Der Tag kam; es wird Mittag, aber niemand denkt an uns. Kein Essen, kein Wasser, dazu ein wahnsinniger Durst. Ein Sanitäter, der sich wohl nach hier einmal verirrte und der von uns flehentlich um Wasser gebeten wird, gibt uns die Antwort: »Ich kann keins beschaffen« ? und mit diesen Worten verschwindet er wieder.

Da setzt der Franzmann wieder mit auch für die damaligen Verhältnisse geradezu furchtbarem Artilleriefeuer ein und rasiert uns das Dach über dem Kopf weg. Ein Offizier verirrt sich zu uns. Wir bitten ihn, uns doch aus der Feuerlinie bringen zu lassen. »Ach was, hier liegt ihr vorläufig mal gut,« war die Antwort. Es mag möglich sein; denn wir können die Lage da draußen von unserem Lager aus nicht beurteilen. Da kracht ein schwerer Einschlag direkt vor unserer Fensterhöhle; vom Dreck werden wir halb zugedeckt; Schreie, Stöhnen. Unser Offizier verschwindet mit einem Satz durch die Türe und wird nicht mehr gesehen. Aber noch lebe ich, und mit mir meine beiden Regimentskameraden. Da, vier Einschläge schwerer amerikanischer Brisanzgranaten durch die Wand und die Decke durch; Qualm, Rauch, Schreien. Ein furchtbarer Schmerz in meinem rechten Bein; ich weiß noch, daß ich aufschreie und falle, und dann verläßt mich das Bewußtsein.

Im Keller des Hauses komme ich wieder zu mir und sehe, daß Wolfgram und David auch hier wieder meine Nachbarn sind. Die drei einzig Ueberlebenden; alles andere ist tot. Gottlob, also wenigstens nicht allein. Dabei noch zwei unverwundete, aber leicht gaskranke Franzosen. (Es war der erste Gasangriff des Weltkrieges.) Also Feinde. Hier aber wurden diese Leute zu unseren Engeln. Wolfgram hatte oben einen schweren Granatsplitter in die Brust erhalten, er litt furchtbar. Trotz aller Mühe, die sich die beiden Franzosen mit ihm gaben, verschied er bald darauf. David hatte einen zerschmetterten Fuß, ich selbst außer meinen alten Verwundungen einen Splitter im rechten Schienbein und einen weiteren im Rücken. Daß mein rechtes Gehör ebenfalls futsch war, merkte ich erst später. Und was unser deutscher Sanitäter nicht fertig gebracht hatte, brachten unsere beiden Feinde fertig; sie verschafften uns Wasser. Wars auch kein Quellwasser, so war es immerhin seit zwei Tagen der erste Tropfen. Weiterhin befanden sich in diesem Kellerraume auf der Erde zwei Sprungfedermatratzen und außerdem an der einen Wand ein Sofa. Liebevoll verbanden uns die beiden Gegner, zum Teil mit ihrem eigenen Verbandszeug; sie betteten uns auf die Matratzen; ich selbst zog nachher auf das Sofa um. Sie fütterten uns mit ihren eigenen, wenn auch trockenen Brotresten, und die zwei letzten Zigaretten, die sie hatten, brachen sie auseinander, so daß wir alle vier etwas zu rauchen hatten. Die zweite Nacht bricht herein, alles ist dunkel, nur draußen brennt es.

Wahnsinniges Maschinengewehr- und Minenfeuer, doch keiner weiß, was los ist. Hatte ich Angst oder nicht, ich weiß es nicht mehr. Es geht auf den Morgen zu; die Feuertätigkeit draußen steigert sich aufs äußerste; Stimmengetöse; da, ein Befehl: »Alles zurück!« »David!« schreie ich, »sie gehen zurück. Raus, oder wir kommen in Gefangenschaft.« Alles, aber nur das nicht. Ich wälze mich von meinem Sofa runter durch den Keller auf die Treppe zu. David bleibt zurück und kommt später dann auch tatsächlich in Gefangenschaft. Ich krabbele, so gut ich es mit meinen lahmen Beinen vermochte, ungeachtet der Schmerzen die Treppe hoch. Halb bin ich oben, da verläßt mich die Kraft, und ich rutsche wieder zurück bis nach unten. Doch jetzt kommen mir die beiden Gegner zu Hilfe, und mit ihrer Hilfe komme ich nach oben.

Doch nicht unsere Leute gehen zurück, sondern es ist ein Gefangenentransport von einigen hundert Mann, die nach rückwärts abtransportiert werden. Der Abtransport geht über einen schmalen, von unseren Pionieren über den Yserkanal geschlagenen Laufsteg vor sich. Mittlerweile ist es hell geworden, und der Gegner, der sieht, was vor sich geht, belegt diesen Steg und damit seine eigenen, wenn auch gefangenen Leute mit schwerem Artilleriefeuer. Nur einzeln und im Laufschritt wird der Steg von den Gefangenen passiert.

Was aber machen nun meine beiden französischen Kameraden? Wohlbewußt sage ich hier »Kameraden«, denn für mich waren es keine Gegner mehr, nein: Freunde! Sie verschränken die Arme, nehmen mich darauf, und ungeachtet des Artilleriefeuers gehen sie mit mir, behutsam auf meine Schmerzen und Verwundungen Rücksicht nehmend, langsam über die Brücke. Hier trennten sich unsere Wege. Sie in die Gefangenschaft und ich nach dem Verbandsplatz, dem sogenannten »Kuhstall« bei Bixschoote. Leider habe ich verabsäumt, mir ihre Anschriften geben zu lassen. Mein Dank hätte ihnen gebührt.

Emil Ehnes, techn. Angestellter, Kassel.

Im Granatloch

Am 1. Dezember 1917 bei der Schlacht bei Cambrai, mittags gegen 2 Uhr, gab ich einem jungen etwa 21jährigen Engländer, der erschöpft in einem mit Wurfgranaten gefüllten Loche gesessen, meinen größten Teil Kaffee, nachdem ich ihn aus dem Loche gelockt habe, da ich ja nicht wußte, aus welchem Grund er sich ausgerechnet auf die Unmasse Granaten gesetzt hatte. Möchte noch hinzufügen, daß ich ohne jeden Orden aus dem Krieg, den ich viereinhalb Jahre mitmachte, hervorging. Die Namen der Orte weiß ich nicht mehr, links von Cambrai.

R. L.

Gehorsamsverweigerung

Bis zum 18. September 1918 lag das Leib-Grenadier-Regiment 8 in schweren Abwehrkämpfen auf den Steilhängen von Jouy (Jouy-Riegel). Auch am 16. September nachmittags griff der Franzose nach dreistündiger Artillerievorbereitung mit starken Kräften unsere Stellung an. Die Franzosen wurden aber durch die 3. Maschinengewehr-Kompanie in den späten Nachmittagsstunden zum Zurückgehen gezwungen. Von den vereinzelt am weitesten vorgedrungenen Franzosen wurde unsere Gewehrbesatzung nach dem Angriff auf das Jammern eines Verwundeten aufmerksam gemacht. Er lag vor uns in einer tiefen Schlucht und rief ohne Unterbrechung: » Camarade, camarade ...« was uns nach dem Tosen des Angriffs in der eingetretenen Stille keine Ruhe finden ließ. Richtschütze Grüger und Schütze Zielicke vom 3. Zug der 3. Maschinengewehr-Kompanie baten ihren Gewehrführer E., den Verwundeten holen zu dürfen, was beiden mit einigen kurzen Befehlsworten ohne Begründung untersagt wurde.

Es war Nacht. Unser Frontabschnitt war ruhig. Nur das bis ins Mark dringende Rufen und Klagen blieb: » Camarade, camarade ...« An Schlaf war nicht zu denken. Gegen drei Uhr morgens machten sich Grüger und Zielicke trotz Verbots auf die Suche nach dem Verwundeten. Nach längerem Suchen in der Finsternis fanden sie ihn. Es war ein französischer Feldwebel. Er hatte einen Gewehrschuß durch beide Oberschenkel. Als sie bei ihm knieten, hielt er seine Retter krampfhaft fest und klagte: »Deutsche camarade, la guerre finie ...« (Deutscher Kamerad, Schluß mit Krieg). Er bot aus Dankbarkeit all sein Geld, Schokolade, Oelsardinen, eben alles, was er hatte, bereitwilligst an, was sie aber auf seine eigene Bedürftigkeit hin ablehnten. Die vier Zipfel der Zeltbahn wurden zusammengebunden, ein nach einigem Bemühen gefundener Ast durchgesteckt, der Verwundete hineingelegt und los gings ? seitwärts von unserer Gewehrbesatzung in einen Sanitäts-Unterstand. Beim Transport stürzten sie über von Granaten zerrissene Bäume und in Granatlöcher, wobei der Verwundete gräßliche Schmerzensschreie ausstieß. Hierdurch wurde ihr Gewehrführer aufmerksam und bemerkte ihr Fehlen.

Inzwischen hatten sie den Verwundeten abgeliefert. Unter den schon Anwesenden befand sich auch ein französischer Kapitän, der sofort bei seinem Anblick lebhaft mit ihm sprach. Hieraus entnahmen wir, daß sie sich kannten, was uns der Offizier auch gleich in gebrochenem Deutsch bestätigte. Voller Freude gab er uns Zigaretten und unter Händeschütteln versicherte er seinen Dank für die Hilfeleistung, die seinem Kameraden zuteil wurde.

Als beide Schützen glücklich in ihre Stellung zurückkamen, gabs eine große Strafpredigt vom Gewehrführer E. wegen Gehormsamsverweigerung und Melden. Zum Melden ist es aber nicht mehr gekommen, denn er fiel einen Tag später verwundet in französische Gefangenschaft. Der verwundete Franzose kam am nächsten Tage durch erfolgreichen Angriff wieder zurück zu den Seinen.

Hugo Zielicke, Arbeiter, Döllensradung.

Lektüre an der Front

Es war am 26. Februar 1915. Wir, also das 1. Batl. des 2. sächs. Grenadier-Regt. Nr. 101, lagen im Schützengraben, rechts von Reims zwischen Berry au Bac und La Ville aux Bois. Die zweite Kompagnie, welcher ich angehörte, stand am linken Flügel des Regimentsabschnittes. Die gegnerischen Gräben lagen etwa 80 Meter auseinander. Vor unserem Graben hatten wir ein fünfzehn Meter breites Drahtverhau. Um nun vor Ueberraschungen geschützt zu sein, wurden während der Nacht Horchposten vor das Drahtverhau gelegt, denn damals gab es noch keine bis vor das Drahtverhau vorgetriebene Sappen. Ich hatte die letzte Ablösung und löste um fünf Uhr meinen Kameraden ab. Der Befehl lautete: Das Herannahen vom Feinde soll durch drei hintereinanderfolgende Schüsse bekannt gegeben werden, und nur bei Morgengrauen war der Horchposten zu verlassen.

Ich lag nun draußen, fror erbärmlich und langweilte mich sehr, denn es war größte Ruhe, und vom Feinde war nichts zu merken. Trotz dicker Handschuhe fror ich auch bald an den Händen und steckte diese abwechselnd in die Manteltaschen. Dabei wurde ich an meine vier Briefe erinnert, welche ich in der Nacht nach vierzehntägiger Postsperre erhalten und vorerst in die Manteltasche gesteckt hatte. Ich nahm mir vor, diese zu lesen, sobald es hell wurde. Endlich graute im Osten der Morgen. Meine Pflicht war es nun, noch etwa 15 Minuten zu warten und mich dann in den Graben zurückzuziehen.

Doch ich konnte es nicht erwarten, den Inhalt meiner Post zu erfahren und hatte schon im Dunkeln alle Briefe aufgerissen. Als ich dann einigermaßen lesen konnte, hatte ich meine Umgebung vergessen und las einen Brief nach dem andern. Den Brief meiner Mutter hatte ich mir für zuletzt aufgehoben. In ihm lag eine Photographie meiner Mutter. Wie ich so ihre lieben Züge betrachtete und wahrnehmen mußte, wie verhärmt und gealtert meine Mutter seit unserem Abschied aussah (was ja auch kein Wunder war, denn sie hatte außer mir noch drei Söhne an der Front), überkam mich auf einmal das Gefühl, als wenn mich jemand beobachtete. Und als ich aufschaute ? es war inzwischen taghell geworden ? kniete wahrhaftig ein Franzose, das Gewehr im Anschlag auf meinen Kopf gerichtet, höchstens dreißig Schritte halblinks von mir entfernt hinter dem Gestrüpp des Miettebaches.

Ich war tief erschrocken, schon mehr tot als lebendig, und nicht imstande, auch nur den kleinen Finger zu bewegen. Nie wieder werde ich die Sekunden vergessen, wo ich in die Mündung des feindlichen Gewehrs blickte, nur noch wartend, bis der Franzmann abdrückte. Ich war ja selbst daran schuld; meinen Leichtsinn konnte ich jetzt mit dem Tode bezahlen.

Doch nichts von alledem geschah. Als der Franzmann sah, daß ich keine Anstalten machte, mich zu wehren, senkte er das Gewehr, winkte mir freundlich zu, lächelte und verschwand in dem dichten Unterholz.

Warum hatte der Franzmann nicht geschossen? war mein erster Gedanke, den ich fassen konnte. War wieder eine feindliche Patrouille unterwegs und er wollte durch Schießen sich und seine Kameraden nicht verraten? Doch nein, diesen Gedanken verwarf ich wieder, als ich mich des gutmütigen Antlitzes des älteren Franzosen, ich schätzte ihn auf 45 bis 48 Jahre, erinnerte. Durch das Lesen meiner Briefe aus der Heimat ? und das mußte er erkannt haben ? waren ihm sicher auch Heimatgedanken aufgestiegen; vielleicht hatte er selbst Brüder oder gar einen Sohn in meinem Alter an der Front. Und da schämte er sich, in solcher Stimmung auf diese Art ein Menschenleben auszublasen. Wer weiß, wie lange er mich schon beobachtet hatte? Denn vom Lesen der Briefe ab hatte ich meine Umgebung und auch die Zeit vergessen.

Plötzlich hörte ich meinen Vornamen rufen. Es war mein Korporalschaftsführer, welcher in größter Sorge um mich war; denn schon eine halbe Stunde mußte ich zurück sein. Eiligst packte ich Zeltbahn und Gewehr und kam vorsichtig kriechend in unserem Graben an. Da sonst niemand von unseren Kameraden von meinem späten Hereinkommen etwas bemerkt hatte, blieb das Erlebnis nur für uns zwei ein Geheimnis. Meine Pflicht wäre es gewesen, den Vorfall sofort meinem Kompanieführer zu melden. Aber ich hätte sicher eine empfindliche Strafe für unwürdiges Verhalten vor dem Feind erhalten.

Max Kind, Büroangestellter, Leipzig.

Räumung

Beim Rückzug der deutschen Truppen von der Sommefront zur Siegfriedstellung im März 1917 wurde auf Befehl der Obersten Heeresleitung das gesamte Räumungsgelände dem Erdboden gleichgemacht, um dem nachrückenden Feinde jeglichen natürlichen Schutz zu nehmen. Kein Baum, kein Strauch, keine Hecke, kein Zaun blieb erhalten. Die Dörfer und Gehöfte gingen in Flammen auf. Die Bewohner wurden in einzelnen Ortschaften gesammelt und in Kirchen untergebracht.

In Braignes, einem kleinen Dörfchen des Somme-Gebietes, bot sich am Nachmittag des 15. März ein erschütterndes Bild. Es war der Tag, wo die Bewohner ihre Häuser zu verlassen und sich in die Kirche zu begeben hatten, die allein inmitten der Ruinen erhalten bleiben sollte. Auf den Straßen schleppten sich Greise und Greisinnen zum Gotteshaus hin und versuchten mühsam, ihr liebstes Hab und Gut zu bergen. Kinder schrien auf den Armen der Mütter. Mädchen und Jungen zogen auf kleinem Gefährt die notwendige Habe der Familie zum Kirchplatz. Weinende Frauen warfen einen letzten Blick auf ihre Behausung, die bald ein Opfer der Flammen werden sollte.

Die aus der Somme-Hölle kommenden Soldaten des III. Bataillons des Infanterie-Regiments 164 standen neben der Straße und betrachteten einen Augenblick unbeweglich das Bild des Jammers. Ihre Seelen waren hart geworden von langem Kampf und Todesgrauen. Doch nur einen Augenblick währte es, dann ging eine Bewegung durch die Reihen. Hier wendete sich einer ab und ging mit einem Gemurmel »Nicht mehr mit ansehn« schnell davon. Andere fuhren sich flüchtig über das Gesicht, schluckten etwas herunter oder schnäuzten sich ...

»Los, anfassen!« klang plötzlich die rostige Stimme eines Landwehrmanns.

Einige ältere Mannschaften, Familienväter, lösen sich aus der Ansammlung, nehmen einem alten Mütterchen die Bürde ab und tragen sie zur Kirche. Ein Offizier nickt seine Zustimmung. Das Beispiel spornt an. Die meisten fassen zu und helfen. Wagen werden gezogen, Koffer getragen, Kisten geschleppt, Kinder auf den Arm genommen, Mütter beruhigt, Schwache geführt. In der Kirche werden Lagerstätten auf herbeigeschafften Matratzen oder Strohschütten hergerichtet. Dankerfüllte Blicke und warme Händedrücke sind der Lohn. Als das Bataillon abrückte, baten die Bewohner: »Nehmt uns doch mit nach hinten!«

Dr. A. Niemeyer, Wuppertal-Barmen.

Der Tritt in den Hintern

Es war im Dezember 1916, während der Sommeschlacht. Bekanntlich die Zeit, wo an der Somme die furchtbare Regenzeit war. Menschen und Tiere versoffen im Schlamm. Granaten hatten fast keine Wirkung, da sie keinen Aufschlag hatten. Daher warfen sich die Feinde viel Minen zu. Stellung gab es sozusagen überhaupt nicht, eine endlose Ebene, nur Wasser und Schlamm. Wir konnten unsere Stellung nur mit dem Kompaß finden. Ich lag als Krankenträger der 33. I.-D. in der Gegend von Bapaume. Jeden Morgen gingen wir etwa fünfzehn Kilometer nach vorne in Stellung und holten die Verwundeten und Kranken. Eines Morgens versank ich bis unter die Arme in vorderster Stellung in den Schlamm. Es war wieder so ein täglicher Minenzauber im Gange. Meine Kameraden rannten an mir vorbei und ließen mich im Schlamm stecken. Der letzte, der vorbeikam, war unser Vizefeldwebel Fleury, ein Lothringer; er versuchte mich herauszuziehen, sank aber selbst ein und ließ mich ? da wieder eine Mine einschlug ? stecken, er wäre auch selbst versoffen. Ich gab schon meinen Geist auf. Auf einmal steht ein riesiger englischer Sergeant-Mayor mit einem Stollenbrett vor mir, stellt sich auf das Stollenbrett und zieht mich unter Fluchen (ich verstand allerdings nur immer Boche) aus dem Schlamm. Ich will mich bedanken, und er ? tritt mich in den Hintern und läuft wieder auf seinen Unterstand zu, wirft sich unterwegs noch mehrmals vor seinen eigenen Minen in den Dreck. Ihm verdanke ich mein Leben.

Heinrich Weindorf Kaufmann, Witten-Ruhr.

Feldpostbriefe

1.

Auszug aus dem Brief meines Sohnes, Sept. 1914. Henri schreibt: »Ein deutsches Feldlazarett mit seinem ganzen Personal wurde von den Unseren gefangen genommen. Man stellte den deutschen Major vor die Wahl, uns ihre Verwundeten zu überlassen und frei zu sein, oder sich gefangen zu geben, um die Verwundeten weiter pflegen zu können. Der deutsche Major wählte das Letztere, und aus Bequemlichkeitsgründen vereinigte man das deutsche und das französische Lazarett. Die Aerzte übernehmen die Pflege der Verwundeten, während die beiden Sanitäterkolonnen vereint auf das Schlachtfeld ziehen, um die Verwundeten herbeizutragen. Da der älteste Sanitäter ein Deutscher ist, wird ihm die Führung übertragen, und er marschiert an der Spitze der Kolonne unter dem ständigen Schrapnellfeuer.«

2.

Meine Nachbarin hat eben einen Brief von ihrem Sohn erhalten, der im Norden an der Front ist. Er schreibt: Seine Kompanie kämpfte schon einige Tage, und da sie stark aufgerieben war, wurde sie von der Front zurückgezogen. Es waren insgesamt ungefähr hundert Soldaten, mehr oder weniger erschöpft, hinkend, elend, schmutzig, seit langem ohne genügende Nahrung. Sie mußten ein Gehölz durchqueren, wo sie sich vorsichtig weiter bewegten. In der Mitte des Gehölzes sahen sie in den Strahlen der untergehenden Sonne einen formlosen Haufen. Sie näherten sich: es waren etwa fünfzig gefallene deutsche Soldaten. Trotz ihrer Müdigkeit wollten sie die Helme an sich nehmen und gingen näher. Da merkten sie plötzlich, daß der Haufen sich bewegte, und hörten ein Stöhnen. Einen Hinterhalt fürchtend, nahmen sie ihre Bajonette vor. Aber die Sterbenden hatten gerade noch die Kraft sich zu erheben und, ohne ein Wort zu sagen, streckten sie ihnen weinend ihre Hände entgegen. »Dann,« fügt mein kleiner Soldat hinzu, »nahmen wir die uns entgegengestreckten Hände, und bei dem Anblick fingen wir selbst an zu weinen.« Und als Schlußfolgerung meinte er noch: »Mit einem Schlage verstanden wir das entsetzliche Unglück des Krieges, und wir hatten keine Lust mehr, den Sterbenden die Helme abzunehmen.«

Mad. Dispan de Pleran, Hay des Roses, Seine.

Da lebt ja noch einer ...!

Mitten im Krieg lernte ich auf der Straßenbahn einen Landsmann aus Borssum bei Emden kennen, der mir durch seinen Dialekt aufgefallen war. Er war ein einfacher, ungelernter Arbeiter. Unter anderem erzählte er mir folgendes Erlebnis, das er kurz vor seiner schweren Verwundung hatte:

»Wir hatten gerade einen feindlichen Unterstand zerstört und wollten wieder in unseren Graben zurück, da hörten wir flehende Hilferufe aus dem beschossenen Unterstand.

»Da lebt ja noch einer, wir müssen noch einmal hineinschießen!« sagte einer von uns.

»Nein, eben darum nicht!« sagte ich, »der hat vielleicht auch jemanden, der sich freut, wenn er ihn wiedersieht; wir holen ihn!«

Das haben wir denn auch getan und brachten ihn in unseren Unterstand. Und der Mann war so glücklich, daß er nun doch seine Frau und die Kinder wiedersehen würde!«

Dr. med. Käthe Neumark, Frankfurt.

Tränen

Im Spätherbst des Jahres 1917. Seit 2 Uhr morgens trommelten an der Isonzofront bei Tolmein schwere und schwerste Geschütze die italienischen Betonstellungen zusammen. Während des Feuers, im Schutze der Nacht, rücken wir in unsere Sturmstellungen ein. Gegen sieben Uhr morgens Feuerpause ? dann Vernichtungsfeuer aus sämtlichen Rohren auf die italienischen Infanteriestellungen. Sturm, Durchbruch, die Front ist zerschlagen ? wir marschieren ...

Ich nähere mich mit meinem bayerischen Maschinengewehrzug Woltschach, erster provisorischer Truppenverbandsplatz. Italiener von Deutschen geführt, Deutsche von Italienern getragen ? blutige Binden um Kopf, hängende Arme, baumelnde Beine ? so begegnen sie uns, ziehen rückwärts. Mein Maschinengewehr-Zug ist in dem zerwühlten Gelände zerrissen. Maulesel sind mit den Caretten da und dort bei Grabenübergängen eingebrochen, und mühselig reite ich herum, sie wieder zusammenzufinden.

Abseits, auf einem Felsblock hockend, finde ich einen Italiener, hält den Leib mit beiden Händen; Blut, Gedärm quillt zwischen den Fingern hervor. Vor ihm kniet ein Vizefeldwebel des Infanterie-Regiments, dem ich mit meinem Maschinen-Gewehr-Zug zugeteilt bin, stützt den Kopf des Italieners, streichelt ihm über das feuchte Haar und ? weint, während Gestöhn und Gebetsjammer des Sterbenden langsam in ein monotones Gemurmel übergingen ...

Kein Heldentum, keine Tapferkeit dieses Deutschen ? aber seine streichelnden Hände, die rollenden Tränen werden ihm dermaleinst einen Platz im Himmel verschaffen.

Karl Münzinger, Kaufmann, Möhringen a. F.

Wo man singt ...

Wir lagen Herbst 1917 den Engländern gegenüber. Die Entfernung zwischen den Stellungen betrug siebzig bis achtzig Meter; das Zwischengelände voller Granattrichter. Es waren ruhige Tage. Kein Angriff, nichts, nur belanglose Schießereien zeigten, daß die beiderseitigen Stellungen besetzt waren. Ich lag mit meinem Zuge am linken Flügel des Regimentsabschnitts. Im Anschluß daran ein Landwehr-Regiment.

Eines Nachts erhielt ich die Meldung, daß von meiner Nachbarkompagnie, eben des Landwehr-Regiments, eine Patrouille frühmorgens hinausgehen würde. Ich hatte Befehl gegeben, nicht zu schießen, denn es bestand die Möglichkeit, daß die Leute durch irgend einen Zufall vor meinem Abschnitt auftauchten. Der Gegner hatte aber die Leute bemerkt, und sofort setzte eine wahnsinnige Schießerei ein. Die auf unsere Gräben eingestellten Maschinengewehre mähten über unsere Köpfe hinweg und streuten das Gelände ab; Gewehrschüsse knatterten, und bald setzte auch Artillerie-Feuer ein, so daß es bei dieser Schießerei und den dauernd aufleuchtenden Leuchtkugeln ausgeschlossen war, daß die Patrouille zunächst in den Graben zurück konnte.

Das Artilleriefeuer hörte nach etwa einer halben Stunde auf, über die Maschinengewehre knatterten ununterbrochen weiter, so daß für die Leute, die sich in den Granatlöchern verkrochen hatten, nur geringe Möglichkeit bestand, zurückzukommen. Wir bedauerten die armen Kerle, die infolge eines kaum zu verantwortenden Befehls zwischen den Stellungen lagen. Bald fing es an zu dämmern und wir konnten schon das Gelände leidlich erkennen. Eine Rückkehr erschien nun erst recht unmöglich, denn noch immer streute der Gegner das Gelände ab.

Plötzlich höre ich in dem M. G.-Feuer jemanden singen. Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. Zwei Kameraden, die bei mir standen, sehen mich sprachlos an.

Gesang? Hier? In vorderster Linie? Wer singt denn? Das ist ja Wahnsinn! Und richtig, der Gesang kam aus dem Gelände links vor uns. Eine einzelne Männerstimme sang ein Lied. Welches Lied? Ich weiß es nicht. Der Augenblick war ergreifend.

Und die Wirkung? Das Schießen ließ plötzlich nach und verstummte dann ganz. Kein Schuß fiel mehr, und bald waren die vier Mann unbehelligt vom Gegner wieder in ihrem Graben, alle wohlauf bis auf einen Leichtverwundeten.

Max Scholz, Reisender, Chemnitz.

Mütter und Söhne

Die beiden Flieger

Der junge Flieger Graf de la Frégulière wird auf Erkundigungsflug über den deutschen Linien abgeschossen, landet aber wohlbehalten und erklärt seinem deutschen Besieger: »Ich bin Ihr Gefangener. Das ist ganz in der Ordnung. Das ist der Krieg. Aber meine Mutter weiß nicht, was aus mir geworden ist.« Und er errötet.

Der deutsche Flieger fragt: »Wie alt sind Sie?«

»Achtzehneinhalb Jahre,« antwortet der Junge.

Da sagt der Deutsche: »Schreiben Sie sofort einen Brief an Ihre Mutter: Sie seien Kriegsgefangener, würden nach der Regel behandelt und seien im übrigen unverletzt. Dann setzen wir in meinem Flugzeug über die französische Linie, und Sie werfen den Brief ab.«

Die beiden, Sieger und Besiegter, steigen auf, befördern den Brief. Drei französische Kampfflieger verfolgen sie; kaum erreichen der Deutsche und sein gefangener Franzose wieder das deutsche Gebiet und damit die Sicherheit.

Der Deutsche ist der Hauptmann a. D. Zahn, heute Europameister im Viererbob. Als er in St. Moritz mit seiner deutschen Bob-Mannschaft den Preis erhielt ? ja, da trat jener Graf de la Frégulière vor und erzählte die obenstehende Geschichte vom Brief an die Mutter. Dann hoben er und drei andere Franzosen den Deutschen auf ihre Schultern und trugen ihn im Saal herum als Huldigung an die Humanität. Die Anwesenden aller Länder empfanden: Versöhnung!

Nach einer französischen Zeitung.

Das Halstuch

Während des Rückzugs aus Mazedonien im Herbst 1918 verlor ich mit mehreren Kameraden meine Kompagnie, und wir wußten nur, daß als Sammelpunkt Jagodina in Serbien genannt worden war. Die Serben waren erstaunlicherweise sehr deutschfreundlich eingestellt, und ich fand fast in jeder Ortschaft Quartier. Immerhin verbarrikadierte ich vorsichtshalber mein Zimmer von innen, und auch das Gewehr stand geladen an meinem Bett. In Nisch, dem Hauptzentrum der Balkan-Armee, wurde ich zunächst jedoch überall abgewiesen. Ich begab mich aber erneut auf Quartiersuche, klopfte in einem mittelgroßen Hause an und trug einer älteren Dame, die mir mißtrauisch die Tür öffnete, mein Anliegen vor. Ich gab ihr zu verstehen, daß ich nur ein Bett wünsche und gestern entlaust worden wäre. Zu meinem Erstaunen lachte sie über meinen ungewollten Witz und fragte mich, ob ich mit einer Mansarde zufrieden sei. Freudestrahlend bedankte ich mich.

Am nächsten Morgen sah ich durch mein Fenster, daß bereits ein Waschbecken mit Seife und Handtuch im Hof an der Pumpe hingestellt wurde. Kaum, daß ich jedoch den Hof betreten und meinen Rock an dem Pumpenschwengel aufgehängt hatte, stürzt meine Gastgeberin auf mich zu, fällt mir um den Hals und bricht in lautes Schluchzen aus. Gleichzeitig bedeckt sie mein wollenes Halstuch, das ich zum Schutze gegen Erkältung nachts um den Hals trug, mit Küssen und stammelt immer nur: »Mein Sohn ? mein armer Sohn«. Ja, ihr eigener Sohn habe genau so ein Halstuch von ihr bekommen, und so ein selbstgestricktes Halstuch würde immer nur von einer Mutter gestrickt. Ob ich es nicht von meiner Mutter hätte?

Ich bejahte erstaunt. Ich erzählte ihr, daß meine Mutter Witwe und ich der einzige Sohn sei und mit achtzehn Jahren in den Krieg mußte. Im strengen Winter 1916/17 zog ich mir in Frankreich eine Lungenentzündung zu und meine Mutter bestand nach meinem erneuten Ausrücken absolut darauf, daß ich ihr wollenes Kopftuch mitnehmen solle, damit ich mir in kalten Nächten wenigstens den Hals schützen könnte. Seit diesem Tage sei dieses Tuch mein Talisman und ich glaubte nicht mehr einschlafen zu können, wenn ich es nicht mehr besitzen würde.

Meine Erzählung bewirkte Wunder. Die Frau hielt meine Hand in der ihren und berichtet mir, daß sie auch Witwe sei und ihr einziger Sohn beim Vormarsch der Bulgaren im Herbst 1915 gefallen sei. Auch sie habe ihrem Sohn ein Wolltuch gestrickt und beim Anblick meines Halstuchs sei ihr sofort klar gewesen, daß es nur von meiner Mutter sein könne. Alles Leid wäre in diesem Augenblick wieder in ihr erwacht, und sie bat dringend, mich doch als ihren Sohn behandeln zu dürfen. Meine Sachen holte sie mir sofort von der Mansarde herunter und ich mußte mein Lager in ihrem besten Zimmer aufschlagen. Auch mußte ich jetzt an sämtlichen Mahlzeiten teilnehmen.

Als ich nach vier Tagen von ihr Abschied nahm, konnte ich kein Wort über die Lippen bringen. Sie aber küßte mich auf die Stirn und stammelte nur: sie wolle für mich beten, daß meine Mutter mich wieder gesund in ihre Arme schließen könne.

Albert Vieth, Schauspieler, Magdeburg.

Urlaub

Gefangen genommen in Mons, viermal schwer verwundet, erfuhr Kapitän Campbell vom East Surrey Regiment, daß seine Mutter gefährlich erkrankt war. Die Mutter vergötterte ihren Jungen und sorgte sich um sein Schicksal. Der Sohn, der in einer Heilanstalt interniert war, dachte an nichts anderes als an seine Mutter; und durchlebte endlos scheinende Tage und Nächte in Angst und Sehnsucht, an das Krankenlager seiner Mutter zu gelangen.

Würde die deutsche Kriegsbehörde ihm Urlaub geben, sie zu besuchen? Ihr Leben könnte dadurch vielleicht gerettet werden. Er schrieb sein Gesuch, obwohl er wußte, daß es zurückgewiesen werden würde. Es wurde zurückgewiesen.

In seiner Verzweiflung sandte er dann einen Brief direkt an den Kaiser. Und zu seiner großen Freude erhielt er die Nachricht, daß der Kaiser den erbetenen dreiwöchentlichen Urlaub auf sein Ehrenwort hin gewährt habe.

Von englischer Seite eingesandt aus dem »Daily Herald« vom 7. Mai 1931 nach den Memoiren des Feldmarschalles Sir John French.


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