Clementine

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Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

d. 18. Dezember.

Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grüble über Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne daß bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen Gütern gar nicht beschäftigt; meine Anordnungen für die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und müssen nun ruhig fortwachsen, ungestört, um zu gedeihen. Meine Geschäfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe ihm heute die nöthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, daß ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen würde, und daß er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde hersenden möge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen würde.

Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich häuslich eingerichtet, die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich häufig bei Klenke oder bei Geheimrath Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trägt dazu die Geheimräthin bei, die eine ganz charmante Frau ist, voller Geist und Gefühl; anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste Tournüre und die wohlwollendste Höflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dünkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich müßte ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehört; und obgleich ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfüllt. Wenn ich mir denke, daß diese noch junge Frau dem alten Manne gehört, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich hätte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wäre glücklicher gewesen, wenn sie mein geworden wäre. Fände ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele ich so klar lesen könnte und die mich so vollkommen verstände, als die Geheimräthin, ich glaube, ich könnte mich noch entschließen, mich zu verheirathen. Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas Trauriges, das fange ich erst hier wieder zu fühlen an.

Du siehst, Dein guter Rath von neulich trägt vielleicht noch Früchte; willst Du ihn aber wirksam unterstützen, so benutze die treffliche Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlänglich Platz für uns Beide.

Thalberg.

Derselbe an denselben.

Am zweiten Weihnachtstage.

Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath hätte außer dem Hause gespeist, die gnädige Frau sei allein, und er zweifle, daß sie mich annehmen würde. Dabei that er so geheimnißvoll, lächelte so pfiffig, daß ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von ihrem Boudoir getrennt ist, welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, daß ich ihm durch die dunkle Zimmerreihe gefolgt war, ließ er die Thüre offen, sodaß ich den reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein höchst zierliches, kleines Gemach, mit grüner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hörte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schönste und größte Puppe, wenn Du nur still halten möchtest.

Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grünen Couchette, die vor dem Kamin stand, und hielt ein engelschönes, zweijähriges Mädchen in den Armen. Zwei ältere Mädchen, etwa fünf- und siebenjährig, waren um sie beschäftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schöner, als ich sie je im Leben gesehen habe. Das glänzende, rabenschwarze Haar hing in aufgelösten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnüren, von denen ihr einige wie eine Binde über der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel zurückgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behängt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hände, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein geröthete Gesicht blendend schön in dem Ausdruck von Glück, das aus ihren Augen strahlte.

Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu führen; sie würde gleich bereit sein, mich zu sehen. Die Thüren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem Lauscherposten zurück und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir geführt, das nun einen ganz andern Anblick darbot.

Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaßen geordnet, die beiden größern Mädchen spielten seitwärts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste saß bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine große, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich, Herr Thalberg! daß ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe mir aber für den heutigen Abend diese kleinen Gäste geladen und muß nun zusehen, daß sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das sich ängstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, während sie stand; nöthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzückt über die Scene, daß ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wären, und erfuhr, es wären die Töchter von Madame T..., die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen überlasse. Es sind meine Gäste, fügte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist, dem sie zu viel Geräusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine lieben Pflänzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsäglich freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschäftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit uns.

Ich hätte ihr ewig zuhören mögen. Plötzlich merkten wir ein helleres Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ängstlich besorgt für die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen könnten, auszulöschen. Ich that es und nahm nun auch die beiden größern Mädchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Röschen, das ist der Onkel Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wärterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Röschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schön und freundlich wie Du, schicke den alten fort. Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so schnell durch einander, daß man gar nicht Einhalt thun konnte.

Clementine wurde glühendroth und gleich darauf sehr bleich; Thränen traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich rasch zu Emma bückte und sagte: Schäme Dich, den guten, lieben Onkel Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein, wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr herkommen, Du böses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt ? o! mein Gott! ich hätte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen ? ich liebe Clementine.

Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser Glück. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmähen; sie liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstört, das fühle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst weiß ich, daß ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es möglich, daß ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefühl meines Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glück gebracht; ihr und mein Unglück habe ich selbst bereitet.

Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Füßen zu fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine refüsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nähme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich ? ein unvergeßliches Bild in der Seele. Es ist mir lieb, daß sie nicht mit mir fährt; sie hat Recht, sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen könnte. Grade weil ich sie anbete, will ich selbst über sie wachen und fast könnte ich wünschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht getrübt werde ? und doch scheint mir das Leben nur möglich in dem Bewußtsein ihrer Liebe.

Daß ich bleibe ? bedarf nun keiner Bestätigung.

Thalberg.

Der Hauptmann v. Feld an Robert Thalberg.

Den 27. Dezember.

Unsinniger, was fängst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht mehr, daß Du Caroline eben so heiß geliebt, daß sie Dir auch das vollkommenste Weib geschienen? Rede mir nicht davon, daß Du bleiben willst; wenn Dir Clementinens Ruhe und Ehre werth sind, eile sie zu verlassen, ehe es für Euch Beide zu spät wird. Grade weil ich überzeugt bin, daß Clementine nie einen Andern liebte, als Dich, weil ich auch glaube, daß nur Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln ? weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und fürchte, grade darum mußt Du fort.

Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglücklicher zu werden, als sie es vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewußtsein, das sie bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die Ehre ihres Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren häuslichen Frieden Deinen Wünschen opfern? Du wirst es thun, aber sage mir nie mehr, daß Du Clementine geliebt hast.

Der Deinige v. Feld.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

Den 29. Dezember.

Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwürfe vergebe ich Dir, weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens erwähnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt fühle ich es mehr als je, daß nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Caroline fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der entzückte, stürmische Beifall des Publikums sie über sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz der Orsina durchtoben, selbst zu fühlen schien und nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest und groß, mitten in einer untergehenden Welt, erschien sie mir so gewaltig, daß es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in ihr, was ich erwartet hatte, einen großen Charakter, ein glühendes Herz, versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzückens hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flößte sie nicht ein. Ich war eitel darauf, sie zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen und ihr kühnes Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthümliches Glück empfunden. Es liegt ein großer Reiz in der Hingebung einer Frau, die der Bühne, der Welt angehört; sie regte meine Phantasie mächtig an, meine Sinne waren in dem höchsten Aufruhr, ich war außer mir. Ich hätte sie und den Grafen ermorden können, als sie mit ihm entfloh ? ich hätte mit ihr die Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mögen; aber nie ist es mir eingefallen, niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie Clementine mir ewig vor Augen steht. Wäre Caroline mir treu gewesen, ich hätte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht, sie hätte mich fortgerissen. An ihr unstätes Leben gekettet, hätte ich mich über mich selbst, über sie, über Alles noch lange, wer weiß, ob nicht fast für immer getäuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer widerstand. Nun aber! Hättest Du Clementine, die schöne Geliebte meiner ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der züchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du würdest wie ich keinen andern Gedanken haben, als sie. Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses ? ich wäre der seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte unendlich glücklich sein oder unendlich elend ? und jetzo bin ich elend.

Sie verlassen kann ich nicht; genug, daß sie sich mir entzieht, so viel sie kann, daß ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich weiß es ihr Dank, daß sie mich flieht; grade die reine, versagende, milde Frau liebe ich in ihr. Ich bleibe hier; denn ich weiß, sie und ich, wir haben Beide keine Hoffnung auf Glück, als das, uns in flüchtigen Momenten zu begegnen, die abzukürzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du willst; ich bleibe.

Thalberg.

Elftes Kapitel.

Aus Clementinens Tagebuch.

Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich auf seinen Arm zu stützen, während mein Herz Nichts mehr kennt, als Robert und diese unglückselige Liebe? Ach, ich hätte mich so gern getäuscht; ich wollte mich überreden, daß ich ihn jetzt mit Ruhe sehen, daß er mir ein Freund werden, daß er mein armes, einsames Leben verschönen könne ? und ein Kind mit seiner Einfalt muß mir die Falscheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du dafür?

Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne Meinings Aufmerksamkeit zu erregen? So muß ich ihm täglich begegnen, mich verstellen, lügen und kalt scheinen, während die heißeste Liebe mich zu ihm zieht, während ich fühle, wie er mich liebt. Ach, nun ist es zu spät, Alles vorbei für mich, und mir bleibt keine Wahl, als fortzuschreiten auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens seine Ruhe erhalten werde und Robert nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich meine Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die einen Andern liebt! Wer mir das je als möglich vorgestellt hätte! ? und wie soll es enden.

Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straßen und peitscht den Schnee vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist es fröstelnd und bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er käme zurück und bliebe bei mir ? denn ich fürchte mich allein, vor mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es nicht; die Kinder, die ich holen ließ, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Straße hinaus; eine arme Frau ging vorüber, starr und weinend vor Kälte; ich ließ sie hereinholen, wärmen, speisen und kleiden ? wohl ihr, daß man ihr helfen kann. Mir kann Niemand helfen!

Den 2. Januar. Mir träumte die ganze Nacht von Dir. Ich saß mit Dir und den Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und niederwogte, und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer neue bildend und die frühern zerstörend. Darauf erzähltest Du von Deinen Reisen und Deinem Leben und sagtest: wir sind uns schon früher begegnet, da haben wir uns geliebt, und Du liebst mich noch, Clementine. Nun fing ich bitterlich an zu weinen. Du aber küßtest mein Haar und führtest mich hinab ans Meer. Schweigend und ruhend auf Deinem Arme, wandelte ich auf und ab mit Dir, und Du zogst lange, weiße Perlenschnüre aus den Wellen und schmücktest mein Haar, daß mir die vollen Perlenreihen bis an das Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und ich sagte: aber Perlen bedeuten ja Angst und Thränen? und Du lächeltest trübe und sprachst: erwartest Du es anders, Geliebte?

Ich wachte auf, in Thränen gebadet. Gott selbst wollte mich warnen im Traume. Was soll ich thun?

Clementine an Frau v. Alven.

Berlin, d. 3. Januar 1840.

Glück auf zum neuen Jahre, meine gute Tante! und möge es uns nichts Uebles bringen. Hast Du mich denn ganz vergessen, daß auch kein Wort von Dir mehr zu hören ist? Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der Dich leider noch immer nicht kennt; und wir überlegten, ob es nicht möglich wäre, daß Du jetzt für einige Zeit zu uns kämest. Mir geschähe der größte Gefallen, denn ich habe seit Jahren Nichts so sehnlich gewünscht, als wieder mit Dir, Du treue Freundin, zusammenzusein. Auch weiß ich eigentlich nicht, was Dich davon abhalten könnte, recht bald zu kommen, damit Du noch einen Theil der Winterfreuden und das beginnende Frühjahr mit uns genießen könntest.

Du hast es mir immer abgeschlagen, uns in Heidelberg zu besuchen, unter dem doppelten Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute müßten erst Jahr und Tag allein mitsammen leben, ehe sie an einen Hausgenossen denken dürften. Beide Rücksichten fallen jetzt weg, und ich fange getrost an, Deine Wohnung bei uns einzurichten. Du sollst die Zimmer haben, die Du früher bewohntest; Alles soll an der alten Stelle stehen, und Deine Clementine hat auch die alte Liebe für Dich.

Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein, ich habe Grillen, die ich nicht bannen kann; ich muß Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend Deines Rathes, also laß Dich nicht vergebens bitten und erwarten.

In acht Tagen könntest Du hier sein, wenn Du noch die gute, flinke Tante wärest. Meining, der engelgut gegen mich ist, bittet mit mir um Deinen Besuch und empfiehlt sich Dir bestens; so auch die Generalin und alle Deine übrigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen, Dich wiederzusehen. Schreibe mir, welchen Tag Du einzutreffen denkst, gute Tante! Wir kommen Dir, wenn es Meinings Geschäfte erlauben, bis zur ersten Station entgegen oder schicken Dir mindestens unsern Wagen und Diener. Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner. Deine

Clementine v. Meining.

Frau v. Alven an die Geheimräthin v. Meining.

St...., d. 12. Januar 1840.

Mein liebes Kind! ich wünsche gewiß ebenso sehr als Du, daß es uns vergönnt würde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider müssen wir aber den Plan noch für eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl genug bin, jetzt an eine Reise zu denken. Indes will ich mich so rüsten, daß ich bei der nächsten gelinden Witterung mich auf den Weg mache, und so wollen wir Beide um einen milden Winter bitten.

Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen unbestimmten Ausdrücken nicht verstehen; will es auch nicht, falls irgend etwas Deinen häuslichen Frieden gestört hätte. Dergleichen kommt wol in jeder Ehe vor, und man muß sich nur hüten, ein Wort davon, auch gegen die beste Freundin, laut werden zu lassen. Der Frieden stellt sich oft gar leicht wieder her; das ausgesprochene Wort kann aber nie zurückgenommen werden und ist nur zu oft eine Saat, die böse Früchte trägt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav und liebt Dich ? mußt Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedürfniß, so sei es gegen ihn. Suche mit ihm und Dir selbst ins Reine zu kommen, und ? wenn Du dulden mußt, dulde schweigend. Das ist der einzige Rath, den ich für verheirathete Frauen habe.

Im Frühjahr sehen wir uns, so Gott will, wieder; mögen dann mit dem Winter auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges, kräftiges Mädchen; halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige, mein Kind! damit Du in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich, mein Töchterchen! und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es herzlichst wünscht Deine treue Tante

Albertine v. Alven.

Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrübniß. Sie hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewußt, als die Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen. Robert gänzlich zu vermeiden, war in ihren Verhältnissen unmöglich, ohne daß Meining es bemerkte; fast täglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsäglich, wenn sie ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah. Sie hätte Meining Alles bekennen mögen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der Welt zu fliehen, damit sie dieses Elends ledig würde. Je mehr ihr Herz an Robert hing, je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fühlte sie das Bedürfniß, demselben, wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein, sich vor ihm zu demüthigen und ihn durch jede mögliche Aufmerksamkeit für die entzogene Liebe zu entschädigen. Wenn dann Meining erfreut und dankbar für so viel Zuvorkommenheit und Güte, sie in seine Arme schloß oder sie küßte, hätte sie vor Scham vergehen mögen; besonders wenn sie bemerkte, wie dann Roberts Auge unaufhörlich auf ihr ruhte, wie er die Farbe wechsele und düster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining sich entfernte.

Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau ihr Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu finden, wenn sie selbst sich in ihre Häuslichkeit zurückzöge. Aber Frau von Alven kam nicht. Clementine blieb mit ihrem Kummer allein und wußte Nichts zu thun, als die Zirkel so wenig als möglich zu besuchen, in denen sie Robert zu begegnen glaubte.

Anfänglich schien Thalberg das zu billigen, und nur das Entzücken, mit dem er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie vermißt hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft auf das Höchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend vermuthen konnte, fehlte er niemals, und wenn sie sich nur für einen Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte, war er sicher an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine häufiger werdenden Besuche nicht angenommen, so wußte er sich durch den Geheimrath selbst eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den Muth, ihm deshalb zu grollen. War er doch so glücklich in ihrer Nähe. Sie hätte ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder ein freundliches Wort zu gönnen, weil sie, unaufhörlich gegen ihr Herz kämpfend, den Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Roberts mit Ruhe gedenken, wenn sie ihn nicht mehr sähe, und es werde ihr gelingen, sich ihrem Manne zu erhalten.

Zwölftes Kapitel.

Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen, welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Männer; und sind diese Letztern jung und liebenswürdig, so kann es nicht fehlen, daß sich die Augen der Mütter liebreich auf sie richten und die der Töchter sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird, wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere Augen, süßeres Lächeln sah Rinaldo nicht in Armidens Gärten, als sie jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glänzende Equipage, seine prächtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu vermeiden, welches seine Persönlichkeit eingeflößt hatte. Leider schien es aber, als ob seine schönen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar nicht bemerkten. Kalt und höflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne irgend Jemand auszuzeichnen, sodaß endlich eine der älteren Damen, welche eine einzige Tochter hatte, sich entschloß, sich hinsichtlich ihrer Wünsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die Staatsräthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hübsche, frische Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfältigste erzogen und mit einem Worte »eine vortreffliche Partie«. Die Staatsräthin sah, daß Thalberg viel im Meiningschen Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen Einleitung, daß sie lebhaft wünsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimräthin, daß mich dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, daß ich Nichts sehnlicher wünschen könnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was manchen Frauen an Thalberg mißfällt, das kalte Betragen gegen junge Mädchen, ist mir ein Beweis mehr, daß er ein sehr guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein würde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal zusammen einladen möchten ? damit sich die Leutchen näher kennen lernten ? mein Gott! das verpflichtet ja Niemand ? Thalberg selbst braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei Menschen glücklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige Schuldnerin.

Sie hätte noch lange fortsprechen können, ohne von Clementinen unterbrochen zu werden, so erschrocken war diese anfangs bei dem Gedanken, Robert verheirathet zu wissen. Bald aber siegte ihre edlere Natur; es schien ihr, als zeige ihr der Himmel dadurch eine Möglichkeit, sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie bereitwillig auf den Gedanken dieser Verbindung ein und versprach, so weit es in ihrer Macht stände, die nöthigen Schritte zu thun.

Als aber die Staatsräthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit heißen Thränen auf das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau geben, sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben! ? sie sollte ihn dann nicht mehr sehen ? denn sicher würde er mit der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen. Eine entsetzliche Eifersucht bemächtigte sich ihrer; sie sah im Geiste Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie Robert glücklich war mit der jungen Frau, wie er sie liebte ? und ein Gefühl von Neid und Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie erbeben bei dem Gedanken, daß eine Andere nun das einzige Glück besitzen würde, nach dem sie, Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, daß eine Fremde ihrem Robert die Wonne bereiten würde, die er einst in ihr zu finden gehofft ? und wie glücklich müsse Robert mit seinem Herzen sein können! An dem Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glück! das war ja Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm nur Schmerz, keine Freude bereiten; so sollte er glücklich werden, durch ein Mädchen, das sie ihm gewählt. Dann würde er freilich fortziehen, sie würde ihn entbehren und wie schwer entbehren! aber Robert würde glücklich sein, sie selbst ruhig werden in dem Bewußtsein des Unabänderlichen und durch die größte Hingebung würde sie ihr Unrecht gegen Meining zu sühnen versuchen.

An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre Eifersucht ließ sie in Johannen plötzlich eine unwiderstehliche Schönheit erblicken; sie fand sich selbst verblüht und alt; sie malte es sich aus, wie Robert frappirt sein würde durch Johannens jugendliche Reize; wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen würde. Das aber sollte ihre gerechte Buße sein. Sie selbst wollte Johanna an sich ziehen und so weit sie es vermöchte, zu deren Ausbildung beitragen, damit Thalberg in seiner künftigen Frau all das Glück fände, das Clementine ihm wünschte. So war in wenig Minuten aus einem jungen, fremden Mädchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte, ein Gegenstand des Hasses für Clementine geworden, dessen sie einen Augenblick später mit wehmüthiger, fast mütterlicher Rührung gedachte und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefühlen ihrer Seele hing.

Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie für den Kampf dieser Stunde; sie fühlte sich ihrem Manne gegenüber durch ihr redliches Streben gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen, und dachte mit weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abend erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit dem Obrist und Klenke machen wollte und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet hatten.

Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage länger geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimräthin waren die Fenster geöffnet, der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder und beugte die Blüthen einer mächtigen Cala, die in grünem Kübel neben dem Fauteuil stand, auf Clementinens schönes Haar. Ihre Nerven hatten durch die leidenschaftliche, unterdrückte Aufregung der letzten Zeit gelitten; sie fühlte sich angegriffen bis in das tiefste Herz und ruhte auch jetzt in ihrem Lehnsessel, damit ihre Gäste später Nichts von ihrer Schwäche gewahr würden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weißen Blume und kühlte ihr Gesicht mit den großen, träumerischen Blättern. So mag wol die Lotosblume blühen, dachte sie, und sehnte sich hin nach den stillen Thälern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft und aus Verhältnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine Welt voll Frieden, Schönheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet, der, um sie wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, früher gekommen war, als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten sich einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte über Ermüdung, drückte aber die Hoffnung aus, der Sommer werde sie herstellen, wenn sie erst ihre Wohnung im Thiergarten bezogen haben würde. Nur noch wenig Wochen, sagte sie, und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer; auch Sie gehen vermuthlich bald fort, lieber Thalberg?

Ich weiß es selbst noch nicht, gnädige Frau, erwiederte er, Berlin ist mir so werth, so sehr Bedürfniß meiner Existenz geworden, daß sich meine bisherige Vorliebe für das Landleben bedeutend verringert hat; und es ist wol möglich, daß ich nur für eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine kleine Inspektion zu halten, und dann zurückkehre. Hochberg ist mir zu todt, zu still....

Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben und werden es auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie, Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und dürfen, denke ich, eben so wenig immer in Berlin bleiben, als ein König seine Krone zu seinem Vergnügen niederlegen dürfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer zu machen suchen, Sie sollten....

Gäste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu mir lockt, und dergleichen Gäste mehr. Ja, gnädige Frau! wenn ich Sie einmal dort sehen könnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten! Sie glauben nicht, wie schön, wie paradiesisch schön mein liebes Hochberg ist! Aber Sie werden nicht kommen.

Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war, so eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn erdrückt, von sich wirft, ? doch! Sie müssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen lange schon rathen.

Sie! rief Thalberg wie außer sich, Sie wollten mir das rathen! O! mein Gott! wie wenig haben wir uns verstanden. Können Sie denken....

Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, daß Sie sich glücklich fühlen und glücklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie fühlen den Werth der Häuslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die erste Dame, der ich Sie heute über acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde.

Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie ließ ihn aber nicht dazu kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide schwiegen ? es war eine bange Pause.

Ja! sagte er endlich und lächelte höhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von sich entfernen muß; auch wenn es mein einziges, letztes Glück zerstörte. Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre Wahl, meine Gnädige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen ? ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswürdigen Gatten zu machen. Aber freilich, eine Frau, die so viel Glück in der Ehe gefunden hat, als die Geheimräthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! über die großmüthigen Frauen!

Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! ? war Alles, was Clementine den stürmischen, unwürdigen Worten entgegnete, aber ein paar große Thränen zitterten in ihren Augen.

Plötzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch sein Auge war von Thränen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, faßte ihre Hände und sprach: Sei es so! ? ja, gnädige Frau! Sie haben Recht, ich reise bald, weil Sie es wünschen. O! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, daß er fast vor ihr kniete, küßte ihre Hände und ging eilig hinaus.

Clementine war erschöpft. Sie schlug ihre Hände, wie betend, zusammen und blieb in schwermüthigem Hinbrüten, bis Marianne und die übrigen Gäste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch in eine überreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst und höchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nächsten Tagen kaum im Stande, die nöthigen Einladungen und Besorgungen für ihren Ball anzuordnen; sie fühlte sich krank und bestand doch, trotz Meinings Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der mehrmals hingekommen war, ließ sie, wie alle übrigen Besuche, abweisen und bat den Geheimrath, er möge ihr, da das gesellige Treiben sie wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gönnen, deren sie nur bedürfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein.

Der verhängnißvolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung war glänzend geschmückt, alle Zimmer geöffnet, Blumen und Kerzen überall ? große Spiegel und glänzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen fröhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige Schnur großer Perlen. Ihr Haar, einst Roberts Entzücken, war glatt gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schön, trotz ihrer Blässe. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an diesen Abend, sie hatte unaufhörlich mit sich gerungen. Nun war sie ruhig, aber müde; glorreich müde, wie ein Sieger nach der Schlacht.

Allmälig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsräthin Ringer mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das kleine, junge Mädchen erblickte, das in dem Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Strauße von Rosen in den hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie segnend küßte sie das blühende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie bei mir, mein liebes Fräulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen; Ihnen übergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Bürge, daß diese sich amüsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimräthin um den Hals, nannte sie die beste, liebenswürdigste Frau der Erde, einen wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat.

Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf sie zu, um sie womöglich gleich zu sprechen, um sie zu versöhnen; denn er wußte, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch, als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrüßt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen ließ, ihm ihren kleinen Schützling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimräthin als Wirthin in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurück. Vergebens versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsäglich peinigte. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schönheit überein, und einige Herren fragten ihn, ob er das prächtige Tableau bemerkt habe, das die imposante, ernste Schönheit der Geheimräthin von Meining und die liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben einander gestanden hätten.

Allmälig näherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tönten die Strausschen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten allerwegen. Johanna, die Schönheit des Festes, strahlte vor kindlicher Lust ? nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brüstung eines Fensters und hörte theilnahmlos die faden Galanterien eines älteren Herrn an, während ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie endlich verließ, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen, gnädige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegönnt, Sie zu sehen, Ihnen zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen? Wenn Sie wüßten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu versöhnen, Sie würden mir längst vergeben haben.

Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben; sehen Sie lieber auf das fröhliche Leben um uns her, und sagen Sie mir auch, lieber Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefällt?

Robert schwieg einen Moment, dann sagte er ernst: Johanna Ringer ist ein schönes, glückliches Geschöpf; soll sie elend werden, wie ich? ? wie .... Viele?

Clementine bebte zusammen, und Thalberg fuhr fort: Ich habe Sie verstanden, gnädige Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mädchen das Opfer werden für mich? Es muß ein Opfer gebracht werden, das fühle ich; so will ich es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon gehe ich nach Hochberg zurück; ich habe es gestern bereits den Bekannten gesagt, auch der Geheimrath weiß es. Morgen schon werde ich gehen und nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute hier. Mögen Sie glücklich sein! und haben Sie Dank, den innigsten, heißesten Dank, für das Glück, das ich in ihrer Nähe fand. Leben Sie wohl, gnädige Frau!

Clementine dachte zu sterben. Noch einmal ruhten Auge in Auge; dann sah sie Thalbergs edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer verschwinden. Ihre Sonne war untergegangen, es war kalt und Nacht um sie her.

Gleich nach Thalbergs Entfernung kam die Staatsräthin Ringer herbei, fragte neugierig nach allem Möglichen und erfuhr von Clementine, die den Zweck dieser Fragen wohl kannte, daß Thalberg ihre Johanna sehr hübsch finde, daß er aber für jetzt in Geschäften nach Hochberg reise. Dankbar entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gäste folgten Abschied nehmend, preisend und scherzend ? Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten. Es war ihr, als ob in wüstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstürmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die matter brennenden Kerzen, auf die von der Wärme welkenden Blumen, die die Köpfchen sinken ließen, und sowie diese, gebrochen an Körper und Geist, zog sie sich zurück, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank auf ihre Augen.

Dreizehntes Kapitel.

Mit dem Gefühl der vollkommensten Stumpfheit erwachte Clementine am nächsten Morgen. Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles gleichgültig. Ein grauer Nebel schien ihr über die Welt gebreitet, die warme Frühlingssonne schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos lang würde die Zeit ihr werden ? was sollte sie denken überhaupt, was erwarten? wie das Leben ertragen? Fröstelnd bog sie sich in die Kissen zurück und wollte nochmals zu schlafen versuchen ? ach! im Schlafe hatte Roberts Bild vor ihrer Seele gestanden und im Wachen an ihn zu denken, war ihr Sünde. Da öffnete Meining leise ihre Thüre und fragte: Bist Du schon wach, mein Kind? Ich muß um acht Uhr fort, komme erst spät zurück und wollte sehen, wie es Dir nach dem Balle geht?

Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhänge fiel auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, daß Meining nicht aufhören konnte, ihr zu sagen, wie hübsch sie sei, sie zu herzen und zu küssen, während sie kalt und regungslos dasaß. Jetzt, das fühlte sie, stand sie so tief, als jene Frauen, die ihr immer den entschiedensten Abscheu eingeflößt hatten; sie mußte die Liebkosungen eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele gehörte einem Andern. Ein eisiger Schauer flog durch ihre Glieder, sie sank ohnmächtig auf ihr Lager zurück. Meining schellte nach dem Mädchen und eilte selbst Essenzen und Eau de Cologne aus der Toilette herbeizuholen, um ihr beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er sie verlassen hatte, befragte er das Mädchen, das seit Jahren bei ihr war, ob die Frau Geheimräthin vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend Etwas vorgefallen wäre? erhielt aber nur den Bescheid, die gnädige Frau hätte gestern Abend sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so schnell als möglich zu entkleiden und gleich das Licht auszulöschen, da sie nicht mehr lesen werde. Nur das wäre ihr aufgefallen, daß der gnädige Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt und daß sie ein immerwährendes Schauern gehabt hätte, als ob es sie kalt überliefe. Ueberhaupt, schloß sie, muß unsre gnädige Frau doch wol krank sein, obgleich sie es durchaus nicht wahr haben will; denn während sie in Heidelberg fortwährend las oder schrieb oder die Kinder von Professors bei sich hatte, kann sie jetzt schon seit vielen Wochen, Tage hindurch, wenn sie allein ist, aufgestützt sitzen und weinen oder mit gefalteten Händen starr auf einen Fleck sehen. Auch die Kinder dürfen nicht mehr zu ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen; dann ist es plötzlich vorüber, die gnädige Frau erholt sich und wird wieder ganz munter.

Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meinings Besorgniß zu beruhigen. Eine körperliche Störung war in der Gesundheit seiner Frau nicht vorhanden; allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre Energie hatte diese Reizbarkeit sonst glücklich und schnell überwunden. Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb hatte sie immer eine ausweichende oder ganz verneinende Antwort gegeben, und es blieb ihm daher nur die Vermuthung, daß irgend ein Seelenleiden seinen nachtheiligen Einfluß auf Clementine äußere. Vergebens aber sann er, was es sein könne. Er war es sich bewußt, seine Frau mit der herzlichsten Liebe umgeben zu haben, sie besaß Alles, was das Leben angenehm machen, es verschönen konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das Glück stören ? er wußte keinen Grund für das plötzliche Schwinden der Gesundheit aufzufinden und beschloß, sich noch heute an Madame Klenke zu wenden, um vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet zu werden, da der Zustand seiner Frau ihn im höchsten Grade beunruhigte.

Aber auch diese konnte ihm keinen Aufschluß geben. Sehen Sie, bester Geheimrath! Ihre Frau war immer anders als wir Andre, stiller, sehr posée, vernünftiger und besser als wir. Schon als Mädchen hatte sie an Putz und Gesellschaft keine Freude und nun als Frau ist sie auch wieder nicht wie wir. Sie hat gewiß die nobelsten Grundsätze, aber sie exagerirt, daß sie z. B. nie tanzt, weil sie verheirathet ist ? daß sie neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine Schlittenpartie machten und wir Alle und Thalberg sie so sehr darum baten, nur darum nicht fuhr, weil Sie nicht daran Theil nahmen; das sind Alles eigenthümliche Ansichten, mit deren Ausübung sie uns Andre tadelt ? und wir, ich an der Spitze, möchten es ihr übel nehmen, mais comment faire? Sie ist so gut, so zuvorkommend, daß es ganz unmöglich ist, nicht für sie eingenommen zu sein, und das sind wir Alle, Frauen und Männer und mein gestrenger Herr und Thalberg vor Allen. Denn diese Beiden rühmen sie noch nebenher als das Muster einer Ehefrau, und wirklich »Meining wünscht oder Meining möchte nicht gern« ist das A und O bei ihr. Machen Sie nur, daß sie sich erholt, denn sie sieht jetzt bisweilen übel aus à faire pitié.

O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte Meining, hätte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst vor ein paar Tagen rieth. Aber da war kein Halten, kein Abreden, der Ball mußte durchaus gegeben werden, weil die Arrangements einmal getroffen waren. Nun haben wir leider die Folgen.

As for the ball, damit hat es seine eigne Bewandtniß, und da hat Clementine Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Die Arrangements ließen sich wol abändern, aber der Ball galt Thalberg und noch Jemand, sonst hätte sie ihn gewiß aufgeschoben, da sie sich, wie sie mir selbst sagte, sehr unwohl fühlte.

Er galt Thalberg? Was soll das heißen?

Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe ich so, denn bestimmt weiß ich es nicht ? mais pas si bête quon voudrait me croire! Als ich neulich bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hieß, sie hätte ein tête à tête mit der Staatsräthin Ringer ? was kann sie mit der fremden Frau haben? Nachher des Abends, als zuletzt die Partie bei Ihnen war, kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht. Clementine sagte uns, er sei vorher bei ihr gewesen, sie hätte eine Weile mit ihm geplaudert und gestand mir, en secrêt, es sei die Rede von einer Verheirathung Thalbergs gewesen. Dabei war sie in der glücklichsten Laune, also hatte er gewiß eingewilligt. Nun kommt ihr Ball. Die kleine Ringer mußte die Tochter vom Hause machen, ich sah selbst, wie Thalberg ihr von Clementinen vorgestellt wurde, und cest une affaire finie!

Das eben nicht, beste Frau! denn Thalberg sagte mir vor einigen Tagen, daß er genöthigt sei, rasch nach Hochberg zu gehen, und er ist möglicher Weise schon fort, sagte Meining.

Comment donc! abgereist? I dont believe! rief Marianne.

Glauben Sie es immer, Sie werden bald seinen Abschiedsbesuch oder seine Karten empfangen; indeß wußte er selbst nicht, wie lange er fort bleiben würde. Dabei fällt mir ein, daß ich sehr lange hier bin und mich Ihnen empfehlen muß. Gehen Sie immer eine Stunde zu Clementinen, schöne Freundin; es wird ihr gut sein, und mir erzeigen Sie einen wahren Dienst damit; denn sie muß Zerstreuung haben. Adieu! und reden Sie ihr recht zu, bald in den Thiergarten zu ziehen; sie muß Ruhe haben, frische Luft und Bewegung, das wird das Beste für sie sein.

Diese Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den Gedanken zu hegen schien, daß die Geheimräthin sich unglücklich oder nur unzufrieden fühle, beruhigte Meining bedeutend; er ging rüstig an seine Tagesgeschäfte und fand, als er Mittags nach Hause kam, seine Frau in zierlichem Negligée, heiter und freundlich seiner wartend. Sie hatte, weil Meining ihr die größte Stille empfohlen, in ihrer Stube serviren lassen, obgleich sie sich ziemlich wohl fühlte, und sie bemühte sich, den Schreck, den sie ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als möglich in den Hintergrund treten zu lassen; da sie von Mariannen erfahren, welch beunruhigenden Eindruck ihr Anfall auf ihn gemacht hätte.

Als von dem Plan die Rede war, das Landhaus sehr zeitig zu beziehen, machte Clementine den Vorschlag, gleich heute hinauszufahren, sich dort eine Weile zu ergehen und zu überlegen, wie man sich daselbst am behaglichsten einrichten werde, womit der Geheimrath sehr zufrieden war. Die Bewegung in frischer Luft that ihr sehr wohl und lohnte ihr den Zwang, den sie sich ihrem Manne gegenüber auferlegt hatte, als sie die Fahrt, ohne die geringste Neigung dazu, in Anregung brachte. Dann ließ sich Meining zu einem Freunde fahren, dem er den Abend zugesagt hatte, rieth seiner Frau sich zeitig zur Ruhe zu begeben, vor der Nacht noch eine Arzenei zu nehmen, die er ihr verordnet hatte, und so trennten sie sich für den Tag wieder auf die freundlichste Weise.

Vierzehntes Kapitel.

Aus Clementinens Tagebuch.

Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorüber! und noch ein Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es büßen, daß Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines Alters sein, daß Dich in Deinem Hause ein kränkelndes, mißmüthiges Geschöpf empfängt? Und wie gut Meining ist, wie er für mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der ? ? O! Gott! fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meinings Weib, sein Glück, sein Wohl allein dürfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe.

Den 3. März. Ich bin wohler, Meining ist ruhig über mich. Es kann, es wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafür, wenn ein Gefühl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrücken ließ, daß es mich beherrschte? und habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorüber, Thalberg ist fort ? auch er wird Frieden finden und glücklich werden. Ich ? muß es sein, weil ich nicht mir gehöre.

Im Thiergarten, d. 2. April. So wäre ich denn hier eingerichtet! Krank, traurig und müde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch für die Zukunft, nicht einmal den, daß es jemals anders werden möge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so überreich an Liebe in das Leben sah? Ich fühlte mich glücklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich würde, wenn mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte ? das wäre das Einzige, was ich wünschen darf, was ich wünsche. Dann würden Meining und Robert freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein müdes Herz es bedarf.

Den 10. April. Die Welt ist so schön, Alles scheint glücklich, warum kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schön zu erblühen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen könnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fühlt mit mir, warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trösten, oder warum es nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, daß es mich versteht, daß es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Hätte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen dürfte, die würde mich nicht so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie würde ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir weinen und mich beklagen.

Pflicht! ? hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre Pflicht, als glücklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu schaffen, die ihm zu erfüllen fast unmöglich sind.

Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen dürfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgethan, und hauptsächlich hoffte ich Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich hätte und in K.... seine Häuslichkeit wieder fände, wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur brauchen muß. Meining hat es aber nicht gewünscht, weil er glaubt, ich würde die Bergluft nicht ertragen können. Nun ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände, denn ich sei sein höchstes Gut! ? Wie es mich demüthigte! Ich weinte vor Scham, und Meining glaubte, daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten ? ich täusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein Vater wäre, wie könnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein, daß ich für ihn hege, wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg, den er so hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!

Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser in Meinings Abwesenheit, weil ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe ? weil ich nicht, wie ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen muß. Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir wohl. Ich überschreite die Schwelle unsres Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme. Nur noch einmal möchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn sprechen! aber wozu auch? Könnte ich unter diesen schönen, säuselnden Bäumen schlafen, immerfort ? bis zu Meinings Rückkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden, wie das Bewußtsein eines bösen Traumes, wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe, helle Tag fröhlich durch die Fenster grüßt.

Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.

Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert lieben ist mir Eins ? wie konnte ich jemals wähnen, ich würde aufhören, ihn zu lieben? Wie hat man versuchen dürfen, mich zu einer Heirath zu überreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich müsse Robert ruhig wieder sehen können, weil er mein Gefühl, meinen Stolz so tief verletzt, ich würde ihn deshalb nicht mehr lieben. Thörichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen Liebe ? sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist, Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das Glück, von ihm gewählt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir zerstört und keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins. Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich möchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hören ? ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen.

Den 12. Mai. Robert ist hier; er ist hier, in meiner Nähe, ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glück! Das ist Sonne und Frühling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt; ich hätte es nicht thun sollen. Und doch weiß ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewähren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlästigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen über die Feigheit, die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verächtlich wird es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte. Mehr vermag ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn, die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden; ich fühle mich der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich möchte zu ihm eilen, ich möchte ihm sagen, daß ich ihn anbete; ich, die dreißigjährige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die Treue, die Ehe.

Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und möge Meining nie ahnen, was ich an ihm gesündigt. Seine Zukunft soll und muß ruhig bleiben, und muß ich leben, elend wie ich bin, so will ich allein es tragen ? allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude entbehrend, allein leben und am liebsten ? bald allein und einsam sterben.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

Berlin, d. 16. Mai.

Ich durfte nicht länger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus, ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufällig geschrieben, daß Clementine krank sei, daß ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht länger dort, ich mußte sie sehen, ich eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und ich bin ihr Mörder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden, weil sie sich zu angegriffen fühle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen möchte, mir nach Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich weiß es, an meiner tiefen Begeisterung für sie, daß sie mich liebt, daß sie für Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es büßen, daß sie sich unwürdige Fesseln anlegen ließ, die sie und mich erdrücken? Was kann der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht weiß, was dieses große Herz bedarf, wie es geliebt werden muß, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt muß ich sie ungestört sprechen, mich mit ihr verständigen, da Meining nicht hier ist.

Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstquälerisch meinen Brief ungelesen zurückgesandt; ich möchte ihr diese Qualen, die sie sich vergrößert, ersparen und kann es nicht. Sie muß sie durchkämpfen, wie ich es that, um später die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie muß es fühlen, wie ich, daß unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, außer dem Bereich der Natur und der Möglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen für einander geschaffen, so ist es Clementine für mich; ich könnte sagen, sie sei der Weib gewordene Robert, sowie ich alle ihre Gefühle, nur männlich stärker, in mir wiederfinde; und doch drückt es Das nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben und ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der Selbstmörder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Großen, das ich gedacht ? sie war mein, sie soll es wieder werden.

Wende mir nicht ein, daß ich selbst sie aufgegeben hätte; ich hatte sie vernachlässigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber früh oder spät mußten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreißen. Ich will mein Glück um jeden Preis! ? nicht selbstsüchtig wie ein wilder Jüngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil mein Glück das ihre ist und ihr Leben rettet.

Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich fürchten? So klein ist Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu überreden, daß es ihr gelingen werde, mich für Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Hätte ich sie nur gesprochen ? aber sie will lieber sterben, als abweichen von Dem, was sie für Pflicht hält; freiwillig wird sie mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und Niemand ist hier, bei dem ich sie treffen könnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie verläßt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste Mensch auf der Welt ? selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in ihrer Nähe. Lebewohl!

Robert Thalberg.


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