Aus dem Matrosenleben

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Inhaltsverzeichniß.

Cap.   Seite
1. An Bord 1
2. Der Markt zu Sydney 11
3. Die Matrosenkneipe 20
4. Die Flucht von Bord 34
5. Die Entdeckung 50
6. Sydney im Dunkeln 59
7. Was das Geld vermag 89
8. Die Ausfahrt 106
9. Hans 116
10. Die unterbrochene Execution 134
11. Der Sturm 153
12. Die Riffbank 161
13. Das Wrack 178
14. Die Mannschaft trennt sich 188
15. Die Bootfahrt 202
16. Der Morgenbesuch 225
17. Die Landung 241
18. Der Australische Busch 247
19. Das Bivouak 270
20. Bills Wacht 280
21. Schluß 302

Erstes Capitel.
An Bord.

Captän an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebräunter, breitschultriger ? Herr, muß ich sagen, denn er stack wenigstens in feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder anderen Kleidung gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höhern Classen« schließen, und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens selbst dazu.

Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Bayboote von Sydney, und hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt, während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des »Pelican«, der schon draußen in der Bay von Sydney lag und am nächsten Morgen unter Segel gehen wollte, hinaufrief.

»Ay, ay, Sir«, lautete die seemännische Antwort; der Fremde sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck.

Das Deck des »Pelican« bot nichts außergewöhnliches dar. Die Leute waren theils beschäftigt von dem am andern Bord liegenden »Watertank«[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig ging alles zu.

So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten, und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben, einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem cabbageleaf (der Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den gelb darauf gemalten Worten: »water-police

Der Fremde ging nach einem flüchtigen über Deck geworfenen Blick, der zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Cajütstreppe hinunter.

»Kanntest du den?« frug einer der Polizeileute den anderen.

»Nein«, sagte der Gefragte, »weißt du wie er heißt?«

»Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen«, lachte der erste ? »es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. ? Das Schiff ist auf Dienstag angezeigt.«

»Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?«

»Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort. ? Ich könnts leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient. ? Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie schon wieder kriegen.«

»Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der zweite ? »hast du sie schon im Auge gehabt?«

»O, schon seit acht Tagen ? sie sind bis jetzt meistens im »Elephant und Castle« in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, daß sie sich jetzt weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen, theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum wohnen einzelne von ihren Landsleuten.«

»Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen«, meinte der zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war.

»Nicht verrathen?« lachte der erste, »laß nur erst einen tüchtigen Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange. Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art wie das geschieht, ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, so ihnen nur die Polizei nichts dabei anhaben kann.«

Capitän Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige Gespräch am Deck verhandelt wurde, in die Cajüte des Pelican getreten und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitän die ersten Begrüßungen gewechselt.

»Also Morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe haben Sie Polizei an Deck? Fürchten Sie, daß Ihnen noch einige von Ihren Leuten weglaufen sollten?«

»Ja und nein,« antwortete Capitän Howell vom Pelican. »Der Henker traue den Schuften. ? Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt, wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen, keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft; in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf ? der große Klumpen hat ja ganz Sydney verrückt gemacht, warum nicht auch die Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen von allen Seiten bestürmt. All die sogenannten »Schlafbaasen« gehen ja darauf aus, sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen, dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes Schiff oder an irgend ein anderes ? ihm gleich, wenn er nur seinen Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich selber doch immer für klüger, und denken, sie werden es schon besser machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick etwa noch sitzen zu bleiben, hab ich lieber das Geld angewandt mir die Polizei aufs Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld ist nicht gerade unnütz ausgegeben.«

»Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt.

»Für jeden Mann eine Guinee«, erwiederte der Capitän des Pelican, »es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.«

»Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt ? »na, da dank ich. Dafür kann ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel von dem, was sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, für meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat, und Gnade Gott dem, der da noch mukst. ? Sie muksen aber auch nicht.«

Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser zufällig zu ihm aufschaute.

»Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitän Howell den anderen, »Sie liegen am Slip, nicht wahr?«

»Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde einnehmen, und Dienstag Morgen leg ich in die Bay hinaus ? ist der Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch Morgen in See.«

»Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?«

»Nicht ein einziger«, lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respect. Sie wissen recht gut, wieder krieg ich sie doch, und nachher gings ihnen erbärmlich.«

»Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache«, sagte Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei ausgeben?«

»Das kostet mich gar nichts«, lachte Oilytt, »das versteht sich doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab ich schon gesorgt, daß sie dazu noch alle genug zu gut haben.«

»Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord haben, mehr brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute für 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigsten Arbeiten besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat; die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber wir wollten ja über unsere Passage sprechen ? Sie gedenken durch Torresstrait[2] zu gehen?«

»Ich weiß noch nicht«, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und wieder füllte; »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen hineinwagen. ? Am liebsten ging ich um den Süden, wenn man jetzt nur trauen dürfte wies mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch die Torresstrait gegangen?«

»Nein«, sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.«

Die beiden Capitäne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang über die Torresstraße, wie einige andere Geschäftssachen, und Capitän Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das ihn rasch nach dem Circular Werft hinüberruderte.

»Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten, wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm Posto faßte ? »da fährt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hölle wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.«

»Das ist der Capitän vom Boreas«, sagte der andere, »nicht wahr? der Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu verwundern, daß ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.«

»Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast«, lachte der erste, »sie werden wohl nicht können.«

»Nicht können? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne, die Burschen müssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wären nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten Augenblick. ? Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht vorsehen, kanns ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt ich mich damals nicht von dir abreden lassen, so säß ich jetzt vielleicht ganz bequem oben in den Minen, und fände Stücke Gold wie mein Kopf groß. Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten Lust dazu spürt.«

»Ja und das Minenleben soll noch viel ärger sein«, meinte der andere ? »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig ? mit dem Verdienst ists aber auch dafür desto unsicherer, denn an die großen Klumpen glaub ich nun einmal nicht.«

Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch war abgebrochen.

Zweites Capitel.
Der Markt in Sydney.

Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewiß nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal »durch den Markt gehen.«

Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar Nichts zu kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer, Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem Abend herzu, es auszulegen.

Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hie und da bringt ein ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes Känguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen Fleischspeisen.

Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden damals nur zur Hälfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stände erst in Gebrauch.

Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am meisten die reinlichen Butter- und Käsestände ins Auge; mit ihren aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und Butterkufen, und den gelb glänzenden, hell durchschnittenen Käsen, die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend nachschauen.

Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel, mit diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das wilde Geflügel, wilde Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder Truthühner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt es allerdings hie und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber, und sie kommen nicht auf den Markt.

Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bay, und aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz hier angefüllt.

Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten ? die Australier haben wenig Sinn für Blumen ? auf dem ganzen Markt wäre kein schöner geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen.

Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten. ? Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder Weißkraut ? Hammelskeulen und Zwiebeln ? was halfen ihnen die Blumen, die waren ja doch nur zum Ansehen.

Durch dieses »Vegetabilische Marktgebäude«, wenn ich es so nennen darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen ? der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen Jacken ließ sie als solche erkennen ? und sahen sich ziemlich gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und zu ihrer Schande muß ichs gestehen, ebenso gleichgültig auch die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten, und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben« als irgend etwas anderes.

»Du, Jack«, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden, »braß einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von den Apfelsinen ein.«

»Hast du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm um ? »mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. ? Er sagte, er hätte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen ? den Dienstag Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprächig.«

»So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten«, meinte der andere, »er hat übrigens höllische Angst daß wir ihm auskneifen, und verdient hätt ers zehnmal. ? Wenn man nur wegkommen könnte. Die Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und hier versteckt Einen auch niemand. ? Die Strafe ist zu groß, wenn sie erwischt werden.«

»Du, sprich nicht so laut«, sagte der dritte ? »ich habe da hinten eben unseren Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort aufschnappen kann, bringt ers dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so Wasser auf seine Mühle ? er traut uns überhaupt nicht.«

»Hat auch alle Ursache dazu«, brummte der erste, und zog sich die Hosen etwas höher über die Hüften ? »wie ich wenigstens jetzt gestimmt bin, trau ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fände, und dort krumm läge, bis der Boreas beim ? Boreas wäre ? oder sonst wo, wohin er immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.«

Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft.

»Wo sind denn die übrigen?« frug er seinen Cameraden, als er sie wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heute Abend irgend jemand irgendwo sprechen wollen?«

»Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet«, lautete die Antwort, »ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend zusammenkommen.«

»Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?«

»O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub ich, die deutsch und französisch spricht ? und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen im Hause ? Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.«

»Das passirt Jean sehr oft«, sagte der Engländer trocken ? »Das könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit ? es muß schon acht Uhr sein.«

»Zum Donnerwetter ? da ist der Alte« ? rief plötzlich der eine von ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitän auch schon dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht ? die breiten Schultern suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte, denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht, mit den Augen folgen.

»Da schwimmt er hin«, sagte der erste lachend ? »mit einer fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen auf was er Jagd macht.«

»Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber gar nicht her.«

»O Gott bewahre«, lachte ein anderer. »Der nahm eben ganz genaue Peilung voraus und scheert sich auch überhaupt den Teufel um uns. Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen können wir zum Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir über Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene Kreuz über der Thüre sehen.«

Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthaus standen zwei Männer in dunklen Ueberröcken und Mützen. Sie sahen den Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise:

»Weißt du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen wo sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas ? sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen haben.«

»Weit marschiren werden sie nicht«, sagte der zweite, »und da brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.«

Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der Thür des goldenen Kreuzes verschwanden ? dann blieben sie auf der anderen Seite der Straße stehen.

»Wollen wir einmal hinein?« sagte der eine.

»Ja, aber jetzt noch nicht«, entgegnete ihm der andere ? »es ist noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst ein halb Duzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese Zeit das regste Leben war.

Laß sie gehen, lieber Leser ? es sind zwei verkleidete Polizeidiener, und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten Portwein haben.

Drittes Capitel.
Die Matrosenkneipe.

Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem frommen Aushängschild vor den übrigen tausend Schenken Sydneys aus, wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den stereotypen Worten anzeigt: »Licensed to sell spirituous and fermented liquors,« was er sich selber übersetzt ? »Du darfst jeden Schund verkaufen den man nur in eine Flasche gießen, und aus einem Glase trinken kann.«

Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gäste hereinzulocken, als sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen und nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts und links »London Porter« und »Baßs Ale«, zierlich mit Wein und Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen, mit ihrem Inhalt in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden.

Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln, aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen, fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe Adresse des Fabrikanten jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben wollte sie zu lesen.

Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit elfenbeinernen Knöpfen angebracht, draught Ale and Porter gleich frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und Stühle mit kleinen, heimlichen, hölzernen Verschlägen, in die nur höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der Thüren Gardinen.

Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weißer Schürze und kleiner blumenbesetzter Mütze an der anderen Seite hinter dem Schenktisch stand, und die bestellten Gläser füllte. Das flinke Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und cokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog die Propfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus.

Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern ? Sie war eine Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt, was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie denn auch Mac Carther, der sonst gewiß nicht zu den Schwächlingen gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel, sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen ungemein wohl befand, und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität, und begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine eigene Hand zu treiben. Doch davon später.

Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmädchens; drall und schlank gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb nicht im mindesten eifersüchtig. ? Gerade diese »jugendliche Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus, und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmädchen angenommen.

Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte sich leise loszumachen.

»Polly«, sagte der junge hübsche Matrose, und legte ihr die linke Hand auf die Schulter ? »du bist auch heute Abend wieder einmal recht häßlich, und willst mich gar nicht ansehen ? hab ich dir irgend etwas zu leid gethan?« ? Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang aber doch gut und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf.

»Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen müßt ihr mich, denn Missis sieht schon scharf nach mir herüber und ich habe viel zu thun. ? Da kommen noch andere Gäste.«

»Polly, ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte ihr Jean jetzt leise und rasch ins Ohr ? »willst du mir nachher nur auf wenige Secunden hinausfolgen?«

»Ich weiß noch nicht«, sagte das Mädchen halblaut und machte sich von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten ja, und Jean leerte sein Glas auf einen Zug.

»Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis ? jung und schön wie eine Rose ? aber nicht wie die letzte ? heh Missis? ? Was trinkst du, Jack, und du Bob ? wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hälts wie ich, mit Brandy und Wasser!«

Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten, und ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte, rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben.

»Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte«, sagte Jean endlich, sich zu ihm wendend, »heraus mit ihm und mit dem was er zu sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind jetzt so ziemlich alle zusammen.«

»Hm«, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgültigen Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ. Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden dabei alle mit den Augen musternd:

»Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt eine Beschäftigung haben? ? Das heißt ? versteht mich wohl ? ich weiß nicht was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar nichts an. ? Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag verdienen könnt ? und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?«

»Vier von uns sind gelernte Segelmacher« ? sagte der eine Deutsche, »und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden Arbeiten verrichten zu können.«

»Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit Zeltmachen«, sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu gut, oder sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?«

»Ich habe 600 Franken«, sagte Jean rasch, »und Lust genug hier für immer an Land zu bleiben, wenn nur« ? er hielt inne und sah forschend nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. ? »Was wollt Ihr mit uns thun? ? was könnt Ihr? ? heraus mit der Sprache und haltet nicht so lange hinter dem Berge.«

»Ich?« sagte der Wirth erstaunt ? gab ihm aber doch dabei ein Zeichen nicht so laut zu sprechen ? »ich? was ich mit Euch will? ? gar nichts. ? Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen, und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen, wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß ? jetzt wäre die Zeit hier in Sydney für einen jungen Mann sein Glück zu machen, und wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu verantworten.«

»Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff loskommen?« sagte der eine Engländer ? »und wenn wir los sind, denn das wäre noch das wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen sicheren Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wißt Ihr aber selber wohl, können wir nicht bekommen, und das einzige was wir im Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?«

»O, so viel sind unsere Kleider schon werth«, sagte ein anderer. »Wo die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.«

»Ich will Euch was sagen«, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen über den Tisch hinüber ? »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so ?« In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen. Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort ? »so malt Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. ? In dem heißen Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an, während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.«

»Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe an, wo wir ?«

»Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben«, unterbrach Mac Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick zuwarf ? »das weiß ich wohl, ich sage nur ich thäte das, wenn ich Capitän von einem Schiff wäre, und in ein heißes Klima hinaufginge.«

Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine Flasche Porter verlangten.

Der Wirth ging hin diese zu öffnen, und das Gespräch war für den Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der beiden Fremden weiter nicht über die bewußte Sache zu reden. Jean stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die Hofthür. Wenige Minuten später stand das wunderhübsche Mädchen an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des jungen Mannes.

»Polly«, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an sich ? »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will dich auch gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hör mir nur wenige Secunden zu und sage dann ja oder nein.«

»Aber ich weiß ja nicht ?«

»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose ? »ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt. Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes Alter zu thun ? es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. ? Willst du mir helfen, Polly? willst du ? mein Weib werden?« flüsterte er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die Stirn drückend.

»Dont ? dont«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt.

»Antworte mir, Polly. ? Von dir hängt es ab ob ich in Sydney ? in Australien bleiben soll oder nicht. ? Sagst du ja, dann sollst du einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. ? Es soll dir schon gefallen in der Provence. ? Aber du sagst ja kein Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.«

»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit dem Kopf ? »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten Trinken und Treiben zuzusehen. ? Aber was soll ein armes Mädchen anderes thun ? und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.«

»Und sagst du ja, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen ? »sagst du ja?«

»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah, war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube alles drunter und drüber ging.

In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen, daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der Steward vom Pelican, der früher mit einem der Engländer auf ein und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben. Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. ? »Und ich sage Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. ? Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord ? das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren habt.«

»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer ? »das wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten oben drauf.«

»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? ? Wahrhaftig ich komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.«

Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehört hätte, seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb unterdrückter Stimme auf französisch:

»Laßt ihn gehen ? er darf sich mit den Geschichten nicht befassen, denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich werde dafür aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spät Eure Kleidungsstücke her ? die Hinterthüre kennt Ihr ja, wenn die vordere Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bay drüben gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.«

»Was zum Teufel ist das für ein Gewälsch,« brummte Bill. ? »Redet englisch, daß ein anderer auch ein Wort verstehen kann.«

»Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen«, flüsterte Mrs. Mac Carther, »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom Boreas flüsterten aber noch eine Weile miteinander, und verließen dann die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen können.

Viertes Capitel.
Die Flucht von Bord.

Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip ? eine Art Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen, Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf das Werft hinunter.

Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wacht als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter, diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken.

Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte das ohne Aufsehen geschehen.

Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg auf und nieder. ? Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen Cameraden vollständig Zeit verschaffte sich zu rüsten. Die einzige Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Fall befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach Sussexstreet hinaufführte, und eine Masse von Constablern in der Gegend fortwährend auf und ab gingen. Der geringste Lärm konnte einen davon an den Eingang der Straße führen und dann hatte er, wenn er wollte, zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen.

Am besten wäre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfählen befestigten Boote geborgt hätten, und damit an das gegenüber liegende Ufer der Bay gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinenfalls waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen.

Es war noch nicht zwölf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse, und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem Fuß an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug.

»Gott verdamme das verwünschte Holz«, fluchte er dabei, und hielt sich den Fuß ? »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch noch die Gliedmaßen zu Schanden.«

»Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate ärgerlich und kam herüber nach Backbord. ? »Wer ist da? Jean? kommt Ihr eben erst von Land?«

»Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und abgegangen.«

»Chips«[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite ? »haltet Eure Augen offen. ? Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck kam, noch Licht ? jetzt ists aber aus. Sind die Leute schon lange an Bord?«

»Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde ? ich denke sie sind jetzt wohl zu Coye gegangen«, sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr ists? ? es muß bald Mitternacht sein.«

»In fünf Minuten etwa ists zwölf«, sagte der Mate ? »ich will den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim geringsten Verdächtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett gehen, Jean«, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach vorne gegangenen Matrosen. ? »Es wird gleich 12 Uhr sein.«

»Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb ? »ich glaube Bill hat die nächste Wacht.«

»Nein, ist nicht nöthig«, lautete die Antwort. ? »Ihr könnt alle zu Coye gehen.«

»Das ist eine schöne Geschichte«, dachte Jean, als er in das Logis hinabstieg, die übrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm auch niemand folge. Als er alles sicher wußte sagte er leise:

»Hallo da ? schlaft Ihr?« es war stockfinster und man konnte keine Hand vor Augen sehen.

»Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme.

»Ja«, lautete die ebenso leise Stimme ? »habt Ihr alles in Ordnung?«

»Alles in Ordnung«, erwiederte Bill ? »ist die Luft rein? meine Wacht muß gleich angehen.«

»Gebt Euch keine Müh«, sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber Wache gehen. Der Capitän ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann gesagt hat.«

»Verflucht noch einmal«, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die sie sich alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten. »Jetzt sind wir geleimt.«

»Doch noch nicht«, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten wer die nächste Wache hat, und dann sehen was sich thun läßt ? wenn ich nur erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem Hals.«

»Hier, nimm die kleine Laterne«, sagte Bill und reichte sie ihm aus der Coye ? »die kannst du in deine Kiste setzen, da fällt kein Strahl nach oben.« Jean fühlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste Ecke die Kerze darinnen anzuzünden und brachte dann den vollkommen geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte. Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um halb ein Uhr war alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht und Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich auszog und zu Coye ging.

Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den Entschluß bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn auch das nicht gehen sollte, über die Bay ans andere Ufer zu schwimmen.

Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß er selber eingeschlafen sei. Was da thun?

Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte ? aus allen Coyen tönte das tiefe regelmäßige Athmen fest Schlafender. Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich dann leise, ja keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Coye hin und weckte diesen.

»Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend ? »halt sie ? da laufen sie.«

»Halt doch das Maul«, flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus Leibeskräften, »du machst ja die ganze Mannschaft munter. ? Es ist zwei Uhr, steh auf ? ich bin müde wie ein Hund.«

»Ay, ay«, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf ? »ich komme gleich ? wo sind denn ? O ja ? s ist alles recht ? ich weiß schon. ? Alles in Ordnung?«

»Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein« ? antwortete ihm der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. ? »Gott verdamme den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz ? »da muß ein ganzer Fetzen Haut herunter sein. ? Ich wollte daß die Kerln da ?«

Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben.

Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann stöhnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke, die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem Steward an Deck.

Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen.

»Was jetzt thun?« sagte er leise, als er wieder herunterstieg ? »in ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt ich aber wissen sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief ? wir könnten jetzt alle in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?«

»Ob es der beste ist weiß ich nicht«, sagte der eine Deutsche, »aber etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist, vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die Klüsen holen. ? Dann müßt Ihr sehen wie Ihr die Säcke, ohne daß der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte bis Ihr mich abholt.«

»Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser ? und nachher das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur hinüber kommen.«

»Wir dürfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen«, sagte der Deutsche rasch ? »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben den Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. ? Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen. Uebrigens muß der Zimmermann auch jeden sehen, der hier über den langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!«

»Wie kommen wir selber dann aber nachher fort?« frug Jean wieder.

»O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich dann von selber«, sagte der Deutsche ? »alles klar an Deck, Jean?«

»Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die Quarterdeckstreppe herunter. ? Es ist die höchste Zeit.«

Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus, dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte sich jener hineingelassen.

Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all ihr Zeug an, was sie nur auf den Leib bringen konnten, und das übrige in die gewöhnlichen Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.« Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter hinauslassen, bis das Boot darunter liege. ? Fiel es dem Zimmermann einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu werden.

Endlich kam das erwartete Zeichen ? schneller fast als sie es eigentlich hoffen konnten. ? Leise wurde von außen vorn an das Schiff geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wächter hören konnte.

»Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf ? »kannst du ihn sehen, Jean?«

»Nein«, flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel wo er steckt ? ich will lieber einmal über Deck gehen.«

»Gott bewahre«, rief Bill ? »da machst du ihn nur aufmerksam. ? Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern sein. ? Komm nur rasch und hol deine Sachen.«

»Wir wollen uns das anders einrichten«, erwiederte ihm Jean. ? »Einer muß hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken, und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck übersehen. ? Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. ? Höll und Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?«

Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, denn sobald der Wachthabende Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war.

»Löscht das Licht aus«, rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig gedämpfter Stimme. ? »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben? Wer hat die Laterne angesteckt?«

»Ich« ? brummte Jim ? ein Irländer »und verdammt gute Ursache dazu. ? Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen, und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. ? Außer der halben Krone hab ich nur noch drei Schilling Schulden.«

Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter ? der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne diese auszublasen.

»Hallo« ? sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen ihnen, und zwar so laut, daß alle wie von einem elektrischen Schlag zusammenzuckten ? »was ist das?«

Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. ? Es war der Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah.

»Das ist mir ja eine schöne Geschichte«, rief er verwundert aus ? »da soll ja gleich ?«

Er sagte nichts weiter ? nur zwei Worte hatten die an der Treppe stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt, daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ, bei dieser zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean mit ihrem Opfer beschäftigt. ? Im nächsten Moment schloß er aber das Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt.

Draußen ertönte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das Zeichen.

»Der wird den Steven noch einschlagen«, lachte Jim ? doch immer noch halblaut vor sich hin ? »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben, daß er sich beruhigt.«

»Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« ? rief aber Jean den Anderen zu. ? »Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins Boot.«

Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften frei zu kommen oder wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, daß er den Alarm geben konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige Versuch war umsonst.

»Reich Einer von Euch mir ein Ende« ? stöhnte dieser endlich, als der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. ? »Hier Bob ? bind ihm einmal die Hände zusammen ? so ? das ist gut. Jim zeig dein Licht noch einmal, hast du sie fest?«

»Die kriegt er nicht wieder los«, lachte Bob zwischen den Zähnen durch ? »die Füße auch?«

»Ja, es ist besser ? so, nun schlag das hier um den Pfosten ? so ? noch fester ? das wirds thun, und nun noch den Knebel ?« und damit nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich an den mitten im »Logis« stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun rasch fort«, rief er, als er endlich auf die Füße sprang ? »sind die Sachen oben?«

»Dies ist das letzte«, rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe hob und hinauflangte ? »nun, ade Boreas, und bleibt hübsch gesund, Zimmermann. ? Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft.«

Damit sprang er die Treppe hinauf und von den übrigen gefolgt über die Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verließ ? es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er wie die Constabler ihre Stunde abriefen ? es war gerade drei Uhr. An der Bay herum fingen hie und da schon die Hähne zu krähen an, und von den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den Schornsteinen heraus ? sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, daß die auf sie niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon vor Anker liegenden englischen Barke hören.

Jean glitt, als er sich überzeugt hatte daß niemand auf ihrem Schiff auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die als Ruder gebraucht wurden vorwärts getrieben, über die Bay schräg hinüber ans andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten ? verschwunden.


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