Anthroposophie im Umriss - Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage

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An Harriet.

Du warst es, als sich Nacht über mein Auge zu lagern drohte, deren Seelenstärke mir den Entschluß eingab, die lange unfreiwillige Muße der Dunkelkammer zum ordnenden Abschluß längst zerstreut gereifter Gedankenreihen zu benützen, zu deren Niederschrift eine gefällige Hand willig sich herlieh.

So entstand dies Buch, dessen Ideengehalt also Niemand abzustreiten im Stande sein wird, daß er, wie das Licht, im Dunkeln geboren sei.

Wem anders als Dir dürfte dasselbe zu eigen sein?

Waldvilla am Attersee, den 4. September 1881.

R.

VORREDE.

Titel und Vorrede stehen vor dem Buche. Soll diese nicht eine Rede aus dem Buche, sondern vor dem Buche sein d. h. nichts enthalten, was in das letztere selbst gehört, so bleibt ihr nur übrig, sich mit dem ersteren und mit dem Vorredner selbst zu beschäftigen. Ueber beide werden wenige Worte genügen.

Anthroposophie ist der Name des Buches. Die Philosophie, welche denselben wählt, will damit angedeutet haben, dass es weder ihr Ziel sei, wie das der speculativen Schule, Theosophie, noch ihr genüge, wie empirischer Unphilosophie, kritiklose Anthropologie zu sein. Wenn derselben ? nicht zu ihrem Leidwesen ? die speculativen Schwingen fehlen, um mit ikarischem Aufflug das gottgleiche Wissen des theocentrischen Standpunktes der ersteren zu erreichen, so mangelt ihr nicht weniger die in mancher Hinsicht beneidenswerthe Gabe, über die Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt in sich trägt, das kritische Auge zuzudrücken. Ihr Wunsch geht dahin, anthropocentrisch d. i. ?Menschenwissen? und doch Philosophie d. h. von der Erfahrung aus-, aber, wenn es das logische Denken erfordert, über dieselbe hinausgehende Wissenschaft zu sein.

Dasselbe bezeichnet sich als ?Entwurf eines Systems? und zwar ?einer idealen Weltansicht auf realistischer Grundlage?. Ersterer Charakter wird dessen knappe Fassung und die Abwesenheit erweiterter Polemik rechtfertigen. Als Versuch eines Systems muss es gewärtig sein, so wenig nach dem Geschmack des ungebundenen ?Philosophirens auf eigene Hand?, welches in unseren Tagen gerade wie vor hundert Jahren herrschende Mode ist, gefunden zu werden, wie sie dieses selbst nach dem ihrigen findet.

Dagegen möchte die ideale Weltansicht, die es vertritt, weder mit dem schulmässigen Idealismus aller Farben, noch deren realistische Grundlage mit dem platten Realismus ideenloser Erfahrung verwechselt sein. Der Idealismus derselben besteht nicht darin, wie der Platonische, an die Wirklichkeit, sondern wie jener Kant?s und der Sittenlehre Fichte?s, an die Verwirklichung der Ideen durch Menschenhand zu glauben. Die realistische Grundlage desselben aber ist nicht der gemeine (Baconische), sondern der philosophische Realismus, wie er auf Kant?s kritischer Basis von dessen realistischen Nachfolgern dem metaphysischen Idealismus der Gegenseite entgegengesetzt worden ist.

Dessen in vorliegender Darstellung gewonnene Gestalt wird von den Gegnern desselben eben so mit jenem Herbart?s als geistesverwandt erkannt, wie von Freunden des letzteren in nicht wenigen und nicht unerheblichen Punkten über denselben hinausgehend genannt werden. Dass deren Abweichungen von der ursprünglich Herbart?schen Fassung nicht neu, sondern, wie z. B. das kritische Verhältniss zur Theorie der Selbsterhaltungen als des wirklichen Geschehens, so wie jenes zu der Annahme der sogenannten ?einfachen Empfindungen?, in der Denkweise des Vorredners vom Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn an vorhanden gewesen seien, haben frühere Schriften desselben, wie dessen 1847 und 1849 erschienene Monographieen: ?Leibnitz?s Monadologie? und ?Leibnitz und Herbart, eine gekrönte Preisschrift? bezüglich der Selbsterhaltungen, dessen 1865 veröffentlichte: ?Aesthetik als Formwissenschaft? bezüglich der einfachen Empfindungen hinlänglich an den Tag gelegt.

Herbart hat sich bekanntlich am Schlusse der Vorrede zu seiner im Jahre 1828 erschienenen ?allgemeinen Metaphysik? einen ?Kantianer vom Jahre 1828? genannt. Wenn Schreiber dieses, der seine erste Anregung zum philosophischen Studium einem Gegner Kant?s (dem gerade vor hundert Jahren, am 5. October 1781 geborenen edlen Denker und Dulder Bolzano) und einem Freunde Herbart?s (dem scharfsinnigen Kritiker der Hegel?schen Psychologie, Exner) verdankt, heute, wo seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft gerade ein volles, seit jenem der allgemeinen Metaphysik mehr als ein halbes Jahrhundert verflossen ist, sich ?einen Herbartianer vom Jahre 1881? zu nennen unternimmt, so glaubt er damit sein Verhältniss zu Kant wie zu Herbart zutreffend bezeichnet zu haben. Die Uebereinstimmung mit Beiden verbirgt sich nicht; über die Abweichungen, zustimmend oder ablehnend, mögen Kundige urtheilen.

Geschrieben im Säcularjahr der ?Kritik der reinen Vernunft?.

Wien, den 21. Mai 1881.

Der Verfasser.

INHALT.

       Seite

Einleitung        1

I. Buch: Die Ideen.

1. Capitel: Die logischen Ideen        11

2. Capitel: Die ästhetischen Ideen        40

3. Capitel: Die ethischen Ideen        77

II. Buch: Das Wirkliche.

1. Capitel: Das Nicht-Ich        141

2. Capitel: Das Ich        207

3. Capitel: Das Social-Ich        250

III. Buch: Die Kunst.

1. Capitel: Die Bildungskunst        269

2. Capitel: Die Bildekunst        283

3. Capitel: Die bildende Kunst        294

Schluss        307

ANTHROPOSOPHIE.

Zur Einleitung.

1. Philosophie hat ihrem uralten Namen zufolge nicht blos die Aufgabe, zum Wissen zu gelangen, sondern als Liebe zum Wissen, da man dasjenige, was man liebt, zu verkörpern bemüht ist, das Gewusste in die Wirklichkeit einzuführen. Erstere fällt der Philosophie als Theorie d. i. als Wissenschaft, letztere derselben als Praxis d. i. als Kunst zu. Philosophie als Wissenschaft entsteht durch Bearbeitung von Begriffen, während die Philosophie als Kunst das Wirkliche bearbeitet; erstere hat zum Zweck, durch Bearbeitung der, sei es durch Erfahrung gewonnenen, sei es durch Gewöhnung und Ueberlieferung überkommenen Begriffe von dem, was wirklich und wahr ist, zu wirklichen Begriffen d. i. zu solchen, welche die Probe der Kritik, sowohl der logischen, als der erfahrungsmässigen, aushalten, zu gelangen; diese hat den Zweck, durch Bearbeitung des gegebenen, als Material dienenden, sei es in blossen Gedanken, sei es in Sachen bestehenden Wirklichen zu einem den Anforderungen des Begriffs entsprechenden d. i. zu einem begriffsgemässen Wirklichen zu gelangen. Gegenstand der ersteren sind daher Begriffe, welche als solche von den Sachen, Gegenstand der letzteren Sachen, welche als solche von den Begriffen unterschieden sind. Philosophie als Wissenschaft ist daher im buchstäblichen Sinne nicht von dieser Welt, während Philosophie als Kunst von dieser Welt ist.

2. Philosophie als Wissenschaft hat daher die Aufgabe, nicht nur selbst musterhafte Begriffe (Begriffsmuster), sondern solche Begriffe herzustellen, welche der Philosophie als Kunst bei ihrem Verfahren gegenüber den Sachen als Muster dienen können (Musterbegriffe). Jene bedürfen eines Musters, dem sie als musterhaft zu entsprechen haben; diese dagegen sind selbst Muster, denen die Sachen entsprechen sollen. Aufgabe der Philosophie als Wissenschaft, zu musterhaften Begriffen zu gelangen, wird es daher vor allem sein, das Muster herzustellen, dem die Begriffe, um für musterhaft gelten zu dürfen, genügen müssen. Aufgabe der Philosophie als Kunst, Musterbegriffe zu verwirklichen, wird es neben der Verpflichtung, die von der Philosophie als Wissenschaft als musterhaft anerkannten Begriffe zu ihren Musterbegriffen zu machen, vor allem sein, die Beschaffenheit des Wirklichen als des allein ihr zu Gebote stehenden Materials zu studiren, in welchem dieselben verwirklicht werden können.

3. Da jeder Begriff, er sei welcher er wolle, etwas an sich tragen muss, was ihn zum Begriff macht (seine Form), und anderes, was ihn zu diesem besonderen Begriff macht (seinen Inhalt), so wird das Muster, dem jeder Begriff zu gleichen hat, um für musterhaft gelten zu dürfen, sowohl seine Form, als seinen Inhalt, oder vielleicht beides zugleich betreffen können, ja müssen. In ersterer Hinsicht wird es daher eine Musterform geben, welcher als Norm jeder Begriff ohne Unterschied sich zu unterwerfen hat, um als Begriff anerkannt zu werden; in letzterer Hinsicht wird es eine Norm geben, welcher jeder Begriff eines gewissen Inhaltes sich anzubequemen hat, um als musterhafter Begriff eben dieses Inhaltes angesehen zu werden; jene stellt daher die massgebende Norm für sämmtliche Begriffe ohne Unterschied des Inhaltes, diese dagegen stellt die Norm für Begriffe irgend eines gemeinsamen Inhalts, z. B. für alle diejenigen dar, die sich auf Seiendes (Existirendes) oder für alle diejenigen, die sich auf Seinsollendes (noch nicht Existirendes) beziehen.

4. Diejenigen Normen, die sich auf alle Begriffe ohne Unterschied des Inhalts, welche für musterhaft gelten sollen, erstrecken, machen den Inhalt der Logik; diese, die sich nur auf Begriffe eines gewissen gemeinsamen Inhalts, welche innerhalb dessen für musterhaft gelten sollen, beschränken, machen den Inhalt der andern philosophischen Wissenschaften aus. Jene stellt das Muster für jeden Begriff ohne Unterschied, diese stellen die Muster für diejenigen Begriffe dar, welche in den Bereich des von ihnen beherrschten Inhalts gehören. Da nun jeder Begriff seinem Inhalte nach entweder auf ein Wirkliches d. h. auf ein Object bezogen wird, das als seiend gedacht wird, oder auf ein nicht Wirkliches d. i. auf ein Object, das entweder, wie die mathematischen, überhaupt als nichtseiend, oder, wie z. B. ein Kunstwerk, nur als noch nichtseiend, aber voraussichtlicherweise in der Zukunft seiend gedacht wird, so lassen sich die philosophischen Wissenschaften in zwei Gebiete zerfällen. Das eine derselben umfasst die Musterbegriffe für alle diejenigen, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf Wirkliches bezogen werden. Das andere dagegen enthält die Musterbegriffe, welche (mit Recht oder mit Unrecht) auf, sei es überhaupt nicht, oder nur noch nicht Seiendes bezogen werden. Begriffe der erstern Art (deren Inhalt als wirklich gedacht wird) können physische, Begriffe der letztern Art (deren Inhalt als nicht wirklich gedacht wird) müssen sodann nicht-physische heissen. Nimmt man bei den letzteren Rücksicht darauf, ob der Inhalt derselben es unmöglich macht, ihn als wirklich zu denken, wie es bei den mathematischen der Fall ist, oder ob derselbe zwar als im gegebenen Moment nichtseiend gedacht, dessen Existenz in der Zukunft aber keineswegs als unmöglich vorgestellt wird, wie es z. B. bei dem in Gedanken entworfenen Plane eines künftigen Bauwerks der Fall ist, so tritt eine weitere Unterabtheilung hinzu. Jene Begriffe, deren Inhalt die Wirklichkeit ausschliesst, können als solche den obengenannten physischen in dem Sinne zugerechnet werden, als der Inhalt der einen wie der andern einen Zusatz über dessen Wirklichkeit enthält, der Inhalt der einen dieselbe bejaht, jener der andern dieselbe verneint; dieselben können daher in diesem erweiterten Sinne beide physisch heissen. Jene Begriffe dagegen, welche weder über die Wirklichkeit, noch über die Unwirklichkeit ihres Inhaltes eine Aussage in sich schliessen, ja nicht einmal über die zukünftige Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit desselben, deren Inhalt sonach, was seine Wirklichkeit betrifft, in keiner Weise das Interesse in Anspruch zu nehmen vermag, können nichtsdestoweniger ein solches erwecken, inwiefern dieser Inhalt nicht als wirklich oder unwirklich, sondern ausschliesslich als Gedanke d. i. als gedachter Inhalt einen Zusatz im Gemüthe des Denkenden mit sich führt, durch welchen er von letzterem entweder als angenehm oder unangenehm, nützlich oder schädlich, schön oder hässlich ? im Allgemeinen entweder beifällig oder missfällig beurtheilt wird. Begriffe dieser Art können, weil es sich bei denselben nicht, wie bei den sogenannten physischen, um eine die Vorstellung ihres Inhalts begleitende Aussage über Wirklichkeit oder (zufällige oder nothwendige) Unwirklichkeit desselben, sondern um einen die Vorstellung des Inhalts (zufällig oder nothwendig) begleitenden Gefühlsausdruck handelt ? ästhetische heissen. Die philosophische Wissenschaft, welche die Musterbegriffe für die physischen Begriffe enthält, ist die philosophische Physik (oder Metaphysik); jene, welche die Musterbegriffe für die ästhetischen umfasst, die philosophische Aesthetik.

5. Logik, (philosophische) Physik und (philosophische) Aesthetik machen zusammen den Umfang der Philosophie als Wissenschaft aus. Der Zusatz: philosophisch bei den beiden letztgenannten Disciplinen ist deshalb nicht überflüssig, weil diejenigen Wissenschaften, welche die auf dem reinen Erfahrungswege gewonnenen, keineswegs musterhaften Begriffe von Wirklichem einer- und die von keineswegs allgemeinen und nothwendigen, sondern zufälligen und individuellen oder höchstens particulären Zusätzen des Lobes oder Tadels begleiteten Begriffe umfassen, andererseits, die empirische Natur- und die empirische Geschmackslehre gleichfalls Physik und Aesthetik genannt werden. Die Bezeichnung Metaphysik für die erste derselben hat, von dem bekannten zufälligen historischen Ursprung des Wortes abgesehen, insofern einen zulässigen Sinn, als die durch kritische Sichtung herbeigeführte systematische Zusammenstellung musterhafter physischer Begriffe, welche die mit diesem Namen bezeichnete Wissenschaft ausmacht, das Vorhandensein eines ursprünglich durch Erfahrung gegebenen, logisch noch unbearbeiteten, also im philosophischen Sinne des Wortes rohen Vorrathsmateriales physischer Begriffe voraussetzt, philosophische (Meta-) Physik also der Zeit nach erst nach (????) der vor- oder unphilosophischen (empirischen) Physik zu Stande kommen kann.

6. Unter denselben, die als philosophische Wissenschaften sämmtlich musterhafte (d. i. im philosophischen Sinne vollendete) Begriffe umfassen, stehen Logik und Aesthetik insofern in engerer Verwandtschaft unter einander, als ihre musterhaften Begriffe zugleich Musterbegriffe für Anderes sind d. h. diesem zur Nachahmung vorgestellt werden, während die metaphysischen Begriffe keine andere Bestimmung haben, als den Inhalt des Wirklichen musterhaft d. i. wie er wirklich ist, darzustellen. Und zwar enthält die erstere die Musterbegriffe für das Denken sowohl überhaupt, als in Bezug auf einen bestimmten Inhalt, durch deren Nachahmung dasselbe zum Wissen d. i. wahrem Denken erhoben wird, sowohl im Allgemeinen, als in Bezug auf irgend einen besonderen Gegenstand; die Aesthetik dagegen enthält die Musterbegriffe für jede beliebige producirende, sei es geistige, sei es physische Thätigkeit, insofern durch dieselbe etwas Beifallswürdiges oder Tadelnswerthes (Nützliches oder Schädliches, Angenehmes oder Unangenehmes, Schönes oder Hässliches) hervorgebracht wird.

7. Musterbegriffe dieser Art, sie seien nun solche für das Denken oder für jede andere (geistige oder physische) nachahmende Thätigkeit, werden Ideen genannt, und zwar als Vorbilder (Normen) für das Denken, das zum Wissen werden soll, logische Ideen; als Vorbilder dagegen für irgend eine andere, auf Hervorbringung eines Beifallswerthen gerichtete schaffende Thätigkeit, ästhetische Ideen. Erstere machen daher den Inhalt der Logik, letztere den der Aesthetik aus.

8. Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art, dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich, unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit, dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches Talent erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die Nöthigung zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um der Kritik jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu entgehen, der Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu unterlassen, so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des Wollens niemals Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten Gründen verdienen diejenigen ästhetischen Ideen, welche als Vorbilder für das Wollen dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein besonders ausgezeichnetes Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den übrigen, welche sodann im engeren Sinne des Wortes ästhetische heissen mögen, mit einem besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich, da von dem Urtheil über das Wollen jenes über den sittlichen Werth, das Ethos, des Wollenden abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da das Wollen zunächst zum Handeln überführt, praktische Ideen.

9. Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die Erfahrung, durch welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behält wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermöge des durch unabweisliche Erfahrung ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich dadurch, dass in denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne Schädigung der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt werden, bis und dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational (widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.

10. Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe, dass das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen ?geklaubt? werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant?s, zwar nicht vor, aber unabhängig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschränkte (comparative) und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen können, praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen.

11. Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft (Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des zweiten, die Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst jenen des dritten Buches aus.


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