Adelina oder Der Abschied vom neunzehnten Lebensjahre - Aufzeichnungen

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1.

Der Regen hatte aufgehört, man konnte wieder die Sonnenschirme ausspannen, und also nahmen sie die, Mutter und Schwester, und gingen aus.

Der Herr Sohn bleibt zu Hause?

Bei diesem schönen Wetter bliebe er zu Hause?

Er wolle ein wenig üben, sagte er ...

? Nun so solle er üben.

Und damit hatten sie ihre Schirme genommen und waren gegangen, Mutter und Schwester.

Er trank ein Glas Wasser, dann ging er auf sein Zimmer hinüber.

Da waren die Fenster offen und er schloß sie. Nein, ein halbes konnte ja offen bleiben und so ließ er ein halbes offen.

Draußen liegt die Luft wie stille See. Eine graue Taube läßt sich vom Schlag herunter, sie hält die Flügel ausgebreitet und bewegt sie nicht. Dicht über dem Boden beginnt sie mit den Flügeln zu schlagen und in Blätter, die da liegen, kommt Leben; die Blätter gleiten einen Menschenschritt an der Erde hin und das ist für sie wie eine Erinnerung an eine glückliche Zeit ...

Da sie noch an den Zweigen hingen, an dem schlanken Stengel!

Ja, die Blätter wollten es mit den Vögeln halten, das stille Leben da auf dem Baume hatte ihnen nicht mehr behagt und im Winde sich schaukeln war ihnen nicht genug. Hinflattern, wohin es ihnen beliebte, wollten sie.

Da lagen sie nun, irregeführt, im Staub und spürten die Lebenskräfte schwinden.

Ja, da mochten sie jetzt sehen, wie es ihnen erging!

Die Sechsuhrsonne hing an olivengrünen Tapeten, an kastanienrotem alten Gerümpel.

An dem wächsernen Christus unter dem Glassturz fließt ein dünner, gelber Strahl vorbei.

Der kam durch ein Loch in der Gardine.

... Er blickt auf die glänzende, weiße Tür; es war ihm so wohl ... Er nahm seine Noten vor.

? ? Chopin? ...

Ja, Chopin würde er spielen.

Er legt das Heft auf das Pult und stimmt. Ein paar Striche, Griffe übers Griffbrett herunter, dann faßte er die Geige mit dem Kinn, stieß mit der linken Hand den Ärmel zurück und: Piano ...

Das rechte Handgelenk bog sich sanft, ruhig wie ein Schwanenhals und die süßen Triller flogen wie kleine Kalanderlerchen ans Fenster und setzten sich dort auf dem Fensterhaken ...

Wer spielt denn da oben? ? Er hielt inne.

? Ich! ?

? ?Ich?? wer ?ich??

Pause.

... Ein Damenlachen beugt ihn zum Fenster heraus. Mit der Geige unter dem Arm, da prallt er zurück, die Blonde in Trauer stand unten.

An der Hand hatte sie ein vierjähriges Mädchen. Das hielt eine Puppe im Arm und sah dorthin, wo Mama hinsah ...

2.

Nach vier Tagen.

? Sie sind der Violinspieler?

? Ja.

Er lächelt. Sein rechtes Knie zittert, er habe noch um Entschuldigung zu bitten, sagt er.

? Nein, der Herr nimmt dir deine Blumen nicht, sei still, Martha ... Was war es, was Sie spielten?

? Chopin. Ein Nocturne.

Sie überging ganz, was er vom Entschuldigen gesagt hatte.

? Chopin ..., sie sah an ihm herunter. Ihr Blick hielt bei seinem Knie und blieb da:

? Ja, wie komme ich da jetzt aus diesem Wald heraus?

Er deutet mit der Hand:

? Dann kommt eine Bank, von da geht ein Weg hinunter, gerade bis hinter das Haus des Herrn Presoli.

? Wie, Sie wissen sogar wo ich wohne? die schwarze Glacéhand am Kinn.

? Sie standen unter dem Tor und redeten mit ihm, Herrn Presoli, er hielt die Mütze in der Hand. Und dann gingen Sie mit ihm in die Zimmer hinauf; an einem Freitag war es.

? An einem Freitag? Ja, ja, da bin ich hiehergekommen.

Sie heftet die Augen auf einen Punkt und sagt das so hin, dabei klopft sie mit dem Finger auf die weißen Zähne.

? Also guten Tag!

? Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Weg bis zur Bank zeige?

? Ach nein, danke! Jetzt finde ich ihn ja.

Sie lächelt und nickt, dann ging sie.

Er verschwand schnell. Hinter einem Baum sah er ihnen nach. Das Jäckchen des kleinen Mädchens war schwarz, kaum so groß wie ein Bilderbuch und der kleine Hut war schwarz, nur das Röckchen war weiß und die Strümpfe und Schuhe waren wieder schwarz ...

So trippelt es einher neben seiner Mama, die behend und aufrecht zwischen den Bäumen hinuntersteigt ...

Er ging hinauf bis zum ?Kamm?.

3.

Der Sonnabend fiel aus den Bäumen. Auf dem Waldboden, in den dürren Nadeln blitzte es, daß es in den Augen weh tat.

Plötzlich wandte er sich um: Sie stand unten auf der Fahrstraße ...

Ein Holzweib sagt etwas zu ihr und die Frau öffnet die kleine Handtasche ...

Sie stieg langsam herauf.

Durch das Weggesträuch mit ihren langsamen Schritten. Plötzlich ist sie zwischen den Bäumen verschwunden. Aber da kam sie schon wieder auf den Weg heraus und er ist froh ...

Das Gesicht zurückgewandt, den einen Fuß vorgestellt, verweilt sie und schaut hinab zu den roten Dächern ...

Als sie wieder ihren Weg fortsetzt, tut er so, als wäre er wegen der Aussicht da und stellt sich auf.

Ein paar Schritte noch und sie war heroben.

Jetzt sah er auch, was sie in der Hand hatte, ein Babyhut war es, aus weißem Leinen. Den hält sie sich vor das Gesicht. Wie sie an ihm vorbeikommt, hat sie ein graugrünes Kleid an und weiße Handschuhe bis über den Arm hinauf.

Da setzt sie sich auf eine Bank und legt den Arm auf die Lehne.

Sein Herz klopft und treibt ihm das Blut ins Gesicht und als er sich der Bank nähert, werden seine Beine unsicher. Er vermag es nicht, den Arm zu heben und zu grüßen ...

Aber zwei Augen gingen mit ihm und um den Mund war ein Lächeln, das sagte: Ja, ja, ich bin es, mein Lieber.

Die Schuhspitze klopft auf dem Boden ... Der Arm auf der Banklehne spielt mit dem weißen Hütchen und der andere liegt wie eine schöne, weiße Schlange im Schoß ...

Er atmet auf, als er auf dem Plateau anlangt. Das hieß ?der Kamm?, und es hat der Wind freies Feld da.

Er lächelt mit sich und blickt zu Boden; in seinem Hirn ging es drunter und drüber ...

Er sieht sich nach ihr um, da schaut sie zu ihm herauf: Er geht langsam zurück.

Und vorbei ... Nein, er wagte es nicht.

Sie verzieht den Mund und ?du Kipfel? heißt das.

Nach zehn Minuten taucht er wieder auf. Aber er ging wieder bis zum Plateau ?

Sie schaut in den Wald hinein, fächelt mit dem weißen Kinderhut, da kommt Presoli.

Wie der auf dem Plateau ist, stützt er sich auf seinen Stock, steht so, betrachtet sich die zwei und denkt wohl: Ei ja ... Ein Blick nach ihm hin, er trollt sich und verschwindet.

Das kleine weiße Hütchen auf dem Knie, spitzt sie den Mund, und sie pfiff ...

Er wagt es; aber gerade jetzt stand sie auf und ging hinunter!

Er eilt ihr nach. Rechts von ihr: Verzeihen Sie, ich möchte Ihnen das geben ...

? Was? fragt sie im gröbsten Dialekt.

Hinter ihrem Festungswall, dem Babyhut, und sie ist brennrot im Gesicht.

Er hält ihr einen Brief hin mit der rechten Hand.

? Haha!

Dasselbe glaubt auch der Wald, denn er wiederholt es.

Sie nimmt den Brief mit der Linken. Eine feine Hand ist in dem weißen Handschuh, hinter der weißen Kappe lacht die Frau.

Nicht ganz so groß ist sie wie er. Ihre Schritte erinnern an die blendender Stuten vor dem Leichenwagen, denen der Galopp versagt ist.

? Er läßt sie über den Weg und sie geht hinunter.

... Nun war er wieder auf dem Plateau. Und viel weiter unten, da stand sie, ihr graugrünes Kleid nach der neuesten Mode.

Das Körpergewicht ruht auf dem rechten Bein, so stand sie und las. Vom Gemeindeplatz tönten die Glocken herauf. Dann geht sie rasch weiter und ihre rechte Hand mit dem Blatt Papier schwenkt übertrieben stark in der Luft.

4.

Mondnächte, wie in dem Tanzmärchen, da das adelige Fräulein Strohlendorf plötzlich mitten auf dem Märchen-Waldboden stand, hergeweht von den Cephyren. Auf einem Bein, Kopf hintenüber, erstarrt, in Hingebung ... Unbekanntem ...

... Und eine Hoboe die Sterne herabflötet zu ihr ...

? Auf dem ?Kamm? hatte der Wind seine letzten Seufzer ausgehaucht. Kein Hälmchen rührt sich. Das einzige, was sich regt, das Flimmern der Sterne. Da raschelt es im Laub und zwischen den Bäumen kommen zwei daher. Im grünen Mondlicht, das an den Bäumen herabfließt, am Boden weiterrieselt und irgendwo unter dem modernden Laub in die Erde lautlos hineinrinnt. Puck, Bohnenblüte, Oberon.

Langlangsam ...

Kommen zwei daher, eng aneinander, sie stehen Brust an Brust, dann gehen sie wieder ...

Warum hast du mir das nicht gesagt? fragt sie. Keine Spur von Dialekt. Das Lächeln mit geschlossenen Augen, das zittert in ihre Stimme hinein ...

5.

Auf dem Fußweg im Lärchenwald kollert ganz plötzlich der Mond.

Der Junge ging da und taumelte, bald über den Weg, bald zwischen den Bäumen und hielt die Hand ans Gesicht gedrückt.

Er setzt sich auf einen Baumstrunk ...

6.

Die Front des Hauses ist im Dunkeln. Der Mond steht verklärt auf dem Dachfirst und schaut von da in den Himmel hinauf.

Ein einziges Fenster ist schwach erleuchtet, ein unschuldiges Lichtchen brennt hinter den Scheiben.

Drei weiße Fensterpölster sind da, die schimmern durch die Nacht ...

Jetzt kämmt sie sich, denkt er, und sitzt auf seinem Holzstoß im Schupfen. Die Torflügel sind ausgehoben und die halbe Welt liegt vor dem flügellosen Tor und der Himmel darüber ist angefüllt mit Sternen.

Ein Fenster ist weit geöffnet und ein Fensterhaken hängt nach.

Aber er baumelt nicht, nein, nein, die Luft liegt wie Öl.

Jetzt hast du dein Licht ausgelöscht?!

... Leise hustet jemand im Zimmer.

Jetzt kommt sie ans Fenster! denkt er, und seine Hände legen sich langhin auf den Holzstoß ...

Vor dem Tor wächst ein Halm, der bewegt ein einziges Mal seine Spitze, dann steht er wieder kerzengerade ...

... Da ist sie?!

Aber es war das nur der Vorhang, der plötzlich vom Mondstrahl getroffen wurde.

Eitel Silber rauscht armdick aus der Brunnenröhre und in die Kufe und das ist das einzige Geräusch auf dem großen Hof.

Er wartet und wartet, und auf seinem herrlich mit Wasser frisierten Scheitel glänzt der Mond.

7.

Die Sonne ist schon fort. Ein hochrotes Wolkenband brückt über den Himmel weg. Unter ihm fährt der Abendzug weg. Eine weiße Säule, schräg in den Himmel, über sich ...

Das Kinn an den Hals gedrückt, stand er da. An seinem Leib konnte man die Rippen zählen, durch das dünne Sommergewand.

*


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