Brehms Tierleben. Vögel. Band 14: Raubvögel I

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Weihen. Bussarde. Geierfalken

Die Weihen ( Milvidae) bilden eine artenreiche Familie, die in allen Erdteilen vertreten ist und sich durch Mannigfaltigkeit der Gestalt auszeichnet. Es hält schwer, für die Gesamtheit allgemein gültige Kennzeichen aufzustellen, weil im Leibesbau erhebliche Unterschiede bemerklich werden; doch finden sich so viele Übergangsglieder zwischen den verschiedenen Arten, daß deren Zusammengehörigkeit kaum in Frage gestellt werden darf. Die Weihen sind meist gestreckt gebaut. Das Gefieder, fast immer reich, zeichnet sich durch Weiche aus, umgibt besonders dicht den Kopf und bildet hier ausnahmsweise sogar einen Schleier, wie ihn sonst nur die Eulen zeigen. Alle Weihen sind vortreffliche Flieger, unterscheiden sich fliegend aber von andern Raubvögeln sehr wesentlich. Ihr Flug ist selten rasch und niemals stürmend wie bei den Edelfalken, auch kaum durch jähe Wendungen ausgezeichnet, gewöhnlich vielmehr ein ruhiges, gleichmäßiges Schweben ohne Flügelschlag, das bei einigen Arten zu einem Schaukeln wird. Die Flügelspitzen werden dabei über den Körper erhoben, und das Bild des fliegenden Vogels erhält dadurch etwas sehr Eigentümliches. Unter den Sinnen steht ausnahmslos das Auge obenan; diejenigen, die den Schleier tragen, zeichnen sich auch durch ihr vortreffliches Gehör aus. Die Weihen sind durchgehends listig, neugierig und scheu, aber nicht vorsichtig, raubgierig, aber nicht mutig, eher feig, jedoch dreist, frech und zudringlich; einzelne von ihnen lassen gern andere Raubvögel für sich arbeiten, indem sie ihnen die erfaßte Beute abjagen, sind also mehr Diebe als Räuber. Unstet und ruhelos sind sie alle. Man sieht einzelne langsamen Fluges über Steppen, Feldern, Wiesen, Sümpfen und Gewässern dahinstreichen, scharf nach unten spähen, plötzlich etwas aufnehmen und ihren Weg weiter fortsetzen oder gewahrt andere in hoher Luft dahinziehend und wunderbare Flugkünste offenbarend, bis auch ihrem Auge die Tiefe Nutzbares bietet. Dann lassen sie sich langsam hernieder und nehmen das Gefundene mit raschem Griffe weg; auf längere Verfolgung lassen sie sich nicht ein. Die Beute der Gesamtheit besteht in kleinen Säugetieren, unbehilflichen Vögeln, in Kriechtieren, Lurchen, Fischen und in Kerbtieren, endlich auch in Aas, doch wird dieses nur von unedleren Arten angerührt. Einige schaden mehr, als sie nützen; die Mehrzahl macht sich, vom menschlichen Standpunkte aus betrachtet, verdient.

Ganz Afrika, vom sechzehnten Grade nördlicher Breite an bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung, bewohnt einer der merkwürdigsten Raubvögel überhaupt, dem wir hier die erste Stelle geben wollen, weil er auch in Gestalt und Wesen noch vielfach an den Adler erinnert. Levaillant hat diesem Vogel den bezeichnenden Namen Gaukler gegeben, Smith ihn mit Recht zum Vertreter einer besonderen Sippe ( Helotarsus) erhoben, die wir die der Schlangenweihen nennen dürfen. Färbung und Zeichnung des Gauklers ( Helotarsus ecaudatus) sind ebenso auffallend wie seine Gestalt. Ein schönes Mattschwarz, Kopf, Hals, Hinterrücken und die ganze Unterseite einnehmend, sticht lebhaft ab von dem hellkastanienbraunen Mantel, dem ebenso gefärbten Schwanze, dem etwas lichteren Unterrücken sowie einer breiten Flügelbinde, die durch die, im Gegensatze zu den tiefschwarzen ersten Handschwingen, graulichbraunen, auf der Innenfahne weißen, mit breitem, schwarzem Endrande verzierten letzten vier Hand- und die sämtlichen Handschwingen gebildet wird. Das Auge ist schön braun, goldig glänzend, der Schnabel rotgelb an der Wurzel, hornblau an der Spitze, der Fuß korallroth. Die Länge des Weibchens beträgt achtundfünfzig, die Breite einhundertdreiundachtzig, die Fittichlänge achtundfünfzig, die Schwanzlänge nur dreizehn Zentimeter; das Männchen ist kleiner.

Der Gaukler liebt Gebirge, ohne sich jedoch an sie zu binden; ich glaube sogar behaupten zu dürfen, daß er in der eigentlichen Steppe häufiger ist als in bergigen Gegenden. Man sieht ihn sehr oft, ist jedoch selten imstande, mit ihm genauer bekanntzuwerden. Gewöhnlich zeigt er sich fliegend. Er streicht in hoher Luft dahin, stets außer Schußweite, und sucht von oben aus weite Strecken ab. Heuglin erfuhr, daß er schon mit Tagesanbruch die höheren Bäume, auf denen er die Nacht zubrachte, verläßt, und von nun an, anhaltend fliegend, sein Gebiet durchkreist; ich habe ihn so früh nicht in Bewegung gesehen und nur ausnahmsweise kreisend beobachtet, vielmehr fast stets gefunden, daß er in gerader Richtung seines Weges zieht, ohne sich aufzuhalten, es sei denn, daß er eines seiner Flugspiele ausführen wolle oder eine Beute entdeckt habe. In den letzten Vormittagsstunden erscheint er regelmäßig am Wasser, verweilt hier einige Zeit und fliegt dann einem benachbarten Baume zu, um hier stundenlang zu ruhen. Gegen Abend tritt er einen neuen Jagdzug an, und erst bei einbrechender Dunkelheit begibt er sich zur Ruhe. Nach meinen Erfahrungen zeigt er sich regelmäßig einzeln. Das Paar scheint ein sehr ausgedehntes Gebiet zu bewohnen und außer der Brutzeit sich nur selten zu vereinigen, vielmehr einzeln seine Wege zu wandeln.

Auch der ungeübteste Beobachter wird den Gaukler erkennen müssen. Seine Erscheinung ist so auffallend, daß sie überall zu Sagen Veranlassung gegeben hat. Vor allem ist es der Flug, der in seiner Art so wunderbar ist wie von keinem Vogel weiter. Nicht umsonst gab Levaillant unserm Raubvogel den Namen Gaukler; denn wie ein solcher bewegt sich dieser Weih in der Luft: er schwimmt, tummelt, spielt, fliegt, als sei es nur, um seines Herzens Lust Genüge zu leisten, nicht aber, um Nahrung zu suchen. Schon Levaillant erwähnt, daß er bisweilen plötzlich eine Strecke herabfällt und die Flügel so heftig zusammenschlägt, daß man glaubt, er habe einen von ihnen gebrochen und müsse auf die Erde fallen; ich habe ihn förmlich Luftsprünge ausführen sehen. Eigentlich beschreiben läßt sich der Flug des Gauklers nicht; er ist einzig in seiner Art. Die Flügel werden oft hoch über den Körper erhoben, viele Minuten lang nicht bewegt und dann wieder so heftig geschlagen, daß man ein eigentümliches, auf weithin hörbares Geräusch vernimmt. Nur während des Fluges zeigt der Vogel seine volle Schönheit; im Sitzen erscheint er mehr auffallend als anziehend. Namentlich wenn er aufgebäumt hat, sieht er sonderbar aus. Er bläst sich manchmal zu einem wahren Federklumpen auf, sträubt Kopf- und Halsfedern und dreht und wendet den Kopf dabei bald nach oben, bald nach unten, ganz wie ein Uhu. Wenn er etwas Auffallendes bemerkt, nimmt er besondere Stellungen an; er breitet dann auch die Flügel aus und begleitet dies durch noch heftigere Kopfbewegungen als sonst.

Unter seinen Sinnen steht das Gesicht unzweifelhaft obenan, wie schon das große Auge hinlänglich beweist; aber auch das Gehör ist wohl entwickelt und das Gefühl nicht verkümmert. Eigentlich mutig kann man den Gaukler nicht nennen, obwohl er Kämpfe der gefährlichsten Art besteht; er scheint vielmehr ziemlich feig und gutmütig zu sein. Im Freileben zeigt er sich außerordentlich scheu und meidet jede auffallende Erscheinung. In der Gefangenschaft hingegen wird er bald und in hohem Grade so zahm, daß er förmlich mit sich spielen läßt, wie man mit einem Papagei spielt. Alle Raubvögel leiden ungern, wenn man sie streichelt; der Gaukler scheint ein besonderes Wohlgefallen zu bekunden, wenn man ihn zwischen den Federn seines Halses kraut oder ihn streichelt. Doch muß ich bemerken, daß er sich dies nicht von jedermann, sondern nur von seinen genauesten Bekannten gefallen läßt. Andern Vögeln gegenüber zeigt er sich höchst verträglich, denkt mindestens niemals daran, irgendeinem der größeren, die man zu ihm bringt, etwas zuleide zu tun. Überhaupt ist er, wenn er sitzt, ebenso still und ruhig, als lebhaft, wenn er fliegt. Von gefangenen Gauklern vernimmt man nur höchst selten einen Laut, gewöhnlich ein leises »Qua, qua«, seltener ein lauteres »Kack kack« oder ein gellendes »Kau«; im Fluge hingegen stößt er gar nicht selten ein bussardartig schallendes »Hihihi« oder »Hiahia« aus.

Seine Beute besteht in Kriechtieren der verschiedensten Art, namentlich aber in Schlangen und Eidechsen; erstere sieht man ihn oft durch die Lüfte tragen. Ohne vorher zu kreisen oder nach Art eines Bussards oder Turmfalken zu rütteln, hält er plötzlich in seinem scharfen Zuge an, und wie ein fallender Stein stürzt er sich mit brausendem Geräusche auf die erspähte Schlange hernieder. Er raubt kleine ebensowohl als große, giftzähnige nicht minder als giftlose. Wie alle übrigen schlangenvertilgenden Raubvögel Mittelafrikas eilt unser Vogel von weitem herbei, wenn das Gras der Steppe angezündet wird, jagt beständig längs der Feuerlinie auf und nieder und streicht oft durch die dichtesten Rauchwolken hindurch, hart über den Flammen dahin, um eines der Kriechtiere aufzunehmen, die das Feuer in Bewegung setzte. Daß er auch kleine Säugetiere, Vögel und selbst Heuschrecken erjagt, hat Heuglin durch Untersuchung des Magens festgestellt; daß er auch aus das Aas fällt, unterliegt keinem Zweifel; Kirk erhielt einen, der das von einer Hyäne ausgebrochene vergiftete Fleisch gefressen und davon betäubt worden war.

Levaillant sagt, daß der Gaukler auf hohen Mauern horste und drei bis vier weiße Eier lege; Speke dagegen behauptet, daß der Horst nur ein Ei enthalte. Die Wahrheit scheint in der Mitte zu liegen; denn Heuglin erhielt zwei flügge Junge aus einem Horste. Die Brutzeit fällt mit dem Beginne der Dürre zusammen, weil diese dem Vogel leichtere Jagd gewährt als der Frühling, der unter der üppigen Grasdecke die Kriechtiere verbirgt.

In neuerer Zeit sind öfters lebende Gaukler nach Europa gebracht worden, und gegenwärtig fehlen sie in keinem der größeren Tiergärten. Doch gehören sie noch immer zu den gesuchtesten Vögeln, und namentlich die ausgefärbten werden gut bezahlt. In der Tat fesselt kaum ein anderer Raubvogel den Beschauer so wie der farbenprächtige und außerdem noch durch sein Betragen so auffallende Gaukler. Seine Haltung verursacht kaum Schwierigkeiten. Er ist gewohnt, erhebliche Wärmeunterschiede mit Gleichmut zu ertragen und kann deshalb in milden Wintern im Freien gehalten werden, läßt sich auch leicht an das gewöhnliche Futter der Raubvögel, rohes Fleisch, gewöhnen und ist überhaupt höchst bescheiden in seinen Ansprüchen. Ich muß ihn nach meinen Erfahrungen für einen der liebenswürdigsten Käfigvögel erklären, den die Ordnung überhaupt uns liefern kann.

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Die Gleitaare ( Elanus) sind über alle Erdteile, mit Ausnahme Europas, verbreitet, aber auch hier nicht fremd, weil eine Art von ihnen schon wiederholt sogar in Deutschland vorgekommen ist. Die wenigen Arten, die man unterschieden hat, ähneln sich außerordentlich. Der Gleitaar ( Elanus melanopterus) ist auf der Oberseite schön aschgraublau, auf der Stirne und der Unterseite weiß, auf Flügeldecken und Schultern schwarz. Ein schwarzer Fleck steht vor dem Auge und zieht sich als schmaler Strich über demselben bis zur Schläfe fort. Das Auge ist prachtvoll hochrot, der Schnabel schwarz, die Wachshaut wie der Fuß orangegelb. Bei dem Männchen beträgt die Länge fünfunddreißig, die Breite achtundsiebzig, die Fittichlänge dreißig, die Schwanzlänge vierzehn Zentimeter. Das Weibchen ist etwas größer. Schon in Syrien tritt der Gleitaar nicht selten auf, in Ägypten ist er gemein. Von hier aus verbreitet er sich über ganz Afrika und über Südasien, verfliegt sich auch nicht allzuselten nach Europa, woselbst er nicht allein in Spanien, Süditalien, Griechenland und Dalmatien, sondern auch wiederholt in Frankreich, mehrere Male in Deutschland, in Flandern und in Großbritannien erlegt worden ist. In seinem eigentlichen Wohngebiete liebt er Gegenden, in denen Wald und Feld abwechseln, meidet also die großen ausgedehnten Waldungen. Er lebt immer paarweise und vereinigt sich nicht mit andern seiner Art, es sei denn, daß er Junge habe, die des Unterrichts noch bedürftig sind. Aber ein Paar wohnt dicht neben dem andern, und so kann es kommen, daß man zu gleicher Zeit vier bis sechs von ihnen in der Luft schweben sieht.

In seiner Lebensweise hat der Gleitaar manches mit den Bussarden, manches aber auch wieder mit den Weihen und Eulen gemein. Er ist am frühen Morgen und in den Abendstunden besonders tätig, auch in der Dämmerung, wenn andere Tagraubvögel bereits ihre Schlafstätten aufgesucht haben, noch rege. Zu verkennen ist er nicht, mag er nun fliegend sich bewegen oder auf einer seiner beliebten Warten sitzen. Im Fluge unterscheidet er sich von den meisten Raubvögeln dadurch, daß er seine Flügel hoch hält, das heißt die Schwingenspitzen bedeutend höher trägt als den Leib; im Sitzen erkennt man ihn an seiner blendenden Färbung, die im Strahle der südlichen Sonne auf weithin schimmert. In Ägypten pflegt er auf den Hebestangen der Schöpfeimer, mit deren Hilfe die Bauern ihre Felder bewässern, zu ruhen und heißt deshalb geradezu »Schöpfeimerfalk«. In Nubien wählt er sich einen günstig gelegenen Baum zu seiner Warte und hält von hier aus Umschau. Erblickt er eine Beute oder treibt ihn der Hunger, so streicht er ab und gleitet nun fast ohne Flügelschlag in mäßiger Höhe über den Boden dahin, hält sich, wenn er auf demselben ein Mäuschen laufen oder eine Heuschrecke sich bewegen sieht, rüttelnd eine Zeitlang auf einer und derselben Stelle fest, legt plötzlich die Flügel an, stürzt herab und trägt im günstigen Falle die gefangene Beute seiner Warte zu, um sie dort zu verspeisen. Heuschrecken verzehrt er oft auch noch im Fluge, die Mäuse immer auf Bäumen. Ein großes Feld genügt seinen Bedürfnissen, denn auch er ist sehr anspruchslos. Seine Haupt-, ja fast seine ausschließliche Nahrung besteht in Mäusen; Heuschrecken verzehrt er nur nebenbei. Junge Nestvögel verschmäht er natürlich auch nicht, und Wüsteneidechsen nimmt er, laut Heuglin, ebenfalls auf, vergreift sich sogar an Fledermäusen, die sonst nur noch von einzelnen Eulen erjagt werden.

Der Gleitaar ist ein ebenso anmutiges wie liebenswürdiges Tier. In Ägypten vertraut er den Menschen, weil er ihnen hier wirklich vertrauen darf. Er schwebt ungescheut zwischen den arbeitenden Bauern auf und nieder und legt seinen Horst ohne Sorge auf Orangenbäumen an, die der Gärtner allwöchentlich besucht, um die Früchte abzunehmen. Doch wird er auch vorsichtig, wenn er den mordlustigen Europäer kennengelernt hat, und scheut sich dann wohl, in Schußnähe zu kommen. Gegen sein Weibchen benimmt er sich sehr zärtlich; um harmlose Vögel bekümmert er sich nicht, starke Raubvögel hingegen verfolgt er eifrig und unter viel Geschrei. Seine Stimme hat Ähnlichkeit mit der unseres Baumfalken; die einzelnen Töne sind aber länger gezogen, fast pfeifend und auf weithin vernehmbar.

Die Brutzeit fällt in Ägypten in unsere Frühlingsmonate, im Sudan in den Anfang der Regenzeit. Die Eier sind auf grauweißem Grunde höchst unregelmäßig kirschbraun gefleckt und gestrichelt, so daß das Weiß kaum durchschimmert. Ihre Länge beträgt vierzig, ihr Durchmesser an der dicksten Stelle einunddreißig Millimeter. Alle Horste, die ich bestieg, standen auf niedrigen, dichtwipfeligen Bäumen, höchstens sechs Meter über dem Boden, waren flach, aus feinem Reisig erbaut und innen mit Würzelchen und Grashalmen ausgefüttert, wenn sie Junge enthielten, mit Mäusegewölle und Mäusehaaren bedeckt, ja förmlich ausgepolstert.

Jung aus dem Nest genommen, werden die Gleitaare ebenso zahm wie unser Turm- oder Baumfalk, aber auch alt eingefangene und selbst solche, die verwundet in die Gewalt des Menschen kamen, zeigen sich bald zutraulich, bedienen sich dem Gebieter gegenüber ihrer scharfen Waffen nicht, und öffnen nur zuweilen drohend den Schnabel, ohne jedoch zu beißen. Das Futter nehmen sie schon nach wenigen Tagen ihrem Wärter aus der Hand. Im Zimmer gewöhnen sie sich rasch ein, scheinen sich überhaupt wenig nach ihrer Freiheit zu sehnen. Mit andern Vögeln vertragen sie sich aber nicht. Die Haltung gefangener Gleitaare fordert übrigens einige Vorsicht. Wenn man ausschließlich mit rohem Fleisch füttert, gehen sie bald zugrunde; sie bedürfen, wie die Eulen, einer Nahrung, die ihnen gestattet, Gewölle zu bilden.

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Ein in jeder Hinsicht auffallender und bei aller Einfachheit der Zeichnung prachtvoller Raubvogel Süd- und Mittelamerikas, der sich jedoch schon wiederholt nach Europa verflogen und deshalb auch unter den Vögeln dieses Erdteiles aufgezählt wird, ist der Schwalbenweih ( Nauclerus forficatus), Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Nauclerus). Sein Flügel ist schwalbenartig gebaut, sehr lang und sanft zugespitzt, in ihm die zweite oder dritte Schwinge die längste, der Schwanz außerordentlich entwickelt und so tief gegabelt, daß die äußersten Federn mehr als noch einmal so lang sind als die mittelsten. Das ganze Gefieder ist mit Ausnahme des Mantels, der Flügel und des Schwanzes weiß; letztere Teile sind schwarz, metallischgrün glänzend, die Armschwingen an der Innenfahne bis gegen die Spitze hin rein weiß, die letzten Schwingen nur an der Spitze schwarz. Das Männchen ist etwas kleiner als das Weibchen. Die Länge beträgt sechzig, die Breite einhundertunddreißig, die Fittichlänge vierzig bis fünfundvierzig, die Schwanzlänge, an der äußersten Feder gemessen, dreißig Zentimeter.

In ganz Südamerika, von Südbrasilien an bis zu den südlichen Vereinigten Staaten, ist der Schwalbenweih ein an vielen Orten vorkommender und stellenweise häufiger Vogel. Die Vereinigten Staaten und Texas bewohnt er nur während der Sommermonate. Er erscheint, laut Audubon, in Louisiana und Mississippi, wo er gemein ist, zu Anfang des April in großen Scharen und verläßt das Land wieder im September. Einzelne schweifen über die Grenzen ihres Verbreitungskreises hinaus und zeigen sich in Pennsylvanien, Neuyork und andern nördlichen Staaten, sind aber ebensogut als verflogene anzusehen, wie diejenigen, die in Europa erlegt wurden. Eigentlich seßhaft sind sie nur im Süden Nordamerikas.

Höchst selten sieht man den Schwalbenweih einzeln oder paarweise, gewöhnlich in zahlreichen Trupps, in hoher Luft schwebend oder teilweise aufgebäumt. Solche Flüge zählen zwanzig bis zweihundert Stück. »Der Flug des Schwalbenweihes«, sagt Audubon, »ist überraschend schön und sehr anhaltend. Der Vogel bewegt sich durch die Luft mit solcher Leichtigkeit und Zierlichkeit, daß jeder, der auch nur einigermaßen Vergnügen an Beobachtung der Vögel hat, von dem Schauspiel entzückt sein muß. Dahingleitend, steigt der Weih in großen Kreisen zu unschätzbarer Höhe auf, nur mit dem tiefgegabelten Schwanz die Richtung des Fluges bestimmend, stößt plötzlich hernieder mit der Schnelligkeit des Blitzes, erhebt sich von neuem, segelt Weg und ist bald außer Sicht. Ein anderes Mal sieht man einen Schwarm rund um einen Baum oder zwischen den Zweigen hindurch jagen, den Stamm fast berührend, um Kerfe oder kleine Eidechsen zu ergreifen. Die Bewegungen sind bewunderungswürdig schnell und mannigfaltig. Die tiefen Bogen, die plötzlichen Kreise und Querzüge und die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Vögel die Luft zerschneiden, muß jeden Beobachter entzücken.«

Die Nahrung des Schwalbenweihs besteht vorzugsweise, zeitweilig ausschließlich in Kerbtieren. Er jagt ganz in der Weise, wie Schwalben bei ihrer Jagd zu Werke gehen, nur mit dem Unterschied, daß der Schwalbenweih seine Beute nicht mit dem Schnabel, sondern mit dem Fuße ergreift. »Bei unserer Reise durch die Berge« erzählt Owen, »sahen wir einen großen Schwarm von Schwalbenweihen niedrig über unserm Weg durch die Luft gleiten. Manche von ihnen schwebten kaum vier Meter über dem Boden weg. Der ganze Haufen hielt sich eng zusammen und erinnerte an unsern Turmsegler. Die Vögel flogen nicht schnell, aber kräftig und stetig, ohne jegliche sichtbare Bewegung der Flügel. Einige zogen vier oder fünf Meter an uns vorüber und gaben uns dabei die beste Gelegenheit, ihre Bewegungen genau zu beobachten. Dann und wann wurde ein Haupt langsam und anmutig gedreht oder niedergebogen, dann zugleich der Fuß, der sich vorher zusammenkrampft und einen Gegenstand gefaßt hatte, vorgeschoben, so daß er den bisher geschlossenen Schnabel berührte. In dieser Stellung verblieb der Weih aber nur einen Augenblick. Der Schnabel wurde geöffnet, die Beute verschluckt und das Haupt wieder erhoben. Diese Bewegung wiederholte die ganze Gesellschaft. Die Ursache wurde uns bald klar: die Schwalbenweihen jagten auf eine prächtig gefärbte Bienenart.«

»Der Schwalbenweih«, schließt Audubon, »paart sich sofort nach seiner Ankunft in den südlichen Staaten. Seine Brautwerbung geschieht im Fluge, und seine Bewegungen sind dann schöner als je. Der Horst wird regelmäßig in den Wipfelästen der höchsten Eichen oder Fichten erbaut, am liebsten an dem Ufer eines Stromes oder Teiches. Er ähnelt dem der gewöhnlichen Krähe, besteht äußerlich aus trockenen Reisern, vermischt mit ?spanischem? Moos, und ist innerlich mit weichem Gras und einigen Federn ausgefüllt. Die vier bis sechs Eier des Geleges, deren Längsdurchmesser ungefähr fünfzig, und deren Querdurchmesser etwa vierzig Millimeter beträgt, sind auf grünlich- oder milchweißem Grund gegen das stärkere Ende hin mit wenigen unregelmäßigen Flecken von dunkel- oder rostbrauner Farbe gezeichnet. Männchen und Weibchen brüten abwechselnd, und einer der Gatten füttert dabei den andern. Die Jungen entschlüpfen dem Ei in einem Daunenkleid von gelblicher Farbe, erhalten sodann ihr Jugendkleid und ähneln bereits im Herbst vollständig den Alten, deren Kleid sie im nächsten Frühling tragen.«

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Die Milane ( Milvus) sind mittelgroße, schlank gebaute Raubvögel mit verhältnismäßig kleinem, jedoch ziemlich langhakigem, zahnlosen, weit gespaltetem Schnabel, kurzen, wenig befiederten Läufen und mäßig großen, mit schwach gekrümmten Krallen bewaffneten Fängen, verhältnismäßig sehr großen und langen Flügeln, langem, mehr oder minder gabelförmigem Schwanz und großem, lockerem, abstehendem Gefieder.

Wohl der ausgezeichnetste aller Milane ist der Königsweih, Rotmilan oder Gabelweih ( Milvus regalis), ein stattlicher Raubvogel von fünfundsechzig bis zweiundsiebzig Zentimeter Länge, einhundertundvierzig bis einhundertundfünfzig Zentimeter Breite, fünfzig Zentimeter Fittichlänge und, an den äußersten, längsten Federn gemessen, achtunddreißig Zentimeter Schwanzlänge. Von seinen europäischen Verwandten und allen andern Milanen überhaupt unterscheidet er sich durch seinen etwa zehn Zentimeter tief gegabelten Schwanz. Beim alten Männchen sind Kopf und Kehle weiß, alle Federn in der Mitte durch einen schmalen, schwarzbraunen Schaftstrich gezeichnet, die Kopffedern hell rostfarben überhaucht, Hinterhals, Nacken und Vorderbrust rostrot, die Rücken- und Schulterfedern in der Mitte schwarzbraun, rostrot eingefaßt, Bauch, Brust und Hosen schön rostrot, durch mäßig breite, schwarze Schaftstriche geziert, die Handschwingen schwarz, an der Wurzel weiß, die mittleren schwarz, rostbraun überlaufen und mit dunklen, schmalen Querbinden geschmückt, die kleinen Unterflügeldeckfedern rostrot und schwarz gefleckt, die großen schwarz, rostrot umsäumt, die mittleren Schwanzfedern rostrot, die äußeren schwärzlich, gegen die Spitze hin braun überlaufen, an dieser schmal schmutzigweiß gesäumt, Schwingen und Steuerfedern unterseits weiß, schmal schwärzlich quergebändert. Beim Weibchen ist der Kopf dunkler, der Rücken einfarbiger braun, die Rostfarbe im ganzen lichter, die schwarze Fleckenzeichnung und die weiße Federbesäumung schmäler, letztere auch schmutziger als beim Männchen. Das Auge hat silberfarbene, in hohem Alter blaßgelbe Iris, der Schnabel ist an der Wurzel gelb, bei mittelalten Vögeln bläulich, an der Spitze immer schwarz, die Wachshaut gelb wie der Fuß. Beim jungen Vogel sind alle Farben lichter und trüber als beschrieben, die Schaftstriche minder deutlich ausgedrückt, die Federn meist mit breiten, gelben Kanten umsäumt, der Augenstern braun, der Schnabel schwarz, die Wachshaut wie der Fuß blaßgelb.

Ebene Gegenden Europas von Südschweden an bis Spanien und von hier bis Sibirien sind die Heimat des unedlen Raubvogels, den Schiller als »König der Lüfte« bezeichnet hat. Innerhalb dieses für einen Milan ausgedehnten Verbreitungsgebietes findet sich der Königsweih keineswegs überall, sondern nur hier und da. Im südlichen Skandinavien ist er häufiger, in Dänemark über alle Inseln verbreitet, in Holland und Belgien höchstens auf dem Zuge anzutreffen, in Frankreich, Portugal und Spanien, ebenso in Süd- und Mittelitalien an passenden Orten ständiger Ansiedler, in den Donautiefländern überall vorkommender, im ebenen Polen regelmäßiger, in Südrußland gelegentlich auftretender Brutvogel. In Deutschland horstet er im ebenen Thüringen, in der Mark, in Sachsen, Braunschweig, Hannover, Rheinpreußen, Mecklenburg, Pommern, Posen, West- und Ostpreußen geeigneten Ortes wohl überall, wogegen er in Westfalen und Oberschlesien strichweise gänzlich zu fehlen scheint, in Bayern nur die weiten Ebenen bewohnt und im Südwesten Deutschlands durch seinen Verwandten vertreten wird. Gebirgige Gegenden unsers Vaterlandes berührt er nur während seines Zuges. Er erscheint regelmäßig zu Anfang des März und verweilt im Lande bis zu den ersten Tagen des Oktober, bleibt auch wohl in gelinden Wintern einzeln in der Heimat. Auf seinen Zügen vereinigt er sich oft zu zahlreichen Flügen von fünfzig bis zu zweihundert Stück, und solche Reisegesellschaften scheinen während des ganzen Winters zusammenzuhalten. Bei Toledo beobachteten wir mitten im Winter einen Flug, der mindestens achtzig Stück zählte, in inniger Verbindung, bei Tage gemeinschaftlich jagend, nachts ein kleines Wäldchen am Ufer des Tajo zum Schlafplatz erwählend, wogegen zur Sommerszeit in derselben Gegend der Königsweih höchstens paarweise getroffen wird. Seine Wanderung führt ihn durch Nordwestafrika, bis zu den Inseln des Grünen Vorgebirges. Die Straße von Gibraltar kreuzt er jährlich zweimal in größerer Anzahl.

Der Königsweih ist nichts weniger als ein königlicher Vogel, weil träge, ziemlich schwerfällig und widerlich feig. Sein Flug ist langsam, aber ungemein anhaltend und sanft schwimmend, wird zuweilen viertelstundenlang durch keinen Flügelschlag unterbrochen und dann nur durch den breiten Schwanz geregelt, hebt den Vogel, scheinbar ohne jegliche Anstrengung, zu ungemessenen, dem menschlichen Auge kaum noch erreichbaren Höhen empor und trägt ihn ein andermal durch weite Strecken, auch dicht über den Boden dahin. Der Gang ist schlecht, mehr ein Hüpfen als ein Schreiten, die Haltung des aufgebäumten Vogels dadurch bezeichnend, daß er den Hals soviel als möglich einzieht, weshalb der Kopf zwischen den Schultern zu sitzen scheint, und ebenso dadurch, daß er den Schwanz nicht immer gerade herabhängen läßt, sondern meistens ein wenig nach vorn biegt, wodurch die Gestalt, von der Seite gesehen, durch eigentümlich geknickte Umrißlinien ausfällt. Unter den Sinnen steht offenbar das Gesicht obenan, wie schon das schöne Auge, deutlicher aber das Benehmen des in unendlicher Höhe dahinziehenden Vogels beweist, wenn ihm irgendwelche Beute winkt oder eine größere Eule sich zeigt; nächstdem dürften Gehör und vielleicht noch Gefühl als entwickelt bezeichnet werden. Mehr als jeder andere richtet er sein Benehmen den Umständen entsprechend ein, unterscheidet den Jäger mit großer Sicherheit von dem Landmann, meidet Ortschaften, in denen er üble Erfahrungen gemacht hat, und wird in anderen zu einem ebenso dreisten und zudringlichen Bettler wie seine Verwandten. Seine Stimme ist wenig anmutig, langgezogen und lachend meckernd; die Silben »Hihihiää« geben sie ungefähr wieder. Zur Begattungszeit hört man ein eigentümliches Getriller.

Kleine Säugetiere und noch nicht flugfähige Vögel, Echsen, Schlangen, Frösche und Kröten, Heuschrecken, Käfer und Regenwürmer bilden die Nahrung des Königsweihes. In den Bauerngehöften raubt er junge Küchlein weg, dem Gänsehirten macht er Sorgen, den Jäger erbittert er wegen seiner Angriffe auf junge Hasen oder Rebhühner, dem Edelfalken treibt er durch schamloses Betteln die erworbene Beute ab. Aller dieser Sünden ungeachtet gehört er kaum zu den schädlichen Vögeln unseres Vaterlandes. Wenn eine Mäusepest die Felder heimsucht, stellt auch er sich ein, und nunmehr lebt er wochenlang herrlich und in Freuden. Rechnet man ihm die Vertilgung der Mäuse und verderblicher Kerbtiere gebührend an, so muß man zu dem Schlusse kommen, daß ihm ein junges Häschen oder Gänslein wenigstens nicht zu mißgönnen ist. Unter der Jägerei aber gilt es als unbestreitbare Tatsache, daß er der Wildbahn unendlichen Schaden zufügt, und jedermann fühlt sich deshalb berufen, ihn samt seiner Brut zu zerstören, wo dies immer möglich. In Wahrheit zählt er zu den harmlosesten aller unserer Raubvögel. Nur während der Fortpflanzungszeit wird er im Gehöfte wie in der Wildbahn wirklich schädlich.

Bald nach seiner Ankunft im Frühjahre schreitet der Königsweih zur Fortpflanzung. Falls irgend möglich, bezieht er wiederum den Brutplatz, den er im vorigen Jahre innehatte, nicht aber immer auch denselben Horst. Wenn er es haben kann, nimmt er mit einem alten Krähenneste oder Falkenhorste vorlieb; sonst führt er den Bau selbst aus. Nachdem das Paar längere Zeit in herrlichen Flugspielen über dem ausersehenen Walde sich vergnügt, entscheidet es sich endlich für einen bestimmten Baum und beginnt nun entweder in den Wipfelzweigen oder auf einem Seitenaste den etwa einen Meter im Durchmesser haltenden Horst zu errichten. Dieser unterscheidet sich in der Bauart nicht wesentlich von dem eines Bussards oder eines andern Raubvogels, wohl aber regelmäßig dadurch, daß der Königsweih die Nestmulde mit Lumpen und Papier verschiedener Art auszukleiden beliebt und nicht immer dazu die saubersten Lumpen oder Fetzen erwählt. Einzelne Paare des Königsweihes haben ganze Vogelscheuchen in ihren Horst geschleppt, andere der Wäscherin Vorhänge von den Trockenleinen gestohlen, um mit ihnen die Nestmulde auszupolstern. Die zwei bis drei, in sehr seltenen Fällen auch wohl vier Eier ähneln denen des Mäusebussards in hohem Grade, sind jedoch in der Regel etwas größer. Ihr Längsdurchmesser beträgt neunundfünfzig bis zweiundsechzig, ihr Querdurchmesser fünfundvierzig bis siebenundvierzig Millimeter. Ihre Schale ist feinkörnig, jedoch glanzlos, die Grundfärbung ein schwach ins Grünliche spielendes Weiß, die Zeichnung aus bunten Spitzenflecken und grobem Gekritzel von dunkel rotbrauner Färbung hergestellt. Wie es scheint, brütet nur das Weibchen; wenigstens sieht man, so lange es sitzt, das Männchen eifrig beschäftigt, die Gattin mit der nötigen Nahrung zu versorgen. Nach einer Brutzeit von etwa vier Wochen entschlüpfen die Jungen, und nun wetteifern beide Eltern, ihnen Nahrung in Hülle, und Fülle herbeizuschleppen. Ihre Gefräßigkeit steht der anderer Raubvögel vollkommen gleich, spornt die Alten zu fast ununterbrochener Jagd an und wird Ursache zu den meisten Übergriffen, die sie sich gestatten. Solange das Weibchen brütet, sitzt es sehr fest auf den Eiern und fliegt erst nach wiederholtem Klopfen vom Horste ab; wenn jedoch die Jungen erst einigermaßen groß geworden sind und der elterlichen Hilfe nicht dringend bedürfen, setzen sich die Alten nicht mehr so rücksichtslos der Gefahr aus, entfliehen vielmehr bei Ankunft eines Menschen rechtzeitig, lassen sich auch durch die hungrigen, schreienden Jungen nicht in den Bereich eines Gewehres locken und versuchen höchstens aus sicherer Höhe herab Nahrung auf den Horst zu werfen.

Unter geeigneter Pflege wird der Königsweih in der Gefangenschaft bald zahm. Ist er beim Einfangen bereits erwachsen, so pflegt er sich, wie Stölker erfuhr, angesichts des Menschen in höchst absonderlicher Weise zu gebaren, indem er sich tot stellt, sich platt auf den Boden legt und sich regungslos verhält, sich wohl auch von einer Sitzstange herabfallen und Flügel und Schwanz schlaff hängen läßt, selbst den Schnabel öffnet und die Zunge hervorstreckt, gestattet, ohne ein Lebenszeichen zu geben, daß man ihn an einem Fange aufhebt, und, wenn man ihn wieder auf den Boden bringt, genau ebenso liegen bleibt, wie man ihn hinlegte. Solch heuchlerisches Spiel treibt er geraume Zeit, verstellt sich aber bald immer seltener, spielt nicht mehr den vollständig, höchstens den Halbtoten, sieht endlich ein, daß alle Täuschung nichts fruchtet, gibt fernere Versuche auf, vertraut mehr und mehr und betätigt endlich größte Hingebung an den fütternden Gebieter. Von mir gepflegte Vögel dieser Art verfehlten nie, mich zu begrüßen, so bald ich mich von weitem sehen ließ, gleichviel, ob ich ihnen Futter brachte oder nicht, unterschieden mich auf das bestimmteste von anderen Leuten und erkannten mich in jeder Entfernung, selbst im dichtesten Menschenstrome. Genügsam sind die Königsweihen in hohem Grade, mit ihresgleichen und mit anderen Tieren höchst verträglich, daher wohl als liebenswürdige Raubvögel zu bezeichnen.

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In manchen Gegenden unseres Vaterlandes vertritt den Königsweih, an anderen Orten gesellt sich ihm der Milan ( Milvus migrans). Er ist merklich kleiner als der Königsweih. Seine Länge beträgt fünfundfünfzig bis achtundfünfzig, die Breite einhundertsechsundreißig bis einhundertfünfundvierzig, die Fittichlänge vierundvierzig bis siebenundvierzig, die Schwanzlänge sechsundzwanzig bis neunundzwanzig Zentimeter. Erstere Maße gelten für das Männchen, letztere für das Weibchen. Das Gefieder ist in allen Teilen erheblich dunkler als das des Königsweihes, der Name »schwarzer Milan« im Vergleiche zu »roter Milan« daher nicht gänzlich ungerechtfertigt. Kopf, Nacken, Kinn, Ober- und Unterkehle sind auf weißgrauem Grunde durch schmale, ungleich breite, schwarzbraune Striche längsgezeichnet, die Mantelfedern dunkel erdbraun, lichter gerändert, die der Kropfgegend fahl erdbraun, mit ziemlich breiten, aus beiden Seiten grauweiß gesäumten Schaftstrichen geziert, die der Brust rötlichgrau, die des Bauches und die unteren Schwanzdecken mehr oder weniger rein rostbraun, leicht graulich überflogen und schmal schwarz längsgestrichelt, die Schwingen schwarzbraun mit Kupferglanz, die Oberflügeldecken licht erdgrau, heller gesäumt, die Steuerfedern dunkel erdbraun, mit acht bis zwölf verloschenen, aber regelmäßigen Binden und einem licht fahlgrauen Saum an der Spitze des Schwanzes ausgestattet. Der Augenring ist braungrau, der Schnabel hornschwarz, die Wachshaut gelb, der Fuß orangegelb.

Das Verbreitungsgebiet des Milan ist wie das aller seiner Verwandten ziemlich beschränkt. In Mitteldeutschland gehört er zu den seltenen Vögeln; in der Mark, namentlich in der Nähe der Havelseen, in Pommern, Mecklenburg, am Oberrheine und in der unteren Maingegend, zumal in Rheinhessen und Baden, ist er häufiger, in Niederösterreich, Ungarn, den Donautiefländern, einem großen Teile von Rußland und ebenso in Italien und Spanien ein regelmäßig vorkommender, an geeigneten Stellen gemeiner, sogar gesellschaftlich horstender Brutvogel. Bei uns zulande Sommergast, der im März eintrifft und die Heimat im Oktober wieder verläßt, überwintert er bereits im südlichen Europa; der eine oder der andere seines Geschlechtes reist jedoch auch von hier ab, um in Afrika die rauhe und arme Jahreszeit zu verbringen.

Unmittelbar nach seiner Ankunft im Frühjahre begibt sich der Milan auf seinen vorjährigen Horstplatz und beginnt nunmehr sein Sommerleben. Ich danke dem Kronprinzen, Erzherzog Rudolf von Österreich, eine so vortreffliche und richtige Schilderung des letzteren, daß ich nichts besseres tun kann, als sie hier wiederzugeben und hier und da einzelne Beobachtungen anderer Forscher einzuschalten. »In Ungarn ist der schwarze Milan ein ziemlich gewöhnlicher Vogel; in Niederösterreich habe ich ihn immer nur in bestimmten Gegenden, hier aber regelmäßig, beobachtet. Seine eigentlichen Aufenthaltsorte sind Wälder, die an Flüssen, besonders großen Strömen, und in der Nähe von Sümpfen sich erstrecken. Die hohen Bäume sucht er übrigens nur deshalb auf, um auf ihnen zu horsten oder zu schlafen. Im Laufe des Tages zieht er fortwährend über und unter den Gebüschen und längs der Gewässer umher. Sein ganzes Sein und Wesen erfordert eine flache Gegend mit viel Wasser; daher sagen ihm unsere Donauauen besonders zu. Wer ihn kennt, wird ihn sich gewiß nicht im Hügel- oder Mittelgebirge denken können. Man findet ihn hier niemals, weder im Hoch- noch im Waldgebirge, noch auf Hochebenen; er meidet selbst jene Waldungen, die an ausgedehnte Wiesen und Felder stoßen. Die scharfe Abgrenzung seines Aufenthaltsortes geht so weit, daß er z. B. in den von dem Donaustrome durchflossenen Auen unter den vielen in diesen Gegenden lebenden Raubtieren das häufigst vorkommende ist, wogegen er eine Meile von hier, in den Vorhölzern des Wiener Waldes, niemals bemerkt wird.

Eigentlich läßt sich der Milan nur während der Paarungs- und Brutzeit leicht beobachten; außerdem verhindert sein flüchtiges, unstetes Leben, ihm zu nahen. Wenn man in die Auen an der Donau eindringt, wird man zuerst über dem niederen Gestrüppe am Rande der Felder einzelne streichende Milane gewahren, die entweder über die Auen hinaus oder in dieselben zurück auf Raub ausziehen. Je weiter man in die dichteren und höheren Bestände hineinwandert, desto mehr wird man unserem Vogel allenthalben begegnen. Besteigt man einen Kahn, um einen einsamen Stromarm zu befahren, so wird man um die hohen Bäume der kleineren, wirr verwachsenen Inseln die Männchen im Frühjahre kreisen sehen, während drinnen die Weibchen auf dem Horste sitzen. Von Zeit zu Zeit sieht man einen Milan nach dem anderen aus den Inseln über den Hauptstrom nach den Auen des anderen Ufers streichen, das Boot oft gar nicht berücksichtigend.

Der Flug dieses Vogels ist außerordentlich schön, besonders wenn er über dem Wasserspiegel größerer Ströme gaukelt, wie er dies Viertelstunden lang zu tun pflegt. Doch gewinnt man erst im Frühjahre zur Paarungszeit die richtige Vorstellung seiner Flugkünste. Angeregt durch das Hochgefühl der Liebe, steigt das Paar hoch in die Lüfte und kreist. Plötzlich läßt sich der eine oder der andere mit schlaff hängenden Flügeln bis knapp über die Wasserfläche fallen, zieht dann pfeilschnell in krummen Linien eine kurze Strecke dahin, fliegt rasch wieder umgekehrt, rüttelt wie der Turmfalk und führt die wunderbarsten Bewegungen nach allen Richtungen aus.

Auf den verlassensten Inseln, die nur selten ein Mensch betritt, hat man den einfach gebauten Horst zu suchen. Er steht tiefer als halbe Baumeshöhe auf den stärksten Bäumen, meist in der Zwisel zwischen dem Stamme und einem dicken Aste. Dünn übereinander gelegte Reiser bilden den schlenderischen Bau, außerhalb dessen schon von weitem der gegabelte Stoß des Weibchens zu bemerken ist. In den meisten Fällen bemächtigt sich unser Milan verlassener Reiherhorste, und so kommt es, daß der seinige von dem des Fischreihers oft kaum zu unterscheiden ist. Ich fand weitaus die meisten Horste auf jenen Inseln, auf denen sich Reiher- und Scharbenstände befanden; auf solchen, wo der Bussard, Königsweih und die größeren Falken nisten, bemerkte ich während der Brutzeit unseren Vogel niemals. Die Zeit, in der dieser brütet, schwankt erheblich. Ende April besuchte ich Horste, in denen die Weibchen schon sehr fest auf den Eiern saßen, wogegen mehrere andere Paare noch bauten, einige sogar erst Nistplätze suchend umherstrichen. Um die Mitte des Mai waren die meisten Horste von brütenden Weibchen besetzt.

Wer den Milan beobachtet, muß bemerken, daß er die Gesellschaft des Sumpf- und Wassergeflügels in hohem Grade liebt, und es darf wohl als ein Beweis seiner Harmlosigkeit dienen, daß diese Vögel in dem freundschaftlichsten Verhältnisse mit ihm leben. Ich fand einmal einen Horst am Ufer einer großen Insel; hundert Schritte davon waren alle Bäume mit Reiher- und Scharbennestern besetzt, zwischen denen man auch die Horste des Turm- und Baumfalken bemerkte. Alle Bewohner dieser Ansiedelung strichen im besten Einvernehmen untereinander umher, und der männliche Milan führte seine Flugkünste zwischen den kreisenden Reihern aus. Ich glaube, daß ein Hauptgrund des Zusammenlebens der Reiher und Scharben mit den Milanen die große Freßgier der letzteren und ihre Trägheit im Suchen nach Beute ist. Ihre Lieblingskost bilden Fische, und leicht wird es ihnen, in der Nähe der Reiher ihren Hunger zu stillen, da diese von ihren Horsten herab viele große Fische fallen lassen, deren sich dann andere Schmarotzer bemächtigen. Zwar ist unser Milan ein nicht ungeschickter Fischer, findet es aber bequemer, zu betteln und zu schmarotzen. Auch im Fluge jagt er den großen Wasservögeln und den Fischadlern durch seine Zudringlichkeit Beute ab. Abgesehen von Fischen, bilden junge Hasen, Hamster, Zisel und Mäuse, vor allem aber Frösche, seine gewöhnliche Nahrung. Dem Hühnerhofe wird er durch unglaubliche Keckheit gefährlich; denn ohne jede Sorge und Rücksicht raubt er in allen Ortschaften die Küchlein und jungen Enten angesichts ihrer Eltern weg, und nur das Feuergewehr kann seinen Raubgelüsten hier steuern. Ich sah einst in einem Dorfe, das am Rande der Aue in der Ebene liegt, einen Milan regelmäßig jagen, über einem Gehöfte in der Höhe der Rauchfänge nach Turmfalkenart rudernd nach Beute spähend.«

Hinsichtlich des Fortpflanzungsgeschäftes unseres Milans habe ich hinzuzufügen, daß der Horst ebenso wie der des Königsweihes regelmäßig mit Lumpen, alten Schürzen, Nachtjacken oder zusammengeballten Säugetierhaaren, Werg und ähnlichen Stoffen ausgekleidet wird, sich also leicht von dem aller übrigen einheimischen Raubvögel unterscheiden läßt. Ob der Milanhorst besetzt ist, verrät sich, laut Blasius, gewöhnlich durch die Lumpen oder Wergflocken, die am Rande des Horstes oder auf den Zweigen in der Nähe des letzteren beim Zutragen hängen geblieben sind. Das Gelege, das durchgehends zu Ende des April vollzählig zu sein pflegt, besteht aus drei bis vier, denen des Königsweihes täuschend ähnlichen, auf gelblichem oder graulichweißem Grunde braun gemarmelten und dicht gefleckten Eiern. Wie es scheint, brütet nur das Weibchen; es sitzt meist so außerordentlich fest auf dem Horste, daß es sich nur durch einen Schuß aus demselben vertreiben läßt. Wenn das Weibchen vorher nicht gestört wurde, pflegt es nach kurzer Frist zu dem Horste zurückzukehren, von dem es gescheucht wurde, wogegen das Männchen oft stundenlang auf sich warten läßt. Behelligt man das Paar fortdauernd und erlegt man endlich das Weibchen, so kann es, wie Preen erfuhr, geschehen, daß das Männchen die Eier vernichtet. Die Jungen entschlüpfen nach ungefähr dreiwöchentlicher Brutzeit den Eiern und werden anfänglich mit vorverdautem Fleische, mit Fröschen und Fischen geatzt. So wie der alte Milan in Flug und Haltung etwas Adlerähnliches nicht verleugnen kann, so erinnert er auch im Dunenkleide an den Schreiadler. Noch ehe seine Füße ihn tragen, hält er den Kopf aufrecht, und furchtlos und ruhig sieht er jedem entgegen, der sich ihm nähert. Gewöhnlich verläßt er den Horst schon, ehe die Schwanz- und Flügelfedern ihre volle Größe erreicht haben, und kann dann bei Regenwetter auf dem Boden oder auf niederen Bäumen leicht mit der Hand gefangen werden. Der Königsweih dagegen ist anfangs scheu und furchtsam und liegt gewöhnlich lang hingestreckt, den Kopf auf den Boden des Horstes gedrückt. Vollkommen ausgebildet, verläßt er nur zwangsweise den Horst, drückt sich lieber platt nieder und läßt sich noch mit der Hand fangen, wenn er schon volle Flugfertigkeit erreicht hat. Ein einziger Blick auf den mit Jungen besetzten Horst läßt also keinen Zweifel darüber, ob man den schwarzen oder den roten Milan vor sich hat.« Sie verlangen nach dem Ausfliegen noch längere Unterstützung von Seiten ihrer Eltern; denn man sieht die Familie mehrere Wochen beisammen und kann bei einigermaßen aufmerksamer Beobachtung leicht gewahren, wie die Alten ihre Jungen nicht bloß in allen Künsten des Fluges, sondern auch in der für ihr späteres Leben wichtigen Fertigkeit zu betteln und zu schmarotzen unterrichten. Erst im Spätsommer vereinzelt sich die Familie, und jedes Glied geht nunmehr selbständig seinen Geschäften nach, bis gegen Herbst hin die Paare sich zu Trupps und diese zu Schwärmen vereinigen, die sodann gemeinsam die Winterreise antreten.

Das allgemeine Urteil bezeichnet den Milan als einen unserer schädlichsten Raubvögel. Ich vermag nicht, dieser Ansicht bedingungslos beizutreten, meine vielmehr, daß der von ihm verursachte Schaden in denjenigen Gegenden, die er als Wohnungsorte bevorzugt, nicht so erheblich in das Gewicht fällt. Am meisten schadet er unzweifelhaft dadurch, daß er andere Raubvögel in der widerwärtigsten Weise anbettelt oder so lange belästigt, bis sie ihm die erhobene Beute zuwerfen, sie also zwingt, mehr zu rauben, als sie selbst bedürfen. Er selbst erhebt allerdings, was er erlangen kann, schädigt den Bestand der freilebenden wie der gezähmten Tierwelt aber doch nur in den letzten Tagen seiner Fortpflanzungszeit in erwähnenswerter Weise. Wägt man seine uns nützenden und seine uns schadenden Taten gewissenhaft ab, so kommt man zu dem Schlusse, daß sich beide ungefähr das Gleichgewicht halten.

Der Milan ist, wie Erzherzog Rudolf noch hervorhebt, ein ausgesprochener Feind des Uhu, ohne aber mit der Lebhaftigkeit anderer Falken zu stoßen. »In einem dichten, jungen Holze, das, durch einen Wasserarm von den Feldern getrennt, am Rande der Aue liegt, setzte ich meinen Uhu auf einen freien Platz und verbarg mich im Gebüsche, um einige daselbst nistende Wiesenweihen zu erlegen. Kaum daß einige der letzteren zu stoßen begannen, erschienen, durch den Lärm herbeigelockt, aus der Höhe auch ein paar Milane und kreisten über dem Uhu. Sie blieben aber stets in derselben Höhe, durch Schrotschuß unerreichbar, stießen nicht, ließen sich ebensowenig durch vergebens abgefeuerte Schüsse zum Aufsteigen in höhere Luftschichten bewegen und verließen nach etwa zehn Minuten den Platz in derselben Richtung, aus der sie gekommen waren.«

Im Käfige ist der Milan, wie seine Verwandten, ein angenehmer Vogel. Er macht wenig Ansprüche und ergibt sich bald in den Verlust seiner Freiheit, gewinnt nach kurzer Zeit seinen Pfleger außerordentlich lieb, begrüßt ihn mit fröhlichem Geschrei, wenn er ihn von weitem erblickt, und versucht überhaupt, seine Zuneigung in jeder Weise an den Weg zu legen. Mit anderen Raubvögeln gleicher Größe verträgt er sich vortrefflich.

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Die Feldweihen ( Circus) endlich sind mittelgroße, schlank gebaute Raubvögel mit kleinem, schwächlichem Leibe, zartem, schwachem, stark gekrümmtem, langhakigem und stumpfzähnigem Schnabel, sehr langen, schlanken und kurzzehigen Füßen, großen und langen, aber ziemlich schmalen Flügeln, mittellangem, breitem Schwanze und weichem, seidig glänzendem Gefieder. Im Fittiche überragen die dritte und vierte Schwinge die anderen; die erste dagegen ist auffallend kurz. Die Gesichtsfedern sind zu einem Schleier ausgebildet.

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Unser Kornweih ( Circus cyaneus) ist einer der schönsten Falken unseres Erdteiles. Die ganze Oberseite des alten Männchens, mit Ausnahme des braun und weiß längsgestreiften Genickes, hat licht aschbraune, die Unterseite weiße Färbung; die erste Schwinge ist schwarzgrau, die fünf folgenden sind schwarz, gegen die Wurzel hin grau oder weiß, die übrigen aschgrau, die mittleren Schwanzfedern hell aschgrau, nach dem Rande zu lichter, ins Weißliche spielend; die äußersten mit schwacher, unregelmäßiger Bänderung im Wurzelteile. Bei dem alten Weibchen ist die Oberseite fahlbraun, das Gefieder des Hinterkopfes, Hinterhalses und des Obergeflügels rostgelblich gerändert, ein Streifen über dem Auge weißlich, die Unterseite auf rostgelblichem Grunde bräunlich längsgefleckt, der Schwanz abwechselnd braun und rostgelb gebändert. Junge Vögel ähneln dem Weibchen. Augenstern, Wachshaut und Fuß sind zitrongelb; der Schnabel hat hornschwarze Färbung. Die Länge beträgt sechsundvierzig, die Breite einhundertunddreizehn, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge einundzwanzig Zentimeter. Das Weibchen ist um etwa sechs Zentimeter länger und neun Zentimeter breiter als das Männchen. In Südrußland, den Donautiefländern, der Türkei und Griechenland, dem Süden Mittelasiens und Nordafrika vertritt der Steppenweih ( Circus swainsonii), der auch wiederholt in Deutschland vorgekommen ist und hier sogar gebrütet hat, den Kornweih. Das alte Männchen unterscheidet sich durch die blassere oder bleigraue, nach dem Rücken weiße Färbung, die deutlich aschgrau gebänderten Bürzel- und Schwanzfedern und die schwarzen Flügelspitzen, das alte Weibchen durch braune, hell rostfarbig gekantete Federn der Oberseite und Brust, rotgelbe, rostfarbig in die Länge gefleckte der Unterseite; junge Vögel von letzterem durch ganz ungefleckte, rostgelbe Unterseite.

Das Verbreitungsgebiet des Kornweihes ist ein ziemlich ausgedehntes. Er bewohnt ganz Mitteleuropa und ebenso einen großen Teil von Mittelasien, berührt auf seiner Wanderung alle Länder Nordafrikas bis an den Gleicher hin und ebenso ganz Südasien, soweit das Gelände hier den Anforderungen entspricht, die er an ein behagliches Leben stellt. Nach Norden hin bildet ungefähr der fünfundfünfzigste Breitengrad die Grenze seines Verbreitungsgebietes. Im Süden Europas tritt er, wie es scheint, nur auf dem Zuge auf. In unserem Vaterlande kommt er in Preußen, Posen, Niederschlesien, Pommern, der Mark Brandenburg, in Sachsen, Mecklenburg, Hannover und im ebenen Westfalen sowie in Bayern geeigneten Ortes überall vor, tritt außerdem einzeln in Westthüringen, Hessen und den Rheinlanden auf, fehlt aber allen Gebirgsgegenden gänzlich und zählt schon im Hügellande zu den seltenen Erscheinungen. Auch zusammenhängende Waldungen meidet er. Er ist, wie alle mir bekannten Glieder seiner Sippe, Charaktervogel der Ebenen, insbesondere solcher, in denen Felder, Wiesen und Gewässer miteinander abwechseln. Genau unter denselben Verhältnissen, wie es scheint auch in denselben Gegenden, lebt, unter allen Umständen jedoch sehr selten und einzeln, der Steppenweih, der hier und da, beispielsweise in Westfalen, von verläßlichen Beobachtern als deutscher Brutvogel beobachtet wurde, als solcher regelmäßig aber erst in den angegebenen Ländern Südeuropas, vor allem in der Dobrudscha, auftritt.

In ihren Sitten und Gewohnheiten unterscheiden sich die beiden verwandten Weihearten, soweit ich habe beobachten können, nur in unwesentlichen Einzelheiten; es genügt daher vollständig, wenn ich im nachstehenden den Kornweih ins Auge fasse. Wenn dieser in den letzten Tagen des März bei uns eingetroffen ist und sein Gebiet bezogen hat, führt er eine so geregelte Lebensweise, daß man ihn hier sicherlich nicht übersehen kann. Das von ihm gewählte, gegen andere seiner Art keineswegs abgeschlossene Gebiet pflegt zwar ziemlich ausgedehnt zu sein; er durchstreift seinen Wohnkreis aber täglich mehrere Male und meist mehr oder weniger genau auf denselben Straßen, so daß er also jedem einigermaßen aufmerksamen Beobachter bestimmt vor das Auge kommen muß. Sobald der Frühtau auf Gebüsch, Gras und Getreide abgetrocknet ist, beginnt er seine Raubzüge, setzt dieselben fort, bis er Beute gewonnen, ruht nach glücklichem Fange mehr oder minder lange Zeit aus, tritt einen zweiten Beutezug an und treibt es so, abwechselnd ruhend und fliegend, bis in die späte Dämmerung. Schaukelnden Fluges, schwankend und anscheinend unsicher dicht über dem Boden dahinstreichend, bald mit über den Leib gehobenen Flügeln schwebend, bald durch matte Flügelschläge sich fördernd, streicht er auf seinen Straßen dahin, mit Vorliebe einem Gebüsche, Bache oder Wassergraben, auch einer Buschreihe folgend, macht von dieser Hauptstraße einen kleinen Abstecher nach rechts und links, dreht sich bisweilen in einem Kreise mehrmals über einer Stelle umher, fällt wiederholt zu Boden herab, als ob er bei jedem Niedersinken ein Opfer greife, erhebt sich aber meist ohne dasselbe und setzt seinen Flug wie früher fort, umschwebt fast gaukelnd eine Baumkrone, kreuzt wiederholt eine Buschreihe, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite derselben dahinziehend, überfliegt eine Wiese oder ein Getreidefeld und kehrt endlich in weitem Bogen nach dem Ausgangspunkte seiner Flugwanderung zurück. Wer genau auf ein ihm bekanntes Paar achtet, bemerkt, daß dasselbe, namentlich das Männchen, bestimmte Zärtlichkeiten immer mehr oder weniger genau in derselben Weise absucht, sie aber nicht zu derselben Tageszeit, vielmehr bald in den Früh-, bald in den Mittags-, bald in den Abendstunden bejagt. Ein solcher Jagdzug kann bis anderthalb Stunden währen; nach dieser Zeit pflegt der Weih Viertel- oder Halbestunden lang, mindestens aber mehrere Minuten, auszuruhen. Hierzu wählt er irgend welche Erhebung des Bodens oder eine bestimmte Stelle im Grase und Getreide, sitzt hier träumerisch zunächst einige Minuten regungslos, ohne jedoch zu versäumen, nach allen Seiten hin Umschau zu halten, und beginnt dann sein Gefieder zu glätten und zu putzen. Letzteres geschieht so regelmäßig, daß man seinen Ruheplatz, mindestens während der Mauserzeit, an den hier umhergestreuten Federn zu erkennen vermag. Auf Bäumen habe ich den Kornweih niemals sitzen sehen, wogegen der Steppenweih regelmäßig hier zu ruhen pflegt.

Anders benimmt sich derselbe Vogel während der Paarungszeit. Gewaltig erregt auch ihn die allmächtige Liebe. Während man sonst in der Regel nur einen Gatten des Paares seinen Weg ziehen sieht, bemerkt man jetzt Männchen und Weibchen gesellt, unter Umständen so nebeneinander fliegend, daß der eine den anderen bei der Jagd unterstützen zu wollen scheint, auch wohl in Ringen, die sich ineinander verschlingen, längere Zeit auf einer und derselben Stelle kreisend. Plötzlich erhebt sich das Männchen, steigt fast senkrecht, den Kopf nach oben gerichtet, in die Höhe, bewegt sich schneller als man jemals bei ihm voraussetzen möchte, überstürzt sich, fällt mit halbangezogenen Flügeln steil nach abwärts, beschreibt einen Kreis und steigt von neuem empor, um ebenso zu verfahren wie vorher. Dieses Spiel kann der liebesbegeisterte Vogel minutenlang fortsetzen und binnen einer halben Stunde zehn- oder zwölfmal wiederholen. Auch das Weibchen versucht, ähnliche Flugkünste auszuführen, treibt es aber, soweit meine Beobachtungen reichen, stets gemäßigter als jenes.

Der Horst, den der Kornweih errichtet, ist ein erbärmlicher Bau. Er steht unter allen Umständen auf dem Boden, entweder in einem sperrigen und niedrigen Strauche, auf jungen Holzschlägen oder im schossenden Getreide, im hoch gewachsenen Grase sumpfiger Wiesen und selbst im Schilf oder Rohr, hier dann stets auf einer Kaupe. Eigentlich ist er nichts anderes als ein untergeordneter Haufen trockener Reiser, Gras- und Rohrhalme, Kartoffelstengel, Mistklumpen und dergleichen, die mit den Fängen aufgenommen und an ihre Stelle gelegt, auch fast ohne Hilfe des Schnabels verbaut und innen mit ebenso zugetragenen Moosen, Tierhaaren, Federn und anderen weichen Stoffen liederlich ausgefüttert werden. Eine gewisse Ordnung der letzteren Stoffe bemerkt man erst, nachdem das Weibchen schon brütet. Da der Kornweih wie alle anderen Arten seines Geschlechtes nicht früher brüten kann, als bis Gras und Getreide so hoch gewachsen sind, um den Horst zu verdecken, findet man selten vor der Mitte des Mai vollständige Gelege. Die Eier, vier bis fünf, seltener sechs an Zahl, haben einen Längsdurchmesser von vierzig bis sechsundvierzig und einen Querdurchmesser von einunddreißig bis siebenunddreißig Millimeter und sind bald gestreckter, bald gerundeter, meist den Euleneiern ähnlich, also etwas bauchig, feinkörnig, glanzlos und matt grünlichweiß gefärbt, meist ohne alle Zeichnung, wenn mit solcher versehen, nur mit einzelnen, selten dichter stehenden, kleinen, rötlichgrauen oder gelbbraunen Spritzflecken bedeckt. Soweit ich beobachten konnte, brütet ausschließlich das Weibchen; wenigstens habe ich während der Brutzeit immer nur das Männchen einsam umherfliegen sehen und muß daher wohl annehmen, daß sich das Weibchen von ihm mit Nahrung versorgen läßt. Es sitzt fest auf den Eiern und verläßt dieselben erst, wenn ein Feind in unmittelbare Nähe gelangt ist, versteht aber dann, äußerst geschickt sich davonzustehlen. Wie lange die Brutzeit währt, vermag ich nicht zu sagen: Naumann gibt drei Wochen an und mag wohl das richtige treffen. Die kleinen, allerliebsten, in ein dichtes graulich überflogenes Jugendkleid gehüllten Vögel hocken mit den Köpfen zusammen im Nest, drücken sich bei Ankunft eines fremdartigen Wesens platt auf den Boden nieder und verharren in dieser Stellung, als ob sie leblos wären, bis der Feind sie ergreift oder sich wieder entfernt hat, schweigen auch gänzlich still, wie lebhaft sonst sie ihr an das Piepen junger Küchlein erinnerndes Geschrei vernehmen lassen. Auch sie sitzen lange im Nest; denn man sieht sie nicht vor Mitte Juli, meist erst zu Ende des Monats, umherfliegen. Anfänglich durchstreifen sie das Brutgebiet noch in Gesellschaft ihrer Eltern, die sie auch unterrichten und zur Jagd anleiten; bald aber regt sich in ihnen die Lust, selbständig aufzutreten, und ehe noch drei Wochen vergangen sind, treiben sie es schon ganz wie ihre Eltern und gehen, die Gemeinschaft mit letzteren freilich auch jetzt noch nicht meidend, nach eigenem Belieben und Behagen ihren Weg durchs Leben. Vom August an beginnen sie im Lande umherzuschweifen, kehren vielleicht dann und wann noch nach dem Brutgebiet zurück, dehnen ihre Streifzüge weiter und weiter aus und treten endlich im September ihre Winterreise an. Einer und der andere Vogel verweilt noch länger in der Heimat, und in sehr günstigen Wintern kann es geschehen, daß ein Kornweih an besonders bevorzugten Zärtlichkeiten auch wohl in derselben verbleibt.

Zu meinem aufrichtigsten Bedauern darf ich nicht als Anwalt des Kornweihes auftreten. Es läßt sich nicht verkennen, daß der schöne lichtblaue Vogel, zumal im Frühjahr, wenn er über den grünen Feldern dahinschwebt, als ein wahrer Schmuck der Ebene bezeichnet werden muß; es läßt sich ebensowenig in Abrede stellen, daß er durch Aufzehren von Mäusen und Kerbtieren, namentlich Heuschrecken, uns entschieden nützlich wird, durch Wegfangen von Eidechsen und Fröschen, die nächst den Mäusen wohl seine hauptsächlichste Nahrung bilden dürften, uns wenigstens nicht Schaden bringt; zahlreiche Übergriffe in unsern Augen aber, die er sich erlaubt, berauben ihn des Rechtes, von uns gehegt und gepflegt zu werden. Ungeachtet seiner anscheinenden Schwächlichkeit ist er ein ebenso dreister als gefährlicher Feind aller Tiere, die er bewältigen kann. Vom Zisel und jungen Häschen an blutet jedes kleinere Säugetier, vom halb erwachsenen Fasan und Rebhuhn an bis zum Laubsänger herab jeder in einem auf dem Boden stehenden Neste geborene junge, noch unbehilfliche Vogel in seinen Räuberklauen. Ausgefiederte und flugbare Vögel vermag er allerdings nicht zu fangen; eine auf dem Boden brütende Vogelmutter aber nimmt er unter Umständen ebenso geschickt weg, als er den halb erwachsenen Vogel aus dem Nest hebt oder dieses seiner Eier beraubt.

Mit den Krähen lebt der Kornweih in beständigem Streit, und von dem mutigen Kleingeflügel, namentlich von Schwalben und Bachstelzen, muß er sich viel gefallen lassen. Endlich behelligen ihn noch Schmarotzer, die auf und in seinem Körper leben. Unter den Menschen dürfte ihm der Eisammler am gefährlichsten werden; denn dem Jäger weiß er in den meisten Fällen zu entgehen. Der Uhu lockt, wenn man ihn nicht in der Nähe des Horstplatzes aufstellt, in der Regel nur junge Vögel herbei, und Fallen, mit Ausnahme eines sorgfältig verdeckten und richtig geköderten Tellereisens vielleicht, führen gewöhnlich auch nicht zum Ziel. So bleibt die Jagd eigentlich Sache des Zufalles. Wer sich das Warten nicht verdrießen läßt, erlegt ihn, wenn er sich an einer seiner durch längere Beobachtung erkundeten Flugstraßen verdeckt aufstellt, und wer einmal einen geschossen hat, braucht sich bloß in einem Busch zu verbergen und bei Ankunft eines zweiten den getöteten in die Luft zu werfen, um ziemlich sicher auch den zweiten zum Schusse zu bekommen; denn die allen Weihen, insbesondere aber den Kornweihen eigene Neugier lockt einen fliegenden sofort herbei, wenn er einen andern seiner Art, ja selbst seines Geschlechtes, zu Boden herabfallen sieht.

In Gefangenschaft zeigt sich auch der altgefangene Kornweih bei weitem ruhiger als irgendein anderer mir bekannter Raubvogel, mit alleiniger Ausnahme seiner nächsten Verwandtschaft. Anscheinend ohne Groll fügt er sich in den Verlust seiner Freiheit, betrachtet mit gleichgültigen Blicken den vor seinem Käfig stehenden Menschen, trabt in dem Käfig gemächlich auf und ab und nimmt dabei so wundersame Stellungen an, daß man eigentlich jetzt erst einen Begriff von seinem wirklichen Aussehen erlangt. Auf das ihm gereichte Futter stürzt er sich ohne Besinnen, frißt auch von allem, was man ihm reicht, beweist aber bald, daß er nur bei ausgesuchter Speise längere Zeit in Gefangenschaft gehalten werden kann. Wer ihn am Leben erhalten will, muß seine Tafel mit dem verschiedenartigsten Kleingetier beschicken, und wer ihn aufziehen will, die Nahrung noch außerdem zerstückelt vorlegen. Aus diesen Gründen sieht man die in so vieler Beziehung fesselnden Vögel nur äußerst selten und stets nur auf kurze Zeit in diesem oder jenem Tiergarten.

siehe

Weihen (Circus):
1. Kornweih (C. cyaneus)
2. und 3. Wiesenweih (C. cineraceus)

Hier und da in Deutschland gesellt sich dem Kornweih, in einzelnen Gegenden vertritt ihn der Wiesen- oder Bandweih ( Circuscineraceus). Die Länge beträgt vierundvierzig, die Breite einhundertfünfundzwanzig, die Fittichlänge achtundvierzig, die Schwanzlänge dreiundzwanzig Zentimeter. Das alte Männchen, unzweifelhaft die schönste unserer Weiharten, ist auf Kopf, Nacken, Rücken und Oberbrust bläulich-, im Nacken und Rücken wegen der hier merklich hervortretenden dunklen Federsäume dunkel aschgrau gefärbt, auf Unterbrust, Bauch und Hose weiß, durch schmale rostrote Schaftstriche in hohem Grade geschmückt. Die Schwingen erster Ordnung sind schwarz, die der zweiten licht aschblau, durch ein schwarzes Band gezeichnet, die hintersten Augenschwingen braungrau, die beiden Mittelfedern des Schwanzes aschgrau, die übrigen, auf der Innenfahne nach außen zu sich verbreiternd, heller, so daß die äußersten fast weiß erscheinen, die beiden seitlichen Federn dagegen rostbräunlich, alle schwarz gebändert. Beim alten Weibchen wie beim jüngeren Weibchen, die ein sehr ähnliches Kleid tragen, ist die vorherrschende Färbung der Oberseite braungrau, die der Unterseite weiß, mit kleinen, undeutlichen, rostfarbigen Flecken besprenkelt, der Scheitel rostrot und schwarz gestreift. Junge Vögel sind auch unterseits durchaus rostfarbig, ohne Flecke, die Federn der Oberseite aber dunkel braungrau, mit rostfarbigen Spitzensäumen, über dem Auge steht ein weißer Fleck und unter diesem auf den Wangen ein großer dunkelbrauner. Die Iris ist bei alten Vögeln lebhaft hochgelb, bei jungen braun, der Schnabel blauschwarz, die Wachshaut gelb, der sehr hohe und dünne Fuß wachsgelb.

Das Verbreitungsgebiet des Wiesenweihes ist nicht minder ausgedehnt als der Wohnkreis der beiden geschilderten Verwandten; doch gehört der Vogel mehr dem Osten als dem Westen des nördlich altweltlichen Gebietes an. In Deutschland zählt er zu den selteneren Arten der Sippe, ohne jedoch an geeigneten Orten zu fehlen. Seinem Namen entsprechend, verlangt er weite Wiesen oder wenigstens im Sommer auf größere Strecken hin trockene Sümpfe, siedelt sich daher vornehmlich in der Nähe von Flüssen und insbesondere in Niederungen an, die während des Winters bei hohem Wasserstande unter Wasser gesetzt werden. Daher bewohnt er in unserm Vaterland vorzugsweise die norddeutsche Ebene, von Ostpreußen an bis zu den Rheinlanden. Häufiger tritt er in Niederösterreich, dem Tieflande Ungarns, den südlicheren Donauländern und hier und da in Rußland auf; als Brennpunkt seines Verbreitungsgebietes aber dürften vielleicht die Steppen Sibiriens und des nördlichen Turkestan angesehen werden. Gelegentlich seines Zuges durchstreift er im Herbst und im Frühling ganz Südeuropa, den größten Teil Südasiens und Afrikas, bevölkert im Winter Indien geeigneten Ortes in erheblicher Anzahl, wandert bis in das Gebiet der innerafrikanischen Steppen und steigt, nach Heuglin, bis zu den höchsten Gebirgen von Habesch auf. In seinem Auftreten und Wesen sowie in allen Sitten und Gewohnheiten weicht der Wiesenweih nicht erheblich vom Korn- oder Steppenweih ab.

 

Die letzte Art der Sippe, deren ich Erwähnung zu tun habe, ist der Rohrweih oder Sumpfbussard ( Circus aeruginosus). Das Kleid unterscheidet sich nicht allein nach Geschlecht und Alter, sondern auch nach der Jahreszeit ziemlich erheblich. Beim alten Männchen sind die Federn der Stirn und des Scheitels braungelb gerändert, die der übrigen Oberseite kaffeebraun, die der Wangen und Kehle blaßgelb, dunkler geschäftet, die des Vorderhalses und der Vorderbrust gelbbraun in die Länge gefleckt, die des übrigen Unterkörpers rostrot, an der Spitze heller, die Handschwingen schwarzbraun, ein Teil der Armschwingen und die großen Flügeldecken schön aschgrau, die Steuerfedern heller grau, rötlich überflogen, von unten gesehen weißlich. Beim alten Weibchen ist die Färbung stets minder lebhaft und eintöniger, namentlich das Aschgrau der Flügel- und Schwanzteile selten ausgeprägt. Beim jungen Vogel, der im ganzen dem Weibchen ähnelt, herrscht einfarbiges Dunkelbraun vor. Die Länge beträgt fünfundfünfzig, die Breite einhundertsechsunddreißig, die Fittichlänge dreiundvierzig, die Schwanzlänge vierundzwanzig Zentimeter. Das Weibchen ist um drei bis vier Zentimeter länger und sieben bis neun Zentimeter breiter.

Vom siebenundfünfzigsten Breitengrad an nach Süden hin fehlt der Rohrweih keinem Lande und keinem Gau Europas, vorausgesetzt, daß derselbe den Bedingungen entspricht, die dieser Vogel an seinen Aufenthalt stellt. Außerdem kommt er in ganz Westasien, etwa von der Breite des Altaigebirges nach Süden hin, regelmäßig vor, tritt aber je weiter nach Osten je seltener, beispielsweise am Amur und in China nur sehr vereinzelt auf. Gelegentlich seines Zuges durchstreift er das festländische Südasien und ebenso einen großen Teil Afrikas. Mehr als jeder andere Weih ist er an Niederungen gebunden; denn Sumpf und Wasser gehören so unbedingt zu den Bedürfnissen seines Lebens, daß man behaupten darf, er lasse beide niemals außer Sicht. Bei uns zulande Zugvogel, der erscheint, sobald die Gewässer im Frühjahre aufgehen, also frühestens im März, spätestens im April eintrifft, schon im August zu wandern beginnt und spätestens bis Ende Oktober uns gänzlich verlassen hat, beobachtet man ihn bereits im Süden Europas, namentlich in Griechenland und Spanien, ebenso aber auch in Nordafrika, insbesondere in Ägypten, und nicht minder häufig in Persien und Indien während des ganzen Jahres als eigentlichen Standvogel. Gesellig, wie alle Weihen, sucht er während der Reise nicht allein die Gesellschaft seinesgleichen, sondern vereinigt sich sogar zeitweilig mit Bussarden und Sperbern, in deren Gesellschaft er sodann, jedoch immer in seiner eigenen Weise, umherstreift und jagt.

»In den ausgedehnten Sümpfen Ungarns«, so schildert Erzherzog Rudolf, »ist der Rohrweih vielleicht noch häufiger als in der Norddeutschen Tiefebene und den Marschen Schleswigs und Hollands, in den übrigen Ländern Österreichs dagegen entweder gar nicht anzutreffen oder auf eng begrenzte Gebiete beschränkt, so beispielsweise auf die sumpfigen Stellen der Auwaldungen und die Ufer der Donau. Dies tritt um so mehr hervor, als der Rohrweih weniger noch als andere Arten seiner Sippe zu weiteren Streifzügen Veranlassung findet. Fast ängstlich vermeidet er, sein Wohngebiet zu verlassen, und niemals wird man ihm im Walde oder im Gebirge begegnen. Schon trockenen Kornfeldern weicht er aus. Selbst in jenen Waldgebieten, die höchstens zehn Kilometer von seinem Wohnorte entfernt sind, vermißt man ihn, und zwar während der Zugzeit ebenso wie während der Brutzeit. In den Donauauen hält er sich ebenfalls an ganz bestimmte Plätze. Es fällt auf, daß man ihn in hochstämmigen Gehölzen niemals antrifft, obgleich häufig einige hundert Schritte davon entfernt sein Horst gefunden werden mag.

Lebensweise und Wesen kennzeichnen den Rohrweih als unedlen Raubvogel. Sein schwacher Bau erlaubt nur gemeine Jagd auf kraftloses Wild, das er am Boden oder im Verstecke des Morastes im wahrsten Sinne des Wortes mordet. Dem Menschen weicht er ängstlich aus, weiß sich auch geschickt durch die Flucht ins Schilf oder nach ungangbaren Sumpfstellen zu retten und entrinnt so, ohne eigentlich scheu zu sein, in den meisten Fällen der Verfolgung. Außer der Paarungszeit bemerkt man den großen Raubvogel viel weniger, als man glauben sollte. Tagsüber verhält er sich ruhig im Schilfe und betreibt hier seine Jagd in aller Stille, jedenfalls aber mit genügendem Erfolge. Dies gilt besonders dann, wenn er seine Wohnstätte in ausgedehnten Morästen, an stehenden Gewässern und in Brüchen aufgeschlagen hat. Hier sitzt er tagsüber auf starken Rohrstengeln, Schilfköpfen, umherschwimmenden Holzstücken, alten herausstehenden Pfählen und dergleichen, immer aber soweit als möglich vom Gestade entfernt. Einen Kahn, der durch das Röhricht fährt, oder einen umherschwimmenden Jagdhund läßt er so nahe herankommen, als ob er sich auf sein dunkles Gefieder verlassen wolle, und erst wenn ihm ernstere Bedenken ankommen, erhebt er sich, nicht aber nach Art anderer Raubvögel, die so schnell als möglich eine gewisse Entfernung zu erreichen trachten, sondern langsam mit schwerem Schlage der runden Flügel, niedrig über dem Rohre dahinziehend. In den ersten Augenblicken nach dem Auffliegen, oder wenn er nur einen kurzen Flug beabsichtigt, läßt er seine langen Ständer schlaff herunterhängen und kann dann selbst von nicht ungeübten Jägern leicht mit einer Rohrdommel oder dem Purpurreiher verwechselt werden. Zum ersten Male aufgetrieben, sucht er nicht in der Flucht sein Heil, sondern läßt sich baldmöglichst wieder nieder und trachtet, sich zu verstecken. Am Neusiedler See sah ich einmal aus einem dichten Röhricht, das bis tief in den See hinein das Ufer umgibt, ein Rohrweihpaar nicht weit von unserm Kahne sich erheben und längere Zeit in der Nähe des letzteren, unmittelbar über dem Schilfe, umherkreisen. Beide Vögel hielten sich eben so weit entfernt, daß ein Schrotschuß sie nicht erreichen konnte, ließen sich von Zeit zu Zeit nieder, erhoben sich wieder und setzten ihr Spiel während der ganzen Zeit meiner Jagd fort, ohne sich durch die Schüsse, die ich auf Möven, Enten und Rohrdommeln abfeuerte, vertreiben zu lassen. Ganz anders benimmt sich der Rohrweih auf solchen Wohnplätzen, auf denen er sich vor den Nachstellungen des Menschen nicht gesichert fühlt. Hier zeigt er sich merklich vorsichtiger als in den Sümpfen; aber gerade deshalb bekommt man ihn hier weit häufiger zu sehen als dort. Die einzige Zeit, während der er seine träge Langsamkeit, sein kriechendes Leben, wie ich sagen möchte, verleugnet, während der er Sumpf und Schilf verläßt und sich unter den wunderbarsten Flugkünsten in den höchsten Lüften umhertummelt, gleichsam als wolle er zeigen, was er im Fliegen vermöge, ist die seiner Liebe. Ein Paar dieser sonst so verborgen lebenden Vögel, die man fast das ganze Jahr über nicht bemerkt, ist imstande, im Monate April die ganze Gegend zu belehen. Bevor das Weibchen seine Eier legt, also während der Begattungszeit, steigt das Paar oft in die höchsten Luftschichten und führt, in höherem Grade noch als die Milane, kunstvolle und wechselreiche Spiele aus, die sich von denen der Milane hauptsächlich dadurch unterscheiden, daß die Vögel sich dann und wann aus bedeutender Höhe auf den Boden herabfallen lassen, daselbst einige Augenblicke verweilen und von neuem zu spielen beginnen, ganz ähnlich wie andere Weihen ebenfalls tun. An den Ufern der Donau erblickt man im April nicht selten vier oder fünf, zuweilen noch mehr Rohrweihen, die gemeinschaftlich ihre Flugkünste ausführen, hierauf niedrig über dem Wasserspiegel von einem Ufer zum andern gleiten, über den Sandbänken dahinschweben und gelegentlich unter den Möven umherkreisen. Gesellen sich ihnen, wie dies die Regel, Milane und silberfarbglänzende Wiesenweihen, vielleicht auch noch ein Königsweih, und üben die verschiedenen Vögel gemeinschaftlich ihre Flugkünste aus, so bieten die so belebten Auen dem Beobachter ein reizendes Frühlingsbild.

Anfang Mai ist die Zeit für diese Scherze vorüber; die Weibchen sitzen bereits auf ihren Horsten, und nur die Männchen unterhalten sich und sie dann und wann noch durch ihre Flugkünste. Wenn man sie immer auf einer Stelle umherkreisen sieht, darf man bestimmt darauf rechnen, daß der Horst in der Nähe sein müsse; es ist daher nicht schwer, ihn zu finden. Auf stehenden Gewässern, im Röhricht und in Sümpfen steht er auf erhöhten Grasbülten, die den Wasserspiegel überragen, oder nahe am Ufer im Riedgrase, unter Umständen sogar im Getreide, falls Felder unmittelbar an das von Rohrweihen bewohnte Ufer grenzen. Ist kein anderer Platz vorhanden oder der ganze Sumpf unter Wasser, so wird der Horst einfach wie das Nest der Wasserhühner zwischen das hohe Rohr auf das Wasser gebaut, schwimmt also im letzteren Falle. In den Auen findet man ihn am häufigsten in den Rohrsäumen der Altwasser und schmalen Arme, sehr regelmäßig aber auch auf Holzschlägen und in jungen Wäldern, die sich nicht weit entfernt vom Ufer befinden. Als Ausnahme habe ich beobachtet, daß einzelne Horste auffallend weit vom Wasser auf ganz trocknem Boden stehen. Der Horst pflegt dann ein ziemlich großer, aus Ästen und Gräsern zusammengesetzter Bau zu sein, der flach wie ein Teller am Boden liegt, wogegen er in Sümpfen und Röhricht regelmäßig aus Rohr, Schilf und anderen Wasserpflanzen besteht, die man das Weibchen in den Fängen, oft von weither, heranschleppen sieht. Bedingung für die Wahl des Nistplatzes ist, daß derselbe dem Vogel beim Zu- und Anstreichen keine Hindernisse biete. Daher steht der Horst auf Schlägen und in jungen Hölzern, in denen die dichten Äste auf Strecken hin dem langflügeligen großen Vogel Raum zu raschem Aufflattern nicht gewähren, stets auf kleinen Blößen. Das Weibchen baut noch, nachdem es bereits einige Eier gelegt hat, am Horste fort und erachtet denselben erst dann für vollendet, wenn es zu brüten beginnt. Frühestens in den letzten Tagen des April, meist nicht vor den ersten Tagen des Mai, findet man das vollzählige, aus vier bis fünf, im selteneren Falle sechs Eiern bestehende Gelege im Horste. Die Eier, deren größter Durchmesser vierzig bis sechsundvierzig und deren Querdurchmesser einunddreißig bis siebenunddreißig Millimeter beträgt, haben eine rauhe, mindestens matte, glanzlose Schale von grünlichweißer Färbung, wogegen das Innere lebhaft grün aussieht.

Die Rohrweihen sind die zärtlichsten Eltern, die man sich denken kann. Während alle übrigen Raubvögel, die Feldweihen ausgenommen, nach einmaligem Verscheuchen vom Neste sich mehr oder minder lange besinnen, ehe sie auf dasselbe zurückkehren, läßt sich der Rohrweih einige Male hintereinander vertreiben und kommt immer sogleich wieder zurück, häufig sogar angesichts seines Gegners. Wenn der Horst frei steht, versucht das Weibchen, das wie bei anderen Weihen allein dem Brutgeschäft obliegt, durch Niederlegen auf den Boden und Abplatten seines Leibes, dem Auge sich zu entziehen, und steht erst, wenn man sich auf zwei bis drei Schritte genähert hat, unter lautem Geräusche vom Horste auf, eilt dann aber nicht nach Art anderer Raubvögel so rasch als möglich davon, sondern streicht langsam dicht über dem Boden dahin, und erst, wenn es sich auf etwa hundert Schritte entfernt hat, ein gutes Stück senkrecht in die Höhe, beschreibt aber dann einen weiten Kreis um den Horst und kehrt von der anderen Seite zurück. Bemerkt es auch jetzt noch den Eindringling unmittelbar neben demselben, so kreist es mit jämmerlichem Geschrei umher; aber kaum daß sich der Friedensstörer auf hundert Schritte entfernt hat, fällt es, senkrecht aus der Luft sich herablassend, wieder auf das Nest. Ich fand einmal einen Horst in der Rohrwand eines Altwassers der Donauauen. Das Weibchen, durch den Lärm aufgeschreckt, entfernte sich höchstens einen Schritt vor meinen Füßen vom Neste und wurde von mir sofort erlegt. Das Männchen kreiste in der Nähe, kam auf den Schuß herbei und beschrieb schreiend immer engere Kreise um mich, trotzdem ich ganz frei auf einer Blöße stand, bis ich es durch einen schlecht gezielten Schuß verscheuchte. So leicht man unseren Weih am Horste zu erlegen vermag, so schwer läßt er sich sonst blicken. Mit dem Uhu vermag man nichts auszurichten, da er kein echter Stößer ist. Zwar nähert er sich rasch der verhaßten Eule, überfliegt sie aber höchstens ein- oder zweimal und sucht sogleich darauf das Weite.«

Unter den Weihen muß der Rohrweih unbedingt als der schädlichste angesehen werden. Seine Nahrung besteht fast ausschließlich aus Wasser- und Sumpfvögeln und deren Brut, Eiern nicht minder als jungen Nestvögeln. Nur wenn letztere fehlen, begnügt er sich mit Lurchen, Fischen und Kerbtieren. Seine Jagd betreibt er im wesentlichen ganz nach Art seiner Verwandtschaft, stellt aber viel eifriger als diese, die immerhin viel kleine Nager und Kerbtiere fangen, der Vogelbrut nach und verübt in dieser Beziehung Übeltaten wie kein einziger anderer Raubvogel.

»Wenngleich mir wohlbekannt war«, sagt Nehrkorn, »daß die Rohrweihen arge Räuber sind und besonders, so lange die Teiche noch nicht in ihrem Rohrschmucke prangen, alle Nester der Wasserhühner plündern, hatte ich doch von ihrem Treiben noch keine Vorstellung gewonnen. In der Nähe eines Horstes, auf einem Raume von ungefähr fünfzig Geviertmetern, lagen auf den Bülten die Kopffedern und sogar Überbleibsel hauptsächlich von jungen Rohrhühnern und Enten in solcher Menge, daß ich mir die sonst unerklärliche Abnahme genannter Vögel nunmehr erklären konnte. Während in anderen Jahren hunderte von Wasserhühnern die Teiche bevölkerten, zählte ich in diesem Frühjahre kaum zehn Paare, und eine ähnliche Abnahme zeigte sich auch bei den verschiedenen Steißfüßen. An den Rohrsängern scheinen sich die Weihen nicht so vergriffen zu haben; denn ihre Menge ist noch unzählbar.«

 

Die Bussarde ( Buteonidae), die eine anderweitige Raubvogelfamilie bilden, sind plumpgestaltete Falken von mittlerer Größe. Ihr Schnabel ist kurz, von der Wurzel an gekrümmt, seitlich zusammengedrückt, am Rande zahnlos, der Fuß mittelhoch, kurz und schwachzehig, aber mit spitzigen, scharf gekrümmten Krallen bewehrt, der Flügel ziemlich lang und rundlich, der Schwanz mittellang, das Gefieder reich und mehr oder weniger schlaff. Düstere Färbung ist vorherrschend, die Zeichnung aber mannigfachem und oft zufälligem Wechsel unterworfen.

Die Bussarde bewohnen Gebirge und Ebenen, am liebsten kleinere Waldungen, die von Feldern umgeben werden. Während der Brutzeit siedelt sich das Paar fest an und bemächtigt sich der Herrschaft über ein gewisses Gebiet, doch vertreiben die Bussarde, durchgehends sehr friedliche Vögel, nur aus der nächsten Nähe des Horstes eifersüchtig andere ihrer Art. Unsere nordischen Arten sind Wander- oder Strichvögel; diejenigen, die in wärmeren Ländern leben, können als Standvögel angesehen werden. Alle Arten fliegen langsam, aber anhaltend und lange Zeit schwebend, mehr nach Art der Adler als nach Art der Weihen. Wenn sie eine Beute erspäht haben, rütteln sie über ihr, wie die kleineren Falken tun; beim Angriff stoßen sie verhältnismäßig langsam in schiefer Richtung nach unten. Sehr gern jagen sie von einer Warte aus. Auf dem Boden sind auch sie ungeschickt: ihr Gang ist ein Hüpfen, kein Schreiten. Unter ihren Sinnen steht das Gesicht unzweifelhaft obenan; ihr Auge kommt an Schärfe dem Adlerauge gleich. Das Gehör ist gut, Gefühl und Geschmack sind ziemlich entwickelt.

Die Bussarde sind nicht in dem Sinne Räuber wie viele andere ihrer Verwandten. Es fehlt ihnen das ungestüme und insbesondere der Blutdurst, der jene, nicht immer zu ihrem Vorteil, auszeichnet. Sie sind tüchtige Fresser; haben sie aber einmal das Nötige erlangt, so begnügen sie sich und jagen nicht weiter. Mit anderen Raubvögeln leben sie in leidlichem Frieden; nur gegen den Uhu bekunden sie tödlichen Haß. Sie werden dagegen von kleinen Raubvögeln vielfach angegriffen.

Kleine Wirbeltiere und Kerfe, Schnecken, Würmer, Larven, ja sogar Pflanzenstoffe bilden die Nahrung der Bussarde. Alle Arten der Familie erweisen sich nützlich, einzelne in hohem Grade. Sie vertilgen die lästigen Mäuse in unzählbarer Menge, kämpfen außerdem wacker mit Schlangen und anderem widerwärtigem Gezücht und greifen höchstens dann und wann ein Tier an, das wir ihnen mißgönnen, weil wir es selbst jagen. Alle uns nützlichen Vögel sind, so lange sie gesund und bewegungsfähig, vor ihnen gesichert.

Der ziemlich kunstlose, dem anderer Raubvögel im wesentlichen ähnliche Horst, wird auf hohen Bäumen angelegt. Die Zahl der Eier eines Geleges schwankt zwischen eins und vier, beträgt gewöhnlich aber drei bis vier. Die Jungen werden von beiden Eltern ernährt, reichlich versorgt, warm geliebt, gegen Angriffe verteidigt und nach dem Ausfliegen noch längere Zeit geführt, belehrt und unterrichtet.

Jung aus dem Neste genommene Bussarde werden so zahm, daß sie zum Aus- und Einfliegen gewöhnt werden können. Auch alt eingefangene überwinden bald den Verlust ihrer Freiheit und schließen sich nach kurzer Zeit ihrem Pfleger innig an. Sie sind zwar nicht gerade liebenswürdige, immerhin aber angenehme Raubvögel, die man mit der Zeit lieb gewinnt.

 

Die Schlangenbussarde ( Circaëtus), die von vielen Naturforschern zu den Adlern gestellt und dann Schlangenadler genannt werden, mögen als Übergangsglieder von den Adlern zu den Bussarden die erste Stelle finden. In Europa lebt eine Art der Sippe, der Schlangenbussard ( Circaëtus gallicus). Seine Länge beträgt siebzig, die Breite einhundertundachtzig, die Fittichlänge sechsundfünfzig, die Schwanzlänge dreißig Zentimeter. Die spitzigen Federn des Kopfes und Hinterhalses sind mattbraun, heller gesäumt, die Rücken-, Schulter- und kleinen Flügeldeckfedern tiefbraun, heller gekantet, die Schwingen schwarzbraun, fein hellbraun gesäumt, weiß gekantet und mit schwarzen Querbinden gezeichnet, die Schwanzfedern dunkelbraun, breit weiß zugespitzt und dreimal breit schwarz gebändert, Stirn, Kehle und Wangen weißlich, schmal braun gestrichelt, Kropf und Oberbrust lebhaft hellbraun, die übrigen Unterteile weiß, spärlich hellbraun in die Quere gefleckt. Ein Kreis von wolligem Flaum umgibt das große Auge; nach vorn gerichtete Borsten bedecken den Zügel. Das Auge ist gelb, der Schnabel bläulichschwarz, die Wachshaut und die Füße sind lichtblau. Junge Vögel unterscheiden sich wenig von den Alten.

Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde der Schlangenadler als ein sehr unbekannter Vogel angesehen, und seine Naturgeschichte ist auch wirklich erst in den letztvergangenen Jahren festgestellt worden. Der auffallende und leicht kenntliche Raubvogel mag früher mit lichten Bussarden verwechselt worden sein, bis man anfing, auf ihn zu achten. Seit dieser Zeit hat man ihn überall in Deutschland, namentlich in Preußen, Pommern, Schlesien, der Mark Brandenburg, Mecklenburg, auf dem Westerwalde und in der Pfalz als Brutvogel, außerdem aber in allen Teilen unseres Vaterlandes als Zugvogel beobachtet. Regelmäßiger tritt er im Süden des österreichischen Staates, in Südrußland, auf der Balkanhalbinsel und ebenso in Italien, Frankreich und Spanien auf. Bei uns zulande ist er ein Sommervogel, der Anfang Mai ankommt und uns im September wieder verläßt, um den Winter in Mittelafrika und Südasien zu verbringen. Seinen Stand wählt er sich in großen, einsamen Waldungen, und hier führt er, soweit bis jetzt bekannt, ein wahres Stilleben oder macht sich doch wenig bemerklich.

Lebensweise und Betragen, Sitten und Gewohnheiten des Schlangenbussards erinnern ungleich mehr an unsern Mäusebussard als an irgendeinen Adler. Am Horste ist er nach allen Angaben scheu und vorsichtig, doch sieht man ihn nur gegen Abend und in den frühesten Morgenstunden aufgebäumt; während des ganzen übrigen Tages betreibt er langsam und gemächlich seine Jagd. Kreisend schwebt er über nahrungsversprechenden Gefilden, oder bewegungslos sitzt er am Rande der Gewässer, um auf Beute zu lauern. Im Fluge rüttelt er oft wie sein Vetter, der Bussard; beim Angriff senkt er sich langsam in die Tiefe herab und bewegt sich vermittels einiger Flügelschläge noch einige Zeit lang über dem Boden dahin, bis er endlich mit weit ausgebreiteten Fängen auf diesen herabfällt, um das ins Auge gefaßte Tier zu ergreifen. Bei seinen Fußjagden, wie ich sie nennen möchte, watet er oft in das seichte Wasser hinein und greift dann plötzlich mit einem Fange vorwärts. Besonders auffallend war es mir, zu erfahren, daß er alle andern seiner Art mit scheelen Augen betrachtet und futterneidisch über sie herfällt, wenn sie glücklicher waren. Der Schlangenbussard verdient seinen Namen; denn seine Jagd gilt vorzugsweise diesen Kriechtieren. Aber er begnügt sich nicht mit ihnen, sondern nimmt auch Eidechsen und Frösche auf, stellt Fischen nach, jagt auch, nach Jerdon, selbst auf Ratten, schwache Vögel, Krebse, große Kerbtiere und Tausendfüßler. Doch bilden Kriechtiere und Lurche unter allen Umständen sein Lieblingswild. Er geht beim Angriff so verständig zu Werke, daß ihm selbst die gefährlichste Schlange wenig oder nichts anhaben kann. »Mein jung aufgezogener Schlangenadler«, so schreibt Mechlenburg an Lenz, »stürzt sich blitzschnell auf jede Schlange, sie mag so groß und wütend sein, als sie will, packt sie dicht hinter dem Kopfe mit dem einen Fuße und gewöhnlich mit dem andern weiter hinten, unter lautem Geschrei und Flügelschlägen; mit dem Schnabel beißt er dicht hinter dem Kopfe die Sehnen und Bänder durch, und das Tier liegt widerstandslos in seinen Fängen. Nach einigen Minuten beginnt er das Verschlingen, indem er die sich noch stark windende Schlange, den Kopf voran, verschluckt und bei jedem Schluck ihr das Rückgrat zerbeißt. Er hat in einem Vormittage binnen wenigen Stunden drei große Schlangen verzehrt, worunter eine über einen Meter lang und sehr dick war. Nie zerreißt er eine Schlange, um sie stückweise zu verschlingen. Die Schuppen speit er späterhin in Ballen aus. Schlangen zieht er jedem andern Nahrungsmittel vor. Zu gleicher Zeit habe ich ihm lebende Schlangen, Ratten, Vögel und Frösche gebracht; doch fuhr er, die ihm näher befindlichen Tiere nicht berücksichtigend, auf die Schlangen los.« Übrigens ist seine Geschicklichkeit und sein dichtes Gefieder der einzige Schutz gegen das Gift der Schlangen, er selbst aber keineswegs giftfest, wie man früher glaubte. Auf den Wunsch von Lenz ließ Mechlenburg seinen Schlangenbussard von einer Kreuzotter in den Kopf beißen; der Vogel verlor von Stund an seine Munterkeit und endete am dritten Tage.

Der Horst, der regelmäßig auf hohen Laub- oder Nadelbäumen, aber in sehr verschiedener Höhe über dem Boden, ausnahmsweise auch auf Felsen steht, wird Anfang Mai erbaut oder wieder bezogen; denn das Paar kehrt, auch wenn ihm die Eier genommen werden, viele Jahre lang regelmäßig zu demselben Brutgebiete zurück. Der Horst selbst ist kaum größer als der unseres Bussards, besteht aus dürren, nicht eben starken Zweigen, und die flache Nestmulde ist mit eben solchen ausgelegt. Wie bei andern Raubvögeln kleiden die Alten die Nestmulde wohl auch mit grünem Laube aus und befestigen außerdem grüne Zweige als Schattendach. Man hat angegeben, daß das Weibchen zwei Eier legt, immer aber nur ein einziges Ei gefunden und zwar in den ersten Tagen des Mai, bald nach Ankunft der Vögel am Horste. Es ist länglichrund, verhältnismäßig sehr groß, dünn und rauhschalig und bläulichweiß von Farbe. Der Paarung gehen, laut Tristram, oft wiederholte Flugspiele voraus. Männchen und Weibchen verfolgen einander unter lautem Geschrei, erheben sich in die Luft, beschreiben in bedeutender Höhe über dem Boden enge Kreise und stürzen sich dann plötzlich wieder niederwärts, das Weibchen in den Horst, das Männchen dicht daneben auf seinen Ruhesitz und Wachtposten. Beide Gatten brüten, nach Mechlenburg, achtundzwanzig Tage lang, beide teilen sich auch in Erziehung und Auffütterung der Jungen. Bei Gefahr trägt die besorgte Mutter ihr Junges einem andern Horste zu; so beobachteten übereinstimmend und voneinander gänzlich unabhängig Graf Wodzicki und die Jäger des Prinzen von Wied.

Jung aufgezogene Schlangenadler werden zahm und zutraulich; doch muß man sich, um das zu erreichen, viel mit ihnen abgeben.

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Der Wespenbussard, Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Pernis), ist gestreckter gebaut als alle andern Glieder seiner Familie.

Unser Wespen- oder Honigbussard ( Pernis apivorus) erreicht eine Länge von neunundfünfzig bis zweiundsechzig, eine Breite von einhundertfünfunddreißig bis einhundertvierzig Zentimeter; die Fittichlänge beträgt vierzig, die Schwanzlänge dreiundzwanzig Zentimeter. Das Gefieder ist mannigfachem und zufälligem Wechsel unterworfen; zuweilen ist das Kleid einfarbig braun, der Kopf des Männchens graublau und nur der Schwanz durch drei große und mehrere kleine braune Binden gezeichnet; oft wieder ist der Oberkörper braun, der Unterkörper hingegen mehr oder weniger weiß gefleckt oder weiß und durch braune Querflecke und Schaftstriche gezeichnet. Junge Vögel sind gewöhnlich braun oder gelbbraun, die Federn dunkler geschaftet, die des Nackens heller. Das Auge ist silberweiß bis goldgelb, der Schnabel schwarz, die Wachshaut goldgelb, der Fuß zitrongelb.

Ganz Europa, mit Ausnahme der nördlichen Länder, ist die Heimat des Wespenbussards. Vom mittleren Skandinavien und Finnland an fehlt er nirgends, tritt aber, vielleicht mit alleiniger Ausnahme Ostrußlands, überall vereinzelt und bloß stellenweise auf. In Deutschland bevorzugt er den Westen, ohne jedoch im Norden zu fehlen. Er tritt in der Tiefebene häufiger auf als im Mittelgebirge, scheint überhaupt tausend Meter unbedingter Höhe nicht zu übersteigen und läßt sich außerdem durch den herrschenden Bestand der Wälder beeinflussen. Reine Nadelholzbestände meidet er mehr oder weniger, zieht ihnen mindestens Laubwaldungen unbedingt vor und scheint sich, laut Altum, wiederum lieber in Buchen als in Eichenwaldungen festzusetzen. Erst spät im Frühjahre, in der Regel zu Ende des Monats April, stellt er sich bei uns ein, zieht aber bis zu Ende Mai noch einzeln durch Deutschland, seinen nördlichen Wohnkreisen zu, und bereits von August an beginnt er seine Rückwanderung, die ihn bis ins Innere, sogar bis zum Süden Afrikas führt. In der Regel wandert er einzeln oder in kleinen Gesellschaften; es kann aber auch vorkommen, daß er im Laufe eines Tages zu Hunderten auf einer seiner Heerstraßen bemerkt wird.

»Der Wespenbussard«, sagt Naumann, »ist ein sehr unedler, feiger Vogel und übertrifft in dieser Hinsicht alle andern einheimischen Raubvögel. Gutmütigkeit und Furchtsamkeit sind die Grundzüge seines Charakters. Er ist scheu und fliegt langsam und schwerfällig, auch meistenteils nur niedrig über dem Boden dahin. Fliegend bewegt er die Schwingen mit matten, bei Wendungen ziemlich ungeschickten Schlägen, gleitet oft streckenweise auch ganz ohne diese durch die Luft und wendet sich dann auch leichter, fliegt überhaupt sanfter und noch träger als die andern Bussarde.« Sein Flugbild unterscheidet sich, wie ich hinzufügen will, leicht von dem seines in Deutschland gewöhnlichen Verwandten. Der ganze Vogel erscheint merklich gestreckter als der Bussard und läßt sich, auch wenn er das für alle Bussarde bezeichnende Bild des Dreispitzes vor das Auge führt, mit Sicherheit an seinen verhältnismäßig längeren und schmäleren Flugwerkzeugen, den Schwingen wie dem Schwanze, erkennen. »In seinem Betragen«, fährt Naumann fort, »verrät er die größte Trägheit. Man sieht ihn stundenlang auf einem Flecke, mehrenteils auf Grenzsteinen und einzelnen Feldbäumen sitzen und auf Raub lauern. Gegen die Gewohnheit anderer Raubvögel geht er ziemlich gut, verfolgt auch die Kerbtiere sehr oft zu Fuß. Auf der Erde umherschreitend, den Kopf etwas hoch getragen, dagegen die Federn des Hinterkopfes und Nackens gestreift, würde er einem kleinen Adler nicht unähnlich sehen, wenn sein krähenartiger Gang ihn nicht sogleich unterschiede und kenntlich machte. Die Stimme ist ein hastiges, oft wiederholtes ?Kikikik?, das zuweilen mehrere Minuten in einem Zuge fortdauert.«

Nicht umsonst trägt der Wespenbussard seinen Namen; denn Wespen und andere Bienen bilden in der Tat einen Hauptteil seiner Mahlzeiten. Den über der Erde bauenden Bienen bricht er wahrscheinlich ihre Kuppelnester von den Zweigen ab, den unter dem Boden wohnenden kommt er bei, indem er die Nester ausscharrt. »Ich sah einst«, schreibt mir Liebe, »ein paar Wespenbussarde auf einem Feldrande damit beschäftigt, ein Hummelnest auszugraben. Das Weibchen packte mit dem Fange Rasenstücke und Erde und riß so Brocken für Brocken heraus, bisweilen mit dem Schnabel nachhelfend. Das Männchen löste seine Ehehälfte einige Male auf kurze Zeit ab. Nach etwa einer Viertelstunde war die Arbeit getan.« Hat der Vogel ein Bienennest entdeckt, so läßt er sich nicht leicht von ihm vertreiben. Naumann betrachtet ihn als einen argen Nestplünderer und bezichtigt ihn außerdem, neben Mäusen, Ratten, Hamstern und dergleichen auch wohl einen jungen Hasen abzuwürgen. Beim Habicht soll er sich zuweilen zu Gaste bitten, das heißt so lange in der Nähe des fressenden Räubers warten, bis dieser seine Tafel aufgehoben hat, und dann mit dem vorlieb nehmen, was jener übrig läßt. Im Hochsommer endlich soll er, außer den Heidelbeeren, auch Preißel- und andere Waldbeeren verzehren. »Bald«, sagt Altum, »ist der Kropf gefüllt mit Erdraupen und kleinen Grasraupen, bald mit Wespen- und namentlich mit Hummelbrut, bald mit kleinen, nackten Spannräupchen, bald mit Fröschen, bald mit einer Familie Nestvögel, von denen er die Drosseln besonders zu lieben scheint; Mäuse, die er ohne Zweifel verzehrt, fand ich nie. Kerbtiere, namentlich Käfer, Hummelbrut, Erd-, Gras- und Spannraupen scheinen nebst Fröschen seine Hauptnahrung zu sein.«

Alle Beobachter, die die Kerbtiere im Kropfe und Magen des Wespenbussards untersuchten, bemerkten übereinstimmend, daß der Vogel nie verfehle, dem Immengeschlechte, also Hornissen, Wespen, Hummeln und Bienen, vor dem Verschlingen den Stachel abzubeißen. Er weiß diese Tiere, wie Naumann schildert, so geschickt zu fangen, daß er sie beim Zuschnappen seitlich quer in den Schnabel bekommt, durch rasches Zusammenrücken der Kiefer die Spitze des Hinterleibes in einige Millimeter Breite zusamt dem Stachel abbeißt, diese Stückchen fallen läßt und nicht mit verschluckt, weil ihn sonst der Stachel im Munde, Schlunde usw. tödlich verletzen könnte. Sämtliche Kerbtiere werden stets so verstümmelt, und nie war ein Stachel darunter zu finden. Beim Fange selbst schützen ihn schon das derbe Gefieder und die harten Fußschilder vor den Stichen der ihn Umsummenden.

Unmittelbar nach seiner Ankunft in der Heimat beginnt der Wespenbussard mit dem Baue oder der Aufbesserung seines Horstes. Zur Anlage desselben bevorzugt er an Felder und Wiesen grenzende Laubwaldungen allen übrigen Beständen. Selbst zu bauen entschließt er sich nur in Notfällen; weit lieber benutzt er den vorjährigen Bau eines Bussards oder Milans, selbst ein altes Krähennest, das er so weit, als ihm nötig scheint, herrichtet, namentlich, wenn auch nicht in allen Fällen, mit frischen, grünen Reisern versieht. Wenn er sich entschließen muß, selbst zu bauen, verfährt er so ungeschickt und liederlich wie möglich. Der Bau ist dann immer schlecht und besteht meist nur aus dünnen Reisern, die leicht übereinander geschichtet, zuweilen sogar so wenig zusammengelegt sind, daß man von unten her die Eier durchschimmern sehen kann. Während der Begattungszeit vergnügt sich das Paar nach anderer Raubvögel Art durch Flugspiele in hoher Luft, und es ist dann, wie Naumann sagt, »sehr ergötzlich, bei heiterem Wetter diesen Spielen über dem Nitzplatze zuzusehen; wie das Paar hoch in den Lüften ohne Flügelschlag zunächst in weiten Kreisen sich immer höher hinaufdreht, dann das Männchen allmählich sich hoch über das Weibchen erhebt, nun aus größter Höhe mit fast senkrecht nach oben gestellten Flügeln und einer eigentümlichen, schnell schüttelnden Bewegung derselben sich wieder zu ihm herabläßt, jedoch sogleich wieder zu voriger Höhe heraufschraubt, um sich auf jene Weise abermals herabzusenken, dann wieder aufzusteigen und so dies anmutige Spiel Viertelstunden lang zu wiederholen.«

Noch bevor die Eier gelegt werden, sitzen beide Gatten lange im Horste. Sachse, der im Westerwalde binnen zwölf bis vierzehn Jahren nicht weniger als einunddreißig Horste des in andern Gegenden seltenen Raubvogels besuchte, fand, daß schon am elften Mai grünes Laub eingetragen wurde, obwohl erst am vierten Juni frische Eier im Horste lagen. Zwei Eier, die nach Gestalt und Farbe sehr abweichen, bilden das Gelege. Sie sind bald rundlich, bald eiförmig; ihre Schale ist mehr oder weniger glänzend und auf gelbweißem oder braunrotem Grunde heller oder dunkler gemarmelt, zuweilen gleichmäßig, zuweilen auf der einen Hälfte dunkler als auf der andern. Nach Sachses Erfahrungen werden die Eier frühestens Ende Mai, und zwar in Zwischenräumen von drei bis fünf Tagen gelegt. Männchen und Weibchen bebrüten sie abwechselnd und füttern einander gegenseitig mit Wespen- und Hummelbrut, die in Waben herbeigeschleppt und oft in Menge im Horste aufgespeichert wird. Auffallend ist die geringe Scheu der brütenden Wespenbussarde am Horste. »Am 6. Juni 1870 vermutete ich in einem öfters zuvor besuchten Horste Eier. Der Vogel saß auf denselben, und der Schwanz reichte über den Nestrand. Ich klopfte mit dem Stocke an die Eiche, der Vogel aber blieb sitzen. Erst nach wiederholtem Klopfen trat er auf den Rand des Horstes, blies das Gefieder auf und sträubte die Kopffedern, sah mich grimmig an, schüttelte sich und setzte sich wieder auf seine Eier. Erst als ich den Horst beinahe erreicht hatte, stand er auf, ging gemächlich den Zweig, auf dem der Horst stand, entlang und stob dann ab. Von Krähen und kleineren Vögeln verfolgt, umkreiste er den Baum eine Zeitlang und bäumte ungefähr fünfzig Schritte von mir wieder auf. Die beiden Eier waren vier bis fünf Tage bebrütet. Es ist mir wiederholt vorgekommen, daß der Vogel erst vom Horste flog, als ich denselben beinahe erreicht hatte.« Die Jungen werden anfänglich mit Raupen, Fliegen und andern Kerbtieren ernährt, und zwar, indem die Eltern ihnen die im Schlunde gesammelte Speise vorspeien, während sie später ganze, mit Brut angefüllte Waben und Wespennester auftischen und schließlich auch junge Frösche, Vögel und dergleichen herbeischaffen. Auch nach dem Ausfliegen benutzen die Jungen den Horst noch einige Zeit zur Nachtruhe, später beginnen sie umherzustreifen, halten sich aber noch zusammen und kehren wahrscheinlich auch jetzt immer und immer wieder zu ihrer Geburtsstätte zurück. Unter Führung und Leitung ihrer Eltern erwerben sie sich bald die Fähigkeit, sich selbst zu ernähren, verharren jedoch noch geraume Zeit in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zu ihnen.

In der Gefangenschaft ist der Wespenbussard, laut Behrends, höchst unterhaltend. »Ein flugbares Männchen, das ich eingefangen, ward schon nach wenigen Wochen gegen ihm bekannte Leute wie auch gegen meine Hunde in hohem Grade zutraulich, ja anhänglich, nahm aber jedem fremden Hunde gegenüber eine Angriffsstellung an, sträubte die Federn und ging auf ihn los. Besondere Zuneigung hatte er zu einem kleinen Hunde gewonnen. Lag dieser, so setzte der Vogel sich zwischen seine Füße, spielte mit ihm oder zauste mit dem Schnabel seine Haare, was er sich denn auch gutwillig gefallen ließ. Nur beim Fressen war der Bussard zuweilen tückisch, jagte die Hunde, die sich ihm nicht widersetzten, vom Futter und bewachte letzteres oft längere Zeit, ohne selbst davon zu fressen. Er lief in und außer dem Hause umher, und schrie, wenn er eine Tür verschlossen fand, aus Leibeskräften so lange, bis solche geöffnet wurde. Er hörte auf den Ruf ?Hans?, kam aber nur, wenn er gut gelaunt oder hungrig war. In Zeiten guter Laune sprang er Frauen auf den Schoß, hob oft einen Flügel auf, um sich unter demselben krauen zu lassen, wobei er unter sichtlichem Wohlbehagen die Augen zudrückte, oder setzte sich auf deren Schultern und spielte in den Haaren. Tat ihm jemand etwas zuleide, so merkte er es lange Zeit und mied diese Person. Hatte er Hunger, so lief er der Magd, die ihn gewöhnlich fütterte, schreiend im ganzen Hause nach und zupfte dabei an deren Kleidern; wollte sie ihn abwehren, so schrie er entsetzlich und stellte sich zur Wehr. Seine liebste Nahrung war Semmel und Milch; doch fraß er auch alles andere, wie Fleisch, Mehlspeisen, Kartoffeln, zuweilen auch einen kleinen Vogel. Ein Wespennest, das in einem Garten an einem Busche hing, fesselte ihn nicht im mindesten. Wespen, die ihm um den Kopf flogen, suchte er durch Kopfschütteln abzuwehren; hielt man ihm solche vor den Schnabel, so biß er dieselben tot, fraß sie aber nie. Gegen Kälte war er sehr empfindlich. Im Winter versteckte er sich häufig unter dem Ofen und verhielt sich, da er nicht gern im Zimmer geduldet wurde, ganz ruhig, um seine Anwesenheit nicht zu verraten. Im allgemeinen hatte er mehr das Betragen einer Krähe als eines Raubvogels; nur waren seine Bewegungen gemessener und bedächtiger, sein Gang schreitend, nie hüpfend, nur wenn er gejagt wurde, machte er einige Sätze. Er starb nach drei Jahren.

»Ein alt eingefangenes Weibchen liebte Wespenbrut leidenschaftlich. Hielt man ihm ein Wespennest vor, so wurde es sichtlich aufgeregt, stieß mit Begierde danach und verschluckte ganze Stücke davon. Leere Wespennester zerriß es, nach Brut suchend, in Fetzen. Sonst war, wie bei dem vorigen, Semmel und Milch seine Lieblingsspeise. Tote Vögel ließ es oft unberührt; lieber waren ihm Frösche; auch Maikäfer fraß es, doch nicht besonders gern. Gegen meine übrigen Haustiere war der Wespenbussard im hohen Grade verträglich. Ergötzlich war es anzusehen, wenn er mit denselben, nämlich zwei Meerschweinchen, einem Stare, einem Goldregenpfeifer und zwei Wachteln, aus einer Schüssel fraß. Keines der genannten Tiere zeigte die geringste Furcht vor ihm, ja, der naseweise Star biß oft aus Futterneid nach ihm oder spritzte ihm Milch ins Gesicht, was er ganz ruhig hinnahm. Zuweilen erhob er sich dabei sehr würdevoll und überschaute mit stolzem Blicke den bunten Kreis seiner Tischgenossen. Einmal erhielt ich eine Taube, setzte sie neben den Wespenbussard und erstaunte nicht wenig, als dieselbe, statt Furcht zu zeigen, sich innig an den Falken schmiegte. Sie zeigte überhaupt bald eine solche Anhänglichkeit an ihn, daß sie nicht mehr von dessen Seite wich. War sie von der Stange, auf der sie neben ihm saß, zum Futter herabgehüpft, so lief sie, da sie nicht fliegen konnte, so lange unter ihrem Freunde hin und her, bis man sie wieder hinauf setzte; verhielt sich der Falke nicht ruhig, so hackte sie oft nach ihm, was ihn aber gar nicht zu beleidigen schien. So gutmütig der Wespenbussard gegen Menschen und die genannten Tiere, so bösartig war er, wenn ein Hund in seine Nähe kam; pfeilschnell und mit größter Wut schoß er nach dem Kopfe des Hundes, schlug seine Fänge ein, biß, und schlug ihn mit den Flügeln; dabei sträubte er die Federn und fauchte wie eine Katze. Die Hunde, auch die stärksten und bösartigsten, gerieten in die größte Angst und suchten das Weite. Auch wenn der Hund entronnen war, beruhigte er sich nicht gleich, sondern biß eine Zeitlang in blinder Wut nach allem, was sich ihm näherte.

Er liebte sehr den Sonnenschein, setzte sich daher oft mit ausgebreiteten Flügeln und geöffnetem Schnabel an ein offenes Fenster und flog auch auf die benachbarten Dächer. Regen scheute er sehr; wurde er von einem solchen überrascht, so verkroch er sich schnell in die nächste Ecke. Gegen Kälte war auch er sehr empfindlich und mußte deshalb im Winter in der Arbeitsstube gehalten werden.«

Der Wert des Wespenbussards ist, wie Altum hervorhebt, leicht zu überschätzen, wenn man nur die von ihm verzehrten Raupen, Grillen und Wespen berücksichtigt, dagegen außer acht läßt, daß Frösche und Hummeln durchaus keine schädlichen Tiere sind, und er viele Vogelbruten zerstört. Gerechte Abwägung des Schadens und des Nutzens, den er leistet, muß aber zu der Erkenntnis führen, daß er Schonung und nicht Verfolgung verdient.

siehe

Bussarde:
Mäusebussard (Buteo vulgaris)
Schlangenbussard (Circaëtus gallicus)

Unser Mäusebussard ist das Urbild der Familie und der Sippe der Bussarde ( Buteo). Von dem Wespenbussard unterscheidet er sich augenfällig durch feine, weiche, haarförmige, von der Mitte strahlenförmig ausgehende Federchen, die die Zügel und die Umgebung des Schnabels bekleiden. Der Mäusebussard ( Buteo vulgaris) erreicht eine Länge von fünfzig bis sechsundfünfzig bei einer Breite von hundertzwanzig bis hundertfünfundzwanzig Zentimeter; die Länge des Fittichs beträgt achtunddreißig bis vierzig, die des Schwanzes sechsundzwanzig Zentimeter. Über die Färbung ist schwer etwas Allgemeingültiges zu sagen; denn der Bussard ändert außergewöhnlich ab, so daß man selten zwei vollkommen gleich gefärbte Stücke von ihm sieht. Einzelne sind gleichmäßig schwarzbraun, aus dem Schwanz gebändert, andere braun auf der Oberseite, der Brust und den Schenkeln, sonst aber auch auf lichtbraunem Grund in die Quere gefleckt, andere lichtbraun, bis auf den Schwanz längs gestreift, andere gelblichweiß mit dunkleren Schwingen und Schwanzfedern, auf der Brust gefleckt, auf den Steuerfedern gebändert usw. Das Auge ist in der Jugend graubraun, später rötlichbraun, im hohen Alter grau, die Wachshaut wachs-, der Fuß hellgelb, der Schnabel am Grunde bläulich, an der Spitze schwärzlich.

Das Verbreitungsgebiet des Bussards reicht nicht weit über Europa hinaus. Schon in den Steppen Südrußlands ersetzt ihn der merklich größere und hochläufigere, an seinem meist lichten, fast weißem Schwanze zu erkennende Raub- oder Adlerbussard ( Buteo ferox); in Sibirien, Kleinasien, Nordostafrika wird er durch den, auf dem Zuge nach Deutschland durchwandernden Steppenbussard ( Buteo desertorum) vertreten, der sich, im Gegensatz zu jenem, durch merklich geringere Größe und vorwaltend rötliches Gefieder, mindestens deutlich rötlichen Schwanz kennzeichnet, unserm Bussard jedoch so nahe steht, daß er leicht mit ihm verwechselt werden kann. Unser Bussard ist in Großbritannien fast ausgerottet worden, im südlichen Skandinavien, Nord- und Mittelrußland, Dänemark, Deutschland, Österreich-Ungarn dagegen einer der häufigsten Raubvögel, in Holland hauptsächlich auf die östlichen Teile beschränkt, in Belgien und Frankreich seltener Stand-, aber häufiger Wandervogel, auf den drei südlichen Halbinseln regelmäßiger Wintergast. Im südlichen Deutschland verweilt er gewöhnlich auch während der Winterzeit, in den nördlichen Teilen wandert der größere Teil der Brutvögel; kältere Gegenden verläßt der Bussard allherbstlich, und zwar im September und Oktober, um im März oder April zurückzukehren. Gelegentlich des Zuges bildet er Gesellschaften von zwanzig bis mehr als hundert Stück, die zwar miteinander in gleicher Richtung dahinfliegen, aber durchaus keine Schwärme bilden, sondern sich über Flächen von mehreren Geviertkilometern verteilen, langsam und meist in ziemlicher Höhe dahinfliegen, auch stets noch Zeit finden, halbe Stunden lang in weiten Kreisen sich emporzuschrauben. Auf dem Rückzuge verweilen sie gern einige Tage an nahrungversprechenden Orten und wandern dann ein Stück weiter. Zum Standorte wählt das Paar Waldungen aller Art, am liebsten solche, die mit Feld und Wiesen abwechseln, fehlt jedoch auch in ausgedehnten Forsten nicht und steigt hoch im Gebirge empor.

Der geübte Beobachter erkennt den Bussard auf den ersten Blick, derselbe mag sitzen oder fliegen. Gewöhnlich sitzt er zusammengedrückt, mit wenig anliegenden Federn, gern auf einem Fuße, den andern zusammengebogen zwischen den Federn versteckt. Der Stein, der Erdhügel oder der Baum, den er zum Ruhesitze erwählt hat, dient ihm als Warte, von der aus er sein Gebiet überschaut. Der Flug ist langsam, aber leicht, fast geräuschlos und auf weite Strecken hin schwebend. Jagend erhält sich der Bussard rüttelnd oft längere Zeit über einer und derselben Stelle, um diese auf das genaueste abzusuchen oder ein von ihm bemerktes Tier genauer ins Auge zu fassen. Angreifend fällt er mit hart angezogenen Schwingen zu Boden herab, breitet dicht über demselben die Fittiche wieder, fliegt wohl auch noch eine kurze Strecke über dem Boden dahin und greift dann mit weit ausgestreckten Fängen nach seiner Beute. Bei gewöhnlicher Jagd erhebt er sich seltener in bedeutende Höhe; im Frühjahre aber, und namentlich zur Zeit seiner Liebe, steigt er ungemein hoch empor und entfaltet dabei Künste, die man ihm kaum zutrauen möchte. »Da, wo er horstet«, sagt Altum sehr richtig, »ist er eine wahre Zierde der Gegend. Es gewährt einen prachtvollen Anblick, wenn die beiden Alten an heiteren Frühlingstagen und auch später noch in den schönsten Kreisen über dem Walde sich wiegen. Ihr lautes und schallendes »Hiäh« erhöht noch die angenehme Belebung. Haben sie ihre Künste im Fliegen lange genug ausgeführt, so zieht einer die beiden Flügel an und wirft sich in laut sausendem Sturze herab in den Wald, und sofort folgt auch der andere nach.« Seine Stimme ähnelt dem Miauen einer Katze, und ihr verdankt er seinen Namen, da das Wort »Buse« soviel als Katze bedeutet, der Bussard also Katzenaar genannt worden ist. Unter den Sinnen steht das Gesicht obenan; aber auch das Gehör ist scharf, das Gefühl fein, der Geschmack wenigstens nicht verkümmert und der Geruch vielleicht ausgebildeter, als wir glauben. Sowohl der freilebende, wie der gefangene geben oft Beweise großer Klugheit, List und Verschlagenheit.

Ende April oder zu Anfang des Mai bezieht der Bussard seinen alten Horst wieder oder erbaut einen neuen. Er erwählt hierzu einen ihm passenden Baum in Laub- oder Nadelwäldern und errichtet hier, bald höher, bald niedriger über dem Boden, in der Regel möglichst nahe am Stamme, entweder in Zwiseln oder in passenden Astgabeln, den fast immer großen, mit den Jahren an Umfang zunehmenden Bau, falls er nicht vorzieht, ein ihm geeignet erscheinendes Kolkraben- oder Krähennest zu benutzen. In den meisten Fällen ist er nicht allein Baumeister für sich, sondern auch für viele andere Raubvögel unseres Vaterlandes. Der Horst hat ungefähr sechzig, höchstens achtzig Zentimeter im Durchmesser und besteht aus stärkeren Zweigen, die nach obenhin immer dünner und zuletzt mit großer Sorgfalt ausgewählt zu werden pflegen, so daß die flache Vertiefung mit zarten, grünen Reisern ausgeschmückt erscheint. Zuweilen füttert er die Mulde auch mit Moos, Tierhaaren und anderen weichen Stoffen aus. Drei bis vier Eier, die auf grünlichweißem Grunde hellbraun gefleckt sind, bilden das Gelege. Das Weibchen scheint allein zu brüten; die Jungen aber werden von beiden Eltern gemeinschaftlich ernährt.

Dem Bussarde ergeht es ungefähr ebenso wie dem Fuchse. Jeder Übergriff von ihm wird mit mißgünstigen Blicken bemerkt, seine uns Nutzen bringenden Tätigkeiten dagegen regelmäßig unterschätzt. In den Augen aller Jäger gilt er als der schädlichste Raubvogel unseres Vaterlandes und wird deshalb mit förmlicher Erbitterung verfolgt. Wahr ist es freilich, daß der Bussard, ebenso gut wie Mäuse, Ratten und Hamster, Schlangen, Frösche, Kerbtiere und Regenwürmer, auch junge Hasen fängt oder alten, kranken, namentlich verwundeten den Garaus macht und von ihrem Wildprete kröpft, nicht minder richtig, daß er zuweilen Rebhühner schlägt, möglich sogar, daß er gewandt genug ist, um selbst im Sommer und Herbste gesunde Feldhühner oder Fasane zu schlagen, erwiesen ferner, daß er seinen Jungen außer den eben genannten Wildarten Maulwürfe, Finken, Lerchen, Amseln und andere junge Vögel, deren er sich bemächtigen kann, zuträgt, nicht wohl in Abrede zu stellen endlich, daß er nach Art der Weihen unter Umständen sogar Enten-, vielleicht noch andere Jagdvogeleier frißt. Aber die Hauptnahrung des Bussards besteht trotzdem in allen Arten von Mäusen, in Ratten, Hamstern, Ziseln, Fröschen, Heuschrecken und anderen Kerbtieren, also in Tieren, welche uns entweder auf das empfindlichste schädigen oder, wie die Frösche, in so zahlreicher Menge vorhanden sind, daß die Vernichtung einzelner von ihnen nicht in Betracht kommt. Blasius hat dreißig Mäuse dem Magen eines einzigen Bussards entnommen, Martin hunderte dieser ihm zum Ausstopfen überlieferten Raubvögel geöffnet und in aller Kröpfe nur Mäuse gefunden. Es mag sein, daß die Annahme von Lenz, nach welcher ein Bussard bei dreißig Mäusen täglich ungefähr zehntausend Stück der schädlichen Nager vertilgen soll, wie alle ähnlichen auf derartige Berechnungen gegründete Mutmaßungen, falsch ist; richtig aber wird trotz alledem sein und bleiben, daß der Bussard im allgemeinen durch Aufzehren der Mäuse mehr nützt, als er durch Schlagen einzelner Wildarten schadet. Nicht vergessen darf man hierbei namentlich noch das eine, daß auch dieser Raubvogel wie alle Verwandten mehr oder weniger den Verhältnissen sich anbequemt, also in besonders wildreichen Gegenden in erklärlicher Weise öfters an einer Wildart sich vergreift als in einer wildarmen, wo ihm die Flüchtigkeit solcher Beute ungleich mehr Mühe verursacht als die Erwerbung seiner regelmäßigen Nahrung, ebensowenig außer acht lassen, daß er zeitweilig besonders schädlich wird, namentlich, wenn er hungrige, viel verlangende Junge aufzufüttern hat, alles schlägt, was er zu erlangen und zu bewältigen imstande ist, und wenn der Hunger ihn treibt, sich im Winter besonders kühn zeigt.

Um den Bussarden, die ich auf unseren Fluren nicht missen möchte, noch einige Freunde zu werben, will ich noch ausdrücklich hervorheben, daß der so oft geschmähte Vogel einer der wirksamsten Vertilger der Kreuzotter ist. Um die Gefährlichkeit der Kämpfe des Bussards mit Vipern zu würdigen, muß man wissen, daß er nicht gefeit ist gegen das Gift der Kreuzottern, sondern den Bissen des tückischen Kriechtieres erliegt, wenn diese einen blutreichen Teil des Leibes getroffen haben. Es mag allerdings selten vorkommen, daß der Raubvogel nicht als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht; einzelne aber finden gewiß ihren Tod in dem Kampfe mit Kreuzottern. So erfuhr Holland eine wirklich rührende Geschichte von einem ihm befreundeten glaubwürdigen Forstmanne. Derselbe hatte einen Bussardhorst erstiegen, weil der Vogel, den er von unten schon gesehen, nicht abgeflogen war. Als er nun zum Horste kam, bemerkte er, daß der Bussard nicht mehr lebte. Er nahm ihn in die Höhe und sah zu seinem nicht geringen Schrecken eine lebende Kreuzotter unter dem Bussard liegen. Dieser mußte also die Schlange in den Horst getragen, einen Biß von ihr empfangen haben und an demselben verendet sein.

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Die nördlichen Länder der Erde, insbesondere aber die Tundra, bewohnt ein Bussard, der sich durch seine wie bei den Adlern befiederten Fußwurzeln besonders auszeichnet und deshalb von meinem Vater zum Vertreter einer gleichnamigen Sippe ( Archibuteo) erhoben worden ist, der Rauhfußbussard oder Schneeaar ( Archibuteo lagopus). Der Schnabel ist klein und schmal, stark gekrümmt und langhakig; die ungemein abändernde Färbung ist ein Gemisch von Weiß, Gelblichweiß, Rotgrau, Braunschwarz und Braun. Die Länge beträgt fünfundsechzig, die Breite etwa hundertundfünfzig, die Fittichlänge fünfundvierzig, die Schwanzlänge vierundzwanzig Zentimeter.

Obwohl der Rauhfußbussard in verschiedenen Teilen Deutschlands, insbesondere aber auf Rügen, in Westpreußen, der Lausitz, Thüringen und am Taunus, gehorstet haben soll, liegt unser Vaterland doch jenseit der Grenze seines eigentlichen Brutgebietes. Als dieses hat man die Tundra anzusehen. In Europa sind es vor allem Skandinavien und Nordrußland, wo man ihm während des Sommers begegnet; in Sibirien haben wir ihn erst am nördlichen Rande des Waldgürtels, weit häufiger aber in der eigentlichen Tundra beobachtet, und in Nordamerika, wo er ebenfalls vorkommt, werden zweifellos dieselben Verhältnisse maßgebend sein. Selbst da, wo er weiter im Süden horstet, wie beispielsweise in Skandinavien, pflegt er sich zu einem Wohnsitze solche Stellen auszusuchen, die der Tundra gleichen oder, streng genommen, Tundra sind, ob sie auch rings von Waldungen umgeben sein sollten, wie beispielsweise die nackten, kahlen Fjelds der Gebirge. Bei uns zulande trifft der Rauhfußbussard, von Norden kommend, um die Mitte des Oktober, selten früher, meist etwas später ein, um hier, in seiner Winterherberge, bis in den März, selbst bis zum April, zu verweilen. Von Nordrußland aus besucht er die südlichen Teile des Landes oder bezieht die an das Schwarze Meer grenzenden Landstriche; von Sibirien aus wandert er bis in die Steppen Turkestans.

Ein geübter Beobachter ist imstande, den Rauhfußbussard in jeder Stellung, namentlich aber im Fliegen, von seinen einheimischen Verwandten zu unterscheiden. Die längeren Flügel mit den schwarzen Flecken am Handgelenke und die auffallende Schwanzzeichnung lassen das Flugbild von dem des Bussards hinlänglich abweichend erscheinen. Auch sind die Bewegungen beider Vögel verschieden, indem der Rauhfußbussard die Schwingen beim Schlagen tiefer nach unten bewegt und nach je zwei oder drei Schlägen eine Strecke geradeaus zu schweben pflegt. Abgesehen hiervon, unterscheiden sich beide Arten in ihrem Winterleben so wenig, daß man das von dem einen beobachtete unbedenklich auch auf den anderen beziehen kann. Viel eher und bestimmter lassen sich hinsichtlich des Sommerlebens der beiden so nahe verwandten Vögel Unterschiede nachweisen.

Der Horst unseres Vogels steht in der Tundra nur höchst selten auf einer Stelle, die nicht ohne weitere Anstrengung erreicht werden könnte. Zwar verfehlt auch der Rauhfußbussard nie, Bäume oder passende Felsennischen zu verwenden, ist aber auf weite Strecken hin hierzu gar nicht imstande, weil es an vielen Stellen seines eigenartigen Brutgebietes wohl hinreichende Nahrung, nicht aber Bäume oder Felsen gibt, er sieht sich daher genötigt, seinen Horst auf dem Boden selbst anzulegen. Abweichend von dem Wanderfalken wählt er hierzu nicht solche Stellen, die an Abhänge grenzen, sondern regelmäßig die Spitze eines Hügels, gleichviel ob derselbe dreißig bis fünfzig oder nur zwei bis drei Meter über die durchschnittliche Höhe der Ebene sich erhebt. Abgesehen von dem für einen Bussard sicherlich auffallenden Standort, zeichnet sich der Horst, der in waldigen Gegenden von dem unseres Mausers kaum abweicht, in der Tundra noch dadurch aus, daß ausschließlich dünne, gebrechliche Zweige zu seinem Aufbau verwendet werden; kostet es doch unserm Rauhfußbussard Mühe genug, selbst diese herbeizuschaffen. Weite Strecken durchfliegend, findet er nur hier und da einen durch irgendeinen Zufall abgebrochenen Zwergbirkenzweig, im günstigsten Fall einen ausgerissenen Zwergbirkenstrauch oder einen dürren Lärchenast, den er verwenden kann: sehr erklärlich daher, daß er sich mit den unbedeutendsten Zweigen begnügt und selbst solche zum Unterbau verwendet, die nicht dicker sind als die ineinander verfilzten der Zwergbirkenkronen, auf denen der Horst steht. Findet der Rauhfußbussard Renntierhaare oder sonstige weiche Stoffe zur Ausfütterung, so schleppt er auch diese herbei, wenn nicht, begnügt er sich, die sehr flache Nestmulde regelmäßiger als den unteren Teil des Horstes mit sehr dünnen Zweigen und einzelnen Riedgrashalmen auszukleiden. Im nördlichen Skandinavien legt er, nach Wolleys Beobachtungen, in der Zeit von Mitte Mai bis zu Ende Juni, in der Tundra Westsibiriens anscheinend auch nicht später. Ende Juli und Anfang August fanden wir in verschiedenen Horsten Junge im Dunenkleid.

Betritt man das Wohngebiet eines Rauhfußpaares, so wird man gewiß durch die Alten selbst auf den Horst aufmerksam gemacht und, wenn man verständnisvoll ihnen folgt, von ihnen sogar zur Brutstätte geführt werden. Einer der Alten hat den herbeikommenden Menschen, einen ihm ungewohnten Gegenstand, von fern entdeckt und fliegt eilig herbei, um sich den Eindringling genau zu betrachten, bricht dann in lautklagendes Geschrei aus und lockt damit regelmäßig, meist bereits in den ersten Minuten, seinen Gatten herbei. Beide kreisen in vorsichtig bemessener Höhe, mindestens außer der Schußweite eines Schrotgewehres, über dem Wanderer, schrauben sich im Kreise allmählich höher und höher, stürzen von Zeit zu Zeit wieder tief herab, als ob sie einen Angriff ausführen wollten, wagen aber niemals einen ebenso kühnen Stoß wie Wanderfalken unter gleichen Umständen, und setzen ihre Sicherheit nicht aus den Augen. Aus der zunehmenden Heftigkeit ihres Geschreies und ihrer Bewegungen kann man zwar entnehmen, daß man sich dem Horste nähert, demungeachtet ist es nicht immer leicht, ihn zu finden. Man kann in nicht allzu großer Entfernung an ihm vorübergehen, da er selbst in keiner Weise auffällt und nur durch die auf weithin sichtbaren lebenden Dunenklümpchen, die Jungen, erkenntlich wird. Findet man ihn rechtzeitig auf, so kann man, mit dem Fernglas vor dem Auge, weiter und weiter schreitend, das Treiben der Jungen trefflich beobachten. Harmlos, wie üblich die Köpfe nach innen gerichtet, sitzen sie in verschiedenen Stellungen nebeneinander. Der eine lagert, den Hals ausgestreckt und den Kopf auf den Boden der Horstmulde gelegt, behaglich, halb geschlossenen Auges, träumend oder schlummernd; der andere hockt auf den Fußwurzeln und nestelt sich mit dem Schnabel im dunigen Gefieder; der dritte versucht, die stummelhaften Fittiche zu bewegen, als ob er fliegen wollte; der vierte sträubt ärgerlich das Kopfgefieder, auf dem mehr als ein Dutzend blutgieriger Mücken sitzt; der fünfte kauert halb in sich zusammengesunken zwischen den übrigen. Nun stößt plötzlich der Alte, auf dessen ängstliches Rufen die gesamte junge Schar bisher noch nicht geachtet, tief herab und streicht eiligen Fluges schwebend unmittelbar über dem Horst dahin, und augenblicklich ducken sich alle Jungen zu Boden nieder und verharren regungslos in der Stellung, die sie infolgedessen erlangten. Der eine, der seine Flügel zu bewegen versuchte, wurde durch den, der den Mücken zürnte, über den Haufen geworfen und liegt jetzt schief auf dem Rücken, den einen geöffneten Fang dicht an den Leib angezogen, den andern, halb geschlossenen weit von sich gestreckt, ohne irgendeine Bewegung zu wagen, ohne durch mehr als ein Zucken seines Auges und das Heben und Senken der atmenden Brust zu verraten, daß noch Leben in ihm sei. So bildsäulenhaft verfahren die Jungen, solange man am Neste sich aufhält. Man kann sie zeichnen, ohne befürchten zu müssen, daß einer derselben die Stellung verändere; man darf sie aus dem Neste heben und wieder zurücklegen, sie werden sich stets gebaren, als ob sie leblos seien, und diejenige Stellung getreulich beibehalten, die man ihnen zu geben für gut befunden. Währenddem schreien die Alten jämmerlich, stoßen herab, schwingen sich in Kreislinien wieder nach oben empor, geben durch tausend Zeichen ihre Angst zu erkennen, wagen aber auch jetzt noch nicht, bis in Schußweite zu nahen. Ihre Liebe zu den Jungen betätigen sie übrigens auch in anderer Weise, dadurch, daß sie ihnen reichlich Nahrung herbeischleppen. Das Beutetier, das den Rauhfußbussard an die Tundra fesselt, ist der Lemming. Dank der außerordentlichen Häufigkeit besagter Wühlmäuse leidet der Vogel während der wichtigsten Zeit seines Lebens niemals Mangel. Lemminge fängt er mühelos, so viel wie er will und braucht; mit ihnen ernährt er sich und seine Jungen. Daß er auch andere Tiere der Tundra nicht verschmäht, daß er selbst den Schneehasen gefährden kann, wenn die heranwachsenden Jungen mehr als sonst zu rücksichtslosem Raub anspornen, läßt sich aus den Beobachtungen schließen, die wir an unserm Vogel während der Zeit seines Winteraufenthalts bei uns zulande gesammelt haben.

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In der letzten Familie vereinigen wir die Geierfalken ( Polyboridae), Raubvögel mit verhältnismäßig langem, an der Wurzel geradem, an der Spitze schwach gebogenem, zahnlosem und kurzhakigem Schnabel, hoch- und dünnläufigen Füßen, deren mittellange und schwache Fänge mit wenig gebogenen, an der Spitze aber schlank zugespitzten Nägeln bewehrt werden, kurzen Flügeln, langem und breitem Schwanze und hartem Gefieder, das die Zügel, ausnahmsweise auch Kehle und Vorderstirn, frei läßt, und am Hinterkopf sich zuspitzt.

Über Heimat, Aufenthalt, Lebensweise und Betragen dieser merkwürdigen Vögel, »die«, wie Darwin sagt, »durch ihre Anzahl, geringe Scheu und widrige Lebensweise jedem ausfallen müssen, der bloß an die Vögel des nördlichen Europa gewöhnt ist«, liegen zahlreiche und ausführliche Beobachtungen vor. Sie ersetzen nicht allein die Geier, sondern auch die Raben, Krähen und Elstern. Wo man aber auch seinen Fuß hinsetzen mag in Südamerika, vom Meeresgestade an bis zu den Hochbergen der Anden hinauf, überall wird man ihnen begegnen. »Die Geierfalken«, sagt dOrbigny, »sind die aufdringlichsten Schmarotzer des Menschen in den verschiedensten Stufen seiner Gesittung. Treue Gefährten des wilden Wanderers begleiten sie ihn von einem Saume des Waldes zu dem andern, längs der Ufer der Flüsse oder durch die Ebene dahin und nehmen ihren zufälligen Aufenthalt da, wo jener sich niederläßt. Wo man auch einige Zeit verweilen mag, wo man eine Hütte aufschlägt, erscheint der Geierfalk, um auf ihr sich niederzulassen, gleichsam als wolle er zuerst Besitz nehmen, bereit, die weggeworfenen Nahrungsreste des vereinsamten Ansiedlers aufzuheben. Wenn der Mensch einen Weiler gründet, folgt ihm der Geierfalk auch dahin, nimmt in der Nachbarschaft seinen Stand und streift nun ohne Unterlaß zwischen den Häusern umher, die ihm reichliche und leicht zu gewinnende Nahrung versprechen. Wenn endlich der Mensch sich anschickt, Ländereien urbar zu machen und sich mit einer großen Anzahl von Haustieren umgibt, scheint sich die nie ermattende Beschäftigung des Geierfalken noch zu vermehren. Sein Leben wird jetzt gesichert; denn er fürchtet sich nicht, selbst inmitten der Ortschaften sein Wesen zu treiben und hier aus der Nachlässigkeit der Bewohner Vorteil zu ziehen, sei es, indem er ein junges Hühnchen erhebt, oder sei es, indem er von den zum Trocknen aufgehängten Fleischstücken eines oder das andere wegstiehlt. Wie der Geier, muß auch er der Fahrlässigkeit der Dörfer- und Städtebewohner abhelfen, indem er die Tierleichen und den Unflat verschlingt.«

Das Flugbild macht die Geierfalken von weitem kenntlich; denn ihr Flügel sieht viereckig zugestutzt aus, weil die ausgebreiteten Schwingen an Länge gleich zu sein scheinen. Der Flug selbst kann schnell sein, ist aber meist langsam und führt niedrig über dem Boden dahin; der Gang geschieht ohne Beschwerde, würdevoll und mit gemessenen Schritten. Eine Art ist so sehr auf dem Boden zu Hause, daß sie niemals Bäume, sondern immer Felsblöcke zu ihren Ruheplätzen erwählt. Unter den Sinnen steht das Auge obenan; das Gehör ist gut entwickelt; aber auch der Geruch scheint wohl ausgebildet zu sein. Ihr ganzes Wesen ist ein Gemisch von Harmlosigkeit und Frechheit, Geselligkeit und Unverträglichkeit. Besonders unangenehm ist auch ihr oft wiederholter, durchdringender Schrei, der unter lebhaften Bewegungen des Kopfes ausgestoßen und namentlich dann vernommen wird, wenn sie etwas Genießbares erspäht haben.

Der Horst wird oft auf dem Boden oder auf Bäumen angelegt. Die zwei bis sechs Eier sind rundlich und fleckig, nach Art anderer Falkeneier. Beide Eltern scheinen zu brüten.

 

Zur Sippe der Geierfalken im engsten Sinne ( Polyborus) gehört die verbreitetste Art der Familie, der Carancho ( Polyborus tharus). Er erreicht eine Länge von siebzig bei einer Breite von einhundertfünfundzwanzig Zentimetern, die Fittichlänge beträgt achtunddreißig, die Schwanzlänge zwanzig Zentimeter. Die Federn des Ober- und Hinterkopfes, die zu einer Haube aufgerichtet werden können, sind dunkel bräunlichschwarz, die des Rückens schwarzbraun und weiß in die Quere gestreift, Wangen, Kinn, Kehle und Unterhals weiß oder gelblichweiß, Brust- und Halsseiten in derselben Weise wie der Rücken gestreift, Bauch, Schenkel und Steiß gleichmäßig schwarzbraun. Das Auge ist grau oder rötlichbraun, der Schnabel hellbläulich, der Fuß orangegelb, die Wachshaut wie der Zügel und die nackte Umgebung des Auges bräunlichgelb. Das etwas größere Weibchen unterscheidet sich von dem Männchen unerheblich durch blassere Färbung. Bei dem jungen Vogel sind alle Farben blaß und verloschen.

Unser Raubvogel bewohnt paarweise nicht selten alle ebenen Gegenden Südamerikas, am häufigsten die Steppen und dünn bestandene Waldungen. In den Urwaldungen fehlt er ebensogut wie im Gebirge. Besonders zahlreich tritt er in sumpfigen Gegenden auf. »Man erblickt hier«, sagt der Prinz von Wied, »viele dieser schönen Raubvögel, wie sie auf den Triften umherschreiten oder mit niedrigem Fluge, stark mit den Flügeln schlagend, von einem Gebüsch zu dem andern eilen. Auf der Erde nehmen sich die bunten und stolzen Tiere besonders schön aus. Sie gehen aufgerichtet und schreiten geschickt, da ihre hohen Fersen, ziemlich kurzen Zehen und wenig gekrümmten Klauen zum Gang ganz vorzüglich geeignet sind«. Der Federbusch gibt ihnen, nach Boeck, ein majestätisches Aussehen, und ihre Dreistigkeit entspricht der Meinung, die man sich von ihnen bildet, wenn man sie zuerst erblickt.

Ihre Nahrung besteht aus tierischen Stoffen aller Art. In den Steppen jagen sie nach Art unserer Bussarde auf Mäuse, kleine Vögel, Lurche, Schnecken und Kerbtiere; am Meeresgestade lesen sie das auf, was die Flut an den Strand warf. Der Prinz fand die Überreste von Kerbtieren und besonders großen Heuschrecken, deren es in den brasilischen Triften sehr viele gibt, in ihrem Magen; Boeck sah sie häufig in Gesellschaft der den Boden aufwühlenden Schweine, mit denen sie gemeinschaftlich Maden und Würmer verzehrten; Azara lernte sie als Verfolger des amerikanischen Straußes, der Lämmer und Hirschkälber kennen. »Ist eine Schafherde«, berichtet er, »nicht von einem guten Hunde bewacht, so kann es vorkommen, daß der Carancho über die neugeborenen Lämmer herfällt, sie bei lebendigem Leibe anfrißt und ihnen die Därme aus der Leibeshöhle herausreißt. Traut sich einer nicht, über einen Raub Meister zu werden, so ruft er vier oder fünf andere herbei, und dann wird er zu einem gefährlichen Räuber.« Auf dem Aas ist er ein regelmäßiger Gast. »Wenn ein Tier«, sagt Darwin, »auf der Ebene stirbt, so pickt der Carancho die Knochen rein. Längs der Straßen in den Wüstenebenen Patagoniens sieht man oft eine erhebliche Anzahl der Vögel, um die Leichen von Tieren zu verzehren, die aus Hunger oder Durst gestorben waren.« Dem Landvolk ist der Carancho sehr verhaßt, weil er das zum Trocknen bestimmte Fleisch mit der größten Frechheit wegstiehlt, zur Abwechselung aber auch sehr gern junge Hühner raubt oder andere schwache, ja selbst stärkere Haustiere belästigt. Nach Darwin soll er ebenso Eier stehlen. Oft sieht man ihn auf dem Rücken der Pferde und Maultiere stehen und hier die Schmarotzer zusammenlesen oder den Grind von den Wunden aufhacken, wobei das arme Tier mit gesenktem Ohr und gewölbtem Rücken ruhig dasteht, weil es sich des Vogels doch nicht erwehren kann. Daß sich der Carancho, falls er kann, ohne Umstände an menschlichen Leichnamen sättigt, unterliegt kaum einem Zweifel; man kann dies aus dem Betragen der Vögel schließen, wenn man sich auf einer jener öden Ebenen zum Schlafe hinlegt. »Beim Munterwerden«, sagt Darwin, »bemerkt man aus jedem benachbarten Hügel einen oder mehrere dieser Vögel und sieht sich von ihnen geduldig mit üblem Auge bewacht.« Jagdgesellschaften, die mit Hunden und Pferden ausziehen, werden während des Tages immer von einigen Caranchos begleitet, und oft nehmen diese dem Schützen den erlegten Vogel vor dem Auge weg. Auch andern Räubern fliegen sie nach, in der Absicht, ihnen eine eben gefangene Beute abzujagen. Sie verfolgen die großen Störche, die ein Stück Fleisch verschlungen haben, und quälen sie solange, bis jene dasselbe wieder von sich und ihnen zur Beute geben. Dagegen werden sie wieder von allerlei Vögeln geneckt, geärgert und gequält. Selbst seine nächsten Verwandten zanken sich beständig mit dem Carancho herum. Läuse bevölkern sein Gefieder in solcher Menge, daß man kaum imstande ist, einen getöteten Vogel abzuziehen.

Beim Schreien legt der Carancho den Kopf ganz auf den Rücken und schnarrt »Traaa«, erhebt ihn wieder und ruft »Rooo« mit einer krächzenden, heiseren Stimme, ähnlich dem Geknarr, das entsteht, wenn Holz an Holz heftig angeschlagen oder gerieben wird. Dieser Schrei ist auf weithin hörbar, aber höchst unangenehm.

Der Carancho ist vom frühen Morgen bis gegen Sonnenuntergang ununterbrochen tätig und viel in Bewegung. Gegen Abend vereinigt er sich mit andern seiner Art und seinen treuen Genossen, den Aasgeiern, auf gewissen Schlafplätzen, am liebsten auf einzeln stehenden, alten Bäumen in der Steppe, wo er die untersten Äste in Besitz nimmt. Zu solchen Bäumen kommt er aus einer Entfernung von fünf bis sechs englischen Meilen herbei. In Ermangelung derselben bäumt er auf niedern Büschen auf oder setzt sich endlich auf passende Felsen und bezüglich Termitenhügel nieder.

Die zusammengehörigen Paare leben während des ganzen Jahres im engsten Verbande. Man erkennt sie auch dann, wenn Gesellschaften von ihnen sich vereinigt haben, an ihrem treuen Zusammenhalten. Die Brutzeit ist verschieden, je nach den Gegenden, die der Carancho bewohnt. In Paraguay horstet er im Herbst, in Mittelamerika während der Frühlingsmonate. Der Horst, ein großer, flacher Bau aus Reisig, dessen Nestmulde mit feinen Wurzeln, Gras und Moos ausgelegt ist, wurde ebensowohl auf sehr hohen, als auf niederen Bäumen gefunden. Die Eier, drei, höchstens vier, oft nur zwei an der Zahl, sind birnförmig, jedoch auffallend gestreckt, ungefähr fünfundvierzig Millimeter lang und an der dicksten Stelle fünfunddreißig Millimeter breit, sehr verschiedenartig gefärbt und gezeichnet, meist aber auf gelblichem Grunde braun und blutrot gefleckt. Die Jungen kommen in einem weißen Dunenkleid zur Welt, werden von ihren Eltern mit größter Sorgfalt erzogen und so lange sie der Hilfe bedürftig sind, in jeder Hinsicht unterstützt, bald aber verstoßen oder wenigstens mit Gleichgültigkeit behandelt.


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