Anweisung zum Weinbau an Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen - Herausgegeben zu Ermunterung der Kinder zu edler Thätigkeit

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Vorwort.

Wir leben jetzt in einer Zeit, wo alles, was die Landwirthschaft betrifft, beachtet und verbessert wird. Ich glaube aber, mit Recht behaupten zu können, daß man besonders in unserer Gegend Eins bei weitem noch nicht so beachtet hat, als es geschehen könnte und sollte. Dieß Eine ist der Weinbau. Man scheint, ihn für ein Geschäft zu halten, das bloß in wärmeren Gegenden mit großen Nutzen betrieben werden kann und betrachtet dieses herrliche Product bloß als ein entbehrliches Naschwerk, ohne zu bedenken, das es ein vortreffliches Sättigungs- und Stärkungs-Mittel ist, und bei reichlicherer Anpflanzung auch wohl ein nicht ganz unbedeutendes Erwerbsmittel werden könnte. Obschon hin und wieder an passenden Orten Weinstöcke sich befinden, so giebt es doch noch viele tausend leere und zu sonst weiter nichts brauchbare Stellen, wo die herrlichsten Weinstöcke gedeihen würden. Und selbst unter denen, die wir haben, giebt es viele, die man aus Unkunde vernachlässigt, so daß sie bei weitem den Nutzen nicht bringen, den sie bringen würden, wenn man sie richtig behandelte; welche Behandlung man sich gewöhnlich weit mühsamer, schwieriger und kostspieliger vorstellt, als sie wirklich ist. Ich selbst bin früher einer von denen gewesen, der seine zwei Weinstöcke aus Unkunde vierzehn Jahre lang vernachlässigte. Nachdem ich aber vor nunmehro 8 bis 9 Jahren die herrlichen Eigenschaften dieses vortrefflichen Gewächses kennen gelernt, und diese zwei Stöcke in kurzer Zeit bis auf viele Hunderte vermehrt habe, gehöre ich unter diejenigen, die sich der Früchte ihres Fleißes erfreuen können. Denn die Zahl meiner Weintrauben geht nun schon seit einigen Jahren alle Jahre weit in die Tausende, und meine Kinder, die jetzt diese herrlichen Früchte genießen können, so viel sie nur wollen, belachen es immer noch, daß sie sich früher mit großer Freude in die einzelnen Beeren der vernachlässigten Stöcke getheilt haben. Deshalb muß ich auch frei gestehen, daß mich nun jeder Ort, wo Wein stehen könnte, und jeder aus Unkunde vernachlässigte Stock, der oft bloß durch die Hand eines Kindes angepflanzt und richtig behandelt werden könnte, von Herzen dauert, zumal wenn ich noch in Erwägung bringe, welch? ein herrliches Schutzmittel gegen Regen und Sonnenhitze dieses vortreffliche Gewächs den Gebäuden ist. Denn die Wände meines Schulhauses, die sonst bei Regenwetter von Nässe trieften, berührt jetzt kein Tropfen mehr, und die Stuben, in welchen man es früher im Sommer vor Hitze kaum aushalten konnte, sind jetzt kühlen Lauben ähnlich geworden, durch deren Fenster sich überall die Weintrauben hereindrängen. Mehrere in und außer meinem Wohnorte haben mich nun gebeten, ihnen auch Weinstöcke anpflanzen und nach meiner Art in Stand bringen zu helfen. Weil ich aber diese Bitte wegen Mangel an Zeit nur sehr wenigen erfüllen kann, und deshalb schon oft ein Undienstfertiger genannt worden bin: so habe ich mich entschlossen, meine aufgeschriebenen, durch Erfahrung und aus Büchern erlangten Kenntnisse in dieser Sache, durch den Druck bekannt zu machen, um dadurch Jeden in Stand zu setzen, nach meiner Art zu verfahren. Es sind zwar schon mehrere, diesen Gegenstand betreffende, aber nur zu große und deßhalb theure Anweisungen vorhanden. Ich habe in meiner gegenwärtigen Anweisung auf Kürze und Billigkeit Rücksicht genommen, und hege die frohe Hoffnung, vielleicht dem Einen und dem Andern, der diese theuren Anweisungen nicht kaufen kann, und auch dem, der sie kaufen kann oder vielleicht schon hat, aber gern auch noch die Meinung Anderer zur Vermehrung seiner Kenntnisse hört, durch diese kleine Schrift einen Dienst zu erweisen. Möge der Herr der Natur, von dem ja aller Segen kommt, auch dieses geringe Unternehmen für recht viele segensreich machen, und es zu einem Mittel gebrauchen, durch welches der Gewerbfleiß auch in unserer Gegend in dieser Hinsicht erhöht, und so manche leere Stelle zum Wohle des Landes angebaut wird; dann fühlt sich hinlänglich belohnt

Geschrieben
im Sommer des Jahres 1835.

der Verfasser.


Vorrede zur zweiten Auflage.

Obgleich mein Büchlein bei einigen Wenigen Widerspruch fand, so war doch die Zahl derer, die mir ihren gütigen Beifall schenkten, weit größer, und daher kommt es denn nun, daß mir die Freude zu Theil geworden ist, die erste Auflage binnen vier Jahren vergriffen und eine zweite in?s Leben treten zu sehen. Wenn man es nun Herrn Kecht in Berlin nicht verargt, oder für Stolz auslegt, daß er in der Vorrede zur fünften Auflage seines Buches über den Weinbau, mehrere Empfehlungen seines Werkes hat abdrucken lassen, so wird man es ja auch mir nicht verargen, oder für Stolz auslegen, wenn ich mich gedrungen fühle, in gegenwärtiger Vorrede zur zweiten Auflage meines Büchleins, allen denen meinen schuldigen Dank öffentlich abzustatten, die mein geringes Bemühen gnädig und gütig anerkannt, und durch öffentliche Empfehlungen die Verbreitung desselben befördert haben. Demüthigen Dank also erstens Dem, der mir und meiner geringen Arbeit den Weg bahnte, und sie mit seinem göttlichen Segen krönte. -- Für?s zweite spreche ich hier meinen unterthänigsten Dank Einer Hochlöblichen Königl. Preuß. Regierung zu Merseburg aus, die im 63sten Stücke des öffentlichen Anzeigers, vom Jahre 1836, unter Nr. 850, durch eine allergnädigste Empfehlung den Absatz meines Büchleins ungemein beförderte. Jene Empfehlung lautet wörtlich also:

?Der Schullehrer in Döbern, Ephorie Delitzsch, Johann Gottfried Bornemann, hat eine Schrift herausgegeben: Anweisung zum Weinbau, an Gebäuden, Mauern, Lauben und Bäumen u. s. w. 62 Seiten in Octav, welche bei L. Meyner in Delitzsch gedruckt, und dort sowohl als bei dem Verfasser für fünf Silbergroschen zu haben ist. Nach dem Urtheile Sachverständiger, ist diese Schrift sehr wohlgelungen und verdient empfohlen zu werden.?

Merseburg, den 9. August 1836.

In der deshalb an Sr. Hochehrwürden, den sel. verstorbenen Herrn Superintendent Dr. Rudel in Delitzsch ergangenen schriftlichen Erklärung heißt es:

?Die von Ew. Hochehrwürden unterm 2ten vorigen Monats eingereichte Schrift des Schullehrers Bornemann in Döbern: Anweisung zum Weinbau, haben wir von einem Sachverständigen prüfen lassen, und dieser hat sie dem Inhalte nach, richtig und zweckmäßig abgefaßt befunden, und kann eine Anzeige derselben in den öffentlichen Anzeiger aufgenommen werden.?

Merseburg, den 9. August 1836.

Königl. Regierung, Abtheilung für das
Kirchen- und Schulwesen.

Unterthänigsten Dank daher meinen Hohen Vorgesetzten, die mein geringes Bemühen so gnädig anerkannten. -- Dank allen den Edlen und Guten in der Nähe und Ferne, die mich und mein Büchlein so liebevoll aufnahmen, und sich die Verbreitung desselben angelegen seyn ließen. -- Dank den Thätigen, die meinen Winken und Vorschlägen treulich folgten, und unaufgefordert erklärten, das was sie nach Anleitung meines Büchleins versuchten, auch in der That bewährt und richtig befunden zu haben. Dank besonders noch den aufrichtigen Freunden, die mich auf das noch Fehlende aufmerksam machten, und mich dadurch in den Stand setzten, es in dieser zweiten Auflage nachfolgen zu lassen. Einiges werde ich im Eingange erwähnen, und das Uebrige dem Büchlein selbst, da, wo es hingehört, einverleiben.

Zum Schlusse dieser Vorrede bitte ich die Freunde der Wahrheit und Aufrichtigkeit herzlich, mir jeden vielleicht auch in dieser zweiten Auflage vorkommenden Irrthum bestens anzuzeigen. Ich werde diese mir dadurch erzeigte Gefälligkeit mit dem größten Danke erkennen.

Möchte doch der Wunsch des Verfassers, durch diese kleine Schrift den Trieb zum Weinbaue in allen, ja auch schon in den Kindern zu wecken und zu stärken, im reichen Maaße erfüllt, und jede bis jetzt noch leere und doch für den Weinbau nutzbare Stelle zum Wohle der Menschheit und zur Verschönerung des Landes angebaut werden.

Möge der Geber alles Guten auch dieser zweiten Auflage seinen Segen zu Theil werden lassen, damit sie recht Vielen noch faßlicher und nützlicher werde, als die erste es war. Und wenn dann erfüllt ist, was im vorstehenden Gedichte steht:

?Es müssen alle leere Stellen
?Wo ja sonst nichts kann gedeih?n
?Von Euch grün bepflanzet seyn,

dann wird sich für seine darauf gewendete Mühe hinlänglich belohnt fühlen

Geschrieben
im Sommer des Jahres
1840.

 

 

der
Verfasser.

 


Inhalt:

  Seite
1. Zum Weinbau schickliche Oerter 1
2. Anpflanzung der Schnittlinge 2
3. Zeit der Anpflanzung von Schnittlingen 3
4. Art des Legens der Schnittlinge 3
5. Raum der Schnittlinge 5
6. Vom Begießen und Düngen des Weinstockes 6
7. Das Setzen der Schnittlinge mit dem Pfahl-Eisen 10
8. Vom Begießen und erstem Beschneiden der Schnittlinge 11
9. Vom Anpflanzen der Wurzlinge 12
10. Vom ersten Beschneiden der Wurzlinge 15
11. Vom Zudecken der Schnittlinge, Wurzlinge und aller anderer Weinstöcke überhaupt 16
12. Vom Aufdecken der Weinstöcke im Frühjahre 18
13. Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Sommer 19
14. Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Herbste 21
15. Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Sommer 23
16. Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Herbste 25
17. Vom Verbrechen oder Kappen 26
18. Natürliche Ursachen des Nachtheils vom allzufrühen Verbrechen 28
19. Nutzen des Nichtverbrechens oder Kappens 31
20. Regelmäßiges Verlängern der Weinstöcke 33
21. Umzäunung der Weinstöcke 34
22. Vom Untersetzen der Weinstöcke 36
23. Vom Verjüngen der alten Weinstöcke 37
24. Vom ersten Anbinden oder Heften im Frühjahre 41
25. Von den Reserve-Augen und ihren Ruthen 43
26. Vom zweiten, dritten und vierten Anbinden oder Heften 43
27. Das natürliche Anheften vermittelst der Gabeln 46
28. Von der richtigen Lage der Ruthen 47
29. Von der richtigen Lage der Trauben 48
30. Vom Abbrechen der Blätter zum Gebrauche 50
31. Einrichtungen zur Erleichterung des mühsam scheinenden Begießens 52
32. Reinigung des Weingartens 54
33. Das Erretten einiger Ruthen und Trauben vom Verderben im Frühjahre 56
34. Vom Anpflanzen der Weinstöcke im Freien oder an Bäumen 57
35. Schutzmittel gegen die späten Fröste im Mai und Juni 58
36. Behandlung der im Winter erfrornen Stöcke 60
37. Vom Senken oder Vermehren der Stocke 62
38. Vom Verpflanzen der Senker 65

Eingang.

Der ersten Auflage meines Büchleins fehlte es vorzüglich an einer vorausgehenden kurzen Uebersicht und Benennung der einzelnen Theile des Weinstocks. Sie folgen also hiermit:

Für das zunächst vom Stamme des Weinstocks ausgehende alte Holz, was man beim Baume Zacken oder Ast nennt, habe ich in keinem Buche eine fest angenommene richtige Benennung gefunden. In gegenwärtiger Anweisung ist es mit dem Namen: ?Zweig von altem Holze? oder ?Ast? bezeichnet. (§. 9 und 23.) Mir scheint es aber jetzt, als ob man diese Theile des Stockes mit Recht ?Arme? oder auch ?Kanal, Saftkanal? nennen könnte. Ich übergebe diese Benennung den geneigten Lesern zur Prüfung. Denn, wenn man den an diesen Aesten stehenden Theilen die Namen ?Zapfen und Schenkel? gab, weil sie mit denselben einige Aehnlichkeit haben, so kann man ja eben so gut auch diese Aeste, die durchaus nicht mit den Reben verwechselt werden dürfen, ?Arme? nennen, denn sie sind ja ebenfalls denselben ähnlich. Auf diese Weise wären demnach die Haupt- und Neben-Theile eines Weinstockes in der gehörigen Ordnung folgende:


1.
Zum Weinbau schickliche Oerter.

Wenn man Weinstöcke an einem Gebäude oder an einer Wand anpflanzen will, so muß man die Morgen- oder Mittags-Seite dazu wählen. In warmen Sommern und Herbsten gedeihen sie auch auf der Abend-Seite; bei sehr günstiger Witterung sogar auch auf der Nacht-Seite, zumal wenn man den Stock mit seinen Wurzeln auf die Morgen-Seite setzt, und die Reben nachher um die Ecken des Gebäudes herum auf die Nacht-Seite zieht. Bringt man aber die Wurzeln auf die Nacht-Seite, so ist?s gut, wenn man den Erdboden, wo die Wurzeln liegen, oben 2 Finger breit mit Pferdemist oder Sand bedeckt; beides hält die Kälte ab und vermehrt die Wärme des Bodens; und darauf kommt es beim Weine vorzüglich an, daß der Boden, wo die Wurzeln liegen, recht erwärmt wird; es fördert sein Wachsthum und bringt ihn zeitig zur Reife, obschon der obere Theil des Stockes nicht so viel Sonne hat. Auch muß man beim Setzen der Stöcke auf der Nacht-Seite die Erde, womit die Wurzeln bedeckt werden, reichlich mit Sand vermischen, und den obern Theil des Bodens so einrichten, daß nicht zu viel Wasser darauf stehen bleibt. Es läßt sich aber leicht denken, daß die Nacht-Seite eines solchen Gebäudes auch ganz frei seyn muß, und daß sowohl in der Nähe als auch selbst in weiterer Entfernung kein Baum oder sonst ein anderer Gegenstand stehen darf, welche den früh und Abends dahin fallenden Sonnenstrahlen den Zugang verhindern, und den Weinstöcken Licht und Wärme entziehen würden, die dieselben hier noch weniger als auf der Morgen-, Mittags- und Abend-Seite entbehren können. Jedoch muß man von den, auf der Nacht-Seite stehenden Stöcken nie den großen Nutzen erwarten, welchen man sich von den auf den andern Seiten stehenden Stöcken versprechen kann.

2.
Anpflanzung der Schnittlinge.

Kann man keine Wurzlinge, d. h. Stöcke mit Wurzeln, bekommen, so nimmt man Schnittlinge, d. h. die im Herbste beim Beschneiden vom Stocke abgeschnittenen überflüssigen Ruthen, schneidet davon die schwachen Spitzen oben ab, so daß der Schnittling ohngefähr eine Elle lang bleibt. Sollte die Ruthe mehr, als eine Elle gutes starkes Holz haben, so kann man aus derselben zwei und mehr Schnittlinge machen. Es können diese Schnittlinge auch 5 bis 6 Viertel Elle lang seyn; länger aber nicht, weil sonst das Einlegen in die Erde unbequem ist, und viel Raum erfordert. Auch können sie kürzer seyn, als eine Elle. Ich habe welche gelegt, die nur zwei Augen hatten, wovon das eine in die Erde kam und die Wurzeln trieb, das andere über der Erde stand, aus welchem die Ruthe emporschoß. Je kürzer sie aber sind, desto sparsamer wachsen sie.

3.
Zeit der Anpflanzung von Schnittlingen.

Diese Schnittlinge kann man nun gleich im Herbste, sobald sie vom Stocke abgeschnitten sind, in die Erde bringen, dahin, wo der aus denselben entstehende Stock künftig seinen Platz haben soll. Sie können aber auch an einem kühlen, feuchten Orte, z. B. im Grase, mit etwas Gras, Heu oder Stroh bedeckt, mehrere Wochen lang aufbewahrt, und dann von Zeit zu Zeit gesteckt werden. Man kann sie auch bis zum Frühjahre aufbewahren, und dann an Ort und Stelle legen. Dann müssen sie aber in ein Bund zusammen gebunden, eine halbe Elle tief in die Erde gelegt und ganz mit Erde bedeckt werden. Im Frühjahre muß man sie aber zeitig heraus nehmen und verpflanzen, ehe die Augen anfangen zu treiben, sonst kann man dieselben leicht verletzen, und sie erleiden auch durch das Herausnehmen und Weiterpflanzen eine nachtheilige Störung im Wachsthume. Deßhalb ist es am Besten, sie gleich im Herbste einzeln an Ort und Stelle zu bringen. Manche rathen an, diese Schnittlinge erst 8 bis 14 Tage in laues Wasser zu werfen, ehe man sie pflanzt. Ich habe das mit einigen gethan, mit andern nicht, und es wuchs die eine Art so gut, wie die andere.

4.
Art des Legens der Schnittlinge.

Zum Legen der Schnittlinge mache man eine Grube oder einen Graben längs des Gebäudes, eine halbe Elle breit und eben so tief, in der Richtung, daß nachher das vom Dache herabfließende Regen-Wasser gerade auf die Grube fällt. In diese Grube lege man nun die Schnittlinge, und beuge das obere Ende aufwärts, daß es mit einem Auge aus der Erde hervorragt, wenn die Grube zugeschüttet ist, und die obere Spitze des Schnittlings nach dem Gebäude schräg hin zeigt. Man muß die empor gebogene Spitze mit einem in die Erde gesteckten Häkchen oder einer Gabel befestigen, damit sie ihre Richtung behält. Das zweite Auge muß so zu stehen kommen, daß beim Zuschütten der Grube einen bis zwei Finger breit Erde darauf zu liegen kommt. Sollte das obere Auge zu Schaden kommen, so schafft man die wenige Erde vom zweiten hinweg, daß dieses die Ruthe treiben kann. Bleibt aber das obere Auge unverletzt, so läßt man das zweite in der Erde, damit es die Wurzel vermehren hilft; denn alle in der Erde liegende Augen treiben Wurzeln. Sollte das zweite Auge aus der Erde emportreiben, so kann man es wachsen lassen; man bekommt alsdann zwei Ruthen an diesem Stocke. Ich lasse es aber gewöhnlich nicht zu, sondern beuge es sanft um und bedecke es mit Erde, daß es unter- oder seit-wärts gehen und Wurzeln treiben muß; die eine Ruthe wird alsdann kräftiger. Nur muß man sie wohl in Acht nehmen; denn wird sie abgebrochen, so ist leicht der Stock verloren, da sie nur selten noch einmal und nie so stark wieder treibt. In dieser Hinsicht wäre es freilich besser, zwei Ruthen zu lassen. Wenn dann die eine verloren ginge, so bliebe doch noch die andere. Man thut dieß aber bei Schnittlingen nicht gern, weil sie noch zu wenig Kraft zur Ernährung zweier Ruthen haben. Man verwahrt lieber die eine Ruthe so, daß sie nicht beschädigt werden kann.

5.
Raum der Schnittlinge.

Eine Spanne weit von der empor gebogenen Spitze des ersten Schnittlings kann nun schon wieder der zweite eingelegt werden, dessen oberes Ende man wieder eben so umbeugt, und mit einem Haken befestigt, und eine Spanne von diesem der dritte, und so fort der vierte, fünfte u. s. w., bis der ganze Graben der Länge nach voll ist. Auf diese Weise kommen die Stöcke eine bis zwei Ellen weit zu stehen. -- Ich weiß wohl, daß Manche sagen, dieß sey zu enge, ein Weinstock brauche einen Raum von 8 Ellen. Allein es können 10 Jahre vergehen, ehe er diesen Raum gebraucht, und während dieser Zeit wird dann ein großer Theil des Spaliers kahl; da hingegen nach meiner Art zu pflanzen gleich in den ersten zwei Jahren das ganze Spalier grün wird, und im dritten und in den folgenden Jahren überall Trauben hat. Auch lassen sich die dicht stehenden Stöcke, wenn sie größer werden, so behandeln, daß sie alle am Spaliere Raum haben.

Ich lasse nämlich von den vielen Stöcken gleich vom Anfange an den einen höher gehen, als den andern. Auf welche Art ich dieß bewirke, werde ich in der Folge zeigen. Freilich dürfte diese Behandlungsweise nur an hohen Spalieren, bei übersetzten Gebäuden anwendbar seyn; an niederen nicht so gut; an solchen müßte man sie allerdings etwas weiter auseinander pflanzen. Da nun die Weinstöcke, gleich allen anderen Bäumen, von Jahr zu Jahr höher gehen, so daß das alte kahle Holz unten immer länger wird und die Ruthen immer weiter hinauf kommen, so geschieht es, daß bei Stöcken, welche zu weit auseinander stehen, unten am Spaliere bloß kahles, blätterloses Holz zu sehen ist. Ich bedecke dieses jedesmal mit den niedrig stehenden Ruthen der kurz gehaltenen Stöcke, von denen der eine länger ist, als der andere, und so geschieht es, daß mein Spalier von unten bis oben grün aussieht und Trauben trägt, wodurch natürlich die Anzahl derselben bedeutend vermehrt wird. -- Man macht zwar auch den Einwurf, es hätten diese dichtstehenden Stöcke mit ihren Wurzeln in der Erde nicht Raum und Frucht genug. Allein meine dichtstehenden Stöcke tragen eine Menge Trauben, wie man sie selten an einem Stocke findet, und müssen daher Raum und Frucht genug haben. Sollten sie ja nach Verlauf mehrerer Jahre wegen ihrer Größe nicht mehr Raum genug haben, so ist?s ja auch noch Zeit, einige wieder heraus zu nehmen und weiter zu verpflanzen.

6.
Vom Begießen und Düngen des Weinstockes.

Man muß nur gleich beim Legen der Weinstöcke dafür sorgen, daß solche Frucht haben können. Deßhalb mache ich den Graben zum Einlegen nicht ganz dicht au das Gebäude, sondern ½, auch ¾ Elle weit davon ab, so daß die Traufe mitten auf den Graben, und also auf die Stelle fallen muß, wo die Wurzeln liegen. Beim Zuschütten des Grabens mache ich nach dem Gebäude zu auf die frei gelassene halbe Elle festen Bodens ein schräges Dämmchen, welches das Wasser vom Gebäude ableitet und auf die Wurzeln führt. Auf diese Weise bleibt es an der Wand immer trocken, und wird wenigstens nicht so naß, daß es dem Gebäude schaden könnte. In dieses schräge Dämmchen beuge ich nun gleich beim Legen die Spitzen der Schnittlinge, so daß die Stöcke dicht am Gebäude zu stehen scheinen und an demselben in die Höhe gehen können. -- Auf der andern Seite der Grube mache ich gleich beim Zuschütten ein eben so schräges Dämmchen, daß aber natürlich seine hohe Seite nach Außen haben muß, und so entsteht auf der eine halbe Elle breiten Grube eine Vertiefung, in welcher das Regenwasser und alle andere Flüssigkeiten, die man zur Beförderung des Wachsthums dahin gießt, stehen bleiben und auf die Wurzeln eindringen müssen. Es ist sehr gut, wenn diese Vertiefung um das ganze Gebäude herum wagerecht ist; denn auf diese Weise bekommen alle Stöcke gleiche Frucht. Nur von den Seiten des Gebäudes nach den Giebeln zu mache ich die Vertiefung etwas schräg, damit die sonst an den Seiten sich vermehrende Traufe nach den Giebeln fließt, wo gewöhnlich, besonders am Morgengiebel, weniger Regen hinkommt. Sollte bei anhaltendem Regen des Wassers in der Vertiefung zu viel werden, so darf man nur in das Dämmchen an der Außenseite eine kleine Oeffnung machen, um es abfließen zu lassen. Stehen aber die Stöcke auf trockenem sandigen Boden und ist kein Teich oder sonstiger Wasserbehälter in der Nähe, aus welchem sie Frucht ziehen können, so bekommen sie auch nicht leicht zu viel Nässe. -- Ich habe in trockenen Sommern einem Weinspaliere von 24 Ellen Länge jeden Mittwoch und jeden Sonnabend 100 Eimer Wasser gegeben; vorausgesetzt, das solches auf trockenem, sandigen Boden stand. Auf feuchten Boden dürfte natürlich nicht so viel nöthig sein. Bei Stöcken auf solchem Boden bedurfte ich noch nicht der Hälfte Wasser, und dennoch wurden die Trauben eben so gut, als jene. Es kommt auch viel auf das Alter des Stockes an. Ein solcher, der seine Wurzeln schon in der Länge und Tiefe weit ausgebreitet hat, gedeihet oft mit seinen Ruthen und Trauben auch auf sandigem Boden, ohne begossen zu werden. Wenn der Stock an den Spitzen der Ruthen welk wird, nicht mehr treibt, und sogar die Trauben anfangen zu welken, dann ist?s hohe Zeit, ihn zu begießen; besser aber ist?s, man läßt es so weit nicht kommen. Es war dieß bei meinen Stöcken einige Mal der Fall; ich begoß, und sah binnen 24 Stunden, daß die schon ganz hingewelkten Trauben alle wieder frisch wurden. Unterläßt man nun das Gießen nie, so erleidet der Stock keine Störung, und die Trauben kommen zeitig zur Reife. Folgen häufige Regen, so ist natürlich das Gießen nicht nöthig. -- Am liebsten begieße ich mit dem von der Sonne erwärmten Teich- oder Pfützenwasser, besonders solchem, welches recht schlammig ist; denn dadurch erhalten die Stöcke zugleich eine herrliche Düngung; keinen andern Dünger, als solches Schlammwasser gebe ich meinen Stöcken, und sie gedeihen dabei vortrefflich. Mistjauche halte ich für zu scharf. Auch Waschwasser, welches mit Lauge vermischt ist, taugt nichts; wohl aber das Wasser, in welchem die Wäsche gespühlt worden ist, das zwar Seife, doch keine zu starke Lauge enthält. In Ermangelung solchen Wassers habe ich aber auch bei großer Trockenheit meine Stöcke mit kaltem Brunnenwasser begossen, um zu sehen, ob es ihnen schaden würde; habe aber keinen Nachtheil gefunden. Doch ist ihnen jenes dienlicher, als dieses. Beim öfteren Begießen geschieht es nun, daß die Grube verschlämmt, und nicht mehr die gehörige wagerechte Richtung behält; diese muß man dann immer wieder herzustellen suchen. Weil nun in der Grube zwar die Wurzeln des Stockes liegen, er selbst aber nicht aus derselben hervorragt, sondern in das Dämmchen an der Wand geleitet ist, so läßt sich dieses auch mit einer Schippe ganz bequem machen; denn so breit ist gewöhnlich an meinen Weinspalieren die Grube, daß ich mit einer solchen darin hinfahren kann, so daß sie einem glatten Fußsteige ähnlich sieht, auf welchem man sehr bequem um das Spalier herumgehen kann. Was aus der Grube geräumt wird, werfe ich auf das Dämmchen an der Mauer; dadurch wird es in gutem Stande erhalten und die in demselben liegenden Thauwurzeln bekommen zugleich eine herrliche Düngung, denn es ist ja größtentheils hineingespühlter Schlamm. Häuft sich derselbe zu sehr an, so verstärke ich damit auch das Dämmchen an der Außenseite. Außerdem aber bediene ich mich zur Verstärkung desselben anderer Erde, wenn es nöthig seyn sollte.

7.
Das Setzen der Schnittlinge mit dem Pfahl-Eisen.

Die oben erwähnten Schnittlinge können auch noch auf eine andere Art gesteckt werden. Wenn man nämlich einen Ort hat, wo man nicht gern einen solchen Graben machen will und kann, und der Boden an sich schon nicht zu fest ist, so nimmt man einen Pfahl oder ein Pfahl-Eisen, stößt damit ein Loch senkrecht so tief, als der Schnittling lang ist, stellt alsdann denselben hinein, doch so, daß das obere Auge heraussteht und das andere einen bis zwei Finger breit tief in die Erde kommt. Sind es mehrere Schnittlinge, die ein längeres Spalier bilden sollen, so kann man auch den Löchern gleich mit dem Pfahle oder Pfahl-Eisen oben eine schräge Richtung, nach dem innern Dämmchen zu, geben, um nachher beim Setzen das obere Ende des Schnittlings eben dieser Richtung fähig zu machen. Auch hier versteht sich das Anheften mit einem Häkchen von selbst. Nun nimmt man gute klare Erde, und reibt dieselbe langsam zwischen beiden Händen über dem Loche, bis dasselbe mit Erde angefüllt ist. Ein Andrücken derselben ist hier nicht nöthig, könnte sogar den sämmtlich aufwärts stehenden Augen schädlich werden; es wird dieselbe durch das nachherige Begießen von selbst fest, und man muß, wenn es mit der Zeit oben an Erde fehlen sollte, etwas nachfüllen. Die auf diese Art gepflanzten Stöcke halten bei trockener Witterung lange aus, da ihre unteren Wurzeln tief in die feuchte Erde hinunter treiben. Bei ganz hartem festen Boden dürfte jedoch diese Art der Anpflanzung nicht anwendbar seyn. Daß auch hier des Begießens wegen oben an den Stöcken eine mit Dämmchen umgebene Vertiefung bleiben muß, versteht sich von selbst. Ich kann diese Art der Anpflanzung um so mehr empfehlen, da ich sie mehrere Jahre lang erprobt und gut befunden habe.

8.
Vom Begießen und ersten Beschneiden der Schnittlinge.

Eine Hauptsache ist nun, daß solche Schnittlinge, sie mögen auf diese oder jene Art gepflanzt worden seyn, besonders im ersten Sommer, immerwährend feucht gehalten werden; alsdann treiben die mehresten schon im ersten Jahre eine Ruthe von 1 bis 2 Ellen. Unterläßt man das Begießen, oder fährt damit nicht regelmäßig fort, so daß sie bald zu naß, bald wieder zu trocken stehen, so wird, besonders wenn wenig Regen fallen sollte, selten einer davon fortkommen. Wer, wegen Mangel an Zeit, nicht oft genug nach seinen Schnittlingen sehen kann, thut wohl, wenn er die an denselben angebrachte Vertiefung zwischen den Dämmchen mit strohigem Kuhmiste, in welchem jedoch wenig Koth hängen darf, anfüllt; unter demselben halt sich natürlich die Feuchtigkeit länger. Es kann derselbe den ganzen Sommer durch liegen bleiben, und immer wieder darauf gegossen werden. Nur muß man vorher erst untersuchen, ob der Boden darunter trocken und also das Begießen nöthig ist. Denn oft ist der obere Theil des Mistes trocken und der untere ist immer noch feucht. Man kann diese Befeuchtungs-Methode überhaupt auch bei allen frischgepflanzten Weinstöcken anwenden. Die Ruthe nun, welche die Schnittlinge im ersten Sommer getrieben haben, muß im nächsten Herbste bis auf 2, höchstens 3 Augen weggeschnitten werden, und das über derselben stehende alte Holz wird ebenfalls glatt und dicht über der Ruthe weggeschnitten. Sollte man einem Schnittlinge zwei Ruthen gelassen haben, so wird die schwächere, wenn sie zu schwach ist, ganz weggeschnitten; im anderen Falle kann man ihr ein Auge lassen, mehr aber nicht.

9.
Vom Anpflanzen der Wurzlinge.

Wenn man Wurzlinge, d. h. Stöcke mit Wurzeln, pflanzen will, so wähle man solche, die nicht zu langes, altes Holz haben, sonst hat man unbequemes Stecken, indem dasselbe bis auf eine Viertel-Elle in die Erde gelegt werden muß; die Stöcke kommen außerdem nicht gut fort, und wenn es auch geschähe, so wachsen sie sparsam, und haben mit demselben ein schlechtes Ansehen, sind auch in wenigen Jahren über das Spalier hinausgewachsen. Die beste Zeit zur Anpflanzung derselben ist, wie bei den Schnittlingen, der Herbst; doch kann es auch im Frühjahre geschehen, aber nur zeitig, ehe die Augen anfangen zu schwellen. Ist die Erde nicht gefroren, so kann man den ganzen Winter über pflanzen. Das an den Wurzlingen befindliche junge Holz, die Ruthe, muß bis auf 2, höchstens 3 Augen, und zwar 2 bis 3 Finger breit über dem dritten Auge, weggeschnitten werden. Sind mehr Ruthen daran, so werden diese ganz dicht am alten Holze weggeschnitten; der Stock hat sonst mehr zu treiben, als er Kraft besitzt, weil er im ersten Jahre mit dem Anwurzeln zu thun hat. Auch die zu langen Wurzeln muß man abkürzen, und beschädigte bis an den Schaden wegschneiden. Sollte der Wurzling mehrere Zweige von altem Holze haben, so zieht man sie auseinander, so daß sie ohngefähr eine bis anderthalb Elle weit von einander zu stehen kommen. Auf diese Weise werden aus einem Stocke zwei bis drei, oft noch mehr, wenn genug kurze und lange Zweige daran sind, daß sie in gehöriger Weite von einander entfernt werden können, und diese Stöcke hängen dann in der Erde an einer gemeinschaftlichen Wurzel, welche sich aber noch dadurch vermehrt, daß alles in der Erde liegende alte Holz Wurzeln treibt, wodurch schon im ersten Sommer jeder Stock seine eigenen Wurzeln bekommt. Man kann auch, wenn der Wurzling zu langes altes Holz haben sollte, dasselbe so weit wegschneiden, daß es nur eine Viertel-Elle aus der Erde hervorragt. Auch dieses alte Holz, ohne eine Ruthe mit Augen, schlägt aus, wiewohl etwas später. Ich habe sogar den unteren Theil des Senkers, an dem ich einige Wurzeln ließ, gesteckt, und mit dem Ende, wo ich den Senker vom Stocke abgeschnitten hatte, aus der Erde hervorgehen lassen, also den Stock verkehrt gesteckt, und die auf diese Art gepflanzten Stöcke wuchsen eben so gut, als die anderen. Die Grube zu den Wurzlingen wird eben so gemacht, wie bei den Schnittlingen. Sollten die Wurzeln groß seyn, so muß dieselbe natürlich etwas breiter werden, wenn nämlich diese so gewachsen und so stark sind, daß man sie nicht gut in der Grube lang hin ziehen kann. Dieß kann leicht der Fall werden, wenn der Wurzling mehrere Zweige an der Stelle hat, wo die Haupt-Wurzel hin zu liegen kommt. Die Wurzeln macht man mit den Händen recht sorgfältig aus einander, und drückt die zuerst darauf geworfene wenige klare Erde etwas mit der Hand und den ausgebreiteten Fingern an sie an, nicht aber mit dem Fuße fest getreten; dieß verwandelt diese lockere weiche Erde leicht in einen, den zarten Wurzeln schädlichen Kloß. Die übrige, zur Ausfüllung der Grube nöthige Erde braucht gar nicht fest getreten zu werden, sie senkt sich mit der Zeit von selbst. Auch bei diesen Wurzlingen muß beim Zuschütten der Grube ebenso verfahren werden, wie bei den Schnittlingen. Es muß nämlich oben auf der Grube eben eine solche Vertiefung bleiben, damit das Wasser stehen bleiben kann. Und auch diese müssen, sowie die Schnittlinge, im ersten Sommer immer feucht gehalten, doch nicht zu häufig begossen werden. Auch müssen sie, gleich jenen, mit den aus der Erde hervorragenden Enden in das an der Mauer gemachte Dämmchen geleitet seyn, damit sie beim Reinigen der Vertiefung kein Hinderniß verursachen. Alle auf diese Art gepflanzten und gepflegten Stöcke wachsen gewiß. Mir ist von mehreren Hunderten, die ich bereits pflanzte, auch nicht ein Einziger eingegangen. Nur Einer fing einst an zu kränkeln und nicht ein Auge kam zum Aufbrechen. Ich ließ ihm Zeit bis nach Pfingsten, begoß fleißig, aber er kam nicht. Nun nahm ich denselben wieder heraus, und fand, daß solcher durch zu vieles Begießen gelitten hatte, denn seine Wurzeln standen gleichsam im Schlamme. Ich schüttelte die nasse Erde von den Wurzeln ab, räumte die Schlamm-Erde aus der Grube heraus und setzte denselben wieder in lockere bloß frische Erde ein. Nach 3 Tagen schwollen die Augen, und er trieb noch in denselben Sommer schöne kräftige Ruthen. -- Dieß möge Jedermann zur Belehrung dienen.

10.
Vom ersten Beschneiden der Wurzlinge.

Die an diesen Wurzlingen im ersten Sommer gewachsenen Ruthen müssen im nächsten Herbste, die schwächsten dicht am Stocke, die stärkeren bis auf 1, die noch stärkeren bis auf 2, und die stärksten bis auf 3 Augen weggeschnitten werden. Dieß ist durchaus nöthig; denn läßt man alles im ersten Sommer gewachsene Holz stehen, so treiben im nächsten Jahre alle daran befindliche Augen nur schwache Ruthen, weil die noch zu geringe Kraft des Stockes sich zu sehr vertheilt; derselbe würde dann in kurzer Zeit einem Dornenbüschchen ähnlich sehen, nie Trauben bringen und wohl gar erkranken und eingehen. Schneidet man aber das überflüssige Holz auf die hier beschriebene Weise ab, so geht im nächsten Jahre die ganze Kraft des Stockes in die wenigen Augen, und treibt einige schöne, starke Ruthen.

11.
Vom Zudecken der Schnittlinge, Wurzlinge und aller anderer Weinstöcke überhaupt.

Die im Herbste gepflanzten Schnittlinge, Wurzlinge und alle andere Weinstöcke müssen nun, ehe der Winter kommt, zugedeckt werden, damit sie nicht erfrieren. Es geschieht dieß zwar nicht jeden Winter; wenn die Kälte nicht zu heftig wird, so halten sie aus. Da man dieß aber nicht vorher wissen kann, so ist es besser, man unterzieht sich der kleinen Mühe; und wenn auch die Wurzeln, wie bekannt, nicht erfrieren, so würden doch dadurch die Stöcke um 3 Jahre zurückgesetzt werden. -- Bei den Schnittlingen ist das Zudecken sehr leicht. Man stecke um jeden Schnittling einige Stückchen Holz die etwas höher sind, als der Schnittling selbst, so daß um ihn herum gleichsam ein kleiner Zaun, etwa eine Spanne im Durchmesser, entsteht. Diesen Raum fülle man mit trockenem Laube, Heu oder klarem Stroh aus, und der Schnittling wird nicht erfrieren, wenn es auch noch so kalt würde. Den Wurzling, wenn er zu hoch seyn sollte, beuge man auf die Erde, befestige ihn mit einem Haken an dieselbe, und umstecke und bedecke ihn eben so. Das Niederbeugen und Umstecken muß gleich beim Beschneiden geschehen, weil man da noch in die Erde kann und der Stock sich gut beugen läßt; das Zudecken aber wird dann erst nöthig, wenn es anfängt, zu frieren. Denn so lange es nicht friert, ist es für jeden Weinstock besser, wenn er unbedeckt liegt. Ich lege deßhalb alle meine Stöcke im Herbste, nachdem sie beschnitten und vielleicht von einem Regen durchnäßt worden sind, zwar auf die Erde nieder, decke sie aber erst dann zu, wenn es zu frieren anfängt. Zum Bedecken nehme ich auch hier nur die oben genannten Gegenstände. Mit Mist darf man durchaus nicht zudecken; derselbe verursacht zu viel Wärme, durch welche Fäulniß entsteht; und von Erde, welche von Vielen für die beste Decke gehalten wird, werden die Stöcke unansehnlich; auch verfaulen bei gelinden Wintern leicht mehrere Augen, und die Mäuse können ungehindert den Stöcken großen Schaden zufügen, weil man nicht so leicht nach denselben sehen und die Mäuse vertreiben kann. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die Weinstöcke nur einer ganz leichten Decke bedürfen, um nicht zu erfrieren. Früher bediente ich mich des schlechten unbrauchbaren Heues zu denselben. In Ermangelung dessen nahm ich im vergangenen Winter langes Roggenstroh, mit welchem es sich noch bequemer machte. Man setzt es mit den Sturzen auf die Erde, lehnt die in die Höhe stehenden Aehren an die Mauer und schiebt sie unter die erste oder zweite Stange des Spaliers. Sollte es ein langes Spalier seyn, so muß man eine Querstange anzubringen suchen, damit es von einem etwanigen Sturmwinde nicht mit fortgeführt werden kann. Der von der Traufe herabfallende Regen gleitet recht gut daran hernieder in die Gußrinne zwischen den Dämmchen, giebt den Wurzeln die Winterfrucht und der Stock selbst bleibt unter dem Strohe trocken; denn dadurch, daß solches schräg steht, können bei warmen Wintertagen die Sonnenstrahlen recht gut wirken; auch kann die Luft das unter dem geraden Strohe hohle Weinlager recht durchstreichen, welches beides die Fäulniß verhindert und den Mäusen die Gelegenheit entzieht, ihre Winternester darin zu bauen. Ueberdieß hat mich auch noch die Erfahrung gelehrt, daß das Stroh, wie an andern Gewächsen, also auch hier, gleichsam ein Frostableiter ist. Drei Finger breit Stroh ist zu den Decken hinreichend. Wo wegen Mangel an Raum das Herunterlegen und Zudecken mit Stroh nicht möglich ist, muß man sich freilich blos des Umwindens mit Stroh bedienen, das aber mühsamer ist. Wo das Zudecken mit Stroh unbequemer ist als mit Erde, da möchte ich lieber Sand für Erde anrathen. Ich habe es versucht, und solchen besser befunden als Erde. Die Stöcke halten sich darunter trockner und reinlicher, und ein Verfaulen der Augen ist dabei nicht so leicht zu befürchten.

12.
Vom Aufdecken der Weinstöcke im Frühjahre.

Im Frühjahre decke man dieselben nicht zu zeitig auf; späte Fröste können leicht den schon aufgeschwollenen und im Aufbrechen stehenden Augen schaden. Man lasse aber auch die Decke nicht zu lange liegen, sonst bringt die dadurch entstehende Wärme die Augen eher zum Treiben, als es ihrer Natur nach geschehen kann, und man ist beim Anbinden nicht im Stande, die weichen Triebe alle vor Verletzung zu bewahren. Auch sind dieselben nun nicht an die natürliche Luft gewöhnt, und können daher leicht durch Frost Schaden leiden. Wären diese Nachtheile nicht zu befürchten, so würde ich rathen, die Decke lange darauf liegen zu lassen, solche nach und nach zu verschwächern, und endlich ganz wegzunehmen. -- Durch das Stroh wirkt am Tage die warme Frühjahrs-Sonne, und des Nachts schützt dasselbe die Stöcke vor den kalten Frühlingslüften. Die Augen kommen dadurch zeitiger zum Treiben und die Trauben erscheinen früher. Freilich würde man sich dann beim Anbinden sehr in Acht nehmen müssen; auch dürfte diese Behandlungsweise bei großen, holzreichen Stöcken nicht so gut anwendbar seyn, als bei kleineren.

13.
Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Sommer.

Alle Ruthen, die im zweiten Sommer an den Schnitt- und Wurzlingen gewachsen sind, läßt man ungestört treiben, heftet und henkelt sie gehörig an, daß sie bei Sturm und Regen oder durch ihre eigene Schwere nicht abbrechen können; kneipt aber nicht wie Einige zu thun pflegen, die an den Blättern heraustreibenden Seitenruthen, den sogenannten Geiz, ab, sondern schneidet dieselben erst im Herbste beim Beschneiden dicht weg, doch so, daß man das dabei stehende Auge nicht verletzt. Einige meinen zwar, diese Seitenruthen raubten der Hauptruthe die Kraft; dieß ist aber nicht der Fall, sondern sie führen derselben vielmehr Nahrung zu und schützen und nähren besonders das Auge, an welchem sie stehen. Sollten an diesen jungen Stöcken außer den aus den Augen treibenden Ruthen auch noch mehrere aus dem alten Holze kommen, was bei gut bewurzelten Stöcken und auf gutem Boden wohl manchmal der Fall seyn könnte, so daß ihrer zu viel würden; so kann man wohl dem allerschwächsten die Spitze nehmen, die stärkern aber lasse man gehen. Sie rauben den Hauptruthen nicht zu viel Kraft, sondern bleiben von selbst zurück, und im Herbste lassen sie sich oft, wie ich in der Folge zeigen werde, zur Vergrößerung des Stockes gut benutzen, besonders wenn derselbe gleich von unten an erweitert werden soll. Durch das richtige Beschneiden im ersten Herbste sind die Stöcke schon in einen solchen Zustand versetzt, daß sie nicht leicht mehr Ruthen treiben, als sie ernähren können. Einige Schnitt- und Wurzlinge jedoch, die mir im zweiten Sommer zu lange und schwache Ruthen und Seitenruthen trieben, brachten mich auf den Gedanken, einen Versuch zu machen, ob man sie nicht durch Abkneipen der Spitzen zwingen könnte, sich unten mehr zu verstärken. Ich nahm nun von den Ruthen so viel weg, daß sie bloß noch von einer halben bis höchstens zu einer Elle lang blieben, und die Seitenruthen drei bis vier Blätter behielten, und der Erfolg entsprach ganz meiner Erwartung. Die Ruthen wurden stärker und kräftiger und die Seitenruthen nahmen nun nicht so viel Raum weg.

14.
Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Herbste.

Ganz schwachen Wuchs schneidet man dicht am Stocke weg; Stummel dürfen nicht stehen bleiben, sie vertrocknen mit der Zeit und machen den Stock unansehnlich. Bei glatt weggeschnittenen aber verwächset die Wunde. Etwas stärkere Ruthen schneidet man weg bis auf 1 Auge, noch stärkere bis auf 2 und 3 Augen. Man nennt dieß Zapfen. Die allerstärksten Ruthen werden nicht länger, als eine Viertel-, höchstens eine halbe Elle lang gelassen, und diese nennt man Schenkel, wenn nämlich die Augen so dicht stehen, daß auf der angegebenen Länge sich mehr als 3 Augen befinden. Bei Ruthen, wo die Augen weitläuftig stehen, müßte man sich allerdings nach denselben richten, und ihrer 4, 5 bis 6 stehen lassen, obschon dadurch der Schenkel nun länger würde, als eine Viertel- oder eine halbe Elle. Es müßte eine sehr gute, starke und kräftige Ruthe seyn, wenn man sie im zweiten Jahre schon eine bis anderthalb Elle lang lassen sollte, so daß sich an ihr mehr, als 6 Augen befänden; denn diese nennt man nicht mehr Schenkel, sondern Reben, und solche Reben läßt man gewöhnlich erst im dritten Jahre stehen. Es ist ein Hauptfehler, wenn man in dem zweiten Jahre die Ruthen zu lang läßt, oder wohl gar nicht abschneidet. Der Stock bekommt dann im nächsten Jahre eine Menge schwachen Wuchs, den er nicht gehörig ernähren kann, und Trauben bringt er selten. Da hingegen die kurzen Schenkel in dem folgenden dritten Jahre schon Trauben bringen. Auch wird der Stock durch das Nichtbeschneiden in wenigen Jahren zu schnell hoch und behält unten schwaches Holz, da er hingegen beim Kurz-Beschneiden sich nach und nach gleich von unten an verstärkt, kräftige Wurzeln treibt, und mit den Jahren erst seine gehörige kraftvolle Höhe und Stärke erreicht. Es ist sehr wohlgethan, wenn man auch die Stöcke auf diese Art erzieht, die eigentlich später ihre größere Ausbreitung am zweiten Stockwerke des Gebäudes erhalten sollen, weil, z. B. in Städten, am ersten Stockwerke, wegen der Fenster, kein Raum dazu vorhanden ist. Sie erhalten dadurch einige niedere Zweige oder Aeste, mit denen man ja auch hier den Raum unter und neben den Fenstern bekleiden kann. Zum Schlusse dieses Kapitels muß ich nochmals ausführlich wiederholen, was schon im 9. §. kürzlich gesagt worden ist. Alle Schnitte am jungen Holze müssen 3 bis 4 Finger, wohl oft eine Hand breit über dem Auge geschehen. Dieses Holz über dem Auge vertrocknet im nächsten Sommer und wird im folgenden Herbste dicht über der aus diesem Auge entstandenen Ruthe weggeschnitten. Schneidet man aber zu dicht über dem Auge, so vertrocknet dasselbe leicht, und die aus demselben zu erwartende Ruthe mit den Trauben ist verloren.

15.
Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Sommer.

Im dritten Sommer treiben nun die Zapfen und Schenkel schöne kräftige Ruthen, die Schenkel an denselben auch zugleich Trauben. Die Zapfen bringen gewöhnlich hier, sowie auch an älteren und größeren Stöcken, keine Trauben, sondern treiben bloß gute Ruthen. Es müßte ein sehr kräftiger, auf sehr gutem Boden stehender Stock seyn, wenn er auch an den Zapfen Trauben haben sollte. Bei einigen von meinen, auf solchem Boden stehenden Stöcken ist dieß schon oft geschehen. Bisweilen kann sich?s aber auch zutragen, daß ein Zapfen den Erwartungen nicht entspricht, sondern statt einer starken, eine schwache Ruthe treibt, wohl gar schlecht wächst oder vertrocknet. Geschieht dieß, so wird er im nächsten Herbste entweder glatt weg, oder wieder zum Zapfen geschnitten. Ich habe Fälle erlebt, daß aus dem wieder zum Zapfen geschnittenen Zapfen erst im nächsten Jahre die kräftigere Ruthe kam. Auch muß ich zur Belehrung Anderer hier noch eine Erfahrung anführen, die ich einst an einem Stocke gemacht habe. Es trieb derselbe im ersten Sommer sehr schwache Ruthen, obschon es ein Wurzling war. Ich schnitt zwei derselben zu Zapfen, die dritte ganz weg; sie trieben im 2ten Jahre wieder schwache Ruthen, die zu keinem Schenkel zu gebrauchen waren. Ich schnitt alle bis auf zwei weg, aus denen ich wieder Zapfen machte. Im 3ten Jahre wurde eine Ruthe so stark daß sie im Herbste einen leidlichen Schenkel gab, die übrigen wurden wieder nur Zapfen. Aber alle zeigten im 4ten Jahre schwachen Wuchs, und gaben keine Trauben. Ich schnitt nochmals Alles zu Zapfen. Im 5ten Jahre trieb der Weinstock die schönsten Ruthen, aus welchen ich im Herbste Zapfen, Schenkel und Reben machen konnte, die das folgende 6ste Jahr Trauben brachten. Jetzt ist es ein kräftiger Stock, der viel Trauben trägt, aber noch nicht höher, als etwas über 2 Ellen, weil er bei dieser Behandlungsweise nur allmählig steigen, aber sich desto besser bewurzeln konnte. Hätte ich ihn nach den gewöhnlichen Regeln schneller in die Höhe wachsen lassen, so würde er wahrscheinlich am Ende eingegangen seyn. Die Ursache seines langsamen Vorrückens war Schwäche der Wurzeln und ein unfruchtbarer Boden, der sich nicht gut verbessern ließ. Nachdem aber dieselben durch das immerwährende scharfe Beschneiden sich verlängert und verstärkt hatten, und also ihre Nahrung nun weiter herholen konnten, war er in den Stand gesetzt, Früchte zu tragen. Dieß Beispiel zur Belehrung für denjenigen, dem es vielleicht einmal eben so ergehen könnte. -- An den in diesem Sommer wachsenden Ruthen wird nun ebenfalls, wie im vorigen Sommer, weiter nichts gethan, als daß sie gehörig angeheftet werden, damit sie Sturm und Regen oder die eigene Schwere nicht niederbeugen und zerbrechen können. Sollten aber auch hier wieder einige zu schwachen und langen Wuchs machen, so kann man sie ebenfalls nach der zu Ende des 13. §. gegebenen Regel behandeln.


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