Brehms Tierleben. Vögel. Band 14: Raubvögel I

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Fünfte Ordnung. Die Raubvögel ( Accipitres)

Falken. Habichte. Kranichgeier

Wollten wir bei den Vögeln in demselben Sinne von Raubtieren sprechen, wie wir es bei den Säugetieren getan haben, so würden wir kaum eine einzige Ordnung als Nichträuber kennenlernen. Die Vögel sind ihrer großen Menge nach Raubtiere und gerade diejenigen, die wir als die harmlosesten anzusehen uns gewöhnt haben, unsere Singvögel, leben fast ausschließlich von andern Tieren und verzehren Früchte oder Körner nur nebenbei. Dessenungeachtet ist es gebräuchlich geworden, bei den Vögeln den Begriff »Raubtier« auf eine einzige Ordnung zu beschränken; wir nehmen sogar die Strand- und Seevögel aus, wenn wir von Raubvögeln sprechen, obwohl sie sich fast ausschließlich von Wirbeltieren ernähren.

Die Raubvögel sind große, mittelgroße oder kleine Mitglieder ihrer Klasse. Mehrere von ihnen erreichen eine Größe, die nur von wenigen Lauf- und Schwimmvögeln überboten wird, einzelne stehen einer Lerche an Leibesumfang gleich. Zwischen diesen beiden äußersten sind alle Größen unter ihnen vertreten. Wie bedeutend die Verschiedenheit hierin aber auch sein möge: das allgemeine Gepräge ist fast ausnahmslos zu bemerken und der Raubvogel nicht zu verkennen. Es ist nicht schwer, die Raubvögel im allgemeinen zu kennzeichnen. Ihr Leib hat mit dem der Papageien viel Ähnlichkeit. Er ist kräftig, gedrungen, breitbrüstig; seine Glieder sind, ungeachtet ihrer zuweilen fast unverhältnismäßig erscheinenden Länge, stark und verraten Fülle von Kraft. Der Kopf ist, wie bei den vollkommensten aller Vögel, groß, wohlgerundet, nur ausnahmsweise verlängert, der Hals gewöhnlich kurz und kräftig, letzteres selbst dann, wenn er ungewöhnliche Länge erreicht, der Rumpf kurz, namentlich auf der Brustseite, stark; die Arm- und Fußglieder zeigen dasselbe Gepräge; und so würde ein Raubvogel auch dann noch leicht zu erkennen sein, wenn man ihn betrachten wollte, nachdem er seiner Waffen und seines Gefieders beraubt worden. Und doch machen ihn diese Waffen hauptsächlich zu dem, was er ist; sie sind das eigentlich Bezeichnende an ihm. Der Schnabel ähnelt in mancher Hinsicht dem der Papageien. Auch er ist kurz, auf der Firste des Oberkiefers stark gebogen und hakig übergekrümmt, auch seine Wurzel auf der Oberhälfte mit einer Wachshaut bedeckt; aber er ist nicht »kugelig« wie jene der Papageien, sondern stets seitlich zusammengedrückt, daher höher als breit, der Oberschnabel breiter als der untere, den er umschließt, und unbeweglich, der Haken spitzer, der Rand der Schneiden schärfer, als es bei den letztgenannten Vögeln der Fall. Häufig wird die Schärfe der Schneiden noch durch einen Zahn erhöht, der sich über der Spitze des Unterkiefers befindet; wo dieser Zahn nicht vorhanden, ist die Oberkieferschneide wenigstens vorgebogen; nur ganz ausnahmsweise sind die Schneiden nicht ausgebuchtet. Der Fuß erinnert ebenfalls an den der Papageien. Er ist kurz, stark und langzehig, die Paarzehigkeit durch die nicht allzu selten vorkommende Wendefähigkeit einer Zehe angedeutet, sogar in der Beschuppung eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Papageifuße nicht zu verkennen; der Raubvogelfang unterscheidet sich von letzterem aber stets durch die Entwicklung der Krallen, die den Fuß eben zum Fange umgestalten. Die Krallen sind mehr oder weniger stark gebogen und dann sehr spitzig, selten flach gekrümmt und stumpf, auf ihrer Oberseite gerundet, auf der Unterseite aber meist etwas ausgehöhlt, so daß zwei fast schneidige Ränder entstehen, stellen daher ein ebenso vorzügliches Greifwerkzeug wie eine furchtbare Waffe dar. Die Befiederung zeigt je nach den Familien und Sippen erhebliche Unterschiede. Ein Afterschaft fehlt bei dem Fischadler, den neuweltlichen Geiern und den Eulen. Dunen treten in Form von Staubdunen bei Geiern und andern Tagraubvögeln entweder auf allen Teilen des Körpers oder in besonders ersichtlicher Weise auf dem Halse und in Zügen auf, die die Fluren der Außenfedern bekleiden und unter Umständen auch ihre Stelle einnehmen. Die Federn fehlen zuweilen einzelnen Stellen des Kopfes, oft dem Zügel und, wie bei vielen Papageien, einer Stelle ums Auge; bei einzelnen dagegen umgibt gerade das Auge ein strahliger Federkranz, der sogenannte Schleier, den wir beim Kakapo auch schon kennenlernten. Schwingen und Steuerfedern sind immer beträchtlich groß; ihre Anzahl ist eine sehr regelmäßige; zehn Handschwingen, mindestens zwölf, meist aber dreizehn bis sechzehn Armschwingen und fast durchgehends zwölf paarig sich gleichende Steuerfedern sind vorhanden. Wie bei den edelsten Papageien ist auch bei den höchststehenden Raubvögeln kleinfederiges Gefieder vorherrschend, und zwar erstreckt sich die Befiederung bei vielen Arten über den ganzen Lauf, bis zu den Zehen herab, ja sogar auf diese selbst und wird am Schenkel oft zur Hose. Düstere Färbung herrscht im Gefieder vor; doch fehlt ihm entsprechende Farbenzusammenstellung keineswegs und noch weniger unsern Schönheitssinn befriedigende Zeichnung. Einzelne Raubvögel dürfen sogar als farbenschöne Geschöpfe bezeichnet werden. Die federlosen Hautstellen am Kopfe, die Kämme und Kehllappen am Schnabel, die ebenfalls vorkommen, der Zügel, die Wachshaut, der Schnabel, der Fuß und das Auge sind zuweilen sehr lebhaft gefärbt.

Unter den Sinneswerkzeugen ist vor allen das Auge beachtenswert. Es ist immer groß, bei den Nachtraubvögeln verhältnismäßig überhaupt am größten, gestattet ein gleichscharfes Sehen in verschiedenen Entfernungen und stellt sich für diese mit größter Leichtigkeit ein. Das Gehör ist bei den Raubvögeln ebenfalls hoch entwickelt, am höchsten überhaupt bei den Eulen. Die Geruchsorgane sind hingegen im Vergleich zu Auge und Ohr als verkümmert anzusehen. Das Gefühl ferner ist besser entwickelt als Geruch oder Geschmack.

Geistige Beschränkung wird nur bei wenigen Raubvögeln beobachtet; die übrigen lassen über ihren hohen Verstand keinen Zweifel aufkommen. Die meisten Eigenschaften des Geistes, die man ihnen nachrühmt, sind begründet, Mut und Selbstbewußtsein, freilich auch Gier, Grausamkeit, List und sogar Tücke für sie bezeichnend. Welch hoher Ausbildung sie fähig sind, beweisen am schlagendsten die Edelfalken, die vorzüglichsten Räuber unter allen Raubvögeln, die sich zum Dienste des Menschen heranbilden lassen. Eine die Vögel insgemein auszeichnende Begabung fehlt den geflügelten Räubern: sie ermangeln einer wohltönenden Stimme. Viele sind nur imstande, einen, zwei oder drei verschiedene einfache, selbst mißtönende Laute hervorzustoßen. Doch sind wenigstens nicht alle Raubvögel jedes Wohllautes unfähig; denn einige lassen Töne vernehmen, die auch einem tonkünstlerisch gebildeten Ohre als ansprechend erscheinen müssen.

Die Raubvögel bewohnen die ganze Erde und jeden Breiten- und Höhengürtel. Der Mehrzahl nach Baumvögel und daher vorzugsweise dem Walde angehörend, meiden sie doch weder das baumlose Gebirge noch die öde Steppe oder Wüste. Man begegnet ihnen auf den kleinsten Eilanden im Weltmeere oder auf den höchsten Gipfeln der Gebirge, steht sie über die Eisfelder, die Grönland oder Spitzbergen umlagern, wie über die sonnendurchglühten Ebenen der Wüste dahinschweben, bemerkt sie im Schlingpflanzendickicht des Urwaldes wie auf den Kirchen großer Städte. Der Verbreitungskreis der einzelnen Art pflegt ausgedehnt zu sein, entspricht jedoch keineswegs immer der Bewegungsfähigkeit derselben, kann im Verhältnis zu dieser sogar eng erscheinen. Einzelne Arten freilich kennen kaum Beschränkung und schweifen fast auf der ganzen Erde umher.

Viele der gefiederten Räuber wandern, wenn der Winter ihr Jagdgebiet verarmen läßt, dem kleinen Geflügel in südlichere Gegenden nach; gerade die im höchsten Norden wohnenden Arten aber streichen nur. Auf solchen Wanderungen bilden sie zuweilen Schwärme, wie sie sonst nicht beobachtet werden; denn die wenigsten sind als gesellige Tiere zu bezeichnen. Jene Gesellschaften lösen sich schon gegen den Frühling hin in kleinere und schließlich in die Paare auf, aus denen sie im Herbst sich bildeten oder die während des Zusammenseins in der Fremde sich fanden. Diese Paare kehren ziemlich genau zu derselben Zeit in die Heimat zurück und schreiten hier baldmöglichst zur Fortpflanzung.

Alle Raubvögel brüten in den ersten Frühlingsmonaten und, wenn sie nicht gestört wurden, nur einmal im Jahre. Der Horst kann sehr verschieden angelegt und dementsprechend verschieden ausgeführt sein. Weitaus in den meisten Fällen steht er auf Bäumen, häufig auch auf Felsvorsprüngen, an unersteiglichen Wänden oder in Mauerlöchern alter Gebäude; seltener ist eine Baumhöhlung die Nistkammer, am seltensten der nackte Boden die Unterlage eines Reisighaufens, auf dem die Eier zu liegen kommen. Alle Horste, die auf Bäumen oder Felsen stehen, sind große und breite, jedoch niedrige Nester mit flacher Mulde, werden aber meist mehrere Jahre nacheinander benutzt, jedesmal neu aufgebessert und dadurch allmählich sehr erhöht. Beide Geschlechter helfen beim Aufbau; das Männchen trägt wenigstens zu. Für die großen Arten ist es schwer, die nötigen Stoffe, namentlich die starken Knüppel, zu erwerben; die Adler müssen sie sich, wie Tschudi vom Steinadler angibt, von den Bäumen nehmen, indem sie sich mit eingezogenen Fittichen aus hoher Luft herabstürzen, den ausersehenen Ast mit ihren Fängen packen und durch die Wucht des Stoßes abbrechen. In den Klauen tragen sie die mühsam erworbenen Äste und Zweige dann auch dem Horste zu. Diejenigen Raubvögel, die in Höhlen brüten, legen die Eier auf den Mulm der Baumlöcher, einzelne auch wohl auf die Erde oder auf das nackte Gestein. Wahrscheinlich darf man sagen, daß nur die wenigsten Arten sich selbst eigene Horste errichten. Bei uns zulande ist, nach Eugen von Homeyers langjährigen Beobachtungen, der ursprüngliche Baumeister für die größeren Arten der Bussard, für die kleineren Arten die Nebel- oder Raben-, seltener die Saatkrähe oder Elster. Manche Raubvögel, beispielsweise die großen Adler, wechseln regelmäßig mit zwei Horsten, und sehr gern nimmt der kleine Wanderfalk die Horste der Adler, die letztere schon der bedeutenden, für sie erforderlichen Größe halber selbst errichten müssen, in Beschlag. So kann es geschehen, daß in dem einen Jahre der See- oder Fischadler, in dem andern der Wanderfalk abwechselnd auf einem Horste brüten. In Horsten, die ursprünglich wahrscheinlich vom Bussard erbaut worden waren, fand Homeyer Schreiadler, Königsmilane, Wanderfalken, Uhus und Waldkäuze brüten.

Der Paarung gehen mancherlei Spiele voraus, wie sie den stolzen Vögeln angemessen sind. Prachtvolle Flugübungen, wahre Reigen in hoher Luft, oft sehr verschieden von dem sonst gewöhnlichen Fluge, sind die Liebesbeweise der großen Mehrzahl; eigentümliche, gellende oder äußerst zärtliche Laute bekunden die Erregung einzelner Arten. Eifersucht spielt natürlich auch unter dem Herrschergeschlechts seine Rolle: jeder Eindringling ins Gehege wird angegriffen und womöglich verjagt, nicht einmal ein fremder, das heißt nicht derselben Art angehöriger Vogel geduldet. Prachtvolle Wendungen, pfeilschnelle Angriffe, glänzende Abwehr, mutiges gegenseitiges Verfolgen und ebenso mutiges Standhalten kennzeichnen derartige Kämpfe. Wenn sich die ritterlichen Kämpen packen, geschieht es immer gegenseitig: sie verkrallen sich ineinander und stürzen nun, unfähig, die Schwingen fernerhin geschickt zu gebrauchen, wirbelnd aus der Höhe herab. Unten wird der Kampf augenblicklich abgebrochen; aber sowie sich beide wieder in die Luft erheben, beginnt er von neuem mit gleicher Heftigkeit. Nach langem Zweikampfe zieht sich der schwächere Teil zurück und flieht, verfolgt von dem Sieger, über die Grenzen des Gebietes. Trotz der erlittenen Niederlage gibt er aber den Streit nicht auf; oft währt dieser tage-, ja wochenlang, und nur wiederholtes Siegen verschafft dem Überwinder die Ruhe des Besitzes. Das erwählte oder erkämpfte Weibchen, das mit inniger Liebe an seinem Gatten hängt und derartige Kämpfe mit entschiedener Teilnahme verfolgt, scheint keinen Anstand zu nehmen, bei einem für ihren Gatten ungünstigen Ausgange des Streites dem Sieger sich zu eigen zu geben.

Die Eier sind rundlich, in den meisten Fällen ziemlich rauhschalig und entweder rein weiß, graulich, gelblich oder auf lichtem Grunde mit dunkleren Flecken und Punkten gezeichnet. Ihre Anzahl schwankt zwischen eins und sieben. Bei den meisten Raubvögelarten brütet das Weibchen allein, bei einzelnen löst das Männchen es zeitweilig ab. Die Brutdauer währt zwischen drei bis sechs Wochen; dann schlüpfen die unbehülflichen Jungen aus: kleine, runde, über und über in weißgrauen Wollflaum gekleidete Tiere mit großen Köpfen und meist offenen Augen. Sie wachsen rasch heran und bekommen wenigstens auf der Oberseite bald eine dichte Befiederung. Ihre Eltern lieben sie, wie auch schon die Eier, ungemein, verlassen sie nie und geben sich ihrethalben selbst dem Tode preis, falls sie sich zu schwach fühlen, Angriffe abzuwehren. Manche tragen die gefährdeten Jungen auch wohl einem andern Orte zu, um sie zu sichern. Ebenso aufopfernd, wie sie einem Feinde gegenüber sich zeigen, mühen sie sich, ihrer Brut die nötige Atzung herbeizuschaffen. Sie schleppen im Überfluß Beute herbei, werfen solche, bei Gefahr, sogar aus hoher, sicherer Luft aufs Nest hernieder. Anfänglich erhalten die Jungen halbverdaute Nahrung, die die Alten aus ihrem Kropfe aufwürgen, später werden ihnen zerstückelte Tiere gereicht. Auch nach dem Ausfliegen noch werden die jungen Räuber längere Zeit von ihren Eltern geführt, ernährt, unterrichtet und beschützt.

Wirbeltiere aller Klassen und Kerfe der verschiedensten Art, Vogeleier, Würmer, Schnecken, Aas, Menschenkot, ausnahmsweise auch Früchte bilden die Nahrung der Raubvögel. Sie erwerben sich ihre Speise durch Fang der lebenden Tiere, durch Abjagen der von andern Gliedern ihrer Ordnung gewonnenen und durch einfaches Wegnehmen der gefundenen Beute. Zum Fangen dienen die Füße, die deshalb »Fänge« oder bei den Jagdfalken »Hände« genannt werden; zum Zerstückeln oder richtiger zum Zerreißen der Nahrung wird der Schnabel verwendet. Kerbtiere werden auch wohl unmittelbar mit dem Schnabel aufgenommen. Die Verdauung ist äußerst lebhaft. Bei denen, die einen Kropf besitzen, wird in ihm die Nahrung zuvörderst eingespeichelt und teilweise bereits zersetzt; der scharfe Magensaft tut das übrige. Knochen, Sehnen und Bänder werden zu Brei aufgelöst, Haare und Federn zu Klumpen geballt und diese, die sogenannte Gewölle, von Zeit zu Zeit ausgewürgt. Der Kot ist ein flüssiger, kalkartiger Brei, der als Strahl ausgeworfen wird. Alle Raubvögel können auf einmal sehr viel fressen, aber auch sehr lange hungern.

Die Tätigkeit der Raubvögel ist noch von einem andern Gesichtspunkte zu betrachten: ihre Räubereien können uns nützliche und können uns schadenbringende Tiere betreffen, die Vögel selbst daher uns als schädliche oder nützliche erscheinen. Die Gesamtheit als solche dürfte als eine äußerst nützliche angesehen werden können; einzelne dagegen fordern unsere Abwehr heraus. Nicht bloß der Kranichgeier, der der Giftschlange den Kopf zertrümmert, nicht bloß der Geier, der die Straßen der Städte Afrikas, Südasiens und Amerikas säubert, sind als unersetzliche Vögel anzusehen: auch auf unsern Fluren und Feldern leben segenbringende Raubvögel, die das verderbliche Heer der schädlichen Nager und Kerbtiere vernichten. Sie zu schützen, zu erhalten, ihnen freie Bahn zu gewähren, ist Pflicht des vernünftigen Menschen.

Die Raubvögel sondern sich schärfer als andere ihrer Klassenverwandten in Gruppen, und diese sind deshalb auch seit Anbeginn der Vogelkunde umgrenzt worden. Wir erkennen, wenn wir die ganze Ordnung überblicken, drei solcher Gruppen, die wir als in sich abgeschlossene bezeichnen dürfen, nämlich die Falken, die Geier und die Eulen.

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Die Falken ( Falconidae) bilden eine an Formen und Arten reiche Familie. Sie sind kleine, höchstens mittelgroße, kräftig gebaute, großköpfige und kurzhalsige, knapp befiederte Raubvögel mit verhältnismäßig kurzem, auf der Firste stark gerundetem, spitzhakigem und vor der Spitze mit einem mehr oder minder deutlichen Zahne ausgerüsteten Ober- und kurz ausgebuchteten Unterschnabel, kurz- oder mäßig langläufigen, langzehigen Füßen, langen und spitzigen Flügeln, unter deren Schwingen die zweite die längste zu sein pflegt, und mittellangem, mehr oder minder abgerundetem Schwanze.

Unter allen Raubvögeln gebührt meiner Ansicht nach den Edelfalken ( Falco) die erste Stellung. Sie sind unter den Vögeln dasselbe, was die Katzen unter den Raubtieren: die vollendetsten aller Raubvögel überhaupt. »Ihre geistigen Eigenschaften«, so habe ich früher von ihnen gesagt, »gehen mit ihren leiblichen Begabungen Hand in Hand. Sie sind Räuber der schlimmsten Art; aber man verzeiht ihnen das Unheil, das sie anrichten, weil ihr ganzes Leben und Wirken zur Bewunderung hinreißt. Stärke und Gewandtheit, Mut und Jagdlust, edler Anstand, ja, fast möchte man sagen, Adel der Gesinnung, sind Eigenschaften, die niemals verkannt werden können.«

Die Edelfalken, von denen man einige fünfzig Arten unterschieden hat, zeigen das Gepräge der Raubvögel am vollkommensten. Ihr Leib ist sehr gedrungen gebaut, der Kopf groß, der Hals kurz, der Schnabel verhältnismäßig kurz, aber kräftig, auf der Firste stark gerundet, und in einem scharf herabgebogenen Haken, der an den Schneiden durch einen mehr oder minder hervorspringenden Zahn noch einmal bewaffnet wird, ausgezogen, der Unterschnabel dagegen kurz, aber scharfschneidig, dem Zahne des oberen entsprechend ausgebuchtet. Die Fänge sind verhältnismäßig die größten und stärksten, die Raubvögel besitzen. Der Schenkel ist stark, muskelig, der Lauf kurz, der eigentliche Fang aber sehr langzehig: bei den wahren Edelfalken kommt die Mittelzehe dem Laufe an Länge annähernd gleich. Das Gefieder ist dicht und hart; namentlich die Schwingen und Steuerfedern sind sehr stark. Im Fittich ist die zweite, ausnahmsweise die dritte Schwinge die längste, die erste der dritten oder bezüglich der vierten gleich. Der Schwanz pflegt seitlich verkürzt und deshalb abgerundet zu sein. Bezeichnend für die Edelfalken ist außerdem eine nackte, lebhaft gefärbte Stelle um das Auge, die diesem wichtigsten Sinneswerkzeuge die größtmögliche Freiheit gewährt. Über die Färbung des Gefieders läßt sich im allgemeinen nur sagen, daß ein lichtes Blaugrau oder Rotbraun auf dem Rücken und ein helles Weißgrau, Fahlgelb oder Weiß auf der Unterseite vorwaltend und ebenso ein schwarzer Wangenstreifen, den man treffend Bart genannt hat, vielen Falken eigentümlich ist. Die Männchen unterscheiden sich bei den echten Edelfalken nur durch geringere Größe, bei den unechten auch durch andere Färbung von den Weibchen. Die Jungen tragen ein Kleid, das von dem beider Eltern abweicht, und erhalten die Tracht der letzteren erst im zweiten oder dritten Jahre.

Alle Erdteile und alle Gegenden beherbergen Edelfalken. Sie finden sich von der Küste des Meeres an bis zu den Spitzen der Hochgebirge hinauf, vorzugsweise in Waldungen, kaum minder häufig aber auf Felsen und alten Gebäuden, an menschenleeren Orten ebensowohl wie in volksbelebten Städten. Jede Art verbreitet sich über einen großen Teil der Erde und wird in andern durch sehr ähnliche ersetzt; außerdem wandert oder streicht jede Art weit umher. Viele Arten sind Zugvögel, andere wandern nur, und einzelne endlich zählen zu den Strichvögeln.

Sämtliche Edelfalken sind äußerst bewegungsfähige Tiere. Ihr Flug ist sehr ausgezeichnet, weil ungemein schnell, anhaltend und im hohen Grade gewandt. Der Falk durchmißt weite Strecken mit unglaublicher Raschheit und stürzt sich beim Angriff zuweilen aus bedeutenden Höhen mit solcher Schnelligkeit zum Boden herab, daß das Auge nicht fähig ist, seine Gestalt aufzufassen. Bei den wahren Edelfalken besteht der Flug aus schnell aufeinanderfolgenden Flügelschlägen, die nur selten durch kurze Zeit währendes Schweben unterbrochen werden; bei andern ist er langsam und mehr schwebend; auch erhalten sich diese durch längere zitternde Bewegung oder »Rütteln«, wie der Vogelkundige zu sagen pflegt, längere Zeit auf einer und derselben Stelle in der Luft, was jene, nicht zu tun pflegen. Auf dem Fluge und während der Zeit der Liebe steigen die Edelfalken zu unermeßlichen Höhen empor und schweben dann lange in prächtigen Kreisen hin und her, führen zu eigener Belustigung und Erheiterung des Weibchens förmliche Flugreigen auf. Sonst halten sie gewöhnlich eine Höhe von sechzig bis hundertzwanzig Meter über dem Boden ein. Im Sitzen nehmen sie, weil die Kürze ihrer Füße dies bedingt, eine sehr aufrechte Stellung an, im Gehen tragen sie den Leib wagerecht; sie sind aber höchst ungeschickt auf dem Boden und hüpfen mit abwechselnder Fußbewegung in sonderbar unbehilflicher Weise dahin, müssen auch gewöhnlich die Flügel mit zu Hilfe nehmen, um fortzukommen.

Wirbeltiere, und zwar vorzugsweise Vögel, bilden die Nahrung der echten Edelfalken, Kerbtiere die hauptsächlichste Speise der unechten. Kein einziger Edelfalk nährt sich in der Freiheit von Aas; jeder genießt vielmehr nur selbst erworbene Beute; in der Gefangenschaft freilich zwingt ihn der Hunger, auch tote Tiere anzugehen. Die gefangene Beute wird selten an dem Ort verzehrt, der sie lieferte, sondern gewöhnlich einem andern passenden, der freie Umschau gewährt, zugetragen, hier erst gerupft, auch teilweise enthäutet und dann aufgefressen. Die Morgen- und Abendstunden bilden die Jagdzeit der Edelfalken. Während des Mittags sitzen sie gewöhnlich mit gefülltem Kropfe an einer erhabenen und ruhigen Stelle regungslos und still, mit gesträubtem Gefieder, einem Halbschlummer hingegeben, um zu verdauen. Sie schlafen ziemlich lange, gehen aber erst spät zur Ruhe; einzelne sieht man noch in der Dämmerung jagen.

Geselligkeit ist dem Edelfalken zwar nicht fremd, aber doch durchaus kein Bedürfnis. Während des Sommers leben die meisten von ihnen paarweise in dem einmal erwählten Gebiete und dulden hier kein anderes Paar der gleichen Art, nicht einmal einen andern Raubvogel. Während ihrer Reise scharen sie sich mit andern derselben Art und mit Verwandten zusammen, und einzelne Arten bilden dann ziemlich bedeutende Schwärme, die, wie es scheint, wochen- und monatelang zusammenhalten. Gegen Adler und Eulen zeigen aber auch diese Scharen denselben Haß, den die einzelnen in ihrer Heimat an den Tag legten. Keiner dieser stärkeren Raubgesellen bleibt unangefochten.

Der Horst der Edelfalken wird verschieden angelegt, am liebsten in passenden Höhlungen steiler Felswände, auf hohen Gebäuden und auf dem Wipfel der höchsten Waldbäume; doch horsten einzelne Arten da, wo es an Bäumen und Felsen mangelt, auch auf der bloßen Erde, oder erwählen sich eine geräumige Baumhöhlung zu demselben Zwecke. Sehr gern nehmen sie auch die Nester anderer großer Vögel, namentlich der verschiedenen Raben, in Besitz. Besondere Mühe geben sie sich mit dem Nestbaue nicht. Der selbst zusammengetragene Horst ist regelmäßig flach und an der Stelle der Nestmulde nur ein wenig mit feineren Würzelchen ausgekleidet. Das Gelege besteht aus drei bis sieben Eiern von sehr übereinstimmendem Gepräge. Sie sind rundlich, mehr oder minder rauhschalig und in der Regel auf blaßrötlichbraunem Grunde dicht mit dunkleren feinen Punkten und größeren Flecken derselben Farbe gezeichnet. Das Weibchen brütet allein und wird, so lange es auf den Eiern sitzt, vom Männchen ernährt, das auch für die Unterhaltung der beschäftigten Gattin Sorge trägt, indem es angesichts derselben seine Flugkünste übt. Die Jungen werden von beiden Eltern aufgefüttert, mit großer Liebe behandelt und gegen Feinde, bis zu einem gewissen Grade auch gegen den Menschen, mutvoll verteidigt und nach dem Ausfliegen sorgfältig unterrichtet.

Leider gehören die stärkeren Edelfalken zu den schädlichen Vögeln und können bei uns zulande deshalb nicht geduldet werden; nicht einmal alle kleineren Arten sind nützliche Tiere, die Schonung verdienen. Außer den Menschen haben sie wenig Feinde, die schwächeren Arten, wenn sie erwachsen sind, solche wohl nur in den größeren Verwandten. Den Eiern und den Jungen mögen kletternde Raubsäugetiere zuweilen verderblich werden; doch ist dies nur eine Vermutung, nicht durch Erfahrung bestätigte Tatsache.

siehe

Isländischer Jagdfalke (Falco arkticus)

Dagegen sind die Edelfalken seit altersgrauer Zeit von den Menschen benutzt worden und werden es in mehreren Ländern Asiens und Afrikas noch heutigentages. Sie sind die »Falken« unserer Dichter, diejenigen, die zur Beize abgerichtet wurden. Unter andern war Kaiser Friedrich der Zweite einer der geschicktesten und leidenschaftlichsten Falkner und schrieb ein Buch, ?De arte venandi cum avibus?, das aber erst im Jahre 1596, und zwar zu Augsburg, gedruckt wurde. Die Handschrift war mit Anmerkungen von Friedrichs Sohn, Manfred, König von Sizilien, versehen. Jahrhunderte bestand die beste und zuletzt einzige Falknerschule Europas in dem Dorfe Falkenwerth in Flandern, über den Zustand der dortigen Falknerei teilt der holländische General von Ardesch um das Jahr 1860 folgendes mit: »In Falkenwerth leben noch jetzt mehrere Leute, die den Fang und die Ablichtung der Falken eifrig betreiben. Der Ort liegt auf einer ganz freien Heide und begünstigt daher das Geschäft sehr. Im Herbste werden die Falken gefangen. Man behält in der Regel nur die Weibchen und zwar am liebsten die vom selbigen Jahre, weil diese am besten sind; die zweijährigen galten auch noch als brauchbar; ältere läßt man aber wieder fliegen. Der Fang ist so eingerichtet: Der Falkner sitzt gut verborgen auf freiem Felde, und von ihm aus geht ein etwa hundert Meter langer Faden, an dessen Ende eine lebende Taube befestigt ist, die übrigens frei auf der Erde sitzt. Etwa vierzig Meter vom Falkner geht der genannte Faden durch einen Ring, und neben diesem Ringe liegt ein Schlagnetzchen, von dem ebenfalls ein Faden bis zum Falkner geht. Ist ein Falk im Anzuge, so wird der Taube mit dem Faden ein Ruck gegeben, wodurch sie emporfliegt, den Falken anlockt und von ihm in der Luft ergriffen wird. In dem Augenblick, wo dies geschieht, zieht der Falkner die Taube und mit ihr den sie krampfhaft festhaltenden Falken allmählich bis zu dem Ringe, wo plötzlich das Schlagnetz beide bedeckt. Es kommt viel darauf an, es sogleich zu erfahren, wenn ein Falk die Gegend durchstreift, und deswegen bedient sich der Jäger eines eifrigen und scharfsichtigen Wächters, nämlich des Raubwürgers ( Lanius excubitor), der unweit der Taube angefesselt wird und nicht verfehlt, sobald er einen Falken in unermeßlicher Ferne gewahrt, sein weitschallendes Geschrei zu erheben. Neben ihm ist eine Grube, in der er sich verkriecht, wenn es not tut. Der frisch gefangene Falk muß regelmäßig drei Tage hungern und wird während der Zeit und späterhin so viel wie möglich verkappt auf der Hand getragen. Schlaflosigkeit wird nicht angewendet. Bis zum Frühjahre muß der Falk gut abgerichtet sein, und alsdann reisen die Falkenwerther Falkner nach England zum Herzog von Bedford, dem sie sich und ihre Falken auf eine bestimmte Zeit vermieten. Ein gewöhnlicher Falk dient kaum drei Jahre.

Im achtzehnten Jahrhundert ist die Falkenbeize allmählich aus der Mode gekommen. Als Knabe kannte ich in Weimar einen Falkner, der sein Geschäft noch mit großem Eifer betrieb, und ein ähnlicher lebte damals noch in Meiningen. Jetzt ist sie in Europa meines Wissens noch an folgenden Orten in Gebrauch: erstens zu Bedford in England, beim Herzog von Bedford; zweitens zu Didlington-Hall in der Grafschaft Norfolk, beim Lord Barnars. Jeden Herbst kommen nach Bedford und Didlington-Hall Falkner aus Falkenwerth, die ihre Falken mitbringen und im Winter wieder zurückreisen. Zu Didlington ist ein eigener Reihergarten, woselbst die Reiher in zahlloser Menge nisten und gehegt werden. Drittens: im Loo, einem Landgute des Königs von Holland, ist ums Jahr 1841 fleißig mit Falken gejagt worden. Neuerdings hat Professor Thienemann in Rossitten die Falknerei wieder zu beleben versucht. Ebenso ist in Westfalen vor einigen Jahren ein neuer Falknerklub gegründet worden. Herausgeber.

Die zur Falkenjagd gehörigen Gerätschaften sind: eine lederne Haube, die so eingerichtet ist, daß sie die Seher nicht drückt, eine Kurzfessel und eine Langfessel, beide aus Riemen, die letztere gegen zwei Meter lang; sie werden an dem Geschühe, das heißt der ledernen Fußumkleidung, des Beizvogels befestigt. Das Federspiel ist ein mit ein Paar Vogelflügeln besetzter eirunder Körper, der dazu dient, den Falken, der ihn von weitem für einen Vogel hält, wieder anzulocken. Starke Handschuhe müssen die Hände des Falkners vor den Krallen des Falken sichern. Sobald die Abrichtung beginnen soll, wird der Vogel verkappt angefesselt, und muß vierundzwanzig Stunden hungern, worauf er auf die Faust genommen, abgekappt, und mit einem Vogel gespeist wird. Will er nicht kröpfen, so wird er wieder verkappt und erst nach vierundzwanzig Stunden wieder vorgenommen, und sollte er auch fünf Tage lang auf der Faust nicht freiwillig kröpfen wollen, so wird er unbarmherzig jedesmal wieder verkappt und hungrig angefesselt. Je öfter er übrigens während dieser Zeit abgekappt und auf der Faust getragen wird, desto eher wird er zahm werden und freiwillig auf der Faust kröpfen. Ist er so weit, so beginnen nun die eigentlichen Lehrübungen, vor deren jeder er erst lange abgekappt auf der Faust getragen und nach jeder Übung verkappt angefesselt wird, damit er das vorgetragene in Ruhe einstudieren kann. Die beiden ersten bestehen darin, daß der Vogel abgekappt auf eine Stuhllehne gesetzt wird und von da, um zu kröpfen, auf die Faust des Falkners erst hüpfen, später immer weiter fliegen muß; dasselbe wird dann im Freien wiederholt, wobei er aber durch einen langen, an der Langfessel angebrachten Faden am Entweichen gehindert wird; der Falkner steht übrigens so, daß der Vogel gegen den Wind fliegen muß, da er, wie alle Vögel, nicht gern mit dem Winde zieht. Macht er nun seine Sachen so weit gut, so wird er des Abends verkappt in einen schwebenden Reif gesetzt und die ganze Nacht hindurch geschaukelt, so daß er gar nicht schlafen kann; am folgenden Morgen werden die früheren Übungen wiederholt: er bekommt auf der Faust zu kröpfen, wird dann bis zum Abend getragen und dann wieder die ganze Nacht im Reife geschaukelt; ebenso wird am dritten Tage und in der dritten Nacht verfahren; am vierten Tage wird wieder alles wiederholt und ihm nun erst nächtliche Ruhe gegönnt. Am folgenden Tage wird er ohne Bindfaden, nur mit Beibehaltung der Langfessel, frei auf den Boden gesetzt, und muß, um zu kröpfen, auf die Faust fliegen; fliegt er an dieser vorbei, so geht man ihm nach und lockt ihn so lange, bis er doch endlich kommt. Diese Übung wird nun oft im Freien wiederholt, auch der Vogel gewöhnt, dem zu Pferde sitzenden Jäger auf die Faust zu fliegen, und weder Menschen noch Hunde zu scheuen. Jetzt kommen die eigentlichen Vorübungen zur Beize selbst. Man wirft eine tote Taube in die Luft, läßt den am langen Bindfaden gehaltenen Vogel nachschießen, und das erstemal ein wenig davon kröpfen; späterhin aber wird ihm die Taube immer gleich abgenommen und er bekommt auf der Faust etwas zu kröpfen. Dieselbe Übung wird an den folgenden Tagen mit lebenden Vögeln, deren Schwingen verstutzt sind, wiederholt; darauf sucht man mit dem Hühnerhunde Rebhühner, womöglich ein einzelnes, auf, kappt den Vogel, sobald es auffliegt, schnell ab und läßt ihn nachschießen. Sollte er fehlstoßen, so lockt man ihn mit einer lebenden Taube, deren Schwingen verstutzt sind, oder mit dem Federspiele zurück. Um ihn zu gewöhnen, auch stärkere Vögel, z. B. Reiher und Kraniche, anzugreifen, übt man ihn erst an jungen Vögeln der Art oder an alten, deren Schwingen verstutzt sind und deren Schnabel in einem Futterale steckt; auch läßt man ihn anfangs, wo möglich, in Gesellschaft eines guten alten Falken daran. Den zu dieser Übung bestimmten Reihern und Kranichen legt man, damit sie nicht so leicht erwürgt werden, ein Futteral von weichem Leder um den Hals. Dem Reiher suchen die Falken, rasch emporsteigend, die Höhe abzugewinnen, um von oben auf ihn zu stoßen; der Reiher hingegen sucht seinerseits auch immer höher zu steigen, und streckt mit erstaunlicher Schnelligkeit den stoßenden Feinden die scharfe Spitze seines Schnabels entgegen, um sie zu spießen. Endlich wird er gepackt und stürzt mit ihnen aus der Höhe herab. Die herbeieilenden Jäger lösen schnell die Falken, reichen ihnen zur Belohnung guten Fraß, und berauben den Reiher seiner schönsten Federn. Es wird ihm dann ein metallener Ring um den Fuß gelegt, auf dem die Jahreszahl und der Ort des Fanges eingegraben ist, und darauf die Freiheit geschenkt. Einzelne Reiher sind öfters, manchmal nach langen Jahren wieder gebeizt und so mit mehreren Ringen geziert worden. Soll ein Falk gut auf Hasen stoßen, wozu man sich hauptsächlich des Habichtes bedient, so stopft man einen Hasenbalg gut aus, läßt den Falken mehrmals darauf seine Mahlzeit verzehren, bindet dann Fleisch daran und läßt den ausgestopften, auf Rädern stehenden Hasen von einem Manne erst langsam, dann schnell auf einem Boden hinziehen, spannt auch endlich gar ein flinkes Pferd davor, jagt mit dem Hasen fort und läßt den Falken hinterdrein. Zur Falkenjagd gehört eine ebene, waldlose Gegend.«

Regelmäßig wird die Falkenjagd noch von den Arabern, insbesondere den Beduinen der Sahara, die unter den Arabern überhaupt unseren Adel vertreten, von den Persern, Indern, verschiedenen Völkerschaften in Kaukasien und Mittelasien, den Chinesen und andern Mongolen betrieben. Erstere benutzen mit entschiedener Vorliebe den Würgfalken Südosteuropas, ihren »Sukhr el Hhor«, der sich als Wintergast im Norden Afrikas einstellt oder aus Syrien, Kleinasien, der Krim und Persien eingeführt wird, und bezahlen gut abgerichtete Vögel mit ganz außerordentlichen Preisen.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen mögen die bekanntesten und wichtigsten Arten der Familie an uns vorüberziehen.

 

Die edelsten Glieder der Familie sind die Jagdfalken ( Falco arcticus), Bewohner des hohen Nordens der Erde. Sie kennzeichnen ihre sehr bedeutende Größe, der verhältnismäßig starke, in scharfem Bogen gekrümmte Schnabel, die bis zu zwei Drittel der Länge befiederten Fußwurzeln und der im Vergleiche zu den Flügeln lange Schwanz. In allem übrigen sind sie andern Edelfalken durchaus ähnlich. Das Gefieder der Jagdfalken ist rein weiß, mehr oder weniger mit düster schwarzbraunen Flecken gezeichnet, die fast vollständig verschwinden können, wenn vorhanden aber am Ende der Federn des Kleingefieders entweder tropfen- oder pfeilspitzenartige Form haben. Das von einem nackten, grünlichgelben Ringe umgebene Auge ist braun, der Schnabel bei alten Vögeln gelblichblau, dunkel an der Spitze, gelb auf der Wachshaut, der Fuß im Alter strohgelb, in der Jugend blau.

So gefärbte und gezeichnete Falken werden als Brutvögel ausschließlich in den höchsten Breiten, erwiesenermaßen in Nordgrönland und Nowaja Semlja, gefunden und berühren den Süden Grönlands, Nordisland, den Nordrand Ostasiens wie den höchsten Norden Amerikas nur während des Winters. Sie insbesondere hat man mit dem Namen Polarfalken bezeichnet, und von ihnen die auf Island und in Südgrönland sowie auch die auf Labrador lebenden, durchaus gleich gebauten Jagdfalken als besondere Arten unterschieden. Die Jagdfalken bewohnen vorzugsweise steile Seeküsten, auf deren Felswänden sie sich ansiedeln, ohne jedoch den Wald gänzlich zu meiden. Am liebsten siedeln sie sich in der Nähe der Vogelberge an, da, wo während des Sommers Millionen von Seevögeln sich vereinigen, um zu brüten. Die jungen Vögel, das heißt alle diejenigen, die noch nicht gepaart und fortpflanzungsfähig sind, streifen oft, unter Umständen weit im Innern des Landes, umher und kommen nicht selten auch in den nordischen Alpen vor, wogegen alte Vögel im Gebirge selten gefunden werden. Jedes Paar hält an dem einmal gewählten Wohnsitz mit zäher Beharrlichkeit fest und wird, wenn es von demselben Vertrieben wurde, sehr bald durch ein anderes ersetzt. Gewisse Felswände in Lappland beherbergen Jagdfalken seit Menschengedenken: am Warangerfjord z. B. konnte mir der vogelkundige Kaufmann Nordvy mit aller Bestimmtheit eine Stelle angeben, wo ich ein Paar von ihnen finden würde; und doch hatte er diese Stelle seit vielen Jahren nicht besucht und von dem Vorhandensein der Falken neuerdings keine Kunde erhalten.

In ihrem Betragen und Wesen haben die Jagdfalken mit dem Wanderfalken die größte Ähnlichkeit. Man kann höchstens sagen, daß ihr Flug nicht so schnell und ihre Stimme tiefer ist als bei diesem. Ich wenigstens habe an denen, die ich im Freileben und in der Gefangenschaft beobachtete, einen andern Unterschied nicht wahrnehmen können. Es wird wahrscheinlich alles, was wir vom Betragen der Wanderfalken kennengelernt haben, auch auf sie zu beziehen sein.

In früheren Jahren sandte die dänische Regierung alljährlich ein besonderes Schiff, das das Falkenschiff genannt wurde, nach Island, um von dort Edelfalken zu holen. Die stolzen Vögel wurden entweder von mitreisenden Falknern gefangen oder waren von den Isländern bereits ausgehoben und großgefüttert worden. Die Kosten für Ankauf und Unterhalt der Falken, Löhnung der Mannschaft usw. waren nicht unerheblich; da der Fang jedoch geregelt war, kam ein Falk immerhin auf nicht mehr als neun oder zehn Taler dänisch zu stehen. Von Kopenhagen aus gelangten die edlen Vögel in den Besitz der Falkner oder wurden als kostbare Geschenke an verschiedene Höfe gesandt. In unsern Tagen bekümmert sich die Regierung erklärlicherweise nicht mehr um den Fang; gleichwohl bringt das Sommerschiff, das nach Island geht, fast alljährlich noch einige lebende Falken mit nach dem Mutterlande hinüber, und sie sind es, die man dann und wann in unsern Tiergärten sieht. In Lappland oder in Skandinavien überhaupt scheint niemand sich auf den Falkenfang zu legen, wie denn überhaupt der Jagdfalk dort, ungeachtet des von ihm angerichteten Wildschadens, nur von dem Naturforscher verfolgt wird. Freilich sind die Vogelberge während des Sommers so massenhaft belebt und die Gebirge so stark mit Schneehühnern bevölkert, daß der Schaden nicht sehr bemerklich wird.

Nach meinen Beobachtungen betragen sich die Jagdfalken im Gebauer ebenso wie gefangene Wanderfalken. Sie verlangen dieselbe Pflege wie diese, erreichen aber nur ausnahmsweise ein höheres Alter im Käfig. Aus der Geschichte der Falknerei wissen wir, daß Jagdfalken zwanzig Jahre lang benutzt werden konnten; die Geschichte unserer Tiergärten hat ähnliches nicht aufzuweisen. Man ist froh, wenn man einen der prächtigen Vögel bis zum Anlegen seines Alterskleides bringt. Freilich ist man hier kaum imstande, allen Edelfalken eine so ausgezeichnete Pflege angedeihen zu lassen, wie sie solche nach älteren Schriftstellern seitens der Falkner erhalten haben. Die Kunst der letzteren bestand nicht allein darin, die Falken regelrecht abzutragen, sondern auch, sie entsprechend zu füttern und etwaige Krankheiten zu heilen oder zu verhüten.

 

Ein Edelfalk, der vormals nicht viel weniger geschätzt wurde als der hochberühmte Jagdfalk, ist der Würgfalk ( Falco landarius), ein stattlicher Vogel von 54 Zentimeter Länge, 1,4 Meter Breite, 41 Zentimeter Fittich- und 20 Zentimeter Schwanzlänge, der einem jungen Wanderfalken nicht unähnlich gefärbt ist und deshalb öfters mit ihm verwechselt worden sein mag. Der Würgfalk zählt nicht zu den deutschen Brutvögeln, sondern verbreitet sich über den Südosten unseres heimatlichen Erdteils, insbesondere Niederösterreich, Galizien, Polen, Ungarn, die Donautiefländer, Südrußland und die Balkanhalbinsel, kommt außerdem geeigneten Ortes in ganz Mittelasien bis nach China hin vor, lebt ebenso in Armenien, Kleinasien, wahrscheinlich auch in Persien, und wandert im Winter bis Indien und Mittelägypten herab, brütet hier aber nicht.

In seinem Wesen, seinem Betragen und Gebaren ähnelt der Würgfalk dem Wanderfalken; doch unterscheiden ihn die arabischen Falkner genau von seinem Verwandten und sprechen ihm Eigenschaften zu, die nach ihrer Versicherung letzterer nicht besitzt. Die jüngstvergangenen Tage haben mich belehrt, daß man den Falknern beistimmen muß. Gelegentlich eines Jagdausflugs des Kronprinzen Erzherzog Rudolf von Österreich nach Ungarn, an dem wir, Eugen von Homeyer und ich, teilzunehmen das Glück hatten, sahen wir den Würgfalken mehrere Male, und wenn auch die Zeit mangelte, uns eingehender mit ihm zu befassen, konnten wir doch wesentliche Unterschiede zwischen ihm und dem Wanderfalken nicht verkennen. Sein Flugbild unterscheidet ihn auf den ersten Blick von der letztgenannten Art. Der im Vergleich mit dem des Wanderfalken gestreckte Leib, der längere Schwanz und spitzigere, im Schulter- und Oberarmteile aber breitere, daher im ganzen stark ausgebauchte Fittich sind Merkmale, die vollkommen ausreichen, ihn mit aller Sicherheit anzusprechen. Er fliegt schneller als sein Verwandter, mehr dem Baum- als dem Wanderfalken gleich, bewegt rasch und heftig die Flügel, um nach mehreren Schlägen gleitend dahinzuschießen, und beschreibt, über dem Horste spielend, weite Kreise mit wundervoller Leichtigkeit, fast ohne Flügelschlag längere Zeit dahinschwebend. Von seiner Jagdlust lieferte uns ein Männchen einen Beleg. Der uns begleitende, auch als Schriftsteller wohlbekannte Forstmeister von Dombrowski lockte durch täuschende Nachahmung der Stimme einige Ringeltauben auf die Donauinsel, die wir durchstreiften. Kaum hatten die Vögel sich erhoben, als der Würgfalk unter sie stieß. Erschreckt suchten die Tauben, alle Scheu vor uns vergessend, Zuflucht in den Wipfeln der um uns stehenden Bäume, und einen Augenblick später jagte der Falk zwischen ihnen hindurch. Pfeilschnell im buchstäblichen Sinne des Worts war jetzt sein Flug und deutlich hörbar das Brausen, das er hervorbrachte; aber so schnell er auch die Luft durchschnitt, das fast unfehlbar sichere Blei des fürstlichen Schützen ereilte ihn doch: er büßte seine Kühnheit mit dem Leben. Über das Leben des Würgfalken in der Winterherberge berichtet Heuglin in malerischer Weise. »Wenn die auf den Lagunen und Sümpfen des Nildelta überwinternden Wasservögel anlangen, sammeln sich um sie gleichzeitig eine Menge von Falken und Adlern, die hier an frischer Beute nicht Mangel leiden. Mit ihnen erscheint auch hier und da der Würgfalk oder Sukhr. Bald hat er sich seinen Standort auf einer einzelnstehenden Sykomore, Palme oder Akazie ausersehen, von der aus er seine Jagdbezirke überblicken kann. Erwacht der Tag und mit ihm der betäubende Lärm von tausenden in Flüge gescharten Gänsen, Enten, Strandläufern, die auf Schilfinseln in den Lagunen oder im seichten, freien Wasser einfallen, so verläßt auch der Würgfalk seinen Stand. Doch deckt dann noch ein dichter, niedriger Nebelschleier das Gewässer, was den Räuber in seinem Werke übrigens keineswegs hindert. Er streicht, meist ohne vorheriges Kreisen, in gerader Linie und niedrig auf einen munter schäkernden Flug von Enten zu. Nun erfolgt ein Augenblick lautloser Stille. Wasserhühner und andere schlechte Flieger ducken sich und tauchen im Nu unter, während die ihrer Fertigkeit in den Lüften bewußten Enten plötzlich aufsteigen und sich durch schleunige Flucht zu retten suchen. Jetzt steigt der Falk auch etwas, saust wie ein Pfeil dahin und erhascht entweder mit erstaunlicher Gewandtheit stoßend sein Schlachtopfer oder schlägt dasselbe mit den Fängen nieder und trägt es, oft verfolgt von kreischenden Milanen und Turmfalken und ohne sich im mindesten um die Schreihälse zu bekümmern, auf den nächsten, etwas erhabenen, trockenen Platz, um es zu kröpfen. Zuweilen kreist er auch hoch in den Lüften und stürzt sich wie spielend auf hin- und herstreichendes Sumpfgeflügel, seinen Flug erst beschleunigend, wenn er die Beute gehörig ins Auge gefaßt hat. Letztere entgeht ihm selten, obgleich der Sukhr bei seiner Jagd viel weniger hastig und ungestüm zu Werke geht als seine Verwandten. Während der wärmeren Tageszeit bäumt er und zieht mit einbrechender Abenddämmerung ruhigen, geraden, etwas schleppenden Fluges seinem Nachtstande zu. Zur Gazellenjagd läßt sich nur der Würgfalk verwenden; die übrigen Edelfalken stoßen meist zu gewaltig und töten sich oft selbst durch Zerschellen des Brustbeins. Aus diesem Grunde bezahlt man gut abgerichtete Würgfalken mit außerordentlichen Preisen.«

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Wanderfalke (Falco peregrinus)

Die Wanderfalken unterscheiden sich von den Jagdfalken durch geringere Größe, verhältnismäßig kleineren und stärker gebogenen Schnabel, die minder weit befiederten Fußwurzeln und einen im Verhältnis zu den Flügeln kürzeren Schwanz. Unser Wanderfalk ( Falco peregrinus) ist auf der ganzen Oberseite hell schiefergrau, mit dunkel schieferfarbigen, dreieckigen Flecken bandartig gezeichnet. Die Stirn ist grau, die Kehle, die durch schwarze Backenstriche eingefaßt wird, wie die Oberbrust weißgelb, die Unterbrust wie der Bauch lehmrötlichgelb, erstere braungelb gestrichelt und durch rundlich herzförmige Flecke gezeichnet, der Bauch durch dunklere Querflecke, die namentlich am After und auf den Hosen hervortreten, gebändert. Die Schwingen sind schieferschwarz, auf der Innenfahne mit rostgelben, bänderartigen Flecken besetzt, die Steuerfedern hell aschgrau gebändert und an der Spitze der Seitenfedern gelblich gesäumt. Im Leben liegt ein graulicher Duft auf dem Gefieder. Das Weibchen zeigt gewöhnlich frischere Farben als das Männchen. Bei den Jungen ist die Oberseite schwarzgrau, jede Feder rostgelb gekantet, die Kropfgegend weißlich oder graugelblich, die übrige Unterseite weißlich, überall mit licht- oder dunkelbraunen Längsflecken gezeichnet. Die Iris ist dunkelbraun, der Schnabel hellblau, an der Spitze schwarz, die Wachshaut, der Mundwinkel, die nackte Stelle ums Auge und der Fuß sind gelb. Bei jüngeren Vögeln ist der Schnabel hellbläulich, der Fuß bläulich oder grünlichgelb, die Wachshaut wie die übrigen nackten Stellen am Kopfe sind blaugrünlich. Die Länge des alten Männchens beträgt zweiundvierzig bis siebenundvierzig, die Breite vierundachtzig bis einhundertundvier, die Fittichlänge sechsunddreißig, die Schwanzlänge zwanzig, die Länge des bedeutend größeren Weibchens siebenundvierzig bis zweiundfünfzig, die Breite einhundertneunzehn bis einhundertundzwanzig, die Fittichlänge zweiundachtzig, die Schwanzlänge zwanzig Zentimeter.

Der Wanderfalk verdient seinen Namen; denn er streift fast in der ganzen Welt umher. Seine außerordentliche Verbreitung erklärt sich, wenn man weiß, daß er nicht bloß den gemäßigten, sondern auch den nördlichen kalten Gürtel bewohnt, in der Tundra rings um den Pol sogar der vorherrschende Falk ist, aber selbstverständlich allwinterlich gezwungen wird, dieses Brutgebiet zu verlassen und nach Süden zu wandern. Gelegentlich seines Zuges nun berührt er alle nördlichen Länder Europas, Asiens und Amerikas, durchfliegt unsern heimatlichen Erdteil bis zum äußersten Süden und tritt dann hier in den Wintermonaten stellenweise sehr häufig auf, folgt den Zugvögeln auch bis über das Mittelländische Meer und wandert, deren Heerstraßen entlang, bis Südnubien und Ostsudan, ebenso wie er in Asien bei dieser Gelegenheit in Japan, China und Indien, in Amerika in den Vereinigten Staaten, Mittelamerika und Westindien angetroffen wird. Nach meinen und anderer Erfahrungen sind es jedoch hauptsächlich Weibchen, die ihre Reisen weit nach Süden hin ausdehnen, wogegen die Männchen mehr im Norden zurückbleiben. Nicht wenige von beiden überwintern nun aber schon bei uns zu Lande, und da nun außerdem ihr Brutgebiet sich über ganz Europa, vielleicht mit alleiniger Ausnahme der Südspitze der Iberischen Halbinsel, und ebenso über Mittelasien und die nördlicheren Teile Amerikas erstreckt, kann es nicht wundernehmen, daß Wanderfalken beinahe auf der ganzen Erde gefunden werden. Allerdings ändern sie in Größe und Färbung erheblich ab. Infolgedessen besitzt der Wanderfalk die ausgesprochenste Fähigkeit, unter den verschiedensten Umständen sich wohnlich und häuslich einzurichten. Seiner außerordentlichen Wanderfähigkeit sind Reisen von tausend Kilometer gewissermaßen Spazierflüge; ich bin fest überzeugt, daß er, ohne sich anzustrengen, im Laufe eines einzigen Tages über das Mittelmeer fliegt.

Bei uns bewohnt der Wanderfalk ausgedehnte Waldungen, am liebsten solche, in deren Mitte steile Felswände sich erheben. Ebenso häufig trifft man ihn im waldlosen Gebirge, und gar nicht selten endlich sieht man ihn inmitten großer, volkbelebter Städte. Auf den Kirchtürmen Berlins, auf dem Stephansturme in Wien, auf den Domen von Köln und Aachen habe ich ihn selbst als mehr oder weniger regelmäßigen Bewohner beobachtet, daß er auf andern hohen Gebäuden sogar ständig vorkommen soll, durch glaubwürdige Beobachter erfahren. Besonders günstige Örtlichkeiten, namentlich unersteigliche Felswände, beherbergen ihn mit derselben Regelmäßigkeit wie die nordischen Vogelberge den Jagdfalken. So trägt der Falkenstein im Thüringer Walde seinen Namen mit Fug und Recht; denn auf ihm horstet ein Wanderfalkenpaar seit Menschengedenken. Aber weder Bäume noch Felsen, noch hohe Gebäude sind zu seinem Wohlbefinden notwendige Bedingung. Keineswegs seltener, eher noch häufiger als bei uns zulande begegnet man ihm, wie bereits bemerkt, in der Tundra. In Lappland habe ich ihn allerdings nicht oft gesehen, um so öfter aber auf meiner letzten Reise in Nordwestsibirien beobachtet. In der Tundra der Samojedenhalbinsel fehlen ihm Felswände, wie er sie sonst liebt, fast gänzlich; gleichwohl findet er auch hier Örtlichkeiten, die ihm zur Anlage des Horstes geeignet erscheinen, und ist deshalb regelmäßiger Sommergast des unwirtsamen, für ihn aber wirtlichen Gebietes.

»Der Wanderfalk«, sagt Naumann, »ist ein mutiger, starker und äußerst gewandter Vogel; sein kräftiger Körperbau und sein blitzendes Auge beurkunden dies auf den ersten Blick. Die Erfahrung lehrt uns, daß er nicht vergeblich von der Natur mit so furchtbaren Waffen ausgerüstet ward, und daß er im Gebrauche derselben seinen nahen Verwandten, dem Jagd- und Würgfalken, rühmlichst an die Seite zu setzen sei. Sein Flug ist äußerst schnell, mit hastigen Flügelschlägen, sehr selten schwimmend, meist niedrig über die Erde hinstreichend. Wenn er sich vom Boden aufschwingt, breitet er den Schwanz aus und fliegt, ehe er sich in die Höhe erhebt, erst eine kleine Strecke dicht über der Erde hin. Nur im Frühjahr schwingt er sich zuweilen zu einer unermeßlichen Höhe in die Luft. Er ist sehr scheu und so vorsichtig, daß er zur nächtlichen Ruhe meist nur die Nadelholzwälder aufsucht. Hat er diese nicht in der Nähe, so bleibt er öfters lieber im freien Felde, auf einem Steine sitzen, und es gehört unter die seltenen Fälle, wenn er einmal in einem kleinen Laubholze übernachtet. Aus Vorsicht geht er auch in letzterem des Abends erst sehr spät zur Ruhe und wählt dazu die dichten Äste hoher, alter Bäume. Am Tage setzt er sich ungern auf Bäume. Sitzend zieht er den Hals sehr ein, so daß der runde Kopf auf den Schultern zu stehen scheint; die weiße Kehle, mit den abstechenden schwarzen Backen, machen ihn von weitem kenntlich. Im Fluge zeichnet er sich durch den schlanken Gliederbau, den schmalen Schwanz und durch seine langen, schmalen und spitzigen Flügel vor andern aus. Seine Stimme ist stark und volltönend, wie die Silben: ?Kgiak, kgiak? oder ?Kajak, kajak?. Man hört sie aber außer der Begattungszeit eben nicht oft.« Naumanns Angabe bezüglich der Scheu und Vorsicht des Wanderfalken gilt wohl für unsere Waldungen, nicht aber für alle übrigen Verhältnisse. Auch in der menschenleeren Tundra weicht der Wanderfalk dem herankommenden Jäger vorsichtig aus; in größeren Städten hingegen kümmert ihn das Getriebe unter ihm nicht im geringsten, und er bekundet dann nicht selten eine Dreistigkeit, die mit seinem sonstigen Verhalten, abgesehen von seinem Benehmen angesichts einer ihm winkenden Beute, in auffallendem Widerspruche steht. Noch mehr aber erstaunt man, ihn in Nordafrika, namentlich in Ägypten, unbesorgt mitten in Dörfern auf wenigen Palmen oder einer den Marktplatz beschattenden Sykomore, auf Tempeltrümmern, Häusern und Taubenschlägen sitzen und von hier aus seine Raubzüge unternehmen zu sehen. Man erkennt hieraus, daß sich sein Betragen immer und überall nach den Verhältnissen richtet.

Es scheint, daß der Wanderfalk nur Vögel frißt. Er ist der Schrecken aller gefiederten Geschöpfe, von der Wildgans an bis zur Lerche herab. Unter Rebhühnern und Tauben richtet er die ärgsten Verheerungen an; die Enten verfolgt er mit unermüdlicher Ausdauer, und selbst den wehrhaften Krähen ist er ein furchtbarer Feind: er nährt sich oft wochenlang ausschließlich von ihnen. Nach Art seiner nächsten Verwandtschaft raubt er für gewöhnlich nur fliegendes Wild, solange dieses sich in der Luft bewegt. Auch auf Bäumen sitzende Vögel ergreift er ohne Umstände, er ist aber, so schreibt mir Eugen van Homeyer, gänzlich außerstande, einen Vogel vom Boden oder vom Wasser aufzunehmen. Wo man dies gesehen haben will, hat man sich durch mangelhafte Beobachtung täuschen lassen, indem ein durch den auf ihn stoßenden Falken erschreckter Vogel einen unbesonnenen Fluchtversuch wagte, sich etwas vom Boden oder vom Wasser erhob und nun sofort vom Falken erfaßt wurde. Einmal habe ich in einer Entfernung von zweihundert Schritten einen Wanderfalken auf eine am Boden liegende Taube wohl fünfzigmal, immer aber vergebens stoßen sehen. Einen andern Fall beobachtete ich auf einer Fahrt von Stralsund nach Hiddensee bei schönem, sonnigem Wetter, als das Boot von dem sehr schwachen Winde nur äußerst langsam bewegt wurde, die See auch sehr ruhig war. Ein Wanderfalk kam, eine Hohltaube verfolgend, in die größte Nähe der Taube, als diese sich auf das Wasser herabwarf, und der Falk durch fortwährende heftige Stöße sie aufzuschrecken suchte. Dies gelang ihm jedoch nicht, sondern die Taube lag fest auf dem Wasser. Endlich entfernte sich der Falk; allein wie bei dem vorerwähnten Falle, so auch hier: die Taube war zu eilig bemüht, von dem gefährlichen Feinde sich zu entfernen. Sobald sie sich jedoch vom Wasser erhob, war der Falk wieder in der Nähe, und die Taube flüchtete sich nochmals auf das Wasser. So dauerte diese Jagd fort, solange ich von dem allmählich sich entfernenden Boote noch etwas sehen konnte. Dies bestätigte mir von neuem, daß der Wanderfalk außerstande ist, ein Tier vom Wasser aufzunehmen, und daß dies, wer es auch zu sehen geglaubt haben mag, nur beim Auffliegen eines Vogels geschehen kann.« Ich muß indessen noch bemerken, daß gerade die wiederholten Versuche des Falken für vereinzeltes Gelingen seiner Anstrengungen sprechen. Erwiesenermaßen fängt auch er sich im Habichtskorbe; dies dürfte aber unmöglich sein, wenn er nicht bis auf den Boden herabstieße, da der Köder, meist eine Taube, hier angefesselt wird. Führen seine Stöße auf sitzendes Wild nicht zum Ziele, so hilft er sich durch List. »Da, wo man ihn im Felde auf der Erde sitzen sieht«, sagt Naumann, »liegt gewöhnlich ein Volk Rebhühner in der Nähe, von denen er, sobald sie auffliegen, eines hinwegnimmt, denen er aber, solange sie still liegen bleiben, keinen Schaden zufügen kann. Er lauert jedoch gewöhnlich solange, bis die Rebhühner glauben, er sei fort. Sie fliegen dann auf und er erreicht seinen Zweck.« Fliegend gelingt es selbst den schnellsten Vögeln selten, sich vor ihm zu retten. »Gewitzigte Haustauben wissen«, wie Naumann sagt, »kein anderes Rettungsmittel, als in möglichster Schnelle und dicht aneinander gedrängt die Flucht zu ergreifen. Auf diejenige, die sich etwas vom Schwarm absondert, stürzt er sich pfeilschnell von oben nieder. Stößt er das erstemal fehl, so sucht ihn die Taube zu überfliegen, und glückt ihr das nur einigemal, so wird der Falk müde und zieht ab.« Seine Taubenjagd in Städten schildert Altum nach dreijähriger Beobachtung in Berlin. »Hier pflegte ein Weibchen des Morgens früh ruhig und zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht; doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen Opfers folgt. Aber in dem Augenblick, als er dasselbe ergreifen will, ist es unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor, rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die Beute zuckt in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung fliegt er nun mit derselben ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde. Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr umherfliegen, wogegen sich die andern jäh herabgeworfen und unter dem Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.« Mein Vater erzählt von einem Wanderfalken, der, den Tauben nachfliegend, bis in den Taubenstall eindrang und hier gefangen wurde. Ausdrücklich bemerken will ich noch, daß der von Homeyer mitgeteilte Fall nicht vereinzelt dasteht. Auch Naumann sah eine Haustaube sich ins Wasser stürzen und durch Untertauchen glücklich retten. Nächst Rebhühnern und Tauben, wilden wie zahmen, haben nach Altums Beobachtungen namentlich die Kiebitze von ihm zu leiden. In Pommern wie in der Mark sind die Waldesteile, in denen der Horst steht, bestreut mit den größeren auffälligen Kiebitzfedern.

Alle Vögel, die der Wanderfalk angreift, kennen ihn sehr wohl und suchen sich vor allen Dingen zu retten. Nicht einmal die mutigen Krähen bedrohen ihn, sondern stiegen, sobald sie ihn erblicken, so eilig als möglich davon, haben auch alle Ursache, vor ihm zu flüchten; denn er läßt sich durch sie, die fast jeden anderen Falken angreifen und lange verfolgen, nicht im mindesten beirren, erhebt sich vielmehr über solche, vielleicht noch ungewitzigte, die sich erdreisten wollten, ihn zu necken, stößt von oben auf sie herab und schlägt sie unfehlbar. Aus eigener Beobachtung kenne ich nur einen einzigen Vogel, der mit Erfolg auf ihn stößt und ihn unweigerlich aus seinem Gebiete vertreibt; die Schmarotzermöve. Diesem äußerst gewandten, mutigen und raublustigen Bewohner der Tundra flößt jeder vorübergehende Wanderfalk Sorge um die unmündige Brut ein, und jeder, der sich von ferne blicken läßt, wird daher augenblicklich aufs heftigste angegriffen. Auf der Samojedenhalbinsel beobachtete ich mit Vergnügen solche Jagd. Der Falk flog geradeswegs seinem offenbar ziemlich entfernten Horste zu, als er einer Schmarotzermöve ins Auge fiel. Sofort erhob sich diese unter lautem Rufen, hatte in kürzester Frist den Räuber eingeholt und belästigte ihn nunmehr ununterbrochen durch die heftigsten Stöße. Mit spielender Leichtigkeit und unnachahmlicher Gewandtheit hob sie sich fortwährend über den Gegner und stieß von oben herab auf ihn. Der Falk versuchte so viel als tunlich auszuweichen, nicht aber, den Angriffen durch andere zu begegnen, sondern zog, augenscheinlich sehr belästigt, so eilig als möglich weiter, fortwährend verfolgt von der unermüdlichen Möve. So ging die Jagd durch die Tundra, bis beide meinen Augen entschwanden.

Schlägt der Wanderfalk eine Beute, so erdolcht oder erwürgt er sie gewöhnlich schon in der Luft, sehr schwere Vögel aber, die er nicht fortschleppen kann, wie Waldhühner und Wildgänse, auf dem Boden, nachdem er sie so lange gequält, bis sie mit ihm zur Erde herabstürzen. Bei Verfolgung seiner Beute fliegt er so fabelhaft schnell, daß man alle Schätzungen der Geschwindigkeit verliert. Man hört ein Brausen und sieht einen Gegenstand durch die Luft herniederstürzen, ist aber nicht imstande, in demselben einen Falken zu erkennen. Im Vollbewußtsein der außerordentlichen Gewandtheit, mit der er fliegt, zeigt er sich auf seinen Raubzügen oft außerordentlich dreist, nimmt dem Jäger ein im Fluge geschossenes Wild vor den Augen weg, ehe es den Boden berührt, und bezahlt solche Unklugheit nicht selten mit dem Leben. Die gewonnene Beute wird dann von ihm einer freien Stelle zugetragen und hier verzehrt, bloß größere Vögel werden da angefressen, wo sie getötet wurden. Vor dem Kröpfen rupft er wenigstens eine Stelle des Leibes vom Gefieder kahl. Kleinere Vögel verschlingt er samt dem Eingeweide, während er letzteres bei größeren verschmäht.

Hierzulande horstet der Wanderfalk am liebsten in Höhlungen an steilen Felswänden, die schwer oder nicht zu ersteigen sind, im Notfalle aber auch auf hohen Waldbäumen. Einen eigenen Bau errichtet er wohl nur in seltenen Fällen, benutzt vielmehr andere Raubvögelhorste, vom Seeadler- bis zum halbverfallenen Milanhorste herab, ebenso auch ein verlassenes oder gewaltsam in Besitz genommenes Krähennest. Gern bezieht er einen Horst inmitten einer Reihersiedlung, auch wohl solchen des Reihers selbst; denn die jungen Reiher, die er einfach aus dem Neste nimmt, erleichtern ihm seine Jagd und das Auffüttern seiner eigenen Brut. Bei uns zulande findet man im April oder Mai, zuweilen auch erst im Juni, das vollständige Gelege, drei, höchstens vier rundliche, auf gelbrötlichem Grunde braun gefleckte Eier. Das Weibchen brütet allein. Beide Eltern lieben ihre Brut außerordentlich und suchen durch heftige Stöße jeden dem Horste sich nahenden Feind zu vertreiben. So wenigstens beobachteten wir in der Tundra Sibiriens. Schon von Ferne machten uns die Wanderfalken auf den Horst aufmerksam. Auf weite Strecken flogen sie uns entgegen, umkreisten uns laut schreiend in hoher Luft, kamen um so tiefer herab, je mehr wir uns dem Horste näherten und stießen dann fortwährend auf uns hernieder. Das Schauspiel, das so geängstigte Falken bieten, ist im allerhöchsten Grade fesselnd; denn sie entfalten dabei alle Künste des Fluges. Eben sieht man sie noch in schwindelnder, weit mehr als schußfreier Höhe ihre Kreise ziehen, plötzlich aber die Flügel anlegen und nun sausend herunter bis auf wenige Meter an einem vorüberstürzen, an der tiefsten Stelle angekommen, ihr Steuerruder in entsprechender Weise gebrauchen und ohne Flügelschlag wieder sich erheben, soweit die Kraft des Stoßes sie treibt, dann wiederum mit einigen kurzen, raschen Flügelschlägen die vorherige Höhe erklettern, von neuem kreisen und von neuem herabstürzen. Zu wirklichen Angriffen entschließen sie sich jedoch nicht, kommen einem auch niemals so nahe, wie Habichte oder Möven unter gleichen Verhältnissen. Die Jungen werden anfänglich mit halbverdautem Fleische aus dem Kropfe geatzt, später mit verschiedenartigen Vögeln reichlich gefüttert, nach dem Ausfliegen ordentlich in die Lehre genommen und erst, wenn sie vollendete Fänger geworden sind, sich selbst überlassen.

Der Wanderfalk kann bei uns zulande nicht geduldet werden; denn der Schaden, den er anrichtet, ist sehr beträchtlich. Wenn der stolze Räuber nur zu eigenem Bedarfe rauben wollte, könnte man ihn vielleicht gewähren lassen: er aber muß für eine zahlreiche Sippschaft anderer Raubvögel sorgen. Es ist eine auffallende Tatsache, daß alle Edelfalken, wenn sie sich angegriffen sehen, die eben gewonnene Beute wieder wegwerfen. Dies wissen die Bettler unter den Raubvögeln sehr genau. »Da sitzen die trägen und ungeschickten Gesellen«, schildert Naumann, »auf den Grenzsteinen oder Feldhügeln, geben genau auf den Falken acht, und sobald sie sehen, daß er etwas gefangen hat, fliegen sie eiligst herbei und nehmen ihm ohne Umstände seine Beute weg. Der sonst so mutige, kühne Falk läßt, wenn er den ungebetenen Gast ankommen sieht, seine Beute liegen, schwingt sich mit wiederholt ausgestoßenem ?Kjak kjak? in die Höhe und eilt davon. Ja sogar dem feigen Gabelweih, den eine beherzte Gluckhenne von ihren Küchlein abzuhalten imstande ist, überläßt er seine Beute.« In Nordostafrika sind es hauptsächlich die Schmarotzermilane, die ihren Namen betätigen. Ich selbst habe gesehen, daß ein Wanderfalk binnen wenigen Minuten drei Enten erhob, alle drei dem unverschämten Bettlergesindel zuwarf und erst mit der vierten unbelästigt davonflog. Man hat sich bemüht, die Handlungsweise des Wanderfalken zu erklären und zu diesem Behufe verschiedene Annahmen verlautbaren lassen. Ich meinesteils kann nur sagen, daß ich den eigentlichen Grund des Verfahrens eines so kräftigen und stolzen Vogels nicht kenne, und muß somit, wenn ich eine Erklärung suchen soll, als allein wahrscheinlich annehmen, daß ihm das Gebaren der bettelnden Raubvögel überlästig wird und er aus diesem Grunde, im Vollbewußtsein seiner Raubfertigkeit, ihnen die leicht erworbene und leicht zu ersetzende Beute überläßt. Dem nicht in Abrede zu stellenden Schaden gegenüber spricht man dem Wanderfalken jeglichen Nutzen ab, und Jäger und Taubenzüchter sehen in ihm einen ihrer ärgsten Feinde, dessen Ausrottung jedes Mittel heiligt. Und doch möchte ich und mit mir jeder andere, der den stolzen Vogel jemals fliegen und rauben sah, ihn nimmermehr missen; denn er ist eine Zierde unserer Wälder und Fluren. Heute ist unser Vogel überall bei uns so selten geworden, daß man alle Ursache hat, ihn zu schützen. Die Natur ist ein wohlgegliedertes Ganzes, das kein Lebewesen, es sei denn, daß es auf natürliche Weise ausstirbt, ohne Schaden für den Gesamthaushalt entbehren kann. So sind auch Nutzen und Schaden sehr relative Begriffe. Ein Tier, das bei massenhaftem Auftreten uns schadet, erweist sich bei geringerem Vorkommen als sehr nützlich; seine Ausrottung dagegen bringt uns wieder andere Schäden. Herausgeber.

siehe

Baumfalk (Falco subbueto)

Der Baumfalk ( Falco subbuteo) gehört zu den kleinen Edelfalken. Seine Länge beträgt einunddreißig, seine Breite achtundsiebzig, die Fittichlänge fünfundzwanzig, die Schwanzlänge sechzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um vier Zentimeter länger und um fünf bis sieben Zentimeter breiter. Die ganze Oberseite ist blauschwarz, der Kopf graulich, der Nacken weißfleckig; die Schwingen sind schwärzlich, rostgelb gekantet, auf der Innenfahne mit fünf bis neun roströtlichen, länglich runden Querflecken besetzt; die Schwanzfedern oben schieferblau, unten graulicher, auf der Innenfahne durch acht rostgelbrote Querflecke geziert, die sich zu Binden vereinigen, den beiden mittelsten Federn aber fehlen. Die Unterseite ist auf weißem oder gelblichweißem Grunde vom Kropfe an mit schwarzen Längsflecken besetzt; die Hosen, die Steiß- und die Unterschwanzdeckfedern sind schön rostrot. Die Bartstriche treten deutlich hervor. Das Auge ist dunkelbraun, der nackte Ring um dasselbe, die Wachshaut und die Füße sind gelb, der Schnabel ist an der Spitze dunkel-, an der Wurzel hellblau.

Europa, vom mittleren Skandinavien, Südfinnland und Nordrußland an bis Griechenland und Spanien, beherbergt diesen schnellsten Unserer Edelfalken als Brutvogel. Außerdem bewohnt er ganz Mittelasien vom Ural bis zum Amur. Nach Süden hin wird er seltener, so daß die Grenzen seines Brutgebietes den Balkan, die Alpen und Pyrenäen nur ausnahmsweise überschreiten. Auf dem Zuge berührt er Nordafrika höchst selten, kommt aber noch auf den Kanaren regelmäßig vor; in Indien hingegen erscheint er als Wintergast ziemlich häufig. In Deutschland bevorzugt er Feldhölzer und namentlich Laubwälder vor allen anderen Örtlichkeiten; in ausgedehnten Waldungen wird er nur auf dem Zuge bemerkt. Ebenso wie solche Wälder meidet er auch das Gebirge, besucht es mindestens ausnahmsweise und immer nur einzeln. Häufig kann man ihn überhaupt nicht nennen, als selten freilich auch nicht bezeichnen. Im ebenen Norddeutschland findet man ihn regelmäßig, hier und da kaum seltener als den Turmfalken, immer aber nur einzeln, so daß der Standort eines Paares von dem eines anderen oft durch viele Kilometer getrennt sein kann. Er ist bei uns ein Sommervogel, der uns im September und Oktober regelmäßig verläßt und im April wieder zurückkehrt.

In seinem Betragen zeichnet sich der Baumfalk in mancher Hinsicht vor andern Edelfalken aus. »Er ist«, sagt mein Vater, »ein äußerst munterer, kecker und gewandter Raubvogel, der sich in der Schnelligkeit seines Fluges mit jedem andern messen kann. Sein Flug hat viel Ähnlichkeit mit dem der Schwalben. Er hält wie diese die Flügel meist sichelförmig, breitet den Schwanz wenig und ähnelt in seiner ganzen Haltung dem Mauersegler sehr. Verläßt er einen Baum, dann streicht er oft ganze Strecken, aus drei- bis vierhundert Schritte weit, fast ohne alle bemerkbare Flügelbewegung durch die Lüfte hin und nicht etwa wie die Bussarde oder Turmfalken langsam, sondern sehr geschwind. Kommt er zu tief ? denn er senkt sich bei diesem Hingleiten durch die Luft merklich ?, dann kostet es ihm nur wenige Flügelschläge, und er hat seine vorige Höhe erreicht. So geht dieser herrliche Flug fort und entrückt den Falken in kurzer Zeit dem menschlichen Auge. Ist der gewöhnliche Flug schnell, so ist er beim Verfolgen eines Vogels reißend. Wie ein Pfeil schießt der Baumfalk hinter einer Rauchschwalbe her, und hat er freien Spielraum, sie zu verfolgen, dann ist sie verloren. Wir sahen das alte Männchen in nicht großer Entfernung stoßen. Es hatte dem kleinen Vogel, den es verfolgte, die Höhe abgewonnen und durch schnellen Schwingenschlag den zum Stoße nötigen Schuß bekommen. Jetzt legte es die Flügel zurück, und nachdem es zehn Meter weit in schiefer Richtung herabgefahren war, hatte es den Vogel schon ergriffen. Ein Grünspecht, der eben unter dem Falken vorüberflog, geriet über das Stoßen desselben in solche Angst, daß er laut aufschrie und in größter Hast in das nahe Dickicht stürzte.« Bei solchen Jagden vergißt er oft alle Scheu vor dem Menschen, eilt blindlings hinter den von ihm verfolgten Vögeln her und dringt dabei zuweilen in Häuser, selbst in das Innere eines fahrenden Wagens ein, falls seine geängstigte und verwirrte Beute hier wie dort Rettung sucht. Schwebend führt er die schönsten Schwenkungen mit der größten Leichtigkeit aus. Auf den Boden setzt er sich selten, vielmehr regelmäßig auf Stämme. Seinen Raub verzehrt er hier wie dort.

Männchen und Weibchen treten im Herbste miteinander ihre Winterreise an. Sie rauben auch gemeinschaftlich, werden aber hierbei aufeinander eifersüchtig und nicht selten miteinander uneinig. Solche eheliche Zwiste abgerechnet sind die Baumfalken sehr treue Gatten. Man sieht das Paar stets zusammen. Die Stimme ist ein helles und angenehm klingendes »Gäth gäth gäth«, das oft und schnell wiederholt wird. Während der Brutzeit vernimmt man ein helles »Gick«. Der Baumfalk ist immer scheu und vorsichtig, bäumt deshalb zum Schlafen erst aus, wenn die Dunkelheit vollständig eingebrochen ist, und weicht jedem Menschen fast ängstlich aus.

Wie schon Naumann hervorhebt, ist der Baumfalk der Schrecken der Feldlerchen. Er verschmäht aber auch andere Vögel keineswegs, und wird selbst den schnellen Schwalben gefährlich. »Die sonst so kecken Schwalben, die so gern andere Raubvögel mit neckendem Geschrei verfolgen, fürchten sich auch so sehr vor ihm, daß sie bei seinem Erscheinen eiligst die Flucht ergreifen. Ich sah ihn zuweilen unter einen Schwarm Mehlschwalben fahren, die darüber so erschraken, daß einige von ihnen vom Schreck förmlich betäubt wurden, wie tot zur Erde herabstürzten und sich von mir aufnehmen ließen. Lange hielt ich sie in der offenen Hand, ehe sie es wagten, wieder fortzufliegen. Auch die Lerchen fürchten sich so vor ihrem Erbfeinde, daß sie, wenn er sie verfolgt, ihre Zuflucht oft zu den Menschen nehmen, den Ackerleuten und Pferden zwischen die Füße fallen und von Furcht und Schrecken so betäubt sind, daß man sie nicht selten mit den Händen fangen kann. Der Baumfalk fliegt gewöhnlich niedrig und schnell über der Erde hin. Wenn ihn im Frühling die Lerchen von weitem erblicken, so schwingen sie sich schnell in die Luft zu einer Höhe hinauf, daß sie das menschliche Auge kaum erreichen kann, weil er allemal von oben herab auf seinen Raub stößt und sie daher, wenn sie einmal in einer so beträchtlichen Höhe sind, niemals angreift. Die Schwalben verursachen bei seiner Ankunft einen großen Lärm, sammeln sich zu einem Schwarm und schwingen sich girbelnd in die Höhe. Auf die einzeln niedrig fliegenden macht er Jagd und fängt sie; stößt er aber öfters fehl, so wird er müde und zieht ab.« Seine Jagd auf Schwalben gewährt ein prachtvolles Schauspiel. Regelmäßig vereinigen sich beide Gatten eines Paares, und während der eine die behenden Schwalben zu übersteigen sucht, hält sich der andere so viel als möglich unter denselben. Beide aber wechseln im Verlaufe der Jagd fortwährend ihre Rollen und entfalten dabei ebenso überraschende Flugkünste wie die geängstigten Schwalben. Unter gewissen Umständen vernichtet er so viele von unsern Haus- oder Mehlschwalben, daß man die Abnahme derselben deutlich merken kann; so große Verheerungen wie unter den Lerchen richtet er jedoch unter jenen wohl niemals an.

Selbstverständlich beschränkt er seine Jagden nicht auf Rauch- und Mehlschwalben, Segler und Feldlerchen allein, sondern raubt ebenso Heide- und Haubenlerchen, überhaupt alle Arten der Familie, mit denen er zusammenkommt, begnügt sich auch keineswegs immer mit so kleiner Beute, fängt vielmehr Vögel bis zu Wachtel- und Turteltaubengröße und stößt auf Rebhühner, ja sogar auf Kraniche. Alle Beobachter, die ihn in der Winterherberge antrafen, heben hervor, daß er hier mit den Wachteln erscheint und verweilt; Sachse fand an einem Sommermorgen nach starkem Regen ein junges Männchen, das eine Turteltaube ergriffen hatte, aber so durchnäßt worden war, daß es nicht auffliegen konnte und ergriffen wurde, und von Meyerinck, ein ebenso sicherer als bewanderter Beobachter, teilt mir mit, daß er ihn wiederholt auf Rebhühner stoßen sah. Kleine Vögel bilden unter allen Umständen seine bevorzugte Beute. Eine Maus nimmt er, weil er ebensowenig wie der Wanderfalk auf den Boden stoßen kann, nur in seltenen Fällen auf. Dagegen fängt er regelmäßig Kerbtiere im Fluge, namentlich Heuschrecken, Wasserjungfern und selbst die männlichen Ameisen, wenn sie schwärmen. Man hat mehrere erlegt, deren Kröpfe nur mit Kerfen angefüllt waren. Meines Vaters Beobachtungen erweisen, daß er die Käfer mit dem Schnabel, nicht aber mit den Fängen ergreift. »Ein Männchen verfolgte in unserer Gegenwart einen Roßkäfer in der Abenddämmerung. Es war dabei so eifrig, daß es bis auf zwanzig Meter über unserem Scheitel herabkam und wie ein Ziegenmelker rüttelte. Aber durch den Luftzug, den der Sturz des Baumfalken bewirkte, war der Käfer aus seiner Bahn gekommen, und so schnappte der Falk, der ihn mit dem Schnabel fangen wollte, vergeblich. Jetzt flog er hinter dem Käfer her, aber dieser bog zufällig auf die Seite aus und näherte sich der Erde, so daß der Vogel die Jagd auf ihn aufgeben mußte. Man sah es recht deutlich, daß ihm die zum Fange der Käfer notwendigen Eigenschaften, ein weiter Rachen und ein Flug, der keinen starken Luftzug bewirkt, fehlen; einem Ziegenmelker wäre dieser Käfer schwerlich entgangen.«

Da dem Baumfalken erst der Spätfrühling und Frühsommer, nachdem die kleinen Vögel bereits ausgeflogen sind, so reichliche Beute gewähren, als er für seine begehrlichen Jungen herbeischaffen muß, schreitet er nicht vor der Mitte des Mai, meist im Juni und nicht selten erst Ende Juli zur Fortpflanzung. Der Horst steht auf Bäumen, im Gebirge auch auf Felsen und in der Steppe jedenfalls hier und da auf dem Boden. Im ersteren Falle benutzt der Falk regelmäßig ein altes Krähennest zur Grundlage seines Horstes; doch geschieht es wohl auch, daß er diesen vom Grunde auf aus dürren Reisern erbaut und inwendig mit Haaren, Borsten und Moos auskleidet. Die vier bis fünf Eier haben längliche, ausnahmsweise auch rundliche Gestalt, sind vierzig bis dreiundvierzig Millimeter lang und zweiunddreißig bis dreiunddreißig Millimeter breit und auf weißlichem oder rötlichem Grunde mehr oder minder dicht mit sehr feinen, ineinander verschwimmenden gelbrötlichen und rotbräunlichen Flecken gezeichnet, einzelne so dicht, daß sie fast ziegelrot oder graubraun erscheinen. Von den Turmfalkeneiern unterscheiden sie sich durch stärkere, weniger glänzende Schale und ansehnlichere Größe. Das Weibchen brütet ungefähr drei Wochen lang, wird aber währenddem vom Männchen gefüttert. »Sobald dieses mit einem gefangenen Vogel oder Käfer in die Nähe des Horstes kommt«, sagt mein Vater, »erhebt es seine laute Stimme, verläßt den Horst, fliegt seinem Männchen schreiend entgegen und verzehrt die Beute im Horste.« Erlegt man im Anfange der Brutzeit das Männchen, so fliegt das Weibchen augenblicklich aus, um sich ein anderes Männchen anzupaaren, erreicht seinen Zweck auch meist schon in den ersten Tagen. Beide Eltern lieben ihre Brut außerordentlich, verlassen sie nie und verteidigen ihren Horst gegen jeden Feind, stoßen auch mit unvergleichlichem Mut auf den den Horst erklimmenden Menschen herab, bis auf Meterweite am Haupte des gewaltigen Feindes vorüberfliegend. Als Briggs einen Baumfalkenhorst bestieg, um sich der Jungen zu bemächtigen, wurde er zunächst mit lautem Geschrei der beiden Eltern begrüßt und dann in der erwähnten Weise fortwährend angegriffen. Glücklich mit seiner Beute auf dem Boden angelangt, beschloß der Nesträuber, auch die Alten zu erlegen, setzte zu diesem Behufe die Jungen auf ein benachbartes freies Feld, stellte sich in der Nähe auf und machte sich zum Schusse fertig. Kaum vernahmen die alten Baumfalken das Geschrei ihrer Jungen, als sie wiederum erschienen und von neuem zum Angriffe schritten; dies aber geschah von einer so bedeutenden Höhe aus und mit so außerordentlicher Schnelligkeit, daß Briggs nicht imstande war, einen Schuß abzugeben. Erlegt man das Weibchen, so übernimmt das Männchen allein die Mühwaltung der Aufzucht der Jungen und schleppt unverdrossen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein in reichlicher Fülle Atzung herbei. Anfänglich erhalten die jungen Baumfalken größtenteils wohl Kerbtiere, namentlich Libellen, Heuschrecken, Brach- und andere weichschalige Käfer, später kleine Vögel verschiedenster Art, insbesondere Lerchen und Schwalben. Im Anfange wissen sie noch nicht recht mit den ihnen gebrachten Vögel umzugehen und lassen sie nicht selten von den hohen Bäumen, auf denen sie ihre Mahlzeit halten, herabfallen; später zerlegen, zerfleischen und verzehren sie die ihnen gebrachte Beute ebenso geschickt als rasch. Sind sie so weit erstarkt, daß sie kleine Ausflüge unternehmen können, so treiben sie sich in der Nähe des Horstes umher, versuchen ihre Fittiche und ruhen nach kurzem Fluge bald auf dem Rande des Horstes, bald auf benachbarten Bäumen, machen auch wohl schon auf eine erspähte Heuschrecke oder ein kleines Vögelchen Jagd. Noch lange aber sind die Eltern ihre wirklichen Ernährer. Sind die Jungen so weit im Fluge geübt, daß sie ihren Eltern auf weiterhin folgen können, so beginnen diese den regelrechten Unterricht, um die Kinder zur Selbständigkeit vorzubereiten. Rufend und schreiend fliegen beide Eltern in die Luft hinaus, rufend und schreiend folgt ihnen die junge Gesellschaft. Anfänglich ziehen jene in verhältnismäßig langsamem und einfachem Fluge dahin; bald aber beginnt der eine von ihnen allerlei Schwenkungen auszuführen, der andere tut dasselbe und die Jungen folgen, anfänglich ersichtlich ungeschickt, im Verlaufe der Zeit aber mit von Tag zu Tag sich steigernder Gewandtheit. Eine Beute kommt in Sicht und wird rasch gefangen, entweder von einem Alten allein oder unter Mithilfe des zweiten. Sofort nach dem Fange erhebt sich der glückliche Jäger hoch in die Luft, übersteigt die Schar der Jungen und läßt nun die Beute fallen. Sämtliche Jungen versuchen ihr Geschick, und alle gemeinschaftlich stürzen unter lautem Schreien dem fallenden Vogel nach. Gelingt es einem, ihn zu ergreifen, so trägt er ihn, nicht immer unbelästigt durch die andern, einem geeigneten Baumaste zu, um ihn hier zu verspeisen; fehlen alle, so stößt der unter den Kindern einherfliegende zweite Gatte des Paares auf den Vogel, fängt ihn und steigt nun seinerseits über die Jungen empor, um das alte Spiel zu beginnen. So währen Lehre und Unterricht acht, vierzehn Tage, vielleicht auch drei Wochen fort, bis die Jungen hinlänglich geübt sind, um sich auf eigene Faust ihr tägliches Brot zu erwerben. Damit ist dann auch in der Regel die Zeit der Abreise gekommen, und alt und jung zieht, meist noch gemeinschaftlich, der Winterherberge zu, bereits getrennt aber im nächsten Frühjahr wieder heimwärts.

Der Baumfalk ist der liebenswürdigste Hausgenosse, den wir aus dieser Familie gewinnen können. »Ich habe«, sagt mein Vater, »nie einen Vogel gehabt, der mir mehr Freude gemacht hätte, als mein zahmer Baumfalk. Wenn ich vor dem Stalle, in dem er gehalten wurde, vorüberging, schrie er, noch ehe er mich sah, kam nach der Tür geflogen, nahm mir einen Vogel ab und verzehrte ihn. Ging ich in den Stall, so setzte er sich mir auf die Hand, ließ sich streicheln und sah mich dabei mit treuherzigen Blicken an. Trug ich ihn in die Stube und setzte ihn auf den Tisch, so blieb er hier ruhig sitzen, verzehrte auch wohl in Gegenwart fremder Leute einen ihm dargereichten Vogel mit der größten Behaglichkeit. Wenn man ihn neckte oder ihm den Raub abnehmen wollte, zwickte er mit dem Schnabel, verwundete aber nie mit den Fängen. Jedermann, der diesen Falken sah, hatte ihn gern.« Ich kann diese Angaben meines Vaters nur bestätigen. Die Baumfalken. die ich gehalten, haben auch mir stets die größte Freude bereitet. Auch meine Freunde haben diesen Vogel ohne Mühe zum Aus- und Einfliegen gewöhnen können.

Während der Blüte der Falkenjagd wurde auch unser Baumfalk abgetragen und zur Beize auf Wachteln und anderes Kleingeflügel benutzt, soll auch von einzelnen Falknern so weit gebracht worden sein, daß er sogar wilde Gänse am Halse packte und so lange quälte, bis sie mit ihm zum Boden herabfielen; demungeachtet scheint er in der Falknerei eine besondere Rolle nicht gespielt zu hoben und mehr seiner jeden Beobachter erfreuenden Fluggewandtheit als der eigentlichen Beize halber gehalten worden zu sein.

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Merlin (Falco aesalon)

Vom hohen Norden, seiner Heimat, aus durchzieht unser Vaterland allherbstlich ein kleiner reizender Edelfalk, um in Südeuropa und Nordafrika den Winter zu verbringen und im Frühling nach seinem Brutgebiet zurückzuwandern. Dies ist der Merlin ( Falco aesalon), dessen Merkmale in dem kurzen, zusammengelegt nur Zweidrittel der Schwanzlänge erreichenden Flügel, dem schwachen Bartstreifen und der verschiedenartigen Färbung beider Geschlechter zu suchen sind. Die Länge des Merlin beträgt zweiunddreißig, die Breite sechsundachtzig, die Fittichlänge zwanzig, die Schwanzlänge dreizehn Zentimeter; das Weibchen ist um zwei Zentimeter länger und um drei bis vier Zentimeter weniger breit als das Männchen. Bei letzterem sind Stirne und Wangen gelblichweiß, Scheitel und Vorderkopf sowie die ganze Oberseite dunkelbläulich aschgrau, Kehle und Gurgel rein weiß, ein Streifen über dem Auge, ein breites Nackenband, die Halsseiten und die ganze übrige Unterseite schön rostgelb, bald lichter, bald dunkler, alle Federn durch schwarze Flecke geziert, die Schwingen braunschwarz, am Ende schmutzigweiß gesäumt und mit weißen Querflecken gezeichnet. Beim alten Weibchen sind die Stirne, ein Streifen über dem Auge, die Wangen und die Kehlfedern weiß, die übrigen Oberteile dunkel braungrau, licht fahlgelb gesäumt und schwarz in die Länge gestrichelt; der Bürzel ist lichtblau überflogen, die Unterseite endlich ist blaß rostbraun oder rostgelblichweiß, durch schwarze Schaftstriche und große dunkelbraune Tropfenflecke sehr von denen des Männchens unterschieden; die Schwingen sind dunkelbraun. Bei einzelnen Weibchen tritt der schieferblaue Ton mehr hervor und zwar auch auf den Querbinden des Schwanzes. Der junge Vogel ähnelt dem Weibchen, ist jedoch oberseits lichtrostbraun, zeigt ein deutliches Nackenband und über dem Auge einen gelblichen Brauenstrich.

Wiederholt, am bestimmtesten von Bechstein und Päßler, ist behauptet worden, daß der Merlin in Deutschland brüte. Solche Fälle gehören jedoch zu den seltenen Ausnahmen; denn das wirkliche Brutgebiet ist der hohe Norden Europas, insbesondere die Tundra und der nach Süden hin sich anschließende Waldgürtel, ungefähr bis zur Breite der Insel Gothland. Im nördlichen Skandinavien wie auf Island und den Färinseln zählt der Merlin unter die regelmäßigen Brutvögel des Landes; in Sibirien bewohnt er von Nowaja Semlja an ähnliche Örtlichkeiten, dringt aber, im Einklange mit der Beschaffenheit der Waldungen, weiter nach Süden vor als in Europa. Nach Osten hin scheint er bis zum untern Amur überall vorzukommen; wenigstens fanden ihn Pallas, Middendorf und Radde auf allen ihren Reisen in jenen Gegenden. Ob er auch die Tundra Amerikas bewohnt, ist noch nicht entschieden, weil der hier vorkommende Merlin von den meisten Naturforschern als besondere Art betrachtet und nur von wenigen als gleichartig mit dem europäischen Vogel angesehen wird. In Berücksichtigung der ständigen Abweichungen, die man bei andern rings um den Pol brütenden Falken beobachtet, möchte ich mich der letzterwähnten Meinung anschließen und glauben, daß auch der Merlin wie der Jagd- und Wanderfalk nur eine einzige Art darstellen. Notwendigerweise ist der kleine, fast ausschließlich von Sperlingsvögeln sich ernährende Falk ebenso gut wie der nicht den Meeresvögeln nachjagende Wanderfalk gezwungen, mit Beginn des Winters seine Heimat zu verlassen und nach Süden zu wandern; hierbei aber muß er selbstverständlich alle zwischen ihr und der Winterherberge liegenden Länder berühren, in Asien sogar Gebirge von viertausend Meter unbedingter Höhe überschreiten und auf seinen Herbst- und Winterzügen bemerkt werden. In Europa überwintert er alljährlich in erheblicher Anzahl auf den drei südlichen Halbinseln, in noch größerer aber in Nordafrika, insbesondere in Ägypten, wo er zuweilen, ganz gegen Art seines Geschlechtes, in zahlreichen Trupps auftritt.

Ungeachtet seiner geringen Größe steht der Merlin an Raubfertigkeit, Mut und Kühnheit hinter keinem einzigen andern Edelfalken zurück. Ein so ausgezeichneter Flieger wie der Baumfalk ist er nicht; sein Flug erinnert im Gegenteil oft an den des Sperbers. Alles Kleingeflügel, das in der Tundra lebt, liefert dem Merlin die nötige Nahrung. Blaukehlchen und Sporenammer, Pieper, Zitron- und Schafstelzen, Meisen und Laubsänger haben viel von ihm zu leiden, nicht minder aber auch alle Strandläufer, überhaupt das kleine Strandgesindel, und ebenso die Drosseln. Denn mit gleichem Mute wie der Baumfalk schlägt er Vögel, die ihm an Gewicht gleichkommen, vielleicht ihn selbst noch überbieten. Für seine Gewandtheit spricht die Tatsache, daß er ebenso wie der Baumfalk auf Schwalben jagt und alle Schwenkungen derselben mit der unvergleichlichsten Gewandtheit wiederholt. Eigene Beobachtungen lassen mich glauben, daß er im Gegensatze zu andern Edelfalken, vom Boden oder vom Wasser mühelos Beute aufzunehmen vermag. Ich habe wenigstens wiederholt gesehen, wie er, ganz nach Sperberart, so dicht einzelne Gebüsche umkreiste, daß seine Schwingen fast deren Laubwerk berührten, und traue ihm deshalb alle Fertigkeiten zu, die der Sperber erwiesenermaßen ausübt. Für meine Ansicht spricht die Mitteilung Colletts, daß im Sommer des Jahres 1872 der Merlin viel häufiger als früher auftrat, im Einklange mit der in diesem Jahre stattgefundenen großartigen Wanderung der Lemminge. Echt sperberartig ist auch seine Gewohnheit, beim Aufbäumen stets die unteren Äste zu wählen und hier möglichst nahe am Stamme zu fußen.

Wie die meisten andern Edelfalken, horstet auch der Merlin je nach des Ortes Gelegenheit, in gebirgigen Gegenden des Nordens wohl regelmäßig auf oder in den Felsen, in waldigen auf Bäumen, in der Tundra oder in Mooren auf dem Boden. Um die Mitte oder zu Ende des Mai findet man hier, im hohen Norden jedenfalls erst später, die vier bis sechs entweder gestreckten oder rundlichen, auf weißlichem oder dunkelziegelrotem Grunde mit sehr feinen und gröberen, braunrötlichen oder schwärzlichen Flecken, ausnahmsweise wohl auch auf schokoladenfarbigem Grunde mit dunkelbraunen Flecken gezeichneten Eier, die denen des Turm- und Rotfußfalken oft täuschend ähnlich sind. Die Jungen entschlüpfen nach ungefähr dreiwöchentlicher Brutzeit, werden von beiden Eltern großgefüttert, warm geliebt, tapfer verteidigt, jedenfalls auch in ähnlicher Weise wie die des Baumfalken unterrichtet und verlassen dann mit den Eltern oft schon Ende August das Brutgebiet, um der Winterherberge zuzuwandern.

Obgleich der Merlin sich hauptsächlich von kleinen Vögeln ernährt, fällt der Schaden, den er verursacht, kaum ins Gewicht. Seine Heimat ist so reich an dem von ihm bevorzugten Wilde, daß man eine irgendwie ersichtliche Abnahme desselben nicht bemerken kann. Nutzen bringt uns der niedliche Falk freilich ebensowenig; denn die Zeiten sind vorüber, in denen man auch ihn zur Beize abrichtete. Ich verstehe, weshalb dieser Vogel sich die Liebe jedes Pflegers erwarb. Auch bei uns zulande wird zuweilen einer gefangen, auffallenderweise am häufigsten in Dohnen, in denen er vielleicht gefangene Drosseln wegnehmen will, und so gelangt dann und wann auch wohl einer der reizenden Gesellen in unsere Gebauer. Dank seinen ebenso zierlichen als gewandten Bewegungen weiß er sich auch im kleineren Raume fliegend so zu benehmen, daß er sich selten die Schwingen abnutzt. Mit dem Wärter befreundet er sich bald innig, und wenn man sich mehr mit ihm abgibt, wird er so zahm wie irgend ein Mitglied seiner Familie. Ein Bekannter von mir besaß einen dieser Falken, der sich behandeln ließ wie ein Papagei, alle Furcht vor dem Pfleger abgelegt hatte und ruhig auf seinem Stocke sitzend den ihm vorgehaltenen Sperling oder die ihm gereichte Maus aus der Hand nahm.

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Junge Turmfalken (Falco tinnunculus)

Der Turmfalk ( Falco tinnunculus) ist ein sehr schmucker Vogel. Beim ausgefärbten Männchen sind Kopf, Nacken und der Schwanz, mit Ausnahme der blauschwarzen, weiß gesäumten Endbinden, aschgrau, die Oberteile schön rostrot, alle Federn mit dreieckigem Spitzenflecke, die Unterteile an der Kehle weißlichgelb, auf Brust und Bauch schön rotgrau oder blaßgelb, die einzelnen Federn mit schwarzem Längsflecke gezeichnet, die Schwungfedern schwarz und mit sechs bis zwölf weißlichen oder rostroten dreieckigen Flecken an der Innenfahne geschmückt, an der Spitze lichter gesäumt. Der Augenstern ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, die Wachshaut und die nackte Stelle ums Auge sind grünlichgelb, der Fuß ist zitrongelb. Ein Bartstreifen ist vorhanden. Das alte Weibchen ist auf dem ganzen Oberkörper rötelrot, bis zum Oberrücken mit schwärzlichen Längsflecken, von hier an aber mit Querflecken gezeichnet; sein Schwanz auf graurötlichem Grunde an der Spitze breit und außerdem schmal gebändert, nur der Bürzel rein aschgrau. Auf der Unterseite ähnelt die Färbung der des Männchens. Die Jungen tragen das Kleid der Mutter. Die Länge beträgt dreiunddreißig, die Breite siebzig, die Fittichlänge vierundzwanzig, die Schwanzlänge sechzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um zwei bis drei Zentimeter länger und um drei bis vier Zentimeter breiter als das Männchen.

Von Lappland an bis Südspanien und von den Amurländern an bis zur Westküste Portugals fehlt der Turmfalk keinem Lande, keinem Gaue Europas. Er lebt in Ebenen wie in gebirgigen Gegenden, gleichviel ob dieselben bewaldet sind oder nicht; denn er ist ebensowohl Felsen-, wie Waldbewohner. Im Süden unseres Erdteiles tritt er häufiger auf als im Norden, fehlt hier jedoch keineswegs. Auf seinem Zuge überfliegt er das Schwarze und das Mittelländische Meer, sucht bei heftigen Stürmen nötigenfalls auf Schiffen Zuflucht, ruht einige Stunden, vielleicht tagelang, am jenseitigen Ufer aus und wandert nun weiter bis nach Südasien und tief ins innere Afrika. Demungeachtet überwintert er, wenn auch nicht gerade regelmäßig, so doch nicht allzuselten, einzeln in Deutschland, häufiger schon im Süden unseres Vaterlandes oder in Österreich, beispielsweise im Salzkammergut, alljährlich bereits in Südtirol und auf allen drei südlichen Halbinseln unseres Erdteiles. Zurückkehrend aus seiner Winterherberge erscheint er oft schon im Februar, spätestens im März, und wenn der Herbst einigermaßen günstig ist, verweilt er nicht bloß wie gewöhnlich bis Ende Oktober, sondern noch bis tief in den November hinein in seinem Brutgebiete. Im Gebirge begegnet man ihm noch in der Höhe von zweitausend Meter über dem Meere, vorausgesetzt, daß sich hier, und wenn auch einige hundert Meter tiefer, ein passender Brutplatz findet. So gern er übrigens im Gebirge wohnt, so darf man ihn doch nicht zu den Hochgebirgsvögeln zählen. Er liebt mehr die Vorberge und das Mittelgebirge als die höchsten Kuppen und ist wohl überall, in der Ebene noch häufiger als in den Bergen. Dort bildet das eigentliche Wohngebiet ein Feldgehölz oder auch ein größerer Wald, wo auf einem der höchsten Bäume der Horst steht, ebenso häufig aber eine Felswand und, zumal in südlichen Gegenden, ein altes Gebäude. Verfallenen Ritterburgen fehlt der Turmfalk selten; auch die meisten Städte geben ihm regelmäßig Herberge. Als Brutvogel aber bewohnt er den Stephansturm in Wien, den Kölner Dom und viele der altertümlichen, aus Ziegeln erbauten Kirchen der Mark, ebenso wie er im Süden Europas an entsprechenden Orten stets gefunden wird.

Der Turmfalk zählt unbestritten zu den liebenswürdigsten Falken unseres Vaterlandes. Seine Allverbreitung und sein hier und da häufiges Vorkommen geben jedermann Gelegenheit, ihn zu beachten; wer dies aber tut, wird ihn lieb gewinnen müssen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend, oft noch in tiefer Dämmerung, sieht man ihn in Tätigkeit. Von seinem Horste aus, der immer den Mittelpunkt des von ihm bewohnten Gebietes bildet, fliegt er einzeln oder paarweise, im Herbste wohl auch in größeren Gesellschaften, mindestens im Verein mit seiner herangewachsenen Familie, auf das freie Feld hinaus, stellt sich rüttelnd über einem bestimmten Punkte fest, überschaut von diesem sehr sorgfältig das Gebiet unter sich und stürzt, sobald sein unübertrefflich scharfes Auge ein Mäuschen, eine Heuschrecke, Grille oder sonst ein größeres Kerbtier erspäht, mit hart an den Leib gezogenen Flügeln fast wie ein fallender Stein zum Boden herab, breitet, dicht über demselben angelangt, die Fittiche wiederum ein wenig, faßt die Beute nochmals ins Auge, greift sie mit den Fängen, erhebt sich und verzehrt sie nun entweder fliegend, wie oben geschildert, oder trägt sie, wenn sie größer ist, zu einer bequemeren Stelle, um sie dort zu verspeisen. Brütet das Weibchen auf den Eiern, so kündet er durch ein von seinem sonstigen Lockrufe sehr verschiedenes, gezogenes und etwas schrillendes Geschrei schon von weitem seine Ankunft und sein Jagdglück. Wird er von seinen im Fange noch ungeübten Jungen umgeben, so entsteht ein lustiges Getümmel um den Ernährer, und jeder bemüht sich, den andern zu übervorteilen, jeder, der erste zu sein, dem die Jagdbeute gereicht wird. Ein solches Familienbild gewährt ein überaus reizendes Schauspiel: die treue Hingebung des Vogels an seine Brut läßt ihn noch anmutender erscheinen, als er in Tat und Wirklichkeit ist.

Je nach der Witterung schreitet der Turmfalk früher oder später zur Fortpflanzung. Vor Anfang des Mai findet man selten, in vielen Jahren nicht vor Anfang des Juni das vollständige Gelege. Zum Horste dient meist ein Krähennest, in Felsen und Gebäuden irgend welche passende Höhlung. Bei uns zulande horstet er in alten Raben- oder Saatkrähennestern, in Norddeutschland ebenso in Elsternnestern, in alten Beständen gern auch in Baumhöhlungen. Gesellig, wie alle unechten Edelfalken, bildet auch er zuweilen förmliche Nistansiedlungen; man kennt Beispiele, daß zwanzig bis dreißig Paare in einem und demselben Feldgehölze friedlich nebeneinander horsteten. Um den Brutplatz muß er mit den Erbauern des von ihm benutzten Horstes oft ernstliche Kämpfe bestehen; denn weder ein Krähen- noch ein Elsternpaar läßt sich gutwillig von ihm vertreiben. Die flache Mulde des Horstes, der sich von dem anderer Raubvögel wenig unterscheidet, wird mit Wurzeln, Stoppeln, Moos und Tierhaaren spärlich ausgekleidet. Das Gelege besteht aus vier bis neun, in der Regel vier bis sechs, rundlichen, auf weißem oder rostgelbem Grunde überall braunrot gefleckten und gepunkteten, in Größe und Gestalt vielfach abwechselnden Eiern, deren größter Durchmesser sechsunddreißig bis einundvierzig und deren kleinster neunundzwanzig bis zweiunddreißig Millimeter beträgt. Sie werden zwar vorzugsweise vom Weibchen ausgebrütet; doch beteiligt sich hieran zuweilen auch das Männchen, das sonst während der Brutzeit für Ernährung des Weibchens zu sorgen hat: mein Vater beobachtete sogar, daß das Männchen auf den eben ausgekrochenen Jungen hudernd saß, obwohl das Weibchen noch lebte. Als dieses jedoch erlegt wurde, ließ jenes die Jungen sterben. Wie bei den meisten übrigen Raubvögeln, fühlt es sich wohl befähigt, Beute herbeizuschaffen, ist aber nicht imstande, dieselbe den zarten Jungen mundgerecht zu zerlegen oder vorher noch im eigenen Kropfe für die Verdauung vorzubereiten. Sind die Jungen dagegen schon mehr erstarkt, vielleicht bereits flugbar geworden, dann übt es treulichst Vaterpflicht, auch wenn die Mutter durch Zufall ums Leben kommt. Beide Eltern lieben ihre Brut mit der warmen Zärtlichkeit aller Raubvögel und beweisen dem Menschen gegenüber außerordentlichen Mut.

Die bevorzugte Beute des Turmfalken bilden Mäuse, nächstdem verzehrt er Kerbtiere. Erwiesenermaßen frißt er auch kleinere Vögel, falls er sie bekommen kann, und es mag sein, daß er die Brut manchen Lerchen- oder Pieperpaares seinen Jungen zuträgt, ich halte es ebenso nicht für undenkbar, daß er dann und wann ein junges, eben gesetztes Häschen auffindet und abwürgt, und erinnere mich endlich der bemerkenswerten Beobachtung meines Vaters, daß ein Turmfalk einem laufenden, ausgewachsenen Hasen nachflog, aus einer Höhe von wenigstens zwanzig Meter auf ihn herabstieß, sich zweimal wieder emporschwang und zweimal aus gleicher Höhe mit solcher Kraft auf Lampe herabstürzte, daß die Haare stiebten; ihn aber deshalb zu den schädlichen Vögeln zu zählen und zu verfolgen, anstatt ihm den vollsten Schutz angedeihen zu lassen, ist ebenso unrecht wie töricht. Wer den Turmfalken kennt, weiß, daß er zu unsern nützlichsten Vögeln zählt und unsern Feldern nur zum Segen gereicht, mag auch dann und wann dem habgierigen Jäger ein Häschen oder Rebhuhn von ihm weggenommen werden!!! ? Wenn ich erwähne, daß Preen die Gewölle unter den Horsten einer aus zwanzig Turmfalken bestehenden Siedelung untersuchte und fand, daß dieselben lediglich aus Mäusehaaren und Mäuseknochen bestanden, darf ich mich wohl der Mühe überhoben erachten, weitere Zeugnisse für die wirkliche Bedeutung des Turmfalken anzuführen.

»Der Turmfalk«, schreibt mir Liebe so recht aus dem Herzen heraus oder ins Herz hinein, »ist ein prächtiger Hausgenosse, der sich sogar für das Zimmer eignet. Vor seinen Verwandten zeichnet er sich durch große Reinlichkeit aus. Wenn man den Boden des Käfigs mit Moos belegt, so entwickelt sich kein übler Geruch. Denn einerseits läßt der erwachsene Vogel den Schmelz einfach herabfallen und spritzt ihn nicht an und durch die Käfigwände, wie dies die leidige Art derer vom edlen Geschlecht Sperber ist, und anderseits scheint der Schmelz selbst nicht so schnell zu verwesen, sondern bald zu trocknen. Die Turmfalken halten ihr Gefieder besser in Ordnung als alle andern Raubvögel und dulden nicht leicht Schmutz auf demselben. Auch sind die Bewegungen der Turmfalken weicher und sanfter und nicht so stürmisch wie bei den Verwandten. Man kann sie daher, wie ich dies stets getan habe, alle Tage einmal aus dem Bauer nehmen und sich im Zimmer ausfliegen lassen. Die andern kleinen Vögel in dem Zimmer geraten dabei nicht in eine so entsetzliche Angst wie beim Anblicke eines Sperbers. Flattern sie auch während der ersten Male ängstlich in ihren Gebauern umher, so gewöhnen sie sich doch bald an die Ausflüge des edlen Herrn und zeigen bald keine Spur von Ängstlichkeit mehr. Zu einem alt gefangenen Turmfalken setzte ich einmal ein ebenfalls alt gefangenes Gimpelweibchen in den Bauer, um zu versuchen, ob der Raubvogel letzteres annehme, überhaupt um das Tun desselben zu beobachten. Zu meinem Erstaunen zeigte der Gimpel durchaus keine Angst, sondern setzte sich ruhig auf die Sitzstange des Falken. Ich ließ ihn fünf Tage bei dem letzteren, der allerdings wie gewöhnlich gefüttert wurde, und sah, daß ihm nicht das geringste Leid geschah.

 

Dem Turmfalken nahe verwandt ist ein anderer kerbtierfressender Raubvogel Südeuropas, der Abend- oder Rotfußfalk ( Falco vespertinus), einer der schönsten Falken überhaupt. Seine Länge beträgt einunddreißig, die Breite achtundsiebzig, die Fittichlänge zweiundzwanzig, die Schwanzlänge vierzehn Zentimeter. Das Weibchen ist um drei Zentimeter länger und um vier bis fünf Zentimeter breiter. Im ausgefärbten Kleide kann das Männchen mit keinem andern Falken verwechselt werden. Der Unterbauch, die Hosen und die Unterschwanzdeckfedern sind dunkelrostrot; das übrige Gefieder ist sehr gleichmäßig schieferblau, nur der Schwanz etwas dunkler. Die Wachshaut, der nackte Ring ums Auge, sowie die Füße sind ziegelrot, der Schnabel ist hinten gelb, vorn hornbläulich. Das Weibchen ist auf dem Kopfe und Nacken hell rostfarben, auf dem übrigen Oberkörper blaugrau, auf Mantel und Schwanz dunkel gebändert, am Vorderhalse und auf den Halsseiten, mit Ausnahme der braunen Bartstreifen, weiß, auf dem übrigen Unterkörper rostgelb mit einzelnen braunen Schaftstrichen. Wachshaut, Augenring und Füße sind orangerot. Im Jugendkleid ist der Oberkörper dunkelbraun, jede Feder rostgelblich gerandet, der Schwanz rostgelb, elf- bis zwölfmal dunkler in der Quere gebändert, der Unterkörper von der weißen Kehle ab rostgelblichweiß mit breiten braunen Längsflecken. Die nackten Stellen sind noch lichter als bei dem Weibchen. Der Augenstern ist immer braun.

Der Rotfußfalk gehört dem Südosten Europas sowie Mittelasien an. Im Westen unseres heimatlichen Erdteiles ist er selten, kommt hier aber gelegentlich seines Zuges dann und wann einmal vor, indem er die Grenzen seines Wandergebietes überschreitet. Unter diesen Umständen ist er wiederholt in verschiedenen Gegenden Deutschlands, ebenso auf Helgoland, in England und selbst in Schweden erlegt worden. Eugen von Homeyer erhielt aus Ostpreußen jugendliche, offenbar erst vor wenigen Tagen dem Horste entflogene Abendfalken, und Kratzsch hat in den sechziger Jahren im Altenburgischen ein Paar horstend gefunden. Wenn damit erwiesen ist, daß der zierliche Vogel auch innerhalb der Grenzen Deutschlands gebrütet hat, so gehört dies doch zu den seltensten Ausnahmen. Unser Falk ist im vollsten Sinne des Wortes Charaktervogel der Steppe und bewohnt dieselbe von der ungarischen Pußta an durch Südrußland und ganz Mittelasien hindurch bis zur Grenze Chinas. Dementsprechend richtet sich sein Zug vorzugsweise nach Indien, nicht aber nach Afrika.

In den von mir bereisten Steppen des südlichen Westsibirien und nördlichen Turkestan gehört der Abendfalk zu den so regelmäßigen Erscheinungen, daß man sagen darf, er fehle dem Gebiete ebensowenig wie die Schäfchenwolke am Himmel. Nur äußerst selten habe ich ihn einzeln, vielmehr fast stets in Gesellschaften beobachtet. Wo in der Steppe Ruheplätze für sie vorhanden sind, wo es eine Telegrafenleitung gibt, wo der Weg für die Winterszeit, durch Pfähle, kegelförmige, mit Erde ausgefüllte Körbe oder eingerammte Stangen mit zwei bis drei in gewisser Weise verschnittenen Zweigen angemerkt wurde, fehlen sie gewiß nicht. Sie sitzen auf allen diesen Erhöhungen, ihren Warten, ausruhend, verdauend und gleichzeitig nach neuer Beute spähend. Mit einigen pfeilschnellen, gewandten Flügelschlägen, vielfach an die echten Edelfalken erinnernd, eilen sie eine Strecke weit weg, beginnen zu schweben und halten sich nunmehr, kaum bemerkbar rüttelnd genau auf einer und derselben Stelle, fliegen ein wenig weiter und verfahren wie früher. Nicht selten sieht man ihrer zehn, zwanzig, dreißig zu gleicher Zeit über der Steppe schweben. Einer nach dem anderen fährt zum Boden herab, verweilt einen Augenblick, um ein kleines Kerbtier, im Frühjahr hauptsächlich ein Käferchen, aufzunehmen, schwingt sich hierauf von neuem empor und beginnt wie vorher das alte Spiel. Im Vollbewußtsein ihrer Sicherheit lassen sie sich hierbei durch den Beobachter nicht im geringsten stören, treiben über dessen Kopfe ihre Flugkünste, stoßen dicht neben ihm herab auf den Boden, lassen sich sogar durch ein angezündetes Feuerchen von ferne herbeilocken.

Bemerken will ich noch, daß sie keineswegs überall in der Steppe in gleicher Häufigkeit auftreten, hervorheben ebenso, daß sie während ihres Zuges ersichtlich den größeren Flüssen folgen, während ihres Gehens und Kommens in Stromtälern wenigstens weit häufiger auftreten als sonst in der weiten Steppe. Hier verteilen sie sich schon aus dem Grunde mehr, weil passende Nistplätze für sie nicht überall zu finden sind. Nach meinem Bedünken bevorzugen sie sanfte Gehänge der Hügel vor der freien, offenen Ebene, obgleich sie auch hier keineswegs fehlen. Stehen irgendwo einige hohe Bäume, so bilden diese unter Umständen eine förmliche Siedelung, in jedem Falle aber morgens und zumal des abends einen Vereinigungspunkt der niedlichen Falken. Hier sieht man sie dann während der Mittagszeit in Gesellschaften von zwanzig, dreißig und mehr dicht nebeneinander aufgebäumt sitzen, der Ruhe pflegen und die ihrer Jagd besonders förderlichen Spätnachmittags- und Abendstunden abwarten. Nordmann versichert, sie zuweilen so gehäuft gesehen zu haben, daß ein einziger Schuß ein Dutzend von ihnen zu Boden streckte, ungezählt noch die leichter verwundeten, die nicht in die Gewalt des Jägers fielen. Sobald sich die Kerbtierwelt zu regen beginnt, erheben sie sich und fliegen nun nach allen Seiten in die Steppe hinaus. Kerbtiere in allen Lebenszuständen, besonders aber Käfer, bilden den größten Teil ihrer Nahrung; ein Mäuschen, junges, unbehilfliches Vögelchen oder eine kleine Eidechse wird ihnen seltener zuteil. Erstaunlich ist die Geschicklichkeit, mit der sie kleine, auf dem Boden kriechende Käfer aufnehmen, zwischen ihren kurzen Klauen festhalten und im Fluge verspeisen. Je mehr der Abend herankommt, um so reger werden alle Bewegungen, weil mit hereinbrechender Nacht mehr und mehr Kerbtiere ihre Schlupfwinkel verlassen und umherschwärmen. Daher sieht man die Falken oft noch spät nach Sonnenuntergang ihrem Fange obliegen und erst, wenn die Nacht wirklich eingetreten ist, gemeinschaftlich ihren Schlafplätzen zufliegen.

Gegen die Brutzeit hin lösen sich die Scharen in einzelne Paare auf, und man sieht jetzt die Männchen ebenfalls allerlei Schwenkungen zur Freude des Weibchens ausführen, überhaupt alle ihm eigenen Flugkünste entfalten, über die Fortpflanzung selbst habe ich zu meinem Bedauern eigene Beobachtungen nicht anstellen können und muß mich daher auf andere Forscher, namentlich Radde und Nordmann, stützen. Nach Angabe des erstgenannten legen sie sich ihren Horst im Mai auf Bäumen an und wählen hierzu vorzugsweise hohe Weiden; nach Angabe des letzteren richten sie nicht selten ein Elsternest zum Horste her. Ein solches geben die rechtmäßigen Besitzer nicht gutwillig her; das Falkenpaar muß daher harte Kämpfe bestehen, um sein Ziel zu erreichen. Die vier bis fünf Eier, aus denen das Gelege besteht, sind sehr klein, kugelig, feinkörnig und auf gelblichweißem Grunde mit blässeren und dunkleren rotbraunen Punkten und Spritzflecken dicht bedeckt. Anfang August sind die Jungen ausgeflogen und werden nun von ihren Eltern eifrig unterrichtet. Sobald sie die Kunst des Fangens erlernt haben, tritt alt und jung die Winterreise an.

Leichter als jeder andere Edelfalk läßt sich der Rotfußfalk durch einfache Fangvorkehrungen berücken. Eine Heuschrecke, Grille oder sonstiges größeres Kerbtier wird da, wo er vorkommt, in ersichtlicher Weise zur Schau gestellt und mit Leimruten umgeben, die an seinem Gefieder hängenbleiben und seinen Flug lähmen, sowie er sich anschickt, die erhoffte Beute aufzunehmen. Wie ich von denen, die ich selbst pflegte oder in Tiergärten sah, folgern zu dürfen glaube, fügt er sich leicht in die Gefangenschaft. Ich darf wohl sagen, daß ein mit Rotfußfalken besetzter Käfig jedermann fesseln und jeden Beobachter anmuten muß. Sie besitzen alle guten Eigenschaften der Falken und noch außerdem ihre Schönheit. Ihre Haltung ist zierlich, ihr Wesen verträglich, ihre Raubsucht, der Kerbtiernahrung entsprechend, verhältnismäßig gering. Ihnen gewidmete Aufmerksamkeit und Pflege erkennen sie dankbar an. Sie kennen ihre Freunde genau und begrüßen sie, wenn sie dieselben sehen, durch freudigen Zuruf. Ohne jegliches Bedenken darf man sie gesellschaftsweise zusammenhalten. Meine Pfleglinge ernährte ich mit Drosselfutter; dabei schienen sie sich recht wohl zu befinden. Sie hatten sich bald an die Mischung gewöhnt und zeigten sich sehr geschickt, das Gemengsel aufzuklauben. Sonderbar genug sieht es freilich aus, einen Falken in dem Gemische von klar gehacktem Fleische, geriebenem Brote, Möhren und Ameiseneiern herumstöbern zu sehen.

Als die nächsten Verwandten der Edelfalken dürfen wir die Habichte ( Accipitridae) ansehen. Sie gehören zu den raubfähigsten Gliedern der Ordnung, übertreffen sogar in gewisser Hinsicht die Edelfalken noch; es fehlt ihnen jedoch der Adel, der jene auszeichnet. Die Familienkennzeichen liegen in dem gedrungenen Leibe mit etwas langem Halse und ziemlich kleinem Kopfe, in den kurzen, abgerundeten Schwingen, dem sehr langen Schwanze und den hohen Läufen mit großen oder kleinen Fängen. Der nackte Kreis ums Auge fehlt. Das Gefieder ist dicht und ziemlich weich, auf der Oberseite in der Regel dunkel blaugrau, auf der untern lichter, oft dunkler gebändert. Im Alter sind beide Geschlechter gleich gefärbt; die Jungen hingegen unterscheiden sich wesentlich durch das Gefieder von ihren Eltern.

Die Familie, die etwa achtzig Arten zählt, verbreitet sich über alle Erdteile. Im Gegensatze zu den Edelfalken bewohnen die Habichte fast ausnahmslos dichte Waldungen und halten sich hier möglichst verborgen, wie es ihr Strauchritterleben erfordert. Sie fliegen rasch und ungemein geschickt, sind imstande, ihre Richtung jählings in eine andere umzuändern und bewegen sich, fast nach Art der Marder, in den verschlungensten Gebüschen mit überraschender Gewandtheit, meiden jedoch so viel wie möglich die Höhen. Ihr Flug führt meistens niedrig über der Erde hin. Auf dem Boden gehen sie gut, obgleich mit Zuhilfenahme ihrer Flügel; das Geäst dichter Bäume durchschlüpfen sie mit ungewöhnlicher Fertigkeit. Sie sind furchtbare Feinde aller Tiere, die sie bezwingen können. Ihre Jagd gilt den Säugetieren wie den Vögeln; sie verschmähen selbst Lurche nicht. Sie fangen im Fliegen, im Sitzen, im Laufen und im Schwimmen und verfolgen die einmal ins Auge gefaßte Beute mit einer Rücksichtslosigkeit ohnegleichen. Ihre Mordgier läßt sie nicht selten ihre Sicherheit vergessen. Mit starken Tieren balgen sie sich in wütendem Kampfe oft lange herum, bis ihnen der Sieg gelingt. Zuweilen büßen sie in solchen Kämpfen ihr Leben ein.

Unter sich halten die Habichte ebensowenig Freundschaft wie mit anderen Tieren. Das Weibchen frißt sein Männchen auf, die Mutter oder der Vater seine Kinder, und diese fallen, wenn sie stark genug sind, über ihre Eltern her. Nur wenn sie ihre Raubsucht und Freßgier vollständig befriedigen können, halten sie Frieden innerhalb der Familie im gewöhnlichen Sinne des Wortes.

Die Vermehrung der Habichte ist eine verhältnismäßig starke, das Gelege besteht aus einer beträchtlichen Anzahl von Eiern. Der Horst wird stets auf Bäumen, meist aber niedrig über dem Boden angelegt und, wie es scheint, immer selbständig errichtet. Angriffe gegen die Brut versuchen sie mit Heldenmut abzuwehren: sie stoßen furchtlos selbst nach dem Menschen.

siehe

Sperberpaar am Nest (Accipiter nisus)

Unser Sperber ( Accipiter nisus) gilt als Urbild der artenreichsten, über alle Erdteile verbreiteten, nach ihm benannten Sippe ( Accipiter). Er zählt zu den kleineren Arten der Familie. Seine Länge beträgt zweiunddreißig, die Breite vierundsechzig, die Fittichlänge zwanzig, die Schwanzlänge fünfzehn Zentimeter. Das bedeutend stärkere Weibchen ist um acht bis neun Zentimeter länger und um zwölf bis fünfzehn Zentimeter breiter. Bei den alten Vögeln ist die ganze Oberseite schwärzlich aschgrau, die Unterseite weiß mit rostroten Wellenlinien und Schaftstrichen von rostroter Färbung, die beim Männchen lebhafter zu sein pflegt als beim Weibchen; der Schwanz ist fünf- bis sechsmal schwarz gebändert und an der Spitze weiß gesäumt. Die jungen Vögel sind oben graubraun, unten weiß, an Kehle und Vorderhals braun in der Länge gestreift, an Bauch und den Schenkeln quer gefleckt. Der Schnabel ist blau, die Wachshaut gelb, die Iris goldgelb, der Fuß blaßgelb.

In Europa scheint der Sperber nirgends zu fehlen, und auch im größten Teile Mittelasiens dürfte er Standvogel sein. Er horstet in Lappland und Nordskandinavien überhaupt wie in Griechenland, vom Amur an durch ganz Mittelasien und Europa hindurch bis Madeira, findet sich also durch das ganze nördlich altweltliche Gebiet. Im Einklang mit der Beschaffenheit der Waldungen tritt er in Europa häufiger auf als in Asien, fehlt jedoch hier keinem Gebiete, das seinen Anforderungen an das Leben einigermaßen entspricht. Im Herbste unternimmt auch er, mehr den Finken als den Lerchen folgend, Wanderungen, die ihn von uns aus bis Nordafrika, in Asien bis nach Indien führen. Er bewohnt Waldungen aller Art, namentlich Feldgehölze, am liebsten solche in bergigen Gegenden, scheut sich aber keineswegs vor dem Menschen, siedelt sich im Gegenteil gern in unmittelbarer Nähe der Dörfer und Städte an, jagt selbst kleine Baumgärten im Herzen großer Städte ab, erscheint hier, wenn er einmal so glücklich war, Beute zu gewinnen, tagtäglich zu bestimmten Stunden und gibt sich zuweilen nicht einmal die Mühe, den erjagten Raub wegzutragen, sondern kröpft ihn auf einem versteckten Plätzchen in unmittelbarer Nähe bewohnter Gebäude.

»Der Sperber«, sagt mein Vater, »hält sich den größten Teil des Tages verborgen und kommt nur zum Vorschein, wenn er rauben will. Ungeachtet seiner kurzen Schwingen fliegt er leicht, schnell und sehr gewandt; sein Gang dagegen ist hüpfend und ungeschickt. Er ist ebenso scheu wie dreist und ohne Furcht vor größeren Vögeln.« Mit der Dreistigkeit verbindet der Sperber bemerkenswerte Geistesgegenwart, List und Verschlagenheit. Er ist das treue Bild eines strolchenden Diebes oder Wegelagerers und unterscheidet sich in seinem Auftreten wesentlich von allen übrigen europäischen Falken. Seine Bewegungen, die selbstverständlich durchaus im Einklang seiner kurzen Flügel und des langen Schwanzes stehen, lassen ihn in jeder Entfernung bestimmt erkennen. Nur wenn er von einem Waldesteile zum andern und über freies Feld fliegen will, zieht er, abwechselnd durch einige rasch aufeinander folgende Flügelschläge sich fördernd und dann mit ausgebreiteten Flügeln schwebend, geradesweges dahin; gewöhnlich folgt er dem Saume des Waldes oder dem Rande von Gebüschen und beschreibt hierbei beständig Schwenkungen der verschiedensten Art. Im Walde sieht man ihn dann und wann wohl auch über den Baumkronen, viel häufiger aber zwischen und unter denselben fliegen; in Gebüschen oder an Zäunen streicht er förmlich lauernd dicht über dem Boden weg, schwenkt plötzlich zwischen dem Astwerke hindurch, jagt die andere Seite der Buschreihe ab, streift hart über die Wipfelspitzen hinweg, schwenkt wiederum, erscheint so immer urplötzlich in unmittelbarer Nähe der zwischen den Zweigen sitzenden Vögel, schwingt sich jählings in die Höhe und stürzt sich pfeilschnell auf die ins Auge gefaßte Beute herab. Mehr als irgendein anderer Raubvogel übt er die Kunst der Verstellung. Schon Naumann erzählt, daß er zuweilen, um Kleingeflügel zu täuschen, den Flug des Hähers annehme; Eugen von Homeyer hat dasselbe beobachtet. Ein Vogel erschien am untern Ende einer langen, wohl aus zwanzig Eichen bestehenden Baumreihe und flog, nach Häherart, langsam von Baum zu Baum, auf jedem kurze Zeit verweilend. Dies Gebaren glich so deutlich dem des Hähers, daß Homeyer gedachten Vogel nur deshalb weiter mit dem Auge folgte, weil die Eichen noch nicht reife Früchte trugen, für Häher daher keine Veranlassung vorlag, ihre Wipfel zu durchstreifen. Mit einiger Überraschung erkannte mein Gewährsmann einen Sperber. Mehr und mehr näherte sich der verschlagene Strauchdieb der letzten Eiche, auf der ein Schwarm kleiner Vögel saß, entpuppte sich endlich als Räuber, schoß wie ein Blitz unter die arglose Schar und flog einen Augenblick später mit einem blutenden Opfer in seinen Klauen davon.

Ist die Raubgier des Sperbers einmal erregt worden, so vergißt er alles um sich her, achtet weder des Menschen, noch der Hunde und Katzen, nimmt vielmehr die ins Auge gefaßte Beute in unmittelbarster Nähe des Beobachters weg, stürzt sich sausenden Fluges dicht über dem ruhig Sitzenden hinweg, daß seine Fittiche beinahe dessen Haupt berühren, packt das Opfer mit fast unfehlbarem Griffe und ist mit ihm entflogen und verschwunden, bevor man recht zur Besinnung gelangt. Im Innern von Häusern oder selbst von fahrenden Wagen sind Sperber sehr oft gefangen worden; sie hatten ihre Beute bis dahin so gierig verfolgt, daß sie alles übrige vergaßen. Noch neuerdings wurde erzählt, daß ein Sperber bei Verfolgung eines Vogels in einen in voller Fahrt begriffenen Eisenbahnwagen flog und hier gefangen wurde. Der Sperber ist der fürchterlichste Feind aller kleinen Vögel; er wagt sich aber auch gar nicht selten an größere. Vom Rebhuhn an bis zum Goldhähnchen herab scheint kein Vogel vor seinen Angriffen gesichert zu sein, und kleine Säugetiere verschmäht er ebensowenig. Seine Kühnheit ist zuweilen wirklich maßlos. Es liegen Beobachtungen vor, daß er Haushähne angriff, und man hat wiederholt gesehen, wie er auf Hasen stieß. Ich kenne ferner mehrere Fälle, daß Sperber Tauben schlugen. An Mut und Raubgier fehlt es dem Sperber gewiß nicht, jedes Wild zu schlagen, das er irgendwie bewältigen zu können glaubt; er wagt sich selbst an wehrhafte Tiere. »Ich ging einst«, sagt Naumann, »in meinem Wäldchen umher und sah einem Reiher nach, der ruhig und dicht über den Bäumen hin davonfliegen wollte. Plötzlich stürzte sich aus den dichten Zweigen eines der letzten Bäume ein Sperber hervor, packte den erschrockenen Reiher augenblicklich am Halse, und beide kamen nun mit gräßlichem Geschrei aus der Höhe herab. Ich lief sogleich hinzu, ward aber zu früh von dem Sperber bemerkt; er erschrak darüber und ließ den Reiher los, worauf dann jeder ruhig seine Straße zog. Wohl möchte ich wissen, was aus diesem ungleichen Kampfe geworden wäre, wenn ich beide nicht gestört hätte. Ob wohl der kleine tollkühne Räuber den Reiher überwältigt und wirklich getötet haben würde?« Karl Müller beobachtete, weil verborgen, längere Zeit einen Sperber, der wiederholte Angriffe auf ein Eichhörnchen ausführte und dasselbe in größte Lebensgefahr brachte.

Alle kleinen Vögel kennen und fürchten ihren furchtbarsten Feind in hohem Grade. »Die Sperlinge treibt«, wie Naumann sagt, »die Angst vor ihm in die Mäuselöcher«, und alle übrigen suchen sich in ähnlicher Weise zu retten, so gut ihnen dies gelingen will. Manche verfahren dabei mit nicht geringer Klugheit. Sie beschreiben enge Kreise um Baumzweige oder Baumstämme, wobei ihnen der Sperber trotz seiner Gewandtheit doch nicht so schnell folgen kann, gewinnen hierdurch einen kleinen Vorsprung und schlüpfen dann blitzschnell in dichtes Gebüsch; andere werfen sich beim Erscheinen des Räubers platt auf den Boden, verharren regungslos und werden oft übersehen; kurz, jeder sucht sich nach besten Kräften zu retten. Nur im Sitzen fürchten die Vögel nach meines Vaters Beobachtungen den Sperber nicht, verweilen vielmehr manchmal längere Zeit auf demselben Baum, den er zum Ausruhen erkoren. Die gewandtesten unter dem kleinen Geflügel verfolgen den Wüterich mit lautem Geschrei und machen hierdurch andere Vögel aufmerksam und vorsichtig. Zumal die Rauchschwalben verleiden ihm oft die Jagd, und er weiß recht wohl, wieviel Schaden sie ihm zufügen; denn wenn sie ihm einmal nahe gekommen sind, schwingt er sich in die Höhe, schwebt noch einige Male im Kreise herum und fliegt dann dem Walde zu. Bei seinen Angriffen stößt er nicht selten fehl; dafür nimmt er aber auch zwei Vögel auf einmal weg, wenn das Glück ihm hold ist. Die gefangene Beute trägt er einem verborgenen Orte zu, rupft ihr die großen Federn aus und verzehrt sie hierauf gemächlich. Knochen, Federn und Haare gibt er in Gewöllen wieder von sich. Junge Nestvögel, namentlich solche, die am Boden ausgebrütet werden, gehören zu seinem Lieblingsfutter; er verschont aber auch die Eier nicht.

Die Stimme des Sperbers vernimmt man selten, gewöhnlich nur beim Horste. Sie ist ein schnell hintereinander ausgestoßenes »Ki ki ki« oder ein langsames »Käk käk.« Ersteres scheint der Warnungston zu sein.

Der Horst steht in Dickichten oder Stangenhölzern, selten hoch über dem Boden, aber möglichst gut verborgen, wenn tunlich auf Nadelbäumen, nahe am Stamme. In jenen Gegenden, wie er sie liebt, wo Feld und Wald vielfach miteinander abwechseln, wählt er sich ein den Feldern oder selbst den Dörfern möglichst nahegelegenes Dickicht oder Stangenholz, um hier seinen Horst zu errichten, und wenn er sich einmal der Mühe unterzogen hat, solchen zu erbauen, brütet er jahrelang nacheinander oder, wenn man ihm in einem Frühjahre die Eier raubt, zweimal in einem Jahre in demselben. Je nach Ort und Gelegenheit ist der Horst verschieden. Zuweilen besteht er nur aus dürren Fichten-, Tannen- und Birkenreisern und ist so liederlich gebaut, daß man ihn eher für das Nest einer Ringeltaube als für den Horst eines Raubvogels ansehen möchte; ein andermal wiederum ist er aus den genannten Stoffen, Moos, Laub und Erde aufgeschichtet, innen zierlich mit Reisern, Wurzeln und Haaren ausgelegt, auch wohl mit einigen Flaumfedern des Weibchens ausgekleidet und dann in der Tat ein sehr hübscher Bau. Zwischen dem zehnten Mai und zwanzigsten Juni findet man in ihm drei bis fünf mäßig große, ziemlich glatte, dickschalige Eier von verschiedener Gestalt, Größe und Färbung, die gewöhnlich auf kalkweißem, mehr oder minder graulichem oder grünlichem Grunde mit rotbraunen, lehmroten und graublauen, deutlichen oder verwaschenen, großen und kleinen Flecken und Punkten besetzt sind, zuweilen sehr dicht, manchmal sehr vereinzelt. Das Weibchen brütet allein, sitzt sehr fest und bekundet außerordentliche Liebe zu den Eiern, verläßt sie, selbst wenn es wiederholt gestört wurde, nicht und sucht Angriffe mit allen Kräften abzuwehren. Beide Eltern tragen den Jungen Nahrung in Fülle zu; doch nur das Weibchen ist imstande, diese in entsprechender Weise zu zerlegen. Man hat beobachtet, daß junge Sperber, deren Mutter getötet worden, bei vollbesetzter Tafel verhungerten, weil der Vater zu ungeschickt war, ihnen die Speise mundrecht zu machen. Auch nach dem Ausfliegen werden die Jungen noch lange von den Eltern gefüttert, geführt und unterrichtet.

Die größeren Edelfalken und der Habicht fressen den Sperber ohne Umstände, wenn sie seiner habhaft werden können; die kleineren Vögel betätigen ihren Haß wenigstens durch Verfolgung. Der Mensch tritt dem überaus schädlichen Räuber überall feindlich entgegen, wo er ihn und sein verderbliches Treiben kennen gelernt hat. Dieser Raubvogel verdient keine Schonung, sondern die unablässigste und rücksichtsloseste Verfolgung. Man tut nicht zu viel, wenn man anrät, gegen ihn jedes Mittel anzuwenden. So denken jedoch nicht alle Leute. Bei vielen Völkern Asiens ist der Sperber heutigentages noch ein hochgeachteter Beizvogel und hat sich als solcher viele Freunde erworben. »Im südlichen Ural«, sagt Eversmann, »wird er unter allen Falken am meisten zur Jagd gebraucht, wenn auch hauptsächlich nur zu solcher auf Wachteln. Man füttert die Jungen im Sommer auf, richtet sie ab, benutzt sie im Herbst zur Jagd und läßt sie dann wieder fliegen; denn es lohnt nicht, sie den Winter hindurch zu füttern, weil man im Frühjahre so viele Junge bekommen kann, wie man nötig hat. Nur die größeren Weibchen werden zur Jagd aufgefüttert, die kleineren Männchen wirft man weg, weil sie nicht taugen.« Eine erheiternde Geschichte erzählt Radde. Im Süden des Kaukasus, und zwar im Quellgebiete des Euphrat, hauste in den Bergen ein Stamm der Kurden, die noch jetzt die Niederjagd mit Falken betreiben, und deren Häuptling besonders gut abgerichtete Habichte, Sperber und Schreiadler als Beizvögel verwendete. Bei diesem Häuptling nun sah Radde einen Raubvogel, der in seiner Färbung und in seinem Körperbaue den Sperber nicht verhehlen konnte, aber unverkennbar den Schwanz des Turmfalken trug. Da an eine Bastardart nicht zu denken war, mußte die Entstehung einer so sonderbaren Form auf eine natürliche Erklärung zuückzuführen sein, die sich dann auch folgendermaßen ergab. Der Sperber hatte sich den Schwanz derartig zerstoßen, daß er nicht mehr imstande war, denselben bei der Jagd zu gebrauchen. Da kam der alte Häuptling auf den klugen Gedanken, seinem Beizvogel einen Schwanz des Turmfalken künstlich einzusetzen. Die alten zerstoßenen Schwanzfedern wurden an den Spulen abgeschnitten, die neuen Federn in die so entstandenen Hülsen gesteckt und mit sehr klebrigem, bald hart werden Zuckersyrup beschmiert. Der künstliche Schwanz leistete dem Sperber später bei der Jagd durchaus die notwendigsten Dienste.

Wer selbst Sperber gefangen gehalten hat, muß die Geschicklichkeit der asiatischen Falkner anerkennen. Angenehme Gefangene sind diese Raubvögel nicht, ihre Scheu, Wildheit und Gefräßigkeit ist geradezu abstoßend. Von letzterer erzählt Liebe ein Beispiel, das ich zum Schlusse noch anführen will, weil es das Wesen des Vogels kennzeichnen hilft. »Einst«, so schreibt er mir, »ward mir ein Sperber gebracht, der beim Stoße auf einen Vogel an den Leimruten hängen geblieben und so in Gefangenschaft geraten war. Meine Frau, die den Sperber vom Vogelfänger in Empfang genommen hatte, war unvorsichtig, ließ sich von dem grimmen Wichte hauen und ihn erschrocken fahren. Der Räuber aber nahm, anstatt das Fenster und das Weite zu suchen, einen meiner Vogelbauer an und stieß nach den darin befindlichen Vögeln, und zwar mit einer so blinden Wut, daß ich ihn vom Bauer, an den er sich geklammert hatte, wieder wegnehmen konnte.« Auch ich habe oft längere oder kürzere Zeit Sperber gefangen gehalten, mich aber niemals mit ihnen befreunden können.

siehe

Habicht auf geschlagenem Kaninchen (Astur palumbarius)

Das Urbild der Familie, unser Habicht oder Hühnerhabicht ( Astur palumbarius) verdient die Ehre, die man ihm angetan hat, indem man eine ganze Familie nach ihm benannte. Er ist nicht bloß dem Namen, sondern auch seinem Wesen nach der Habicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Kennzeichen der gleichnamigen Sippe ( Astur), die er vertritt, sind wesentlich dieselben wie bei den Sperbern; doch unterscheiden sich die Habichte von diesen durch gedrungenen Leib, längeren Schnabel, abgerundeteren Schwanz und stärkere Füße.

Der Habicht ist ein großer, kräftiger Raubvogel von 55 Zentimeter Länge und 1,1 Meter Breite, bei 31 Zentimeter Fittich- und 22 Zentimeter Schwanzlänge. Das bedeutend größere und stärkere Weibchen ist 12 bis 15 Zentimeter länger und 15 bis 18 Zentimeter breiter als das Männchen. Im ausgefärbten Kleide ist der Oberkörper schwärzlich graubraun, mehr oder weniger aschblau überflogen, der Unterkörper weiß, jede Feder mit braunschwarzen Schaftstrichen und Wellenlinien gezeichnet. Der Schnabel ist hornschwarz, die Wachshaut blaßgelb, das Auge hochgelb, der Fuß gelb. Im Jugendkleide ist der Oberkörper braun, jede Feder rostgelb gekantet und gefleckt, der Unterkörper roströtlich, später rostweislich, braun in die Länge gefleckt. Der Schnabel und das Auge, der Fuß und die Wachshaut sind blasser als bei alten Vögeln. Spielarten sind selten, sehr licht gefärbte Habichte und Weißlinge dagegen mehrfach beobachtet worden.

Das Verbreitungsgebiet des Habichts erstreckt sich über den größten Teil Europas und Mittelasiens; innerhalb der inbegriffenen Länder kommt er jedoch keineswegs überall und, wenn doch, nicht in gleicher Häufigkeit vor. In Großbritannien gehört er zu den so seltenen Erscheinungen, daß die Fälle seines Vorkommens in den tierkundlichen Werken sorgfältig verzeichnet worden sind. Auf Island und den Färinseln fehlt er gänzlich. Dagegen bewohnt er Skandinavien, soweit es bewaldet ist, Dänemark, Holland, Deutschland und Frankreich, ganz Österreich, die Donautiefländer, Rußland vom Norden bis zum Süden, Kleinasien und Nordpersien, Nord- und Mittelspanien als Brutvogel, die südlichsten Länder aber bei weitem seltener als Deutschland.

Bei uns ist er in bewaldeten Gegenden eine gewöhnliche Erscheinung. Im November beginnt er zu streichen, darf aber kaum als regelmäßiger Zugvogel angesehen werden, obgleich er eigenen Beobachtungen zufolge bis Nordägypten wandert. Dies geschieht aber immer selten und unregelmäßig. Ganz zweifellos ist festgestellt, daß man in Deutschland während des Winters ebensogut Männchen wie Weibchen beobachtet und erlegt. Dasselbe gilt für Asien. Wo der Habicht sich einmal festgesetzt hat, läßt er sich schwer vertreiben, falls die Bedingungen für sein Leben einigermaßen günstig sind. Er verlangt einen dichten Baumbestand, in dem er der Ruhe pflegen und von dem aus er leicht Beute gewinnen kann, macht zwischen Schwarz- und Laubholz kaum einen Unterschied, liebt daher besonders Wälder, die mit Feldern und Wiesenflächen abwechseln, kommt jedoch in größeren Waldungen häufiger vor als in kleineren.

Nach meinem Dafürhalten ist die von meinem Vater vor nunmehr fünfzig Jahren gegebene Beschreibung dieses Raubvogels noch nicht übertroffen; ich werde sie deshalb dem nachfolgenden zugrunde legen und nur hier und da neuere Beobachtungen, die mir wichtig zu sein scheinen, einschieben.

Der Habicht, ein einsamer, ungeselliger Raubvogel, der sich nur in der Paarungs- und Brutzeit mit seinem Gatten zusammenhält, ist ein höchst ungestümer, wilder, dreister, schneller, starker und dabei listiger und scheuer Falk. Sein Flug ist immer schnell, wenn er stößt, aber reißend, rauschend, außerdem oft schwebend; der lange Schwanz wird dabei gewöhnlich etwas ausgebreitet. Der einigermaßen geübte Beobachter unterscheidet ihn leicht und in jeder Entfernung von allen heimischen Raubvögeln, vielleicht mit alleiniger Ausnahme eines Sperberweibchens; denn seine verhältnismäßig kurzen Flügel und der lange Schwanz, die sein Flugbild dem einer Wildtaube nicht unähnlich erscheinen lassen, sind außer seiner beträchtlichen Größe bezeichnende Merkmale. Wenn er von einem Waldesteile zum anderen zieht und, zumal in bergigen Gegenden, von einer Erhöhung der anderen zustrebt, fliegt er auch wohl in bedeutender Höhe, der Schätzung nach zwei- bis vierhundert Meter über dem Boden dahin; für gewöhnlich schleicht er nach Strauchritterart niedrig über letzterem fort, Waldsäumen und Buschreihen folgend, Baumgruppen und Gebüsche oft kreuzend oder hart über deren Spitzen hinwegschwenkend. Kaum ein anderer Raubvogel entfaltet im Fluge so viele Verschiedenheiten der Bewegung wie der Habicht, der Schnelligkeit mit jähen und unerwarteten Wendungen, dahinstürmendes Jagen mit für einen so großen Vogel überraschender Gewandtheit in sich vereinigt. Jetzt steigt er rasch empor, schwebt einigemal umher, stößt plötzlich herab, fliegt mit der größten Sicherheit durch dichte Bäume hindurch und ist bald hoch, bald tief. Auf der Erde ist auch er ungeschickt, hüpft gewöhnlich und geht nur selten. Zum Aufbäumen wählt er sich stets die untersten Äste und so viel als möglich die Stammnähe. Auf Felsen oder Gemäuer habe ich ihn niemals sitzen sehen; auf Häusern in Dörfern soll er sich jedoch zuweilen niederlassen. Die Stimme ist ein starkes, weit hörbares, widriges Geschrei, das jedoch nicht häufig vernommen wird. Aus Bosheit oder Verdruß schreit der Habicht langgezogen »Iwiä«, aus Freude über einen Raub »Iwiä iwiä«, bei der Paarung »Gäck gäck gäck«, »Gick gick gick« und nachher schnell hintereinander »Kjak kjak«; in Furcht gesetzt stößt er entweder das »Wiä wiä« oder ein leises »Wis wis« aus.

Man sieht den Habicht zu jeder Tageszeit, auch in den Mittagstunden, die die meisten übrigen Raubvögel der Ruhe widmen, in Bewegung und Tätigkeit. Er durchstreift ein großes Gebiet ziemlich regelmäßig und kehrt dahin, wo er einmal glücklich war, längere Zeit hindurch tagtäglich zurück. Seine erstaunliche Gefräßigkeit zwingt ihn fast zu fortwährendem Jagen; er ist, wie der Sperber, selten wirklich befriedigt, sondern immer hungrig und wenigstens mordgierig. Seine Jagd gilt sämtlichem Geflügel, von dem Trappen oder Auerhuhne an bis zu dem kleinen Finken herab, und allen Säugetieren, die er bewältigen zu können glaubt. Er stößt auf den Hasen, um ihn umzubringen, erhebt das bissige Wiesel vom Boden, wie er das Eichhörnchen vom Neste wegnimmt, raubt im Fliegen wie im Sitzen, den schwimmenden Vogel wie das laufende Säugetier, zieht seine Beute selbst aus ihren Versteckplätzen hervor. Ungeheurer Schrecken ergreift die Tiere, die sich ihm gegenüber gefährdet wissen; er bemeistert sich ihrer oft so, daß sie starr sitzen bleiben und, wie Naumann sagt, »schon unter seinen Klauen bluten, ehe sie sich noch entschlossen haben, die Flucht zu ergreifen oder sich platt an die Erde niederzudrücken.« Seine Raubgier wird nur durch seine Dreistigkeit überboten, die eine wie die andere aber durch seine Mordlust übertroffen: er kennt keine Schonung. Im Norden und Osten unseres Vaterlandes haben alle Rauhfußhühner vom Auerhuhn bis zum Schneehuhn herab von ihm zu leiden; bei uns zulande ist er der Schrecken der Rebhühner, Wild- und Haustauben, Wild- und Hausenten, in vielen Walddörfern der gefährlichste Feind unseres Hausgeflügels überhaupt. Wie der Sperber überrascht er stets durch seine Erscheinung und kommt dadurch fast immer zum Ziele. »Bei den Landwohnungen«, beschreibt Altum sehr richtig, »saust er ebenso unerwartet wie am Rande eines Gehölzes über das Dach eines niedrigen Nebengebäudes oder durch den Zwischenraum zweier Gebäude, ergreift mit Blitzesschnelle auf dem Hofraume eines der Haushühner oder eine Taube und ist damit verschwunden, ehe man noch recht zur Würdigung des fremden Gastes kommt.« Unsern Haustauben jagt er fortwährend nach, und ein einziges Habichtpaar kann den reichsten Schlag binnen wenigen Monaten entvölkern. Die Tauben ergreifen, sobald sie den Habicht gewahr werden, eilig die Flucht; dieser aber stürzt in schiefer Richtung pfeilschnell hinter ihnen her und sucht eine zu ergreifen, indem er gewöhnlich von oben auf sie herabstößt. Dies geschieht ohne bemerkbare Flügelbewegung mit weit vorgestreckten Fängen und etwas eingezogenen Schwingen, aber mit einer solchen Geschwindigkeit, daß ein Rauschen entsteht, das man aus hundert bis hundertfünfzig Schritte weit hören kann. Sehr erklärlich, weil nur zu gerechtfertigt, ist die Todesangst, die alle von ihm bedrohten Vögel bei seinem Erscheinen ergreift. Sobald er sich in weiter Ferne zeigt, entsteht Aufruhr in der gesamten Vogelwelt. Tauben oder Hühner, die von ihm ergriffen, aber noch gerettet wurden, bleiben bewegungslos am Boden sitzen, lassen sich vom Menschen mit den Händen ergreifen oder flüchten sich irgendeinem Versteckplatze zu und vergessen den gehabten Schrecken tage- und wochenlang nicht. Starke Hühner rennen mit Aufbietung der letzten Kräfte, den Räuber auf dem Rücken, in das Innere des Hauses, als wollten sie Schutz beim Menschen suchen, und nur die mutigen Krähen, die ebenfalls arg von ihm zu leiden haben, ermannen sich zu Rachegefühlen.

Mit ebenso unermüdlicher Ausdauer wie den Vögeln stellt er auch Säugetieren nach. »Die jungen Hasen«, sagt mein Vater, »überwältigt er leicht; die alten aber greift er planmäßig an. Er stößt nämlich, wenn sich Lampe durch die Flucht zu retten sucht, zu wiederholten Malen mit dem Schnabel auf denselben; und wenn der Hase dann verwundet und ermattet ist, greift er mit den Fängen zu und tötet ihn allmählich mit dem Schnabel und mit den Nägeln. Dieser Kampf dauert gewöhnlich lange, und ich weiß ein Beispiel, daß sich der Hase einige Zeit mit dem Habichte herumwälzte, ohne daß dieser ihn losgelassen hätte, ob er gleich oft unten zu liegen kam. Ein glaubwürdiger Freund von mir schoß auf dem Anstand einen Hasen und einen Habicht auf einen Schuß, während dieser auf jenen stieß.« Im Norden, und zumal in Skandinavien, raubt er mehr Säugetiere als bei uns. Den Lemmingherden z. B. folgt auch er, weil sie ihm am leichtesten Beute gewähren.

Wenn der Habicht es haben kann, begnügt er sich übrigens durchaus nicht mit einem Opfer, sondern mordet zunächst so viele Vögel, als er zu fangen vermag, und frißt sie dann in Ruhe auf. So sah Riesenthal wie ein und derselbe Habicht in Zeit von einer Stunde fünf fast flügge Krähen hintereinander aus dem Neste holte, trotz den zur Verteidigung scharenweise herbeigeströmten alten Krähen. Mit seiner unersättlichen Raub- und Mordlust verbindet dieser Strolch Dreistigkeit und Leckerhaftigkeit. Das Gehöft, auf dem er einmal Beute gewonnen hat, wird von ihm wieder und immer wieder besucht, ganz unbekümmert um die Vorkehrungen, die der Mensch zu seinem Empfange trifft. Kein Raubvogel weicht listiger allen ihm geltenden Nachstellungen aus als er. Das urplötzliche seines Erscheinens gewährt ihm nicht allein regelmäßig Beute, sondern ebenso auch Sicherheit. Sein ganzes Wesen ist das eines auf den rechten Augenblick lauernden Diebes, der ein von ihm wiederholt heimgesuchtes Gehöft beschleicht.

Es ist wahrscheinlich, daß die Ungeselligkeit des Habichts in seiner unglaublichen Raubgier ihren Grund hat. An gefangenen haben wir Familienmord im weitesten Umfange beobachtet. Unbeschreiblicher Haß begegnet ihm deshalb, sobald er sich sehen läßt. Namentlich die Krähen, die er im Sitzen wohl zuweilen wegnehmen mag, sind unermüdlich in seiner Verfolgung und stoßen mit wahrer Todesverachtung nach ihm. Sobald er sich sehen läßt, wird er von der schwarzen Rotte umringt; lautes Schreien ruft fortwährend neue Helfer herbei, und so kann es kommen, daß die Krähen ihn förmlich stellen. Namentlich geschieht dies, wenn er mit einer geschlagenen Beute in den Fängen davonfliegt oder dieselbe auf dem Boden verzehren will. In der Hitze des Gefechts vergessen dann beide Teile zuweilen vollständig die Außenwelt um sich her. So wurde am 19. Mai 1868 ein von den Krähen angegriffener Habicht von dem Forstgehilfen Müller aus Hermannsgrün mit dem Hirschfänger erlegt. Durch den Lärm der Krähen herbeigezogen, schlich der Genannte vorsichtig der betreffenden Stelle zu und bekam hier einen großen Raubvogel zu Gesicht, dessen Aufmerksamkeit von der schwarzen Bande um ihn her derartig in Anspruch genommen war, daß Müller bis auf etwa zehn Schritte sich nähern und mit dem unterdessen gezogenen Hirschfänger nach dem aufstiebenden Räuber werfen konnte. Der Zufall führte die Klinge so, daß sie den Habicht an dem Kopf traf, betäubt zu Boden warf und dem Verfolger in die Hand gab. Nächst den Krähen stoßen unsere kleinen Edelfalken auf den auch von ihnen gehaßten Raubvogel, und die Schwalben machen sich regelmäßig ein Vergnügen daraus, ihn unter schallendem und warnendem Geschrei zu begleiten.

Der Horst wird auf den ältesten und höchsten Bäumen des Waldes, meist auf starken Ästen nahe am Stamm, angelegt, ist sehr groß und flach, besteht unten aus dürren Ästen, weiterhin aus Reisern und wird oben mit grünen Tannen-, Fichten- und Kieferzweigen belegt, die fortwährend erneuert zu werden scheinen. Die eigentliche Nestmulde, eine sehr leichte Vertiefung, ist gewöhnlich mit Flaumfedern des Brutvogels selbst ausgekleidet. Der einmal gebaute Horst wird im nächsten Jahre von demselben Habichtspaare wieder benutzt, ausgebessert, erweitert und mit frischen Zweigen besteckt; bisweilen hat dasselbe jedoch drei oder vier Horste, die in geringer Entfernung von einander errichtet wurden, und wechselt unter diesen. Schon im März sieht man an schönen, heiteren Tagen die beiden Gatten eines Paares in gleichmäßigen Drehungen sich emporschrauben, in der Absicht, ihre Liebesgefühle an den Tag zu legen. In der letzten Hälfte des April oder im Anfange des Mai pflegt das aus zwei bis vier großen, mehr länglichen als rundlichen, in der Mitte sehr bauchigen, dick- und rauhschaligen, auf grünlichweißem Grunde spärlich mit gelben Flecken bezeichneten, oft aber auch fleckenlosen Eiern bestehende Gelege vollzählig zu sein. Das Weibchen brütet mit der wärmsten Hingebung und verläßt das Nest auch nach wiederholter Störung nicht, fliegt zuweilen nicht einmal auf, wenn man den Horst mit Hagel beschießt. Altum verbürgt sogar einen Fall, daß den brütenden Habicht ein Büchsenschuß, der ihm freilich nur einige Schwanzfedern kostete, nicht von den Eiern verscheuchte. Angriffe auf die Brut versuchen beide Gatten abzuwehren und beweisen dabei einen Mut, der zuweilen in Tollkühnheit übergeht. Man hat beobachtet, daß sie mit Heftigkeit Menschen angriffen, die an ihrem Nestbaume emporkletterten; ja, es ist wiederholt vorgekommen, daß ein Habicht während der Brutzeit, ohne eigentlich gereizt worden zu sein, Menschen und selbst Pferde anfiel. Die Jungen wachsen rasch heran, fressen aber auch unglaublich viel, und beide Eltern haben vollauf zu tun, ihren Heißhunger zu befriedigen. Der Horst wird dann zu einer wahren Schlachtbank. Beide Alten schleppen herbei, was sie finden, nach der Beobachtung eines durchaus glaubwürdigen Mannes unserer Bekanntschaft sogar ganze Nester mit den in ihnen befindlichen Jungen, namentlich Drossel- und Amselnester, die sie aufgestöbert haben. Daß die stärkeren Nestjungen, wenn sie Hunger leiden, über ihre Geschwister herfallen und diese, wie behauptet worden ist, auffressen, dürfte kaum zu bezweifeln sein.

Des unschätzbaren Schadens wegen, den der Habicht anrichtet und der sehr häufig den Menschen ganz unmittelbar betrifft, wird der tückische Räuber selbstverständlich eifrig verfolgt. Ihre Jagd ist nicht eben leicht, weil die Vorsicht der alten Habichte dem Jäger viel zu schaffen macht; um so besser belohnt sich der Fang oder eine kluge Benutzung des Hasses, den der Habicht gegen den Uhu an den Tag legt. So wenig er es liebt, durch andere streitlustige Vögel behelligt zu werden, so eifrig, heftig und anhaltend greift er den Uhu an. In eigentümlicher Weise mit den Flügeln schlagend, mehr flatternd als rüttelnd, nähert er sich der verhaßten Eule bis auf wenige Zentimeter, so daß man oft verhindert ist, auf ihn zu schießen, um nicht den Uhu zu gefährden. Da er jedoch gelegentlich auf den Krackeln vor der Hütte aufzubäumen pflegt, schießt man ihn vor der Krähenhütte ohne Mühe, wie vom Horste herab das brütende Weibchen. Auch in Netzen und Raubvogelfallen, zumal im Habichtskorbe, erbeutet man den listigen Schelm, wenn die Vorkehrungen gut getroffen sind, gewiß.

Ein gefangener Habicht ist für uns ein ebenso hassenswerter Vogel wie der freilebende. Seine Wildheit und Bosheit, seine Unverträglichkeit und Mordgier machen ihn uns bald im höchsten Grade widerwärtig. Freilich habe ich nie einen zahmen Habicht gesehen, sondern nur wilde und ungestüme, die bei Annäherung eines Menschen sich wie unsinnig gebärdeten, in ihrem Käfige umhertobten und rasten, gegen die Gitter stießen und dabei die Stirn entfederten oder die Flügel blutig schlugen, die vor lauter Wut und Ingrimm gar nicht wußten, was sie tun sollten. Daß sie gezähmt werden können, haben uns die alten Falkner bewiesen und beweisen uns die asiatischen Falkenjäger noch tagtäglich; wie man es aber anzufangen hat, solche Trotzköpfe zu brechen, bleibt mir ein Rätsel. Ich bin den alten Habichten mit vertrauensvoller Tierliebe entgegengekommen: vergeblich; ich habe den Jungen alle denkbare Freundlichkeit erzeigt: umsonst. Noch mehr: ein anderer Raubvogel gewöhnt sich endlich, wenn auch nicht an den Käfig, das heißt an den Verlust seiner Freiheit, so doch an das ihm gereichte Futter; der Habicht ist nie zufrieden, man mag ihm reichen, was man wolle. Immer und immer sitzt er verdrießlich, gleichsam zerfallen mit sich und der Welt, in einem Winkel des Gebauers, die gelben Augen rollend, mit dem Rücken halb an die Wand gelehnt, mit dem Schwanze aufgestemmt, beide Fänge bereit, jedmänniglich zu fassen und zu schlagen, scheinbar nur auf den Augenblick wartend, in dem er seine tolle und unsinnige Wut betätigen kann. Er ist ein abscheulicher Vogel, im Käfige wie im Walde, ein ebenso unbändiges als hinterlistiges Geschöpf, das nun und nimmermehr von seinen Untaten abläßt und mit keinem anderen Vogel gleicher Größe, möge er so wehrhaft sein als er wolle, zusammengehalten werden darf. Jeder Bussard, jeder Milan, jeder Baumkauz ist verloren, wenn man ihn mit einem Habichte in demselben Käfige unterbringt: früher oder später wird er überfallen, abgewürgt und aufgefressen.

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Der Kranichgeier oder Sekretär ( Gypogeranus serpentarius), Vertreter einer gleichnamigen Familie ( Sagittaridae), zeichnet sich vor allen übrigen Raubvögeln durch seine ungewöhnlich langen Fußwurzeln aus, infolge deren seine Beine an die wirklicher Renn- oder Sumpfvögel erinnern. Er ist schlank gebaut, der Kopf ziemlich klein, breit und auf dem Scheitel etwas flach gedrückt, der Hals verhältnismäßig lang und dünn, der Leib gestreckt, der Schnabel kürzer als der Kopf, das Bein in allen Teilen, besonders aber im Laufteile verlängert, der Fang kurzzehig und mit mittellangen, kräftigen Klauen bewehrt, der Fittich lang, der scharf abgestufte Schwanz auffallend lang, die Mittelfeder jederseits über alle andern noch weit verlängert, das Gefieder endlich reich und großfedrig, am Hinterhaupte zu einem Schopfe verlängert, der aufgerichtet werden kann. Die Färbung ist einfach, aber ansprechend. Die Oberteile sind licht aschgrau, bräunlich überflogen, die Unterteile schmutzig graugelb, die Hand- und Armschwingen schwarz, die oberen Schwanzdecken weiß. Das Auge ist graulichbraun, der Schnabel dunkel hornfarben, an der Spitze schwarz, die Wachshaut dunkelgelb, der Lauf orangegelb. Das Weibchen unterscheidet sich durch kürzeren Schopf und kürzere Schwanzfedern vom Männchen; sein Gefieder ist lichter, die Schenkelfedern sind braun und weiß gebändert, der Bauch ist weiß. Die Jungen ähneln dem Weibchen. Die Länge des Männchens beträgt 1,15 bis 1,25 Meter, die Fittichlänge 62, die Länge der mittleren Schwanzfedern 68, die Höhe des Laufes 29 Zentimeter. Das Weibchen ist etwas größer als das Männchen.

Der Kranichgeier ist über einen großen Teil Afrikas verbreitet. Man hat ihn vom Kap bis zum sechzehnten Grad nördlicher Breite und von der Küste des Roten Meeres bis zum Senegal gefunden. Sein eigentümlicher Bau läßt im voraus vermuten, daß er nur in jenen weiten, steppenartigen Ebenen lebt, die sich über den größten Teil des inneren Afrikas ausdehnen. Ein wie der Kranichgeier gebildeter Raubvogel ist auf den Boden angewiesen und mehr oder weniger fremd in der Höhe. Nach Heuglins Befund steigt er in Habesch allerdings auch im Gebirge bis zu dritthalbtausend Meter unbedingter Höhe empor, bewohnt jedoch hier ausschließlich Ebenen. Nicht allein den Wald, sondern schon die Nähe hoher Bäume meidet er; sein Jagdgebiet sind die Steppe, trockene wie feuchte, wiesenartige Flächen, und hier und da vielleicht noch dünn bestandene Felder, nicht aber Waldungen.

»Wie Strauß, Trappe und Wüstenläufer«, sagt Heuglin, »ist auch der Sekretär ein echter Steppenvogel, der nur selten, niedrig und schlecht fliegt, aber sein Jagdgebiet flüchtigen Fußes durcheilt. Namentlich Gang und Haltung sind schön. Aufrecht, den Hals und Kopf hochtragend und gleichmäßig vor- und rückwärts bewegend, selten nur rascher trippelnd, durchschweift er gemessenen Ganges, nach Beute spähend, das Flachland.« Ich stimme hinsichtlich der Würdigung des stolzen Ganges durchaus, nicht aber auch bezüglich der Schilderung des Fluges mit meinem verstorbenen Freunde überein. Der gehende Kranichgeier ist eine höchst ansprechende, weil edle und stolze Erscheinung; aber auch der in der hohen Luft dahinschwebende Vogel verleugnet sein Geschlecht nicht, obgleich er selbstverständlich mit einem fliegenden Falken, Adler oder Geier nicht wetteifern kann. Entsprechend seinen hohen Läufen geht er leichter und besser als jeder andere Raubvogel. Hoch aufgerichtet schreitet er über den Boden, meilenweit, ohne zu ermüden. Bei der Jagd oder auf der Flucht läuft er mit vorgebogenem Leib ebenso schnell fast wie eine Trappe oder wie ein anderer Laufvogel, und nur ungern entschließt er sich, seine Schwingen zu gebrauchen; auch muß er, um sich zu erheben, erst einen Anlauf nehmen. Das Fliegen scheint ihm anfänglich schwer zu werden; hat er sich jedoch einmal in eine gewisse Höhe gearbeitet, so schwebt er leicht und schön dahin, gewöhnlich auf weite Strecken, ohne irgend einen Flügelschlag. Dabei streckt er die Ständer wie ein Storch nach hinten und den Hals oft gerade vor, und das Flugbild des Vogels wird dadurch so bezeichnend, daß man ihn mit einem anderen fliegenden Räuber gar nicht verwechseln kann. Es mag sein, daß er vorzugsweise laufend seine Jagd betreibt, und, aufgescheucht, kaum jemals zu bedeutenderen Höhen aufsteigt; daß er letzteres aber zu tun vermag, darf ich, auf eigene Erfahrungen gestützt, bestimmt versichern.

Alle Beobachter stimmen darin überein, daß der Kranichgeier paarweise lebt und ein ziemlich ausgedehntes Gebiet bewohnt. Eigentlich häufig ist er nirgends, kommt aber überall vor. Nur bei besonderen Gelegenheiten vereinigt sich ausnahmsweise eine größere Anzahl dieser merkwürdigen Vögel. Wenn z. B. vor der Regenzeit das Gras der Steppe angezündet wird und der Brand sich auf Meilen ausdehnt, alle Steppentiere auftreibend, findet sich regelmäßig der Kranichgeier ein, reicher Beute gewiß, und läuft und fliegt stundenlang vor der eilend vorrückenden Flammenlinie dahin. Der Kranichgeier ist hauptsächlich Kriechtier- und Lurchfresser, verschmäht aber auch andere Wirbeltiere nicht, falls sich solche ihm bieten, und noch viel weniger Kerbtiere, die zeitweilig seine Hauptnahrung bilden. Seine Freßlust ist merkwürdig groß: man kann ihn fast unersättlich nennen. Levaillant zog aus dem Kropfe eines von ihm getöteten einundzwanzig kleine Schildkröten, elf Eidechsen und drei Schlangen hervor, fand aber außerdem noch eine Menge Heuschrecken und in dem weiten Magen einen Klumpen von Wirbeltierbeinen, Schildkrötschalen und Kerbtierflügeln, die später wahrscheinlich als Gewölle ausgespien worden wären. Der Kranichgeier ist von altersher berühmt als Schlangenvertilger. Jules Verreaux schildert die Schlangenjagd unseres Vogels ausführlich. »Der ohnehin so zierliche und majestätische Vogel erscheint anziehender und anmutiger als je, wenn er zum Kampfe mit Schlangen schreitet. Um das Kriechtier, das er anzugreifen beabsichtigt, zu überraschen, entfaltet er alle ihm eigene Vorsicht, nähert sich daher mit größter Behutsamkeit. Sträuben der Schopf- und Hinterhalsfedern bezeichnen den Beginn des Kampfes. Mit mächtigem Sprunge stürzt er sich auf das Kriechtier, versetzt ihm mit dem kräftigen Fange einen gewaltigen Schlag und streckt es nicht selten mit dem ersten Streiche zu Boden. Gelingt ihm der erste Angriff nicht, hebt sich die Schlange, breitet die in höchste Wut versetzte Uräusschlange drohend ihren Schild, so zwingt sie ihn zunächst, mit einem Sprunge zurückzuweichen. Doch tut er dies nur, um lauernd auf den rechten Augenblick zu harren. Mit aufgerichtetem Haupte züngelt und zischt die Schlange, um den Feind zu schrecken; diesem aber wächst der Mut in demselben Grade, wie die Gefahr sich steigert. Mit gelüfteten Fittichen schreitet er von neuem vor, und wiederum versetzt er ihr Fußschläge von so unwiderstehlicher Kraft, daß die Schlange sicherlich binnen kurzem kampfunfähig darniederliegt. Stürzt sich, wie wir dies wiederholt gesehen haben, die Schlange angreifend auf ihren Gegner, so weiß dieser auch jetzt noch ihren Bissen auszuweichen, sei es, daß er ihr die ausgebreiteten Schwingen vorhält, sei es, daß er nach rückwärts oder zur Seite springt. Ermattet und erschöpft fällt die Schlange endlich platt auf den Boden nieder, und nunmehr verdoppelt der Vogel seine Anstrengungen, zerbricht ihr mit vernichtenden Schlägen seiner Fänge die Wirbelsäule, raubt ihr dadurch Beweglichkeit und Macht und setzt ihr endlich, blitzschnell vorgreifend, den eisernen Fang in den Nacken. Ohne weitere Umstände beginnt er sodann seine Mahlzeit. Binnen wenigen Minuten hat er eine Schlange von fast zwei Meter Länge aufgezehrt, bis auf den Kopf, zertrümmert letzteren mittels einiger Schnabelbisse, schreitet hierauf gemächlich seinem Ruheort zu, zieht den Kopf zwischen die Schultern herab und verweilt, ruhig verdauend, mehrere Stunden nacheinander in dieser Stellung. Heuglin sah, daß ein Kranichgeier Wüstenschildkröten mit einem Schlage des mächtigen Fanges zerschmetterte. Ältere Beobachter wollen gesehen haben, daß unser Vogel große Schlangen in die Luft hebt und sie aus bedeutender Höhe zu Boden fallen läßt, um sie zu zerschmettern. Die neueren Reisenden wissen hiervon zwar nichts zu berichten; doch ist die Angabe keineswegs unwahrscheinlich, weil auch andere Raubvögel in derselben Weise Verfahren.

Über die Fortpflanzung des Kranichgeiers liegen mehrfache, durchaus übereinstimmende Angaben vor. Im Juni oder Juli beginnen eifersüchtige Kämpfe zwischen den Männchen um den Besitz einer Gattin, die sodann mit dem glücklichen Sieger gemeinschaftlich den Bau des Horstes in Angriff nimmt. Letzterer steht fast immer auf der Spitze eines hohen und dichten Busches, meist einer Mimose, sonst auch auf einzeln stehenden Bäumen. Zusammengelegte Reiser, die mit Lehm gedichtet werden, bilden die Grundlage; die flache Mulde ist mit Pflanzenwolle, Federn und andern weichen Stoffen ausgefüttert. Der Horst wird jahrelang von demselben Paare benutzt; man erkennt sein Alter leicht an den verschiedenen Schichten, deren jedes Jahr eine neue bringt. Nicht selten ereignet es sich, daß die Zweige der äußeren Bedeckung neue Schößlinge treiben, die alsdann den ganzen Bau vollständig umgeben und verdecken. Jeden Abend begibt sich das Paar zum Neste, zunächst, um hier zu übernachten. Ein zweites Paar seinesgleichen duldet es nicht in dem von ihm in Beschlag genommenen Gebiete; wohl aber gestattet es, wie andere große Raubvögel auch, daß kleine Körnerfresser in unmittelbarer Nähe oder zwischen dem Reisig des Horstes selbst sich ansiedeln. Erst im August legt das Weibchen seine Eier, drei bis vier an der Zahl. Diese haben beinahe die Größe eines Gänseeies, sind aber rundlicher, entweder reinweiß von Farbe oder spärlich mit rötlichen Tüpfeln gezeichnet. Nach sechswöchentlicher Brutzeit, während der das Weibchen vom Männchen ernährt wird, entschlüpfen die Jungen in einem schneeweißen Daunenkleide. Sie sind im hohen Grade hilflos und bleiben lange Zeit schwach auf den Beinen, verlassen aus diesem Grunde das Nest auch selten vor Ablauf des sechsten Monats. Entnimmt man sie dem Horste, so erfährt man, daß sie erst nach fünf bis sechs Monaten einigermaßen laufen können, sich aber immer noch oft auf die Fersen niederlassen müssen.

Sorgsam gepflegt, werden sie bald zahm, ergötzen durch ihren Anstand, die edle Haltung, den stolzen Gang, das schöne, feurige Auge und das lebhafte Spiel ihrer Nackenfedern, unterdrücken jedoch, wie Heuglin erfahren mußte, Raubgelüste niemals gänzlich, werden dem Hofgeflügel oft verderblich und wagen sich selbst an Katzen und Hunde, denen sie nicht selten gefährliche, immer nach dem Kopfe gerichtete Fußschläge versetzen. Sie sind mit jeder Art geeigneten Futters zufrieden, aber überaus gefräßig, verschlingen außerordentlich große Bissen und geben sich nicht oft die Mühe, ein Beutestück erst mit dem Schnabel zu zerfleischen. In unsern Tiergärten zählen sie noch immer zu den Seltenheiten, verfehlen aber nie, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Die Jagd des Kranichgeiers hat ihre Schwierigkeiten. Der Vogel ist schwer zu entdecken und noch schwerer zu beschleichen. Heuglin und ebenso Anderson versichern, daß eine längere Zeit fortgesetzter Hatz zu Pferde von dem besten Erfolge gekrönt zu sein pflegt. Der Vogel sucht vor dem Reiter laufend zu entrinnen, ermattet, erhebt sich, schon beinahe atemlos, fällt bald wieder ein, steht nochmals auf, läuft und fliegt abwechselnd, fortdauernd verfolgt, bis er nicht mehr zu fliegen oder zu laufen vermag und fällt dann dem Jäger zur Beute. Heuglin erhielt binnen zwei Tagen nicht weniger als sechs Stück dieser Vögel, die in dieser Weise gefangen worden waren.


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