Charakterbilder aus der Geschichte und Sage. Dritter Theil: Die neue Zeit

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I. Die Erfindungen.

 

1. Johann Gutenberg. Pflanz, »Kulturbilder«.

 

1.

Daß wir heutzutage für wenig Geld gute Bücher kaufen und lesen können, das verdanken wir, nächst Gott, der jeden heilsamen Gedanken in dem Geiste der Menschen erweckt, einem Deutschen, einem Mainzer, der Johannes Gutenberg, oder genauer Johannes Gensfleisch zum Gutenberg hieß und in dem Hofe »zum Gensfleisch« in Mainz im Jahr 1397 geboren wurde. Sein Vater hieß Frielo oder Friedrich Gensfleisch und seine Mutter Else oder Elisabeth zum Gutenberg. Da mit ihr die Familie zum Gutenberg ausstarb, so nahm ihr Mann ihren Geschlechtsnamen zu dem seinigen, wie das in jener Zeit häufig vorkam. Das Geschlecht der Gensfleische und Gutenberge war ein edles und angesehenes in der Stadt Mainz. Zwischen diesen reichen und edeln Familien und denen der Zünfte und übrigen Bürger bestand ein alter Haß, weil die edeln Geschlechter meist die Herrschaft besaßen und oft und vielfach die Bürger unterdrückt hatten. Da gabs denn immer Neid und Hader. So auch in Mainz im Jahr 1420. Der Aufruhr der Bürger nöthigte die edeln Familien, die auch Altbürger genannt wurden, aus der Stadt zu flüchten. Die Gensfleische flüchteten nach Straßburg, blieben aber dort wohnen, als der Friede hergestellt war und die Altbürger zurückkehren durften. Die Jugend des Johannes Gutenberg, so wie die Orte und Gelegenheiten, wo er seine vielfachen Kenntnisse sich erwarb, sind völlig unbekannt; das aber ist gewiß, daß er in den Jahren 1436 bis 1438 in Straßburg mit mehreren Männern in Verbindung trat, um Spiegel zu machen, Steine zu schleifen, aber auch vermittelst einer von ihm erfundenen Presse die ersten, unvollkommensten Versuche machte, Bücher zu drucken. War auch seine Familie früher reich und mächtig, so verursachte doch die Flucht aus Mainz große Verluste, und Gutenberg mußte, um sich zu ernähren, seine erlernten vielen Künste anwenden und Andere theilweise lehren und sich ihres Geldes bei seinen kostspieligen Arbeiten und Versuchen bedienen. In Straßburg hat er aber noch kein Buch gedruckt, das ist gewiß.

Man sollte denken, man wäre schon weit früher darauf gekommen, Bücher zu drucken, da man Heiligenbilder, mit Reimen und Sprüchen dabei, druckte. Das geschah aber so: In eine Tafel von Birnbaumholz wurde das Bild ausgeschnitten und die Sprüchlein auch, so daß das, was auf das Papier gedruckt werden sollte, hoch war, das Andere vertieft und weggeschnitten wurde. Dies Hohe wurde nun mit Schwärze oder Farbe bestrichen und vermittelst eines Reibers auf das Papier gedruckt.

Von dieser Art, ein Bild und dazu auch Worte zu vervielfältigen, zum Bücherdrucke war kein weiter Weg, und doch kam Niemand auf den Gedanken, als Gutenberg. Er schnitt nun zuerst Holztafeln voll Worte, die erhaben standen, und bestrich diese mit Schwärze; allein da mußte er eben so viel Tafeln schneiden, als er Blattseiten haben wollte, und mit dem Abdrucken durch den Reiber gings eben auch nicht; der Druck wurde nicht überall gleich. So kam er denn auf den Gedanken, eine Presse zu bauen, durch die man den gleichmäßigen Druck machen könnte. Da er selbst kein Geld hatte, so mußte er mit fremdem Geld arbeiten und das bereitete ihm Prozesse und Ungemach. Endlich ging ihm beim Nachsinnen über die Sache ein Licht auf. Er dachte: Wenn du die einzelnen Buchstaben aus der Holztafel herausschnittest, so könntest du sie zusammensetzen, wie du wolltest, und könntest daraus immer neue Worte bilden. Gedacht, gethan! Jetzt hatte er bewegliche Buchstaben und konnte weit mehr leisten, als früher; denn die in der Holztafel geschnittenen Worte blieben natürlich immer dieselben; nun aber, da sie beweglich waren, konnte er viel mehr ausrichten. Wir wollen uns das durch ein Beispiel klar machen. Hatte er die losen Buchstaben: A, B, E, N, D, so konnte er daraus bilden die Worte: Abend, Ab, End, Bad, Baden, Band, Den etc., wenn er nämlich die Buchstaben versetzte und anders zusammenfügte; hatte er sie aber in der Holztafel fest eingeschnitten, so konnte er damit nur das eine Wort Abend drucken. Da seht ihr, was das für ein großer Fortschritt war! Dennoch fand Gutenberg bald, daß sich die Holzbuchstaben leicht abnutzten, also unsauber druckten, nicht lange hielten und daß es doch eine entsetzliche Mühe und Zeitaufwand verursachte, so viele A B C aus Holz zu schneiden, als zu einem größern Buche, besonders aber zu einer Bibel nöthig waren. So sann er denn darauf, Buchstaben aus Metall, Blei, Zinn oder Kupfer zu machen. Ehe er jedoch dies ausführte, verließ er Straßburg und ging nach Mainz. Hier hatte er mit einem reichen Mainzer Bürger, Namens Fust, einen Vertrag geschlossen, in der Art, daß er eine Druckerei in Mainz anlegen, das Druckgeräthe vervollständigen wolle, wozu Fust das Geld vorschießen sollte. Der Gewinn sollte zwischen Beiden getheilt werden. Gutenberg sollte das Kapital mit sechs Prozent verzinsen, Fust dagegen jährlich einen Beitrag zu den Kosten liefern.

Hätte es der ehrliche Gutenberg mit einem ehrlichen Manne zu thun gehabt, so hätte aus dieser Verbindung endlich der Lohn für all sein Mühen, Denken und Ringen hervorgehen können; allein Fust war ein Pfiffikus, dem Geld und Geldgewinn über Alles ging, der in Gutenberg nur einen Mann erblickte, den er wohl gebrauchen könne.

Während Fust nur Geldgewinn suchte, strebte Gutenberg eine Kunst zu finden, die aller Welt die Thore des Erkennens öffnete. So kam er denn auch in Mainz auf den Gedanken, statt der hölzernen Buchstaben metallene zu gießen. Dabei war auch der neue Vortheil, daß diese Buchstaben regelmäßiger, gleich groß und doch viel kleiner und feiner gemacht werden konnten, als die hölzernen. Das war ein neuer und großer Fortschritt in der wunderbaren und herrlichen Kunst, die der Welt so unbegreiflich viel nützen sollte. Dies bewerkstelligte er so: Ueber sauber aus Messing geschnittene Buchstaben goß er Blei. Hierdurch erhielt er die vertieften Formen, in denen er nun zinnerne und erzene Buchstaben goß. Erwägt man, daß er so in einem Tage viel Hunderte von A B C gießen konnte, während auf die früheren Holzbuchstaben außerordentlich viele Zeit mußte verwendet werden, so ergiebt sich abermals ein bedeutender Fortschritt.

 

2.

Es ist ein herrliches Zeugniß für Gutenberg, daß er nun sogleich daran ging, eine Bibel zu drucken. Dem Worte Gottes sollte zuerst die neue Kunst dienstbar werden und hier zeigte sich ein frommes, dankbares Gemüth, das die von Gott geschenkte Einsicht auch sogleich zur Ehre Gottes anwenden wollte. Er begann den Druck im Jahre 1452 und im Jahr 1455 war er vollendet; aber dies Werk hatte ungeheure Kosten verursacht und die lange Zeit seiner Dauer legt auch dafür Zeugniß ab, wie unvollkommen noch die Einrichtung der Druckerei und wie wenig geübt die Drucker in der neuen Kunst waren.

Um diese Zeit war auch Peter Schöffer aus Gernsheim in die Verbindung mit Gutenberg und Fust getreten. Schöffer war ein sehr geschickter Mann, der besonders die Schönheit der Buchstaben hervorbrachte, weil er sehr schön schrieb, aber auch ein besseres Verfahren zur Herstellung noch dauerhafterer Buchstaben ersann. Fust erkannte die Brauchbarkeit Schöffers, und da er den falschen Gedanken schon mit sich herumtrug, sich von Gutenberg zu trennen und die Vortheile des Druckens allein für sich zu gewinnen, so suchte er den Schöffer sich recht anzuketten und gab ihm endlich sogar seine Tochter zum Weibe.

Jetzt, wo Gutenberg nach vielen Mühen und Opfern und nach langem Sinnen am Ziele war, jetzt sollte den wackern Mann der härteste Schlag treffen. Fust, ein habgieriger und falscher Mensch, verlangte plötzlich von Gutenberg sein ihm dargeliehenes Kapital sammt allen Zinsen, die er ihm doch mündlich erlassen hatte.

Gutenberg war ein gutmüthiger, stiller Mann, der sich nur mit seinen Wissenschaften abgab, in Welthändeln aber nur geringe Erfahrung hatte. Darauf baute auch der falsche Fust und hing dem armen Gutenberg, der nicht bezahlen konnte, einen Prozeß an, in dem er noch allerlei Schleichwege ging und Lügen vorbrachte. Durch seinen Reichthum und sein Ansehen drehte er die leider oft wächserne Nase des Rechts zu seinem Vortheil und gewann gegen alles Recht den Prozeß. Da der arme Gutenberg nicht bezahlen konnte, so sprach überdies das erkaufte Gericht dem Fust die ganze Druckerei als Eigenthum zum Ersatze seiner Forderungen zu.

Das geschah im November 1455. Denkt man sich in die Lage des armen Gutenberg, so blutet einem das Herz. Alle Frucht seiner Mühen, der Preis seines Lebens und Strebens war ihm auf eine nichtswürdige, schändliche Weise entrissen von dem Manne, den er arglos und voll Vertrauen in seine Kunst eingeweiht hatte. Es war im Anfang eines rauhen Winters. Ohne Brod, ohne Hülfsmittel und Geld, ohne Unterstützung und Recht, ? was sollte er in Mainz anfangen? Noch einige Zeit weilte er daselbst, niedergebeugt und gedrückt; dann nahm der Mann, dem die Welt die höhere Einsicht, die Mittel des Erkennens danken sollte, den Wanderstab und verließ seine Vaterstadt zum zweiten Mal, bettelarm und hülflos und, was noch mehr ist ? betrogen um seinen Glauben an die Ehrlichkeit der Menschen!

Und wohin wandert der treffliche und doch so arme Mann? Wieder nach Straßburg zieht er hin, wo er auch schon so bittere Erfahrungen gemacht hatte. Dort hoffte er eine Druckerei errichten zu können und wieder einen ehrlichen Lebensunterhalt sich zu gründen. Mit dieser Hoffnung, die den gebeugten Mann noch aufrecht hielt, kam er nach Straßburg. Er bot Alles auf, reiche, ihm bekannte Leute dazu zu bewegen, die nöthigen Geldmittel herbeizuschaffen, um den Plan, den er in der Seele trug, auszuführen; aber Alles blieb erfolglos und die Noth kam mit Macht über ihn, während Fust und Schöffer ernteten, was er gesäet hatte. Recht verrätherisch schlau hatten Beide die Erfindung Schöffers, schönere und dauerhaftere Buchstaben zu verfertigen, vor ihm geheim gehalten und übten sie jetzt aus, als sie ihn auf die Seite geschoben hatten. Sie druckten einen prächtigen Psalter, der noch heute ein Prachtstück der Buchdruckerkunst ist, und wurden steinreich, während der edle Gutenberg, der Erfinder der Kunst, dem sie Alles verdankten, darbte und kaum einen Ort hatte, wo er sein kummervolles Haupt niederlegen sollte.

 

3.

Als in Straßburg alle Hoffnung verschwand und der arme Mann am Rande der Verzweiflung stand, schien ihm noch einmal ein Glücksstern aufzugehen. Er kam in Verbindung mit dem Syndikus Dr. Conrad Humery in Mainz und dieser, ein reicher Mann, ließ sich bereit finden, die Geldmittel zu einer neuen Druckerei in Mainz vorzuschießen. Gutenberg kehrte in die Vaterstadt zurück, wo er das Härteste erfahren hatte, daß die Treulosen ihn um Alles betrogen hatten, und richtete die Druckerei wieder ein. Er mußte hier wieder von vorne anfangen, wo er schon einmal am glücklichen Ziele gewesen war. Er baute wieder von unten auf; er setzte wieder seine ganze Kraft daran, die neue Druckerei bestmöglichst einzurichten, um endlich den Lohn seines Fleißes und Denkens so weit zu ernten, als es Fust und Schöffer ihm zu erringen übrig ließen, und dennoch betrog ihn auch diese letzte Hoffnung.

Tief schmerzte es ihn, den Erfinder, der seine Kunst als Geheimniß bewahrt hatte, damit es ihm den Vortheil abwerfe, den er mit Fug und Recht in Anspruch nehmen konnte und dessen er doch auch in seiner bedrängten Lage so sehr bedurfte ? tief schmerzte es ihn, daß sein Geheimniß nun verrathen war; denn als er mit Fust und Schöffer in Streit gerieth und sich endlich von ihnen trennen mußte, da lag, während des Prozesses, das Geschäft stille. Die vielen Gehülfen, welche sie angenommen und die durch einen Eidschwur sich hatten verpflichten müssen, das Geheimniß ihrer Kunst nicht zu verrathen, waren nun ohne Verdienst. Sie wanderten aus und hielten sich, da das Geschäft aufgehört hatte, ihres Eides entbunden. Sie gründeten in andern Städten Druckereien; so in Straßburg, Frankfurt a. M., Bamberg, aus denen nun bald Druckschriften hervorgingen. Zu diesem Unglück für Gutenberg kam nun bald noch ein anderes, das in noch weit größerem Maße die Kunst, Bücher zu drucken, in der Welt verbreitete. Der Erzbischof und Kurfürst Diether von Mainz wurde vom Papste in Rom seiner Würde entsetzt und an seiner Stelle Adolph, Graf von Nassau, eingesetzt. Dies ließ sich Diether nicht gefallen. Er sammelte ein Heer und Adolph von Nassau that zu seinem Schutze Dasselbe. So entspann sich ein blutiger Krieg zwischen Beiden. Diether hatte die Bürger von Mainz zu seinen Anhängern und setzte sich in der Stadt Mainz fest. Adolph belagerte die Stadt und eroberte sie in einer nebligen Herbstnacht. Zwar vertheidigten sich die Bürger, aber sie mußten dem plötzlichen Ueberfall und der Uebermacht weichen. Adolphs Schaaren mordeten unbarmherzig, zündeten einen Theil der Stadt an und verführten ein greulich Wesen. In dieser schrecklichen Nacht traf denn auch den treulosen Fust die verdiente Strafe. Seine Druckerei mit allen Werkzeugen brannte nieder und es dauerte lange, ehe er wieder eine neue Druckerei eingerichtet hatte. Seine Gehülfen zogen fort und gründeten neuerdings an andern Orten Druckereien. Auch den armen Dulder Gutenberg traf das Unglück dieser sogenannten Mordnacht so schwer, daß er seine neuerrichtete Druckerei nicht mehr halten konnte. Er mußte sie wieder an Den als Eigenthum abtreten, der ihm das Geld vorgeschossen hatte, nämlich an den Dr. Humery in Mainz. Uebrigens schien es, als hätten sich wohlwollende Menschen seiner getreulich angenommen; denn eben dieser Dr. Humery, welchem nun die Druckerei eigenthümlich war, ließ ihm die Aufsicht über dieselbe, wie denn auch nahe Verwandte von ihm die Druckerei, welche nach Eltvil (am Rhein sagen gewöhnlich die Leute Elfeld) im Rheingau verlegt worden war, betrieben. In Eltvil nämlich wohnte damals der Kurfürst und Erzbischof Adolph, Graf von Nassau, der zu den Mainzern, die ihn verschmäht hatten, so wenig Liebe trug, als die Mainzer, unter denen seine Söldner dazumal, als sie die Stadt eroberten, greulich gemordet, zu ihm. Erzbischof Adolph nahm ihn auch unter seine Hofjunker auf. Das warf nun freilich keine fetten Bratwürste ab und einen Hofjunker oder Kammerherrn unserer Zeit käme ein Entsetzen an, wenn er nicht mehr Besoldung haben sollte, als der arme Gutenberg hatte; er bekam nämlich alle Jahre eine Hofkleidung, die Befreiung von allen Abgaben und das Recht, alle Jahre 20 Malter Korns und zwei Fuder Weins zollfrei in Mainz einzuführen. Dazu war er denn auch von allem Dienst bei Hofe entbunden. Das war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, und wenn nicht der Lohn, welchen er von der Druckerei empfing, größer war, so mochte der arme, um die Welt so hochverdiente Mann bei Zeiten dran denken, den Schmachtriemen eng zusammenzuziehen.

So viel ist gewiß, goldene Tage erlebte er nicht; wohlverdienten Lohn empfing er nicht; das Einzige, was ihm Freude im höheren Sinne bereiten konnte, war das, daß er der Welt die Pforte reicher Erkenntniß eröffnet hatte, und wir Alle, wenn wir uns am Worte Gottes in unsrer lieben Muttersprache oder sonst einem guten Buche erbauen, sollten den Mann segnen, der durch sein Nachdenken und seine Kunst das Mittel fand, uns dies Lesen möglich zu machen. Wahrhaftig, es thut einem leid, sagen zu müssen: er starb im Jahre 1469 arm und gebeugt durch das Mißgeschick, das ihn durchs ganze Leben begleitete. Verheirathet scheint er gewesen zu sein, aber Kinder hatte er nicht. In der alten Franziskanerkirche in Mainz wurde er begraben, wo ihm ein braver Anverwandter einen Denkstein setzte. Seines Stammes, nämlich der Gensfleische zum Gutenberg, war er der Letzte. Die undankbare Welt erkannte und dankte es lange Zeit dem großen Manne nicht, daß er ihr die Wege der Erkenntniß eröffnet hatte. Erst in unserer Zeit hat man es in Mainz erkannt, daß die Stadt es sich schuldig sei und ihrem größten Bürger, daß sie ihm ein Denkmal setze. Dies geschah denn mit großer Feierlichkeit am 14. August 1837, und wenn einer unserer Leser nach Mainz kommt, so versäume er ja nicht, das erzene Standbild Gutenbergs auf dem Platze nahe bei dem Dome, der auch Gutenbergsplatz heißt, zu besehen, aber auch dabei zu bedenken, daß dieser Mann ein Werkzeug Gottes war, dem menschlichen Geiste Bahnen des Erkennens und Wissens zu eröffnen, an die man vor ihm nicht dachte; daß wir Alle ihm zum dankbaren Andenken verpflichtet sind, weil all unser Wissen, vom ABC-Buch bis zur Bibel, durch seine Kunst und Gottes Rath uns zu Theil geworden ist.

Die Mönche nannten im Anfang die edle Buchdruckerkunst eine höllische Erfindung, da sie ihnen eine Nahrungsquelle, nämlich das Bücherabschreiben, raubte; aber sie mochten auch wohl ahnen, daß nun die Zeit des blinden Glaubens vorüber sei und daß auf einen Gutenberg ein Luther folgen würde.

 

2. Die Erfindung des Papiers.

Die älteste bekannte Art, das ägyptische Papier, ward aus der ägyptischen Papierstaude, Cyprius Papyrus, bereitet. Diese gehört zu den Gräsern, ihr Halm ist unten von Scheidenblättern umgeben, oben trägt er eine Blüthendolde. Sie wächst am Nil, auch auf Sicilien in stehenden Gewässern. Man löste vom Halme dieses Papierschilfes die Häute oder Fäserchen in feinen Schichten ab, breitete diese auf einer mit Nilwasser befeuchteten Tafel aus und bestrich sie mit heißem, klebrigem Nilwasser. Auf die erste Lage ward eine zweite gelegt, zusammengepreßt, an der Sonne getrocknet und mit einem Zahne geglättet. Die Römer bedienten sich lange dieses Papiers und von den Papyrusrollen ist bereits im zweiten Theile die Rede gewesen. Auch die Eingeborenen von Mexiko bereiteten vor der spanischen Eroberung ihr Papier auf ähnliche Art aus den Blättern der Agave (Aloe).

Die Israeliten zu Davids Zeiten hatten aufgerollte Bücher von Thierhäuten und auch die Ionier in Kleinasien schrieben auf ungegerbte Hammel- und Ziegenfelle, von denen blos die Haare abgeschabt waren. In der Folge wurden dieselben mit Kalk gebeizt und geglättet und von der Stadt Pergamus in Kleinasien, wo man diese Kunst vervollkommnete, Pergament genannt. Aber sowohl das ägyptische Papier, wie das Pergament blieben doch für den Gebrauch unbequem und dabei höchst kostbar. Dagegen hatten die Hindus bereits vor Christi Geburt die Kunst erfunden, aus roher Baumwolle, die sie zu einem Brei auflösten, eine Masse zu bereiten, auf der sich gut schreiben ließ. Von ihnen kam dieses sogenannte Baumwollenpapier in das mittlere Asien, in die Bucharei, wo man es besonders in der Stadt Samarkand verfertigte. Als die Araber auf ihren Eroberungszügen auch nach der Bucharei vordrangen, lernten sie den Gebrauch und die Zubereitung dieses Papieres kennen und legten in Mekka Fabriken an, und diese kamen im elften Jahrhundert durch die Araber auch nach Spanien. Hier, wo man bereits Wassermühlen hatte, entstanden auch die ersten Papiermühlen in Europa, die später nach Italien, Frankreich und Deutschland verpflanzt wurden. Das Baumwollenpapier hatte aber auch noch manche Mängel, da es weniger zusammenhält und leichter bricht, als das Leinenpapier. Man kam indessen bald auf den Gedanken, statt der rohen Baumwolle abgenutztes baumwollenes Zeug zu nehmen und dies auch in einen Brei aufzulösen, um es dann zu dünnen Blättern auszupressen. Der Versuch gelang und mit diesem ersten Schritte war der zweite vorbereitet, statt des baumwollenen Zeuges leinene Lumpen zu nehmen, die damals viel häufiger waren und meist unbenutzt weggeworfen wurden. Es war ein Deutscher, der diesen Gedanken ausführte; aber wir kennen weder seinen Namen, noch das Jahr der Erfindung. Vor 1300 kommt kein leinenes Papier vor; vom Jahre 1318 aber hat das Archiv des Hospitals Kaufbeuern Urkunden, die auf leinenes Papier geschrieben sind, aufzuzeigen, sowie auch im dortigen Stadtarchiv mehrere von 1326 und 1331 befindlich sind ? ein Beweis, daß man diese Papierart zuerst in Deutschland anfertigte; denn Spanien und Italien haben vor dem Jahre 1367 kein Leinenpapier in ihren Bibliotheken aufzuweisen. Aus China stammt diese Erfindung auch nicht, da die Chinesen noch gegenwärtig ihr Papier aus rohem Hanf, Bambus oder Maulbeerbaumrinde (Seidenpapier) bereiten.

Das Leinenpapier ist aber das festeste, brauchbarste und billigste, und ohne die Erfindung desselben würde die Buchdruckerkunst nur langsame Fortschritte gemacht haben.

 

3. Die Erfindung des Kompasses.

Die ganze Schifffahrt der alten Völker war fast nur Küstenschifffahrt; denn es fehlte ihnen ein sicherer Wegweiser durch die große Wasserwüste. Ihre einzigen Wegweiser waren die Sonne und die Sterne, aber diese wurden untreu, wenn Wolken und Finsterniß den Himmel bedeckten. Keinem fiel es ein, daß ein Stückchen schwarzes Eisen besser Bescheid am Himmel wissen könnte, als der Mensch selber, und daß man sich einem solchen Wegweiser auf den entferntesten Reisen in den unermeßlichen Ozean sicher anvertrauen könnte. Erst im Mittelalter, um das Jahr 1300, machte man diese Entdeckung, und ein Neapolitaner Flavio Gioja soll zuerst die Kräfte der Magnetnadel gefunden haben. Das ist eine stählerne Nadel, die mit einem Magnet bestrichen worden ist und frei auf einem Unterstützungspunkte sich dreht. Diese zeigt mit der einen Spitze auf der nördlichen Halbkugel jederzeit nach Norden, und in der südlichen Erdhälfte nach Süden. Thut man sie in ein Kästchen, in welchem eine Windrose verzeichnet ist, so weiß man jederzeit, nach welcher Richtung man fährt, bei Tag und bei Nacht, bei heiterem und bedecktem Himmel. Ein so eingerichtetes Kästchen nennt man einen Kompaß. Sobald der Kompaß erfunden war, blieb der große Ozean nicht mehr eine verschlossene Welt; die Europäer fanden den Seeweg nach Ostindien, segelten quer über den atlantischen Ozean auf die westliche Halbkugel und fanden einen ganz neuen Erdtheil.

 

4. Erfindung des Schießpulvers.

Wie der Kompaß in die Getriebe des Handels, so griff die Erfindung des Schießpulvers in das Kriegswesen ein, und bewirkte eine große Veränderung der Stände und Kräfte des Volks. Die Chinesen geben sie für eine alte Erfindung ihres Volkes aus und wollen das Pulver schon vor 1600 Jahren gekannt haben. Von ihnen, meint man, sei es zu den Arabern gekommen, die sonst nach Indien handelten, und durch die Araber nach Europa. Die frühesten Spuren vom Gebrauch des Pulvers finden sich in Spanien, das die Araber 711 eroberten. Im zwölften Jahrhundert brauchte man Feuer und eine Art Pulver zur Sprengung des Gesteins im Rammelsberge bei Goslar. Dieser Gebrauch gab Gelegenheit, daß ein Sohn Heinrichs des Löwen im Jahre 1200 auf gleiche Weise die Mauern eines Schlosses sprengte. Aber der Gebrauch für den Krieg ist jünger; es verfloß noch eine geraume Zeit, bis man auf den Gedanken kam, das Schießpulver in Mörser einzuschließen und durch seine Entzündung Kugeln fortzutreiben.

Gewöhnlich bezeichnet man einen Franziskaner-Mönch zu Freiburg in Baden, Namens Berthold Schwarz, als den Erfinder des Schießpulvers. Er lebte ums Jahr 1350, war ein Freund der Chemie und beschäftigte sich gern mit Auflösung der Metalle, vielleicht um das Goldmachen zu lernen. Einst stampfte er zufällig Salpeter, Schwefel und Kohlen in einem Mörser, legte einen Stein darauf, und indem er in der Nähe des Mörsers Feuer anschlug, fiel ein Funken hinein. Die Materie entzündete sich und warf den Stein, welcher darüber lag, mit Heftigkeit in die Höhe. Erschrocken stand der Scheidekünstler da und staunte über das wunderbare Ereigniß. Er wiederholte seine Versuche und immer zeigte sich derselbe Erfolg. Jetzt machte er seine Erfindung weiter bekannt und zeigte, welchen Nutzen man aus derselben im Kriege zur Zerstörung der Mauern, Brücken und anderer Festungswerke ziehen könnte. Es wurden deshalb mörserähnliche Röhren gemacht, die man auch Mörser nannte. In die Mündung schüttete man jene Pulvermischung und schob dann Steine hinterdrein; hinten aber an dem geschlossenen Ende der Mörserröhre war ein kleines Loch gebohrt, um durch die Oeffnung das Pulver anzuzünden. Noch jetzt schießt man aus den weiten Mörsern die schweren Bomben. Dann verlängerte man aber die Mörser zu Kanonen (Röhren), und in diese Donnerbüchsen, wie sie genannt wurden, lud man auch erst Steine, dann Kugeln von bedeutender Schwere. Im Jahre 1378 wurden zu Augsburg drei Kanonen gegossen, von denen die größte Kugeln von 127 Pfund, die mittlere von 70 Pfund, die kleinste von 50 Pfund tausend Schritt weit schoß. Aber diese großen Maschinen waren schwer von der Stelle zu bringen, darum machte man sie immer kleiner, so daß man sich ihrer auch auf freiem Felde und zur Vertheidigung fester Plätze bedienen konnte. Später goß man sogar Kanonen von so dünnen Röhren, daß ein einzelner Mann sie bequem trug und nach Willkür regierte. Diese tragbaren Feuergewehre wurden, wie die Mörser und Kanonen, am Zündloche mit einer Lunte angezündet. Das älteste Zeugniß über den Gebrauch dieser Handbüchsen ist vom Jahr 1387, in welchem die Stadt Augsburg ihren Bundesgenossen dreißig Büchsenschützen stellte; denn in Augsburg und Nürnberg verfertigte man lange Zeit die besten Büchsen und Kanonen, und dort wurden sie auch mit der Zeit immer mehr vervollkommnet. So fand man es sehr unbequem, die Handbüchsen wie Kanonen durch Lunten abbrennen zu müssen, und erdachte sich nun den Hahn, indem man ein Stück Kiesel einschraubte und dabei ein stählernes Rad anbrachte, welches umlief und Feuer aus dem Kiesel schlug. Diese Erfindung ward 1517 in Nürnberg gemacht, und daher das deutsche Feuerschloß genannt. Da aber das Rad schwer aufzuziehen war, erfanden die Franzosen das noch jetzt übliche Flintenschloß. Weil der dazu gebrauchte Feuerstein auf slavisch »Flins«, im Englischen »Flint« hieß, so bekam das ganze Gewehr hiervon den Namen »Flinte.« Um diese neue Waffe zugleich als Lanze gebrauchen zu können, wurde an der Mündung derselben ein Seitengewehr angeschraubt, das von der Stadt Bayonne in Frankreich, wo diese neue Erfindung zuerst aufkam, den Namen Bajonnet erhielt. Jetzt bedient man sich nicht einmal mehr des Feuersteines, sondern erhält den Funken leichter und sicherer durch ein aufgesetztes Zündhütchen.

Anfangs wurden die neuen Kriegsmaschinen wenig im Felde gebraucht, denn sie galten für heimtückische Waffen, die sich für einen ehrlichen Kriegsmann nicht schickten. Besonders eiferten die Ritter gegen die »höllische Erfindung«, wie sie dieselben nannten. Denn was half ihnen nun all ihre Kraft und Gewandtheit, was die trefflichen Waffen und Rüstungen, da ein Fingerdruck des Feigsten aus weiter Ferne sie niederstrecken konnte! Als gemeine Fußknechte mit Musketen und Kanonen sich ihnen entgegenstellten, legten sie die Lanze und das Schwert nieder. Von nun an verrichteten Söldlinge (weil sie um Sold dienten, Soldaten genannt) den Waffendienst; es bildeten sich stehende Heere, zunächst in Frankreich, wo stehende Kompagnien, gens darmes, den Anfang machten, welche die Macht der Fürsten sehr verstärkten. Auch wurden nun die Schlachten mit weniger Erbitterung ausgekämpft, da jetzt nicht die Stärke der einzelnen Streiter, sondern die Gewandtheit des Anführers und die Schnelligkeit in den Bewegungen der Massen den Ausschlag gab. Der Krieg wurde zur Kunst, die Kriegsführung zu einer Wissenschaft.

 

5. Die Erfindung der Uhren.

Auch diese auf das Leben wie auf die Wissenschaft höchst einflußreiche Erfindung fällt in das Mittelalter und erhielt erst in der neueren Zeit ihre hohe Vollendung. Man lernte bald an dem Stande der Sonne unterscheiden, ob der Tag wenig oder viel vorgerückt sei, und nach dem verschiedenen Schatten, den die Sonne nach ihrem Stande auf der Erde hervorbringt, lernte man auch früh Sonnenuhren anfertigen. Aber diese waren eben nur im Sonnenschein brauchbar, für die Nacht hatte man gar keinen Maßstab. Um die Zeit in jedem Augenblicke bestimmen und unterscheiden zu können, dazu gehörte eine Maschine, die in gleichmäßig fortgehender Bewegung blieb, und bei dieser Bewegung irgend ein sichtbares oder hörbares Zeichen gab, wie viel Zeittheile verflossen seien. So kamen alte Völker, wie z. B. die Chinesen, sehr früh auf Wasseruhren. Die Chinesen bedienten sich dazu eines runden Gefäßes, das unten ein kleines rundes Loch hatte, und leer in ein anderes mit Wasser gefülltes Gefäß gesetzt wurde. Wie nun das Wasser aus dem unteren Gefäße in das obere eindrang, sank letzteres nach und nach, und zeigte dadurch die Theile der verflossenen Zeit an. Im westlichen Asien sollen die Babylonier Erfinder der Wasseruhren gewesen sein; von ihnen kamen sie nach Kleinasien zu den Griechen, im Zeitalter des großen persischen Eroberers Cyrus. Die Römer aber erhielten die erste Wasseruhr erst im Jahre 160 v. Chr.; Julius Cäsar brachte bereits aus Britannien eine Wasseruhr mit nach Rom. Im Jahre 390 schickte Theodorich, König der Ostgothen, dem burgundischen König Gundobald eine Wasseruhr zum Geschenk, welche die Bewegungen der Sonne und des Mondes mit anzeigte. Da mußten also in dem Wassergefäß Räder angebracht sein, die von dem herabtröpfelnden Wasser in Bewegung gesetzt wurden. Von ähnlicher Art war auch die Uhr, welche der arabische Kalif Harun al Raschid 809 Karl dem Großen zum Geschenk machte. Diese Uhr war aus Metall gearbeitet, mit einem Stundenzeiger versehen und so eingerichtet, daß am Ende jeder Stunde so viel metallene Kügelchen auf ein darunter gestelltes Becken fielen, als Zeit verflossen war. Zugleich traten mit den niederfallenden Kügelchen aus Thüren Reiter hervor, welche mit der letzten Stunde des Tages wieder zurückgingen und die Thüren schlossen. Die durch das Wasser in Bewegung gesetzten Räder öffneten die Thüren, aus welchen Kugeln und Reiter hervorkamen.

Da aber das Wasser noch viel Unbequemes hatte, weil es im Sommer durch die Wärme ausgedehnt und verdünnt wird, auch verdampft, im Winter aber leicht gefriert: so wählte man schon in frühen Zeiten statt des Wassers den Sand, der ja, wenn er recht trocken ist, auch leicht durch die Oeffnung des Gefäßes hindurchrieselt. Man that den Sand in zwei mit einander verbundene Spitzgläser, und war er aus dem oberen Glase abgelaufen, so kehrte man die ganze Sanduhr um. Das waren aber bloße Stundengläser (deren manche noch auf den Kanzeln in unsern Kirchen gefunden werden), die sehr unvollkommen die Zeit bezeichneten. So wurde denn der menschliche Geist auf Räderuhren hingewiesen, die weder des Sandes, noch des Wassers, noch des Schattens der Sonne bedurften, und deren Räder durch eine Kraft in Bewegung gesetzt wurden, die fort und fort gleich stark wirkte, ohne abzunehmen.

Diese Kraft fand man anfangs in Gewichten, die man an die Uhr hängte, und welche das Getriebe der Räder in Bewegung setzten. Man kannte diese Gewichtuhren schon vor dem Jahre 1000, aber ihr Erfinder ist unbekannt geblieben. Eine der ersten solcher Uhren, von der wir Nachricht haben, hat ums Jahr 996 ein französischer Mönch Gerbert in Magdeburg verfertigt, derselbe, welcher unter dem Namen Sylvester II. Papst wurde. Doch zeigte diese Uhr blos die Stunden, ohne zu schlagen, und erst drei Jahrhunderte später finden wir bestimmte Nachrichten von Schlaguhren. Im Jahre 1344 ward zu Padua die erste Thurmuhr verfertigt, welche Stunden schlug, und im Jahre 1370 ließ der französische König Karl V. den berühmten Uhrmacher Heinrich von Wick aus Deutschland kommen, der die erste große Uhr in Paris machte und sie auf den Thurm des königlichen Palastes setzte. In Deutschland scheint Augsburg die erste Stadt gewesen zu sein, welche eine Schlaguhr hatte; man findet dort eine schon 1364.

Doch waren alle diese Uhren noch unvollkommen, denn es fehlte ihnen das Pendel oder das Perpendikel, wodurch der Fortgang im Abrollen der Gewichte erst gleichmäßig wird. Diese äußerst wichtige Erfindung verdanken wir dem berühmten Florentiner Physiker Galilei (1564-1642), der an einem hin- und her schwankenden Kronleuchter in der Kirche die ganze Lehre vom Pendel entdeckte, daß nämlich alle Schwingungen des Pendels gleich lange Zeit dauern, daß es bloß von der Länge des Pendels abhänge, ob es sich langsamer oder schneller schwinge etc. Dieses Pendel verband man nun so mit den Uhren, daß eine kleine Erschütterung (die sogenannte Unruhe) es unaufhörlich in Bewegung erhält.

Nun wurde aber noch ein großer Fortschritt gemacht zu den höchst künstlichen Taschenuhren, die Jeder bequem mit sich tragen konnte. Der Ruhm ihrer Erfindung gebührt einem Deutschen, dem Peter Hele, Uhrmacher zu Nürnberg, der um das Jahr 1560 die ersten Sackuhren verfertigte. Diese waren anfangs groß, von der Gestalt der Eier, so daß man sie auch Nürnberger Eierlein genannt hat. Bald kam man auch dahin, die Gestalt und Größe immer kleiner und bequemer zu machen, und bald hatte man es so weit gebracht, in einen Siegelring eine Cylinderuhr einzuschließen. Der Holländer Huygens, der im 17. Jahrhundert lebte, hat auch große Verdienste um die Verbesserung der Taschenuhren, die jetzt so wohlfeil geworden sind, daß fast jeder Knabe schon ein solches Kunstwerk in seine Tasche steckt.

Wenn man die genannten Erfindungen und eine Menge anderer, die von Deutschen ausgegangen sind, bedenkt, so steht Deutschland vor allen andern Ländern rühmlich da. Das tröstet wieder einigermaßen dafür, daß der deutsche Mensch seiner Unbehülflichkeit willen, und weil er so oft kein Deutscher sein will, von andern Nationen verspottet wird. In der Tiefe seines Geistes, in der Ausdauer, die schwierigsten Probleme zu lösen, in der Erfindungsgabe und in der Kunst nimmt es der Deutsche mit allen andern Nationen der Erde auf.

II. Die Entdeckungen.

 

1. Heinrich der Seefahrer.

 

1.

Nachdem in der Halbinsel Spanien die Araber mehrere Jahrhunderte hindurch die Oberherrschaft behauptet hatten, erholten sich allmälig die Gothen wieder, und ums Jahr 1035 bildeten sich zwei neue Staaten: Aragonien und Kastilien. Neben diesen bildete sich aus einer kastilischen Statthalterschaft ein eigenes Reich, Portugal. Henri, ein französischer Prinz, hatte nämlich den christlichen Spaniern gegen die Araber geholfen. Zum Dank erhielt er von dem kastilischen Könige Alphons VI. das zwischen dem Minho und Duero gelegene Land als eigene Grafschaft, vom Hafen Cale ( porto cale) Portugal genannt, welche durch Eroberungen sich allmälig bis zur Mündung des Guadiana erweiterte. Die Nachfolger jenes Henri nannten sich Könige, und diese fochten tapfer wider die Mauren; ja, nachdem sie dieselben von der Halbinsel vertrieben hatten, suchten sie sogar ihre Erbfeinde in Afrika auf. König Johann (1411-1433) setzte über die Meerenge von Gibraltar, und es gelang ihm, das feste Ceuta an der afrikanischen Küste einzunehmen. Von diesem Hafen aus begannen nun große Entdeckungen.

Der dritte Sohn des Königs Johann, Infant Heinrich, widmete nämlich alle seine Mußezeit den Wissenschaften, besonders aber der Erd- und Himmelskunde. In seiner Lernbegier verließ er den Hof und wählte seine Wohnung im südlichsten Theile von Portugal, in Lagos, nahe bei dem Kap St. Vincent. Hier war er der afrikanischen Küste möglichst nahe und konnte mancherlei Nachrichten von den gegenseitigen Bewohnern einsammeln. Allgemein ging zu jener Zeit das Bestreben, einen Seeweg nach Indien zu finden, nach jenem durch seine Fruchtbarkeit und Reichthümer hochgelobten Lande. Der Infant Heinrich hing immer dem Gedanken nach, ob es nicht möglich sein sollte, um Afrika herum nach dem südwestlichen Asien zu kommen, denn irgendwo müsse doch der Erdtheil ein Ende haben. Auch war ja aus alter Zeit eine Sage überliefert, daß Afrika bereits einmal umschifft sei (vgl. Theil I. S. 9) Aber man fürchtete die Hitze unter dem Aequator, und hielt sie dort für so groß, daß Alles verbrennen müßte, was die Linie passirte. Man erzählte sich Geschichten von wilden, grimmigen Thieren, welche die Schiffe anfielen, von Feuerströmen und schlammigem Wasser, das sich bis zur Gallerte verdickte, und worin die Schiffe stecken blieben. Solche Fabeln schreckten von allen Versuchen ab. Dazu kam, daß man immer noch an der Küste hinschlich, und obwohl seit 1300 der Kompaß erfunden war, sich nicht gern auf das hohe Meer wagte.

Sorgfältig forschte Heinrich, was er von Seefahrern und Kaufleuten über die Westküste Afrikas erkunden konnte. Die gesammelten Nachrichten gaben ihm Muth, auf eigene Kosten Fahrzeuge zu rüsten und abzuschicken. Allein die ersten Steuermänner hatten die Köpfe noch zu sehr voll von jenen schrecklichen Fabeln; sie fürchteten sich, als sie in das weite Meer hinauskamen, und kehrten unverrichteter Sache wieder um. Heinrich ward darob sehr erzürnt; endlich fand er zwei tapfere Ritter, die gaben ihm ihr Wort, nicht eher umkehren zu wollen, als bis sie etwas Ordentliches gefunden hätten. Sie fuhren und fuhren, da brach ein Ungewitter und Sturm los und schleuderte ihr Schiff auf die kleine Insel Porto Santo. Heinrich ließ dort eine Kolonie anlegen, den Boden mit Korn, Gemüse und Wein bepflanzen, auch verschiedene Thiere aussetzen, die sich unter dem schönen, warmen Himmel sehr vermehrten. Ein einziges trächtiges Kaninchen lieferte in wenig Jahren eine so zahlreiche Nachkommenschaft, daß man im Ernst befürchten mußte, sie werde alle Pflanzungen der Insel zerstören.

 

2.

Von Porto Santo sah man oft bei hellem Wetter einen fernen Nebelberg am Horizonte, und Heinrich ließ auf denselben lossteuern. Man fand so die Insel Madera (im Jahr 1420), und auf derselben einen einzigen, dichten, dem Anschein nach von Menschen nie betretenen Wald von 18 Meilen Länge und mehr als 4 Meilen Breite. Der Wald wurde angezündet, und das Feuer soll länger als sieben Jahre gebrannt haben. Heinrich legte auch hier eine Kolonie an, schickte Sämereien und Hausthiere, ließ Wein aus Cypern und Zuckerrohr aus Sicilien dorthin verpflanzen, und Beides gedieh auf dem mit Asche so herrlich gedüngten Boden und unter dem schönen Himmel ganz vortrefflich. Noch jetzt ist der Zucker aus jenen Inseln von vorzüglicher Feinheit, obwohl er wenig gebaut wird; aber von Maderawein kommen jährlich an 30,000 Fässer (jedes zu 3 Oxhoft gerechnet) nach Europa, und ein großer Theil dieses feurigen Weines geht nach Ost- und Westindien.

Durch diese Entdeckungen ward der Muth des Prinzen immer mehr belebt, obwohl seine Seeleute immer noch nicht ohne Furcht waren. Sie kamen zu den von der Küste nicht weit entfernten kanarischen Inseln, welche bereits den Alten unter dem Namen der »glücklichen Inseln« bekannt waren. Sie fanden auf diesen mehrere Vulkane, und der hohe Pik auf Teneriffa wirbelte Dampfwolken auf. Da kamen sie wieder auf den Gedanken, nun möchte das Feuer des Aequators beginnen. Dennoch schiffte man weiter in die offene See hinein und entdeckte 1432 eine der Azoren-Inseln, die zwischen Portugal und Amerika an 200 Meilen von der Küste entfernt liegen. Diese Inseln waren völlig menschenleer; 1449 bekamen sie die ersten Einwohner. Jetzt haben sie einen großen Ueberfluß an Getreide und Wein und versehen die portugiesischen und spanischen Schiffe auf ihren Fahrten nach Amerika und Ostindien mit Erfrischungen.

 

3.

Indessen war man südwärts noch nicht über die kanarischen Inseln hinausgekommen, denn dort erstreckte sich ein Vorgebirge westwärts ins Meer, welches man bis dahin als das Ende der Welt angesehen und das Kap Non (nämlich non plus ultra) genannt hatte. Das Meer machte hier gewaltige Strudel und konnte auch kühnen Seefahrern Besorgniß erregen. Gilianez, ein muthvoller und verständiger Steuermann, wagte verschiedene Versuche, aber anfangs vergeblich; endlich aber steuerte er tief ins offene Meer hinein, und so gelang es ihm (1433), das gefährliche Kap Non zu umfahren, das nun auch seinen Namen ändern mußte und Kap Bojador genannt wurde, d. h. das umfahrene Vorgebirge. Diese Begebenheit erregte allgemeines Aussehen und machte dem Infanten Heinrich große Freude, wiewohl man die Küste jenseits Bojador fast ganz wüst und öde fand. Die einzige Ausbeute waren Robben und Seehundsfelle.

In den Bewohnern, welche die christlichen Seefahrer auf den afrikanischen Küsten antrafen, glaubten sie lauter Christenfeinde zu treffen. Sie mordeten, plünderten und führten die Menschen als Gefangene fort. Aus diesen Räubereien entstand der Negerhandel. Im Jahre 1442 sah die Hauptstadt Portugals, Lissabon, die ersten Menschen mit schwarzer Hautfarbe, lockigem Haar, aufgeworfenen Lippen; man hatte sie in der Gegend des Goldflusses gefangen. Die Unglücklichen boten für ihre Freiheit Goldstaub. Dies war es, was die habsüchtigen Europäer begehrten. Nunmehr entstand ein allgemeiner Eifer für Entdeckungsreisen; die Goldgier trieb Menschen zu Schiffe, die sich sonst nimmermehr über den Kreis der bekannten Welt hinausgewagt hätten. Kaufleute aus Venedig und Genua ließen Schiffe ausrüsten, Alles wollte neue Länder mit Goldflüssen entdecken. Da man diese aber nicht sogleich fand, raubte man Neger.

Um 1440 erreichten die Portugiesen den Fluß Senegal. Hier fanden sie zum ersten Mal wilde heidnische Neger; die sie nördlicher getroffen hatten, waren alle Muhamedaner gewesen. Nahe an der Mündung des Senegal liegt das grüne Vorgebirge und vor diesem zehn Inseln, welche man die Inseln des grünen Vorgebirges (kapverdische) genannt hat. Dahin kamen die Portugiesen im Jahr 1447. Diese Inseln sind sehr gebirgig, haben aber eine so warme Luft, daß die niedrigen Gegenden mit immergrünen Bäumen bedeckt sind. Da die portugiesische Regierung sich nicht viel um sie kümmert, sind sie wenig angebaut und menschenleer. ? Es dauerte übrigens bis 1462, daß man die Küste des eigentlichen Guinea entdeckte; nun war man bis in die gefürchtete Gegend des Aequators gekommen, ohne von der Sonnenhitze verbrannt zu sein. Man fand hier Gold, Elfenbein, Wachs und andere Kostbarkeiten, so daß in den nächsten Jahren die Schifffahrt nach Afrika sich sehr vermehrte

Alle diese Entdeckungen, von Porto-Santo bis Guinea, eine Strecke von 500 Meilen, verdanken wir dem Infanten Heinrich. Wenn er auch nicht selber mitschiffte, so wurden doch alle jene Fahrten nach seinen Entwürfen vorgenommen, und welche Freude muß der Mann empfunden haben, daß ein so herrlicher Erfolg diese Entwürfe krönte. Er war es, der den Grund zur Größe und Macht des kleinen Königreichs Portugal legte, denn eine Zeit lang war dieser Staat der blühendste und mächtigste Handelsstaat in Europa.

 

2. Bartholomäus Diaz und Vasko de Gama.

Nach Heinrichs des Seefahrers Tode erkaltete der Eifer für Entdeckungen ein wenig, denn man war vorerst vollkommen zufrieden mit dem Goldstaub, den man in Guinea fand. Im Jahr 1481 aber kam ein König in Portugal zur Regierung, Johann II., der die Pläne Heinrichs wieder aufnahm und mit großem Eifer fortführte. Er ließ auf Guinea Kolonien und Festungen anlegen, und sandte von dort Schiffe auf weitere Entdeckungen aus. So drang man 300 Meilen südlich über den Aequator hinaus und sah mit Freuden, daß Afrika gegen Süden sich nicht erweiterte, wie es auf allen Karten abgebildet war, sondern daß es gegen Südosten sich immer mehr abschräge. Da ward die Hoffnung reger als je, die südlichste Spitze von Afrika zu erreichen, diese zu umschiffen, und so herum zur See nach Ostindien zu fahren. Ein kühner Mann, Bartholomäus Diaz, wagte den Versuch; er schiffte immer weiter nach Süden, entdeckte 200 Meilen neuen Landes und erreichte (1486) glücklich die Südspitze von Afrika, auf welcher er ein Kreuz errichtete. Doch seine Soldaten und Matrosen glaubten nun, an dem Ende der Welt zu sein und ihrem gewissen Untergange entgegen zu fahren, dazu wütheten die Stürme, die noch jetzt an dieser Spitze sehr gewöhnlich sind, so heftig, daß der wackere Diaz sich entschließen mußte, nach Lissabon zurückzukehren. Er nannte das Südende Afrikas das »Vorgebirge der Stürme«. Sobald aber König Johann II. die frohe Nachricht erhielt, rief er voll freudigen Vertrauens: »Nein, wir wollen es das Vorgebirge der guten Hoffnung nennen.« Und dieser Name ist mit Recht der herrschende geblieben, da Johanns Hoffnung so schön erfüllt wurde.

Der König hatte um dieselbe Zeit zwei beherzte Männer, die zugleich des Arabischen kundig waren, an den König von Abyssinien gesandt, von dessen Existenz man gehört hatte; wo möglich sollten sie ein Handelsbündniß mit ihm schließen. Sie reiseten über das mittelländische Meer nach Kairo, und von dort mit einer Karawane nach Aden am rothen Meere. Hier trennten sie sich. Der Eine ging nach Abyssinien, ward aber unterwegs erschlagen; der Andere schiffte sich nach Indien ein, sah das herrliche Land mit seinen Augen, besuchte Kalikut und Goa, und kam glücklich nach Portugal zurück. Er konnte nicht Worte genug finden, den Reichthum Indiens zu schildern, und das erregte den Portugiesen neuen Muth, den Weg zur See nach dem gepriesenen Lande zu finden. Doch Johann starb; sein Nachfolger Emanuel aber rüstete vier Schiffe aus und übergab sie dem muthvollen Seefahrer Vasko de Gama, um mit ihnen die Umschiffung Afrikas zu versuchen. Gama war frohen Muthes, nicht aber seine Mannschaft, die im Ganzen aus 160 Mann bestand; diese fürchtete einen gewissen Tod und suchte durch Fasten und Beten den Zorn des Himmels zu besänftigen. Den 8. Julius 1497 ging die Flotte unter Segel. Vasko de Gama kam aber gerade in der ungünstigsten Jahreszeit an das Kap, denn die Stürme waren so fürchterlich, daß sie seine Schiffe jeden Augenblick in den Abgrund zu schleudern droheten. Noch furchtbarer drohete aber die Verzweiflung seiner Leute, welche den tollkühnen Urheber ihrer Gefahr und Todesangst mehr als einmal über Bord werfen wollten. Gama jedoch blieb unerschütterlich ruhig und fest, und überwand durch seine Standhaftigkeit alle Gefahren; er ließ die widerspenstigen Seeleute in Ketten werfen und stellte sich selbst ans Ruder. So umsegelten sie endlich (20. Nov.) mit günstigem Westwinde das Kap. Doch wagte sich Gama nicht gleich auf das offene Meer, sondern schiffte nun an der Ostküste Afrikas hinauf, versuchend, ob hier nicht Nachricht über Indien zu holen sei. Je weiter er nördlich hinauf segelte, am Lande der Hottentotten vorbei, um das Vorgebirge Korrientes herum, längs der Küste von Sofala, desto mehr Spuren von Wohlstand und Verkehr mit Indien traf er an. Im März 1498 gelangte er in den Hafen von Mozambique und da sah er zuerst Schiffe mit Segeln. An diesen Schiffen war kein einziger Nagel; die Bretter waren mit Bindfaden zusammengebunden und dieser Bindfaden war von Kokosfasern, mit denen auch alle Fugen verstopft waren. Die Segel waren aus Palmblättern; einige der größeren Schiffe hatten Landkarten und Kompasse. Auch fanden sie hier nicht nur alle indischen Produkte: Seide, Perlen, Gewürze, sondern auch Muhamedaner, welche diese Waaren von hier nach dem arabischen Meerbusen abholten. Jetzt waren sie gewiß, das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Gama schiffte noch bis Melinda hinauf, dicht unter der Linie. Hier ward er freundlich ausgenommen, erhielt Seemänner, welche den Weg nach Indien schon mehrmals gemacht hatten, und segelte so 500 Meilen quer über den Ozean. Am 19. Mai 1498 ankerte er im Hafen von Kalikut, auf der Küste Malabar.

So war das große Ziel großer und kühner Unternehmungen endlich errungen, das gepriesene Indien endlich erreicht! Allein die Portugiesen erkannten bald, daß sie mit ihren drei Schiffen (eins hatten sie unterwegs verbrannt) hier keine Eroberung machen, daß sie eben so wenig mit ihren Schellen, Glaskorallen und andern glänzenden Kleinigkeiten einen Handel anfangen könnten. Denn die Indier waren keine rohen Neger, sondern lebten in einem blühenden Wohlstande, hatten Städte, Manufakturen, trieben Handel und Ackerbau; ihr König lebte unter einem glänzenden Hofstaate.

Ein Kaufmann aus Tunis, der sich des Handels wegen hier aufhielt, freuete sich gar sehr, so unvermuthet Europäer zu finden und mit ihnen spanisch reden zu können. Vasko de Gama ließ sich durch ihn dem Zamorin oder König von Kalikut vorstellen, und hatte schon die beste Hoffnung, ein vortheilhaftes Handelsbündniß zu Stande zu bringen, als die Muhamedaner dazwischen kamen. Diese fürchteten, von den Europäern aus ihren Handelsvortheilen verdrängt zu werden, machten die Portugiesen verdächtig, als wollten sie nur das Land des Königs auskundschaften, so daß der Zamorin sich entschloß, die fremden Eindringlinge gefangen zu nehmen. Kaum gelang es dem Gama mit seinen Schiffen, der Gefahr zu entrinnen. Er segelte schnell nach Melinda und von da um das Kap nach Europa zurück. Am 14. September 1490 lief er wohlbehalten mit seiner kleinen Flotte in den Tajo ein, nachdem er die längste und schwierigste Seereise seit Erfindung der Schifffahrt gemacht hatte.

 

3. Martin Behaim.

In der Geschichte der von Portugiesen und Spaniern gemachten Entdeckungen wollen wir unseren wackeren Landsmann Behaim nicht vergessen, den Kaiser Maximilian I. mit großer Bewunderung als den »am weitesten gewanderten Bürger des deutschen Reichs« ehrte. Er war aus einer alten angesehenen Familie in Nürnberg entsprossen, sein Vater ein angesehener Rathsherr der Stadt. Der Sohn lernte die Tuchhandlung, wollte sich als Kaufmann in der Welt umsehen und »konditionirte« eine Zeit lang in Salzburg und im Oestreichischen. Von da ging er 1457 nach Venedig. 1477 befand er sich in Mecheln bei einem Kaufherrn Jorius van Dorff, für den er zuweilen die Frankfurter Messe besuchte, auch die niederländischen Handelsstädte Antwerpen, Gent, Brügge etc. bereiste. Etwa vier Jahre darauf zog er nach Portugal. Hier, wo um diese Zeit Alles, was Kaufmann hieß, von neuen Handelswegen und Entdeckungen schwärmte, scheint auch er von dem allgemeinen Eifer hingerissen worden zu sein und mehrere Seereisen längs der Küste von Afrika mitgemacht zu haben. Ausgestattet mit guten mathematischen Kenntnissen, zeichnete er sich bald unter dem Haufen der Seefahrer aus; denn er wurde vom König Johann II. nebst noch einigen geschickten Männern erwählt, mit dem Astrolabium eine Verbesserung zu Gunsten der Schifffahrt vorzunehmen. Er kam durch seine Kenntnisse so zu Ehren, daß ihn der König von Portugal 1485 öffentlich zum Ritter schlug, wobei ihm der Herzog Emanuel, nachheriger Thronfolger, den rechten Sporn, der König selbst aber den Degen umschnallte. Hierauf ließ er sich auf Fayal, einer der azorischen Inseln, nieder, welche von einer flamländischen Kolonie bewohnt wurde, mit deren Oberhaupt, dem Ritter Jobst de Hürter von Moerkirchen, er schon früher sich befreundet hatte. Er heirathete dessen Tochter (1486) und fühlte sich nun in dem warmen gesunden Klima der Insel ganz behaglich.

Aber sein Vaterland noch einmal wieder zu sehen und sich dort noch einmal in seinem ganzen Glanze zu zeigen, dieser Begierde konnte er nicht widerstehen. Er kam glücklich nach Nürnberg (1491) und hielt sich über ein Jahr bei seinen dortigen Verwandten auf. Man kann sich denken, wie die alten ehrsamen Bürger der alten Reichsstadt, und insbesondere die werthen Vettern und Muhmen, den Mann begafft und ausgefragt haben mögen, der sich rühmte, »ein Drittel der Erde gesehen zu haben«. Er beschrieb ihnen auch die Gestalt derselben auf allen ihren Punkten, und das bewog sie, ihn zu bitten, daß er ihnen doch eine Abbildung der Erdkugel zum Andenken hinterlassen möchte. Er that ihnen den Gefallen, es ward eine hölzerne Kugel von 1 Fuß 8 Zoll im Durchmesser gedrechselt und mit Pergament überzogen, und diese bemalte er nun mit allen Ländern und Inseln, die er gesehen und nicht gesehen hatte; auch schrieb er mit rother und schwarzer (jetzt gelber) Tinte allerlei Kuriosa bei, die er von ihnen wußte. Dieser Globus befindet sich noch gegenwärtig in Nürnberg und ist ein deutlicher Beweis, daß Behaim von Indien, China, Japan etc. gar keinen deutlichen Begriff hatte, und nur einige fabelhafte Berichte von Ptolemäus, Plinius und manche wahre Berichte von Marko Polo im Sinne seiner Zeitgenossen ausschmückte. Da, wo Amerika liegen sollte, hat er einen großen Haufen Inseln hingepinselt und Erläuterungen beigeschrieben wie folgende:

» Zanziber insula. Diese Insel genannt Zanziber hat umbfangen 2000 Meilen. Die hatt Ihren aignen Konigk und Ihre besunder Sprach vnd die Inwoner petten Abgotter an. sind gross leutt gleich wan Ihr ainer hot vier unser man starck. vnd Ihr ainer ist so vil als ander fünf Menschen. sie gin alle nacket, und sind alle schwarz leutt, fast vngestalt mit großen langen oren, weiten mündern, gros erschreckliche augen, hand zu viermalen größer dan ander leutt händ etc.«

Bei einer Insel Java minor steht unter Anderem:

»In Königreich Jambri haben die leutt Man und Frawen hinden schwanz gleich die Hundt. Do wechst übertrefflich vil Specerey und allerlei Thier alß Ainhörner und andere. Im andern Königreich Fanfar, da wechst der best Camphor in der Welt den man mit Gold abwigt. Daselbst sind groß gewachsen Paumen (Palmen), da zwischen Holz vnd Rinten auß dem Safft Mehl würdt, daß guet zu essen ist, und Marko Polo schreibt in seinem dritten Buch, er sei fünf Monath in der Insel gewest.«

Bei der großen Insel Zipangu (Japan) steht eine lange Note:

»Hie findt man vil Meerwundter von Serenen und andern Fischen. Und ob Jemand von diesem wunderlichen Volkh und selzsamen Fischen im Möer oder Thieren auf dem Erdreich begehrt zu wissen, der leß die Bücher Plini, Isidori, Aristotelis, Strabonis, Specula Vincenzi und vil andrer Lehrer mer etc. etc.«

Ferner:

»Insel Coylus. In dieser Insel Coylus ist Sant Thomas, der zwelff bott (Apostel) gemartert worden.«

Auf diese Weise ist der ganze Globus eng beschrieben; es ist aber von großem Interesse zu sehen, wie man zu Kolumbus Zeiten von den Ländern der andern Halbkugel dachte. Den untern Raum des großen Weltmeeres nimmt noch ein langer Bericht von der Verfertigung dieses Globus ein, in demselben Nürnberger Deutsch. Der Schluß lautet also: es sei

»solche Kunst und Apfel gepracticiret und gemacht worden nach Christi Geburt 1492. Der dan durch den gedachten Herrn Martin Behaim gemainer Stadt Nürnberg zu Ehren und Letze (Vergnügen) hinter ihme gelassen (hinterlassen) hat, sein zu allen Zeiten in gut zu gedenken, nachdem er von hinnen wieder heim wendet, zu seinem Gemahl, das dann ob 700 mail von hinnen ist: da er hauß hält, und sein Tag in seiner Insel zu beschließen, da er daheimen ist.«

 

4. Christoph Kolumbus (geb. 1447, ? 1506).

 

1.

Indem nun die Begeisterung für neue Entdeckungen zur See alle unternehmenden Köpfe jener Zeit ergriffen hatte, entzündete sich auf einmal in dem Genie eines erfahrenen und nachdenkenden Mannes ein Gedanke, dessen Ausführung nichts Geringeres zur Folge hatte, als die Entdeckung eines bis dahin ungeahnten vierten Erdtheils. Dieser merkwürdige Mann war Christoph Kolumbus Im Italienischen Christoforo Colombo, im Spanischen Christoval Colon..

Kolumbus war in Genua (1447) geboren; hatte aber zur Zeit, als Johann II. den portugiesischen Thron bestieg, sein Vaterland mit Portugal vertauscht und daselbst die Tochter des Bartholomäus Perestrello geheirathet, der als Schiffshauptmann mehrere Entdeckungsreisen unter dem Infanten Don Heinrich mitgemacht hatte und von diesen Reisen sehr sorgfältige Tagebücher, Zeichnungen und Karten besaß. Kolumbus hatte sich diesem Manne durch seine Kenntnisse und Wißbegierde empfohlen, auch galt er schon damals für einen geschickten Seefahrer, der wenige seines Gleichen habe. Entsprossen aus einer adeligen, aber verarmten Familie im Genuesischen, hatte ihn die Noth, aber auch die Lust früh zur Schifffahrt getrieben, und da hatte er denn bald eingesehen, daß man ohne Geometrie, Astronomie, Erdkunde und Fertigkeit im Zeichnen ewig nur ein gemeiner Schiffer bleiben müsse. So hatte bereits der Knabe aus freiem Antrieb sich zu ernsten Studien gewandt. Von seinem 14ten Jahre an war er auf der See gewesen, hatte die vorzüglichsten Häfen des mittelländischen Meeres besucht und war selbst, wie man sagt, mit den Engländern auf den Fischfang nach Island gesegelt.

In Portugal las und verglich er die Tagebücher und Landkarten seines Schwiegervaters mit großem Eifer und machte selbst eine Reise nach Madera, den azorischen und kanarischen Inseln. So entstand nach und nach der Gedanke in ihm, man müßte Indien erreichen können, wenn man gerade aus nach Westen ins offene Meer hinein steuerte. Denn das wußte oder glaubte man damals wenigstens, daß die Erde eine Kugel sei. Auf dieser Kugel lag Indien weit nach Osten herum; nach den Berichten der älteren Reisenden war es aber ein sehr großes Land, von dessen östlichsten Enden noch Keiner bestimmte Nachricht gegeben hatte. Wer weiß, dachte Kolumbus, ob es nicht nahe bis an die westliche Küste Europas herumreicht? Und ist auch dieses nicht der Fall, so muß es doch möglich sein, wenn man gerade gegen Westen steuert, Indien zu erreichen. Dieser Gedanke erhielt dadurch noch größere Wahrscheinlichkeit, daß portugiesische Seefahrer zuweilen seltenes Rohr, künstlich bearbeitetes Holz, ja einmal sogar zwei Leichname von ganz besonderer Bildung sahen, die von Westen her übers Meer schwammen und an die Küste der Azoren trieben. In Kolumbus Seele ward die Meinung von Indiens westlicher Nähe immer mehr zur Gewißheit. Sein Schwiegervater und mehrere verständige Männer, denen er seine Ideen vorlegte, billigten sie und es hing nur davon ab, daß man den König den Plänen des kühnen Mannes geneigt machte. Doch dachte Kolumbus patriotisch genug, zuerst seiner Vaterstadt Genua das Anerbieten zu machen. Er bat um einige Schiffe, um den neuen Weg zu versuchen: aber spöttisch wies man ihn als einen Schwärmer ab. Nun freilich war ihm sein Landesherr, Johann II., der Nächste. Der König prüfte mit einigen seiner Räthe die Vorschläge des Kolumbus, und nachdem der begeisterte Mann alle seine Ideen den Herren mitgetheilt hatte, waren diese niedrig genug, ihn mit zweideutigen Antworten hinzuhalten, um insgeheim für sich selber die Sache zu versuchen. Der portugiesische König ließ eiligst ein paar Schiffe ausrüsten und schickte einen anderen Seefahrer damit ab. Doch dieser war nicht der Held, um ein großes Werk zu vollbringen. Als er einige Tage westlich ins Meer hineingefahren war, kehrte er wieder um und versicherte, es sei da ganz und gar nicht an Land zu denken.

 

2. Kolumbus in Spanien.

Voll bitteren Verdrusses über die portugiesischen Minister wandte sich nun Kolumbus an den spanischen Hof. Hier regierten damals Ferdinand in Aragonien und die hochherzige Isabella in Kastilien. Beide Fürsten übergaben des Kolumbus Vorschläge gleichfalls einem Ausschüsse von gelehrten Männern, die wohl ehrlicher als die portugiesischen Räche, aber um ein gut Theil einfältiger waren. Es waren Geistliche, die von der Mathematik und vom Seewesen sehr wenig verstanden; auch waren die Spanier bis dahin keine seefahrende Nation gewesen und hatten den Entdeckungen ihrer Nachbarn unthätig zugesehen. Einer der geistlichen Räthe meinte, wenn man da so weit herum segeln wollte, so müßte man ja immer tiefer und tiefer herunter gleiten und könnte dann den Wasserberg nicht wieder hinauf. Ein anderer sagte, wenn da Etwas zu holen wäre, so hättens die Alten gewiß ausgespürt. Ein dritter, der wenigstens zugab, daß die Sache möglich sei, behauptete, da könne man wohl drei Jahre segeln und ein vierter erklärte das Projekt geradezu für gottlos und vermessen.

Zu diesen weisen Sprüchen der geistlichen Herren kam noch eine große Geldverlegenheit Ferdinands und Isabellens und die große Noth, die ihnen damals die harten Kämpfe mit den Mauren machten, welche noch den Süden von Spanien behaupteten. So erhielt Kolumbus den Bescheid, man könne sich jetzt in so unsichere und kostspielige Unternehmungen nicht einlassen. Auf diesen Bescheid hatte der arme Kolumbus fünf Jahre warten müssen.

Ganz als ob er diesen Erfolg geahnt hätte, hatte er damals, als er nach Spanien ging, seinen Bruder Bartholomäus nach England geschickt, um wo möglich den dortigen König für sein Projekt zu gewinnen. Aber dieser Bruder ließ nicht ein Wort von sich hören. Kolumbus wußte nicht, daß jener einem Kaper in die Hände gefallen und nach mancherlei traurigen Schicksalen als Bettler nach England gekommen war, wo er sich erst mit Kartenzeichnen so viel verdienen mußte, um in einem anständigen Kleide bei Hofe erscheinen zu können.

Schon wollte Kolumbus ihm nachreisen, als der Prior des Klosters Rabida, in welchem er seine Kinder erziehen ließ, kurz vor dem Abschied ihn auf andere Gedanken brachte. Dieser Mann besaß Isabellens Vertrauen und schmeichelte sich, daß seine Empfehlung etwas gelten möchte. Wirklich ward auch Kolumbus noch einmal an den Hof berufen; allein der Krieg mit den Mauern dauerte immer noch fort, in Ferdinands Kassen war Ebbe und die spanischen Gelehrten, die abermals befragt wurden, waren noch nicht klüger geworden. Darüber verflossen abermals drei Jahre!

Endlich ward die Beharrlichkeit des edlen Kolumbus gekrönt. Die Mauren waren besiegt, Isabella zog triumphirend in die arabische Hauptstadt Granada ein und das frohe Ereigniß benutzten Kolumbus Freunde, die Königin für den großen Plan zu gewinnen. Am meisten bemühte sich der Schatzmeister von Aragonien, Santangelo. Als er der Königin ihre Einwilligung abgeschmeichelt hatte, gestand sie ihm, daß sie ganz arm an Geld sei, erbot sich aber, ihre Juwelen zu verpfänden. Santangelo küßte ihr gerührt die Hand und bot ihr sein ganzes Vermögen an. Es waren 70,000 Dukaten. Isabella nahm das Darlehn an und am 17. April 1492 ward der Kontrakt unterzeichnet. Kraft dieses Kontraktes ward Kolumbus zum Großadmiral aller neuen Meere und zum Unterkönig aller Länder und Inseln, die er entdecken würde, ernannt. Es ward ihm ferner der zehnte Theil aller daraus zu hoffenden Einkünfte bewilligt und alle diese Vortheile sollten erblich auf seine Nachkommen übergehen.

Wer war froher, als Kolumbus! Er eilte nach Palos, einem Seehafen in Andalusien, wo seine kleine Flotte ausgerüstet werden sollte, und welcher unweit des Klosters Rabida lag; dem wackern Prior reichte Kolumbus dankbar die Hand. Mit dem Ende Juli war Alles zur Abreise fertig. Drei höchst mittelmäßige Schiffe, von denen die beiden kleineren nicht viel mehr als große Boote waren, machten die ganze Flotte aus. Die Mannschaft bestand aus 90 Mann, worunter mehrere Edelleute waren, die theils als Freiwillige, theils auf Isabellens Befehl die Reise mitmachten. Am Tage vor der Abreise begab sich die ganze Gesellschaft in feierlicher Prozession nach dem Kloster Rabida, empfahl sich Gott und allen Heiligen im Gebet, beichtete und erhielt Absolution und Abendmahl, nach frommer Christen Weise.

 

3. Des Kolumbus erste Entdeckungsreise (1492).

Am nächsten Morgen, den 3. August 1492, an einem Freitage, kurz vor dem Aufgange der Sonne, stieß die Flottille vom Lande, ab, in Gegenwart unzähliger Zuschauer, welche den kühnen Abenteurer mit Blick und Zuruf begleiteten. Die ersten Wochen hatte Alles noch guten Muth, denn noch segelte man in bekannten Gewässern den kanarischen Inseln zu. Nur als ein Steuerruder brach, wollten die Furchtsamen darin ein böses Vorzeichen erblicken. Die Inseln wurden indeß glücklich erreicht und an einer derselben legte man an, um die Schiffe auszubessern.

Am 6. September fuhren sie wieder ab und gerade gegen Westen in den offenen Ozean. Der regelmäßige Wind, der auch bis zu Ende anhielt, begünstigte die Fahrt, und schon am folgenden Tag war alles Land den Augen entschwunden. Entsetzlicher Zustand für Menschen, die sich zum ersten Mal von der ganzen lebendigen Welt abgeschnitten sahen, auf einem Gezimmer von Balken und Brettern den wilden Wogen preisgegeben, keine Aussicht ringsumher, als auf ein weites Meer und den hohen Himmel ? immer tiefer Hineingetrieben, ohne zu wissen wohin, und von einem Verwegenen angeführt, der keine andere Kunde vom Ziele hatte, als die seine Phantasie ihm vorspiegelte! Wahrlich, es wäre auch dem Beherztesten nicht zu verdenken gewesen, wenn er angefangen hätte zu zittern und den Rasenden zu verwünschen, der 90 Menschen mit kaltem Blute ins Verderben stürzte.

Kolumbus flößte indessen durch seine große Ruhe Bewunderung und Vertrauen ein. Uebermüdet stand der edle Mann Tag und Nacht mit Senkblei und Beobachtungsinstrumenten auf dem Verdeck, schlief nur wenige Stunden und zeichnete die kleinste Beobachtung auf. Wo er Angst und Traurigkeit bemerkte, da redete er freundlich zu und heiterte die Murrenden mit Versprechungen auf; und es war erstaunlich, welche Herrschaft über die Gemüther ihm zu Gebote stand.

Aber die Angst der zagenden Seelen wuchs doch mit jedem Tage. Als die Schiffe in den Strich des Passatwindes kamen, schossen sie wie Pfeile dahin. Gott im Himmel, was sollte daraus werden! Am 1. Oktober hatten sie schon 770 Seemeilen durchflogen. Kolumbus gab zwar den Fragenden weit weniger an, aber das konnte sie nicht trösten.

Hin und wieder stellte sich Ursache zur Hoffnung ein. Man sah unbekannte Vögel; aber man wußte nicht, daß die Seevögel viele hundert Meilen weit fliegen können. Einmal war die See mit grünem Meergrase so dicht bedeckt, daß die Schiffe in ihrem Laufe aufgehalten wurden. Aber Gras und Vögel verschwanden nach einigen Tagen wieder und die armen verlassenen Menschen sahen sich wieder auf dem grenzenlosen Weltmeer allein. Da verwandelte sich die Furcht in Verzweiflung und die Verzagtesten stellten ihren Anführer mit größter Wuth zur Rede ? sie drohten ihn über Bord zu werfen, wenn er nicht augenblicklich umkehrte. Noch einmal besänftigte er sie durch sein ruhiges, heiteres Vertrauen; er stellte sich, als wenn er mit seinen bisherigen Fortschritten sehr zufrieden sei und gewisse Hoffnung habe, sein Ziel zu erreichen.

Vögel erscheinen und verschwinden wieder; die Sonne geht auf und unter und wieder auf und die Schiffe fliegen noch immer pfeilschnell nach Westen. Die Verzweiflung kennt keine Mäßigung mehr, man will Hand an Kolumbus legen. Nur der Gedanke, wer sie zurückführen solle, wenn er ermordet sei, hält sie noch ab. Er verlangt noch drei Tage. Sähe man dann noch kein Land, so wolle er umkehren. Diese Bedingung gehen sie widerstrebend ein.

War es sein guter Genius, der ihm diesen Einfall gab, oder hatte er bestimmtere Spuren ? am folgenden Tage erreichte das Senkblei schon den Grund; Rohr und ein Baumast mit rothen Beeren schwamm auf sie zu und Landvögel besuchten die Masten. Die Sonne war eben untergegangen. Noch sah man nichts; aber Kolumbus ließ die Segel einwickeln, um nicht etwa bei Nacht auf Klippen gestoßen zu werden. Zwei Stunden vor Mitternacht erblickte er ein Licht von ferne. »Land! Land!« erscholl es jetzt aus jeder Brust; man stürzte einander in die Arme, Einer schluchzte vor Freuden an des Andern Brust und Kolumbus hatte die Freude, die, welche vorher sein Leben bedroht hatten, nun zu seinen Füßen zu sehen. Nach der ersten Trunkenheit des Entzückens erinnerte man sich der höheren Pflicht und stimmte aus vollem Herzen ein Tedeum an. Die ganze Nacht verging unter Aeußerungen der Freude, und als der Morgen anbrach (Freitags, 12 Oktober), sahen sie eine schöne grüne Insel vor sich.

 

4. Guanahani, Kuba, Hispaniola.

Mit Sonnenaufgang bestiegen sie nun die Boote und ruderten mit Musik und wehenden Fahnen dem Lande zu. Am Ufer hatte sich fast das ganze Völkchen der Einwohner versammelt, die eben so sehr über die seltsamen Gäste erstaunten, als sie selber bei diesen Staunen erregten. Sie waren alle ganz nackt, von einer röthlichen Kupferfarbe, mit schwarzem, straffem Haupthaar. Ihre Sprache hatte etwas Unzusammenhängendes und Thierisches; sie glichen einer Heerde scheuer Rehe, so furchtsam, wehrlos und behende trippelten sie hin und her. Die Spanier wußten erst nicht, ob sie wirkliche Menschen vor sich hatten.

Das waren nun die Wilden allerdings, nur hatten sich ihre geistigen Kräfte durchaus nicht entwickelt. Eingeschränkt auf eine Insel, deren mildes Klima ihnen Früchte, Mais und Maniokwurzeln im Ueberflusse darbot, hatte die Noth sie weder zum Ackerbau, noch zur Viehzucht, noch zur Jagd gezwungen, und für wärmere Kleidung brauchten sie auch nicht zu sorgen, nicht einmal für feste Wohnungen. Große Thiere, die ihre List und Stärke hätten üben können, gab es auf der Insel nicht; daher waren die Indianer so schwach, daß ein europäischer Bullenbeißer einen ganzen Haufen von ihnen in die Flucht jagte. Auch war die Anzahl dieser Menschen so gering, daß Niemand den Andern in seiner Nahrung beeinträchtigte; daher hatte auch Niemand ein Eigenthum, sie hatten sich noch zu keiner Gemeinde verbunden und lebten wie die Thiere des Feldes.

Kolumbus, in einem reichen Kleide und den bloßen Degen in der Hand, stand an der Spitze des ersten Bootes, welches ans Land stieß, um der erste Europäer zu sein, welcher die neue Welt betrat. Ihm folgten die Andern, und in dem Freudengefühl des geretteten Lebens, nach mehr als vierzehntägiger Todesangst aus schwankenden Brettern, warfen sie sich alle nieder und küßten mit Inbrunst die sichere Erde. Das war das Dankopfer der Natur; ein anderes schrieb die Religion ihnen vor, sie errichteten ein Jesuskreuz und stammelten vor demselben ihre frommen Gebete. Hierauf nahm Kolumbus die Insel für den König von Spanien in Besitz, mit den Ceremonien, welche die Portugiesen bei ihren Entdeckungen in Afrika zu beobachten pflegten. Die Indianer sahen das staunend mit an und begriffen natürlich nichts davon, wie ihnen denn die ganze Erscheinung weißer Männer mit Bärten und Kleidern, mit einer seltsamen Sprache und noch seltsameren Manieren etwas Unbegreifliches war.

Man merkte es den Wilden ab, daß sie ihre Insel mit dem Namen Guanahani bezeichneten, und so heißt sie noch jetzt. Man findet sie aus der Karte unter den Bahamainseln. Kolumbus sah wohl, daß hier von den Schätzen Indiens noch nicht viel anzutreffen sei, und beschloß daher, weiter zu steuern. Die Indianer, welche die Begierde der Spanier nach den kleinen Goldblechen, die einige als Zierrath in der Nase oder den Ohren trugen, bemerkten, wiesen sie nach Süden. Man kam auf dieser Fahrt an einigen flachen Inseln vorbei und fand zuletzt eine größere, welche die Indianer, die man mitgenommen hatte, Kuba nannten, und die Kolumbus beim ersten Anblick schon für das feste Land von Indien hielt. Er steuerte hart an der Küste hin, fand überall die üppigste Vegetation und eine Schönheit von Gegenden, die ihn in Erstaunen setzte; aber von Anbau war wieder keine Spur. Heerden nackter Menschen rannten eben so thierähnlich und schüchtern wie in Guanahani herum, und schienen sich weder um Gold, noch um Brod zu kümmern. Als man ihnen Goldbleche vorhielt, schrien sie Hayti und zeigten nach Osten hin. Kolumbus folgte dem Wink und kam am 6. Dezember nach Hayti, welches er Hispaniola (klein Spanien) nannte und das auch St. Domingo genannt wird.

Auch hier fand er dieselbe Schönheit der Landschaften, dieselbe Fruchtbarkeit des Bodens und dieselbe gutmüthige, schwache Menschenart, die weder von Kleidung, noch von Arbeit einen Begriff hatte. Doch hatten sich die Insulaner schon in mehrere Stämme getheilt, deren jeder unter einem Oberhaupte stand, das sie Kazik nannten. Einer dieser Kaziken ließ sich auf einem Tragsessel von vier Indianern herbeitragen, war übrigens nackt wie die Andern. Er gab den Spaniern durch Zeichen zu verstehen, daß zuweilen Feinde von den benachbarten Inseln (den nachher entdeckten karaïbischen) auf ausgehöhlten Baumstämmen (Kanots) herüber kämen, sein Volk feindlich anfielen und die Gefangenen fortschleppten, um sie zu Hause zu verzehren. Kolumbus schauderte; und da er schon vorher Willens gewesen war, hier eine Niederlassung zu begründen, so deutete er dem Kaziken an, er wolle eine kleine Festung (ein Fort) bauen und darin einen Theil seiner Leute ihm zum Schutze zurücklassen. Die Wilden begriffen seine Meinung und freueten sich wie die Kinder; neugierig sahen sie den spanischen Zimmerleuten zu und halfen selbst das Holz zutragen. Was sie an Goldblechen hatten, gaben sie freudig für Glaskorallen, Schellen und Stecknadeln hin, und auf Befragen zeigten sie nach Süden, als dem rechten Goldlande.

Kolumbus war indeß in einer Verfassung, die ihm keine weiteren Entdeckungsreisen erlaubte, denn eines seiner Schiffe war ihm an einer Klippe gescheitert und mit dem andern hatte sich Don Pinzon, der Befehlshaber desselben, heimlich entfernt, um das wahre Goldland für sich aufzusuchen. So blieb unserm Helden nur noch ein Schiff, und gerade das kleinste übrig. Mit diesem entschloß er sich nach Spanien zurückzukehren, ehe vielleicht Pinzon ihm dort zuvorkäme. Er ließ in dem neu erbauten Fort, welches er Navidad nannte, 38 Spanier zurück, gab ihnen weise Verhaltungsbefehle, ermahnte sie zu einem freundlichen Betragen gegen die Indianer und stach am 4. Januar 1493 mit seinen übrigen Gefährten und einigen mitgenommenen Indianern in See.

 

5. Erste Rückkehr (1493).

Gleich am dritten Tage seiner Fahrt holte er den treulosen Pinzon ein, der nichts entdeckt hatte, aber nun sich mit der ersten Botschaft nach Europa schleichen wollte. Kolumbus bloßer Anblick durchbohrte den Elenden; er wollte sich mit nichtigen Vorwänden entschuldigen, aber der große Mann ersparte ihm die Demüthigung, indem er versicherte, daß er schon Alles vergessen habe.

Ein fürchterlicher Sturm drohete bald darauf den kühnen Seglern den Untergang und ihren wichtigen Nachrichten ewige Unterdrückung. Während die Mannschaft in der Angst der Verzweiflung dem Untersinken der elenden Schiffe entgegen sah, behielt Kolumbus allein seine Fassung. Er schrieb eilig die Nachricht von seiner Entdeckung auf ein Pergament, steckte dies sorgfältig verwahrt in eine Tonne und warf diese ins Meer. Aber sein gutes Schicksal wollte ihm selbst noch die Freude gönnen, der Herold seiner kühnen That zu sein. Der Himmel ward wieder heiter und am 15. Januar gegen Abend entdeckten sie Land. Es war Sankta Maria, eine der Azoren-Inseln. Hier mußte man beinahe sechs Wochen liegen bleiben, um die stark beschädigten Schiffe wieder auszubessern. Aus der letzten Fahrt trieb den Kolumbus ein neuer Sturm in den Tajostrom (4. März) und dies nöthigte ihn nach Lissabon zu gehen. Sein Ruf ging vor ihm her. König Johann II. von Portugal wollte ihn selber sprechen und bereuete es nun sehr, dem kühnen Manne vor zehn Jahren nicht Gehör gegeben zu haben.

Als nun aber Kolumbus am 15. März in den Hafen von Palos einlief, mit welchem Jubelgeschrei wurde er da von der gaffenden Menge empfangen, die ihn vor sieben Monaten an eben der Stelle hatte abfahren sehen! Man läutete die Glocken, feuerte die Kanonen ab und erdrückte ihn beinahe, als er, ein frommer Christ, mit den Seinen wieder in Prozession nach dem Kloster Rabida ging. Der Hof hielt sich damals in Barcellona auf, Kolumbus durchzog daher Spanien der Länge nach, wie im Triumphe, und in Barcellona selbst durfte er einen feierlichen Einzug halten. Auf dem Throne saßen Ferdinand und Isabella, der Held kniete nieder und brachte seinem Monarchen die Huldigung dar, und erstattete getreulich Bericht von Allem, was er gesehen und erlebt hatte. Da ward er mit Ehren und Lobsprüchen überhäuft und aus besonderer Gnade in den Adelstand erhoben.

Das Gerücht von einer neu entdeckten Welt flog nun, tausendfältig vergrößert, durch ganz Europa; das lebhafteste Interesse erregte es jedoch in Spanien selbst. In kurzer Zeit hatten sich gegen 1500 Menschen zusammengefunden, die an dem zweiten Zuge ? der nun in das eigentliche Goldland gehen sollte ? Theil nehmen wollten. Der König rüstete ihnen 17 Schiffe aus, sandte Handwerker und Bergleute mit, und Kolumbus sorgte für europäische Thiere und Gewächse, von denen er sich auf jenen fruchtbaren Inseln gutes Gedeihen versprach.

Vor allen Dingen holte man aber erst die Einwilligung des Papstes ein, der auch nicht ermangelte, alle neu zu entdeckenden Länder der Krone Spanien zu schenken. Als sich aber Portugal dagegen auflehnte, beschränkte er seine Schenkungen auf die Länder jenseits einer Mittagslinie, die er in Gedanken erst 100, späterhin aber 360 Meilen westlich von der äußersten azorischen Insel durch die Pole zog. Was diesseits gefunden würde, sollte den Portugiesen gehören. Dadurch blieb Brasilien in der Folge ein Eigenthum von Portugal.

 

6. Kolumbus zweite Reise (1493).

Diesmal lief die Flotte aus der Bay von Kadix aus (25. September) und nahm einen mehr südlichen Lauf. So gelangte man am 22. November an die erste der karaibischen Inseln, welche Kolumbus Deskada nannte, und kam von da nach einander zu den übrigen, Dominika, Mariagalante, Guadelupe, Antigua, Portoriko etc., fand aber auf allen eine feindselige Menschenart und häufige Spuren von Menschenfressern.

Die Sorge für seine Kolonie trieb Kolumbus nun nach Hispaniola, wo er am 22. November ankam. Aber wie erschrak er, als er weder Fort noch Kolonie fand. Ein unmenschliches Betragen der Spanier gegen die gutmüthigen Indianer hatte diese zu gerechter Nothwehr gereizt, darum hatten sie alle diese Tyrannen erschlagen, ihre Festung zerstört und sich in das Innere der Insel geflüchtet. Nun beschloß Kolumbus, an einem bequemeren Orte eine Niederlassung zu gründen, und er legte mit einem wahren Entzücken den Grund zur erstenStadt in der neuen Welt; der Königin zu Ehren ward die Kolonie Isabella genannt. Doch nun begann auch jene Kette von Widerwärtigkeiten, welche dem großen Manne das ganze Leben verbitterten. Unter allen seinen 1500 Gefährten waren vielleicht kaum drei, die ihn nicht verwünschten. Denn sie meinten, darum wären sie nicht nach Indien gereist, um den Acker zu bauen, wilde Gegenden urbar zu machen und an allen Bequemlichkeiten civilisirter Länder Mangel zu leiden. Hätte man durch mühselige Arbeit reich werden wollen, so hätte man das in Europa auch gekonnt.

Kolumbus war wirklich in einer üblen Lage. Auch sein König erwartete nun schon, das erste Goldschiff nächstens ankommen zu sehen. Nun wurde zwar auf Hispaniola häufig Goldsand gefunden, aber wie mühsam mußte dieser gesucht werden und wie wenig ergiebig war dieses Geschäft! Um nur seine Leute und den König befriedigen zu können, ward der edle Kolumbus zu der Grausamkeit gezwungen, die armen Wilden zu unterjochen und sie zu einem Tribut an Gold und Baumwolle zu zwingen. Als die unglücklichsten Sklaven mußten nun die Indianer nach Goldstaub suchen, und wenn ihre angeborene Freiheitsliebe sich widersetzen wollte, feuerte man ein paar Kanonen ab oder hetzte die großen Hunde auf die nackten Geschöpfe; dann wurden sie ihrem Zwingherrn wieder gehorsam.

Kolumbus wollte aber doch auch den Winken der Indianer folgen, die immer nach Süden wiesen: er segelte um Kuba herum und entdeckte Jamaika. Aber nun wurde er krank, die Lebensmittel gingen der Mannschaft aus, und als er nach unsäglichen Drangsalen Hispaniola wieder erreicht hatte, fand er Alles in Aufruhr. Die Spanier hatten abermals die Indianer mit unmenschlicher Härte behandelt, diese hatten die Mais- und Maniokpflanzungen vernichtet, und viele Unzufriedene waren nach Spanien zurückgekehrt. In Kurzem erschien ein spanischer Kammerjunker mit großen Vollmachten und nahm Protokolle auf über Alles, was man dem Kolumbus vorwerfen wollte. Dieser, eben so entrüstet über die Frechheit des Abgesandten, als begierig, ihren Wirkungen zuvorzukommen, übergab seinem Bruder Bartholomäus das Kommando und machte sich schleunig auf den Weg nach Spanien (1494). Hier fand er, daß böse Menschen ihn angeschwärzt hatten, und wiewohl seine Gegenwart diesmal noch alle Verläumdungen niederschlug, verzögerte sich doch die Ausrüstung einer neuen Flotte zwei Jahre, und da gab man ihm nichts weiter mit, als eine Anzahl grober Verbrecher, die er aus Noth, um nur abschiffen zu können, sich erbeten hatte.

 

7. Kolumbus dritte Reise (1494).

Auf der dritten Fahrt richtete Kolumbus seinen Lauf noch weiter nach Süden, und er würde vielleicht nach Brasilien gekommen sein, wenn nicht eine ungünstige Windstille und die brennende Hitze unter dem Aequator ihn gezwungen hätten, nach Westen zu steuern; denn alle Wein- und Wasserfässer fingen an, ihm zu zerplatzen, und die Lebensmittel verdarben. So kam er nach der Insel Trinidad am Ausflusse des Orinokostromes, dessen Heftigkeit seine Schiffe beinahe auf Klippen geworfen hätte. Er schloß aus der Größe dieses Stromes, daß er aus keiner Insel kommen könnte, und indem er die Küste entlang fuhr, überzeugte er sich völlig, daß er festes Land erreicht habe. Da er es aber nicht wahrscheinlich fand, daß dieses Land mit dem eigentlichen (Ost-)Indien zusammenhängen sollte, so vermuthete er, es müsse irgendwo eine Durchfahrt zu finden sein; diese wurde nachher auch wirklich gefunden, aber nicht da, wo er sie suchte, sondern tief im Süden, an der Spitze des Erdtheils.

Für jetzt zwangen ihn Krankheit und die Unzufriedenheit seiner Mannschaft, nach Hispaniola zu steuern. Aber hier fand er wenig Ursache zur Freude. Sein Bruder war mit einem Theile der Mannschaft ausgezogen, in einer andern Gegend der Insel eine zweite Niederlassung (St. Domingo) zu gründen. Indessen hatte ein spanischer Edelmann seine Landsleute gegen die beiden Statthalter empört und namentlich den Kolumbus beschuldigt, er wolle die Indianer nur darum schonen, um die Spanier zu unterjochen. Man solle dem Genueser nicht trauen! Drei Schiffsladungen mit Lebensmitteln hatten die Aufrührer für sich behalten und Bartholomäus mit seinen Leuten mußte am andern Ende der Insel fast vor Hunger verschmachten. So fand Kolumbus die Lage der Dinge; mit Mühe bekämpfte er den Aufruhr, nur durch seine Klugheit entging er dem Meuchelmorde, und wiewohl er seinem Könige die treuesten Berichte abstattete, sandten doch auch seine Feinde ganze Aktenstöße von Anklagen, und bei dem mißtrauischen Könige fanden diese Lügen leicht Eingang. Ein vornehmer herrischer Spanier, Franz von Bovadilla, ward abgesandt, die Klagen zu untersuchen, und wenn er die gehässigen Anklagen erwiesen fände, sollte er den Kolumbus absetzen und dessen Stelle einnehmen.

Sobald Bovadilla in Hispaniola ankam, nahm er ohne Untersuchung Haus und Güter des Kolumbus in Beschlag, gebot Jedermann, ihn, den Bovadilla, als den neuen Herrn anzuerkennen, und schickte dem Kolumbus das königliche Absetzungsdekret zu, das man schon im Voraus angefertigt hatte. Nun erst eröffnete er seinen Gerichtshof, forderte Jedermann auf, seine Beschwerden gegen Kolumbus vorzubringen und munterte die Ankläger noch auf. Doch Kolumbus bewies auch hier jene Ruhe und Mäßigung, wodurch er schon oft in Todesgefahr der Seinigen Retter geworden war; er ließ Alles über sich ergehen, und forderte nur bescheiden Gehör. Aber ohne ihn nur vor sich zu lassen, befahl Bovadilla, man solle die beiden Brüder in Ketten legen und jeden auf einem besonderen Schiffe nach Europa führen. Den Anblick dieser Ketten konnten indeß alle redlichen Spanier nicht ertragen. Als die Schiffe in einiger Entfernung vom Lande waren, nahete sich der Kapitän des Schiffes ehrerbietig dem Kolumbus und wollte ihm die Ketten abnehmen. Kolumbus aber gab es nicht zu; ganz Spanien sollte es sehen, wie sein König den Entdecker einer neuen Welt belohne. Der Anblick des Gefesselten erregte in Spanien allgemeine Unzufriedenheit. Ferdinand und Isabella schämten sich und ließen ihm sogleich die Ketten abnehmen; die Königin schickte ihm Geld, damit er anständig bei Hofe erscheinen könnte. Er kam und warf sich schweigend, aber mit dem Blicke des gekränkten Verdienstes, an den Stufen des Thrones nieder. Es fehlte auch diesmal nicht an Versicherungen von Gnade, man gestand den begangenen Irrthum, Bovadilla wurde abgesetzt; aber des Kontraktes mit Kolumbus schien man sich nicht mehr zu erinnern, sandte vielmehr einen gewissen Ovando als Statthalter in die Kolonie (1500). Unwillig verließ Kolumbus den Hof, trug seine Ketten überall mit sich herum und verordnete, daß sie ihm einst mit in sein Grab gelegt werden sollten.

 

8. Kolumbus vierte Reise (1502).

Doch bald erwachte in der Seele des Kolumbus die alte Neigung und besonders der Wunsch, die vermuthete Durchfahrt nach Indien zu finden. Er kam mit seinem Gesuche wieder bei Hofe ein und Ferdinand, eifersüchtig auf die Entdeckungen der Portugiesen in Indien, gab ihm vier ziemlich schlechte Schiffe, mit denen Kolumbus am 9. Mai 1502 von Kadix aus unter Segel ging. Ein Fahrzeug ward schon in den ersten Wochen leck; das nöthigte ihn, auf Hispaniola loszusteuern, das er so gern vermieden hätte. Der feindselige Ovando versagte ihm die Landung im Hafen. Da richtete Kolumbus seinen Lauf dem Festlande zu, segelte längs der Küste vom Vorgebirge Gracias a Dios südwärts bis Portobello, fand aber die gehoffte Durchfahrt nicht. Die Schönheit der Gegend brachte ihn auf den Gedanken, hier eine Kolonie anzulegen; allein seine Spanier verdarben es durch ihre unersättliche Habgier so schnell mit den Wilden, daß er mit dem Verlust mehrerer seiner Leute sich schnell zurückziehen und das Land verlassen mußte.

Von nun an drängte ein Unglück das andere. Stürme und schreckliche Gewitter ängstigten die Schiffe alle Tage, eines ihrer elenden Fahrzeuge ging zu Grunde, die andern wurden so heftig an einander geworfen, daß sie fast zusammenbrachen. Nach vielen Mühseligkeiten erreichten sie endlich am 14. Juni 1503 Jamaika. Die fast zertrümmerten Fahrzeuge mußten auf den Strand getrieben werden; an Ausbesserung war nicht zu denken. Wenn sich nicht der Himmel selbst über die Unglücklichen erbarmte und ihnen ein fremdes Schiff zur Rettung sandte, so war das traurige Loos des berühmten Weltenentdeckers, von Europa vergessen sein elendes Leben bei Mais und Maniokwurzeln mitten unter den Wilden zu beschließen.

Dies zu verhüten, unternahmen zwei brave Männer von der Schiffsgesellschaft, der Spanier Mendez und der Italiener Fieschi, ein kühnes Wagstück. Sie ruderten auf zwei ausgehöhlten Baumstämmen nach Hispaniola, eine Strecke von 30 Seemeilen, zehn Tage lang durch das wogende Weltmeer; und es gelang, sie kamen glücklich ans Ziel. Kolumbus aber mußte sie für verloren halten, denn es verging über ein halbes Jahr, ohne daß er etwas von ihnen hörte. Dies halbe Jahr war für ihn das unglücklichste, das er je verlebt hatte. Alle Subordination verschwand bei den Seinen; seine Warnungen, die Indianer nicht zu kränken, wurden verachtet; ein Haufen Spanier rottete sich zusammen und verließ den Befehlshaber ganz, um auf der Insel umherzustreifen und mit aller Habsucht und Rohheit gegen die Eingeborenen zu wüthen. In kurzer Zeit zogen sich die Wilden aus der Gegend zurück und hörten auf, den ungezogenen Gästen noch ferner Lebensmittel zu bringen. Nur die Klugheit und Wissenschaft des kranken Kolumbus konnte die Mannschaft vom Hungertode erretten. Am Tage vor dem Eintritt einer totalen Mondsfinsterniß, die er berechnet hatte, verkündete Kolumbus den Wilden, sein Gott sei sehr erzürnt über die Nachlässigkeit der Indianer und sie würden den Zorn desselben an der hellen Mondscheibe sehen, die sich verfinstern werde. Und wie es der weise Mann vorhergesagt hatte, so geschah es. Die Mondscheibe wurde dunkler und dunkler, mit Angst und Entsetzen sahen das die Indianer, fielen dem von den Göttern beschützten Gaste zu Füßen und baten ihn, den Zorn des Himmels zu besänftigen; dann wollten sie auch wieder Lebensmittel bringen, so viel als man verlangte.

Der Unfug, den die entlaufene Rotte auf der Insel trieb, ward aber so groß, daß die Besseren selber die schlimmsten Folgen davon befürchteten. Sie zogen gegen die Unverbesserlichen aus und lieferten ihnen unter der Anführung des Bartholomäus Kolumbus eine förmliche Schlacht, worauf die Uebriggebliebenen zum Gehorsam zurückkehrten.

Endlich nach acht kummervollen Monaten erschienen die treuen Seelen, Mendez und Fieschi, wie hülfreiche Engel und holten die Verlassenen auf einem großen Schiffe ab, das sie nur mit größter Mühe von dem hartherzigen Ovando hatten erlangen können. Abgezehrt von Krankheit und Gram kam Kolumbus auf Hispaniola an und benutzte die erste Gelegenheit, wieder nach Spanien zurückzuschiffen.

 

9. Des Kolumbus Ende.

Auch die erste Nachricht, die er hier erfuhr, mußte eine sehr traurige sein ? die Königin Isabella war gestorben. Sie hatte ihn immer geachtet und auf sie hatte er noch seine letzten Hoffnungen gesetzt. Die waren nun verschwunden, denn auf den König Ferdinand durfte er nicht rechnen.

Nächst der Undankbarkeit des Königs schmerzte ihn nichts so sehr, als der verächtliche Dünkel, mit dem viele hochgelahrte Herren auf seine Entdeckung herabsahen, die ihnen nun, nachdem sie gemacht war, sehr leicht vorkam, als hätte sie Jeder von ihnen eben so gut machen können. Mit einer so überklugen Gesellschaft saß der Held einstmals zu Tische, als eben gesottene Eier aufgetragen wurden. »Was meint ihr wohl, ihr Herren« ? sagte Kolumbus ? »ob man wohl ein Ei mit seiner Spitze so auf den Tisch stellen könnte, daß es ohne andere Haltung stehen bliebe?« Alle erklärten die Sache für unmöglich, kaum daß noch der Eine und Andere den Versuch zu machen wagte. »Wohlan, seht her!« rief Kolumbus. Er faßte ein Ei und stieß es so stark nieder, daß es auf der eingedrückten Spitze stehen blieb. ? »Ja, so hätten wir es auch gekonnt!« ? riefen sie Alle. ? »Nun, warum habt ihr es denn nicht gethan?« fragte Kolumbus.

Wohl kam der bescheidene Held mit Bittschriften bei Hofe ein, er berief sich auf sein Patent und auf das königliche Versprechen ? Alles vergebens. Man ließ ihn in Armuth schmachten, bis endlich sein willkommener Tod den treulosen König seines Wortes entband. Kolumbus starb 59 Jahr alt zu Valladolid 1506, den 20. Mai. Sein Bruder brachte den Leichnam nach St. Domingo, setzte ihn daselbst in der Domkirche bei und vergaß die Kette nicht.

Ein Sohn des Kolumbus, Diego, erhielt endlich die Statthalterschaft über die neuentdeckten Länder; doch nicht, weil er Kolumbus Sohn war, sondern weil er die Nichte des vielvermögenden Herzogs von Alba geheirathet hatte. Nicht einmal den Namen hat Kolumbus dem von ihm entdeckten Erdtheil geben dürfen; ein florentinischer Edelmann, Amerigo Vespucci (Vespucius), welcher mehrere Reisen nach der neuen Welt gemacht und eine Beschreibung derselben herausgegeben hatte, erhielt die Ehre, daß man nach ihm den Erdtheil »das Land des Amerikas« oder Amerika nannte, und erst in neuerer Zeit hat man eine Provinz in Südamerika zu Ehren des großen Entdeckers » Kolumbia« genannt.

 

Weitere Entdeckungen in Amerika. Erste Reise um die Welt.

 

1. Alvarez Kabral.

Nun folgten fast jährlich neue Entdeckungen in Amerika. Noch zu Kolumbus Lebzeit, im Jahre 1500, schickte Emanuel, König von Portugal, eine Flotte auf dem neuentdeckten Seewege nach Ostindien; gab aber dem Admiral Alvarez Kabral den Befehl, sich auf seiner Fahrt nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung so weit als möglich westwärts zu halten. Er that es und fand Brasilien in Südamerika, das er sogleich für den König von Portugal in Besitz nahm. Eins von den 13 Schiffen wurde zurückgeschickt, um die frohe Botschaft nach Lissabon zu bringen.

Mit den übrigen 12 Schiffen brach Kabral am 5. Mai 1500 von Brasilien auf und wandte sich nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung. Auf diesem Wege ereilte ihn ein entsetzlicher Sturm und er hatte den Schmerz, eins seiner besten Schiffe und mit demselben den wackeren Entdecker des Kaps, Bartholomäus Diaz, vor seinen Augen vom Meere verschlungen zu sehen. Nach vielen Gefahren erreichte er endlich Melinda und am 13. August lief er in den Hafen von Kalikut ein. Er überreichte dem Zamorin im Namen seines Herrn Geschenke und frug auf ein Handelsbündniß und auf die Erlaubniß an, in seinen Staaten ein Fort zur sicheren Niederlage der portugiesischen Waaren anlegen zu dürfen. Der Zamorin schien anfangs nicht abgeneigt, ward aber von den eifersüchtigen Muhamedanern bald umgestimmt, und ließ die Portugiesen zuletzt gar feindlich angreifen. Kabral, zum Widerstande zu schwach, verließ Kalikut mit der Drohung, bald wieder zu kommen, schiffte an der Küste Malabar hin und sprach hier bei den kleinen Königen von Kochim und Kananor ein, die ihn freundlich aufnahmen und gegen seine europäischen Waaren ihm eine überschwengliche Ladung von Pfeffer und anderen Gewürzen austauschten, mit denen er am 31. Juli 1501 glücklich in Lissabon anlangte.

Das große Land Brasilien ward aber von den Portugiesen wenig geschätzt, denn sie fanden hier wohl einen fruchtbaren Boden, aber wenig kostbare Handelsartikel und weder Gold noch Silber. Erst im Jahre 1695 entdeckten sie reiche Goldlager und 1730 Diamanten, die auf der ganzen Erde nicht so schön und groß gefunden wurden.

 

2. Las Kasas.

Die Spanier, welche ihrerseits das Goldland auch noch nicht gefunden hatten, mißbrauchten die unglücklichen Indianer auf den Inseln, indem sie dieselben zwangen, ihnen den fruchtbaren Boden anzubauen. Sie wollten nun durch die Arbeit der Wilden reich werden. Besonders pflanzten sie Zuckerrohr, welches auch noch jetzt der vorzüglichste Reichthum der westindischen Inseln ist. Die Indianer aber waren schwächlich und der Arbeit nicht gewohnt; unter den Schlägen ihrer grausamen Herren starben sie so schnell dahin, daß von einer Million Menschen auf Hispaniola nach 15 Jahren kaum noch 60,000 übrig waren. Noch unmenschlicher verfuhr man gegen Diejenigen, welche sich der Herrschaft der Spanier zu entziehen suchten; man hetzte Hunde auf die Nackten, hieb mit Schwertern auf sie ein oder schoß sie mit Flintenkugeln nieder. Ihre Kaziken aber verbrannte man gewöhnlich zur Warnung bei langsamem Feuer. Und diesen Greueln sahen Priester der Lehre Jesu nicht bloß ruhig zu, sondern ermunterten wohl gar dazu, wenn die armen Menschen nicht vor einem Kruzifix niederfielen oder den christlichen Glauben nicht herbeten wollten.

Doch gab es auch einige edle Männer unter den Geistlichen. Besonders eiferte ein ehrwürdiger Dominikaner, Bartholomäus de las Kasas, gegen die unmenschliche Behandlung der Indianer. Er selbst gab seine Sklaven frei, da man aber auf seine Ermahnungen nicht hörte, machte er mehrere Reisen nach Spanien, um den König und seine Räthe zu rühren. Das gelang ihm auf kurze Zeit; aber bald wußten es die habsüchtigen Europäer durch Bestechungen bei Hofe wieder dahin zu bringen, daß Alles beim Alten blieb. Freilich war die schwierige Frage, welche Menschen man statt der Indianer zur Arbeit nehmen sollte. Da kam der edle Kasas auf den Gedanken, anstatt der schwächlichen amerikanischen Race lieber die an Arbeit mehr gewöhnte und muskelkräftige Negerrace zur Arbeit zu verwenden. Das fand man denn auch bald so vortheilhaft, daß von nun an jährlich mehr als 80,000 schwarze Sklaven aus Afrika nach Amerika hinübergebracht wurden. Die Last, welche Kasas dem einen Erdtheile abnehmen wollte, ward nun dem andern aufgebürdet. Uebrigens hatte man schon lange vor ihm die unglücklichen Neger als Sklaven gekauft und verkauft.

 

3. Vasko Nunnez de Balboa.

Balboa war ein roher Mensch von gemeiner Herkunft; aber auf einer Reise nach der Landenge Darien entwickelte er so ausgezeichnete Beweise von Muth und Tapferkeit, daß alle seine Kameraden ihn einstimmig an die Stelle des Schiffsherrn, der ein unbehülflicher Mensch war, zu ihrem Anführer erwählten. Er machte ihrem Vertrauen Ehre und stiftete die erste Kolonie auf dem festen Lande, Santa Maria.

Sein nächster Wunsch war nun, sich zu seiner neuen Würde königliche Autorisation aus Spanien zu verschaffen. Diese konnte er nicht sicherer hoffen, als wenn er sich mit reicher Beute vor dem Throne einfand. Er trieb daher auf seinen Streifereien von den Wilden so viel Goldblech ein, als er bekommen konnte, und wußte sich die Indianer durch sein freundliches Betragen so geneigt zu machen, daß sie ihm Alles willig übergaben. Einst, als er wie gewöhnlich begierig nach Gold forschte, sagte ein junger Kazike zu ihm: »Was wollt ihr doch mit dem unnützen Tand! Wenn euch so sehr darnach verlangt, so dürft ihr nur nach jenem Lande gehen, das drüben über dem Ozean liegt, sechs Sonnen von hier. Doch dazu müssen Eurer Viele sein.«

Welche Nachricht! Er meinte Peru, und der andere Ozean, sechs Tagereisen jenseits, war die Südsee, die Kolumbus immer geahnt hatte. Balboa eilte, einen neuen Botschafter mit dieser Entdeckung nach Hispaniola zu schicken und sich den Statthalter durch ein ansehnliches Geschenk geneigt zu machen. Zugleich verstärkte er sich von dort aus mit frischen Kriegern, die von der Aussicht auf große Reichthümer gelockt wurden, an allen Mühseligkeiten und Drangsalen Theil zu nehmen, die mit einer ersten Wanderung durch diese ungebahnte Wildniß, durch Wälder, Sümpfe und über Gebirge verbunden sein mußten.

Hundert und neunzig kühne Abenteurer setzten sich nun in Marsch, um dem König von Spanien ein Land zu erobern, das von wilden Völkerschaften zahlreich bedeckt war. Balboas großes Talent, die Gemüther zu beherrschen, zeigte sich auch in seinem Verkehr mit den Kaziken, die er unterwegs antraf. Er machte sie sich alle zu Freunden und mehr als tausend Indianer folgten ihm freiwillig, um den Spaniern ihr Gepäck nachzutragen. Die heißfeuchten Niederungen in dieser höchst ungesunden Gegend Amerikas, die breiten Ströme, die dichtverwachsenen Wälder, dazu Schlangen und Muskitos, Mangel an frischem Wasser und an gesunder Nahrung ? dies Alles machte die Reise zu einer der beschwerlichsten, die je unternommen worden sind. Balboa schlug aber alle Klagen seiner murrenden Gefährten durch seine Theilnahme an ihren Drangsalen nieder. Immer war er der Erste, wenn ein Morast zu durchwaten oder ein Weg durch wildes Gestrüpp zu hauen war; kein Zug von Verdrossenheit trübte seine immer heitere Miene.

Indessen waren aus den sechs Sonnen schon 25 geworden und noch zeigte sich kein Ozean. Natürlich! Man hatte bei aller Anstrengung manchen Tag nur eine Meile weit vordringen können. Endlich kamen sie an einen großen Berg. Da sagten die Indianer, wenn sie den erstiegen hätten, würden sie den Ozean vor sich liegen sehen. Diesen Anblick mußte sich der begeisterte Balboa zuerst verschaffen; er ließ seine Leute unten und stieg allein hinaus. Und siehe! da lag das weite Weltmeer vor seinen trunkenen Augen und wälzte seine dunklen Wogen aus unabsehbarer Ferne vom äußersten Horizont herauf. Er breitete die Arme aus, fiel auf seine Kniee und dankte Gott mit heißen Freudenthränen, daß er ihn bis hieher geführt hatte. Seine Gefährten hielten sich nun auch nicht länger, sondern stürzten hinauf und theilten auf dem Gipfel des Berges ihres Führers Empfindungen und Gebete. Dann stieg Balboa hinab an den Strand, ging mit Schwert und Schild bis an die Brust ins Meer und nahm mit dem gewöhnlichen Spruche das Weltmeer im Namen des Königs von Spanien in Besitz.

Es war dieser Theil der Südsee ein Meerbusen, der ostwärts von Panama liegt. Balboa gab ihm den Namen Golfo de St. Michael, den er noch jetzt führt. Auch hier verband er sich die Indianer durch sein biederes Betragen; sie brachten ihm Lebensmittel in Menge und die Kaziken schenkten ihm Perlen und Gold. Ueberall bestätigte sich die Sage von dem reichen Goldlande, das südwärts liegen, aber auch von einem mächtigen Könige beherrscht werden sollte. Dieser Umstand bewog den Balboa, umzukehren und zuvor Verstärkung zu holen, und so kam er denn im Anfange des Jahres 1514 in seiner Kolonie Santa Maria wieder an, mit großem Ruhme und noch größern Reichthümern überhäuft.

Er sandte nun dem Könige Ferdinand ein Geschenk an Golde, wie dieser noch keins aus seinem neuen Lande erhalten hatte, und bat um die Statthalterschaft von Darien und um Verstärkung seiner kleinen Mannschaft. Man kann sich das Entzücken des Königs denken! Aber immer ist es die Politik mißtrauischer Regenten gewesen, die auch Kolumbus erfahren hatte, nie einen sehr thätigen und einen sehr glücklichen Mann zu hoch steigen zu lassen; und so wurde denn die erbetene Statthalterschaft nicht dem braven Balboa, sondern einem unendlich schlechteren Menschen, Namens Davila, ertheilt. Dieser ging mit fünfzehn tüchtigen Schiffen und 1200 Soldaten nach Mittelamerika ab; zu jener Mannschaft gesellten sich noch 1500 Edelleute freiwillig. Denn das Gerücht hatte die Reichthümer jener Länder so vergrößert, daß in Spanien eine Sage ging, man dürfe dort nur ein Netz ins Meer senken, um Gold zu fischen.

Der ehrliche Balboa, in ein grobes leinenes Wamms und in Schuhe von geflochtenen Hanfstricken gekleidet, war eben mit einigen Indianern beschäftigt, seine Hütte mit Rohr zu decken, als eine große Gesellschaft vornehmer spanischer Herren auf ihn zukam und unter ihnen Don Pedrarias Davila, der sich sogleich mit stolzen Worten als den neuen Statthalter ankündigte. Balboa, so tief er auch den Undank des Königs empfand und so laut seine treuen Soldaten murrten, unterwarf sich doch gehorsam den Befehlen seines neuen Gebieters, der es sogar für gut fand, ihn für die Anmaßung des seitherigen Kommandos zur Rechenschaft zu ziehen und ihm dafür eine ansehnliche Geldstrafe abzufordern.

Pedrarias konnte übrigens die ungeheuren Reichthümer des Landes gar nicht finden; dagegen litt er Mangel an allen gewohnten Bequemlichkeiten und das ungesunde Klima raffte ihm in Kurzem gegen 600 Menschen weg. Die übrigen, die er nicht zu beherrschen verstand, durchstreiften wie Räuber das Land, plünderten die Wilden und betrugen sich so gewaltthätig, daß alle die schönen Freundschaftsverhältnisse, die Balboa mit den Kaziken gestiftet hatte, augenblicklich gestört wurden.

Ganz gleichgültig konnte indessen Balboa (gleich dem Kolumbus) sein so glücklich begonnenes Werk nicht aufgeben. Er machte durch seine Freunde in Spanien noch einen Versuch auf die Gerechtigkeit des Königs und erhielt wirklich den Adelantado- oder »Unterstatthalterposten« über die Länder an der Südsee. P. Davila mußte ihm vier Brigantinen bewilligen, mit denen er sein Lieblingsprojekt, die Entdeckung von Peru, auszuführen sich beeilte. Aber doch war er nicht schnell genug, der Gewalt seines eifersüchtigen Oberen zu entfliehen. Denn ehe er sich dessen versah, ward er vor den Statthalter gerufen, eines erdichteten Verbrechens beschuldigt und zum Tode verurtheilt. Die ganze Kolonie bat mit einem Munde für ihn; aber um des Begnadigens willen hatte man ihn nicht fest genommen. Die Spanier sahen mit Erstaunen und Schmerz einen Mann öffentlich hinrichten, den sie für den fähigsten aller Befehlshaber halten mußten und der so geeignet war, große Pläne nicht blos zu fassen, sondern auch auszuführen.

 

4. Ferdinand Kortez (1485-1547).

Die Entdeckungsreisen währten unterdessen immer fort. Am weitesten nach Süden kam Juan Diaz de Solis, der 1515 ausgesandt wurde, die vermuthete Durchfahrt in die Südsee zu entdecken. Schon glaubte er sie gefunden zu haben, als er bei näherer Untersuchung merkte, daß es nur ein Strom, der La Plata, war, dessen riesenmäßige Breite von mehr als 30 Meilen freilich seinen Irrthum sehr verzeihlich machte. Bei einem Versuche, in dieser Gegend zu landen, wurde der unvorsichtige Anführer mit mehreren seiner Leute von den feindseligen Wilden erschlagen, gebraten und verzehrt, worauf die übrigen schnell nach Hause zurückeilten.

Andere Spanier hatten von Kuba aus die Küste des großen mexikanischen Reiches besucht und sehr günstige Nachrichten von dem Anbau und den Schätzen dieses Landes mitgebracht. Dies bewog den Statthalter von Kuba, Don Velasquez, einen zuverlässigen Mann dorthin zu senden, der nicht nur so viel Gold als möglich von dorther zurückbrächte, sondern auch ihm, dem Statthalter, die Ehre erwürbe, die Besitzungen des Königs von Spanien beträchtlich vermehrt zu haben. Nach seinem feigen Charakter wünschte er sich zwar einen thätigen, aber nicht allzuklugen und selbstständigen Mann, der nur die Arbeit übernehmen, ihm aber Gewinn und Ehre überlassen sollte. Man schlug ihm dazu einen armen, aber tapfern Offizier Namens Kortez vor. Dieser war ein Feuerkopf, der auf der Universität Salamanka die Rechte studirt, aber nicht Stand gehalten, das Kriegshandwerk ergriffen und dann in Amerika sein Glück gesucht hatte. Obwohl Kortez noch nie ein Kommando besessen, benahm er sich doch beim Einschiffen so verständig und klug, daß Velasquez erstaunte und schon Lust bekam, die Stelle ihm wieder zu nehmen. Kortez merkte dies und machte, daß er mit seinen elf Schiffen fortkam; an einer entfernteren Stelle der Insel hielt er wieder an, um sich mit dem nöthigen Vorrath zu versehen. Velasquez verfolgte ihn und nur die größte Anhänglichkeit und Treue der Seinen rettete ihn vor dem Schicksale des Balboa. Obgleich mit einer Bestallung des Statthalters versehen, handelte Kortez doch nun als Rebell, denn Velasquez hatte ihm jene wieder abfordern lassen.

Am 12. Februar 1519 verließ die Flotte Kuba und steuerte auf Mexiko zu. Die religiösen Vorbereitungen waren auch hier nicht vergessen worden und in allen Fahnen flatterte das heilige Kreuz. Im Namen Christi hofften 617 Mann mit 13 Musketen, 16 Pferden und 14 kleinen Kanonen ein Land zu erobern, das mehrere Millionen Menschen aufbringen konnte!

 

5. Einzug in Mexiko (1519).

Die erste Landung geschah bei dem nachherigen Flecken St. Juan de Ulloa, am 2. April. Als man das Land betreten hatte, fand man allerdings eine weit zahlreichere Bevölkerung und einen höheren Grad von Kultur, als in den besuchten Ländern. Ein besonderes Glück war es, daß man mit den Einwohnern durch eine Indianerin, die sehr schnell das Spanische erlernt hatte, unterhandeln konnte. Im Anfange verschaffte den Spaniern schon ihr bloßes Aeußere, ihre Bärte und Bekleidung Ehrfurcht, und die Wilden waren lange zweifelhaft, ob sie Menschen oder Götter vor sich sähen. Sie sagten aus, daß alle umherwohnenden Völkerschaften einem sehr mächtigen Könige, Namens Montezuma, zinsbar wären, der etwa zwanzig Tagereisen von hier in einer großen Stadt wohnte und einen prächtigen Hofstaat hätte. Montezuma hielt sich Schnellläufer in allen Gegenden seines Reichs, die ihm schnell jeden merkwürdigen Zufall hinterbringen mußten, und durch diese erfuhr er auch die Ankunft der wunderbaren Fremden. In Kurzem erschienen Gesandte von ihm an Kortez, um diesem reiche Geschenke zu bringen und ihn zu fragen, was er begehrte. Kortez nannte sich einen Abgeordneten des großen Königs der Spanier, gesandt, um einen wichtigen Auftrag an die Person des mexikanischen Königs zu bringen. Die Boten eilten davon; aber bald erschienen sie wieder und sagten, ihr Herr ließe den Kortez bitten, das Reich zu verlassen, übersende aber als Zeichen seiner Gesinnung noch reichlichere Geschenke. Kortez aber bestand darauf, den König von Mexiko selber sehen zu müssen, und drang immer weiter vor. Da erschienen die Boten zum dritten Mal mit noch reicheren Geschenken, aber gerade durch diese lockten sie die Eindringlinge, die an keine Rückkehr dachten. Denn Kortez, um sich ganz der Treue seiner Mannschaft zu versichern, hatte sie mit seltener Ueberredungskunst zu dem heldenmüthigen Entschlusse vermocht, alle Schiffe zu verbrennen. Damit hatten sich die 600 Menschen jeden Weg zur Flucht abgeschnitten.

Kortez traf im Vorrücken auf zwei sehr volkreiche und mit Hütten bedeckte Gaue, wovon der eine Tlaskala hieß. Die gute Mannszucht, die er hielt, die Würde, mit welcher die Spanier einherschritten, die Reiter, die man mit den Pferden zusammengewachsen glaubte, besonders aber ein paar wohl angebrachte Kanonenschüsse ? dies Alles wirkte so überwältigend auf die sonst gar nicht feigen Indianerstämme, daß sie es für gerathen hielten, sich gleich unter den Schutz der mächtigen Fremdlinge zu begeben. Nur so glaubten sie sich retten zu können, wenn das ganze mexikanische Reich zu Grunde ginge. Sie brachten den Spaniern Lebensmittel in Ueberfluß, und Kortez ermangelte nicht, sich ihre Oberhäupter durch kleine Geschenke zu verbinden, wobei er aber jede Gelegenheit benutzte, ihnen das Schicksal derer zu zeigen, die ihm untreu würden. So ließ er auf den bloßen Verdacht eines geheimen Anschlages fünfzig Tlaskalanern die Hände abhauen.

Doch dies war nur ein kleines Vorspiel zu einem größeren Trauerspiel. In Cholula, dem nächsten Gau, wohin sie kamen, wurde fast die ganze Bevölkerung niedergemacht, damit die 500 Spanier ihr Leben erhielten. Kortez erfuhr durch seine Dolmetscherin, daß die Cholulaner nur darum so freundlich gethan, um ihn desto sicherer in der Nacht zu überfallen und Mann für Mann zu ermorden. Sogleich bemächtigt er sich der Oberhäupter, hält sie in Gewahrsam und läßt auf ein gegebenes Zeichen seine Soldaten unter die Einwohner einhauen und ihre Häuser anzünden. Sechstausend Menschen sollen bei dieser Gelegenheit ums Leben gekommen sein; die übrigen waren entflohen. Nun eröffnet Kortez den Häuptlingen den Grund seiner Strenge, tadelt sie, läßt sie aber doch wieder frei mit dem Befehl, die Entflohenen zurückzurufen und die Hütten wieder aufzubauen. Sie betrugen sich wie rechtmäßig gestrafte Kinder und waren fortan gehorsam.

Keiner dieser Stämme hing aber so treu an Kortez, als die Tlaskalaner. Diese waren ihm zu Tausenden gefolgt und hatten sich bereit erklärt, mit ihm gegen Montezuma zu fechten. Sie waren dem Könige, der sie vor Kurzem mit Krieg überzogen und unterworfen hatte, nicht gewogen. Welch ein Vortheil für die Spanier! Ihr Heer ward dadurch so ansehnlich verstärkt, daß Kortez kein Bedenken trug, geradezu auf die Hauptstadt selber loszugehen.

Diese zeigte sich ihnen endlich in ihrer ganzen Ausdehnung, mit weißen Häusern und Tempeln, bewundernswürdig genug für ein Volk, das weder Eisen noch Zugvieh hatte. Die Spanier schätzten die Zahl der Einwohner auf 60,000. Die Stadt lag auf einer Insel in einem See, und man konnte nur auf langen Dämmen zu ihr kommen. Kortez passirte einen dieser Dämme sehr vorsichtig und stand mit seinem ganzen Heere in der Stadt, ehe noch Montezuma mit sich einig geworden war, ob er die Fremden als Freunde oder als Feinde behandeln sollte.

Endlich erschien er selbst auf einem Tragsessel, umringt von seinen Großen, die in eine Art kattunener Mäntel gekleidet und zur Freude der Spanier mit Goldblechen reichlich behängt waren. Montezuma staunte die seltsamen weißen und bärtigen Gäste an, begrüßte dann den Kortez sehr höflich, der vom Pferde stieg und ihm ? sehr unbekannter Weise ? einen Gruß vom König der Spanier brachte. Montezuma ward darüber nachdenklich. Er erinnerte sich einer alten Sage, daß seine Ureltern aus Osten gekommen, ihr Anführer aber wieder weggegangen wäre mit dem Versprechen, einst wieder zu kommen und die Gesetze des Landes zu verbessern. Kortez erhielt ihn in diesem Glauben, daß nun die Sage erfüllt würde, und nahm mit den Seinen von einem steinernen Gebäude Besitz, das er unvermerkt zu einer kleinen Festung machte. Geladene Kanonen und die sorgfältigsten Wachen sicherten ihn vor jedem Ueberfall.

So hatten sich 500 Wagehälse (100 waren in einem Fort zu Vera Kruz zurückgeblieben) glücklich bis in die Mitte eines großen Reiches gedrängt, in welchem sie sich entweder als Oberherren behaupten oder bis auf den letzten Mann todtschlagen lassen mußten.

 

6. Montezuma gefangen (1519).

Ist einmal ein kühnes Wagestück begonnen, so kann es nur durch fortgesetzte Kühnheit vollendet werden. Kortez war der Mann, die verwegensten Schritte mit einer Festigkeit zu thun, als handelte die eherne Nothwendigkeit selbst durch ihn. Wollte er der Beherrscher dieses Reiches werden, so mußte etwas Entscheidendes geschehen. Der König selber mußte ihm freiwillig seine Würde abtreten, und um ihn dahin zu bringen, mußte man ihn im Angesicht seines Volkes gefangen nehmen.

Nur die beherzte Seele eines Kortez konnte einen solchen Plan entwerfen, vor dem selbst seine tapfersten Offiziere erschraken; nur eine so kluge Besonnenheit, wie die seine, konnte den Plan glücklich ausführen. Der König hatte ihm schon mehrere Besuche abgestattet und von ihm Gegenbesuche erhalten, als Kortez eines Tages, nach genauer Verabredung mit seinen Soldaten, sich mit seinen besten Offizieren in die Wohnung des Königs begab. Sein erstes Gespräch betraf eine so eben eingelaufene Nachricht, daß ein entfernter mexikanischer Feldherr die in der Kolonie Vera Kruz zurückgelassenen Spanier angegriffen, einen derselben getödtet und dessen Kopf nach der Hauptstadt gesandt habe, um allen Mexikanern zu zeigen, daß diese Fremden eben so gut sterblich wären wie andere Leute. Kortez stellte dem König dieses feindselige Verfahren als eine so ungeheure Beleidigung seines Herrn, des Königs von Spanien, vor und machte ein so ernsthaftes Gesicht, daß dem armen Montezuma angst und bange ward. Er erklärte ferner, der Verdacht geheimer Feindschaft, in den er sich dadurch gesetzt habe, könne nur durch einen ganz ungewöhnlichen Beweis von Vertrauen und Ergebenheit wieder ausgelöscht werden. Montezuma versprach zitternd, er wolle jenen Feldherrn sogleich zurückberufen und ihn den Spaniern zur beliebigen Bestrafung ausliefern. Kortez antwortete, das verstünde sich von selbst, aber damit könne er noch lange nicht zufrieden sein. Es sei kein Mittel, sich in dem Zutrauen der Spanier wieder herzustellen, als daß er sich freiwillig entschlösse, eine Zeit lang mitten unter ihnen zu wohnen. Montezuma erblaßte, nahm sich aber bald wieder zusammen und antwortete wie ein Mann, der seine Würde kennt. Kortez ward immer ernster. Drei Stunden ward hin und her geredet; endlich rief ein rascher spanischer Offizier: »Wozu die Umstände? Fort mit ihm oder stoßt ihn nieder!« Der König erschrak über die Stimme und Geberde des Mannes und fragte die Dolmetscherin, was er gesagt habe. Als er es erfuhr, zitterte er heftiger und nach langem Schwanken ergab er sich. Als er hinausgeführt ward, lief das staunende Volk zusammen; er aber winkte mit den Händen und nahm eine heitere Miene an, um seine Unterthanen glauben zu machen, es sei sein eigener Entschluß. Kortez unterließ übrigens nichts, was dem tief gebeugten Monarchen seinen Zustand erträglicher machen konnte, und begegnete ihm mit ausgezeichneter Höflichkeit. Seine ehemaligen Räthe hatten zu seinem Gefängniß täglich freien Zutritt. Jener mexikanische Feldherr wurde bald nachher mit seinen vornehmsten Offizieren, zum Entsetzen aller Mexikaner, lebendig verbrannt, und das auf einem Scheiterhaufen, den man aus lauter mexikanischen Waffen aufgethürmt hatte.

Um sich der Herrschaft noch gewisser zu versichern, bewog Kortez den König, seine klügsten Räthe abzusetzen und schwächere dagegen anzunehmen. Unter dem Vorwand, ihm einen Begriff von europäischer Schiffbaukunst zu geben, worauf er ihn schon lange neugierig gemacht hatte, ließ er zwei Brigantinen zimmern und in den mexikanischen See stoßen, wodurch er sich schlau genug des ganzen Gewässers um die Stadt versicherte. Endlich, nachdem er den schwachen König durch alle Stufen der Erniedrigung geführt hatte, muthete er ihm geradehin zu, sich für einen Vasallen des Königs von Spanien zu erklären und einen jährlichen Tribut zu entrichten. Bei dieser Forderung brach der unglückliche Mann in Thränen aus. Aber was konnte er jetzt noch verweigern? Die Unterwerfungsformalität, die Kortez so feierlich als möglich einrichtete, ging vor sich, vor den Augen des ganzen Volks, welches darüber in tiefe Trauer gerieth.

Bei allem Unglück hielt den Montezuma noch immer die Hoffnung aufrecht, seine gefürchteten Gäste würden nun bald abziehen, da ihr Auftrag nun ausgerichtet sei. Kortez ließ ihn bei diesem Glauben und sagte, man müsse nur erst die gehörigen Schiffe bauen. Eigentlich wartete er aber nur auf die Verstärkung aus Spanien, wohin er schon vor 9 Monaten Depeschen gesandt hatte. Freilich wußte er nicht, daß diese Depeschen von seinem Feinde Velasquez waren aufgefangen worden, und daß von dorther ein Gewitter gegen ihn heranzog, welches ihn mit einem Schlage um alle Früchte seines Muthes und seiner Klugheit zu bringen drohete.

 

7. Pamphilo de Narvaez.

Velasquez hatte eine Flotte von 18 Schiffen mit 800 Mann Fußvolk, 80 Reitern, 12 Kanonen und vielen Musketen und Armbrüsten unter dem Kommando eines gewissen Narvaez ausgesandt, der den Auftrag hatte, den Kortez in Ketten nach Kuba zu schicken und an seiner Stelle die Eroberungen fortzusetzen.

Kortez versuchte zuerst den Narvaez zu gewinnen; aber dieser junge Held träumte viel zu süß von den Lorbeeren, die er in Mexiko sich erkämpfen wollte, als daß er sie von Kortez sich hätte abkaufen lassen. Also mußte es Krieg sein, und hier galt es nun Sieg oder Tod. Kortez bestellte sein Haus in Mexiko, ließ eine mäßige Besatzung zurück und machte dem Montezuma weis, er reise seinen Freunden entgegen, sich mit ihnen zu besprechen. So zog er mit seiner Hand voll Leute einem wohl fünfmal stärkeren Feinde entgegen.

Es war aber sein Glück, daß Narvaez ein unkluger und tölpischer Mensch war, der weder bei seinen Soldaten, noch bei den Indianern Vertrauen erweckte, so daß ihm jene verdrossen folgten, diese ihm alle möglichen Hindernisse bereiteten. Als nun gar geheime Sendboten von Kortez im Lager des Narvaez herumschlichen und aus Kortez Goldsäcken freigebig Geschenke austheilten, so konnte es nicht fehlen, daß wenigstens schon die Hälfte der Soldaten auf Kortez Seite war, ehe noch eine Schlacht geliefert ward. Aber nicht die Klugheit allein sollte entscheiden; ein angestrengter Marsch brachte die braven, versuchten Krieger des Kortez ihren Feinden schneller auf den Hals, als diese berechnet hatten. In einer stockfinsteren Nacht durchwateten sie den breiten Fluß, der sie noch vom Feinde trennte, und ein schrecklicher Ueberfall brachte die sicher schlummernden so in Verwirrung, daß sie nicht wußten, wo und wie stark der Feind sei. In wenigen Augenblicken war alles schwere Geschütz in Kortez Händen und ward nun gegen Narvaez Heer gerichtet. Dieser fuhr selbst mit blinder Tapferkeit unter die Feinde, ward aber sogleich tödtlich verwundet. Kortez bot Allen, die sich ergeben würden, Pardon an, und so war der Krieg beendet, ehe die Morgenröthe anbrach. Wohlverstärkt mit frischen Truppen und gutem Geschütz stand nun Kortez im Begriff, nach der Hauptstadt zurückzukehren, als eine andere Schreckenspost seinen Geist zu neuen Erfindungen spornte.

 

8. Montezumas Tod (1. Juni 1520).

Der in Mexiko zurückgelassene Offizier hatte Kortez Strenge nachahmen wollen, ohne seine Klugheit zu besitzen, und damit hatte er es sehr schlecht gemacht. So hatte er um eines bloßen Verdachtes willen bei einem festlichen Tanze viele Vornehme überfallen und ermorden lassen. Darüber gerieth die ganze Stadt in Aufruhr und selbst Kortez schnellste Dazwischenkunft konnte die Gährung nicht dämpfen. Es bereiteten sich 60,000 Indianer zur Schlacht, und wie sollten diese 500 Spanier ihnen widerstehen! Kortez zog sich in seine Verschanzung zurück, that einige Ausfälle, verlor aber viele Spanier und wurde selbst an der linken Hand verwundet. In dieser Noth wollte er seine Rettung durch Montezuma versuchen, den er in letzter Zeit sehr vernachlässigt hatte. Er bewog ihn, sich in seinem Königsschmuck oben auf der Mauer zu zeigen; aber sobald der König erschienen war, schrie ihn das wüthende Volk mit Verachtung an und schleuderte einen Hagel von Steinen und Pfeilen auf ihn. Schwer am Kopfe verwundet sank der Unglückliche nieder und starb nach wenigen Tagen.

Die Mexikaner aber zogen täglich mehr Volk aus der umliegenden Gegend in die Stadt und die spanische Verschanzung ward nun mit blinder Wuth täglich berannt. Neben dem steinernen Hause stand ein hoher Thurm, von welchem die Indianer unaufhörlich auf die Spanier Steine herabwarfen. Vergebens waren alle Versuche, sie von diesem Thurme zu vertreiben, bis Kortez selbst, trotz seiner Wunde, sich den Schild an den linken Arm binden ließ und an der Spitze seiner Tapfersten hinaufstürmte. Seine Riesenkraft schmetterte Jeden nieder, der ihm begegnete, aber dennoch floh man nicht. Zwei Mexikanische Jünglinge, nach einem Heldentode dürstend, umfaßten ihn, als er nahe am Rande des Thurmes stand, schwangen sich muthig hinüber und wollten ihn mit sich hinabreißen. Nur seine herkulische Stärke rettete ihn; er rang sich los und so stürzten sie allein hinunter. Nach langer Anstrengung gelang es den Spaniern, Feuer in den Thurm zu werfen, und dies scheuchte die Feinde für dies Mal zurück.

Aber an eine längere Behauptung seines Platzes dachte nun Kortez nicht mehr. Er gab geheime Befehle, und um Mitternacht trat der ganze Haufe in großer Stille den Rückzug an. Die ehrlichen Tlaskalaner sollten den Rückzug decken. Sie waren eben auf dem schmalen Damme zusammengedrängt, als von allen Seiten durch die finstere Nacht ein Hagel von Steinen und Pfeilen auf sie eindrang. Der See wimmelte von Kähnen. Die Bemühung der Spanier, ihre Schätze zu retten, vermehrte noch die tödtliche Verlegenheit dieses gepreßten Haufens. Angst und Verzweiflung kam in die Seele des Tapfersten; man schob und drängte, so gut es gehen wollte. Am Morgen nach dieser schrecklichen Nacht fand Kortez nur noch die Hälfte seiner Leute, und er konnte sich der Thränen nicht enthalten, da er sie musterte. Viele der bravsten Offiziere waren theils erschlagen, theils ertrunken; von den guten Tlaskalanern wurden 2000 vermißt, von denen die Mexikaner viele lebendig gefangen hatten, um sie den Göttern zu opfern. Alles Geschütz und Pulver war verloren, fast alle Pferde fehlten, und von den großen Schätzen war nur wenig gerettet.

Kortez war auch in dieser Noth der einzige Trost und das Vorbild seiner niedergebeugten Soldaten. Er theilte alle Entsagungen und Beschwerden mit ihnen und heiterte sie durch seine Ruhe und Zuversicht auf. Aber noch war nicht das Schlimmste überstanden. Sie hatten ihren Rückzug nach Tlaskala noch nicht lange fortgesetzt, als sie auf einmal von einer Anhöhe herab die ganze weite Ebene vor sich mit Mexikanern bedeckt sahen. Sieg oder Tod konnte auch hier nur die Losung sein. Kortez ließ seinen Soldaten zum Besinnen keine Zeit, sondern führte sie nach einer kräftigen Anrede blindlings ins Treffen. Sie hieben ein, wie Verzweifelte, aber ihre geringe Anzahl verlor sich fast in den unzählbaren Schaaren, von denen sie umringt und beinahe erstickt wurden. Da erblickt Kortez die große Reichsfahne, und plötzlich fällt ihm ein, was er einmal in Mexiko gehört hat, daß von dem Schicksal dieser Fahne der Ausgang jeder Schlacht abhinge. Augenblicklich spornt er sein Pferd und springt mit einigen tapferen Gefährten auf dies Palladium zu. Den, der es trägt, rennt er mit der Lanze nieder, die andern Spanier verscheuchen die übrigen Wilden umher und Kortez trägt die Fahne im Triumph von dannen. Dies sehen und sinnlos entfliehen, war bei den Mexikanern Eins. Die Hülfe kam den Spaniern so plötzlich, daß sie dieselbe auf Rechnung der Heiligen schrieben.

Am folgenden Tage rückten sie in das treue Tlaskala ein.

 

9. Neuer Angriff auf Mexiko.

Sollte mans glauben, daß der so mühsam dem Tode entronnene Mann noch immer darauf bestehen konnte, diese ungeheure Feindesmasse zu bezwingen und ihr ganzes weitläufiges Reich zu erobern? So war es wirklich. Ein stiller Abzug, ohne sein Ziel erreicht zu haben, war so wenig in Kortez Plane, daß er gerade jetzt erst begierig ward, sein Ziel aus allen Kräften zu verfolgen und zu erreichen.

Solche Beharrlichkeit ist freilich nicht Jedermanns Sache. Viele seiner Soldaten schalten ihn einen Tollkühnen, dem sein Leben nichts werth sei, und waren höchst unzufrieden mit seinen neuen Entwürfen. Viele Gemüther lenkte er dadurch um, daß er sie zur Rache gegen diese »heidnischen Hunde« entflammte; Andern gab er Beschäftigung, indem er sie in den Wäldern von Tlaskala Holz zum Schiffbau fällen und zimmern ließ; noch Andere machte er wieder muthig, indem er mit ihnen die einzelnen Feindeshaufen verfolgte und plünderte, die sich noch in der Gegend sehen ließen. Ein Vertrauter war längst nach Hispaniola abgeschickt, um Pulver und Gewehre zu kaufen und Abenteurer anzuwerben, als das Glück ihm unerwartet Verstärkung zuführte.

Es kamen zwei Schiffe aus Kuba, welche dem Narvaez, der längst verscharrt war, Mund- und Kriegsvorräthe zuführen sollten. Der bekannten Ueberredungskunst des Kortez war es ein Leichtes, Mannschaft und Ladung für sich zu erobern. Das gelang ihm auch mit einem Kauffahrteischiff, welches mit Waaren beladen des Handels wegen angesegelt kam. Aber noch mehr; es erschienen bald darauf wieder drei Schiffe, die vom Statthalter von Jamaika auf Entdeckungen ausgesandt waren, aber nichts hatten ausrichten können. Mit Freuden ließen sich auch diese anwerben und traten in Kortez Dienste über.

Dieser dankte nun alle Unzufriedenen aus Narvaez Heere ab und schickte sie nach Vera-Kruz; mit den übrigen aber (550 Mann, 40 Pferden, 80 Musketen und Armbrüsten und 9 Kanonen) trat er fröhlichen Muthes den 28. Dezember seinen Marsch nach Mexiko wieder an, von 10,000 Tlaskalanern begleitet, welche die vielen gezimmerten Bretter und Balken trugen, aus denen er am Ufer des mexikanischen Sees seine neuen Schiffe zusammensetzen wollte.

Dies Zusammensetzen hielt ihn mehrere Monate auf. In dieser Zeit bewarb er sich mit großer Klugheit um die Freundschaft der benachbarten Gaue. Dann ließ er die Wasserleitungen, die nach der Hauptstadt führten, zerstören. Um ganz sicher zu gehen, schloß er die Stadt von drei Seiten ein und operirte nun langsam und vorsichtig; denn der jetzt herrschende König Guatimozin, ein Neffe Montezumas, war ihm als ein sehr kluger und beherzter Mann bekannt. Endlich setzte er auf den 3. Juli einen Hauptsturm fest. Der Plan war mit großer Ueberlegung entworfen, jeder Offizier erhielt seinen Posten, und um im schlimmsten Falle einen sicheren Rückzug zu haben, erhielt einer der neu hinzugekommenen Offiziere den Befehl, die Brücke auf dem Damme, den sie passiren mußten, zu decken. Dieser leichtsinnige Mensch aber, welcher sich einbilden mochte, er werde bei der Plünderung zu kurz kommen, wenn er draußen die Brücke hütete, vergaß allen Gehorsam und mischte sich hitzig unter die Fechtenden. Guatimozin bemerkte sogleich den Fehler und ließ die Brücke abbrechen. Die Spanier indessen, nachdem sie bis zum Einbruch der Nacht gefochten hatten, aber zuletzt der Menge nicht widerstehen konnten, suchten ihr Heil in der Flucht. Aber ach! wie sollten sie entfliehen? Das Gedränge über den Damm war so groß, daß die Vordersten haufenweise in die Oeffnung hineingestoßen wurden, und so mit ihren Leibern eine Brücke bildeten. Während dieser Stopfung ergriffen die Mexikaner die Hintersten, die nicht vorwärts konnten, und führten vierzig derselben lebendig nach dem Tempel, schlitzten ihnen den Leib auf, rissen ihnen das Herz aus und opferten es den Göttern. Die geretteten Spanier sahen mit Grausen aus der Ferne diesem teuflischen Opferfeste zu; sie sahen, wie die freudetrunkenen Mexikaner jubelnd in dem hell erleuchteten Tempel tanzten, und glaubten die brüllenden Schlachtopfer an den Stimmen zu erkennen. Ihr Haar sträubte sich empor; aber Kortez sann auf einen neuen Sturm.

 

10. Mexiko erobert (1521, 13. August).

Die Spanier hatten 60 Mann eingebüßt; Kortez verschanzte sich und verhielt sich eine geraume Zeit ganz stille, um die Prophezeihung der heidnischen Priester zu Schanden zu machen, als würden die Spanier binnen acht Tagen vertilgt sein. Der gänzliche Mangel an eisernen Waffen, welche die Mexikaner nicht kannten, die Hungersnoth in der Stadt, in welcher drei Viertheile der Häuser verbrannt waren, und die Treulosigkeit der umwohnenden Stämme ? diese Umstände machten es 500 europäischen Abenteurern möglich, ein großes Reich umzustürzen, das vielleicht ein Jahrhundert lang der Schrecken seiner Nachbarn gewesen war. Als Guatimozin sah, daß keine Rettung möglich war, floh er. Er wurde aber eingeholt und vor Kortez gebracht. »Ich habe gethan ? sprach er mit Würde ? was einem König geziemte; ich habe mein Volk auf das Aeußerste vertheidigt. Jetzt bleibt mir nichts übrig als der Tod. Fasse diesen Dolch und stoße ihn mir ins Herz!«

Er blieb gefangen. Gleich darauf ergab sich auch die Stadt. Die Soldaten, welche eine unermeßliche Beute gehofft, fanden sich aber sehr getäuscht. Sie meinten, die Besiegten hätten aus Rachsucht ihre Schätze in den See geworfen, und waren barbarisch genug, viele der Vornehmsten auf die Folter zu spannen, um die Stellen zu erforschen, wo das meiste Gold versenkt sei. Auch der edle Guatimozin, sagt man, ward entkleidet, gefesselt und neben seinem Vertrauten auf glühende Kohlen gelegt. Er hatte nichts zu gestehen und schwieg, während sein minder standhafter Unglücksgenosse sich wimmernd und zuckend den Unglücklichsten der Menschen nannte. Tadelnd sagte Guatimozin mit spartanischer Selbstbeherrschung: »Liege ich denn auf Rosen?«

Kortez kam dazu, schämte sich des unwürdigen Anblicks und befreiete die Leidenden.

 

11. Kortez Tod (2. Dezember 1547).

So hatte der große Eroberer von Mexiko glücklich sein Ziel erreicht. Aber sein Feind Velasquez in Kuba hatte nichts unterlassen, was den Zorn des Königs (Karl V.) gegen ihn reizen konnte, und so erschien denn, eben als die Eroberung des Reiches völlig beendet war, ein königlicher Kommissär, Don Tapia, mit weitläufigen Vollmachten versehen, um den Kortez gefangen zu nehmen, sein Vermögen einzuziehen und sein Verfahren zu untersuchen.

Don Tapia war ein einfältiger Mensch, den Kortez auf den ersten Blick durchschaute. Dieser stellte sich ehrerbietig gegen ihn, sprach mit der tiefsten Ehrfurcht von dem König und machte den guten Mann so verwirrt, daß er gar nicht wußte, wie er ihm billigerweise beikommen sollte, und am Ende wieder davonging. Kortez wandte sich nun selbst mit einer treuen Erzählung seiner Thaten und einem reichen Geschenk an den König, und bat um die wohlverdiente Statthalterschaft Karl V., selbst ein unternehmender Kriegsmann, ward von gerechter Bewunderung der Thaten des Helden hingerissen und bewilligte seine Bitte.

Kortez ließ darauf Mexiko wieder aufbauen, die Ländereien vertheilen und die Bergwerke untersuchen. Die Indianer wurden wie Sachen unter die Spanier vertheilt und mußten in den Goldminen harte Sklavenarbeit thun, der sie bald unterliegen sollten. Vor dem Eingange jedes Schachtes lagen die Leichname der entseelten Mexikaner zu Hunderten und verpesteten die Luft, während von den vielen Geiern, die sich nach diesen reichen Futterplätzen drängten, die Erde von fern wie mit einem schwarzen Tuche bedeckt schien. Jede Empörung, durch welche die gekränkte Freiheit ihre Menschenrechte wieder herzustellen suchte, ward als Sklaventrotz angesehen und fürchterlich bestraft. In einer einzigen Provinz wurden einmal 60 Kaziken und 400 mexikanische Edle verbrannt und ihre Weiber und Kinder zum Anblick dieses höllischen Schauspiels gezwungen. Auf einen geringen Verdacht hin wurde auch der edle Guatimozin, und mit ihm die sonst den Spaniern so treuen Kaziken von Tazeuko und Tabuka, gehängt, welche dem Kortez hatten Mexiko erobern helfen.

Ganz allein ward indessen dem Kortez die Einrichtung des eroberten Landes nicht überlassen. Es ward ihm von Spanien aus eine Regierungskommission zugeordnet, mit der sich aber der freie Herrschergeist dieses außerordentlichen Mannes nicht wohl vertragen konnte. Die Klagen und Anschwärzungen bei Hofe fingen nun wieder an und es erschienen fortwährend neue Abgeordnete, welche den Statthalter vor ihren Richterstuhl zogen. Zu stolz, sich in dem Lande, das der Schauplatz seiner Wiege gewesen war, einem schimpflichen Verhör zu unterwerfen, wollte er lieber selbst sich vor dem Könige stellen. Er erschien 1528 in Spanien mit einer Pracht, die seiner Würde angemessen war, und hatte eine Reihe mexikanischer Edlen in seinem Gefolge. Karl empfing ihn mit Auszeichnung und überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen; aber ihn ganz unbeschränkt zu lassen, wagte er doch nicht mehr. Er unterwarf die bürgerliche Regierung von Mexiko einem eigenen Kollegium und überließ dem Kortez nur das Militär und die Sorge für weitere Eroberungen.

Mißmuthig kehrte dieser zurück und zerstreute sich durch neue Feldzüge. Nach unendlichen Mühseligkeiten entdeckte er 1536 die große Halbinsel Kalifornien und nahm den größten Theil des Golfs, der sie vom Festlande trennt, in Augenschein. Im Jahre 1540 reiste er abermals nach Spanien, fand aber die Stimmung am Hofe sehr verändert. Der König Philipp schien von seinen Verdiensten gar nichts zu wissen, die Günstlinge und Minister hielten ihn mit höflichen Worten hin, und so starb er, wie Kolumbus, in Trauer und Gram über den Undank seines Herrn im 62. Jahre seines Alters.

 

Die Portugiesen in Ostindien.

 

1. Eduard Pacheco Pereira.

Während der Bemühungen der Spanier in Amerika waren die Portugiesen in Ostindien auch nicht müßig gewesen. Kabral hatte theils die Macht des Zamorins von Kalikut an sich sehr groß, theils aber auch den Einfluß der dort handelnden Muhamedaner so bedeutend gefunden, daß der König Emanuel entweder den indischen Handel ganz aufgeben oder eine Macht hinschicken mußte, die dem Zamorin sammt seinen Muhamedanern Trotz bieten konnte. Er wählte das Letztere. Im März 1502 wurde der wackere Gama mit 20 Schiffen ausgesandt, mit denen er sich und dem portugiesischen Namen bald Respekt verschaffte. Er beschoß die Hauptstadt Kalikut einen ganzen Tag lang und nahm mehrere sarazenische Schiffe weg, auf denen er eine so reiche Beute, namentlich an Gold, Perlen und Edelsteinen fand, daß er für seine Fahrt überflüssig belohnt nach Lissabon zurückkehrte, wo er am 1. September 1503 ankam.

Noch vor seiner Rückkehr segelten schon wieder zwei kleinere Flotten nach Indien. Diese fanden den Zamorin von Kalikut beschäftigt, seinen Nachbar, den Beherrscher von Kochim, für seine feste Anhänglichkeit an die Portugiesen zu züchtigen. Schon hatte er ihn aus seinem Reiche verjagt, als jene ankamen und ihn zurücktrieben. Der Beherrscher von Kochim ward nun wieder in sein Reich eingesetzt. Aus Dankbarkeit erlaubte er den Portugiesen, ein kleines hölzernes Fort an seiner Küste zu bauen, und das ist die erste Niederlassung der Portugiesen in Ostindien. Nachdem die beiden Flotten sich mit indischen Gütern reich beladen hatten, dachten sie auf den Rückzug. Aber was sollte aus dem Fort werden? Zu dessen Vertheidigung blieb ein Mann von ausgezeichnetem Heldenmuth, Eduard Pacheco Pereira, mit zwei Schiffen und 150 Mann zurück und verrichtete dort Thaten, die ans Wunderbare grenzen.

Kaum waren nämlich die beiden Flotten abgesegelt, so erschien der Zamorin von Kalikut schon wieder mit seiner ganzen Kriegs- und Seemacht, um diesmal den Beherrscher von Kochim ganz zu vertilgen. Auch hatte er Schießgewehre (die Muhamedaner hatten ihn damit versorgt) und 50,000 Soldaten. Er sah das kleine Fort und dabei zwei kleine Schiffe, nur von einer Handvoll Menschen besetzt. Welch ein Verhältniß! Aber Pereira wußte sich zu helfen; er machte Ausfälle, wenn es die Feinde am wenigsten meinten, stellte seine Truppen immer so geschickt, daß sie vor Umzingelung gedeckt waren, und schlug so tapfer drein, daß die Soldaten des Zamorin ihm nicht beikommen konnten. Auch schossen die Portugiesen mit ihren Kanonen viel sicherer, als die ungeübten Feinde. Aber wunderbar bleibt es immer, wie der brave Pereira sich fünf Monate lang halten konnte! Da endlich erschien Hülfe aus Portugal. Pereiras That erregte so allgemeine Bewunderung, daß man ihn bei seiner Rückkehr nach Lissabon mit lautem Jubel empfing und ihn in feierlicher Prozession in die Domkirche führte, wo ihm der Bischof eine herrliche Lobrede hielt.

Auch Pereira gehörte zu den uneigennützigen Helden, denen am Ruhme genügt; er hatte ein ansehnliches Geschenk des dankbaren Beherrschers von Kochim ausgeschlagen und blos um ein schriftliches Zeugniß seiner dort verrichteten Thaten gebeten. Der König von Portugal gab ihm einen Kommandantenposten auf Guinea, lieh aber bald den Feinden des Helden sein Ohr und ließ ihn in Ketten werfen. Als die Unschuld Pereiras an den Tag kam, ward er zwar in Freiheit gesetzt, aber an eine Belohnung seiner vormaligen Verdienste dachte Niemand.

 

2. Franz von Almeida.

So klein Pereiras hölzernes Fort auch sein mochte, so hatten doch die Portugiesen nun in Ostindien festen Fuß gefaßt und dachten daran, sich weiter auszubreiten. Die nächste Flotte, welche ausgerüstet ward, bestand schon aus 36 Schiffen und hatte Befehl, nicht zurückzukehren, sondern die neuen Ansiedelungen zu decken. Ihr Führer, Don Franzesko de Almeida, empfing das erste Diplom eines indischen Unterkönigs und machte seiner neuen Würde Ehre. Er benahm sich so, als wenn ganz Indien sein wäre, und that auch alles Mögliche, es wirklich dahin zu bringen. Er bauete mehrere Festungen, setzte Waarenpreise fest und richtete Marktplätze ein, von denen er die Muhamedaner gänzlich ausschloß. Nicht zufrieden mit der Küste Malabar, segelte er 1506 nach Ceylon und verband diese fruchtbare und reiche Insel durch Handelsbündnisse mit Portugal. Sein Hauptplan ging auf die völlige Herrschaft des Meeres; darum versuchte er, den arabischen und persischen Meerbusen zu sperren. Nun rüsteten aber auch die Muhamedaner, besonders der Sultan von Aegypten, der sich mit den Venetianern verband; denn allen thaten die Portugiesen Abbruch. Allein sie kamen zu spät, denn ihre Gegner hatten ihre Macht schon zu fest in Ostindien begründet.

 

3. Alfons Albuquerque.

Dem tapfern Almeida folgte in dem Unterkönigsposten Alfons Albuquerque, ein außerordentlicher Mann, der den größten Helden seines Jahrhunderts mit Recht beigezählt wird. Er steigerte die Macht der Portugiesen auf das Höchste. Schon bevor er Vizekönig war, hatte er ein kleines Geschwader kommandirt, mit welchem er die Muhamedaner aus dem arabischen und persischen Meerbusen hatte verjagen sollen. Er aber hatte damit etwas viel Größeres vollbracht, nämlich die Insel Ormus, den allgemeinen Stapelplatz der persischen, arabischen und ägyptischen Kaufleute, weggenommen. Der bisherige König dieser Insel hatte dem Schah von Persien einen Tribut erlegen müssen; bei ihrer nächsten Ankunft verwies er die persischen Gesandten an die Portugiesen. Albuquerque gab ihnen Degenspitzen und Kanonenkugeln mit dem Bescheid, das sei die Münze, in welcher die Portugiesen Tribut zu zahlen pflegten. Schon hatte er auf einer Landspitze ein Fort erbaut, welches die beiden vortrefflichen Häfen der Insel bestrich, als Neid und Eifersucht der Seinen ihn mitten aus seinen glücklichsten Unternehmungen abriefen, so daß er die ganze schöne Eroberung wieder den Muhamedanern überlassen mußte. Doch schwur er im Weggehen, er wolle sich nicht eher den Bart abnehmen lassen, als bis er Ormus wieder gewonnen habe.

Als er bald darauf Unterkönig wurde und nun völlig freie Hand bekam, überließ sich sein großer Geist den kühnsten Entwürfen zur Begründung einer unbeschränkten Herrschaft über das Meer und alle Zugänge von Indien. Zuerst dachte er auf einen bequemen Mittelpunkt dieser Herrschaft und erwählte Goa dazu. Denn Kochim, die bisherige Niederlassung der Portugiesen, hatte keine so günstige Lage zum Handel, und Kalikut schien einmal mehr zur Vertilgung, als zur Eroberung bestimmt. Daß Goa bereits seinen Herrn hatte ? es gehörte dem Könige von Dekan ? kam wie gewöhnlich in keinen Betracht. Albuquerque eroberte es beim zweiten Angriff (1510), erhob es zur Hauptstadt des portugiesischen Indiens und versah den trefflichen Hafen der Stadt, mit furchtbaren Festungswerken. Demüthig bewarben sich jetzt die kleineren indischen Könige um die Gunst der Portugiesen und selbst das hartnäckige Kalikut erkannte 1514 die Oberhoheit des Königs von Portugal an.

Von Goa aus verbreitete nun Albuquerque seine Herrschaft immer weiter. Des wichtigen Handels von Ceylon versicherte er sich völlig; dann zog er nach Malakka, und eroberte es 1511 nach einem hitzigen Gefecht, worin er selbst mit dem Degen in der Hand eine Brücke erstürmte. Er machte dort ungeheure Beute, erbaute eine Festung und empfing daselbst Gesandtschaften aus Siam, Pegu, Java und Sumatra, deren Beherrscher seine Freundschaft suchten. Ein Theil der Flotte drang noch weiter vor und eroberte das Vaterland der feinsten Gewürze, die Molukken-Inseln. Alle diese Länder des reichen Indiens waren zahlreich von einem munteren Völkchen bewohnt, das viele Ueberreste einer früheren Bildung bewahrte, jetzt aber unter dem Drucke despotischer Regierungen erschlafft und aufgelöst war.

Nun erst nahm Albuquerque seinen alten Plan wieder auf, Ormus wegzunehmen und dadurch den Muhamedanern den Weg nach Indien ganz zu verschließen. Sein schneeweißer Bart war unterdessen so lang geworden, daß er ihm bis über den Gürtel hinabreichte. Er rückte 1515 vor die Stadt; seine Portugiesen thaten Wunder der Tapferkeit, im Sturm ward sie eingenommen. Diese Eroberung beschloß die lange Reihe glänzender Thaten, welche der Held in so kurzer Zeit vollbracht hatte; denn als er nach Goa zurücksegeln wollte, erhielt er von seinem Könige ? seine Entlassung. Und noch hätte ihn dieser Schlag nicht so sehr geschmerzt, wäre nicht ein Mensch zu seinem Nachfolger bestimmt worden, den er selbst einmal, zur Strafe nach Portugal zurückgejagt hatte. Schon entkräftet von einer gefährlichen Krankheit, empfing er durch diese Nachricht vollends den Todesstoß. Mit zitternder Hand schrieb er noch auf dem Schiffe an den König: »Sennor! Dies ist der letzte Brief, den ich an Ew. Hoheit in tödtlichen Zuckungen schreibe, nachdem ich so viele in voller Kraft des Lebens geschrieben habe, dieses Lebens, das ich bis zur letzten Stunde eifrig und willig zu Ihrem Dienste zu erhalten gestrebt. Im Königreiche habe ich einen Sohn, er heißt Blas de Albuquerque. Ich flehe Ew. Hoheit an, ihn so groß zu machen, als es meine Dienste werth sind. Was Indien betrifft, so wird es selbst für sich und mich sprechen.« ? Er wollte gern Goa noch einmal sehen; er sah es und entschlummerte kurz vorher, ehe sein Schiff in den Hafen einlief (1515). Seine Soldaten meinten, ihr Vater wäre gestorben; die Bewohner der von ihm bezwungenen Städte verdankten ihm die Einführung einer guten polizeilichen Ordnung und besserer Gesetze; die besiegten Völker rühmten dankbar seine Menschlichkeit und Mäßigung. Selten mag es einen Helden gegeben haben, in dem so viel Stärke mit Herzensgüte vereinigt war. Viele Jahre nach seinem Tode wünschte man seine Gebeine in Lissabon zu haben; aber die Einwohner von Goa konnten nach langem Streit nur durch eine päpstliche Bulle bewogen werden, die theuren Ueberreste des großen Statthalters herauszugeben.

 

Die Spanier in Peru (1526).

 

1. Pizarro.

Seit Balboas kühnen Zügen richtete der Golddurst seine Augen unaufhörlich nach jenem Lande, das, nach allen Aussagen der Indianer, des Goldes Vaterland sein sollte. Der nichtswürdige Mörder des Balboa, Pedrarias, war aber zu feig, um selbst eine Unternehmung zu wagen, und zu eifersüchtig, um Andern Vorschub zu leisten. So unterblieben alle Versuche, bis sich zuletzt ein Triumvirat zusammen fand, das sich erbot, auf eigene Kosten eine Reise in jenes Land zu unternehmen. Dies konnte der Statthalter nicht verhindern.

Der Erste unter den Dreien, dem es beschieden war, große und glänzende Thaten eines Alexander zu vollbringen, war früher ein armer Sauhirt gewesen; Franz Pizarro war sein Name. Als Bastard eines hartherzigen Edelmannes und einer gemeinen Dirne war er früh in die Fremde gestoßen worden, und im Kampf mit dem rauhen Schicksal hatte er nichts von den zärtlichen, geselligen Empfindungen eingesogen, welche diejenigen Kinder mit in die Welt nehmen, die aus einem wohlgeordneten Vaterhause und aus den Armen einer liebevollen Mutter ins Leben übergehen. Daher finden wir in Pizarros ganzem Leben keine Spur von Wohlwollen und treuer Liebe. Nachdem er als Knabe die Schweine gehütet, trieb ihn sein feuriger Geist in den Krieg nach Italien und zuletzt nach Amerika, wo er mit Kortez und Balboa bekannt wurde. Den Letzteren hatte er auf seinen Zügen begleitet und schon damals hatte er ausgezeichnete Proben von Verstand und Tapferkeit abgelegt.

Nicht viel geringere Talente, doch etwas mehr Gutmüthigkeit, besaß sein Waffenbruder Diego del Almagro, der seine eigenen Eltern nicht einmal anzugeben wußte. Der dritte Mann im Kleeblatt war ein Priester, Hernando de Luque, der das Geld zum Zuge hergeben wollte, das er sich in der neuen Welt zusammen gewuchert hatte; man hatte ihm das erste Bisthum in Peru versprochen.

Almagro wandte gleichfalls sein ganzes Vermögen an das Unternehmen, und Pizarro, der nichts hatte, erbot sich dafür, das schwerste Geschäft, den Anführerposten, zu übernehmen. Almagro sollte ihm von Zeit zu Zeit Hülfe zuführen und die Beute sollte unter alle Drei gleich vertheilt werden. Der Vertrag ward auf eine geweihte Hostie beschworen, von welcher jeder der drei Kontrahenten ein Stück verzehrte, worauf Luque noch eine feierliche Messe las.

Am 14. November 1525 segelte hierauf Pizarro mit einem Schiff und 113 Mann ab. Er hatte gerade die ungünstigste Witterung getroffen und kam in 70 Tagen kaum so weit, als jetzt ein Seemann in 70 Stunden kommt. Die ganze Fahrt ging so langweilig von Statten, man ward so oft genöthigt, auf kleinen Inseln Monate lang um der Kranken willen still zu liegen, daß sicherlich aus dem ganzen Zuge nichts geworden wäre, hätte nicht Almagro sich fleißig mit Mannschaft und Lebensmitteln eingestellt und wäre nicht Pizarro selbst ein Mann von so unbeugsamem Charakter gewesen. Pizarros Unternehmungslust wuchs mit den immer größer werdenden Schwierigkeiten. Erst am Ende des Jahres 1526 langte er an der peruanischen Küste an. Er fand aber das Land so bevölkert und bebaut, daß er nicht daran denken konnte, mit seiner geringen Mannschaft sich hier fest zu setzen. Er handelte daher von den Wilden blos eine Menge goldener und silberner Gefäße für europäische Kleinigkeiten ein und nahm ein Paar junge Peruaner mit, die er im Spanischen unterrichten lassen wollte, um sie künftig zu Dolmetschern gebrauchen zu können. So kam er nach drei mühseligen und fast unnütz verbrachten Jahren 1527 in Panama wieder an.

Da von dem Statthalter noch immer keine Unterstützung zu erlangen war, so reiste er geradezu nach Spanien, trat vor den König Karl und machte diesem von seinen überstandenen Drangsalen eine so rührende, von den Reichthümern Perus eine so reizende Schilderung, daß der König, dem es ohnehin nur einen Titel kostete, den kühnen Mann sogleich zum Statthalter des zu erobernden Landes ernannte und ihm freie Vollmacht ertheilte, seine Offiziere und andere Beamten selbst zu wählen. Dafür versprach Pizarro, die Kosten der Unternehmung mit seinen Freunden ganz allein zu tragen. Kortez, der sich gerade damals in Spanien befand, hörte nicht sobald von seinem Unternehmen, als er seinem alten Kriegsgefährten sogleich eine beträchtliche Summe vorschoß und ihm mit seinem besten Rath an die Hand ging.

Die Reise ward 1529 mit drei Schiffen und 180 Mann angetreten. Nach 13 Tagen landete Pizarro an der peruanischen Küste. Im Vertrauen auf seine Kanonen und Musketen und auf seine 36 Pferde, welche den Eingeborenen eine wunderbare Erscheinung waren, wandte er keine von Kortez Klugheitsmaßregeln an, sondern brach wie ein beutegieriger Löwe in die schüchternen Horden ein. Die Indianer wurden verscheucht und ihre Hütten geplündert, in denen sich Gold in ungeheurer Menge fand. Als dies Letztere bekannt wurde, ward es dem Almagro in Panama leicht, eine Menge frischer Rekruten anzuwerben und nachzuschicken. Am Flusse Piura ward hierauf die erste Kolonie angelegt, welche man St. Michael nannte.

Bei einem so ungestümen Verfahren wäre es wohl unmöglich gewesen, ein volkreiches Land, das sich gegen 300 Meilen längs der Seeküste erstreckte, mit einigen hundert Menschen in so kurzer Zeit zu erobern, wenn nicht zu eben dieser Zeit ein innerer Zwist das Reich gespalten hätte. Kurz vor der Ankunft der Spanier war der König ( Inka, auch Sohn der Sonne genannt), Namens Huana Kapak, gestorben, der als ein kriegerischer Mann das benachbarte Quito erobert und eine Tochter des Königs von Quito geheirathet hatte. Dieses war freilich wider das Gesetz, denn er hatte bereits eine Gemahlin. Von seiner ersten Frau hatte er einen Sohn Huaskar, von seiner zweiten Frau einen jüngeren Atahualpa. Nach des Vaters Willen sollten sich beide Söhne in die hinterlassenen Länder theilen; aber das wollte Huaskar nicht, und so gährte das unglückliche Reich in vollem Bürgerkriege. Atahualpa, dem das Heer seines Vaters zu Gebote stand, hatte soeben seinen Stiefbruder gefangen bekommen und alle übrigen Sprößlinge aus dem Geschlechte der Inkas ermorden lassen.

Diesem Zwiespalt verdankte es Pizarro, daß man ihn so tief eindringen ließ, ohne ihm Widerstand entgegen zu setzen. Huaskar, sobald er von den neuen Ankömmlingen gehört hatte, schickte sogleich hülfebittende Gesandte an die Spanier. Atahualpa, dem dabei nicht wohl zu Muthe war, schickte gleichfalls Boten an Pizarro und suchte durch reiche Geschenke seine Freundschaft zu gewinnen. Dem Atahualpa ließ Pizarro sagen, er sei geneigt, ihm beizustehen, nur müsse er ihn erst sprechen, denn er sei der Abgesandte eines großen Königs und habe ihm wichtige Dinge zu eröffnen. Er ging ihm auch sogleich nach Kapamalka entgegen, einem peruanischen Flecken, in welchem man einige seltsame steinerne Gebäude, dem Anschein nach einen Sonnentempel und einen Palast, neben einander fand. Pizarro verwandelte mit einiger Nachhülfe diese festen Steinmassen in eine Verschanzung, ließ einen Graben davor ziehen und pflanzte seine zwei Kanonen vor den Eingang hin.

 

2. Atahualpa gefangen (1532).

Pizarro hatte sich den Kortez zum Muster genommen; ihm in der Gefangennehmung des Montezuma nachzuahmen, war sein heißester Wunsch, und die vertrauensvolle Gutmüthigkeit des Inka machte ihm die Ausführung leicht.

Auf Pizarros freundschaftliche Einladung hatte der Inka ihm einen Besuch versprochen und erschien auch wirklich mit einer Pracht und einem so wohlgeordneten, feinbekleideten Hofstaat, daß die Spanier ihn nicht ohne Bewunderung betrachten konnten. Auch was er sagte, war so verständig, daß ein Menschenfreund große Freude über diese achtungswerthen Halbwilden empfunden haben würde. Pizarro dagegen sah nur sein Gold und wie hätte er den Atahualpa achten können, da dieser ein Heide war? Es erfolgte jetzt eine der scheußlichsten Scenen, welche die Geschichte kennt.

Pizarros Feldpater, Vincenz Valverde, trat hervor und hielt eine seltsame Anrede in spanischer Sprache an den Inka, worin er ihm die Geschichte in der Schöpfung, von dem Sündenfall, der Menschwerdung, dem Leiden und der Auferstehung Christi, ferner von der Ernennung des heiligen Petrus zum Statthalter Jesu Christi, vom Papste u. s. w. vorerzählte und ihn dann aufforderte, sich dem christlichen Glauben, dem Papst und dem König von Spanien zu unterwerfen. Darauf bedrohete er ihn mit schrecklichen Strafen, wenn er sich weigern würde.

Es konnte unmöglich Alles in peruanischer Sprache dem Inka klar gemacht werden. Was jedoch Atahualpa von der unvernünftigen Rede verstehen konnte, beantwortete er mit großer Vernunft und Mäßigung. Der Pater gerieth darüber vermöge seiner Dummheit in Wuth, schlug immer auf sein Brevier und schrie: »Da stehts! da stehts!« Ruhig nahm der Inka das Buch, hielt es ? unbekannt mit europäischer Schreibkunst ? ans Ohr und sagte: »Es schweigt, es sagt mir nichts,« und warf es gleichgültig zur Erde. »Ha, verfluchter Heide!« rief bei diesem Anblick der Pfaff, ? »so verhöhnst du Gottes Wort? Christen, habt ihrs gesehen? Auf, zum Gewehr, zum Gewehr! Rächet diese Entheiligung an diesen ruchlosen Hunden!« Pizarro winkte und im Augenblick waren alle Säbel entblößt, die Peruaner an der Seite des Inka wurden niedergehauen, er selbst von Pizarro fortgeschleppt, indeß draußen die beiden Kanonen losgebrannt wurden, die mehr durch das plötzliche Aufblitzen des Feuers und den entsetzlichen Knall, als durch ihre verheerenden Wirkungen, Schrecken und Flucht verbreiteten. Ein Heer von vielleicht 30,000 Menschen, das in der Ebene zerstreut stand, ward so von ein paar Schüssen verscheucht, wie ein Fliegenschwarm durch einen Schlag auf den Tisch. Aber der Fanatismus der Spanier war mit diesem Triumph noch nicht zufrieden. Die Reiterei schwang sich auf die Pferde, setzte den Fliehenden nach und metzelte so lange unter den Indianern, als es der Tag erlaubte. Man rechnet auf 4000 Peruaner, die an diesem Tage ermordet sein sollen. Die Beute an Gold und Silber war unermeßlich.

 

3. Atahualpas Tod (1533).

Der unglückliche Inka, den die erste Ueberraschung in eine dumpfe Erstarrung versetzt hatte, sah sich bei seinem Erwachen mit unaussprechlicher Angst von seinen Freunden verlassen, mitten im Kreise der furchtbaren Fremdlinge, die sich an seinem Anblick weideten. Er weinte, er zitterte und wußte nicht, was er thun, was er sagen sollte. Als er aber sah, mit welcher Gier die Spanier in dem erbeuteten Golde wühlten, erbot er sich, ihnen von diesem Zierrath (denn weiter hatte das gelbe Metall für ihn keinen Werth) das ganze Zimmer voll, so hoch man reichen könne, zu verschaffen, wenn man ihn dafür in Freiheit setzen wolle. Die Spanier erstarrten fast vor freudiger Bestürzung bei diesem Versprechen. Pizarro hielt ihn beim Wort, zog in der angegebenen Höhe einen schwarzen Strich um alle vier Wände des 22 Fuß langen und 16 Fuß breiten Zimmers und gab ihm sein Wort, daß er ihn ganz gewiß frei lassen wolle, wenn er sein Versprechen erfülle.

Es wäre den Peruanern, nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, ein Leichtes gewesen, noch jetzt die wenigen Spanier zu überwältigen, aber die Liebe zu ihrem gefangenen Könige war so groß, daß sie um seinetwillen die furchtbaren Feinde lieber gar nicht reizen wollten. Sie beeiferten sich dagegen, die von ihm verlangten goldenen Gefäße aus allen Häusern und Tempeln des ganzen weiten Reichs zusammen zu holen und alle Tage kamen einige selbst aus den entferntesten Gegenden mit ihren Schätzen an. Huaskar, der noch von Atahualpas Leuten gefangen gehalten wurde, hörte nicht sobald von diesen Dingen, als er dem Pizarro noch mehr versprechen ließ, wenn er ihn frei machen wolle. In dieser mißlichen Lage blieb dem geängstigten Atahualpa kein Ausweg übrig, als seinen Stiefbruder ermorden zu lassen. Nichts hätte dem Pizarro erwünschter sein können, als diese Mordthat, denn sie gab ihm einen herrlichen Vorwand, sein Wort zu brechen. Als nämlich nach langem Zusammentragen das ungeheure Zimmer wirklich bis an den schwarzen Strich voll Goldes war und der hoffende Inka nun frei zu sein begehrte, erhielt er zu seinem tödtlichen Schrecken die Antwort, daran sei nun gar nicht zu denken.

Unterdessen führte Almagro seinem Freunde Rekruten über Rekruten zu, denn Alles wollte nun in Peru dienen. Wirklich stellte auch die Geschichte kein ähnliches Beispiel von einer solchen Belohnung der Soldaten auf. Nach vorgenommener Theilung sämmtlicher Schätze fielen auf jeden Reiter 8000 Pesos (damals im Werthe von eben so viel Friedrichsdor), auf jeden Fußgänger die Hälfte und auf die Offiziere fielen ungeheure Summen. Mit einem Schatze von wenigstens einer Million Thaler ging Pizarros jüngster Bruder nach Spanien, um dem erstaunten Könige das Gold zu überreichen, und brachte darauf so viel Abenteurer mit zurück, daß in Kurzem ganz Peru von Spaniern wimmelte, die mit Goldstücken wie mit Rechenpfennigen spielten und die Peruaner wie Hausthiere behandelten.

Dem Pizarro war indeß sein Gefangener längst ein lästiger Gast gewesen. Er beschloß, ihn in bester Form Rechtens aus der Welt zu schaffen; so ward sein eigenes Gewissen beruhigt und die böse That erhielt in den Augen der Einfältigen den vollen Schein der Gerechtigkeit. Es ward ein Gerichtstag angesetzt, Advokaten und Gerichtsschreiber wurden bestellt, Protokolle geschrieben, Zeugen verhört, der förmliche Prozeß eingeleitet, Pizarro und Almagro saßen persönlich zu Gericht. Das Ergebniß des ganzen Gaukelspiels war, daß der unglückliche Inka als Usurpator Der sich die Herrschaft angemaßt., Brudermörder, Götzendiener, Polygamist Der mehrere Frauen hat. und Aufruhrstifter gegen den König von Spanien schuldig befunden wurde, lebendig verbrannt zu werden. Alle Anwesende, auch Valverde, unterschrieben das Urtheil, das sogleich vollzogen werden sollte. Der Inka erblaßte vor Schrecken, da er es vernahm. Er flehte um Gnade, er weinte, er bat, man möchte ihn doch nach Spanien senden, der König würde ja menschlicher sein ? vergebens! Pizarro befiehlt, ihn augenblicklich zum Richtplatz zu führen. Es geschieht. Unterwegs gesellt sich Valverde zu ihm und will ihn bekehren, er verspricht ihm Linderung der Strafe, wenn er sich noch zum Gott der Christen wende. Die Hoffnung des Lebens lockt den Armen, er wird getauft und dafür ? kurz vor der Verbrennung ? am Pfahle erdrosselt.

Viele edle Offiziere und Gemeine wandten sich ab von dem unwürdigen Anblick und murrten laut über diese Schändung des spanischen Namens.

 

4. Almagros Tod (1538).

Pizarros Armee erhielt jetzt fast mit jedem Monat neuen Zuwachs, und dies machte es ihm möglich, auf Kutzko, die Residenz des Inka, loszugehen und sie in Besitz zu nehmen. Almagro erhielt nun auch vom spanischen Hofe, was er sich gleich anfangs ausbedungen, aber von Pizarro nicht erhalten konnte, eine eigene Statthalterschaft über 200 Meilen Landes jenseits Pizarros Gebiet. Bei näherer Kenntniß des Landes ergab sich, daß Kutzko schon zu Almagros Gebiet gehöre, und darüber entstand der erste Streit. Pizarro stellte sich indessen zur Nachgiebigkeit bereit und so trat Almagro seinen Zug über die wildesten und höchsten Gebirge nach Chili an, einen der beschwerlichsten und undankbarsten, die je gemacht worden sind. Gold fand er wenig und das Volk war so streitbar, daß an eine Niederlassung noch nicht zu denken war.

Pizarro richtet unterdessen die Regierung in Peru ein, bauet eine ordentliche Hauptstadt, das heutige Lima (1535), und vertheilt nach alter Weise Ländereien und Eingeborne unter seine Spanier. Viele Offiziere zerstreuen sich mit kleinen Trupps im Lande umher, theils um das Innere kennen zu lernen, theils um Gold zu suchen. Dies benutzt ein übriggebliebener Sprößling aus dem Geschlecht der Inkas; er sammelt seine Völker und treibt die kleine spanische Besatzung in Kutzko so in die Enge, daß sie dem Verhungern nahe ist. Da erscheint der aus Chili zurückgekehrte Almagro, schlägt die Peruaner, nimmt aber auch die spanische Besatzung gefangen, worunter zwei Brüder Pizarros sind. Er hatte um so mehr Ursache, diesen Theil von Pizarros Gebiet für sich zu fordern, da sein wildes Land gegen das reiche und schöne Peru gar nicht in Betracht kam. Daß er aber mit Gewalt nahm, was ihm gebührte, war ein Beweis, daß er Pizarros Charakter kannte. Seine Freunde riethen ihm sogar, dessen Brüder hinrichten zu lassen und gegen ihn selbst nach Lima zu marschiren, weil jener ihm sonst zuvorkommen werde; doch dies schien ihm zu hart.

Und doch ward diese Menschlichkeit sein Verderben. Der eine Bruder Pizarros entwischte ihm, den andern schlug Pizarro vor als Gesandten, den man nach Spanien schicken sollte, damit der König selber entscheide. Almagro, der gern Alles zum Guten lenken wollte, traut dem Fuchs noch einmal, der ihn schon so oft betrogen hat, und läßt den Bruder los. Dieser, anstatt nach Spanien zu reisen, kommt mit Pizarros ganzer Macht nach Kutzko, liefert dem alten kranken 75jährigen Almagro im Angesicht aller Peruaner eine blutige Schlacht (1538), worin er Sieger bleibt; er bringt den Almagro selbst gefangen nach Lima, wo ihm der rachedurstende Pizarro sogleich den Prozeß macht und ihn als einen Hochverräter hinrichten läßt.

Der König von Spanien, der zuerst durch Almagros Freunde diese schändliche That erfuhr, sandte sogleich einen klugen Mann, Don Christoval Vaca de Castro, Richter im königlichen Gerichtssaale zu Valladolid, ab, die Sache zu untersuchen. Ferdinand Pizarro, der gleich darauf am Throne erschien, konnte selbst durch ein großes Geschenk die Sache nicht hindern, sondern wurde vielmehr selbst zurückbehalten und ist vermuthlich im Gefängnisse gestorben.

 

5. Neue Entdeckungen.

Gonzala Pizarro, der andere Bruder, welcher Statthalter von Quito war, versuchte unterdessen die Entdeckung des Landes jenseits der Andengebirge mit 340 Soldaten und 400 Indianern, die das Gepäck tragen mußten. Die üppige Vegetation in den feuchten Gegenden hemmte so sehr alles Fortschreiten, daß man sich durch die Bäume durchdrängen und sich Schritt vor Schritt erst mit dem Schwerte Bahn durch das Gesträuch machen mußte. Wo die Wälder aufhörten, begannen die Sümpfe, und diese wechselten wieder mit den höchsten Gebirgen ab, die eine viel größere Höhe als unsere Alpen erreichen. Dabei fand man wenig Lebensmittel, nirgends angebautes Land, überall viel giftiges Ungeziefer und zwei Monate hintereinander regnete es unaufhörlich. Es waren Schwierigkeiten zu überwinden, von welchen sich ein in Betten und wohlgeheizten Zimmern aufgezogener Knabe keinen Begriff macht.

Endlich, fast nach einem Jahre täglichen angestrengten Wanderns, kommen die kühnen standhaften Männer an einen der großen Flüsse, die sich in den Marannon oder Amazonenfluß ergießen. Mit vieler Mühe ward hier eine Barke gezimmert. Sie faßte aber nur 50 Mann und über diese erhält ein gewisser Franz Orellana das Kommando, mit dem Auftrage, die Ufer dieses Flusses bis an den Marannon zu untersuchen und dann Bescheid zu bringen. Dieser aber, froh, des beschwerlichen Durchkriechens der Wälder und Sümpfe überhoben zu sein, beredet seine Gefährten, mit ihm nach Spanien zu gehen, und setzt einen Einzigen, der so treulos nicht sein will, ans Land aus. Dann rudert er munter den Marannon hinab, tauscht Lebensmittel von den Wilden ein und erreicht die Insel Kubagua, wo er spanische Schiffe antrifft, die ihn und die Seinen aufnehmen. Es beliebte diesem Abenteurer, von seiner Reise wunderbare Fabeln auszubreiten, z. B. von einer Amazonenrepublik, einem Eldorado, wo die Dächer mit Gold- und Silberblech gedeckt wären, u. dgl. m.

Die armen Zurückgebliebenen warteten indeß so lange auf ihn vergebens, bis jener Ausgesetzte unter tausend Todesängsten sich zu ihnen hindurchgewunden hatte. Ihren Zorn und Schrecken kann man sich denken. Sie waren über 200 Meilen von Quito entfernt. Wurzeln, wilde Beeren, dann ihre Hunde und Pferde und zuletzt Ungeziefer und das Leder von den Sätteln und Degengehängen ward ihre Nahrung. Der Rückweg war fast noch schrecklicher, als die Hinreise. Die 400 Indianer kamen alle um, von den Spaniern kamen nur 80 nach Quito zurück und diese nackt und todtenbleich. Zwei lange Jahre hatte der Marsch gedauert.

 

6. Pizarros Tod (1542).

Pizarro dehnte seinen Haß auf alle Freunde des hingerichteten Almagro aus und ließ sie fast in Armuth verschmachten, während er seine eigenen Anhänger mit Gütern überhäufte. Die Anzahl jener aber war in Lima allein groß genug, um einen weniger muthigen Tyrannen besorgt zu machen; er aber wies selbst jede freundschaftliche Warnung mit stolzer Zuversicht auf seine Furchtbarkeit zurück.

Die Mißvergnügten versammelten sich täglich in der Wohnung des jungen Almagro, eines schönen und beherzten Mannes, der einen äußerst klugen Offizier, Namens Juan de Herreda, zum Hofmeister hatte. Mit größter Vorsicht ward ein Plan zur Ermordung des Tyrannen entworfen und Tag und Stunde der Ausführung festgesetzt. An einem Sonntage, um die Zeit der spanischen Siesta (Mittagsruhe), wo es auf den Straßen ziemlich still zu sein pflegt und in großen Häusern selbst die Bedienten in ihren Kammern ruhen, stürzen 18 Verschworene, Herreda an ihrer Spitze, auf die Straße, rufen laut: »Lange lebe der König, aber der Tyrann sterbe!« und dringen in den Palast des Statthalters ein. Pizarro ist eben vom Tische aufgestanden und unterredet sich noch mit einigen Freunden, als ein Edelknabe hereinstürzt und die Gefahr anzeigt. »Verriegle die Thür!« ruft Pizarro einem Offizier zu; aber dieser hat den Kopf verloren und, wie er die Verschworenen kommen hört, geht er ihnen entgegen und fragt, was sie wollen. Ein Stoß durch den Leib ist die Antwort. Als sie hereindringen, springen Einige aus dem Fenster, Andere ziehen sich mit Pizarro in ein inneres Zimmer zurück. Hier erhebt sich ein hitziges Gefecht; der alte Pizarro vertheidigt den Eingang mit Schwert und Schild und ficht mit allem Feuer eines jungen Kämpfers. »Getrost, Kameraden!« ruft er, »unser sind noch immer genug, diese Verräther zu züchtigen.« Nach langem Kampfe fällt endlich sein Stiefbruder, Alcantara, neben ihm; dann seine übrigen Begleiter, und zuletzt empfängt auch er, an Kräften erschöpft und fast athemlos, den Todesstoß in die Kehle. ? Sein Tod war seines Lebens würdig; er erlag der rohen Gewalt und keine Thräne floß um den, der selber nie das Mitleid gekannt.

 

7. Ferdinand Magellan (1519-1522).

Während in Amerika große Dinge geschahen, hatte bereits ein geschickter Seefahrer nicht minder Großes vollbracht. Die so lange vergeblich gesuchte Durchfahrt nach Indien wurde glücklich gefunden von dem Portugiesen Magellan, der nach vielen tapfern Thaten in Ostindien, aus Erbitterung über erlittene Unbill, den Dienst seines Königs verlassen und sich nach Spanien gewendet hatte. Hier machte er sich gegen König Karl verbindlich, ihm einen Weg nach Indien durch Amerika zu entdecken, und er erhielt eine Flotte von 5 Schiffen, mit denen er am 10. August 1519 von Sevilla absegelte.

Er hatte 234 Mann an Bord, über die er sich ausdrücklich das Recht über Leben und Tod hatte ertheilen lassen, wohl eingedenk der traurigen Lage des Kolumbus und Gama, die mehr von der Widersetzlichkeit ihrer Leute, als von Sturm und Wellen hatten erleiden müssen. Von den Kanarien wandte sich Magellan sogleich südlich und untersuchte jede Bay an der Küste von Südamerika. Erst am 12. Jan. 1520 erreichte er die Mündung des La Plata. Von nun an hatte er mit rauher Witterung und gefährlichen Klippen zu kämpfen, und als er den 48. Grad südlicher Breite erreicht hatte, sah er sich genöthigt, in den Hafen St. Julian einzulaufen und daselbst den Winter abzuwarten, der bekanntlich jenseits der Linie in unsere Sommermonate fällt.

Hier lernten die Reisenden zuerst eine Menschengattung kennen, die von ungewöhnlicher Leibesgröße war; alle Menschen hatten an 7 Fuß oder noch darüber, daher sie den Spaniern wie ein Volk von Riesen erschienen. Die Gesichter waren roth bemalt, um die Augen herum hatten sie gelbe Streifen und auf den Backen zwei herzförmige Flecken. Sie waren in Pelzwerk gekleidet und wußten Pfeil und Bogen gut zu gebrauchen. Auch aßen sie im Verhältniß zu ihrer Größe recht wacker. Magellan hatte zwei gefangen, um diese Wunder von Größe mit nach Europa zu nehmen; von diesen Beiden aß jeder täglich einen Korb voll Zwieback und trank in einem Athemzug einen halben Eimer Wasser aus. Die Mäuse aßen sie roh. Magellan nannte dies Riesenvolk »Patagonier.«

Nun aber geschah, was er längst befürchtet hatte. Diejenigen seiner Leute, welche daheim in Spanien Weib und Kind zurückgelassen hatten, sahen keinen Grund, warum sie Tag und Nacht in unbekannten Weltgegenden auf stürmischen Meeren, um eines Abenteurers willen allen Gefahren sich preisgeben sollten. Um eine Straße durch Amerika zu suchen, wollten sie nicht dem sichern Tod entgegengehen. Es entstand eine fürchterliche Empörung, sie vergriffen sich an den Anführern der Schiffe und wählten andere, von denen sie zurückgeführt sein wollten. Mit großer Klugheit und mit Hülfe einiger weniger Getreuen ergriff Magellan hierauf die Haupt-Rädelsführer, ließ sie hängen und nachher viertheilen; ein Priester aber und noch ein Offizier, welche das Schiffsvolk heimlich aufgehetzt hatten, wurden wie Robinson in die Wildniß ausgesetzt.

Magellan segelte weiter nach Süden, und endlich, nahe am Feuerlande, erreichte er die gewünschte Straße. Seine Freude war unbeschreiblich; doch wurde sie ihm durch den Verlust eines Schiffes verbittert, das er ausgesandt hatte, eine Bay zu untersuchen, und das sich nicht wieder zu ihm finden konnte. Ein anderes hatte ihm schon früher der Sturm an der Felsenküste zerschmettert. Zwanzig Tage kreuzte er hierauf in dieser krummen und höchst gefährlichen Straße herum, die noch jetzt seinen Namen führt, und am 27. Nov. 1520 erblickte er endlich mit nicht geringerer Freude, als Balboa auf seiner Bergspitze, die Südsee in ihrer ganzen Unermeßlichkeit. Ein günstiger Wind trieb ihn nun quer über den weiten Ozean so ununterbrochen fort, der Himmel war so unveränderlich heiter, daß Magellan bewogen wurde, diesen Ozean das stille Meer zu nennen. Drei Monate und zwanzig Tage glitten die Schiffe so fort, ohne Land zu sehen. Die Lebensmittel gingen aus, frisches Wasser fehlte gänzlich und die Sonne schoß ihre Strahlen fast senkrecht auf die Köpfe der Schiffenden. Die Mannschaft erkrankte. Endlich am 6. März 1521 erreichte man eine Inselgruppe und begrüßte mit tausend Freudenthränen das Land. Magellan nannte die Inseln los Ladrones (Diebsinseln), weil er die Einwohner sehr diebisch fand, und so heißt die Inselgruppe noch jetzt. Das klarste Wasser und ein Ueberfluß von erfrischenden Früchten in diesem heitern Klima stellte alle seine Kranken in kurzer Zeit völlig her. Besonders heilsam erwies sich die Milch aus den Kokosnüssen. Von den Ladronen segelte Magellan hierauf nach den von ihm so genannten Philippinen. Hier aber geriethen seine Leute mit den Wilden in einen Streit und Magellan wurde von einem Pfeil getroffen, so daß er bald darauf starb (27. April 1521).

Der Rest der kleinen Mannschaft setzte nun auf den noch übrig gebliebenen zwei Schiffen die Reise fort und am 8. Nov. erreichten sie die große Insel Borneo. Von da kamen sie nach Tidor, einer der Molukken, wo sie schon Portugiesen fanden, die sich über die Ankunft der Spanier nicht wenig wunderten, denn von Osten her hatten sie keine Europäer erwartet. Bald geriethen die beiden Nationen in Streit; die Mannschaft des einen sehr beschädigten Schiffes mußte sich an die Portugiesen ergeben. Das andere Schiff aber nahm in aller Geschwindigkeit molukkische Gewürze ein und setzte mit dieser Ladung seine Reise nach dem Kap der guten Hoffnung fort. Ohne Unfall ward das Vorgebirge umsegelt, und am 7. Nov. 1522 langten die hartgeprüften Reisenden endlich im Hafen von Sevilla an, von welchem sie vor fünf Jahren ausgefahren waren. Dies war also die erste Reise um die Welt. So viel Mühseligkeiten und Gefahren hat es gekostet, die ersten Kenntnisse von unserer Erdkugel zu erhalten, Kenntnisse, die jetzt jedes Kind mit leichter Mühe erlangt.


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