Chi Api, der Tote

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1. Kapitel. Der Chinese am Ast.

Es sind seltsame Geschöpfe, die durch den Lichtschein der Karbidlampe nachts in unsere Bambushütte gelockt werden. Der Türvorhang und Chi Apis feines Netzflechtwerk vor den Fenstern helfen gegen diese Invasion sehr wenig. ? Es ist eine interessante Invasion. Da sind Nachtfalter von Handgröße, da sind Motten, pechschwarz mit gelben Kreisen auf den Flügeln, da sind jene unheimlichen Käfer, die wie ein kleines Flugzeug dahergesurrt kommen und mit einem klingenden Krach gegen die Lampenglocke prallen, halb betäubt herabfallen und mit ihren Krebsscheren wütend den Füllfederhalter packen, mit dem ich sie von meinem feuchten Papier zu streifen suche. ? Alles ist hier feucht ? Der Urwald haucht nachts seinen Moderodem aus. Die faulenden Stämme, die Sumpflachen, die dicken Lianen, die wie grüne Taue die Baumriesen mit Girlanden schmücken: Alles, alles strahlt Feuchtigkeit aus ? nachts!

Doch ? wozu schreibe ich dies hier bereits jetzt nieder?! Bis zur Hütte in den Dajak-Wäldern von Borneo ist es ein weiter Weg ? Einer jener Wege, die gänzlich abseits der Heerstraße führen. Ein weiter Weg vom Viktoria-Fluß in Australien zum Kapuasstrom in Borneo. ? ?

? So finster die Nacht damals auch war, als ich mit meinem zähen Fuchs vom Turnbull-Feld vor Kolonel Mallingrott entflohen und glücklich bis zum Viktoria gelangt war: Finster, aber den Lichtschimmer des Lagerfeuers in den Büschen sah ich um so deutlicher, und nicht minder deutlich erblickte ich droben am Buchenast den gehenkten Chinesen, da gerade der Mond für Sekunden die Wolkenwand durchbrach.

Es war nicht schwer, zwischen diesem armen Teufel und der im Uferbuschwerk johlenden Rotte eine zwanglose Verbindung herzustellen.

Ich hatte meinen Fuchs ein Stück zurück in einer Mulde verborgen. Nordaustralien zwischen dem 125. und 130. Breitengrad ist weder der Umgebung meiner Vaterstadt Malmö noch etwa der lärmenden Gemütlichkeit der Ostseebäderküste auf Usedom vergleichbar. Die Kimberley-Goldfelder sind nicht allzu weit entfernt (nicht zu verwechseln mit den südafrikanischen Edelsteinminen!), und wenn auch die Glanzzeit Kimberleys dahin ist: In den Wittenoon-Bergen waren unlängst neue Placers entdeckt worden, und die Miners dort waren ein tolles Völkchen, hatte mir Kolonel Mallingrotts Töchterchen gelegentlich erzählt. Daisy wußte eben alles, Daisy verstand nicht viel von allerneuesten Moden, desto mehr von Pferdebeinen und von dem Unterschied zwischen einer Sniders- und einer Winchesterbüchse und von Fährten und ? vom Küssen ? Letzteres wußte Percy Dobber am allerbesten, und wenn Dobber, Kamerad aus Zelle 112, nicht gewesen wäre, dann hätte ich vielleicht in Borraloola einen Standesbeamten recht gern bemüht, vorausgesetzt, daß mit Olaf Karl Abelsen sonst alles in Ordnung gewesen wäre ?

Was nicht der Fall war und nicht der Fall ist, denn das ekle Stückchen Papier, Steckbrief genannt, bemüht sich noch immer um mein geringes Ich. Obwohl mein Gewissen ? ? aber auch das sind uralte Märchen: Es war einmal! ?

Chi Api an dem Buchenast mit langgerecktem Hals und mit der Krawatte aus Hanf und der heraushängenden Zunge bot keinen erfreulichen Anblick dar. Der magere Chi hatte mich nicht bemerkt. Tote pflegen auf die Anwesenheit von Lebenden im allgemeinen auch wenig Gewicht zu legen. Aber auch Antje Vanderoos war ich entgangen, obwohl sie sich äußerst behutsam näherte. Sie hatte allen Grund dazu. Ich stand im Schatten von einem Dutzend dicht nebeneinander gewachsener Kasuarinenstauden, Riesenschachtelhalme, und da mein Jagdhabit in der Farbe durchaus der Umgebung sich anpaßte, erkletterte das blonde Mädel ahnungslos und mit imponierender Schnelligkeit die alte Buche und löste oben Chis Krawatte ? das Ende, das um den Ast geschlungen war. Chi sank langsam ins Gras.

Der tote Chi ? die Namen der Beteiligten habe ich hier vorweggenommen ?, der bisher hoch oben keinerlei Lebenszeichen von sich gegeben, war als Gehenkter entschieden nicht einwandfrei. Von dem anständigen Gehenkten verlangt man, daß er im Grase stille liegt, selbst wenn Antjes blonde Schönheit ihn losgeknüpft hat. Chi war auch in dieser Hinsicht eine Rarität. Er richtete sich etwas schwerfällig zu sitzender Stellung auf und wackelte mit dem absolut kahlen Kopf matt hin und her. Das sah im erneuten Mondlicht recht gruselig aus.

Antje kniete neben ihm, stützte ihn, schnitt ihm die Armfesseln sehr rasch durch und flüsterte schluchzend:

?Oh Chi, was habe ich deinetwegen an Todesangst ausgestanden!!?

Chi faßte sich in den Mund und holte aus dem Schlund eine Röhre aus getrockneter Kasuarine hervor und warf sie von sich. Sie hatte ihre Schuldigkeit getan. Chinesen sind sonst sehr pietätvoll und ehren jede Kleinigkeit, die zu ihrem eigenen Ich irgendwie in Beziehung steht. Chi hätte dieses Rohr unbedingt als Talisman weiterhin um den Hals tragen müssen. Es hatte ihm das Leben gerettet, allerdings noch etwas: Der dicke Hanfstrick, der durch Antje vorher präpariert worden war.

?Oh Chi, du lebst ?!? jubelte Antje unter Tränen und schleppte ihn in die entfernteren Büsche.

Für Minuten entschwanden sie mir.

Es war das eigentümlichste Pärchen, das ich je beobachtet hatte.

Ich war heimlich als dritter wieder zur Stelle. Ein Toter und ein Mädel in einer Art Jachtdreß hätten wohl selbst einen eingefleischten Verächter jeglicher Art von Nächstenteilnahme angelockt.

Leider war es nun in dem Gestrüpp so dunkel, daß ich die beiden Gestalten lediglich als Schatten wahrnahm. Ihre gedämpfte Unterhaltung, die vonseiten Chis in belegtem Tone und recht dumpf geführt wurde, gab mir über die Beziehungen zwischen China und Holland nur ungenügend Aufschluß.

?Oh Chi, ich fürchtete, es hätte alles nichts geholfen ?? sagte Antje rührend besorgt. ?Wie fühlst du dich??

Chi fühlte sich den Umständen entsprechend. Für einen Toten war es eine anerkennenswerte Leistung, so ausgedehnt an der Flasche zu saugen, die eine zarte Hand ihm in den Mund drückte. Ich hörte die bekannten Töne reichlichen Alkoholgenusses, und Chi erwiderte nach dieser Stärkung sichtlich gekräftigt: ?Miß Antje, mein Herz ist wie ein blühender Kirschbaumzweig, der deine zarte gütige Seele duftig umkränzt. Meine Dankbarkeit wird nie sterben, und meine Hand soll verfaulen, wenn ich den vier Schuften nicht noch heute nacht die Kehle bis zur Wirbelsäule durchschneide!?

Chis poetische Sprache liebte entschieden die Kontraste. Kirschblüten und durchschnittene Kehlen reimen sich schlecht.

Antje schwieg zu diesen blutigen Plänen Chis und meinte nur: ?Oh Chi, Gott hat geholfen, und wenn alles glückt, werden wir doch noch nach Padalara kommen.?

Ich vernahm abermals die unzweideutigen Geräusche des Gluckerns von Alkohol. Daß Chi nach seinem Gastspiel am Baumast Wasser trinken würde, war unwahrscheinlich.

Dieses zweite Labsal hatte den toten Chi offenbar gänzlich in das Reich der Lebenden zurückgeschwemmt.

?Holde Blume von Borneo,? sagte er bereits weniger belegt, ?die vier elenden Sandflöhe ? verzeih? den unfeinen Ausdruck ? müssen hinüberwandeln in das Reich derer, die nie wiederkehren. Unsere drei Malaien und Araro, der Dajak, waren klug genug, ihre Treue zu verleugnen. Bleibe hier, Antje Vanderoos, und erwarte mein Zeichen. Es wird immerhin einige Zeit dauern, bis wir vier Löcher in den Ufersand gescharrt haben. Aber fürchte nichts, Padalara, es wird nicht einmal ein Schuß fallen, und deine zarte Seele wird durch keinen Schrei gestört werden. ? Hast du mir mein Messer mitgebracht, Tochter Pieters van Vanderoos??

Die zarte Blume hatte das Messer zweifellos zur Hand, denn Chi ließ einen schmatzenden Laut hören und sagte wieder:

?Antje, ? meines Vaters Vater und dessen Väter haben diesen Stahl stets in Ehren gehalten. Es ist eine schöne Sitte, ihn vor jedem Kampfe zu küssen und die Kühle seiner scharfen Schneide mit den Lippen zu fühlen. ? Lebe wohl, holde Tochter Pieters van Vanderoos. Wir werden das Schiff zurückerobern und heimkehren in die Wälder, wo nachts der Schrei der Waldmenschen die Blätter zittern läßt und die Freunde meines einzigen Freundes die Schädel der Toten mit weißer Farbe und frischen Blüten schmücken.?

Was Antje erwiderte, entging mir, da ich mich beeilte, vor Chi Api das Lagerfeuer am Flusse zu erreichen. Es lag nicht in meiner Absicht, in diese internen Angelegenheiten mir fremder Menschen einzugreifen. Ich wollte lediglich Zeuge einer primitiven Gerichtsbarkeit sein, die hier sicherlich berechtigt erschien. Weder Chi noch Antje machten auf mich den Eindruck, als ob sie grundlos eine so harte Justiz anwenden würden.

Ich kroch eilends an der alten Buche vorüber und stieß dort ganz zufällig mit der Hand gegen Chis Hanfkrawatte. Der Aberglaube, daß der Strick eines Gehenkten Glück bringt, kam hier als Motiv einer schnellen Inbesitznahme besagten Strickes weniger in Betracht. Wichtiger war mir der Besitz an sich, denn unter den vorliegenden Umständen konnte ich von diesem Hanferzeugnis vielleicht nützlichen Gebrauch machen. Ich rollte die Krawatte also schleunigst zusammen und stellte dabei fest, ? als sie mir durch die Hand glitt, daß sie in verschiedenen Zwischenräumen weiche Auftreibungen hatte. Später hat Antje mir erklärt, daß sie in den Strick, bevor die Kerle aus Wittenoon den armen Chi aufknüpften, heimlich die braunen länglichen Früchte des Kokastrauches eingeflochten hatte, damit die Schlinge beim Niedergleiten Widerstand fände. Ihre Rechnung stimmte auch: Das Kasuarinenrohr und diese Knoten, die den Schuften in der Dunkelheit nicht auffielen, zumal der Alkohol ihre Sinne stark umnebelt hatte, schützten den zähen Chi vor dem Tode, ? er brach sich nicht das Genick, ebensowenig wurden ihm die Schlagadern zusammengepreßt, und so war denn Chi einer der wenigen, die dem Tode in einer Hanfkrawatte entgingen.

Doch dies alles ist letzten Endes Beiwerk. Hauptsache war: Ich gelangte bis dicht an das Feuer, das vor den letzten Uferbüschen brannte, und ich sah neben der prasselnden Glut vier Gentlemen in recht abgerissenen Anzügen auf einer Wolldecke dem Würfelspiel huldigen, wobei es ebenso lärmend wie anrüchig herging. Es waren vier jener Strolche, wie jedes Diggerlager sie schon zu Zeiten der ersten Goldfunde in Kalifornien kannte. Ein älterer Bursche, Galgenvogelgesicht, sicherlich Zuchthausstammgast, dann drei jüngere Leute, von denen nur der eine ein wenig annehmbar erschien, ein blasser, hagerer Mensch mit fast melancholischen Zügen, die jetzt freilich unter dem Einfluß des Whisky schamlos habgierig wirkten.

Anrüchig ging es zu. Der Alte, den die anderen drei mit Braxon anbrüllten, mogelte in unverschämtester Weise, dabei war er so schlau, sich gänzlich bezecht zu stellen, und seine Fingerfertigkeit im Austauschen der harmlosen gegen bleigefüllte Würfel hätte einen Bellachini1 beschämt.

Dies sah ich mit einem Blick. Mit einem zweiten, der nun der weiteren Umgebung galt, entdeckte ich im Ufersande vier Gestalten, die wahrscheinlich der von Chi erwähnte Dajak Araro und die Malaien waren. Sie konnten lediglich gefesselt sein. ? Auf dem hier etwa fünfzig Meter breiten Flusse erkannte ich undeutlich die Umrisse einer Dschunke mit gerefften Segeln.

Zu eingehenderen Beobachtungen fehlte mir die Zeit.

Braxon hatte soeben wieder einen großen Schlag gelandet. Die Kerle spielten um Goldkörner, und die Sicherheit, mit der sie Größe und Wert der einzelnen Nuggets abschätzten, konnte nur durch ein längeres, ernstes Studium als Banditen erworben sein.

?Ich bin blank,? sagte der Bleiche und fluchte in widerwärtigster Art. ?Spielt ihr drei allein weiter ? Ich werde mal nach unserem blonden Mädel schaun ??

Er erhob sich taumelnd und schwankte unsicher auf eine Hütte aus Zweigen zu, die mir bisher, da halb in die Büsche hineingebaut, entgangen war.

Braxon rief ihm eine unflätige Redensart nach, ? die vier bedienten sich jenes verdorbenen Küstenjargons, der von China bis hinab nach Melbourne und ostwärts bis Hawaii gesprochen und verstanden wird: Ein Mischmasch von Englisch, Französisch, Holländisch, gespickt mit indischen, malaiischen und Südseebrocken.

Ich war schneller als der Blasse. Entdeckte er Antjes Abwesenheit, so konnten Chis blutdürstige Absichten eine üble Wandlung erfahren.

Der Blasse lüftete das Stück Segel, das als Türvorhang diente ?

?Hallo, Miß ?!!?

Aber zu meinem Erstaunen folgte diesem Anruf sofort ein durchaus höflicher Nachsatz ? nur geflüstert ?: ?Miß, ich werde Sie unter allen Umständen schützen ? Fürchten Sie nichts. Ich habe Chis Schlinge auch ??

Das Weitere mußte er verschlucken. Ich hatte zugepackt, und der eine Hieb genügte. Ich schleifte ihn durch die kleine Hütte hinten in die Büsche und fesselte ihn. Es geschah in seinem Interesse. Ich hörte vom Lagerplatz her ein paar Schreie und Chis schrille Stimme:

?Araro, begnüge dich bitte mit dem einen Kopf! ? Schnell, schaufelt sie ein! Antje, die duftende Blüte von Padalara, soll nichts von diesen schlechten Menschen mehr sehen!?

Chis zarte Sorgfalt gefiel mir. Noch mehr sein erstaunlicher Nachsatz, der nur mir gelten konnte: ?Mr. Fremder, den Mann mit dem Namen Milo hätten wir ohnedies geschont. Bringe ihn nur her. Miß Antje führt dein Pferd herbei. Du bist uns willkommen, Mr. Fremder.?

Chi hatte den Dajak und die drei Malaien befreit, und von Braxon und Genossen waren außer dem Manne Milo nur noch drei flache Sandhügel übrig.

So machte ich die Bekanntschaft Chis und eines Teiles der anderen Mitspieler des ungewöhnlichen Abenteuers mit Araros frischer Trophäe.

Die Dajaks sind nämlich Kopfjäger.



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