Cervantes

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Inhalt

Erstes Buch
Audienz
Der Sprachlehrer
Geehrte, geliebte Eltern...
Die Venezianerin
Fieber
Flottenparade
Lepanto
Im Schwarzen Hut
El Sol
Die toten Könige
Dali-Mami
Die Stadt Algier
Der Sklave Don Miguel
Drei Verräter
Die Heimkehr
 
Zweites Buch
Erster Abend
Unica Corte
Theater
Aufatmen
Lügenbank
Ana Franca
Straßenkreuzung
Das Dorf in der Mancha
Der Kommissar
Blutsprüfung
2 557 029 Maravedis
Der seltsame Kerker
Escorial
Der Ritter

 


 

Erstes Buch

Audienz

Es gab in Madrid keine Kutschen. Der Kardinal-Legat mußte zur Audienz reiten. Man hatte ein weißes Maultier für ihn aufgetrieben, darauf saß er seitlich, nach Art der Frauen, das leuchtende Gewand lang hinabwallend. Es regnete fein und eisig auf seinen flachen Purpurhut. Der alte Fabio Fumagalli, Kanonikus von Sankt Peter, führte sein Reittier am Zügel. Hinterdrein und zur Seite stapften die Leute seines Gefolges im Schmutz, drei Kleriker minderen Ranges und mehrere Bediente, alle unheiteren Gesichts niederschauend auf ihre Strümpfe, die kotig wurden bis über die Waden. Die geistlichen Herren hielten mit beiden Händen ihre Röcke hoch wie Bauernweiber und gedachten der schöngepflasterten römischen Promenaden.

Es war eine seltsame Hauptstadt, nach der sie da entsandt worden waren. Einen Marktflecken, nichts anderes, hatte sich dieser König zur Residenz ausgesucht. Wenn 15000 Christenmenschen hier beieinander hausten, war es viel. Die Häuser waren fast alle aus Lehm, einstöckig, so niedrig, daß der Kardinal auf seinem Maultier mühelos hätte die Dächer berühren können. Dies war die Hauptstadt der halben Welt. Von diesem Schmutznest aus wurde Spanien regiert, Burgund, Lothringen, Brabant, Flandern, und die fabelhaften Goldreiche überm Weltmeer. Von hier aus empfingen in Neapel, Sizilien und Mailand spanische Vizekönige ihre Weisungen. Gegen den Herrscher, der hier sich gefiel, hielten sich mühsam noch aufrecht der König von Frankreich, die Republik 10 Venedig und der Staat des Heiligen Vaters. In Tracht und Sitte war Spanisch Weltmode; von hier ging sie aus.

Die spärlichen Passanten im Novemberregen beugten das Knie vor dem Reiter im Fürstenkleid. Die zu ihm aufschauten, blickten betroffen. Da ritt ein Knabe. Ein schmales, blasses, kränkliches Gesicht schimmerte unter dem Purpurrand.

Der Kardinal Giulio Aquaviva war 22 Jahre alt. Der Papst hatte ihn hergeschickt, um sein Beileid zum Tode des Thronfolgers Don Carlos zu überbringen, eine sehr besondere Mission, denn niemand zweifelte daran, daß hier der Vater dem Sohn zum Sterben verholfen hatte.

Beinahe einen Monat war die Delegation unterwegs gewesen von Rom nach Madrid. Das Meer war stürmisch, allenthalben kreuzten die Raubschiffe der Barbaresken. Die geistlichen Herren gingen halbtot an Land. Ein Aufenthalt ohne Bequemlichkeit erwartete sie. Der Kardinal-Legat saß die Nächte durch aufrecht in seinem nassen harten Bett in der Madrider Nuntiatur und hustete.

Während der langen, entsetzlichen Seefahrt hatte sein Kommen noch einen weiteren finstern Sinn bekommen. Auch zum Tode der Königin konnte er nun gleich mitkondolieren. Die schöne, sanfte Elisabeth von Frankreich war nur 25 Jahre alt geworden. Nach den Marien von Portugal und von England war sie die dritte Tote in Philipps Ehebett. Was seine Hand berührte, das welkte und ging.

Vorwand genug nun also für die Reise. Denn 11 ihr geheimer und eigentlicher Zweck war ein anderer. Zwischen dem Allerkatholischsten Könige, Schild des Glaubens, Richtschwert der Ketzer, und dem Vatikan herrschte Zwist. Der Sohn Karls des Fünften lag im Staub vor Gott und der reinen Lehre, keineswegs vor dem Papst. »Für Spanien gibt es keinen Papst,« hatte der Präsident seines Rates in öffentlicher Sitzung gesagt... Der 22jährige kranke Herr war Träger sehr ernster Botschaften.

Denn der ständige Nuntius hatte garnichts erreicht. Audienzen wurden ihm selten gewährt, stets von neuem verwies man ihn auf den schriftlichen Weg. König Philipp liebte den schriftlichen Weg. Leise und zäh hauste er unter Papieren. So sparsam er sprach, so gern, so methodisch schrieb er. Das Gebet und die Akten, dies war sein Leben.

Von seinem Kondolenzgesandten erhoffte der Papst, was sein Beamter nicht durchsetzte. Unter tragischen Umständen würde der Jüngling vor diesem König erscheinen, vielleicht fand er den Weg zu seinem Gefühl, zu seiner belasteten Seele. Man liebte Aquaviva in Rom. Pius selbst, unter seiner dreifachen Krone ein unerbittlicher alter Dominikaner, liebte ihn. Vielleicht würde auch Philipp ihn lieben.

Der ständige Nuntius war voller Hohn. Zunächst einmal quartierte er den kranken Herrn schlecht ein in seinem Hause, kein Mensch kümmerte sich um sein Wohlergehen, seine Begleitung bekam nichts zu essen.

12 Schließlich schlug der Kanonikus Fumagalli Skandal. Er war ein weißbärtiger Bauer aus der Romagna, von mächtigem Körperbau, zum Soldaten mehr als zum Priester erschaffen, und dem Hause Aquaviva seit jungen Jahren dienend befreundet. Auch er liebte den hochgeweihten, zarten und frommen Jüngling. Mit dem Hausherrn hatte er eine kurze, völlig respektlose Unterhaltung. Danach wurde alles besser.

Aber mit befriedigtem Hohn beobachtete der Nuntius weiterhin, wie der Aufenthalt des ungebetenen Logiergastes sich müßig hinzog. Drei Wochen war er nun schon da. Auf die ehrerbietige Anfrage, wann die Traueraudienz genehm sei, war erst viele Tage überhaupt keine Antwort gekommen, endlich ein Bescheid aus der Staatskanzlei, das Beileid möge schriftlich abgestattet werden. Schriftlich, das Allerweltswort, aber dem Kirchenfürsten gegenüber, der einen Monat unter Fährnissen gereist war, eine kaum tragbare Insolenz. Dennoch war nichts übrig geblieben als nochmals zu bitten. Unmöglich konnte er nach Rom zurückfahren und Petri Nachfolger bekennen: man hat Deinen Botschafter garnicht ins Haus gelassen. Als endlich der Zutritt gewährt wurde, war von vornherein das Gleichgewicht peinlich verschoben. Und das war der Zweck gewesen.

Das Königsschloß war erreicht. Aber der geistliche Zug konnte den Eingang nicht finden. Ein Gerüst zog sich um den burgmäßigen, verwinkelten Alcazar. Im Regen hämmerten Arbeiter. Immer wurde an Philipps Häusern gebaut.

13 Sie zogen um den ganzen zackigen Komplex. Vor einer Hinterpforte stieg der Legat von seinem Tier. Pikenträger in riesigen Hüten, gelben Wämsern und rotgelben Pluderhosen hielten Wache. Sie verstanden kein Wort. Es waren Deutsche. Schließlich, auf das Rufen der Diener, kam ein Mann in Priesterkleidung die steile Stiege herab und gab auf Lateinisch Bescheid. Von hier aus war kein Zugang zu den königlichen Gemächern. Aufgesessen also noch einmal und im Halbkreis zurück zur Vorderfront mit den Gerüsten.

Die Begleitung verblieb in einem Wachtlokal zu ebener Erde. Es war kalt hier, durch die winzigen, vom Balkenwerk verstellten Fenster kam jetzt um Mittag kaum Licht. »Das sind Vergnügungsreisen!« sagte Fumagalli, der den nassen roten Hut des Legaten auf den Knien hielt, »die Eminenz wird uns sterben an diesem Ausflug!«

Der Kardinal ging langsam, unter Seitenstechen, die dunklen Treppen hinauf. Es roch schlecht in diesem mittelalterlichen Burgpalast. Ein Hofherr schritt seitlich voran, immer höher. Ich glaube, der König von Spanien sitzt auf dem Dach und erwartet mich da, dachte Aquaviva, denn er war fröhlichen Gemüts unter seinem Purpur, ein gütiger heiterer Knabe bei all seiner frommen Klugheit.

Nun ging es im obersten Stockwerk seitlich ab, durch einen offenen Zinnengang erst, in den der Nordsturm hereinblies, und von dem aus man das ganze lehmschmutzige Städtchen recht armselig liegen sah und jenseits das nackte, traurige 14 Hochland von Kastilien. Dann kamen Säle, niedrig und lang, mit ein paar Truhen spärlich möbliert. Überall Herren vom geistlichen Stand, in der Sutane oder im Ordenskleid, in Gruppen sich beredend, untätig harrend. Ein viereckiges Zimmer dann, voll mit Bewaffneten. Ihr Offizier erwies klirrend Salut. Im nächsten Raum, einem völlig leeren Gang, verließ ihn der Hofherr zur Meldung.

Unmittelbar zu Aquavivas Häupten schlug eine Glocke stark und nachhallos die Mittagsstunde. Die Tür ging auf. Der Kämmerer ließ ihn passieren.

Das Zimmer war hell. Aus hohen Fenstern strömte von links und von rechts stumpfes, kalkiges Licht auf dem Schreibtisch zusammen, hinter dem König Philipp arbeitete. Er legte sein Gerät zur Seite und blickte aus großen, gewölbten, unnennbar ruhigen Augen dem Eintretenden entgegen. Der verneigte sich, und wartete dann in höfischer Haltung auf eine Anrede. Doch die kam nicht. So hatte er Muße, den meistberedeten Herrn der getauften Welt zu betrachten.

Der Anblick erstaunte ihn, und er gab sich auch Rechenschaft über den Grund. Philipp saß ohne Hut, wie er auf keinem seiner vielen Portraits erschien, und wie man also nicht gewohnt war, ihn sich zu denken. So sah der Kardinal, wie blond er war: hellblond das seidig frisierte Haupthaar, nur wenig dunkler der Bart, der einen großen, geistreich gezogenen Mund umrahmte. Sehr zart und hübsch gebildet die Nase, porzellanen durchsichtig die weiße Haut, Eleganz und Gepflegtheit der 15 vorherrschende Eindruck. Nur die vorgebaute und schwere Stirn brachte einen unbestimmt drohenden Zug in das anmutige Ganze.

Schwarzer Samt war sein Anzug. Selbst die Halskrause war in diesen Tagen der Trauer verschwunden, der Orden des Vlieses hing an einer Kette aus dunklen Edelsteinen über der Brust und schimmerte schwach.

Soll ich selber denn anfangen? dachte Aquaviva und stellte mit Mißbehagen fest, daß ihm Gesicht und Hände vor verlegener Hitze brannten. Ein wenig ratlos schickte er den Blick durch das Königszimmer. Da war nicht viel zu sehen. Gobelins bedeckten die Wände. Wenige schwere und simple Möbel. Seitlich neben Philipp stand ein Tischchen mit einem kleinen Kruzifix und zwei Reliquienkästchen aus Silber.

»Einen jungen Priester schickt mir die Heiligkeit,« sagte ziemlich leise eine höfliche und vollkommen leere Stimme in mühsamem Italienisch. »Sagt Euern Auftrag!«

»Der Heilige Vater, Majestät, entbietet Euch seinen Gruß und seinen apostolischen Segen. Mein Auftrag ist, auszudrücken, mit wie tiefem, innigen Anteil die Heiligkeit den Tod Eures Infanten Don Carlos erfahren hat, und daß ihr tägliches, unermüdlich wiederholtes Gebet dem Entschlafenen gilt.«

»Das ist viel Ehre für diesen Prinzen,« sagte die glanzlose Stimme.

Aquaviva verstummte. Dies ging wider alle Voraussicht. Mochte an sämtlichen Höfen der 16 Christenheit ohne Umschweife von diesem aufregenden Trauerfall geredet werden, der König selbst, dies stand doch wohl fest, würde mit ein paar steifen Redensarten alles zudecken. Er hatte ja Anlaß dazu.

Dieser Prinz war ein Krüppel und ein halb Irrsinniger gewesen. Da er der Erbe der halben Welt war, kannte die ganze Welt seine Schritte von Kind auf. Sie wußte von seinen Ammen, denen der Säugling die Brüste zerbiß, so daß sie starben, von den Tieren, die der Knabe lebendig am Pfahl briet, den Hofleuten, die er zu kastrieren befahl, seinen Wutausbrüchen, Schreikrämpfen, epileptischen Anfällen. Auch vor dem Vater machte das Halbtier nicht Halt. Daß er ihm den Tod schwur, wäre ertragen worden. Aber in der vergangenen Weihnacht wurde sein Plan ruchbar, zu fliehen und sich in Flandern an die Spitze der Ketzer zu setzen. Mit geheimnisvoller Schnelle war dies auch in Rom bekannt. Der Papst geriet in Ängste. Er wurde beruhigt. Schon hielt man in Madrid den Prinzen gefangen. Er starb. Zu diesem Tod überbrachte Aquaviva die Kondolation.

»Die Heiligkeit,« sprach er mit Anstrengung weiter, »hat einen Trauergottesdienst angeordnet. Am 5. September wurde er in Sankt Peter abgehalten. Um dem Erben eines so mächtigen Reiches die höchste Ehre zu erweisen, hat die Heiligkeit dieser Feier selbst angewohnt. Ich darf darauf hinweisen, Majestät, daß solche Ehre bis auf diesen Tag nur Königen zu Teil geworden ist.

»Nur Königen,« wiederholte der König, 17 plötzlich in hartem Latein. »Ich danke dem Heiligen Vater. Gott hat mir die Last auferlegt, den wahren Glauben unverletzt zu erhalten, Gerechtigkeit und Frieden zu halten und nach meinen wenigen Lebensjahren die anvertrauten Staaten in fester Ordnung zurückzulassen. Alles hing in erster Reihe von der Person meines Nachfolgers ab. Es hatte aber Gott zur Strafe meiner Sünden gefallen, den Prinzen Don Carlos mit so vielen und schweren Mängeln zu behaften, daß er zur Regierung ganz untauglich war. Fiel ihm das Reich als Erbe zu, so war es gefährdet. Er konnte keineswegs leben. Nehmet den Stuhl!«

Die letzten Worte waren genau im selben Tone gesprochen wie das Vorangehende. Der junge Kardinal, betäubt und geblendet von so viel unerwarteter, schneidend heller Aufrichtigkeit, begriff nicht sofort.

»Nehmt Euch den Stuhl,« wiederholte der König.

Es stand nur einer im Zimmer, ein niedriger Schemel ohne Lehne. Aquaviva zog ihn heran. Das lebendige Rauschen seiner Seide um ihn beim Niedersitzen war wie ein Trost.

»Majestät, ich gehorche. Aber nicht sitzend dürfte ich mich meines ferneren Auftrags entledigen. Der Heilige Vater hat ihn mir nicht selbst mehr erteilen können, aber ich weiß, daß sein Herz ihn mir über das Meer zusendet. Gott hat vor wenigen Wochen auch Ihre Majestät die Königin zu sich heimgerufen, die beste, die frömmste, die edelste Seele, und so...«

18 »Es ist gut, Kardinal. War sonst noch etwas?«

Ablehnung schwang in der höflichen Stimme. Denn diese heitere, gütige, entzückende Französin hatte der König geliebt.

»Geschäfte schweben, Euer Majestät.«

»Geschäfte. Gewiß. Der Papst unterhält einen ständigen Vertreter bei meinem Hof.«

Aquaviva hatte zwei kreisrunde Flecken auf den Wangen, rot wie sein Kleid.

»Der ständige Nuntius ist schon lange von der Person des Heiligen Vaters entfernt. Meine Worte ersucht die Heiligkeit als unmittelbar aus ihrem Munde kommend zu betrachten.«

»Ich werde aufmerksam hören,« sagte Philipp. Ein Sturmstoß warf prasselnd den Regen gegen die Fensterscheiben. Beide lauschten. Als dies Geräusch vorüber war, setzte der König langsam und mit Präzision hinzu:

»Seine Heiligkeit weiß, und es kann sich daran nichts ändern, daß ich lieber auf meine Krone verzichten will, als mir das entreißen lassen, was der Kaiser und König, mein Souverain und mein Vater, vor mir besessen hat.«

Auf meine Krone verzichten... Es war cäsarisches Latein, jeder Satzteil wie eine Quader. Um Redensarten ging es hier nicht. »Wenn mein Sohn,« hatte der gleiche Mann einst gesagt, »der Ketzerei verfiele, würde ich selber Holz herbeitragen, um ihn zu verbrennen.« Er hatte noch keinen Sohn besessen, als er so sprach... Dieser unbedingten, schweren und langsamen Seele war jedes Äußerste zuzutrauen. Nicht über Rom, auf 19 unmittelbarem Wege erging an ihn, der eingesetzt war in die Herrschaft, Gottes Befehl. Spaniertum und Rechtgläubigkeit waren das Selbe für ihn. Er war Gottes schwer beladener Verwalter, sein irdisches Königsdasein in unerschauter Machtfülle war ein schmaler Vorhof der Ewigkeit, auf die sein Auge unverrückbar gerichtet blieb. Draußen auf ödem Vorland der Sierra erstand schon die ungeheure Lebensgruft des Escorial, steinerner Traum seiner Frömmigkeit, fugenlos nackt sich hinlagernd in nackte Landschaft, Machtburg, Glaubenskaserne und Grabkirche, wo er die Toten seines Geschlechts zu vereinigen dachte. Er war ein schöner, eleganter Herr und vierzig Jahre alt. Aber schon waren mit jeder Einzelheit die dreißigtausend Totenmessen angeordnet, mit denen der ganze Heerbann spanischer Priester dereinst seiner Seele den Weg zur Seligkeit sichern sollte.

Kein Papst in aller Vergangenheit hätte diesem König mehr entsprechen können als der alte Mann, der jetzt auf Petri Stuhle saß, der asketische Mönch, Großinquisitor vordem ? Philipps düster glanzloses Gegenbild jenseits des Südmeers. Und mit ihm lag er im Streit.

Es ging nicht um wenig. Es drohte die Loslösung. Es drohte die Spanische Staatskirche. Die Anzeichen waren da.

Giulio Aquaviva begann zu reden. Das kranke Haupt im Scharlachkäppchen geneigt, den Blick schräg vor sich hin auf eine Tierfigur des Teppichs geheftet, baute er die vatikanischen Beschwerden vor dem Allerkatholischsten Herrscher auf, sacht 20 beginnend mit Läßlichem, minder Bedeutsamem, sodann Befremden, Betrübnis, Entsetzen kunstvoll steigernd, keine Periode ohne ein frommes Kompliment vor dem König, seine Verdienste hoch und höher erhebend, um hernach umso tiefer klagen und anklagen zu können. Er nahm all seine Klugheit, Glaubenskraft, Innigkeit, ja unbewußt auch allen rührenden Reiz seiner kranken Jugend zusammen, ? welch gebrechlich holden Geräts bedient sich hier der wahre Glaube, hätte jeder andere Hörer bei sich denken müssen. Es ging um alles. Der Augenblick war entscheidend. Höchst ungewiß, ob er wiederkehrte. Giulio sprach nun ebenfalls Latein, bestes Latein, aus Höflichkeit gegen den König, der sich dieser Sprache soeben bedient hatte.

Der Anstände waren so viele. Von ganzer Seele wünschte der Papst sie beseitigt zu sehen. Er liebte und ehrte den König, auf ihm lag all seine Hoffnung gegen die Ketzerei, die allenthalben entsetzlich sich erhob. Mit welch christlicher Freude hatte er noch kürzlich erfahren, daß das Haupt der flandrischen Häresie, Graf Egmont, auf dem Brüsseler Schafott öffentlich gefallen war, ungeachtet der Dienste und Siege, die dieser Ketzer einst hatte leisten dürfen. Ganz sicherlich waren auch jetzt alle Übergriffe und Beleidigungen das Werk untergeordneter Diener, die Majestät hieß sie nicht gut.

Unerträglich zum Beispiel war das Verhalten des spanischen Vizekönigs in Neapel, des Herzogs von Alcala. Er verhöhnte die Autorität. Bischöfe, 21 Abgesandte des Vatikans, ließ er tagelang im schlechtesten Vorzimmer warten. Kamen sie endlich vor ihn, so empfing er sie im Bette liegend, und, wie es hieß, nicht stets allein.

Philipp erwiderte nichts und blickte mit etwas hängender Unterlippe ins Leere.

Hierzulande war es nicht anders. Ein Jahr erst war es her, da hatte der Papst die Stiergefechte verboten. Den Veranstaltern war der Bann angedroht. Die im Stierkampf Getöteten durften nicht kirchlich bestattet werden. Aber sie wurden kirchlich bestattet. Aber die Bischöfe gaben dem Bann keine Folge. Aber der Zulauf und Prunk waren größer als je. Und das geschah schließlich unter den Augen des Königs.

Aquaviva erhob den Blick und machte eine respektvoll abwartende Pause.

Philipp antwortete auch. Ein paar Worte freilich nur. Aber es war höchst seltsam: Aquaviva verstand nicht. Etwas in der Sprache des Königs klang fremd, rauh entgleitend. Hab ich denn Fieber, dachte Aquaviva, mir scheint, ich bin doch ganz klar im Kopfe... Fragen konnte er nicht. Er fuhr fort.

Das waren Einzelheiten. Aber wurde denn in Spanien die apostolische Gerichtsbarkeit überhaupt noch geachtet ? Und wie war es mit den Finanzen? Besteuerte nicht der König den Klerus nach Gutdünken und leitete ungeheure Summen der spanischen Staatsfinanz zu, statt in die römische Hauptkasse der katholischen Christenheit? Gott wußte, und der König wußte es auch, daß 22 dem Heiligen Vater Eigennutz fern lag. Christi Statthalter lebte wie ein Bettelmönch. Eine Brotsuppe und ein halbes Glas Wein zu Mittag, am Abend ein wenig Obst. Seine Kleidung war so schlecht, daß sie Anstoß erregte. Doch er benötigte das Geld für die Verwaltung des ungeheuren Seelenreiches, das ihm anvertraut war. Er bat seinen geliebten und großen Sohn, dies doch einsehen zu wollen.

Der König sprach wieder einige Sätze. Der Kardinal verstand wieder nicht. Er öffnete vor Anstrengung des Horchens den Mund, der ihm austrocknete. Er bekam Tränen in seine guten Augen, vor Scham, Ärger und Ratlosigkeit. Und diesmal merkte der König, daß er nicht verstanden wurde. Einen Schein wie von einem bleichen Lächeln meinte Aquaviva über das gepflegte Antlitz hingleiten zu sehen. Das konnte ein Irrtum sein. Aber was und wie, bei allen Heiligen, sprach dieser König? Das war doch eine seltsame Art von Latein ? denn Italienisch war es nicht, obwohl es auch wieder ähnlich klang und einzelne Worte aufzufassen waren ? einerlei, der Kardinal konnte nicht dasitzen und grübeln. Es hieß weiterkämpfen auf wankendem, weichendem Boden. In diesem Augenblick sehnte sich der fromme Knabe Aquaviva namenlos nach seinem Appartement im Vatikan, nach seiner kleinen, dämmerigen, immer so gut geheizten Hauskapelle, wo er vor einem schönen Muttergottesbild des Umbriers Perugino innig gern zu beten pflegte. Das waren gute Stunden. Der Heilige Vater hatte ihm da eine Fahrt 23 durchs Fegfeuer auferlegt, nun denn, er mußte durch die Flammen hindurch.

Er richtete sich in die Höhe. Er gab seiner Stimme Metallklang. Es kam ein Schul- und Hauptfall, der endlich ausgetragen werden mußte. Um den unglücklichen Erzbischof von Toledo handelte es sich, den ersten Prälaten des Landes, Bartolomé Carranza, der von der spanischen Inquisition der Neigung zum Luthertum angeklagt war. Von der spanischen Inquisition allein, Aquaviva unterstrich das. Nie habe Rom an die Schuld des höchst würdigen Mannes geglaubt. Der Papst, der Strengste der Strengen, finde keine Schuld an ihm. Ginge es nach der Kurie, so wäre der unglückselige Greis längst befreit. Aber die spanischen Richter widersetzten sich ? und zwar auf strikten Befehl des Königs. Inzwischen aber stehe das Toledaner Bistum, das erste und reichste in Spanien, verwaist, und der Staat ziehe die gewaltigen Einkünfte ein, ohne Rest. Nicht der Heilige Vater, nicht er sein Legat, wohl aber die Meinung der Welt sehe hier die eigentliche Ursache der königlichen Unerbittlichkeit.

Dem sei wie dem wolle ? Aquaviva erhob sich, es schien ihm der Augenblick dazu ? dies werde nicht weiter geduldet. Der Heilige Vater habe ihm in diesem Punkt äußerste Deutlichkeit auferlegt. Es handle sich um den Entscheidungskampf der spanischen Theologie mit der römischen. Die Frage sei, ob der Allerkatholischste Herrscher, Schild des Glaubens, Schwert der Ketzer, sich löblich unterwerfe oder ob er die 24 Autorität des Papstes mißachte und die Spanische Staatskirche wolle, also den Abfall. Unmißverständlich wünsche der Papst zu erklären, daß er in diesem Fall vor nichts zurückschrecken werde, vor nichts ? vor dem Bannfluch nicht!

Schweigen. Schweigen. Kein Auffahren des Königs, nicht die mindeste Geste, kein Zucken in den weißen Zügen. Eine höflich lauschende Miene, ein Blick, der an dem Kardinal vorbei schräg zum Wandteppich ging.

»Der Apostolische Stuhl,« sprach Aquaviva nun feierlich, »entscheidet gegen die Inquisition. Der Erzbischof kehrt nach Toledo zurück. Der Papst fordert seine Rehabilitierung. Carranza verdient sie. Und« ? mit einem außerordentlichen Effekt plötzlicher Milde und Wärme ? »nicht nur der Christ, der gehorsame Katholik, auch der Sohn muß sie willig gewähren, denn der Kaiser und König, sein Souverain und sein Vater, Karl glorreichen Namens, ist im Kloster Yuste in den Armen dieses selben Bischofs Carranza gestorben.«

Das war nun gesprochen. Aquaviva atmete hoch auf aus seiner schmalen Brust. Gut angelegt, gut gesteigert, das Äußerste gesagt, mit dem Banne gedroht, und geschlossen mit einem vollen menschlichen Glockenton. Darauf mußte geantwortet werden. Das war kein Gegenstand mehr für Kanzleien. Da gab es kein Verweisen auf den schriftlichen Weg. Der Kardinal wartete.

Der König wartete auch. Dann, ohne das Auge zu erheben, mit mäßiger Stimme begann er zu 25 reden. Und Aquaviva verstand nicht. »Imperator et rex, dominus meus et pater« zwar begann es, aber schon wieder glitt das Idiom ab, verwandelte sich ? wo hatte er denn seine Ohren gehabt: Philipp sprach Spanisch zu ihm, ein besonderes Spanisch allerdings, wie er dunkel zu spüren glaubte. Es war so. Ganz sacht und allmählich entstellte der Spanier seine Sprache ein wenig, tilgte Zungen- und Gaumenlaute, färbte das O dunkel in U um und brachte so ein foppendes Pseudolatein zustande, dessen Sinn der Andere stets zu erhaschen meinte, und das ihm doch immer entglitt. Ein Meisterspiel, das durfte man sagen.

Es fehlte sehr wenig, und Giulio hätte geweint. Was war er auch hergereist, ohne die Sprache zu kennen. Aber wem erschien denn das nötig! Noch war Italienisch das Idiom der vornehmen Welt und Latein gemeinsam allen kirchlich Erzogenen. Zu jeder Mission in Europa war man damit gerüstet. Gegen diesen einen Menschen freilich nicht.

Ihm fiel ein, was ihm gestern noch der französische Botschafter flüsternd erzählt hatte: wie der König die langsame Agonie seines Sohnes durch eine Öffnung in der Kerkerwand viele Stunden lang beobachtet habe, ruhigen Herzens, ohne sich bemerkbar zu machen. Er hatte gestern Herrn Fourquevaux kein Wort geglaubt; jetzt glaubte ers.

Philipp sprach. Er sprach sehr ausführlich, mit feinen Modulationen der Stimme jetzt, leise zwar, aber in eleganten, effektvollen Kadenzen, mit 26 einem offenkundigen, ruhigen Genuß. Er hatte Zeit. Er ließ sich Zeit. Es hatte für den unglücklichen Knaben im roten Mantel den Anschein, als werde er weiterreden bis zum Abend. Vor seinen Ohren brauste und zischte es, hie und da schlug ein halbvertrautes Wort durch die Brandung ? er schwankte, er wäre fast auf seinen Sessel zurückgesunken, er war ja auch krank. Da sagte die höfliche Stimme abschließend auf Italienisch:

»Dies ist es, was ich sagen kann, Kardinal. Ich halte Sie nun nicht mehr zurück.«

Er mochte, ohne sichtbare Geste, eine Glocke in Bewegung gesetzt haben. Die Tür stand offen und der Kämmerer bereit, ihn hinwegzuführen.

Der Regen draußen hatte aufgehört. Eine bleiche Sonne, fast schon eine Wintersonne, schien. Der alte Fumagalli führte das Maultier am Zügel. Besorgt schaute er zu seinem Herrn und Zögling auf, der leichenbleich und erschöpft sich in seinem Frauensattel werfen ließ.

»Du siehst so müde aus, geliebter Sohn,« sprach er leise zu ihm hinauf. In guten und in sehr schlechten Stunden duzte er ihn immer noch wie als Knaben.

»Müd bin ich,« sagte der von seinem Maultier herunter.

»Du mußt fort aus diesem Lande, Giulio. Das ist kein Klima für Dich.«

»Ich gehe, sobald man mich ruft.«

»Was sollst Du denn noch! Was willst Du noch hier?«

»Spanisch lernen. Such einen Lehrer!« 27

 

Der Sprachlehrer

Das ganze Vorzimmer ist voll, Eminenz,« sagte Fumagalli, der von draußen zurückkam. »Ein Dutzend Kerlchen sitzen da, alle sehr hungrig und trübselig anzuschauen.«

»Ein Dutzend Sprachlehrer! Wo kommen die her?«

»Aus den Humanistenschulen. Es gibt sechs oder sieben in diesem Kuhdorf. Denen hab ich Zettel hingeschickt.«

»Sehr praktisch von Dir,« sagte Aquaviva.

»Wissen möchte ich bloß, warum ihr noch Spanisch lernen wollt!«

Der Kardinal sah ihn an. »Noch sagst Du, Fabio, noch! Du gibst mir nicht viele Jahre mehr, wie?

»Noch ? als erwachsener Mann und Fürst der Kirche!« rief Fumagalli erschrocken.

»Ich werde Dir eine Geschichte erzählen. Hör zu! Am Abend, ehe der weise Sokrates sterben sollte, kam ein Freund ins Gefängnis und sah, daß der Musiklehrer da war und ihm auf der Leier ein Lied beibrachte. Wie denn, rief der Freund, morgen sollst Du sterben und lernst heute noch ein neues Lied? Und Sokrates sprach: wann soll ich es denn lernen, Du Lieber?«

»Wer redet vom Sterben! Das bißchen Husten. Hast Dus denn warm genug?«

Aquaviva saß in einem Lehnsessel, gut zugedeckt, neben ihm stand mit heller Glut ein Kohlenbecken aus Bronze, rund und groß, ruhend auf drei wundervoll gearbeiteten Löwentatzen. Fumagalli hatte das schöne Stück mit eigenen 28 Händen aus dem Schlafzimmer des apostolischen Nuntius geholt, ohne jemand zu fragen.

»Gut warm habe ichs,« sagte Aquaviva. »Was aber das Spanische betrifft, so ist eine zweite Audienz nicht ausgeschlossen, und da macht sichs doch hübsch, wenn ich den König mit ein paar Brocken überraschen kann.«

Fabio kniff die Augen zusammen. So verdächtig gemütlich redete er immer von diesem König! Erzählt hatte er garnichts. Aber kränker war er seit dem Empfangstag.

»Zweite Audienz! Ich glaub nicht daran. Er ist droben beim Escorial und überwacht seine Bauleute.«

»Einerlei. Ohne Spanisch kommt man nicht aus. Es ist auch wichtig für die vatikanische Korrespondenz. Der Heilige Vater wird es anerkennen.«

»Wie die Eminenz meint. Dann werd ich also ein paar von den Vögeln hereinlassen.«

»Aber einzeln, Fabio! Immer nur einen!«

Das Vorzimmer war voller Menschendunst. Die Zahl der Bewerber hatte sich fast noch verdoppelt. Es waren meist junge Leute, schlecht genährt und nicht besser gewaschen. In ihren Studentenkragen aus grobem schwarzem Tuch saßen sie aufgereiht auf der samtbezogenen Mauerbank, drehten ihre Mützen in den Händen und beschauten einander mit unguten Blicken. Wer würde den unerhörten Treffer ziehen in dieser Lotterie?

Mit Notwendigkeit blieb Fumagallis Auge sogleich auf einer Erscheinung haften, die sich aus all dieser schlechtgelüfteten Jugend auffällig 29 heraushob. Er trat auf den Mann zu, der sich erhob und nun im langfließenden, dunklen Seidenmantel groß vor ihm stand, das hochgeschnittene Barett auf dem grauhaarigen, bartlosen Haupt.

»Sind Euer Ehren nicht irrtümlich hier?« fragte er höflich, denn die Tracht des Mannes schien ihm gelehrte Grade zu verraten. »Der Empfang heute dient einem besonderen Zweck.«

»Der Zweck ist mir bekannt, Euer Würden, und mit Vorbedacht bin ich hier.«

Fumagalli vollführte eine einladende Geste und schritt gegen die Türe voran. Zugleich mit dem Gelehrten hatte sich neben ihm ein Student erhoben, ein schlankes, behendes Bürschchen mit lebhaften Augen, angezogen wie alle, nur vielleicht besser gewaschen, und machte unsicher Anstalten, mitzugehen.

»Du bleib nur einstweilen,« sagte der Mann im Talar, »Du würdest nur alles verderben.« Gehorsam nahm der Student wieder Platz, für die Protektion, die er genoß, von allen Seiten durch zornige Blicke versengt.

»Euer Eminenz,« meldete Fabio drinnen mit Förmlichkeit, »unter den Wartenden befand sich auch dieser Herr. Es schien mir richtig, ihn als Ersten einzuführen.«

Der Gelehrte stellte sich vor. Er war Don Juan Lopez de Hoyos, wohlbekannten Namens, wie er hinzufügte, Doktor der Universität Valladolid und Vorsteher einer jener Grammatik- und Kunstschulen, der berühmtesten in ganz Spanien, er verschwieg es selber nicht.

30 »Euer Besuch ist eine Ehre für mich,« sprach Aquaviva und wies auf einen Sessel. »Ich weiß sie zu schätzen. Aber unmöglich darf ich glauben, daß ein Mann Eurer Grade bereit ist, Elementarunterricht zu erteilen.«

»Eminenz, es war vorauszusehen, wie viele Anwärter sich einstellen würden. So habe ich einen meiner Zöglinge herbegleitet, in der Hoffnung, ihm durch Empfehlung zu dienen. Das Glück ist so blind,« setzte er hinzu, da er in den Zügen des Kardinals eine kleine ärgerliche Verfinsterung zu bemerken glaubte, »es mag mir erlaubt sein, ihm ein wenig die Augen zu öffnen.«

»Mir wollen Euer Ehren die Augen öffnen, ohne Metapher gesprochen. Ich sehe aber ganz gut.« Und Aquaviva lachte.

Der Humanist entschloß sich mitzulachen. »Der junge Mann, der mich begleitet, ist schüchtern, er bringt es nicht fertig, sein Licht leuchten zu lassen. Lobt ihn jemand, so widerspricht er eher ? er hätte sich Eurer Eminenz selbst nicht empfohlen. Und da er begabt ist...«

»Er braucht doch nur Spanisch zu können.«

»Spanisch können! Das eben ists! Spanisch kann nur, wer Latein kann. Und wie kann er Latein! Den Beweis dafür habe ich mitgebracht.«

Aus den Falten seines Doktortalars hatte er zwei Hefte in Quart hervorgeholt und hielt sie auf seinen schwarzbekleideten Händen dem Kardinal hin.

»Was ist das?« fragte Aquaviva, ohne die Schriften zu nehmen. Er war voller Abwehr 31 gegen den Schulfuchs und Musterlateiner, der ihm da aufgeredet werden sollte.

»Das eine Heft,« antwortete Hoyos, »enthält gedruckt ein Gedicht, mit dem mein Schüler bei dem jüngsten öffentlichen Dichterturnier den ersten Preis davon getragen hat ? den ersten, Eminenz, obwohl der sonst in unserem Lande fast stets nach hohem Stand und Protektion vergeben wird. Das zweite...«

»Bleiben wir bei dem einen! Vielleicht beliebt es Euer Ehren, die Verse vorzulesen.«

»Mit Freuden,« sagte der Humanist. »Es handelt sich natürlich um eine Glosse.«

»Glosse?«

Man sah Hoyos an, daß so viel Ignoranz ihn erstaunte. »Bei unseren Wettbewerben,« erklärte er ein wenig überheblich, »wird den Kandidaten in Versform ein Thema gestellt. Dies auf der Stelle zu kommentieren, in makellosen Strophen, darum handelt es sich. Die Zeilen des Themas werden dabei wiederholt.« Und er las:

»Wär Vergangnes nicht entflohn,
Könnt ich wieder glücklich sein,
Träfen meine Wünsche ein,
Wär ich noch des Glückes Sohn.«

»Vergänglichkeit ist also das Thema?«

»Und dies die Glosse,« sprach Hoyos:

»So wie alles einst entschwindet,
So entschwand mein süßes Glück,
Da ihm nichts die Schwingen bindet,
Kehrt es nimmer mir zurück. 32
Ob sich auch im Staube windet
Dieses Herz vor seinem Thron,
Ach seit Jahren seufz ich schon,
Doch es senkt sich nicht hernieder.
Glücklich wär ich immer wieder,
Wär Vergangnes nicht entflohn.«

»Scheußlich,« sagte Fumagalli, ebenfalls auf Latein. Der Humanist fuhr herum, ins Herz getroffen. Ungesehen von ihm warf Aquaviva dem Freund einen sehr strengen Blick zu.

»Ich meine nur,« erläutete der Kanonikus, »es scheinen hier gewisse Widersprüche zu bestehen. Entweder ist das Glück ein Vogel, hat Schwingen und fliegt durch die Luft, oder es ist ein Fürst und sitzt auf einem Thron. Aber Beides...«

»In gar keiner Weise, mein Herr, widerspricht das der Kunst! Die Kunst umwandelt ihren Gegenstand und läßt ihn jeden Augenblick in andersfarbigem Lichte neu aufleuchten. Das ist ein Elementargesetz,« schloß er mitleidig. »Gestatten Eminenz, daß ich fortfahre.«

»Bitte!«

»Nicht begehr ich andre Freuden,
Siege oder Ruhm und Macht,
Nicht des Reichtums Herrlichkeiten,
Weder Glanz noch eitle Pracht,
Nur Zufriedenheit sei mein,
Ach in ihres Lichtes Schein,
Der wie Morgensonne schimmert
Und in meinen Augen flimmert,
Könnt ich wieder glücklich sein.«

33 »Es genügt,« sagte der Kardinal. »Ich sehe schon.«

»Aber es rundet sich ja noch nicht! Zwei Strophen fehlen.«

»Sie werden auf gleicher Höhe stehen, Meister Hoyos. Was aber beweist mir, daß dieser flinke Latinist ein ebenso tüchtiger Lehrer des Spanischen sei?«

»Diese zweite Schrift hier beweist es.« Und er hielt Aquaviva das andere Büchlein so dringend hin, daß der nicht umhin konnte, es zu nehmen.

Es war auf edlerem Papier gedruckt und zeigte auf seinem Umschlag ein Titelbild: einen Schau- und Staatskatafalk, der mit Wappen, Emblemen, Figuren und Inschriften ganz übersät, von Kerzen und wehenden Fahnen umstellt war.

»Was Eminenz in Händen halten, ist der offizielle Bericht über das Leichenbegängnis der jüngst verstorbenen Königin. Er ist gestern erschienen. Die Trauerode, ausgewählt durch die berufensten Pächter, hat eben den jungen Mann zum Verfasser, den ich empfehle ? und dessen Verse jener Herr dort als scheußlich bezeichnet.«

»Nehmt das nicht tragisch! Vergeßt es. Was aber die Ode betrifft...«

»So ist sie spanisch, Eminenz, und Ihr könnt sie nicht lesen. Verlaßt Euch auf meine Autorität, wenn ich sage: sie ist im feinsten, blumigsten Hochkastilianisch verfaßt, voll von Vergleichen und eleganten Figuren, von der Alltagssprache so weit entfernt als nur möglich.«

»Aha!«

34 »Seine Abstammung disponiert meinen Zögling zu guten Formen. Er ist von Familie, adelig, Hidalgo...«

Der Rektor blickte sich um nach Fumagalli, der aber unbeteiligt zum Fenster hinaussah, und beugte sich auf seinem Sessel vor: »Er trägt den Namen und ist ein naher Verwandter...« Er flüsterte.

»In der Tat?« sagte Aquaviva. »Das ist interessant, und es freut mich.«

»So darf ich ihn rufen?«

»Ich bitte darum, Meister Hoyos.«

Der Humanist nahm Abschied, von Aquaviva durch eine Geste entlassen, die zwischen Gruß und Segen taktvoll die Mitte hielt.

»Miguel!« hörte man ihn im Vorzimmer rufen, »Seine Eminenz erwartet Dich,« und dann den Raum durch die jenseitige Pforte verlassen.

Das Bürschchen mit den lebhaften Augen trat ein. Als es sich aus tiefer Verneigung in die Höhe richtete, malte sich sehr komisch ein ungeheures Erstaunen in seiner Miene. Offenkundig hatte es einen eisgrauen Patriarchen erwartet und fand nun einen Altersgenossen. Der Mund blieb ihm offen, und die blitzenden Augen zu Seiten der Adlernase wurden ganz rund. Auch diese Adlernase selbst wirkte komisch, ganz als wäre erst sie allein fertig geworden in dem unflüggen Gesicht, und als sollte der Rest ihr erst nachrücken.

»Tretet nur näher,« sagte der Kardinal und spürte, daß ihn das Lachen in der Kehle kitzelte. »Ihr habt einen enthusiastischen Fürsprech an Euerm Rektor.«

35 »Meister Hoyos ist sehr gut zu mir, Eminenz. Er weiß, daß ich arm bin, und will mir helfen.«

Die Stimme war fertig, nicht tief zwar, doch klingend und von männlicher Wärme.

»Ihr seid ein Dichter, wie man mir zeigt.« Aquaviva hob das Heftchen mit dem Katafalk in die Höhe.

»Das eben macht mich ängstlich, Eminenz, ob ich zu einem Sprachlehrer auch geschickt bin. Wenn man zu sehr darauf gedrillt ist, über jeden Gegenstand in der Welt spanische und lateinische Verse zu machen, verliert man am Ende die Natürlichkeit. Dichtung und täglicher Umgang sind zweierlei.«

»Ihr meint also eigentlich, ich sollte mir meinen Lehrer nicht unter Studenten suchen?«

Er wurde rot. »Während ich draußen saß, habe ich mir in der Tat überlegt, ob der erste beste Juwelier oder Waffenschmied für Euer hohe Gnaden nicht tauglicher wäre.«

»Setzt Euch doch,« sagte der Kardinal. Das Bürschchen nahm Platz. »Ihr redet, als wünschtet Ihr garnicht, die Stelle zu bekommen.«

»Ich wünsche es mir brennend, Eminenz, es wäre ein Glück ohne Gleichen. Aber ich habe eine entsetzliche Angst, zu enttäuschen.«

»Ihr bringt ja auch Vorzüge mit. Ein Waffenschmied oder was Ihr sonst meint, spricht die Sprache des Volks. Ihr aber seid aus berühmtem Haus, seid von Adel...«

»Wieso?«

36 »Nun, Euer Lehrer wird sich nicht irren. Ihr seid Hidalgo.«

»Ach Gott!«

»Was heißt denn das Wort? Es klingt stolz.«

»Filius de aliquo ? Sohn von jemand Rechtem, und stolz klingt es wirklich. Aber es bedeutet garnichts. Hidalgo ist jeder. Zum Beispiel jeder, der in der Residenzstadt des Königs wohnt, durch Dekret.«

»Euer Waffenschmied wäre es auch?«

»War es auch, Eminenz.«

Fumagalli in seiner Ecke wiegte den bärtigen Kopf. Er war gewonnen und schnitt dem Kardinal ungesehen eine wohlgefällige kleine Grimasse. Aber Aquaviva reagierte darauf nicht.

So jung er war, so hatte ihn doch sein Rang mit zu viel Eigensucht und höfischem Raffinement in Berührung gebracht. Der Junge da war ihm zu treuherzig. Das konnte Methode sein.

»Sollten wir einig werden,« sprach er ohne Lächeln, »so würdet Ihr in kurzem Euer Land verlassen müssen. Ich verhehle Euch nicht, daß Euer Platz in meinem Haushalt ein ziemlich geringer wäre. Ihr wäret nicht mehr als ein Page oder Kammerdiener. Macht Euch da keine Illusionen!«

»Ich wäre glücklich, nach Rom zu gehen, Eminenz.«

»Auch der Rang Eures Verwandten würde Euch da keine Ausnahmestellung erwirken. Ihr habt wohl keinen Begriff, was alles an Bischofsverwandten in Rom sich umhertreibt. Die Stadt ist voll davon.«

37 »Jetzt verstehe ich Euer hohe Gnaden nicht mehr,« sagte das Bürschchen betreten.

»Stellt Euch nicht so!« Aquaviva hatte eine Falte der Ungeduld zwischen den Brauen. »Euer Lehrer hat mir ja gesagt, daß Ihr ein Neffe des Erzbischofs seid.«

»Welches Erzbischofs?«

»Des Erzbischofs von Tarragona, Gaspar Cervantes.«

»Das müßt ich doch auch wissen, Eminenz.«

»Es stimmt also nicht?«

»Ich kenne ihn nicht, ich weiß nichts von ihm.«

Die skeptische Falte in Aquavivas Gesicht war verschwunden. Er wechselte mit dem Kanonikus einen Blick. Der verließ seinen Platz, öffnete die Türe zum Vorzimmer und rief hinaus:

»Die Stelle ist schon besetzt, meine Herren Studenten! Seine Eminenz läßt bedauern.«

Füßescharren, Gemurmel. Sie gingen und ließen eine Atmosphäre zurück, die dick war von Neid und Körperdunst. Fumagalli riß draußen die Fenster auf. 38

 

Geehrte, Geliebte, Eltern...

An Don Rodrigo de Cervantes Saavedra und seine Gattin Doña Leonor aus dem Geschlechte de Cortinas,

zu Alcala de Henares,

im Hause neben der Posada de la Sangre de Cristo.

Geehrte, geliebte Eltern!

Kaum drei Monate ist es her, seitdem Ihr mir beim Abschied Euern Segen mitgabt auf die Reise, mir aber ist es zu Mute, als seien inzwischen Jahre vergangen. Soviel Neues hat Euer Kind unterdessen gesehn und erfahren, wovon dieser Brief Euch nur einen ganz unzulänglichen Begriff geben kann. Täglich danke ich Gott, der es so gnädig gefügt hat, daß mir in jungen Jahren seine Welt sich schon öffnet, voll mit Wundern, von denen ich vor kurzer Zeit nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Ein Hauptmann der päpstlichen Schweizergarde, der nach Spanien reist, hat die Beförderung dieses Briefes übernommen. Er scheint ein guter und redlicher Mann zu sein, und so vertraue ich ihm gleichzeitig einen Wechsel über 40 Realen an, den Euch das Bankkontor in Madrid bar auszahlen wird. Da es ja nur drei Reitstunden hinüber sind, wird gewiß bald jemand von Euch das Geld abheben können. Die Summe ist nicht groß, und ich bitte, daß Ihr sie nur als einen Anfang betrachtet. Vielleicht fügt es Gott, daß ich reich werde, und Eurer Bedürftigkeit ein Ende machen kann. Täglich begegnet man hier Leuten, die weit 39 geringerer Erziehung sind als Euer Kind, und die es doch zu großem Wohlstand gebracht haben.

Bitte suchet doch auch Ihr nach einer Gelegenheit, mir Nachrichten zu senden, und erneuert dabei Euern Segen. Gebet mir auch Kenntnis vom Ergehen meiner Schwestern Andrea und Luisa und meines sehr geliebten Bruders Rodrigo, besonders auch darüber, ob er inzwischen seinen Plan ausgeführt hat und als Soldat dem Könige dient. Ich wünschte sehr, daß es der Fall sei, denn das Sprichwort, das sie bei uns zuhause haben, scheint mir die Wahrheit auszusprechen:

Kirche, Meer oder Königshaus,
Wähle dir eines, so kommst du aus.

Wenn Ihr nun aber fragt, wohin Ihr solche Nachrichten in der gewaltigen Stadt Rom richten sollt, damit sie mich auch erreichen, so lautet die Antwort majestätisch genug, nämlich an den Vatikanischen Palast. Jawohl, es ist so, im gleichen Hause und unter einem Dach mit dem Nachfolger Petri wohnt Euer Sohn, obgleich das mit dem Dach auch wieder nicht so wörtlich zu nehmen ist. Denn der Vatikan hat viele Dächer und wohl mehr als tausend Zimmer. Er ist für sich eine Stadt und keine gar kleine, in langen Zeiträumen entstanden und ohne große Regel durcheinandergebaut, so daß es auch jemand, der länger darin wohnt, schwer fallen kann sich zurecht zu finden. Von den tausend Gemächern aber bewohne gewiß ich eines von den allergeringsten, es befindet sich ganz oben in einem Turm, den einst der Papst 40 Paschalis aufgeführt haben soll, und darin es mehr Ratten gibt als Bequemlichkeit. Immer ist die Rede davon, ihn abzureißen und etwas Schöneres an die Stelle zu setzen, aber immer wieder kommen schlechte Zeiten, dann ist zu wenig Geld vorhanden, und alles bleibt liegen. So ist es sogar mit der Kirche Sankt Peter, an der seit dem Tode des Meisters Buonaroti vor jetzt fünf Jahren nur noch nachlässig weitergebaut wird. Von der großen Kuppel, die sich über dem Hauptaltar erheben soll, ist noch nichts zu sehen als ein mächtiges Gerüst, darin aber selten Arbeiter erscheinen, und dessen Latten morsch werden und manchmal herunterfallen.

Was Ihr nun sicherlich zuerst wissen wollt, wird sein, ob ich den Papst in Person erblickt habe, so daß ich eine Beschreibung von ihm abgeben kann. Dies ist bis jetzt zweimal der Fall gewesen. Das erste Mal wurde er mir aus einem Fenster gezeigt, wie er in einem der inneren Gärten mit zwei Ordensgeistlichen sich erging. Von Prunk und Reichtum der Kleidung war nichts an ihm zu bemerken. Er trug einen weißen Mantel, der nicht einmal ganz sauber war, wandelte barhaupt und stützte sich auf einen Stock. Er ist ein Greis von vielleicht 65 Jahren, völlig kahl, mit langem schneeweißem Bart, augenscheinlich sehr mager und von furchteinflößendem Ausdruck. Man sieht gleich, daß mit ihm nicht zu spaßen ist, und daß die Verteidigung unseres heiligen Glaubens bei ihm in guten Händen ruht. Bei keiner Sitzung der Inquisition soll er fehlen, die Gefängnisse 41 werden zu klein für die vielen Ketzer, und im vergangenen Jahr allein sind sechs durch das Feuer und zwei mit dem Strang hingerichtet worden. Das zweite Mal sah ich den Papst, da er in Sankt Peter die heilige Messe las. Er las sie nicht vor dem Hauptaltar, dies geschieht nur viermal im Jahre, aber sieben große goldene Leuchter brannten, und die Wände waren mit Purpur behangen. Der Papst teilte selbst die Kommunion aus, und seine Haltung dabei stach sehr ab von jener der meisten anwesenden Prälaten, die recht ungeniert herumsaßen, bedeckten Hauptes, und konversierten als wären sie sonstwo. Da ich frühzeitig gekommen war, konnte ich jede Einzelheit deutlich beobachten. Die Geräte sind ganz die gewöhnlichen, nur am Kelch fiel mir eine unbekannte Vorrichtung auf, die aus drei goldenen Röhrchen besteht. Man erzählte mir später geheimnisvoll, sie solle den Papst vor Gift schützen. Übrigens spendete er selbst nur an wenige bevorzugte Personen, mit und nach ihm übernahmen dies Amt die Kardinäle Saraceni, Serbelloni, Madruzzo und mein sehr geliebter Herr, Kardinal Aquaviva.

Dies war eines der seltenen Male, daß mein Herr seine Zimmer verlassen konnte. Mit seiner Gesundheit steht es garnicht gut, sie hat den Strapazen der Seefahrt und des Madrider Winterklimas nicht standgehalten. Viele geben ihm nur noch Monate, höchstens einige Jahre, und er selber spricht mit größter Unbefangenheit von seinem sicheren frühen Tode. Er ist von einer unbeschreiblichen Milde und freundlichen Heiterkeit, 42 und wenn es wirklich dahin kommt, so wird er gewiß, ohne viel Aufenthalt unterwegs, zur Herrlichkeit eingehen. Mit andauerndem Fleiß erledigt er von seinem Sessel aus die Geschäfte seiner Ämter, zu denen vor kurzem noch ein besonders ehrenvolles gekommen ist: das große Bleisiegel ist ihm anvertraut, und kein Breve geht aus dem Palaste hinaus, er hätte es denn mit seiner Hand bekräftigt. Zu seinen spanischen Studien, um derentwillen er mich doch mitgenommen hat, findet er hingegen nicht so viel Zeit, als mir lieb wäre, so daß ich oft mehrere Tage hindurch ganz frei bin und hingehen kann, wohin mir beliebt. Dann komme ich mir unnütz vor, so recht wie einer aus dem ungeheuern Heer der Nichtstuer und Lungerer, die den Vatikan und die Kardinalshaushalte bevölkern, und von denen jeder geheimnisvoll tut, als sei er unentbehrlich.

Ich selber sehe deutlich, wie wenig der Kardinal mich hier in Rom nötig gehabt hat. Denn hätte er hier nach einem spanischen Sprachlehrer gesucht, so konnte er fünfzig haben für einen. Die Stadt ist voll von Spaniern, spanische Priester, spanische Mönche und Reisende sind in erstaunlicher Zahl vorhanden, unsere Tracht ist sehr gewöhnlich und kommt auch unter den Römern selbst immer mehr in Aufnahme, und sogar viele Bettler betteln auf Spanisch.

Ihr könnt Euch denken, daß ich meine viele freie Zeit dazu verwende, um die Stadt recht fleißig zu betrachten. Rom ist freilich groß, aber man sieht, daß es einst noch gewaltig viel größer 43 gewesen sein muß, denn innerhalb der tausendjährigen Stadtmauer, die noch steht, ist viel Raum, der unbebaut oder von Trümmern bedeckt ist. Prächtige Paläste wechseln ab mit elenden Hütten, in denen die Armen wohnen. In die cäsarischen Theater und Tempel sind sonderbar die Wachttürme der christlichen Ritterschaft hineingebaut, so daß alle Zeiten durcheinander gehen. Auf Schritt und Tritt sieht man, wie blutig zu allen Zeiten hier gekämpft worden ist. In manchen älteren Häusern sind aus Gründen der Verteidigung gar keine Treppen, und man läßt sich aus den Fenstern an Seilen herunter. Auch heute ist die Sicherheit noch nicht groß. Das Stadtgebiet zu verlassen gilt als ein Abenteuer, und wenn Pilger die vorgeschriebene Wanderung durch die sieben äußeren Basiliken antreten, lassen sie sich durch Bewaffnete begleiten.

Die Kirche ist alles in Rom, und ehrlicherweise muß man zugeben, daß sonst kein Mensch hier etwas zu tun hat. Selbst in Madrid, das doch so viel kleiner und unscheinbarer ist, sieht man mehr Handelsverkehr und geschäftliches Treiben. Das fehlt hier ganz, so daß man sich verwundert fragt, wie eigentlich alle diese Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen. Das Straßenbild ist Sonntags und Werktags ganz gleich, und die Hauptbeschäftigung der Römer scheint planloses Umherspazieren zu sein. Unglaublich für mich ist die Anzahl der Kutschen, in denen Personen von Stand langsam herumfahren. Manche von diesen Wagen haben oben kreisrunde Öffnungen, damit man 44 besser hinaussehen und an den Fenstern die schönen Damen beobachten kann. Dazwischen aber ist alles wieder ganz ländlich, zwischen der Engelsburg und dem Vatikan weidet das Vieh, und noch nicht drei Tage ist es her, da sah ich mitten auf dem Platz vor Sankt Peter eine schwarze Sau mit fünf munteren Ferkelchen niederkommen.

In Rom spricht jeder davon, wie sehr sich das Leben hier verändert habe, und wie viel vergnügter und prächtiger es einst hier gewesen sei. Seitdem in Trient die versammelten Väter ihre strengen Beschlüsse gefaßt haben, und besonders unter dem jetzigen Papst, ist alles frömmer und einfacher geworden. Selbst die Karnevalslustbarkeiten, die sich sonst über Wochen erstreckten, hat man auf wenige Tage eingeschränkt. Was ich davon sah, habe ich kindisch gefunden. Hauptsächlich wurden Wettrennen veranstaltet, und zwar sehr seltsamen Charakters. Die Bewerber liefen völlig nackt einher, angefeuert von der Menge. Einmal war es ein Wettlauf von Kindern, dann einer von ganz alten Männern und schließlich einer von langbärtigen Juden, der Anlaß zu viel Gelächter gab.

Es ist aber wohl zu verstehen, daß der Heilige Vater in ernsten Zeiten Ausgelassenheit und lärmendes Vergnügen nicht gerne sieht. Zu groß sind seine Sorgen um die Sache unseres Glaubens. Wie man hört, bereitet sich der Sultan wieder zum Angriff vor, und sein nächstes Ziel ist die Insel Zypern, die den Venezianern gehört und in jenem Teil des Meeres das letzte Bollwerk der 45 Christenheit ist. Von entsetzlichen Greueln ist die Rede, die die Ungläubigen an christlichen Gefangenen verüben, die in ihre Hand fallen. Die große Hoffnung des Heiligen Vaters ist eine Allianz gegen den Sultan, an der alle katholischen Könige und sogar Rußland Teil haben sollen. Die Verhandlungen scheinen zu stocken. Aber Krieg liegt in der Luft, und mit jeder Woche erblickt man in den römischen Straßen mehr Männer von kühnem, militärischem Aussehen, die hier zusammenströmen. Kommt es soweit, so mag ja wohl auch unser Rodrigo an diesen verdienstlichen Kämpfen teilnehmen, und manchmal ist mir, als müßte ich ihn um das Teil beneiden, das er erwählt hat.

Diesen Brief habe ich nicht ohne Hast in der Nacht geschrieben, denn mit dem Frühesten verläßt der schweizerische Hauptmann schon die Stadt. Verzeiht also, wenn ich Wichtiges und Zufälliges ohne viel Wahl zusammengefügt habe. Von ganzem Herzen wünsche ich Euch Gesundheit und Sorglosigkeit und bitte Gott innig, daß er Euch in seinen gnädigen Schutz nehmen möge.

In Dankbarkeit und kindlicher Liebe küsse ich Eure Hände.

Euer Sohn                  
Miguel de Cervantes Saavedra.

Rom, am dritten Tag nach Lätare 1569.

Wenn Jemand von Euch nach Madrid geht, um den Wechsel zu beheben, tut mir die Liebe, an der 46 Calle de Francos bei dem Buchhändler Pablo de Leon vorzusprechen und Euch nach dem Verkauf meines Schäfergedichts »Filena« zu erkundigen, dessen Vertrieb er übernommen hat. Ihr wißt, daß mehrere Kenner es gelobt haben.

Miguel. 47

 

Die Venezianerin

Er ging in seinem heimatlichen Schwarz einher, und der Schnitt seiner Kleidung hatte sich leicht ins Geistliche verändert. »Söhnchen,« hatte Fumagalli zu ihm gesagt, »bald läßt Du Dir ja doch die Tonsur scheren und kriegst eine kleine Pfründe. Wozu wohnst Du sonst hier im Haus!« Und gutmütig gab er ihm Ratschläge. Dabei konnte er selbst nicht so recht als ein Muster für geistliches Aussehen gelten. Mit dröhnendem Schritt kam er daher auf knarrenden Sandalen, und sein Priestergewand fiel wie ein Kriegsmantel.

Kirchenglaube und fromme Übung war für den jungen Miguel so selbstverständlich wie das Atmen. Auf seinen Quergängen durch die Stadt trat er häufig in eine der Kirchen ein und hielt seine Andacht. Es war kein Mangel an ihnen; jeden Alters, jeder Größe und Schönheit, erhoben sie sich an allen Ecken. Aber er hatte bald das Gotteshaus gefunden, nach dem es ihn zog.

Es war Santa Maria ad Martyres, vom Volke Santa Maria Rotonda genannt, seit Urzeiten aber noch anders... Der Platz, an dem sie lag, war nicht sehr groß und nicht besonders schön, armselige kleine Häuser standen regellos umher, auf der linken Seite waren sie unmittelbar an die Kirche herangebaut. Anderthalb Jahrtausende hatten das Niveau des Platzes erhöht, so daß man auf einer schlechten Treppe zum Eingang hinuntersteigen mußte. Aber schon unter dem Portikus mit seinen mächtigen, granitenen Säulen ward ihm seltsam wohl, und mit einem immer erneuten hohen 48 Schauer trat er ins ungeheure Innere. Jedesmal stand er hochatmend lang inmitten des Riesenrunds, ehe er sich zu einem der Nischenaltäre zu christlicher Andacht wandte.

»Sieh einmal an, das Pantheon!« sagte Fumagalli und betrachtete ihn aus zugekniffenen Augen. »Genau das hast Du Dir ausgesucht, Söhnchen?«

Sie saßen bei einander im Zimmer des Kanonikus, einem großen Raum, geschmückt mit vier Gobelins, die Hannibals Alpenübergang darstellten. Man sah auf einen der Brunnenhöfe des Vatikans hinunter.

»Ich weiß nicht, wie mir da wird, hochwürdiger Vater! Sonst in einem Gotteshaus fühlt man auch Andacht und innige Frömmigkeit, aber man muß dieses Gute erst rufen, muß sich versenken, und Priesterwort und Musik tun das Ihre. Aber hier! Ohne Wort und Gesang reißt der Raum ganz allein zur Anbetung hin. Nirgends wird mir so gut und himmlisch heiter und frei zu Mute wie hier. Es ist, als müsse man gleich zum Himmel fahren, hinauf in das Licht, das durch die weite herrliche strahlende Öffnung oben hereinbricht. Und der gewaltige Rundraum, der einen umfängt, so makellos vollkommen, so stark, er ist wie ewiges Gesetz. Gesetz und Freiheit, beide sind da. Mir ist, als könnt ich an keinem Orte der Welt mehr Ähnliches empfinden.«

»Schau schau, kleiner Miguel, das Pantheon! Wie ich aber höre, ist Gott in der ärmsten und engsten Dorfkirche ebenso gegenwärtig als in 49 Deinem rundem Dom mit den Säulen und dem olympischen Auge.«

»Gewiß,« sagte Miguel.

»Gewiß! Mehr hat er nicht zu antworten. Aber sag einmal, hat man darum 28 Wagen voll Märtyrerknochen in diesen Heidentempel hineingefahren, damit Dir jetzt so sonderbar wohl wird! Freiheit und Gesetz und der blaue Äther und hinauf in das Licht ? kommst Du Dir nicht selber ein bißchen verdächtig vor? Die 28 Fuhren haben, scheints, nicht genügt als Gegenkraft gegen die alten Bewohner.«

Er lachte, stand auf und schritt auf krachenden Kriegersandalen im Raum auf und ab, zwischen seinen Hannibalsteppichen. Miguel folgte ihm betreten mit dem Blick.

Von seiner Vorliebe abzulassen, fand er aber doch keinen Grund. Schließlich war Santa Maria ad Martyres ein hochgeweihter Ort, und von jener Überführung heiliger Reste schrieb sich sogar das Allerheiligenfest her. Es war ernsthaft nichts einzuwenden, und der Kanonikus zog ihn nur auf. Aber er kürzte jetzt das Verweilen unter dem Himmelsauge ein wenig ab und beugte früher das Knie vor seinem Altar.

Es waren keine Betstühle da. Man kniete auf dem uralten Fußboden aus Porphyr und Marmor.

Als er sich einmal erhob, um zu gehen, wandte eine Frau, deren Anwesenheit er keineswegs wahrgenommen, den Kopf nach ihm um. Ein etwas breites, helles, sinnliches Gesicht schaute zu ihm auf, mit einem zugleich trotzigen und einladenden 50 Ausdruck. Er ging ziemlich hastig. Aber genau nach der Uhr war er am nächsten Tag wieder zur Stelle. Sie kniete am gleichen Fleck.

Daheim in Spanien hatte er keine Frauen gekannt, ja er hatte eigentlich keine gesehen. Spanische Damen zeigten sich nicht. Erblickte man eine von fern, so erschien sie wie verpackt in hochgeschlossener, wattierter, drahtstarrender Tracht, das Haar stets bedeckt, die Ohren in die steife Krause versenkt.

Hier in dieser geistlichen Hauptstadt voller Junggesellen war alles anders. Mochte der asketische Papst predigen lassen und Kleider- und Sittengesetze verkünden, noch war viel übrig von einstiger Lebensheiterkeit. Mochte Spanisch Mode sein, die römischen Frauen wandelten die Madrider Tracht ins weiblich Lose und Lockere. Farbige, schmiegsame Seide modellierte den Wuchs, die Krause umstand als offener Spitzenfächer reizvoll das Haupt mit dem freigetragenen, natürlich frisierten Haar, das nicht blond genug sein konnte. Man zeigte den Hals, freigebig auch den Ansatz der Brüste.

Er war entschlossen, seiner Schönen zu folgen. Am Ausgang der Kirche, unter den Säulen, verließ ihn der Mut. Sie verschwand im Gassengewirr gegen den Fluß hin.

Am dritten Tag war er lang vor der Zeit zur Stelle. Seine Andacht war ohne Versenkung. Er stand auf und schritt in dem Tempel auf und ab, unfähig stillzuhalten. Die wenigen Beter wandten gestört die Augen nach ihm. Sie kam nicht. Sie 51 kam auch die folgenden Tage nicht. Sie kam nie mehr. Der Widerhaken saß ihm im Fleisch. Das stumpfnasige, breite, verlockend helle Gesicht schien ihm idealisch schön und schöner mit jeder Nacht.

Es war Herbst, als er wieder einmal zu jenem Bankier sich aufmachte, der ihm seinerzeit den Wechsel auf Spanien ausgestellt hatte. Dies geschah nun zum vierten Mal. Sein kranker Herr, den er kaum mehr unterrichtete, hatte ihm unter Vorwänden wiederholt die Bezüge erhöht, und freudigen Herzens trug er diesmal volle zehn Taler zu dem Wechsler. Das war schon eine stattliche Summe. Die Eltern daheim würden achtzig Realen ausgezahlt bekommen, ein Betrag, der im ländlichen Alcala den Lebensunterhalt einer bescheidenen Familie Wochen lang bestreiten konnte.

Beschwingt überschritt er die Engelsbrücke und bog dann nach wenigen Schritten links ab in die Via di Tor Sanguigna. Hier wohnte sein Mann, der Bankier aus Siena, in einem hübschen alten Hause, drei Fenster nur breit, das unten am Eingang zwei Säulchen aufwies und im zweiten, dem obersten Stockwerk eine heitere Loggia. Das Kontor lag im Hof, Miguel hatte einen dunklen Hausflur zu durchschreiten, um hinzugelangen. Postsäcke und Ballen lagen umher, die dem Sienesen gehörten, der nicht Geldhandel nur, auch Warenverkehr betrieb. Miguel erledigte drinnen frohen Herzens sein treues Geschäft, faltete die Quittung zusammen und ging.

Der Hof lag leer und still. Von ungefähr blickte 52 er an der Hinterfront des Hauses empor. Er erstarrte. Dort oben im zweiten Stockwerk sah er sie. In einem lichtgrünen Hausgewand stand sie an einem der offenen Hoffenster. Es mochte die Wohnung des Sienesen sein, und sie seine Frau. Er konnte die Augen nicht abwenden, die sich vor Erregung und Intensität des Schauens mit Tränen füllten. Nun erschien sie ihm schwimmend in unsicher lockendem Kontur. Im Hausgang mußte er sich an die Mauer lehnen. Dann riß er sich zusammen, schüttelte kritisch den Kopf über sich und stand wieder draußen auf der Straße.

Sie war von neuem da. Sie war in ihrer Wohnung nach vorne gekommen. In der Mitte ihrer Loggia stand sie, ein wenig vorgebeugt, die Hände seitlich hingestützt auf den Steinsims, so daß die weiten, grünseidenen Ärmel vorfielen, und blickte unverkennbar zu ihm herunter. Ihr helles, leuchtendes Gesicht lächelte.

Ehe er zu denken vermochte, fühlte er sich am Arme berührt. Neben ihm stand eine Frau von mittlerem Alter, nach Dienerinnenart gekleidet, und mit geraden Worten, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, trug sie ihm an, ihr zu folgen. Ihre Dame erwarte ihn.

Er stolperte auf der dunklen Treppe, die Frau mußte ihn festhalten. Dann war sie verschwunden, und in einem kleinen Vorraum, der kein Fenster hatte und worin zwei Lämpchen brannten, stand er der Beterin aus dem Pantheon gegenüber.

»Ich habe Euch öfters bemerkt,« sagte sie lächelnd, mit einem Akzent, der nicht römisch war 53 und den er gleich überwältigend fand, »da war es Zeit, endlich Bekanntschaft zu schließen.« Und sie lud ihn durch eine Geste ein, weiterzukommen, in das größere Zimmer, das durch einen aufgeschlagenen Vorhang sichtbar war.

Hier herrschte volles Tageslicht. Zwei Sessel standen da, ein Schminktisch, und inmitten des Raumes, breit und prächtig, mit einer weißseidenen, goldgestickten Decke darüber, das Bett.

Der junge Miguel war noch in keiner römischen Wohnung gewesen, er hatte auch mit keiner Frau dieser Stadt ein Wort gewechselt, außer mit ein paar Mägden und Krämerinnen. Sein Leben vollzog sich in der Männeratmosphäre des Vatikans. Ihm fehlte jede Möglichkeit, zu vergleichen und zu urteilen.

Die Frau spürte das Ungewöhnliche. Sie wurde befangen.

»Ihr seid ein Priester,« sagte sie fragend, als sie in den zwei Sesseln einander gegenübersaßen, und wies unbestimmt an seiner Kleidung hinunter.

Miguel gab sogleich Auskunft, eifrig, als säße er in einer Prüfung. Aber dann ermutigte er sich am Klang seiner eigenen Stimme. Er sprach sehr gut, das Wort stand ihm flüssig zu Dienst, wenn ein Impuls ihn erfüllte. Kaum habe er gewagt, ihrer Güte zu folgen, er sei sich des Abstandes wohl bewußt, aber zu deutlich sei doch der Fingerzeig, daß er sie, die er als Einzige wahrgenommen, bewundert, verloren, gesucht, nun in dem einzigen Hause in Rom wiederfinde, in das ein Geschäft ihn führte.

54 Und nun war er im Fluß. Er malte die Begegnung in Santa Maria Rotonda, auf den tausendjährigen Fliesen unter dem Himmelsauge, seine Unfähigkeit, sich im Gebet zu sammeln, nachdem er sie einmal erschaut, den Augenblick, da sie im Gassengewirr gegen den Fluß hin entschwand, seine Verzweiflung, als sie nicht wiederkehrte. Und nun, und nun ? unfaßbar die Fügung, unendlich das Glück!

Er redete in einem Taumel. Von ihrer leichtbekleideten, weichen Gestalt ging ein Duft aus, der ihn anders berauschte als gewohnter Weihrauch, ein Hauch von jungem, blühendem Fleisch, dem eine Spur eines scharfen Parfüms beigemischt war.

Plötzlich, mit brüsker Bewegung, stand sie auf und erklärte, nun müsse er gehen. »Um nicht wiederzukommen?« fragte er, fast ohne Laut.

Sie bedachte sich und sah ihn prüfend an. Und dann, ganz unerklärlich, zog ein Lachen ihre hellen, geschützten Augen noch mehr zusammen, der verlockende Mund wurde breit, die weiße Kehle spannte sich, sie nahm ihn mit einem festen Griff bei beiden Händen.

Oh ja, wiederkommen dürfe er, aber nur zur bestimmten Stunde, Vormittags, immer nur Vormittags, und ja nur an einem Dienstag, zu jeder anderen Zeit sei es bedenklich. Und während sie ihn zum Ausgang leitete, fügte sie einige vage Sätze hinzu, deren Inhalt er erst daheim, in seinem Vatikans-Turm, sich zurechtlegte und klar zu machen versuchte. Aus ihnen schien 55 hervorzugehen, daß sie als Witwe eines Kaufherrn allein und in Zurückgezogenheit lebte, gewärtig einer neuen vorteilhaften Verbindung, die angebahnt war, und die unter keinen Umständen gefährdet werden durfte.

Als er am Dienstag kam, mit dem Glockenschlag, war die Blonde ersichtlich in schlechter Laune. Vielleicht war sie unausgeschlafen. Sie bemühte sich kaum, die ärgerliche Reue zu verbergen, die sie über ihr zweckloses Abenteuer empfand, und schnitt dem jungen Miguel bösartige, kleine Frätzchen, während er sie respektvoll zu unterhalten suchte. Und dann, ohne jeden Übergang, beendete sie die Konversation, indem sie aufstand, sich aufs Lager warf und ihn unwirsch und ungeduldig heranwinkte zum Liebesdienst. Die teure Seidendecke lag übrigens nicht auf dem Bett, sorgsam gefaltet hing sie über einem Schemel.

Der junge Miguel war unerfahren. Geringschätzig, ein schales Lächeln in den hängenden Mundwinkeln, ertrug sie seine Liebkosung. Er sah überhaupt nichts mehr in seiner Betäubung, gewiß hätte ihn sonst ihr Ausdruck ernüchtert. Aber dann verging ihr das Lachen.

Er war ein Neuling. Aber er war geboren zur Leidenschaft. Ein untrüglicher Instinkt wies ihm den Weg zur gemeinsamen Lust. In einem bestimmten Augenblick stemmte sie ihre Hände gegen seine Schultern, sah ihm groß in die Augen, als erblickte sie ihn zum ersten Mal. Sie murmelte: »Komm, komm! Du bringst Dich ja um und mich auch!«

56 Als er dann neben ihr ruhte, in ihrem Arm, ließ sie nicht ab, ihn zu betrachten. »Du bist ja ein erstaunlicher kleiner Sprachlehrer,« sagte sie achtungsvoll.

Das Gesicht ihr zur Seite war mit einem Mal schön geworden. Das war kein Knabe mehr, kein dürftiges Halbpriesterlein, sondern ein Mann mit festem Mund und lebensvoll blitzenden Augen. Die Flügel der Adlernase bewegten sich langsam und stark. Das volle Haar von Kastanienfarbe lag wirr und weich auf der Stirn.

Dies war der Anfang. Miguel lebte nur noch von einer Umschlingung zur andern. Eine durchdringende Seligkeit füllte ihm Herz und Nerven. Er strömte über vor Freundlichkeit. Er hätte vor den Bauernkarren die Eselein umarmen mögen. Auf endlosen Märschen durch Rom suchte er seine Kraft zu beruhigen; unbekümmert um das Raubgesindel, das dort auf der Lauer lag, streifte er durch das melancholisch zaubervolle und öde Umland. Wer ihm die Hand reichte, spürte im Druck ein elektrisches Feuer.

»Was ist in Dich gefahren, Söhnchen,« sagte Fumagalli. »Ein künftiger Priester muß sacht einhergehen. Du springst ja die heiligen Treppen herunter, als wärst Du im Tanzsaal!«

Er war schlechter Laune. Er schimpfte. Das Neueste, was der Heilige Vater plante, war ein Verbot der Barttracht für Kleriker. Fumagalli trug seinen Bauernvollbart, es war der einzige, den es noch gab im Domkapitel von Sankt Peter. Er werde sich keineswegs fügen, erklärte er jedem, 57 der zuhören wollte, eher spränge er noch aus dem Priesterrock. Mit sechzig noch ein anderes Gesicht, oh nein! So viel er sähe, trage der Papst ja selber den Bart. Das könnte ihm fehlen!

Miguel beruhigte ihn liebreich, er hatte einen gewaltigen Schatz an Güte und Herzlichkeit zu verschwenden. Es werde dahin nicht kommen, sagte er überzeugend. Das mit dem Verbot sei ein Schreckschuß, er wisse es aus verläßlicher Quelle. In vier Wochen werde kein Mensch davon reden.

»Brav bist Du, Söhnchen!« murmelte der Kanonikus. »Du kannst einen trösten. Aber ists denn nicht eine bizarre Schande, was man sich da gefallen lassen muß! Man hätte was Anderes werden sollen auf dieser lebendigen Erde.« Er sagte nicht, was.

Die Gina war eine Venezianerin ? mehr als dies und den Namen erfuhr der junge Miguel kaum von ihr, selbst nach Wochen nicht. Sie redete wenig, diese Stunde am Vormittag war eine einzige Glut. Ohne viel Widerstand zu finden, hatte ers erreicht, daß sie ihm zweimal die Woche zu kommen erlaubte, nun auch am Freitag. Mehrmals traf er sie ganz verschlafen, im unaufgeräumten Zimmer, und zur Liebe nicht aufgelegt. Er schalt die Langschläferin, die Faule, sie blinzelte ihn seltsam und tückisch an: Aber seiner Flamme war nicht zu widerstehen. Er riß sie hin, nicht minder lechzend als er lag sie an seiner Brust. Es kam vor, daß er Fragen stellte, mit kaum verborgener Angst, denn es war ja doch möglich, daß jene Heirat plötzlich in die Nähe trat, die alles 58 zerstören mußte. Daran war schlimm zu denken, schlimm auch an das Unrecht, das er jenem arglosen Bewerber in Sünden antat. Er wagte keineswegs, im Beichtstuhl sich zu erleichtern, so unmöglich schien ihm das Gelöbnis, hinfort von dieser Sünde zu lassen. Aber Gott war barmherzig, er würde ihn nicht verwerfen um einer Glut willen, deren Lodern nicht zu beherrschen war.

Antwort bekam er niemals. Die Gina zog ihn an ihre weiße Brust und erstickte die Fragen. Und war es nicht gut so? Denn wäre auf ihre Beziehung, die so wild im Unwirklichen schwebte, das Licht des realen Daseins gefallen, was hätte er selber nur sagen sollen! Was ihr ankündigen, mit welcher Verheißung von der eigenen Zukunft sprechen? Maß- und gestaltlose Hoffnung erfüllte ihn freilich, er träumte in seinem Turm von Ehren und Ruhm, die sie teilen sollte ? als Dichter, als Kriegsmann, als Entdecker sogar, nur natürlich niemals als Priester. Sicher war, daß er niemals auf sie verzichten konnte, auf den Leib und den Duft, auf die Stimme, das Lachen. Er hatte nicht gelebt, eh er sie kannte.

Vielleicht aber wartete sie? Harrte nur auf ein Wort, um jede Fessel zu brechen? Vielleicht sammelte sich Groll an in ihrem Herzen, weil er schwieg? Sie war ja verschlossen, von gefährlicher Stummheit. Vielleicht verdarb er alles, weil er nicht sprach?

Aber als er sich entschloß und den Mund auftat und von Zukunft redete und gemeinsamem Leben, als gar das Wort Ehe fiel, war die Wirkung höchst 59 schrecklich. Die Gina brach in ein Lachen aus, in eines, wie ers noch nicht von ihr vernommen. Ein Lachen ohne Heiterkeit, rauh und gläsern von Klang, höhnisch und bösartig und nicht zu stillen.

»Heiraten willst Du mich, Priesterlein!« brachte sie endlich hervor, mit zersprungener Stimme. »Willst Du in Deinem Turm mit mir leben, von Wasser und Rattenfleisch? So etwas Dummes hat doch kein Mensch noch gehört!« Und das Gespräch endete, wie alle endeten, in Feuer und lechzenden Küssen.

Nein, er wußte nicht das Geringste von ihr. Sie wurde gesprächig nur bei einem Gegenstand. Das war Venedig, die Heimatstadt. Sie war doch wahrhaftig fromm genug und gab Gott das Seine, Miguel wußte es ja. Aber sie haßte Rom, seine Feierlichkeit, sein steifes Wesen, die Unzahl der Priester und schmutzigen Mönche, die Büßer, die sich in Prozessionen singend den Rücken zerfleischten, die kalten Straßen ohne Geschäft, das ewige Glockengebimmel, das Trümmerwerk, das herumlag. Und sie malte Venedig, die Heimat. Die volkreiche, wimmelnde Weltstadt im lebendigen Wassergeflecht, die schimmernde Piazza, auf der sichs abends köstlich promenierte, die Gassen und Plätze im zärtlichen Licht. Den Zusammenstrom vornehmer Reisender aus allen Ländern, im bunten Schmuck eleganter Trachten ? lauter Leute, die nicht herkamen, um anzubeten und abzubüßen, sondern um sich zu unterhalten, um fröhlich zu sein unter Frohen, um Geld auszugeben für gute Dinge. Sie wurde beredt, wenn 60 sie das Gewimmel um den Rialto malte, die Unzahl geschmückter Gondeln, darin wohlgekleidete Frauen sich stolz in die Kissen zurücklehnten. »Jeder arme Gondolier ist dort schön,« rief sie aus, »und für die scharlachroten Hosen, die er trägt, gebe ich gern alle römischen Kardinalsröcke!« Und der Karneval erst ? ein Fest die ganze herrliche Stadt viele Wochen lang, alles maskiert Tag und Nacht, alles lachend und wirbelnd hinterm Vergnügen her, Piazza San Marco ein ewiger Ballsaal, jedes Höfchen eine verschwiegene Loge. Heiterkeit alles, Sorglosigkeit, freundliche Duldung. Kein eifernder Bettelmönch als Herrscher, sondern eine Regierung, die mit Wohlwollen die Freude gewähren ließ, sich niemals einmischte, die mildeste Polizei...

»Was willst Du nur immer mit der Polizei,« sagte er dazwischen, denn nicht zum ersten Mal tauchte das Wort bei ihr auf, »was geht denn Dich die Polizei an! Tut Dir die römische was?« Und er lachte.

Sie sah ihn sonderbar an, und blieb stumm und verdrossen.

Dies war an einem Dienstag. Als er am Freitag wiederkam, in der Hand ein Päckchen mit einem Seidentuch, das er ihr bringen wollte, öffnete niemand. Er pochte, mit der Hand erst, dann heftig mit dem bronzenen Klopfer. Alles blieb still. Während er wieder im Hausflur stand, mit böser Ahnung, unfähig noch, sich fortzumachen, kam im Halbdunkel ihre Magd vorbei. Er hatte sie nicht wiedergesehen seit jenem Tag, da sie ihn 61 von der Straße geholt hatte. Er hielt sie auf. Wo ihre Herrin sei.

»Fort,« sagte sie giftig, »Ihr sehts ja.«

»Wo?« brachte er hervor. »Bei ihrem Verlobten? Heiratet sie?«

Sie betrachtete ihn von oben bis unten wie ein exotisches Tier. »Wahrscheinlich! Die heiratet. Einen Prinzen heiratet die.«

»Redet nicht albern! Gebt Auskunft.« Er holte Geld aus der Tasche hervor. »Wo wohnt sie? Kann ich sie sehen?«

»Oh ja, die könnt Ihr sehen, und ganz bequem. Wißt Ihr den Portugieserbogen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Dann fragt, wo er ist! Da trefft Ihr sie sicher.«

»Und wann?«

»Abends natürlich. Recht spät!« Und sie ging davon, der Treppe zu.

»In welchem Haus denn?« rief er ihr nach.

»Ihr werdet ja sehen.«

Der Nachmittag verging nicht. Und sein Unstern wollte, daß er gerade heute für den Abend zum Unterricht befohlen wurde. Das geschah jetzt ganz selten. Eher einmal bediente sich Aquaviva seiner als Sekretär, ließ ihn aushilfsweise Schriftstücke kopieren und ordnen. Der spanische Unterricht, wenn er je einmal angesetzt wurde, bestand in gemeinsamer Lektüre. So nahm er auch heute dem Lehnsessel seines Herrn gegenüber Platz, und sie begannen aus zwei gedruckten Exemplaren ein Stück des Spaniers Lope de Rueda zu lesen. Es war die hochberühmte »Armelina«, 62 ein Schauspiel, das der junge Miguel immer für ein Meisterwerk gehalten und das ihm sogar den heimlichen Ehrgeiz eingegeben hatte, es auch seinerseits einmal mit dem Theater zu versuchen.

Aber heute erschien ihm alles grob und gemacht. Was waren alle die Wundermedizinen und Liebestränke, von denen da die Rede war, gegen den Höllensaft, der ihm in den Adern brannte! So leer konnte nur einer reden, der nie dergleichen verspürt hatte. Seine Gedanken schweiften ab, er brachte es nicht mehr fertig, Aussprache und Betonung des Kardinals zu verbessern, die beide zu wünschen übrig ließen.

»Ihr seid nicht ganz bei der Sache, Don Miguel,« sagte Aquaviva freundlich und schloß sein Buch. »Ihr seht auch schlecht aus. Fehlt Euch etwas?«

Miguel entschuldigte sich. Das Einfallen der kalten Jahreszeit setze alljährlich zu. Das verging.

»Dabei ist es milder in Rom als in Euerm Madrid. Aber vielleicht wohnt Ihr nicht gut. Kann man Euer Turmgemach denn recht heizen?«

Das sei alles zum Besten, erwiderte Miguel, gerührt von der Fürsorge des kranken Herrn. Endlich entließ ihn der Kardinal.

Es war in der zehnten Stunde. Neues Mißgeschick. Die Tore rings am Palast waren verschlossen und streng bewacht. Seit kurzem benötigte jeder, der bei Nacht die Papstburg verließ, einen schriftlichen Ausweis. An zwei Stellen versuchte Miguel zu parlamentieren, aber die 63 wachehabenden Schweizer wollten ihn nicht verstehen und wiesen ihn ab, in kehligem Alemannisch. Er irrte zurück, über Treppen und Gänge, durch Gärten, Galerien, Höfe und Vorhöfe, und fand endlich weit abgelegen die kleine Porta Posterula unbehütet und unverschlossen. Sie führte in lehmiges Ödland.

Im Bogen umlief er den mächtigen Komplex, fand Zäune und Gräben auf seinem Weg, und gelangte durch die schweigenden Gassen des Borgo zur Engelsbrücke. Drüben lief er weiter am Fluß entlang, die ungepflasterte Uferstraße war ganz ohne Licht, kein Mond schien in der feuchten Dezembernacht, die nicht kalt war. Er passierte den Tiberhafen, ein paar elende Barken lagen vor Anker, von der einen blinkte ein grünes Laternchen. Ein Schifferhund schlug an bei den eiligen Schritten.

Er bog ein wenig landeinwärts ab, wie ihm der Weg beschrieben war. Die geradelaufende Straße hier war die Ripetta. Auf einmal stolperte er und fiel schmerzhaft. Wie er hinsah, unterschied er, was ihn zu Fall gebracht hatte. Mitten in der Straße lag, in vier große Stücke zerbrochen, ein uralter Obelisk. Man hatte ihm die Stelle geschildert, er war nah am Ziel.

Rechts von ihm hob sich aus der Nacht ein seltsamer Rundbau, und er wußte auch, was es war: das Grabmal des Kaisers Augustus. Aus seiner Öffnung oben nickten Bäume ins Dunkel. Kleine niedrige Gassen duckten sich um den Riesen. Hier mußte es sein.

64 Es war die Gegend, in der arme Fremdlinge siedelten. Straßenweise waren sie eingeteilt. Die Orte hießen nach ihnen: Griechenhof, Slawonengasse, Portugieserbogen. Ungute Gestalten bewegten sich. Miguel fragte und bekam mundfaule Auskunft. Übrigens war ja alles umsonst, das war ihm nun klar, wie sollte sie Wohnung genommen haben in solcher Umgebung! Da stand er still.

Der Portugieserbogen war ein schlechtes Gemäuer aus Backsteinen, mit zwei neuen, jetzt offenen Holzflügeln, die den Blick freigaben in eine gekrümmte Gasse.

Hier brannte Licht. An den einstöckigen Häuschen zur Rechten und Linken waren in Mauerringen Fackeln aufgesteckt, die phantastisch ein nächtiges Treiben erhellten. Miguel ging vorwärts wie in einem Schrecktraum. Frauen standen in Rudeln beisammen, Dutzende, höchst verschieden gekleidet, sehr prächtig manche, viele in grauen billigen Mänteln. Sie stritten und schwatzten, sie hielten die Männer an, die geduckt prüfend zwischen ihnen umherstrichen. Viele Fenster waren erleuchtet, man hörte Geschimpf und Gelächter.

Plötzlich stand er ihr gegenüber. Fackellicht strahlte blutig über das weitflächige, weiße Gesicht. Sie stand bei vier anderen. Sie sah ihn, winkte und schrie.

»Da kommt einer, den seht Euch an! Der will mich heiraten. Er ist ein Pfaff, aber heiraten will er mich. Nur los, Herr Miguel, bloß nicht geniert! Hier könnt Ihr mich heiraten, Tag und Nacht. 65 Aber teurer ists im Seraglio als drin in der Stadt. Kostet pro Hochzeit bar einen Scudo!«

Und stolz auf das Beifallsgelächter, das sich erhob, ging sie wirklich voran zu ihrer Tür. Es war gleich die nächste.

Er war weit zurückgewichen. Er konnte den Blick nicht wegwenden. Einer, der getrunken hatte, taumelte aus einer der Türen und stieß ihn hart an. Miguel fand einen Spalt zwischen zwei Häusern, stolperte rückwärts hindurch und stand auf freiem, windigem Feld.

Es war ihm, als hätte er den Tod gesehen. 66

 

Fieber

Er hatte das Schriftstück selbst in den Händen gehabt...

Daß ein eifernder Papst wie Pius die Sittenfreiheit seiner Hauptstadt haßte, war natürlich. In jeder Schwäche sah er die Todsünde, war keiner Vorstellung zugänglich, kannte kein Mittel als erbarmungslose Strenge. Gleich zu Anfang seines Pontifikats schritt er dazu, Todesstrafe auf Ehebruch zu setzen. Mit genauer Not beließ er es dann bei Auspeitschung und lebenslangem Kerker. Davor schützte nicht Rang noch Verdienst.

Das Kurtisanenwesen auszurotten, war er entschlossen. Zwar die Zeit war lange vorbei, da die freilebenden Frauen über die römische Gesellschaft unumschränkt herrschten, da in ihren Salons die Kardinäle, Gesandten und Künstler sich glänzendes Stelldichein gaben, da der Hausstand einer Imperia den Zuschnitt eines Fürstenhofs zeigte und der Zutritt bei ihr schwerer zu erlangen war als eine Papstaudienz.

Aber der kosmopolitische Charakter der geistlichen Hauptstadt, die Ehelosigkeit ihrer herrschenden Schicht, ließen auch in graueren Zeiten die Zahl der käuflichen Frauen nicht sinken. Noch immer hatten sie in den stattlichsten Straßen ihre Wohnungen, im Viertel der Prälaten und Hofbeamten, der Bankiers und reichen Nichtstuer, an der Via Giulia also, der Via Sistina, am Canale di Ponte. Sie lebten geachtet, und was es in Rom an Geschäftsleuten gab, existierte durch sie.

Für Pius waren sie Teufelsbrut. Am liebsten 67 hätte er sie sämtlich verbrannt. Nicht lang sah er zu. Ein bündiges Dekret erschien, das die Frauen verbannte: binnen sechs Tagen hatten sie Rom zu verlassen, binnen zwölf Tagen den Kirchenstaat. Dann war die heilige Hauptstadt gereinigt, dem Gebot Genüge getan, dann war Ruhe.

Aber es gab keineswegs Ruhe. Es gab Aufregung. Wer Handel trieb und Waren umsetzte, war völlig verzweifelt. Die Kaufleute, die den Frauen Kredit gegeben, meldeten sich ruiniert. Die Zollpächter traten zusammen und erklärten, künftig werde die Staatskasse einen Ausfall von jährlich 20000 Dukaten zu tragen haben; so stark werde die Einfuhr von Luxuswaren zurückgehen, wenn man die Kurtisanen vertreibe. Rom, hieß es, werde entvölkert. Mit einer Abnahme der Bewohnerzahl um ein Viertel sei sicher zu rechnen. Und warum das alles, warum... Aber deutlicher wagte niemand zu werden. Das geistliche Gericht wachte und lauschte.

Eine Abordnung von vierzig wohlbeleumdeten Bürgern erschien beim Papst in Audienz. Sie waren umsonst sehr beredt. Entweder die oder er, sprach der Mönch. Im heiligen Rom, wo so viel Märtyrerblut geflossen sei, so vieler Heiligen Reste ruhen, wo die Religion ihr Zentrum, Petri Nachfolger seinen geweihten Sitz habe, sei für Huren kein Platz. Entweder er oder die: eher werde er seine Residenz an einen minder verderbten Ort legen, als dies noch weiterhin dulden. Man möge sich bescheiden.

Man beschied sich durchaus nicht. Eingabe 68 folgte auf Eingabe. Kardinäle der freieren Richtung intervenierten vergeblich. Die Gesandten von Florenz und von Portugal, ja der von Spanien, ließen sich vorschieben und erlitten strenge Zurechtweisung.

Der Auszug begann. Hausbesitzer und Händler rangen die Hände. Die Frauen machten sich auf: in Pferdesänften und Kutschen die reichsten, die anderen zu Maultier und Esel. Einige strebten Genua zu, manche Neapel, nach Venedig sehr viele. Sie führten mit sich, was sie besaßen. Aber sie kamen nicht weit. Der Staat des Heiligen Vaters, schon die nächste Umgebung der Residenz, war voll von Räuberbanden. Rechts und links der elenden Straßen lagen sie unverschämt auf der Lauer, von keiner Polizei ernsthaft behelligt. Von den Frauen, die trüb ihres Weges zogen, wurden eine große Zahl überfallen und ausgeraubt, mehrere wurden ermordet. Die Entronnenen kehrten ratlos, verstört und verzweifelt, nach Rom zurück.

Dies führte zur Duldung derer, die noch nicht abgereist waren. Sie mochten bleiben. Aber die Mitte der Stadt, überhaupt alle Quartiere, darin ehrbare Bürger sich aufhielten, wurden von ihnen gesäubert. Man bestimmte ihnen ein Ghetto, eben jenes verwahrloste und abgelegene Viertel beim Grab des Augustus. Elegante Hetären, die ihren Catull lasen und in vier Sprachen konversierten, wurden mit groben Liebesmägden zusammengesperrt. Bei Nacht und bei Tag durfte keine diesen Seraglio verlassen, bei Strafe der Auspeitschung.

69 Das war vor drei Jahren gewesen. Niemand außer dem Papste selbst stand so recht zu diesem Gesetz. Die Beamten drückten ein Auge zu. Das Gebot wurde durchbrochen, umgangen, geriet in Vergessenheit. In jenen Gassen blieb bald nur gröberes Frauenvolk zurück. Die anderen, protegiert durch Verehrer, wohnten von neuem verstreut in guten Quartieren. Der frühere Zustand, bescheidener freilich, stellte sich her. Man sah die Kurtisanen nur an ihren Fenstern. Verließen sie einmal das Haus, um unter Männer zu gehen, so besuchten sie Kirchen. Kirchgang entschuldigte vieles.

Da brachte in diesem Winter eine Denunziation den Dominikaner aufs neue in eifernden Zorn. Er verlangte genauen Bericht, sah, wie es stand, und griff abermals zu.

Listen wurden gefertigt. Von einer Stunde zur andern, auf einen Schlag, drang die gemaßregelte Polizei in die Wohnungen, ergriff die Nichtsahnenden und trieb sie zusammen. Dem Hausherrn, der künftig noch eine von ihnen zu herbergen wagte, wurde Kerker auf Lebenszeit angedroht. Das Ghetto beim Augustusgrab sollte ummauert werden. Pius zog einen Pestkordon um die fleischliche Lust.

Der junge Miguel Cervantes hatte jene Liste selbst in der Hand gehabt, und sie seinem Kardinal hingereicht, der das Bleisiegel anlegte. Er hatte sie nicht beachtet, die Liste, was ging sie ihn an! Nun sah er das Blatt wieder vor sich, in furchtbarer Vergrößerung, mit jedem Schnörkel des Schreibers. »Die Dirnen Panada, Toffoli, Scappi, 70 Zucchi, Zoppio...« Regina Toffoli, das war sie.

Seine Natur parierte den furchtbaren Einbruch von Scham und Gram, sie wich aus, er wurde krank. Als kleinem Bübchen daheim in Alcala war es ihm einmal ähnlich ergangen: als ihn zwei größere und stärkere Knaben überfielen, ihm die Hände banden und den Wehrlosen durchprügelten. Fast wäre er daran gestorben. Es war damals wie heute ein starkes Fieber, unter Erlahmen wichtiger Leibesfunktionen, subjektiv ein durchaus erträglicher Zustand: Schmerzen fehlten zunächst, und ein sanftes Delirium hob ihn aus der Realität.

So lag er in seiner Turmstube auf schlechtem Bett. Niemand bekümmerte sich um ihn. Ein stumpfsinniger Zisterzienser brachte ihm zweimal abgestandenes Essen, als es unangerührt blieb, erschien er garnicht mehr.

Am fünften Tag vermißte Fumagalli den Schützling. Er erschrak, als er ihn mit glühendem Haupt und unnatürlich leuchtenden Augen auf seinem Strohsack erblickte, neben sich ein Schaff mit zweifelhaft sauberem Trinkwasser. Es war eiskalt in dem unheizbaren Raum, in den es durch vier Fenster hereinzog.

Der Kanonikus schlug den Kranken in die wollene Bettdecke, hob ihn auf wie ein Wickelkind und trug ihn über Stiegen und hallende Korridore in sein Zimmer hinüber. Cervantes ruhte nun auf bequemem Lager, die Augen vom Licht abgekehrt, zwischen den Hannibalsteppichen.

Der Arzt kam, Doktor Ippolito Benvoglienti, hochstirnig, feierlich, in feinstes schwarzes Tuch 71 gekleidet. Er sah und prüfte, horchte und klopfte. Das dauerte lang.

»Ein hitziges Fieber,« erklärte er schließlich.

»Ich habe schon gemeint, er kriegt ein Kind!« sagte der Kanonikus höhnisch.

Der beleidigte Gelehrte verschrieb Medizinen und zog sich zurück.

Fumagalli ließ sich ein Feldbett aufschlagen. Er verließ sein Söhnchen keine Stunde. Er wusch ihn und legte ihm lauwarme Wickel an. Da der Leib sich hart und geschwollen anfühlte, verabreichte er ihm ein Klistier, dem er Öl, Kamillen und Anis zusetzte, und das seine Wirkung tat. Am dritten Tage stellten sich Kopfschmerzen ein. Der Kanonikus legte auf Miguels Schläfenadern zwei Mastixpflaster. Am vierten Tag ließ das Fieber nach, am fünften war es verschwunden.

Fumagalli ging selbst in die Küche hinüber und probierte die Suppen. Nichts war ihm recht, er zerschmiß zwei Teller, die Köche zitterten.

Einmal, als er mit der dampfenden Brühe zurückkam, fand er Miguel in Tränen. Er stellte die Schüssel warm. Er ließ ihn weinen.

»Iß,« sagte er dann. »Grüble nicht mehr. Es liegt hinter Dir. Die Welt ist weit.« Er hatte ihm nie eine Frage gestellt.

Eine nahe Uhrglocke schlug zwölf. »Ich muß fort,« sagte Fumagalli, »Messe lesen. Ich hab einen Rüffel gekriegt.«

»Dann eilt Euch, mein Vater! Ne fiat missa serius quam una hora post meridiem,« zitierte Miguel mit schwachem Lächeln.

72 »Aber hernach lesen wir,« rief Fumagalli unter der Türe, »und ganz etwas Anderes!«

Dies Andere war Fumagallis Lieblingswerk: die Kommentare Caesars.

Miguel kannte das Buch, aber der Kanonikus wußte es beinahe auswendig. Langsam las er mit seiner Baßstimme. Cervantes lag und lauschte. Am gleichmäßigen Tritt der Legionen in Gallien beruhigte sich sein Blut. Aus den Felsen der Gobelins schaute das Haupt des Puniers ihm gerade und kühn in Gesicht.

Er gesundete und wollte aufstehen. Der Kanonikus erlaubte es nicht. Der alte Mann war glücklich bei dieser Pflege.

Von näheren Kriegsereignissen war jetzt zwischen ihnen die Rede. Fumagalli brachte die Nachrichten. Es handelte sich um die Türken, um Zypern und um das Mittelmeer.

Schwer vollzog sich die Einigung zwischen den christlichen Staaten. Man war fromm und ergrimmt, aber zäh und verschlagen und äußerst genau. Frankreich sperrte sich völlig, in Wien der Kaiser hatte Bedenken, zwischen Philipp, dem Papst und Venedig, die übrigblieben, erhob sich ein Feilschen um die Ausrüstung jeder Galeere, um jede Getreidelieferung. Philipp vor allem war ein höchst kaufmännischer Partner. Er schob auf und wog ab und gab nicht Bescheid. Jede Beihilfe zu der gottgefälligen Unternehmung ließ er sich abkaufen. Um den Zwieback jedes Ruderknechts wurde gemarktet.

Aber jede entweichende Woche machte die Lage 73 kritischer. Schon war auf Zypern Nicosia gefallen, die Hauptstadt Famagusta ohne Hoffnung bedroht, Kreta, Korfu und Ragusa in naher Türkengefahr.

Endlich hieß es, es sei so weit: von den Kriegskosten werde der Papst ein Sechstel übernehmen, Venedig zwei Sechstel, Spanien die Hälfte.

Wenn der Kanonikus derlei berichtete und gegen die Knauser und Zauderer loszog, hörte der genesende Miguel kaum hin. Diese trübe und lächerliche Realität bestand nicht für ihn. Das Innerste seiner Natur kehrte sich ab von ihr. Glaube und Heldentum, ungebrochen und strahlend, das war seine Wirklichkeit. Und der kriegerische Bauer im Priesterkleid war nicht der Mann, das zu tadeln.

Aus dem Elternhause in Alcala kam in diesen Tagen ein lang erwarteter Brief. Nach umständlichen Ratschlägen und Segenswünschen enthielt er auch Nachricht über Bruder Rodrigo. Rodrigo war wirklich Soldat geworden. In den Kämpfen gegen die letzten spanischen Mauren, im wilden Gebirge südlich Granadas, hatte er sich Ansehen verdient und würde nun seinem Feldherrn zur Flotte folgen, in den Entscheidungskampf gegen den Sultan.

Wer war dieser Feldherr? Don Juan dAustria. Prächtiger Name, für Miguel nur ein Schall. Er fragte den Priester. Der wußte Bescheid. Es war erstaunlich, wie er Bescheid wußte, es war gefährlich.

»Ein Sohn vom Kaiser Carolus ist das, 74 Söhnchen,« erzählte er hitzig. »Ganz jung noch, keinen Tag älter als Du. Ein Halbbruder von Deinem Philipp, den ich Dir schenke. Die Mutter war eine Deutsche. Schön soll er sein wie ein Gott und nichts träumen als Siege. Dein Philipp hat einen Kardinal machen wollen aus ihm, das versteht sich. Aber jetzt ist er Großadmiral und zieht gegen die Türken, und wenns nach unserem Oberhaupt im Hause hier geht, dann gibts einen Kreuzzug, und Don Juan erobert das heilige Grab.«

Das Gemüt des jungen Miguel war ein gelockerter Acker. Jedes Wort ging auf. Da er ein Mensch der Phantasie, der sinnlichen Vorstellungskraft war, sah er den Kaisersohn vor sich, in weißem Glanz, seine schönen Züge wurden eins mit denen des Puniers, der unter einem Renaissancehelm mit flatterndem Busch auf sein Lager herabsah. Wäre es möglich, Rom zu verlassen und dieser Standarte zu folgen! Rom war ihm verhaßt nach dem, was geschehen war. Und zum Kleriker war auch er nicht geschaffen, so wenig wie der, der den Kardinalshut ausschlug. Er genas und erwog.

Da brachte Fumagalli die Einzelheiten vom Falle Nicosias. Den Verteidigern der venezianischen Feste war freier Abzug zugesagt worden. Aber die Türken brachen das Abkommen, und zwanzigtausend entwaffnete Menschen fielen ihrer Mordlust zum Opfer.

Das war entsetzlich. Der fromme Christ und der fühlende Mensch waren in Miguel entflammt. Er wog nicht ab und er fragte nicht. Er dachte auch keineswegs an die Untaten, die sein eigenes 75 Spanien an Andersgläubigen beging, nicht an Folter, Austreibung, Mord, die seit Isabellas und Ferdinands Tagen hunderttausendfach gegen Mauren und Juden gewütet hatten. Da herrschte Gottes Gebot, und der Zweifel war Sünde. Christenmord war ein Anderes.

An diesem Tage war ihm erlaubt, zum ersten Mal aufzustehen. Aber Fumagalli hätte das nicht erzählen sollen. Entgeistert sah er die Wirkung. Das Fieber war wieder da, ein heftiger Rückfall. Der Kranke warf sich und schrie. Fumagalli mußte ihn mit beiden Händen festhalten in seinem Bett.

»Du mußt auch nicht alles gleich glauben!« sagte der Alte, als der Anfall vorüber war, »die Menschen lügen ja auch.«

Aber es war viel zu spät. 76

 

Flottenparade

Der Feldherr kam nicht. Seit zwei Monaten lagen die Schiffe der Venezianer und die des Papstes vor Messina. Auch einige spanische Galeeren waren schon da, in Erwartung der Hauptzahl. Sie ankerten abseits, damit Händel vermieden würden. Trafen Soldaten der verschiedenen Kontingente einander an Land, in den Gassen und Schenken der lustigen Hafenstadt, so gabs jedesmal blutige Köpfe. Der spanische König, hieß es, sei vom Vertrage zurückgetreten, Don Juan dAustria reise nicht ab, man verschimmele hier, während die Türken die Adria hinauffuhren. Die Venezianer sahen sie schon auf dem Markusplatz. Es war Ende August. Don Juan mit den Schiffen kam nicht. Jetzt war es klar, daß er ausblieb.

Aber er war unterwegs. Er reiste nur langsam mit seinen Galeeren. Er hatte Zeit. Er ließ sich feiern. Zuerst vier Wochen in Genua, wo er im Palazzo Doria glänzenden Hof hielt. Alle Frauen waren verliebt in den Großadmiral. Dann einen Monat im spanischen Neapel, wo es noch rauschender herging. Turnier und Ball wechselten ab mit kirchlichen Feiern. Der Feldherrnstab ward überreicht und das Banner der heiligen Liga geweiht. Das erforderte Vorbereitung. Das Ausarbeiten der Sitzordnung in Santa Chiara allein beanspruchte schon drei Tage.

Unbestimmte Nachricht von dem allen kam nach Messina zu dem päpstlichen Befehlshaber Colonna und zu dem greisen Venier, der die venezianischen Schiffe führte. Die Mannschaft 77 wußte garnichts. Sie schimpfte. Man hatte Dienst, anstrengenden Dienst, und das war niemand gewohnt. Was sollten diese Schießübungen und dies Exerzieren im Fechten? Jeder wußte doch, wie man zuhieb und zustieß. Jeder wußte doch, was eine Seeschlacht war: man fuhr heran an das feindliche Schiff, warf Enterbrücken hinüber und schlug die Ungläubigen tot. Das war keine Kunst. Übrigens blieb wie gewöhnlich der Sold aus, man konnte sich kaum mehr vergnügen an Land. Und immerfort gab es an den Schiffen was auszubessern, man mußte dichten und teeren und sich im Takelwerk die Hände blutig reißen. Und Don Juan kam nicht.

Ein besonders schlechtes, altes Fahrzeug war die »Marquesa«. Alle zwei Tage zog sie Wasser, die Eimer standen nicht still. Der Hauptmann Diego de Urbina, der hier kommandierte, ein vollblütiger Mensch mit gutmütigem Gesicht unter der Eisenhaube, war bei den Leuten beliebt. »Meine Herren Soldaten!« hieß es vor jedem Kommando. Aber er kommandierte viel. Vielleicht wollte er die Mannschaft ermüden, damit sie nicht Unfug stiften konnte.

Man wohnte eng aufeinander gepackt in dem winzigen Schiff. Hundertundfünfzig Soldaten schliefen im niedrigen Räume beisammen. Kaum konnte man aufrecht stehen. Man atmete mühsam. Da wie stets Gerüchte aufkamen, im Hafen schleiche die Pest, tranken viele die Medizin, die hiergegen beliebt war: Branntwein mit Knoblauch. Wahrscheinlich schmeckte es ihnen. Der 78 Gestank wich nicht mehr aus den Gelassen.

Hier lebte Miguel de Cervantes und war guten Mutes. Das römische Halbpriesterlein war nicht zu erkennen. Er war breiter geworden, das Gesicht unterm Eisenhut hatte Farbe, er trug Schnurrbart und Knebelbart, die er sich selbst mit der Schere allwöchentlich zustutzte.

Lang hatte er mit seiner Kompagnie in Neapel herumgelegen. Das war eine mißliche Zeit. Die Soldaten, arger Pöbel zumeist, Entgleiste, die vorm Strafgesetz niedertauchten unter das Fahnentuch, witterten mit Abneigung die zarter organisierte Natur. Er hatte sich täglich zu wehren. Er wehrte sich. Er teilte Prügel aus und empfing noch schlimmere, er sprach mit phantasievoller Einfühlung ihre Sprache, wußte Geschichten und gute Spaße, war hilfsbereit und kein Streber. Ein letztes Mal kam es zu einem wilden Auftritt hier vor Messina. Etwas nämlich hatte der junge Miguel an sich, was für die Anderen, ohne Ausnahme, unangenehm lächerlich war: er las. Vier, fünf gedruckte Bücher hatte er immer unter seiner Decke verborgen. Eins davon fand er eines Tages aufgeschlagen liegen, in viehischer Weise verunreinigt. Es war der Caesar, den ihm Fumagalli bei der Abreise verehrt hatte, ein schönes Exemplar, mit schöner Widmung. »Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae,« stand auf der ersten, jetzt besudelten Seite, recht heidnisch übrigens für einen Kleriker.

Es war am Abend, beim Schein einer Ölfunzel streckte man sich zur Ruhe, dicht nebeneinander.

79 »Wer hat mir das da getan,« fragte Cervantes. Vielstimmiges Gelächter antwortete, denn die Tat war bekannt, der Urheber hatte sie öffentlich verübt, und man hielt sie für einen köstlichen Scherz.

Er stand auch gleich auf, halbnackt, mit zottiger Brust, kam er auf den Beleidigten zu. Es war ein Riesenkerl, ein nordspanischer Bauernknecht aus der Provinz Galicia, tierisch und albern.

»Du hasts verdreckt, Du leckst es auf,« sagte Cervantes. Er war noch angekleidet, im ledernen Koller mit schwarzen Ärmeln. Zu aller Antwort spie ihm der Andere vor die Füße. Es war still geworden, man wartete höchst gespannt.

»Du magst nicht, dann mußt Du!« Und mit voller Gewalt schlug er ihm den geschändeten Klassiker auf das Maul, zweimal und dreimal. Das Buch ging in Fetzen. Der Andere war schon über ihm, sie knieten auf einer der Pritschen im Halbdunkel, der Knecht mit seiner Vierecksgestalt deckte den schlanken Cervantes fast zu.

»Da gibts eine Leiche,« sagte einer behaglich.

Aber Cervantes hatte Glück. Ausholend traf er mit der Faust den Bauer am Kinn, an jener Stelle ein wenig unterhalb und seitlich, die jeder geübte Schläger kennt und hochschätzt. Es war Zufall gewesen, aber einer von gründlicher Wirkung. Der Gallego lag mit verdrehten Augen und baumelnden Armen. Ein Beifallsgelächter erhob sich. Miguel schob dem Gefällten den entehrten Band als Kissen unter den Kopf, wusch sich im Eimer die Hände und legte sich schlafen.

Am Morgen hieß es, der Feldherr sei da. Er war 80 die Nacht von Neapel gekommen. Die ganze reiche Stadt war auf. Sie war für ihre Feste berühmt, Kaiser Karl schon, der doch Empfänge gewohnt war, hatte beteuert, nirgends sei er so aufgenommen worden wie in Messina. Die Uferstraße war im Augenblick dekoriert, von Palast zu Palast spannte sich Purpursamt. Ein Flaggenwald flammte empor in den Sonnenhimmel. Glockengeläute, vielstimmig, scholl über den Hafen. Von der Zitadelle dröhnte unausgesetzt das Geschütz.

Aber von den Schiffen durfte niemand an Land. Für den Nachmittag war Flottenparade angesagt. Alles scheuerte: Schiff, Waffen, sich selbst.

Don Juan dAustria war mit 49 Galeeren gekommen. Sie lagen draußen in der Meerenge, kaum unterscheidbar. Aber ganz nahe, mitten im Hafen, ankerte das Admiralsschiff. An seinem rückwärtigen Teil, vor der »Poppa«, war ein mächtiges goldenes Kreuz aufgerichtet, daneben auf hohem Mast das Banner der Liga, vom Vizekönig in Neapel übergeben, in Santa Chiara geweiht. Die Kriegsmannschaft ringsumher, alle die kindlichen Männer, Cervantes mit ihnen, unterbrachen oft ihre Scheuerarbeit, blickten hin, besprachen jede Einzelheit. Aus blauem, gesteiftem Seidendamast bestand die Standarte. Sie wies oben in der Mitte, gewaltig groß, den Heiland am Kreuz. Zu seinen Füßen das Wappen, erhaben gearbeitet, war das des Papstes, rechts das von Spanien, links von Venedig. Goldene Ketten schlangen sich von Emblem zu Emblem, von ihrer Knotung hing schwer und massiv ein viertes 81 Wappenschild: das des Kaisersohnes und Großadmirals.

Sie hatten zu schauen. Es wurde ihnen etwas geboten, wahrhaftig. Denn als sie am Nachmittag, um die vierte Stunde, aufgereiht standen auf ihren Verdecken, alle Segel gesetzt, die langen Ruder gleichmäßig ausgerichtet, und als das Admiralsschiff unter Kanonengedröhn langsam an ihnen vorüberfuhr, da wurde jedem von ihnen in voller, leuchtender Figur dynastischer Kriegsglanz vor die Augen getragen, jedem von diesen dumpfen und rohen Söldnern der Inbegriff aller kriegerischen Eleganz des Jahrhunderts.

Das Bild war eigens für sie gestellt, das sollten sie mitnehmen, es sollte sie im Voraus bezahlen für Mühsal, Wunden und Untergang. Dies Bild im Herzen sollten sie sterben. Wer überlebte und einmal nach Hause kehrte, sollte es in der Winterstube erwecken, wenn die Anderen um ihn hockten mit offenen Mäulern. Cervantes auch würde es nie vergessen. Als er schon alt war und wissend und Don Juan tot, früh durch Gift aus der Welt geräumt ? auch da noch lebte das Bild, und er sprach davon und malte es farbenstark, wenn er auch dazu lächelte.

Nur die Ruderer sahen es nicht. Tief genug unterm gewölbten Schiffsrand, daß kein Ausblick über die Meerflut sich auftat, hockten sie halbnackt, zu dreien auf ihre Bänke geschmiedet: Verbrecher, Kriegsgefangene und Ketzer, zu Halbtieren geworden, nichts vor sich als den Rücken des Vordermanns am Tage und in der Nacht. Der 82 Aufseher mit der Peitsche ging umher zwischen ihnen und hieb zu nach Ermessen. Alte mit weißem Bart waren darunter. Sie saßen hier, seitdem die altersschwache Galeere schwamm. Die allein sahen nichts.

Don Juan dAustria stand an der hochaufgebogenen Poppa seines Staatsschiffs neben dem Kreuz, unter seiner blauen Standarte. Ihm zu Seiten, ein wenig zurück, rechts Colonna der Römer, mit kahlem Eikopf, von Hals zu Fuß dunkel geharnischt, links der ehrwürdige Sebastiano Venier, im Goldmantel eines venezianischen Generalkapitäns. Sie waren barhaupt wie Don Juan.

Weißhäutig war er, feinzügig und blond. Das weiche Haar umwallte zurückgeworfen sein junges Haupt. Keck aufgebogen trug er den Schnurrbart. Was aber jedermann hinreißen mußte, was sicher in Wochen studiert und zusammengestellt worden, das war sein Anzug. Jeder Soldat hatte sofort das Gefühl, daß er so etwas zum ersten und letzten Mal sah in seinem gefährdeten Leben. Der Panzer allein war ein Wunder. Es war ein Zierpanzer aus Silber, leuchtend poliert und vorn auf der Brust zu einer scharfen Schiene emporgetrieben, in der sich augenblendend die sizilianische Sonne brach. Aus der Halsberge stieg blütenweiß und köstlich gefältelt die Krause und umschmiegte das rasierte Kinn. Hellseidene Ärmel, mit Goldrosetten besetzt, modellierten die Arme. Aber besonders unterhalb war Don Juan dAustria herrlich zu schauen. Die Strumpfhosen aus Seidentrikot, ohne ein Fältchen, von 83 besorgniserregender Straffheit, erreichten beinahe die Hüften, und darüber, rundwulstig ausgestopft, bauschte sich das kurze modische Beinkleid aus rotem Atlas mit Goldbrokat, geschlitzt, gepufft und durchbrochen, einem Frauenröckchen nicht ungleich. In der Hand trug der Schöne den geweihten Feldherrnstab, überm Harnisch das Goldene Vlies. Er lächelte und er regte sich nicht. Er stand wie aus farbigem Gips, aus Gründen der Wirkung gewiß, wahrscheinlich aber auch, weil die geringste Bewegung den Sitz seines Prachtkleids gefährdet hätte. Es mußte anstrengend sein, so zu stehen.

Das rohe Kriegsvolk schaute versunken. Dies war eine sakrale Darbietung und jedem Zweifel völlig entrückt. Außerdem bedeutete der Aufwand eine Ehrung für jeden. Nicht die Flotte wurde ja hier gemustert, umgekehrt war es. Unter einem wahrhaft hocheleganten Halbgott zog man da morgen zur Schlacht.

Aber damit hatte es gute Weile. Man blieb im Hafen. Verstärkungen wurden erwartet. Es wurde weiter exerziert und geschossen, an den Schiffen gehämmert, kalfatert und Segel geflickt, während der Admiral in Messina seine Bälle, Bankette und Abenteuer bestand. Es war Mitte September. Viele erklärten, für dieses Jahr sei es zu spät.

Auf einmal war Gottesdienst angesagt. Von den Kapuzinern und Jesuiten, die in Scharen die Flotte begleiteten, empfing jeder Kriegsknecht das Sakrament. Nun wurde es Ernst.

Zwei Tage später lag man an der albanischen Küste, Korfu gegenüber. Neue Untätigkeit. Zwist 84 gärte unter den Admiralen. Als Don Juan auf den Gedanken verfiel, hier nun ernsthaft die gesamte Flotte zu mustern, wurde ihm unter Vorwänden der Gehorsam verweigert. Venier seinerseits, heißblütig trotz seiner Jahre und äußerst nervös durch die Prinzenallüren des Kaisersohns, ließ ein paar frech meuternde Spanier kurzerhand aufhängen. Darin sah Don Juan einen Eingriff in Rechte, die ihm allein zustanden, und kündigte dem General der Republik ein Kriegsgericht an. Aufstand der Venezianer. Schon zogen ihre Galeeren sich drohend um Don Juans Flaggschiff zusammen, an die Schaustellung von Messina dachte jetzt niemand. Der Römer Colonna vermittelte. Die Aufregung schwand. Man schrieb Oktober.

Da brachte am vierten des Monats ein Eilschiff die Nachricht vom Fall Famagustas. Zypern gehörte den Türken. Ihre Flotte, man wußte es, lag gesammelt und schlagbereit im Korinthischen Busen, wenig südlich von hier. Man entschloß sich.

Die Hauptleute erhielten Instruktion. Jeder versammelte seine Mannschaft.

Auf Deck der altersschwachen »Marquesa« waren die 150 Soldaten angetreten. Hauptmann Urbina begann. »Meine Herren Soldaten!« begann er. Sein gutmütiges Gesicht unterm Eisen war noch röter als sonst. Reden war peinlich. Aber die Tatsachen sprachen für sich.

Zypern also, das war nun heidnisch, in jenen Meeren herrschte der Halbmond, frei war der Weg für den Sultan zu den Städten der Christen. 85 Ein trunkener Wüterich war dieser Selim, soff seinen verbotenen Wein vermischt mit Christenblut. Die tapferen Verteidiger von Famagusta waren schmählich geschlachtet worden, die Frauen verstümmelt, Kinder zu Haufen an den Mauern zerschellt vor den Augen der Mütter. Da sah man, was Venedig, was Rom, was die spanischen Städte zu befahren hatten, wenn nicht Einhalt geschah!

Zum Schluß erst erzählte der Hauptmann das Äußerste... Die Türken kannten und haßten den heldenmütigen Bragadino, Haupt und Seele der Venezianer. Ihn fingen sie sich heraus aus den Opfern, und in langer Beratung ersannen sie für ihn eine nie erhörte Marter.

Der Unglückliche wurde lebendig geschunden. Seine abgezogene Haut wurde ausgestopft, in venezianische Amtstracht gekleidet und, auf den Rücken einer Kuh gebunden, durch die Straßen von Famagusta geschleppt. Die mächtige Natur des Gemarterten widerstand, er lebte noch tagelang. So sah er sich selber vorüberreiten.

»Das, meine Herren Soldaten,« schloß der Hauptmann Urbina, »sind Eure Feinde. Trefft sie, schlagt sie, es geht zum Kampf! Gott und die Jungfrau!«

Der Bericht von dem Ungeheuren, wahr oder übertrieben, hatte seine Wirkung getan. Die Stumpfsinnigsten waren aufgewühlt.

Miguel taumelte, als man auseinandertrat. Er lehnte sich über Bord und erbrach.

Es ging gegen Abend. Er tappte die Stiege 86 hinunter und warf sich aufs Lager. Er zitterte. Er schloß die Augen, mit äußerster Energie bemüht, das Vernommene fortzudrängen. Die Zähne schlugen ihm aneinander. Mit Verzweiflung spürte er das Fieber aufbrennen in seinem Blut. Von den Sklavenbänken über ihm schollen Flüche herunter. Die Peitsche klatschte. Dann war es still.

Als die Anderen kamen, um sich zur Nacht hinzustrecken, lag er ohne Bewußtsein. Er warf und bäumte sich. Er delirierte und schrie. Seine Einbildungskraft formte das Entsetzliche zu unerträglicher Greifbarkeit aus. »Zu den Waffen,« schrie er und »Gottesrache!«

Niemand konnte einschlafen. Schließlich trugen sie ihm den Strohsack nach vorn in einen Winkel unter der Schiffstreppe, fünf Fuß lang und drei breit. Eine Luke stand offen. Kühlere Luft strich herein. So fuhr er zur Schlacht. 87

 

Lepanto

Er schlug die Augen auf, weil die Sonne mit voller Gewalt sein Gesicht traf. Er wußte nicht, wo er war. Es war alles ganz still, das Schiff fuhr nicht mehr. Sein Fieber war fort, aber die Schwäche so groß, daß seine Hand sich nicht zur Faust ballen konnte.

Mit schwerer Mühe richtete er sich endlich auf, gelangte auf seine Kniee und brachte den Kopf in die Luke. Volle, blendende Klarheit war plötzlich da.

Man war zur Schlacht aufgefahren. Zwei Flotten lagen sich gegenüber, jede sauber abgeteilt nach Geschwadern. Es war alles so lautlos und reglos, als befände man sich in einem Gemälde. Konnte dies Wirklichkeit sein, was, angeordnet wie im Spiel, abgezirkelt und farbig sich darbot auf spiegelndem Meer, unter einem glasblauen Himmel? Natur selber hielt ihren Atem an, um den Kampf nicht zu stören.

Er schaute aus sonnenschmerzenden Augen. Diese Schlachtordnung war so klar, so simpel, als hätte ein ordnungsliebendes Kind sie erdacht. Da sein Schlafgelaß Vorderschiffs lag, die »Marquesa« aber nahe dem Zentrum, sah er alles wie aus einer Theaterloge.

Dies gegenüber sollte die türkische Flotte sein. Als Halbmond angeordnet erschien sie, die Mitte vorgewölbt. In genau entsprechender Kreislinie lag ihr gegenüber die Armada der christlichen Völker, alle Galeeren eng aneinander, die scharfen Schnäbel dem Feind zugestreckt. Das hier nach links hin mußten venezianische sein, er sahs an 88 den Löwenstandarten und an den dünneren Rudern. Vor ihnen aber, die Breitseite gegen die Türken, lagen in geschlossener Reihe Fahrzeuge von anderem Typus. Das waren die sechs Galeassen der Markusrepublik, die vielberedeten großen Schlachtschiffe, fünfzig Meter lang, gewaltig bemannt, bestückt mit dreißig gegossenen Kanonen, jedes Ruder so schwer, daß kaum sieben Mann es regierten. Miguel hatte die plumpen Ungeheuer vor Korfu schon bemerkt und auch vernommen, daß der ritterliche Großadmiral sich über sie lustig machte. Sie könnten nicht wenden, sich nicht bewegen, so wurde sein Ausspruch kolportiert, solch schwimmende Festungen aufzuführen, heiße Gott lästern, und wo denn noch Ruhm und Ehre des christlichen Kampfes sei, wenn man da aus 180 Geschützen losdonnere, statt Mann an Mann mutig zu streiten. Miguel hatte Don Juans Äußerung wohl begriffen. Wahrhaftig, von Ehre und spanischem Rittertum standen diese Galeassen weit ab. Aber da harrten sie nun, den Tod noch verschweigend.

Überall war die Mannschaft an Bord angetreten wie zur Parade. Helm lag an Helm, Schild und Harnisch erglänzte, in Schwert und Lanzenspitze brach sich das Licht, man stand bereit wie zur Landschlacht. Überall waren die Segel gerefft, Flaggen gehißt auf den Masten. Unverwandt schaute man auf den Feind, der zum Ergreifen, zum Hassen nahe lag.

Seine Schiffe waren im Bau von denen des Abendlands nicht unterschieden. Doch bunter, 89 barbarenprächtig, war diese Flotte zu schauen. Gold waren die riesigen, dreifachen Buglaternen, golden und silbern, in ihrer geheimnisvollen Schrift, erschimmerten an den Bordwänden die Sprüche des Propheten, ein Wald von Fahnen, in Asiens wilden Farben gestreift und besternt, überhing die Armada. Überall, von jeder Laterne und Flaggenspitze, stach der Halbmond plastisch in die leuchtende Luft.

Die Kriegsvölker harrten, in Massen gedrängt gleich den Christen, in Turban und Tarbusch und bunt gebauschten Gewändern, mit krummen Säbeln bewehrt, mit Spießen, Äxten und metallbeschlagenen Streitkolben, viele mit Bogen und Pfeil.

Aber im Zentrum als vorderstes, einen Respektstreifen Wassers um sich, lag ihr Admiralsschiff. Cervantes sah es blinzelnd mit jeder Einzelheit. Unter der Prophetenfahne der Alte, im grünen Turban und silbernen Kleid, den mondgekrönten Stab in der Rechten, mußte ihr Oberherr sein, der Kapudan-Pascha. Er schien geradeaus zu starren ? auf das Befehlsschiff der Christen hin. Gewiß stand Don Juan dAustria dort, blendend gerüstet.

Miguel schmerzte der Hals von den Drehungen, die Augen vom Lichte. Die Gedanken schweiften ihm ab.

Dies war die Bucht von Korinth. Das Ziel war bekanntgegeben. Hier fiel der Schlag, die Entscheidung. Was für ein Schlachtort! Das Land hier zur Rechten, keine Meile entfernt, war der 90 Peloponnes, und dort zur Linken ? es konnte nur ein paar Stunden sein hinüber nach Delphi. Er dachte daran, er sicher allein von den Tausenden. Er dachte an mehr. An diesen Gewässern lag Actium. In dieser Nacht, seiner Fiebernacht, mußten sie daran vorübergefahren sein. Es ging um die Welt jetzt wie damals... Oktavian führte die Kräfte des Westens heran, die des Ostens Antonius, hier war der Scheitelpunkt, hier maßen sie sich. Aber Kleopatra floh, Antonius ihr nach, das Reich begrabend im Schoß der Ägypterin. Hier fiel auch heute das Los zwischen Osten und Westen, zwischen dem Mond und dem Kreuz.

Er ließ sich zurücksinken, todmüd vor Schwäche. Gewiß, auf diesen beiden Flotten, unter Unzähligen, war er der Einzige, um dies zu denken. Doch auch der Einzige sicher, der an solchem Jahrtausendtag tatenlos, geringer als ein Weib, auf dem Lager verblieb, unfähig auch nur die Hand auszustrecken und Helm und Schild zu ergreifen, die neben ihm lagen. Ihn hatte Gott geschlagen, wahrhaftig ? mit diesen Anfällen der Krankheit, deren letzter ihn nun um den Sinn seines Daseins brachte. Er war zum Kämpfer verdorben, wie er zum Priester verdorben war, ein Elender, nicht gewürdigt vom Himmel, sich Verdienst zu erwerben und einzugehen als ein Streiter für Gott in die Herrlichkeit.

Und wie zur Bestätigung erscholl jetzt von Deck durch die dünnen Bretter herunter eine Stimme. Es war eine Priesterstimme, Cervantes vernahm jedes Wort. Generalabsolution wurde 91 erteilt, das Deck schlitterte, sie knieten alle. In diesem Augenblick sanken auf zweihundert Schiffen vierzigtausend Streiter zu Boden und lauschten der Botschaft, die Vergebung verhieß für alle Sünden und die Pforten weit auftat zur Herrlichkeit jedem, der heute fiel im Kampf für den Glauben. Cervantes lag, die fieberschwachen Hände gefaltet, und unter den Lidern seiner geschlossenen Augen drangen Tränen ohnmächtiger Sehnsucht, ohnmächtigen Zornes hervor. Der Priester sprach, in lateinischen Worten erst, danach auf Spanisch. Dann Stille. Er vernahm, wie die Mannschaft sich vom Boden erhob. Ein Kanonenschuß dröhnte. Da gab das Admiralsschiff das Zeichen. Tosendes Schreien erhob sich, von allen Schiffen zugleich: Victoria! Victoria! Viva Cristo! Die Galeere fuhr. Es hatte begonnen.

Heulen, Kreischen und Krachen eines Weltuntergangs drang ins Gelaß. Tausendstimmig, hoch gilfend, das Allah-il-Allah-Geschrei, verschlungen vom gleichzeitigen Donner aus hundert Geschützen. Das waren die Galeassen. Splittern der Ruder, die aneinanderstießen, zu seinen Häupten Klirren und Stampfen der Mannschaft, Mutgeschrei und Kommandos. Pulverdampf schlug herein zur Luke. Das Schiffchen schwankte, lag auf der Seite, war wieder flott.

Er wandte sich um aufs Gesicht, verschloß die Ohren mit seinen Händen. Aber es riß ihn empor, er mußte zur Luke. Von der spielerischen Ordnung draußen war nichts mehr zu sehen, er schaute ins wilde Gemisch der entbrannten 92 Schlacht. Da aber sah er vor sich, zur Linken, das venezianische Flaggschiff...

Durch andringende Geschwader hindurch suchte es seinen Weg nach der feindlichen Mitte. Der Alte unter der Löwenflagge, der aufgerichtet stand an der Poppa, war ihr Generalkapitän, war Venier. An ihn hingen sich Cervantes Augen, seine Augen wurden groß und starr. Aber er sah nicht die gebietende Stirn des Mannes, die mächtigen Brauen, nicht wie seltsam sein weißer Kinnbart erzitterte bei den Kommandorufen. Er sah nicht sein Gesicht. Er sah nur sein Kleid: den Goldmantel über dem Panzer, auf dem Haupt das flache Barett. Das war nicht Venier der Generalkapitän, es war Bragadino der Gefolterte. Seine Tracht war es, Amtstracht der Venezianer. Kein Schiff zog vorüber ? da kam das monströse, wackelnde Reittier und darauf die augenlose Hautpuppe, die sie vor den blutigen Augen des Sterbenden johlend vorüberführten.

Eine pressende Woge von Erbarmen, Entsetzen und Racheverlangen durchschwemmte sein Blut. Gleich würde das Herz aufhören zu schlagen unter der Last. Aber es schlug gewaltiger... die Sehnen spannten sich ihm, er war kein Geschwächter mehr, kein Ausgeschlossener, nicht länger ohnmächtig zum Kampf! Er erhob sich auf seine Kniee, er stülpte den Helm auf, faßte Stoßschwert und Schild und stürzte nach oben.

Noch war die »Marquesa« nicht in den Kampf gelangt. Ungelichtet stand noch die Mannschaft, schlagbereit, ausspähend, zwischen den rudernden 93 Sklaven. Der Raum war eng, das ganze Schiff keine fünf Schritt breit, man hielt sich auf dem Laufgang zwischen den Bänken, auf ihnen selbst, auf dem kleinen Dach an der Spitze, unter der korbartigen Bespannung der Poppa. Dort war der Hauptmann Urbina aufgepflanzt. Cervantes drängte sich durch. Urbinas braves Gesicht ging ins Bläuliche, der Helm saß ihm schief. »Was willst denn Du,« rief er dem Nachzügler entgegen, »ich denk, Du bist krank, geh zur Mutter!«

Ein betäubendes Krachen verschlang seine Worte. Ruder zerbrachen. Bord stieß auf Bord. Die »Marquesa« wurde geentert... Vorderschiffs nickten Turbane über dem Rand. Schon waren die Ersten auf Deck. Alles schlug und stieß sich dorthin, man stieg auf die Hände der brüllenden Sklaven. Die Angreifer stürzten ins Meer. Spanier stürzten mit, Leib rang mit Leib in den Wellen, an Rettung und Flucht dachte keiner. Einer, der auf dem Rücken schwamm, mit den Füßen stoßend, spannte den Bogen, Cervantes sah es, er sah sich als Ziel genommen, der Pfeil schwirrte ab, ein Mann neben ihm stürzte, durchs Auge geschossen. Da traf auch den Schützen ein Ruder und schlug ihn zu Tod. Die »Marquesa« schwamm frei.

Auflösung rings und Getümmel. Kein Plan, kein Gesetz. Regelloser und wütender Mord. Von fünfhundert Schiffen zugleich feuern Geschütze und Mörser, Arkebusen, Trombonen. Schiff um Schiff wird geentert, fünfmal ein jedes und zehnmal. Der Dampf der sechs Galeassen verdunkelt 94 den Himmel. Ritterlich oder nicht ? sie hausen übergewaltig. Mittag ist Nacht. Die sprühenden Funken zusammenschlagender Schwerter und Schilde, von Handkeule, Hellebarde und Dolch leuchten wie ein Gewitter. Niemand erkennt mehr, wer Feind und wer Bruder ist. Auf einem Türkenschiff weht plötzlich die Heilandsflagge, auf einer römischen Galeere kommandiert ein Ägypter. Die aufgewühlte See ist bedeckt mit blutigem Schaum. Schon stehen viele Schiffe in Brand, andere sinken, und über Trümmer und Leichen und im Tod sich verbeißende Ringer hinweg sausen die Ruder. Allah- und Cristo-Gebrüll, Wehrufe, Klatschen der Peitsche auf Sklavenrücken, hetzendes Pfeifengeschrill und Trompetengeschmetter.

Die »Marquesa« ist abseits geraten, in freieres Wasser. Nur schwächere Fahrzeuge umschwirren sie hier, Felucken, Tartanen, die leichte Mühe ihr fernhält. Ein Ausblick tut sich auf in das Zentrum der Schlacht.

Dort wird entschieden. Die beiden Admiralsschiffe liegen fest aneinander, die Feldherren selber sind handgemein. Hoch sind die Borde ihrer Schiffe, schwer übersteigbar. Sie werden überstiegen, wieder und nochmals. Die Mannschaft des Kapudan-Pascha ist Sultansgarde, sind Janitscharen, jeder kennt die seltsamen Mützen. Gnadenlos wühlen die krummen Säbel. Don Juans Elite sind Arkebusiere. Aber das kunstreich bediente Gewehr ist ihnen nichts nütze, sie greifen zum Handstahl. Der Admiral ficht unter ihnen im Silberharnisch. Seine feine Krause hat er auch 95 jetzt, obwohl nicht sein Seidentrikot, das würde platzen. Er haut zu und stößt vor und er wütet mit Lust. Er ist kein Feldherr ? ein mordender Knabe. Cervantes kann sehen. Alles sieht er.

Da erhebt sich um ihn gewaltiges Rufen. Die »Marquesa« greift an. Urbina hat den Verstand verloren, was will er gegen die schwimmende Burg! Vor ihm die hohe, vergoldete Galeere mit der Purpurstandarte am Bug ? es ist das Staatsschiff von Alexandrien. Das will er entern! Aber die »Marquesa« ist niedrig, kaum sind die Bretter geworfen, stürzen die Türken in Klumpen herunter auf ihr Deck. Es gilt. Wie es gilt! Aufruhr und wildes Gemeng, Cervantes im Haufen, und blind schlägt sein Schwert. Neben seinem Kopf ist plötzlich der Kopf des einst gezüchtigten Gallego. Jetzt lacht er. Seine Tierzähne leuchten beim Morden. Er schreit Cervantes was bestialisch Freundliches zu, ein feines Schlachten sei das, so wünschte mans immer! Und Cervantes freut sich, daß ihn das Vieh anerkennt, und schämt sich, daß er sich freut. Gnadenlos ist der Kampf. »Heilige Mutter Gottes!« stöhnt einer, den es getroffen hat. »Gott hat keine Mutter, Du Hund,« schreit der Moslem und gibt ihm den Rest. Kurze Theologie! denkt Cervantes noch. Da beißt und zerreißt ihn ein Schmerz, der Schild entfällt ihm. Es ist die Hand, seine linke. Kugelzerschmettert, als ein blutender Lappen, hängt sie herunter. Er hat nicht Zeit für die Hand. Die Seinen sind drüben.

An neuer Stelle, mit List, ist das Staatsschiff erklettert, bluttropfend, in der Rechten das Schwert, 96 drängt er mit übers Brett. Schon spürt er nichts mehr. Nackte Halbmenschen pressen sich um die Gerüsteten: den Ruderern hat man die Ketten abgerissen, Waffen gegeben, Freiheit verheißen, nun taumeln sie auf in den Tod.

Mann ringt an Mann. Wo die Waffe zerbrochen ist, mordet die Faust. Reihenweis stürzen die Türken ins Meer. Ihre Purpurflagge wird von der Stange gerissen, johlend schwingt sie ein Spanier, ihm fährt ein Dolch in die Gurgel, andere packen das blutfarbene Tuch. Victoria! schreien sie, Victoria, vence Cristo! Ihnen gehört das Schiff.

»Das nenn ich doch den Geschundenen rächen!« Miguel spricht es laut, an die türkische Bordwand gelehnt. Die Hand, um die ein Fetzen gewickelt ist, brennt vom höllischen Feuer. Aber ihm ist leer und hell, ihm ist frei. Ringsum wird noch geschossen, ihm gilt das nicht... Da fliegen fast gleichzeitig zwei Kugeln in seine Brust. Die erste ist nichts, er fühlt es sofort, matt kommt sie, durchschlägt kaum den Koller. Aber die zweite dringt ein. Er weiß noch: es ist nicht das Herz. Und wie er niedersinkt an der Wand, reißt ihm ein tosendes Siegesgeheul nochmals die Augen auf... Dort in der Ferne, auf hoher Lanze, das blutende Haupt mit dem Bart, es ist das Haupt des Kapudan-Pascha. Sie haben ihn. Don Juan hat ihn. Es ist aus.

Dies war die Schlacht im Griechischen Meer, genannt nach dem Orte Lepanto, der den Alten Naupaktos hieß. Sie hatte drei Stunden gedauert. Zehntausend Osmanen waren gefallen, 97 achttausend gefangen, hundert Galeeren erobert, fünfzig zerstört, stolz an Geschütz und an Fahnen die Beute. Zwölftausend christliche Rudersklaven standen frei aus ihren türkischen Ketten auf. Der Sieg war vollkommen.

Im Vatikan der Papst vergoß Freudentränen, schon sah er Jerusalem christlich. Venedig, vom Alp erlöst, lebte auf zu verdoppelter Weltlust. König Philipp allein blieb kühl, Türkenblut war nicht Ketzerblut, und allzu siegreich war Don Juan.

Der Nimbus des Halbmonds war dahin, seine Macht fast zerstört, sein Reich war zu brechen. Man tat aber nichts. Die Liga zerfiel. Lepanto blieb ohne Folgen. 98

 

Im Schwarzen Hut

Sie heilten ihm die Brust und die Hand in den Baracken von Messina und Reggio. An der Brust wußten die Chirurgen wenig zu tun, die heilte wirklich. Aber von Cervantes linker Hand blieb unter den Messern der Pfuscher nur ein unbeweglicher und fühlloser Stumpf.

Keine Möglichkeit gab es, Schmerz zu betäuben. Vor schlimmen Operationen machte man den Patienten betrunken und schwächte so sein Bewußtsein. Cervantes verschmähte das, er sah zu, wie die Messer in seinem Fleische wühlten. Es war ein Wunder, daß er hernach vom Starrkrampf verschont blieb. Die Kameraden um ihn starben wie die Fliegen im Herbst.

Monate dauerte die Rekonvaleszenz. Hinter dem Spital in Reggio lag ein kleiner Orangengarten, da saß er in der Sonne und las. Der Seelsorger des Spitals, ein Jesuit, hatte ihm einen Plutarch und einen Thukydides geborgt, beide in lateinischer Übersetzung; er erging sich in seinem Element, unter Brüdern. Der Tag der Schlacht hatte mit gewaltigen Griffen an seinem Innern geformt, nie würde jenes Fieber wiederkehren, dem er sich auftaumelnd damals entrissen hatte. Seine Seele war ruhig und stark, er war dem Tod kämpfend so nahe gewesen, hatte ihn so hundertfach neben sich wüten sehen, daß er ihm vertraut war und ihn nicht mehr schreckte. Erstaunlich war es, daß er noch lebte, ein eigentlich unerwartetes Geschenk; eine feste, gleichmäßige Heiterkeit hatte er als Lebensmitgift aus dem trunkenen Gemetzel davongetragen. Jedermann spürte das.

99 Der Hauptmann Urbina war mehrmals an seinem Lager erschienen und hatte ihm, im Auftrag des Feldherrn, Ehrengaben an Geld überbracht, einmal fünfzehn Dukaten, einmal zwanzig, dann wieder zehn. Cervantes hatte ihn im Verdacht, daß Don Juan von diesen Zuwendungen nichts wußte. Es stellte sich heraus, daß Urbina, jüngster in den Kriegsdienst verschlagener Sohn eines gelehrten und kultivierten Hauses, eine Zuneigung zu ihm gefaßt hatte. Auch vor der Schlacht hatte er ihn ja bewahren wollen, und die militärische Selbstüberwindung des Kranken hatte ihm Eindruck gemacht. »Ich habe es dem Feldherrn erzählt,« berichtete er, »ich habe es ihm mehrmals erzählt. Allernächstens kommt er und besucht Euch.« Aber Don Juan kam nicht. Er war glänzender beschäftigt. »Er wird Euch einen Empfehlungsbrief schreiben,« sagte Urbina, »er hat es mir zugesagt. Ich habe Eure Taten aufgezählt.«

»Was für Taten denn, Don Diego?«

»Redet nicht Unsinn! Wir wissen es beide. Der Empfehlungsbrief geht an den König. Mit dem reist Ihr nach Spanien zurück, der König macht Euch zum Hauptmann und gibt Euch eine Kompagnie.«

Das freilich wäre das Glück gewesen. Hauptmannsstellen waren höchst einträglich. Vater, Mutter, Geschwister hätten zu leben gehabt.

Die Nachrichten von Hause klangen vage und wenig befriedigend. Zwar die eine der Schwestern war für immer versorgt: sie hatte den Schleier 100 genommen. Miguel versuchte, sie sich vorzustellen in ihrer Barfüßerinnen-Tracht, aber ihr Gesicht verschwamm ihm und entschwand. Wo Bruder Rodrigo sich kriegerisch umhertrieb, wußte er nicht. Den Lebenswandel der älteren Schwester Andrea umgaben Gerüchte; sie schien mit wechselnden Männern zu leben, nicht mehr im Elternhaus. Auch gab es kein Elternhaus mehr. Der kleine Besitz in Alcala war verkauft, schuldenhalber versteigert, wie Miguel vermutete. Nachricht kam aus Madrid, aus Sevilla, aus Valladolid. Der Vater, der in seiner Jugend einmal Rechtsstudien getrieben hatte, schien als eine Art Konsulent oder Winkeladvokat unstet sein Glück zu versuchen. Leicht fallen mochte es ihm nicht, denn jeder seiner Briefe klagte über zunehmende Taubheit. Die Mutter schwieg ganz. Sein Unvermögen, den alternden Leuten einen Abend ohne Sorgen zu schaffen, quälte Cervantes.

Endlich entließ man ihn als gesundet. Seltsam, doch keineswegs abstoßend anzuschauen, hing ihm der Handstumpf im Ärmel. Er sah aus wie ein Stück brauner Fels.

Welch ein Segen, daß es die Linke war! Man band sich eben den Schild am Arme fest... Frische Waffentaten gegen den Türken schienen in Vorbereitung. Vielleicht konnte er in neuer, glänzender Aktion das Glück an der Stirnlocke fassen.

Aber die Zeit des kriegerischen Gelingens war dahin, für ihn und für Don Juan. Planlos und ohne Stern wurden die Unternehmungen im Mittelmeer weitergeführt, verzettelt, mit immer 101 unzulänglichen Mitteln. Mehrmals hielt man die Faust zum Schlag schon erhoben und ließ sie nicht niedersausen. Dann wieder schlug man wohl zu, aber ein zweiter Streich war vonnöten, der blieb aus, und kaum verletzt erhob sich der Gegner. Längst gab es wieder eine mohammedanische Flotte. Sie gefangen zu nehmen und abzutun war Gelegenheit im Hafen von Navarino; aber Uneinigkeit lähmte jeden Entschluß, und unverrichteter Sache ging die Armada der Christen zurück.

Unruhig trieb den Feldherrn sein Ehrgeiz umher. Tunis eroberte er. Er eroberte es für sich, als sein Königreich, und ließ durch den Vatikan Philipp seinen Wunsch unterbreiten. Philipp erschrak. Selbst unkriegerisch, sah er mit Argwohn auf den Stürmer von halbechter Geburt. Vorsorglich wies er zunächst seine Kanzleien an, Don Juan dAustria in der Korrespondenz ja nicht mit »Hoheit«, nur mit dem Exzellenztitel anzureden. Dann entzog er ihm sacht seine Unterstützung an Geld und Reserven. Im nächsten Jahr ging Tunis wieder verloren, und diesmal auf immer.

Don Juan warf seine Blicke über die Staaten. Er wollte herrschen. Bei der Republik Venedig hatte er angesucht, ihm für geleistete Dienste einen Teil ihres Inselbesitzes als souveränes Fürstentum anzuvertrauen. Die Antwort war, daß Venedig mit der Pforte Frieden schloß. Die Türken erstarkten, übermütig kontrollierten die berberischen Raubstaaten weiter das Mittelmeer. Ihre Korsaren streiften an allen Küsten entlang, brandschatzten die Seestädte, überfielen die Schiffe, führten 102 Menschen und Güter als gute Prise in ihre afrikanischen Nester hinweg.

Für die Truppen des Königs war selten der Sold da. Als überlästige Gäste lagen sie in den schönen Städten Italiens. War eben keine neue Unternehmung im Gang, so wurden die Regimentsverbände gelockert und die Mannschaften sich selbst überlassen. Truppweis durchzogen sie die Halbinsel, kühn anzusehen, stets das Wort Ehre im Munde, aber prahlerisch auch, ohne Achtung für Leben und Eigentum, düster und ausschweifend. Wahrhaftig, man liebte sie nicht.

Es kam ein Tag, da König Philipp seinen Generalissimus aus dem Südmeer zurückrief. In unklaren Ausdrücken wurden irgendwelche Aufgaben in der Lombardei in Aussicht genommen. Der Zeitpunkt war offen gelassen, als Sammelplatz der Truppen Genua bestimmt. Das Regiment Figueroa, dem Cervantes nun zugeteilt war, gehörte zu ihnen.

Ihm fehlte jede Lust, mit dem Haufen zu ziehen; ohne viel Beschwer erlangte er die Erlaubnis, sich allein von Neapel nach Genua durchzuschlagen. Jedes Maul, das nicht gestopft werden mußte, bedeutete eine Erleichterung für die bedrängte Heeresverwaltung.

Rasch war ein Pferd aufgetrieben. Ein neapolitanischer Ölhändler, der nach Rom wollte, beglückwünschte sich, für den unsichern Weg militärische Begleitung zu finden. Auf einem guten Rappen trabte Cervantes neben und hinter ihm drein die alte Via Appia. Am vierten Mittag 103 durchquerte er auf hohem Damm den bläulichen Dunst der Pontinischen Sümpfe. Zur Rechten und Linken hoben aus dem giftigen Gras Büffel das zottige Haupt. Aber als es gegen den Abend ging, standen vor ihm in der goldenen Sommerluft die Hügel und Kuppeln von Rom.

Nachdem er dem Kaufmann sein Tier zurückgegeben, war noch die ganze Stadt zu durcheilen. Ihm klopfte das Herz. Jetzt erst wurde es ihm bewußt, wie sehr er sich freute, den Kanonikus Fumagalli wiederzusehen und den gütigen Aquaviva. Wahrscheinlich hatte er es nur darum durchgesetzt, einzeln auf dem Landwege zu reisen.

Alle Tore am Palast standen offen. Niemand kümmerte sich um den fremden Kriegsmann, niemand befragte ihn. Unter dem Papst, der jetzt hier residierte, schien Verkehrsfreiheit zu herrschen im Vatikan. Er stülpte sich den Eisenhut verwegen ins Gesicht, schob seinen Dolch im Gürtel nach vorn und stürmte die bekannten Treppen empor, um dem streitbaren Alten recht militärisch in die Arme zu eilen. Kleriker, die neben ihm herniederstiegen, blickten sich um und zuckten die Achseln.

Da war die Tür. Mit einem Ruck stieß er sie auf und stand still. Von seinem Betschemel erhob sich mit Indignation ein fremder Priester, jung, spitznäsig und pergamenten, und fragte gemessen nach dem Begehr. Cervantes stammelte. Sein Blick ging über das Zimmer. Noch hingen die Hannibalsteppiche an ihrer Stelle.

Der Priester wußte nichts. Vor ihm hatte ein 104 Beamter der Index-Kongregation in diesen Wänden gehaust. Nicht einmal den Namen des Kanonikus hatte er jemals gehört.

Dann stand Cervantes vor dem Appartement Aquavivas. Er pochte schüchtern ans Vorzimmer. Niemand rief. Drinnen war alles leer, die Türen, die von einem Zimmer zum andern führten, standen offen. Es herrschte eine lebenslose Ordnung.

Ein Hauswart gab dem fremden Soldaten endlich Bescheid. Niemand lebte mehr. Bald nach dem strengen Papst war der Kanonikus Fumagalli gestorben, vor zehn Tagen aber der Kardinal. Im Lateran war sein Grab.

Der Pförtner suchte in seinem Pult. »Ich muß noch das Blättchen haben, Herr Soldat,« sagte er freundlich, »das sie nach seinem Absterben verteilt haben. Aber Ihr werdet es auch nicht lesen können, es ist lateinisch.«

»Gebt immerhin,« sagte Cervantes.

»Vix credi potest,« las er beim Öllämpchen mit verschleierten Augen, »quanto cum moerore totius urbis decesserit, tantam sibi benevolentiam et gratiam ab omnibus comparaverit, morum suavitate ac vitae innocentia.«

»Sanft war er und voller Unschuld, das ist wahr,« sagte er dann und reichte dem Mann das Seine zurück. »Die Seligkeit ist ihm gewiß.«

»Amen,« sagte der Pförtner.

Er schritt durch Galerien und dunkelnde Höfe und suchte den Turm, darin er gewohnt hatte. Er sah einen Stumpf vor sich. Sie rissen ihn ab. Lange stand er davor. In der sinkenden Nacht glich der 105 Stumpf einer riesigen, abgebrochenen Säule auf einem Grabmal der Alten.

Obgleich heute nirgends der Ausgang verwehrt schien, suchte er sich durch zu der kleinen Porta Posterula, die in lehmiges Ödland hinausführte. Er umschritt den Palastkomplex, fand Zäune und Gräben auf seinem Weg und gelangte durch die schweigenden Gassen des Borgo zur Engelsbrücke... In der nächsten Herberge warf er sich, ohne Licht anzuzünden, in seiner Kammer aufs Bett.

Am nächsten Morgen ganz früh zog er weiter, zu Fuß gegen Norden. Leicht war sein Gepäck. Einen kleinen Ledersack hatte er sich über die Schulter gehängt, daran baumelte auch sein Helm, fast anzusehen wie ein Kochtopf. Hiebschwert und Schild hatte er bei der Bagage zurückgelassen und trug nur Pistole und Dolch im Gürtel. Ein geknotetes Tuch schützte ihm das Haupt vor der Sonne, ein geschnittenes Holz schwang er als Wanderstab.

Nicht schnell kam er vorwärts. Er sah Viterbo mit seinen schönen Brunnen, Bolsenas Felsen im See, Siena das ernste und prächtige. Am zehnten Tag stand er im Toskanischen an einem Kreuzweg. Dort gleich zur Rechten lag Florenz, es war keine fünf Stunden hinüber. Doch es war nicht sein Weg. Er rastete ein wenig unter einer weitschattenden Platane, die dastand, und bedachte sich. Dann nahm er Sack und Stab wieder auf, ließ sich über den Arno setzen und wandte sich weiter schräg gegen das Meer.

106 Schön und friedlich war die Gegend, die sich da hinbreitete im sinkenden Licht. Sanfte Hügel überall, bedeckt mit Kastanie und Maulbeer, Reben an jedem Abhang, die Ebene angebaut wie ein Garten. Sorglos weitum verstreut Bauernhöfe und Villen, man sah es dem Lande an, daß hier seit Langem kein Krieg gewüstet hatte. Die Straße zog hügelan hügelab, eine Mondnacht war da, der einsam wandernde Soldat wurde müde. Da stand er ganz unvermutet vor Mauer und Tor. Über die Zinnen nickte ein Wald; kein Haus, kein Turm war drüben zu sehen. Vor dem Tor, im Schein einer Fackel, saßen Soldaten um einen Tisch und würfelten. Es waren deutsche Landsknechte, Cervantes sahs an der Tracht.

Gleichmütig wiesen sie ihn ab und deuteten zur Erklärung an seinem Aufzug hinunter. Er begriff, daß hier für fremde Bewaffnete kein Einlaß war. Verständigung durch Worte war schwierig. Da nahm er lachend seine Pistole vom Gürtel und zielte mit gespielt hilfloser Geste auf die Stadtmauer. Sie verstanden, lachten auch und ließen ihn ein.

Der innere Wall war dicht mit Bäumen bepflanzt, dies war der Wald, der dem Nahenden die Türme verdeckte. Durch enge Straßen, sauber gepflastert, schritt er voran. Niemand war unterwegs. Er überquerte ein kanalartiges Wasser und stand schon wieder am Stadtrand.

In einem Häuschen, das etwas abgesondert lag, schimmerte zu ebener Erde durch die geschlossenen Läden noch Licht. Über der Tür ragte 107 wagrecht ein geschmiedeter Arm mit einem Hut als Wirtszeichen, dessen schwarzer, frisch erneuerter Lack im Mondschein glänzte.

Er pochte. Beim vierten Mal erst ward aufgetan, und eine Kerze in der Hand stand die Wirtin vor ihm, ein junges, rundliches Weibchen mit erschrockenem Gesicht. Er bat um Quartier.

»So spät, Herr Soldat,« sagte sie ängstlich.

»Eben! So spät. Da muß man schlafen gehen.«

Noch immer zaudernd ließ sie ihn ein und geleitete ihn die Stiege hinauf. »Wollt Ihr mir noch ein Brot heraufschicken und ein Glas Wein?« sagte er in der Kammer.

Sie nickte. »Ihr seid ein Spanier?« fragte sie unter der Tür.

»Die habt Ihr nicht gern, will mir scheinen.«

»Wir kennen sie wenig. Hier kommen keine her. Einer war hier im vergangenen Jahr. Der war aber ganz anders.«

»Wie denn?«

»Gewaltig.«

Er hatte weiterziehen wollen am Morgen. Aber er blieb.

Im saubern und weichen Bett hatte er gut geschlafen wie lange nicht. In keiner anderen Herberge am Weg hatte es Fenster aus Glas gegeben und nirgends ein Waschgefäß.

Wie er hinunter kam, bemerkte er, daß der »Schwarze Hut« sich fast an die Stadtmauer lehnte. Nur ein Gärtchen trennte das Haus von dem baumbestandenen Innenwall. Zwei Steintische, eingerammt, mit steinernen Bänken, 108 standen da. Cervantes bekam seine Morgensuppe.

»Da seid Ihr aber nahe am Feind,« sagte er zur Wirtin, die ihm gegenüber saß. »Wenn der kommt, springt er Euch gleich in den Garten.«

»Oh, zu uns kommen sie nicht. Uns schützt der Kaiser in Wien.«

»Wollens hoffen!«

»Wir haben auch unsere Freiheiten,« sagte sie stolz, »nicht einmal die Inquisition gibt es bei uns.

Das ummauerte Örtchen, darin sich Cervantes befand, war die Stadt Lucca. Ein friedliches Gemeinwesen, das sich selber verwaltete, eine Art Republik oder ein Herzogtum ohne Herzog, unter dem Protektorat des Römischen Kaisers. Seine Landsknechte hatten vorm Tor unter der Fackel gewürfelt.

Zwei Kinder waren herangekommen, ein Mädchen von acht oder neun und ein Bübchen, das zwei Jahre jünger sein konnte. Es waren hübsche, saubere Geschöpfe, und sie sahen der Hausfrau ähnlich.

»Denen sieht mans an, wer sie an der Brust gehabt hat,« sagte Cervantes, »die könnt Ihr nicht verleugnen.«

»Und doch irrt Ihr Euch, Herr Soldat. Bloß der Kleine ist meiner. Das Mädchen« ? sie neigte sich vor und flüsterte ? »hat meiner Schwester gehört, drüben in Massa, die ist seit vier Jahren tot.«

»Oh!«

»Die Besten müssen immer am frühesten fort. So einen guten Mann habe ich gehabt...«

109 »Ihr seid schon Witwe! So jung.«

»Mit siebzehn hab ich geheiratet. Er hat den Kleinen garnicht mehr gesehen. Jetzt bin ich vierundzwanzig. Da ist das Leben schon aus.« Sie seufzte beschaulich.

»Freilich, freilich. Mit vierundzwanzig ? was soll da noch kommen!«

Sie lächelte unbestimmt. Etwas ungemein Gutmütiges, Zutrauliches ging von ihrer ganzen kleinen Person aus. Jetzt schon am Morgen war sie sorgfältig angezogen und hatte das braunrötliche, ein wenig krause Haar adrett aufgesteckt.

Der kleine Junge war auf die Bank geklettert. Er stand neben der Mutter und schaute in Cervantes linken Ärmel hinein.

»Was hast Du denn da,« fragte er, angezogen und furchtsam zugleich, und deutete auf den felsigen Stumpf, »gar keine Hand, oder was ists?«

Die Mutter war flammendrot. »So fragt man doch nicht, Domenico!« rief sie zornig.

»Laßt ihn doch... Da sind Deine zwei Pfötchen eben schöner,« sagte er zu dem Kind, und umschloß sie ihm sanft mit seiner Rechten.

»Was mögt Ihr alles erlebt haben! Ihr müßt uns erzählen.«

»Blutige Geschichten ? was wollt Ihr damit!«

»Vielleicht heute Abend. Ihr seid doch noch da?«

»Ich werd schon noch da sein,« sagte Cervantes.

Er war auch am dritten und am fünften Tage noch da. Ein leichtes, heiteres, friedevoll geschäftiges Leben zog ihn in seinen Zauber.

110 »Ihr habt viel Vertrauen, Frau Wirtin,« sagte er einmal. »Woher wißt Ihr, daß ichs bezahlen kann.«

»Wenn Ihr kein Geld mehr habt, nehm ich Euch Dolch und Pistole.«

»Dann kann ich ja garnicht mehr fort!«

»Dann bleibt Ihr eben,« sagte sie leise.

Übrigens war das Leben billig im »Schwarzen Hut«. Ein Glas von dem leichten, erfrischenden Wein kostete bloß einen Soldo. Deshalb ging das Geschäft auch vortrefflich, immer war die Schankstube voller Menschen. Aber am Abend, wenn es stiller wurde, saßen die Nachbarn lauschend um Cervantes herum.

»Das nenn ich erzählen, Frau Angelina,« sagte der Wagner Dinucci, als Cervantes gerade nicht dabei war. »Man greift alles mit Händen, ja man riecht es, wenn Ihr wißt, was ich damit sagen will. Das ist was anders als der Spanier, der im vorigen Jahr hier war...«

»Erinnert mich bloß nicht an den, Meister Dinucci! Mir tut noch mein Geld leid. Jeden Tag wollt er ein Hähnchen, manchmal auch zwei, und dann war er fort und ließ mir ein Paar zerrissene Strümpfe im Kasten zu aller Bezahlung.«

»Ich seh ihn noch sitzen in Eurem Gärtchen mit seinen Bändern und Ketten. Wenn man dem glaubte, so gabs keine Stadt bis nach Peru, die er nicht kannte, in allen Schlachten war er dabeigewesen und hatte mehr Ungläubige umgebracht mit eigener Hand, als in ganz Afrika wohnen. Ich Ich Ich, ging das immer bei ihm, und es klang als 111 wollte er sagen: Ich Euer König. Habt Ihr den Don Miguel schon einmal Ich sagen hören? Mir scheint, er weiß garnicht, wie das Wort auf Italienisch heißt.«

»Trinkt das Glas auf sein Wohl,« sagte Angelina dankbar, »es kostet nichts.« Und sie goß ihm ein bis zum Rand.

Es konnte den harmlosen Leutchen nicht bunt und wild genug zugehen in Cervantes Geschichten. Nie kam eine gedruckte Nachricht zu ihnen. Vor allem die algerischen Seeräuber beschäftigten ihre Phantasie. Welch ein Glück, daß die benachbarte Küste unwirtlich und arm war! So war hier noch keiner gewesen.

Cervantes mußte von ihren Schiffen erzählen, die klein und leicht waren, mit gewaltigen Segeln. Blies kein Wind, so ruderten sie wie der Blitz. Die Sklaven am Ruder fielen tot um vor Ermattung und wurden ins Wasser geworfen. Nachts fuhren sie ganz ohne Licht und Geräusch und waren plötzlich da wie der Tod. Ungeheure Schätze brachten sie heim. Auf ihren Galioten und Felucken war der Mastbaum hohl und inwendig ganz voller Gold: Zechinen und Dublonen. Das war lauter gemünztes Christenblut. Cervantes kannte sie alle bei Namen, die hochberühmt und gefürchtet die Meere durchschnitten. Da war Djafer aus Dieppe, Hassan-Veneziano, Dali-Mami. Und der Berühmteste von allen war Chaireddin Barbarossa gewesen, der war Beglerbey und Herr über Afrika.

Aber Fröhlichkeit gab es und unendliches 112 Lachen, wenn er die Janitscharen beschrieb, des Sultans Gardesoldaten, grausam tapfere Leute, nur sonderbar an Sitten und Tracht.

»Sie wohnen bei einander in ihren Kasernen, die fast sind wie Klöster. Keine Frau darf je zu ihnen hinein. Sie kochen sich selber und führen eine gemeinsame Wirtschaft. Das Essen muß ihnen das Wichtigste sein, denn nach der Küche heißen bei ihnen Würden und Rang. Oberkoch heißt einer, der bei uns ein Feldoberst wäre, da gibts Fleischröster, Bratenvorschneider, Brotbäcker und Küchenjungen. Kochmützen haben sie auf von verschiedener Gestalt, die sind mit Reiherfedern geschmückt. Und ihre Fahne ? die ist ein Suppentopf.«

»Ein Suppentopf,« riefen sie alle, »ein richtiger, wirklicher Suppentopf?« Die Kinder, die nicht hatten zu Bett gehen wollen, schrieen am meisten, sie kletterten auf seine Knie.

Es war ein paar Stunden darauf in der Kammer. Die Kerze brannte noch. Das Fenster stand offen, man hörte den Brunnen. Angelina war eingeschlafen, ihr rechter Arm, sanft gepolstert, hing mit offener Hand über den Rand der schmalen Bettstatt. Aus ihrem krausen Haar kam ein Hauch von Orangenwasser, dem ganz schwach und nicht unangenehm ein kleiner Duft nach Gebratenem beigemischt war. Drüben auf dem Tisch, ein wenig zu nahe der Kante, sah Cervantes seinen Helm liegen, übermütig hatte Angelina ihn zuvor aufprobiert: den Eisenhut auf den rötlichen Locken, mit nackter junger Brust, hatte sie 113 ausgesehen wie eine ländliche Halbgöttin auf einer gemalten Allegorie. Cervantes lächelte und zog ihr sacht das Kissen zurecht.

Zwei Wochen war er nun hier. »Wenn wir also dann heiraten,« hatte sie heute zum ersten Male gesagt, ganz ohne Aufhebens und so nebenbei, als verstünde sich diese Absicht von selbst.

Und war es nicht wirklich das Beste? Ein vertrauender, freundlicher Mensch bot sich ihm an, häusliche Zufriedenheit, bescheidener Wohlstand. Ein Gastwirt in Lucca, Bürger unter Bürgern in einem kleinen Staatswesen, das sich duckte unter den Stürmen der Zeit ? gewiß, mit anderen Träumen im Herzen war er ausgezogen. Aber sechs Jahre trieb es ihn nun umher, und er war nicht einmal so weit, denen zuhause aus ihren Sorgen zu helfen. Kirche, Meer oder Königshaus, ? er gedachte der glückverheißenden Dreiheit. An ihm schien der Spruch sich nicht zu bewähren. Als Soldat war er nicht weitergekommen. Don Juans Brief an den König, den der gute Urbina verheißen, er kam nicht. Er würde auch niemals kommen. Und ohne einen solchen Protektor waren die militärischen Aussichten gar zu gering. Um im üblichen Turnus Hauptmann zu werden, mußte man zehn Jahre lang als Fähnrich gedient haben; und er war noch nicht einmal Fähnrich. Auch von Dichterruhm hatte er einmal geträumt. Er lächelte nachdenklich. Leicht und gefällig waren ihm die Strophen aus der Feder geströmt, und Meister Hoyos war voller Lob. Das lag weit dahinten. Jeder junge Herr in Spanien dichtete so. 114 Da wäre es in der Tat noch klüger gewesen, sich die Tonsur scheren zu lassen und auf eine Pfründe zu hoffen. Aber alle waren sie tot in Rom. Das war auch vertan und vergessen.

Er löschte die Kerze mit seinem unempfindlichen Handstumpf und schlief ein neben Angelina. Er träumte selten. Heute träumte er. Er stand vor seinem Vatikansturm in Rom, Gewölk hing niedrig, Donner rollte, blaue Blitze durchleuchteten die Nacht. Der Turm, überhängend schon, stürzte mit gewaltigem Krachen, Staub und Trümmerwerk wirbelte. Er aber stand aufrecht im Steinschlag. Und es hallten die Worte aus übermenschlichem Mund, Fumagallis Spruch: Si fractus illabatur orbis ? Und wenn das Erdenrund zusammenkracht, so treffen einen Unerschrockenen die Trümmer!

Er saß aufrecht im Bett. Die Dämmerung war schon da. Die Eisenhaube lag am Boden und war ein Stück herangerollt bis zur Bettstatt. Auch Angelina war wach, sie faßte nach seinem Arm. »Mir hat geträumt, sie schießen Dich tot,« sagte sie mit erschrockenen Augen.

»Der Helm ist heruntergefallen. Schlaf noch ein Weilchen!«

Zwei Stunden später stand er reisefertig vor ihr im Garten. »Was tust Du mit einem Krüppel und bettelarmen Soldaten,« sagte er. »Etwas Besseres verdienst Du und wirst es auch finden.«

Sie klammerte sich an ihn, sie weinte laut, unbekümmert, ob man es sähe, umschlang sie ihn und küßte ihm Brust und Mund. Er machte den 115 Abschied kurz. Er sah sich nicht um. Er schritt davon durch das nördliche Tor, das ganz nahe lag.

Draußen erst machte er Halt. Aber schon war nichts mehr zu sehen, kein Haus, keine Kirche. Die hohen, dichten Bäume des inneren Walls verdeckten die Stadt. Vor dem Tor saßen Landsknechte um eine Trommel und würfelten, schon jetzt in der Frühe.

Kräftig wanderte er hin im Augustmorgen und gewann das Meer. Am vierten Tag konnte er in Genua sein, bei seinem Regimente.

Aber als er am zweiten den Hafen Spezia hinter sich hatte und auf einer geraden und baumlosen Landstraße ausschritt, sah er in der Ferne einen Heerhaufen ihm entgegenmarschieren. Als sie näherrückten, erkannte er spanische Tracht, gleich auch schon das Fähnlein, das der Vorderste trug: es waren seine Leute.

Er wechselte Gruß und kurze Fragen. Aus der lombardischen Aktion war nichts geworden, sie zogen auf dem Landweg zurück nach Neapel. Verdrießlich war es, dies plan- und nutzlose Hin und Her. Er reihte sich ein und zog mit. Die Hintersten begannen ein frommes Marschlied zu Ehren der Jungfrau, aber bei der zweiten Strophe wußte keiner recht weiter, und sie verstummten. Es ging gegen Mittag, beizender Staub wirbelte auf. Cervantes hustete, er wechselte seinen Platz und reihte sich vorn ein. Nun marschierte er neben der Fahne.

Der sie trug, war ein großgewachsener, breiter Mensch, gut einen Kopf höher als Cervantes. 116 Wortlos schritt er neben dem her. Auf einmal fühlte er sich mächtig umschlungen und angehalten. Der ganze Zug kam ins Stocken.

»Wahrhaftig, er ists,« rief der Fahnenträger, und sein Baß bebte vor Wonne.

»Wer soll ich sein, bei allen Türkenschweinen!« rief Cervantes wütend und machte sich frei. Da erkannte er seinen Bruder Rodrigo. 117

 

El Sol

Nichts geschah in Neapel. Die Stadt war voll von lungernden Truppen. Gerüchte von bevorstehenden Kriegstaten kamen Tag um Tag auf und zergingen wie Seifenschaum. König Philipp hatte den Osten vergessen. Die ketzerischen Niederlande waren der Stachel in seinem Fleisch. Schon drohten Holland und Seeland kühn mit dem Abfall, im Angesicht der ganzen ungeheuren spanischen Monarchie.

In der wimmelnden Südstadt lebte Cervantes traurige Sommertage. Sein Geld ging zur Neige. Zwar wäre das kein Unglück gewesen, denn Bruder Rodrigo war ihm zur Seite, den frischen lombardischen Sold in der Tasche. Den kümmerte nichts. Er drang ihm auf, was er hatte. Vom ersten Tage an hing er mit einer kindlichen Abgötterei an dem Bruder, fand unvergleichlich, was er getan, und prophezeite ihm Großes. Miguel mußte oft lächeln, wenn er ihn ansah. »Ich bin eine Ausgabe von Dir in Duodez,« sagte er einmal ? ein buchhändlerischer Vergleich, den der ungelehrte Rodrigo wahrscheinlich garnicht verstand, der aber zutraf. Der Fähnrich sah seinem Bruder ähnlich, nur war alles an ihm, Gliedmaßen und Züge, vergrößert und vergröbert, die hochgespannten Brauen buschten sich waldig, und die Adlernase sprang vor wie ein Berg.

Nach einem Monat hatte Cervantes es satt. »Ich reise, Rodrigo,« sagte er unvermittelt. »Hoffentlich geht bald ein Schiff.«

Rodrigo war sofort einverstanden. »Wir 118 reisen,« sagte er, »ausgezeichnet, mein Miguel. Nur sag mir, wohin.«

»Nach Spanien. Nach Hause. Du auch?«

Es war eine Bankerott-Erklärung. Nach sechs Jahren Abwesenheit, fünf Jahren Kriegsdienst, kehrte er heim, zum Krüppel geschossen, ohne Rang, ohne einen Dukaten, darauf angewiesen, in den Vorzimmern der Madrider Kanzleien zu sitzen, seinen Armstumpf zu zeigen und sich irgendein Ämtchen zu erbetteln. Von der prinzlichen Empfehlung war nicht ferner die Rede. Wenn ihm der Hauptmann Urbina begegnete, wurde sein rotes Gesicht noch röter und blickte beschämt zur Seite.

Mit der Heimfahrt übrigens traf es sich günstig. Man schrieb Mitte September. Am zwanzigsten waren drei Galeeren fällig nach Spanien; selten wagte ein einzelnes Schiff die Reise durch die bedrohten Meere. Cervantes meldete seinen Abschied dem Hauptmann. Der war verlegener als jemals.

Vom frühen Morgen an hielten sich die Brüder am Molo, in dessen Nähe die Schiffe ankerten. Das kleinste von den dreien, das ihnen bestimmt war, hieß etwas prahlerisch »El Sol«. Ihr Gepäck war gering, Waffen und Ledersack, das war alles. Andere Reisende fanden sich ein, eine farbige Gesellschaft. Das Militär überwog, aber es waren auch Beamte des Vizekönigs darunter, die heimkehrten, Kaufleute, Priester, Frauen und Kinder. Ein aufgeregtes Schwatzen und Lachen erhob sich. Fliegende Händler, aufdringlich, boten ihre Waren an, im seltsamen Wahn solcher Leute, der 119 Reisende wolle sich durchaus mit unnützem Kram noch beschweren. Zwei Spielleute, Trommler und Pfeifer, musizierten betäubend. Einige Herren ließen sich auf offenem Landungsplatz noch rasieren.

Gleich hinter dem Molo lag das mächtige, alte, aragonesische Schloß. Dort wohnte der Vizekönig, und dort als sein Ehrengast logierte auch wieder Don Juan dAustria. Weit war Lepanto, weiter die Flottenparade, da Cervantes den Kaisersohn zum ersten Mal erblickt hatte in elegantester Pracht.

Rechts, jenseits des kleinen Bassins, wurde gemetzt und gehämmert. Es war das neue Kriegsarsenal, das da in die Höhe stieg. Cervantes ertappte sich darauf, daß er mit einer Art Neid zu den Maurern hinüberblickte. Die sahen etwas entstehen unter ihren Händen, die wurden gebraucht!

Der Kanonenschuß vom Inselkastell verkündete Mittag. Auf den Galeeren stiegen die Flaggen. Einer nach dem andern booteten die Passagiere sich ein. Eine klare Sonne strahlte hoch am Himmel, aber milder Dunst lag über der Bucht. Die Felsenwände des entfernten Sorrent lagen in blauen Schatten.

»Auf was warten wir noch, Bruder,« sagte Rodrigo und war aufgestanden. »Schiffen wir uns ein wie die Andern.«

Cervantes zögerte ohne Sinn vor dem endgültigen Schritt. War erst der italische Boden verlassen, schien ihm jede Hoffnung vorbei. Er wandte sich im Sitzen um und blickte zurück auf die hochgestaffelte Stadt. So verharrte er lang. Sie waren fast schon die Letzten.

120 Da sah er um die Ecke des Schlosses und über den Platz, der jetzt beinahe leer war, einen kriegerisch gekleideten Mann auf sie zueilen. Er legte die Hand über die Augen und erkannte den Hauptmann. Schon von Weitem rief er und schwenkte Papier in der Hand, der Helm saß ihm schief wie am Tag von Lepanto.

Die Trompeter auf den Galeeren bliesen das erste Zeichen. Der Ruderer winkte. Urbina, mit triumphierendem rotem Gesicht, war heran.

Da alles nichts gefruchtet hatte und die äußerste Stunde gekommen war, hatte er alle militärische Regel beiseite geworfen. Den Harnisch gescheuert, mit Schärpe und Ordenskreuz, begab er sich zu dem Schloß der Könige von Aragon. Aber hier verließ ihn der Mut. Fast zwei Stunden wanderte er auf und ab vor dem Triumphbogen, der nach der Landseite den Eingang bildete. Die ehernen Torflügel waren geschlossen, im linken stak eine Geschützkugel, und es quälte Urbina, daß er nicht wußte, wie die dahin gekommen war.

Als der Mittagsschuß hallte, war nicht mehr zu zaudern... Urbina fand den Feldherrn in seinem Salon, trübe beim späten Frühstück. Er kannte den Hauptmann. Er wußte, weshalb er kam. Es handelte sich um diesen gewissen Cerveedra oder wie er nun hieß, zum vierten Mal schon behelligte ihn die Quisquilie. Als ob es so angenehm gewesen wäre, dem königlichen Bruder im Escorial mit einer Bitte zu kommen!

Aus matten Augen, unter denen sich Säcke zu bilden begannen, blickte er auf zu dem Offizier. 121 Der legte seine Blätter auf den speisenbesetzten Tisch, zwischen die Teller. Der Einfachheit halber hatte er das Empfehlungsschreiben schon selber entworfen und zwar in doppelter Ausfertigung, einer ausführlichen und einer knappen. Die ließ er Don Juan zur Wahl. Untertänig, inständig jedoch erneuerte er seine Petition. Heute, gleich jetzt, segelte jener Tapfere, für den er bürge! Er fühle sich selber beeinträchtigt, von seinem Feldherrn an der Ehre verletzt, rief er zitternd vor Dringlichkeit, wenn sein Antrag wieder verworfen werde.

Keine Antwort kam. Apathisch kaute der Kaisersohn. Da tat der Hauptmann Urbina sein Äußerstes. Mit fliegenden Händen nestelte er sich sein Ritterkreuz von Santiago vom Hals und warf es scheppernd auf die Dokumente, zwischen Saures und Scharfes.

Der junge Herr sah auf und blickte in das ehrliche und erbitterte Gesicht. Dann winkte er seufzend dem servierenden Diener und unterschrieb mit dem dargereichten Kiel das nächste der Dokumente. Es war durch Zufall das kurze.

»Nun laßt mich essen,« sagte er matt, »und kommt mir nicht wieder!«

Aber als Urbina draußen war und glücklich wie ein Bräutigam die Treppe hinuntereilen wollte, stieg ihm entgegen mit militärischer Suite der Hausherr und Vizekönig, Grande von Spanien. Der Schwung des Erfolges riß den Hauptmann hin, alles dünkte ihn leicht. Er bog auf dem Podest sein Knie vor dem erstaunten Gouverneur, hob ihm das nicht unterzeichnete Blatt unter die 122 Augen und berichtete in fliegender Kürze seinen Fall.

»Gern,« sagte der Grande, »folgt mir nur bitte ins Zimmer.« Es mochte ihm schmeicheln, daß seine Fürsprache neben der des prinzlichen Großadmirals noch für nötig gehalten wurde.

Wenig erfuhr Cervantes von all dem. Schon blies die Trompete zum zweiten Mal. Er hielt die gefalteten Schriftstücke in der verbliebenen Hand, und die Tränen strömten ihm übers Gesicht. Rodrigo stand ehrerbietig daneben, beseligt auch er, aber garnicht erstaunt, es war ja nur selbstverständlich, daß für Miguel jedermann sein Bestes einsetzte. »Geleit Euch die Jungfrau!« sagte der Hauptmann. Und das war alles.

Zur guten Zeit hatte sich ein Südwind erhoben und trieb das kleine Geschwader den richtigen Weg, am Kap Misenum vorbei, durch die Straße von Procida. Bald aber war Meeresstille. Eng beieinander sich haltend schlichen die drei Schiffe die italische Küste entlang gegen Norden. Das offene Meer ohne Not zu überqueren, wäre tollkühn erschienen.

So war es eine langsame, aber eine heitere Fahrt. Jedermann freute sich auf die Heimkehr, an Bord der »Sonne« schien kein Unglücklicher zu sein. Auch die Ruderer waren hier freie Matrosen, sie sangen sich auf ihren Bänken den Takt.

Von allen der Glücklichste war der Fähnrich Cervantes. Er konnte sich nicht sattlesen an den Dokumenten, die seines Bruders Ehre und Zukunft bedeuteten. Er wußte sie auswendig, er 123 zitierte sie jedermann. »Ein Soldat, der bisher vernachlässigt war, der sich aber durch seine Tapferkeit, Einsicht und tadellose Aufführung die allgemeine Achtung erworben hat,« wiederholte vor Kaufleuten, Mönchen und Frauen sein entzückter Baß.

Der so Gekennzeichnete saß meistens still in der Nähe der Poppa und las. Nur als das Schiff an Toskana hinauffuhr, las er nicht, sondern blickte lange aufs Ufer. Wenige Meilen landeinwärts lag das ummauerte Städtchen des Kaisers mit den Bäumen am Wall.

Genua kam in Sicht, auf Tage dann der prangende Streif der ligurischen Küste, hinter dem unvermittelt und zackig die Seealpen aufsteigen.

Es war in der sechsten Nacht. Kein Lüftchen ging. Aber Morgen um Mittag mußte Marseille doch erreicht sein und wieder nach einem Tag spanisches Land.

In ihre Mäntel gewickelt lagen die Brüder nebeneinander auf Deck. Rodrigo schlief schon. Wie Cervantes sich auf die rechte Seite wandte, um auch den Schlummer zu suchen, knisterten auf seiner Brust die Briefe an König Philipp. Dies war der Wohlstand, war Geborgenheit der Seinen, war vielleicht der Ruhm. Offen standen die Pforten des Lebens.

Um Mittag aber erhob sich aus Südwesten der Sturm. 124

 

Die toten Könige

Trauerkondukte durchquerten Spanien, vom Norden zur Mitte, vom Westen zur Mitte, vom Süden zur Mitte. König Philipp erwartete sie.

Wie lange schon sehnt er sich, vereint mit dem Tode zu wohnen. Allzu langsam ersteht dieser Klosterpalast für die Abgeschiedenen seines Hauses. Finster und einsam ist der Ort, rauhes Felsengebirge umstarrt ihn, ohne Erbarmen wütet der Sturm. Seit zwölf Jahren wird hier gebaut. Seit zwölf Jahren überwacht König Philipp den Bau. Madrid sieht ihn selten. Er wartet.

In dem Weiler zuerst, der ganz nahe liegt. In einer der Hütten dort, eng beieinander, hausen die Mönche. Ein Gelaß haben sie zur Kapelle gemacht, auf die Kalkwand ein Kreuz aufgemalt, über den Altar eine Bettdecke gespannt, denn es regnet durch das schadhafte Dach. So schmal ist der Raum, daß bei der Messe der Ministrant mit den Füßen an den knienden König stößt.

Nicht besser wohnt er selbst, der erste Fürst dieser Erde. Das Pfarrhaus hat keine Fenster und keinen Kamin. Eine einzige Holzbank mit drei Beinen ist vorhanden als Sitz.

Nach acht Jahren ziehen die Mönche hinüber in das unfertige Schloß, König Philipp mit ihnen. Verderblich ist der feuchte Neubau für seinen gichtigen Leib. Die Granden, die um ihn sein müssen, sind völlig verzweifelt, die Mönche selber stöhnen geheim. Mönche lieben es, unter sich zu sein.

In ein paar dürftig möblierten Zimmern, nahe 125 der vorläufigen Kirche, ordnet er aus seinen Papieren die Geschäfte zweier Hemisphären. Ringsum Getriebe und Baulärm. Wüst liegt noch alles. Um die aufsteigenden Quadern, dicht, wuchert die Jara, ein struppiges, zähes, kaum zu rodendes Unkraut. Gestein liegt umher. Schwere Karren, mit zwanzig, mit vierzig Ochsen bespannt, schleifen es aus den Brüchen herbei. Das Kreischen der zweirädrigen Krane, das Pochen auf dem Gerüst, das Zischen der Sägen, das Hämmern der Schmiede, der Schlag der Steinmetzen, die Axt der Holzfäller im nahen Wald ? nichts stört den wartenden König.

Aber es dauert zu lang. Noch sind von dem ungeheuren Viereck nur die Flügel im Osten und Süden vollendet. Von der Grabkirche, die sich über den Toten wölben soll, ist wenig vorhanden. Da befiehlt er, alles zu lassen und in Eile die Gruft auszumauern. Übermächtig ist sein Verlangen. Er kann nicht mehr warten.

Viele Stunden sitzt er an seinem Tisch, studiert Karten und Meilentabellen und entwirft methodisch die Pläne zur Einholung. Weit verstreut wohnen die Toten seines Hauses. So und so viel Tage dürfen die Züge brauchen, da und da wird gewartet, dort übernachtet, an jenem Kreuzweg vereinigt sich Kondukt mit Kondukt, hier ist die Stelle, wo alle zu Einem verschmelzen, dies wird der Tag sein, an dem er selber ? endlich ? die Ankunft der Toten erlebt. Mit Sorgfalt wählt er die Großen aus, die bestimmt sind, sie zu geleiten. Herzog von Alcala, schreibt er auf, Herzog von Escalona, 126 Bischöfe von Salamanca, Jaen, Zamora. Sie müssen zahlen für die unermeßliche Ehre, auf Kosten des auserkorenen Führers geht jeder Zug. Mystische Sehnsucht und Ökonomie verbinden sich seltsam.

Er hat Ursache, zu rechnen. Spaniens Blut stockt. Inmitten der Weltherrschaft vertrocknet das Stammland. Für Gott geschieht es.

Der König fragt nicht, ob die Welt ihn versteht. Es gibt keine Welt außer Habsburg. Keinem fremden Souverän gesteht er den Majestätsnamen zu. Majestät hat nur sein eigenes Haus. Nur die Toten, die er erwartet, sind Majestäten.

Sie kommen aus Kathedralen und Klöstern, darin sie geschlafen haben, aus Andalusien, aus Estremadura, aus Altkastilien und aus Madrid. Kein ehedem Glücklicher ist darunter. Einem jenseitigen Auftrag, nicht irdischem Leben und irdischer Freude, gehört dieses Haus. Es kommt Johanna, Mutter des Kaisers, die Schwermut und Wahnsinn in sein Geschlecht trug, es kommt die Kaiserin, Philipps Mutter. Es kommen die Königinnen von Ungarn und Frankreich, des Kaisers Schwestern, die draußen bauten an seiner Herrschaft. Die jungen Königinnen kommen, Philipps Frauen, hingeopfert allzu früher Mutterschaft. Es kommen die Kinder des Hauses, unkräftig zu leben. Es kommt Don Carlos, das Halbtier, entsühnt durch das Sterben, willkommen jetzt seinem Vater, der ihm zu leben verbot. Es kommt aus dem Kloster Yuste Kaiser Karl selbst.

Lang sind die Fahrten, die Straßen sind schlecht. Der Wartende im Escorial kennt jeden 127 Meilenstein, an dem jeder Zug jede Stunde vorüberschleicht. Jeden Kondukt hat er selbst aufs Genaueste geordnet, hat die Zahl der Edelleute bestimmt, die voranreiten müssen, der Bettelmönche und der Kapläne. Auf den Mann genau, nach zeremoniöser Abstufung, ist den Leichen die Gardeeskorte zugemessen. Achtzehn Pagen hat jener Infant, vierundzwanzig hat jene Königin. Er hat berechnet, wieviel Ellen Flor die Pferde tragen. Auf dem Goldbrokat, der die Särge deckt, haben Kronreifen zu ruhen von unterschiedener Form, nach Rang und Gesetz.

Dürr, vom Sommer verbrannt, streckt sich das Hochland. Das Volk feiert und liegt an den Straßen im Staub. Alle Städte sind finster geputzt, das ärmste Dorf, ein Steinhaufen nur, zeigt die umflorte rotgelbe Flagge. In Kirchen, bei Sterbegesang und Gebet, wird übernachtet. Auf den Steinfliesen liegt die Begleitung im Mantel und findet nicht Schlaf.

Dann ist das Warten zu Ende. Die Botschaft ist da: sie sind vereinigt, sie kommen. Es ist ein dunkler und häßlicher Tag. Zerrissene Wolken ziehen niedrig über dem Escorial. Der König tritt aus dem unfertigen Portal der unfertigen Riesengruft.

Noch ist der weite Platz nicht gepflastert, der Boden zerrissen, die Jara nicht weggerodet. Ein ungeheurer Katafalk, ganz schwarzer Samt und goldner Brokat, ist errichtet. Drei Stufen führen hinauf. Eine lange Tafel erwartet die Särge. Goldumwundene Säulen tragen den Baldachin.

Der König tritt ganz allein vor das 128 Trauergerüst, in feierlichster Gala. Es sind Barett und großer Ornat vom Goldenen Vlies, die er trägt: der offene Talar, dessen Aufschläge in erhabener Stickerei oftmals das Lamm wiederholen. Er hält ein Kruzifix in den Händen. Sein Blick geht über die verbrannte Steppe, das traurige Herz seines Landes. Meilen um Meilen schweift er hin bis zu den fernen Bergen von Toledo. Als etwas unbestimmt Weißliches erschimmert in halber Weite seine Stadt Madrid.

Schon schallt Trauermusik und Gebet. Die Spitze nähert sich schon bergan. Nun zeigt sich die Adlerstandarte. Es ist Karls des Fünften Sarg, der als erster heraufschwankt.

König Philipp kniet nieder. Dies juwelenbesäte Kruzifix hat in Yuste sterbend der Kaiser gehalten. Mit ihm in den Händen will er selber einst sterben.

Er legt dem Vater Rechenschaft ab in dieser Stunde. Ach, die Hände, die sein Kreuz umspannen, sie können das Gottesreich der Erde nicht mehr zusammenfügen. Auf immer dahin sind die schönen glänzenden Zeiten, da Europa in gläubiger Gemeinschaft geeint war. Greuel läßt Gott geschehen, dunkel wird seine Welt. Auflehnung überall, Irrglaube und Wahn. England, Deutschland, der Norden, lang der Verdammnis verfallen, Habsburgs Niederlande in tiefem geistigen Aufruhr, Frankreichs König bereit, mit den Ketzern Frieden zu machen. Habsburgs Meer aber und der Süden und Osten ausgeliefert dem Heidenpropheten, vom Atlantik bis zum Heiligen Grab und vom Heiligen Grab bis vor Wien.

129 Doch er hat die Rechenschaft nicht zu scheuen. Er war immer bereit, Gott alles zu opfern. Der reinen Lehre zuliebe regiert er in Feindschaft mit allen Staaten, zücken seine Geschöpfe den Dolch nach dem Leben abtrünniger Fürsten, sind die besten Provinzen verwüstet, der Staatsschatz geleert, maurischer Kunstfleiß und jüdische Weisheit verbrannt und verjagt. Bald wird er allein sein mit den Toten seines Geschlechts, den Einzigen, mit denen er sich eins weiß, in der Glaubensburg, in die sie nun einziehen.

Aus dem unfertigen Innern beginnt die Orgel zu tönen. Salven herkommandierter Truppen hallen darein. Aus dem Tor, dem die Flügel noch fehlen, tritt mit dem Kreuze der Prior. Gesang von drinnen mischt sich mit dem Psalmodieren der Nahenden.

Nun sind die Könige angelangt auf dem weiten Plateau, vor ihrem Gruftschloß, das klaffend mit ungleichen Armen nach ihnen greift. König Philipp verharrt im tröpfelnden Regen und überwacht die Zeremonien, unter denen die Truhen von den Wagen geschafft und emporgetragen werden auf die Estrade. Orgelklang, Salven, Geläut und Gesang währen fort, die Bischöfe in Pallium und Inful segnen die Toten. Niedrig ziehen Weihrauchschwaden dahin in der Regenluft.

Nun ist es vollbracht. In langer Reihe, nach streng aufgezeichneter Ordnung, bedecken die Särge die gewaltige Tafel. Initial und Goldreif nennt jeden Schläfer. In der Mitte aber, majestätisch gesondert, wuchtet der Sarg, der die 130 geschlossene Krone trägt, die Kaiserfahne zu Häupten, das Bahrtuch über und über bestickt mit dem Adler der Weltmacht.

In einer schweren Trunkenheit steht der Erbe. Oh könnte der Augenblick währen! Es ist sein größter. Nie wieder, auch in ihrer Gruft nicht, wird er sie so umfangen können mit Einem Blick, die seines Blutes waren; seiner Sendung, seines Schicksals, seiner Gewißheit. Diese Totenparade ist endlich Erfüllung, Erfüllung für den verzückten Glauben, Erfüllung zugleich für sein tiefes krankes unersättliches Bedürfnis nach Ordnung. Ordnung gewährt nur der Tod.

Da aber, wie ein reißendes Urtier aus seiner Höhle, aufheulend, bricht mit Orkansgewalt der Sturm vom Gebirge.

Er ist die Geißel des finstern Orts, die Mönche fürchten ihn, als einen körperhaften Satan sehen sie ihn an, der sein einsames Reich verteidigt gegen die aufsteigende Zwingburg. So aber wie heute hat die Teufelskraft niemals gewütet.

In einem einzigen Augenblick sind Pracht und Ordnung zerstört. Die Kronen kollern, die Fahne knickt, die Bahrtücher wirbeln herab. Der gewaltige Baldachin bläht sich auf, wie ein Segel auf hohem Meer, und zerreißt, die goldenen Säulen krachen zusammen. Schon ist von dem prunkenden Katafalk nichts mehr da als ein nacktes Gerüst. Die Tücher klatschen und sausen, lebensgefährdend, niemand wagt sie zu fassen. Riesenfäuste zerreißen die Sinnbilder von Habsburgs Macht in der Luft. Fetzen mit Adlern und Kronen wirbeln 131 dahin über das steinige Feld, fort bis zum Wald. »Brokatblüten trägt unser Wald«, werden im Frühjahr die Holzfäller sagen, wenn sie Mittag machen unter den Steineichen.

Mitren der Bischöfe rollen im Schmutz. Der Ornat seines Ordens ist König Philipp von den Schultern gerissen. Im schwarzen Untergewand hält er sich mitten im Aufruhr, eine magere schwache Figur, vor den kahlen Särgen. 132

 

Dali-Mami

Von Spanien her kam der Sturm. Sie hatten Marseille hinter sich und auch schon die Rhonemündung. Auf einem Landvorsprung wurde ein Dörfchen sichtbar, dessen graue Kirche, zinnenbewehrt, mit einer Art Wachtturm, sich ausnahm wie eine Festung. Ein Bootsmann nannte den Namen: Les Saintes Maries.

Auf dieser Höhe fiel der Südwest sie an. Er kam mit Stößen von solcher Gewalt, daß in einem Augenblick das kleine Geschwader auseinandergetrieben war. Die »Sonne« fand sich allein. Ein kalter, schräger, peitschender Regen fegte das Deck. Alles polterte die schmale Treppe hinunter. Oben verharrten nur der Kapitän und zwei Maate. Die Ruderer zogen sich die Mäntel über den Kopf und legten sich geduckt mit aller Macht ins Zeug, denn das kleine Schiff wurde mit fast unwiderstehlicher Gewalt der Küste zugetrieben. Es wurde immer finsterer, nun blitzte es auch, und ein krachender Donnerschlag folgte.

Unbehagen herrschte im Bauch des Fahrzeugs. Man wurde hochgehoben und niedergeschleudert, dann lag man seitlich, daß alle aufeinander kollerten, die Frauen stöhnten, Kinder heulten erbärmlich. Die Luft wurde immer schlechter.

Ein wilder Stoß. Ein Zusammenprall. Nun war man auf einen Felsen gerannt! Es war das Ende. Doch ein zweiter Stoß folgte, furchtbarer noch und aus anderer Richtung... Ein paar Männer stürzten an Deck, mit ihnen Cervantes. Sie kamen nicht weit. Die Treppe war schon besetzt, 133 Pistolenmündungen starrten, es krachte ein Schuß, ein Spanier sank um, schlug nach hinten, die Anderen mit sich reißend, zurück in den untern Raum, den schon Jammern und Schreien erfüllte.

Widerstand war nicht möglich. Kaum einer hatte seine Waffen zur Hand. Wer sie hatte, konnte sie nicht gebrauchen im engen Raum. Cervantes gelang es, das Deck zu erreichen. Hier ward er Augenblicks niedergerissen, gebunden und wie ein Stück Vieh zur Seite geworfen. Unweit sah er den Kapitän der »Sonne« in seinem Blute liegen, auch ein paar von den Matrosen hingen tot überm Ruder. Der Sturm war gesunken, dünn fiel der Regen. Das Deck war angefüllt mit schwerbewaffneten Korsaren, die durcheinander brüllten.

Unter Deck Schüsse, Gepolter und Schreien. Dann tauchte aus der Treppenluke ein Passagier nach dem andern hervor, die Arme auf den Rücken gedreht. Seinen Bruder Rodrigo sah er nicht. Ein untersetzter Mensch, hinkend, in reicher Kleidung, die klatschnaß an ihm niederhing, eine Agraffe am Turban, schien das Kommando zu haben. Er führte eine sonderbare Keule in der Hand, eine Art von elastischem Totschläger, mit dem er seinen Befehlen freigebig Nachdruck verschaffte.

Cervantes richtete sich mühsam auf in seinen Stricken und spähte über den Schiffsrand. Die »Sol« war doppelt geentert worden: zwei Schiffe, durch Haken und Dreggen gehalten, lagen backbords und steuerbords an. Ein drittes Kaperschiff 134 hielt sich ganz in der Nähe. Sie mochten aus den Schlupfwinkeln des Rhône-Deltas hervorgebrochen sein.

Es hatte zu regnen aufgehört, die Sonne kam durch. Der hinkende Kommandant legte eine Hand über die Augen und spähte umher. In diesem Augenblick fiel ein Kanonenschuß. Eines der spanischen Schiffe, Cervantes wußte es, führte zwei kleine Geschütze. Der Hinkende schrie einen Befehl. Man begann die Gefangenen über die Laufbretter zu treiben, auf die Raubschiffe. Da dies nicht rasch genug ging, griff man zur kürzern Methode. Man packte die Gebundenen bei Schultern und Füßen, gab ihnen Schwung und schleuderte sie hinüber. Auch Cervantes flog so. Mit dem Hinterkopf schlug er krachend auf die Ruderbank nieder und lag in Betäubung.

Als er sich sammelte, war das Fahrzeug in ruhiger Bewegung. Er lag auf dem Vorderteil, um ihn, geschnürt und aufgereiht wie Pakete, die Schicksalsgefährten, viele blutbedeckt. Das Wetter war klar und schön. Der Hinkende stand beim Mast, seinen Totschläger unter den Arm geklemmt, hielt ein Schreibheft in Händen, und machte sich mit angeekelter Miene Notizen. Er hatte ein feistes, weißes, keineswegs orientalisches Gesicht, das ein herunterhängendes Augenlid bösartig entstellte.

Unmittelbar neben Cervantes, zur Rechten, lag ein Jesuitenpater, mit einer Schramme auf der Stirn, der mit feiner, gesammelter Miene still vor sich hinblickte; auf seiner andern Seite eine 135 elegante Dame in mittleren Jahren, Frau eines Madrider Hofbeamten. Ihre Frisur war aufgegangen, ihre Schminke über das nasse Antlitz fleckig verstrichen. Die ganze Situation, obwohl bekannt und gefürchtet, hatte etwas so unwahrscheinlich Verrücktes, daß Cervantes zu seinem eigenen höchsten Erstaunen einen Lachkitzel aufsteigen fühlte. Er konnte auch nicht widerstehen. Er bog sich in seinen Fesseln und lachte. Beide Nachbarn drehten ihm ungläubig ihre Gesichter zu.

Nachmittag und Abend gingen hin. Niemand sprach. Niemand brachte den Paketen etwas zu essen. Alle Segel waren gesetzt, unverhältnismäßig große Segel für ein so kleines Fahrzeug. Man fuhr ohne Licht. Das habe ich alles ganz richtig beschrieben in Lucca, dachte Cervantes. Die Galiote flog nur so über das offene Meer, Kurs nach Süden. In drei Tagen war man in Algier... Zur Rechten mußte die spanische Küste liegen. Da hatten ihn Zukunft und Ehre erwartet. Die Briefe raschelten an seiner Brust. Er zwang sich, mit einer äußersten Anstrengung, daran nicht weiter zu denken. Dann wieder wollte es ihn bekümmern, daß Rodrigo nicht sichtbar geworden war. Doch ein Gefühl von vollkommener Bestimmtheit beruhigte ihn. Eine kühle Sternennacht war da und die Zeit zu schlafen. Sacht zog er seinen linken Arm aus der Schlinge und vermochte nun, sich bequemer zu betten. Unter Umständen war es nützlich, nur eine Hand zu besitzen. Er schlief ein. Er schlief gar nicht schlecht.

Am Morgen wurde man mit Fußstößen 136 geweckt. Man wurde jetzt ausgeraubt, und zwar methodisch. Zwei von den Freibeutern tasteten jeden der Wehrlosen ab, zwei andere hielten einen großen Sack offen, in den ohne Unterschied alles hineingestopft wurde: Geld, Mützen, Schmuck, Schnallen, Tücher, Dosen, Gürtel und Handschuhe. Der lahme Schiffsherr überwachte den Vorgang und sorgte dafür, daß kein Taler und kein Armreif daneben ging.

Einer der Handlanger, in grünem Hemd und überhängender schwarzer Kappe, kniete über Cervantes. Der blies ihm ins Gesicht, um seinen stinkenden Atem abzuwehren. Schnell war hier das Geschäft besorgt. Mit verächtlicher Gebärde hielt der Korsar ein paar Geldstücke und die kostbaren Papiere in die Höhe. Cervantes biß sich auf die Zunge, als die Fürstenbriefe in dem Allerweltssack verschwanden. Aus guter Überlegung sprach er kein Wort.

Die Beamtenfrau neben ihm hatte man aufstehen lassen. Sie jammerte und wand sich, als ihr der Sucher schonungslos über den Körper griff. Ihr Klagen klang nicht vollkommen echt, sogar jetzt noch war sie geziert. Aber Cervantes ertrug plötzlich seine Ohnmacht nicht mehr. Absonderlicher Weise vergaß er für diese wildfremde Komödiantin Beherrschung und Vernunft und stellte mit seinen gebundenen Füßen dem Korsaren ein Bein, so daß der in burlesker Art neben der Dame platt zu Boden schlug. Wütend richtete er sich empor, um auf den Angreifer loszustürzen, aber der Hinkende, grinsend über das weiße 137 Gesicht, schrie ihn grob an und gebot ihm offenbar, sich lieber mit der Arbeit zu sputen. Im Weitergehen warf er einen Blick ausgesprochenen Wohlgefallens auf Cervantes zurück.

Einer von der Mannschaft kam und teilte Nahrung aus: grauen Zwieback, der aus Gerstmehl und Hafermehl zusammengerührt sein mochte, und dazu eine Handvoll schwarzer Oliven. Den Gefangenen wurden die Fesseln gelockert, einige standen schon auf und reckten sich, was hatte die schwerbewaffnete Mannschaft auch zu befürchten.

Cervantes, dem das leidige Mahl nicht übel schmeckte, sah die Beamtendame mit Ziererei in ihren Zwieback beißen. Er bemerkte aber auch, zu seinem Schrecken, daß sie aus ihrem verschmierten Gesicht heraus mit ihm zu kokettieren begann. Dazwischen seufzte sie jämmerlich. Er beschloß, sich von der Stelle zu rühren und nach Rodrigo zu suchen.

Schon von Weitem sah er ihn, mit noch gebundenen Füßen, wohlbehalten unter der Reifenbespannung der Poppa sitzen. Der gute Junge streckte die Arme nach ihm aus. Aber zwei Mann von der Deckwache trieben Cervantes drohend an seinen Ort zurück. Er vermied die unmittelbare Nähe der Dame und ließ sich zwischen dem Jesuiten und einem sardinischen Arkebusier an der Bordwand nieder.

Mit prächtigem Wind segelte man gerade an einer felsigen Insel vorüber. Im Hintergrund einer Bucht, auf kreidigem Gelände, erschien eine 138 hübsche Stadt, ganz maurisch schon anzuschauen.

»Ibiza,« bemerkte der Jesuit. »Von hier aus hätte man es nahe hinüber ins Vaterland.« Cervantes nickte. Er sah sich bei Valencia ans Land steigen, Spaniens Boden berühren und küssen. Die Tränen wollten ihm aufschwellen. Er ward ihrer Herr, und sie kamen nicht wieder.

Es lag nicht in seiner Gewohnheit, sich selbst zu beobachten. Doch soviel hatte er festgestellt, daß ihn geringes Ungemach leichter erschütterte als großes. Irgendein Ärger, eine nebensächliche Widerwärtigkeit oder Kränkung, ging ihm tagelang nach. Schlug aber das Schicksal zu, traf ihn ein Unglück, so bot er die Stirn, fand sich ab und blieb ruhig. Sein Leben würde nicht in algerischen Ketten enden, er schwur es sich zu, er wußte es.

Gelassen blieb auch der Jesuit. Er freilich hatte Grund, für ihn war es ein Zwischenfall. Undenkbar daß ihn sein Orden im Stich ließ. In vier Wochen war das Lösegeld da, die Taxen für Kleriker waren festgelegt, es war ein Tarif. Er plauderte. Beiläufig nannte er auch den Namen des Schiffsherrn. Der Hinkende war Dali-Mami, der Albanier. Sie waren einem der berühmtesten von der Gilde in die Hände gefallen, übrigens auch einem der grausamsten. Der Jesuit bat Cervantes, sein Augenmerk auf die Rudersklaven zu richten, arme Teufel ohne kommerziellen Tauschwert, die nun bis zum Tode hier saßen. Dem einen fehlten die Ohren, dem andern ein Auge, Spuren flüchtiger Unzufriedenheit von Seiten Dali-Mamis. Ob 139 der Bericht stimmte, wonach dieser Reis gelegentlich einem trägen Ruderer den Arm abzuhauen und mit dieser Peitsche auf die übrige Bemannung einzuprügeln pflegte, wollte der Jesuit nicht entscheiden. Möglich war es durchaus, es gab da kaum Grenzen. Und am Beklagenswertesten schien, daß dieser Dali-Mami und nahezu alle seine Kollegen als Christen geboren waren, in Griechenland, Dalmatien, Italien und sonstwo, und daß eben diese Renegaten sich weit entsetzlicher aufführten als Türken und Mauren. Unausdenkbar die Strafen, die diese abtrünnigen Henker im Jenseits erwarteten...

Hier trat ein Mann der Besatzung auf Cervantes zu und bedeutete ihm mit auffälliger Höflichkeit, aufzustehn und zu folgen. Er führte ihn bis zum Hauptmast. Auf einer Holzkiste fanden sich hier ein Glas Wein und ein großes Stück kaltes Rauchfleisch bereit gestellt. »Dies schickt Euch der Reis,« sagte der Matrose, »Fleisch und Wein, den Ihr ja trinken dürft, da Ihr ein Christ seid.« Er grinste. Es schien wenig wahrscheinlich, daß das Raubschiff eigens für gefangene Katholiken Wein mit sich führte. »Übrigens könnt Ihr frei umhergehen an Bord, läßt Euch der Reis sagen.«

Nachdenklich trank Cervantes den starken Rotwein, nahm ein paar Bissen und beschloß, die größere Hälfte Rodrigo zuzuwenden.

Der Fähnrich war vollkommen heiter. Dankbar aß er. Er schien auch nicht im geringsten erstaunt über die Auszeichnung, mit der Miguel behandelt wurde, vielmehr lächelte er 140 bedeutungsvoll und gewissermaßen stolz unter seinen waldigen Brauen hervor. Cervantes ahnte nichts Gutes.

»Willst Du mir erklären,« fragte er stirnrunzelnd, »was das alles bedeutet: Fleisch und Wein und Dein kluges Gesicht.«

Seine Ahnung bestätigte sich. Es war zum Verzweifeln. Beim Sortieren der Beute waren die Dokumente gefunden worden. Der Reis ließ den Namen Cervantes ausrufen und zwar zunächst an der Poppa, dort wo Rodrigo in seinen Fußfesseln saß. Der meldete sich. Nein, nicht er sei Don Miguel, sein Bruder befinde sich vorn auf dem Schiff. Ganz richtig: ein Krieger mit einer Hand. Und allerdings könne man leicht aus dem Schriftstück ersehen, was das für ein Mann sei, nicht für einen Beliebigen schreibe der Oberbefehlshaber aller Christen an den spanischen König. Sie sollten sich hüten, dem Don Miguel de Cervantes Saavedra ein Haar zu krümmen, er rate ihnen gut! Was denn der Rang dieses Miguel sei, wurde zurückgefragt, für den die Oberhäupter der Christenheit korrespondierten... Rodrigo tat höchst geheimnisvoll. Aus seinen Andeutungen war jedenfalls auf einen sehr hoch gestellten Edelmann zu schließen, auf einen Granden in auserlesener Funktion. Und das, meinte Rodrigo, konnte sicherlich nur nützen. Miguel werde doch wohl mit ihm zufrieden sein.

»Unglücksmensch!« rief Cervantes, bereute aber sofort, legte dem Bruder die Hand auf die Schulter und fügte hinzu: »Du meinst es gut.«

Der Hinkende war nicht auf Deck. Cervantes 141 suchte und ward zu ihm eingelassen. In einer winzigen Kabine saß er an einem Tischchen und schrieb.

»Ihr seid der Grande, ich weiß schon,« sagte er nicht ohne Wohlwollen, »Euer Fall wird sich ja in kurzem erledigen.«

»Ich bin kein Grande, von mir ist nichts zu holen.«

Dali-Mami ging hierauf garnicht ein. »Zweitausend Dukaten, das wird Euch recht sein? Es ist kein Preis für einen Mann wie Ihr.«

»Nein, wahrhaftig, das schaff ich bis morgen.«

»Bis nächsten Monat gewiß. Wollt Ihr gleich schreiben? Es wird sicher befördert.«

»Hört mich an, Kapitän,« wiederholte Cervantes, »Ihr irrt Euch. Ich bin kein Grande, ich bin nicht reich, ich habe keine Freunde, die ein Lösegeld zahlen können für mich. Ich bin ein völlig mittelloser Soldat, Gefreiter dem Rang nach.«

»Sehr glaubhaft! Für einen Gefreiten schreibt der Großadmiral an den König.«

»Ihr braucht ja den Brief nur zu lesen. Da findet Ihr alles bestätigt.«

»Wieso denn?« Dali-Mami nahm das neben ihm liegende Blatt zur Hand. »Hier steht eine dringliche, warme Empfehlung, nichts von Soldat, nichts von arm.«

»Das ist ein Blatt. Lest das ausführliche, das von dem Vizekönig.«

»Ah! der Vizekönig hat auch noch geschrieben. Und alles für einen Gefreiten. Ihr führt Eure Sache ja sehr geschickt.«

142 »Lest diesen zweiten Brief!«

»Ein zweiter ist garnicht da. Faule Ausflucht.«

»Laßt nach ihm suchen!«

»Der erste genügt mir.«

»Ihr seid ein Esel,« schrie Cervantes, »ein dickfelliger, blöder, bockiger Esel!« Es schien ihm viel wünschenswerter, jetzt auf der Stelle niedergehauen zu werden, als in korsarischer Sklaverei Jahre lang auf zweitausend Goldstücke zu warten, die niemals kommen konnten.

Der Reis war auch wirklich in die Höhe gefahren. Die Augen schmal vor Wut, den Mund wulstig vorgewölbt, packte er sein elastisches Eisen. Aber er setzte sich wieder zurecht und atmete nur einmal tief auf.

»Jetzt habt Ihr Euch vollends legitimiert,« sprach er befriedigt, »nur ein sehr großer Herr ist so frech.« Seine Stimme klang geradezu süßlich vor Selbstbeherrschung.

Cervantes verließ ihn. Oh Rodrigo, Rodrigo! Aber schon keimte eine dunkle Lust in seinem Herzen, an dem Schicksal, das so wild mit ihm spielte. Ja, er besaß die innere Freiheit, sich zu fragen, ob dies Schicksal ganz unverdient sei. Bezahlte er so vielleicht die grausame Art, mit der er im Scheiden von Lucca Güte und Liebe hinter sich gestoßen hatte, wie einer mit dem Fuß den Nachen hinter sich stößt, der ihn freundlich ans Ufer getragen hat? Verhielt es sich so, dann bezahlte er teuer. Weggerissen ins Weglose im Angesicht beinahe der Heimat, das endlich erlangte Unterpfand des Glücks sein Verderben, die Liebe 143 des Bruders Grab aller Hoffnung ? er schwamm auf dunklem Meer, kein Nachen bot sich mehr dar. Nun denn, er bestand es! Wer verlernt hat, den Tod zu fürchten, ist stark.

Am vierten Mittag lag vor den Raubschiffen unter strahlendem Himmel eine hochaufsteigende Pyramide weißer, verschachtelter Häuser, von einer Zitadelle als Spitze bekrönt: die Stadt Algier. Ehrenschüsse und Freudengeschrei empfingen die Landenden, die Ankunft von Beuteschiffen schien ein Volksfest. »Zum Badistan! zum Badistan!« brüllten und sangen halbnackte Kinder.

Der »Badistan« lag ganz nahe dem Meer bei der Großen Moschee, ein hübsches Plätzchen, mit Pfählen und Zahltischen als Sklavenmarkt zweckdienlich ausgestattet. Unter allgemeiner Begutachtung wurden die Männer entkleidet, ein Berg von Garderobestücken türmte sich auf. Alles ging wie am Schnürchen, es war ein gewohnter, gesetzlicher Vorgang. Die übliche Kleidung ward ausgeteilt. Cervantes, Grande von Spanien, Schützling der Krone, erhielt was alle erhielten: das grobe Hemd, die plumpe Hose, eine Art Kaftan, der bis zu den Knien ging, ein paar Schlappen und eine rote Mütze. Auch eine kleine Wolldecke warf man ihm hin. Damit war er ausgestattet.

Alsbald begann die Versteigerung. Türken, Juden und Mauren bewegten sich zwischen der Ware und befühlten Schulter und Bein.

Cervantes ward abseits gehalten. Er stand nicht feil. Einige Herren von der Polizei, in langem grünem Mantel und weißem Filzturban, die auf 144 eisenbeschlagenen Schlappschuhen dröhnend daherkamen, führten ihn ab, ihn und drei Schicksalsgenossen ins unferne Bagno.

Ein großer, gewölbter, halbdunkler Raum, darin es feucht und muffig roch, nahm ihn auf. Dann beluden ihn die Grüngekleideten sorgsam mit Eisen und Ketten. Er begriff, daß er auch diese Auszeichnung seinem Bruder Rodrigo verdankte. Sein Zustand konnte nicht unbehaglich genug sein. Umso eifriger würde er die Beschaffung der zweitausend Dukaten betreiben. 145

 

Die Stadt Algier

Das Seeräuber-Königreich Algier, kein leicht vergängliches Gebilde, da es dreihundert Jahre lang den Großmächten trotzte, hatte an Seltsamkeit in aller Geschichte nicht seinesgleichen. Es war Inbegriff wilder Phantastik und gleichzeitig florierendes Handelsgeschäft. Ein nüchternes Schauermärchen.

In dem weißen steinernen Dreieck, diesem eng verschachtelten, stinkenden Häusergewirr unter glühender Sonne, mochten fünfzigtausend Menschen zusammenhausen. Ihr Blut war von der verwegensten Mischung.

In diesem Lande schweifte seit sehr alter Zeit der Berber, der dunkle Numidier, dem nahe Verwandte am Nil und am Senegal wohnen. Früh stießen Phoenizier an seine Küsten, handelten, siedelten, bauten. Dann trat über Berber und Punier der verwaltende Römer. Die afrikanische Provinz ward Kornkammer, Obst- Wein- und Ölkammer seines Imperiums. Hier sprach man Latein. Hier sprach man Griechisch, als später der Caesar von Byzanz aus regierte. Aber der römische Name gab keinen Schutz mehr. Germanen gelangten heran, eroberten und zerhieben die Säulenstädte, wurden geschlagen, zerstreut, und gingen auf im Gemisch. Ostrom konnte noch siegen, zum Erhalten war es zu schwach. Beim ersten Einbruch arabischer Kräfte, bald nach dem Tod des Propheten, triumphierte der Islam. Er griff weit umher, griff nach Spanien hinüber, fand dort sein schönstes Reich und ward zur Kultur. Aber auf afrikanischer Erde mordeten sich seine Sekten. Noch war Roms Segen nicht völlig zerstört. Noch war das arabische Blut nur ein Tropfen im Mischkrug. Da brachen, im Morgen des neuen Jahrtausends, aus den Wüsten im Osten neue ungeheure Schwärme schweifender Krieger herein, zerstampfende, plündernde, würgende Wilde. Zehn Jahre lang währte das Blutfest. Dann war alle Gesittung getilgt, die Kornkammer leer, Nordafrika verödet auf immer. Der nationale Sieg war vollkommen, Arabisch herrschende Sprache, vom Berberischen dienend umflossen, von Lauten der Phoenizier, Römer, Hellenen nur dunkel noch unterspült.

Eine abenteuerlich gemengte Bevölkerung also, ein hungerndes Wüstengebiet, tausend Meilen felsiger Küste am Südmeer, die blühendsten Länder in Greifweite: die Geschichte der afrikanischen Raubstaaten konnte beginnen.

Es wäre Spaniens Sache gewesen, ihr früh ein Ende zu setzen. Man hatte die Mauren verjagt, war Herr im eigenen Hause, gebot über die indischen Schätze. Man griff auch an. Küstenstädte ergaben sich, man improvisierte Klöster, weihte Moscheen zu Kirchen um und ließ Garnisonen zurück. Aber damit war es genug. Afrika wurde vergessen. Die Truppen blieben ohne Proviant, ohne Munition. Einen nach dem andern verlor man die Häfen wieder, kaum hielt sich mühsam Oran.

Was Algier betrifft, so hatte man da ein Felsenriff befestigt, das dem Ufer auf Rufweite nahe lag. Auf diesem Peñon, dem »Dorn im Herzen 147 Algiers«, lag ein spanischer Edelmann mit einer Handvoll Soldaten und wartete auf sein Verderben.

Chaireddin-Barbarossa brachte es. Er nahm den Felsen, schlachtete die Besatzung, ließ den Edelmann totprügeln, zerstörte das Fort, baute einen Damm bis zum Festland und schuf so den sichern Hafen, Hauptbasis aller Korsaren fortan.

Dem türkischen Sultan in Konstantinopel bot er auf seiner flachen Hand Afrika als Geschenk. Er wurde sein Kapudan-Pascha und Beglerbey. Er gebot über ein türkisches Heer. Er selbst war christlichen Blutes, Renegat, europäischer Auswurf.

Das waren auch die »Könige«, die von nun an in Algier regierten. Das waren die Reïs der Korsaren, Räuberaristokratie dieser Stadt. Das waren die Janitscharen des Sultans, ihre Offiziere und Generäle. Das waren im Serail in Konstantinopel die obersten Hofbeamten, das waren die meisten Vizekönige, Vezire und Admirale im weiten türkischen Reich.

In allen unterworfenen Ländern nämlich ließ der Großherr alljährlich christliche Knaben ausheben. Man nahm sie im zartesten Alter. Man nahm nur die schönsten und stärksten. Schnell vergaßen sie Eltern und Heimat, kannten kein Vaterland mehr als Kaserne oder Serail. Keiner strebte zurück. Sie hingen begeistert dem stürmenden neuen Glauben an.

Freiwilliger Zuzug von Halbwüchsigen und von Männern wimmelte hinzu. Was immer entgleist war, enttäuscht oder abenteuergierig, 148 sammelte sich unter dem Halbmond. Man »wurde« Türke. Es war eine Karriere. Hier galt kein Vorurteil. Hier gab es keinen Geburtsadel, dessen Ansprüche der Tapferkeit, dem Talent des Niedrigerzeugten den Weg versperrten. Jeder Rang, jedes Glück stand einem jeden von ihnen offen. Auf diesen Renegaten ruhte das Reich. Als Moslem geboren zu sein, war kein Vorzug, eher raubte es die Anwartschaft auf das Beste.

Mächtig wirkte und band der wilde Zauber der kriegerischen Religion. Chaireddin-Barbarossa, den Sohn des griechischen Töpfers, suchte vergeblich Karl selbst zu verleiten, der große Kaiser, Herr der getauften Welt. Er bot ihm ein Bündnis an, spanische Truppen, die Souveränität, wenn er den Sultan verließe. Barbarossa blieb treu. Und als der Römische Kaiser nun mit sechshundert Schiffen vor Algier erschien, da widerstand ihm dies Raubnest. Er landete. Er ließ stürmen. Sein vorderster Ritter, Fahnenträger des Ordens von Malta, stieß seinen Dolch in das Osttor, das sich vor seinen Händen schloß. Es hatte sich auf Jahrhunderte geschlossen. Algier blieb uneinnehmbar.

Die vom Sultan eingesetzten Machthaber führten wechselnde Titel: Aga, Dey oder Pascha, das Volk nannte sie »Könige«. In Wirklichkeit waren diese Könige Pächter. Sie hatten das Piratengeschäft in Pacht, gestützt auf die Janitscharenregimenter. Kisten und Säcke voll Gold gingen mit Regelmäßigkeit nach dem Bosporus ab. Dem König gegenüber stand die Gilde der Reïs, der 149 Schiffseigentümer und Raubkapitäne, der eigentliche Nährstand von Algier.

Denn dieser ganze Staat war ein Handelsgeschäft mit Menschenleben und geraubten Gütern. Hätten die Piratenfahrten versagt, man wäre Hungers gestorben. Es wurde ja nichts produziert. Das Land ringsum lag verödet. Man war angewiesen auf »Einfuhr«.

Zwischen Krone und Gilde waren Pflicht und Recht pedantisch geregelt. Nach einem Schlüssel wurde die Beute geteilt. Kein Handelskontor in Antwerpen oder in Augsburg wies genauere Buchführung auf. Mit noch blutigen Händen diskutierte man Tarife und Taxen. Man plünderte Städte, raubte die Schiffe, stahl ohne Wahl, fing die Menschen zusammen wie Vieh; aber zwölf Prozent von dem allen, und nicht elf oder dreizehn, gehörten dem König. Zwölf Prozent auch natürlich vom Lösegeld.

Gefangene aus aller christlichen Welt füllten diesen seltsamsten Speicher als Ware. Sie zählten nach vielen Tausenden, vom Tage der Einfuhr an waren sie Objekte der Spekulation. Man ersteigerte auf dem Badistan einen kräftigen Mann für fünfzig Dukaten, in Erwartung eines Lösegelds von dreihundert. Aber bis dahin mußte das Kapital sich verzinsen. Der Mann wurde also vermietet, als Taglöhner oder als Lasttier, und der Käufer bezog dafür drei Dukaten im Monat. Andere behielt er selber im Hause, und dies galt als Glücksfall. Im täglichen Umgang läßt sich ein Menschengeschöpf nicht dauernd als Ware 150 betrachten, Beziehungen stellen sich her. Haben einmal die Kinder auf seinen Knien gesessen, so ist es schwer, es zu peitschen. Auserwählt aber erschien, wer in den Haushalt eines Juden geriet. Hier war Mißhandlung nicht denkbar, Strenge selten. Es gab Sklaven, die in jüdischen Häusern nach wenigen Wochen das Heft in der Hand hielten.

In den drei Bagni lebten die Sklaven, die dem König und die der Stadtverwaltung zugefallen waren. Ihr Los war beklagenswert. Höchst elend ernährt, wurden sie in Ketten zu schwerer Arbeit verwendet, an Bauten und Erdwerken, in Mühlen, im Hafendienst. Blieb das Lösegeld lange aus, so verfinsterte sich vollends ihr Los. Man ließ das wertlose Material auf den Ruderbänken verkommen. Ihre Daseinsgenossen aber im Bagno waren jene Gefangenen von Rang und Reichtum ? oder von eingebildetem Rang und eingebildetem Reichtum ? von denen man durch grausamen Druck rasch hohe Summen zu erpressen hoffte.

Frei gingen zwischen Ämtern und Sklaven die trinitarischen Mönche umher, die den Loskauf vermittelten. Die erlösenden »Almosen« zusammenzubringen, war von Alters her die Funktion ihres Ordens. Sie beförderten auch die Korrespondenz der Gefangenen, sie arbeiteten Hand in Hand mit ihren Familien; vor ihrer geschäftlichen Bedeutung machte der Fanatismus der Renegaten willig Halt. König und Kapitäne verkehrten mit diesen Mönchen wie die Chefs großer Firmen mit Handelsvertretern.

Die Räuberstadt war freilich ein Zentrum der 151 Religion. Man zählte mehr als hundert Moscheen auf ihrem winzigen Raum. Aber wo das Interesse sprach, schwieg allenthalben der Glaube. Man sah es höchst ungern, wenn ein Sklave übertrat. Man verhinderte das. Man wollte keineswegs um den Blutpreis geprellt sein.

Flucht aber war höchstes Verbrechen. Wie? die Ware wollte sich selbständig machen! Gewinngier und Grausamkeit ahndeten jeden Versuch mit gräßlichen Strafen. Abschreckung vor allem; da durfte am Material nicht gespart werden. Die Mauerhaken außerhalb der Tore waren stets reichlich mit Christenköpfen garniert. Die Geier in Algier hatten es gut, Jahrhunderte lang.

Das alles, wahrhaftig, war Staatsraison. Denn von diesen unseligen Menschen, die da hungrig und verprügelt, fast nie ohne hemmende Kette, den Zins ihres Kaufpreises abschufteten oder im Bagno verschimmelten, von dem, was man ihnen gestohlen hatte und noch stehlen würde, lebten Staat, Stadt, Religion und jeder einzelne Bewohner von Algier.

Lebte der König, Dey, Aga, Pascha, in seinem Schloß mit der Halbmondflagge und der großen goldenen Schiffslaterne auf dem Dach. Lebten die Kapitäne in den Häusern der Unterstadt oder in ihren Villen vorm Tor, deren nackte abweisende Mauern so kühle Brunnenhöfe umschlossen, so reizvolle Interieurs, schimmernd in buntem Marmor, Fayencen und Boiserien. Von ihnen lebten die Kadis und Muftis, die Muderres, Muekkits, Imans und Chatibs, die in den Moscheen, sechs 152 großen und hundert kleinen, Recht sprachen, Glaubensfragen entschieden, vorbeteten, vorsangen und den Kalender machten. Von ihnen lebten in ihren Klosterkasernen die Janitscharen, auserwählte Milizen, in ihren Küchenmützen und Weiberröcken halb albern, halb feierlich anzuschauen. Das hämmernde, schneidernde, färbende, sohlende, bratende, backende Gewerbevolk lebte von ihnen, das in der langen Suk-Straße nahe dem Hafen die offenen Buden besetzt hielt. Von ihnen die ganze ineinander verkrustete, lungernde Bastardbevölkerung in den unentwirrbar verschlungenen, schiefen und schlüpfrigen Treppengäßchen der im Dreieck steil aufschießenden Kasba. Die tausend hergeschwemmten Dirnen in leuchtenden Fetzen und blechern klirrendem Schmuckwerk, die in jedem Durchlaß und Torweg bereithockten, das Räubervolk auszuräubern; die Rudel geschmeidiger und parfümierter halbwüchsiger Jungen, die ihnen Konkurrenz machten und höher im Preise standen als sie. Und auch die zahlreichen Juden lebten von ihnen, die, aus Spanien verjagt und hier geduldet, in der Menge sich schwermütig abzeichneten, sie allein völlig schwarz gewandet im farbigen Trachtengeflirr.

Buntfleckig wie die Kleidung war auch die Sprache, die diese Gassen durchschallte, ein willkürlich kreischendes Stadtpatois, darin spanische, italienische, portugiesische Elemente mit Arabisch und Türkisch eine abenteuerliche Ehe eingingen. Griechische, gotische, phoenizische Erinnerung mischte sich in diese Lingua franca und häufiger 153 noch der Berberlaut ? der Laut von Jugurthas wilden numidischen Reitern.

Leicht und lustig lebte es sich in der Räuberstadt. Immer war Buntes zu sehen. Aufzug des Königs und seiner Trabanten, oder Janitscharenparade bei Trompeten- Pfeifen- und Klarinettengeschrill. Auspeitschung täglich vorm Schloß, sobald auf der Großen Moschee die weiße Fahne stieg und Mittag anzeigte, Hinrichtungen in kurzweiliger Variation vor Westtor und Osttor. Feste, die tobend gefeiert wurden, Hedschra-Gedenktag, Geburt des Propheten, großes Hammelfest, und die lustige Lichternacht, die den Fastenmonat beschließt. Nie war der Badistan leer, im Hafen immer Bewegung: Beuteschiffe schwammen an und Goldschiffe ab nach dem Bosporus. Mit heiterm Gewissen schlang man sein Rinds- und Hammelragout in Öl und mit scharfen Gewürzen, trank hinterher den starken, verbotenen Feigenschnaps und sah mit Gleichmut vor der Tür die gestriemten Bagnoleute im Abfall nach Brocken wühlen.

So beschaffen war die grausame, rechnerische und närrische Welt, in die Miguel Cervantes, ein gläubiger Mann von Mut, Phantasie und Erbarmen, sich als ein Opfer verschlagen fand. 154

 

Der Sklave Don Miguel

Es ist mit der Genialität eines Mannes bestellt wie mit der Frauenschönheit: das Wort vermag sie nur zu behaupten, nicht sie spürbar zu machen.

Ein Mann hat nichts als Unglück gehabt, an großen Unternehmungen hat er teilgenommen, aber er blieb im Dunkel. Er ist verstümmelt und bettelarm. Ein Tor scheint aufzugehen in hellere Zukunft, aber vor ihm schließen sich die eisernen Flügel. Der Mann ist ruhmlos, unbekannt, eine Null im Haufen, und sein Los scheint es, in Ketten zu verkommen. Aber unterdessen ist mit ihm selber etwas Großes und Rätselhaftes geschehen. Aus seiner Person bricht eine wärmende und erhellende Kraft, die jeden anrührt, der ihm nahe kommt, die Vertrauen und Neigung erweckt wie die Aprilsonne Blüten auf brauner Ödnis, eine Kraft, der selbst die schachernden Henker nicht widerstehen können. Und so, dank einer geheimnisvollen menschlichen Herrlichkeit, bleibt er bewahrt in langer Gefahr, um dereinst die Frucht seines Lebens hervorzubringen.

Sein Glück, wenn es Glück war, begann damit, daß man ihn nach wenigen Tagen aus dem feuchten Gewölbe hervornahm. Er fand sich in einem oberen Stockwerk des Bagno. Hier ließ sich atmen. Die eine Längsseite des Raumes war völlig offen, ohne Sims noch Geländer.

Wo eigentlich befand er sich denn? Ein dreistöckiger Schuppen das Ganze, als Viereck angeordnet um einen Hof, in dessen Mitte ein Brunnen sprudelte. Die Sonne stand hoch, der Hof war 155 leer, sein weißer Sand blendete die Augen. An den offenen Gelassen ringsum zeigte sich niemand. Kettenklingelnd wandte Cervantes sich um in das seine. Der Hintergrund war in Nischen abgeteilt, jede mit Mauerringen versehen und mit einer Streu. Es war wie ein Tierstall. Wenige Gestalten nur bewegten sich kauernd, es entstand ein Geräusch, wie wenn sich Pferde in ihren Geschirren rühren.

Bei Sonnenuntergang erst bevölkerte sich der Saal. Die auf Arbeit Geschickten wurden hereingetrieben. Graues Brot und eine dünne Suppe wurden verteilt. Dann verging eine Stunde mit dem Anketten für die Nacht. Die Wächter schienen Auftrag zu haben, gewissen Gefangenen durch komplizierte und schwere Bande den Schlaf zu verderben.

Cervantes saß in seinem Mauerwinkel, Arme und Beine schon vorgestreckt, seiner verdoppelten Nachtketten gewärtig. Aber die Grüngekleideten gingen vorüber. Süß war der Schlaf bei gestreckten Gliedern.

Er fuhr in die Höhe, weil ihm etwas Kaltes die Schläfe berührte, und sah vor sich in höchst elegantem Stadtburnus Dali-Mami, wie immer sein elastisches Eisen in der Hand. Es war völlig hell im Gefangenensaal.

»Gut geschlafen, Don Miguel, das freut mich. Obwohl nicht so gut wie in Euerm Himmelbett in Madrid. Schreit nicht! Ich weiß schon: Ihr habt kein Himmelbett, Ihr seid auch kein Grande. Aber wenn Ihr noch einmal Esel zu mir sagt, muß ich 156 Euch leider totschlagen, trotz des Verlusts. Ich ertrag das nur einmal.«

Er gab über die Schulter zurück seinen Trabanten einen Befehl. Einer verschwand und kehrte fast sogleich mit einer kurzen und leichten Fessel zurück, die zum Reif geschmiedet war.

»Das laßt Euch anlegen, Don Miguel, und tragt es am Fuß. Es ist nur eine Andeutung, wie Ihr seht. Alles andere fällt. Die Tage im Gewölbe unten haben Euch wohl belehrt, wie es sein kann hier bei uns! Wozu soll ein Herr wie Ihr mit zwei Zentnern Eisen am Leibe verhungern, wenn am Hofe in Madrid Ehren und Damen auf ihn warten! Schreibt also lieber fünf Briefe statt zwei; hat ein Freund die zweitausend nicht flüssig, so schickt sie der andre. Und nun behagt Euch in Algier!«

Dazu war beinahe Anlaß. Als ein Mann, dem wenigstens ein dürftiges Nachtlager und Essen gesichert ist, mochte er sich bei Tageslicht umhertreiben und umschauen, mit einem etwas plumpen Schmuckstück am Bein. Nicht der ihm zugeschriebene Rang allein verschaffte ihm soviel Freiheit. Es saßen genug Herren von Stand in den drei Bagni, denen Aufsicht und Ketten nicht einen Tag lang gelockert wurden. Eine Art grimmiger Sympathie Dali-Mamis war mit im Spiel. Cervantes zuckte die Achseln, wie ers bedachte, und machte sich auf, um in dieser wimmelnden Welt nach seinem Bruder zu suchen.

Am nächsten Tage schon fand er ihn, in einem Hause der Unterstadt, ganz nahe dem Bab-Azoun. 157 Hier in einem langen dunkeln Flur, der von der Straße zum Innenhof führte, erschien von ungefähr Rodrigos mächtige Silhouette, schwarz gegen die Helle. Er zersägte Holz und pfiff dazu.

Cervantes stand einen Augenblick still. Dann trat er unter das geschnitzte Schutzdach, das den Eingang überhing, und rief seinen Bruder an.

Der Fähnrich berichtete, guten Mutes. Er war auf dem Badistan von einem jüdischen Arzte erstanden worden, einem altern Herrn, seit langem hier ansässig, Witwer, dem vor kurzem sein Sklave gestorben war. »Sehr gutes Essen, mein Miguel. Und der jüdische Hund äußerst freundlich, eigentlich kaum ein Hund, man sagt ja nur so. Er spricht Spanisch mit mir, ich habe ihm schon von Dir erzählt.«

»Du solltest nicht immer allen Leuten von mir erzählen, Rodrigo! Es ist nicht ganz nützlich.«

In diesem Augenblick trat aus dem Innenhof Doctor Salomon Perez, im Käppchen, unter dem silbern die Schläfenlocken hervorkamen, und im langen, schwarzen, seidigen Kaftan.

»Ich bin gerufen,« sagte er in reinem Kastilianisch, »Ihr müßt mir den Arzneikasten nachtragen, Rodrigo!« Und er richtete seine gewölbten, stumpfbraunen Augen auf Miguel Cervantes.

»Ihr seid der Bruder meines Hausgenossen, es ist am Gesichtsschnitt wohl zu erkennen. Wie haben es Euer Gnaden in Algier getroffen?«

Eine höchst gemischte Empfindung, Mitleid, Heiterkeit, Rührung, Scham, streifte bei der 158 unterwürfigen Anrede an Cervantes Herz. Wie in einem Blitzschein tauchte für einen Augenblick aus der Nacht der Zeiten das niebedachte Schicksal dieser Geächteten. Was mußte mit den Vätern dieses gelehrten Mannes geschehen sein, daß er zu einem Sklaven so sprach!

Er tat schon den Mund auf zum gewohnten Protest. Aber eine sehr ungewohnte Regung von praktischer Klugheit mahnte ab.

War es denn vernünftig, seine Legende ganz und überall zu zerstören? Sie brachte Vorteile. Sie schenkte Bewegungsfreiheit. Sie gab Zeit, Pläne vorzubereiten, die sich dunkel schon regten. Was drängte er sich denn, im Stapel der billigsten Menschenware zu verschwinden!

Er sagte: »Ich danke Euch, mein Herr Doktor. Es geht mir leidlich. Und es erfreut mich, meinen Bruder im Hause des Gelehrten zu sehen. Wissen macht sanft.«

»Wenn es nicht hochmütig macht und unempfindlich,« sagte Salomon Perez und wiegte stark seinen Kopf.

Der Fähnrich hatte den umfangreichen Arzneikasten aus dem Hause geholt. Cervantes sah ihnen nach, wie sie beide davonwandelten, der zarte Greis im Seidenmantel voran, der Bruder mit der roten Sklavenkappe hinterdrein, den schwarzen Koffer am Riemen über der Schulter. Sie verschwanden nach links hinauf, der Stadtmauer entlang, in der Richtung der Kasba.

Eine Woche später war Cervantes die ganze verwinkelte Siedlung völlig vertraut. Auf vielen 159 Stufen hatte er schon gesessen, schauend und im Gespräch. Und ungesucht war ihm alsbald ein Erwerb zugefallen.

Wieviel Sklaven lebten in Algier? Fünfzehntausend? Zehntausend gewiß. Alle fühlten sie das Bedürfnis, mit der Heimat Bericht zu tauschen. Aber des Schreibens kundig waren nicht viele. Wohl gab es öffentliche Schreiber, aber sie beherrschten die Sprachen nicht, waren teuer zudem, und ihre Briefe gar zu trocken und kalt.

Unter den Hufeisenbögen oder im Mauerschatten saß Cervantes und schrieb für die Wortlosen. In seiner raschen Feder ward jede Nachricht, jede Klage beredt und zum Greifen real, angemessen alles der Person des Senders und dessen, der die Botschaft empfing. Immer ließ er sich erst die fernen Freunde beschreiben, stellte jeden vor sich hin mit zeugender Einbildungskraft und erkannte vielerlei Schicksal.

Alle vertrauten sie ihm, sie hingen sich an seine Fersen in allen Gassen. Und als er sich, nach Monatsfrist, einen Standort wählte, war er oftmals umlagert. Kleine Münze nahm er als Entgelt, und von denen nur, die sie ihm aufdrängten.

Der Platz befand sich außerhalb der Mauer, vor Bab-el-Wed. Verließ man die Stadt durch dies Tor, so lag zur Linken auf einer Anhöhe eine Art Klösterchen mit der Grabstätte eines Heiligen, die Zawia Sidi Abd-er-Rahman. Hier unter einer hohen, alten, einzelnstehenden Zypresse saß Miguel Cervantes und schrieb seine Briefe an andalusische Bauern, mallorkinische Fischer, italienische 160 Stadtbürger, an Protektoren, Kanzleien und Klöster.

Manchmal auch blieb er allein. Dann ruhte er, schaute und sann. Bab-el-Wed und die Stadtmauer waren durch Buschwerk völlig verborgen, und das, aus gewissen Gründen, war gut so. Über grünes Hügelland hinweg sah er das Meer. Dies Meer seines Lebens, über das er blindlings hin- und hergeschwemmt wurde. Dies Mittelländische Meer, Wiege der beiden großen Gedanken, von denen das Herz der Menschheit lebt: griechischer Freiheit und jüdischen Erbarmens. Dies Meer, heute von finsteren Mächten umlagert, die schreckensvoller wüteten als seine Stürme.

Zu Jahresanfang wurde es plötzlich kalt. Da verbrachte er einige Wochen »zu Hause« im Bagno, hielt sich in seinem Winkel oder saß vor den Stallnischen der Anderen. Eintönige Klagen empfing sein Ohr. Dann wieder erinnerte er sich des holden Zeitvertreibs seiner jungen Jahre, und er begann Verse zu schreiben. Es war nicht wie einst: kein Ehrgeiz, kein Preis beim Dichterturnier der winkte, kein Meister Hoyos, der den Schüler als einen künftigen Boscan oder Garcilaso lauteifernd rühmte. In Spanien, er wußte es wohl, war eine neue Literatur im kräftigen Emporblühen, unglaublich auch sollte der Zulauf sein, den neuerdings die Theatertruppen dort fanden. Aber er war abgeschnitten von alldem. Er wollte nur ein wenig vor sich hinsingen in seiner Gefangenschaft und sich erinnern. Der Gedanke gewann Gestalt in ihm, die Geschichte 161 seiner eigenen letzten Jahre in einen Zyklus zu bringen, dieser Jahre, die sich vor Fülle zu dehnen schienen wie ein Jahrhundert. Er begann, da die Reihenfolge ja gleichgültig erschien, mit einer trochäischen Elegie auf den Tod des sanften Aquaviva, die Verse flossen ihm gelind und ohne Mühe, dann überlas er sie und zerriß seine Blätter. Es war alles rhetorisch und leer, niemand, der dies las, konnte angerührt werden von dem milden Zauber des Knaben im Purpur. Aber vielleicht gelang das Heroische besser? Er entwarf eine Ode auf den Sieg von Lepanto. Die Jamben stürmten. Es klirrte und blitzte. Einen Tag lang gefiel es ihm. Jedoch in der Nacht erwachte er an seinen eigenen Versen:

Der Herr, der seine starke Hand läßt schauen
Und lohnt des Fürsten gläubiges Vertrauen,
Zu seines heiligen Namens Ruhm und Ehren
Will Philipps Spanien diesen Sieg gewähren ?

und er wußte auf einmal, daß sie einer Ode des Dichters Herrera fast Wort für Wort entlehnt waren. Sogleich im Morgengrauen revidierte er sein Werk, doch es geschah ohne Zutrauen. Alles erschien ihm ruhmredig und aufgeschwollen, ein fader Geschmack legte sich auf seine Zunge. »Was tut Ihr, Don Miguel,« fragte ein valenzianischer Priester, der unter den Gefangenen war, und blieb vor der Nische stehen, »schon am frühen Morgen schreibt Ihr und schreibt!« »Ich schreibe Verse, ehrwürdiger Vater. Es ist immer noch besser als Läuse suchen.« Aber selbst das war ihm zweifelhaft.

162 Als schon im Februar wieder eine milde, ganz frühlingshafte Sonne schien, bezog er aufs Neue seinen Platz bei Sidi Abd-er-Rahman. Selten aß er auch nur seine Suppe im Bagno. Er kostete nichts. Er blieb ungeschoren.

Dem Glauben an seine Abkunft und Stellung trat er nicht mehr entgegen. Er tat jetzt sogar Einiges dazu, ihn zu nähren und lebendig zu erhalten. Briefe, darin er mit Madrider Geschäftsfreunden die Art der Zahlung diskutierte, fingierte Antworten sogar, ließ er offen umherliegen. Einige Male verschwanden die Briefe. Dali-Mami, wenn er am Abend inspizierte, leckte sich die Lippen beim Anblick des saftigen Bissens. Daß zweitausend Dukaten, eine gewaltige Summe, nicht ohne Schwierigkeiten eintrafen, schien nur natürlich.

In Wirklichkeit, das versteht sich, hatte Cervantes nichts unternommen. Wer denn auch sollte ihn loskaufen! Eltern und Verwandte vielleicht, die in ihrer Dürftigkeit belassen zu müssen sein nagender Kummer war?

Aber sie bemühten sich längst. Rodrigo, obwohl es ihm strenge verwiesen worden, korrespondierte über den Freikauf. Es ging kein trinitarischer Mönch zurück übers Meer, der nicht mehrere seiner Briefe mit sich führte, orthographisch fragwürdige, aber eindringliche Schreiben. Er selbst sei leidlich zufrieden, hieß es da, aber das mit Miguel, das sei ein Unglück. Niemand in Spanien wisse, wie schrecklich das Bagno sei. So eilig wie möglich müsse der Bruder ausgelöst 163 werden, in aller Interesse. Und verführerisch ließ er immer wieder Miguels berühmte Zukunft erschimmern. Er bekam Phantasie. Er log sogar, was seiner schlichten Natur eigentlich wenig entsprach. Aus Miguels plumpem Fußschmuck wurden Eisenbarren und schwere Ketten.

Der taube Rechtskonsulent Cervantes und seine stille Frau, die Tochter im Kloster und die andere, die sich mit Männern umhertrieb, sie sahen den Sohn und Bruder in Banden schuften und schwitzen. Miguels eigene Briefe, die weit tröstlicher klangen, schrieben sie seinem Stolz und der Schonung zu. Sie verkauften, was immer entbehrlich war, sie suchten Geld zu entleihen, die Schwester Luisa bemühte sich um eine Beihilfe bei ihren Oberen, die Schwester Andrea kaufte sich weder Kleider noch Schmuck mehr von den Geschenken ihrer Liebhaber, sondern legte Real auf Real; sie petitionierten, sie saßen ganze Tage in den Vorzimmern der königlichen Ämter, sie lebten fast nur von Zwiebeln und Brot.

Aber die Summen, die aufgebracht werden konnten, waren erbärmlich. Sie wagten garnicht, sie Miguel zu nennen. Auch hatte Rodrigo dies aufs Strengste verboten.

Cervantes wußte von nichts. Es ging ihm nicht schlecht. Er hätte zufrieden sein können.

Er war es nicht. Seit kurzem nicht mehr. Mit jedem Tag nahm seine peinvolle Unruhe zu. Er litt. Er fühlte sich, als das Frühjahr heran war, von Gram, Zorn und Elend völlig zerrissen.

Einst vor Lepanto hatte ihn der bloße Bericht 164 von der kyprischen Greueltat aufs Fieberlager geworfen. Jetzt sah er Ähnliches täglich mit leiblichen Augen. Die Zeit war hart, er war ihr Kind und hart war er gegen sich selbst. Aber er war ein Mensch der Empfindung und Phantasie, qualvoll befähigt, fremde Qual mitzufühlen. Und was er sah, war zuviel.

Allenthalben war das Strafensystem von furchtbarer Strenge. Man verbrannte, räderte, schleifte zu Tod, ließ durch Pferde zerreißen, die Glieder einzeln zerbrechen. Für ein paar gestohlene Heller fiel eine Hand vom Block. In allen Christenstädten krochen die Krüppel der Justiz zu Hunderten herum.

Wie erst hier, in diesem Ausguß der alten Welt, worin ihr Menschenabhub trüb zusammenschäumte, und Habgier, Fanatismus und Grausamkeit sich mischten wie nirgends. Hinrichtung, Verstümmelung, Folter waren tägliche Kurzweil, das Wehgeheul der Gequälten so gewohnt wie Eselgeschrei und Geklingel der Wasserverkäufer, die Prügelstrafe, die fast immer zum Tode führte, eine regelmäßige Einrichtung wie der tägliche Markt. Kam man um Mittag vor der Djenina vorbei, darin der König wohnte, so sah man auf dem Platz die Delinquenten nackt ausgestreckt. Zwei Grüngekleidete hockten einem jeden auf Beinen und Hals, zwei andere prügelten mit schweren Stöcken in genauem Rhythmus auf ihn ein und riefen einander abwechselnd die Anzahl der Schläge zu: hundertfünfzig, zweihundertfünfzig, vierhundert. Dann wurde die blutende und 165 zertrümmerte Masse zur Seite geschleift. Um halb zwei sank auf der großen Moschee die weiße Flagge, dann war Pause für heute.

Seit kurzem regierte in Algier ein neuer König. Der Pascha Ramdan war abberufen worden, und seine Stelle nahm ein italienischer Renegat ein, der einmal Andreta geheißen hatte und sich jetzt Hassan-Veneziano nannte, gewiß einer der fürchterlichsten Menschen des Jahrhunderts. Durch ungeheure Zahlungen an die Würdenträger des Serails in Stambul und an die Frauen des Sultans hatte er seine Berufung durchgesetzt und machte sich nun daran, diese Bestechungsgelder samt Zinsen aus seinem Pachtkönigreich herauszuwirtschaften. Wehe dem Gefangenen, der jetzt noch die Flucht vorbereitete! Neue, langsame, durchdachte Marterung war eingeführt. Zum Abschreckungszweck trat der besondere Geschmack des neuen Machthabers. Hier regierte die kalte, lustvolle, methodische Grausamkeit in Person. Es gab sogar Mauren und Türken genug, die sich offen entsetzten. Das herkömmliche Hängen, Köpfen, Erwürgen, Verbrennen bereitete ihm wenig Genugtuung. Er bevorzugte erlesene Prozeduren, das Pfählen zum Beispiel, wobei dem Delinquenten ein spitzer Stock der Länge nach durch den Körper getrieben wurde und der König seinen Trabanten Wetten darüber anbot, an welcher Stelle des Kopfes die Eisenspitze zum Vorschein kommen werde, durch Auge, Mund oder Wange. Gelegenheit zu dergleichen Belustigungen war stets reichlich vorhanden. Er sah etwa einer 166 Sklavenkolonne bei irgendeiner Arbeit zu, erklärte sich unbefriedigt und befahl kurzerhand, sämtlichen Beteiligten die Ohren vom Kopfe zu schneiden. Befand er sich in humoristischer Laune, so ließ er ihnen die blutigen Muscheln auf die Stirne heften und ließ sie so, bei schrillender Janitscharenmusik, im Kreise um den Platz vor der Djenina traben.

Seine Härte machte übrigens nicht Halt bei den christlichen Sklaven. Er terrorisierte seine Miliz, brachte die Gilde der Reïs durch die bösartigsten Schikanen gegen sich auf, war verhaßt in ganz Nordafrika ?- und zugleich bewundert für seine wilde Tapferkeit, die so wenig Grenzen kannte wie seine Bestialität.

Er sah aus wie der Seeräuber des Märchens: hochgewachsen, hager und bleich, mit spärlich sprießendem rotem Bart und glänzenden rotunterlaufenen Augen. Die ihm nahe kamen, behaupteten, es gehe ein Blutgeruch von ihm aus.

Dies war der Mensch, dem der einhändige Sklave Miguel Cervantes Trotz bot, und den er, in gewisser Weise, bezwang.

Zunächst einmal freilich hatte ihn Hassan von seinem Platze bei der Zawia vertrieben. Die Schreibunkundigen fanden ihn nicht mehr. Zu fürchterlich belebt war jetzt der Hinrichtungsplatz vor Bab-el-Wed. Es nützte auch nichts, daß grünes Buschwerk Tor und Mauer verbarg. Immer war Geschrei der Opfer zu hören, man spürte den Dunst von verbranntem Fleisch oder den Verwesungsgeruch der Leichen, die man liegen 167 ließ, unter Verbot der Bestattung. Jedem zur Warnung sichtbar, verfaulten hier die, die kühn und verzweifelt genug gewesen waren, der Hölle zu entfliehen.

Aber dies blieb das Ziel des Cervantes. Das Grauen warf ihn nicht mehr danieder aufs Fieberlager, die Zeit war vorbei. Fliehen wollte auch er, möglichst viele Genossen mit sich in die Freiheit reißen, und draußen in der christlichen Welt zum Ansturm aufrufen gegen die Hölle. 168

 


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