Clementine

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Frau v. Stein an die Geheimräthin v. Meining.

Liebste Meining! Ihr Mann verläßt mich eben, mit dem Versprechen, heute Mittag bei mir ein Diner à limproviste anzunehmen, wenn Sie ihn begleiten wollen. Und wollen müssen Sie diesmal; wäre es nur, um den interessantesten Mann von der Welt, den lion der letzten marienbader saison, kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur für wenige Tage hier ist, alles Schöne seiner Vaterstadt versprochen und ihm gesagt, er werde auch die geistreichste, liebenswürdigste Frau Berlins bei mir finden.

Machen Sie mich nicht zur Lügnerin, Beste! und stellen Sie sich hübsch um vier Uhr ein. Der Geheimrath läßt Ihnen durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also?

Anna von Stein.

Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach Hause kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen. Frau von Stein mit einer Dame im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen durchblätternd. Auch Meining trat in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn zurück, den Clementine, da sie mit dem Rücken gegen die Thüre gesessen, erst erblickte, als Meining ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe Clementine! Herr Thalberg, der, wie ich eben höre, ein Freund Deines väterlichen Hauses war.

Clementine war wie gelähmt; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, daß es sie betäubte, sie war keines Wortes mächtig, und ihre Aufregung wäre Niemand entgegen, wenn nicht Frau von Stein in komischem Verdruße ausgerufen hätte: Also Sie kennen einander? O! das ist himmelschreiendes Unrecht. Liebste Meining! das ist ja der marienbader lion, den ich Ihnen gemeldet hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich.

Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lächeln und Robert entgegnete: Für mich, gnädige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir zugedacht, um so größer, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der großen Welt, daß wir auch von den glänzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig erfahren.

Diese künstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es gelang ihr, eine gleichgültig höfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, daß er, nach dem Tode eines Verwandten, dessen große Güter an der mecklenburger Grenze geerbt und dort seinen Wohnort gewählt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene Thätigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schloß er, verlasse ich meine kleine Residenz, wie im vorigen Jahre, um das Marienbad, und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjähriger Abwesenheit zu besuchen. Doch denke ich höchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.

Ein Diener meldete, daß servirt sei, und die Gesellschaft begab sich zur Tafel. Clementine glaubte unter dem Einfluß eines schönen Traumes zu sein, dem sie ewige Dauer wünschte. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die königliche, bleiche Stirne, das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so süß, so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zu Bitten herabließ; das war das schöne, dunkle Haar mit der Fülle seiner reichen Locken, das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirne gedrückt hatte. Jeder Laut seiner Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Vergangenheit an. Neues Leben schien für sie zu beginnen, ihr Gesicht glühte, ihr Herz schlug frei, ? so mag es Dem zu Muthe sein, der nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht plötzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne geführt würde und rings umher Frühling sähe. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glücklich im Moment.

Während Clementine in seligen Empfindungen schwelgte, war die Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend über die ganze Richtung aus, die er in der preußischen Verwaltung gefunden, und die es ihm, außer manchen Andern, sehr lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, daß Thalberg, der von seiner Familie für den Staatsdienst bestimmt worden und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich plötzlich aus der Carrière zurückgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen hätte.

Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhängigkeit. Man kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit, oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine Befriedigung.

Und ich hätte grade geglaubt, daß der Wunsch nach Wirksamkeit in der Administration, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genüge finden müsse, sagte Meining.

Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der Dienst bei der Verwaltung ist ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen muß, wenn sie aufgezogen wird. Glücklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach versteht und die Räder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder zerbrochen.

Mich dünkt aber, daß es in Preußen an einsichtsvollen Dirigenten nicht fehle; dafür bürgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens können Sie nicht leugnen, daß überall der beste Wille vorhanden ist! fuhr Meining fort.

Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg. Die Frage für den Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur die, ob seine Ansichten von Menschenglück, von Fortschritt mit denen übereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefördert wurde; aber mir blieb das drückende Gefühl von Unvollständigkeit, das ich bei der polnischen Revolution empfand, in der die Edelleute um und für eine Freiheit kämpften, die sie ihren Bauern, die leibeigen blieben, vorenthielten. Diese Halbheit machte mir meinen Beruf unerträglich, weil ich für Halbheiten nicht mein ganzes Wirken opfern wollte.

Und so sind auch Sie, ein geborner Preuße, ein Gegner Ihrer Regierung? fragte der Geheimrath.

Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach längerer Abwesenheit in mein Vaterland zurückkehrte, mich geborgen gefühlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen, die eine herrliche Basis für die demokratische und constitutionelle Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die Städteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben des Volkes gedrungen ist, daß keine Gewalt sie vernichten könnte. Aber daß sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, daß man sich einbildet, stillstehen zu können und zu dürfen; das ist es, was ich tadle und wogegen wir kämpfen müssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhängige Mann. Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fühlte ich keine Neigung, weil man sie, glücklichsten Falls, doch oft erst erreicht, wenn man müde vom Wege und Kampfe ist; ? um den unbedeutenden Gelderwerb war es mir in meinen Verhältnissen nicht zu thun, und ich dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der große Güterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschluß, der mich keinen Augenblick gereut hat.

Wenn aber alle guten Köpfe so dächten wie Sie, Herr Thalberg, und sich im Unmuth zurückziehen wollten, so würde diese Art von Patriotismus der guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre Neigung opfern müßten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.

Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfällige Staatsmaschine hat an einem Hügel, der ihr ein gewaltiges Hinderniß ist, Halt gemacht und kann nicht vorwärts. Sie mit Gewalt darüber fortzuziehen, wäre Thorheit ? aber wir tragen den Hügel ab, sodaß sie leicht darüber fortrollen kann. Ich ehre unser Königshaus und vor Allem den redlichen, durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Königs; ich glaube, er hat die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; ? aber er hält die Zeit noch nicht geeignet zu ihrer Ausführung, das Volk nicht reif dazu. Eine Revolution, die immer demoralisirend wirkt, würde Viel, wenn nicht Alles verderben; darum muß man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizuführen und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur möglich wird, ihm die verheißenen Freiheiten zu gewähren, sondern unmöglich, sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den Gewerbtreibenden, muß und wird die neue Zeit beginnen ? nicht von der Aristokratie oder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntniß und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und sicher zum Ziele führen, da wir nicht zerstören wollen, um neu zu bauen ? sondern nur schon Vorhandenes, Gegründetes ausbauen, nach den Bedürfnissen unserer Zeit.

So bewegte sich das Gespräch eine Weile fort. Die ganze kleine Gesellschaft nahm allmälig Theil daran; selbst die Damen mischten hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, daß Clementine stiller als gewöhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete Clementine, daß ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und bat, man möge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische erhob: Aber sage mir in aller Welt, liebste Clementine! was hast Du heute? Herr Thalberg muß glauben, Du habest das Sprechen verschworen ? oder wärest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt.

Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weißt ja, daß ich manchmal meine stillen Tage habe, und außerdem war mir die Unterhaltung so interessant, daß ich lieber hören als sprechen mochte und gern noch länger zugehört hätte.

Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er schlägt es uns nicht ab, sagte Meining.

Im Gegentheil, gnädige Frau! ich würde es mit Freuden annehmen, wenn ich nicht fürchten darf zu stören....

Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir bewohnen wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich freuen, Sie dort zu sehen.

Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining ließ es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die Einladung für morgen zurück ? dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, daß Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, daß sie ihn, außer morgen Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschäftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen, die Meining angenehm sein konnten, und erhielt sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig über sie machte.

Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewußtsein, ihren Mann absichtlich getäuscht zu haben, und Roberts Bild, seine Anwesenheit waren ihr letzter Gedanke.

Achtes Kapitel.

Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

Berlin, d. 5. Dezember 1839.

Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit den Behörden arrangirt und die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden, wieder einmal begrüßt. Es ist ein Unrecht von Dir, daß Du Deine langweilige Garnison nicht verläßt und die 20 Meilen herüberfährst, damit wir in Berlin, dem Schauplatz unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben. Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit, und ich könnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen über das Leben und die Vergänglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze Generation, die ich früher gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, daß diese Bemerkung, in der so viel Schmerzliches liegt, für Alle eben so alt, als für den Einzelnen immer neu ist. Für mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung, das Leben intensiv so schnell und viel zu genießen, als ich es vermag, und Andern zu nützen, so gut es geht.

Augenblicklich unterhält mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und doch weiß ich, daß ich mich nach wenig Tagen zurücksehnen werde nach meinem lieben Hochberg, daß mir die beau monde fade, die Stadt eng vorkommen wird, und daß ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrünen Wäldern, zu meinen gefrornen Seen zurückeilen werde. Auch habe ich, für den Fall, daß diese Lust mich plötzlich anwandelt, meine Einrichtungen getroffen. Die Bücher, Karten und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen dachte, sind, wie die Flinten und die übrigen Dinge, besorgt, und ich glaube fast, länger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich zu amüsiren. Es sei denn, Du träfest währenddessen hier ein.

Denke Dir, welch sonderbares rencontre ich hier gehabt! Du erinnerst Dich wol der schönen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem Brühlschen Balle vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, die Cour machtest, bis Du zufällig bemerktest, daß mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte. Damals war ich fest entschlossen, sie zu der Meinen zu machen, denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit, Entfernung und neue Eindrücke verdrängten ihr Bild aus meiner Seele und ? doch Du kennst die Vergangenheit mit ihren stürmischen Erinnerungen, die zwischen meinem Damals und Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine unerwartet als Geheimräthin von Meining wieder gesehen und sie sehr verändert gefunden. Es ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer Schönheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und älter, als sie ist; eine wehmüthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der Augen, der durch die lieblichen Züge um den Mund nicht gemildert wird, lassen mich vermuthen, daß sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend älter, fast ein Greis. Er ist offenbar sehr eitel und stolz auf die Frau, die hier wieder sehr en vogue ist; übrigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich für den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd ? wie ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.

Ich schreibe Dir nur so flüchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich hier wiederzusehen. Laß mich bald von Dir hören, damit ich meinen Aufenthalt danach einrichte.

Derselbe an denselben.

Den 8. Dezember.

Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir sehen uns erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, nach Hochberg führt? Es ist eine Thorheit, daß Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so thöricht, als Dein Vorschlag, daß ich länger in Berlin bleiben und mir unter den Töchtern des Landes eine Burgfrau für Schloß Hochberg suchen solle. Ich denke, über den Punkt kennst Du meine Gesinnungen. Nach den Täuschungen, die ich erfahren, nach jener rasenden Leidenschaft, mit der ich an Caroline hing, und die verrathen ward für einen Laffen, bin ich mit der Liebe für immer fertig, und eine bloße Haushälterin ? dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten muß, wenn sich der geliebte, sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen, wenn sie zur Frau geworden ist; und mögen dann die Charaktere noch so elend zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das! ? und überlege Dir selbst, wie viele von unsern früheren Bekannten glücklich oder innerlich gefördert worden sind durch die Ehe, die ich übrigens nicht angreifen will. Sie paßt nur nicht für Jeden, und ich glaube, ich würde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir die Kleider anzöge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Hätte ich zu 26 Jahren geheirathet, ich wäre nun vielleicht ein solider Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags zur Kirche führt und die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt möchte das nicht mehr angehen. Nimm selbst den Fall, ich fände ein Weib, wie ich es wünschen müßte, das Wort und Probe hielte ? wo wäre die Gewißheit, daß ich für sie paßte? In der Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glücklich ? das scheint mir auch bei Meining und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus zufrieden ? ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung für den Mann, den Jeder für ihren Vater halten muß. Sie kann wirklich noch hübsch sein, gradezu hübsch; obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig verändert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zügen zurück, erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer schönen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe Roth, das heißes Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern der lichte, zarte Wiederschein einer glühenden Seele und ganz etwas Eigenthümliches an ihr. Sie ist überhaupt eine interessante Frau.

Heute Abend noch einen Ball bei Klenke, morgen ein paar Besuche, und dann gehts bald nach Hochberg zurück.

Der Hauptmann Feld an Robert Thalberg.

d. 11. Dezember.

Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, daß ich diesen Brief in Gottes Namen nach Berlin richten kann, und daß er Dich dort finden wird. Fährst Du nicht wirklich sehr bald ab, liebster Thalberg, so bleibst Du lange dort, und willst Du wissen, was Dich festhalten wird? Die Geheimräthin von Meining. Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt, daß Dir Clementine Frei mehr war, als Du nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst glaubtest; wo Du von Freundschaft, herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeug fabeltest, während eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im Herzen saß ? bis jene unglückselige, aber doch göttlich schöne Caroline wie ein zerstörender Komet an Deinem Horizonte erschien und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortriß. Es war eine tolle Zeit. Du bist übrigens mit den Weibern gar nicht so fertig, als Du glaubst, und wenn Du nicht bald eine vernünftige Frau nimmst, stehe ich für Nichts. Sei gescheut und mache aus Großmuth und Reue, »aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft«, keine dummen Streiche.

Das ist ein ehrlich Soldatenwort ? kurz und bündig, wie ich es liebe.

Aus Clementinens Papieren.

D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend ist vorüber. Der Mensch kann doch gewaltig viel über sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach dem Entzücken und der namenlosen Angst, mit der ich Robert gestern wiedersah, hätte ich es nicht für möglich gehalten, den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu können. Wie schlug mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Thränen des Abschiedes weinte und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien es zu bewegen, als er in die alte, bekannte Wohnung trat, die ihm doch fremd geworden sein muß, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm bin. Seine Stimme klang unglaublich weich und mild, es lag die Versöhnung einer langen Vergangenheit darin ? oder trog mich mein Wunsch? Er ist noch ganz der Alte, der seltene Mann, der er mir immer war; auch Meining scheint ihn besonders anziehend zu finden und hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen, die ich aber nicht wünsche, weil sie mir den größten Zwang auferlegt. Es ist so schwer, gegen Jemand den gleichgültigen Ton der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand, und dessen Stimme des Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will, muß man erreichen können; auch fährt Thalberg ja in den nächsten Tagen fort, und Alles bleibt wie es war. Er muß viel gedacht und erlebt haben, es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht ausspricht und was ich dennoch höre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich so aufgeregt wäre; ich fiebre und bebe unaufhörlich: so ein Frauenkörper ist ein gar gebrechlich Ding. Ich wollte doch, Robert wäre schon fort.

D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme eben von Mariannens Ball zurück, und ich glaube, ich gerathe wieder in die Kindheit, so munter und frisch bin ich. An Schlaf ist noch gar nicht zu denken. Das macht aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich immer einen belebenden Einfluß geübt hat ? sogar schreibelustig bin ich; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch, vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Meining sagt aber auch, Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und ich möchte es mir zum Maßstab für unsern Ball nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter, als es mir seit lange schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir fast leid gethan, daß ich es seit meiner Verheirathung aufgegeben habe. Robert Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er tanze sonst auch nicht mehr, wir müßten zusammen eine Ausnahme machen; ich mochte aber nicht. Als ich mich entschloß, Meinings Frau zu werden, habe ich durch die Verbindung mit einem so viel ältern Manne dergleichen Genüssen entsagt, indeß habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als ich, während die Andern tanzten, hinter Meinings Stuhl stehend, dem Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glücklich wären, einander wieder zu sehen? Wir müßten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin es gewiß und wünsche nur, daß Frau von Meining mich nicht ungern wieder gesehen hat. Darauf kam Klenke und rief lachend: Ach! lieber Thalberg! keine Frau sieht einen alten Anbeter ungern wieder, so lange sie jung und schön ist; und von der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung höchst zuwider, ich schämte mich und fürchtete, mein Mann könne es hören; der war aber so sehr in sein Spiel vertieft, daß er nicht auf das Geschwätz merkte. Endlich ging ich zu den alten Damen ins Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend nach; lachte, that geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch auch machen lassen, ma belle! und der galante Thalberg hat das noch nicht vergessen. Denn als ich ihn heute Etwas ins Gebet nahm, gestand er, er halte Dich für eine höchst interessante und schöne Frau. Und darin hat er so unrecht nicht; denn heute, wo Du einmal trotz Deiner Einfachheit in full dress bist, siehst Du wirklich so lady like, so distinguirt aus, daß es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer ein gewisses je ne sais quoi, das man fühlt und sieht, aber nicht nachmachen kann ? heute indeß bist Du ganz reizend! ? Ah! da kommt wieder der schöne Thalberg ? ich will nicht stören, car lon revient toujours à ses premiers amours, nicht wahr Herr Thalberg? ? und damit ging sie fort. Ich war in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber zusammen, und wir sprachen noch einen Moment über Marianne und ihre leichtfertige Weise, welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz ungenießbar macht. Thalberg meinte, sie gliche frappant einem Kupferstiche, den er in diesen Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht schicken wolle. Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren nach Hause, als man zum souper ging.

Neuntes Kapitel.

Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete. Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, daß er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich aber das Vergnügen, sie zu sehen, nicht versagen können. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um die Erlaubniß, sie zu ihrem Wagen führen zu dürfen. So geschah es. Während sie die Treppe hinunterstiegen, überlegte Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern hätte sie augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg darum zu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was würde aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzählte, wie flüchtig sie Thalberg abgefertigt hätte, und was würde dieser selbst von ihr denken? So entschloß sie sich, ihn für den Abend einzuladen, und Thalberg sagte freudig zu.

Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath von Thalbergs Besuch und ihrer Einladung, der sich derselben freute und hinzufügte, er habe den Obrist B. und den Maler R., die er zufällig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mußt Deinen Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.

So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fühlte eine mädchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjähriger Trennung, zum erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein mußte, allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit und im Gefühl der wärmsten Liebe sich begegnet waren! Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalbergs nicht, dessen Blicke glühend auf ihr ruhten; denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein rechtes Gespräch in den Gang kommen, und Thalberg blätterte in halber Zerstreutheit in einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag. Es war das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte.

Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte Robert, ich weiß, daß Sie von den ersten Heineschen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzückt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort.

Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, daß mich das wahrhaft Poetische, das tief Gefühlte in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Daß der Schmerz über eine verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als ergreifend ? daß er aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet.

Ja freilich, à lusage de la jeunesse ist er nicht geschrieben! bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wüßten Sie, meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreißt; wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und Glaube ? Sie würden Heine vielleicht anders beurtheilen.

Vielleicht! antwortete sie, ich müßte den Dichter beklagen, der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte, daß er die Leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflößt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schließe, muß Heines Zerrissenheit....

Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr groß, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? ? etwa die Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute, die den heißesten Wunsch des Herzens, das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz anstößt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben Sie mir, gnädige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Körper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das ersehnte Glück, für den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung ? wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen läßt, wer sich nicht blutig stößt an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher Gesetze ? der ist kein Mensch, der müßte ein Gott sein.

Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluß auf sein Gemüth geltend gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl denn mir, daß ich kein Mann bin, daß mich das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und daß mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.

Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden?

O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer, scherzte Clementine, um ihn von dem Gespräch abzuleiten.

Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war?

Niemals! ? als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht gethan; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt, und dann ist mir das eigne Gefühl ein guter Compaß geworden, dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.

Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem das heiße Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er plötzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?

Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes bemerkbar war, der Roberts Seele bewegte. Endlich hörten die Herren zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages. Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte sich heute, daß Clementine, die in früher Jugend, als seine gelehrige Schülerin, all seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der konservativen Richtung geneigt schien. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten einst mit viel größerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich hätte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?

Und wer sagt Ihnen denn, daß mich die große Idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt, daß ich den Enthusiasmus der Männer dafür nicht begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch für uns Frauen sei die Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls ein unerläßliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen für Freiheit zu schwärmen und über Politik zu sprechen ? und nur von dem Glauben bin ich zurückgekommen.

Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, die uns im Leben das höchste Glück gewähren, nicht auch mit uns Theil haben an den höchsten Schätzen, nach denen wir streben. Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten, nicht eben so lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir?

Für ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar keinen Sinn und können ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich würde es gewiß meiner Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre, sehr verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche würde; und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für allgemeine Weltfreiheit Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.

Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau! fragte sie der Obrist.

Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, daß ich die demagogischen und liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte, daß ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle. Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert für uns und lassen uns von den Männern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir den König unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehr un et indivisible ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war.

Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundsätze für Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Damen nicht. Ich kannte selbst eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der Deutschland die Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre begruben ? und so angenehm ich sie sonst immer fand, so unerträglich schien sie mir, wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die im Munde ihres Freundes groß und prophetisch geklungen hatten.

Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, und ich glaube auch, daß die wahre Stellung des Weibes eine abhängige sein muß. Ich wünsche nur, daß sie von dem freien Manne abhänge, der in ihr den Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz und alle Rechte zuerkennt, deren sie bedürfen. Sie müssen mit uns den Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil für sie dieselbe ein Unding ist.

Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu Thalbergs Aeußerung gab, werden nicht alle Damen dieser Meinung sein; denn, wenn sie auch die femme libre der St. Simonisten empörend finden, so ließen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren, und ich für meinen Theil wollte Nichts dagegen haben, wenn mir einige so recht schöne junge Mädchen als Collegen oder Schüler in mein Atelier geschickt würden.

Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse ich mir meine Frau zum Assistenten ernennen!

Und glaubst Du, Lieber, daß ich dazu nicht vortrefflich wäre? Glaubst Du, wenn man mich von Jugend auf in all den Wissenschaften unterrichtet hätte, mit denen man die jungen Leute so früh bekannt macht, ich hätte das nicht auch erlernen können? fragte Clementine.

Im Gegentheil; ich bin überzeugt, Du wärest der niedlichste Professor im Mousselinkleide geworden und würdest die interessantesten Vorträge gehalten haben. In Fällen, in denen psychische Leiden der Krankheit zum Grunde liegen, würde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner liebenswürdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels errathen, als wir Männer; denn eine gewisse Art von Penetration besitzen die Frauen gewiß in höherm Grade als wir, ich meine den Scharfsinn des Herzens, der wirklich sehr groß bei ihnen ist.

Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen, sagte der alte Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie nicht. Ich kann weder die Kanonen abschaffen, deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist, noch die Pferde, vor denen Sie sich fürchten, und auch mein Adjutant wird bei aller Verehrung für Sie seine Hunde nicht entbehren wollen, die Ihnen ebenfalls Angst verursachen.

Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte der Maler, ihre Züge und Augen drücken Nichts davon aus.

O da kennen Sie meine Frau nicht, rief Meining. Sie nimmt es im Geiste mit Himmel und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flößt fast jedes Thier ihr eine ganz solide Angst ein, und wenn vollends der liebe Gott uns ein ordentliches Gewitter schickt, führt er mir damit jedesmal meine Frau ins Zimmer, die, glaube ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet, ehe sie während eines Gewitters allein bleibt. Aber um darauf zurückzukommen! ich möchte wohl wissen, was Du, liebe Clementine! Dir z. B. unter der Emancipation der Frauen gedacht hast.

Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, antwortete sie, weil ich sie, meinem ganzen Wesen nach, für mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und in der Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr Mann; aber auch gleiches oder wenigstens ähnliches Recht. Man soll sie nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnöthig Leid aufbürden, das sie nicht tragen kann, ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns; wir müssen Herr sein über uns selbst, sonst über Niemand ? und so denke ich, Alles, was die sogenannte Emancipation bezwecken könnte, wäre, eine Erziehung zu befördern, die uns für unsern Beruf tüchtiger machte.

Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schöne Dinge begehren Sie nicht? fragte der Obrist.

Das mag vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, die ich so augenblicklich nicht durchdenken kann ? es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen Brüder, Väter oder Mann, das scheint mir ein so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und unauflöslich ist.

Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden läßt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hölle machten und ein Glück untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schönste für zwei Menschen erblühen könnte?

Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das weiß ich bestimmt, daß ich lieber sterben möchte, als mein Wort brechen, und daß ich die Möglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten könne, durchaus nicht begreife.

Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining küßte sie, trotz der Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft sich bald trennte.


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