Brehms Tierleben. Vögel. Band 20: Zahnschnäbler. Seeflieger. Ruderfüßler. Taucher

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Zwölfte Ordnung. Die Seeflieger ( Longipennes)

Seeschwalben. Möwen. Sturmvögel

Entwickelung der Schwingen auf Kosten der Schwimmfüße ist das bezeichnende Merkmal der Seeflieger. Das Weltmeer bildet das Gebiet, den Wohnsitz, die Heimat der Seeflieger. Einige bewohnen allerdings nur seine Küsten, einzelne, die süße Gewässer der Salzflut vorziehen, nicht einmal diese: sie aber können die Regel nicht umstoßen, über den Wogen dahinschwebend, die Nähe des Landes meidend, durchwandern, im Gegensatze zu ihnen, andere ziellos die Meere, umfliegen sie, gleichsam ohne zu rasten, den Erdball. Für sie gibt es nur ein Band, das sie mit dem festen Elemente zusammenhält: die Kindheit. Auf festem Grunde liegen die Eier, denen sie entschlüpften; hier verweilten sie, bis sie ihrer Schwingen mächtig wurden, und hierher kehren sie zurück, wenn sie selbst fortpflanzungsfähig geworden: die übrige Zeit ihres Lebens verbringen sie auf dem Meere, gewöhnlich fliegend, ausnahmsweise auch wohl aus den Wellen oder selbst am Strande ruhend. Sie fliegen verhältnismäßig mehr als alle übrigen Vögel, mehr als die Raubvögel, mehr als Schwalben oder Segler, mehr noch als die Schwirrvögel; denn sie fliegen so lange es Tag ist und oft noch während der Nacht. Dieser unermüdlichen Tätigkeit und Beweglichkeit entspricht der Verbreitungskreis der einzelnen Arten. Mehrere scheinen Weltbürger zu sein, da sie nicht bloß rings um den Erdball fliegen, sondern auch alle Gürtel der Erde besuchen; andere hingegen beschränken ihr Streichen, Reisen, oder wie man es sonst nennen will, doch auf ein gewisses Gebiet, auf einen mehr oder weniger scharf umgrenzten Meeresteil oder Gürtel innerhalb bestimmter Grade der Breite. Immerhin aber handelt es sich bei einem solchen Gebiete um ein ganzes Meer, nicht um einen Teil, eine Küste desselben.

Jeder Seeflieger ist befähigt, dem Meere zu trotzen: kein einziger aber freut sich, wie die Sage meint, des Sturmes oder Unwetters. Selbst ihm, dem Kinde des Meeres, ist die erhabene Mutter lieber, wenn sie heiter lächelt, als wenn Sturm die Wogen zu Bergen türmt. Bei heiterem Wetter hält sich die Möwe fern der Küste, der Albatros fern dem Schiffe: Sturm scheucht jene dem Lande zu und treibt diesen in die Nähe des Schiffes; Sturm ist des »Sturmvogels« gefährlichster Feind. Man hat früher glauben wollen, daß die Weltmeervögel, die fast sämtlich der Zunft der Sturmvögel angehören, durch ihr Erscheinen am Schiffe schweres Wetter im voraus verkünden, während sie sich umgekehrt nur dann in Menge einem Fahrzeuge nähern, wenn das schwere Wetter bereits eingetreten ist und sie schon länger mit ihm gekämpft haben. Das durch Stürme aufgeregte Meer erschwert ihnen, die Nahrung, die sie bei ruhiger See ohne Mühe auffinden, zu erspähen, und nötigt sie, in der Nähe der Schiffe sich einzufinden, weil sie erfahrungsmäßig wissen, daß ihnen von diesen aus ab und zu etwas Genießbares zugeworfen wird. Der Hunger ist es, der sie den Schiffen zuführt. Wenn bei heftigem Winde und hochgehender See ein Schiff beilegen muß, wird es bald von Hunderten verschiedener Seeflieger umringt, während sich in derselben Breite oder Gegend kaum einer zeigt, wenn Windstille das Fahrzeug festhält. Wird zu dieser Zeit ein Köder ausgeworfen, so kann er lange oder ganz vergeblich hinter dem Steuerruder treiben, während er bei Sturm gewöhnlich schon verschlungen wird, noch ehe er das Wasser berührte.

Alle Seeflieger sind Stoßtaucher, nicht alle aber imstande, ihren reich befiederten Leib unter die Oberfläche des Wassers zu zwingen, wogegen einzelne den Schwimmtauchern kaum etwas nachgeben. Sie fliegen in einer gewissen Höhe über den Wellen dahin, bei gutem Wetter spielend leicht, bei schlechtem nach Kräften gegen den Wind ankämpfend, spähen achtsam nach unten und stürzen sich auf die erblickte Beute herab, um sie mit dem Schnabel zu ergreifen oder doch aufzunehmen. Einzelne werden gleichsam selbst zu einem Pfeile, der nach einem bestimmten Ziele gerichtet ist; andere lesen im Fluge von den Wellen ab, noch andere setzen sich erst schwimmend nieder, bevor sie die Speise aufnehmen. Raubvögel sind sie alle, mögen sie nun selbst für sich sorgen oder andere für sich sorgen lasten, mögen sie nur lebende Beute genießen oder, wie die Geier, mehr an Aas sich halten. Was das Meer ihnen bietet, wird von ihnen angenommen, Walfischaas wie kleine, kaum sichtbare Krebse, Fische wie Quallen, Würmer usw. Diejenigen Arten, die sich am Süßwasser ansiedeln, lassen sich von diesem ernähren und teilen mit Schwalben und Enten die Beute; diejenigen, die die Feigheit anderer nutzen können, schmarotzen oder spielen den Strauchritter.

Viele Seeflieger leben überaus gesellig, andere wirken und schaffen mehr für sich, vereinigen sich aber, wenigstens während der Brutzeit, oft zu Scharen, deren Anzahl jeder Schätzung spottet. Für gewöhnlich schweifen sie einzeln oder in Trupps umher, ohne sich an einem Orte länger aufzuhalten, als es ihnen an ihm wohlgeht, fischen, jagen, fressen, ruhen, schlafen und fischen und jagen wieder. Alle Küstenvögel benehmen sich dabei klug und verständig, ohne jedoch auf Nächstenliebe, Entsagung, Ehrlichkeit, Aufopferung und andere Tugenden Anspruch zu machen, betrachten andere Tiere mit scheelem, den Menschen mit mißgünstigem Auge und schlagen sich schlecht und recht durchs Leben; die Weltmeervögel dagegen erscheinen uns geistlos, dummdreist und einfältig, weil sie wohl gelernt haben, Stürmen und Unwettern zu trotzen, nicht aber, mit uns umzugehen. Ob sie wirklich so dumm sind, als wir glauben, möchte sehr bezweifelt werden können.

Das Fortpflanzungsgeschäft der Seeflieger hat viel Übereinstimmendes. Sie nisten auf dem Boden, bezüglich im Moore, Sumpfe, oder auf Gesimsen, Vorsprüngen, in Höhlen, Löchern usw. steil abfallender Felsen und Berge, ausnahmsweise auch aus Bäumen, regelmäßig in Gesellschaft, und legen ein einziges Ei oder deren zwei bis vier, lieben sie und die Brut ungemein und verteidigen sie mutig gegen Feinde und Gegner, freilich in sehr verschiedener Weise. Die Jungen werden erst, nachdem sie fliegen lernten, dem Meere zugeführt und beginnen nun entweder einzeln selbständig zu fischen und zu jagen oder vereinigen sich mit anderen zu unermeßlichen Scharen.

Gering ist der Nutzen, unbedeutend der Schaden, den die Seeflieger uns bringen. Wir nehmen einzelnen von ihnen die Eier und Jungen, und sie rauben uns hier und da ein Fischchen, Küchlein und dergleichen, fangen dafür jedoch auch wieder schädliche Tiere weg. Die Weltmeervögel können uns nur nützen, nicht aber schaden; bei den übrigen überwiegt der Nutzen den Schaden ebenfalls.

 

Alle Meere und die meisten süßen Gewässer der Erde beherbergen Mitglieder der Familie der Möwen ( Laridae). Als die vollkommensten Flieger und Stoßtaucher der Familie sehen wir die Seeschwalben ( Sterninae) an, mittelgroße oder kleine, schlankgebaute Vögel mit kopflangem, hartem, geradem oder auf der Oberfirste sanft gebogenem Schnabel, dessen Unterkiefer sich ebenfalls vorbiegt, kleinen, niedrigen, vierzehigen, mit kurzen, oft tief ausgeschnittenen Schwimmhäuten und wenig gebogenen, mit ziemlich scharfen Krallen ausgerüsteten Füßen, sehr langen, schmalen und spitzigen Flügeln, unter deren Schwingen die erste die längste ist, mittellangem, mehr oder weniger tief gegabeltem, aus zwölf Federn gebildetem Schwanze und dichtem, knapp anliegendem, weichem Gefieder, in dem Lichtbleigrau, Schwarz und Weiß vorherrschen und das nach dem Geschlechte wenig oder nicht, nach Jahreszeit und Alter wesentlich abändert.

Die Seeschwalben bewohnen alle Gürtel der Erde, leben am Meere und an süßen Gewässern und folgen wandernd der Küste oder dem Laufe der Flüsse. Einige Arten lieben den flachen, kahlen Seestrand, andere pflanzenreiche Gewässer; einzelne siedeln sich vorzugsweise in südlichen Küstenwäldern an.

Alle Arten sind äußerst unruhige bewegungslustige Vögel und von Sonnenaufgang bis zu Sonnenniedergang fast ununterbrochen tätig. Die Nacht verbringen sie liegend am Ufer, den Tag fast ausschließlich fliegend in der Luft. Im Sitzen halten sie den Leib wagerecht oder vorn ein wenig gesenkt, so daß die langen Säbelflügel mit den Spitzen höher liegen als der eingezogene Kopf, erscheinen daher nur dann, wenn sie aus erhöhten Gegenständen, Steinen, Pfahlspitzen und dergleichen ausruhen, etwas gefälliger; beim Gehen bewegen sie sich trippelnd, deshalb auch bloß auf kurze Strecken; im Schwimmen werden sie zwar, ihrer Leichtigkeit halber, wie Kork getragen, sind aber nicht imstande, die Wellen zu zerteilen; fliegend dagegen entfalten sie bewunderungswürdige Bewegungsfähigkeit. Wenn sie keine Eile haben, bewegen sie die Schwingen in langsamen, weit ausholenden Schlägen und gleiten unstet in einer sanften Wellenlinie fort; wollen sie aber rasch sich fördern, so greifen sie kräftig aus und jagen dann reißend schnell durch die Luft. Bei ruhigem Wetter sieht man sie auch die schönsten Schwenkungen und Kreislinien ausführen, wogegen sie bei heftigem Winde in einem beständigen Kampfe mit dem Luftstrome liegen und trachten müssen, dem Winde beständig sich entgegenzustellen, weil sie sonst unfehlbar erfaßt und wie ein Flederwisch zurückgeschleudert werden. Gewöhnlich sieht man sie niedrig über dem Wasser fortfliegen, bald aufsteigend, bald sich senkend, bald plötzlich auch mit knapp eingezogenen Flügeln in schiefer Linie herabstoßen und sich so tief in die Wellen einsenken, daß beinahe der ganze Körper verschwindet, hierauf wieder sich emporarbeiten, die Flügel zuckend bewegen, um die Wassertropfen abzuschütteln und das alte Spiel von neuem zu beginnen. In dieser Weise durchmessen sie im Laufe des Tages sehr bedeutende Strecken, obgleich sie sich ungern von einer und derselben Stelle weit entfernen, vielmehr immer und immer wieder zum Ausgangspunkte zurückkehren. Die Stimme ist ein unangenehm kreischender Laut, welcher durch »Kriäh« ausgedrückt werden kann und sich bei den verschiedenen Arten wenig unterscheidet. Unter den Sinnen stehen Gesicht und Gehör entschieden obenan. Beide Gatten eines Paares hängen aneinander und lieben ihre Brut innig, setzen sich auch trotz ihrer sonstigen Vorsicht ohne Bedenken augenscheinlichen Gefahren aus, wenn sie die Eier oder Jungen bedroht sehen. Auf Spitzbergen habe ich sie selbst auf Menschen herabstoßen sehen, wenn diese ihren Nestern zu nahe kamen. Herausgeber. Fische und Kerbtiere bilden ihre Nahrung; die größeren Arten verzehren jedoch auch kleinere Säugetiere und Vögel oder Lurche und die schwächeren Arten verschiedene Würmer und ebenso mancherlei kleinere Seetiere. Um Beute zu gewinnen, fliegen sie in geringer Höhe über dem Wasserspiegel dahin, richten ihre Blicke scharf auf den letzteren, halten, wenn sie ein Opfer erspähten, an, rütteln ein paar Augenblicke lang über ihm, um es sicher auf das Korn nehmen zu können, stürzen schnell herab und versuchen, jenes mit dem Schnabel zu fassen.

Schon einige Wochen vor Beginn des Eierlegens sammeln sich die Seeschwalben am Brutorte, ein Jahr wie das andere möglichst an derselben Stelle. Diejenigen, die das Meer bewohnen, wählen hierzu sandige Landzungen oder kahle Inseln, Korallenbänke und Mangle- oder ähnliche Waldungen; diejenigen, die mehr im Binnenlande leben, entsprechende, jedoch minder kahle Stellen an oder in Seen und Sümpfen. Gewöhnlich brütet jede Art abgesondert von den übrigen und in Masse, ausnahmsweise unter anderen Strand- und Wasservögeln und bezüglich einzeln. Ein Nest bauen bloß die Arten, die in Sümpfen brüten; denn die seichte Vertiefung, die andere für ihre Eier ausgraben, kann man kein Nest nennen. Bei ihnen stehen die Nester einzeln, bei diesen so dicht nebeneinander, daß die brütenden Vögel den Strand buchstäblich bedecken und genötigt sind, im Sitzen eine und dieselbe Richtung einzunehmen, daß man kaum oder nicht imstande ist, ohne Eier zu zertreten, zwischen den Nestern zu gehen. Die meisten legen drei Eier, einige vier, andere regelmäßig zwei und die wenigen, die auf Bäumen brüten, gewöhnlich nur eins. Beide Gatten widmen sich den Eiern abwechselnd, überlassen sie aber in heißeren Stunden des Tages gewöhnlich der Sonne. Die Jungen kommen nach zwei- bis dreiwöchentlicher Bebrütung in einem bunten Daunenkleide zur Welt, verlassen ihre Nestmulde meist schon an demselben Tage und laufen, behender fast als die Alten, am Strande umher, ängstlich bewacht, sorgsam beobachtet und genährt von ihren zärtlichen Eltern. Ihr Wachstum schreitet verhältnismäßig rasch vorwärts; doch kann man sie erst, wenn sie vollkommen fliegen gelernt haben und in allen Künsten des Gewerbes unterrichtet sind, erwachsen nennen. Nunmehr verlassen die Alten mit ihnen die Brutstelle und schweifen, wenn auch nicht ziellos, so doch ohne Regel umher.

Alle vierfüßigen Raubtiere, welche sich den Brutplätzen der Seeschwalbe nähern können, die Raben und größeren Möwen stellen den Eiern und Jungen, die schnelleren Raubvögel auch den Alten nach; Schmarotzermöwen plagen und quälen letztere in der Absicht, sie zum Ausspeien der frisch gefangenen Beute zu nötigen. Auch der Mensch tritt ihnen feindlich gegenüber, indem er sie ihrer schmackhaften Eier beraubt. Im übrigen verfolgt man sie nicht, weil man weder das Fleisch noch die Federn benutzen und sie auch kaum oder doch nur für kurze Zeit in der Gefangenschaft halten kann.

 

Die erste Stelle gebührt der Raubseeschwalbe ( Sterna caspia), dem Urbilde der Sippe. Das Gefieder ist auf dem Oberkopfe schwarz, an den Halsseiten, auf der Unterseite und auf dem Oberrücken glänzend weiß, auf dem Mantel licht graublau: die Schwingenspitzen sind dunkler, die Schwarzfedern lichter als das übrige Gefieder der Oberseite. Das Auge ist braun, der Schnabel korallrot, her Fuß schwarz. Im Winterkleide ist der Kopf weiß und schwarz gemischt, im Jugendkleide das Rückengefieder bräunlich in die Quere gefleckt. Die Länge beträgt zweiundfünfzig, die Breite einhundertdreißig, die Fittichlänge zweiundvierzig, die Schwanzlänge fünfzehn Zentimeter.

Die Raubseeschwalbe ist in Mittelasien und im Süden unseres Erdteiles zu Hause, brütet aber auch ausnahmsweise auf der Insel Sylt und an der pommerschen wie an einigen Stellen der holländischen und französischen Küste. Im Winter erscheint sie am Südrande des Mittelmeeres und auf den unterägyptischen Seen, andererseits auf dem nördlichen Roten und dem Indischen Meere, besucht jedoch, dem Laufe der Ströme folgend, ebenso das Innere Afrikas und Ostindien. Im Innern Deutschlands gehört sie zu den seltenen Irrlingen. Sie trifft auf Sylt gewöhnlich in der letzten Hälfte des April ein und verläßt den Brutort im August wieder, um fortan umherzuschweifen.

Gewöhnlich sieht man sie fliegend in einer Höhe von etwa fünfzehn Meter über dem Wasserspiegel fortstreichen, den Kopf mit dem auf weithin glänzenden roten Schnabel senkrecht nach unten gerichtet, die großen Schwingen langsam bewegend und von Zeit zu Zeit stoßtauchend auf das Wasser herabstürzend. Um auszuruhen, begibt sie sich nach kiesigen Uferstellen und pflegt hier eine wohlgeschlossene Reihe zu bilden, indem alle Glieder einer ruhenden Gesellschaft sich dicht nebeneinander niederlassen und ihren Kopf dem Wasser zukehren. An der Bewegungslosigkeit einer solchen Gesellschaft, die jedes Umhertrippeln zu meiden scheint, unterscheidet man sie auf den ersten Blick von einer Möwenschar, in der doch einige umherzulaufen pflegen. Auf größeren Wasserflächen läßt sich die fischende Raubseeschwalbe auch wohl zeitweilig und auf Minuten schwimmend nieder, hält sich dann aber gewöhnlich auf einer und derselben Stelle, ohne zu rudern, und erhebt sich bald wieder in die Luft. Die Stimme ist lauter, rauher und kreischender als die anderer Arten, sonst jedoch wenig verschieden; auch sie besteht nur aus dem häßlichen »Kriäh« oder »Kräik«. Dem Menschen weicht unsere Seeschwalbe ängstlich aus. An Geselligkeitstrieb scheint sie den Verwandten nachzustehen. Zum Brüten sammelt zwar auch sie sich scharenweise; nach der Brutzeit aber lebt und arbeitet jede möglichst für sich allein und gesellt sich bloß auf dem Ruheplatze. Neid und Habgier scheinen in ihrem Wesen besonders ausgeprägt zu sein; außerdem zeichnet sie sich durch Mut und Kampflust vor andern aus.

Ihre Hauptnahrung bilden Fische. Sie erbeutet und verschlingt solche von ziemlich bedeutender Größe, überfällt aber gelegentlich auch Strand- und Wasservögel, insbesondere, wenn diese schwimmen, und schlingt sie mit demselben Behagen hinab, mit dem kleinere Arten Kerbtiere zu sich nehmen. Schilling war der erste, der sie verdächtigte, die Eier der am Strande brütenden Vögel aufzulesen, da er beobachtete, daß sich Möwen und Seeschwalben der Umgegend unter furchtbarem Geschreie erhoben, wenn diese Räuberin nahte, wütend auf sie herabstießen und sie zu vertreiben suchten, während sie ruhig ihre Straße fortzog und sich nur wenig um die Verfolgung kümmerte; andere Beobachter haben seinen Verdacht bestätigt gefunden.

Naumann besuchte die Ansiedelung auf Sylt, die sich damals auf dem nördlichsten Ende der Insel befand. Die Eier, sagt er, liegen auf dem bloßen Sande in einer kleinen Vertiefung, die die Vögel selbst scharren, nicht ganz nahe am Wasser, doch im Angesichte desselben. Die Nester sind, wo ihrer viele beisammen nisten, kaum sechzig Zentimeter voneinander entfernt. In einem Neste liegen meistens zwei, selten drei Eier. An Größe und in der Gestalt kommen sie denen zahmer Enten ungefähr gleich. Die Schale ist glatt, aber glanzlos, die Grundfärbung schmutziggelblich oder bräunlichweiß, die Zeichnung besteht aus aschgrauen und schwarzgrauen Punkten und Flecken; Größe, Färbung und Zeichnung ändern vielfach ab. Erst in der zweiten Hälfte des Mai fangen die Raubseeschwalben an zu legen. Man nimmt ihnen auf Sylt mehrmals die Eier und läßt sie erst acht bis vierzehn Tage vor Johanni brüten. Wenn man sich dem Nistplatze nähert, umfliegen einen beide Gatten mit gräßlichem Geschreie, und das Männchen zeigt sich dabei dreister als das Weibchen. Beim Legen oder Bebrüten der Eier hat eine wie die andere ihr Gesicht dem Wasser zugekehrt. Sie brüten zwar mit vielen Unterbrechungen, sitzen jedoch öfter über den Eiern als andere Gattungsverwandten. Die Jungen, die auf der Oberseite mit graulichschwarz gefleckten, auf der Unterseite mit Weißen Daunen bekleidet sind, laufen bald aus dem Neste und werden von den Alten mit kleinen Fischen großgefüttert, auch die brütenden Weibchen vom Männchen oft mit dergleichen versorgt.

 

Trotz ihrer geringen Größe steht doch die Brandseeschwalbe ( Sterna cantiaca) den Raubseeschwalben an Raubtüchtigkeit kaum nach. Sie kennzeichnet sich durch gestreckte Gestalt, mindestens kopflangen, sehr gestreckten, merklich gebogenen Schnabel, kleine, mit stark ausgeschnittenen Schwimmhäuten ausgerüstete Füße, sehr lange Flügel und tief gegabelten Schwanz. Oberkopf und Nacken sind sammetschwarz, alle Oberteile hell silbergrau, Hals und Unterteile atlasweiß, schwach rosig überhaucht, die Schwingenspitzen tief aschgrau, die letzten Armschwingen und die Steuerfedern graulichweiß. Im Winterkleide ist der Oberkopf weiß, schwarz gestrichelt und die Unterseite reinweiß. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, an der Spitze gelb, der Fuß schwarz. Die Länge beträgt vierzig, die Breite vierundneunzig, die Fittichlänge einunddreißig, die Länge des tief gegabelten Schwanzes siebzehn Zentimeter.

Die Brandseeschwalbe, ein echter Meervogel, der die Küste kaum verläßt und höchstens noch Strandseen, kaum aber Binnenmeere besucht, verbreitet sich über Mittel- und Südeuropa, Afrika und Amerika, südlich bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung und Brasilien vordringend. An unsern Nordseeküsten erscheint sie frühestens Ende April, beginnt bald darauf zu brüten und wandert bereits im August, spätestens im September, wieder südwärts, um im Mittelländischen, Roten, Indischen und südlichen Atlantischen Meere zu überwintern. In die Ostsee verfliegt sich wohl eine und die andere; niemals aber schreitet sie hier zur Fortpflanzung.

In ihrem Betragen und Gebaren, Wesen und Sein erinnert die Brandseeschwalbe mehr als jede andere deutsche Art ihrer Gruppe an die Raubseeschwalbe. Dieser ähnelt sie in jeder Beziehung, so daß es überflüssig erscheinen darf, nach den bereits gegebenen Mitteilungen noch Weiteres zu sagen. Doch jagt sie nur auf Fische, nicht auf Vögel, raubt auch deren Nester nicht aus.

siehe

Flußseeschwalbe am Nest ( Sterna fluviatilis)

Die Flußseeschwalbe ( Sterna fluviatilis) hat einen dünnen, etwas bogenförmigen, ziemlich kurzen Schnabel, sehr niedrige, kurzzehige Füße und tief gegabelten Schwanz. Oberkopf und Nacken sind schwarz, Mantel und Schultern bläulichaschgrau, Kopfseiten, Hals, Bürzel und alle Unterteile weiß, die weiß geschafteten Schwingen dunkler als der Rücken, ihre weißlichen Innenfahnen längs des Schaftes durch eine schwarze Linie, neben dieser durch einen schieferfarbenen Streifen geziert, die vorderen Armschwingen an der Spitze weiß gerandet, die Federn des etwa acht Zentimeter tief gegabelten Schwanzes außen graulich, innen weiß. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel korallrot, auf der Firste und an der Spitze schwärzlich, der Fuß korallrot. Das Verbreitungsgebiet der Flußseeschwalbe erstreckt sich über Europa, einen großen Teil Asiens und Nordamerikas, das Wandergebiet bis Südafrika.

Im Norden gesellt sich zu ihr oder vertritt sie die über die Alte und Neue Welt verbreitete Küstenseeschwalbe ( Sterna macrura). Sie unterscheidet sich von der beschriebenen Verwandten durch die geringere Größe, den kürzeren und stärkeren Schnabel, die niedrigeren und kleineren Füße, den viel tiefer gegabelten und längeren Schwanz, den schmäleren dunkleren Streifen auf der Innenfahne der ersten Schwinge, die bläulichgraue Färbung der Unterseite und den einfarbig korallroten Schnabel.

Die Flußseeschwalbe bewohnt mehr als andere Arten Flüsse und Süßwasserseen, gehört demnach auch im Innern unseres Vaterlandes nicht zu den Seltenheiten und belebt einzelne Ströme, beispielsweise die Elbe, in namhafter Anzahl. Sie erscheint in den letzten Tagen des April oder erst Anfang Mai und begibt sich bereits im Juli oder Anfang August wieder auf die Wanderschaft. Schon in Südeuropa findet sie eine ihr zusagende Herberge für den Winter; aber auch im Norden Afrikas ist sie während der kalten Jahreszeit überall gemein.

Vor den Verwandten zeichnet sich die Flußseeschwalbe wohl nur durch die größere Schnelligkeit und Vielseitigkeit ihres Fluges aus, wird aber auch hierin von einzelnen Familiengenossen, beispielsweise von der Brandseeschwalbe, übertroffen. Ihre gewöhnliche Stimme ist das bekannte »Kriäh«, der Ausdruck der Angst ein leises »Kek« oder »Krek«, das sich bei wachsender Gefahr oft wiederholt und sich, wenn diese geringer wird, in »Kreiik« umwandelt? im Zorne ruft sie die Silbe »Krek« so oft und hastig aus, daß man die einzelnen Laute kaum noch unterscheiden kann. Kleine Fischchen, Wasserfröschchen und Froschlarven, auch wohl Würmer, Engerlinge und andere Kerbtiere im weitesten Umfange bilden ihre Nahrung. Die im Wasser lebenden Tiere gewinnt sie durch Stoßtauchen; die am Boden liegenden oder am Grase hängenden nimmt sie fliegend auf.

Ihre Nistplätze sind niedrige Inseln und Uferbänke, womöglich solche, deren Grund kiesig, nicht aber sandig ist. Hier bildet sie eine kleine Vertiefung in dem Kiese oder benutzt eine bereits vorgefundene zum Neste. Ende Mai findet man zwei bis drei große, einundvierzig Millimeter lange, dreißig Millimeter dicke, schön eiförmige, glattschalige, feinkörnige, glanzlose, auf trüb rostgelblichem oder bleich gelbgrauem Grunde mit violettgrauen, rötlichen und tiefschwarzbraunen, runden oder länglichen Flecken, Tüpfeln und Punkten gezeichnete Eier, die während der Nacht vom Weibchen, bei Tage zeitweilig auch vom Männchen bebrütet, in den Mittagsstunden aber der Sonnenwärme überlassen werden. Innerhalb sechzehn bis siebzehn Tagen sind die Jungen gezeitigt, entlaufen bald dem Neste und verbergen sich fortan bei Gefahr zwischen den größeren Steinen des Kiesbodens und andern Unebenheiten, verraten sich auch nur dann, wenn die Alte weggeschossen wurde, durch klägliches Piepen, wachsen heran, können nach Verlauf von zwei Wochen bereits flattern und in der dritten Woche ihres Lebens ihren Eltern schon fliegend folgen.

An unsern Binnengewässern bildet die Flußseeschwalbe selten große Ansiedelungen, wogegen am Meeresgestade oft Hunderte von dieser Art zum Brüten sich vereinigen. Eine solche, am Strande der Insel Canaria gelegene Ansiedelung besuchte Bolle. »Je weiter wir vorwärts schritten«, sagt er, »desto zahlreichere Pärchen erhoben sich, und bald mußten wir uns in acht nehmen, die Eier nicht zu zertreten: in solcher Menge sahen wir uns von ihnen umringt. Kaum hatten wir begonnen, ihre Eier in unsere Hüte und Körbe zu sammeln, da erhob sich, aufgeschreckt und beunruhigt, die ganze ungeheure Menge von Flußseeschwalben, eine Schar von Tausenden, in die Lüfte; wir bewegten uns wie unter einer schneeweißen Wolke. Das Gekreisch war betäubend, und der Aufruhr der Vögel nahm noch zu, als vom andern Ende des Strandes her mehrere fremde Männer, die ebenfalls Eier sammelten, erschienen. Aus dem beweglichen und lebenden Schirmdache über uns stachen bisweilen einige bis dicht auf unsern Kopf herab, wahrscheinlich diejenigen, deren Nester uns zunächst lagen, entfernten wir uns etwas, so konnten wir deutlich sehen, wie Männchen und Weibchen zu ihren Eiern zurückkehrten und letzteres zum Brüten darauf Platz nahm, während der treue Gatte zur Gesellschaft neben ihm sitzen blieb. Wir verließen diesen Ort nicht eher, als bis wir unsere Körbe bis zum Rande gefüllt hatten, was in weniger als einer Stunde geschehen war. Die erwähnten Männer erzählten uns, daß für einzelne Weiler der Nachbarschaft diese Brutansiedelungen wochenlang eine ergiebige und eifrig benutzte Vorratskammer abgeben, trotzdem aber die Zahl der Seeschwalben seit Menschengedenken sich nicht vermindert habe. Letzteres war augenscheinlich.«

Nicht selten geschieht es, daß bei Plötzlichem Steigen des Stromes oder am Meere bei heftigem Sturme Brutansiedelungen und Tausende von Nestern überschwemmt werden. Tritt ein solcher Unglücksfall frühzeitig im Jahre ein, so entschließen sich die Flußseeschwalben zu einer zweiten Brut, wogegen sie ohne Nachkommenschaft bleiben, wenn die Vernichtung später stattfand. Jedenfalls ist das Wasser ihr schlimmster Feind; denn von seiten des Menschen haben sie glücklicherweise nicht viel zu leiden, und den Raubtieren entgehen sie, wenn sie einmal erwachsen sind, gewöhnlich ohne sonderliche Mühe. Naumann sah einige Male, daß Flußseeschwalben von Baumfalken verfolgt wurden. »Das gewöhnliche Rettungsmittel der Schwimmvögel und mancher anderen, sich sogleich ins Wasser zu stürzen«, sagt er, »sahen wir die Verfolgten hier nicht ergreifen, dagegen aber die Flußseeschwalbe den Stößen des Falken mit einer bewunderungswürdigen Gewandtheit ausweichen, sie nach jedem Stoße höher steigen, bei manchen auch senkrecht ein Stück herabfallen oder eine kühne Seitenwendung ausführen, dabei aber immer noch mehr und mehr den Wolken sich nähern, bis endlich des Falken Kraft erschöpft wurde und er unverrichteter Sache abziehen mußte. Junge fängt er indessen mit größerer Leichtigkeit; doch kann ihm eine völlig erwachsene auch schon sehr viel zu schaffen machen. Er scheint ein Hauptfeind der Flußseeschwalben zu sein und ihnen die eben flugbaren Jungen nicht selten wegzukapern.«

 

Die Zwergseeschwalbe ( Sterna minuta) unterscheidet sich durch verhältnismäßig starken und etwas kurzen Schnabel, die tief ausgeschnittenen Schwimmhäute und den seicht gegabelten Schwanz von den andern Arten. Stirne, Unterseite und Steuerfedern sind weiß, Oberkopf und Nacken schwarz, die Mantel- und Flügelfedern aschgrau, die drei ersten schwarz geschafteten Handschwingen schwärzlich, innen bis gegen die Spitze breit weiß gesäumt, die übrigen grau. Das Auge ist braun, der Schnabel wachsgelb, an der Spitze schwarz, der Fuß lehmgelb. Die Länge beträgt zweiundzwanzig, die Breite fünfzig, die Fittichlänge achtzehn, die Schwanzlänge acht Zentimeter.

Über vier Erdteile, Asien, Europa, Afrika und Amerika, erstreckt sich der Verbreitungskreis dieser kleinsten Art der Familie; nach Norden hin wird er ungefähr bis zum achtundfünfzigsten, nach Süden hin etwa bis zum vierundzwanzigsten Grade der Breite reichen. Auch sie bewohnt hauptsächlich süße Gewässer, insbesondere größere Ströme, ohne jedoch die Meeresküste gänzlich zu meiden. Flache, vom Wasser umflossene Kiesbänke sind die erste Bedingung, die sie an ihren Wohnplatz stellt; wo diese fehlen, siedelt sie sich niemals an. In Deutschland erscheint sie erst im Mai, zuweilen nicht vor Mitte dieses Monats, brütet und begibt sich bereits im Juli oder spätestens im August auf die Wanderschaft. Aber sie reist langsam, hält sich überall noch ein wenig auf, wird deshalb schon im Süden Deutschlands noch viel später bemerkt als im Norden und geht in der Regel auch nicht weit, nämlich nur bis an die Ströme und Strandseen Nordafrikas hinab. In ähnlicher Weise wandert sie vom Norden Asiens und vom nördlichen Amerika aus nach Süden.

»Die Zwergseeschwalbe gibt«, wie Naumann sagt, »an Schönheit keiner andern Art ihrer Familie etwas nach, und daß man hier alles im verjüngten Maßstabe sieht, erhöht den Reiz für den Beschauer.« Sie unterscheidet sich auch im Betragen nicht wesentlich von den Verwandten, geht und schwimmt wie diese, fliegt in ähnlicher Weise, vielleicht noch etwas schneller und leichter, aber mit denselben kühnen Windungen und in ebenso mannigfach wechselnder Art, in der Regel eine anmutige Behendigkeit entwickelnd; denn sie scheint beständig Eile zu haben und ist unbedingt eine der lebhaftesten und flinkesten ihrer Gattung. Wie es scheint, ist sie minder gesellig als ihre Verwandten. Während der Zugzeit sieht man sie allerdings auch zuweilen in zahlreichen Gesellschaften, am Nistplatze aber immer nur in kleineren Vereinen von zehn und weniger Paaren. Ihre Stimme hat nicht das unangenehm Kreischende der andern Seeschwalben, ist auch etwas vielseitiger; Laute, die wie »Kräk« oder »Kräik« klingen, vernimmt man am häufigsten, bei einiger Aufregung namentlich das letztere, bei Furcht oder Gefahr ein oft wiederholtes »Krek« und »Kek«, gelegentlich ihrer Neckereien ein schwatzendes »Keckärrek, kickerek«; der bekannte Laut »Kriäh« ist aber auch ihr Hauptwort.

Kleine Fische mancherlei Art bilden ihre Beute; nebenbei fängt sie auch Kerbtiere und deren Larven oder im Meere kleine Krebse und dergleichen. Wenn mehrere gemeinschaftlich fischen, geht es sehr lebhaft und laut zu; denn die glückliche wird von allen übrigen beneidet, verfolgt und, wenn es irgend angeht, um die gemachte Beute bestohlen, wobei alle schreien und schelten.

Wenig von Menschen besuchte, kiesige Stellen an der Meeresküste in der Nähe der Flußmündungen oder ebenso beschaffene Bänke und Inseln in den Strömen werden zum Nisten benutzt. Die Ansiedler gehen mit Verwandten keine Gesellschaft ein, dulden aber gern Regenpfeifer. Ihre Nester, einfache Vertiefungen, stehen etwas entfernt voneinander. Eine Auskleidung dieser Vertiefung wird nicht für nötig erachtet. Die zwei bis drei, zweiunddreißig Millimeter langen, dreiundzwanzig Millimeter dicken, zartschaligen, glanzlosen, auf trübrostgelbem Grunde mit hell aschgrau- und veilchenfarbenen, auch tiefbraunen Flecken, Punkten und Schnörkelchen gezeichneten Eier liegen auf bloßer Erde. Beide Eltern brüten abwechselnd vierzehn bis fünfzehn Tage lang, bei warmem Wetter übertags nur in Zeiträumen von kaum einer Viertelstunde; beide aber lieben die Brut in demselben Grade wie ihre Verwandten und ziehen sie auch in ähnlicher Weise groß, falls es ihnen gelingt, denselben Feinden, die ich bei Schilderung der Flußschwalben erwähnte, zu entgehen.

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Mehr als die bisher erwähnten Arten untereinander weicht die Lachseeschwalbe ( Gelochelidon anglica) von dem allgemeinen Gepräge ab und mag daher als Vertreter einer besonderen gleichnamigen Sippe ( Gelochelidon) gelten. Oberkopf und Nacken sind tief und glänzend schwarz, Mantel und Flügeldecken hell aschgrau, Halsseiten und alle Unterteile weiß, die weißschaftigen Handschwingen außer licht-, innen dunkelaschgrau, breit weiß gerandet, die Armschwingen, allmählich sich lichtend, bläulich weißgrau, am Ende weiß gesäumt, die Schwanzfedern, deren äußerste auf der Außenfahne fast rein weiß, ebenso gefärbt. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Die Länge beträgt vierzig, die Breite achtzig, die Fittichlänge dreißig, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter.

Obwohl in allen Erdteilen vorkommend und demgemäß Weltbürger, fehlt die Lachseeschwalbe doch dem Norden gänzlich und brütet nachweislich nur in der Mitte und im Süden des nördlich alt- wie neuweltlichen Gürtels, in Deutschland einzeln auf kleinen Inseln der Ostsee und an gewissen Binnenseen Bayerns, in Österreich-Ungarn an dem Platten- und Neusiedler See, in Südeuropa, Mittelasien, Nordafrika, dem Süden der Vereinigten Staaten sowie Mittelamerika dagegen wohl an allen geeigneten Gewässern. Von ihnen aus unternimmt sie allherbstlich ihre Weltreisen, die sie bis in das tiefste Innere Afrikas, nach Südasien, Australien und bis zur Südspitze Amerikas führen. Sie ist mehr als jede andere Seeschwalbe Landvogel, benutzt zwar große Ströme und die Seeküsten ebenfalls zu ihren Heerstraßen, verläßt die Gewässer aber doch sehr oft, schweift auf weithin im Lande umher und erscheint während ihres Zuges in der Steppe, selbst in der Wüste ebensogut wie bei uns zulande auf Feldern und Wiesen.

Ihr ganzes Wesen und Sein, Betragen und Gebaren, ihre Sitten und Gewohnheiten unterscheiden sie wesentlich von ihrer Verwandtschaft und lassen sie gleichsam als Bindeglied zwischen den Seeschwalben und Möwen erkennen. An letztere, vor allem an die Lachmöwe, erinnert ihr Auftreten. Wie diese nimmt sie während der Brutzeit oder in der Winterherberge ihren Stand an einem See, einem Bruche, Sumpfe und ähnlichen Gewässern und tritt von ihm aus ihre Raubzüge an. Niedrigen, leichten, jedoch verhältnismäßig schleppenden Fluges, Hals und Kopf gerade ausgestreckt, den Schnabel nicht abwärts gerichtet, gleitet sie über Gewässer und Gelände, stößt auf ersterem zwar manchmal auch auf ein erspähtes Fischchen herab, stellt aber doch viel regelmäßiger Kerbtieren, insbesondere Heuschrecken, Libellen, Schmetterlingen, großen Käfern, nach, fängt dieselben im Fluge wie im Sitzen, folgt dem Pflüger, um Engerlinge aufzulesen, erscheint mit Milanen, Turm- und Röthelfalken, dem Gaukler und andern Raubvögeln, Bienenfressern, Brachschwalben und Störchen vor der Feuerlinie der brennenden Steppe und stürzt sich hier, wie Heuglin sehr richtig sagt, mit ebensoviel Gewandtheit wie Kühnheit durch die dichtesten Rauchsäulen, um Beute zu gewinnen, besucht ebenso die Brutstätten der Strandvögel und raubt, wie Schillings Untersuchungen unwiderleglich erwiesen haben, ebensowohl junge Vögel bis zur Größe eines Kiebitzküchleins wie Eier, auch solche ihrer Verwandtschaft. Dies alles sind Züge der Möwen, nicht aber der Seeschwalben. Selbst ihre Stimme, ein lachendes, wie »Hä, hä, hä« oder »Ef, ef, ef« klingendes Geschrei, erinnert an den Ruf der Möwen.

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Ebenso darf man den Wasserschwalben ( Hydrochelidon) den Rang einer besonderen Sippe zugestehen. Die Trauerseeschwalbe ( Hydrochelidon nigra) ist auf Kopf und Nacken, Brust und Bauchmitte samtschwarz, auf dem Mantel blaugrau, in der Steißgegend weiß; die Schwingen sind dunkelgrau, lichter gerandet, die Steuerfedern hellgrau. Das Auge ist braun, der Schnabel rot an der Wurzel, im übrigen grauschwarz, der Fuß braunrot. Im Winterkleide sind nur Hinterkopf und Nacken schwarz, Stirne und übrige Unterseite aber weiß. Die Länge beträgt sechsundzwanzig, die Breite zweiundsechzig, die Fittichlänge zweiundzwanzig, die Schwanzlänge acht Zentimeter.

Die nächstverwandte Schild- oder Weißflügelseeschwalbe ( Hydrochelidon leucoptera) ist fast gleich groß. Die Federn des Rumpfes sind tief samtschwarz, die Flügel oben blaugrau, an der Schulter und an den Spitzen der Unterarmschwingen weißgrau, unten schwarz, die Bürzel- und die Steuerfedern weiß. Der Schnabel ist kirschrot, an der Spitze schwarz, der Fuß lackrot.

Die Bartseeschwalbe ( Hydrochelidon hybrida) ist die größte Art der Gruppe. Oberkopf und Nacken, die tief schwarz sind, werden durch einen breiten, weißlichen Zügelstreifen von dem Dunkelgraublau des Unterhalses getrennt; die Brust ist schwarz, der Mantel hellgrau, der Bauch weißgrau; die weißschaftigen Schwingen, deren erste eine schwarze Außenfahne zeigt, sind außen bläulich aschgrau, innen ebenso, längs des Schaftes und an der Spitze dunkler, ihre Unterdeckfedern weiß, die Schwanzfedern licht aschgrau, die äußersten an der Außenfahne fast weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel lack-, der Fuß mennigrot.

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Trauerseeschwalben auf schwimmenden Nestern ( Hydrochelidon nirga)

Unter den drei in Sein und Wesen innig verwandten Wasserschwalben hat die Trauerseeschwalbe die am wenigsten ausgedehnte Verbreitung, da sie in Australien noch nicht gefunden wurde, wogegen die übrigen auch diesen Erdteil so gut wie alle übrigen bewohnen, mindestens besuchen. Das Brutgebiet aller Arten ist der gemäßigte Teil des nördlich alt- wie neuweltlichen Gürtels. Die Trauerseeschwalbe, auf die ich meine Schilderung beschränken darf, erscheint bei uns zulande mit den übrigen Seeschwalben, verläßt uns auch um dieselbe Zeit wieder, bezieht aber nicht die Meeresküste oder Flüsse und Ströme, sondern siedelt sich nur in ausgedehnten Brüchen und Sümpfen, überhaupt bloß an stehenden Gewässern an. Während der Reise, die sie in Flügen von zwanzig bis tausend Stück zurücklegt, folgt sie den Strömen, und da, wo diese seitlich das Land unter Wasser gesetzt und Sümpfe gebildet haben, nimmt sie auch wohl unmittelbar an solchen längeren Aufenthalt; im übrigen meidet sie Fluß und Meer.

Von andern Verwandten unterscheiden sich die Wasserschwalben nicht bloß durch ihren Aufenthalt, sondern auch durch ihre Bewegung, Ernährung und Fortpflanzung. Sie gehen ebenso wenig, auch ebenso schlecht wie die übrigen, schwimmen selten und nicht besser als jene, fliegen minder stürmisch, aber nicht so schwankend, sondern weicher, sanfter, gemächlicher, demgemäß so leicht und zierlich und dabei so wechselvoll, daß man an dem Fluge seine wahre Freude haben muß. Während der Nachtstunden ruhen sie, tagsüber sind sie fast unablässig in Bewegung: sie bringen den größten Teil ihres Lebens fliegend und jagend zu. Kerbtiere bilden zeitweilig ihre ausschließliche Beute, obgleich auch ein kleines Fischchen nicht gänzlich verschmäht und ab und zu ein anderes Wassertier aufgenommen werden mag. Sie sind keine vollendeten Stoßtaucher mehr, sondern jagen eher nach Art der Schwalben als nach Art ihrer Verwandten, schweben sehr niedrig über dem Wasserspiegel dahin, scheinbar mehr zu ihrer Belustigung als aus Notwendigkeit Schwenkungen ausführend, rütteln lange, stürzen sich, wenn sie eine Beute erspäht, nicht so jählings und senkrecht auf das Wasser hernieder, sondern fallen in einer mehr geschweiften Linie herab und nehmen die Beute mit dem Schnabel auf, ohne den Leib unterzutauchen. Diese Bewegungen geschehen jedoch immer noch sehr schnell, und die fischende Wasserschwalbe gewährt gerade deshalb ein ewig wechselndes Schauspiel. Abweichend von den Verwandten zeigt sie sich andern Geschöpfen gegenüber furchtlos und vertrauensvoll. Bei uns in Deutschland sieht sie sich allerdings vor dem Menschen noch immer einigermaßen vor; im Süden Europas und in Ägypten dagegen, wo sie sich freundlicher Gesinnungen versichert halten darf, treibt sie in dessen unmittelbarer Nähe ihre Fischerei und fliegt an dem Erzfeinde der Tiere oft so nahe vorbei, daß dieser meint, sie mit Händen greifen zu können. Um andere Vögel bekümmert auch sie sich nicht, obgleich sie äußerst gesellig genannt werden muß, und eine einzelne nur selten bemerkt wird. Die Mitglieder eines Vereins hängen treu aneinander, halten sich immer zusammen und verrichten alle Geschäfte gemeinschaftlich.

Zum Nistplatze wählen sich die Wasserschwalben eine geeignete Stelle inmitten des Sumpfes oder Morastes. Auf ihr werden die Nester ziemlich nahe nebeneinander angelegt, entweder auf kleinen Schlammhügelchen, die eben über das Wasser emporragen, oder auf Gras- und Seggenbüschen, auf schwimmenden Inselchen von Rohr, Schilf und anderem Wüste, auch wohl auf den Blättern der Wasserrose, fast stets so, daß die Nester, obwohl sie mehr oder weniger schwimmen, durch jede Veränderung des Wasserstandes gefährdet erscheinen. Das Nest selbst ist, dem Standorte entsprechend, verschieden, hat jedoch nie mit dem der bisher genannten Seeschwalben Ähnlichkeit. Zur Unterlage werden immer Pflanzenstoffe herbeigeschleppt, zuweilen von ihnen förmliche Haufen aufgetürmt und die Oberfläche derselben seicht ausgemuldet. Trockene Rohr- und Schilfblätter, Grashälmchen, Rispen, Würzelchen usw. bilden das ganze Nest, und von einer künstlerischen Anordnung ist nicht zu reden. Anfang Juni findet man hier drei, seltener zwei oder vier, durchschnittlich vierunddreißig Millimeter lange, fünfundzwanzig Millimeter dicke, kurze, starkbauchige, zartschalige, feinkörnige, glanzlose Eier, die auf blaß ölbraunem, mehr oder weniger gelblichem und grünlichem Grunde mit vielen grauen, dunkel rotbraunen und braunschwarzen Flecken, Tüpfeln und Punkten bestreut sind. Nach vierzehn bis sechzehn Tagen entschlüpfen die Jungen; zwei Wochen später, wenn sie etwas flattern gelernt haben, verlassen sie das Nest. Ihre Eltern widmen ihnen die größte Sorgfalt und zeigen angesichts einer ihnen drohenden Gefahr einen Mut, der mit ihrer sonst bemerklichen Ängstlichkeit im grellsten Gegensatze steht. Nachdem die Jungen flugfähig geworden sind, folgen sie den Alten noch längere Zeit auf allen Ausflügen, unter unablässigem Gewimmer Futter erbettelnd.

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»Raben des Meeres« nenne ich die Möwen ( Larinae); denn jenen Vögeln entsprechen sie in ihrem Sein und Wesen. Sie bilden eine nach außen hin wohl abgegrenzte Unterfamilie und sind gut gebaute, kräftige Vögel von sehr verschiedener Größe, da die kleinsten Arten eine Dohle an Leibesumfang kaum übertreffen, während die größeren hierin einem Adler ungefähr gleichkommen. Der Leib ist kräftig, der Hals kurz, der Kopf ziemlich groß, der Schnabel mittellang, seitlich stark zusammengedrückt, bis zur Mitte der Firste gerade, von hier aus sanfthakig abwärts gebogen, sein Unterkiefer von der Spitze eckig vorgezogen, oben und unten scharfschneidig, der Rachen bis ans Auge gespalten, der Fuß mittelhoch, schlankläufig, mit wenigen Ausnahmen vierzehig und vorn schwimmhäutig, der Flügel groß, lang, breit, jedoch schmal zugespitzt, unter den Schwingen die erste über die übrigen verlängert, der aus zwölf Federn bestehende Schwanz mittellang, breit und gerade, seltener seicht ausgeschnitten oder in der Mitte auch etwas verlängert, das Kleingefieder sehr dicht, auf der Unterseite pelzartig, aber weich und sanft, die Färbung eine zarte und ansprechende, im ganzen sehr übereinstimmende, nach Jahreszeit und Alter meist verschiedene.

Die Möwen, von denen man über sechzig Arten unterschieden hat, verbreiten sich über alle Teile unserer Erde und beleben alle Meere. Wenige Arten entfernen sich weit vom Lande und kehren, wenn sie es tun, immer wieder bald zu ihm zurück, so daß man sie eigentlich als Küstenvögel bezeichnen muß. Für den Schiffer sind sie die sichersten Boten des Landes; wenn sie erst wieder ein Fahrzeug umkreisen, ist die Küste nicht mehr fern. Eher noch als auf die hohe See hinaus fliegen sie in das Innere des Binnenlandes, dem Laufe größerer Ströme folgend oder von einem Gewässer zu dem andern sich wendend. Einzelne Arten bevorzugen übrigens Binnengewässer, wählen sie wenigstens während der Fortpflanzungszeit zu ihrem Aufenthaltsorte. Viele Arten gehören zu den Zugvögeln, erscheinen in der nordischen Heimat im Frühlinge, brüten und begeben sich im Spätherbste wieder auf die Reise, andere wandern oder streichen. Diese Ortsveränderungen hängen aufs engste mit der Ernährung zusammen. Für alle Möwen ohne Ausnahme bilden Fische eine beliebte Nahrung; viele von ihnen aber gehören zu den eifrigsten Kerbtierjägern, und gerade sie sind es, die zu regelmäßigem Ziehen gezwungen werden, während die übrigen da, wo das Meer nicht vereist, auch im Winter noch offenen Tisch haben. Neben diesen beiden Hauptnahrungsstoffen erbeuten sie alle kleineren Tiere, die das Meer beherbergt, oder alle tierischen Stoffe überhaupt. Sie fressen Aas wie die Geier, jagen nach lebender Beute wie Raubvögel und lesen am Strande zusammen wie Tauben oder Hühner, betätigen überhaupt dieselbe Vielseitigkeit wie die Raben, sind jedoch gieriger und gefräßiger.

Ansprechend sind Gestalt und Färbung, anmutig die Bewegungen der Möwen, anziehend ist ihr Treiben. Ihre Stellung auf festem Boden nennen wir eine edle, weil sie einen gewissen Stolz bekundet; ihr Gang ist gut und verhältnismäßig rasch. Ihre Schwimmfertigkeit übertrifft die der meisten Verwandten im engeren Sinne: sie liegen leicht wie Schaumbälle auf den Wogen und stechen durch ihre blendenden Farben von diesen so lebhaft ab, daß sie dem Meere zum wahren Schmucke werden. Ihr Flug geschieht mit langsamen Flügelschlägen; diese wechseln aber oft mit anhaltendem, leichtem und schönem Schweben ab, das an das der breitflügeligen Raubvögel erinnert und mit spielender Leichtigkeit ausgeführt wird. Im Stoßtauchen stehen sie hinter den Verwandten zurück, stürzen sich jedoch immer noch so heftig auf die Wellen herab, daß sie den leichten Leib etwa einen halben Meter tief unter die Oberfläche des Wassers zwängen. Widerlich ist die Stimme, die bald aus stärker, bald aus schwächer schallenden, kreischenden und krächzenden Lauten besteht und zum Überdrusse ausgestoßen wird, falls sich irgendeine Erregung des Gemütes bemächtigt. Unter den Sinnen stehen Gesicht und Gehör entschieden obenan; das Empfindungsvermögen scheint ebenfalls wohl entwickelt zu sein; einen gewissen Geschmack bekunden sie durch die Auswahl der besseren Nahrungsmittel bei voller Tafel; über den Geruch läßt sich wohl kaum ein Urteil fällen. Alle Möwen wissen die Verhältnisse wohl zu würdigen und ihr Benehmen danach einzurichten. Alle sind mutig anderen Geschöpfen gegenüber, ihren Gatten und ihrer Brut in treuer Liebe zugetan, lieben auch die Gesellschaft mit anderen ihrer Art; aber alle zeigen sich ebenso neidisch, mißgünstig und unfreundlich gegen andere Vögel und opfern ihrer Freßgier die scheinbar bestehende Freundschaft ohne Bedenken. Eine irgendwie geschädigte Möwe pflegt allen andern Mitteilung zu geben, wie denn überhaupt unter ihnen das beste Einvernehmen herrscht, sobald es gilt, einer gemeinschaftlichen Gefahr zu begegnen, einem gemeinschaftlichen Feinde zu widerstehen: Raubvögel, Raubmöwen und Kolkraben oder Krähen werden von allen Möwen, die in der Nähe sind, gleichzeitig angegriffen und gewöhnlich auch in die Flucht geschlagen. Außer der Brutzeit kann es geschehen, daß man auch einzelne alte Möwen sieht; während der Brutzeit aber vereinigen sich alle Arten zu Gesellschaften, die nicht selten zu unzählbaren Scharen anwachsen. Schon im nördlichen Deutschland gibt es Möwenberge, die von mehreren hundert Paaren bewohnt werden; weiter oben im Norden kann man Ansiedelungen sehen, deren Anzahl keine Schätzung zuläßt. Auch hier halten sich die größeren Arten der Familie minder eng zusammen als die kleineren; diese aber bedecken im buchstäblichen Sinne des Wortes ganze Felswände oder Berge, benutzen jeden Raum, der sich darbietet, und legen ein Nest so dicht neben dem andern an, daß die brütenden Alten sich drängen. Die Nester sind je nach dem Standorte verschieden, da, wo es an Baustoffen nicht mangelt, einigermaßen ausgebaut, d.+h. aus trockenen Wasser- und Strandflechten locker und kunstlos errichtet, da, wo solche Stoffe fehlen, so einfach wie möglich hergerichtet. Zwei bis vier große, eigestaltige starkschalige, grobkörnige, auf schmutzig- oder braungrünlichem oder grünbräunlichem Grunde aschgrau und schwarzbraun gefleckte Eier bilden das Gelege und werden vom Männchen und Weibchen wechselweise drei bis vier Wochen lang, bei schlechtem Wetter anhaltender als bei gutem, bebrütet. Beide Eltern zeigen außerordentliche Anhänglichkeit an die Brut und vergessen, wenn sie dieselbe gefährdet sehen, jede Rücksicht. Die Jungen kommen in einem dichten, gefleckten Daunenkleide zur Welt und verlassen das Nest da, wo sie dies können, schon in den ersten Tagen, fortan am Strande sich umhertreibend und nötigenfalls zwischen Bodenerhebungen sich verbergend oder im Wasser Zuflucht suchend; diejenigen aber, die auf den Gesimsen steiler Felswände erbrütet wurden, müssen hier ausdauern, bis ihnen die Schwingen gewachsen sind. Anfänglich erhalten die Jungen halb verdaute Nahrung von den Alten vorgewürgt, später werden sie mit frisch gefangenen oder aufgelesenen tierischen Stoffen geatzt. Nach dem Ausfliegen verweilen sie noch einige Zeit in Gesellschaft ihrer Eltern, verlassen nunmehr aber die Brutplätze und zerstreuen sich mit jenen nach allen Seiten hin.

Im hohen Norden der Erde zählt man die Möwen nicht bloß zu den schönsten, sondern auch zu den nützlichsten Vögeln und hegt und pflegt sie ebenso wie die übrigen Kinder des Meeres, die alljährlich auf den Vogelbergen erscheinen. Möweneier bilden für einzelne Grundbesitzer Norwegens einen wesentlichen Teil des Ertrages ihres Gutes, werden von den Landeigentümern gern gegessen, weit versandt und verhältnismäßig teuer verwertet, und Möwenfedern müssen den ärmeren Nordländern die Eiderdaunen und Gänsefedern ersetzen. An dem Fleische alter Möwen finden nur die Mongolen des Nordens Geschmack; junge hingegen werden auch von den Helgoländern, Isländern und Grönländern gern gegessen und geben, geschickt zubereitet, wirklich ein erträgliches Gericht; doch schätzt man Eier und Federn überall höher als das Wildbret. Ein weißes Taschentuch, in die Luft geworfen, genügt, um eine Möwe herbeizuziehen; und hat man sie erst erlegt, so lockt man auch bald noch viele andere zu sich heran; denn jede, die einen weißen Gegenstand aus hoher Luft herab auf das Wasser stürzen sieht, meint, daß dort guter Fang zu machen sei und kommt neidisch zur Stelle, um sich hiervon zu überzeugen. Gefangene lassen sich leicht erhalten, sind aber etwas kostspielige Pfleglinge des Tierliebhabers, weil man ihnen Fische oder Fleischnahrung reichen muß, wenn man ihren Bedürfnissen genügen will. Geschieht letzteres, so finden sie sich bald in ihr Schicksal, gewöhnen sich an den Ort und den Pfleger, unterscheiden ihn sehr genau von andern Menschen, begrüßen ihn mit fröhlichem Geschreie, wenn er sich sehen läßt, antworten auf den Anruf und können fast in demselben Grade gezähmt werden wie ein Kolkrabe oder eine Krähe, Pflanzen sich auch, falls man ihnen einen größeren Raum anweist, in der Gefangenschaft fort.

 

Die Mehrzahl der größeren Arten der Familie nennt man Fischermöwen ( Larus) und vereinigt sie auch in einer besonderen Sippe, als deren besonderes Merkmal der gerade abgeschnittene Schwanz und die sehr übereinstimmende Färbung gelten. Eine der größten von allen ist die Eismöwe oder Bürgermeistermöwe ( Larus glaucus). Mantel und Rücken sind zart und sanft licht blaugrau oder möwenblau, die großen Schwingen, die bei zusammengelegtem Flügel den Schwanz kaum überragen, hell bläulichgrau, alle übrigen Teile weiß. Das Auge ist strohgelb, der Schnabel zitrongelb, der Unterschnabel über dem vorspringenden Winkel durch einen roten Längsfleck geziert, der Fuß blaßgelb. Das Winterkleid ist auf dem Halse verloschen bräunlich gefleckt, das Jugendkleid auf trübweißem Grunde grau und graubräunlich gestreift, gewellt und gefleckt; die großen Schwingen sind licht bräunlichgrau. Die Länge beträgt etwa fünfundsiebzig, die Breite einhundertundsiebzig, die Fittichlänge siebenundvierzig, die Schwanzlänge zweiundzwanzig Zentimeter.

Die Heimat dieser schönen Möwe ist der hohe Norden beider Welten; das Wandergebiet erstreckt sich bis zur Breite des Nordrandes von Afrika; die Mehrzahl überwintert jedoch bereits auf Island und in Nordskandinavien oder verläßt überhaupt die Heimat nicht.

Die verwandte Polarmöwe oder Weißschwingenmöwe ( Larus leucopterus) unterscheidet sich durch geringere Größe und längere Flügel, die den Schwanz um mehrere Zentimeter überragen, die reinweißen Handschwingen und die rötlichen Füße. Auch diese Art ist im hohen Norden heimisch und erscheint nicht allwinterlich an unsern Küsten.

siehe

Junge Silbermöwe ( Larus argentatus)

Von beiden Arten unterscheidet sich die Silbermöwe ( Larus argentatus) durch etwas dunkler blauen Mantel, die am Ende weiß gesäumten Schulter- und großen Oberflügeldeckfedern und die Färbung der Handschwingen, deren beide erste fast gänzlich schwarz und an dem weißen Ende durch ein schwarzes Band geziert, deren übrige dagegen nach hinten zunehmend grau, vor der Spitze schwarz und an ihr weiß sind. Der Fuß ist blaß fleischfarbig. Die Länge beträgt fünfundsechzig, die Breite einhundertfünfundvierzig, die Fittichlänge fünfundvierzig, die Schwanzlänge achtzehn Zentimeter. Die Nordsee und das Südliche Eismeer beherbergen die Silbermöwe in Menge; außerdem kommt sie an den Küsten Nordamerikas, auf ihrem Winterzuge aber an allen Küsten Europas, oft auch tief im Lande, im Mittelländischen und Schwarzen Meere vor.

Ebenfalls im Norden lebt die Sturmmöwe ( Larus canus). Der Mantel ist zart möwenblau, das übrige Kleingefieder samt Schwanz weiß. Im Winterkleide zeigen Kopf, Hinterhals und die Brustseiten auf weißem Grunde graue Flecke; das Jugendkleid ist oberseits dunkel braungrau, auf dem Kropfe und an den Seiten mit großen graubraunen Flecken besetzt, die vordere Schwanzhälfte wie die Schwingenspitze braunschwarz. Das Auge ist braun, der Schnabel schmutziggrau, an der Spitze gelb, bei jungen Vögeln schwarz, der Fuß blaugrünlich bis grünlichgelb. Die Länge beträgt fünfundvierzig, die Breite einhundertzwölf, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge vierzehn Zentimeter. Das Brutgebiet der Sturmmöwe erstreckt sich von der Breite der norddeutschen Küste an über den Norden der Alten Welt; das Wandergebiet umfaßt ganz Europa, den größten Teil Asiens und Nordafrika. Sie besucht auch weit von der Küste entfernte Binnengewässer.

Unter den Möwen mit dunkler Oberseite ist die Mantelmöwe ( Larus marinus) die größte. Kopf, Hals und Nacken, die ganze Unterseite, der Unterrücken und der Schwanz sind blendendweiß, der Oberrücken und der Flügel schieferblauschwarz, die Spitzen der Schwungfedern weiß. Im Jugendkleide sind Kopf, Hals und Unterseite auf weißem Grunde gelblich und bräunlich in die Länge gestreift und gefleckt, der Rücken und die Oberflügeldeckfedern braungrau, lichter gerandet, die Schwingen und Steuerfedern schwarz, letztere weiß gezeichnet. Das Auge ist silbergrau, der Augenring zinnoberrot, der Schnabel gelb, am Unterschnabel vor der Spitze rot, der Fuß licht graugelb. Die Länge beträgt dreiundsiebzig, die Breite einhundertsiebzig, die Fittichlänge fünfzig, die Schwanzlänge zwanzig Zentimeter. Der Norden der Erde ist das Vaterland dieser Möwe. Während des Winters besucht sie regelmäßig die Küsten der Nord- und Ostsee, streicht denselben entlang auch bis Südeuropa und noch weiter hinab; während des Sommers trifft man alte Vögel ihrer Art nur höchst selten südlich des fünfzigsten Grades. Im Binnenlande kommt sie zuweilen als Irrling vor.

siehe

Heringsmöwe ( Larus fuscus)

Ihre nächste Verwandte ist die Heringsmöwe ( Larus fuscus), die sich durch merklich geringere Größe, den Schwanz überragende Fittiche, schmälere weiße Endbinden an den Schwingen und lebhaft gelb gefärbte Füße von ihr unterscheidet. Ihre Länge beträgt höchstens sechzig, die Breite einhundertvierzig, die Fittichlänge vierzig, die Schwanzlänge fünfzehn Zentimeter. Sie bewohnt alle Meere Europas und verbreitet sich von China bis Westafrika.

Raummangel gebietet mir, auf eine Lebensschilderung der Mantelmöwe mich zu beschränken. Sie geht gut, watet auch tief in seichtem Wasser umher, schwimmt gern und viel, selbst bei hohem Wogengange, schläft sogar im Schwimmen, fliegt zwar langsam, aber doch keineswegs schwerfällig, vielmehr leicht und ausdauernd, schwingt die ausgestreckten Flügel in langsamen Schlägen, schwebt dann auf weite Strecken hin, entweder kreisend oder gegen den Wind ansteigend und sich senkend, läßt sich durch den ärgsten Sturm nicht beirren und stößt, wenn sie Beute gewahrt, mit großer Kraft aus ziemlicher Höhe auf das Wasser herab bis zu einer gewissen Tiefe in dasselbe eindringend. An Mut und Raublust, Gier und Gefräßigkeit übertrifft sie die meisten Verwandten; dabei ist sie neidisch, hämisch und verhältnismäßig ungesellig, obgleich sie nur ausnahmsweise einzeln gesehen wird. Dem Menschen weicht sie außer der Brutzeit ebenso vorsichtig aus, als sie ihn während derselben mutig angreift. Ihre Stimme klingt tief und heiser, wie »Ach, ach, ach«, in der Erregung wie »Kjau«, welch letzterer Ausdruck aber sehr verschieden betont werden kann.

Fische verschiedener Größe bilden ihre Hauptnahrung, Aas von Säugetieren oder Fischen eine sehr beliebte Speise; nebenbei fängt sie Lemminge, junge und kranke Vögel, die sie erlangen kann, raubt schwächeren Seevögeln die Eier weg oder sucht am Strande allerlei Gewürm und Kleingetier zusammen. Sind ihr die Schalen gewisser Krebse und Weichtiere zu hart, so fliegt sie mit der Beute auf und läßt sie aus bedeutender Höhe herab auf Felsen fallen, um sie zu zerschellen. In der Gefangenschaft gewöhnt sie sich bald an Brot und sieht in diesem schließlich einen Leckerbissen.

Während meiner Reise in Norwegen und Lappland habe ich die Mantelmöwe oft gesehen, ihre Brutplätze aber erst im nördlichsten Teile des Landes, am Porsangerfjord, gefunden. Einzelne Silbermöwen, ihre gewöhnlichen Nistgefährten, beobachtete ich auch schon auf den Vogelbergen der Lofoten und hier stets auf dem Gipfel der Berge; Mantelmöwen aber konnte ich trotz des eifrigsten Suchens nicht entdecken. Eine Insel im Porsangerfjord wurde von mehreren hundert der beiden Arten bevölkert. Die Nester standen auf dem Moorboden nicht gerade nahe zusammen, aber doch auch selten weiter als fünfzig Schritte voneinander entfernt, die von beiden Arten zwischen- und nebeneinander, als ob die ganze Ansiedlung nur von einer einzigen Art gebildet worden wäre. Mehrere waren sehr hübsch gerundete und auch mit seinen Flechten sorgfältig ausgekleidete Vertiefungen, andere nachlässiger gebaut. Drei große, durchschnittlich etwa achtzig Millimeter lange, fünfundfünfzig Millimeter dicke, starkschalige, grobkörnige, glanzlose, auf grünlichgrauem Grunde braun und aschgrau, öl- und schwarzbraun getüpfelte und gefleckte Eier bildeten das Gelege und wurden von beiden Eltern ängstlich und sorgfältig bewacht.

Ein ungeheurer Aufruhr erhob sich, als ich die Insel betrat. Diejenigen, die gerade mit Brüten beschäftigt waren, blieben sitzen und ließen mich bis auf wenige Schritte an sich herankommen, gleichsam, als hofften sie, daß mich die wachthabenden zurückschrecken würden. Letztere hatten sich unter lautem Geschreie erhoben und umschwebten mich in geringer Entfernung, beständig von oben nach mir herabstoßend, dann wieder sich erhebend, kreisend und von neuem zum Angriff übergehend. Mehrere Male flogen sie so dicht an meinem Kopfe vorüber, daß ich mit den Flügelspitzen berührt wurde; zu einem Angriff mit dem scharfen Schnabel erdreisteten sie sich jedoch nicht. In mehreren Nestern befanden sich kleine Junge, die sich bei Annäherung sofort zwischen den Flechten und Grashalmen zu verbergen suchten und auch in der Tat trefflich verbargen.

Später habe ich das Brutgeschäft an meinen sehr zahmen Pfleglingen beobachten können. Das Paar hatte sich einen geeigneten Platz des Geheges, der durch einen Busch verdeckt war, zum Nisten ausgesucht, hier eine vorgefundene Vertiefung einfach ausgekleidet und drei Eier gelegt. Letztere wurden vorzugsweise vom Weibchen bebrütet: das Männchen hielt sich jedoch stets in dessen Nähe auf und verriet es jenem sofort, wenn ich mich nahte. Um andere Menschen bekümmerte das Paar sich nicht; denn es hatte bald erfahren, daß ich allein zum Störenfriede wurde. Näherte ich mich dem Neste mehr als gewöhnlich, so eilten beide Eltern schreiend auf mich zu, griffen mich dreist an und bissen mich, zuweilen sehr empfindlich, in die Beine. Nach sechsundzwanzigtägiger Brutzeit schlüpften die Jungen aus, wurden bald nach dem Abtrocknen aus dem Neste geführt, anfänglich aber jeden Abend wieder in dasselbe zurückgebracht. Übertags treiben sie sich zwischen dem Gebüsch umher, jede Warnung ihrer Eltern sofort beachtend. Letztere kannten meine Stimme so genau, daß ich sie bloß anzureden brauchte, um ihre Besorgnis wachzurufen. Auf den Anruf kamen beide unter lautem »Djau, kau ? achachachach« auf mich zu und versuchten meine Aufmerksamkeit von den Jungen, die sich inzwischen gedrückt hatten, abzulenken. Ihre Sorgfalt für die Pfleglinge minderte sich nach und nach einigermaßen; jedoch eilten sie, auch nachdem die Jungen bereits vollständig erwachsen, sofort herbei, wenn jemand diesen zu nahe kam. Wo die großen Möwen wiederholt beim Brüten gestört und bezüglich ihrer Eier beraubt worden sind, wählen sie sich, wenn sie es haben können, Baumwipfel zur Anlage ihrer Nester aus und nisten dann oft in bedeutender Höhe über dem Boden.

Von Feinden haben die Fischermöwen wenig zu leiden: an die größeren Arten dieser Gruppe wagen sich höchstens Seeadler oder die Raubmöwen; aber auch die letzteren werden oft sehr übel empfangen und müssen unverrichteter Sache wieder abziehen. Der Mensch nimmt ihnen wohl die Eier weg, verfolgt sie selbst jedoch nicht.

siehe

Lachmöwe ( Larus ridibundus)

Ungleich weiter verbreitet und deshalb viel genauer bekannt ist die Lachmöwe ( Larus ridibundus). Oberkopf und Vorderhals sind rußbraun, Nacken, Unterseite, Schwanz und Schwingen bis gegen die Spitze hin weiß, die Federn des Mantels möwenblau, die Schwingenspitzen schwarz. Das Auge ist dunkelbraun, der Augenring rot, der Schnabel und Fuß lackrot. Im Winterkleide fehlt die Kappe; der Hinterhals ist grau, ein Fleck hinter dem Ohr dunkelgrau, der Schnabel wie der Fuß blasser als im Frühling. Im Jugendkleide ist die Oberseite bräunlich. Die Länge beträgt zweiundvierzig, die Breite vierundneunzig, die Fittichlänge einunddreißig, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter. Die Lachmöwe tritt erst diesseits des sechzigsten Grades der Breite häufig auf und ist von hier an bis gegen den dreißigsten hin Brutvogel. Als solcher bewohnt sie alle geeigneten Binnengewässer Europas, Asiens und Amerikas in entsprechend gleicher Häufigkeit.

Ein reizender Vogel ist die Zwergmöwe ( Larus minutus), die kleinste aller bekannten Möwen. Ihre Kappe ist tief rußschwarz, der Mantel zart möwenblau, der Nacken weiß, die Unterseite weiß, rosenrot überhaucht, der Schwanz weiß; die möwenblauen Schwingen haben breite weiße Spitzen. Im Winterkleide ist die Kappe nur angedeutet und die Unterseite weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel schwärzlich rot, der Fuß korallrot. Die Länge beträgt achtundzwanzig, die Breite siebzig, die Fittichlänge zweiundzwanzig, die Schwanzlänge neun Zentimeter. Als der Brennpunkt des Brutgebietes dieser überaus zierlichen Möwe ist Osteuropa und Westsibirien anzusehen; von hier aus besucht sie im Winter Südasien, Südeuropa und Nordafrika.

In vergangenen Zeiten war die Lachmöwe an den Seen und Teichen Deutschlands ein wohlbekannter Vogel; gegenwärtig ist sie durch den zunehmenden Anbau des Bodens aus vielen Gegenden verdrängt worden, besucht dieselben aber noch regelmäßig während ihres Zuges. In Südeuropa verweilt sie jahraus, jahrein; unsere Breiten verläßt sie im Oktober und November, um den Winter in den Mittelmeerländern zuzubringen. Gegen die Eisschmelze kehrt sie zurück, in günstigen Jahren bereits im März, sonst in den ersten Tagen des April. Die älteren Paare haben schon in der Winterherberge ihre Ehe geschlossen und treffen gemeinschaftlich am Brutplatze ein; die jüngeren scheinen sich hier erst zu vereinigen, und die noch nicht brutfähigen schweifen im Lande umher. Das Meer besuchen sie nur während des Winters; denn selten kommt es vor, daß sie auf einer Insel nahe der Küste brüten. Süße Gewässer, die von Feldern umgeben werden, bilden ihre liebsten Wohnsitze.

Ihre Bewegungen sind im höchsten Grade anmutig, gewandt und leicht. Sie geht rasch und anhaltend, oft stundenlang dem Pflüger folgend oder sich auf den Wiesen oder Feldern mit Kerbtierfang beschäftigend, schwimmt höchst zierlich, wenn auch nicht gerade rasch, und fliegt sanft, gewandt, gleichsam behaglich, jedenfalls ohne sichtliche Anstrengung, unter den mannigfaltigsten Schwenkungen durch die Luft. Man muß sie einen vorsichtigen und etwas mißtrauischen Vogel nennen; gleichwohl siedelt sie sich gern in unmittelbarer Nähe des Menschen an, vergewissert sich von dessen Gesinnungen und richtet danach ihr Benehmen ein. In allen Ortschaften, die nahe ihren Brutgewässern oder am Meere liegen, lernt man sie als halben Hausvogel kennen: sie treibt sich hier sorglos vor, ja unter den Menschen umher, weil sie weiß, daß niemand ihr etwas zuleide tut; aber sie nimmt jede Mißhandlung, die ihr zugefügt wird, sehr übel und vergißt eine ihr angetane Unbill so leicht nicht wieder. Mit ihresgleichen lebt sie in bestem Einvernehmen, obgleich auch bei ihr Neid und Habgier vorherrschende Züge des Wesens sind; mit anderen Vögeln dagegen verkehrt sie nicht gern, meidet daher soviel wie möglich deren Gesellschaft und greift diejenigen, die ihr nahen, mit vereinten Kräften an. Da, wo sie mit andern Möwenarten eine und dieselbe Insel bewohnt, fällt sie über die Verwandten, die sich ihrem Gebiete nähern, grimmig her, wird aber auch andererseits in ähnlicher Weise empfangen. Raubvögel, Raben und Krähen, Reiher, Störche, Enten und andere unschuldige Wasserbewohner gelten in ihren Augen ebenfalls als Feinde. Die Stimme ist so mißlautend, daß der Name Seekrähe durch sie erklärlich wird. Ein kreischendes »Kriäh« ist der Lockton, die Unterhaltungslaute klingen wie »Kek« oder »Scherr«; der Ausdruck der Wut ist ein kreischendes »Kerreckeckeck« oder ein heiseres »Girr«, auf das das »Kriah« zu folgen pflegt.

Kerbtiere und kleine Fischchen bilden wohl die Hauptnahrung der Lachmöwe; eine Maus jedoch wird auch nicht verschmäht und ein Aas nicht unberücksichtigt gelassen. Ihre Jungen füttert sie fast nur mit Kerbtieren groß. Ungeachtet ihrer Schwäche wagt sie sich an ziemlich große Tiere, zerkleinert auch geschickt größere Fleischmassen in mundgerechte Brocken. Obschon sie Pflanzenstoffe verschmäht, gewöhnt sie sich doch bald an Brot und frißt es mit der Zeit ungemein gern. Ihre Jagd betreibt sie während des ganzen Tages, da sie abwechselnd ruht, abwechselnd wieder umherschwärmt. Von einem Binnengewässer aus fliegt sie auf Feld und Wiesen hinaus, folgt dem Pflüger stundenlang, um Engerlinge aufzulesen, streicht dicht über dem Grase oder dem Wasser hin, um Kerbtiere und Fische zu erbeuten, und erhascht überall etwas, kehrt dann zum Wasser zurück, um hier zu trinken und sich zu baden, verdaut währenddem und beginnt einen neuen Jagdzug. Beim Ab- und Zufliegen pflegt sie bestimmte Straßen einzuhalten oder bald diese, bald jene Gegend zu besuchen.

Ende April beginnt das Brutgeschäft, nachdem die Paare unter vielem Zanken und Plärren über die Nistplätze sich geeinigt haben. Niemals brütet die Lachmöwe einzeln, selten in kleinen Gesellschaften, gewöhnlich in sehr bedeutenden Scharen, in solchen von Hunderten und Tausenden, die sich auf einem kleinen Räume möglichst dicht zusammendrängen. Die Nester stehen auf kleinen, von flachem Wasser oder Moraste umgebenen Schilf- oder Binsenbüschen, alten Rohrstoppeln oder Haufen zusammengetriebenen Röhrichtes, unter Umständen auch im Sumpfe zwischen dem Grase, selbstverständlich nur auf schwer zugänglichen Stellen. Durch Niederdrücken einzelner Schilf- und Grasbüsche wird der Bau begonnen, durch Herbeischaffen von Schilf, Rohr, Stroh und dergleichen weiter geführt, mit einer Auskleidung der Mulde beendet. Im Anfange des Mai enthält jedes Nest vier bis fünf verhältnismäßig große, durchschnittlich fünfzig Millimeter lange, sechsunddreißig Millimeter dicke, auf bleich ölgrünem Grunde mit rötlichaschgrauen, dunkel braungrauen und ähnlichfarbigen Flecken, Tüpfeln und Punkten bezeichnete, in Gestalt, Färbung und Zeichnung mannigfach abändernde Eier. Beide Geschlechter brüten abwechselnd, anhaltend jedoch nur des Nachts; denn in den Mittagsstunden halten sie die Sonnenwärme für genügend. Nach achtzehntägiger Bebrütung entschlüpfen die Jungen; drei bis vier Wochen später sind sie flügge geworden. Da, wo die Nester vom Wasser umgeben werden, verlassen sie das Nest in den ersten Tagen ihres Lebens nicht, auf kleinen Inseln hingegen laufen sie gern aus demselben heraus und dann munter auf dem festen Lande umher. Wenn sie eine Woche alt geworden sind, wagen sie sich auch wohl schon ins Wasser: in der zweiten Woche beginnen sie bereits umherzuflattern, in der dritten zeigen sie sich ziemlich selbständig. Ihre Eltern sind im höchsten Grade besorgt um sie und wittern fortwährend Gefahr. Jeder Raubvogel, der von fern sich zeigt, jede Krähe, jeder Reiher erregt sie; ein ungeheures Geschrei erhebt sich, selbst die brütenden verlassen die Eier, eine dichte Wolke schwärmt empor: und alles stürzt auf den Feind los und wendet alle Mittel an, ihn zu verjagen. Auf den Hund oder den Fuchs stoßen sie mit Wut herab; einen sich nahenden Menschen umschwärmen sie in engen Kreisen. Mit wahrer Freude verfolgen sie denjenigen, der sich zurückzieht. Erst nach und nach tritt eine gewisse Ruhe und verhältnismäßige Stille wieder ein.

Im Norden Deutschlands ist es üblich, an einem gewissen Tage gegen die harmlosen Lachmöwen zu Felde zu ziehen und einen Vernichtungskrieg gegen sie zu eröffnen, der Hunderten das Leben kostet. Das nutzlose Blutvergießen, das unter dem Namen »Möwenschießen« als Volksfest gefeiert wird, erinnert an die Roheit der Südeuropäer und läßt sich in keiner Weise entschuldigen. Die Lachmöwen gehören nicht, wie man früher hier und da wohl glaubte, zu den schädlichen, sondern zu den nützlichen Vögeln, die, solange sie leben, unsern Feldern nur Vorteil bringen. Die wenigen Fischchen, die sie wegfangen, kommen der zahllosen Menge von Kerbtieren gegenüber, die sie vertilgen, gar nicht in Betracht; man sollte sie also schonen, auch wenn man sich nicht zu der Anschauung erheben kann, daß sie eine wahre Zierde unserer ohnehin armen Gewässer bilden.

Gefangene Lachmöwen sind allerliebst, namentlich wenn man jung aus dem Neste gehobene in seine Pflege nimmt. Diese verlangen allerdings zu ihrer Unterhaltung Fleisch- und Fischkost, gewöhnen sich aber nebenbei auch an Brot, so daß ihre Unterhaltung in Wirklichkeit nicht viel kostet. Beschäftigt man sich eingehend mit ihnen, so werden sie bald außerordentlich zahm, laufen dem Pfleger wie ein Hund auf dem Fuße nach, begrüßen ihn freudig, wenn er sich zeigt, und folgen ihm später fliegend durch das Gehöft und den Garten, auch wohl auf das Feld hinaus. Bis gegen den Spätherbst hin verlassen sie den Wohnplatz, den man ihnen angewiesen, nicht; sie entfernen sich wohl zeitweilig und treiben sich auch weit in der Umgegend umher, kehren aber immer zur bestimmten Fütterungsstunde zurück. Finden sie unterwegs Artgenossen, so versuchen sie diese mitzubringen und wissen in der Regel deren Mißtrauen so vollständig zu beseitigen, daß die Wildlinge scheinbar alle Scheu vor dem Menschen ablegen und sich wenigstens eine Zeitlang in dem Gehege ihrer gezähmten Schwestern aufhalten; ungestört kehren sie dann gern wieder zurück, und schließlich kann man, dank seinen Pfleglingen, tagtäglich so viele Besucher erhalten, daß besondere Vorkehrungen nötig werden, sie auch entsprechend zu bewirten.

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»Wer noch nie einen von dreizehigen Möwen besetzten Vogelberg sah«, sagt Holboell, »kann sich ebensowenig einen Begriff von der eigentümlichen Schönheit als von der Menge dieser Vögel machen. Man könnte einen solchen Möwenberg vielleicht mit einem riesenhaften Taubenschlage, bewohnt von Millionen gleichgefärbter Tauben, vergleichen. Der Berg Inujuatuk ist eine Viertelmeile lang und der ganzen Länge nach mehr oder minder stark mit verschiedenen Möwenarten besetzt und dies bis zu einer Höhe, daß man die obersten Vögel nur als kleine Weiße Punkte erkennen kann.« Kürzer und malerischer drückt sich Faber aus. »In Grimsös Vogelbergen nisten sie in solcher Menge, daß sie die Sonne verdunkeln, wenn sie auffliegen, die Schären bedecken, wenn sie sitzen, die Ohren betäuben, wenn sie schreien, und den von Löffelkraut grünen Felsen weiß färben, wenn sie brüten.« Als ich mich zur Reise nach Lappland anschickte, hatte ich selbstverständlich beider Schilderungen gelesen und die Wahrheit derselben auch nicht bezweifelt; das wahre Bild eines Möwenberges aber gewann ich doch erst an einem mir unvergeßlichen Tage, dem zweiundzwanzigsten Juli, der mich an dem Vorgebirge Svärholm, unweit des Nordkaps, vorüberführte; ich gewann es erst, nachdem mein liebenswürdiger Freund, der Führer des Postdampfschiffes, das mich trug, eines seiner Geschütze abgefeuert hatte, um die Möwen aufzuscheuchend. Das ist auch heute noch eine beliebte Veranstaltung bei allen Nordlandreisen. Herausgeber. Eine gewaltige Wand war mir erschienen wie eine riesenhafte, mit Millionen kleiner weißer Pünktchen bedeckte Schiefertafel: unmittelbar nach dem Donner des Schusses lösten sich diese Pünktchen teilweise ab vom dunklen Grunde, wurden lebendig, zu Vögeln, zu blendenden Möwen, und senkten sich minutenlang auf das Meer hernieder, so dicht, in einer so ununterbrochenen Folge, daß ich meinte, ein unerwarteter Schneesturm sei losgebrochen und wirbele riesenhafte Flocken vom Himmel hernieder. Minutenlang schneite es Vögel, auf unabsehbare Ferne hin bedeckte sich das Meer mit ihnen, und noch erschien die Wand fast ebenso dicht betüpfelt als früher.

Die Stummelmöwe oder Dreizehenmöwe ( Rissa tridactycla) vertritt eine gleichnamige Sippe ( Rissa), als deren wichtigstes Kennzeichen gelten muß, daß die Hinterzehe des Fußes fehlt oder doch nur angedeutet ist. Das Gefieder des alten Vogels ist auf Kopf, Hals, Unterrücken, Schwanz und Unterseite blendendweiß, auf dem Mantel möwenblau; die Schwingen sind weißgrau, ihre Spitzen schwarz. Das Auge ist braun, der Augenring korallrot, der Schnabel zitronengelb, am Mundwinkel blutrot, der Fuß schwarz, auf der Sohle gelblich. Nach der Herbstmauser färbt sich der Hinterhals blaugrau und ein rundlicher Fleck hinter dem Ohr schwarz. Im Jugendkleide ist der Mantel dunkelgrau, jede Feder schwarz gerandet. Die Länge beträgt dreiundvierzig, die Breite einhundert, die Fittichlänge dreißig, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter.

Auch die Stummelmöwe ist ein hochnordischer Vogel, verläßt aber im Winter das Eismeer und erscheint dann häufig an unfern Küsten, streicht auch bis in sehr niedere Breiten hinab. Im Binnenlande sieht man sie im Winter öfter als andere Seemöwen, weil sie den Strömen und Flüssen bis tief ins Innere des Landes folgt und hier zuweilen in zahlreichen Gesellschaften auftritt. Auf Island und in Grönland gilt sie als das erste Zeichen des Frühlings; denn sie trifft, auch wenn noch grimmige Kälte herrscht, bereits zwischen dem achten und dem zwanzigsten März hier ein und bezieht sofort nach ihrer Ankunft die Vogelberge. Bis zum November verweilt sie in der Heimat; hierauf verläßt sie die Fjorde, fliegt aber größtenteils nur bis ins offene Meer hinaus und läßt sich bloß durch die Not zu weiteren Wanderungen treiben.

Im Betragen und in ihrem Wesen unterscheidet sich die Stummelmöwe vielleicht nur durch die größere Geselligkeit und Schreilust wesentlich von ihren gleichgroßen Verwandten. Sie geht ziemlich schlecht und deshalb selten, schwimmt aber gern und anhaltend, auch beim ärgsten Wellengang, fliegt leicht, sanft, mannigfache und anmutige Windungen ausführend, bald mit langsamen Flügelschwingungen, bald schwebend oder schwimmend, und stößt geschickt aus der Höhe auf das Wasser herab, um einen hochgehenden Fisch oder ein anderes Tier aufzunehmen. Ungewöhnlich selbst innerhalb ihrer Familie ist ihre Geselligkeit, die wahrscheinlich durch ihr sanftes Wesen begründet wird. Einzelne Stummelmöwen sieht man selten, zahlreiche Flüge viel häufiger, und alle Glieder der Gesellschaften scheinen im tiefsten Frieden zu leben. Außer der Fortpflanzungszeit gehört diese Möwe zu den schweigsamsten Arten ihrer Familie, während sie brütet, schreit sie dagegen ununterbrochen. Bald klingt die Stimme laut und gellend wie »Ka ka toi« oder »Häiä«, bald wieder wie »Dack, dack«, bald wie das Schreien eines weinenden Kindes, bald wie der Klang einer Kindertrompete.

Graba fand, daß die Brutplätze dieser Möwe, die er auf den Färinseln besuchte, nach Westen und Nordwesten gegen das Meer gerichtet waren und schließt daraus, daß die Stummelmöwe solche Felswände zum Brüten benutze, die senkrecht zur herrschenden Windrichtung stehen und dem abfliegenden Vogel ermöglichen, sogleich den zum Fluge günstigsten Wind zu benutzen; Boje meint, daß die Fülle der Nahrung, die zu gewissen Zeiten in der Nähe bestimmter Küsten vorhanden, der hauptsächlichste Grund für die Wahl sein möge, und Faber glaubt, daß Heimats- und Gesellschaftstrieb diese Wahl bestimmen. Wie dem auch sein möge: eines steht fest, daß die einmal erwählten Felswände jahraus jahrein wieder bezogen werden, anscheinend in immer gleicher Anzahl, daß aber die Vögel selbstverständlich nur solche Wände wählen, welche ihnen Raum zur Anlage ihrer Nester gewähren. Alle Möwenberge bestehen aus einzelnen Absätzen oder Gesimsen übereinander und sind reich an Höhlen und Vorsprüngen; in den Höhlen und auf den Absätzen steht Nest an Nest, vom Fuße des Berges bis zur Höhe hinauf; jedes Plätzchen ist benutzt worden, jedes Gesims dient Tausenden von Paaren zur Brutstätte ihrer Kinder. Bald nach ihrer Ankunft sieht man die Paare neben den Nestern sitzen, in den anmutigsten Stellungen sich liebkosen, wie Tauben schnäbeln, sich gegenseitig im Gefieder nesteln und vernimmt ihr Girren, oder wie man es sonst nennen will, die zartesten Laute nämlich, die eine Möwe hervorbringen kann, vorausgesetzt natürlich, daß jene Laute nicht wie gewöhnlich von dem allgemeinen Lärm verschlungen werden. Während diese sich liebkosen, fliegen jene ab und zu, Neststoffe herbeischleppend, und so wird der Berg beständig eingehüllt von einer Vogelwolke, und ununterbrochen wimmelt und wirrt es durcheinander. Das Nest selbst besteht der Hauptsache nach aus Tang, wird aber durch den Kot der Vögel im Laufe der Jahre mit hohen Rändern versehen und braucht also vor Beginn der Brut nur ein wenig ausgebessert zu werden. Drei bis vier etwa dreiundfünfzig Millimeter lange, vierzig Millimeter dicke, aus schmutzig rostgelbem, weißgrünlichem oder roströtlichem Grunde spärlich dunkler gefleckte und getüpfelte Eier bilden das Gelege. Man nimmt an, daß jedes Pärchen nur seiner eigenen Brut sich widmet, ist aber nicht imstande, zu begreifen, wie es möglich ist, daß das Paar unter den Hunderttausenden sein Nest, ja den Gatten herauszufinden vermag. Die Jungen verweilen bis Mitte August im Neste, sind bis dahin vollkommen flügge geworden und schwärmen nun auf das hohe Meer hinaus.

Wie alle kleineren Arten der Familie haben auch die Stummelmöwen von Edelfalken, Seeadlern und Raubmöwen viel zu leiden; erstere nehmen sie vom Neste oder aus der Luft weg, letztere peinigen sie. Der Nordländer brandschatzt sie, soviel er kann; denn ihre Eier gelten mit Recht als höchst schmackhaft. Aber die Ausbeutung der Vogelberge hat ihre unsäglichen Schwierigkeiten und, trotz des Mutes der kühnen Vogelfänger, so wenig Erfolg, daß der den Vögeln zugefügte Verlust als ein kaum nennenswerter bezeichnet werden muß.

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Gestalt und Färbung der Raubmöwen ( Lestrinae) berechtigen uns, sie als besondere Unterfamilie aufzufassen. Sie leben vorzugsweise im nördlichen kalten Gürtel der Erde, meist auf offenem Meere, während der Fortpflanzungszeit aber in den Tundren der Küsten und Inseln. Sie gehen mit wagerecht getragenem Leib rasch und geschickt, einzelne Arten fast ebenso gewandt wie Stelzvögel, schwimmen gut, fliegen aber mehr, als sie schwimmen, gehen oder stehen, und zwar in einer von allen übrigen Seefliegern verschiedenen Weise, kühne, mannigfach abwechselnde, oft wunderliche Schwenkungen ausführend, gleitend und rüttelnd. Ihre Stimme ist ein unangenehmes Gekrächze, die der Jungen ein leises Piepen. Wie echte Raubvögel greifen sie alle Tiere an, die sie bewältigen können. Sie gehören nicht zu den besseren Stoßtauchern und können nur dann Fische erbeuten, wenn letztere dicht unter der Oberfläche des Wassers dahin schwimmen, rauben aber ebenso gern wie andere Stoßtaucher, und keineswegs bloß Fische, sondern auch Vögel, deren Eier und kleine Säugetiere, oder andererseits wirbellose Meertiere, wagen sich selbst an junge Lämmer und hacken ihnen die Augen und das Gehirn aus, verschlingen alles für sie Genießbare und gehen lebende wie tote Tiere an. Außerdem beobachteten sie die Möwen, Seeschwalben, Tölpel und ähnliche Seevögel bei ihrer Jagd, eilen, wenn es jenen gelang, Beute zu gewinnen, herbei und zwicken und plagen den glücklichen so lange, bis er ihnen angsterfüllt die bereits verschlungene Nahrung wieder vorwürgt und ausspeit, worauf sie mit unfehlbarer Sicherheit den Bissen auffangen, bevor er fallend noch den Wasserspiegel erreicht hat. Diese unverschämte Bettelei macht sie äußerst verhaßt, ihre rücksichtslose Raubsucht in hohem Grade gefürchtet. Kein Seevogel brütet in ihrer Nähe, keiner verweilt auf dem Binnensee, auf dem sie sich ausruhen; jeder blickt scheu nach ihnen hin, wenn sie ihre Runde machen; die mutigeren greifen sie an, wo sie sich sehen lassen; die furchtsameren fliehen ängstlich vor ihnen, und diejenigen, die es imstande sind, suchen sich durch Tauchen zu retten.

Die Riesenraubmöwe oder Skua ( Lestris catarrhactes), wohl die ausgezeichnetste Art der Familie, übertrifft den Kolkraben an Größe: ihre Länge beträgt siebenundfünfzig, ihre Breite einhundertsechsundvierzig, die Fittichlänge dreiundvierzig, die Schwanzlänge siebzehn Zentimeter. Die mittleren Schwanzfedern sind am Ende gerade abgeschnitten, also winkelig und wenig über die andern verlängert. Das Gefieder ist auf graubraunem, unten lichterem Grunde rötlich und blaßgrau längs gestreift, ein Fleck an der Wurzel der dunklen Schwingen weiß, das Auge rotbraun, der Schnabel an der Wurzel bleigrau, an der Spitze schwarz, der Fuß schwarzgrau. Als die Heimat der Riesenraubmöwe wird der zwischen dem sechzigsten und siebzigsten nördlichen Breitengrad liegende Gürtel angesehen; doch hat man sie auch in den Meeren des südlichen gemäßigten Gürtels beobachtet. In Europa bewohnt sie die Fär- und Shetlandsinseln, die Orkaden, Hebriden und Island, von hier aus im Winter bis an die englische, deutsche, holländische und französische Küste herabstreichend. Die größere Mehrzahl verweilt jedoch auch während der kalten Jahreszeit im Norden, da, wo das Meer offen bleibt, sich Nahrung suchend.

Die Spatelraubmöwe ( Lestris pomatorhina) unterscheidet sich zunächst dadurch von der Riesenraubmöwe, daß ihre merklich verlängerten mittleren Schwanzfedern am Ende sich abrunden. Oberkopf und Kopfseiten, Mantel, Flügel und Schwanz sind tief schwarzbraun, Kinn und Kehle sowie die Unterteile weiß, die Halsseiten weiß, deutlich lehmgelb überflogen, die Kropfgegend, ein Halsband bildend, sowie die Seiten bräunlich quergezeichnet, die weißschaftigen Handschwingen an der Wurzel weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel an der Wurzel blaugrau, an der Spitze schwärzlich Hornfarben, der Fuß schwarz. Brutvogel der Tundren aller drei nördlichen Erdteile, besucht die Spatelraubmöwe zuweilen alle Meere der Erde und demgemäß auch die Küsten Afrikas und Australiens.

Von den großen Möwen unterscheidet sich die Riesenraubmöwe, deren Lebensschilderung auch für die verwandte Art genügen darf, durch die Mannigfaltigkeit, Behendigkeit und Gewandtheit ihrer Bewegungen. Sie läuft rasch, schwimmt zierlich und anhaltend mit tief eingesenkter Brust, erhebt sich leicht vom Wasser oder vom Festlande und fliegt nach Art großer Möwen, aber nicht so gleichmäßig dahin, überrascht vielmehr durch ihre kühnen und unerwarteten Wendungen, die an die Flugbewegung der Raubvögel erinnern. Zuweilen schwebt sie ohne Flügelschlag, zuweilen jagt sie in schiefer Richtung von oben nach unten mit reißender Schnelligkeit durch die Luft. Ihre Stimme ist ein tiefes »Ach, ach« oder ein rauhes »Jia«; beim Angriffe auf einen Feind stößt sie ein tiefes »Hoh« aus. An Mut, Raubgier, Neid und Ungeselligkeit überbietet sie zwar nicht ihre Familienverwandten, wohl aber alle übrigen Seeflieger, so sehr auch die genannten Eigenschaften ausgebildet sein mögen. Sie ist der gefürchtetste Vogel des Meeres, lebt mit keinem andern in freundschaftlichem Verhältnisse, wird allgemein gehaßt und nur von den mutigsten angegriffen. Welchen Eindruck ihre Kühnheit auf die übrigen Vögel macht, geht am besten daraus hervor, daß ihr selbst die größten und stärksten Seeflieger, die ihr an Kraft weit überlegen zu sein scheinen, ängstlich ausweichen. Mit ihrer Regsamkeit steht beständiger Heißhunger im Einklänge: solange sie fliegt, so lange liegt sie auch ihrer Jagd ob. Sieht sie keinen andern Vogel in der Nähe, so läßt sie sich herbei, selbst zu jagen, stößt auf Fische herab, läuft am Strande hin und sucht das zusammen, was die Flut auswarf, oder liest am Lande Würmer und Kerbtiere auf; sobald sie aber andere fleischfressende Seevögel von weitem erblickt, eilt sie auf diese zu, beobachtet sie, wartet, bis sie Beute gemacht haben, stürzt herbei und greift sie nun, wie ein gefiederter Räuber sein fliegendes Wild, mit ebensoviel Kraft und Gewandtheit als Mut und Frechheit an, bis sie die eben erbeutete Nahrung von sich speien. Gar nicht selten bemächtigt sie sich auch des Vogels selbst. Graba sah, daß sie mit einem einzigen Stoße einem Papageitaucher den Schädel zerschmetterte, andere Beobachter, daß sie Möwen und Lummen abwürgte, die tot herabstürzenden zerriß und stückweise verschlang. Auf den Vogelbergen plündert sie die Nester der dort brütenden Vögel in der rücksichtslosesten Weise aus, indem sie Eier und Junge weg- und ihrer Brut zuschleppt. Nach einer reichlichen Mahlzeit wird sie träge, sucht eine ruhige Stelle und setzt sich auf dieser mit aufgeblähtem Gefieder nieder, bis der bald wiederkehrende Hunger zu neuem Ausfluge mahnt.

Mitte Mai begeben sich die Paare nach den Brutplätzen auf den Bergebenen oder nach den mit Gras und Moos bedeckten Abhängen der Bergrücken, fertigen sich hier im Grase oder Moose durch häufiges Herumdrehen ihres Körpers ein rundes Nest und belegen dasselbe in den ersten Tagen des Juni mit zwei etwa sieben Zentimeter langen, fünf Zentimeter dicken, schmutzig ölgrünen, braun gefleckten Eiern. Ein Brutplatz, den Graba besuchte, wurde von ungefähr fünfzig Paaren bevölkert. Kein anderer Vogel nistet in unmittelbarer Nähe der Skua; denn jeder fürchtet die gefährliche Nachbarschaft. Männchen und Weibchen brüten abwechselich ungefähr vier Wochen lang; im Anfange des Juli findet man in den meisten Nestern die in ein braungraues Flaumenkleid gehüllten Jungen. Naht ein Mensch, so verlassen diese das Nest in möglichster Eile, humpeln, laufen und rennen über den Boden dahin und verbergen sich. Die Alten erheben sich bei Ankunft des Feindes sofort in die Luft, schreien fürchterlich und stoßen mit unvergleichlicher Kühnheit auf den Gegner herab, Menschen ebensowenig scheuend wie Hunde. Ersteren bringen sie oft derbe Stöße auf den Kopf bei: die Färinger halten, laut Graba, zuweilen ein Messer über die Mütze, auf welches sich die herabstoßenden Alten spießen. Je näher man dem Neste kommt, um so dichter umkreisen die Alten den unwillkommenen Besucher und stürzen zuletzt in schräger Linie auf ihn hernieder, so daß man sich unwillkürlich bückt, um nicht ein Loch in den Kopf zu erhalten. Die Jungen werden anfänglich mit Weichtieren, Würmern, Eiern und dergleichen aus dem Kropfe geatzt und erhalten später Fleisch- und Fischbrocken, junge Vögel, Lemminge und dergleichen vorgelegt. Gegen Ende August haben sie ihre volle Größe erreicht, schwärmen nun noch eine Zeitlang umher und fliegen um die Mitte des September nach dem hohen Meere hinaus.

 

Bekannter als alle übrigen Arten ist die Schmarotzerraubmöwe ( Lestris parasitica). Sie ist beträchtlich kleiner und schlanker gebaut als die Skua, auch durch die bedeutend über die andern verlängerten, zugespitzten mittleren Schwanzfedern ausgezeichnet und, einen Weißen oder gelblichweißen Stirnfleck und die ebenso gefärbte Kehle ausgenommen, von Farbe entweder gleichmäßig rußbraun, oder auf der Oberseite rußbraun, an der Kehle gelblich, auf der Unterseite grauweiß, am Kröpfe grau, ohne daß hinsichtlich dieser verschiedenen Färbung Alter oder Geschlecht in Frage kommen. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, die Wachshaut dunkel bleigrau, der Fuß blauschwarz. Die Länge beträgt einschließlich der Spießfedern sechzig, ohne sie fünfzig, die Breite einhundert bis einhundertzehn, die Fittichlänge einundachtzig, die Schwanzlänge achtzehn Zentimeter.

Soweit unsere Beobachtungen reichen, dürfen wir die Schmarotzerraubmöwe als die gemeinste Art ihrer Familie erklären. Auch sie bewohnt den Norden beider Welten, von Spitzbergen und Grönland an bis zum mittleren Norwegen herab, ist hier auf Island, den Fär- und den im Norden Schottlands liegenden Inseln oder auf Labrador, in Neufundland, ebenso im Berings- und Ochotskischen Meere gemein und streicht im Winter regelmäßig nach der südlichsten Küste der Nordsee herab, verirrt sich auch ins Binnenland. Mit Ausnahme der Brutzeit lebt sie nur auf dem Meere und keineswegs immer in der Nähe von Inseln und Schären, sondern auch, und wie es scheint wochenlang, weit vom Festlande entfernt.

Selbst der ungeübte Beobachter wird die Schmarotzerraubmöwe augenblicklich von jedem andern ihm bekannten Vogel unterscheiden, am ersten, wenn er sie fliegen sieht. Naumann sagt mit Recht, daß ihr Flug einer der merkwürdigsten und veränderlichsten in der ganzen Vogelwelt sei. Oft fliegt sie längere Zeit wie ein Falk dahin, bald langsam die Flügel bewegend, bald wieder auf weitere Strecken hin schwebend, bald wiederum mit ziemlich steil aufgerichtetem Leibe nach Art eines Turmfalken rüttelnd, so daß man sie, von fern gesehen, wohl mit einem Weib verwechseln kann; Plötzlich aber zittert oder wedelt sie ungemein hastig mit den Flügeln, stürzt sich in einem Bogen hernieder, steigt wieder aufwärts, bildet eine schlängelnde Linie, die aus größeren und kleineren Bogen zusammengesetzt wird, schießt mit rasender Eile nach unten, fliegt langsam wieder nach oben, erscheint in dem einen Augenblicke matt und schlaff, in dem andern »wie vom bösen Geiste besessen«: dreht und wendet sich, zappelt und flattert, kurz, führt die wechselvollsten und mannigfachsten Bewegungen aus. Ihr Geschrei klingt dem des Pfaues ähnlich, also etwa wie ein »Mau«, laut und gellend; während der Liebeszeit aber vernimmt man sonderbare Töne, die man fast einen Gesang nennen möchte, obgleich sie nur aus der einfachen, obschon sehr verschieden betonten Silbe »Je, je« bestehen. Außer der Brutzeit sieht man sie öfters zu kleinen Gesellschaften vereinigt, während derselben, im Gegensatze zu Verwandten, paarweise so getrennt, daß jedes einzelne Pärchen ein gewisses Gebiet bewohnt. Von den kleineren Möwen wird sie ebenso gefürchtet wie die Skua von größeren Seefliegern; auffallenderweise aber nisten Brachvögel, Schnepfen und Austerfischer oder Sturmmöwen regelmäßig mit ihr auf einer und derselben Moorfläche.

siehe

Seevögel:

  1. Silbermöwe ( Larus argentatus)
  2. Eissturmvogel ( Procellaria glacialis)
  3. Küstenseeschwalbe ( Sterna macrurua)
  4. Trottellumme ( Uria troile)

Auf den Lofoten wie in der Tundra der Samojedenhalbinsel habe ich die Schmarotzerraubmöwe wochenlang tagtäglich beobachtet und dabei bemerkt, daß sie während des Hochsommers in der Nacht ebenso tätig ist als bei Tage. Oft schien es mir, als ob sie sich stundenlang mit Kerbtierfangen beschäftigte; trotzdem fand ich in den Magen der von mir erlegten nur kleine Fische und Lemminge. Als Nesterplünderer habe ich sie nie kennengelernt; dagegen verfolgte auch sie die Sturmmöwen beständig und zwang diese, ihr die eben gefangene Beute abzutreten. Seeschwalben und Lummen sollen noch mehr von ihr geplagt werden als die Möwen.

Mitte Mai erscheint auch die Schmarotzerraubmöwe auf dem Festlande, und zwar in der Tundra, um zu brüten. Auf einem größeren Moore kann man fünfzig bis hundert Paare bemerken; jedes einzelne aber hat sich ein bestimmtes Gebiet abgegrenzt und verteidigt es gegen andere derselben Art. Das Nest steht auf einem Hügelchen im Moore und ist eine einfache, aber wohl ausgeglättete Vertiefung in der Spitze desselben. Die Eier, die man selten vor Mitte Juni findet, erinnern entfernt an die gewisser Schnepfenvögel, sind durchschnittlich etwa fünfundfünfzig Millimeter lang, zweiundvierzig Millimeter dick, feinkörnig, schwach glänzend und auf trüb öl- oder braungrünem Grunde mit düstergrauen und dunkelöl- oder rötlichschwarzbraunen Klexen und Punkten, Schlingen und seinen Haarzügen gezeichnet. Naumann sagt, daß die Schmarotzermöwe nie mehr als zwei Eier lege, während ich versichern darf, wiederholt deren drei in einem Neste gefunden zu haben. Beide Gatten brüten abwechselnd und zeigen die lebhafteste Besorgnis, wenn ein Mensch dem Neste naht, kommen schon von weitem dem Störenfriede entgegen, umfliegen ihn im Kreise, werfen sich auf den Boden herab, suchen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, nehmen zu Verstellungskünsten ihre Zuflucht, hüpfen und flattern unter sonderbarem Zischen auf dem Boden fort, fliegen, wenn man an sie herangeht, auf, beginnen aber sofort das alte Spiel von neuem; so kühn find sie jedoch nicht wie die größeren Arten ihrer Familie, wenigstens habe ich nie erfahren, daß sich eines der von mir beobachteten Pärchen dreister gezeigt hätte als die etwa gleichgroßen Sturmmöwen. Dagegen verfolgten sie Raubvögel mit Todesverachtung und treiben selbst den Wanderfalken in die Flucht. Das Jugendleben der netten Küchlein verläuft in ähnlicher Weise wie bei den verwandten Arten.

Der Norman ist zwar kein besonderer Freund der Schmarotzerraubmöwe, läßt sie aber unbehelligt, wenn auch wohl nur deshalb, weil er durch ihre Jagd am Brutplatze die andern ihm nützlichen Vögel nicht stören will. Ihre Eier werden ebenso gern gegessen wie die der Möwen, stehen diesen auch an Wohlgeschmack nicht nach. Nur die Lappen jagen den Vogel, um sein Wildbret zu benutzen, und zwar mit Angeln, die durch ein Stückchen Fisch oder Vogelfleisch geködert werden. Der Naturforscher erlegt sie am leichtesten in der Nähe des Nestes oder in der Fremde, beispielsweise also bei uns in Mitteldeutschland, auf dem Meere dagegen nicht ohne vorhergehende Lockung; wenigstens habe ich sie in Norwegen immer vorsichtig gefunden.

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Die Sturmvögel ( Procellaridae), die die zweite Familie der Ordnung bilden, unterscheiden sich von den übrigen Seefliegern und von allen Vögeln überhaupt dadurch, daß ihre Nasenhöhlen sich auch auf dem Oberschnabel in hornigen Röhren fortsetzen. Dieses eine Merkmal genügt, um sie sicher zu erkennen. Der Oberschnabel ist starkhakig über den unteren herabgezogen, der niedrige, langzehige Fuß mit großen Schwimmhäuten ausgerüstet, der Flügel lang oder sehr lang und dann beispiellos schmal, der Schwanz kurz, gerade abgeschnitten, schwach zugerundet oder gegabelt, das Gefieder sehr dicht und meist düsterfarbig. Die Sturmvögel bewohnen alle Meere der Erde und führen eine sehr übereinstimmende Lebensweise.

 

Wahrscheinlich dürfen wir die Albatrosse ( Diomedinae), die eine Unterfamilie bilden, nicht als die edelsten Glieder dieser Familie ansehen; trotzdem wollen wir ihnen hier die erste Stellung einräumen. Sie kennzeichnen sich durch riesige Größe, kurze, aber starke, dreizehige Füße mit großen Schwimmhäuten, sehr lange und ungemein schmale Flügel und starke und lange Schwingen und außerordentlich reichhaltiges, dichtes und starkdauniges Gefieder von wenig lebhafter Färbung.

Der Albatros, von den Seeleuten »Kapschaf« genannt ( Diomeedea exulans), ist mit Ausnahme der schwarzen Schwingen reinweiß, in jüngerem Alter auf weißem Grunde, bald mehr, bald weniger dunkelbraun gesprenkelt und bogig gebändert. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel zart nelkenrotweiß, der Fuß rötlich gelbweiß. Die Länge beträgt, nach Bennett, einhundertsechzehn Zentimeter, die Breite dreieinhalb Meter, die Fittichlänge siebzig, die Schwanzlänge dreiundzwanzig Zentimeter; die Flügelspannung schwankt aber sehr erheblich: Bennett versichert, Albatrosse gemessen zu haben, die nur drei, und einen, der viereinviertel Meter klafterte. Jedenfalls ist so viel erwiesen, daß dieser Vogel die längsten Schwingen überhaupt besitzt.

Die Heimat der Albatrosse sind die Weltmeere der südlichen Halbkugel; nördlich des Wendekreises des Steinbockes kommen sie, im Atlantischen Weltmeere wenigstens, nur als verschlagene Irrlinge vor. Regelmäßiger scheinen sie die nördlichen Teile des Stillen Meeres, insbesondere das Ochotskische und das Beringsmeer, zu besuchen, hier, ihrer Nahrung nachgehend, auch längere Zeit zu verweilen und dann wieder nach Süden zurückzuschwärmen, um ihrem Fortpflanzungsgeschäft Genüge zu leisten. In den höheren Breiten der südlichen Halbkugel begegnet man ihnen öfter; nach übereinstimmenden Nachrichten der Schiffer und Fischer gehören sie noch zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Grade südlicher Breite zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Ob ihre Wanderungen regelmäßig oder zufällig sind, hat man bis jetzt noch nicht feststellen können. Man weiß, daß sie alle zwischen dem dreiundzwanzigsten Grade nördlicher und dem sechsundsechzigsten Grade südlicher Breite gelegenen Meere besuchen, hat auch erfahren, daß sie in den Meeren von Kamtschatka und Ochotsk halb verhungert und mager ankommen, nach wenigen Wochen, die sie in jenen Gegenden verweilen, infolge des hier vorhandenen Überflusses an Nahrungsmitteln sehr fett werden und nunmehr wieder dem Süden zuwandern; es läßt sich jedoch nicht bestimmen, ob diese Reisen planmäßig und alljährlich stattfinden oder nur ein Umherschweifen sind, wie diese Vögel es lieben. Eines dürfte erwiesen sein: daß sie zwar im buchstäblichen Sinne des Wortes die Erde umfliegen, aber doch an einen gewissen Gürtel mehr oder weniger gebunden sind, innerhalb desselben zu allen Jahreszeiten beobachtet werden und innerhalb desselben auch brüten.

Alle reisenden Forscher stimmen ein in die Bewunderung des Fluges dieser Geier des Meeres. »Es ist«, sagt Bennett, »erheiternd und erfreulich, diese prachtvollen Vögel anstandsvoll und zierlich, wie von einer unsichtbaren Kraft geleitet, in den Lüften dahinschwimmen zu sehen. Denn kaum bemerkt man irgendeine Bewegung der Flügel, nachdem einmal der erste Antrieb gegeben und der gewaltige Flieger sich in die Luft erhob; man sieht sein Steigen und Fallen, als ob eine und dieselbe Kraft die verschiedenen Bewegungen hervorzubringen vermöge, als ob er seine Muskeln gar nicht anstrenge. Er schwebt hernieder, dicht am Steuer des Schiffes vorüber, mit einer Art von Unabhängigkeit, als sei er der Herrscher von allem, was unter ihm ist. Wenn er einen Gegenstand auf dem Wasser schwimmen sieht, läßt er sich nach und nach mit ausgebreiteten oder ausgespreizten Flügeln herab, setzt sich auch wohl auf das Wasser nieder und schwimmt, seine Nahrung verzehrend, wie eine Möwe oder Ente; dann erhebt er sich, läuft mit ausgebreiteten Flügeln über die Seefläche dahin, beginnt zu kreisen und nimmt nun seinen umherschwärmenden Flug wieder auf. In seinen Bewegungen bemerkt man keine Anstrengung, aber Kraft und Nachhaltigkeit, vereinigt mit einer sich stets gleichbleibenden Zierlichkeit. Mit wirklicher Anmut segelt er durch die Luft, von der einen zur andern Seite sich neigend und dicht über den rollenden Wogen dahingleitend, so daß es aussieht, als müsse er die Flügelspitzen netzen; dann schwebt er wieder empor mit gleicher Freiheit und Leichtigkeit der Bewegung. So schnell ist sein Flug, daß man ihn wenige Augenblicke, nachdem er am Schiff vorüberzog, schon in weiter Ferne sehen kann, so daß er einen ungeheuren Raum in der kürzesten Zeit zu durcheilen vermag.« Gould sagt, daß seine Flugkraft größer sei als die jedes andern Vogels, den er beobachtet habe. »Obgleich er während des stillen Wetters manchmal auf dem Wasserspiegel ruht, so ist er doch fast beständig im Fluge begriffen und streicht scheinbar ebenso selbstbewußt über die glatte Fläche während der größten Seeruhe dahin, als er pfeilschnell während des gewaltigsten Sturmes umherschwebt.« Jouan beobachtete, daß er bei Windstille etwa alle fünf Minuten, bei stärkerem Winde, der seine Bewegung offenbar fördert, sogar nur alle sieben Minuten einmal mit den Flügeln schlug. Sehr heftige Stürme sollen ihn überwältigen, wenigstens vor sich hertreiben. Bei Windstille wird ihm der Aufschwung schwer; denn er erhebt sich, wie so viele andere Vögel, stets in der Richtung gegen den Wind. Ehe er sich zum Fluge anschickt, läuft er, laut Köler, eine Strecke weit über die Wellen dahin, die ihn während des Schwimmens hindern, sich mit voller Macht zu schwingen; beim Niederlassen verändert sich, wie Hutton angibt, sein Bild gänzlich, und seine Gestalt verliert alle Anmut und Gleichmäßigkeit. Er erhebt seine Schwingen, legt den Kopf nach hinten, zieht den Rücken ein, streckt die unförmlich großen Füße mit den ausgebreiteten Zehen von sich und fällt sausend auf das Wasser herab. Hier ist er übrigens auch zu Hause. Er schwimmt auf den Wellen leicht wie Kork und weiß sich ziemlich schnell zu fördern, ist aber unfähig zu tauchen und kann den reich befiederten Leib wenigstens nur dann unter das Wasser zwingen, wenn er sich aus hoher Luft herabstürzt: Bennett versichert, gesehen zu haben, daß einer stoßtauchend acht Sekunden unter den Wellen blieb. Auf festem Boden verliert er fast alle Bewegungsfähigkeit. In der Nähe seines Nestes soll er schwerfällig wie ein Schwan dahinwatscheln, auf dem Verdecke des Schiffes nur mit größter Anstrengung sich bewegen können. Die Stimme ist oft mit dem Geschreis des Esels verglichen worden; Tschudi aber sagt, daß dies eine müßige Übertreibung sei, und daß der Vogel nur ein lautes, höchst unangenehmes Kreischen vernehmen lasse, und Bennet meint, daß man letzteres mit dem Schwanengeschreie vergleichen könne. Köler berichtet, daß der Vogel bei Zorn oder Furcht wie der Storch mit dem Schnabel klappere. Unter den Sinnen steht das Gesicht unzweifelhaft obenan, da jede Beobachtung beweist, daß der Albatros auf weite Entfernungen hin deutlich wahrnimmt, beispielsweise so eilig wie möglich herbeikommt, wenn er kleinere Sturmvögel sich über einer Stelle der See beschäftigen sieht. Wie bei allen freßsüchtigen Vögeln überwiegt seine Gier freilich fast stets die Vorsicht: ein und derselbe Albatros läßt sich, wenn er durch stürmisches Wetter verhindert wurde, längere Zeit etwas zu fangen, oft sechs- bis achtmal nacheinander an die Angel locken und hascht, wenn er an Bord gebracht und wieder freigelassen wurde, mit noch blutendem Schnabel sofort wieder nach dem Köder. »An einer der Staateninseln«, erzählt Tschudi, »angelte ich einen ausgezeichnet großen Albatros und band ihm eine dünne Bleiplatte um den Hals, auf der der Name des Schiffes, der Tag, die geographische Länge und Breite eingegraben waren. Wie ich in Valparaiso erfuhr, war er vierzehn Tage später von einem französischen Schiffe ebenfalls geangelt worden.« Mit andern seiner Art scheint der Albatros bloß während der Brutzeit gesellig zu leben. Auf dem Meere sieht man zwar oft viele unweit voneinander fliegen; jeder einzelne aber scheint seinen Weg selbständig zu verfolgen und sich bloß insofern um die Tätigkeit der andern zu bekümmern, als dieselbe eine für ihn versprechende ist. Kleinere Sturmvögel behandelt er wie der Königsgeier seine sogenannten Untertanen oder wie der stärkere überhaupt schwächere Tiere: er benutzt ihre Kräfte und kommt herbei, wenn er sieht, daß sie Nahrung entdeckt haben, schreckt sie in die Flucht, nimmt das von jenen Erbeutete oder doch Aufgefundene für sich in Beschlag und fliegt dann seines Weges weiter, ohne sich um das unter ihm stehende Gesindel fernerhin zu kümmern.

Der Grund, der den Albatros bewegt, so ausgedehnte Strecken zu durchfliegen und weitaus den größten Teil seines Lebens in der Luft zu verbringen, ist sein unersättlicher Heißhunger. Seine Verdauung ist ungemein schnell, er ist deshalb auch genötigt, beständig nach Beute zu suchen; wenn er wirklich einmal so glücklich war, durch reichlichen Genuß sich zu feisten, verurteilt ihn ein länger währender Sturm zum Fasten und nimmt ihm das Fett wieder, welches er sich ansammelte. Bei ruhigem Wetter fressen die Albatrosse wahrscheinlich nur verschiedene Kopffüßler und andere Weichtiere, die sie von der Oberfläche des Wassers aufsammeln. Sie sind nicht imstande, lebende Fische zu fangen; man sieht sie auch nicht sich nach Art der Stoßtaucher plötzlich auf das Wasser herabstürzen, sondern, wenn etwas auf den Wellen treibt, sich festsetzen, es mit dem Schnabel aufnehmen und schwimmend verschlingen. »Deshalb«, bemerkt Hutton, »kann man sie bloß dann fangen, wenn das Schiff langsam geht, d. h. vier bis fünf Knoten in der Stunde zurücklegt; aber man muß selbst dann eine genügend lange Leine auswerfen und ihnen Gelegenheit geben, sich den Bissen ordentlich ansehen zu können.« Außer den verschiedenen Weichtieren nehmen sie allerdings auch Aas größerer Tiere zu sich und zeigen sich in dieser Hinsicht so recht eigentlich als die Geier des Meeres. Marion de Proce traf einmal eine größere Anzahl von Albatrossen an, die sich um das stinkende Aas eines Walfisches stritten und um das ansegelnde Schiff wenig kümmerten, weil sie eifrig beschäftigt waren, Stücke von dem Leichname abzureißen. Man machte ein Boot fertig und näherte sich ihnen: sie ließen es ruhig geschehen; denn ihre Freßgier war so groß, daß man sie mit der Hand hätte fangen können, hätte man sich vor ihren Bissen nicht gefürchtet.

Über die Fortpflanzung der Albatrosse fehlen noch eingehende Mitteilungen vorurteilsfreier Beobachter, um so mehr, als verschiedene Fabeln hierüber verbreitet worden sind. Cornick teilt Gould nach einigen Wahrnehmungen ungefähr folgendes mit. Der Albatros brütet auf den Inseln Auckland und Campbell im November und Dezember. Grasbedeckte Abhänge der Hügel über den Dickichten der Waldungen sind die Stellen, die er für den Bau seines Nestes wählt. Dasselbe besteht aus Ried, trockenem Grase und dürren Blättern, die zusammengeknetet worden sind, hat unten einen Umfang von zwei Meter, oben einen Durchmesser von siebzig Zentimeter und ist fünfzig Zentimeter hoch. Gewöhnlich wird nur ein einziges Ei in dasselbe gelegt; nach Untersuchung von mehr als hundert Nestern fand Cornick wenigstens bloß ein Nest, das deren zwei enthielt. Die Eier sind zwölf Zentimeter lang und acht Zentimeter dick. Dem Besucher des Brutplatzes verrät sich der sitzende Albatros durch seinen Weißen, vom Grase abstechenden Kopf schon von weitem. Bei Annäherung eines Feindes verteidigt er sein Ei und will nicht vom Neste, bis man ihn dazu zwingt; dann wackelt er wie ein im Brüten gestörter Alk eine kurze Strecke weit weg, ohne jedoch einen Versuch zum Davonfliegen zu machen. Sein größter Feind ist eine freche Raubmöwe; denn sobald er vom Neste aufsteht, stößt dieser Räuber herab und frißt ihm sein Ei; der Albatros kennt sie auch sehr wohl und klappert, wenn er sie bemerkt, heftig mit dem Schnabel.

Es bedarf nur des Auswerfens einer starken, gut geköderten Angel, um sich der Albatrosse zu bemächtigen. Wenn einer von ihnen an die Angel gebissen hat und angezogen wird, umkreisen ihn die anderen mit lautem, kreischendem, unangenehmem Geschreie. Der auf das Verdeck gebrachte Vogel ist vollkommen hilflos und läßt sich, im Bewußtsein seiner Schwäche, unglaublich viel gefallen, beißt aber doch zuweilen heftig um sich. Gould bemerkt, daß die Angelung den Albatrossen keinen Schmerz verursache, da der Haken mir in die krumme, unempfindliche Hornspitze des Schnabels einsticht, höchst selten aber wirklich ein Tropfen Blut fließt. Dies mag auch dazu beitragen, daß ein frei gewordener Albatros sich leicht zum zweiten Male wieder fängt.

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Die Möwensturmvögel ( Procellarinae), die eine zweite, den Kern der Gesamtheit umfassende Unterfamilie bilden, sind kräftig gebaut, kurzhälsig und großköpfig; ihr Schnabel ist seitlich so gefurcht, daß die Spitze wie abgesetzt erscheint, letztere oben und unten stark aufgeschwungen, wodurch auf der Oberseite ein sehr gebogener Haken entsteht und am Unterschnabel ein stark hervortretendes Eck sich bildet; die Scheiden greifen einigermaßen übereinander und sind sehr scharf. Alle Arten dieser Unterfamilie sind Weltmeervögel, grenzen aber in der Regel einen gewissen Verbreitungskreis ab. Im heißen Gürtel treten sie minder zahlreich auf als in dem gemäßigten und kalten beider Hälften, auf der südlichen Halbkugel aber, entsprechend der größeren Wasserfläche, in viel bedeutenderer Anzahl als auf der nördlichen. Sie find kaum fähig zu gehen, schwimmen zwar leicht und scheinbar ohne Anstrengung, aber doch selten, und verbringen die meiste Zeit ihres Lebens fliegend.

Der Eissturmvogel oder Fulmar ( Procellaria glacialis), Vertreter der Sippe der Sturmvögel im engeren Sinne ( Procellaria), ist weiß, am Bauch licht silbergrau, auf dem Mantel möwenblau; die Schwingen sind schwärzlich. Das Auge ist braun, der Schnabel an der Wurzel graugrünlich, auf der Firste blaßhorngelb, der Fuß gelb, mit einem Stich ins Bläuliche. Beim jungen Vogel ist auch das Gefieder der Unterseite bläulich. Die Länge beträgt fünfzig, die Breite einhundertzehn, die Fittichlänge zweiunddreißig, die Schwanzlänge zwölf Zentimeter.

Der Fulmar lebt im Nördlichen Eismeer und verläßt dasselbe äußerst selten. Er ist ein Weltmeervogel wie alle seine Verwandten und nähert sich dem Festlande außer der Brutzeit nur, wenn er durch Nebel irregeleitet oder durch lang anhaltende Stürme gänzlich ermattet wurde; doch soll er, laut Holboell, in Nordgrönland sich öfters als sonstwo an den Küsten und in den Buchten umhertreiben. Seinen Namen trägt er übrigens nicht ganz mit Recht; denn er scheut wenigstens größere Eismassen, und die Schiffsführer, deren Fahrzeuge vom Eis umschlossen wurden, halten es für ein sicheres Zeichen von offenem Wasser, wenn sie Eissturmvögel bemerken. Während des Winters beobachtet man ihn öfter in südlicheren Gegenden.

siehe

Eissturmvogel ( Procellaria glaciaIis)

Im Fluge soll der Eissturmvogel eine gewisse Ähnlichkeit mit manchen Möwen, insbesondere mit den Elfenbeinmöwen, haben. Der Schiffer sieht ihn mit ausgebreiteten, fast unbeweglichen Flügeln leicht über die erregten Wogen gleiten und soviel wie möglich denselben Abstand vom Wasser einhalten, auch wacker gegen den Sturm kämpfen und nur selten sich ausruhen. Im Schwimmen bekundet er viel Geschick, badet sich in den reißendsten Strömungen zwischen den Klippen oder rudert leicht über die Wasserfläche; auf dem Lande hingegen zeigt er sich sehr hilflos, und wenn er zu Fuß sich bewegen soll, rutscht er mehr, als er geht, auf der Laufsohle dahin. Die Stimme klingt gackernd wie »Gägägägerr«, im Zorne knarrend wie »Karw«. In seinem Wesen unterscheidet er sich nicht von andern Arten der Familie. Vor dem Menschen fürchtet er sich nicht, nähert sich daher ohne Bedenken den Schiffen und mit wahrer Zudringlichkeit den Fischern oder Walfischfängern. »Beim Aufhauen des Walfisches«, sagt Holboell, »ist er so dreist, daß man ihn zu Tausenden mit Rudern und Bootshaken totschlagen kann.« Ähnliche Sorglosigkeit zeigt er beim Neste, von dem er sich kaum vertreiben läßt. Gegen seinesgleichen ist er gesellig, und ein einzelner wird von den Beobachtern immer als verschlagener angesehen. Um andere Vögel bekümmert er sich wenig, obgleich er unter ihnen umherfliegt und auf denselben Bergen mit ihnen brütet.

Die Walfischfänger behaupten, daß Speck seine liebste Nahrung wäre; sorgfältige Beobachter, wie Faber, fanden, daß er allerlei Seetiere und nicht allein diese, sondern zeitweilig auch das an den Klippen wachsende Löffelkraut verzehrt. Faber lernte keinen Vogel außer ihm kennen, der Medusen anrührt.

Man hat ihn auf allen hochnordischen Inseln als Brutvogel gefunden, in Europa namentlich auf St. Kilda, einer der Hebriden, und auf Island, außerdem aus Jan Mayen und Spitzbergen. Auf den Westmanöern bei Island ist er, laut Faber, unter allen Brutvögeln der häufigste. »Mitte März«, schildert Faber, »nähert sich der Eissturmvogel den Brutplätzen; Anfang Mai, zuweilen schon Mitte April, wird das eine große, rundliche, reinweiße Ei gelegt, entweder aus die nackten Absätze der Felsen oder in eine kleine Erdgrube oben auf den Felseninselchen. So wie der Zeugungstrieb die meisten in den Felsen brütenden Vögel so kirr macht, daß man sie mit einiger Behendigkeit vom Nest nehmen kann, so wird auch dieser so zahm, daß ich ihn erst lange mit Erdklößen warf, um ihn vom Ei zu jagen, ohne daß es mir möglich war. Nicht eher als in den ersten Tagen des Juli kriecht das Junge aus dem Ei; gegen Ende dieses Monats ist es halb erwachsen und mit langen graublauen Flaumen bedeckt. Schon dann speit es ebenso gut wie die Alten seine tranige Flüssigkeit zuweilen über zwei Drittel Meter weit gegen den aus, der es nehmen will, indem es diese Feuchtigkeit mit Bewegungen, als wolle es sich erbrechen, aus dem unteren Teile des Schlundes hervorwürgt. Dieser Vorrat wird nicht so leicht erschöpft. Gegen Ende August sind die Jungen flügge und außerordentlich fett, riechen aber sehr übel. Die Einwohner von Westmanöer ziehen dann aus den Felseninselchen umher, töten sie zu Tausenden und salzen sie zum Wintervorrat ein. Um Mitte September verlassen Alte und Junge die Brutplätze und ziehen auf das offene Meer hinaus, wo sie den Winter zubringen, so daß auf Island keiner zu dieser Zeit gesehen wird.«

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Die Sturmschwalben ( Hydrobatinae) kennzeichnen sich durch geringe Größe, schlanken Leib, kurzen Hals und verhältnismäßig großen Kopf, sehr lange, schwalbenartige Flügel, mittellangen Schwanz, kleinen, an der Spitze beider Kiefer herabgebogenen, oben hakigen Schnabel, kleine, schwächliche, langläufige, mit Netz- oder Stiefelschuppen bekleidete Füße mit drei langen, schwachen, durch volle Schwimmhäute verbundenen Vorderzehen und eine äußerst kleine und kurze warzenähnliche Hinterzehe sowie endlich durch dichtes, pelzartiges Gefieder von düsterbrauner Hauptfärbung und weißlicher Zeichnung.

Die Sturmschwalbe, auch Gewittervogel und Petersläufer genannt ( Hydrobates pelagica), hat gerade abgeschnittenen Schwanz, rußbraunes, aus dem Oberkopfe glänzend schwarzes, gegen die Stirn hin bräunliches, auf dem Mantel schwarzbraunes Gefieder: die mittleren Flügeldeckfederenden, die eine mehr oder minder deutliche Flügelquerbinde bilden, sind heller, bis trübweiß: die Bürzel-, Steiß- und seitlichen unteren Schwanzdeckfedern sowie die Wurzeln der Steuerfedern sind weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß rötlichbraun. Die Länge beträgt vierzehn, die Breite dreiunddreißig, die Fittichlänge zwölf, die Schwanzlänge fünf Zentimeter.

Der Sturmsegler ( Hydrobates leucorrhoa), an seinem tiefgegabelten, verhältnismäßig langen Schwänze kenntlich, ist bedeutend größer. Das Gefieder ist vorherrschend ebenfalls rußbraunschwarz, auf Kopf, Rücken und Brust unter gewissem Licht graulich scheinend; Bürzel und seitliche Unterschwanzdeckfedern sind weiß, Schwingen und Steuerfedern bräunlichschwarz, innere Armschwingen und große Oberflügeldeckfedern braungrau, an der Spitze bräunlich fahlgrau. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel wie der Fuß schwarz.

Der Meerläufer ( Hydrobates oceanica) endlich unterscheidet sich von seinen Verwandten durch kurzen, verhältnismäßig starken Schnabel, sehr lange, mit Stiefelschuppen bekleidete langzehige Füße und kaum merklich ausgeschnittenen Schwanz. Das Gefieder ist rußschwarz, schwach graulich überflogen, das des Bürzels wie die Oberschwanz- und seitlichen Unterschwanzdeckfedern reinweiß; die Schwingen und Steuerfedern sind tiefschwarz, einige mittlere Oberflügeldeckfedern an der Spitze weiß. Das Auge ist weiß, Schnabel und Fuß sind schwarz. Die Länge beträgt neunzehn, die Breite vierzig, die Fittichlänge fünfzehn, die Schwanzlänge acht Zentimeter.

Alle Sturmschwalben sind vollendete Weltmeervögel und daher weit verbreitet. Sturmschwalbe, Sturmsegler und Meerläufer bewohnen mit Ausnahme des höchsten Nordens das ganze Atlantische und ebenso das Stille Weltmeer; alle kommen daher an Europas Küsten vor. Auf der Nordsee bemerkt man sie selten, auf der Ostsee noch weniger und nur einzeln, im Eismeere häufiger, obgleich sie hier nur zu gewissen Zeiten umherzuschweifen scheinen. Für gewöhnlich leben sie auf hoher See, ohne sich dem Lande zu nahen; nach länger anhaltenden Stürmen sieht man sie zuweilen ebenso häufig in der Nähe desselben wie während der Brutzeit; ja, es geschieht, daß ganze Flüge von ihnen auf das Land verschlagen werden und unter Umständen bis ins Innere fliegen, unzweifelhaft in der Absicht, das Meer wieder aufzusuchen. So verschlagene Sturmvögel hat man wiederholt im Innern Deutschlands und selbst in der Schweiz beobachtet.

Die Sturmschwalben sind hauptsächlich bei Nacht tätig. Man sieht sie zwar auch zu allen Stunden des Tages, in voller Regsamkeit aber doch erst mit Beginn der Dämmerung, hört sie auch zu allen Stunden der Nacht. Inmitten des Weltmeeres begegnet man ihnen einzeln, gewöhnlich aber in kleinen und größeren Gesellschaften, bei stürmischem Wetter wie bei schönem. Tagelang sieht man sie über den Wellen schweben, bald höher in der Luft dahinfliegend wie die Schwalben, bald unmittelbar über den Wogen, deren schwankende Bewegungen sie genau verfolgen, ohne je vom Wasser berührt zu werden. Sie scheinen sich den Wellen förmlich anzuschmiegen und wie durch Zauberkraft in einem gewissen sich gleich bleibenden Abstände festgehalten zu werden. Ihr Flügelschlag ist spärlich, aber kräftig, auch sehr mannigfaltig. Gewöhnlich sieht man sie mit ausgebreiteten Flügeln in der angegebenen Weise sich erhalten und kann dann minutenlang hinsehen, ohne einen einzigen Flügelschlag zu bemerken; dann erheben sie sich plötzlich, bewegen die Schwingen rasch und heftig, nach Art der Segler, erheben sich im Nu über die Oberfläche des Wassers, schwenken sich meisterhaft nach allen Richtungen, stoßen schief auf die Wellen hernieder und nehmen ihre alte Stellung wieder an. Wenn sie Beute erspähen, eilen sie laufend auf dieselbe zu und nehmen sie mit dem Schnabel auf, worauf sie wiederum weiter schweben. Zum Schwimmen entschließen sie sich so selten, daß sogar die sorgfältigsten Beobachter behauptet haben, sie täten es nie; es scheint auch, als ob sie sich wirklich bloß zum Ausruhen auf das Wasser setzen, nicht aber rudernd auf ihm weiter bewegen. Ihre Flugkraft ist außerordentlich groß. Sie fliegen buchstäblich tagelang, ohne auszuruhen, oder sie ruhen sich aus, indem sie eine andere Stellung annehmen, beispielsweise aus dem schwebenden Laufe in wirklichen Flug übergehen und umgekehrt. Nur länger währende Stürme sind imstande, sie zu entkräften, aber nicht weil der Kampf gegen den Wind sie ermüdet, sondern weil der Sturm auch ihre Ernährung erschwert und sie infolge von Hunger ermatten. Während ihres Fluges vernimmt man selten eine Stimme von ihnen: am schweigsamsten sind sie bei Tage, der für sie die Zeit der Ruhe zu sein scheint; am muntersten zeigen sie sich gegen Abend und kurz nach Sonnenuntergang. Dann hört man, wenn der Wind dies zuläßt, ihren Lockton, der wie »Uib, uib, uib, uäh, uäh« und ähnlich klingt. Ihr Wesen scheint ungemein harmlos zu sein. Mit ihresgleichen leben sie im tiefsten Frieden, um andere Vögel bekümmern sie sich nicht. Ihrem Elemente entrückt, verlieren sie gleichsam die Besinnung und wissen sich in keiner Weise zu helfen; deshalb gelten sie, gewiß aber mit Unrecht, für die dümmsten aller Vögel.

Weichtiere der verschiedensten Art, kleine Krebse, vielleicht auch Fischchen, bilden die Nahrung; fettige Stoffe, Öl und dergleichen, die auf dem Meere schwimmen, werden ebenfalls von ihnen aufgenommen. Mehr läßt sich nicht sagen, da man in ihrem Magen immer nur tranige Flüssigkeit, niemals aber eine Spur von Tieren findet.

Höchst anziehend wird die Sturmschwalbe während ihrer Fortpflanzung. »Als ich«, so schildert Graba, »unserm Wirte, John Dalsgaard, den Wunsch geäußert hatte, womöglich einen ?Drunquiti? zu erhalten, wurden die Leute befragt, ob sie ein Nest wüßten. Ein Knabe hatte eines gefunden und führte uns zur dicken Steinwand eines etwas vom Hause entfernt liegenden Stalles, wo es sich zwischen den Steinen befinden sollte; er wußte jedoch die Stelle nicht genau, entdeckte sie aber bald auf eine wunderbare Weise. Er hielt nämlich den Mund gegen mehrere Ritzen der Wand und rief: ?Klürr?, worauf man sogleich ein seines ?Kekereki? vernahm, das sich bei jedem ausgestoßenen ?Klürr? wiederholte. Hier wurde nun mit Spaten und Brecheisen wohl eine halbe Stunde gearbeitet, da der Stein nicht weichen wollte, wobei die seine Stimme verstummte. Endlich zeigte sich das aus einigen Grashalmen bestehende Nest; aber der Drunquiti war nicht zu finden: er hatte sich höher hinauf zwischen die losen Steine verkrochen, wurde jedoch endlich entdeckt und an das Tageslicht befördert. Sobald er herausgezogen war, spie er mit einer Seitenbewegung des Kopfes und Halses dreimal einen Strahl von gelbem Trane aus, von denen der erste der stärkste, die folgenden dünner waren. Die nachherigen Versuche zu speien mißlangen, indessen floß ihm noch immer einiger Tran aus dem Halse.

Er ist der harmloseste Vogel, den es geben kann, und macht nicht einmal Versuche, sich zu wehren oder den Angreifer zu beißen, sobald er erst seinen Tran von sich gespien hat. Auf meinem Zimmer war er so zahm, daß ich ihn anfassen und herumtragen, streicheln und forttreiben konnte, wie es mir beliebte. Tiefste Niedergeschlagenheit drückte sich in seiner Stellung aus. Er saß unbeweglich auf den Fußwurzeln, ohne daß die Bauchfedern die Erde berührten, ließ den Kopf hängen und verfiel gleich wieder in diese Stellung, wenn man ihn in Ruhe ließ. Nie machte er einen Versuch, im Zimmer seine Flugwerkzeuge zu gebrauchen, sondern ging nur einige Schritte schwerfällig vorwärts, wobei ihm oft die Fersen einknickten, sobald er aufgejagt wurde. Wenn er stand, was ihm schwer zu werden schien, glich er in Stellung und Haltung des Körpers der Raubmöwe; der Körper wurde wagerecht, die Beine gerade unter der Mitte des Leibes, der Hals aufrecht gehalten, wodurch die Brust eine starke Wölbung erhielt. Er versuchte nicht, Nahrung zu finden oder zu sich zu nehmen: gleich den meisten Seevögeln sah er sich für verloren an, sobald ihm der Anblick des Wassers entzogen war. Ich trug ihn auf der offenen Straße auf freier Hand; er saß selbst, als ich an der See stand, auf ihr noch unbeweglich: sobald ich ihn aber in die Luft warf, flog er mit reißender Schnelligkeit gegen den Wind auf und suchte dann mit halbem Winde die weite See.

Vielen Färingern war der Drunquiti bloß dem Namen nach bekannt, und zu berichten wußten sie von ihm nur, daß er unter der Erde in Löchern, nie aber außerhalb derselben sich auf dem Lande aufhalte. Solange ich auf Färö gewesen bin, habe ich ihn nie an der Küste angetroffen, auf dem offenen Meere dagegen ungemein häufig, insbesondere in der Nähe der Norderinseln.

Mehrere Wochen vorher, ehe die Sturmvögel zu brüten beginnen, begeben sie sich in die Höhlen und Ritzen unweit der See. Hier graben sie ihr Loch, so tief sie können, in die Erde, oft bis sechzig Zentimeter tief, verfertigen das Nest aus einigen losen Grashalmen und belegen es Ende Juli mit einem einzigen runden weißen Ei. Schon einige Zeit vorher, ehe der Vogel sein Ei legt, rupft er sich Federn vorn am Bauche zum Brutflecke aus; ich fand letztere bei den meisten von ihnen schon acht Tage vor der Zeit des Eilegens. Über das Brüten selbst und die Jungen kann ich aus eigener Erfahrung nichts mitteilen, vermute aber, daß die Eltern sich im Brüten ablösen, da nie mehr als ein alter Vogel auf dem Neste gesunden wird und ich zu allen Tageszeiten beide Geschlechter erhalten habe.« Das Ei der Sturmschwalbe hat einen Längsdurchmesser von dreißig und einen Querdurchmesser von dreiundzwanzig Millimeter.

Außer den Schmarotzermöwen greift im Meere kein anderer Vogel die Sturmschwalben an. Wenn sie ans Land verschlagen werden, fallen sie jedem Raben zur Beute, denn sie erwarten den Feind, ohne sich eigentlich zu verteidigen. Der Mensch verfolgt sie nicht, weil der Trangeruch, der ihnen anhaftet, so heftig ist, daß er selbst den Nordländer abschreckt. Doch gebrauchte man noch zu Grabas Zeiten die erlegten als Lampen, indem man ihnen einfach den Docht durch den Körper zog und diesen anzündete.

 

An das Ende der Familie stellen wir die Sturmtaucher ( Puffininae). Unter denjenigen Arten, die die europäischen Küsten bewohnen, ist der Sturmtaucher ( Puffinus anglorum) der bekannteste. Das Gefieder des alten Vogels ist auf der Oberseite grau bräunlichschwarz, auf der Unterseite reinweiß, an den Halsseiten, da, wo das Schwarz vom Weiß sich scheidet, grau geschuppt; auf den Außenschenkeln braunschwarz gefleckt. Das Auge ist braun, der Schnabel bleigrau, der Fuß grünlichgelb. Die Länge beträgt sechsunddreißig, die Breite achtzig, die Fittichlänge sechsundzwanzig, die Schwanzlänge acht Zentimeter. Der Sturmtaucher bewohnt den Norden des Atlantischen Weltmeeres, einschließlich des Mittelmeeres, und kommt dann und wann auch in der Ostsee vor.

Von allen übrigen Sturmvögeln erkennt man die Sturmtaucher auf den ersten Blick an der sonderbaren Art ihres Fluges. Ich kenne keinen Seevogel, der so ungestüm wie sie seines Weges fortzieht. Gar nicht selten sieht man den Sturmtaucher ruhig schwimmen und vom Wasser aus in die Tiefe hinabtauchen; gewöhnlich aber zeigt er sich fliegend, und zwar nicht eigentlich schwebend, sondern über die Wellen wegschießend und sie durchfliegend. Mit ausgebreiteten Flügeln jagt er dahin, schnellt sich durch mehrere ungemein rasch aufeinanderfolgende, ich möchte sagen, schwirrende Schläge fort, dreht und wendet sich, nicht bloß seitlich, sondern auch von oben nach unten, so daß man bald die dunkle Ober-, bald die helle Unterseite zu sehen bekommt, und folgt nun entweder den Wellen, über deren Berge klimmend und durch deren Täler sich senkend, oder erhebt sich plötzlich ungefähr drei Meter über das Wasser und stürzt in schiefer Richtung aus dasselbe herab, verschwindet in ihm, rudert nach Art der Flossentaucher, Flügel und Beine zugleich bewegend, ein gutes Stück weg und fliegt aus dem Wasser heraus wieder in die Luft, oft bloß um Atem zu holen, da er sofort wieder verschwindet. Man ist wohl berechtigt, den Flug anderer Sturmvögel zierlicher zu nennen, wird aber zugestehen müssen, daß kein, anderes Mitglied der Familie in so wechselvoller, mannigfacher Weise seinen Weg zurücklegt wie gerade der Sturmtaucher. Der Wechsel des Fluges wird noch dadurch erhöht, daß man gewöhnlich eine größere Anzahl von ihnen antrifft, die, durch die engsten Bande der Geselligkeit zusammengehalten, alle Geschäfte in gewissem Sinne gemeinschaftlich, aber nicht zu gleicher Zeit, verrichten. Eine Stimme habe ich meinesteils nie von ihnen vernommen; nach Faber soll sie an die der Möwen erinnern und ungefähr mitten zwischen der einer dreizehigen und Schmarotzermöwe stehen.

Der Sturmtaucher erscheint, um zu brüten, in ziemlicher Menge auf den Hebriden und auf den Färinseln, und zwar Anfang Mai, nach Versicherung der Eingeborenen nur bei Nacht, die überhaupt als die Zeit der Tätigkeit unserer Vögel gelten soll. Nach Art mancher Taucher gräbt er sich mit Schnabel und Krallen tiefe Röhren in die Torfschicht, die seine Brutplätze bedeckt, zuweilen solche von Meterlänge, die einem Kaninchenbaue ähnlicher sehen als einem Vogelneste. Im Hintergrunde dieser Höhlen wird der Bau etwas erweitert, ein eigentliches Nest jedoch nicht gegründet, das Ei vielmehr aus den Boden oder doch nur einige Grashälmchen gelegt. Selbstverständlich benutzen die Vögel die vorjährigen Bauten, die nicht zerstört wurden, noch lieber, als daß sie sich solche graben? doch wird auch diese Arbeit in sehr kurzer Zeit beendet. Das rundliche Ei ist groß, etwa sechzig Millimeter lang, fünfundvierzig Millimeter dick und fast reinweiß von Farbe. Beide Gatten des Paares brüten abwechselnd mehrere Wochen lang mit regem Eifer, wie lange, weiß man noch nicht, gebärden sich sehr zornig, wenn man sie beunruhigt, und geben, gereizt, einen Laut von sich, ähnlich dem Knurren und Belfern eines jungen Hundes, breiten ihren Schwanz fächerförmig aus, erheben sich und beißen ziemlich heftig nach ihrem Gegner. Eines von den Eltern steckt stets in der Höhle, auch dann noch, wenn das in braungraue, dichte, lange Flaumen gekleidete Junge bereits ausgekrochen ist. Letzteres soll, obgleich es von beiden Alten überreichlich gefüttert wird, langsam heranwachsen und erst nach mehreren Monaten so weit ausgebildet sein, daß es die Bruthöhlen verlassen und auf das Meer hinausfliegen kann. Bis dahin ist es so fett, daß ihm zentimeterdicker Speck auf der Brust liegt, deshalb auch die leckerste Speise der Inselbewohner. Die Färinger erzählten Graba, daß die Alten in der Dämmerung oder Nacht ihre Bruthöhlen verlassen und nur einmal, und zwar des Morgens, ihren Jungen Atzung vorwürgen. Abgesehen von dem Menschen, der die Brutplätze besucht, haben die Sturmtaucher wenig Feinde. In den südlichen Meeren sollen sie durch große Raubfische gefährdet werden; auf den Brutbergen werden ihnen Falken und Schmarotzermöwen lästig.

Dreizehnte Ordnung. Die Ruderfüßler ( Steganopodes)

Mein Vater war, soviel mir bekannt, der erste, der die Vögel, mit denen wir uns nunmehr beschäftigen werden, in einer besonderen Ordnung vereinigte. Die Ruderfüßler haben auch in der Tat mit andern Schwimmvögeln nur entfernte Ähnlichkeit; nicht bloß der Ruderfuß, sondern das Gesamtgepräge ihres Baues überhaupt trennt sie von allen übrigen, die schwimmen.

Auch die Ruderfüßler dürfen Bewohner des Meeres genannt werden, obwohl nur die Glieder zweier Familien der Ordnung den Weltmeervögeln insofern ähneln, als sie sich freiwillig niemals von der See entfernen. Die übrigen streichen gern tiefer ins Land, siedeln sich an geeigneten Stellen hier auch an; ja, einzelne erscheinen nur ausnahmsweise am oder auf dem Meere: alle aber sind, wenn sie sich hier einfinden, heimisch, alle können sich monatelang hier aufhalten und, wenn auch nicht das Land, so doch das Süßwasser entbehren. Einzelne rasten, um auszuruhen oder um zu schlafen, auf felsigen Inseln und Küsten, andere am Strande, die meisten, falls sie können, auf Bäumen; gewisse Arten sind wahre Waldvögel. Im Norden ihres Verbreitungsgebietes zwingt sie der Winter zu regelmäßigen Wanderungen; im Süden streichen sie, dem Laufe der Gewässer oder der Meeresküste folgend, unregelmäßig auf und nieder.

Man darf sagen, daß die Glieder dieser Ordnung alle Bewegungsarten der Schwimmvögel überhaupt in sich vereinigen. Es gibt Stoß- und Schwimmtaucher unter ihnen; sie fliegen vortrefflich, einzelne mit den Seefliegern um die Wette, gehen zwar schlecht, jedoch immer noch besser als viele andere Schwimmvögel und wissen sich auch im Gezweige der Bäume zu benehmen. Ihre Sinne sind gut entwickelt. Im Wesen spricht sich, trotz aller Liebe zur Geselligkeit, wenig Friedfertigkeit, im Gegenteil Neid, Habgier und Rauflust, auch Bosheit und Tücke und dabei entschiedene Feigheit aus, wenn es sich um ein Zusammentreffen mit andern Geschöpfen handelt. Einmütiges Zusammengehen, Eintreten der Gesamtheit zugunsten des einzelnen, wie die Seeflieger es uns kennen lehrten, kommt unter den Ruderfüßlern nicht vor: sie helfen sich gegenseitig beim Fischfange, nicht aber bei nötig werdender Verteidigung gegen Feinde.

Das Nest steht entweder auf Bäumen oder in Spalten des Gesteines, auf Felsengesimsen und Berggipfeln, seltener auf Inselchen in Sümpfen und Brüchen. Wo es angeht, lassen unsere Vögel andere für sich arbeiten, mindestens den Grund zu ihrem Neste legen und bauen es dann einfach nach ihrem Geschmacke aus; außerdem schleppen sie selbst die nötigen Stoffe herbei und schichten sie kunstlos übereinander. Das Gelege zählt ein einziges Ei oder deren zwei bis vier. Beide Eltern brüten, und zwar so eifrig, daß sie sich kaum verscheuchen lassen, beide schleppen auch dem oder den geliebten Jungen überreichlich Atzung zu.

Wenige andere Schwimmvögel nähren sich so ausschließlich wie die Ruderfüßler von Fischen. Einzelne Arten nehmen gelegentlich allerdings auch noch andere Wirbeltiere, vielleicht auch Weichtiere und Würmer zu sich, immer aber nur nebenbei, mehr zufällig als absichtlich. Sie fischen, indem sie sich aus einer gewissen Höhe auf und ins Wasser stürzen, also stoßtauchen, indem sie, schwimmend, ihren langen Hals in das seichtere Wasser einsenken, oder endlich, indem sie ihre Beute unter Wasser verfolgen. Alle Ruderfüßler leisten Erstaunliches in der Vertilgung von Fischen, würden deshalb auch ohne Ausnahme zu den schädlichsten Vögeln gezählt werden, wüßten sie den Reichtum des Meeres uns nicht in eigentümlicher Weise nutzbar zu machen. Ihnen dankt Peru den größten Teil seiner Einnahmen; sie beschäftigen seit Jahren bereits eine zahlreiche Flotte: denn sie sind die Erzeuger des Guano oder Vogeldüngers, die »reinlichen Vögel«, deren fromme Beschaulichkeit und gesegnete Verdauung Scheffel gebührend gerühmt hat. In ihrer Gefräßigkeit beruht ihre Bedeutung für uns: sie beeinträchtigt unsern Fischstand in den Gewässern des Binnenlandes und speichert uns Schätze auf öden Felsriffen auf.

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» Sohn der Sonne« nannte Linné einen Vogel, der dem Schiffer als Wahrzeichen gilt, daß sein Fahrzeug den heißen Gürtel erreicht hat; denn wirklich begegnet man ihm, dem Tropikvogel, nur äußerst selten innerhalb der gemäßigten Gürtel unserer Erde. Einzelne sind zwar auch in unsere Gegend verschlagen worden, sollen beispielsweise in der Nähe von Helgoland beobachtet worden sein; solche Vorkommnisse gehören jedoch zu den seltensten Ausnahmen.

Die Tropikvögel ( Phaëtornidae) bilden, obgleich man nur drei Arten unterschieden hat, eine besondere Familie. Ihre Merkmale sind gedrungener Leibesbau und geringe Größe, sowie besonders ein aus zwölf oder vierzehn Federn bestehender Schwanz, dessen beide Mittelfedern sich sehr verlängern und dadurch auszeichnen, daß sie fast fahnenlos sind.

Die bekannteste und am weitesten verbreitete Art ist der Tropikvogel ( Phaëton aethereus). Das Kleingefieder ist weiß, rosenrötlich überflogen, ein vorn breiter, nach hinten sich verschmälernder Zügelstreifen schwarz; die Außenfahnen der Handschwingen sind schwarz, die hinteren Armschwingen schwarz und weiß gesäumt, die, bis auf die mittleren, weißschaftigen Schwanzfedern weiß, die Schafte der genannten gegen die Wurzel hin schwarz. Das Auge ist braun, der Schnabel korallrot, der Fuß gelb. Die Länge beträgt, einschließlich der beiden fünfzig bis fünfundsiebzig Zentimeter langen, im letzteren Falle um sechzig Zentimeter über die äußersten Steuerfedern verlängerten Spießfedern, etwa einen Meter, ohne sie vierzig Zentimeter, die Breite einhundertvier, die Fittichlänge dreißig Zentimeter. Alle Meere, die zwischen den Wendekreisen liegen, beherbergen Tropikvögel. Von den Wendekreisländern aus verfliegen sie sich zuweilen bis in den gemäßigten Gürtel.

Ich habe nur einmal, im südlichen Teile des Roten Meeres, Tropikvögel gesehen, sie jedoch bloß kurze Zeit beobachten können; alle Reisenden aber, die sie genauer kennenlernten, sind einstimmig in der Bewunderung ihrer Schönheit und Anmut. »Die Tropikvögel«, sagt Bennett, »gehören unbedingt zu den schönsten Weltmeervögeln und müssen, wenn sie die Sonne auf ihrem prachtvollen Gefieder spiegeln lassen, die Bewunderung aller erregen. Sie sind ebenso liebenswürdig in ihrem Wesen wie anmutig in ihrem Flug, und es ist eine wahre Freude, ihre Künste zu beobachten. Schiffe scheinen oft ihre Aufmerksamkeit zu erregen; sie kommen herbei, umkreisen das Fahrzeug, senken sich aus den oberen Luftschichten in Schraubenlinien tiefer und tiefer herab und halten sich dann zeitweilig rüttelnd in geringer Höhe, lassen sich auch wohl, jedoch sehr selten, auf den Rahen selbst nieder. Wenn sie nicht gestört werden, begleiten sie in dieser Weise das Schiff oft tagelang, bis es endlich ihren Wohnkreis überschreitet oder sie aus irgendeinem andern Grunde zurückkehren.«

Die Nahrung besteht ausschließlich in Fischen und andern hochschwimmenden Meertieren. Nuttal versichert, daß man ihn sehr häufig und mit vielem Geschicke fliegende Fische jagen sieht; Bennett fand in seinem Magen auch die Überreste von Kopffüßlern.

Die Brutzeit scheint je nach der Lage der Brutinseln verschieden zu sein. Die Männchen sind um diese Zeit im höchsten Grade erregt, kämpfen, nach des Letztgenannten Beobachtungen, beständig miteinander, verfolgen sich schreiend und zirpend, kollern sich förmlich in der Luft herum, überstürzen sich wenigstens, und drängen sich an die spröde vor ihnen flüchtenden Weibchen. Zu Nistplätzen werden Eilande, die fern von dem Getriebe des Menschen liegen, bevorzugt. Man hat beobachtet, daß sie da, wo sie noch nicht beunruhigt wurden, ihre Eier einfach auf den Boden, meist unter Gebüsch legen, wogegen sie auf besuchten Inseln stets Höhlungen und Ritzen in den Klippen wählen. Der Eingang zu den meist gegen einen Meter tiefen Felsritzen und Klüften ist, laut Heuglin, oft so eng und niedrig, daß es den Anschein gewinnt, als finde der Vogel selbst kaum Raum, um in das Innere zu gelangen. Das Weibchen legt hier sein einziges, verhältnismäßig großes Ei entweder auf die bloße Erde, auf Flugsand oder auf den nackten Fels. Beide Geschlechter brüten, und zwar mit so warmer Hingebung, daß sie bei Ankunft eines Menschen nicht davonfliegen, sondern sich nur mit dem Schnabel zu verteidigen suchen und nicht selten erfolgreich wehren.

Die Einwohner der Freundschaftsinseln und anderer Eilande des südlichen Stillen Meeres gebrauchen die langen Schwanzfedern zum Zierat und halten sie hoch in Ehren. Da es für sie schwer hält, solche Federn zu erlangen, haben sie sich ein sehr sinnreiches Mittel erdacht: sie warten nämlich, bis die Tropikvögel brüten, fangen sie auf den Nestern, ziehen ihnen die Federn aus und lassen sie wieder fliegen. Genau dasselbe Verfahren wird von den Europäern der Insel Mauritius angewandt.

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Die Tölpel ( Sulidae), die die zweite Familie bilden, dürfen als Mittelglieder zwischen den Tropikvögeln und Pelikanen betrachtet werden. Der Tölpel oder weiße Seerabe ( Sula bassana), dessen Schilderung für die Lebenskunde seiner Familie genügen darf, ist mit Ausnahme der braunschwarzen Schwingen erster Ordnung weiß, auf Oberkopf und Hinterhals gelblich überflogen, in der Jugend auf der Oberseite schwarzbraun, weiß gefleckt, unten auf lichtem Grunde dunkler gefleckt und gepunktet. Das Auge ist gelb, der Schnabel bläulich, der Fuß grün, die nackte Kehlhaut schwarz. Die Länge beträgt achtundneunzig, die Breite einhundertneunzig, die Fittichlänge zweiundsechzig, die Schwanzlänge sechsundzwanzig Zentimeter.

Alle Meere der nördlichen Erdhälfte vom siebzigsten Grad der Breite an nach Süden hin bis gegen den Wendekreis beherbergen den Tölpel. Er ist häufig um Island und die Färinseln, Orkaden und Hebriden, seltener um die Küste Norwegens, kommt vereinzelt in die Nähe Norddeutschlands, Hollands und Frankreichs, tritt aber an der amerikanischen Küste und ebenso im nördlichen Teil des Stillen Meeres in großer Anzahl auf. Einzelne sind bis ins Innere Deutschlands verschlagen worden. Wenn irgend möglich, verbringt er die Nächte auf dem Festlande, in der Regel auf hohen und schroff abfallenden Felsen, die sich unmittelbar aus dem Meer erheben.

Im Fliegen bekundet er seine Meisterschaft; zum Schwimmen entschließt er sich seltener, vielleicht bloß, um auf kurze Zeit ein wenig auszuruhen, und das Land betritt er außer der Brutzeit nur, um zu schlafen. Schon das Stehen scheint ihn zu ermüden, sieht wenigstens im höchsten Grade unbeholfen aus; das Gehen kann kaum ein Watscheln genannt werden, und das Schwimmen ist, trotz der mächtigen Ruder, auch nicht weit her; denn er läßt sich lieber vom Winde treiben, als daß er rudert, scheint überhaupt jede Bewegung mit den Füßen nur als Nothilfe anzusehen. Der Flug ist eigentümlich, minder ausgezeichnet wohl als der der Sturmvögel und anderer Landschwinger, aber doch noch immer vortrefflich. Nach einigen rasch sich folgenden Flügelschlägen gleitet der Tölpel eine Zeitlang pfeilschnell durch die Luft, nicht in ruhiger Weise schwebend, sondern unter Annahme der verschiedensten Stellungen eilfertig dahinschießend, plötzlich schwenkend, wieder flatternd, von neuem schwebend, zeitweilig kreisend, ohne Flügelschlag sich drehend und wieder dahinstürmend, bald dicht über dem Wasser hinfliegend, bald zu bedeutenden Höhen emporstrebend. Als echter Stoßtaucher erwirbt er sich seine Nahrung nur fliegend, indem er sich aus einer gewissen Höhe auf das Wasser herabstürzt und mit solcher Gewalt in dasselbe eindringt, daß er sich zuweilen den Kopf an verborgenen Klippen zerschellt. Seine Stimme besteht aus kurzen, abgebrochenen, krächzenden Lauten, die man ungefähr durch die Silben »Rab, rab, rab« ausdrücken kann.

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Tölpel ( Sula bassana)

Wenn man einmal Tölpel in der Nähe ihrer Brutplätze sah, begreift man, daß durch sie Guanoberge entstehen konnten. »Ihre Flüge beeinträchtigen das Sonnenlicht, und ihre Stimmen betäuben die Sinne desjenigen, der sich den Brutplätzen nähert.« Sie erscheinen gegen Ende April auf diesen Inseln und verlassen sie gegen den Oktober wieder. Ihre Nester werden dicht nebeneinander angelegt, so daß man an vielen Stellen kaum dazwischen durchgehen kann. Die ersteren, die erbaut werden, sind sehr groß, die späteren klein, weil sich die letzten Paare einfach begnügen müssen, zwischen denen der erstangekommenen zu bauen. Allerlei ohne Ordnung durcheinander geschichtete Land- und Meergräser bilden die Wandungen. Jedes Weibchen legt nur ein einziges, verhältnismäßig kleines, acht Zentimeter langes und fünf Zentimeter dickes, kalkkrustiges Ei, das im Anfang weiß aussieht, während der Bebrütung aber von den Neststoffen schmutzig gelbbraun gefärbt wird. Anfang Juni findet man die eben ausgeschlüpften Jungen; Ende Juli sind sie bereits halb erwachsen, jedoch noch immer mit kurzen, gelbweißen Flaumen bekleidet. »Im Jahre 1821«, schildert Faber, »war ich zu dieser Zeit auf den Westmanöern und bestieg die kleine Felseninsel, auf der dieser Vogel brütet. Junge und Alte stimmten bei meiner Ankunft eine übelklingende Musik an, die aus einem einzigen Laute, einem tiefen, harten ?Arrr?, bestand, rührten sich aber nicht von der Stelle, so daß ich so viele Alte nebst den Jungen mit den Händen greifen konnte, wie ich wollte. Die Nester lagen dicht nebeneinander, der Boden war aber infolge der schmutzigen Nester und ausgewürgten Fische und anderweitigen Nahrungsmittel so schlüpfrig, daß ich Gefahr lief, von der schrägen Klippe herabzustürzen. Merkwürdig war, daß beinahe ein Drittel der Nester faule Eier hatte, diese aber dennoch von den Alten bebrütet wurden; ja, daß die letzteren sogar, von dem zu dieser Jahreszeit erwachten Ernährungstriebe irregeführt, sowohl vor den Nestern mit faulen Eiern, wie vor denen, die Junge enthielten, Nahrung ausgewürgt hatten. Es war für mich eines der anziehendsten Schauspiele, die Tölpel ununterbrochen fischen zu sehen. Wenn sie volle Ladung in der Speiseröhre hatten, flogen sie schweren Fluges zu ihren Jungen zurück. Gegen das Ende des August, auf Grimsö erst um Michaelis, sind die Jungen befiedert und dann auch fast größer, jedenfalls viel fetter als die Alten. Die Einwohner nehmen von ihnen soviel, wie sie erreichen können, zum Einsalzen aus.« Auf St. Kilda hält man alljährlich eine förmliche Jagd auf die Jungen ab, die schließlich in eine wahre Metzelei ausartet. Die erlegten werden dann von der Höhe hinab in den See geworfen, dort in Booten aufgesammelt und nach Edinburg und andern Städten auf den Markt gebracht, wo sie stets willige Käufer finden.

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Wenn irgendein Vogel verdient, der Adler der See genannt zu werden, so ist es der Fregattvogel ( Fregata aquila), Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Fregata) und Familie ( Fregatidae). Der Leib ist schlank, der Hals kräftig, der Kopf mäßig groß, der Schnabel anderthalbmal so lang wie der Kopf, an der Wurzel etwas breit gedrückt, auf der Firste flach, längs der Kuppe gewölbt und hakenförmig herabgekrümmt, der Unterschnabel ebenfalls mit gebogen, der Kinnwinkel groß, breit und nackthäutig, der Mundrand bis unter die Augen gespalten, der Fuß sehr kurz, kräftig, an der Fußwurzel befiedert, langzehig und mit breit ausgeschnittenen Schwimmhäuten ausgerüstet, jede Zehe mit kräftig gebogener, spitziger Kralle, die mittlere mit einer ähnlich gestalteten, auf der Innenseite kammartig gezähnelten bewehrt, der Flügel außerordentlich lang und scharf zugespitzt, der aus zwölf Federn gebildete Schwanz sehr lang und tief gegabelt; das Gefieder, das glatt anliegt und auf Kopf, Hals und Rücken glänzend ist, besteht oben aus länglichen, auf dem Mantel aus rundlichen, auf der Brust aus zerschlissenen Federn und läßt um die Augen und die Kehle eine Stelle frei. Das Gefieder des alten Männchens ist bräunlichschwarz, auf Kopf, Nacken, Rücken, Brust und Seite metallischgrün und purpurschimmernd, auf den Flügeln graulich überflogen, auf den Oberarmschwingen und Steuerfedern bräunlich. Das Auge ist tiefbraun oder graubraun, die nackte Stelle um dasselbe purpurblau, der Schnabel lichtblau an der Wurzel, weiß in der Mitte und dunkel hornfarbig an der Spitze, der Kehlsack orangerot, der Fuß auf der Oberseite licht karminrot, auf der Unterseite orangefarben. Das Weibchen unterscheidet sich wesentlich durch das minder glänzende und lichter gefärbte, auf der Brust mehr oder weniger reinweiße Gefieder. Die Länge beträgt einhundertacht, die Breite zweihundertdreißig, die Fittichlänge fünfundsechzig, die Schwanzlänge siebenundvierzig Zentimeter, das Gewicht hingegen nur wenig über anderthalb Kilogramm.

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Fregattvogel ( Fregata aquila)

Der Fregattvogel teilt mit dem »Sohne der Sonne« ungefähr dieselbe Heimat und verbreitet sich auch in ähnlicher Weise über die innerhalb der Wendekreise liegenden Meere, entfernt sich aber selten so weit wie jener von der Küste. Man hat ihn zwar auch siebzig bis einhundert geographische Meilen vom nächsten Lande gefunden; gewöhnlich aber verfliegt er sich kaum über fünfzehn oder zwanzig Seemeilen weit von der Küste und kehrt bei jeder Veränderung des Wetters dahin zurück. Wenn der Morgen anbricht, verläßt er seinen Schlafplatz und zieht, bald in hoher Luft Kreise beschreibend, bald dem Winde entgegenfliegend, dem Meere zu, fischt, bis er sich gesättigt hat, und kehrt mit gefülltem Magen und Schlund wieder zum Lande zurück, wenn Sturm droht, bereits vormittags, sonst erst in den Nachmittagsstunden.

Audubon ist mit andern Beobachtern geneigt, den Fregattvogel für den schnellsten Flieger auf dem Meere zu halten. So behend auch die Seeschwalben und Möwen sind, meint er, ihm verursacht es keine Mühe, sie zu überholen. Meerschweine und Delphine überhaupt beobachtet er unablässig, streicht über sie hin, Wenn sie die fliegenden Fische verfolgen, und wirft sich, sobald sie das Wasser verlassen, unter sie, um einen im Fluge wegzunehmen, oder verfolgt sie, stoßtauchend, noch in die Tiefe. Einen Fisch, den er gefangen, läßt er zwei-, dreimal fallen, wenn er denselben nicht in erwünschter Weise mit dem Schnabel gefaßt hat, stürzt ihm nach und fängt ihn jedesmal, noch ehe er das Wasser berührt, sucht nunmehr ihn in eine günstigere Lage zu bringen. Zuweilen kreisen Fregattvögel stundenlang in hoher Luft mit der Leichtigkeit und Behaglichkeit der Geier und Adler, an welche sie überhaupt sehr erinnern; zuweilen verfolgen sie sich spielend unter den wundervollsten Schwenkungen und Windungen; nur beim Forteilen schlagen sie langsam mit den Schwingen. Auf dem festen Boden wissen sie sich nicht zu benehmen, und auf dem Wasser scheinen sie nicht viel geschickter zu sein; wenigstens hat man sie noch niemals schwimmen sehen. Von dem Verdecke eines Schiffes vermögen sie sich nicht zu erheben; auf einem flachen, sandigen Ufer sind sie einem Feinde gegenüber verloren. Deshalb rasten sie auch nur auf Bäumen, die ihnen genügenden Spielraum zum Abfliegen gewähren. Eine Stimme vernimmt man selten von ihnen. Die Schärfe der Sinne muß, den übereinstimmenden Angaben der Beobachter zufolge, bedeutend sein, namentlich das Gesicht sich auszeichnen. Ein in hoher Luft dahinsegelnder Fregattvogel soll, wie man sagt, das kleinste Fischchen, das nahe der Oberfläche des Wassers schwimmt, wahrnehmen, überhaupt ein großes Gebiet unter sich auf das vollständigste beherrschen. Einen eigentümlichen Eindruck scheinen lebhafte Farben auf ihn auszuüben. Chamisso erzählt, daß Fregattvögel auf die bunten Wimpel seines Schiffes wie aus Beute schössen, und Bennett versichert, dasselbe wiederholt gesehen zu haben. Angegriffene Fregattvögel verteidigen sich übrigens wütend und wissen, wie Tschudi erfuhr, sogar starken Hunden erfolgreich zu begegnen. Fliegende Fische scheinen die Hauptnahrung unseres Vogels zu bilden; doch verschmäht er wohl schwerlich ein kleineres Wirbeltier überhaupt. Die Fische soll er, wie man Gosse erzählte, nicht immer mit dem Schnabel, sondern sehr häufig auch mit den Füßen fangen und sie damit zum Munde führen.

In den nördlichen Teilen ihres Verbreitungskreises beginnen die Fregattvögel ungefähr um die Mitte des Mai mit dem Nestbau. Sie finden sich in der Nähe von Inseln ein, die ihnen schon seit Jahren zum Brutplatze dienten, und nehmen hier alle passenden Örtlichkeiten in Besitz; denn zuweilen versammeln sich ihrer fünfhundert Paare oder mehr. Einzelne sieht man stundenlang in bedeutender Höhe über dem Eilande kreisen, während die übrigen mit dem Bau des Nestes selbst sich beschäftigen. Ältere Nester werden ausgebessert und neue gegründet, trockene Zweige und Äste fliegend mit dem Schnabel von den Bäumen gebrochen oder aus andern Nestern gestohlen, auch wohl vom Wasser aufgenommen und dann, jedoch nicht gerade kunstvoll, verbaut. Gewöhnlich werden die Nester auf der Wasserseite der Bäume errichtet, am liebsten auf Bäumen, deren Wipfel über dem Wasser stehen, einzelne in der Tiefe, andere in der Höhe der Krone, nicht selten viele auf einem und demselben Baum. Das Gelege besteht nach Audubon aus zwei bis drei starkschaligen Eiern von etwa fünfundsechzig Millimeter Längs- und dreiundvierzig Millimeter Querdurchmesser und grünlichweißer Färbung, die übrigens oft durch die Füllung des Nestes umgefärbt wird. Die Jungen, die anfänglich aussehen, als ob sie keine Füße hätten, kommen in einem gelblichweißen Daunenkleid zur Welt und verweilen sehr lange im Nest, da die Ausbildung ihres Flugwerkzeuges eine lange Zeit erfordert. Gefangene Fregattvögel gelangen neuerdings dann und wann in unsere Käfige, dauern bei geeigneter Pflege auch jahrelang aus.

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Die artenreichste Familie der Ruderfüßler wird gebildet durch die Scharben ( Phalacrocorcidae). Ihr Leib ist sehr gestreckt, aber kräftig und walzig, der Hals lang, schlank oder dünn, der Kopf klein, der Schnabel mittellang und starkhakig übergebogen, der Fuß kurzläufig, großzehig, seitlich zusammengedrückt, der Flügel zwar lang aber stumpf zugespitzt, der Schwanz mittellang und kaum gewölkt. Die Schwingen und die Steuerfedern sind sehr hart, alle übrigen Federn kurz und knapp anliegend, die der Unterseite seidig zerschlissen, die der Oberseite eng geschlossen, scharf begrenzt und schuppig übereinander liegend.

Scharben kommen in allen Erdteilen vor und leben ebensowohl im Meer wie auf süßen Gewässern. Einzelne Arten bewohnen hochnordische Länder, die Mehrzahl herbergt in den gemäßigten und heißen Gürteln der Erde. Einige entfernen sich selten vom Meere und nehmen hier auf Felseninseln ihren Stand, andere wohnen in rohr- oder waldreichen Sümpfen und Brüchen, an Flußseen und ähnlichen Gewässern und verirren sich nur ausnahmsweise einmal bis an die Seeküste. Größeren Strömen folgen sie bis tief ins Innere des Landes, schweifen überhaupt gern umher und halten sich während der Brutzeit an einer und derselben Stelle auf. Die nordischen Arten wandern regelmäßig, die übrigen streichen.

Auf ebenem Boden bewegen sie sich ziemlich ungelenk und watschelnd, im Gezweige der Bäume mit auffallender Gewandtheit, fliegend rascher, als man meinen möchte, da der Flug aussieht, als ob er sehr ermüden müsse. Soviel wie möglich verweilen sie im Wasser und schwimmen und tauchen mit einer Fertigkeit und Ausdauer, die die Bewunderung des Beobachters erregen muß.

Alle Scharben fressen so lange, als sie fressen können, und stürzen sich selbst mit gefülltem Magen gierig auf eine Beute herab, wenn solche ihnen gerade vor das Auge kommt. Sie ruhen, so scheint es, nur, um wieder fischen und fressen zu können, und fressen bloß dann nicht, wenn sie ihr Gefieder in Ordnung bringen oder schlafen. Die Dehnbarkeit ihres Schlundes gestattet ihnen, sehr große Fische hinabzuwürgen; aber diese werden ungemein rasch zersetzt, und der Magen verlangt dann neue Füllung. In Ländern, in denen der Mensch zur Herrschaft gekommen ist, können sie nicht geduldet werden, weil sie den Fischereien den allerempfindlichsten Schaden zufügen? im Meere hingegen werden sie wenigstens hier und da gerade durch ihre Gefräßigkeit nützlich; denn aus den Fischen, die sie dessen Schoße entnehmen, bereiten sie den Guano.

Sämtliche Arten der Familie nisten in Gesellschaft und gründen unter Umständen Ansiedelungen, die mehrere tausend Paare zählen. Die Nester stehen entweder auf felsigen Inseln und hier in Spalten, Höhlungen, auf Gesimsen usw., oder auf Bäumen, zuweilen vierzig und fünfzig von ihnen auf einem einzigen.

 

Der Kormoran, auch Eis- oder Baumscharbe, Wasser- oder Seerabe genannt ( Phalacrocorax carbo), ist die bekannteste und vielleicht auch verbreitetste Art. Ihr Schwanz besteht aus vierzehn Steuerfedern. Oberkopf, Hals, Brust, Bauchs und Unterrücken sind glänzend schwarzgrün, sanft metallisch schimmernd, Vorderrücken und Flügel bräunlich, bronzeglänzend und wegen der dunkleren Säume der Federn wie geschuppt, Schwingen und Steuerfedern schwarz; ein weißer, hinter dem Auge beginnender Fleck umgibt die Kehle, ein anderer rundlicher steht auf den Weichen. Das Auge ist meergrün, der Schnabel und der Fuß schwarz. Während der Fortpflanzungszeit trägt die Scharbe, namentlich die männliche, zarte, haarartige weiße Federn am Kopfe, die die dunklen überwuchern, aber sehr bald ausfallen. Die Länge beträgt einundachtzig bis zweiundneunzig, die Breite einhundertfünfunddreißig bis einhundertfünfzig, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge achtzehn Zentimeter. Vom mittleren Norwegen an trifft man den Kormoran in ganz Europa und während des Winters in erstaunlicher Anzahl in Afrika an; außerdem lebt er sehr häufig in Mittelasien und ebenso in Nordamerika, von hier aus bis Westindien, von dort aus bis Südosten wandernd.

siehe

Kormorane ( Phalacrocorax carbo)

Im nördlichen Teile seines Verbreitungsgebietes gesellt sich dem Kormoran, weiter nördlich vertritt ihn die Krähenscharbe ( Phalacrocorax graculus). Oberrücken- und, mit Ausnahme der mattschwarzen Schwingen und Steuerfedern, alle übrigen Federn der Oberseite sind auf schwarzem, schwach kupferig glänzendem Grunde durch tief samtschwarze Kanten schuppig gezeichnet, alle übrigen Teile leuchtend oder glänzend schwarzgrün. Das Auge ist saphirgrün, der Schnabel schwarz, der Fuß schwarz. Die Länge beträgt fünfundsechzig bis siebzig, die Breite einhundertzehn, die Fittichlänge siebenundzwanzig, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter.

Die dritte europäische Art ist die Zwergscharbe oder der Zwergkormoran ( Phalacrocorax pygmaeus). Oberkopf, Nacken und Seitenhals sind rostbraun, Mantel und Oberrücken auf graulichschwarzem Grunde durch die samtschwarzen Federränder gezeichnet, alle übrigen Teile, mit Ausnahme der mattschwarzen Schwingen und Steuerfedern, glänzend tiefschwarz, im Hochzeitskleide durch seine, schmale, weiße, flaumartige, höchst vergängliche Federchen geziert. Der junge Vogel ist oberseits auf graubräunlichem Grunde durch lichtere Federränder gezeichnet, unterseits großenteils weißlich fahlgrau. Das Auge ist rötlichbraun bis karminrot; der Schnabel wie der Fuß sind schwarz. Die Länge beträgt siebenundfünfzig, die Breite sechzig, die Fittichlänge einundzwanzig, die Schwanzlänge sechzehn Zentimeter. Das Verbreitungsgebiet umfaßt Südosteuropa, Nordafrika und Südasien bis Java und Borneo; die Aufenthaltsorte beschränken sich auf Süß- oder Brackwasserbecken.

Obgleich sich nicht in Abrede stellen läßt, daß jede dieser Scharbenarten auch in der Lebensweise ihr Eigentümliches hat, darf es doch genügen, wenn ich mich auf eine Schilderung des Kormorans beschränke. Er bewohnt das Meer und süße Gewässer, je nach des Ortes Gelegenheit. Größere Flüsse oder Ströme, die von Waldungen eingeschlossen werden, beherbergen ihn stets; ja, der zudringliche, freche Vogel siedelt sich sogar in unmittelbarer Nähe von Ortschaften an und läßt sich kaum oder doch nur mit größter Mühe vertreiben. Man kennt ein Beispiel, daß Kormorane inmitten einer Stadt erschienen und sich den Kirchturm zum Ruhesitze erwählten. In noch größerer Anzahl treten sie auf dem Meere auf, jedoch nur an gewissen Stellen, da nämlich, wo die Küste felsig und schwer zugänglich ist, oder aber da, wo ein Kranz von Schären sie umlagert. Längs der Küste von Skandinavien, auf Island, den Färinseln, Hebriden, Orkaden usw. sind sie ebenso häufig wie die Krähenscharben, weil der Mensch nicht imstande ist, ihnen hier entgegenzutreten. In nicht geringerer Menge sammeln sie sich während des Winters in südlicheren Meeren an. Man darf behaupten, daß ihnen eigentlich jede Örtlichkeit recht ist, daß sie sich da, wo es Wasser und Fische gibt, überall einzurichten wissen.

Sie sind sehr gesellig und halten sich deshalb in der Regel in größeren oder kleineren Scharen zusammen. Während der Morgenstunden fischen sie mit regem Eifer, nachmittags pflegen sie der Ruhe und der Verdauung; gegen Abend unternehmen sie nochmals einen Fischzug; mit Sonnenuntergang gehen sie schlafen. Zur Nachtruhe wählen sie sich im Binnenlande hohe Bäume, die auf Inseln in den Strömen oder in Seen stehen, dieselben, die sie später zum Brüten benutzen, auf dem Meere hingegen felsige Inseln, die ihnen Umschau nach allen Seiten und leichtes Zu- und Wegfliegen gestatten. Solche Inseln erkennt man schon von weitem an dem weißen Kotüberzuge, mit dem die Vögel sie bedeckt haben, und sie würden auch bei uns schließlich zu Guanolagern werden, hätten wir die tropische Sonne, die den Vogeldünger unter dem Himmel Perus trocknet. Ein solcher Lieblingssitz im Meere verfehlt nie, die Aufmerksamkeit des Schiffers oder Reisenden auf sich zu ziehen; am fesselndsten aber wird er selbstverständlich dann, wenn er gerade mit Scharben bedeckt ist. Reihenweise geordnet, einem Kriegertrupp etwa vergleichbar, sitzen sie in malerischer Stellung auf den Felsenzacken, alle in gleicher Richtung dem Meere zugewendet, aber nur wenige von ihnen in steifer Haltung, da jede einzelne wenigstens eines ihrer Glieder bewegt, entweder den Hals und Kopf oder die Flügel und den Schwanz. Das Wedeln und Fächeln mit den Flügeln wird zuweilen viertelstundenlang betrieben und hat offenbar den Zweck, alle Federn gänzlich zu trocknen; denn später sieht man die Vögel sich sonnen, ohne die Flügel zu bewegen. Auf solchen Ruhesitzen behauptet übrigens jede einzelne Scharbe den einmal eingenommenen Stand schon aus dem einfachen Grunde, weil ihr das Gehen beschwerlich fällt. Der Gang selbst ist nur ein trauriges Watscheln. Aber die Scharbe ist eigentlich im Gezweige noch geschickter als auf dem flachen Boden und bekundet ihre volle Gewandtheit und Behendigkeit wie der Schlangenhalsvogel nur im Schwimmen und im Tauchen. Wenn man sich mit dem Boote einer Felseninsel im Meere nähert, auf der Hunderte von Scharben sitzen, gewahrt man zuerst Strecken des Halses und Bewegen des Kopfes, hierauf unbehilfliches Hin- und Hertrippeln und sodann allgemeines Flüchten. Aber nur wenige erheben sich in die Luft und fliegen hier mit flatternden Flügelschlägen, auf die dann schwebendes Gleiten folgt, geraden Weges dahin oder steigen von Anfang an kreisend zu höheren Luftschichten empor; die Mehrzahl springt vielmehr, beinahe wie Frösche, in das Meer hinab, taucht unter und erscheint nun möglichst weit von dem Orte des Eintauchens wieder an der Oberfläche, die klugen meergrünen Augen auf das Boot heftend und nötigenfalls aufs neue tauchend und flüchtend, bis die erwünschte Sicherheit erlangt wurde. Sie schwimmen unter dem Wasser so schnell, daß auch das beste, von tüchtigen Ruderern bewegte Boot sie nicht einholen kann, und sie tauchen lange und in bedeutende Tiefen hinab, erscheinen für einen Augenblick an der Oberfläche, atmen rasch und verschwinden wieder. Beim Verfolgen ihrer Beute strecken sie sich lang aus und rudern mit weit ausholenden Stößen so heftig, daß ihr Körper wie ein Pfeil durch das Wasser geschleudert wird. Unter den Sinnen steht wohl das Gesicht obenan; wenigstens läßt das lebendige, also nicht bloß durch seine Färbung ausgezeichnete Auge hierauf schließen; das Gehör ist übrigens ebenfalls sehr entwickelt und das Gefühl gewiß nicht verkümmert; dagegen darf man wohl kaum von der Feinheit des Geschmackssinnes sprechen: man bemerkt allerdings, daß sie zwischen diesen und jenen Fischen einen Unterschied machen, ist aber schwerlich berechtigt, anzunehmen, daß dies aus Gründen geschehe, die mit dem Geschmackssinne in Beziehung stehen. Man muß alle Arten der Sippe unter die mißtrauischen Vögel zählen; denn man bemerkt, daß sie weder in der Freiheit noch in der Gefangenschaft ihre Sicherung vergessen; aber man erfährt ebenso, daß sie sich in verschiedene Verhältnisse fügen und aus den Umständen bestmögliche Vorteile zu ziehen versuchen. Gegen andere Vögel, mit denen sie zusammenkommen, beweisen sie sich immer hämisch und boshaft, zumal wenn Neid und Habsucht ins Spiel kommen. Für ihre Anpassungsfähigkeit spricht auch die bekannte Tatsache, daß Kormorans von den Chinesen zum Fischfange abgerichtet werden und zur Zufriedenheit ihrer Herren arbeiten. »Bei Hochwasser«, erzählt Doolitle, »sind die Brücken in Futschau von Zuschauern dicht besetzt, die diesem Fischfange zusehen. Der Fischer steht auf einem etwa meterbreiten, fünf bis sechs Meter langen Floß aus Bambus, das vermittels eines Ruders in Bewegung gesetzt wird. Wenn die Kormorane fischen sollen, stößt oder wirft der Fischer sie ins Wasser; wenn sie nicht gleich tauchen, schlägt er auch mit dem Ruder in dasselbe oder nach ihnen, bis sie in der Tiefe verschwinden. Sobald die Scharbe einen Fisch erbeutet hat, erscheint sie wieder über dem Wasser mit dem Fische im Schnabel, einfach in der Absicht, ihn zu verschlingen; daran verhindert sie jedoch ein ihr lose um den Hals gelegter Faden oder Metallring, und so schwimmt sie denn wohl oder übel dem Floß zu. Der Fischer eilt so rasch wie möglich herbei, damit ihm die Beute nicht wieder entgehe; denn bisweilen findet, besonders bei großen Fischen, ein förmlicher Kampf zwischen dem Räuber und seinem Opfer statt. Wenn der Fischer nahe genug ist, wirft er einen an einer Stange befestigten netzartigen Beutel über die Scharbe und zieht sie so zu sich auf das Floß, nimmt ihr den Fisch ab und gibt ihr zur Belohnung etwas Futter, nachdem er den Ring gelöst und das Verschlingen ermöglicht hat. Hierauf gewährt er seinem Vogel eine kurze Ruhe und schickt ihn von neuem an die Arbeit. Bisweilen versucht die Scharbe mit ihrer Beute zu entrinnen; dann sieht man den Fischer ihr so rasch als möglich nacheilen, gewöhnlich mit, zuweilen ohne Erfolg. Manchmal fängt ein Kormoran einen so starken Fisch, daß er ihn nicht allein in Sicherheit bringen kann; dann eilen mehrere der übrigen herbei und helfen ihm. Artet diese Absicht, wie es auch geschieht, in Kampf aus, und suchen sich die Scharben ihre Beute gegenseitig streitig zu machen, so steigert sich die Teilnahme der Zuschauer in hohem Grade, und es werden wohl auch Wetten zugunsten dieses oder jenes abgeschlossen.«

Auf den Gewässern des Binnenlandes sind die Scharben nicht zu dulden, weil sie dem Fischstande unserer Fluß- und Landseen unberechenbaren Schaden zufügen. Ihre Gefräßigkeit übersteigt unsere Begriffe: die einzelne Scharbe nimmt viel mehr an Nahrung zu sich als ein Mensch; sie frißt, wenn sie etwas haben kann, soviel wie ein Pelikan. Ich habe einem gefangenen Kormorane so viele Fische gereicht, wie er annehmen wollte, und gefunden, daß er am Morgen sechsundzwanzig, in den Nachmittagsstunden aber wiederum siebzehn durchschnittlich zwanzig Zentimeter lange Plötzen verschlang. Die Fische füllten anfänglich nicht allein den Magen vollständig, sondern dehnten auch die Speiseröhre unförmlich aus, ragten zum Teile sogar aus dem Schlünde hervor, wurden aber so rasch verdaut, daß Schlund und Speiseröhre binnen zwei Stunden bereits geleert waren. Im Meer ernährt sich die Scharbe wahrscheinlich nur von Fischen, die sie vom Grunde emporholt oder wegfängt, im Binnenlande stellt sie auch niederen Wirbeltieren nach. Im Tiergarten zu Wien beobachtete man, daß dortige Scharben sich auf den Schwalbenfang eingeübt hatten, an heißen Sommertagen mit tief eingesenktem Körper im Wasser lagen, den Kopf nach hinten bogen, den Schnabel öffneten und nun auf die hin- und herziehenden Schwalben lauerten, einen günstigen Augenblick wahrnahmen, den Hals vorschnellten und die arglose Schwalbe, ehe sie ausweichen konnte, packten, mit einem kräftigen Bisse töteten und verschlangen.

Die Kormorane bevorzugen Bäume zur Anlage ihres Nestes, begnügen sich jedoch im Notfalle mit Höhlungen in Felsenvorsprüngen und ähnlichen Anlagestellen. Im Binnenlande oder da, wo Waldungen bis an die Küste des Meeres herantreten, erscheinen sie in den Ansiedlungen der Krähen und Fischreiher, vertreiben die ersteren sofort, die letzteren nach hartnäckigem Kampfe, bemächtigen sich ihrer Horste, schleppen dürre Reiser, Rohrstengel, Schilfblätter und dergleichen herbei, bessern die vorgefundenen Nester noch etwas aus und beginnen dann zu legen. Werden sie ein paar Jahre lang nicht gestört, so siedeln sie sich so fest an, daß man sie später nur mit größter Anstrengung wieder loswerden kann. »Im Frühlinge des Jahres 1812«, sagt Naumann, »fanden sich auf einem Gute der Stadt Lütjenburg vier Paare ein und siedelten sich, dem Seestrande nahe, auf sehr hohen Buchen in einem Gehölze an, das seit vielen Jahren einer großen Anzahl von Saatkrähen und Fischreihern zum Brutorte gedient hatte. Sie vertrieben einige Reiherfamilien, um deren Nester für sich zu benutzen, machten zwei Bruten, eine im Mai, die andere im Juli, und verließen im Herbst desselben Jahres, zu einem Fluge von einigen dreißig angewachsen, die Gegend. Im Frühlinge des folgenden Jahres kamen sie, wie in allen folgenden, in einer immer mehr sich verstärkenden Anzahl wieder, und bald durfte man diese zu siebentausend brütenden Paaren anschlagen. Boje zählte auf einigen Bäumen an fünfzig Scharbennester. Die Menge der zu- und abfliegenden Vögel erfüllte die Luft; ihr wildes Geschrei betäubte die Ohren. Die Bäume samt ihrem Laube waren weiß gefärbt von dem Unrate, die Luft war verpestet durch die aus dem Neste herabgefallenen und faulenden Fische. Erst nach mehreren Jahren eifriger Verfolgung gelang es, die ungebetenen Gäste wieder loszuwerden.« Gewöhnlich erscheinen die brutfähigen Scharben im April, bauen sehr eifrig, benutzen auf manchen Bäumen jeden Zweig und legen schon Ende des Monats drei bis vier kleine, schlanke, etwa fünfundsechzig Millimeter lange, vierzig Millimeter dicke, festschalige, bläulichgrüne, mit einem kalkigen Überzuge bedeckte Eier, bebrüten diese abwechselnd gegen vier Wochen lang und füttern ihre Jungen ebenfalls gemeinschaftlich groß. Letztere wachsen infolge der ihnen überreichlich zugetragenen Speise verhältnismäßig schnell heran, werden von den Alten ungemein geliebt, bei Gefahr aber nicht, wenigstens nicht dem Menschen gegenüber, verteidigt. Wenn die Alten im Neste ankommen, haben sie gewöhnlich Schlund und Magen zum Platzen voll und würgen auf dem Nestrande manchmal mehrere Dutzend kleine Fische aus; viele von diesen fallen über den Nestrand herunter: kein Kormoran aber gibt sich die Mühe, sie aufzulesen. Um Mitte Juni fliegen die Jungen aus, und dann machen die Alten gewöhnlich sofort zur zweiten Brut Anstalt, es jenen überlassend, sich zu ernähren.

Kormorane halten bei reichlicher Nahrung die Gefangenschaft viele Jahre aus, haben außer ihrem Hunger auch kaum noch Bedürfnisse, schreiten auch, selbst auf kleineren Weihern, nicht selten zur Fortpflanzung.

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Die größten und auffallendsten Mitglieder der Ordnung sind die Pelikane ( Pelecanidae). Sie kennzeichnet vor allem der gewaltige, nur ihnen eigene Hamenschnabel, der, sozusagen, aus einem Sacke und einem diesen schließenden Deckel besteht. Ersterer wird gebildet durch den Unterteil, letzterer durch den Oberteil des Schnabels. Das Gefieder, das außer der Kehlgegend auch eine Stelle um die Augen frei zu lassen pflegt, ist dicht anliegend, aber eigentümlich rauh und harsch, da seine einzelnen Federn sich sehr verschmälern und zuspitzen. Auf der Mitte der Brust findet sich eine Stelle, wo die Federn vollständig zerschlissen sind, auf dem Hinterkopfe und Nacken verlängern sie sich gewöhnlich hollen- oder helmartig.

siehe

Pelikan ( Pelecanus onocrotalus) und Schopfpelikan ( Pelecanus crispus)

Die Pelikane bewohnen den heißen Gürtel der Erde und die daran grenzenden Teile der beiden gemäßigten, finden sich in allen Erdteilen und haben einen sehr weiten Verbreitungskreis. In ihrer Lebensweise kommen die verschiedenen Arten zwar nicht in jeder Hinsicht überein, ähneln sich aber doch so, daß wir ein richtiges Bild gewinnen, wenn wir uns mit den beiden europäischen Arten ausschließlich beschäftigen.

 

Die gemeinste und verbreitetste dieser Arten ist der Pelikan ( Pelecanus onocrothaus), mit seinen Verwandten der größte aller Schwimmvögel. Das Gefieder, das auf dem Kopfe eine aus langen, rundlichen Federn bestehende Haube bildet, ist im Alter bis auf die braunen Handschwingen weiß, rosenrot überhaucht, auf der Vorderbrust gelb, in der Jugend auf dem Mantel braun und grau gemischt, aus der Unterseite aschgrau. Das Auge ist hochrot, die nackte Stelle um dasselbe gelb, der Schnabel graulich, rot und gelb punktiert, der Kehlsack gelbbläulich geädert, der Fuß licht fleischfarben. Die Länge beträgt einhundertvierzig bis einhundertachtzig, die Breite zweihundertzwanzig bis zweihundertsechzig, die Fittichlänge etwa fünfundfünfzig, die Schwanzlänge achtzehn Zentimeter. Männchen und Weibchen unterscheiden sich sehr auffällig durch die Größe, wie überhaupt die Maße ungewöhnlich schwanken.

Der größere Schopfpelikan ( Pelecanus crispus) ist weiß, sanft graurötlich überflogen, der Fittich schwarz; die Federn des Kopfes und Hinterhalses sind gekräuselt und helmraupenartig verlängert. Das Auge ist silberweiß, der Schnabel oben graugelblich, der Kropfsack blutrot, bläulich geädert, der Fuß schwarz. Die Länge beträgt einhundertsiebzig bis einhundertachtzig, die Breite zweihundertneunzig, die Fittichlänge fünfundsiebzig, die Schwanzlänge zwanzig Zentimeter.

Der Pelikan verbreitet sich von Südungarn an über den größten Teil Afrikas und Südasiens; der Schopfpelikan gehört östlicher gelegenen Gegenden an, findet sich uns zunächst am Schwarzen Meere und weiter nach Osten hin an den größeren Gewässern Mittel- und Südostens; einzelne kommen alljährlich in Südchina, einzelne ebenso in Nordafrika vor. In Südeuropa trifft der Pelikan Ende April und Anfang Mai ein, brütet und verläßt das Land im Oktober wieder. Bei dieser Gelegenheit verfliegt er sich zuweilen über die Grenzen seines Gebietes hinaus, und so ist es geschehen, daß man ihn mitten in Deutschland angetroffen hat. Am Bodensee erschien einmal eine Herde von einhundertdreißig Stück; einzelne oder kleine Trupps hat man in vielen Gauen unseres Vaterlandes beobachtet.

Wer nicht selbst Ägypten oder Nordafrika überhaupt bereist und die Massen der Fischfresser gesehen hat, die auf den dortigen Seen Herberge und Nahrung finden, kann sich unmöglich einen Begriff von der Anzahl dieser Vögel machen und wird den Berichterstatter möglicherweise der Übertreibung beschuldigen. An den Strandseen Ägyptens, auf dem Nilstrome während der Zeit der Überschwemmung oder weiter unten im Süden, ebensowohl auf dem Weißen und Blauen Nile mit seinen Nebenseen als auf dem Roten Meere, gewahrt man zuweilen die Pelikane zu solchen Massen vereinigt, daß das Auge nicht imstande ist, eine Schar zu überblicken. Sie bedecken im buchstäblichen Sinne des Wortes mehrere Geviertkilometer, gleichen, wenn sie auf den Seen schwimmen, riesigen Wasserrosen, oder wenn sie am Strande und bezüglich auf Inseln sitzen, um sich zu sonnen und ihr Gefieder zu putzen, einer langen weißen Mauer; sie bedecken da, wo sie sich zum Schlafen niederlassen, alle Bäume kleinerer Inseln so dicht, daß man von fernher meint, die Bäume hätten bloß große weiße Blüten, nicht aber auch grüne Blätter. Scharen von zehn bis zwölf sind etwas Seltenes, Gesellschaften von Hunderten und Tausenden das Gewöhnliche. Gegen das Frühjahr hin zerteilen sich die Schwärme einigermaßen, weil dann viele von denen, die sich während des Winters versammelten, nach dem Süden Europas ziehen, um daselbst zu brüten.

Alle Pelikane machen keinen Unterschied zwischen den süßen und salzigen, wohl aber zwischen seichten und tieferen Gewässern. Nur eine einzige Art der Familie, die in Mittelamerika lebt, erwirbt sich ihre Nahrung durch Stoßtauchen; alle übrigen sind nicht imstande, in dieser Weise zu fischen, sondern können dies nur von der Oberfläche des Wassers aus tun. Gerade wegen des dichten Luftpolsters, das unter ihrer Haut liegt, sind sie ganz unfähig, ihren Leib unter das Wasser zu zwingen, liegen vielmehr wie Kork auf der Oberfläche und halten sich demgemäß bloß in denjenigen Tiefen auf, die sie mit Hals und Hamenschnabel ausbeuten können. Zu diesem Ende versammeln sie sich auf seichteren Stellen der Gewässer, verteilen sich in einer gewissen Ordnung über einen weiten Raum und fischen nun, mehr und mehr zusammenrückend, das zwischen ihnen liegende Wasser aus. Auf den Seen und den seichten Meeresteilen bilden sie einen weiten Halbmond und rudern gegen den Strand an oder schließen selbst einen Kreis und verringern diesen allgemach mehr und mehr; auf schmalen Flüssen oder Kanälen teilen sie sich in zwei Haufen, bilden eine geschlossene Reihe auf dieser, eine auf jener Seite, schwimmen gegeneinander an und fischen so ebenfalls den betreffenden Teil rein aus. Ihr Hamenschnabel leistet ihnen dabei unübertreffliche Dienste, weil er ihnen leichtes Erfassen und Festhalten der gefangenen Beute gestattet. Für gewöhnlich fressen die Pelikane nur Fische; zuweilen greifen sie jedoch auch andere Wirbeltiere an. Junge Schwimmvögel, die sich in ihre Nähe wagen, sind immer gefährdet; sie schlingen halberwachsene Enten hinab. Ihr Schlund ist so weit, daß er eine geballte Mannesfaust bequem durchläßt; ich habe mehr als einmal meinen gefangenen Pelikanen große Fische mit der Hand aus ihren Mägen gezogen.

Sie gehen mit ziemlich aufrecht getragenem Leib langsam und wankend, jedoch nicht eigentlich schwerfällig, unternehmen zuweilen verhältnismäßig lange Fußwanderungen, zeigen sich ebenso auf Baumwipfeln sehr geschickt, suchen diese auch da, wo sie in der Nähe sich finden, regelmäßig auf, um auszuruhen, sich zu sonnen und ihr Gefieder zu Putzen, schwimmen leicht, rasch und ausdauernd und fliegen ausgezeichnet schön. Nach einem kurzen Anlaufe, wobei sie wie die Schwäne mit den Flügeln auf das Wasser schlagen, daß es auf weithin schallt, erheben sie sich von der Oberfläche desselben, legen den Hals in ein S gebogen zusammen, den Kopf, sozusagen, auf den Nacken und den Kehlsack auf den Vorderhals, bewegen die Flügel zehn- bis zwölfmal rasch nacheinander in weit ausholenden Schlägen und streichen hierauf gleitend einige Meter weit fort, bis sie einer gefährlichen Stelle entrückt sind und nun entweder kreisend in höhere Luftschichten sich emporschrauben, oder in der angegebenen Weise weiter fliegen. Gewisse Inseln behagen ihnen so, daß sie dieselben nicht verlassen mögen; von ihnen aus müssen sie dann, um einen reichlichen Fischfang zu tun, oft sehr weit fliegen. Sie zeigen sich da, wo sie dem Menschen nicht trauen, ungemein vorsichtig, an andern Orten dagegen so vertrauensselig, daß sie sich wie zahme Vögel benehmen, schwimmen z.+B. in den Hafenstädten des südlichen Roten Meeres unbesorgt zwischen den Schiffen umher und lassen sich von den Schiffern füttern, wie unsere Schwäne von Spaziergängern. In der Nähe der Fischerdörfer an den ägyptischen Strandseen sieht man zahme Pelikane, die des Morgens ausgehen, ihr Futter selbst fangen und des Abends zurückkehren; einzelne besuchen die Fischmärkte, stellen sich hier neben den Käufern auf und betteln, bis diese ihnen etwas zuwerfen; andere stehlen mit wirklicher List einiges von den aufgespeicherten Vorräten. Sie sind ebenso gutmütig wie klug, vertragen sich mit allen Tieren und scheinen froh zu sein, wenn ihnen nichts zuleide getan wird. Nur ihr kaum zu stillender Heißhunger treibt sie zuweilen an, kühn sich vorzudrängen oder selbst einen Kampf mit andern Fischliebhabern zu wagen; doch muß es arg kommen, wenn sie ihre gewöhnliche Feigheit verleugnen. Unter sich leben die gleichen Arten außerordentlich friedlich und betreiben auch ihre Geschäfte soviel wie möglich gemeinschaftlich; verschiedene Arten aber vereinigen sich nie.

Das tägliche Leben der Pelikane ist geregelt. Die frühen Morgenstunden werden zur Jagd benutzt. Kleinere oder größere Flüge ziehen dahin, die ersteren in einer schiefen Linie, die letzteren in der bekannten Keilordnung; die einen wenden sich seichten Buchten zu, die andern kommen von diesen bereits gesättigt zurück. Einzelne fischende Pelikane habe ich nur in Griechenland gesehen; gewöhnlich waren es sehr zahlreiche Schwärme, die sich zu diesem Tun vereinigt hatten. Gegen zehn Uhr vormittags haben sich alle gesättigt und wenden sich nun einer beliebten Sandbank oder Baumgruppe zu, um hier auszuruhen, zu verdauen und dabei das Gefieder zu putzen und neu einzufetten. Letzteres nimmt viel Zeit in Anspruch, weil der ungefüge Schnabel das Geschäft erschwert und sehr sonderbare Stellungen nötig macht, namentlich wenn es sich darum handelt, die Federn des Halses zu bearbeiten. Nachdem das Putzen vorüber, nehmen die durch das behagliche Gefühl der Verdauung träge gewordenen Vögel verschiedene Stellungen an, je nachdem sie auf Bäumen oder auf dem Boden sitzen. Bis gegen Mittag kommen beständig neue herbei, und die Versammlung wächst demnach von Minute zu Minute. Nachmittags zwischen drei und vier Uhr beginnen die Reihen sich wieder zu lichten; gesellschaftsweise ziehen sie zu neuem Fange aus. Die zweite Jagd währt bis Sonnenuntergang, dann fliegt die Gesellschaft dem Schlafplatze zu. Nur da, wo es an Bäumen mangelt, ist dieser eine flache Sandbank oder eine einsame Insel; da, wo es baumbedeckte Inseln gibt, schlafen sie stets auf solchen.

Über ihre Fortpflanzung habe ich eigene Beobachtungen nicht sammeln können. In Südeuropa wählen sie Sümpfe und Seen zu ihren Brutansiedelungen. »An solchen, nur mit den unglaublichsten Schwierigkeiten zu erreichenden Orten«, sagt Graf von der Mühle, »wo schwimmende Inseln sich befinden, stehen auf diesen, dicht aneinander gedrängt, die grob aus Rohr und Schilf zusammengetretenen, meist nassen oder feuchten Nester. Die ganze Umgegend ist mit ihrem dünnflüssigen, weißen Unrate bedeckt, und die Ausdünstung desselben sowie einer Menge faulender Fische, die beim Füttern verloren gingen, verbreiten in dieser heißen Jahreszeit einen ekelerregenden, unerträglichen, verpestenden Gestank. Sonderbar, daß sie nicht zu gleicher Zeit brüten; denn man findet auf den Eiern sitzende Weibchen neben flüggen Jungen.« Das Gelege soll aus drei bis fünf verhältnismäßig kleinen, mehr oder weniger langgestreckten, nach beiden Enden gleich verdünnten, etwa neun Zentimeter langen, sechs Zentimeter dicken, bläulichweißen, aber immer mit einer dick aufliegenden Kalkkruste bedeckten Eiern bestehen. Die Jungen, die nach achtunddreißigtägiger Brutzeit dem Ei entschlüpfen, kommen in einem grauen Daunenkleide zur Welt, haben ein höchst einfältiges Aussehen, lassen beständig heisere und »schirpende« Laute vernehmen und sind überhaupt höchst widerliche Geschöpfe. Ihre Eltern, die sie gemeinschaftlich erbrüteten, lieben sie sehr und vergessen im Neste alle ihnen sonst eigene Scheu.

Wenn man sich auf ihren Schlaf- und Ruheplätzen anstellt, hält es nicht schwer, so viele Pelikane zu erlegen, als man will; denn sie sind so hinfällig, daß schon ein Schuß mit schwachem Schrote sie tötet. Wenn sie auf dem Wasser schwimmen, lassen sie den Jäger selten so nahe an sich herankommen, daß dieser mit Erfolg einen Schrotschuß auf sie abgeben kann, falls er nicht ein geübter Büchsenschütze ist. Wiederholte Verfolgung macht sie außerordentlich scheu; doch mögen sie auch dann von dem einmal gewählten Schlafplatze nicht lassen. Die Araber fangen sie, um sie zu essen, obgleich dies nach den mohammedanischen Gesetzen eigentlich verboten ist. Denn als man die Kaaba in Mekka baute, und das Wasser weit herbeigeholt werden mußte, gebrach es bald an den nötigen Trägern. Die Bauleute klagten, daß sie ihre Hände müßig ruhen lassen mußten; aber Allah wollte nicht, daß der heilige Bau verhindert werde, und sandte Tausende von Pelikanen, die ihren Kehlsack mit Wasser füllten und dieses den Bauleuten brachten.


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