Aus einer kleinen Garnison - Ein militärisches Zeitbild

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Inhaltsverzeichnis

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Erstes Kapitel 1
Zweites Kapitel 27
Drittes Kapitel 78
Viertes Kapitel 125
Fünftes Kapitel 185
Sechstes Kapitel 233
Siebentes Kapitel 245
Achtes Kapitel 264

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Erstes Kapitel.

In dem geräumigen, mit behaglicher Eleganz eingerichteten Wohnzimmer war Frau Clara König damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zum Empfang ihrer Gäste zu treffen.

Denn heute war Musikabend, zu welchem sich einmal in der Woche die engeren Freunde des Hauses versammelten, soweit sie musikalisch waren. Diesmal aber hatte man noch einige Familien dazu gebeten, damit sich alle von der erfolgreichen Tätigkeit der »Künstler« überzeugen sollten.

Hier rückte die Hausfrau einen Stuhl zurecht, dort strich sie glättend über ein gesticktes Deckchen, welche sie in allen Farben und Geschmacksrichtungen selbst gefertigt. Sie prüfte die Lampen auf ihre Lebensfähigkeit, klappte Klavier und Harmonium auf und warf schließlich einen liebevoll sorgenden Blick nach den gefüllten Blumenvasen, ob sie auch ihren duftenden Inhalt von der vorteilhaftesten Seite zeigten. Denn darauf hielt sie sehr, nie fehlte auf dem Kamin und dem Erkersims ein Sträußchen oder frisches Grün, selbst nicht zur kalten Winterszeit.

Frau Clara war eine mittelgroße Dame von etwa dreißig Jahren, mit einer gefälligen Figur und einem hübschen, frischen Gesicht. Die munteren blauen Augen gaben ihm im Verein mit dem geschmackvoll frisierten Blondhaar einen jugendlich angenehmen Ausdruck.

Jetzt ließ sie sich in einen Sessel nieder, denn es war alles in bester Ordnung. Das war übrigens immer so.

Da teilte sich die Portiére zum Nebenzimmer, und ihr Gatte, ein großer Herr mit schwarzem Schnurrbart, trat herein, um auch seines Amtes zu walten. Ihm lag es nämlich ob, den Kronleuchter anzuzünden. Im Allgemeinen pflegte er pro Gast nur eine Flamme zu brennen, heute aber ließ er den ganzen Lüstre in festlichem Glanze erstrahlen, denn man erwartete viele Gäste, während nur 5 Flammen vorhanden waren. So brannte er denn den Wachsstock an, welcher praktischer Weise meist auf oder dicht neben dem Ofen zu finden war, schimpfte über die hohe Gasrechnung, entzündete die Flammen, schüttete einen Eimer Kohlen in den Ofen und warf ein Blatt Papier hinterher, daß er nicht puffen sollte. Dann ließ er sich gleichfalls in einen Sessel nieder.

Herr Albrecht König war seines Zeichens wohlbestallter Rittmeister. Die Schwadron hatte er in bester Ordnung, denn er widmete sich ihr mit großem Eifer und nie erlahmender Sorgfalt. Fand sich Zeit und Muße, so las er die »Deutsche Zeitung«, studierte den Kurszettel, arbeitete im großen, trefflich in Stand gehaltenen Garten des Hauses oder überwachte den Hühnerhof, dessen Eierertrag er für hohe Preise an seine Gattin verkaufte. Hatte er gar nichts zu thun, so führte er Schlachten mit seinem neunjährigen Sohne auf, hielt Weinproben ab oder übte Klavier, denn dieses Instrument verstand er fast meisterhaft zu spielen.

Ein Geräusch im Vorzimmer verkündete jetzt die Ankunft der ersten Gäste. Man vernahm einen langsam schleppenden Schritt und ein heftiges Schnauben. Die Tür ging auf, und herein trat Landrat von Konradi, ein wohlbeleibter Herr mit einem Klemmer auf der aristokratischen Nase, über den hinweg sein Blick jetzt forschend die Frau des Hauses suchte. Das Haar schien zwar ergraut, doch dunkel gefärbt, und böse Menschen wollten wissen, es geschehe für das schöne Geschlecht. Der Herr Landrat hatte nämlich keine Frau. Sein Ideal verkörperten ein gutes Diner und mehrere noch bessere Weinsorten, und, da beides im Hause des Rittmeisters zu finden war, kam er gern. Im Übrigen galt er für einen Gentleman.

Während er sich gerade bemühte, der Hausfrau mit Entrüstung zu erzählen, wie ein von ihm bestellter Fasan in gänzlich ungenießbarem Zustande angekommen sei, öffnete sich wieder die Tür und Frau Rittmeister Kahle trat ein.

Von kleiner, zierlicher Figur, jedoch mit einem Gesicht, welches dem eines ungezogenen Knaben glich, war sie im Allgemeinen eine ganz niedliche Erscheinung, nur spielte ein beständiges Lächeln um den etwas großen Mund, und wenn sie ihn auftat, ließ sich eine unzarte, fast kreischende Stimme hören.

Ihr folgten drei jüngere Herren, als erster Leutnant Pommer. Man schätzte ihn allgemein wegen seines natürlichen offenen Wesens; schien er dadurch auch manchmal etwas derb, so wußte doch jeder, wie es gemeint war. Mit besonderer Liebenswürdigkeit begrüßte er Frau Kahle, und es sah fast drollig aus, wie der große, korpulente Mann mit dem Nippfigürchen kontrastierte.

Der zweite war der Leutnant Müller. Wer es nicht wußte, sah an der selbstgefälligen Miene und der steifen Haltung des Herrn, daß er der Regimentsadjutant sein müsse. Er galt für den Schrecken aller Hausfrauen, denn er war unersättlich und vernichtete mit Seelenruhe die dreifache Portion wie ein anderer Sterblicher. Legten seine Tischgenossen die Gabel aus der Hand, so langte er mit der Versicherung, daß er gerade dieses sehr gern äße, zum dritten Male zu.

Der letzte der Herren war Leutnant Kolberg, ein auffallend blaß aussehender junger Mann mit kühn emporgewirbelten Schnurrbartenden. Er führte ein unsolides Leben und rühmte sich einer bewegten Vergangenheit.

Während man der noch fehlenden Gäste harrte, bildeten sich einige Gruppen. Leutnant Kolberg war ebenfalls zu Frau Kahle getreten und maß sie von oben bis unten mit wohlgefälligen Blicken. Der Adjutant suchte von Frau König zu erforschen, was es zu essen gäbe, und als er es erfuhr, behauptete er sofort, es sei sein Leibgericht. Der Landrat plauderte mit dem Rittmeister über eine Weinreise, die sie gemeinsam zu unternehmen gedachten, um den Keller mit neuen Schätzen zu füllen.

Wieder ging die Tür auf, und herein schwebte eine ungeschickt gepuderte, aussagend korpulente Dame in einem schwarz und gelben Kleide, dessen Machart sich mit den unpassend zusammengestellten Farben in Geschmacklosigkeit überbot. Sie stürzte sofort auf Frau Clara zu, drückte ihr mit den rundlichen Fingern die Hand und gab ihrer Freude über die erhaltene Einladung Ausdruck. Den anwesenden Herren hielt sie die fleischige Rechte so dicht unter die Nase, daß diesen gar nichts anderes übrig blieb, als den obligaten Handkuß darauf zu drücken.

Es war Frau Rittmeister Stark, die jüngste Gattin im Regiment, wenn sie auch weit über fünfzig Lenze zählte.

Ihr folgte tänzelnden Schrittes der eben so rundliche Gemahl. Er trug einen schwarzen Spitzbart und einen langen Nagel am kleinen Finger, dessen Pflege täglich längere Zeit in Anspruch nahm.

Seine Stimme verriet, daß ihr Besitzer einem guten Trunk nicht abhold war.

Hinter dem Ehepaar tauchte plötzlich die Gestalt des Kommandeurs auf.

Alle traten ehrfurchtsvoll zur Seite und machten eine tiefe Verbeugung vor ihm, während er auf Rittmeister König und Gattin zuschritt. Die krummen Beine im Verein mit dem derben Gesicht gaben der ganzen Erscheinung des Obersten von Kronau nicht viel von dem, was man sich unter einem Regimentskommandeur vorstellt, in Civil hätte man ihn vielleicht für einen Agrarier gehalten, dessen Sprache den Masuren nicht verleugnen konnte. Auch blinkte ihm stets eine Träne im Auge, welche er, sobald sie ihm entsprechend groß erschien, durch eine stereotype Kopfbewegung seinem Gegenüber vor die Füße oder auf den Rock zu schleudern liebte.

Die ihm folgende Dame mit dem Gouvernantengesicht, in ein schlecht sitzendes perlgraues Kostüm mit rotem Sammetkragen gezwängt, war seine Gattin.

Fast zu gleicher Zeit erschien auch der noch fehlende Teil der Gesellschaft, an der Spitze Oberleutnant Borgert. Seine stechenden Augen ruhten nur selten auf dem, welchen er einer Ansprache würdigte, seine Figur war korpulent, dabei aber elastisch und schmiegsam. Hinter ihm stand der Oberleutnant Leimann, eine kleine, etwas gebeugte Erscheinung mit einem Buckelansatz und viel zu kurzem Halse. Zwischen den hochgezogenen Schultern saß ein birnenförmiger Kopf mit zwei kleinen Schweinsäuglein, welche meist unstät umherirrten oder so zusammengekniffen waren, daß man sie nicht sah. Das an einer Schnur hängende Einglas setzte er nie auf, denn er fürchtete, sich lächerlich zu machen.

Diese beiden Herren wohnten in einem Hause und waren eng mit einander befreundet. Vielleicht hatte sie ein chronischer Mangel an Kleingeld zusammengeführt, was ihnen jedoch kein Grund war, sich irgend einen Wunsch zu versagen, vielmehr lebten sie, als seien sie die Erben reicher Häuser.

»Verzeihen Sie, gnädige Frau«, wandte sich Leimann an Frau König, »daß meine Gattin nicht mitkommt, sie hat wieder ihr altes Leiden, Sie wissen ja, Migräne!« Dabei machte er ein Gesicht, als glaube er selbst nicht recht daran. »Sie wird natürlich nachkommen, sobald sie sich besser fühlt.«

»Das tut mir sehr leid,« entgegnete Frau Klara liebenswürdig, »nun, hoffentlich hält das Kopfweh nicht lange vor! Es sollte mich freuen, Ihre Gattin bald begrüßen zu können.«

Als nun auch der kleine Leutnant Bleibtreu, ein besonderer Freund des Hauses und einziger Offizier in Rittmeister Königs Schwadron, zur Stelle war, meldete der Diener, es sei angerichtet. So begaben sich denn die Herrschaften nach dem Eßzimmer und ließen sich an dem mit großer Sorgfalt gedeckten Tische nieder.

Anfangs herrschte Schweigen, erst als ein jeglicher seinen Teller gefüllt, kam die Unterhaltung allmählich in Gang.

»Das Wetter ist in den letzten Tagen so schön, daß man bald mit dem Netzspiel beginnen kann,« bemerkte Frau Oberst von Kronau.

»Gewiß«, erwiderte der Oberst mit vollem Munde, »ich werde nächste Woche eine Versammlung des Klubs anberaumen, und dann kanns losgehen!«

»Ach ja, entzückend,« rief Frau Stark begeistert, »ich spiele leidenschaftlich gern, Sie spielen doch alle mit, meine Herrschaften? Sie, meine liebe kleine Frau Kahle, waren ja schon früher eine der Eifrigsten. Und wie ist es mit Ihnen, Frau König?«

»Ich lasse es besser, denn es bekommt mir nicht.«

»Und Ihr Gatte?«

»Ich spiele nicht Tennis,« erwiderte der Rittmeister, »Sie wissen ja, ich kenne das Spiel gar nicht, aber ich sehe es ganz gern, wenn es von graziösen Damen gespielt wird.«

Frau Stark kniff die Lippen zusammen und sandte dem Rittmeister einen wütenden Blick. War das mit den »graziösen Damen« nicht auf sie gemünzt? Es geschah ihr aber ganz recht, denn es war geradezu lächerlich, wie die ältliche Frau stets die jugendliche spielen wollte, hatte sie doch noch in ihren alten Tagen einen Schwadronsgaul bestiegen, um reiten zu lernen, weil andere Damen es taten.

»Vom Civil werden sich wohl auch mehrere beteiligen«, ergriff der Oberst wieder das Wort, »ich lasse eine Liste herumgehen.«

Alle sahen sich ungläubig an, denn mit dem Civil hatte es der Oberst durch mancherlei Geschichten gründlich verdorben, man mied ihn, wo man konnte.

»Ich spiele auch mit,« warf Landrat von Konradi ein, »vorausgesetzt, daß es nicht zu heiß wird. Nächste Woche habe ich aber noch keine Zeit, ich muß erst Erbsen legen, sonst wird es zu spät.«

»Allerdings,« rief König dazwischen, »sonst geraten sie nicht mehr ordentlich.«

»Wie? Erbsen geraten nicht? Erbsen geraten immer, wenn man es richtig anfängt,« entgegnete fast gereizt Frau Oberst.

»Das kann man doch aber nicht behaupten, gnädige Frau, da spricht doch vieles mit!«

»Nein, nicht im geringsten, Herr Rittmeister, es gibt ein Rezept, nach dem sie geraten müssen

»Da wäre ich doch neugierig, denn voriges Jahr sind mir fast alle Erbsen verdorben.«

»Sie müssen sie bei Mondenschein legen, und niemand darf dabei ein Wort reden, dann geraten sie immer, ich sehe es ja bei meinen. Ich bin aber nicht etwa abergläubisch, meine Herrschaften, aber es ist so.«

Wenn Frau Oberst etwas behauptete, war ein Widerspruch eigentlich ein kühnes Unterfangen, Leutnant Bleibtreu aber äußerte lachend:

»Wenn man dann bei Sonnenschein den Speck dazwischen säet, gibt es gleich Erbsen mit Speck.«

»Sie müssen es ja wissen, Herr Leutnant, spotten Sie nur, es ist doch so!« entgegnete die Frau Oberst giftig. »Übrigens nächste Woche habe ich auch noch keine Zeit, meine Gänseleberpastete ist noch nicht fertig!«

»Sie kochen sie selbst ein?« fragte interessiert der Landrat.

»Gewiß, ich koche immer sechs Töpfe, mein Mann ißt das Zeug so schrecklich gern.«

»Woher beziehen Sie denn die Trüffeln dazu? Ich suche nämlich gerade eine gute Quelle.«

»Was, Trüffeln? Es schmeckt ohne Trüffeln genau so gut, das ist nur Einbildung.«

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, das ist ja beinahe die Hauptsache an der ganzen Pastete!«

»Gott bewahre, ich nehme nie Trüffeln!«

»Gänselebern muß man bei einer Mondfinsternis kochen, gnädige Frau, dann werden sie schön dunkel!« bemerkte spöttelnd Leutnant Pommer.

»Ach, verhöhnen Sie mich nur! Ich weiß, wie es ist, und so bleibt es!«

So blieb es auch, denn keiner wagte noch eine Einwendung.

Frau Oberst mußte ihre fließende Rede unterbrechen, denn alle erhoben sich jetzt, um die eben eintretende Frau Oberleutnant Leimann zu begrüßen. Frisch und rosig, mit einem bezaubernden Lächeln auf den Lippen, erschien sie in der Tür des Eßzimmers.

»Seien Sie mir nicht böse, Frau König, ich hatte noch einige wichtige Briefe zu schreiben. Aber wollen die Herrschaften nicht Platz behalten?«

»Ich denke, Sie hatten Kopfweh?« hieß es von allen Seiten.

»Kopfweh? Ja richtig, das hatte ich auch. Man vergißt es ganz, wenn man so oft darunter leidet.«

Sie war eine schöne junge Frau von fünfundzwanzig Jahren und geschmackvoll gekleidet. Gegenüber von Oberleutnant Borgert nahm sie ihren Platz ein.

Das Gespräch erhielt jetzt eine allgemeinere Wendung, man redete von diesem und jenem und ließ sich auch die vorzüglichen Speisen schmecken, denn es gab »Labskaus«, das Spezialgericht aus Frau Claras Küche. Der Adjutant hatte den Mund noch nicht geöffnet, außer um riesige Bissen hineinzuschieben. Ab und zu gab er durch einen unverständlichen Laut seinen Beifall zu erkennen. Er aß noch immer, als schließlich die Hausfrau die Tafel aufhob. Man wünschte sich gegenseitig »gesegnete Mahlzeit« und suchte die Nebenräume auf, wo den Damen Kaffee, den Herren Likör, Bier und Cigarren gereicht wurden.

Bald hatten sich wieder plaudernde Gruppen gebildet, während der Oberst den Ort für geeignet hielt, mit seinem Adjutanten eine dienstliche Angelegenheit zu erledigen. Dann begab er sich ins Nebenzimmer und begann ein lebhaftes Gespräch mit Frau Stark, aus welchem, da es halblaut geführt wurde, nur abgebrochene Sätze von Oberleutnant Borgert aufgefangen werden konnten.

»Sie müssen es erreichen,« hörte er die Dame flüstern.

»Hoffentlich geht zur Besichtigung alles gut,« gab der Oberst zur Antwort, »die Vorgesetzten sind seit dem letzten Mal auf Ihren Gatten aufmerksam geworden, im Stall fing es an, wo die Streu nicht den Wünschen der Herren entsprach.«

»Ich gehe jeden Morgen durch den Stall und pfeife die Unteroffiziere an. Aber freilich, wenn dann mein Mann zur Besichtigung wieder den Kopf verliert, kann ich nicht helfen. Das letzte Mal habe ich ja alles durch den Feldstecher mit angesehen, und es ging ganz gut bis zuletzt, wo das Abschwenken in Züge nicht klappte. Auch war sein Kommando falsch.«

»Nun, hoffen wir das Beste! Wenn man Major werden will, heißt es eben doppelt aufpassen, und stimmt etwas nicht, werden die Vorgesetzten gleich stutzig.«

»Es ist ganz gleich, Herr Oberst, mein Mann muß Major werden! Wenn Sie uns fallen lassen, dann......«

»Seien Sie ohne Sorge, gnädigste Frau! ich habe ihm eine glänzende Konduite geschrieben, wenn ich es auch nicht verantworten kann, Sie sehen also, ich tue mein Möglichstes.«

»Das sind Sie mir auch schuldig, Herr Oberst, denn ohne mich wären Sie heute...... nun, Sie wissen ja.«

Rittmeister König trat hinzu.

»Reisen Herr Oberst nächste Woche mit an die Mosel zur Weinprobe? Herr Landrat von Konradi fährt auch mit. Es sollen tadellose Sorten zum Verkauf kommen.«

»Gewiß, mein lieber König, Sie wissen ja, bei so etwas bin ich immer dabei. Mit Ihnen gehe ich gerne proben, denn ich habe heute wieder gesehen, daß Sie eine tadellose Zunge haben.«

»Sehr schmeichelhaft für mich, Herr Oberst! Aber ich sehe, Herr Oberst rauchen nicht. Es steht alles in meinem Zimmer.«

Der Oberst schritt ins Nebenzimmer, wo er Frau Kahle mit Leutnant Pommer in der einen und mehrere junge Herren mit Frau Rittmeister König in der andern Ecke plaudern sah. Oberleutnant Leimann trat gerade aus dem Eßzimmer ein, hinter ihm seine Gattin mit mürrischer Miene, die sich aber sofort aufhellte, als Oberleutnant Borgert herantrat und seine Hausgenossin ins Gespräch zog.

»Nun, was haben Sie denn wieder für wichtige Privatangelegenheiten, meine Gnädigste?«

»Ich? nichtsweiter! Mein Mann hat zur Abwechselung ein bißchen geschimpft, Sie kennen ja seine geschmacklose Art, über alles gleich grob zu werden.«

»Was gibt es denn aber schon wieder? Hat Ihnen der Auftritt heute Nachmittag nicht genügt?«

»Jetzt ist er wütend, weil ich mich mit Briefschreiben entschuldigt hatte, er hatte mich mit Kopfweh entschuldigt. Ich habe diese ewigen Korrekturen satt.«

»Das ist ein Scheidungsgrund, gnädige Frau,« scherzte der Oberleutnant. »Suchen Sie sich einen anderen Gatten, wenn Ihnen dieser nicht zusagt.«

»Sie haben gut Witze machen, Sie glauben gar nicht, wie mir manchmal alles zuwider ist.«

»Dann erst recht, gnädige Frau! Wählen Sie unter den Edlen des Landes! Ich kann Ihnen sogar gute Vorschläge machen.«

»Dann schießen Sie einmal los!« scherzte Frau Leimann mit schelmischem Augenaufschlag.

»Ich wüßte schon einen, wie wäre es zum Beispiel,..... nun, mit mir?«

»Der Vorschlag ließe sich hören, aber erst müssen Sie mir sagen, was Sie mir bieten können!«

»Setzen wir uns und bereden wir den hochwichtigen Fall!« sagte Borgert lachend, und sie ließen sich auf dem Divan nieder.

»Also, passen Sie auf! Ich biete Ihnen ein elegantes Heim, einen Wagen mit Pferden, eine Villa am Züricher See und ein Heer dienstbarer Geister!«

»Und wer bezahlt das alles?«

»Bezahlen? Wer tut denn das noch? Es ist gänzlich aus der Mode und geschmacklos, man verplempert damit das meiste Geld. Ich bezahle nie und lasse mir nichts abgehen wie Sie sehen.«

»Das ist ja alles sehr verlockend, aber noch habe ich ja meinen Mann,« scherzte Frau Leimann weiter.

»Gewiß, den haben Sie noch, aber Sie können sich ja einstweilen an mich gewöhnen.«

Frau Leimann nickte lächelnd und stützte den Kopf in die Hände, während sie träumerisch auf den Teppich sah.

Borgert wurde plötzlich ernst, und als die letzten Gäste ins Nebenzimmer verschwunden waren, suchten seine Augen die seiner Nachbarin.

»Was sehen Sie mich denn so an, Herr Borgert? Es kann einem ja Angst werden!«

»Ich denke so vieles, gnädige Frau, was ich nicht sagen darf. Im Scherz spricht man leicht über Dinge, die scheinbar nur ein solcher sind, in Wahrheit aber berühren uns diese Dinge oft tiefer.«

»Sie sprechen wieder in Rätseln, mein Lieber, und es ist wohl an der Zeit, daß wir ein anderes Thema wählen. Aber wollen wir denn nicht auch hineingehen? Man könnte sich wundern, uns so allein zu finden, und wieder klatschen.«

Dabei erhob sie sich, und als Borgert schnell noch ihre Hand ergriff, um sie zu küssen, machte sie keine ernstliche Anstrengung, ihm zu wehren, dann trat sie mit der Miene eines unschuldigen Kindes in das Wohnzimmer. Borgert aber blieb in dem matt erhellten Raume sitzen, zog einen Brief aus dem Aufschlag des Überrocks und las ihn. Dann steckte er das Papier mit einem unterdrückten Fluch wieder ein und versank in Nachdenken.

Im Nebenzimmer war es inzwischen lebendig geworden. Das Stimmen der Geigen, das Brummen eines Cellos und einige Klavier-Akkorde riefen alle Gäste herbei, denn jetzt sollte der musikalische Teil des Abends seinen Anfang nehmen.

Am Harmonium hatte Rittermeister König Platz genommen, während seine Gattin die Klavierbegleitung übernahm. Landrat von Konradi und Oberleutnant Leimann standen mit den Geigen bereit, Leutnant Bleibtreu hatte sich, das Cello zwischen den Knieen, im Hintergrunde niedergelassen. Die Zuhörer saßen erwartungsvoll in den kleinen und großen Sesseln, am Kamin, und um den mit Biergläsern besetzten Tisch herum.

Das Spiel begann, ein Trio von Reinhardt. Es klang gut, denn alle hatten ihre Partie fleißig geübt, und so machte der Vortrag einen angenehmen Eindruck. Nur der Landrat wiegte sich bei jedem Bogenstreich von einem Fuß auf den anderen und begleitete sein Spiel mit einem störenden Schnaufen. Auch Leimann gehörte zu den Musikern, welche man bei Ausübung ihrer Kunst nicht ansehen darf, um sich den Genuß nicht zu verderben, denn sein Kopf war jetzt ganz zwischen die Schultern gerutscht und seine noch mehr gebeugte Figur bot von hinten kein sehr harmonisches Bild. Der Cellist griff manchmal daneben, spielte dann aber die folgenden Töne um so kräftiger, damit man hören konnte, wie er sein Instrument beherrschte. ? Dem Trio folgte je ein Solostück der beiden Geiger, sowie eine von Ehepaar König mit guter Technik und warmer Empfindung vorgetragene Rhapsodie von Liszt. ? Zum Schluß waren alle des Lobes voll und jeder suchte durch ein kunstgerechtes Urteil sein Musikverständnis zu bekunden.

»Ach, mein lieber Leutnant Bleibtreu,« rief Frau Stark dazwischen, »Sie müssen mir auch Cellounterricht geben, ich spielte das Instrument in meiner Jugend, aber in der langen Zeit habe ich es ganz verlernt.«

Daß seit ihrer Jugend eine lange Zeit vergangen, wurde von keiner Seite bezweifelt, und König flüsterte Bleibtreu zu, sie könne mit ihren dicken Fingern einen einzelnen Ton ja gar nicht greifen.

Borgert war während des Spiels in den Durchgang zum Nebenzimmer getreten und schaute mit gelangweilter Miene den Gästen zu. Manchmal warf er einen forschenden Blick auf Frau Leimann, welche mit träumerischen, halb geschlossenen Augen weit in einem bequemen Sessel zurückgelehnt saß.

Die Spieler hatten jetzt auch am Tische Platz genommen, und die Unterhaltung begann von neuem über gleichgültige Tagesfragen, wobei Frau von Kronau den Löwenanteil nahm, denn ihr Mundwerk stand selten einen Augenblick still.

So verging rasch die Zeit, und als die Kaminuhr ½11 zeigte, schaute der Oberst verständnisinnig nach seiner Ehehälfte, welche sich darauf mit einem leichten Kopfnicken erhob und zur Frau des Hauses wandte.

»Liebe Frau König, es war reizend von Ihnen, uns den Genuß des heutigen Abends zu verschaffen, es ist aber so spät geworden, daß wir uns verabschieden müssen. Nochmals vielen Dank!« Dabei reichte sie ihr die Hand und schüttelte sie kräftig.

»Wollen Sie denn wirklich schon gehen? Es ist ja noch nicht einmal 11 Uhr. Einen Augenblick können Sie doch noch bleiben!«

Als Frau König aber sah, wie auch der Oberst, Familie Stark und der Landrat von den übrigen Gästen Abschied nahmen, gab sie alle weiteren Überredungskünste auf, im Grunde ihres Herzens nicht unzufrieden, jetzt nur noch einen kleinen Kreis um sich zu behalten, bei welchem man nicht jedes Wort auf die Goldwage legen und fürchten zu müssen glaubte, der Oberst könne irgend etwas unpassend finden und am nächsten Tage zum Gegenstand einer dienstlichen Besprechung machen. Denn darin leistete er Märchenhaftes.

Nachdem die Herrschaften das Haus verlassen, rückten die Zurückgebliebenen ihre Stühle näher zusammen und ein frisches Glas Bier wurde gereicht.

Das anfängliche Schweigen ward durch Borgert unterbrochen.

»Haben Sie gesehen, wie diese Stark mit dem Oberst wieder geflüstert hat? Diese Manieren sollten sie doch zu Hause lassen, denn da scheint man ja nicht sonderlich penibel zu sein. Denken Sie, neulich stand ich dabei, wie Stark mit dem Pantoffel nach seiner Gattin warf, welche mich in einem schmutzigen Morgenrock empfangen hatte.« ?

»Das ist noch gar nichts,« rief Leimann dazwischen, »als sie kürzlich in meiner Gegenwart wieder einen Krakehl miteinander hatten, brachte der Dicke seine Frau einfach mit den Worten: »Halts Maul!« zum Schweigen.«

»Es scheint überhaupt dort manchmal nicht ganz friedlich zuzugehen,« entgegnete der Adjutant.

»Vorgestern hatte sich Stark im »Weißen Schwan« etwas festgetrunken, und als er so ziemlich blau war, kam seine Frau, machte ihm eine Szene und nahm ihn unter dem Gelächter der übrigen Gäste mit nach Hause. Dort werden sie sich nachher wohl nicht gerade geküßt haben.«

»Das kommt übrigens öfter vor, sie holt ihn sogar aus dem Kasino zum Essen und nennt ihn vor den Ordonnanzen einen Lüdrian,« warf ein anderer ein.

»Nun ja,« sagte König, »sie paßt eben auf ihren Mann gut auf, denn er will jetzt Major werden, oder besser gesagt, sie Majorin.«

»Aber das ist ja ganz ausgeschlossen,« rief Borgert entrüstet, »wenn dieser unfähige Patron Major wird, dann werde ich General. Es scheint ja allerdings, als ob der Oberst alles für ihn aufböte!«

»Dafür hat er seinen Grund!« entgegnete Leimann bedächtig.

»Wieso?«

»Kennen Sie denn die Geschichte nicht? Die Spatzen pfeifen sie schon von den Dächern.«

»Nein, erzählen Sie, das ist ja rasend interessant!« Dabei rieb sich Borgert vergnügt die Hände und rückte etwas näher zu seinem Freunde heran.

»Voriges Jahr hatte der Oberst bekanntlich durch eine seiner berühmten Taktlosigkeiten einen Herrn vom Civil beleidigt. Dieser schickte ihm eine Forderung. Da wurde es dem guten Oberst doch etwas flau zu Mute, denn mit dem Munde ist er stets voran, hat er aber etwas zu riskieren, dann sitzt ihm das Herz in der Hose. Da ging seine Freundin, diese Stark, zu jenem Herrn hin und sagte, sie sei an der ihm zugefügten Kränkung schuld, indem sie eine unwahre Behauptung ausgesprochen habe. Sie hat dem Oberst also das Leben gerettet, denn der andere ist als unfehlbarer Schütze bekannt wie ein bunter Hund. Darum hat sie ihn jetzt ganz in der Tasche, und wenn sie ihm etwas befiehlt, gehorcht er wie ein Stubenhund. Was dabei herauskommt, sehen Sie ja alle Tage.«

»Aber das ist ja großartig,« rief triumphierend Borgert, »wissen Sie noch so Geschichtchen? Es ist überhaupt längst Zeit, daß man diese beiden aufgeblasenen Personen abhalftert. Er hat Manieren wie ein Bursche und sie wie eine Waschfrau, ich werde einmal herumhorchen und Material sammeln. Es ist eine Schande, daß man sich dieses Weib gefallen lassen muß.«

»Sie soll ja früher auch sonderbare Beziehungen zu einem adligen Herrn gehabt haben, man munkelt so etwas!«

»Von wem wissen Sie denn das wieder?«

»Mein Bursche hat es mir neulich erzählt, der ist aus ihrer Heimat.«

»Was Sie nicht sagen, da muß ich doch einmal gründlich nachforschen, denn das Geld für ein Auskunftsbureau ist sie ja doch nicht wert, diese.... Nun, ich kann das Wort nicht aussprechen, das mir auf der Zunge schwebt.«

»Dann wundert es mich aber, daß sie überall so großartig auftritt, wenn sie so viel auf dem Kerbholz hat.«

»Das ist eben ihre Manier!« entgegnete Müller wichtig.

»Dieselbe Sache wie mit dem Wagen. Den geschmacklosen Karren hat sie irgendwo aufgetrieben, setzt den Burschen im Cylinder und gelben Stiefeln hinten drauf, spannt zwei Schwadronsgäule ein und fährt den Leuten etwas vor. Dabei biegen sich die Axen, wenn die dicke Person darin sitzt. Daß sie täglich auch ein Dienstpferd reitet, dagegen sagt der Oberst nichts, obwohl in den Vorschriften beides streng verboten ist. Frißt ein anderer aber nur eine Kleinigkeit aus, so steckt er ihn drei Tage ein und kommt sich höllisch schneidig vor.«

»Der Oberst ist eben ein ganz pflaumenweicher Bruder, dabei schnurrt er wie gedruckt. Einem mir bekannten Herrn hat er erzählt, wie ausgezeichnet er mit dem Civil stände, und wie sein Tennisplatz belagert sei. Er spielt aber doch meist allein, wer sich vor diesen Leuten drücken kann, tut es doch sicher.«

»Ich wette, daß er vor der nächsten Versammlung des Tennisklubs eine dienstliche Besprechung ansetzt, dann hat er uns alle in der Falle.«

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Während dieser Unterhaltung hatte Frau Leimann mit leuchtenden Augen dem Oberleutnant Borgert zugehört, wie er in seiner gewandten Weise über den Oberst und Starks zu Felde zog, der Rittmeister sog nachdenklich an seiner Cigarre und unterdrückte ein Gähnen, während seine Gattin in Gedanken versunken mit einer Quaste der Tischdecke spielte.

»Warum so ernst, meine Gnädige?« redete Borgert sie an.

»Ich dachte gerade darüber nach, wie Sie später über uns reden würden, wenn uns einmal irgend etwas auseinanderbringt!« erwiderte sie lächelnd.

»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, Sie scheinen an meiner guten Erziehung zu zweifeln, trauen Sie mir so etwas zu? Und überhaupt, wie könnte........«

Er brach seine Rede ab, denn Frau Kahle hatte sich erhoben, um Abschied zu nehmen, mit ihr Leutnant Pommer, welchen sie um Begleitung bat, denn ihr Gatte befand sich auf einer Dienstreise.

Der Kreis war somit wieder etwas kleiner geworden, und als man von neuem um den Tisch Platz genommen hatte, bemerkte Borgert:

»Dieser Kahle mit dem Schusterjungengesicht könnten wir eigentlich einmal ein neues Kleid schenken, außer der verwaschenen Fahne, die sie immer trägt, scheint sie nichts zum Anziehen zu haben.«

»Sie sollten sie erst einmal im Hause sehen,« entgegnete wegwerfend Müller, »da sieht sie aus wie ein malproperes Dienstmädchen; das schmutzige Hauskleid einmal zu flicken, scheint sie auch keine Zeit zu haben, ihr Junge läuft ebenfalls immer herum wie so ein Gassenbube aus der Unterstadt. Außerdem kann der Bengel schon lügen, daß es eine Lust ist.«

»Das hat er von seiner Mutter!« lachte Borgert, als ihn ein vorwurfsvoller, kalter Blick aus Frau Königs Augen traf und zum Schweigen brachte. So ward die Unterhaltung allmählich eintöniger. Der Rittmeister gähnte schon etwas deutlicher, und Leimann war ganz in seinem Sessel zurückgesunken und hielt nur noch mühsam die Augen auf, während seine Gattin eine äußerst gelangweilte Miene zeigte, wodurch ihre Züge alle Anmut und Schönheit verloren und alt, ja abgelebt erschienen. Müller verdaute noch immer, und so schien es an der Zeit, sich zum Aufbruch zu rüsten.

Unter lebhaften Versicherungen, wie reizend der Abend gewesen, trennte man sich, und der Rittmeister geleitete seine Gäste die Treppe hinab, um dann den Riegel an der Haustür vorzuschieben.

Als er wieder im Wohnzimmer stand, sagte er, die Gasflammen ausdrehend, zu Frau Clara: »Ein interessanter Abend! Vor diesen beiden Herren heißt es sich in Acht nehmen!«

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Zweites Kapitel.

»Unteroffizier Meyer! Lassen Sie gefälligst den Mist aus dem Stalle schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fällt Ihnen keine Perle aus der Krone. Vorwärts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!«

»Zu Befehl, gnädige Frau.«

Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei großen struppigen Hunden begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch die Luft fahren ließ, daß sich die Hunde ängstlich hinter ihr verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die Namentafeln über den Ständen der Pferde, und studierte eifrig das schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand. Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrücken zurückgebliebenen, machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige, schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den Hüftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen Wallach den Hinterfuß und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der Rocktasche und notierte: »Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues Eisen.« Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen zwei Mann der Stallwache in süßem Schlummer, ohne das Eintreten der Schwadronsmutter zu bemerken. Wütend fuhr sie die erschrockenen Schläfer an:

»Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig, ihr trägen Lümmels ihr!«

Und sie stürzten an die Futtermaschine, als stände der leibhaftige Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam. Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch vor.

»Halten Sie es gefälligst, während ich lese, oder meinen Sie, ich wollte mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht, daß morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?«

»Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.«

»Vorwärts holen Sie ihn, aber Galopp!«

Der Wachtmeister war nicht sehr entzückt, daß man ihn in seiner Ruhe störte, denn die Zeit, während welcher sich die Schwadron auf dem Exerzierplatz befand, war für ihn die angenehmste des Tages. So saß er denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehälfte gegenüber und rauchte behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der »Gnädigen« überbrachte.

Zornig stampfte er auf und brummte:

»Was fällt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als hätte sie etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, daß man sich das gefallen lassen muß, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja ganz nach ihrer Pfeife.«

Mißmutig schnallte er den Säbel um, stülpte die Mütze auf den kahlen Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er über den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht, das sagen zu wollen schien: »Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!«

Sofort fuhr sie ihn an:

»Wachtmeister, ist alles für morgen in Ordnung?«

»Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.«

»Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende. Außerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.«

»Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerückt, bis auf die beiden Lahmen dort!«

»Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das für eine neue Frechheit! Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fuß gehen.«

Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:

»Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon so früh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rückt immer so entsetzlich früh aus.«

»Ihr Interesse für die Schwadron muß ich loben, gnädigste Frau, habe Sie schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.«

»Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man muß sich doch auch etwas um die Schwadron kümmern.«

»Sie sind zwar die »Gefreite« Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie führen das Regiment. Meinen Glückwunsch zu diesem Avancement!«

»O Sie kleiner Schäcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe Sie doch heute Abend im Kasino?«

»Gewiß, gnädige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche Besprechung.«

»Ach richtig, das hätte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern, es gibt nur einige Kleinigkeiten.«

»Sie wissen.....«

»Aber gewiß, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen wollen.«

»Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister König, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine Gnädigste!«

»Adiö, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Dabei hielt sie ihm die Hand vor den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten steckte.

Während Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert dem Rittmeister König nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron einbog.

»Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich störe, aber eine dringende Angelegenheit veranlaßt mich, eine Bitte vorzutragen.«

»Nanu, was gibt es denn,« fragte erstaunt der Rittmeister, »ist es denn etwas so Wichtiges?«

»Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen sprechen, und da wäre es mir vor den jüngeren Herrn außerordentlich peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen würde.«

»Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark für Sie aufzutreiben.«

»Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich es, weil ich mich in einer außerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die größten Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.«

»Das ist ja alles ganz gut und schön, aber ich habe das Geld einfach nicht!« entgegnete König achselzuckend.

Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte Borgert zögernd hervor:

»Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, Herr Rittmeister?«

»Nun, und der wäre?«

»Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Könnte man nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur um kurze Zeit handelt?«

»Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch keine Kasse angreifen!«

»Ich fände darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein für die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder ersetzt werden kann!«

»Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!«

»Aber ich bin völlig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,« entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.

König überlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wäre es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und seinem Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps unter Umständen einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand, möglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im Schreibtisch, die hätte er ihm also ruhig geben können. Glaubte aber Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten, er würde so bald nicht mit einem ähnlichen Anliegen kommen, wenn er die Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mußte. So beschloß denn König, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.

»Gut,« sagte er nach einer Weile, »Sie sollen das Geld haben! Wann können Sie es bestimmt zurückbezahlen?«

»In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!«

»Schön, heute Mittag können Sie aufs Bureau kommen!«

»Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!«

»Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt muß ich aber fort, die Schwadron ist schon lange draußen!«

Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe zum Kasernenhof hinaus.

Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er hätte den Mann umarmen mögen, er war doch ein furchtbar anständiger Kerl und half einem immer aus der Klemme! Zehn Tage hieß eine lange Zeit, da würde schon irgend jemand Rat schaffen!

Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.

»Hat er es getan?« rief er dem Freunde entgegen.

»Natürlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.«

Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel saßen, sah man an Leimanns ausgelassener Heiterkeit, daß auch er keine Fehlbitte getan. ?


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